Heinrich Zschokke s Gesammelte Schriften. Siebenter T h e i l. Aarau. Druck und Verlag von H. N. Sauer! ander. 1 8 S 1 Heinrich Ischokke^s Novellen und Dichtungen. Neunte vermehrte Ausgabe in fünfzehn Bändchen. Siebenter Thcil. Aarau. Druck und Verlag von H R. Sauerländer. 18 SL Inhalt Sette Die Prinzessin von Wolfenbiittct .... 1 AgathokleS, Tyrann von Syrakus 191 Der Pflanzer in Cuba.232 Heriningarda. Mach einer alten Handschrift aus dem sechszehnten Jahrhundert.).257 Prinzessin von Wolfenbnttel. Der Stoff dieser Geschichte ist nicht mehr ganz unbekannt. Reiscbeschrciber und Historiker erwähnten der außerordentlichen Begebenheit, welche in diesen Blättern erzählt ist. — Mit vielen Nebcnumstäudcn machte sie zuerst ein ä etc. weltkundig. -- Fast auf gleiche Art beschrieb sie der Ehevalier le Vossu in seinen TVauoerruar se/-- teirt/'lonaks. Doch ihm selbst schien sic an Fabel zu grenzen, ffe vons nvoue (sagt er Seite 48), gue guoigue je ricnve tous ees knits cl'un asser Ananct no»rä,e rle zrersonnes ,/e^or, je ue Vttuckrsis eepenännt zins eu Asrnntir I'surüeirckcite. Die Geschichtschreiber Rußlands verschweigen das Faktum, oder erzählen eS, wie cS öffentlich angegeben ward. Peter Heinrich Bruce meldet sogar den Tod der Großfürstin mit einer Umständlichkeit, welche fast die Wahrheit desselben nicht bezweifeln läßt. Zn dem Journal: Flora, Deutschlands Töchtern geweiht (Jahrgang 1797, Mai), befindet sich unter der Rubrik: die deutsche Prinzessin, ebenfalls ein Auszug jener Geschichte, mit einigen nähern Umständen über den letzten Aufenthalt der Fürstin in Europa. E r st e S Buch. An Laurent Bellisle der Chevalier d'Aubant. Petersburg, 13. August 1714. Endlich, geliebter Bellisle, endlich sind meine Wünsche gekrönt! Bald kehr' ich nnn in Ihre Arme zurück, um im Schvose der ländlichen Natur mit Ihnen auf Ihren Gütern einige Monden zu rer- leben. O wie ungeduldig sehn' ich mich nach dem Augenblicke der ersten Umarmung! und wie viele hundert Stunden sind es von hier, dem traurigen Norde», bis zu den blühenden Gefilden Frankreichs l Schon seit einem halben Jahre bat ich um Entlassung, Vor wenigen Tagen erst erhielt ich sie, und zwar von Sr, Majestät, dem großen Czar selbst, in den gnädigsten Ausdrücken, Ich wohnte dem in den Jahrbüchern der russischen Monarchie unvergeßlichen Tage von Aland bei, wo fast die ganze schwedische Flotte erobert ward. Das Glück war mir hold. Ich focht auf dem Schiffe und an der Seite des Czar, welcher diesmal unter dem Admiral Ap rarin die Vorhut befehligte. Der schwedische Vize-Admiral Eren- schild, uns fast an Stärke gleich, eröffnetc den Angriff, indem er eine Fregatte vorrücken ließ, um unsere Bewegungen und unsere Macht zu beobachten. Bald ward das Treffen allgemein; bald donnerten aus tausend Schlünden alle Schiffe einander Verwüstung und Tod entgegen. Der Czar, mitten in Dampf, Flamme und Vernichtung, war so kalt, ich möchte sagen, heiter, als schwebe er in seinem eigenthümlichen Element, wie der Salamander im Feuer, Eins ums andere, ward er bald Matrose, bald General, bald Steuermann, bald Soldat, Seine Geistesgegenwart, sein Heldcnmuth hätte auch den feigsten Knecht beseelen müssen. Zwei Stunden dauerte der höllische Kampf; Trümmer und Leichname tanzten auf den wilden Wogen des Meeres, und das Geschütz rauschte unaufhörlich, das ungeheure Elend zu vermehren. Durch eine kühne Wendung gelang cs uns, der feindlichen Flotte den Wind abzugewinncn, sie zu trennen, einen Theil derselben zu umzingeln zwischen den Klippen, und sie erobert in den Hafen von Abo zu führen. Der Czar war nach diesem Siege so vergnügt, wie ich ihn nie gesehen. Mehrere der vornehmsten Offiziers von den andern Schiffen kamen herbei, ihm Glück zu wünschen, „Wer hätte das vor zwanzig Jahren denken sollen," rief der Czar, „daß wir Russen ln selbsterbauten Schiffen heut auf dem baltischen Meere schlagen und siegen könnten!" Nachdem er die nöthigen Befehle crtheilt hatte, die Segel gegen die Insel Aland zu richten, um sich ihrer zu bemächtigen, ließ er mich vor sich berufen. Er unterschrieb noch einige Befehle, trank ein großes Glas voll Branntewein mit einem Zuge leer, stand dann auf, umarmte mich und sagte: „Junger Mann, du hast dich brav gehalten! Wie heißt du?" — Chevalier d'Aubant, Ihre Majestät. — „Gut, sollstObrist sein! geh'an deinen Posten, und diene mir ferner wie heut'!" Die Gnade des Czaren rührte mich tief. Doch benutzte ich den vortheilhaften Augenblick, meine Entlassung zu begehren. Ich erzählte ihm das Wesentlichste von meinen Verhältnissen in Frankreich, vom Tode meines Vaters, und von der Nothwendigkeit meiner Heimkehr, die zerrütteten Vermögensumstände meiner Familie in Ordnung zu bringen. Der Monarch hörte mich schweigend an, drückte mir dann die Hand, und sagte: „Ich verliere ungern wackere Leute; aber geh' denn, ich will's nicht wehren." Bald nachher, sobald wir wieder ln Petersburg angekom- nien waren, ward mir der Entlassungsbrief ausgefertigt, nebst der Einladung, an allen Feierlichkeiten und Festen des Hofes Theil zu nehmen, so lange ich noch in Petersburg verweile. Dergleichen schlägt man nun nicht gern ans, besonders, da ich noch einen Theil meiner fahrenden Habe erwarten muß, welche tn Moskau zurückgeblieben ist. Ich beschäftigte mich inzwischen, die neuen Anlagen zu sehen, welche der Monarch mit jedem Tage vervielfacht; und wahrlich, man muß Jahre zu Hilfe nehmen, um nur das Alles mit seinen Augen durchlaufen zu können, was dieser außerordentliche Mensch in einem so kurzen Zeitraum erschaffen hat. O wie elend winzig ist das Leben von tausend Königen gegen das Leben dieses Einzige», in welchem fast jede Stunde die Geburtsstunde eines riesenhaften Werkes ist! Das Schlachtfeld von Pultawa, wo Peter seinen fürchterlichen Nebenbuhler Karl Xil besiegte und Schwedens Macht zertrümmerte, reihete ihn zu den ersten Feldherren seiner Zeit; auf den Gewässern von Aland gewann er den Ruhm des Seehelden, und sich, von ihm selber, die Würde eines Vize-Admirals. Seit eilf Jahren gründete er an de» Sümpfen des Newastroms eine neue Stadt, er selbst war Baumeister und Meßkünstlcr; jetzt dehnt sich dort das unermeßliche Petersburg Meilen weit aus. Noch immer wird hier gearbeitet; über vierzigtausend Russen und eine zahllose Menge schwedischer Kriegsgefangener sind täglich beim Bau beschäftigt. Und alles das, wovon die Hälfte hinreicht, einen Fürsten unsterblich zu machen, sind nur seine geringsten Thaten. Er ist Gesetzgeber und Nmwandler seines Volks zugleich. Er führt die barbarischen Nationen des unbekannten Nordens in die gesittete Welt ein; er hat der herrschsüchtigen Priester Glaubenswüthigkeit und Aberglauben gezähmt, ihre Gewalt zerbrochen, den Titel des Patriarchen abgeschafft; er selbst ist das Haupt des Klerus. Er hat sich ein neues Volk gebildet, sich Armeen geschaffen, eine Haupt- üadt des Reichs gebaut, sich Flotten auf dem Meere gezimmert, und den Künsten und Musen Roms und Griechenlands in den Wäldern des moskowitischen Landes Altäre errichtet. — Diesem Manne darf seine Nachwelt kein Denkmal bauen, denn jedes wäre armseliger Tand und Zeuge eines beschränkten Geistes der Erbauer. Sein ungeheures Monument, welches er mit eigener Hand für die Ewigkeit aufführte, steht. Europa und Asien sind die Basis desselben, sein Name ist — Rußland. Aber was treib' ich? Verzeihen Sie, lieber BelliSle, wenn Sie statt eines Briefes eine Lobschrift auf den großen Mann er- halten, der, so lange die Geschichte der Welt erzählt, keine» Nebenbuhler in ihr findet unter all den tausend Fürsten der tausend Völker, die einst waren. Nomulus und Numa, wenn sie eine Näuberhorde znm regelmäßigen Staat bildeten, thaten viel; aber was ist ihr Werklein neben dem russischen Koloß, umringt von ungleich polizirten Staaten? Karl der Große dürfte vielleicht mit dem Ruhm PeterS in die Schranken treten, wenn gleich ohne Hoffnung des Sieges! Ich kehre zurück nach Frankreich; aber die Erinnerung an das, was ich Großes gesehen, wird mich dahin begleiten, und unter dem Ungeheuern Maßstab, mit welchem ich künftig die Verdienste unserer Minister, Feldherren und Fürsten messen werde, wird zu einer Erbärmlichkeit zusammenschrumpsen, was ich sonst für bewundernswertst gehalten. Zum Hofman» wenigstens bin ich einmal bis auf den Grund verdorben. O Bellisle, wie dünkt sich jedes Fürstlein groß, wenn cs von dem Uhrwerk des Staats, welches einmal eingerichtet ist, den Staub abgeblasen hat, daß es nicht stocke! Wie bläht sich ein General, und meint, wenn er einige Schlachten gewonnen, es dürfe Niemand ferner mit ihm verglichen werden! Was träumt nicht ein Minister oder Rathsherr von seiner Herrlichkeit, wenn er einen Gesetzesentwurf gegeben und dessen glückliche Folgen wahrnimmt! Eitelkeit und Dünkel sind die unfehlbaren Zeugen der Geisteskleinheit. Mit stiller Majestät geht der Strom, wo er reichbesrachtete Schiffe führt. Der Czar hat übrigens das Schicksal aller Sterblichen, welche von Zeit zu Zeit, wie Erscheinungen aus einer bessern Welt, in die unsrige treten, um sie zu erleuchten, zu veredeln, zu erheben. Wo man ihn verehren sollte, wird er gehaßt. Sein Werk war ihm nicht leicht. Er hatte mit Gefahren von tausend Arte» zu ringen. Die Pfaffen verfluchen ihn heimlich; die Bauern ver- 8 wünschen ihn; die Bojaren verlästern ihn; die Strelitzen möchten ihn nmbringen — genug, all das reichere und ärmere Gesindel, der träge erdenklößige Pöbel in allen Ständen, deren Ansehen, Geburtsrang, Herrschaft, Privilegien, Vorurthcile, Aberglauben, Einbildungen und Grillen verletzt wurden, diese moralischen Vielfraße, welche nichts als ihr eigenes, schwammiges Etwas kennen, und unbekümmert um das von Vernunft gebotene Bessere, sich nur in ihrem alten, hergebrachten Schlamme wohl suhlen — alle diese bilden eine alberne, feige Verschwörung um den Erhabenen. An ihrer Spitze steht des Czars eigener Sohn — der Großfürst Alcris. Dieser junge Mensch, weit entfernt, wie einst Alexander, um die Großthaten seines Vaters zu weinen, daß sie ihm nichts zu thun mehr übrig lassen, spielt den Altklugen, und zuckt die Achseln über die Erhabenheit dessen, der sein Urbild sein sollte. Er meidet den Hof, und gibt sich mit unwissenden Russen ab, die seiner Eitelkeit schmeicheln, und mit ihm im Brannteweinsaufen wetteifern. Ist er in Moskau oder Petersburg, so sieht man ihn, statt von Künstlern, Gelehrten, Feldherren und Staatsmännern, von schmutzigen Pfaffen umgeben, die ihn benedeien, als ächten, altgläubigen, braven Russen, der den heiligen Schlendrian liebt, und Neuerungen haßt, in denen sic nicht glänzen können, weil sie nicht Geist, Bildung und Kraft genug haben. Jetzt ist der Großfürst Aleris in den Bädern von Karlsbad, wohin er seine Beischläferin Euphrosine, ein Mädchen aus der niedrigsten Volksklaffe, eine Finnländerin, glaub' ich, mitgeschleppt hat. Sein Vater, der Czar, soll deswegen aufgebracht gegen ihn sein, besonders da die Gemahlin des Großfürsten erst seit Kurzem von einer Prinzessin entbunden worden, und in gefährlichen Umständen war. — Doch kein Wort mehr von diesem Unwürdigen, auf den alle Moskowiten g hoffen, daß er der Wiederherstellcr ihrer langen Bärte und abenteuerlichen Landestrachten sein soll. Morgen mehr! Heute ist Ball im Peterhof. 14. August. Sie muffen nun freilich nicht glauben, lieber Bcllisle, daß die weitläufige Hauptstadt des russischen Reichs, welche kaum seit zehn Jahren dasteht, an Pracht und Schönheit wetteifern könne mit unserm Paris. Sie suchen vergebens die Louvres, Tnilerien, Notredamcs, Boulevards und Quais. Hier find die meisten Häuser noch von Holz, und zwar Balken auf Balken gelegt, die nur nach der innern Seite zu mit der Art glatt gehauen sind, ungefähr wie die Hütten schweizerischer Alpendörfer. Sie sind mit Schindeln oder auch nur mit Brettern gedeckt, und um den Regen besser abzuwehren, hat man die untere Dachseite entweder mit Rinden von Birkenbäumcn oder die obere mit grünen Rasen belegt, daß sie im Sommer, von oben herab angesehen, Bruchstücken einer von Erdbeben gebrochenen Wiese gleichen. Es gibt bis jetzt in Petersburg nur wenige von Steinen anfgeführte Gebäude. Die Wohnung des Czaren, des mächtigsten Monarchen von Europa und Asien, erhebt sich am Ufer der Newa, aus Mauersteinen erbaut, zwei Stock hoch. Sie hat das einzige Annehmliche, daß man von hier aus den größten Theil der Stadt und der Festung übersehen kann. Ans Befehl des Czaren müssen jetzt alle Großen des Reichs ihre Gebäude massiv anfführen. Uebcrall erblickt man Fuhren, Steinhauer, Kalkbrenner, Maurer und Zimmerleute. Das unermeßliche Petersburg stellt im Kleinen ein Bild von dem Weben und Treiben in der ganzen Monarchie dar, welche gleichsam von Grund auf neu errichtet wird. In der Stadt selbst ist noch Alles so neu, daß ich Ihnen nicht einmal sagen kann, wo ich wohne; denn die 10 wenigsten Straßen haben allgemein eingeführte Namen. Man muß sich durch bekannte Leute führen lasten, um nicht in dem weiten Labyrinth Tage lang zu verirren. Die Gegend umher ist nicht reizend, sondern unwirthlich, reich an Sümpfen, Gewässern, unfruchtbaren Heiden und Wildnissen. Alles das erwartet noch eine ordnende, verschönernde Hand späterer Zeiten. Der Pflug hat diesen kaltgründigen Boden nur in sparsamen Versuchen hin und wieder aufgebrochen. Alles ist daher theuer, weil die Lebensmittel aus den entlegensten Gegenden viele hundert Stunden Welt zugeführt werden müssen. Nicht einmal zahmes Obst wächst hier umher, sondern die einzige genießbare Frucht, die von der Erde freiwillig gegeben wird, sind Erdschwämme. Die Waldungen herrschen noch unübersehbar; aber meistens von düsterm, traurigem Ansehen. Statt des lachenden Grüns der Buchen und Eichen fleht man nur Weiß- und Rothtannen, allenfalls auch Birken, Ulmen, Espen und Erlen. Die Eichen muß man von Kasan holen. Ein glücklicher Einfall des Czaren war der Befehl, welcher jeden Hausbesitzer verpflichtete, Linden vor seinen Thüren zu pflanzen. Um Ihnen von dieser Hauptstadt der größten Monarchie Euro- pens mit wenigen Worten einen Begriff zu geben, darf ich Ihnen nur sagen, daß man noch letzten Winter vor den Thoren derselben auf Wölfe und Bären Jagd machte; daß man hier fast acht Monate lang Winter, und an den kürzesten Tagen desselben die Sonne kaum drei Stunden lang fleht, so wie man ste in den längsten Tagen des Sommers kaum drei Stunden am Himmel vermißt, und die Sommernächte eigentlich nur aus Morgen- und Abenddämmerung zusammengesetzt sind. 28 . August. Sie werden mir's daher gern glauben, daß ich nicht ehrgeizig genug bin, mein Leben, welcher Preis mir auch angeboten werden 11 könnte, in dieser Wilde zu beschließen. Doch eben so wenig würd' ich die rauhen Tage, so ich in derselben unter Kriegsgetümmel und Gefahren aller Art genoß, meinem Gedächtniß abkaufen lassen. Wir leben unterm Monde nur einmal! und ein Thor ist's, welcher sich nicht so wohl bettet, als er immer kann. Jetzt sehne ich mich nach Stille, und in die Schatten meiner heimaihlichen Haine zurück. Ich stehe in der Mitte meiner irdischen Laufbahn, und will die zweite Hälfte meiner Stunden in süßer Ruhe verzehren, da ich die erste in mannigfaltiger Geschäftigkeit durchflogen habe. Ich denke mir den Erdball zuweilen wie einen weitläufigen Ameisenhaufen; und vergleiche die Menschen mit jenen betriebsamen, rastlosen Thierchen. Wie klein erscheinen mir da die Sterblichen mit ihrem Thun; sie bauen für einen Tag; der folgende zerstört's. Das Gcschöpfchen, welches eine weite Kammer voll Weihrauch zusammengeschleppt hat, und sich in seinem eingebildeten Neichthum gefällt, ist's denn reicher und glücklicher, als die andere Ameise, welche nur immer so viel hat, als sie eben bedarf? Dem Menschen gehört nicht, was er genießen kann, sondern nur, was er genoß und genießt. Ein Hauch! und was er hatte, wird das Habe von Andern. Drum quält mich der Kummer um Reichthum nicht; wer seine Bedürfnisse eben stillt, ist reich — der Besitz alles Andern nur Besitz tobten Staubes. Und wenn die Ameise Tausenden Befehle gibt, die um sie herum irren, und Tausende sie nennen, ist sie darum mehr, als ein schwaches, hinfälliges Insekt? Was ist's mit dem Ruhm der Mensche» anders? Kein wirkliches Gut, sondern ein verächtliches, kleines Spiel der sich selbst kitzelnden Phantasie. Ich lobe mir das Thierchen, welches sein kurzes Dasein mit Wucher anlegt; überall ist, Alles sieht, Alles genießt, und nicht mit hohlen Einbildungen sich begnügt, und so ist's mir wohl. Der Erdball ist mein Vaterland; ich Hab' ihn ziemlich durchkreuzt; ich bin mit Bettlern und Fürsten 12 zu Tisch gesessen; ich habe mit Katholiken, Jude», Griechen und Lutheranern Brüderschaft geschloffen; ich habe die Kriege der Menschen mitgcmacht, nnd es fast in allen Ständen längere oder kürzere Zeit versucht, wie sich's darin lebt. Das hat mich z»m Philosophen gemacht; doch bin ich's nnr erst halb. Es klebe» mir noch so viele Ammenmährchen und Grillen aus meinen Kindheitstagcn an. Ich will sie aber abstreifen, wie man Kletten abstreift, die man anfsängt, während Blumen gesammelt werden sollen. Wir glauben nicht mehr an Gespenster und Teufelskünste; aber wir glauben noch an viel andere, viel schädlichere Dinge, die unfern Geist verkrüppeln, und unser ganzes Dasein verbittern können. Unsere Erzichungsknnst liegt fürwahr noch in der Wiege, trotz aller hochbcrühmten Männer, die sie zu veredeln glaubten, und trotz aller Bibliotheken, die sie zusammen schreiben. Sie verstehen mich nicht, geliebter Bcllisle! und ich glaub' cs gern. Wollen Sie Geduld mit mir haben, so will ich Ihnen die Erklärungen geben in diesem Briese. Legen Sie dies Blatt tausenden Ihrer Mitbürger vor; sie werden es lesen und wieder lesen nnd doch nicht verstehen. Wer die Weihe in meine Mysterien haben will, muß die Welt so von allen Seiten gesehen haben, wie ich, nnd gelernt haben, daß das Wesen nicht Schein, und der Schein nicht Wesen sei. Ich habe die beste Erziehung von der Welt genossen, was man nun so heutiges Tages die beste nennt, und bin doch sehr verdorben worden durch die Menge der Vorurthcile, welche mir mit der Muttermilch eingestößt wurden. Ein gesunder Leib ist nicht derjenige, dessen bleiche Wangen mit Carmin geröthet, dessen fehlende Zähne mit Elfenbein ergänzt, dessen mangelnde Gliedmaßen durch Kiffen und Holzformen verheimlicht werden. 13 Aber sehen Sie umher und suchen Sic unter den Millionen Wesen, von denen Sie umgeben sind, einen gesunden Geist! — Suchen Sie einen wirklichen kraftvollen, nnverstümmelten Menschen, der mit der Natur eins ist! — Der Spaß von Diogenes Laterne ist von den meisten Erzählern und Hörern gar nicht verstanden worden. Man erzählt uns in der Kindheit zwar keine albernen Gespenstergeschichten mehr, aber man vergiftet unsere zarte Seelengesundheit mit Afterglauben anderer Art. Wir werde» angelchrt, Werth in Ncichthnm zu setzen, und den Millionär hoch zu preisen; der Besitz einer Tonne Goldes wird, wie ein erhabenes Menschenziel, gerühmt. — Fürchterliche Thorhelt! so impft man den, Kinde früh die ewige Unersättlichkeit nach Geld und die ewige Unzufriedenheit ein mit dem, was wir haben. — Man rühmt uns, statt der einfachen Schönheit, die prächtigen Kleider; wir müssen uns früh vor dem Tressenrock beugen; wir lernen Genuß setzen in Gebrauch von Egnipagen und Bedienten. Daher ein Heer von Albernheiten durch unser ganzes Leben. Wir sind nicht mehr zufrieden, mit schlichten, reinlichen Gewändern unfern Leichnam zu decken; wir wollen mit bessern Lumpen prangen. Wir lassen das Vorurtheil Wurzel schlagen, daß der Mann nach dem Kleide be- urtheilt und durch feinere Tücher edler wird. — Man kann in unserer Kindheit nicht früh genug den Durst nach Ehre und Ansehen erregen; der Durst dauert unauslöschlich, bis ans Grab Wir gewöhnen uns, den berühmten Mann als einen erhabenen Menschen, den Mann auf einer höhern Amtsslufe für einen außerordentlichen zu halten. Dahin geht nun unser unseliges Trachten; und haben wir endlich ein Ehrenamt oder einen bekannten Namen gewonnen, so dünken wir uns größer, denn alle Andern. Es ist schon genug, einen gestickten Stern auf dem Nock, einen seidenen Lappe» im Knopfloch, einen Kammerherrn-Schlüssel, oder wie 14 bei den Völkern, welche wir Wilde heiße», einen Armring von Knochen zu tragen, um uns vergöttlichter zu wähnen. Kindisches Selbstbetrügen! Und dies ist so allgemein unter uns, die wir uns über die Wilden am Oronoko erhaben glauben »nd ihnen doch ans ein Haar gleichen; nur daß wir unsere Bedürfnisse auf einen Grad vermehrt, und unsere Thorheiten verinannigfaltigt haben, davon den Wilden keine Ahnung anfliegt. Doppelt ist der Erfolg dieser Jugendbildung, Wir beten den Staub an, und übersehen dessen Seele; unser besseres Selbst ersäuft im Strudel der Einbildungen, albernen Leidenschaften und Thorheiten; wir leben nicht für das, was wir sind, sondern für das, was keines Odemzuges werth ist. — Haben wir nicht Kraft genug, oder hindern uns Unfälle, das vorgesteckte Ziel zu erreiche», so wollen wir doch die Welt glauben lassen, daß wir davon nicht mehr weit sind. Wir üben uns, alles das zu scheinen, was wir sein möchten. Wir werden Schauspieler, und stellen andere Personen vor, die mit uns keine Aehnlichkeit haben. O Bellisle, sehen Sie um sich her, und vom königlichen Audienzsaal bis in die Werkstatt des Handarbeiters finde» Sie, statt der wirklichen Menschen, nur Larven. Jeder wird von Allen betrogen, aber Jeder will dafür auch Alle betrügen. Es ist keine Natur — eS ist Alles Einbildung und Hirngespinnst. Wir begehren nicht den Schatz, sondern was glänzt. Wir fürchten nicht die eigentliche Gefahr, sondern sterben aus Verzweiflung und Angst vor Einbildungen. — ES ist Alles Gespensterfurcht oder Schatzgräberei einer andern Art — und an Allem ist unsere Erziehung schuldig. Sie haben lange keine Briefe von mir empfangen, geliebter Bellisle; Sie haben mich lange nicht gesehen. Darum ist's wohl gut, daß Sie auch meinen innern Menschen kennen lernen: daß ich Ihnen schreibe, wie ich denke. Sie können freilich auch in Büchern, wenn Sie Lust haben, moralische Abhandlungen lesen — aber ich weiß nicht, ob Sie de» Gedanken darin finden, der in diesem Briefe liegt. Ich erzählte Ihnen nicht meine Abenteuer, aber das Er- gebniß derselben. Nach Mitternacht. Es wird bald der Morgen grauen. Alles schläft; ich bin der Ruhe unfähig. Das Blut in meinen Adern ist Feuer geworden; meine Odemzüge find eben so viele Seufzer; mein Geist taumelt durch die Höllen und Himmel des Wahnsinns. Ich bin nicht mehr ich selbst. Ich weiß es. Mitten in der Raserei des Fiebers hasch' ich die Feder. Es wird Unsinn geben; ich kann es voraus wissen. Aber ich will's wieder lese», wenn ich gesund bin, um zu sehen, wie ich mich in dieser Verwandlung benahm. Daß ich noch dies denken kann, überzeugt mich von der Hoheit meines Geistes, welcher über dem Sturm der chaotisch tu einander wogenden Sinnlichkeit, wie ein Adler, schwebt über Gewittern und empörten Ozeanen. Stolz gibt diese Höhe; aber süßer ist'S im schönen Wahnsinn drunten. Ich will mich wieder hinabtauchen; ich will nicht mehr Ich sein — einst werd' ich wieder erwachen. O Bellisle! daß ich noch in diesem Augenblicke an Sie denken, daß ich noch in dieser Verwilderung Ihren Namen schreiben kann, ist der höchste Beweis der Liebe, so ich Ihnen jemals gegeben. Aber keine Worte mehr — zur Sache! Ich verfluche die Langsamkeit meiner Feder, neben deren trägen Strichen in jeder Sekunde Millionen meiner Gedanken vorüberblitzen, und der elendeste, lahmste allein nur auf dem Papier liegen bleibt, wie ausgelebter Leichnam. Doch nein, ich kann ja mein Entzücken, meinen Jammer, Alles, Alles, was über und unter den Sternen Himmlisches und Höllisches wohnt, mit Einem Worte ausdrücken. — Ich will's! Christine, Christine heißt das Wort, und ich zittere, indem ich'S 16 schreibe, und mein ganzes Wesen sinkt, wie unter einer Feucr- flamme verzehrt, aufgelöset, aschenhaft zusammen. Nein, ich liebe nicht, o Bellisle, gewiß nicht. Ich weiß ja wohl, was Liebe ist; ich habe ja geliebt. Nein, cs ist Wahnsinn, was mich durchglüht — wundersüßer Wahnsinn, Trunkenheit, Taumel — wie soll ich's neunen? Verwandlung, Zerstörung — Alles, seitdem ich Christinen gesehen habe. Als Semele den Gott der Götter, Jupiter, in der ganzen Majestät und Herrlichkeit seines olympischen Wesens sehen wollte, die blöde Sterbliche! und er nun erschien iu seiner unermeßlichen, Alles verklärenden, Alles durchströmenden unvcrschleierten Gottesnatur, da fühlte sie, wie ich — nicht mehr Bewunderung, Entzücken, Liebe, sondern Vernichtung. Und dies ist mein Zustand. Täuschen Sie sich nicht, Bellisle, wenn Sie diese verworrenen Zeilen lesen — es ist nicht Liebe; Christine ist von mir entfernter, als die Sonne vom Erdball. In keiner Ewigkeit durcheil' ich die endlose Kluft von mir zu ihr. Auch begehr' ich's nicht, will nichts — ich verlasse Petersburg, Rußland — Alles. Ich gehe nach Frankreich, ohne einen Schatten von Wunsch. Christine ist vermählt; Alcris, der Sohn Czar Peters des Großen, ist ihr Gemahl; die deutsche Kaiserin ist ihre Schwester; vielleicht hat das Schicksal die jetzige Großfürstin zur einstigen Selbstherrscherin des russischen Nordens bestimmt. Nein, Bellisle! — Doch ich will Sie nicht mit Schwärmereien behelligen. Ich will Ihnen die Geschichte meines heutigen Tages ohne Zwischensprung erzählen, ich will mich mit angenommener Geduld quälen, bis ich wieder z« dem schönen Roman gelange, und in ihm die ganze Gluih meiner Gefühle niedergieße. Diesen Abend war Ball im Peterhof. Das Schloß des Czaren ist noch nicht ausgebant; aber es schien, als sollte es mit dem heutigen Feste die Weihe empfanden. Alles geschah zu Ehren der schönen Großfürstin Christine, welche, des schönsten Looses Werth, verehrt vom Czar, angebetet von allen Nüssen, vergöttert selbst von den eisgrauen Bojaren, an einen Unhold vermählt ist, der eine verworfene Dirne ans Finnland dem Himmel in Christinens Herzen vorzieht. Setzt einem Eber die königliche Krone ans, er wird sich mit der Krone tm Kothc wälzen, nach wie vor. Die Großfürstin hat das Wochenbett verlassen. Am 23. Juli gebar sic ihrem Gemahl eine Prinzessin, welche in der Taufe den Namen Natalie empfing. Der unempfindliche Halbmcnsch Aleris blieb mit seiner finnischen Metze im Karlsbad; die Vatersreude lockte ihn nicht zurück. Sein Vater, der große Czar, erschöpft sich indessen fast, seiner Schwiegertochter die Ausschweifungen und die Rohheit des nngerathenen Sohnes vergessen zu mache». Er hat sie »ilt einem glänzenden Hofstaat umringt; Feste aller Art wechseln, wie die Tage. Und so sah ich sie an dem heutigen. Vor neun Tagen feierte man ihr zwanzigstes Geburtsfest. Ach, Bellislc, erinnern Sie sich noch eines Mintaturgemäldcs, welches ich Ihnen vor einige» Jahren in Calais sehen ließ? Sie glaubten damals nicht, daß es das Werk meines Pinsels und meiner Einbildungskraft war. Ich erinnere mich wohl, wie Sic es mit dem stillen Lächeln des Beifalls anstarrten, und gen Himmel hoben, und riefen: „Unter deinem blaiken Gewölbe wohnt so ein Engel nicht — lch stürbe noch heute gern, fänd' ich ihn droben!" Sie sahen mich erröthcn, meine Augen von einer verheimttchten Thräne glänzen. Sie forschten um mein Gchcimniß; ach, ich selbst hält' es mir so gern verschwiegen. Ich taumle in einem Wundcrgartcn. Mein Leben ist ein zanber- volleö Labyrinth — lch begreife nichts — die Dinge erscheinen und verschwinden, schlingen eine Zanbcrschnur um meine Seele und Zsch. N-v. VII. 1 18 ziehen sie in den Strom der Begebenheiten nieder. Sie wird nicht genesen, bis im Tode, Als ich mich in das festliche Gewühl der Versammlung ;n Peter- Hof mischte — als ich dem Czar vorgcstellt war — öffneten sich die Flügel einer Nebenthnr — am Arm der Gräfin von Königsmark trat sie herein , , , o Bellisle, soll ich sie Ihnen beschreiben? Wenn meine Einbildung das Innerste des Himmels durchdringt, finde ich unter den Seligen eine solche Gestalt nicht, Sic war es wieder. Doch nein, keine Silbe mehr. Ich erschrak vor meinen eigenen Worten — sie werfen mir meinen Wahnsinn zurück, wie der Spiegel eine Gestalt, ,— Schon flammen die Wellen der Newa vom Morgenrot!), — Ich muß ruhen, und mein Fieber verglühen lassen, ehe ich die Feder wieder nehme. Dic Großfürstin Christine an die Gräfin Jnlie von B Petersburg, den 2, September 171ä, Wie rührend ist die Stimme deiner Liebe, meine Jnlie! Wenn ich deine Briefe lese, nur dic Züge deiner Hand erblicke, dann vergesse ich träumend, wo ich bin; dann haucht mich wieder Deutschlands milder Himmel an; dann seh' ich wieder die Schattcngänge und die Lauben im Schloßgarten meines Vaters, wo wir als Kinder in seliger Unschuld hüpften unter tausend Blumen, und seh' in diesen nordischen Wüsteneien, wohin mein Schicksal mich bannte, die silberne Blüthenfüllc der Fruchtbäumc wieder, in deren Schatten wir unsere Kränze flochten. Kalt und wild ist in der Nähe des Nordpols die Natur und ihr Mensch, Fast seit drei Jahren wohn' ich von meinen Lieben 19 fern, und noch immer leb' ich unter fremden Wesen. Keiner versteht meine Sprache, und die tciscrn Töne meines Herzens verhallen und finden kein fühlendes Herz. Ohne die Gräfin von Königsmark, so wenig auch unsere Denkarten und Ansichten der Dinge zusammenstimmcn, würd' ich glauben, schon gestorben, und ans einen traurigen Planeten vom Schöpfer verwiesen zu sein, wo ich eine Ewigkeit lang Sünde» abbüßen soll. Meine Gesundheit ist wieder vollkommen. Dank sei es den unzerstörbaren Kräften der Jugend. Nun will ich dir öfter schreiben. Die Unterhaltung mit dir soll meine schönsten Morgenstunden auS- füllen. Dein Bild hängt vor mir, vergegenwärtigt den Traum der Vergangenheit und erfüllt mich mit Täuschungen. Glaub' es doch nicht, ich beschwöre dich, daß in dieser Hcimath des ewigen Winters auch mein Herz jemals erkaltet sei. Nein, Julie, du bleibst mir thener, wie ein Kleinod, welches ich aus bessern Welten hierher gebracht; wie eine Schwester, deren schönes Herz die Hand der milden Natur an das meinige unauflöslich schloß. Und, Julie, wenn ich Lein zärtliches Vertrauen nicht crwie- derte — wenn ich aus deine tausend Fragen seit Jahren schwieg — wenn ich dir mein häusliches Leben verschleierte — glaub' es mir, ich wünschte, du solltest mich glücklich wähnen. Ich wollte dich täuschen, um dich wegen meiner ohne Kummer zu sehen. Bin ich nun glücklicher, nun getrösteter, nun du mich beweinst? Du sagst, ganz Europa kenne meine traurige Lage, ganz Europa die Bitterkeit meines Looses, und weihe mir Mitlciden — nur ich allein wollte mein unverdientes Elend dir verheimlichen. Nun ja denn. Magst du es wissen: der Großfürst, mein Ge- miahl, ist von Natur eines finstern Charakters. Ich habe nicht — o Julie, wie herbe wird cS mir, dies Wort zu schreiben! - ich habe nicht das Glück, ihm zu gefallen. Ich war nicht das Weib freier Wahl — und daher stammt vielleicht sei» Widerwillen. 20 Drei Jahre lang warb ich vergebens um seine Gunst. Mau sagt wvhl, wir Weiber können Wunder wirken mit einem Lächeln, einer Thräne — nichts wäre uns unmöglich. Mir scheint leider die Natur das glückliche Talent versagt zu haben. An den Launen meines Alcris scheiterte jede Kunst. Er scheint für mich von jenen bezauberten Quellen getrunken zu haben, aus denen Ariosts Rinaldo seinen unbesiegbaren Hast gegen Angelika schöpfte. Ich habe endlich — und drei Jahre sind eine lange Schulzeit — mich an den Haß meines Gemahls gewöhnt; vielleicht gewöhnter sich an meine Liebe, die ich ihm schuldig bin. Sehen wir am Ende, wer den Preis gewinnt. Ja, geliebte Julie, da du nun das Gcheimniß meines Schicksals weißt, so wisse denn Alles. — Ich habe seit drei Jahren unaussprechlich gelitten, und der verborgene Kummer hat meine Kräfte fast bis zur Neige aufgezehrt. Einst war ich der Liebling meiner fürstlichen Aeltern. Die Liebe wiegte mich groß; die Freuden erzogen mich. Wohin ich mich wandte, flog mir das Herz freundlicher Menschen entgegen. Ich kannte in der Welt keine Fremdlinge; kannte keine Sorgen, als die, Vergnügen zu geben und zu empfangen; keine Thräne», als solche, welche beim Anblick der Leidenden, oder beim Lesen eines Gedichts, oder unter den schwcrmüthigen Tönen der Musik stilles Mitgefühl meinen Augen entlockte. Jeder Morgen weckte mich zu einem kleinen Feste; unter schmeichelnde» Erwartungen schlummerte ich Abends ein. Ei» Tag glich dem andern; jeder trat wie ei» freundlicher Genius lächelnd zu mir, »nd schied von mir lächelnd. So ward ich dem Sohn des größten Monarchen vermählt. Ach! mit weissagendem Kummer sah ich hinter mir das kleine Wolfcn- büttel verschwinde», wie ein Eden, dessen ich werthlos erklärt zu sein schien. Schon der erste Anblick dessen, dem meine Hand bestimmt war, 21 füllte mich mit bangen Ahnungen. Nicht, daß Alcris kein Mann gewesen wäre, der durch sein Aeußeres wohl zu gefallen hoffen dürfte. Der Großfürst ist von hohem schlanken Wuchs und männlicher Haltung. Schwarzes Haar und schwarze Augen, ein angenehmer Ernst in seinen Gesichtszügcn, und ein gewisses, uncr- klärbareS Etwas, welches ihn, er stehe und thne, wie er wolle, den Erben des größten Reichs der Welt nennt, geben seiner Gestalt Interesse. Er spricht die deutsche Sprache geläufig. Cr kann, wenn er will, sehr liebenswürdig sein — aber — er will es nie. Seine Erziehung war versäumt. Während der Czar, sein erlauchter Vater, Europa durchreiste, Künste und Wissenschaften milderer Himmelsstriche auf seinen nordischen Schnee zu pflanzen; während er einem nie beschifftcn Meere Flotten, wilden Völkcr- stämmen Sitten, und undurchdringlichen Wäldern Städte gab, vergaß er, dieser neuen Schöpfung einen Thronerben, ihrer würdig, zu bilden. Der Prinz, umgeben von mißvergnügten Bojaren und abergläubigen Pfaffen, sog mit der Muttermilch alle Vorurthcilc seiner Nation, und den Haß gegen alle Neuerungen seines erhabenen Vaters ein. Das Schicksal seiner Mutter Endoria, welche der Czar ins Kloster schickte, und sie den Schleier zu nehmen zwang, goß neue Bitterkeit in seine Seele. Ein finsterer Trotz ward seinem Gemüth eigen. Er haßte, was von seinem Vater stammte. Was diesen kränkte, machte ihm Freude. Er nahm den Aberglauben der dummen Popen, die rohen Sitten der Bojaren an, und gefiel sich, der Abgott des niedrigen Pöbels zu werden. So verwilderte der Prinz. Sein Betragen ist roh, seine Kleidung wahllos und unreinlich, seine Gesellschaft ein Haufen Mönche und verdorbener Wüstlinge. Julie, und dieser ist mein Gemahl! Am Tage unserer Vermählung zog mich der Czar zu sich an ein Fenster des Versammlungssaales, wo der Prinz stand. „Sieh," 22 « sagte er zu seinem Sohn, „du kannst die alte» Gebräuche nicht vergessen, und die langen Bärte verdrehen dir noch immer den Kopf. Mir folgst du nicht. So hoff ich denn Alles von der Herrschaft einer schönen, geistvollen, tugendhaften Frau über dein Herz. Und gehst du auch ans dieser Schule ungcbessert hervor, so bist du wahrhaftig für die ganze Welt verdorben." Ich schlug die Augen nieder und fühlte es, wie meine Wangen brannten. Diese Anrede, welche alles Zartgefühl so tief verwundete, mußte den Prinzen mit Argwohn und Verdruß gegen mich füllen. Ich hatte es schon in den ersten Tagen aus tausend kleinen Zügen bemerkt, daß Aleris mich nicht aus freier Wahl, sondern auf Befehl seines Vater z» seiner Gemahlin erhoben. Und als tch mit furchtsamer Verlegenheit nun die Augen aufschlug, zudem Neuvermählten — o Julie, da las ich in den düstcrn Falten seiner Stirn, in den finster vor sich funkelnden Augen den Schwur seines ewigen Widerwillens, und mein entsetzliches Schicksal. So ward es — so blieb es. Sei verschwiegen und liebe mich. Die Großfürstin an dieselbe. Kaum hatte ich, geliebte Julie, den letzten Brief abgesandt, so empfing ich den deintgcn!— Wie bezaubernd ist das Famtlicn- gemälde, so du mir gibst, und in welchem du selbst die angebctete Göttin bist! Ich sehe dich auf deinem ländlichen Schlosse, im Schatten majestätischer Kastanien und Eichen, zu deinen Füßen den lachenden Garten, über welchen selbst der Herbst noch hundert Blumen streut, und das frohe Dorf im Hintergründe, dessen Bewohner dich wie ihren Schntzgetst ehren. Ich sehe, dich glückliche Mutter, den schönen Säugling an deiner Brust, wie er tändelnd die Aermchcn nach deinen hcrabfallenden Locken streckt, und den Mann deines Herzens, wie er entzückt vor der reizenden Gruppe dasteht, bald mit väterlicher Zärtlichkeit dann den flügellose» Liebesgott auf deinem Schoose küßt, bald seine glühenden Lippen mit der Innigkeit des Bräutigams an die dcinigcn schließt. Ach, was habe ich verschuldet, daß ich auf diese Freuden Verzicht thun muß! Wie wäre mein Herz ganz für dieselben geschaffen, wie geringen Ersatz gewährt mir der Glanz meines traurigen Ranges ! Töchter der Fürsten, unter allen Weibern des Erdbodens die beklagenswürdigsten, beneidet die Tochter eures ärmsten NntcrthanS; denn sic darf lieben, darf ihre Hand dem geliebtesten der Männer reichen, und an seiner Brust ihr Dasein verträumen, an seiner Brust mit stiller Seligkeit sterben. Wie die Sklavinnen des Morgenlandes geschmückt, werden wir dem Mächtigen dahin gegeben, der uns fordert; die Staatskunst schließt den Vertrag, und unser gebrochenes Herz ist eine Waare, Man heißt uns Götter der Erde, aber nimmt uns den Himmel, Wir sind Menschen, und man raubt uns das heilige Recht des Willens; wir haben ein Herz, und wir dürfen es nicht bekennen; die Natur ist unsere Mutter, und wir müssen sie verläug- nen. Mit Thränen sehen wir von unscrm Thron auf die häuslichen Freuden dcr Armuth, die nns versagt sind. Mit unfern Juwelen und Schätzen können wir die Glückseligkeit nicht kaufen, die unter dem Strohdach des Landmanns wohnt. Wir schmücken unfern Leib mit kostbaren Metallen und Steinen; wir hüllen uns in prächtige Stoffe, und die Leckerbissen fremder Weittheile und Meere zieren unsere Tafeln — aber den liefern Ständen lassen wir die höher» Güter des Lebens; unsere Kleinodien erwärmen das Herz nicht; unsere Kronen werben uns keinen Freund; ach! und ob Millionen ihre Knie vor uns beugen, und die Völker des Erdballs uns be- wundern — diese todtc Herrlichkeit gilt nicht die lebendige Liebe und Treue eines Einzigen. Barbarische Ordnung, gestiftet vom Wahnsinn des Ehrgeizes, welche dem Geringsten der Sterblichen alles gab, was das Leben Reizendes tragen mag, und uns zu goldenen Kerkern verdammte! — Verzeihe mir, Julie, wenn ich einen Augenblick unter dem Elende meines fürstlichen Standes erliege. Meine Klagen ändern die Einrichtung der Welt nicht; das Vorurtheil des Ranges und der Geburt behauptet seine Herrschaft, so lange die Völker ihrer Barbarei nicht entbunden sind, Tausend bittere, heimliche Thränen benetzten schon den Purpur der Fürsten, und werden ihn noch lange benetzen. Ach, Niemand versteht mich, als du — Niemandem klag' ich, als dir. Ich lebe — empfange denn, als Gegenstück des dcinigcn, auch ein Familiengemälde von mir — das einsame Leben einer Wittwe, ungeachtet des glänzenden Hofstaats, mit welchem die Güte des Czars mich umringt hat, und ungeachtet der Kette von Festtagen, welche er durch mein Leben in Rußland flocht, uni mir den Kummer zu zerstreuen. Zch stehe in diesen feierlichen Versammlungen, bei diesen Lustbarkeiten und Spielen, wie eine fremde Zuschauerin; meine Augen irren suchend durch das schimmernde Gewühl, mein Herz bleibt leer, und meine Sehnsucht nach dem Bessern bewegt es allein. Zuweilen seh' ich den Czar und seine Gemahlin, die Kaiserin Katharina Aleriewna. Mir ist wohl bei diesem cdcln Paar; doch ihre Sorgen um das unermeßliche Reich erlauben ihnen selten einen freiem Augenblick, Man erzählt in Europa so manches von dem wunderbaren Mann, dem ich, wie einem zweiten Vater, mit kindlicher Liebe zugcthan bin; sein Wesen erscheint in den tausend Mährchen oft sehr entstellt, Ich will meinem Briefe eine Anekdote cinflechten, die noch zu neu ist, um dir bekannt zu sein, und einen bedeutenden Charaktcr- zug non ihm und der Czarin gibt. Es ist ungefähr ein Jahr, daß der Monarch^bei einem hier angesessenen fremden Kaufmann zu Mittag speiste. Er sah dessen Tochter, welche in der That den Namen einer Schönheit verdient, verliebte sich in sie, und verschwendete alle Künste der Beredsamkeit, sie zu bewegen, ihrem Gatten die Treue zu brechen. Sie aber widerstand mit edelm Mnthe seinen Anträge». — Sic zitterte vor den Folgen der Leidenschaft eines in seinem Staate allmächtigen Fürsten, nahm einiges Geld zu sich, und verschwand noch denselben Tag, ohne ihre Familie wissen zu lassen, wohin? — Sie flüchtete in ein Dorf, wo ihre Amme lebte, die Frau eines Köhlers; ließ sich in den Wald führen, wo letzterer arbeitete, und derselbe ihr eine Hütte aufrichten mußte. In dieser wohnte sie nun, aller Welt verborgen. Die getreue Amme brachte ihr täglich die nothwcnigen Lebensmittel. Den Tag nach der Flucht kehrte der Czar in das Haus des Kaufmanns zurück. Er wollte die Tochter sehen. Zitternd erzählte der Vater, wie sie sich entfernt habe. Der Fürst war wüthcnd vor Zorn, ließ das ganze Haus und die Häuser aller Verwandten durchsuchen, und sah alle seine Bemühungen fruchtlos. Es verstrich ein Jahr. Man vernahm nichts mehr von dem schönen und tugendhaften Flüchtling. Man hielt sic für todt, wie denn ihr Gatte ebenfalls in der Zeit gestorben war. Durchs Ohn- gefähr entdeckte sie ein Oberster, der in demselben Walde jagte- worin ihre Hütte stand. Es gelang ihm, sie wegen der Nachstellungen des Czar zu beruhigen, und sie in das Hans ihrer Aeltern znrückzuführcn. Er meldete seinen Fund der Kaiserin. Diese führte ihn selbst zum Czar, hier mußte er alles erzählen, was die tugendhafte Frau während ihrer Entweichung gelitten. Der Czar, gerührt bis zn Thränen, überhäufte sich selbst mit Vorwürfen. Er 26 gelobte, sei» Unrecht zu vergüte». Die junge Wittwe ward Gemahlin des Obersten; der Czar machte den Eheleuten die ansehnlichsten Geschenke, und sicherte dem ehemaligen Gegenstand seiner Liebe eine Pension von dreitausend Rubeln zn. So wechseln in seinen Handlungen unaufhörlich Seelengute und Härte, Achtung für Tugend und rohe Leidenschaft. Er ist ein Sohn der wilden Natur, dis ihn umgibt, stürmisch, wohlthätig und erhaben, wie sic; mit unermeßlichen Wünschen und furchtbarer Kraft. Die Fürstin von Ostfriesland und die Gräfin von Königsmark sind meine alltäglichen Gesellschafterinnen. Es ist mir unmöglich, mit jener ein enges, trautes Band zu knüpfen. Nur im Hofwescn athmcnd, nur der Etiguettc huldigend, unbekannt mit edler» Gefühlen, sieht sie in mir ewig die künftige Kaiserin Rußlands, nie das leidende Weib. — Interessanter ist die noch immer, ungeachtet ihres Leichtsinns, liebenswürdige Königsmark. Sie schmiegt sich mit unendlicher Gewandtheit an jeden meiner Wünsche, an jede meiner Klagen. Sic ist eines von jenen zarten, gefälligen Wesen, welche, das Gegcntheil spröder Selbstständigkeit, tief in die Denkart Anderer eindringe», und unwillkürlich die Laune, die EmpfindungSweisc des Andern zu ihrer eigenen machen. Unter den Frohen ist sie die Muthwilligste, unter den Ernsten die Philosophin, unter den Unglücklichen die Beklagenswürdigste; sie bildet sich selbst ein, das Alles zu sein, und ist doch nur ein zartes Echo, ein liebenswürdiges Chamäleon. Du kennst den alten Herbert? Erinnerst dn dich seiner noch, wie er uns als Kinder bald in kleinen Wagen durch den Schloß- gartcn zog, nnd unser Pferdchen hieß; bald mit uns über Zaun und Graben ging, bald unser Schiffmann, bald unser Baumeister wurde? Dieser treue Diener ist noch immer bei mir, noch immer derselbe, und seine Laune noch immer die rosenfarbene, wie sonst. 27 Er ist mir unentbehrlich geworden. Wenn ich ihn verlieren sollte, ich wäre untröstlich. Siehe da, nun kennst du die wichtigsten Personen, welche mich umgeben. Alle übrigen gleiten vorüber, wie Schattenspiel ander Wand; ich sehe sie, und vergesse sie. Jedes treibt sich in seinen Sphären umher, macht mir den Hof, nm sich glänzend zu zeigen, und kümmert sich minder um mich, als um Spieltische und Tafeln, Die einzige Freude, so mir gewährt ist — du bist Mutier, meine Julie, und erräthst es voraus — ist meine kleine Natalie, Wie reizend ist der kleine Engel! Wie beklag'ich ihn schon jetzt, daß er eine Fürstentochter ist, daß er einst das Loos seiner Mutter tragen soll. Indem ich diesen Brief schließen will, kömmt Herbert und meldet die Ankunft des Großfürsten Aleris, meines Gemahls, O Julie, mit zitternder Hand schrieb ich diese Zeilen, Herbert, nm mir ein' Schrecken zu ersparen, bereitete mich lange auf diese Nachricht vor, und doch vergebens. Mein Elend erneuert sich nun. Ach, daß ich den mit Furcht und Beben begrüßen muß, dem ich mit der Wonne des Wiedersehens an die Brust fliegen sollte! — Lebe wohl, und beweine mich. Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Noch immer datire» sich meine Briese aus der'Hauptstadt des russischen Reiches, Ich bin an diesen wilden Boden gebannt, wie durch einen Zauber, Während ln Frankreich noch alle Lauben grünen, noch hundert Blumen glänzen, und an den Hügeln der Gesang der Winzer schallt, verkürzen sich hier schon die lieblichen Tage; das Laub sinkt welkend von den Bäumen, und von den finstern Tannen glänzt schon der Reif kalter Nächte und verkündet den nahen Schnee, 28 Dcrmvch — in dem Augenblick, du ich sie verlasse — gefällt mir die ranhc Weltgcgcnd, Auch sie hat ihren Schmuck und ihre Wunder, Die Sonne, wenn sie röthlich durch den grauen Nebel bricht, und melancholisches Licht über die schwarzen Wälder, über die kahlen Ebenen und armseligen Hütten streut, hat einen Reiz, wie sie kaum zeigt, wenn sie über den üppigen Gefilden der Champagne in voller Glorie schwebt. Die hölzernen Häuser haben etwas Einladend-Heimliches, Die behagliche Wärme der Stuben lockt zu vertraulicher Geselligkeit, Lachen Sic immer, mein BclliSIe: aber die Welt ist überall weder häßlich noch schön; sie ist ein farbenloseS Bild, das sich unsere Seele erst selbst ausmalen muß. Erst wir tragen Leben und An- mnih hinein, wir erblicken sie nicht, sondern unser Selbst in ihr. Dein sibirischen Nomaden gefällt sein Dorf in der Schncewüstc so wohl, als dem Pariser Künstler das prächtige Nom, Gewohnheit macht Alles erträglich; aber die Stimmung unsers Herzens ist die Zauberkraft, welche eine Sandsteppe zum Feengarten verwandelt. Ich bin Ihnen noch die Erzählung von meiner Vorstellung bei der Großfürstin Christine schuldig, und die Erklärung des gchcim- nißvollen Gemäldes, Ich will mich selbst vergessen, und die fabelhafte Geschichte so einfach erzählen, als wär's ein Ammenmährchen, Auf meiner Neisc durch Deutschland streifte ich einst an, Harzgebirge vorüber. Ich schickte Pferde und Wagen in die nächste Stadt voraus, um diese Gegend zu Fuß durchwandern zu können. Sie wissen, wie sehr ich Gebirgslandschaften liebe. Eines Tages, die Mittagssonne brannte heftig, verließ ich die große Straße; ich glaube, cs war in der Nähe eines Ortes Namens Blankenburg; ich wählte den Fußweg, welcher im Schatten eines Gehölzes neben der Fahrstraße in gleicher Richtung zu laufen schien. Die Landleute, so im Felde arbeitete», versicherten mich, daß ich in Verfolg desselben nicht fehlen könnte. 2S Ich gerietst immer tiefer i» die Wildniß des Waides. Der Pfad hatte sich unmerklich unter meinen Füßen verloren. Ich kehrte zurück, fand einen Weg, verfolgte ihn, entdeckte bald, daß er mich ganz von meiner Richtung ableitete, verließ ihn wieder, suchte den ersten, und verirrte mich zuletzt so tief, daß ich nicht wußte, woher ich gekommen sei, oder wohin ich sollte. Der Abend trat ein. Noch immer war ich in dem verwünschten Buchenwald; je weiter ich ging, unendlicher schien er zu werden. Ich machte mich schon gefaßt, mein Nachtlager ans weichem Moose zu nehmen und mit Bären oder Wolfen ein Abenteuer zu bestehen. Indem drang ich aus dem verhaßten Dickicht auf eine vom Walde rings umschlossene kleine Wiese. Das Gras stand hoch. Ich beschloß, sie zu durchkreuzen, in der Hoffnung, eine betretene Spur zu entdecken. Auch stand ich unentschlossen, wohin ich mich zuerst wenden sollte, als auf der andern Seite der Wiese zwei Frauenzimmer aus der Finsternis; des Waldes, wie ein Paar freundliche Elsen, hervortratc». Sie erblickten mich; sie riefen und winkten. Ich flog, der schönen Erscheinung froh, dahin. Ihre einfache, aber kostbare und geschmackvolle Kleidung ließ mich errathcn, daß sic von gutem Hause seien; aus ihrer Verwirrung und Acngstlichkeit schloß ich, daß ihnen etwas Unangenehmes begegnet sei. O Bellisle, und als ich näher trat — als mir die jüngste zurief: „Führen Sie uns nach dem Jagdhanse zurück! wir haben uns verirrt — wir können keine halbe Viertelstunde weit davon sein! " — da glaubte ich, die alten Wunderzeitcn der Feenwelt haben sich in diesem Walde verjüngt. Die beglückteste Phantasie eines Dichters in Schäferstunden seiner Muse sah kein solch Ideal edler Schönheit, als hier mit unendlicher Anmuth meiner Hilfe begehrte. Ich selbst ein Verlorner in dem bezauberten Forst, vergaß, daß ich diese unbekannte» Gegenden zum erstenmal betrat. Das 30 Unmögliche schien mir möglich zu werden. Ich begleitete die jungen Damen in derjenigen Richtung zurück, in welcher sie hiehcr gekommen zu sein schienen. Sie waren ermattet. Sie ruhten unterwegs. Sic fragten um meinen Stand, Namen und Vaterland. Ich antwortete. „Wie?" rief die jüngste der Grazien lächelnd: „So sind sie selbst fremd hier und verirrt? Und Sic wollen uns führen?" Ich sprach ihr mit einer Zuversichtlichkeit Muth ein, daß sie mir zuletzt glaubte. Wir setzten unfern Weg fort. Ermüdet lehnten sich beide an meinen Arm. Ja, BelliSle, ich war der glücklichste aller Sterblichen ln diesen köstlichen Augenblicken, wo vertrauensvoll das unbekannte Wesen neben mir schwebte, welches von nun an Abgott meiner Wünsche und Träume werde» sollte. Ach, wie süß, wie unvergeßlich sind mir jene Augenblicke, jene Gespräche, jene kleinen Sorgen, die ich für den wundersamen Engel tragen durste. Bald mußte ich ihr Kleid von einem Dorn befreien, bald ihr Bahn durchs verwachsene Gebüsch brechen; und wie sie dann jedesmal zum Dank mich so gütig anlächclte, mit einem Blick, der die reinste Wollust der Seligen über mich goß! Plötzlich standen wir auf freiem Felde, an einem Fahrwege, der neben dem Walde hinzog. Nicht weit von uns hielt wartend ein prächtiger Wagen. Er fuhr heran. Die Dame» dankten mir, stiegen ein und verschwanden. Lange, wie ein Berauschter, wie ein Träumender, starrt' ich ohne Bewegung dem Wagen nach, dessen Spur der wölkende Staub bezeichnte. Mir war's, als würde meine Seele mir entrissen. Jch folgte dem Wege, welchen die Unbekannte genommen. Nur einmal noch wollt' ich sie sehen- Doch nein, ich wollte Ihnen meine Geschichte mit dürren Worten erzählen. Nun den», wie in stillem Wahnsinn lief ich den Weg hin, und dachte nur sic. Es war dunkel. Die Sterne leuchteten am Himmel. Ich ward nicht müde; kam von Weg zu Weg, 31 Gott weiß, wohin, bis ich gegen Mitternacht ein Dorf erreichte Mein Forsche» nach dem Wagen und den beiden Frauenzimmern war vergebens. Niemand wußte mir Auskunft zu geben. Wahrscheinlich hatt' ich wieder zehnmal des Weges gefehlt, und mich mehr von denen, die ich suchte, entfernt, als mich ihnen genähert. Genug, ich sah die Zauberin des Waldes nicht wieder; erfuhr weder ihren Namen, noch Wohnort, und kehrte mit einer hoffnungslosen Sehnsucht in mein Vaterland zurück. In einsamen Stunden versucht' ich's, das liebliche Engelsgcficht, voll süßer Kindlichkeit und hoher Würde, ans dem Gcdächtniß zu malen. Sie sahen das Bild. Das ganze Abenteuer war einfach; aber es entschied über den Gang meines Lebens. Oft hat der Untergang eines Reiches nicht so viel Interesse, als die Geschichte eines Augenblicks. Ich liebte, was ich verloren — einen Traum, ein Ideal — aber genug, meine Seele hing mit unüberwindlichem Eigensinn daran. Kein Romancn- held konnte lächerlicher sein, als ich mir selbst — aber ich liebte. Ich wagte keinem meiner Freunde eine Silbe zu gestehen, um nicht ihr Spost Hn werden; aber das Geheimniß erfüllte dafür mein ganzes Wesen mit unsterblicher Glut. Und nun bin ich in Rußland — in die fernsten Zonen folgte mir das zauberhafte Bild. Es gaukelte vor mir in den Schrecken der Schlacht; es ging mit mir durch die Prnnksale der Großen; cs lächelte, wie ein tröstender Seraph, vor meinem Krankenlager; es zog den Himmel in meine FiebcrtrLume. O Bellislc, und diejenige, welche in der festlichen Versammlung zu Pcterhof am Arm der Gräfin Königsmark in den Saal trat, — die holde Fee des Buchenwaldes war cs wieder — die längst Verlorne — jetzt — Gemahlin des Großfürsten Aleris, die Erbin des russischen Throns. Fordern Sie nicht, 'geliebter Bellisle, daß ich Ihnen sage 32 wie mir ward. Ich zweifelte an Allem, was ich sah, a» der Wahrheit des Tages selbst. Und während ich mir'S tausendmal rief: „Du bist dem Wahnsinn nahe, armer d'Aubant; glaub' es nicht, du siehst es nicht; es ist wildes Blendwerk!" verging ich in Anbetung und Entzücken. Die Fremden wurden ihr nach der Reihe vorgcstellt. Auch ich mußte mich ihr nähern. Mir war'S, als trät' ich in die Sphäre eines überirdischen Wesens. Sie bemerkte meine Verwirrung; mich zu schonen, schien sic es zu übersehen. Der Haushofmeister nannte ihr meinen Namen. „Wie?" sagte sie, „Chevalier d'Aubant?" und sah mich aufmerksamer an, und zweifelnd setzte sie hinzu: „Ich erinnere mich dieses Namens dunkel; auch Ihrer, daß ich Sic schon einmal gesehen. Vielleicht in Deutschland." Und indem sie dies sprach, flog über ihr schönes Gesicht eine matte Nöthe, wie ein Wiederschein des Morgenhimmcls. Ich zitterte. Die Antwort starb auf meinen Lippen. Ich stammelte endlich eine Lüge. Ich gab vor, die nie gesehen zu haben, deren Bild mich seit Jahren nicht verließ. Ich wußte nicht, was ich that und sagte. „Gewiß!" sagte sie nach einer kurzen Pause: „Sic sind's, der eine meiner Freundinnen und mich einst aus dem Walde führte, wo wir uns verloren hatten. Sic sehen, daß Dankbarkeit wenigstens ein treues Gedächtniß hat." Wie gern gestand ich'S nun, daß jener Tag der schönste, der unvergeßlichste von allen meines Lebens sei! — Sie nannte sich mit einem Lächeln, womit wohl auch ein Thron, ein Leben bezahlt worden wäre, meine Schuldnerin, und wandte sich zu den übrigen Fremden. Jetzt, Bcllisle, kennen Sie meine Lage! — Und wenn mir die Advokaten daheim den ganzen Nest meines kleinen Vermögens 33 verschlängen, und wenn ich daheim ein Bettler würde — ich kann Petersburg noch nicht verlasse». Fragen Sie nicht, was ich wolle, was ich hoffe — schelten Sie meine Leidenschaft nicht — nennen Sic mich nicht einen Rasenden! Nein! Sie irren sich! Ich liebe die Großfürstin nicht — dies wäre Raserei. Aber ich verehre sie, wie man ein höheres Wesen ehrt, dessen Nähe uns über uns selbst erhöht. — In dieser Fürstin Dienst zu sterben, dies, Bellisle, ist mein letzter Wunsch. Die Großfürstin an Gräfin Julie. In der That, der Großfürst, mein Herr und Gemahl, ist aus den Bädern zurück mit seinem ganzen Gefolge. Erst den zweiten Tag nach seiner Ankunft in Petersburg würdigte er mich seines Besuchs. Was soll ich dir, meine Julie, von diesem Besuche erzählen. Er erfüllte keine meiner Hoffnungen, mit denen ich mich so gern schmeichelte, ungeachtet ich die finstere Gemnthsart des Czarcwitz kannte. Aleris kam nach langer Abwesenheit die Gattin wieder zu finden, welche unterdessen an der Pforte des Todes gestanden. Ach, warum hatten sich diese Pforten nicht geöffnet! Ich war auf seine Ankunft vorbereitet. Ich hoffte ihm diesmal liebenswürdiger denn je zu erscheinen, denn ich war ja Mutter. Ich schmückte mich mit meinem schönsten Kleinode — Natalien in meinem Arme ging ich ihm entgegen. Dies reizende, holdselige Geschöpf sollte, mit dem Lächeln der Unschuld, für die Mutter das Herz des Vaters gewinnen. Aleris, als hätte er meine Entwürfe vorausgeschen, als hätte er gefürchtet, durch die Gewalt der Naturstimme, die zu ihm sprechen würde, überwunden zu werden, hatte sich mit aller ihm möglichen Zs». No». VII. 2 34 Kälte bewaffnet, und, um jedem vertraulicher« Worte zu cutriuucu, den tückischen Schmeichler, den General G lebof, zur Gesellschaft mit sich genommen. Was konnten zwei Gatten in der Anwesenheit eines solchen Dritten sich sagen? Und doch vergaß ich den häßlichen Glcbof, sobald Aleris hcreintrat. Ich eilte ihm lächelnd entgegen. Ich bot ihm sein Kind dar; ich sagte ihm, waö Liebe und Treue ihm sagen konnten. Ach! ein Fremdling ans den entferntesten Welt- gcgcnden würde mehr geantwortet haben, als Alcris. Keine Umarmung belohnte die Gattin; kein väterlicher Kuß segnete das Kind. Nicht einmal ein freundliches Lächeln konnte er sich ab- zwingcn. Er fragte in allgemeinen Ausdrücken nach meinen Ge- sundheitsumständcn, nach meinen Beschäftigungen, besah meine neue» Gemälde, und überließ es dem Glebof, mich mit faden Schmeicheleien zu quälen. So verließ er mich nach einer halben Stunde wieder; und als er verschwunden war, weint' ich in meiner Einsamkeit bittere Thräncn auf mein verlassenes, vom Vater ungeliebtes Kind. Alcris verachtet mich. Auf keinem der Bälle, auf keinem der Feste, welche mir die Gnade des Kaisers veranstaltet, erscheint er. Immer hat er Vorwände, sie zu meiden: bald ist er unpäßlich , bald fällt auf den Tag eine Jagd, bald hindern ihn andere Geschäfte. Und während ich heimlich meinen Gram verschmerzen muß, solltest du es glauben, befindet sich Aleris in der rohen Gesellschaft, die er wählte, sehr wohl, und berauscht er sich zum Uebcrfluß mit seinen Russen in starken Getränken. Je mehr ihn sein Vater, der Czar, wegen dieses Betragens mit Vorwürfen überhäuft, je mehr Ursache glaubt er zu haben, mich zu Haffen. Ach! wenn er nur wüßte, wie oft ich den Kaiser mit Thräncn beschworen habe, sein zu schonen! Wenn er es nur wüßte, wie ich ihn unaufhörlich entschuldige! 35 Dn bin ich mm wieder so einsam, und doch füllt jeder Tag meine Säle mit schimmernder Gesellschaft; ich bin eine leidtragende Wittwe, und doch lebt mein Gemahl mit mir in den Ringmauer» einer Stadt; ich bin so arm, »nd doch die Gattin des Thronerben, und die Schwester einer Kaiserin. Niemand versteht mich; Niemand redet zu meinem Herzen. Es ist kalt, verschlossen; es liegt in meiner Brust, wie in einem Sarge, nur die Geisterstimmen der Musik durchdrungen zuweilen die tobte Welt und sprechen verständlich zu seinem Innern. Julie, du hast geliebt, du wurdest geliebt; du kennst ein Glück, dessen Größe mir Gcheimniß ist; du kennst die Größe deines Glucks, und also auch die meines Unglücks. Was ist denn auch alle Herrlichkeit des Lebens, aller Glanz, alle Hoheit, wenn unsere edlern Gefühle darben? Was kümmern und freuen den Tobten die Kronen und Fahnen, die Marmorbilder und silbernen Ornamente »eben seiner Asche? — Ehe ich Fürstin war, war ich ein Weib. Welch eine traurige Entartung des Menschengeschlechts! Es quält sich von der Wiege znm Grabe >m Unnatürlichen, und Millionen hauchen mit Thräncn ihr elendes Leben aus, und verdammen eine Welt, die au sich das Vollkommenste ist, worin nur sie selbst durch eigene Schuld das Unvollkommenste sind. Jeder Stein , jede Pflanze, jedes Thier übcr- trifft uns im Preise der Vollendung; denn jedes ist, was es nach seiner Natur sein soll, und ist nie mehr, nie weniger, als dies. Nur wir Menschen, ausgerüstet mit hohen Gaben, verstümmeln uns selbst, und sind und bleiben jammernde Krüppel, häßliche Karrikaturen. Julie, Julie! Meine Knie zittern, mein Herz isi gebrochen! — O wie elend bin ich! Es war ein heiterer Sonnentag, eine Seltenheit für dieses Land. Ich hörte, daß mein Gemahl im neuen Schloßgarten wandle. Ich hüllte mich warm ein, und flog, ohne alle Begleitung, dahin, ihn zn sehen, ihn zn sprechen, ihn durch freundliche Unterhaltung zu binden. O Julie, bin ich denn so häßlich? Sagt nicht, wenn auch meine Selbstliebe und mein Spiegel mich belögen, der Mnnd derer, die mich nicht lieben, daß ich wenigstens kein Gegenstand des Ab- schcu's sei? Mußt' ich sonst nicht Lausenden zu gefallen? Trug mich nicht Alles sonst auf seinen Händen, wie einen Liebling? — Hat mein Geist nicht einige Bildung cmpfahcn unter der zärtlichen Sorgfalt der Aeltern? Bin ich nicht tugendhaft gewesen in Wort und Wandel; oder hätte nur mein Gewissen kein Gedächtniß? Und doch bin ich so tief gesunken , baß ein Geschöpf von schlechter Erziehung und noch schlechten» Wandel, ein Geschöpf, welches keinen Anspruch auf Schönheit und Geist machen kann — daß ein gemeines Mädchen, kaum gut genug, rohe Lüstlinge zu fesseln, eine Dirne, auferzogcn in den Schulen des Lasters, über mich triuniphirt, und das Herz meines Gemahls gewonnen hat! Ich ging mit schüchterner Ungeduld durch den Garten. Ichsüchte Aleris, und fürchtete immer, ihn zu finden. Ich hatte ihm unendlich viel zu erzählen und zu sagen, und war doch verlegen, wie ich ihn aureden sollte. Und wie ich nun um einen Heekcngang bog — da sah ich in einiger Entfernung ihn auf einer Bank fitzen neben — seiner Buhlerin. — Ihre Hände lagen vertraulich in einander. Die Dirne schlug ein gellendes Gelächter auf, und hielt ihm die Hand vor den Mund, als weigere fie sich, seine Zärtlichkeiten oder Scherze zu hören. Ich stand still, wie vom Strahl des Blitzes getroffen, odem- loS, vernichtet. Die Dirne bemerkte mich, sprang auf und wollte davon. Er hielt sie, sah nach mir, und lachte bald eben so aus- 37 gelassen, wie sic vorhin. Unterdessen rang sie sich von ihm loS, und lief den Gang hinunter. Er lachte nach wie vor, rief einige Mal: „Euphrosine! Euphrosine, sei keine Närrin!" und folgte ihr mit behenden Schritten. Um mich, die dastand erniedrigt, verwirrt, vom Schmerz betäubt, um mich, die ihm gern gefolgt wäre, wie ihn jene sieh, um mich, seine Gattin— um mich bekümmerte sich Ale.riS nicht. Nun denn, so will ich mich mit meinen zerstörten Hoffnungen verschließen, und mit meiner unendlichen Sehnsucht. Ach, warum bin ich noch so jung; warum sind meine Kräfte noch so eisern — warum findet mich der Tod nicht, er, der so manchen Seligen mitten in der Freude entführt? Chevalier d'Aubant an Laurent Bellislc. Breslau, 3. Mai 1715. Das erwarteten Sie nicht, geliebter Bcllisle, so bald mich aus der Heimreise nach Frankreich zu wisse» ! — Mich, der noch seinen letzten Brief mit hohen Schwüren füllte, in Petersburg leben und sterben zu wollen; mich, der Sie noch ersuchte, statt meiner alle häuslichen Angelegenheiten im Vaterlande zu berichtigen. — Ersparen Sie sich die Mühe nun; ich komme selbst. Sie sagen, der größte Theil meines Vermögens sei verloren; Sie trösten mich! — Wahrlich, die Nachricht hat mich wenig betrübt. Ich kann arm sein. Ich verliere nur einige Mittel, die ich zum Besten Anderer angewandt hätte; für mich bedürft' ich dessen Alles nicht. Ich bin ein Flüchtling, habe den größten Theil meiner Sachen tu Petersburg gelassen, und rettete, außer einigem Gelbe, nichts, als mein Leben. Das also, und Kapitänsrang, ist die ganze Ausbeute mühseliger Jahre, die ich in russischen Diensten verbrachte. 38 Andere thaten weniger als ich , und stiegen von Stufen zu Stufen; Andere hatten minder Kenntnisse, und brüsten sich mit Ansehen und Neichthümern. Man rühmie meine Talente, benutzte sie, und vergaß mich; man überhäufte mich mit Schmeicheleien, wegen gesellschaftlicher Tugenden; Zeder wollte mein Freund sein, und Keiner war es. Die Menschen sind in sich selbst verliebt, und lieben außer sich keinen andern. Wer sich für sie ansopfcrt, heißt ihnen ein nützlicher Thor. Glauben Sic aber nicht, daß es dieser kleinliche Verdruß wegen Vergessenheit und Zurücksetzung sei, was jetzt ineine ganze Seele füllt. Nein, ich würde mich dessen schämen, und ihn wie einen ekelhaften Flecken vor Zhnen verhüllen. — Ich hoffte von jeher mehr durch Launen des Zufalls, durch ein gefälliges Zusammentreffen holder Umstände, als durch Güte und Tugend der Menschen glücklich zu werden. Wer die Bürger dieser seltsame» Welt nicht anschaut, wie sie sein sollte», sondern wie sie sind, dessen Hoffnungen können nie getäuscht werden. Viele sind ihrer berufen, aber Wenige auscrwählt. Jeder liebt das allgemeine Wohl, insofern es sein eigenes nicht schmälert, und dies wird Vaterlandsliebe geheißen; Zeder liebt und dient dem Andern, wenn er Gegendienste erwarten kan»; dies heißt in der Sprache des Lebens Freundschaft. Nur Einer steht immer unter Millionen, welcher ohne Rücksicht auf die Meinung der klugen Menge, ohne Rücksicht auf eigenen Verlust und Gewinn, will und handelt, wie er soll, und wenn auch Schmach und Arnruth und Tod folgten. Heiliger Enthusiasmus der Tugend, mag die rohe Menschheit dich ewig verkennen, dich, den tausend Dichter, tausend Priester, tausend Philosophen rühmen, obgleich keiner von allen oft Muth gcnng hat, ihn zu nähre» in eigener Brust — ich lebe dir treu! — Ich kann versinken; aber in mir selbst gerechtfertigt, mag mich die Welt verdammen. Doch zur Sache. Sie scheu wohl, lieber Bellisle, ich biu allzubewegt, der Strom brauset; aber »och kennen Sie seine Quelle nicht. Ich lebte still und froh zu Petersburg. Mein Gepäck war an- gekommen von Moskau, doch dacht' ich an keine Abreise. Ich wünschte — doch meine Wünsche sind Ihnen kein Geheininiß. Nur die freundliche Gelegenheit erwartete ich, noch einmal der angebetcten Fürstin mich nähern zn können, ihr sagen zn dürfen, daß ich in ihren Diensten zu leben mein höchstes Glück nennen würde. Aber sie hatte mein vergessen. Umsonst hofft' ich mit jedes Morgens Anbruch, daß er den schönen Tag verkünde, an welchem ich eine Einladung zum großfürstlichen Palast erhalten würde. So verstrichen Wochen und Monde». Meine Unthätigkeit ward mir zur Last. Noch einmal Dienste beim Czar zu fordern schämt' ich mich, da er mir die Entlassung hatte ausfertigen lassen. Und doch war cs das einzige Mittel, durch welches ich mich in dieser Wcltgegcnd erhalten konnte, die durch Christinens Gegenwart die reizendste des weiten Erdenrundes geworden. Schon war ich, nach langem innerm Kampfe, entschlossen endlich, bei einer der öffentlichen Audienzen, wo jeder Bittende das Recht hat, dem Czar sich unmittelbar zu nähern, den Monarchen um Wiederaufnahme in sein Heer anzugehen, als der unglücklichste Zufall von der Welt mich aus Rußland und für immer bannte. Ich war eines Abends beim Obersten Larive zum Schmause in Gesellschaft vieler andern Offiziere. Nachdem die Speisen abgetragen waren, ward auf gut russisch tapfer gezecht. Jeder sprach nach seinem Sinn, und mancher Muthwille ward geübt. Unter andern lenkte sich auch das Gespräch auf de» seit einiger Zeit aus den Bädern zurückgekoinmenen Großfürsten Aleris. Man redete ziemlich frei von den Ursachen der Spannung, die zwischen ihm und seiner Gemahlin herrschte. Man nahm Partei. Viele ver- thcidigten den Czarewitz, viele die tugendhafte Christine. Ein 40 junger roher Russe, Offizier und naher Verwandter des Marschalls Scheremctvff, verfocht das Betragen des Großfürsten, und stieß die gröbsten Verleumdungen gegen Christinens Tugend aus. Die Andern belachten seine tollen Einfälle; das gab ihm Muth, und er ward in seinen Reden gegen die Fürstin noch zehnmal frecher. Als Verwandten Schcrcmctoffs widersprach ihm Keiner, und wer cS wollte, fürchtete sich doch vor den trunkenen Lachern. Wenn ein elender Mensch ohne Geist ,und Herz dasteht ,. und mit seinem armseligen Verstand das Erhabene, was er nicht begreifen kann, verspottet; wenn ein unwissender Tropf die Thaten und Entwürfe eines Weisen bekrittelt: dann kann ich auch zu den Lachern treten, oder die Achsel zucken über den ärmlichen Gesellen, der sich selbst an den Pranger stellt. Aber wenn ein Wicht cS wagt, mit schadenfrohem Witz, was gut und edel ist, zu lästern; wenn er die Tugend verdächtigen und große Handlungen verkleinern will: dann ist'S nicht mehr Vcrstandesschwäche, die »ns zum Lachen reizen kann, dann ist es Bosheit, die unser Herz empören muß. Wer gelassen lächeln kann, wenn ein Bösewicht Tugend verhöhnt; wer gelassen lächeln kann, wen» ein Bösewicht Leidende zum Gegenstand des Gelächters macht — der ist mit ihm verwandt, und selbst Bösewicht. Ich näherte mich dem Russen, und bat ihn ernst und höflich, daß er sich zähmen möge; daß er nicht vergessen solle, Christine sei die Tochter eines edeln deutschen Fürsten, die Schwester einer Kaiserin, die Schwiegertochter unsers erhabenen Monarchen. Der Russe, wahrscheinlich einer von den Anhängern des AleriS, die sich durch ihren Haß gegen die Fremden bei ihm einschmcicheln, glaubte hier Gelegenheit zu finden, sich seines Herrn würdig zu bezeigen. Er sah mit höhnischem Blick mich seitwärts an und antwortete mit einer Grobheit, die man nur dem Mann des Pöbels Nachsehen kann. Die Andern füllten ihre Becher und lachten aus 41 voller Kehle über meine unsanfte Abfertigung. Die munterte ihn zu neuen Schmährcden auf. Ich bat ihn, zu schweigen — ich drohte. Alles umsonst. Er schimpfte nur immer ärger; die Andern aber lachten nur immer wilder. WaS sollt' ich unter diesen Trunkenen? Ich ergriff Hut und Degen, um mich zu entfernen. Der Elende, stolz aufseinen Sieg, ging mir gegen die Thur nach, und rief, indem er mir einen Fußtritt gab: „So soll man alle Fremdlinge, Glücksritter und Abenteurer aus unscrm Lande treiben!" Ich drehte mich, gab dem unverschämten Lassen eine gellende Ohrfeige, und als er mit mir handgemein werden wollte, schleuderte ich den Wüthcnden mit starker Faust zu Boden, daß ihm die Lust verging. Langsam schritt ich meiner Wohnung zu. Aber noch hatt' ich kaum zweihundert Schritte gethan, als mir der Russe mit bloßem Säbel nachsprang, und mich mit hundert Schimpsredcn zum Stillstehen mahnte. Ich machte mich zur Gegenwehr bereit. Der Mond schien hell. In der Ferne blieben einige Andere aus unserer Gesellschaft stehen, um den Verlauf der Dinge abzuwartcn. Ich versprach dem Russen Gcnugthunng zu geben auf den andern Tag, und bat ihn, seinen Rausch zu verschlafen. Eitle Mühe! Ergriff mich rasend an; kaum könnt' ich mich vor seinen Säbelhieben decken. Es währte nicht zwei Minuten, so lag er entseelt zu meinen Füßen. Ich beugte mich zu ihm nieder. Er seufzte noch einmal und starb. Ich rief die Andern herbei. Sie trugen ihn zurück. Ich eilte in meine Wohnung, packte das Unentbehrlichste zusammen und verschwand mit Tagesanbruch aus Petersburg, um nicht nach Sibirien zu müssen. Jetzt, mein Bellisle, wissen Sie Alles. Ich hoffe in wenigen Wochen bei Ihnen zu sein. Hart ist mein Loos, und doch werd' ich'S vielleicht einst segnen. Ich habe mich gewöhnt, daran zu glauben, daß jedes Nessel die Duelle eines Wohls, und jede Lust die Mutter eines Schmerzes sei. Entfernt von der Einzigen, die ich von Allem, was unterm Himmel wohnt, am höchsten ehre, wird mein Herz die ganze Stille wieder gewinnen. Sie aber wird von meiner Thal und meiner Flucht vielleicht vernehmen, und mein Name wenigstens so glücklich sein, wieder von ihr gehört zu werde». Leben Sic wohl, mein BelliSle, wir sehen nns bald wieder. Ach, ich habe Ihnen noch Vieles zn sagen; aber cs ekelt mich an, Buchstaben zu malen. Ich bin mißvergnügt — erbittert gegen Mensche» und Geschick — ich möchte mir eine wilde, große Zerstreuung geben, worin ich mich, wie in einem brausenden Strom, tauche» und Alles — Alles — und mein Selbst vergessen könnte! — Mein elendes, schlechtes Selbst, welches, so tief verwöhnt von Vor- urthcilen und Erziehung, immer sein Glück noch in äußern Dingen, nie ln sich suchen, und immer Andern Vorwürfe mache» will, und nie sich, da es dieselben doch allein verdient. Leben Sie wohl! Die Großfürstin au Gräfin Julie. Ja, Julie, ich will mein Schicksal tragen und deinem Nathe folgen, ob ich gleich nicht die reizende Hoffnung im Hintergründe der Zukunft sehe, die du mir vorspiegeln willst. Es ist vergebens die Erwartung, daß ich den wilden Sinn meines Gemahls bändige. Er haßt, er verachtet mich; er ist nicht fähig, mich zu verstehen; er ist nicht fähig, mich zu lieben. Sein Wesen ist nun einmal so geformt; er kann seine Natur nicht oblegen. Aber auch ich, Julie, kann ihn nicht mehr lieben. Er selbst hat zwischen mir und sich die unzerstörbare Scheidewand aufgebaut. Ich werde es als des Himmels höchste Gunst cmpfahen, wenn mich der Tod von diesem qualvollen Zustand freispricht, oder wenn der 43 Großfürst einst, zu eigener Macht gestiegen, mich in irgend ein einsames Kloster verstoßen wird. Daß er die Finnländerin Euphrosine mir vorzog — ich konnte es ertragen. Ich fühlte meinen Werth, und beklagte nur den verirrten Mann. — Aber — o daß ich's schreiben muß — Julie, ich , bin eine Fürstentochtcr, ich bin einer cdclu Behandlung gewohnt — Julie, er mißhandelt mich, wie eine Sklavin kaum mißhandelt wird von ihrem barbarischen Herrn. Gestern trat er in meinKabinet, düster, wie gewöhnlich. Ich nahete mich ihm schmeichelnd. Ich hatte mir vorgenommcn, ihn zu bewegen, ein Fürwort beim Kaiser, seinem Vater, für den Chevalier d'Aubant cinzulegcn. Dieser d'Aubant, ein Jnsanterie- Hauptmann, ist eben der junge Mann, welchen wir einmal im Walde bei Blankenburg fanden, wo wir uns verloren hatten, und der uns auf die Straße zurückführtc. Vielleicht erinnerst du dich seiner nicht mehr. Cr stand seitdem in russischen Diensten, gerietst vor einigen Tagen mit einem jungen Nüssen in Händel, der zu Petersburg mächtige Verwandte hat, und erstach ihn in einem Duell. Man behauptet, ich sei unschuldiger Weise des Streites Ursache gewesen; der Russe habe schlecht von mir bei einem Trinkgelage geurtheilt, und d'Aubant habe sich meiner mit allzugroßer Heftigkeit angenommen. Genug, d'Aubant ist seit dem Tage unsichtbar geworden. Man vermuthct, er habe sich in Petersburg verborgen; überall wird er ausgesucht; und sollte der Bedauernswürdige ertappt werden, so ist seine Verweisung nach Sibirien unvermeidlich. Kaum sprach ich den Namen des unglücklichen d'Aubant ans, so warf der Großfürst einen fürchterlichen Blick auf mich, und befahl mir, zu schweigen. Ich gehorchte mit Zittern. Nie hatt' ich ihn so gesehen; nie hat ein Mensch jemals so zu mir geredet. Ich wollte mich entfernen. „Wohin?" schrie er, ergriff mich beim Arm und schleuderte mich mitten ins Zimmer zurück: „Ge- wiß wieder zum Kaiser, um mich bei ihm anzuschwärzcn, daß ich seine Vorwürfe überall und vor aller Welt hören muß! Aber, Madame, ich bin dieser Kabalen satt, und verbitte mir'S ernstlich und ein- für allemal, daß Sic nicht ferner sich bemühen, den Haß des Kaisers gegen mich zu vermehren/' Zch konnte nicht antworten. Ich schluchzte und streckte meine Arme gegen ihn ans. Er achtete nicht darauf, sonder» fuhr fort, mich zu bedrohen. „Wehe Ihnen!" rief er, „wenn cS Sie gelüsten sollte, mich beim Kaiser zu verklagen. Zch schwör' eS Ihnen, dann werd' ich anders mit Ihnen sprechen." „Wer aber," crwicdcrtc ich, „wer war boshaft genug, mich bei meinem Gemahl so zu verleumden? Und hält' ich die gerechtesten Ursachen, zu klagen, so würde dennoch kein Wort wider den Gemahl über meine Lippen gehen." „O!" schrie er: „Zch weiß Alles! Sie brennen sich nicht rein. Zch habe noch der Freunde mehr, als der Kaiser und seine neucrungSsüchtigcn Ausländer glauben. DaS merken Sie sich. Es werden aber noch einmal andere Tage kommen. Nur Geduld!" „Ich bitte nur um die einzige Gnade," versetzte ich, „nennen Sie mir diejenigen, welche behaupten, daß ich Sie bei Sr. Majestät angeklagt habe! Bin ich schuldig, so bin ich Ihres Hasses werlh; bin ich unschuldig, o so verstoßen Sie die Liebe Ihrer Gemahlin nicht. — Erlauben Sie also, daß ich mich wenigstens vor Ihnen rechtfertige gegen jeden Verdacht!" Er befahl mir nun wieder, zu schweigen, und wiederholte seine Drohungen mit noch Herbern Worten, falls ich dem Kaiser wieder plaudern würde. Thränen verhinderten meine Stimme. Ich konnte nichts, als stumm meine Arme gegen ihn ausbreite». Ich wollte mich an seine Brust werfen, und an seinem Herzen Zuflucht gegen meine Verleumder suchen. — Er stieß mich mit einer Heftigkeit, mit einem Ungestüm von sich, daß ich zu Boden gestürzt sein würde, 45 hätte ein vorstehender Sessel es nicht verhindert. Ich schlug aber gegen die Wund mit der Stirn, daß sie verwundet aujschwoll. Der Großfürst achtete nicht auf mich, sondern verließ das Zimmer und schmetterte die Thür wüthend hinter sich zu. Ich lag lange betäubt im Lehnstuhl; alle meine Sinne waren ln dumpfer Thätigkeit, wie in einem Fieber. Erst nach und nach entnebelte sich Alles, und ich übersah das Fürchterliche meines Zustandes. Eln Thräncnstrom machte meinem gepreßten Herzen Luft. Ich wollte mich zerstreuen, um meinen Schmerz vor fremden Augen verbergen zu können. Ich ging durchs Zimmer; aber meine Knie sanken unter mir ein. So auf dem Teppich des Fußbodens daliegend, streckte ich meine Hände zum Himmel und flehte den barmherzigen Gott um Rettung an, oder um Kraft, mein Vcr- hängniß mnthvoll zu ertragen. -O Julie, wie groß und schön ist die Kraft des Gebets! — Welche Seligkeit liegt schon in dem Gedanken an Gott allein! Wenn weit umher uns Alles verläßt, wenn Menschen ihre Brust verschließen gegen unsere Leiden, wenn jede Hoffnung unter dem Gewittersturm des Lebens zusammenbricht, wenn wir einsam stehen mit unfern, Schmerz in der weiten Schöpfung — dann, Julie, ein Blick auf den, der nnscrn Schmerz versteht, und es ist uns schon geholfen. Er war'S, der uns in seine Welt gerufen; er ist'S, zu dem allein die gequälte Seele Zuflucht nehmen kann. Gestärkt erhob ich mich, und muthiger und heiliger, als vorher. Erstorben war in mir nun alle Leidenschaft, und aller Groll um die erlittene Schmach. — Gott klagte ich sic; — dir nenn' ich sic. Aber tröste mich nicht, Julie, denn ich bin schon getröstet! Ich schellte meine» Kammerfrauen. Sie erschienen. Ich bemerkte, daß sie vor meiner Gestalt erschraken. Ich nannte die Verletzung meiner Stirn eine Folge meiner Unvorsichtigkeit, ließ 46 allen Besuch verbitten, und nahm, da mir nicht wohl war, nur den Besuch des Arztes an. Sieh, Julie, so steh' ich nun da — fern von dir, von meinen Acltern, in einem femden Lande, ungeliebt von den Nüsse», gehaßt und mißhandelt Von meinem Gemahl, ohne Jemanden, dem ich mich vertrauen darf, ohne Aussicht erträglicher Tage. Schreibe mir bald. Schildere mir dein Glück. In dem Gemälde deiner Freuden erhebt sich meine Seele wieder; ich vergesse meinen Gram und lebe dann nur in deinem Himmel. O, wie gern würd' ich mit der ärmsten Bäuerin deines Dorfes tauschen, wenn ich nur in Deutschland, nur in deiner Nähe, unter deinem Schutze wohnen könnte! Der Chevalier d'Aubant an Laurent Bellislc. VillierS, 25. Juli 1715. „Den Mnth nicht verlieren?" — O mein Bclltsle, wie nrthci- len Sic von Ihrem d'Aubant! — Schüchtern im Schoos der Fortuna, aber muthvoll, wenn Noth und Tod gegen uns im Felde liegen! Das ist so mein Wahlsprnch. Nun ja! mein Vermögen ist dahin — rein verflogen, oder vielmehr, ich habe nie Vermögen gehabt! Ich habe gerechnet mit den Gläubigern meines Vaters, Altes ganz ausbezahlt. Güter, Hecr- dcn und Fahrhabe, Alles ist verkauft. Der mir bleibende Rest von den glänzenden Herrlichkeiten und Herrschaften meiner Ahnen besteht netto in scchsunddreißtgtausend Livres, und kein Sou darüber und darunter. Wenn's mir wohl geht, bring' ich das Kapitälchen zu fünf Prozent unter, und habe dreihundert Thaler jährliches Einkommen; — der ärmste Dorfpfaff hat mehr für seine Messen. Ich begreif' cs wohl, cs läßt sich damit nicht figurircn — ich ->7 wurde wahrlich den Ritter von der traurigen Gestalt machen. — Ich soll meinem Stande gemäß leben, darf kein Handwerk treiben, darf nicht dreschen, darf nicht krämern — zu betteln schäm' ich mich. Ich bin inzwischen lange nicht so froh gewesen, als jetzt. Noch vier Wochen darf ich !m väterlichen Hanse wohnen, dann zieht der neue Eigcnthümer förmlich ein. Er läßt schon jetzt überall ans- bcsscrn, sägen, putzen und lärmen in alle» Ecken. Dieser neue Eigenthümcr ist ein großer, dicker, guter Mann, Namens Mail- lard, der sich als Kaufmann eine runde Summe znsammenspckulirt hat, und keinen andern Fehler zu haben scheint, als den, daß er weiß, er sei reich, und nun gern den Großmüthigcn, den Gönner und Patron spielen will. Er bot mir, auch wenn er cinge,zogen sein würde, mit recht vornehmem Anstande Wohnung bei sich; ich aber, ungeachtet ich noch nicht weiß, wohin ich mein Haupt legen soll, schlng'S natürlich aus. — Arm sein, BelliSlc, thut nicht Weh; aber Protcktionsmiencn begüterter Wichte, denen der Himmel das liebe Geld im Schlaf zuschüttcte, ProtektionSmicnen reicher Wichte, die unterm Himmel kein Verdienst haben, als den vollen Kaste» — o Bellisle, die schmerzen. Ja, Bellisle, ich wollte mir lieber, wenn ein Zufall meine paar tausend Livres und meine gesunden Gliedmaßen verschlänge, das tägliche Brod von Haus zu Haus bei unfern Bauern zusammenbcttcln, als Pensionen von Leuten mit Gönnermienen nehmen. Was tst's denn mehr? Ich bin arm, aber mir ist'« wohl dabei. Was ich bin, ward ich ohne mein Verschulden; was ich werden werde, soll der Zeuge meiner Kraft — eigene Schöpfung sein. Nicht die Armuth ist'S eigentlich, die den meisten Menschen beschwerlich fällt zu tragen, sondern der unbefriedigte Wunsch ihres Ehrgeizes. Sie wollen in Hähern Sphären schimmern. Brod und Wasser schmecken so übel nicht, aber darüber ertappt zu werden, das ist den Leuten bitter. 48 Armuth ist das Element der großen Geister, die Mutter der Weisheit, die Erzieherin der Menschheit, die Erfinderin aller Kunst und Wissenschaft, die kühne Wcgweiserin über Ozean und Gebirge, die Priesterin des bessern Lebens. Neichthum erschlafft Leib und Seele, lähmt den Flug des Geistes, erstickt und tödtct ihn mit Sinnenlust, entartet Völker, zeugt unerhörte Krankheiten, unerhörte Begierden, unerhörte Laster. Der Arme ist reich an Hoffnungen, an Entwürfen; sein Leben stiegt vorüber unter Gedanken und Ahnungen, die der Reiche nicht kennt. Ihm mangelt die Muße, fich selbst zu quälen. Jede Blume, jede Frucht, jeder freundliche Blick ist ihm ein neues Gut. Die karge, selbstverdiente Mahlzeit ist ihm eine Schwelgerei; der süße Schlaf mit goldenen Träumen erfüllt. Armuth führt uuS an die Brust der Natur zurück; Neichthum leitet uns zur Unnatur, zum Rangstreit, zur Unempfindlichkeit, zu weibischen Gelüsten. Sehen Sie, Bcllisle, ohne daß ich'S wollte, machte ich der Armuth eine Lobrede. Aber mit dieser ist'S mein ganzer Ernst. Der Reiche fühlt nur, was er hat, der Arme aber, was er ist. Auch ich empfinde zum erstenmal lebhaft, was ich bin, und dies Gefühl macht mich stolz und froh. Der von der vornehmen Welt so geheißene „Bettclstolz" ist oft der edelste und ehrwürdigste Stolz, den ein Sterblicher nähren kann. Es ist die richtige Würdigung des wahren und falschen Werths, der wesentlichen und zufälligen Güter — Verachtung todter Titel, bordirter und gefrauzter Kittel eitler Gecken, gefüllter Kiste», wohlgcmästcter Dümmlinge, und Hochschätzuug der stillen Tugend, ohne Glanz — des Verdienstes ohne Prunken — der Weisheit ohne Charlatancric. Sie fragen, was ich ansaugen werde? — Ich gehe in einigen Wochen nach Paris. Ich zeige mich meinen Verwandten; zeige mich den Ministern. Ich habe einige Kenntnisse, bin erfahren, man kann mich gebrauchen — ich werb' um eine Civil - oder Militär- 4S stelle, fei die Einnahme auch noch so gering. Ich Witt mit Brod und Wasser mich begnügen, aber thätig, nützlich sein. Und wenn'S dann manchmal einen trüben Tag gibt — nun dann, Bcllisle, seh' ich auf den Abgott meiner Träume — und ich bin wieder froh. Eine Welt, die solch ein Engel bewohnt, muß doch die beste Welt sein. Die Gräfin Königsmark an Gräfin Julie B. Petersburg, 2. September 1715. So traurig immerhin der Anlaß sein mag, wünsch' ich mir doch Glück, den Fade» der Bekanntschaft mit Ihnen, Frau Gräfin, anspinnen zu können; mit einem Frauenzimmer, dessen Geist, dessen Seelengütc wenige Ihresgleichen haben müssen, da selbst 'unsere geliebte Großfürstin Christine nie ohne Bewunderung von Ihnen spricht, und bei der Nennung Ihres Namens selbst auf dem Krankenbett ihre Blicke vom schönen Enthusiasmus der Freundschaft glänzen. Ja, unsere angebetetc Fürstin ist krank. Auf Befehl derselben muß ich die Feder nehmen, um Ihnen dieses und damit die Ursache anzuzeigen, warum unsere gnädige Fürstin Ihre verschiedenen, freundschaftSvollcn Briefe nie beantwortet seit einigen Monaten. Sie hatten das Glück, die Jugendgespielin derselben zu sein; Sie blieben ihre einzige und gelicbteste Vertraute. Ich ward nur durch die schrecklichsten Unfälle zum Rang Ihrer Nebenbuhlerin erhoben, oder zum Mittel, die vertraulichen Unterhaltungen unserer erhabenen Freundin mit Ihnen fortzusetzen. Die unangenehmen Verhältnisse derselben mit ihrem Gemahl, dem Großfürsten Alcris, sind Ihnen nicht mehr unbekannt. Aber schwerlich werden Sic wissen, welche unendliche Aufopferungen die Großfürstin machte, um sich die Huld ihres Gemahls zu erwerben, Zsch. Rov. vu. 2" 50 mit welcher EngelSsanftmuth sir seine unverdiente Harte trug; welche unbeschreibliche Geduld sie seiner unversöhnlichen Grausamkeit entgegensetzte; wie sic ohne Unterlaß immer seine erste Fürsprecherin bei Sr. Majestät dem Kaiser war, wen» dieser dem Sohn mit den Ausbrüchen seines furchtbaren Zorns drohete; wie sie voll rührender Ergebenheit ihren Gemahl mit Wohlgefallen überhäufte, während sic von ihm die kränkendsten Mißhandlungen duldete. Wohl glich sie der Balsamstaudc, welche die mörderische Hand noch mi! ihren Wohlgcrüchcn bethaut, von der sic geknickt wird. Aber jede Liebkosung, jede Thräne, jede Wohlthat blieb fruchtlos, des Czarewitz Herz zu rühren. Geschenke, welche er aus den Händen seiner reizenden Gemahlin empfing, Arbettcn, die sie selbst für ihn in einsamen Stunden geschaffen, gab er in gleicher Stunde an seine Finnländerin, die nicht erröthcte, mit den schönen Arbeiten der Großfürstin öffentlich geschmückt zu erscheinen. Feste, die sie ihrem Gemahl zu Ehren veranstaltete, wurden entweder von ihm nicht besucht, oder nur Gelegenheiten, diejenige mit schmerzlichen Kränkungen zu beladen, die Alles einzig und allein für ihn that und war. Wer die hartnäckige, wilde Denkart des Czarewitz kennt; wer seinen Haß kennt, welchen er thcils durch seine vom Kaiser ins Kloster verstoßene Mutter, theils durch diejenigen, welche ihn während der öfter» Entfernung des Kaisers umgeben, gegen alle dessen Unternehmungen cinsog; wer da weiß, daß er ans eben der Ursache die schöne und geistvolle Prinzessin von Wolscnbüttel haßte, weil sie ihm von der Hand seines Vaters zngcführt ward — der hofft nicht mehr auf Aussöhnung dieses unglücklichen und erlauchten Ehepaars. Der Czarewitz, täglich in der Gesellschaft verdorbener Menschen, ohne Erziehung, ohne Grundsätze, ohne Kenntnisse — täglich seine Geisteskräfte durch unmäßigen Genuß des Branntcwcins zerstörend, wird täglich ausgelassener, roher, tyrannischer. Nichts, als seine nur allzngerechte Furcht vor dem Kaiser, seinem Vater, hält ih» von größer» Ausschweifungen zurück. Unter solchen Verhältnissen bleibt der leidenden Großfürstin keine andere Hoffnung, als durch förmliche Scheidung von ihrem Verfolger getrennt zu werden, oder mit Gelassenheit das gual- reichste Leben ihrem Grabe entgegen zn tragen. Der Czarewitz hat es ihr selbst mit schrecklicher Freimüthigkeit gestanden, daß er sic eben so lange verabscheuen würde, als sie seine Gemahlin wäre. Er deutete ihr selbst an, daß er die Trennung dieser Ehe von Herzen wünsche, aber von der Unbiegsamkeit des Kaisers nimmermehr die Einwilligung zu erhalte» hoffen dürfte. Die Großfürstin hatte die Gnade, mir ihr Vertrauen zu widmen. ES sollte ein leiser Versuch gemacht werden, die allfälligcn Gesinnungen des Kaisers über die Scheidung zu vernehmen. Ich wandte mich an de» Fürsten Menzikoff, um durch diesen Liebling des Monarchen denselbeu zu erforschen. Die Gelegenheit dazu erschien. Menzikoff warf mit seiner ihm cigenthümlichen Gewandtheit einige verlorne Worte hin. Diese aber reizten den Zähzorn des Czarenjin einem so fürchterlichen Grade, daß Menzikoff nie wieder für einen ähnlichen Versuch Math behielt. „Wehe dem Aleris!" rief der Kaiser: „Wenn ich diesen Un- gerathenen, diesen Widerspenstigen, diesen Unwürdigen, der täglich tausend Mal des Vaters Herz bricht, wenn ich ihn bisher mit wohlverdienter Strafe schonte, so ist's aus Lichtung und Liebe für seine Gemahlin. Weh' ihm, wenn dieser Engel einst ihm fehlt! " Ungeachtet Menzikoff dem Kaiser feierlich schwor, daß der Gedanke von einer Scheidung nie in die Seele des Großfürsten gekommen, daß es nur eigener Einfall gewesen, schien jener doch den Argwohn beibchalten zu haben. Wenigstens sprach dafür die härtere Begegnung seines Sohnes von jener» Tage an, welche den Großfürsten bis zur Raserei gegen seine Gemahlin erbitterte. Machen Sic sich »un darauf gefaßt, theuerste Gräfin, noch das Entsetzlichste zu erfahren. Man hat einen Versuch gemacht, die Großfürstin durch Gift aus der Welt zu schaffen. Zum Glück ist die Frevelthat nicht ganz gelungen. Die Großfürstin hat nur sehr wenig von der vergifteten Suppe genoffen; die zufällige Ankunft des kaiserlichen Leibarztes in gleichem Augenblick, da die Fürstin die Wirkungen des Giftes empfand, die Schnelligkeit, mit der er das Nebel entdeckte, und die Kraft feiner Gegenmittel, verhüteten das größte Unglück. Alles ward mit dem tiefsten Gehcimniß behandelt, und soll es bleiben. Die Gesundheit der leidenden Großfürstin kehrt zurück. Vielleicht genießt sie schon in einigen Wochen das Vergnügen, Ihnen selbst wieder schreiben zu können. Nie erschien an allen Höfen Europens eine liebenswürdigere und unglücklichere Fürstin; nie ein Weib, welches durch Schönheit und Tugend und Geistesgröße des schönsten MenschenlooseS werthcr gewesen, und es minder empfangen hätte, als sie. Ich gestehe Ihnen,, daß ich in Verzweiflung bin, und rathlos. Der Kaiser läßt sich nicht cinreden, der Großfürst sich nicht verwandeln, und die Unschuldigste, die Edelste unserS Geschlechts wird das Opfer dieser Verhältnisse. Nicht ein einziges Mal hat der Czarewitz seine Gemahlin, während der Krankheit, eines flüchtigen Besuches gewürdigt; nicht ein einziges Mal den Anstand nur so weit beobachtet, nach ihrem Befinden fragen zu lassen. Denken Sie sich noch hinzu, daß die Großfürstin in einigen Monaten ihre abermalige Niederkunft erwartet. Ich beschwöre Sie, wenn Sie uns vielleicht durch einen glücklichen Gedanken in dieser peinlichen Lage rathen können, säumen Sie nicht. Ich sehe keine Hilfe — diese Heilige wird früher oder später durch namenlose Barbarei zu Grunde gerichtet. — Bereiten 5Z Sie sich daher immerhin vor, cinsi daS Schrecklichste erfahren zu muffen. Chevalier d'Aubant an L. Bellisle. Paris, 2. Oktober 1715. Acht Wochen lang, mein geliebter Bellisle, tret' ich mm schon das Straßenpflastcr von Paris; laufe von der Morgenfrühe bis zur Mitternacht; gähne halbe Tage lang in den Vorzimmern der Großen; schreibe »nterthänige Vorstellungen und Sudplikcn; lasse mich mit Hoffnungen und Möglichkeiten, mit Achselzucken und theilnehmenden Mienen abspeisen, bin und bleibe nach wie vor der arme, amtlose Chevalier d'Aubant, und lomme keinen Schritt weiter. Man lobt meine Arbeiten, man findet Talente an mir — »nd das ist Alles. Kommt's bei einer erledigten Stelle zur Wahl, siche, da springt ein Anderer rüstig vor, und pflanzt sich hin, wo ich sitzen möchte — und immer ein Anderer, dem ich vielleicht an Kenntnissen, an Thätigkeit, an Güte des Willens gleich, auch wohl zehnmal überlegen wäre. Ach, ich weiß es wohl, was mir gebricht. Schmücke dich mit Salomons Weisheit, mit des Seraphs Tugend, und vereinige in dir die Gelehrsamkeit aller Akademien, du wirst nichts mehr sein und gelten, als eine kostbare Denkmünze, die aber im Handel und Wandel des Lebens nicht gangbar und bräuchlich ist. Gold ist der Firniß, welcher der Tugend erst Glanz, der Weisheit erst Ansehen gibt. Gold ist die moralische Nniversaltinktur, unter welcher sich Koth in Perlen, Albernheit in Grazie, Feigheit in Heldcnthum, Kleinigkeitskrämerei in Geistesgröße verändern. Nun denn, die Universaltinktnr fehlt — ich muß mich also ergeben. 54 „Aber Ihre Verwandten, Ihre Freunde in Paris!" werden Sie sagen. Ach, lieber Bellisle, diese lieben Leute sind unendlich gütig, Sie laden mich zu ihren Festen ein, wo sie mit ihrem Uebersiuß schimmern können; sie würden ein paar Tausend Thaler in einer einzigen Mahlzeit verschwenden, ohne es-sich gereuen zu lassen; aber einen wahrhaften Dienst zu leisten, wo cs nur um einfache, schlichte, biedere Thai zu thun ist — daran denkt keine Seele, So sind die Menschen; aber wer ändert sie? Und was nun weiter beginnen? — Ich weiß es nicht. Ich bin so verlassen, daß es mir selbst an Rathgebern fehlt; und guter Rath ist doch das Wohlfeilste Inder Welt, womit selbst der Geizhals verschwenderisch sein kann. Doch nein, ich will nicht ungerecht sein. Mein alter, getreuer Knecht Claude, der mich nie verließ, und den ich nie verlasse, gibt mir alle Tage neuen Rath, und wird nicht müde damit. Bald meint er, ich soll bei irgend einem Regiment Oberster, oder wenn auch nur Hauptmann werden; bald in die Lotterie setzen, bald Mitglied des königlichen Staatsrathes werden, bald eine reiche Wittwe mit zehn Landgütern heirathcn. Heut' — ich hatte kaum meine schmale Mahlzeit beendet — kam er vollen Sprungs gelaufen, und ries: „Herr Hanptmann! gute Nachricht! jetzt wollen wir der ganzen Welt ein Schnippchen schlagen," „Daraus wird sich die ganze Welt nichts machen!" versetzte ich „Wollen Sie ein Marquisat, eine Baronie, ein kleines oder- großes Fürstenthum?" „Wenigstens ein großes!" „Nun gottlob, Herr Hauptmann, daß Sie das nur wollen; so ist uns denn Allen geholfen. Machen Sie mich dann zu Ihrem Minister, oder zu was Sie wollen, denn ich bin Ihnen doch immer 65 der Nächste gewesen: und einen treuer» Menschen finden Sie unter Sonne, Mond und Sternen nicht wieder, als Ihren Claude, Ihre Pferde sollen die prächtigsten sein, tausend Meilen in der Runde. Lassen Sie mich nur dafür sorgen," „Aber wo ist mein Fürstcntljum, Claude? „In der neuen Welt, Herr Hauptmann; da — warten Sie — ja, — am Mississippi, in dem großen Königreich Louisiana, nicht weit von Amerika, Alles läuft jetzt dahin. Ich habe mit sechs» zehn Familien gesprochen heut' an der Wirthstafel; sie kommen weit her; es sind sogar Deutsche und Schweizer darunter. Alles geht nach der Louisiana, Man bekömmt dort so viel Land, als man nur will, ohne einen Sou dafür zu zahlen; macht sich so viel Sklaven, als man Amerikaner findet, und kann leben, wie ein König," „Du bist ein Narr, Claude," „Wahrhaftig aber ein Narr, der nicht mit Gold aufzuwiegen ist, Der Schiffskapitän de Blaizot wohnt in der Straße Richelieu, Nummer 595, im zweiten Stock, Er macht Werbungen für die Louisiana, Bei ihm muß man sich melden. Er hat die Landkarte auf dem Tisch, und theilt jedem, der zu ihm kommt, Besitzungen darauf aus. Wenn Sie erlauben, geh' ich ohne anders zu ihm, und nehme für uns eine ganze Provinz in Beschlag, da cs doch ein Fürflenthum geben soll. Ich bitte Sie, Wasser, Kalk, Waldungen umsonst: es fehlt nichts, so viel Städte frisch aufzu- bauen, als ganz Frankreich hat — nichts, als der Wille fehlt." „Den Willen Hab' ich wohl," „Nun, Herr Hauptmann, so haben wir gewonnen Spiel. Bedenke» Sie, Herr Hauptmann, was das sagen will, eine ganz neue Welt! noch total neu und nicht zum hundertsten Theil so abgenutzt und verbraucht, wie unsere alte Welt hier zu Lande, In der Erde liegt dort gewiß das baare Gold klumpenweis bei- sammen; die Bäume sind dort so groß, daß unsere dickste Eiche nur ein Ast an solchem Baum sein würde. Das habe» mir die Leute selbst gesagt. Hier kann man sich für sein baares Geld kaum satt essen; das Menschengedränge ist zu groß. Dort sind eigentlich noch wenig Menschen; Alles muß daher spottwohlfeil sein. Mit einem Livre stell' ich dort Bankette an; mit zwei Livreö baue ich mir einen Palast, der sich »eben den Tuilerlen sehen lassen darf. Für einen alten eisernen Nagel geben mir die dummen Wilden einen Kochtopf voll ungeprägter Dukaten; für eine Pfeife Tabak, für ein Stückchen Spiegel bekomm' ich mehr Leibeigene, als ich will. Sie müssen nur wissen, Herr Hanptmann, die Wilden kennen das Alles noch nicht! nur eine alte blinde Fensterscheibe gilt bei ihnen schon für ein Juwcel. Aber, wie gesagt, wir müssen eilen, eh' Andere kommen und sie klüger machen. In meinem Leben sollte man kein Volk aufklären und gescheut machen, wenn ehrliche Leute dabei einen Schnitt für sich machen möchten!" So schwärmte mir Claude eine ganze Stunde lang von den Herrlichkeiten in Louisiana vor, und ich lachte mir fast Kopfweh an. Es ist gewiß, daß Kapitän Blalzot Kolonisten für Louisiana wirbt, und daß die Herren Werber es nicht an Aufschneidereien mangeln lassen, Menschen in ihr ödes Kanaan zu locken. Für heut' beruhigte lch meinen glückstrnnkencn Staatsminister Claude mit dem Versprechen, de» Kapitän morgen selbst zu besuchen und mir mein Fürstcnthum mit eigenen Angen anSznwählcn. Morgen hat Claude aber gewiß schon einen andern Plan. Und lch, wie er! Der Mensch ist nicht so froh durch das, was er besitzt, londern durch das, was er hofft. Und so bin ich froh, wie ein Gott! Kümmern Sie sich, geliebter Bellisle, meines Schicksals wegen nicht. Ein gesundes Herz in gesunder Brust, ein freier Geist im freien Körper — diesen gehört die Welt an. 57 Schon sei Langem fehlen mir von Petersburg alle Nachrichten. Umsonst durchblättere ich alle Zeitungen und suche unter den Artikeln Rußland. Keiner nennt die Ncnncnswürdigste des Nordens; nur meine Träume erzählen mir. Bald muß sich mein Horizont erhellen. Der Winter rückt heran, ich muß wähle». Die Großfürstin an Gräfin Julie. Petersburg, 5. Oktober 1715. Das erste Opfer meiner wiedergekehrten Kräfte wird.hir, geliebte Julie, gebracht — vielleicht auch ist's das letzte; und wär' cs, o so klage nicht, sondern wünsche deiner Freundin Glück, daß sie bald ihr Ziel errungen. Die gute Königsmark hat dir meine Krankheit und deren Ursache gemeldet. Du weißt'S, daß mir nach dem Leben getrachtet wird — ich aber weiß, daß es mir endlich unmöglich wird, den Nachstellungen meiner Meuchelmörder zu entrinnen. Und wer bürgt mir dafür, daß nicht jetzt schon wieder ein geheimes, langsames Gift durch meine Adern schleicht? Niemand, als die Königsmark und du und meine bekannten Mörder wissen von dem schrecklichen Ereigniß. Einer meiner Köche ist seitdem unsichtbar geworden. Ich will ihn nicht verfolgen; den Bösewicht verfolgt die Erinnerung seiner That. Ich fühle das nahe'Ziel meiner Laufbahn. Ich sehne mich nach ihm. Ein solches Leben zu verlieren, ist Gewinn. O Julie, wie umgewandelt ist das Alles, seit wir beide von einander schieden! Ach, hätt'ich's ahnen können damals, ich wäre im Schoose meiner schönen Heimath gestorben. Ausgerüstet mit Sinn für jede Schönheit der Natur, entzückt von jedem kommenden Frühling, begeistert schon durch jene rührenden Schilderungen, ! t 58 welche Reisende und von der Majestät der Alpen, von dem Zaubcr- land Italien gaben, sehnt' ich mich mit unaussprechlicher Begier, nur einmal jenen Wundergarten des Erdballs scheu zu dürfen — mein Wunsch blieb unerfüllt. Die willenlose Fürstentochter ward auf ewig in die kalten, traurigen Wildnisse au den entlegensten Enden unserS Wclttheils verbannt, wie aus dem Paradiese in das Land, worauf des Schöpfers Zorn hastete. Mit einem Herzen, welches voller Schwesterliebe sich an jedes Wesen schloß, und immer Liebe forderte, verwies das Schicksal mich zu Halbbarbaren, die nur rohe Instinkte kennen, mich nicht verstehen. Ich sehe sie zu Mord und Hader eifrig, und nur vergnügt, wenn berauschende Getränke ihren Verstand verwirren. Noch sind sie von den umhcr- schweifcnden Tataren durch nichts geschieden, als daß sic zur Kennt- uiß eines geringen Theils vom LuruS des gebildeten Europa's gelangt sind. — Könnt' ich Beherrscherin dieser Wilden sein, ich zöge den Stand der ärmsten Unterthanen im freundlichen Deutschland vor. Ich mußte abbrechen. Meine Kräfte verließen mich. Aber ich nehme die Feder wieder, theuerste Julie, um dir das Lebewohl zu sagen. Dies Blatt soll dir der stumme Zeuge meiner Treue sein, die mein Herz an dich knüpft, bis der Tod cs bricht. Wohl ist'S der Zeuge — nur ein letztes, unverständliches Stammeln — Zeuge meines AbsterbenS, daß ich selbst davor erschrecken möchte. Denn in mir glühen noch tausend Gefühle; ich möchte sic dir noch nenne»; aber ich bin gelähmt. Ich streue nur todte, kalte Worte auf dies heilige Blatt. Es ist mein Winter da. So steht die ewige Sonne in sich glühend, dunkel schimmernd hinter falben Dezemberwolken; statt der erwärmenden Strahlen vom Himmel streut sic Schneeflocken auf die erkaltende Welt. SS Glaube mir, Julie, ungeachtet meiner Jugend scheid' ich ohne Kummer von der LebenSbühnc, wo ich überall Dornen fand, Mißtöne hörte. Ich klage nicht mit diesen Worten den Schöpfer an, sondern die Thorheit der Menschen, welche die Ordnung der Schöpfung verwirren. Aber diese Thorheit, ist sie nicht wieder eine traurige Noihwendigkeit in der Natur? Führt der Weg zur Wahrheit nicht immer erst durch das Labyrinth des JrrthumS? War'S nicht Werk und Willen der Natur, daß der Mensch unermüdlich sein mußte, sein Glück zu erweitern; und War'S beim Mangel seiner Erfahrungen seine Schuld, wenn er unter den Mitteln falsch wählte? Der Mensch, im Stande der Natur, ohne Entwickelung seiner schlummernden Kräfte, Begierden und Leidenschaften, nur noch Thier mit wenigen Erinnerungen und wenigen Hoffnungen — und der Mensch in seiner höchsten Vollendung, wo er mit gebildetem Geist, unermeßlichen Kenntnissen und erhabenen Gefühlen die einfachen Gesetze der Natur wieder lieb gewinnt, und den Despotismus zerstört hat, welchen die gesetzgebende Leidenschaft übte — nur diese sind glücklich. Alles, was zwischen diesen beiden wandelt, die ungeheure Masse der Halbwilden — und von den Ufern des Tajo bis zum Ladoga, seh' ich nur diese Halbwilden — ist elend durch Verwirrungen, durch Unnatürlichkeitcn, durch Widersprüche seiner Begierden und Ordnungen mit den unbeugsamen Geboten der Natur. Ach, Julie, vielleicht verstehst du mich nur kaum. Ich deute aus der Ferne nur bloß auf meine Todeswunden. Erhebe dich mit mir über das rege Getümmel der armen Sterblichen , und beobachte ihr Wirken und Treiben! Was erblickst du? — Sieh', überall Seufzer, überall Thränen, überall Sorge und Kummer! Wie sind der Glückseligen so wenig! Sie leben nur einzeln und einsam, und hüten sich Wohl, der Berührungspunkte mit der Welt zu viel zu haben. Darin ist Alles nur eine Stimme, daß der Glücklichen wenige sind; ja, die Leidenden kennen sogar die Ursache ihres Elends. Aber wer wagt den großen moralischen Aufruhr, welcher die Welt von ihrem Jammer befreit? Wer hat Mnth genug, die Fesseln ab- znwerfen, die ihn hindern, einzutretcn in sein Paradies? Wer kündet dem grauen, allmächtige» Vorurtheil Krieg an, und stiftet Versöhnung des entarteten Menschengeschlechts mit der Natur? Mustere die selbstgcschaffenen Verfassungen und Ordnungen der Sterblichen — sind es nicht Werke der vernunftwidrigsten Begierden?— Mustere ihre Heiligthümcr, vor denen sic anbctcnd knien: sind es nicht wahnwitzige Vorurtheile? Um ihren Göttern angenehm zu sein, trennen sich Männer und Weiber, entsagen sic mit blutenden Herzen den heiligsten und schönsten Gefühlen; verdammen sic sich in Klöster zu ewigen Kerkern, zu Arbeiten, welche weder dem Himmel frommen, noch der Erde, und die Mächtigen des Erdballs schirmen die Barbarei, vor der der rohe Naturmensch, wie der vollendete Weise schaudert — und nennen es ein heiliges, gottgefälliges Leben. Andere, um sich Wohnungen in den Gefilden einer bessern Welt zu bereiten, bezeichnen ihre Bahn zum ewigen Leben mit Strömen Brüdcrbluts. Den Dolch in der Faust und Gott ans den Lippen, verfolgen sie den Mitbürger, der ihren Glauben oder ihre Hirn- gespinnste nicht theilen will. Selbst da, wo Völker sanftere Sitten angenommen haben, und Religionskriege verabscheuen, crröthen sie nicht, mit christlichem Erbarmen Andersgläubige zu Haffen, und sie von den Rechten der bürgerlichen Gesellschaft anszuschließeu, so weit ihr Arm reicht. Ein unersättlicher Ehrgeiz erfand die erblichen Vorrechte und Nachthcile der Geburt. — Menschen, aus gleichem Stoff gebildet, in gleiches Vaterland gestellt, zu gleichem Wohl und Weh erkoren, trennen sich in ihrem Wahnsinn, wie Wesen fremder Art, — 6l — und verachte» und verehren sich, als könnte es nun nicht anders sein. Der Edelmann blickt mitleidig auf den Bürger, der Graf auf de» Edelmann, der kleine Fürst auf den Grafen, der König auf den Fürsten herab, und jeder nennt cs Entweihung, sich mit demjenigen zu verbrüdern, an dessen Wiege weniger Titel hingen. Und die Königin und die Bäuerin, und der Taglöhner und der Kaiser neunen sich doch Alle Kinder Gottes, und vor ihm gleich, und modern im Grabe auf gleiche Weise und lassen Alle ihre Titel über dem Aschenhügcl zurück. So durch unzählige Schranken, bald durch Meinungssätze, bald durch Neichthum und Armuth, bald durch selbstgeschaffenc Vorstellungen von Ehre und Schande, bald durch weiße und schwarze Farbe der Haut, ist das Menschengeschlecht von einander geschieden, vereinzelt, ohne Liebe, ohne Freuden, stets im Widerspruch, immer wilder entartend. O, meine Julie, du begreifst nicht, was und warum ich dir dies sage! — Aber lies cs, und lies es wieder, und vielleicht steigt dir aus den Trümmern dieser Gedanken eine schöne Ahnung entgegen, wie ein Geist aus dem Grabe, der dich einst tröstet, und dir die Thränen Vom Auge trocknet, die ich dir nicht trocknen darf. Wenn ich nur einmal, ach! Julie! nur noch einmal dich sehen könnte! — Es ist mein letzter Wunsch, den keine Hoffnung krönt. Ich wollte meine bleichen Wangen an dein Herz lege», und mit dem Gedanken an die schönen Tage meiner Kindheit sterben und übergehen zur neuen Kindheit des zweiten Lebens. — Weine nicht, meine Einzige! — Früher oder später, wenn die Gewalt des Himmels nicht meinen Willen bricht, werde ich wieder vor dir erscheinen — nicht ich selbst, aber mein Geist! Er soll zu dir reden, ach! und vielleicht werd' ich deine Erwiederungen ver- 62 nehmen! — Zweifle immerhin an dieser Geistercrschcinung; aber einst will ich dich meines Wortes erinnern. Leb' wohl! — vergiß deiner Freundin nicht. Der Gedanke an deine Liebe soll mir den letzten, schweren Kampf erleichtern, und in einem seliger» Leben zu den ersten meiner Freuden gehören. Leb' wohl! — Immer werf' ich daS Blatt hin, immer nehm' ich es wieder, und die Macht meines Schmerzes hindert mich, dir, was ich leide, zu sagen. Liebe mich ewig! — Geister werden nicht getrennt. Noch eins, geliebte Julie, muß ich dir sagen. Betrachte, was ich dir anvertraue, als ein heiliges Vermächtnis; deiner Freundin. — CS sind nun. Die Gräfin Königsmark an Gräfin Julie. Petersburg, S. November 1715. Denn ich, was schon ganz Europa durch Traucrbotcn und Zeitungen erfahren hat, Ihnen erst jetzt melde, meine theuerste Frau Gräfin — o, so verzeihen Sie es meinem traurigen Gcmüths- zustande, meiner Verwirrung, meinem unermeßlichen Schmerze. Ich will Ihnen weder diesen schildern, noch Sie trösten. Die hochtelige Fürstin, die wie eine Heilige lebte, wie eine Heilige starb, und schon längst von den Vorgefühlen ihres Todes umgeben war — sie ist wohl des Opfers unserer Thräncn Werth. Nur einige nähere Umstände ihres Todes, dessen Zeuge ich war, darf ich Ihnen nicht verschweigen. Am zwciundzwanzigstcn Oktober ward ich zur verewigten Großfürstin gerufen. Ihre längst erwartete Niederkunft war schon geschehen. Sie hatte einen Prinzen geboren, der in der Taufe de» Namen Peter, und den Titel eines Großfürsten empfing. Die Nachricht von dieser Geburt erfüllte ganz Petersburg mit Freude. Nie sah man Seine Majestät den Kaiser so vergnügt. Nur ein einziger Mensch mischte seine Stimme nicht in den allgemeinen Jubel, und dieser einzige Gefühllose war, — o Sie errathen ihn wohl. Aber die öffentliche Freude ward bald durch die Nachricht vom Nebelbefinden der Großfürstin getrübt. Sie ward das Opfer ihrer langen Leiden. Als sie die Annäherung ihres Todes empfand, verlangte sie nur noch den Czar zu sehen. Sie dankte ihm für seine väterliche Huld, nahm auf ewig Abschied von ihm und ihren Kindern, die sie mit Thräncn benetzte. Sie empfahl beide dem Kaiser und übergab sie daun dem Czarewitz, ihren, Gemahl. Dieser nahm die Kinder mit sich in sein Gemach, und kehrte nicht mehr zu seiner sterbenden Gemahlin zurück, verlangte sogar nicht einmal Nachricht von ihrem Befinden, sondern begab sich auf eins seiner Landhäuser. Die Aerzte wollten die Fürstin noch überreden, einige Arznei zu nehmen; sie aber rief mit heftiger Bewegung: „Beunruhigt mich nicht länger! Laßt mich in Ruhe sterben; ich habe keine Ursache mehr zn leben!" Sie gab ihren Geist auf am ersten November. Auf ihr ausdrückliches Verlangen wurde ihr Leichnam nicht geöffnet und cln- balsamirt, sondern in aller Stille begraben *) Eben dies befahl auch ihr Gemahl, der Großfürst, welchem der Todesfall durch Eilboten gemeldet worden war. Am siebenten November wurde die Todtenfeier in der Hauptkirche begangen, mit all' dem Pomp und den Ehrenbezeugungen, welche ihrem erhabene» Range gebührten. *) Diese Nachrichten vom Tode der Prinzessin von Wölfenbiiitcl, Gemahlin des Czarewitz, stimmen wörtlich überein mit denjenigen, welche Peter Heinrich Bruce erzählt hat. 64 Der schreckliche Tag, an welchem ihr Gemahl sie mit Schlägen und Fußtritten so abscheulich mißhandelt, nnd sic ohnmächtig und im Blute schwimmend verlassen hatte — ich weiß nicht, ob Ihnen die Hochsclige jemals von solche» Ereignissen, dke leider öfters geschahen , geschrieben hat — und jener Vergistungsversuch, welcher nur durch ihre Jugendkraft und die schnelle Hilfe der Aerzte vereitelt ward, haben ohne Zweifel den größten Anlaß zu ihrem frühen Tode gegeben. Sie war kaum einundzwanzig Jahre alt! Ich enthalte mich aller Anmerkungen über diese Begebenheiten, durch welche die Tochter eines der edelsten Fürstenhäuser von Deutschland der Brutalität eines Unmenschen preiSgcgcben, und eine Prinzessin von den seltenste» Vorzügen des Geistes und des Herzens, mit deren Schönheit und deren Tugenden keine an allen europäischen Höfen wetteifern durste, unverzeihlich grausam hingerichtet ward. O wie elend ist das häusliche Leben der Großen, während, vom Glanz des Acußcrn geblendet, die Menge des unwissenden Volks sie, wie bencidcnSwürdige Halbgötter, anstaunt! — Welche Verbrechen muß oft der Purpur bedecken, welchen Abscheulichkeiten dient oft die fürstliche Krone zum Schilde gegen das rächende Urthcil der Welt! — Könnte das Auge eines frommen Bettlers in die schwarzen Geheimnisse manches mächtigen Hauses dringen, er würde schaudernd sich zu seinen verschimmelten Brodrinden wenden, und mit dankbarem Blicke seinen Bettelstab segne»! Unter den nachgelassenen Papieren der seligen Großfürstin fand ich noch einen langen, unvollendeten Brief, den sie bei ihrem Leben für Sie, meine thcuerste Frau Gräfin, bestimmt hatte. Ich lege ihn, als ein köstliches Denkmal der treten Liebe, diesem Schreiben bei. Wir wollen mit Wehmuth das Andenken der erhabenen Dulderin ehren, und über ihrem Grabe den Bund der Freundschaft schließen. 65 Chevalier d'Aubant an Laurent Bellisle. Paris, 7. November 1715. Wie sehr, geliebter Bellisle, rührt michJhre beispiclloseFrcund- schaft! —Wahrlich, eine That, wie die Ihrige, gehört heutiges Tages zu de» schönen Fabeln! — Sie treten mir und meinen möglichen Nachkommen die Hälfte Ihres großen Vermögens ab; schenken mir das prächtige Landgut bei Bordeaux, das Ihnen die letzte Erbschaft znwarf, und fordern für dies Alles nichts, als meine Einwilligung. Ich konnte, denn ich war allzubewegt, ich konnte mich nicht enthalten/Ihren Brief, diese köstliche Urkunde menschlicher Herzensgute, einigen meiner Verwandten vorzulesen. — Alle waren — nicht gerührt, sondern erstaunt. Sie wünschten mir Glück. „Hat der Mann Kinder?" fragten Andere. „Allerdings, und zwar einen Sohn und eine Tochter!" crwiederte ich. Nun war die Verwunderung noch größer. Ein alter, kinderloser, sehr begüterter Herr Vetter schüttelte bei dem Allem den Kopf, als dürfte er dem Mähr- chen nicht trauen. Er fragte hundert Dinge über Sie, und all' die hundert Dinge, wie ich endlich merkte, zielten zuletzt nur dahin, um zu erfahren, ob Sie nicht dann und wann von Geistesschwäche und Blödigkeit des Verstandes litten. Sehen Sie, mein Bellisle, so unglaublich ist Ihre That den gewöhnlichen Menschen. Alle diese Leute bilden sich auch ein, zu wissen, was Freundschaft sei. Es gibt unter ihnen einige Herren, welche poetische Sachen gelesen haben mögen, und die sich sogar über den Mangel wahrer Freunde, und die Abwesenheit zarter und großer Empfindungen bei den Menschen beklagen. Aber daß sic irgend einen, der ihnen lieb ist, beobachten sollten, ob und wo er leide; daß sie einen Theil ihres Vermögens, nur einen geringen, daran wenden sollten, den, so sie lieben, in glücklichere Verhält- Zsch. Nov. VII. 3 66 inffe zn setzen: das fällt diesen zarten, erhabenen Seelen weder wachend noch schlafend ein. Sie schreiben Ihnen die gefühlvollsten Episteln, sie schwören Ihnen Treue in Noth nnd Tod; sie heißen jeden ihren eigenen Feind, der Sic zn kränken wagt; sie vermessen sich, in den feierlichsten Ausdrücke» , ihr Blut für Sie hinzngcben, wenn die Noth es begehrt; sie wollen ihres eigenen Lebens nicht achten, wenn cs darauf ankömmt, Sie glücklich zu machen. —Aber, mein Lieber, nur kein Geld müssen Sic erwarte», und wenn ein paar hundert Loutsd'or von der Hölle nnd vom Tode loskanscn könnte»! — Alle bilden sich auch gutmüthig genug ein, wirkliche Freunde zn sein, und wahre Freunde zu haben: cs erinnert sich aber wahrlich keiner von ihnen, weder eine große FreundcSthat gethan, noch empfangen zu haben. Doch kein Wort mehr von diesen armen Sündern, die, wenn sie Geschichte edler Freunde in einem Buche lesen , oder auf der Bühne dargestellt sehen, entzückt die Hände zerklatschen, oder sich weh- muthvoll die Angen roth greinen; in der Wirklichkeit aber nicht den hundertsten Theil ihrer Habe an die Erhaltung eines treuen Herzens wenden möchten. Ja, mein geliebter Bellisle, ich danke Ihnen. Ihr Geschenk ist mehr Werth, wenigstens achte ich es höher, als wenn Sic selbst für mich das Leben geopfert hätten. Deuten Sie meine Worte nicht übel. Man wird weit leichter Menschen finden, die, hingerissen von einer schönen Schwärmerei gegenseitiger Zuneigung, ihr Leben für einander lassen, als eine Zahl solcher, die ihr Hab nnd Gut, oder auch nur einen namhaften Theil desselben, einem Freunde schenkten. Aller Enthusiasmus, nnd wenn eine seiner geheimen Quellen selbst nur Eigenliebe gewesen wäre, vergißt bald seines dunkeln Ursprungs nnd vernichtet die kriechende, gefräßige Selbstsucht. Hingegen beim Geldzählcn will kaltes Blut sein; da hat der Egoismus wieder sein Wort, nnd er wörtelt nnd kalknlirt 67 so lange, bis die schon dein Freunde gewidmeten Geldsäckc in den heimathliche» Kasten znrückkchrcn. Dann besinnt sich der zärtliche Freund auf irgend eine poetische Tirade; weint auch, wen» cS nicht zu vermeiden ist, eine bittere Thränc der Wehmuth an Ihrer Brust, und klagt die Grausamkeit des unerbittlichen Verhängnisses au. Und nun, geliebter Bellisle, am Schluß meines ewigen Geschwätzes noch eine Bitte. Ihre Güte enthob mich aller NahrungS- sorgcu, und setzte mich in den Stand, meinem Range, meinen Verhältnissen gemäß, sogar mit einigem Aufwand, leben zu können. Aber ich würde in, Besitz dieses Geschenks minder glücklich sein, als ich's jetzt bin erlauben Sie daher, daß ich's Ihnen zurückgebe, ohne Gebrauch davon zu machen. Ich behalte nichts, als die ewige Verbindlichkeit, Ihnen dankbar zu sein — ach! daß ich's sein könnte. Zürnen Sie mir nicht, daß ich Ihre Gabe zurückweisc. Wenn das Bcdürfniß mich drückte, ich würde ohne Zaudern mich an Sie wenden, und fordern; ich würde Ihr Eigcnthum als einen Theil des meinigen ansehen, so wie ich nichts besitze, was nicht Ihnen gehört. Aber ich wandte noch unter den Blüthcn meines Lebens; ich fühle meine Kraft, und ich bin noch nicht aller Mittel beraubt, mir so viel zu erwerben, als ich für die Kummerlosigkeit späterer Jahre bedarf. — Und ein Bäumchen von unserer eigenen Hand gepflanzt, gewährt uns höheres Vergnügen, als ein ganzer Wald, den uns der Zufall schenkte. Und — warum soll ich's Ihnen verbergen! — Ich liebe Sie zu sehr, als daß ich's ertragen könnte, von Ihnen in den schönsten Beweise» der Freundschaft überwunden worden zu sein. Ich fürchte, Sic weniger lieben zu können, wenn ich Sie als meinen Wohlthätcr ehren muß. Nichts darf unser Gleichgewicht stören, keiner erhaben über den andern stehen, wenn wir nicht die zarten Gefühle verändern wollen, welche bisher unsere Herzen erwärmten. 68 Und nun noch ein seltsames Abenteuer! Vorgestern, als ich durch den Hof des Louvre ging — cs war schon spät und Dämmerung — zog mich ein Bekannter mit sich zu einem benachbarten Billard. Ich fand großes Gewühl' In allen Zimmern waren die Spieltische besetzt. Ich ging von einem zum andern. „Kennen Sie den Nothrock da?" fragte mein Bekannter, und deutete verstohlen ans die Seite. Es stand nicht weit von mir ein kleiner, breitschultriger Mann, in scharlachcnem Ucberrock, dessen Farbe zu den pechschwarzen, ungepudertcn Haaren, und dem bleichen, starkknochigen Gesicht grell abstach. Er sah den Spielern gelassen in die Karte. „Ich kenne ihn nicht!" gab ich znr Antwort. „Er verläßt Sie mit seinen Augen nicht! " sagte mein Bekannter. Ich achtete dessen nicht weiter, ließ Punsch geben, und trat ins Nebenzimmer. Da fand ich den Nothrock wieder, und bemerkte wirklich, daß er mich von Zeit zu Zeit scharf mit seinen vorragcnden großen Augen anblickte. Mir behagte weder der Mensch, noch sei» Blick. Ich eilte in den Saal zum Billard; der Nothrock war auch da. Ich stellte mich vors Kaminfeuer. Mein widerlicher Beobachter pflanzte sich neben mich. Ich spann ein Gespräch mit ihm an; seine Sprache verrietst ihn als einen Fremdling. Ich würde ihn der Aussprache nach für einen Engländer gehalten haben, wenn er nicht so ein widriges Zigeunergesicht gehabt hätte. Er antwortete mir meistens sehr einsilbig. Nach einer Weile zog er plötzlich die Uhr hervor, drehte sich zu mir, und sagte: „Die Gemahlin des Czarewitz, die Prinzessin von Wolfcnbnttel, ist gestorben!" — Ich erstarrte, indem er diese Worte sprach. Er wandte sich von mir. Ichsüchte ihn in dem Gewühl. Er war verstoben. Auch hatte ihn keiner gekannt, von allen, so gegenwärtig waren; jeder sagte, er habe ihn diesen Abend zum ersten Mal gesehen. 69 Zch eilte sogleich zum Sekretär der russischen Gesandtschaft, den ich wohl kannte. Ich thellte ihm, noch zitternd vom Schreck, die entsetzliche Neuigkeit mit; ich fragte um Bestätigung oder Grundlosigkeit. Er lächelte, und sagte: „Die letzten Kuriere melden das Wohlbefinden der Prinzessin von Wolfenbüttel, und daß ihre Niederkunft täglich erwartet werde." O! ich war selig bei diesen Worten, wie ein Gott. WaS konnte auch der Nothkittel für eine Absicht haben, mir das abscheuliche Mährchcn aufznbürde»? Und wenn er mich, wie es doch sein muß, gekannt hätte, wie wußte er um das Gehcimniß meiner Brust, und was ich für die göttliche Christine empfinde? Doch der fade Spaß ist schon vergessen. Ich wünsche Ihnen, solche Zigeuner selbst nicht im Traum zu sehen. Chevalier d'Anbant an Laurent Bcllislc. Paris, 18. Dezember 1715. Wenn keiner Ihrer lieben Briefe seit sechs Wochen von mir beantwortet wurde, o so verzeihen Sic mir - ich gehörte mir selbst nicht an; — war Beute eines grenzenlosen Schmerzes, welcher mir endlich mit wohlthätigcr Gewalt das Bewußtsein raubte. Zch rang mit fürchterlichen Fiebern. Heute ist's der dritte Tag, daß ich das Bett aus einige Stunden verlassen darf. Mit matter, zitternder Hand kan» ich Ihnen meine Genesung melden, Dank sei cS dem braven Arzt, der mit mir im gleichen Hause wohnt, und dem Beistand meines treuen Claude. Sie lebt nicht mehr! O, BelliSle! die Einzige, die Göttlichste unter den Weibern — sic lebt nicht mehr. Tadeln Sie nicht meinen unmäßigen Schmerz; — nur wenn ich mich ihm ganz überlasse, ist's mir erträglicher. 70 Ich mag, ich kann Ihne» nicht erzählen, wie ich litt, seit ich die unglückliche Zeitung in die Hand nahm, und die ausführliche Nachricht vom Tode der Großfürstin laS; wie ich an Claudel Arni bewußtlos über die Straße nach meiner Wohnung zurücktaumelte, wie ich da entkräftet zusammensank und bald alle Bestnnnng verlor. Seit ich Christinen in ihren väterlichen Hainen zum erste« Mal gesehen, lebte ich, alhmcte ich nur für sie. In meinem Wesen war eine wunderbare Veränderung ergangen; die ganze Welt war mir um dieses ihres schönsten Schmuckes Wille» reizender geworden, und jede Erscheinung der Natur bedeutungsvoller. Sie mir zu denken in der Glorie unaussprechlichen Liebreizes, sie mir gegenwärtig zu denken bei den wichtiger» Augenblicken meines Lebens, im Hintergründe aller meiner Träume auch den beseligendsten schimmern zu sehen, einst wieder in Deutschland oder Rußland mich ihrem Hofe nahen, in ihren Diensten leben zu dürfen, — das war mir Alles Bedürfniß geworden, und Bedingung meines Handelns und Denkens, wie das Leben selbst. Liebe — was man nur im Umgang mit Weibern Liebe heißt — war meine Empfindung nicht. Es war ein unendliches Entzücken in der Erinnerung des Heiligsten und Schönsten, was je in den Wunderkreis der Schöpfung trat. Und nun mußt' ich alle ineine Hoffnungen so Plötzlich auSlöschen, und an das Bild meiner Heiligen de» Gedanken an das Vergängliche knüpfen, an Tod, an Verwesung . . . Ach, BclliSle! die große Verwandlung mit inir ist geschehen. Hinter mir liegt verschwebend der Lenz meines Daseins, und vor mir der ewige Winter. Glanz und Anmuth sind aus der Natur; ich lebe für nichts mehr, als für den verzögernden Tod. Daß ich diese Stunde und diesen Zustand erfahren mußte! daß meine Täuschungen von mir gerissen wurden, wie ein Schleier, der mir meine und des Lebens Elendigkeit bisher so wohlthätig ver- 7! barg! — Die Schöpfung mit ihren Herrlichkeiten ist ein entsetzliches Gähren, welches Geburten neben Geburten auswirft, wie eine» flüchtigen Schaum, der in sich selbst zusammenfällt. Wo hast du, Natur, im weiten Reiche deiner Geheimnisse einen einzigen Balsam für die ewige Wunde eines Herzens, das du selbst so fühlend schufst? Warum riefst du meinen Namen in die dunkle Welt todter Stoffe und Keime herein, und mich ans dem stillen, be-, wußtlosen Nichts lebend hervor? Kannst du einen einzigen Schmerz, den wir dulde» müssen, mir deinen tausend Freuden bezahlen? — Furchtbare, eherne Despotie der Natur, die, weil sie eS will, uns zu leben befiehlt, statt nicht zu sein; zwischen Dornen und Rosen uns wirft, und uns todtet, wenn sie es will. Paris, 3. Januar 1716. Es kann sein, lieber BclliSle, wie Sie sagen, daß mein letzter Brief noch sehr fieberhaften Puls hat. — Ihre gute Laune ist unüberwindlich! Ihre Einfälle beleben die meinigen wieder. Zch will Alles versuchen, mich in meine ehemalige Heiterkeit zurück- znkünsteln ; ich will mich mit Gewalt in Täuschungen werfen, und den Nest meines Lebens, wie in einem Rausch, verbringen; denn wahrlich, nüchtern ist dies armselige Dasein nicht Werth, genossen zu werden. Das fühlen alle Menschen, sobald sie dem verworrenen, nebelhaften Kindesalter entwachsen sind, und deutlicher zu sehen und zu denken beginnen. Woher entspräche auch sonst Wohl der Hang der Nationen, durch Wein der Trauben und Palmen, durch Biere, gebrannte Wasser, Opiate und betäubende Tabakspfianzen ihre Sinne auf längere und kürzere Zeit zu verwirren? Es muß doch eine sehr allgemein empfundene Wollust sein, die Welt, diese langweilige Prosa, nicht zu genießen, wie sie uns aufgciischt ward. Europa gefällt mir nicht; ich suche mir eine» neuen Welttheil zur Wohnung; auch war' es mir gleichgülrig, wenn ich der neue Robinson eines unbewohnten Eilandes würde. Was ist am Ende daran gelegen, wohin mein Staub fällt! Ich lebe; und eine Zeit wird kommen, wo ich nicht mehr bin. Sie werden sagen: „Acndcre dich, aber nicht den Welttheil!" Der alte Gemeinsprnch hat an mir sein Recht verloren. Zch bin frei; warum soll ich bei Schlafenden wohnen, wenn ich wachen, bei läppischen Buben, wenn ich ernst sein will? Mich ekelt Europa mit seiner halben Kultur an. Ich will unter Weisen, oder einfältigen Kindern der Natur leben; beide sind gleich liebenswürdig, weil sie einfach, wahrhaft, ungezicrt cinhcrgchcn. Die Völker unserS Wclttheils stehen noch in den Knabenschuhen, und sind linkisch, widerspruchsvoll, und reich an unreifer Schulweisheit, wie Knaben. Jeder scheint, Niemand ist. Mein Handel mit dein Schiffskapitän de Blaizot ist im Reinen Ich verlasse Europa und gehe in die Louisiana. An den schönen Ufern des Mississippi will ich meine Wohnung bauen, und Oberhaupt einer kleinen Kolonie werden, die mich zu ihrem Führer gewählt hat. Es sind sechs Handwcrkslcutc, welche auf eigene Kosten nach Nordamerika gehen wollen; diese treten in meine Dienste. Schon habe ich ansehnliche Bestellungen in Bordeaux zum Ankauf von allerlei Samen, Vieh, Acker- und HanSgcräth gemacht. Künftigen Monat reise ich von Paris ab, und im März schiffen wir uns ein. Glauben Sie nicht, daß ich, wie tausend Andere, dahin eile, nm Schätze von edel» Metallen zu sammeln, die Poncc de Leon dort gesunden haben soll. Mögen sic für mich in Frieden ruhen noch manches Jahrtausend; ich werde ihretwillen keines Indianers Ruhe stören. Keine Leidenschaft, außer derjenigen, welche Neli- gionSci'cr zeugt, ist so fürchterlich, Alles verheerend, ist grausamer in ihren Mitteln, nichtiger in ihren Zwecken, als der Dnrst nach Gold. Millionen Menschen wurden ihre Schlachtopfer; Millionen zogen über entlegene Meere und verdarben elend in den Wüsten fremder Welttheile unter ihren Hoffnungen. Die Unglücklichen! Und wenn sie nun Haufen Goldes zusammengescharrt und nach Europa znrückgeschleppt hätten, wären sic froher, glücklicher, reicher gewesen? Konnten sie mehr, als ihren Hunger stillen, sich in Kleider hüllen gegen Frost und Hitze, und sanft schlafen? — Was ist eine Tonne Goldes neben einem siechen Körper? Was ist ein ganzes Potofi neben einem krankenden Herzen? Nein, darum verlasse ich den vaterländischen Boden nicht. Zch sehne mich nach einem schöner» Leben. Zch will der Stifter einer glücklichen Gesellschaft werden, welche durch Arbeitsamkeit blühend, durch Unterricht weise, durch bürgerliche und religiöse Freiheit kraftvoll und bencidcnswürdig sein soll. Ich werde mich tief in das Innere des Landes ziehen, von den Pflanzstätten habsüchtiger Europäer und von den beunruhigten Meeresküsten fern. Zch werde Verträge mit meinen indianischen Nachbarn schließen, und unsere einfachen Bündnisse sollen heiliger sein, als die ewigen Frieden arglistiger Politik der Europäer. Sivray, 20. Februar l718. An den reizenden Ufern der Charente, schon neunzig Stunden von Paris entfernt, schreib' ich Ihnen. Die ersten Blumen des jungen Frühlings sollen mich vom Boden fremder Znseln anlächeln; nichts wird mich zurückhalten, wäre auch ganz Frankreich voller Zauberei, wie eine Feenwelt. Vielleicht erstaunen Sie, Geliebter, mich entfernt von der gewöhnlichen Straße in einem armen, unbedeutenden Städtchen rasten 74 zu sehe». Sie habe» Recht. Sie werden »och mehr erstaunen, wen» ich Ihnen sage, daß ich schon seit neun »ollen Tagen diese Gegenden nach allen Richtungen durchkreuze, wie ein Zager, der die Fährte eines kostbaren Wildes verfolgt. Aber — lächeln Sie nur immerhin — Zauberei umgibt mich überall. Ich weiß nicht mehr, ob ich träume, ob ich wache, ob ich rase? Die unnatürlichen Dinge werden zur Wirklichkeit; meine Träume verkörpern sich, und Engel, die ich i» den Entzückungen meiner Einbildungskraft sehe, schweben mich hier auf Erden als menschliche Wesen an. Von meinem Claude begleitet, verließ ich die Hauptstadt. Meine Seele wandelte schon in jenen Gefilden am Mississippi, welche mit Aegypten, dem glücklichen Jemen, Zndostan und China unter gleichem Himmelsstrich ruhen. Zch sah mich dort schon umgeben von meinen Hütten, meinen Pflanzungen, meinen Heerde» in philosophischer Einsamkeit; sah meinen Garten von allen Blüthen geschmückt, welche der ewige Lenz zwischen den Wendezirkeln streut, und sah im finstersten Heiligthum meiner sclbstgepflanzten Gebüsche das Monument, welches ich dem Andenken der angebeteten Fürstin weihen wollte. — Sic ist nicht mehr, aber ich bin noch, und bin und athme nur für sie. Ich werde sie beweinen, so lange meine Augen Thränen haben; ich kann das Unvergeßliche nicht vergessen, und keine Freude der Welt gilt meinem Herzen so viel, als die stille, hoffnungslose, immer rege Sehnsucht nach ihr. So kamen wir nach Poitiers. Hier macht' ich Rasttag, um einen alten Kriegsgefährten, den Obersten Brouin, zu besuchen im Vorbeigehen. — Es war Morgens. Ich fand ihn nicht zu Hause. Ein Lohnbedicnter führte mich durch die Stadt umher, mir die Merkwürdigkeiten und Alterthümer derselben zu zeigen. Die schönste Gegend von Poitiers ist vor dem Thore St. La- zare. Hier erheben sich von verschiedenen Seiten Trümmer ein- 75 gesunkener Nömerwerke; auch ein altes, zerfallenes Schloß, und nicht weit davon fällt ein kleiner Fluß in den Clainstrom. Die Landschaft hatte ungemein viel Anmuth und ein romantisches Leben. Ermüdet setzt' ich mich, unweit der Burg, auf ein zerfallenes Mauerstück, und, während mir mein wohlunterrichteter Cicerone von der alten Herrlichkeit Poitiers erzählte, und wie Kaiser Augnstus sie selbst gebaut habe, wie vorzeiten hier berühmte Kirchenversammlungen gehalten worden wären, und unter Karl Vll. sogar das Parlament von Paris sich hieher geflüchtet habe, gedacht' ich des VerstäubenS und VerwesenS alles Irdischen. Der glückliche Augnstus und der unglückliche Karl, die srommen Männer der Konzilien und die Demosthene des Parlaments sind nicht mehr, und ihre Werke sind vergangen. Alle haderten, sorgten und litten um uns, und starben nach einem freudcnarmen, verkümmerten Leben. Und ich gedachte der schönen Kirchenlehre von der Auferstehung und dem Wiederkommcn aller Dinge. Da schauderte meine Seele froh. Unter den Millionen würde dann auch die Einzige verklärt stehen, und ich würde sie unter den Millionen finden. Und indem ich's dachte — o Beliisle — trat sie hinter der halbverschütteten Ringmauer des Schlosses hervor, in der Mitte einiger Herren und Frauen, ging den Steig hinab gegen den Fluß, wo ein Schifflcin sie erwartete, und fuhr mit ihren Gesellschaftern den Strom hin, wo sie mir zwischen den Gebüschen und Userkrüm- mungcn verschwand, che ich mich von meinem Schrecken, von meiner unaussprechlichen Verwirrung erholte. — War sie'S selbst? war's ihr Geist? war'S Augentrug? war's ein Wunderspiel der Natur, die ihr schönstes Werk zweimal erschuf, um durch den Tod der Großfürstin nicht das edelste Glied in der Kette ihrer Schöpfungen fehlen zu lassen? Christine ist nicht mehr, und doch sah ich sie — sie war's. Ihre Gestalt, ihre Grazie, ihr Angesicht, ihr lichtbraunes, üppiges Haupthaar, ihre Bewegung — Alles war sie selbst! Ich sprang ans und eilte dem Ufer zu, da cs schon zu spät war. Ich fragte den Lohnbcdienten um die Namen der Gesellschaft. Der Tropf wußte mir nichts zu antworten. Er schwatzte mir statt dessen, mit behender Zunge, viele Mährchen von einem großen Steine vor, der bei PoiticrS auf vier andern Steinen liegen soll, und wollte mich dahin führen. Ich lief das Ufer entlang, »in das Schiff noch in der Ferne einmal zu entdecken; allein die Gesträuche hinderte» mich, porzudringen. Wie ein Berauschter kehrt' ich in die Stadt zurück. Der Oberst Bronin nahm mich mit Liebe auf; vergebens forscht'ich aber nach den Namen der Personen, die mich so lebhaft angczogcn hatten. Urthcilcn Sie nicht zu früh über mich ab, Bellisle. Lesen Sie diesen Brief zu Ende! Was ich gesehen zu haben glaube, ist mehr als Wahnsinn! Am Alstnd desselben Tages — ich weiß nicht, welches Fest die Leute in PoiticrS hatten — ging ich mit Bronin und seiner Familie in die Messe. Wir traten in das Innere einer altgothi- schcn, prächtige» Kirche, deren hohe, kühne Massen, Pfeiler, Wölbungen und hundert Altäre vom Glanz unzähliger Lampen und Kerzen erleuchtet waren. Kaum fanden wir noch Raum für uns, so groß war die Menge des Volks. Sei es die Feierlichkeit des Orts, die Pracht der Erleuchtung, die Gewalt der Musik und der Chöre, zuweilen vom majestätischen Ton der Orgeln unterbrochen — genug, ich erlag bald unter den heftigen Empfindungen der Wchmuth. Christinens Bild umschwebte mich; meine Sehnsucht ward ungestümer, und ich fühlte all den namenlosen Schmerz'wieder, der mich bei der Nachricht von ihrem Tode und Begräbnis fast getödtet hatte. Meine Augen schwammen in Thräncn, und ich seufzte mit zitternder Stimme gen Himmel: „O warum gabst du mir dies Herz und des Jammers so viel!" Indem ich die Augen wieder senkte, überflogen sie seitwärts die Stühle der Frauenzimmer, und Bellisle — da sah ich dieselbe Gestalt wieder, welche mir diesen Morgen bei dem alten Schlosse erschienen war. Ihre seclcnvollen Blicke ruhten auf mir! — Bellisle, auf mir! — Sie war es wieder, ganz die Großfürstin, in allen Zügen, in allen Bewegungen, nur möcht' ich sagen, frischer, blühender, schöner, als ich sie in Petersburg zuletzt gesehen hatte, wo schon der Gram sie dem Tode langsam zuführte. Wie am Morgen, war sie auch jetzt in schwarzen Trauerkleidcr», und am Busen trug sie wenige Blumen. Meine starren Blicke hingen an der Wundergestalt. Sie bemerkte es, schien betroffen und zog den schwarzen Schleier schnell über ihr himmlisches Angesicht. Und doch war mlr's, als beobachtete mich ihr Auge noch durch die Finsterniß des Schleiers. Ich aber hatte fast mein Selbst verloren in diesen lyrischen Augenblicken meines Daseins, in diesen seltenen Licht- und Ver- klärungspunkten meines schattenvollen LcbcnsgemäldeS. Wie soll ich Ihnen meinen Zustand schildern? Ich gedachte nicht des Ungeheuern Widerspruchs, daß die russische Großfürstin im kaiserlichen Begräbnis! zu Petersburg den tiefen Schlaf des Todes schlafe, und zugleich in einer Kirche zu Poitiers Messe höre. Ich sah nicht mehr die Kirche mit ihren glänzenden Altären und verdämmernden Schwibbogen und Hallen, sondern cs war mir, als athm' ich in einer Vorhalle des Himmels, wo die seligen Geister, alles Irdischen entkleidet, sich sammeln unter süßen Ahnungen, che sie gerufen werden in das Allerheiligste. Und die Fülle der Strahlen, die aus der Finsterniß auf mich uiedersanke», und die Betenden alle, und das Gewühl heiliger Harmonien aus der Hohe, fügten sich in meinen Traum oder in meine überirdische Vision. Ich fand nichts mehr unbegreiflich; und hätte ein Gott mir diesen Zustand verewigt, ich wurde unter allen Wesen der Schöpfung das seligste geblieben sein. 78 Die Zeit verfloß. Viele verließen die Kirche. Auch das wunder- bare Ebenbild Christinens schien sich zum Aufbruch zu rüsten. Da erst genas ich von meinem Taumel. „Wer ist die schwarze Dame dort?" fragt' ich ängstlich den Obersten Brouin neben mir. „Ich kenne sie nicht!" — Also eine Fremde? — „Sehr wahrscheinlich; denn ich sah sie nie in PvitierS. Die junge Dame neben ihr, mit der sie sich unterhält, ist eine Tochter aus dem Gasthofe zum goldenen Stern." — Kennen Sie diese genauer? — „Ich sah sie einigemal auf Bällen. Sie tanzte vortrefflich." — Ich beschwöre Sie, lieber Oberst, fragen Sie Ihre Bekannten um Namen und Vaterland der schwarzen Dame. — „Mit Vergnügen!" Während unsers Gesprächs hatten sich jene Francnziinmer schon im Gewühl der Menge verloren. Wie gern war' ich ihnen nach- gceilt! aber ich mußte dem Anstand ein Opfer bringe». Am folgenden Morgen ließ ich vom Obersten nicht ab, bis wir mit einander zum Gasthof vom goldenen Stern gingen. Der Oberst erkundigte sich bei der artigen Tochter des Wirthes nach der fremden Dame. „Sie ist von Lyon!" war die Antwort: „Ihr Vater heißt de l'Eclusc; er scheint ein Kaufmann zu sein. Diesen Morgen ließ er in aller Frühe anspanncn, »nd reiste mit seiner liebenswürdigen Tochter ab." „Wohin?" rief ich. „ Wir wissen es nicht. Er erkundigte sich gestern nach der Noute von Sivray!" antwortete die Befragte: „Es scheint," setzte sie lächelnd hinzu, indem sie mich schalkhaft ansah, „Sie haben sich einander in Lyon gekannt, und hier bei uns unerwartet zusammen- gctroffcn. Waren Sic nicht gestern Abend mit dem Herrn Obersten in der Kirche St. Eustache?" — Ich bejahte es. „Nun wohl, Mademoiselle de l'Ecluse befragte mich um Sie. Ich konnte ihr nur erwiederu, daß Sie ein Fremder wären." Dies war nun Alles, was wir von der Unbekannten erfahren konnten, die sich mit ihrem Vater kaum zwei Tage in PoiiierS anfgehaltcn hatte. Vergebens waren BrouinS Bitten. Ich reiste noch denselben Morgen ab nach Sivray. Wohin ich kam, forscht' ich nach dem Kaufmann von Lyon und seiner Reisegesellschaft. Man wies mich bald rechts, bald links. Immer glaubt' ich die Spur entdeckt zu haben; immer fand ich mich wieder getäuscht, bis ich die Hoffnung aufgab, jemals das räthsclvolle Abenteuer ansklärcn zu können. Morgen reis' ich ab von hier. Mögen Sie auch, mein Bell- tslc, immerhin sagen, daß die lebhafte Einbildungskraft mir den Streich gespielt, daß ich ein artiges Mädchen von Lyon, einiger Achnlichkeit wegen, für eine Gcistcrerschcinung genommen; daß es nichts weniger, als wunderbar sei, wenn ein Frauenzimmer, unaufhörlich von den Augen eines jungen Mannes verfolgt, endlich neugierig genug werde, nach dem Namen dieses Mannes zu fragen — den Tag von PoitierS vergess' ich nicht. Auch ihm bau' ich in meiner Einsiedelei am Mississippi ein Monument. Bordeaux, 13. März 1716. Nachdem ich kaum meine ersten Besuche in dieser blühenden Handelsstadt abgestattet hatte, erschien bei mir der Banguicr Herr Duchat, und fragte, ob ich die in seinem Bureau für mich liegenden Geldsummen in Wcchselbriefcn oder baar beziehen wolle? Welche Geldsummen? Herr Duchat hatte, ehe ich nach Bordeaux gekommen, weder mich noch einen meiner nähern Freunde zum Korrespondenten. Nicht einmal eine Karte hatte ich an ihn durch Sie, geliebter Bellisle, erhalten. Ich bezeigte ihm meine Verwunde- 80 rung; ich behauptete, er irre sich schlechterdings in meiner Person. Er wies mir einen Brief, ohne Ort und NaiiienSniiterschrift, vor, und fragte mich, ob ich der darin bezeichnet Chevalier d'Anbant sei? ob ich in russischen Dienste» gestanden? ob ich entschlossen sei, init Kapitän de Blaizot in die Louisiana zu gehen? - Ich läug- nete es nicht, und er zeigte mir noch einmal an, daß ich bei ihm ein Kapital von 150,000 Livres zu beziehen habe. Nähere Auskunft wollte er mir nicht geben. Denn daß die Ordre dazu, wie er vorgab, von London komme, wo keine Seele weiß, daß der Chevalier d'Anbant im März zu Bordeaur cintreffen werde, um sich nach Amerika einzuschiffen — das ist wohl ein Mährchen. Wer ist mein unbekannter Wohlthäter? — O Bellisle, darf ich auf einen Andern, als Sie, rathcn? Nur ein Freund, wie Sie, ist fähig, seinem Freunde ein so königliches Geschenk zum Abschiede mitzugeben! — Ja, ich nehme die Summe an, aber vermehren Sic mir den Werth derselben durch das Geständnis;, daß Sic der Geber seien. Santa Cruz, 8. Juli 171k. O Bellisle, das seltsamste Schicksal verfolgt mich, welches jemals einen Sterblichen neckte. Der unermeßliche Ozean trennt mich von EuropcnS Küsten, und was ich dort sah, seh' ich wieder hier; und was mich dort bezauberte, übt auch hier ihre feenhafte Gewalt an mir. Mein LebenSlanf gleicht einem schönen Gespenster-Mährchen; dieselbe Wundcrgcstalt, welche mich in dem deutschen Hain entzückte, die ich am Hof des russischen Kaisers als Großfürstin glänzen sah, die mich an den Ufern des Clain überraschte, im Tempel zu Poitiers begeisterte - nennt meinen Namen unter den Palme» von Teneriffa. Doch ich will Alles in stiller Ordnung erzählen, damit Sie 81 nicht wieder auf die Verworrenheit meiner Briefe schmähten. Meinen letzten Brief, welchen ich Ihnen aus Fnnchal in Madera schrieb, werden Sie schon erhalten haben; denn wir mußte» dort, widriger Winde wegen, noch viele Tage liegen bleiben. Der Kapitän de Blaizot ließ endlich die Anker am dritten Juli lichten in der Frühe; schon am vierten gegen Abend konnte man in dämmernder Ferne die Insel Teneriffa am Horizont erblicken, die wir jedoch erst am folgenden Tag erreichten. Der Kapitän wollte sich ans dieser Insel mit Wein versorgen. Wir mußten also auch hier einige Tage verweilen. Ich ging mit de Blaizot ans Land, und hatte beim Anblick des majestätischen PicS, der sich kegelförmig in die Wolken emporstrcckt, nichts Geringeres im Sinn, als diesen berühmten Berg zu besuchen. Doch der Schiffskapitän hinderte mich daran; ich habe nichts verloren darum, denn ich erblickte dafür die geliebte Ueberirdische. Es war gestern ein herrlicher Tag. Ich begab mich am Abend auf den Spaziergang am Ufer, die Almeide geheißen, wo ich im Schatten hoher Palmen und Kastanienbäume eine schöne Stunde mit Träumereien über meine Zukunft genoß. Der Anblick des ewig regen, unendlichen Meeres, und dann wieder des sanft jenseits der Stadt anschwellenden Gcbirgs, dessen höchste Gipfel ein Kranz von gekräuselten Silberwolkcn umfloß — die leichtere, reinere Luft, in der ich tiefer und gesunder zu athmen wähnte — der aromatische Geruch, der mir von unzähligen, wildwachsenden Stauden und Pflanzen und Gesträuchen fremder Gestalt entgegenströmte — das geschäftige Getümmel der Arbeiter, Lastträger und Matrosen am Gestade — Alles war mir ein so neues, schönes Bild, wie ich's nie gesehen, und welches meine Brust mit den lieblichsten Gefühlen schwellte. Siche da! — ich war zum Ausgang der Almcide gegen die weit in die See hinauSgebante Lastadie gelangt — kömmt athcm- Zsch. Nov. VII. 3« t 82 loS, mit einem Päckchen nntcrm Arm, derselbe Mensch gesprungen , den ich Ihnen in meinen Briefen aus Paris nur den Noth- rock nannte. ES war dasselbe Zigcunergesicht, nur statt des Scharlachrockes trug er ein leichtes grünes Nciseklcid. Er lief an mir vorüber, sah mich, blieb verwundert stehen und rief: „Herr Chevalier, Sie hier? Willkommen auf Teneriffa! Wohin geht die Reise?" — Ich antwortete eben so schnell, als er fragte: „In die Louisiana, nach Neu-Orleans." „Viel Glück!" rief er, und lief davon, die Lastadic entlang. ES verdroß mich die Eilfertigkeit dieses Sonderlings. Ich rief ihm nach. Er hörte mich nicht. Gern hätt' ich ihn gesprochen. Langsam folgt' ich ihm. Die Seiten der Lastadie wimmelten von Booten, die landen, oder abstoßen wollten. In eins solcher Boote sah ich meinen Grünkittel springen; cs waren darin zwei Frauenzimmer und ein ältlicher Herr. Ich trat näher. Das Boot war schon abgelöst vom Ringe, und ruderte seewärts. Ich hörte eine weibliche Stimme ans dem Fahrzeuge: „d'Aubant!" rufen. — O mein Freund, und es ward dunkel vor meinen Augen — es war die göttliche Lhoncrin, die Großfürstin, das Mädchen vom deutschen Walde — nennen Sie es, wie Sie wollen. Mit Vogelschnellc flog das Boot dahin, und verlor sich unter den Schiffen, welche auf der Rhede vor Anker lagen. Ich Elender, alle Besonnenheit hatte mich verlassen, und alle Geistesgegenwart! Ich beschloß zu spät, der Wunderbaren nachzueilen, und endlich das unbegreifliche Näthsel zu lösen. Ich lief die Lastadie auf und ab, und suchte ein Boot zu miethcn um jeden Preis. Ich fand alle schon versagt; bei andern fehlten die Schiffer, und wieder bei andern hatt' ich Mühe, mich den Leuten deutlich zu machen, die nur Spanisch redeten. Als ich endlich ein Fahrzeug gewonnen, sah ich drei große Schiffe mit gespannten Segeln ins Meer gehen. Ein Landwind, 83 der bei Teneriffa zu den Seltenheiten für Schifffahrende gehört, begünstigte sie. Ich zitterte vor dem Gedanken, daß eins derselben die wunderbare Unbekannte entführe. Ich kam zum Ankerplatz und fragte von Schiff zu Schiff, und meine Furcht fand ihre Bestätigung. Die Frauenzimmer waren auf das französische Schiff, der Delphin genannt, an Bord gegangen, welches unter den Absegelnden gewesen. Man wußte mir nur noch zu sagen, daß der Kommandeur des Delphins nur dieser Damen willen die Abfahrt verzögert, und bei ihrer Ankunft schon die Anker aufgewunden gehabt habe. Es war dunkel, als ich wieder ans Ufer trat — ich lief in die Almcide zurück, wie ein Verzweifelter, und machte — ich cr- röthe nicht, er zu bekennen — in tausend Thränen meinen Schmerzen Lust. — Meine Augen fanden keinen Schlummer in dieser Nacht. Sobald der Morgen graute, ging ich aus, zu erforschen, wo sich die Frauenzimmer während ihrer Anwesenheit auf der Insel befunden haben konnten. Es war in Santa Cruz selbst, wo sie in einem Privathause gewohnt hatten. Der Eigenthümer des Hauses, ein Wcinhändler, wußte mir nichts zu sagen, als daß die Dame, so mich intcressirte, die Tochter eines Deutschen sei, der nach Westindien zu seinen Verwandten reise. Das zweite Frauenzimmer habe er für die Bediente der Tochter gehalten; und eine andere Mannsperson, die nach der davon gegebenen Beschreibung keiner, als mein Nothrock zu Paris, oder der Grünrock von Teneriffa sein kann, schien der Bediente des Herrn Walter zu sein, der ihm schlechtweg nur Paul gerusen habe. So weit meine Aufklärungen, wenn ich Aufklärung nennen darf, was meine Verwirrung noch vergrößert. — Ich erhielt ohne Mühe, daß mir auch das Zimmer gezeigt wurde, welches die schöne Walter bewohnt hatte. Ich betrat es mit sanftem Schauer, wie das Aller-Heiligste eines Tempels. Ihr Geist schien aus diesen ein- 84 fachen Gcräthen und Verzierungen mich noch anzusprechen, und jedes schöner und bedeutender zu sein, weil es von ihrer Berührung geweiht worden. Dieser Boden hatte sie getragen, dieser Sessel sie umfangen, dieser Spiegel ihre himmlische Gestalt zurückgestrahlt. Ich durchspähte Alles mit Blicken der Neugier und heiligen Scheu, und suchte Spuren und Reliquien, wie ein Pilger, welcher die heilige Erde Jerusalems betritt, und das Grab steht, welches der Erlöser bewohnt hatte. Auf einem Winkeltischchen lagen einige zerschnittene Papiere, von denen noch eins die abgerissenen deutschen Worte enthielt: Vergessenheit aus Lethc'S dunkeln Wellen, Der Hoffnung grüner Fccnkranz . . . Man sah eS den Zügen der Schrift an, daß eine weibliche Hand ste gebildet hatte. Auch der Weinhändler bestätigte, daß er die schöne Fremde in diesem Zimmer einmal schreibend gefunden. Dies war genug für mich. Das Blättchen mit den sinnvollen Zeilen ward mein Kleinod. Bellisle, Bellisle! wer ist diese Wunderbare, die mir unter- wechselnden Gestalten und Namen in den verschiedensten Gegenden des Erdballs begegnet? Ist es nicht eine — sind es mehrere? Daran glaube ich nicht mehr, seit ich meinen Name» von ihr ausgesprochen hörte auf der Lastadie. Die Tochter Walters und die Lyonerin de l'Ecluse sind dieselben. Die Tochter Walters und die Gemahlin des Großfürsten Aleris sind in meinen Vorstellungen wundersam verwandt durch den sogenannten Paul, der ihr Diener ist, und in Paris mir doch — und warum gerade mir, — den Tod der Prinzessin von Wolfenbüttel verkündete, ehe die Gesandtschaft davon unterrichtet war. — Bellisle, hier walten seltsame Geheimnisse? Wer kennt die vor der Welt verhüllte Geschichte manches Fürstenhauses? Die Gemahlin des Czarcwitz ist gestorben, ihr Leichnam ist in das kaiserliche Begräbniß beigcsetzt wor- 85 den — aber eben diese Prinzessin wandelt noch lebend unter dem Himmel! Die Prinzessin von Wolfenbüttcl schwebt in diesen Augenblicken auf den Wellen des Meeres zwischen den Wendezirkeln, während Europa sie beweint. Ich ruhe nun auf Erden nicht, bis ich die Unerklärliche gefunden. Als das schwankende Boot sie übers Meer trug, sprach sie mit süßer Stimme meinen Namen — und dieser Ruf zieht mich ihr nach durch alle Wüsten, alle Paradiese — und immer tönt cS noch vor meinen Ohren, und mein erloschenes Leben stammt wieder mit verjüngter Gewalt auf. Der Delphin trug sic zu den Küsten Amerika'S. Er wird doch zu erforschen sein. Ich will rastlos und unstät von Hafen zu Hafen, von Land zu Land ziehen, bis ich ihre Spur entdecke — und dann — mir blüht noch ein Arkadien, und dieser Stern wird mich nicht belügen! Vielleicht erhalten Sic nun in langer Zeit keine Briefe von mir — senden Sie die Ihrige» für mich immerhin nach Bilori, oder, wenn Sic lieber wollen, nach der neuen Kolonie Neu- OrleanS am Mississippi. Dahin werd' ich, von meinen Abenteuern müde, einst gewiß zurückkehren. Zweites Buch Aus den Tageblättern von Augustine Holden. I. Die Palme streut ihren leichten Schatten auf das Fenster meiner Hütte; ein unbekanntes Gebirg strahlt mit beschneiten Gipfeln vom fernen Horizont; ein namenloser Bach rauscht in der Tiefe zwischen Felsen und entwurzelten Stämmen; eine fremde Natur SS umschwebt mich mit reizender Farbenmischung; selbst jene Bäume, die ihre ungeheuer», finstern Neste durch diese Lüfte schwingen, jene Gesträuche am Fuße des Hügels kenn' ich nicht, und aus den Wiesen steigen unbekannte Blumen. Hier ist mir wohl, und hier beginnt neues Leben, hier meine Ruhe und meine Sicherheit. Sei mir gegrüßt, du wundervolle, freundliche Wildniß, ich will deine Bewohnerin sein. Ich will eure Schwester heißen, ihr gutmüthigen Wilden, die ihr eure Kinder und eure Todten zwischen den Zweigen der Bäume wieget. So soll mich einst eure Hand in den ewigen Schlaf wiegen unter kühlen Zweigen. Fürchtet das schwache Weib von Europa nicht. Reichet mir die Hand, ihr Kinder der Natur, lasset mich in eure Hütten treten, einfach zwischen Pfählen und Reisern gestochten und mit Laub bedeckt; ich will die Gesänge eurer Weiber lernen, und ste die Künste meines Vaterlandes lehren. Ich will die Zeugin eurer Feste, eurer Tänze sein, und eure Sieger mit den schönsten Glasperlen schmücken, und eure stillen Wohnungen mit nützlichem Geräth bereichern. 2 . Julie, o meine Julie! denn du bist's, mit der ich immer in meinen Gedanken rede; dir weih' ich diese Blätter meines Tagebuchs, diese Früchte der Einsamkeit und Schwermuth-Julie, die du von mir in unendlicher Ferne wohnest, und mich beweinst, wie man die Todten beweint — deine Freundin wandelt unter einem fremden Himmel und liebt dich noch, und gräbt mit zärtlichem Sinnen deinen Namen in die Zedern eines fremden Welttheils. Ich sehe dich erblassen und mit zitternder Hand die Papiere aufschließen, die einst — wenn unser beider Leben schon zur Neige eilt, und Europa mich längst vergaß und das GedLchtniß meiner - 87 — »ur in deiner treuen Liebe einsam dauert — die dann vielleicht dein Eigenthum sein werden. Warum bebest du ohnmächtig zusammen? Hast du der Verheißung vergessen, daß mein Geist dir einmal wieder erscheinen werde nach langer Zeit? — Du wankst und zweifelst? O meine Julie, erkennst du nicht die Züge meiner Hand mehr? Es ist dieselbe Hand, die in den Gärten unserer Kindheit dir so manchen Blumenstrauß gewunden; es ist dieselbe, die dir mit leisem Druck ewige Freundschaft schwor; es ist dieselbe, die krampfhaft einst die deinige umschloß, und von dir nicht lassen wollte, als wir scheiden mußten. Ja, Julie, ich lebe. Dahinten blieb meine erhabene Verwandtschaft, meine Aussicht. Selbst meinen Namen überließ ich dem Moder des Grabes; Nugustine Holden ist ein neugebornes Wesen. Vor meiner Thür, wo sonst Kammerherren und Gräfinnen Befehlen entgegenhorchten, sitzen jetzt Indianerinnen, welche ihre Kinder säugen. Statt der Konzerte und Redouten hör' ich den Gesang eines Wilden, der einsam durch den Wald irrt, oder das Lied unbekannter Vögel, oder sehe den Tanz der Eingcbornen im Mondenschein. Mooskissen liegen an der Stelle meiner Sammetpolster, und Kräuter, Mais und kühlende Früchte der heißen Zone füllen meinen Tisch. — Und doch, Julie, beklage mich nicht, denn ich bin glücklich! Noch ist keine Thräne des Heimwehs um Europa aus meinen Augen gefallen, seit ich den Boden Anicrika's berührte! In meiner Brust, o Julie, ist ein Himmelreich, und ein neuer Sinn ist in mir aufgeschlossen für den Werth des Lebens. Ich gehe mit Entzücken durch die grüne Nacht dieser Ungeheuern,Wälder; sitze mit frohem Schauer am Abhang dieser einsamen Wasserfälle; athme tiefer in diesen lauen Lüften unter balsamischen Gesträuchen, und weine nur Thränen schwermüthiger Wollust, wenn Abends des grauen Herberts Flöte durch die horchende Einöde tönt, und 88 sie das liebliche Bild meiner verwaiseten Kinder, ihr Lächeln, ihr anmuthigcS Liebkosen, ihre unschuldsvollen Tändeleien in meiner Phantasie erneuert. — Ach, Julie, nur diese holden Kleinen noch einmal zu sehen — nur »»gekannt im Gewühl anderer Zuschauer sichen, und aus der Ferne ihre Spiele sehe» zu dürfen — dies ist mein letzter, brennender Wunsch. Aber sie hatten ihre Mutter kaum gekannt; sie werden den Verlust derselben nie beweinen. Nur ich betraure euer Loos, o meine Natalie, mein Peter! 3 . Nur dir, Geliebte, will ich das Geheimniß meines Lebens entschleiern. Aber ich beschwöre dich, streue diese Blätter in die Flammen, daß keine uneingeweihten Augen sie durchstreifen, und die Verrätherei nie den Gram meiner Aeltern verjüngen. Ach, was sollte sie trösten, wenn sic nun wüßten, daß ihr geliebtes Kind unter den Wilden wohne, im Innern von Amerika? — Wer würde die Wenigen retten, die meine Flucht mitleidsvoll veranstalteten? Würde man nicht, und wär' es noch so spät, mich wieder in die Heimath znrückfordern? Würde man nicht diese Einöden durchforschen lassen, um mich zu finden? —Mir graut vor der entsetzlichen Möglichkeit — ich würde entschlossen sein, lieber den Tod, als die Küsten von Europa zn sehen. Glaube es, Julie, nur die schrecklichsten Schicksale konnten mir gebieten, das Außerordentlichste zu wähle». Ich habe einen großen Kamps gekämpfet, und habe Blut geweint über der Wiege meiner verlassenen Kinder. — Verzeih' es Goit meinem Gemahl. Unter Thränen entschlief ich jeden Abend, mit Bangigkeit erwacht' ich jeden Morgen vom leichten, unruhigen Schlummer. Es verlor sich säst kein Tag, an welchem ich nicht Beschimpfungen von meinem Gemahl erlitt, und die peinlichsten Drohungen. Es war 8g mir eine Gnade, wenn er mich mied. Doch wenn er kam, dann ward mein Jammer neu. Meistens zeigte er sich nur, wenn er vom Branntwein berauscht, ohne Verstand und Sinn, an mir den Zorn kühlen wollte, welchen die erbitterten Bojaren, Strelitzen und Popen gegen seinen Vater in ihm angefacht hatten; oder wenn er aus dem Kloster kam, worin seine Mutter, mit ihrem abscheulichen Galan Glcbof, Ränke und Pläne gegen den Kaiser geschmiedet hatten; oder von seiner Tante, der Prinzessin Marie, die gegen ihren kaiserlichen Bruder den Haß der verstoßenen Czarin theilte. „Geduld, Geduld!" schrie er dann oft, „der Czar ist nicht von Eisen. Besteig' ich einst den Thron, Madame, dann hat unsere Ehe ein Ende, und ich jage Sie in dasselbe Kloster, worin jetzt meine unschuldige Mutter schmachtet. Den schelmischen Großkanzler, den Graf Golofkin, will ich zur Belohnung seiner Kupplerei lebendig auf einen Pfahl spießen lassen; denn er ist Schuld allein, daß ich eine Wolsenbüttlerin heirathen mußte. Und den Fürsten Menzikoff und seinen Schwager will ich ebenfalls lebendig spießen lassen, dem Galofkin zur Gesellschaft. Die Favoriten des Czar sollen in Sibirien Zobel fangen lernen, und all' die vermaledeiten Fremden mit ihren neuen Sitten und Künsten, diese Glücksritter, Lungerer und Abenteurer — ich will sic mit eisernen Ruthen aus Rußland wegfegen, wie ein lästiges Ungeziefer, und mit Knuten soll man ihnen den Zchrpfennig auf dem Heimweg reichen." Dies wiederholte er mir oft — dies schwor er mir mit den gräßlichsten Flüchen vor. Einst hing ich mich liebkosend, weinend an seinen Hals, um seinen Unmuth zu beschwichtigen: da warf er mich, wie eine freche Bettlerin, zurück und gab mir einen Backenstreich, der mich betäubte. — Ach! Julie, dies ist die erste Mißhandlung, die ich in meinem Leben dulden mußte — ich, die von so Tausende» immer nur, seit meinen Kinderjahre», geschmeichelt worden war, ich, der Liebling meiner Aeltern — ich, die Fürstin! — Nein, und wenn ich könnte, ich würde dir nicht die Empfindungen schildern, unter welchen ich damals verging. Aber keiner Seele offenbarte ich meine Kränkung, die nachher nur allzuoft wiederholt ward. Vielleicht hätte ich mein herbes Loos versüßen können, wenn ich in die Verwünschungen meines Gemahls gegen des Kaisers Günstlinge, gegen die Weisesten und Tugendhaftesten des Landes eingcstimmt — wenn ich mit all den Mönchen und ausschweifenden Wollüstlingen, die meinen Gemahl umgaben, zügelloses Leben begonnen, und mit seiner schändlichen Buhlerin, die ihn bezaubert hielt, Schwestcrschaft geschloffen hätte. — Ich könnt' es nicht. Beklagenswürdiger ist kein Geschöpf, als daS schirmlose Weib, welches vor dem Manne unaufhörlich zittert, von dem es Schutz cmpfahen sollte. Es ist kein qualcnrcichcrer Zustand zu ersinnen. Die Unglückselige steht vereinzelt in der Welt, mit und neben ihrem Mörder; sein Name ist der ihrige, seine Ehre die ihrige. Sie muß die Grausamkeit ihres Folterers verheimlichen, um ihren Leumund in der Welt nicht zu entweihen. Sic muß den Mund rühme», der sie schilt, und die Hand schmeicheln, von der fie geschlagen wird. Durch tausend kleine häusliche Verhältnisse mit ihm zusammengeflochten, wird jedes ihr zum neuen Dorn im Märtirerkranz. Lange könnt' ich, lange all mein Elend tragen. Jahre hindurch versuchte ich jedes Mittel, den Unempfindliche» zu rühren. Ich stellte seinem Haffe meine Liebe, seinen Flüchen meine Thränen, seiner Brutalität meine Liebkosungen, seiner Wuth meine Gelassenheit, seinen Niederträchtigkeiten oft den edcln Stolz entgegen, mit welchem Unschuld und Bewußtsein uns bewaffnen — ich siegte nicht. Meine Sanftmuth stärkte nur die Rohheit seines Sinnes, mein Ernst brachte ihn zur Raserei. 9 > Einst fand mich so, du weißt es, von ihm mißhandelt, die Gräfin von KönigSmark. Ihr Mitleid regte meine Kraft auf. Erhalte mir oft die Scheidung augebotcn, doch furchtsam vor des Kaisers Zorn nie gewagt, das Wort öffentlich auszusprechen. Ich wagte es, den Vorschlag zur Trennung dem Monarchen wissen zu lassen. Fürst Menzikoff sollte ihm den Gedanken annehmlich machen. MenzikoffS Kunst scheiterte an des Kaisers unbeweglichem Sinn. Der Czar, welcher in seine» Staaten keinen furchtbarern Feind kennt, als den ungerathenen Sohn, der, überall in der Mitte der Mißvergnügten, des dummen Pöbels und der beleidigten Mönche Liebling, das große Werk seines Vaters zu zerstören droht — der Czar hätte eher seine Waffen vor Karl XII. strecken, als sich in eine» Wunsch und eine Neigung dieses Sohnes fügen können. Ich wandte mich flehend in eigenhändigen Briefen an meinen theuern Vater in Deutschland um Einwilligung, und um sein hohes Fürstenwort zu meiner Erlösung. Mit väterlichem Ernst wies vr die unglückliche Tochter zurück. So ward ich für die Ehre meines Hauses hingcopsert — nicht einmal gestattet wurde mir die Gunst, nach Wolfcnbüttcl auf einige Zeit zurückkehren zu dürfen. So mir selbst und meiner Verzweiflung überlassen, gab ich jede Hoffnung eines frohen Lebens auf. Mein Gemahl verdoppelte seine Nnmenschlichkeit. Meine jugendlichen Kräfte vereitelten seine Muhe, mich durch Gram und Kummer früher zum Tode reif zu machen. Da ward ich vergiftet, und — gerettet. 4 . Düsterer, denn jemals — es war ein melancholischer Abend, Wind und Regen rauschten gegen die Fenster meines einsame» Gemachs — erwog ich einst mein Schicksal, musterte die freudenarme Gegenwart und die furchtbaren Möglichkeiten der Zukunft. Ich 92 verlor mich in verzwciflungsvolien Planen, und beklagte, daß die Kunst der Ncrzte mein elendes Leben aus den Gefahren des Gift- todes gerettet hatten. „Was Hab' ich," so sprach Ich in mir selbst, „Was Hab' ich zn hoffen? Ist denn irgend für mich Friede, als im Grabe? Wird der grausame Czarewitz, den ich Gemahl heißen muß, wird erricht jedes Mittel wählen, sich meiner zu entledigen? Bin ich nicht in seiner Gewalt? Früher oder später falle ich durch ihn. Wer einmal das Entsetzen vor einer Gräuclthat verlernt hat, dem ist kein Verbrechen weiter unmöglich. Er kann mir den Tod in meinen LicbliugSspcisen reichener kann ihn in meinen Wein füllen; er kann mich im Schlaf an seiner Seite erwürgen. „Wag hätt' ich zu erwarten, wenn dieser Wilde einst den Thron seiner Väter bestiege? — Den Tod, oder den ewigen Kerker? — Wer ist mein Schutz? Verlassen bin ich von Allen. „Der Schlaf des Todes ist süß. Gott erbarme sich meines nnmündigen Kindes — mein Leben ist ihm unnütz. Mein Tod wird vielleicht den grausamen Mann erschüttern, und ihn zn einem zärtliche» Vater machen, da er kein zärtlicher Gemahl war." Schnell reifte der Entschluß zum Selbstmord. Ich ging zu meinem Arzneischrank, und zog die Flasche mit Opium hervor. Ich füllte einen Becher. Ich ließ mir meine Tochter Natalie bringen, um sie noch einmal zn segnen. Ich nahm das holde Geschöpf an meine Brust; ich weinte bitterlich; cs schlief unter meinen Thräncn ein. Als ich das Kind zurückgcgebe» hatte, befahl ich den Kammer- sraucn, mich allein zu lassen, und erst am folgenden Morgen zu kommen, denn ich wollte schlafen gehen. — Sic gehorchten. — Ich verschloß das Kabinet. Ich sank auf meine Knie, um zu beten. Aber ich konnte die Hände nicht emporheben, meine Seele war wie vernichtet. „Selbstmörderin und Mörderin des Kindes unter 93 deinem Herze», kannst dn zn deinem Schöpfer reden, während du über Verbrechen brütest?" So rief'S in mir. Ich konnte nicht beten. Ich sank weinend zur Erde, meine Stirn berührte den Boden. „Nein, o mein Gott, mein Schöpfer," stammelte ich, „ich bleibe dir getreu, ich will mein.Leiden tragen, und den bittcrn Kelch leeren — vergib dem schwachen, verzweifelnden Weibe!" So lag ich da. Es war still und dunkel umher. Ich war ermattet und ohnmächtig. Es fehlte mir an Kraft, mich empor- znrichten; zwischen Schlaf und Ohnmacht, in wohlthätigcr Betäubung, verlor sich allmählig mein Bewußtsein. Grüne, schimmernde Inseln schwammen, wie in einem Mvrgen- traume, vor mir vorüber. Sie faßten mich auf; ich irrte in unbekannten Hainen, und über pfadlose, blühende Auen, und von allen Zweigen tönten mir Gesänge der Vögel entgegen, und links und rechts gaukelten fallende Blüthen purpurn und silbern in der Luft um mein Haupt. Ach, mir war'S, als leb' und web' ich wieder in einem der wunderschönen Frühlinge des reizenden Deutschlands; und meine Brust erweiterte sich ticfathmend, als möcht'leiden ganzen Himmel mit einem Zuge trinken. „Aber wo bin ich denn?" fragte ich einen Greis, der ehrwürdig mit schneehellem Haupt und Bart, und weißen Kleider», gleich einem Brammen am Ganges, neben mir wandelte. „Dies ist Amerika!" sprach er, „und hier sollst du, wie eine Selige, wohnen! " Da stiegen mir heiße Frendenthräncn ins Auge. „Also entflohen dem unermeßlichen, winterlichen Kerker Rußlands? Zeh bin frei — für mich ist kein Rußland, kein Czarcwitz mehr! — Und hier wcrd' ich fortan wie eine Selige wohnen." So dacht'ich und bog mich nieder, und küßte segnend den blühenden Boden Amerika'S. Mein Traum erlosch und mein Schlaf verflog. Ich erhob mich 94 vom Fußteppich. Schon war es um Mitternacht. Ich warf mich in meinen Kleidern anfs Bett, den schönen Traum zu erneuern. Julie, wenn es noch göttliche Eingebungen gibt — und warum soll ich sie bezweifeln? warum soll der Vater der Welt nicht mit seinen leidenden Kindern reden, wie einst, er, der noch jetzt, wie sonst, ihre Gedanken regiert? — so war dies eine göttliche Stimme, die mir'S sprach: Hier ist Amerika, und hier sollst du, wie eine Selige, wohnen! — Heiter erwachte ich spät am Morgen; mein Herz aber war voll unnennbarer, tiefer, schmerzlicher Sehnsucht nach dem blühenden Boden des fernen Weltthcils. Die Gräfin von Königsmark besuchte'mich. Sie erschrak über die Blässe meines Angesichts. Ihre Augen wurden feucht. Sie küßte meine Hand mit der Heftigkeit des lebhaften Mitgefühls, und ich fühlte ihre warmen Thränen fallen auf meine Hand. „Nein," rief sie, „meine Fürstin, ich kann cs nicht ertragen. Ich kann Sie nicht so Hinsterben sehen unter der Grausamkeit Ihres Gemahls. Gebieten Sie über mich, und wenn es mein Leben gelten sollte, ich will Sic erretten. Fliehen Sie nach Wolfenbüttel, in den Schutz Ihrer erlauchten Aeltern; ich nehm' cs auf mich, Ihr Entrinnen zu veranstalten. Keine Seele soll es früher vernehmen, bis Sie den deutschen Boden betreten haben werden." Ich umarmte schweigend das gute Weib, und reichte ihr den harten Brief meines Vaters, worin er mir die Heimkehr untersagte. „Mag er es doch!" rief sie: „Sind Sie nur einmal in Wolfcn- büttel, so wird er Sic nicht zurückstoßen." — Aber er wird mich wieder nach Petersburg ansliefcrn, und mein ganzes Leben ist mit heilloser Schmach bedeckt. Wie könnt' er dem gebietenden Fordern des Kaisers widerstehen? Ja, liebe Königsmark, Sic verdienen mein Vertrauen. Ich fühle es, daß ich mein qualeureicheS Dasein nicht lange mehr führen könne. Wär' ich nur getröstet um das LooS meines Kindes, und desjenigen, so 95 ich unter meinem Herzen trage — mein Entschluß wäre schon genommen. „Was können Sie für Ihre Kinder fürchten? Der Czar wird sie nicht verlassen. Die ganze Liebe des Monarchen, so er jetzt Ihnen weiht, wird sich über seine Enkel ansdehnen. Er wird ihr LooS zu sichern wissen, selbst wenn der Großfürst ein so unnatürlicher Vater wäre, wie er ein unnatürlicher Sohn ist. Und gesetzt, thcure Fürstin, Sic blieben in Petersburg, sind darum Ihre Kinder beschützter? Oder wenn Sie die Beute Ihres K»mmerS werden, und früh aus dem Leben gehen — ist Ihren Nachkommen damit mehr geholfen? Ich beschwöre Sie, retten Sie sich! In Petersburg ist Ihr Leben in täglicher Gefahr." — Ich weiß eS, Gräfin. Ich will mich retten. „Und wie?" — Durch eine neue, freiwillige Todesart. Erschrecke» Sie nicht! Ich will keinen Selbstmord begehen. Aber sterben will ich, für Petersburg, für Europa — ich flüchte mich übers Meer und verberge mich unter fremdem Namen im Innern eines entlegenen Weltthcils in unbekannten Gegenden, welche nie der Fuß eines Europäers betrat. Da wert,' ich gleichsam in ei» zweites Leben treten; wie ein Kind anfangen, eine neue Sprache zu stammeln, neue Verbindungen zu schließen, neue Dinge kennen zu lernen. Ich werde in einer neuen Welt, wie ans einem neuen Sterne wandeln, und, gleich einer Abgestorbenen, mich der Vergangenheit dunkel nur, wie eines früher» Lebens aus dem Erdplaneten, erinnern. Ich werde nichts mehr erfahren von meinen Freunden, von meinen Kindern, meinen Aeltern, von Allem, was in der bekannten Welt geschieht. Man wird nichts mehr von mir erblicken; man wird mich, wie eine Begrabene, betrauern und vergessen. Ich werde einem abgeschiedenen seligen Geiste gleichen, ohne den Tod empfunden zu haben. Sie schaudern vor diesem Gedanken, liebe KönigSmark? Mir gewährt er namenlose Lust. Es ist ein Selbstmord ohne Sünde. Zch erfülle eine heilige Pflicht, und rette mein Leben, ohne die Vvrurtheile der Welt, ohne die Begriffe meiner Verwandten von fürstlicher Ehre zu verwunden. Alles hängt nur von der Verheimlichung meiner Flucht ab. Sollte das Geheimniß jemals verrathen werden, wahrlich, untröstlich würden meine Verwandten sein, vielleicht minder wegen meines Looses, als wegen der vermeintlichen Schande, die ich auf unser Haus werfe. Menschen, unvertraut mit meinem Elende und all den tausend Ursachen des verzweifelten Entschlusses, wurden mich in den Rang der Abenteurer setzen, und statt den Muth zu ehren, mit welchem ich dieses Vornrtheil zertrat, um die verlorne Ruhe und Freiheit wieder zu gewinnen, mich verdammen mit hartem Herzen. So ungefähr sprach ich zur Gräfin. Wenig Mühe galt eS, sie zum Beistand zu überreden, und manche Besorgnisse um den gewagten Plan zu zerstreuen. Sie schwor mir treue Verschwiegenheit und veranstaltete das Nöthige zu meiner Flucht, die nach meiner Niederkunft geschehen sollte, sobald mir die nöthigen Kräfte zur großen Reise wieder gekommen sein würden. 5 . Mein alter, treuer Diener Herbert, ein Mann von Tugend und großem Muthe, war der erste, welchen ich in unser Gehcim- niß zog. Seine Hilfe war uns unentbehrlich; ich wollte mich nicht ohne Begleitung in die weite Welt Hineinstürzen. Seit meinen Kinderjahren war er mein Freund, mein Vertrauter; ihm hatt' ich viele meiner bessern Kenntnisse zu danken. Ich ehre ihn mehr, wie einen zärtlichen Vater, als daß ich ihn wie einen Diener am Hofe behandelt hätte. 87 Ehemals war er der Zeuge meines Frohsinns, mm seit dem Tage der Vermählung der meines GramS gewesen. Oft stand er von ferne, mit einem Antlitz voller Schmerz, und beobachtete mich; oft, wenn ich ihm klagte, wußt' er mir Mnth einzuflößcn; oft, wenn ich verzweifeln wollte, wußt' er durch seine Vorstellungen mir neue Hoffnungen anzuzünden. Mir war'S, als sei es die hehre Gestalt des himmlischen Traumes, durch welchen mein Schutzgeist zu mir geredet hatte. Herbert, als ich ihm das große Vorhaben enthüllt hatte, stand betroffen und sprachlos vor mir. „Warum schweigst du, lieber Herbert?" fragt' ich ihn. „Gnädige Fürstin, der Gedanke ist entsetzlich. Sie, gewohnt an den Glanz des Hofes, an tausend kleine, unentbehrliche Bedürfnisse, an den Genuß, welchen Wissenschaft und Kunst in der gebildeten Welt gewähren. Sie wollen Ihre Wohnung wählen unter den Horden wilder Indianer, in den unbekannten Wüsten eines fremden Wclttheils?" „Leben, Freiheit, Ruhe und Nrmuth sind süßer, als der Jammer unter Gold und Seiden. Herbert, ich will, ich muß mein Leben retten. Ich frage dich, folgst du deiner Fürstin lieber zum Grabe, oder in eine andere Weltgegend? Wir fliehen, Herbert. Ich höre auf, Fürstin zu sein. Ich will dich Vater nennen; ich will deine Tochter sein. Es wird einen schönen Winkel des Erdbodens geben, wo wir verborgen vor den Menschen in Einsamkeit und kummerloser Muße wohnen dürfen. Ich büße meine Kinder ein — du nichts. Was fesselt dich an die Wildniß von Rußland, daß du sie nicht gegen die blühende Einöde eines mildern Himmelsstriches verwechseln möchtest?" „Nichts!" rief Herbert, und fiel auf seine Knie vor mir hin, drückte meine Hand an seinen Mund und schwor mir Treue bis in den Tod. Zsch. Nov. VIl. 4 — S8 Schon am folgenden Tag mußt' er, so war cs unsere Verabredung, öffentlich seine Entlassung fordern, damit er non Petersburg entfernt die Fortsetzung meiner Flucht beschleunigen könne, ohne durch sein späteres Verschwinden bei meinem Scheintodc Verdacht zu erregen. O wie unendlich lang wurden mir seit diesem Tage alte Stunden ! Und doch nicht ohne Furcht »nd Schmerz sah ich, als flöhen sie zu schnell, die Wochen vorübcrgehen. — Ich wünschte und scheute zugleich die große Entwickelung; die Stunde meiner Erlösung war der ewige Verlust meiner kleinen Natalia. Holder, stiller Engel, noch seh' ich dich auf meinen Knien, in meinen Armen gaukeln — ach! deinem kindlich-frohe» Jauchzen antworteten der Mutter tiefe Seufzer; deinen, süßen Lächeln, deinem freundlichen Winken begegneten nur der Mutter thränenschwcre Blicke!— Du verstandest, selige Unschuld, noch nicht die Sprache des Grams — schon gedenkst du nicht mehr der vcrwaiscten Mutter — aber ich, oft irr' ich weinend am Ufer des Meeres hin, und strecke die mütterlichen Arme umsonst gegen Osten, und nenne tausendmal mit leiser, schmerzlicher Stimme deinen Namen : Natalie! 6 . Je näher die Zeit meiner Entbindung rückte, je seltener wurden die Besuche meines Gemahls. Mir ward wohl dabei. Ich träumte mir vom Glück der Freiheit — ich rüstete mich geschäftig zur ungeheuer» Wanderschaft. Die Gräfin Königs,nark versorgte mich mit neuen Kleider», mit Wcchselbriefen und Adresse»; ich versah mich mit Gold und Juwelen; auch mein treuer Herbert hatte schon Kapitalien in Sicherheit gebracht. Am 22. Oktober ward ich von einem jungen Prinzen entbunden, welcher in der Taufe den Namen seines erlauchten Groß- 99 vatcrS erhielt. Wie unverstellt, wie rührend war die Freude des edeln Kaisers! NurAleriS, mein Geiuahl, blieb sich gleich, empfindungslos und kalt. Ich fühlte mich wundersam stark und genesen. Ich hätte schon wenige Tage nachher das Bett verlassen können, wenn nicht di« gute KvnigSmark meiner Ungeduld Schranken gebaut hätte. So spielt' ich nun, um die Welt über mein Vorhaben in Täuschung zu erhalten, die Sterbenskranke, und, unerfahren in de» Künsten des Betrugs, hals die Begierde, frei zu werden, meiner Ungeschicklichkeit nach. Von allen denen, welche mein Krankenlager umgaben, war der Schmerz keines einzigen so tief, so trostlos, als der eines meiner Fräulein, Namens Agathe von Die »Holm. Sic war ein liebenswürdiges Mädchen, meines Alters, ans einem verarmten, adelichen Geschlecht, ohne Acltern, ohne nahe Verwandte. Auf Empfehlung der KvnigSmark hatte ich das gute Kind angenommen. Sie lohnte meine Freundschaft mit einer unbegrenzte» Dankbarkeit, mit einer Anhänglichkeit, die selten ihres Gleichen findet. Es war mir nicht unbekannt, daß sic einen jungen, angesehenen Offizier ans einem der besten Häuser von Petersburg, der um ihre Hand geworben, der ihr sogar nichts weniger als gleichgültig gewesen, mit Unerbittlichkeit von sich entfernt hatte, weil er in einer Gesellschaft anderer Offiziere zum Vorthcil des Czarcwitz wider mich das Wort geführt haben sollte. Als man nun an meinem Leben zu zweifeln begann, überließ sic sich dem wüthendsten Schmerz. Sie erschien nicht mehr vor meinem Bette. Ich erkundigte mich nach ihr, und erfuhr, daß sie selbst erkrankt sei, aus Kummer um mich. Wie sollt' ich so viel Liebe unbelohut lassen! Ich beschloß, sie zur Vertrauten meines Geheimnisses, und zur Gefährtin meiner Pilgerschaft zu machen. Die Gräfin von KönigSmark eilte zu ihr, — lv» — bereitete sie auf die große Entdeckung vor, und machte ihr meine Gesinnung kund. Agathe, am Arm der Gräfin gelehnt, trat in mein Zimmer. Sie war bleich und entstellt; aber Lieb' lind Entzücken leuchteten mich an aus ihren schönen, seelenvollen Augen. Sie fiel auf ihre Knie vor mein Bett — ohne Sprache, ohne Thränen; aber ihr Busen flog ungestüm und vcrrieth, welch' ein Sturm in ihrem Herzen wühlte. Sie schloß ihre brennenden Lippen an meine Hand; mir selbst war bange um das gute Kind und um die Verborgenheit meines Plans. „Willst du, liebe Agathe, künftig meine Schwester sein?" sagt' ich ihr leise. Sie seufzte tief und laut, und sah gen Himmel und dann mit Zärtlichkeit auf mich, und stammelte halb odemloS: „Treu — ewig! ewig!" Dann nahm sie vom Tisch ein Messer, und rief: „Ich will mir selbst die Brust durchbohren, wenn ich Sie je verlasse, meine Fürstin, je verrathe!" Ich ließ sie von mir; und gleiches Tages ging sie schon genese» unter den Ander» umher. Sie schien veredelter, feic.rlichcr; sie trug den Himmel im Herzen und auf dem Antlitz erkünstelten Schmerz. Warum genoß ich Liebe von so vielen fremden Wesen; warum mußte der Einzige mich hassen, an den mein Schicksal mich gebunden hielt! 7 . Schon war der Tag meiner Flucht bestimmt. Die Gräfin von KönigSnrark, die treueste Freundin, bürgte für mein glückliches Entkommen, und für die Vollendung der allgemeinen Täuschung. Herbert hatte für Schlitten überall gesorgt, nnd harrte mein in 10l einem Walde, nahe bei der Hauptstadt, während Kuriere bereit standen, meinen Tod durch ganz Europa zu verkünden. Ich sagte als Sterbende Allen meines Hofes Lebewohl. Ich verweigerte von de» Händen der verzweifelnden Nerzte neue Hilfe zu nehmen, und wünschte nur mit sehnlichem Verlangen noch einmal den Kaiser zu sehen. Er kam, und mit ihm mein Gemahl. In meinen Armen ruhten zum letztenmale meine Kinder. — O welch' ein herber Abschied! Der Kaiser gab sich den Gefühlen seines Schmerzes hin; er wollte keinen Dank von meinen Lippen für seine Liebe höre»; er segnete mich und meine Kinder, und schwor mir, fortan ihnen Alles zu sein. Mir brach das Herz; ich schluchzte laut. O meine Kinder! meine Kinder! — Ich umarmte sie wechselsweise hundertmal und badete sic mit meinen Thränen, und hundertmal nahm ich sic wieder. Fast verlor ich in diesem schrecklichen Augenblick Besonnenheit und Entschluß. Ich fand das qualenreichste Leben erträglicher, als die ewige Trennung von diesen Engeln. Der Kaiser sah meine heftige Bewegung; er fürchtete von ihr die Beschleunigung meines Todes. Er hieß der Gräfin Königsmark die holden Geschöpfe hinwcgtragcn. Mein Gemahl begleitete sie. Noch einmal, ehe er ging, reichte er stumm und düster mir die Hand. Ach, hätt' ich noch in seinen Mienen eine zarte Spur einigen Schmerzes und leiser Zuneigung gefunden, ich würde meine Nolle verworfen, und mein altes Leben ln Rußland erneuert haben. Aber finster war sein Blick. Zeuge meines Todes zu sein, war ihm mehr unbehaglich, peinlich, als schmerzlich. Sein Händedruck war kalt, und wie von Wohlanstän- digkeit erzwungen. Er schien auf sich selbst zu zürnen, daß seine Augen keine Thränen finden konnten, die er seinem Vater, dem betrübten Kaiser, hätte auswcisen können. Er ging, und war von mir vergessen, wie er den Rücken wandte. Ach, mein Herz schrie nur meinen Kindern nach. 102 Erschöpft sank ich zusammen. Man ließ mich einsam; nur die Gräfin Königsmark bewachte mich. Ihr Zuspruch gab mir den verlorne» Mnth zurück Ich schlummerte einen kurzen Schlummer und fühlte mich gestärkt. Nach Mitternacht wurde die Anzeige meines Todes verbreitet. Mein Gemahl hatte schon Petersburg verlassen, und sich mit einigen seiner Gesellen ans ein Landgut begeben. Er empfing die Botschaft meiner Auflösung, und gab Befehl, wie ich cs selbst besohlen hatte, meinen Leichnam in der Stille zu beerdigen. — Der Sarg erschien. Agathe und die Königsmark legten mich ein und verhüllten mein Gesicht. Viele meines Hofes forderten mich noch zu sehen. Sic umgaben weinend die Bahre. Bon Zeit zu Zeit lüpfte die Königsmark den Schleier von meinem Antlitz, und der Schmerz der Zuschauer ward nur reger, und für jeglichen Verdacht der Zukunft mein Abstcrbcn zweifelloser. Verkleidet ward ich in der Nacht, als mein verschlossener Sarg zur Ruhe geführt worden war, aus meiner Wohnung von der Königsmark entführt. Ich blieb verborgen in ihrem Palast. In der dritten Nacht erschien der treue Vater Herbert am Thore der Stadt. Agathe von Dicnholm und ich verließen in männlichen, altrussischeu Kleidern Petersburg. Es war ein großer Schnee gefallen; doch schwieg der Sturm. Die Sterne funkelten hell. Herbert regierte selbst den Schlitten; er flog mit Vogelschnelle über den Schnee hin, saust wie in Wolken. Keiner sprach. Immer zittert' ich, verrathen und eingeholt zu werden. Oft wünscht' ich's heimlich, um wieder, wäre cs auch im Kerker, meinen Kindern nahe zu sein. — Unaussprechliche Angst und tiefnagender Mutterschmerz quälten mein Herz. Agathe, die Liebevolle, schmiegte sich schüchtern an mich; unermeßlich schien ihr das Glück, die Unentbehrliche ihrer Fürstin zu sein. Ich drückte ihre Hand in der meinen. „O meine Fürstin! meine Fürstin!" lispelte sie: „Wie lieb' ich Sie, wie möcht' ich für Sie sterben, wie gern!" — „Ich bin nicht deine Fürstin mehr! Vergiß deiner Roste nicht. Nenne mich deine Freundin, deine Schwester: denn nun bin ich'S, und dir gleich!" Ich legte meinen Arm um ste; nur auf meinen wiederholten Willen that die Schüchterne desgleichen. Ich fühlte ihr Erglühen und die Unruhe ihres schönen Herzens, worin noch immer die zärtlichste Liebe mit der gewohnten Ehrfurcht kämpfte. So dämmerte, nach einer langen schrecklichen Nacht, der Morgen. Wir befanden uns in einer waldigen Wildniß. Die ermüdeten Rosse trabten langsamer. Wir erreichten endlich ein einsames, elendes Hans im Gehölz, vor welchem Herbert Halt machte. Er führte uns hinein. Ein Paar alter Leute empfing uns mit Gastfreundschaft. Herbert nannte Agathe »nd mich seine Söhne. 8 . Seligkeit des unbemerkten Einsamlebens, nur gekannt von wenigen Guten, die uns lieben, welches Glück der Welt darf dir gleichgeachtet werden! — Der alte Russe, mit seiner Frau und einem rüstigen jungen Burschen, ihrem Sohne, lebten in dieser Hütte schon viele Jahre, ohne sie zu verlassen, als an hohen Festtagen , wenn ste die Kirche eines sieben Werste von hier entlegenen Dorfs besuchten. Der Alte mit seinem Sohne verfertigte allerlei Gcräthc von Holz, die dieser dann zum Verkauf anstrug, und gegen Lebensmittel, Kleider und weniges Geld austanschte. Wie bezauberte mich die stille Zufriedenheit und Genügsamkeit dieser Armen! Alles, was ihr Herz wünschte, lag im Umkreis ihrer Hütte. Sic kannten die Herrlichkeit und das Elend der Großen nicht; ste wußten nichts von den Ereignissen, welche rings umher die Welt erschütterten, und von dem fürchterlichen Gährungsstoff, der, in die Brust — t<14 —, der Menschen geworfen, frohe Geschlechter verheert und Throne in Ströme Blutes senkt. Während Herbert unsere Rosse besorgte, ward die liebenswürdige Agathe mein Mundkoch. Sie bereitete uns ein einfaches, reinliches Mahl. Zch bewunderte ihre Geschicklichkeit, ihren Fleiß. Als wir allein waren in dem engen Stübchen, nahte ich mich ihr, schloß sie in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Lippen. Ei» reizendes Roth überfloß ihr Antlitz — sie erwicderte schüchtern und glühend den schwesterlichen Kuß, und sah mit schwimmenden Blicken zu mir auf, und stammelte leise: „O mein Gott!" „So wie diese Alten," sprach ich, „werden auch wir eine Einöde finden, schöner, als diese; wir werden glücklich sein. Das einfache stille Dasein in der Welt wird von uns wie eine Wollust genossen werden; wir vergessen bei der Liebe einzelner, treuer Nachbarn die Schmeicheleien fader Höflinge, die knechtische Verehrung von unter- thänigen Haufen; wir hören nichts mehr von Kriegen, Verräthe- reicn, Kabalen und Allem, was die arme Menschheit quält, womit sie voll kindlicher Begier tändelt, womit sie ihr flüchtiges Leben vergiftet; nichts von den Geckereien der Eitelkeit, von dem Streben der Ehrfurcht, von den priviligirten Sünden und Albernheiten der Großen, von der Blindheit des rohen Pöbels, und was sonst die Zeitungen füllt. Die Morgen- und Abendröthen sind unsere Zeitungen, die uns einen heiter» oder trüben Tag verkünden; der Wald unser Opernsaal; Gebirg und Meer unser Schauspiel; die Gesundheit unsere Köchin; der unendliche Himmel unser Kirchen- gewölb. Ach, liebe Dienholm, kannst du dich auch herzlich mit mir freuen auf dieses stille Glück?" Sie lächelte mich an, küßte mich crröthend und sprach: Ich freue mich nicht mehr in der Hoffnung; denn was ich nie hoffen durfte, ist mir schon geworden. O wie gern meid' ich die Welt, dies große Krankenhaus, worin fast Alles, groß und klein, an 105 irgend einer Begierde fiebert, nach Gold, nach Bewunderung, nach Rache, nach Unsterblichkeit, nach hohen Stellen, nach Leckerbissen, schönen Kleidern und marternden Lächerlichkeiten. Wer all dem Tand entsagen kann, der nicht unmittelbar zum Leben nöthig nicht, der hat, was er bedarf — im Herzen Ruhe. Und so ist mir'S geworden. Fast den ganzen Tag blieben wir in der Hütte mit voller Sicherheit. Wir schliefen hier so sanft, so fest, als hätte Rußland für uns keine Gefahr mehr. Erst am Abend trennten wir uns von »u- sern alten Wirthen, und setzten unsere Reise über den Schnee fort. Herbert war seines Weges vollkommen kundig, er mied überall die großen Straßen; wir reifete» meistens nur bei Nacht, ruhten meistens nur in abgelegenen Hütten und elenden Dörfern auS; sahen wenig Menschen, und wechselten bald Kleidertracht, bald Namen, um immer uncntdeckt zu bleiben. Aber alles dies gab unserer Flucht eine ermüdende Langsamkeit; bald waren die Nächte zu dunkel, bald die Tage zu stürmisch, und alle Wege bis zur Unkenntlichkeit verschneit. Vierzehn Tage lang waren wir schon in den ewigen Wildnissen durch unbewohnte Steppen und finstere Waldungen geirrt, auS deren Labyrinth wir uns, ohne von Dorf zu Dorf mitgenommene Führer, nie gefunden haben würden, und noch immer hatten wir die Grenzen des russischen Gebietes nicht erreicht. — Herbert tröstete uns von einem Tage zum andern; aber einen Tag wie den andern ward unsere Hoffnung getäuscht. Eines Abends endlich sprach Herbert: „Beruhigen Sie sich, wir schlafen heut' im letzten russischen Dorf. Es heißt KwadoSzlaw, und kann nicht mehr als zehn Werste von uns sein. Morgen reisen wir auf polnischem Boden." Ich jauchzte freudig auf. „Nein," rief ich, „noch diese Nacht müssen wir in Polen sein. Ich athme nicht eher freier." Wir kamen spät in KwadoSzlaw an. Es war finster und schneite 106 stark. — Herbert wollte rasten; aber ich ließ nicht nach, bis er znni ersten Dorfe die Reise fortsetzte. Er erkundigte stch nach dem Namen desselben. Man nannte es NieSzoSperda. Wir begehrten einen Wegweiser; aber die Menschen waren hier so ungefällig, daß keiner sich dazu hcrgeben wollte, und wir, so große Belohnung wir auch versprachen, keinen erhalten konnten. Demungeachtet betrieb ich die Fortsetzung der Reise, da wir diesen Tag nicht weit gekommen waren. Bald sahen wir uns in einem weitläufigen Walde; wir hatten bisher das kaum sichtbare Gleis vor uns gefahrner Schlitten verfolgt, aber eS wurde immer dunkler; der Wind warf uns de» Schnee entgegen, daß es zuletzt keine Möglichkeit war, eine Spur der Bahn zu finden. Wir waren schon zu tief in der Irre, um hoffen zu dürfen, nach dem verlassenen Orte zurückkommen zu können. Wind und Schnee hatten unsere Gleise verwischt. Wir waren vom Frost halb erstarrt, und mußten uns dadurch erwärmen, daß wir von Zeit zu Zeit neben dem Schlitten hintrabtcn. Ich litt viel, aber noch mehr die gute Agathe, welche nicht, wie ich, durch Hoffnung, Angst und Furcht Kraft der Verzweiflung empfing, und ohnedem diesen Tag die schwerfällige Tracht einer russischen Bäuerin angenommen hatte. Einige Stunden lang hatten wir uns im Wald »mhergetrieben, ohne sein Ende zu erreichen. Herbert, da er nirgends einen Ausweg vor sich sah, war abgestiegen, um die Gegend vor »ns zu untersuchen. Agathe und ich erwarteten im Schlitten seine Rückkunft. Zu unserm nicht geringen Schrecken erschien unverhofft neben uns ein fremder Kerl zu Fuß. Ich redete ihn an; er gab keine Antwort, sondern ging gegen das Pferd, schwang sich hinauf und jagte, seitwärts in das Gehölz hinein, mit uns davon. Bestürzung und Angst raubten, uns fast alle Besinnung. Wir schrien Herberts Namen; wir hörten sein antwortendes Geschrei aus der Ferne, und bald vernahmen wir auch dies nicht mehr. Ich 107 sank ohnmächtig in Agathens Arme zurück, und kam nicht eher zn mir, als in dem Augenblick, da der Schlitten still stand. Ich öffnete die Augen. Wir waren in einer weiten Ebene außer dem Walde; Schnee und Wind währten fort. Der Kerl, so uns entführt hatte, war vom Pferde gesprungen und verschwunden Ver- muthlich hatte er nur, um seine Fußreise zu verkürzen, und schneller aus dem Gehölz zu kommen, sich unsers NosseS bedienen wollen. Es blieb nichts übrig, als in den Wald zurückzukehren, um unfern verlornen Freund zu suchen. Die tiefen Spuren im Schnee zeigten den weiten Weg, welchen wir gemacht hatten. Wir kamen nach einer halben Stunde ins Gehölz. Wir riefen Herberts Namen unzähligemal; aber unserm ängstlichen Geschrei antwortete nur das Brausen des Sturmwindes in den schwarzen Fichten. Noch fuhren wir eine halbe Stunde tiefer in den Forst; keine Spur, kein Laut von dem armen Herbert. Wo sollten wir ihn suchen? Wir mußten selbst fürchten, irgend eine falsche Fährte befahren zu haben. Vielleicht war der Unglückliche schon, von Kälte erstarrt, auf dem Schnee erfroren; vielleicht von Wölfen angefallen und zerrissen — wir ohne Rathgeber, ohne Beistand, in der Wüste allein, an Kraft und Muth erschöpft. Nie hatte ich mich in einer schrecklicher» Lage befunden. Kaum besaßen unsere starren Hände noch Macht genug, die Zügel unserer müden Rosse zu leiten. Agathe rieth an, in das Freie zurückzufahren, in der Hoffnung, irgend eine menschliche Wohnung zu entdecken, wenn wir die Fnßstapfen unsers Entführers verfolgen würden. Von da könnten wir am Tage des Waldes kundige Leute aussenden nach Herbert. — Ich folgte dem Nathe; und in der That erreichten wir, indem wir der hinterlaffencn Spur des entwichenen Kerls folgten, mit Tagesanbruch ein kleines, armseliges, halb in Schnee vergrabenes Dorf. 108 9 . Wir hielte» in einem alten, aus Backsteinen aufgcführten Hanse an, welches das ansehnlichste im ganzen Dorfe war. Eine ganze Koppel Hunde umringte bellend unser Fuhrwerk, bis sie ein verlumpter, schmutziger Kerl zum Schweigen brachte, der ans dem Hanse trat, und unsere klägliche Erzählung anhörte, die ich ihm, so gut als möglich, in russischer Sprache machte. Er verließ uns, ohne zn antworten, erschien nach einigen Minuten wieder, und führte uns in eine geheizte Stube, welche einem Stalle glich, wo mehrere Knechte und Mägde ans mürbem Stroh nmherlagen. Wohl eine Stunde mußten wir hier geduldig unser Schicksal abwartcn. Die Schlafenden ermunterten sich; man führte unsere Rosse unter Dach, und uns endlich in ein größeres Zimmer, wo ein starker, breitschulteriger Mensch, der einen gewaltigen Knebcl- bart trug, sich als den gestrengen Herrn von Horodok ankündigtc. Er redete zuerst Agathen auf russisch, dann auf polnisch an. Das gute Kind, keiner dieser Sprachen mächtig, antwortete französisch, dann deutsch, und ward nicht verstanden. Ich wollte das Wort für sie führe»; er aber gebot mir Stillschweigen. „Du bist keine Russin, trotz deiner Kleider!" sagte er, flüsterte einem seiner Knechte wenige Worte ins Ohr, und ließ Agathen zum Zimmer, hinaus führen. Vergebens widersetzt' ich mich diesem seltsamen Betragen. „Ich kenne euch wohl!" sagte der schreckliche Mensch zu mir: „Ihr seid von Petersburg entwischt. Ihr wäret mir gleich Anfangs verdächtig." Die Rede vollendete meine Angst. Schon glaubt' ich mich entdeckt, verrathen, aufgesucht und nach Petersburg ausgcliefcrt. Ich gab Agathen für meine Schwester aus; erzählte unser nächtliches Abenteuer, und wie sich unser Vater von uns im Walde verloren habe. Ich bat nur, diesen aufsnchen zu lassen. Der Edelmann schüttelte de» Kopf; er ließ mich in ein Nebenzimmer führen, wo- hin nach einiger Zeit auch Agathe gebracht ward, die bitterlich schluchzte. Mit Hilfe eines Knechts, der gebrochen deutsch redete, hatte der Herr von Horodok auch sie wieder ins Verhör genommen; und da sie sich für eine Magd ansgegeben, die in Diensten meines Vaters stehe, so wurde der Verdacht des alten Dorftyrannen durch den Widerspruch unserer Aussagen vermehrt. Man behandelte uns wie Gefangene, brachte unsere wenigen Habseligkeiten ans dem Schlitten ins Zimmer, versorgte uns mit Speise und Trank, und ließ uns bis gegen Abend allein. Wir erfuhren nur, der gestrenge Herr, dem man de» Titel eines Starosten beilegte, sei mit andern Freunden auf die Jagd. Bald nahmen wir uns vor, mit einbrechender Nacht zu entspringen, bald mit heldenmüthiger Fassung den AnSgang der Dinge zu erwarten. Ein Plan verdrängte den andern; am meisten waren wir um unser» Herbert in Sorgen. Als es dunkel ward, hörten wir die Jagd zurückkommeu. Bald war wildes Getümmel im Zimmer »eben dem nnsrigcn. Wir hörten Becher klingen, und rohes Gelächter. Der Starost, dessen Stimme wir von allen andern unterschieden, sprach auch von uns. Was mich am meisten beunruhigte, war seine Vcrmuthung, daß wir schwedische Spione, oder Vagabunden seien, die in Petersburg ein Bcutelschneidcrstückchen verübt hätten. Er wolle nns, sagte er, und den Alten, de» wir für unser» Herrn ansgeben, am folgenden Tage an die Obrigkeit der nächsten russischen Stadt schicken. Also auch Herbert schien sich gefunden zu haben. Indem ich der armen, zitternden Agathe die Reden des Starosten erklärte, ward die Thür geöffnet. Die Gesellschaft, von Wein und Branntwein begeistert, drängte sich zu uns herein und musterte uns. Agathe weinte; ich aber überhäufte den Starosten wegen seines despotischen Verfahrens gegen unschuldige Reisende mit Vorwürfen, und verlangte zu meinem Vater gebracht zu werden. Ein wohlgewachsener junger Mann nahete sich Agathen, und sagte, indem er seine Hand unter ihr Kinn legte und ihren Kopf in die Hohe richtete, ans französisch: „Sie sind wohl weder eine Bäuerin noch eine Verbrechen», schönes Kind!" „Und Sie, mein Herr," redete ich ihn an, „scheinen weder ein Räuber, noch fähig zu sein, Barbareien gut zu heißen, welche man im Gebiet des Königs von Polen gegen Reisende verübt. Wir kamen, und machten Anspruch ans Gastfreundschaft und auf die gerühmte Großmuth der Polen, und werden, statt dessen , allen Mißhandlungen preiSgegcbcn." Der junge Mann sah mich lächelnd seitwärts an, dann wieder Agathen, die ihre Augen verschämt zu Boden schlug. „Folgen Sie mir. Ich will Sie frei machen, wenn Sie wollen!" sagte er endlich, und, indem er seine Hand auf Agathcns Schulter legte, setzte er hinzu: „Weine nicht, schönes Mädchen! " Dann wandte er sich lachend zum Starost und rief: „Wladis- law, du hast mir einen schönen Streich gespielt!" „Wie meinst du das, Janinsky?" rief der Starost. „Den Maler hast du verhaftet, von dem mir der Hauptmann Osterow geschrieben, und welchen ich so sehnlich erwartet habe. Diese beiden jungen Leute gehören ihm an. Wo ist er? Ich muß ihn sprechen." Damit verließ er uns. Die ganze Gesellschaft folgte ihm. Kaum war eine halbe Stunde verflossen, als Janinsky mit schlauem Lächeln zu uns hereintrat, an seiner Hand unser» Herbert. „Die Schlitten," sagte Janinsky, „sind angespannt. Sic folgen mir auf mein Schloß, und genießen dort alle Bequemlichkeit, so lauge Sie bei mir auSrnhen wollen." Ich glaubte mich, nun ich Herbert wieder sah, aller Gefahr ans immer entronnen. Wir erzählten ihm, sobald wir allein waren, unser Abenteuer, unsere Angst, unsere Sorgen um ihn. Er theilte Ilt uns seine Geschichte mit, die der mistige» ziemlich ähnlich ward, sobald er die Spuren nnsers Schlittens im Schnee wieder gefunden, und durch sie geführt nach Horodok gekommen. So ermüdet wir auch alle Drei sein mochten, standen wir doch keinen Augenblick an, diesen verhaßten Ort zu verlassen, und mit dem unbekannten JaninSky zu reisen, dessen freundliches Neußcre »ns wenigstens ein besseres Loos versprach. IO. Unter empfindlichem Schneegestöber machten wir uns auf den Weg. Ianinky's Schlitten fuhr voran. Kurz vor Mitternacht erreichten wir endlich ein weitläufiges Dorf, Sloboda geheißen, an dessen Seite sich ein hohes, altväterisches Gebäu erhob, mit einigen kleinen Thürmen versehen. Der Mond schien trübe durch die grauen Schneewolken, und warf ein melancholisches Licht auf das Schloß, welches mit seinen Erkern, Thürmche» und engen Fenstern einem großen Gefängniß glich. Rings um dasselbe zog sich ein Graben, über welche» eine Brücke führte. „Ach!" flüsterte mir Agathe zu, „ich hoffe auch von dieser Zuflucht des Guten nicht viel." Unser Wirth war sehr geschäftig, uns aus dem Fuhrwerk zu heben; dann nahm er Agathen und führte sie ins Schloß. Herbert und ich folgten. In einem großen, mit alten Tapeten bedeckten Zimmer ward ein Nachtessen bereitet. Uebcrall herrschte Ordnung und Reinlichkeit, welches uns wieder einiges Vertrauen einflößte. „Wie freu' ich mich," sagte Zaninsky, „Sie aus der seltsamen Gefangenschaft des Starosten erlöset zu haben. Er ist sonst ein guter Kauz, aber etwas roh, und dabei ein Todfeind des Königs von Schweden. Er ist reich an Land und Leuten; aber, seit "lj" — ll2 — er seine Gemahl!» verloren, gleicht sein Haus einer Bettelherberge, und er wühlt und wälzt sich nach Herzenslust in seinem Schlamm und Schmutz. Man muß ihm seine sonderbaren Launen zu gut halten, und, weil er von Einfluß ist, freundliche Nachbarschaft mit ihm Pflegen. — Vergessen Sie den Schrecken, den Ihnen der wunderliche Kopf verursachte; an meinem Willen soll es nicht fehlen, Ihnen den Aufenthalt bei mir angenehmer zu machen. Ich habe auch Reisen in Europa gemacht, und weiß, wir Wohl es thut, ein gastfreundliches Obdach zu finden, zumal in wildem, »nwirthbarem Lande, wie bei uns." Wir dankten ihm für so viel Verbindliches, und Herbert zog seine Brieftasche hervor. „Hier," sagte er und zeigte ihm einen russischen Paß, „damit Sie auch uns kennen lernen. Sie sehen daraus, daß ich ein französischer Edelmann bin, de Laborde heiße, und daß diese Beiden meine Töchter sind. Die Verkleidung der einen in Mannskleider», der ander» in russischer Bauerntracht, war eine Grille von den beiden Mädchen, die ich ihnen gern ließ. Ich bin von Ihren, Edelmuth überzeugt, mein Herr, und wir schätzen uns glücklich, durch das rauhe Ohngefähr mit einer so angenehmen Bekanntschaft überrascht worden zu sein/' JaninSky durchsah den Paß, und entschuldigte sich bei mir und Agathen, daß er, verführt durch unsere Mummerei, uns vielleicht nicht mit der gebührenden Achtung behandelt habe. Auch für Agathen wurde jetzt ein Gedeck auf den Tisch gelegt. Ich bemerkte inzwischen, daß Jauiuskh, seitdem ihm Herbert die Entdeckung gemacht hatte, um Vieles ernster geworden zu sein schien. Wir bedurften diesen Tag der Ruhe mehr, als der Speisen. Eine Magd führte Agathen und mich in ein kleines Zimmer im ober» Stock des Hauses, wo wir im Schutz der Ahnen unsers Edelmanns, deren halbverloschene Gemälde rings an den Wänden hingen, saust entschlummerten. 113 Herbert trug uns am folgenden Morgen die Einladung des gefälligen Wirths vor, einige Tage bei ihm zn verweilen, bis unsere, von so vielen Anstrengungen ermatteten Rosse sich erholt haben würden. Auch war das Wetter noch stürmischer, denn sonst; wir selbst hatten der Rast vvnnöthen, neue Kraft zn schöpfen. Niemand kannte uns in dieser Gegend, welche von Reisenden höchst selten besucht ward; und dies fügte zu den Annehmlichkeiten der Ruhe noch das reizende Gefühl der Sicherheit. Wir willigten ein. JaninSky schien entzückt zu sein, als wären wir nicht seine Schuldner, sondern er der unsrigc. „Ach, wie selten wird mir's hier zu Theil;" rief er, „Menschen aus der gebildeten Welt zu sehen! Hätte ich nie andere Länder und höhere Bedürfnisse kennen gelernt, mir würde wohl sein unter meinen Nachbarn, deren höchstes Gut Jagd, Spiel und Zechgelage sind. Nun aber bin ich in meiner eigenen Hcimath nicht mehr heimath- lich. Der Tod meines Vaters machte mich zum Erben seiner Güter; aber früher oder später werde ich mich ihrer doch entledigen und wieder nach Warschau oder Dresden gehen, wenn der Himmel mir nicht zu guter Stunde eine liebenswürdige Gesellschafterin zuführt, die meine Einsamkeit belebt." JaninSky war ein-schöner Mann; die polnische Nationaltracht seiner Gestalt ungemein vortheilhaft. Er sprach polnisch, französisch und russisch, und hatte eine kleine ausgewählte Bibliothek von lateinischen und französischen Schriftstellern. Er liebte die Musik; er spielte mit Fertigkeit die Flöte und das Klavier. Die Langeweile konnte uns also in Janinsky's Schlosse nicht wohl überraschen. Ich las; Agathe saß am Klavier; JaninSky begleitete ihr empfindungsvollcs Spiel mit der Flöte; Herbert schrieb und blätterte in Landkarten. Am meisten beschäftigte sich unser Wirth von uns Allen mit Agathen. An ihr hingen seine Augen unverwandt; ihr wußte er Zsch. N°v. Vll. 4' 114 immer tausend Dinge zu sagen, die eben so viel Gefühl verriethen; auf ihre Worte horchte er am liebsten, und ihren Wünschen kam er überall am behendesten zuvor. Agathe nahm diese Aufmerksamkeit als eine gewöhnliche Artigkeit; aber sie waren die verrätherische» Zeugen einer lebhaften Leidenschaft, welche Janinsky eben dann am meisten offenbarte, wenn er sie am geflissentlichsten verheimlichen wollte. Bald war er auch dieses Willens nicht mehr mächtig. Als er am Abend des zweiten Tages neben Agathen am Klavier stand — beide waren eben im Zimmer allein — hörte er plötzlich auf, ihr Spiel zu begleiten. Sie sah zu ihm auf. Seine Augen waren voller Thränen. Er wandte sich ab und ging gegen das Fenster. „Ist Ihnen nicht wohl?" fragte Agathe und stand auf. „Wie kann mir wohl sein?" rief er mit Heftigkeit: „Sie wollen morgen abreisen und mich wieder allein lassen? Warum erschienen Sie doch in meiner Einöde, wie Wesen einer bessern Welt, um mir einen Augenblick lang den Himmel zu geben, damit ich nachher das Armselige dieses Lebens desto tiefer empfinde? O Fräulein, Fräulein, ich bin sehr unglücklich?" Agathe, bestürzt und verlegen, wußte ihm nichts zu erwiedern. Er nahm ihre Hand, drückte sie an seinen Mund und blickte mit nassen Augen gen Himmel. „Zürnen Sie mir nicht, Fräulein, und nicht meinem Schmerz! " fuhr er fort: „Hätte ich Sie in einer weitläufigen Stadt, in den glänzenden Kreisen eines Hofes gesehen, mein Herz würde Sie herausgefunden haben aus den Tausenden Ihres Geschlechts, und gesprochen haben: Nur du allein bist mir über Alles theuer. — Und nun wohne ich hier in der Wüste, fern von jeder freundlichen, meinem Geiste verwandten Gesellschaft. Ich sehnte mich vergebens nach dem Bessern. Meine Tage flössen in ermüdender Einförmig- 118 keit hin. Ich fing an, ein Alltagsmensch zu werden, und mein warmes, nur zu zart fühlendes Herz i» den Gang des faden, gewohnten Herkommens hineinzutragen. Ach, was ich nicht als Möglichkeit träumte, ward nun so plötzlich wunderbare Wirklichkeit. Ich sah Sic; eine himmlische Erscheinung hätte mich nicht tiefer erschüttern können. Ich bin ein Verwandelter geworden: ich sehe Sie nur, und kenne Sie nur, und Alles rings umher ist mir so fremd geworden, als wäre es heute erst entstanden. Zürnen Sie mir nicht, Fräulein, denn ich kann Ihnen nichts gelten, das fühle ich wohl; ich bin Ihnen zu bedeutungslos. Unter den Millionen, die Sie sahen, haben Sie Millionen gesehen, wie mich." Er führte sie bei diesen Worte» zum Klarier zurück und nahm die Flöte. Agathe, zitternd, tändelte mit einzelnen Tönen. Sie zürnte ihm nicht, und wußte selbst nicht, daß er ihr Wohlgefallen hatte. Indem trat Vater Herbert ins Zimmer. JaninSky ging ihm entgegen. „Sie wollen mich morgen wieder verlassen?" sagte er: „Aber erinnern Sie sich, daß Sic mein Schuldner sind. Ich zähle ans Ihre Erkenntlichkeit; ich will den kleinen Dienst für bezahlt halten, den ich Ihnen leistete, wen» Sie mir die Bitte gewähren, noch zwei Tage in Sloboda zu verweilen. Ich kann mich unmöglich an den Gedanken gewöhnen, Sie schon zu verlieren." Herbert lächelte. „Wie gern würden wir," sagte er, „unsere Schuld bei Ihnen vermehren, wenn nicht allzugebietende Familicn- verhältnissc uns die Beschleunigung unserer Reise zur Pflicht machten." — Der licbcathmende JaninSky aber ließ sich nicht zurückweisen; er drang mit so freundlichem Ungestüm ans unser Bleiben; er wußte.die Gefahren der Reise bei gegenwärtiger Kälte, die Unsicherheit der Wege durch Wölfe, die der Frost ans ren Wäldern triebe, um Nahrung in bewohnter» Gegenden zu suchen, so lebhaft zu schildern, daß Herbert endlich wankte, und wenigstens Bedenkzeit forderte. Als Herbert mir und Agathen, da wir allein waren, den Vor trag machte, sah ich wohl, daß er bei der herrschenden rauhen Witterung geneigter sei, ein paar Tage in Sloboda zuzulegen, denn aufzubrechen. Agathe aber gab statt aller Meinung auf meine Frage ein stummes Erröthen zur Antwort. So blieben wir wieder in Sloboda. 11 . Und aus den versprochenen zwei Tagen wurden ihrer allmälig sechs. JaninSky war der glücklichste Mensch und die Güte selbst. Agathe unterhielt sich gern mit ihm, wenn er ihr von seiner Leidenschaft schwieg; ich bemerkte, daß sie schöner und gefühlvoller am Klavier sang, als sonst an meinem Flügel; daß ihr ganzes Wesen von einem höher» Geiste beseelt zu sein schien. Mir selbst kam sie weit liebenswürdiger vor, denn ehemals; ihre Stimme hatte etwas unnennbar Weiches und Rührendes; ihre Blicke hafteten länger und träumender an allen Gegenständen; hätte sie einen Todfeind gehabt, er würde mit Liebe haben an ihr Herz sinken müssen. Nur ich allein war die ewig Rastlose, und schwebte in unendlicher Furcht. Jede fremde Gestalt, jeder Reisende, welcher über die Schncewüstcn daher irrte, jagte mir Angst des Todes ein. — Ach, und meine verlassenen Kinder, die fürstlichen Waisen! Immer war ich nur im Geiste bei ihnen; immer träumt' ich nur ihre holdseligen Gestalten — wie gern hätt' ich für einen einzigen Kuß auf ihre Lippen mein freudenarmes Leben dahingezahlt! Am Abend des sechsten Tages trat die gute Agathe ins Zim- 117 mer zu mir. Ihre Augen waren verweint; doch lächelte sie. „Ich habe mit Vater Herbert geredet," sprach sie, „er wäre entschlossen, morgen in der Frühe aufznbrechen, wenn Sie in unsere Abreise willigen." „Jeden Augenblick — jetzt — bin ich bereit!" „Aber Janinsky darf es nicht wissen — nicht eher, als bis wir morgen ihm den plötzlichen Abschied sagen. Er würde uns tausend Schwierigkeiten in den Weg wälzen, um die Abreise zu hindern!" sagte sie, nnd wandte sich erröthend von mir. Ihr Betragen fiel mir auf. Ich schloß sie in meine Arme; ich forschte nach der Ursache ihrer Verwirrung und dem Geheim- niß ihrer Thränen. Halb errieth ich'S. „Du hast eine Eroberung gemacht'in der Wilde!" sagte ich lächelnd zn ihr. „Er hat bei Herbert um meine Hand «»gehalten," erwiederte Agathe, „in der Meinung, daß Herbert wirklich mein Vater sei. Herbert stellte ihm vergebens vor, daß er sich von seiner Tochter nicht trennen würde; daß ich in dieser Wüstenei nicht lebe» könne. Er will Hab und Gut in Geld verwandeln, will Polen verlassen, will uns folgen und sich in Frankreich niederlaffen bei uns. „Und du, Agathe?" „Mir thut es leid! Er ist ein so guter Mensch, aber wilder Schwärmerei fähig. Darum müssen wir eilen, Sloboda zu verlassen." Herbert bestätigte AgathenS Rede. Um Janinsky für immer abzuweisen, hatte er demselben erklärt, daß er nirgends anders, als auf französischem Boden, über Agathens Schicksal entscheiden werde. Sobald am folgenden Morgen Herbert in der Stille Alles zur Abreise gerüstet und die Pferde angeschirrt hatte, zeigten wir dem unglücklichen Liebhaber unfern Entschluß an, ihn zu verlassen. — Schon war der Schlitten vorgefahren. Janinsky stand erbleichend, sprachlos vor uns. Seine Angen 118 irrte» abwechselnd auf uns Dreien hin, und schienen zu fragen: „Scheiden? Könnt ihr dies? Wollet ihr Janinsky's Tod?" — Wir sagten ihm alles, was Erkenntlichkeit zu sagen gebot. Herbert zog einen kostbaren Ring vom Finger und bat ihn, denselben zum Andenken anzunehmen. Er stieß Herberts Hand zurück. Er trat ans Fenster, sah unser« Schlitten bereit stehen — kehrte wieder zu uns, drückte Herbert, dann mir die Hand; dann fiel er vor Agathen aufs Knie, drückte ihre Hand mit Inbrunst an sein Herz, seufzte tief und sprach mit beklemmter Stimme das Wort Ewig aus. Wir sahen den guten, armen Janinsky nicht wieder. Alle waren wir tief bewegt. Alle hofften wir, er werde zurückkehren. Bald aber erfuhren wir von einem seiner Knechte, er habe sich auf sein Roß geworfen und Sloboda verlassen. Herbert und ich standen beim Schlitten. Agathe war noch im Hause geblieben. Ich ging zurück, um fie aufzusuchen. Als ich ins Zimmer kam, wo Janinsky von uns gegangen war, fand ich sie schluchzend auf einem Sessel sitzend, mit verhülltem Gesicht. Auf einem Tischchen neben sich hatte sie mit Kreide die Worte geschrieben: „Ewig, Janinsky." Ich näherte mich ihr und ergriff ihre Hand. Sie erschrak und suchte mir ihren Schmerz zu verheimlichen. Aber ich hatte jene Worte gelesen, worin sie die Geschichte ihres Herzens beschrieb. „Willst du hier bleiben?" fragte ich. Sie sprang auf, und zog mich zum Schlitten, ohne ein Wort zu reden. Wir setzten uns ein und fuhren ab. 12 . Es war ein düsterer Wintertag; der Himmel eine einzige graue Wolke, von welcher Schnee und Regen auf uns troffen. Aus den beschneiten Ebenen erhoben sich die dunkeln Waldungen, wie 11g schwarze Inseln. Dann und wann tönte das melancholische Geläute einer Dorfglocke ans der Ferne. Und Wälder und Wolken und Hutten flogen um uns hin vorüber, wie Gestalten eines einförmigen Traums. Agathe lag fest an mich geschmiegt. Ich wagte nicht, ihr Träumen und Sinnen zu stören. Das arme Kind war aus dem seltsamen Abenteuer mit einem verwundeten Herzen gegangen. Aus Liebe zu mir hatte sie hingegeben, was sie liebte. Q Julie, wie ist unser ganzes Leben ein so träumerisches Gemisch; mehr Schatten, als Wesen; mehr Ahnung, als Genuß! — Da erscheinen wir, ohne zu wissen, woher? und abenteuern eine Zeit lang zwischen Dornen und Rosen hin, und begegnen und begrüßen manche fremde Gestalt, hätten mit mancher gern den Bund des Herzens geschlossen, aber sehen sie verschwinden, nie wiederkehren, und die Fluth der Stunden und das räthselhafte Schicksal führen uns weiter, bis wir müde und satt zusammensinken, und der Rinde unsers Planeten den erborgten Staub wieder zurückgeben. Man spottet gern jener Empfindungen von ewiger Liebe, von treuer Freundschaft, in welchen die Jugend sich wohlgefällt; man heißt sie Romanen-Schwärmerei, Ueberspannung, Verkünstelung und Empfindelei. — Ich aber will Agathens Thränen nicht zürnen. Die Jugend ist edler, in Thaten und Empfindungen, als das spätere Alter. Sie wandelt noch in Unverdorbenheit, rein, wie sie den Händen der Natur und den frommen Lehren der Schule entstieg, unvertraut mit Verderbtheit und Gräueln der Menschen; sie will das Große, das Gute; ihr Enthusiasmus ist der ehrwürdigste. — Vom Rauch der Leidenschaft geschwärzt, 'geht das spätere Alter einher, ist selbst nicht mehr heilig, und sieht daher kein Heiligthum; wälzt sich in Lüsten, oder schwärmt mit rasendem Sinn einem Phantom nach, oder verkauft um Gold die schönsten Gefühle, und heißt Alles, was ihm nicht mehr reizend scheint, Thorheit und Kindertand. Die Tugend, dem Kinde und noch dem Jüngling und Mädchen heilig, ist ihm LcbcnSklugheit. Er achtet nicht mehr des Schönen, sondern nur des Nützlichen. O saget mir doch, da wir nun einmal Menschen sind und menschlich denken und empfinden müssen, welche Schwärmerei ist die edlere? — Jst's das unbändige Strebe» nach Sinnenkitzel? Jst'S vas Streben »ach Selbstverläugnung, Großmuth, Freundschaft, Treue und Seelengute? Lasset unser« Kindern den erhabenen Sinn; tödtet ihn nicht muthwilligerweise früher, als ihn vielleicht traurige Schicksale tödten. Ich will aber nun, sei denn auch meine Bestimmung auf Erden und jenseits des Grabes, welche sie wolle — ich will dem Tand der entarteten Menschheit auf ewig entsagen; will nicht nach Schätzen geizen, wenn tch nur mein Leben erhalten kann mit dem Noth- wendigen; will nicht nach Weltruhm ringen, wenn mich nur eine Seele herzlich liebt; will nicht den Purpur und den Bettelkittel, sondern nur die Herzen unterscheiden, und hienieden meine Welt mir schaffen, wie sie sein soll, nicht wie sie durch die verwirrende Leidenschaft im unglücklichen Europa ward. Wir leben nur einmal, o Julie! warum soll ich den Grillen und Meinungen der Menschen dies Leben hinwerfen, und mir es nicht selbst weihen? Warum soll ich die Sklavin ihrer Vorurtheile und ihrer Leidenschaften sein, da mir der Mächtigste von ihnen keinen Schmerz zu vergüten, und keine Stunde neuen Lebens zu gewähren fähig ist, wenn meine Zeit einst ausgelaufen sein wird? 13 . Sobald wir nach zwei Tagen das erste Städtchen — sein Name ist mir entfallen — erreicht hatten, fanden wir daselbst einen 121 Nesewagen mit allen möglichen Bequemlichkeiten, der uns, wie der Postmeister sagte, schon längst erwartete. Auch dies war ein Werk der Vorsicht unsere Herberts, damit wir nirgends allzulange aufgchalten, würden. Er hatte ohne mein Wissen einen Menschen, Namens Panlowitz, voranSgesandt, unser« Weg zu bereiten; einen Menschen, dessen Treue und Klugheit erprobt waren, der schon viele Reisen gemacht hatte, durch Unglücks- fälle aller Art veramt, ohne Anstellung geblieben war, und jetzt sein Schicksal an Herberts Schicksal unauflöslich knüpfen wollte. Herbert sagte mir, daß uns Paulowitz in Paris erwarte und daselbst unsere Abreise nach Amerika vorbercite. So eilten wir unaufhaltsam durch das übrige Polen, und reiseten durch Deutschland, ohne an einem Orte länger zu verweilen, als es nöthig war, durch einen nächtlichen Schlummer unsere erschöpften Kräfte zu verjüngen. Ich las in den Zeitungen die Geschichte meines Todes und Begräbnisses. Meine Flucht aus Petersburg war Geheimniß geblieben. — O ihr meine zärtlich geliebten Aeltcrn! — Meine einzige Julie! — In den Augenblicken, da ihr noch meinen Tod beweintet, war ich euch so nahe! Ich breitete schluchzend meine Arme nach jenen Gegenden aus, die euch besitzen, und stammelte euch leise unter tausend Thräncn mein Lebewohl und meinen Segen zu, was ihr nicht vernehmen durftet. Während ihr euch in Trauerkleider hülltet, betete für euch eure unglückliche Tochter und Freundin um Frieden und Trost zu dem, der allein Trost und Frieden verleihen kann. Ich aber bin für euch eine Todte und werde es bleiben — so will es mein Verhängniß. Wir erreichten endlich nach einer unaussprechlich langen Reise die Hauptstadt Frankreichs. Hier hatte uns der gute Paulowitz eine angenehme Wohnung zugerichtct; auch erzählte er uns, daß er mit dem Schiffskapitän de la Breton« e, der im Hafen zu 1L2 l'Orient sei, um de» Preis einig geworden, uns nebst mehrern hundert Deutschen nach Amerika überzufahren. Diese Deutschen waren mehrcnthetls verarmte Leute, welche ihr Vaterland zu verlassen gedachten, um ihr Glück unter fremde» Himmelsstrichen bei der Gründung neuer Kolonien in Louisiana zu finden. Aber erst im Monat Mai konnte die Abfahrt geschehen. Ich fürchtete während dieser Zeit in Paris entdeckt zu werden. Eben das ungeheure Menschengewühl dieser kleinen Welt, in welchem ich anfangs glaubte, am unbemerktesten leben zu können, ward mir um so gefährlicher, da von allen Nationen Europens Reisende hier zusammenströmen. Wie leicht konnte ich in der Nähe des Hofes von irgend einem Neugierigen erkannt und verrathen werden, der mich einmal in Petersburg oder Wolfenbüttel gesehen. Vater Herbert, welcher jetzt den Namen de l'Ecluse angenommen, fand meine Besorgnisse sehr gegründet. Wir verließen Paris, um, nach unserer Gewohnheit immer unstät und flüchtig, vor der Abreise noch einige Gegenden des Königreichs zu besuchen. Aber auch auf dieser Irrfahrt war ich noch vor aller Verrätherei nicht sicher — wo ich am geborgensten zu sein wähnte, war meine Gefahr am größten. Als wir nämlich in Poitiers uns befanden, fiel cs mir ein, in Gesellschaft unserer artigen Wirthin auch einer Abendmesse in dortiger Kirche beizuwohnen. — Ich betete mit Inbrunst, o meine Julie! für dich, und für meine Kinder, und für meine fürstlichen Aeltern. — Ein unerwarteter Anblick riß mich von der Höhe meiner Andacht nieder, und fesselte unwiderstehlich meine Aufmerksamkeit. Nicht fern von mir stand in den Reihen der Männer — o wie gern schreib' ich seinen Namen, der mich an die fröhlichsten Stunden meiner Kindheit wieder mahnt! — der Chevalier d'Aubant. — — 123 — Ich erschrak, und doch könnt' ich meinen Augen nicht gebieten, ihn zu verlassen. DÄubant war's, der einst — ach Julie, mit Wehmnth gedenk' ich des Tages, ich feierte dein Geburtsfest, und wir unbesonnene Mädchen durchschwärmten mit kindischem Uebermuth die grüne Wildniß — wie ein Schntzgeist nnS erschien in der Verwirrung -dÄnbant, der nachmals im traurigen Petersburg edel genug dachte, für die Ehre einer zum Spott des Pöbels gesunkenen Fürstin sein Leben zu wagen — dessen Bild ich mir nie denken kann, ohne es vom rosenfarbenen Himmel meiner Kindheit umstrahlt zu sehen — dessen Namen ich nie ohne Dankbarkeit nenne, da er für den meinigen sein Blut vergoß, ohne Hoffnung einer Belohnung. — Er war's! — Julie, ich zitterte. In angenehmer, wunderbarer Wärme glühte mein halberloschenes Leben auf. D'Aubant glich in diesen Augenblicken einem holden Genius, der mir noch einmal an den Grenzen des vaterländischen Welttheils erscheinen wollte, wie zum Abschiede, bevor mein Schicksal mich aus immerdar entführt haben würde. Ich vergaß bei seinem Anblick mich selbst und meine Gefahr. Er bemerkte mich nicht. Sein Gesicht sprach männliche Schwer- muth. Du erinnerst dich noch seiner hohen Gestalt, und der zarten, geistigen Sprache seiner Mienen! Oft hatte uns die Erscheinung „des schönen Waldgottes," wie du ihn gern hießest, Stoff zu tändelnden Neckereien gegeben. O wie ward mir zu Muthe! Ein halbes Jahrzehend meines Lebens schien nicht gewesen zu sein. Ich irrte wieder im Hain von Blankenburg mit dir, und du kränztest mich wieder zum abendlichen Tanz auf dem Lustschloffe mit wilden Feldblumen. Plötzlich wandte er sich. Er erblickte mich, und ich glaubte in seinen Augen das tiefste Entsetzen zu lesen, welches seine ganze 124 Seele beim Anblick einer Todtgewähnten füllen mußte. Ich genas von meinen Träumen, und hüllte mein Gesicht in die Falten des Schleiers. Ich war einer Ohnmacht nahe. Wie eine ertappte Verbrecherin sehnt' ich mich nach Flucht und Freiheit. Der Boden glühte unter meinen Sohlen, und die tausend im Tempel Versammelten schienen ihre Augen auf mich allein zu richten, und einander zuzuflüstern: Siehe, dort ist die entwichene Fürstin! ES war wegen des Gedränges unmöglich, die Kirche sogleich zu verlassen, so sehr ich darum auch meine Gefährtin bat. Und immer blieben d'AubantS Blicke auf mich geheftet; immer begegneten meine Augen den seinigen wieder — und ein Gemisch von Grausen und Wollust durchschauertc mich, wie Gluth und Frost den Fieberkranken. Sobald ich unsere Wohnung wieder erreicht hatte, ließ ich Herbert rufen. Agathe bemerkte meine Verwirrung, meine Angst; Herbert desgleichen. Ich verheimlichte ihnen nichts. Ich erzählte ihnen von d'Aubant. Er war ihnen dem Namen nach, seit seiner Flucht aus Petersburg, nicht mehr unbekannt. Wir beschlossen einmüthig, die Stadt PoitierS sogleich zu verlassen. Ich hatte in der Nacht keinen Schlummer. Immer wähnt' ich mich ver- rathen, und das Haus umringt, und mich den Kerkern von Petersburg zugeführt — und mitten in meiner Todesangst stand wieder die Gestalt d'AubantS vor mir, und neben ihm blühte das Elysium meines ersten Lebens, ich konnte dann den Mann nicht Haffen, der mich verrathen und ausliefern wollte. Diese leinzige Nacht in PoitierS dünkte mich länger und cr- eignißvoller, als mein ganzes Leben. Am folgenden Morgen, eh' es in Osten graute, hatten wir schon PoitierS verlassen. — l2S 14 . Sobald der Maicnmond begann, wurden wir unter dem Namen einer deutschen Familie, welche nach Wcstindien zu ihren Verwandten reifete, eingeschifft. Paulowitz hieß nun Paul; Herbert, unser sorgsamer Vater, trug den Namen Walter. Jener hatte, während wir Andern in Frankreichs Provinzen umhergezogcn waren, mit bewundernswürdigem Fleiß Alles zusammengckauft in l'Orient, was theils eine langwierige Seefahrt zu veranuehm- lichen diente, theils uns im fernen Welttheil Wohlthun konnte. Die Kanonen donnerten im Hafen das Lebewohl. Die Winde schwellten unsere Segel auf. Das Schiffsvolk jauchzte. Die Batterien von Portlouis donnerten den Scheidegruß zurück. Das Schiff schwebte, wie geflügelt, über die dunkeln, spielenden Wellen des Ozeans. Die Iller Cnropa'S wichen zurück. Agathe stand auf dem Verdeck voll tiefer Wehmuth. Ihre Lippen bebten, wie wenn sie zu dem verschwindenden Welttheil reden wollten; Thronen füllten ihre Augen. Die arme Agathe! Ihre Seele irrte in den Wüsteneien von Polen, und umschwebten den trauernden Ja- ninsky im winterlichen Sloboda. Herbert hatte sich an einen Mastbauin gelehnt, mit verschränkten Armen und gesunkenem Haupte, in schwermüthiger Stellung. Meinethalben schied er von der mütterlichen Erde, und suchte er in fernen Wildnissen nun das Ziel seines tugendhaften Lebens. Er hörte nicht das Rauschen des Geschützes, nicht das fröhliche Jauchzen der Matrosen. Nur dann und wann schien ein Seufzer seine Brust zu heben. Und aus dem Gewühl und Lärmen des SchiffSvoiks stieg mit einemmale ein feierlicher Kirchengesang, von Männern, Weibern und Kindern. Es waren Deutsche und Schweizer, welche sich eingeschifft hatten, um in Louisiana das Glück zu finden, welches ihnen in der alten Welt nicht lächeln wollte. Sie saßen gedrängt « 126 beisammen, und sangen mit lauter Stimme ihren Psalm zum Gott der Väter, und empfahlen ihm das theure Mutterland, so sie nicht nähren konnte. Und Aller Augen starrten nach dem festen Lande hin, und weinten im Angesicht desselben ihre Abschiedsthränen. Die Wehmuth übermannte auch mich. Mein leises, glühendes Gebet stieg unter den Liedern dieser Unglücklichen zum Himmel für meine Kinder; und meine Thränen begleiteten die ihrigen. „Natalie, o Natalie, geliebte Tochter, und du, mein unglückseliger Säugling, dem nicht die zarte Hand der Mutterliebe die Thränen trocknen darf — noch einmal lebet wohl!" So rief ich, und sah die Küsten Europa'S vor mir dunkler werden, und am Horizont verdämmern. Wie ein ungeheurer Sarg ging der heimath- liche Wcltiheil in die Tiefen des Meeres mit all seinen Schätzen und Foltern, mit seinen Thränen- und Freudenstundcn. Nur nach meinen Kindern schlug mein Herz in diesem feierlichen Augenblick — auch sie gingen für mich auf ewig unter. Ich schwebte einsam auf dem Ozean, wie ein abgeschiedener Geist, der zu entfernten Bestimmungen hingerissen, schaudernd die Welt vor sich verschweben sieht, wie einen Dunst — die Welt, welche zwar für ihn der Qualen manche trug, aber auch manches Kleinod. Ich saß, in meinen Empfindungen verloren, auf dem Verdecke. Der Mond war aufgegangen, denn spät am Tage geschah unsere Abfahrt; weit umher herrschte Todesstillc; überall nur Well' und Himmel, Dunkelheit und Glanz. Dies furchtbarliebliche Schauspiel fesselte mich durch seine Neuheit, und zerstreute meinen Gram. Da trat Agathe zu mir, und fragte schüchtern: „Meine Augustine; stör' ich dich? Du bist betrübt. Verfolgt dich schon zu früh die Neue? Verläffest du dein Europa ungern?" Ich zog das gute Mädchen an mich, und antwortete: „Nein, gern. Denn Niemand liebt mich dort, und Niemand schirmte mich dort. Und was mich liebt und schirmt, begleitet mich zur neuen 127 Welt. Nur um meine Kinder klag' ich, und meine Julie. Die sind mir verloren. Und hält' ich sie nicht verlassen, so wären sie mir dennoch verloren. Nun denn, gute Nacht, Vergangenheit! Sei mir willkommen , fremde Zukunft! Ich gehe dir entgegen mit einer reinen Seele. Wer nichts zu fürchten hat, hat nur zu hoffen." Ngathe drückte ihr Gesicht an meine Brust und schluchzte heftiger. „Du weinst?" fragte ich sie: „Sehnst du dich heim?" Nach einer langen Stille lispelte sie nur den Namen JaninSky. Meine Augen wurden von Thränen verdunkelt. Ich küßte des Mädchens heiße Stirn und antwortete nicht. Was hält' ich er- wiedern können aus solch ei» vielsagendes Wort. — Agathe liebte. JaninSky war der Gott ihrer ersten Leidenschaft. Treu und ergeben hatte sie mir ihre schönsten Empfindungen zum Opfer gebracht, und es erst damals gestanden, als hoffnungslos sie an der Möglichkeit ihres Glücks verzweifelte. Ja, cs ist das höchste Opfer, sein eigenes Herz freudig brechen zu lassen, indem man seine Liebe tödtet. Unterm Himmel beseligt nichts so, als dies Gefühl, welches mit dem Gefühl der Unsterblichkeit so ganz eins ist. Wer seine Liebe opfert, der opfert seine Unsterblichkeit mit dahin. Ohne Liebe ist die Ewigkeit leer und werthlos. 15 . Und wir schwammen nun auf dem Hellen, immer bewegten Ozean von Inseln zu Inseln. Wir gewöhnten »ns an das unbequeme Leben der Seefahrer; an das betäubende Hin - und Hcrwiegen des Schiffes; an das rege, wunderbare Einerlei des Weltmeers. Das Bild des stillen rastlosen Lebens und der Ewigkeit gibt uns keine Landschaft mit ihre» Blnmcnfeldcrn, kein Gcbirg mit seinen unermeßliche» Aussichten in so vollem Maße, als das Meer. 128 Hier ist Alles Bewegung, und unermüdlich. Unter uns gaukeln die Wellen; um uns flattern die bunten Wimpel des Schiffes; über unscrm Haupte schwärmen die Gewölke. Die ungeheure Natur ist bald in leiser, bald in furchtbarer Gähruug, und der Mensch, welcher die unbändigen Elemente beherrscht, erscheint nirgends in so gewaltiger Hoheit, wie hier. Wir sahen die kanarischen Inseln — wir wohnten einige Tage auf Teneriffa, am Fuße des Pik. Schon umgab uns hier eine neue Welt, eine neue Pflan;enschaft, und Menschen non andern Farben. Wir wähnten uns schon weit geschieden von Europa. Agathe klagte leiser um Janinsky, und lächelte wieder wie sonst. Ich hatte Rußland fast vergessen, und Deutschland; die Erinnerung ward schwächer an Alles, was mich einst freute und folterte — ich sah auf die Vergangenheit zurück, wie auf einen langen düster» Traum, oder wie der Geist eines Verstorbenen auf die Geschichte seiner irdischen Wallfahrt. Ich hätt' es nicht geglaubt, daß ich hier noch durch einen Dritten so unerwartet, so überraschend an meine schönsten Lebensstundcn, an dich, o meine Julie, an meine ferne, reizende Heimath gemahnt werden würde! Der Schiffskapitän beschloß plötzlich, mit guten Winden wieder Teneriffa zu verlassen. Eilfertig verließen wir das Land. Wir waren ins Boot gestiegen, und warteten noch auf die Rückkehr des wackcrn Paul. Er kam odemlos, stieg zu uns ein, und die Matrosen stießen vom Lande. Julie, und in eben diesem Augenblicke — ich saß mit gegen das Land gewandtem Antlitz — erschien am Ufer ein junger Mann — ganz d'Aubaiits Gestalt. Ich erschrak — nein, ich kann es nicht Schreck nennen — eine unbegreifliche Mischung von Bestürzung und Freude und Wehmuth war cs, die mein Gcmüth verwirrte. Ich haschte Agathens Hand — „d'Aubant ist's! gewiß d'Aubant!" 129 rief ich. Es schien, als Hai? er mich gesehen, mich erkannt — aber sein Betragen war mir doch unerklärlich. Er lief am User ängstlich umher; er streckte die Arme über das Meer aus nach uns; — ich hätte wünschen mögen, daß ein Unfall unser Boot getroffen und es zur Rückkehr gezwungen hätte. Wir erreichten das Schiff. Die Anker wurden bei unserer Ankunft gelichtet. Nasch flogen wir in die weite Wüste des Ozeans hinaus; ich stand auf dem Verdeck; ich starrte nach den blühenden Usern Tencriffa'S zurück. Und als die Gestade bläulich verdämmerten, starrt' ich noch immer dahin; und mir war eS, als seh' ich noch immer d'AubantS Gestalt, wie sie die Arme ausstreckte, und eine Stimme sagte mir immer, gegen mich! — Und als wir gegen Abend nichts mehr sahen, als den hohen, einsamen Pik, gleich einer Pyramide aus den Tiefen der Gewässer ragend, war mir's, als stehe diese Ge- birgssäule am Horizont nur da, um noch die Gegend zu bezeichnen, wo d'Aubant traure. Paul kannte d'Aubant noch auö Petersburg. Paul erzählte mir, daß d'Aubant es in der That gewesen, der am Ufer erschienen sei; daß er mit ihm einige Worte gesprochen; das d'Aubant nach Amerika reise, um sich in Louistana niederzulaffen. In Louistana! — Also auch er ein Unglücklicher? Fast sollt' ich erröthen über die Theilnahmc., welche dieser Mann in meinem Herzen erregt. Denn jeder der Augenblicke, in dem ich ihn gesehen, hat nun in meinem Gedächtnisse einen hohen Werth. Es ist aber nicht er, von dem ich mit wehmiithiger Ruhe, mit einem Gefühl wie Sehnsucht, so gern träumte; es ist die Zahl meiner Blüthenstnnden, in denen er mir zum ersten Mal erschien, die ich betrauere. Jetzt, von meiner ehemaligen Welt geschieden, ist mir jede Kleinigkeit von ihr so neu, so wichtig! — So gibt uns eine am Fenster blühende Pflanze in rauhen Wintcr- tagen des Nordens höheres Vergnügen, als eine Flur voller Zsch. Nov. VI l. 5 130 Blumen im Sommer. Ach, Julie, ich will d'AubantS gern gedenken. Es ist das einzige, wie mein Herz sich eines Dankes entbürdet, welchen cs dem cdcln Manne schuldig ist, der für meine Ehre sein Blut vergoß. Die Eriuncrung an ihn ist Eriunerimg an dich und an mein verlornes Himmelreich. 16 . Geschrieben in Port au Princc. Dem guten Herbert wollte die Seeluft übel. Er war uns erkrankt. Wir trauerten um ihn, wie um einen Vater. Mit Frcu- denthräuen dankt'ich Gott, als wir nach der lange», ewigen Fahrt endlich wieder festes Land erblickten. Es war St. Domingo, die reichste von allen Inseln Westindiens, rings von Felsen und gefahrvollen Klippe» umgürtet. Unser Schiff landete. Ich verließ mit den Wenigen, welche mir in die fremde Welt folgten, das Schiff, und wir kehrten nicht wieder zurück. Denn Vater Herbert liegt hier schon seit zwölf Wochen krank. Weh' mir, wenn ich ihn verliere! Er ist mein zweiter Vater, mein Lehrer, mein Schutzgcist, mein Führer. Ich würde allein stehen in der Einöde der weiten Welt. Agathe ist ein holdes Kind, und bedarf selbst des Nathcs und Schirmes. O Aleris! Aleris! Dahin treibst du mich, mein Gemahl! Fern von meinen Kindern, fern von meiner Heimath irr' ich, die Tochter Wolfenbüttcls, unter fernen Zonen. Meinem Tode konntest du keine Thränen weinen — was würde dein Herz fühlen, wenn du die Verlassene hier erblicktest? Wir bewohnen ein artiges Landhaus am Meere, nicht weit von der Stadt; cs gehört einem begüterten Kolonisten. — Er ist ein alter, biederer Mann, immer an fröhlichen Einfällen reich. Seine an einen jungen Pflanzer vermählte Tochter besorgt die häuS- 13t lichen Angelegenheiten. Sie ist Mutter zweier liebenswürdigen Knaben, die dem alten Großvater viele Lust machen. Wir sind in dieser Familie bald einheimisch geworden. Wir lieben uns, wie wenn wir uns schon seit vielen Zähren kennten. Besonders hängen die beiden schönen Buben an mir. Auch ich bin Mutter; ach, und die Küsse, welche ich an ihnen verschwende, gelte» den ferne» geliebten Engeln, von denen ich nie den süßen Muttcrnamen hören darf. — O Julie, was ist bitterer, als die Wehmnth einer unglücklichen Mutter? Man wendet alle Kunst an, uns Pilger in St. Domingo zu fesseln. Täglich ermahnt man »ns, daß wir »ns hier niedcrlassen sollen. Der alte De roh, so heißt unser freundlicher Wirth, will uns in seiner Nachbarschaft eine schöne Pflanzung verkaufen. Nein, wir sind noch zu nahe an Europa; allwöchentlich erscheinen hier Schiffe von jenem mir so furchtbar gewordenen Weltthcil. Die Neugier der Reisenden durchspürt die ganze Insel. Wie leicht könnt' ich entdeckt und verrathen werden! Ich will »ach Louisiana. Dahin zieht mich meine Sehnsucht. Dort werd' ich im Schatten tausendjähriger Haine verborgen und vergessen leben; dort werd' ich mir ganz gehören. Und vielleicht — o Julie! süß ist mein Wahn — ich bin in jenen Wildnissen dann so einsam nicht, mir ist's, wie eine Weissagung, so mir geschehen. Was Hab' ich Arme, womit ich meinem dürftigen Leben Reiz gebe, als Träumereien? Ich will an den bunten Hoffnungen hangen mit kindlicher Begier, und würden sic auch nie erfüllt. Sobald Vater Herbert genesen ist, suchen wir Louisiana'S Haine auf. _ 17. O wunderbare Allmacht der Liebe! — Was kein Mensch glauben, keiner träumen kann, ist geschehen. Julie, ich taumle vor Freuden. Der Geliebte AgathenS, der gastfreundliche Pole JaninSky, ist in St. Domingo. Er hat mit unbegreifliche»! Glück unsere Spur durch ganz Europa und über das Weltmeer hin verfolgt, nachdem er sein Hab und Gut in Geld verwandelt hatte. Es ist etwas romanhaft. Aber sei es doch, wenn sich der Mann nur glücklich fühlt in seiner Schwärmerei. Fast vcrmuth' ich, daß Agathe mit ihm mehr im Etnverständniß gewesen, als sie mir wissen ließ, daß sie vielleicht ihm selbst, ihrem Thesens, den leitenden Faden durchs Labyrinth gab, wie eine andere Ariadne. Genug, er ist da. Aus der Stadt kam ein Bote an den Herrn Walter. Herbert trägt diesen Namen in St. Domingo. Der Mensch brachte ihm einen Brief. Herbert war noch zu schwach, ihn selbst zu lesen. Agathe und ich standen vor seinem Bette. Ich öffnete den Brief und las ihn vor. Ehe ich vollendet hatte, sank Agathe fast bewußtlos nieder. JaninSky kündigte sich selbst in diesem Schreiben an. Sobald das gute Mädchen genesen war, hielten wir NathS zusammen. Agathe aber sprach nichts. Sic setzte sich, den Brief in der Hand, ans Fenster; stumm und in tiefer Gcmüthsbewegung saß sie da. Sie starrte nur den Brief an, las ihn aber nicht. Ich fürchtete für ihre Gesundheit. Ich wollte sie beruhigen; sie hörte mich aber nicht; sic sah nur das todte Blatt an, und stieß von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus. Ich schrieb in Herberts Namen die Antwort an den kühnen Abenteurer, und bat ihn, seinen Besuch noch um einige Tage zu verschieben, weil Agathe allzubewegt sei. Noch halt' ich nicht vollendet, als sich die Thür öffnete. JaninSky trat selbst herein. Ich erschrak. Agathe sprang mit einem Schrei vom Sessel auf, ward todtenbleich, wankte ihm, mit halbgeschlossenen Augen, wie eine Sterbende entgegen, die die letzte Ruhe sucht, und fiel ohne Bewußtsein in seinen Armen nieder. 133 Mit Mühe brachten wir sie ins Leben zurück. Erst am folgenden Tage konnte sie ihren Freund mit Nnhc sehen und sprechen. Der kranke Herbert wollte dem JaninSky Vorwürfe machen. „Nein," rief JaninSky, „es ist an mir, Ihnen Vorwürfe zu geben. Warum erschienen Sie mit Ihrer liebenswürdigen Tochter in meiner Einöde, und raubten mir auf immerdar Freude »nd Ruhe? — Ich hatte sic gesehen, ich liebte sie, und die Neber- zeugung, daß ich Agathen nicht unglücklich liebe, machte mich noch elender. Es ist mir, aller Ihrer Vorstellungen und Verheimlichungen ungeachtet, gelungen, Sie auSznforschcn. Ich bin nun da. Wollen Sic noch ferner hartherzig sein? Wollen Sie nicht mein Vater werden, wohlan, so verstoßen Sic mich. Aber ich werde Sic durch alle Wcltthcile verfolgen, wie Ihr Schatten, bis Sie von meiner Ergebenheit, von meiner Standhaftigkeit gerührt werden. Verschmähen Sie mich als Ihren Söhn — nun, so will ich Ihr Sklave werden. Sie winden sich nicht wieder von mir loS." So ungefähr sprach der Mann, und wie er'S sprach! Seine ganze Miene war Seele. Triumph, Entzücken, Wehmuth und Besorgniß sprachen in gleichen Augenblicken in seiner Stimme, in seinem Lächeln, und in der Thränc, die von seinem flammenden Auge fiel, wie ein Lichtfunkcn. Herbert sah mich an, mit einem stillsorschenden Blick, und reichte dem JaninSky freundlicher die Hand. „So viel Treue ist wohl des höchsten Lohnes Werth!" sagte ich. — JaninSky fiel mir zu Füßen, bedeckte meine Hand mit brennenden Küssen, und rief: „Verlassen Sie mich nicht! verstoßen Sie den unglücklichen Ja- »insky nicht!" Und als Herbert sprach: „Wohlan, JaninSky, ich gebe Ihnen meine Tochter, wenn meine Tochter Ihnen Liebe geben kann!" sprang JaninSky auf, und redete wie ein Begeisterter, oder wie 13L einer, dessen Sinne verwirrt waren. Er weinte, er lachte, er erzählte von den Gefahren seiner Reise, er rief AgathcnS Namen, er bat nm ihre Liebe, ungeachtet Agathe nicht mehr zugegen war, er überhäufte Herbert und mich mit Dank und Segen, schilderte einen Sturm, den er auf dem Meer ansgestanden, und faltete dann wieder die Hände gen Himmel, als wollt' er Gott Dank sagen für des erreichte Ziel. ES war nicht mehr daran zu denken, den hochbeglückten Schwärmer nach der Stadt znrückzuscnden. Wir behielten ihn im Hause. Am folgenden Tage gab ihm Agathe die Worte der ewigen Liebe, und mit erröthenden Wangen den belohnenden Kuß für so viel unglaubliche Treue. Wie sie beide nun hochbeseligt sind! — Zch finde in dem Glücke dieser Liebenden mein eigenes Glück blühen. — JaninSky will mit uns sich anbanen in der schönen Louisiana. Unaufhörlich träumen wir von dem Elysium, so unser harret. 18. Langsam kehrte Vater Herberts Gesundheit endlich wieder zurück. Schon konnte er, nach siebe» peinlichen Monaten, das Krankenlager wieder verlassen — wir beschlossen, sobald er vollkommen hergeficllt sein würde, die Vermählung der beiden Liebenden zu feiern. O meine Julie, nun nehm' ich die Feder, dir eine der fürchterlichsten meiner LebenSstundcn zu beschreiben. Auf Erden soll keine Freude reifen; unser Herz sich an keine Lust hängen. Die Hoffnung, welche wie ein neugeborneS Kind zartlächelnd an unserm Herzen ruht, wird von dem tückischen Dolch der nächsten Stunde getödtct. Wir gehören nicht dieser Welt an. Sie selbst stoßt uns mit grausamem Ernst zurück, wenn wir sie t35 licbgcwtnnen möchten. Neber den Sterne» ist unsere Hci- math, nicht unter denselben! sagt der gute Herbert, wenn er mich trösten Witt. Ach! und was können wir für unsere Schwäche? Warum tragen wir das fühlende Herz in der Brust? JaninSkn, Agatha, Frau Almas, die Tochter des alten Derov, mit ihren beiden schönen Buben August und Karl, und ich, gingen am Nachmittag durch die fruchtbaren Felder. Nächtlicher Negen hatte die Lust erfrischt und etn kühler Ostwind blies über das Meer her. Wir streiften durch die Zucker- und Zndigopflanzun- gen, sahen den Arbeiten der Sklaven zu, und kehrten nachbarlich tn gnanche Hütte ein. Von langem Wandern ermüdet, ruhten wir auf weichen Rasen ans unter Cacaobäumen und den ulmenblättrigcn Guazumen. Dte Sonne war schon hinter den Hügeln niedergesunkeu, ihre letzten Strahlen flimmerten röthlich an den Gebüschen und Felsen. Ein gewürzhafter Dust von tausend unbekannten Kräutern strömte uns im Zuge des Ostwinds an. Da sagte Zaninsky: „Warum ist diese Herrlichkeit so vergänglich? Warum gewährt uns der Himmel nicht schon ewiges Leben? Wir sind berufen, das wundervolle Schauspiel zu sehen, und ehe wtr's noch ganz genieße» können, ist der Vorhang schon wieder gefallen." „Das Leben hienieden ist nur der Prolog des ewigen Schauspiels!" erwicderte ich ihm: „Er kündigt nur an, und reizt unsere Erwartung auf das Folgende. Ist der Prolog so reizend, wie sotten wir nicht mit Begier wünschen, daß der Vorhang satte, damit das Schauspiel selbst beginne?" Janinsky drückte Agathens Hand an seine hochschlagende Brust; und sie lächelte zärtlich ans den theuern Liebling hin. „Sotten wir wünschen, daß der Vorhang falte?" fragte sie ihn. „Ich habe genug empfangen, Agathe!" rief er: „Denn Agathe 136 liebt mich. Und mein höchstes Ziel ist errungen; glücklicher kan» die Welt mich nicht mehr machen. Früher oder später, immer aber einmal müssen wir hienieden enden; gepriesen sei der Mensch, welcher mitten nntcr seinen Freuden entschlummert! Und ist dies Leben nur der Prolog, o meine Agathe, was werden wir nnS im Ewigen sein!" Unter solchen Gesprächen verflogen die Minuten und Stunde». Der aufgegangenc Mond und die wachsende Dunkelheit mahnte uns an den Heimweg, Wir wählten den kürzesten Pfad, der längs dem Meergestade führte, die Knaben sprangen munter davon. Ein plötzlicher Sturmwind erhob sich, noch che wir die Wohnung erreichen konnten. Gesträuche und Bäume brauseten wild; der Staub wirbelte in großen Wolken von der Erde himmelan; die Wellen schlugen mit dumpfem Geräusch an die Klippen. — Der Aufruhr der Natur ward von einer Sekunde zur andern entsetzlicher. Wir verdoppelten unsere Schritte; wir waren von der Wohnung sehr entfernt. „Meine Kinder! meine Kinder!" seufzte Frau AlmaS ängstlich. „Sie find gewiß schon daheim!" sagte Zaninsky: „Denn sie haben uns schon längst verlassen." „Und sie kennen den Weg!" setzte die junge Mutter hinzu, ui» sich selbst zu beruhigen. Die Gewalt des Sturmes warf uns schier nieder. Monden- schein, Finstcrniß und Staubwolken blendeten uns, daß wir kaum sahen, wohin wir traten. Das Meer brüllte ungestümer, und von den wankcud.n Bäumen stürzten zerrissene Zweige. Es war mir, als zittere das Erdreich, als wolle der gewaltige Orkan die Felsenwurzeln St. Domingo'S vom Grund des Ozeans losreißen und das Eiland zermalmen. „Noch eine Viertelstunde!" sagte die junge Almas, welche uns den Weg zeigte. Mutterzärtlichkeit machte sic behend und muthig. Sie flog immer weit vor uns hin durch Nacht und Sturm: kaum konnten wir sic ereilen. Wenn wir ihr nahe waren, hörten wir sic nur die Worte lispeln: Meine Kinder! meine Kinder! Plötzlich stand sic still, rang die Hände und rief: „O mein Gott, diesen Weg so hart am Meere dürfen wir nicht gehen. Bei der Flnth und bei solchem Sturm stürzen oft große Wellen über den schmalen Fußpfad. Zurück." — Noch che wir einen Entschluß fassen konnten, rief sie wieder: „Doch ich will erst dahin zur gefahrvollen Stelle, um zu wissen, ob meine Kinder hinüber sind. Sie ging; wir folgten ihr. Als wir zwischen den Felsen hcr- vortraten, deren Wände uns kurze Zeit gegen die Windstöße geschirmt hatten, öffnete sich vor uns das kochende Meer, welches hoch empor ging, und von Zeit zu Zeit eine große Woge gegen die Klippenmaucr jagte, an welcher sich der Fußpfad hinzog. Die Wellen eilten mit erschütternder Furchtbarkeit vom Meere gegen das Gestade, hundert neben hundert, wie ergrimmte Streiter, welche eine feste Burg erstürmen und wüthend über die Leichname ihrer gesunkene» Borrcihcn hinrennen. Der bleiche Mond sah durch die fliehenden Wolken des Himmels, und zündete mit Gransen zum Kampf der empörten Elemente — Zch zitterte an Janinsky'sr Armen; Agathe bebte von Aengstignngen beklemmt. JaninSky aber tröstete »ns liebreich. Als wir der Stelle nahe gekommen, gebot er uns, stille zu stehen. Kaum konnten wir in dem betäubenden Lärmen der Fluthen unsere Worte hören. „Still!" rief die bebende Almas: „Ist das nicht Wimmern eines Kindes?" Uns allen ging ein kalter Schauer durchs Gebein. Wir horchte»; wir vernahmen deutlich ein ängstliches Stöhnen; aber wir - - 138 sprachen zur bangen Mntter: „Nein, wir höre» es nicht. Der Wind pfeift in den Klippen und Gebüschen." „Ich aber muß hinüber!" rief die verzweifelnde Mutter. Ja- ninsky ergriff sie, und indem die letzte Woge abfloß, trug er sic eilends über den Pfad in Sicherheit. Dann kam er wieder, haschte den glücklichen Moment, und trug seine Agathe dahin. Er kam wieder und nahm auch mich. Drüben im Hause saß der kleine Karl schon am Fenster und weinte; und seine Mutter lag vor ihm auf den Knien in Todesangst und rief: „Aber wo ist dein Bruder August?" Der Knabe schluchzte und deutete mit der Hand auf die schäumenden Wellen hinaus. „Allmächtiger Gott!" schrie sie, und sprang auf und streckte die Arme gegen das Meer, als fordere sie dem tauben Ozean den kostbaren Raub wieder ab. Indem trat der Mond abermals aus den Wolken. Da sahen wir deutlich, nicht weit vom Ufer, den arme» August im Wasser. Er hielt sich mit seinen kleinen Armen festgeklammert an einem zerbrochenen Baumstamm, der in den Wellen hing. Von Zeit zu Zeit rauschte eine Woge über ihn hinweg. Als seine Mutter ihn erblickte, flog sie mit ausgebreiteten Armen der daherströmende» Woge entgegen, und stürzte sich ins Meer, den holden Liebling ihrer Seele zu retten, uneingedenk ihrer schwachen Kraft. Heulend schlugen die Wellen über sie zusammen. Wir alle standen erstarrt. Ich taumelte ohnmächtig gegen die Felswand. Nur der edle Janinskh behielt seine Geistesgegenwart. Er beobachtete die Flnth, bat uns, ruhig zu sein, und sprang, als er die Kleider der armen Almas über den Wellen erblickte, behend ins Wasser. Aagathe schlug schaudernd ihre Arme um meinen Nacken. Alle Kraft verließ sie. Sie sank, einer Entseelten gleich, an mir nieder ans die feuchte Erde. Ich schrie bald den Namen der Almas, bald den Namen Janinsky, Und als ich sah, wie Janinsky, mit den Welle» hadernd, deren Gewalt besiegend, die Kleider der AlmaS faßte, und seine Beute gegen das Ufer führte, schlug mein Herz wieder hoch und freudig. Indem die bebende AlmaS von Janinsky ans Land gebracht und zu meinen Füßen niedergelegt ward, erschienen auch ihr Gatte und ihr Vater, welche sorgenvoll ausgegangen waren, uns zu suchen. Sie hatten mein Geschrei vernommen, ihre Schritte beflügelt, und eilten nun, die halbtodtc Frau und Agathen ins Leben zu bringen, Janinsky aber säumte nicht in seiner erhabenen, schrecklichen Arbeit, Zum andernmal warf er sich wieder ins Meer, Noch schwebte winselnd der Knabe mit letzten Kräften am Hangenden Zweige, Jede über ihn hinrollende Fluth drohte ihn wegzuspülen.— Sein Netter erschien, riß ihn herab vom Baum, kämpfte sich mit ihm gegen das Gestade zurück, und als er nahe genug war, schleuderte er ihn mit unglaublicher Macht aufs feste Land hinauf, wo ihn sein Vater empfing. Aber die Wogen wälzten Janinsky vom Ufer zurück — noch einmal streckte er de» Arm empor aus einer Welle — und wir sahen ihn nicht mehr. O Julie, wir sahen ihn nicht wieder. Wir erhoben ein fürchterliches Geschrei, Sturm und Wellen heulten mit uns. Aber der Edle blieb verschwunden —nnser Geschrei, unser Suchen blieb vergebens. Man holte Sklave» herbei und Fackeln, Seile und Leitern, Einige Neger wagten ihr Leben im Meer, de» Verlornen zu finden. Der Greis Dervy versprach dem Sklaven die Freiheit zum Geschenk, der uns Janinsky bringen würde. Er bot den Preis umsonst. Wir Weiber wurden in die Wohnung geführt, nebst den Kindern, Die Männer setzten ihre Nachforschungen fort. Ach! erst — ILO — am fünften Tage nachher fand man JaninSky'S Leichnam an einer, von dieser Stelle, wo wir ihn zuletzt sahen, weit entfernten Klippe. So ward der Tod in den Wellen der Lohn seiner heroischen Tugend. So hatte der edle Mann nun Heimath und Alles oer- lassen, hatte voll treuer Liebe Länder und Meere durchirrt, hatte die Geliebte wiedergcsunden oom günstigen Gestirn geleitet, um vor ihren Augen sein Leben zu schließen. 19 . Fünf traurige Monden sind verflossen seit JaninSky'S Tode. In wenigen Tagen sollen wir zu Schiffe gehen, nach Nen-Or- leanS. Herbert, wiewohl nicht ganz hergestellt, ist doch stark genug, die Mühseligkeiten einer neuen Seereise zu wagen. Das ungesunde Klima St. Dvmingo's würde ihn tödten, wenn wir länger zögerten. Und meine Agathe, die unglückliche Braut, hat ihren Kampf gekämpfet und obgesiegt. Sie mehr als ich, sehnt sich in die Einsamkeit von Louisiana hin, um dort ihren Janinsky mit eben der unüberwindlichen Liebe zu betrauern, mit welcher er sie einst liebte. Sie ist ein schönes Bild der Wehmnth, und mir liebenswürdiger, denn jemals. Gute Nacht denn, Weltgetümmcl, ans welchem wir Alle scheiden mit verwundetem Herzen! — Empfanget mich, ihr stillen Wildnisse der Fremde, und gebet mir die längst entbehrte Ruhe. Dort hört der furchtbare- Wechsel der Schicksale auf. Unsere Tage verfließen dort in milder Einförmigkeit, wie sanftes Träumen, in klösterlicher Stille, bis sie unser» Staub in den friedlichen SchooS der Erde senken. Wenn die dunkelrothen Glnthen des Morgens durch den Wald brechen und der Gesang der Vögel erwacht, will ich betend meine r> t-i! ersten Stunden dem Vater des Weltalls weihen, dann in häuslichen Geschäften Mittel suchen, das Leben derer zu verscheuern, welche nur in die Einöde folgten mit Selbstverläugnung. Ich werde sie alle froh sehe»; und was kann meinem Frieden mangeln, wenn sie lächeln? Ich will die Wunder der Natur studiren; Bildung, Eigenschaften und Kräfte der reizenden Pflanzenwelt untersuchen, von der hohen Zeder bis zum Moose, von der Palme bis zum Grashalm. So werd' ich Gott sehen, so werd' ich ihm vertrauter werden. Bald will ich ein ödes Feld urbar machen, bald einsame Spaziergänge schmücken, um meine Geliebten zu überraschen; bald die Arbeiten und Tagwerke der Insekten belauschen; bald mich an der erhabenen Melodie des donnernden Stromsalles ergötzen. Und wenn die Nacht mit ihrer begeisternden Herrlichkeit die Fluren Louisiancr'S beschleicht, wenn das Firmament seine tausend Sonnen enthüllt, und ein ernster Geist durch die verstummte Welt zieht: dann will ich der Ewigkeit meine Betrachtungen, meine Hoffnungen weihen. Sie wird mir nicht mehr fremd sein. Mein Ange wird im Tode einst unter einer Freudcnthräne brechen. Seid mir gegrüßt, ihr heiligen Wildnisse, die noch der Ehrgeiz, die Wollust und der Golddurst keines Europäers entweihte! Nehmt mich ans in eure kühlen Schatten; ich gehöre nicht mehr dem Getümmel der Welt und ihrer Leidenschaft; ich werde fortan leben in meinem harmlosen Selbst. 142 Drittes Buch. 1 . Der Chevalier d'Aubant an seinen Frennd Bellisle. Christincnthal, 2t. April 1718. Sie werden glauben, geliebter Bellisle, ich sei vom Ozean längst verschlungen, oder von den Indianern seit Jahr und Tag schon erschlagen und verzehrt, daß ich Ihnen so lange nicht schrieb. Denn ich sehe aus meinem Tagebuch, es sind volle fünfzehn Monate verstrichen, seit ich Ihnen meinen letzten Brief von Bilori aus zusandtc. Aber wenn man eine neue Welt erobert und neue Staaten gründet — wenn in diesen neuen Staaten noch dazu alle Diligeneen, Posten und Kuriere fehlen, so werden Sie mich wohl entschuldigen können. Rechnen Sie noch die kleine Eitelkeit, daß ich Ihne» nicht früher, als.ans meinen eigenen Besitzungen, schreiben wollte. Doch was sag'ich meinen? — Nein, so großmüthig Sie sich auch verheimlichen und verstellen, Ihnen allein bin ich dies Alles schuldig; Sic machten mich durch Ihr Darlehen zum glücklichsten Mann der Welt — und so schreib' ich Ihnen nicht aus meinen, sondern aus Ihren Staaten. Sterb' ich, so falle Ihnen Alles anheim, und wenn Sie wollen, noch früher. Ungerechnet, daß ich Selbstbeherrschcr und König von Christincnthal, BnndeSgenoß eines mächtigen NoniadenstammeS von cin- gebornen Indianern bin, Hab' ich noch dazu die Ehre, Schutzherr einer europäischen, und Schutzherr einer indianischen Kolonie in meiner Nachbarschaft zu sein, deren Haupt sich König nennt. So könnt'ich denn auch wohl mit allem Rechte den kaiserlichen Titel annchmcn, wenn man hier zu Lande nicht über die Albernheiten der europäischen Spießbürger längst hinweg wäre. 143 Ich habe Ihnen viel zu erzählen, unter andcrm auch, wo den» eigentlich unterm Monde mein, oder vielmehr Zhr berühmtes Kai- serthnm gelegen sei? Denn auf den Landkarten werden Sie cS leider noch nicht finden, ungeachtet es, was die Größe anbctrifft, nie verschwiegen werden kann; aber dazu muß ich Ihnen meine ganze Robinsonade erzählen. Als wir von Pensacvla absegelten, längs den Küsten von Westflorida, erwarteten wir Ausgewanderten alle mit ungestümem Verlangen den prachtvollen Anblick des hochgelobten Louisiana. Wir träumten uns schon die malerischen Nfergegendcn, mit ihren grünen Hügeln, reichen Fluren und Ungeheuern Waldungen aufs schönste vor, und beschlossen so im Vorbeifahren die behaglichsten Landungsplätze, und was sonst sich zur Errichtung einer Pflanzstadt eignen würde, sorgfältig zu bemerken. Aber, ach! wir fanden uns abscheulich getäuscht. Von Pensaeola hinweg dehnt sich eine lange, kahle, niedrige Küste von fünfzig bis sechszig Stunden hin; überall nur todter Sand, auf welchem hin und wieder eine verkrüppelte Meerkicfer und magere Gesträuche grünten. Der Kapitän landete endlich in der allertranrigsten und unfruchtbarsten Gegend dieser Küste. Da lagen einige erbärmliche Hütten umher, worin etliche halbnackte, halbverhungerte Menschen wohnten, Neberblcibsel einer früher», hier angelegten Kolonie. Bei diesem Anblick entfiel nnS Allen der Muth; wir sahen einer traurigen Zukunft entgegen; unsere stolzen Erwartungen schlichen demüthig neben der Wirklichkeit hin. Es fehlte wenig, daß nicht viele Ausgewanderte wieder mit einem Schiffe nach Europa zurnckgekehrt wären, welches eben von Bilori absegeln wollte zum vaterländischen Weltthcil. Der Kapitän nnscrs Schiffes sprach uns indessen Allen Trost zu. „Wartet doch," rief er, „bis ihr Neu-Orleans gesehen habt! Zn dem gräßlichen Bilori ist doch nnsers Bleibens nicht." — Was 144 war zu thun? Wir sollten. Ich gab dem ,urückkehrc»dcn Schiff meine» letzten Brief an Sie nach Europa mit. Endlich erreichten wir die Mündung des Ungeheuern Missifippi- ftroms, von welchem jetzt alle Zungen Europens sprechen. Er bietet viele Einfahrten dar; aber die meiste» haben nur wenig Wasser, vielen fehlt es zu gewissen Jahreszeiten ganz daran. Das Ufer ist überall flach und niedrig, und scheint weit umher, so wie der größte Thcil der Küste, erst durch das Meer und den Strom gebildet worden zn sein. Man findet dort beinahe keine» Stein, sonder» Alles ist Schlamm, Sand, Schilf und verfaultes Holz, wie es der Misststppi von seinen entfernten, noch nie gesehenen Quellen, bis hieher, in einer unermeßlichen Strecke anfnahm und gegen den Ozean ansspülte. Dieser sumpfige Bode» rings umher trägt nichts, als eine außerordentliche Menge Schilfrohr, welches sich von Jahr zu Jahr zu vermehren scheint, und undurchdringlich wird. Hierin verwickeln sich die vom Misfifippi weggcflntheten Baumstämme, welche er, oder die Faust des Sturmes in unbekannten Gegenden abbrach; Schlammerde »nd Sand setzten sich in die Zwischenräume, und so erweitern sich die seichten Ufer nnanfhörlich, oder es formen sich in dem Ausfluß des Misfifippi große Inseln voll Schilf nnd Binsen, welche der Aufenthalt von allerlei Ungeziefer werden, und in heißen Jahreszeiten die Lust weit umher mit ihren abscheulichen Ausdünstungen verpesten. Dies gab uns auch von dem Paradiese, Neu-OrleanS genannt, keine reizende Vorstellung. Wir aber waren noch nicht da! — Wir segelten in den Mississippi ein; zehn bis zwölf Stunden weit sahen wir aber immer nicht mehr, als das flache, unwirthbare, schlammige Ufer, mit Binsen, Nohr und einigen Standen besetzt. Oft hatten wir Mühe, uns Bahn durch die ungeheure Masse von in einander verwickelten Baumstämmen zu brechen, welche den breiten 145 Fluß ganz überdeckte». Um schneller fortzukommen, wurden die Boote ausgesetzt. Aber auch mit den Booten, die zum Segeln und Rudern eingerichtet Ware», ging's unerträglich langsam. Immer hatten wir mit dem schwimmenden Treib- und Flößholz zu ringen, und die eingetretene Windstille bei einer sehr heißen Witterung leistete uns ebenfalls schlechte Dienste. Indessen verbesserten sich a» beiden Seiten die Ufer, denn sonst hätte ich ganz Louisiana bald für ein Schilf- und Schlammmoor gehalten. Rechts und links erhoben sich dicke, finstere Waldungen, die uns ein heiliges Grausen cin- flößten. Kein Sonnenstrahl durchdringt sie. In meinem Leben Hab' ich keine so hohen und starken Bäume in so ungeheurer Masse beisammen gesehen. Auch fehlte es nicht an allerlei wilden Früchten, an einer Menge unbekannter Vögel, an mancherlei Nothwildpret, welches wir von Zeit zu Zeit über die von Gebüschen umfangenen Wiesen irren sahen. Nach zwei Tagen endlich, denn unsere Fahrt ging immer im Zickzack, gelangten wir durch eine Flußcngc, die man die englische heißt, nach Neu-Orlcans. Als man uns sagte, wir seien nun an Ort und Stelle, rieben wir uns sehr verwundert die Augen; denn aller Mühe ungeachtet, konnte keiner von uns Neu-Orleans entdecken, oder was sonst einem so berühmte» Ort ähnlich sah. Am östlichen Ufer des Flusses, wo er eine weite Krümmung bildet, in welcher alle Schiffe landen können, standen überall zerstreute Hütten, von Holz und Rohr aufgeführt. Hin und wieder zeigte sich auch wohl ein Gebäude, von Holz und gebranntem Thon errichtet, was etwas europäischere Phh- sionomie hatte. Man erklärte mir den Mangel aller großen und massiven Häuser damit, daß der Boden nicht Festigkeit genug habe, schwerere Gebäude zu tragen. Das war nun die Hauptstadt von Louisiana. Zsch. Nov. VII. 5 * Mein treuer Claude wollte das noch immer nicht glaube». Von einer Hauptstadt erwartete er wenigstens ein paar Dutzend Kirchthürme schon in der Ferne entdecken zu müssen; antike Thore, Marktplätze und Paläste, und großes Leben und Getümmel in den Hauptstraßen. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Herr, für diese Hauptstadt gebe ich keinen Sou. Das Dorf, worin ich die Ehre hatte, geboren zu werden, wäre, wenn's hier stände, ein wahres Paris." Ich dachte es auch; allein was war zu machen? — wir wurden alle dem Gouverneur vorgcstellt. Ich überreichte ihm meine Empfehlungsbriefe. Er war sehr höflich, und drang darauf, vorläufig in seiner Wohnung mich beherbergen zu lassen, bis ich mir nach Gefallen eine Gegend zu meiner Ansiedelung gewählt haben würde. Ausschlagen ließ sich das nicht wohl; denn an Wirths- häusern fehlte es in New-OrleanS überall. Die übrigen Emigranten mußten sich, um Dach und Fach zu haben, Baracken bauen. Die armen Leute machten saure Gesichter. Es schien ihnen nicht besser, als meinem Premierminister, Claude, ergangen zn sein. Der Gouverneur war sehr gefällig gegen mich. Er ist von einer angesehenen, aber in VermögeuSumständen znrückgckommcncn Familie in Frankreich. Er betrachtete seinen Aufenthalt hier wie ein Eril. Wahrscheinlich hatte er sich auch größere Hoffnungen gemacht, und von den Ungeheuern Goldmiuen von St. Barbara, welche in Europa so berühmt sind, von denen aber hier zu Lande kein Mensch weiß, ansehnliche Schätze zu ziehen gemeint. Seine Gemahlin spricht mit Entzücken und Thräncn unaufhörlich von Paris, und findet das Leben hier zwischen den wilden Einwohnern des Landes und glücksritterndcu Emigranten aller Nationen sehr langweilig. Ihre Tochter Adelaide, eine junge, naive Schönheit von scchszch» Frühlingcn, scheint sich im fremden Weltthcil am meisten zu gefallen. Sie baut ihren Garten, tanzt mit sich selbst. 147 wenn Niemand mit ihr tanzt, will einen alten Neger französische Opcrnarien singen lehren, und spielt die Guitarre allerliebst. Ich habe das holde Kind nun aber, da ich Ihnen dies melde, seit einem Zahre nicht gesehen; sic schreibt mir indessen dann und wann einen artigen Brief, zankt und versöhnt sich mit mir, übt alle ihre kleinen guten und bösen Launen an mir aus, wie wenn ich ihre Puppe wäre. Und ich verdenk' es dem lieben Mädchen nicht, und bleibe ihm nichts schuldig. Gleich die ersten Tage nach meiner Ankunft wendete ich daran, die Gegend zu untersuchen, um mich irgendwo anznnistcn. Meine Reisegefährten, die mich als ihren Chef anschcn wollten, quälten mich vom Morgen bis zum Abend, daß ich für sie sorgen solle. Sie waren alle muthloS, standen betrübt umher, und stocherten die Zähne. Mir gefiel es überall nicht; ich begreife cs auch nicht, wie man sich'S einfallen lassen konnte, den Hauptort Lvuisiana'S, diesen Mittelpunkt aller Verbindungen, welchen Frankreich mit seinen hiesigen Kolonien haben soll, in einer solchen Gegend zu gründen, dreißig Stunden vom Meere entfernt. Nen-OrleanS liegt auf einer große» Insel, die ungefähr fünfzig bis scchSzig Stunden lang sein mag. Sic wird vom Mississippi, vom Meer, vom Landsee Pont Charta»! und vom Manchac, einem Abfluß des Mississippi, gebildet. Der größte Thcil dieser Insel aber ist durchaus unanpflanzbar, ist den Nebcrschwcmmungen des Mississippi anSgesctzt, und eines schlammigtcn feuchten Grundes. Man hatte den Ban des Zuckerrohrs versucht; allein die zuweilen eintretcndcn, wenn gleich geringen Fröste zur Regenzeit, besonders beim Nord- und Nordwestwind, verderben die Aerntcn. Auch mit Baumwollcnstaudcn werden ziemlich glückliche Versuche gemacht; am besten gelingen die Pflanzungen des Indigo, und dieser kann allerdings einst ein ansehnlicher Artikel der Ausfuhr werden, so 148 wie der Tabak. Für Alles, was einen feuchten Boden fordert, ist das Land sehr ergiebig. Korn kommt wohl fort, besser gcrathen Obstbäume, ste blühen in diesem Klima des Jahres zweimal; aber der geringste Theil der Früchte gewinnt Reife, weil sie meistens, von Insekte» angestochcn, vor der Zeit absalien. Nur Pomeranzen, Feigen und Pfirsiche wuchern in außerordentlicher Menge zerstreut, und sind gewöhnlich durch Sümpfe, stehende Gewässer und Gräben von einander geschieden. Ich erhielt vom Gouverneur ohne Mühe die Erlaubniß, auf neue Entdeckungen anszngehcn, und für mich und alle diejenigen, welche mit mir gekommen waren, eine neue Psianzstadt anznlegen, wo es mir belieben würde. An der Spitze Von fünfundzwanzig bewaffneten Leuten, die alle auf mehrere Tage mit Lebensmittel versehen waren, setzte ich nach dem rechten Nfer des Mississippi über, und ging den großen Fluß hinauf. Das Land wurde immer schöner und trockener, je weiter wir zogen; die Ufer hörten auf niedrig zu sein; sie bestanden meistens aus Kalkfelsen. Von Zeit zu Zeit zwangen uns undurchdringliche Gebüsche, große Umwege zu machen; bald standen wir in weitläufigen Waldungen, wo ungeheure Zedern mit Frnchtbäumen in schöner Wilde wechselten; bald wunderten wir über schöne üppige Auen und Wiesen, welche von der Hand der Natur gebildet worden waren. Während das gewcröreichc, übervölkerte Europa die unfruchtbarsten Landstriche um große Summen feilbietct, liegen hier die reizendsten, ergiebigsten Fluren unbenutzt; blühende Fürsten- thümer ohne Menschen und Eigenthümcr, nur von einer wandernden Horde wilder Indianer durchstreift, welche sich von Jagd oder Fischerei ernähren. Es würde mir unerklärlich sein, warum Amerika tu seinem Innern noch keine Völkerwanderung vom Norden znm prachtvollen Süden hatte, wenn mir nicht die Rohheit und Dummheit derjenigen Völkerschaften bekannt wäre, welche den rauhen 149 mitternächtlichen Theil dieses unermeßliche» Welttheils bewohnen. Wir begegneten hin und wieder einzelnen Indianerin Sic hatten noch ihre natürliche Gutmüthigkeit. Wir beschenkten sie mit mancherlei Kleinigkeiten, und sie jagten uns Wild und Geflügel. Der Wegweiser, welchen tch von Neu-Orleans mitgenommen hatte, konnte sich ihnen in ihrer sehr wortarmen Sprache ziemlich verständlich machen. Sie gehörten zu dem weitläufigen Stamme der NatchitocheS. Wir hatten uns vom Mississippi entfernt, »nd die Richtung gegen Nordest genommen, um die Ufer des rothen Stromes zu finden, der in den neumerikanischcn Gebirge» entspringt, und seine Gewässer in den Missisnppi stürzt. Wir erreichten unser Ziel ohne Hinderniß, und unsere Mühe wurde durch die Entdeckung einer der reizendsten Landschaften angenehm belohnt. In einem großen Kranze von Hügeln und Bergen, die mit hohen Waldungen bedeckt waren, öffnete sich eine wunderschöne, fruchtbare Ebene, geräumig genug, zehn Dorfschaften tragen und ernähren zu können. Durch den rothen Strom war das Ganze in zwei fast gleiche Theile geschieden. Die Einförmigkeit der Ebene unterbrachen viele umhergestreute Lustwäldchcn, die der Fluren Fruchtbarkeit vermehrten, und in der Mitte der Landschaft eine schroff emporsteigende Felsenhöhe, welche zwischen dem rothen Strom und zwei Bächen, so sich in denselben ergießen, das Ansehen einer Insel empfängt. Als wir uns durch die Gebüsche Bahn gebrochen hatten, bis zum Gipfel der Anhöhe, und wir nun das prachtvolle Land mit Entzücken übersahen, rief ich: „ Hier laßt uns Hütten bauen! — Diese schöne Erde soll einst meinen Staub empfangen; ich heiße das Land Christinenthal. Diese Waldungen rings umher halten uns vor der Welt verborgen; diese fruchtbaren Gefilde werden dankbar unser» Fleiß belohnen; die Anhöhe, durch Kunst befestigt, ISO wird unsere Kolonie gegen die Streifzüge der Barbaren schirmen, und der rothe Strom gibt uns die beste Verbindung mit Nen- OrleanS, wohin wir den Ueberfluß unserer Früchte senden." Alle jauchzten Beifall. Wir wählten mitten durch die Waldungen den kürzesten Rückweg zum Hanptort, um dort die nöthigen Anstalten znr neuen Niederlassung zu treffen. Da wir aber ge- uöihigt waren, bald Brücken zu schlagen über Bäche und Waldströme, bald Wege zu hauen durch die Holzungen, welche seit der Schöpfung noch keines Sterblichen Fuß durchwandelt hatte, vergingen über zehn Tage, ehe wir Neu-Orleans wicdersahen. Sobald wir angekommen waren, verbreitete sich die Nachricht von unfern Entdeckungen und Entschlüssen bald. Binnen fünf Tagen hatten sich bei mir stebenundneunzig Mann gemeldet, von denen vierunddreißig verheirathet waren, und, ihrer achtzehn, Kinder hatten. Der Gouverneur, obwohl er uns gern näher gehabt hätte, konnte doch gegen unser» Vorsatz nichts einwenden. Ich erfuhr, daß eine andere Kolonie nicht weit von unscrm Christinenthal, ebenfalls am Ufer des rothen Stromes, ungefähr dreißig Stunden von dessen Mündung, und zehn Stunden von dem spanischen Grenzfort AdayeS entfernt, im Entstehen sei. Wir hatten also europäische Nachbarn, und die Hoffnung, uns im Nothfalle gegenseitige Hilfe leisten zu können. Zwar hatten wir uns schon in Europa mit denjenigen Unentbehrlichkeiten reichlich versehen, die zur Anlegung einer Pflanzstätte in so unbewohnten Gegenden erforderlich find; aber doch fehlten uns noch tausend Dinge, besonders Pferde, Schafe, Rindvieh. Nur gegen große Geldsummen gelang es mir, davon eine ansehnliche Zahl zusammcnznkaufcn. Andere von meinen reichen Kolonisten reisten nach AdayeS, um wohlfeilern Preises Vieh zu erhalten. Alles dies versäumte uns lange, so ungestüm auch unsere Begierde war, die neue Heimath bald zu gründen. Endlich verließe» wir Alle New - Orleans. Ich machte den Weg wieder zu Land, an der Spitze meiner Kolonie; zwanzig Mann aber von den Nnsrigen schifften den Mississippi und den rothen Strom in drei neugebauten, mit Segel» versehenen Booten hinaus, um diese Flüsse und die Fahrt zu untersuchen. Sie kamen in Christinenthal vier Tage später an, als wir, weil sie etlichemal genöthigt gewesen waren, ihre Boote, die ohnedem von plumper Bauart waren, den Strom aufwärts zu ziehen. Unsere Geschäfte wurden getheilt. Die Ankömmlinge hatten mich von jeher zu ihrem Haupt erkoren; der Gouverneur hatte mich als solches bestätigt, mir obrigkeitliche Rechte ertheilt, und für den König von Frankreich, nnsern Souverän, der anderthalb- iansend Meilen von »ns entfernt lebt, in Eid und Pflicht genommen. Zn allererst sorgten wir für unsere Sicherheit. Die Anhöhe ward unsere Festung; wir umgaben die darauf befindliche kleine Fläche mit Wällen und Pallisaden, und ebneten einen Weg hinauf für Noß und Mann. Dort nahm ich meine Wohnung, die anfangs eine bloße Hütte war. Es fehlte weder an Holz, noch Kalk und Sand. Während die Baumaterialien hcrbeigeschafft wurden, entwarf ich den Riß zur Anlegung der ganzen Kolonie, maß das Land, theilte die Felder ein, welche zu allererst mit Korn, Reis und Mais für unsere dringendsten Bedürfnisse angebaut werden mußten; Andere jagten und fischten indessen; die Weiber bestellten die Küche. Alle Arbeiten gingen nach Wunsch von statten; Zufriedenheit und Eintracht herrschte in unser», kleinen Staate. Am Ende eines thatenvollen Jahres hatten wir nicht nur unsere Wohnungen, Ställe und Magazine aufgcrichtet, sondern auch einträgliche Aerntcn von unfern Feldern gehabt. Freilich mußten wir uns bei der schwersten Arbeit immer sehr sparsam behelfen; aber das Vergnügen, welches wir beim Aufblühen unscrS Reichs empfanden, versüßte jedes Ungemach wieder. Wir knüpften Verbindungen an mit den Spaniern in Adayes, mit der Kolonie Roland am rothc» Strom. Auch die Eingebornen des Landes besuchten uns von Zeit zu Zeit und begafften mit Erstaunen und Neugier, was wir auf ihrem vaterländischen Boden trieben. Ein Oberhaupt der Natchitoches am sogenannten schwarzen Fluß besuchte mich selbst, von einigen Hundert seiner streitbaren Unterthanen begleitet. Ich beschenkte sie Alle, und schloß mit ihnen eine» frcundnachbarlichcn Bund. Aber eben dieser Bund verwickelte uns vor drei Monaten in einen vicrzehntägigeri Krieg, der, außer einigen Verwundeten, unsere Kolonie auch zwei brave Männer kostete, die dabei daS Leben verloren. Ein wilder Völkerschwarm, von der Nation der AkansaS, warf sich verheerend gegen die Natchitoches am schwarzen Flusse. Die Letzter» hatten sich ihrer Haut gewehrt, waren aber geschlagen worden, und verlangten Beistand. Gern oder ungern mußten wir uns ihrer annchmen, theils um uns selbst Ruhe gegen die allfälligen Anfechtungen der Sieger zu verschaffen, theils uns unter den Eingebornen Achtung und Furcht zu erwerben. Die Kolonie, welche ich versammeln ließ, war mit mir übereinstimmend, daß man den Natchitoches helfen müsse. Wir zogen achtzig Mann stark über den rothcn Strom in das Land derselben, die uns selbst zu Wegweisern dienten, und uns mit Lebensmitteln versorgten. Wir fanden ihr Heer auf einer Anhöhe. Ihr König schien sehr mnthlos. Die AkansaS hatten den schwarzen Fluß überschritten, und alle Wohnungen unserer Bundesgenossen verbrannt; sie waren auch, wie man uns sagte, an Mannschaft viel stärker, als diese. — Den Anlaß zur Fehde hatte ein Todtschlag gegeben, welchen ein Natchitocher an einem angesehenen Mann von der Nation der AkansaS verübt hatte. Ich wollte der Vermittler und Friedensstifter beider Nationen werden. Ich sandte einen von unserer Kolonie, begleitet von zwei vornehmen Natchitochcs, an den König der AkansaS, mit der Einladung, über den schwarzen Fluß zurückzukehren und mich als Schiedsrichter des Streites anzuerkennen. Ich gelobte, gerecht zu richten. Aber beschimpft und verwundet kamen unsere Friedensboten aus dem Lager der AkansaS zurück. Ein Sieg mußte erst mein Ansehen unter diesen Söhnen der Wildniß gründen. Ich ver- thcilte unsere Kolonisten in vier Haufen, sprach ihnen Muth ein, und belehrte sie von der Nothwendigkeit, unserer eigenen Sicherheit Wille» uns für jede Zukunft unter diesen Nationen achtbar zu machen. Die AkansaS stürmten schon gegen die Anhöhe daher, ehe ich noch alle Anordnungen zum Angriff oder zur Vertheidigung getroffen hatte. Die NatchitocheS schlugen sich, wie Verzweifelte, und eilten ihren Feinden mit gräßlichem Geschrei entgegen. Wir folgten ihnen langsam in verschiedenen Richtungen. Plötzlich donnerten unsere Flinten gegen die AkansaS aus allen Gebüschen. Der Wilden beide Heere endeten erschrocken ihren Kampf; der König der NatchitocheS zeigte mir den mit hohen Federn geschmückten König der AkansaS, umgeben von seinen Tapfersten. Ich gab den bei mir befindlichen Schützen Befehl, vorzurückcn, und den König nebst seinen Begleitern wcgzuschießcn. Es geschah. Ein fürchterliches Schrecken bemächtigte sich der betäubten AkansaS. Sie entflohen heulend. Den Natchitochcs blieb nichts übrig, als den Feind zu verfolgen, und Todte und Gefangene zu machen. Fliehende und Verfolgende schwammen in mörderischem Getümmel durch die Wellen des schwarzen Flusses. Wir Europäer, minder gewandt und geübt, als diese Natnrsöhne, brachten einen ganzen 154 Tag zu, aus aneinandergeflochtenen Flöße» eine Brücke über den Fluß zu schlagen. Vereint mit den siegtrunkenen Natchitoches, gelangten wir nach drei langen Tagreisen zu den Kabanen der AkansaS. Ihr Eigenthum zu vertheidigen, hatten sich diese hier zum letzte» Male gestellt. Sie fechten mit Raserei; aber unser Flintenscuer war ihnen allzuschrecklich. Die Natchitoches siegten, verbrannten die Hütten ihrer Feinde, metzelten Weiber, Kinder und Gefangene nieder, mit unmenschlicher Grausamkeit. Die AkansaS baten um Frieden. Ich gewährte ihn gern. Die Nation der Natchitoches huldigte mir als ihrem Beschirmer und Oberherrn. Sic machte einen förmlichen Vertrag mit der Kolonie, daß sie uns jährlich für den ihr zu leistenden Schutz eine beträchtliche Anzahl von Thierfellen geben wolle. Wir kehrten zu den Nnsrigen heim in das lachende Christinen- thal. Wir hatten, außer jenem Vertrage, den Vortheil, von den Natchitoches über zweihundert Sklaven zu erhalten, die uns wesentliche Dienste bei den Pflanzungen leisten konnten. Seitdem ist Friedensstille in die Louistanischen Wälder zurück- gekehrt. Der gedcmüthigte Stamm der AkansaS hat sich über dreihundert Stunden weiter hinauf in die Wilde gezogen, den Quellen des Akansa-Stromes entgegen. Unsere Ländereien sind ringsum von freundschaftlichen Kolonien und friedlichen Nomaden begrenzt. — Nie lebt' ich sorgenloser, nie angenehmer, als in dieser Einsamkeit, wo Alles mein Werk ist, wo Jeder mich ehrt und liebt. Auf der Höhe ist meine Wohnung gebaut, und von Neu- Orleans aus mit allen Bequemlichkeiten versehen. Fünf majestätische Zipressen umschatten mein Haus, welches rings von einem Blumengarten umgeben ist, worin die Flora der ganzen Gegend blüht und Balsamdüfte gegen meine Fenster haucht. — Bald be- 155 such' ich die Wälder, um dort zu jagen; bald meine Pflanzungen am rothen Strom, wo ich ein artiges Haus in der Mitte meines Eigen- thumS besitze, und in welchem mein Lehenmann mit seiner Familie und einigen Sklaven wohnt, die mich wie einen Vater lieben. Mein Claude, der die Tochter eines armen Kolonisten geheirathet hat, besorgt mit seiner jungen Frau meine kleine Wirthschaft. Ich sehne mich nicht heim nach euerer Welt; mit eigener Kunst Hab' ich mein Glück bereitet. Des Lebens stille Freuden wohnen unter meinem Dach; aber die folternde Sorge, das hagere Gespenst der Leidenschaft, Hab'ich jenseits des Meeres gelassen. DaS köstlichste von allen Gütern, welches ich mit mir aus Europa nahm, ist meine kleine Bibliothek. Es sind die sämmtlichen Klassiker der Griechen, Römer, Italiener, Engländer und Franzosen, und die Hauptwerke aus allen Wissenschaften. Der Gouverneur mit seiner Gemahlin und Tochter haben mir schon längst ihren Besuch verheißen. Auch dieser kleine Wechsel freut mich. Ich werde dann viel Neues aus Europa vernehmen. 2 . D'Aubant an Bellisle. Christincnthal, im Zuli 1718. O Bellisle, Bellisle, beklagen oder bewundern Sie mein Schicksal. Zch bin der Glückseligste und der Elendeste von allen Sterblichen. Ja, Bellisle, meine stolze Ruhe ist dahin; meine philosophische Fassung Hab' ich verloren auf immer. — Ich liebe ein weibliches Wesen, vor welchem alle Weltiheile die Knie beugen — welches Königin ist überall, wo es erscheint, »nd durch seine Gegenwart nun diese romantische Einsamkeit zum Zaubergarten macht. 156 Schon oft hatten meine Nachbarn, wenn sie sich Abends zu mir versammelten unter meiner Laube, mit gutmüthigcm Scherz mich wegen meines ehelosen Lebens geneckt; schon oft hatte Claude mir nach seiner Art sein Glück geschildert, welches er als Gatte genoß, und hatte dabei geflissentlich mir immer von der schönen Tochter des Gouverneurs, von meiner kleinen Freundin Adelaide geplaudert. Wohl gedacht' ich dann und wann Adelaidens. Aber, ach, lieben könnt'ich sic nicht, so lange noch mein treues Gedächt- niß das Bildniß jener Unnennbaren bewahrt, deren Gestalt mir so fabelhaft wieder begegnete, deren Namen meine Pflanzung schmückt. Die Kolonie Noland ist zwei Tagreisen von hier. Lange hait' ich schon beschlossen, sie zu besuchen, und das Band der Freundschaft mit den Nachbarn enger zu schließen. Vor ungefähr fünf Wochen inacht' ich mich, begleitet von meinem treuen Claude, zwei Kolonisten und einigen Negern, auf de» Weg dahin. Wir wählten, der Kürze des Weges und der Bequemlichkeit willen, die Fahrt zu Wasser. Erst am Morgen des dritten Tags erreichten wir die Kolonie, welche ungleich größer, reicher und älter, als die unsere ist, wiewohl der Boden und die Lage dieser Ländereien den unseren an Güte nicht glcichkoinmcn. Als wir die Boote wohl in Schirm gebracht hatte», und ans Land stiegen, strömten neugierig Männer, Weiber und Kinder vom Feld und ans den Häusern herbei, uns zu begaffen. Wir machten uns bald mit Allen vertraut, sagten, wer wir seien, und von wannen und warum wir erschienen. Mit gutherziger Freude drängten sich die Hausväter nn; uns her; jeder wollte uns gastfreundlich in seiner Hütte beherbergen. Wir waren die gerührten Zeugen des schönsten, freundschaftlichsten Haders der lieben Leute, welche endlich nach langem Für und Wider einig wurden, »ns Fremdlinge unter sich zu thcilcn. 157 Wohin wir kamen, streckte uns Astes die Hand entgegen, lind rief: „Seid uns willkommen! Wir bitten euch, tretet ein in unser Haus und lasset euch von uns beherbergen!" Und die Weiber eilten hinein und brachten uns Erfrischungen aller Art. Wir wurden alle getrennt. Ein ehrwürdiger Greis, begleitet von seinen Kindern und Enkeln, hatte mich erhalten. Sein Haus stand im Schatten hoher Palmen. Dort wurden Sitze bereitet, Wein und Früchte aufgctrageu. Die ganze Familie lagerte sich um mich her. Mir war es, als lebt' ich wieder in den Unschuldszeiten der morgenländischen Urwelt. Wir sprachen von unfern Pflanzungen, von unfern Heerde». Eben die ansehnliche Bevölkerung dieser Gegend hatte den Preis der Grundstücke und der Sklaven sehr gesteigert. Freilich fehlte cs nicht an großen, unfruchtbaren Haiden und Waldstrichen; aber theils ihre Entlegenheit, theils der ungeheure Kostenaufwand zur Urbarmachung derselben verhinderte diese. „So werd' ich mich bei euch nicht ankaufcn und anstedeln können ! " sprach ich. Da trat eine Enkelin des Greises, Lucia hieß sic, lächelnd zu mir, und antwortete: „Für dich, lieber Fremdling, wird unser Land »och Raum haben. Ich bitte dich, bleibe bei uns!" Und der Blick, welchen ihre schönen glanzvollen Augen auf mich senkten, bat noch inniger, als ihre süße Stimme. Ihre Gestalt, so schlank und grazienhaft, die angcborne, kunstlose Anmnth ihrer Bewegungen, die Zartheit und Schönheit ihrer Gesichtszüge bezauberten mich fast. „Du könntest mich an diesen Boden fesseln, schönes Kind," sagt' ich, „wenn meine Heimath nicht schon gewählt wäre." — Und ich erzählte von der Fruchtbarkeit und Einrichtung der Kolonie Christinenthal und von den geringen Preisen dasiger Güter. „So könntest d» den deutschen Fremdling mit seinen Töchtern 158 in deine Hcimath führen!" antwortete Lucie: „Denn sie dauern mich, weil sie keine Ländereien bei uns finden nach ihrem Sinn." „Dn hast einen glücklichen Einfall, Lucie!" sagte der Greis: „Wir wollen den deutschen Fremdling einladen lassen oder ihn selbst aufsnchen. Ihm würde geholfen sein, und die Botschaft würd' ihn freuen. Denn es ist doch hart, daß der alte Mann mit seinen Kindern einen so weiten Weg vergebens zu uns gemacht hat." Wir durchwanderten am Mittag die Pflanzungen von LucienS Großvater; zwar lernt' ich viel aus den Gesprächen dieses Greises, dessen Erfahrungen eine Richtschnur für meine wirthschaftlichen Unternehmungen wurden; aber die schöne, naive Lucie zerstreute meine Aufmerksamkeit allzusehr. Meine Augen und mein Herz waren immer nur bei ihr, und ich fühlte, daß sic es sein müsse, wenn ich mir eine Gattin wählen sollte. Am folgenden Morgen ging ich mit LucienS Großvater, den deutschen Fremdling auszusuchen. Mir war es willkommen, unsere Kolonie vergrößern zu können. Der Deutsche wohnte fast eine Stunde weiter am entgegengesetzten Ende der Niederlassung, bei einem Pflanzer. Als wir ankamen, war er abwesend. Der Pflanzer führte uns in die sehr geräumige Behausung. Wir sagten ihm die Ursache unseres Kommens. „Wohlan! das wird ihm lieb sein!" rief der Pflanzer: „Nehmt denn bei uns das Mittagsmahl. Er wird bis dahin zurückkehrcn; ihr möget inzwischen mit seinen Töchtern reden. Herr Holden ist ein kreuzbraver Herr; auch seine Töchter sind höchst liebenswürdig, besonders Augustinc — wahrhaftig, sie ist ein Engel, wie ich in meinem langen Leben noch nie gesehen." Er verließ uns, bald darauf erschien er wieder und sprach: „Folget mir, sie sind bei meinem Weibe draußen unter den Kokusbänmen!" Wir gingen hinaus; der Weg führte durch eine kleine Wild- 159 niß blühender Gebüsche; dann über die Brücke eines Bachs zu einem umzäunten Garten. Als wir hineintraten, standen zwei junge, einfach gekleidete Frauenzimmer unter den Koknsbänmcn, neben einem geschäftigen Mütterchen, welches die Beete jätete. Alle wandten die Gesichter gegen uns. Das eine dieser Frauenzimmer drehte sich jählings von uns ab, wie erschrocken, ergriff den Arm des andern und rief: „Agathe!" Beide kamen uns sodann einige Schritte entgegen — o Bellisle, o Bellisle! —Ein Blendwerk gaukelte mir vor—es war die verstorbene Großfürstin von Rußland! Es war dieselbe, die mir im deutschen Hain, die mir im Tempel — die mir auf dem Ozean erschienen war — v Bellisle, sie war es! Ich hatte Besinnung und Sprache cingebüßt — ich verbeugte mich schweigend — sie verneigte sich und legte sich an den Stamm des KokuSbaumeS. Luciens Großvater eröffncte die Rede. Ich gewann allmälig meine Geister wieder, und mischte meine Worte, anfangs freilich sehr einsilbig, ins Gespräch. Sie aber schwieg lange. Nur ihre Schwester Agathe führte das Wort. Die Stunden verflogen wie Minuten. Ich zitterte — ich schwor in mir, diese Wunderbare nie wieder zu verlassen — ich war wie ein Träumender — meine Seele war in Entzücken und Zweifelit anfgelvsct. Doch wagte ich's nicht, ihr zu sagen, wie ich sic schon mehr als einmal, wie eine Erscheinung in den verschiedensten Zeiten und Zonen, gesehen zu haben glaubte. Aber in jedem Augenblick überzeugte ich mich mehr, daß sie eS selbst wieder, und keine andere sei. Denn auch sie war betroffen — ich bemerkte ihr Er- röthen, ihr Erblassen—ihre Unruhe, ihre Verlegenheit, und wie sie nach und nach sich faßte und heiterer ward, sobald ich meines Selbstes Herr ward, und je fremder ich gegen sie that. Herr Holden, der deutsche Flüchtling, kam. Die Töchter flogen ihm mit Ungeduld entgegen. Sie hatten ihn längst schon in der 180 Ferne entdeckt. Sie gingen ins Haus mit einander. Erst nach einer halben Stunde kam Herr Holden zu uns. Ich fand an ihm eine» gewandten und geistvollen Mann. Unser Gespräch lenkte sich bald zur Hauptsache. Ich schilderte ihm die Schönheiten unserer Kolonie; ich erzählte ihm die Geschichte derselben, und als ich ihre» Namen: Christinenthal, aussprach, verwandelte sich seine Gesichtsfarbe. Vergebens suchte er, mir seine Bestürzung zu verheimlichen. Ja, Bellisle, mein Bellisle! sie ist's, sie lebt! Die Prinzessin von Wolsenbnttel lebt, sic ist's. Die Geschichte ihres Todes und Begräbnisses ist mir und der Welt ein unerklärliches Näthsel. Aber Ehrfurcht und Liebe gebieten mir, das Geheimniß ihres Lebens in meiner Brust zu verschließen. — Sic soll cs nicht ahnen, daß ich sie kenne. Ich will es ihr selbst läugnen, daß ich Petersburg jemals gesehen; ich will irgend ein Mährchen dichten, und sagen, cs sei mein Lebenslauf. So werd'ich sie sicherer machen; so wird sie sich mit meiner Gestalt aussöhnen; so wird sie in mir keinen Verräthcr fürchten, und Christinenthal zu meinem Himmel machen.— Ich liebe sie, o Bellisle — die Gattin des abscheulichen Aleris von Rußland — o wie unglücklich ist d'Aubant. Hören Sie endlich, wie weit meine Unterhandlungen mit Herrn Holden, dem vorgeblichen Vater der Unglückseligen, gediehen sind. „Ausrichtig zu gestehen," sagte er eines Tages zu mir, „Ihre Schilderung von Christincnthal ist lockend; allein meine beiden Töchter haben fast eine unüberwindliche Vorliebe für eine Niederlassung in der Kolonie Noland. Nur scheint mir diese fast übervölkert; wenigstens sind Sklaven und bequeme Ländereien in all- znhohem Preise, als daß ich meine Familie so von dem Kapital, welches mir nach manchen Unglücksfällen in Europa übrig blieb, ernähren könnte, wie ich's wohl wünschte. Ich erwarte nur die Rückkunft meines Hansbcdienten von dem spanische» AndapcS. Dann 16 ! will ich »ül Ihnen nach Christinenthal, »nd die Sache an Ort und Stelle untersuchen." Der Hausbediente kam wirklich nach einigen Tage» von AndayeS zurück. — Und,wer war's, v BclliSle, wieder das Zigeunergesicht, welches mir den Tod der Großfürstin zuerst gemeldet, und daun mich auf Teneriffa geäfft hatte. Man nennt ihn Paul hier im Laude. Der Kerl, als er mich sah, war nicht einmal bestürzt, mich zu sehen; nannte mich gleichgültig bei meinem Namen, und meinte, es gefiele ihm in dem Ungeheuern englischen Park von Louisiana so wohl, als in dem steinernen Straßenlabyrinth von Paris. Auch Augustinc und Agathe wurden, da wir uns alle Tage sahen, gelassener, minder ängstlich, sogar freundschaftlich. Aber ich — o, ich! Am Abend vor der Abreise nach der Kolonie Christinenthal — ich war gegangen, um von den Frauenzimmern Abschied zu nehmen — saßen wir noch beim Schein des Vollmonds, im Dämmerlicht unter den Palmen. Meine Blicke ruhetcn auf der Gestalt der wunderbaren Augustine, welche im Hellen Strahl des Mondes einer Verklärten glich. — Es war mir wie Feerci, wenn ich die, welche in den Wettern der Schlacht und in den stürmischen Stunden meines Schicksals mir, gleich einem Schutzgeist, zur Seite geschwebt hatte, wenn ich dies Ideal meiner Einbildungskraft und meiner Sehnsucht nun in so schöner Verkörperung vor mir erblickte, die Tochter eines deutschen Fürstenhauses, erzogen unter den Künsten der Freude und des Lurus, unter den Palmen einer amerikanischen Pflanzerwohnnng! — Ich hätte mich oft selbst auf- weckcn mögen von meinem Wahnsinn — ich konnte an die Wahrhaftigkeit des Wirklichen gar nicht glauben. — Wenn sie mich anredete voller Holdseligkeit, erglühte jeder Nerv in mir, und mein ganzes Wesen ward Flamme. Wenn ich aber antworten wollte, sank ich machtlos in mir selbst zusammen — dann sah ich nur die Zsch. No». VII. 6 — !62 — Unglückseligste aller Fürstinnen vor nur — meine Liebe ward Ehrfurcht und Demuih. Als wir nun schieden, und die Töchter noch ihren Vater nnd mich eine Strecke Wegs begleiteten, lehnte sich die fürstliche Augustine an meinen Arm. Ich unterdrückte meine Wehmuth. „Wer gab der Kolonie den Name» Christincnthal?" fragte sie mich leise. „Ich gab ihn!" stammelle ich. Sie schwieg, und doch war'S, als wollte sie noch eine neue Frage der vorigen anknüpfen Nach einer langen Stille lenkte ich die Unterredung wieder auf die Annehmlichkeiten meiner Louisianischcn Heimath; ich sprach von dem Glücke, welches meine höchsten Wünsche erfüllen würde, wenn ihr Vater sich entschließen könnte, dort seine Niederlassung zu wählen. „Und wahrlich," setzte ich mit lebhafter Gcmüthsbewegung hinzu, „siele sein Entschluß gegen meine Wünsche, ich würde am meisten zu beklagen sein. Ich würde meine Besitzungen dort verlieren, nnd Ihnen lieber als ein Bettler in alle Wüsten folgen." Sie lächelte mich mit unbeschreiblichem Liebreiz an, drückte dann mit ihrer Hand leise ans meinen Arm, nnd lispelte: „Erwarten wir!" Wir und Herr Holde», von seinem Paul begleitet, reifete» am folgenden Morgen nach Christinenthal, und zwar zn Schiffe. Ohne Abenteuer erreichten wir das schöne Land. Holden wohnte in meinem Hause. Er schien von der Schönheit dieser Gegend entzückt. Hoffnung und Liebe machten mich beredt, nm ihn znm Ankauf zn bewegen. Ich bemerkte endlich, daß er von der Land- wirthschaft nur unvollkommene Kenntnisse besitze. Ich erbot mich, mein Kapital mit dem seinigcn zn vereinen, die Wirthschaft für ihn nnd mich zu führen, den Kauf der Ländereien nnd Sklaven 163 zu besorgt», und mich, statt seiner, mit dem Gouverneur in Neu- OrlcanS abzufinden. Er nahm meine Vorschläge an. Wir entwarfen mit einander den Plan zu seinem Wohngebäude, welches neben dem meinigcii am rothen Strom aus meinen ersten Gütern stehen sott. Er rcisete zu seiner Familie nach Rolands-Kolonie zurück. Jetzt bin ich alle Tage mit der Einrichtung des Gebäudes be- schäjtigt, und mit einer großen Gartenanlage neben demselben. Die Natur selbst hat Alles schon zur Verzierung jener Gegend gethan. Bis zum Frühjahr wird es vollendet sein. Aber früher kommen sic nicht nach Christinenthal — eine Ewigkeit für mich. Und doch bin ich so selig; denn ich arbeite ja für die Einzige! Ihr Fußtritt wird jenen Boden heiligen, den ich für sie mit den schönsten Blumen und Gesträuchen der Landschaft schmücke, und in jene» Zimmern, die ich ihr cinrichte, in jenen Lauben, die ich für sie flechte, werd' ich die Wunderbare sehen! 3. Auszug eines Schreibens von Herrn Bellisle an den Chevalier d'Aubant. Orleans, ö. September 1718. — — Soviel von mir! — Und nun endlich noch eine Neuigkeit, die ganz Europa erschütterte, fürchterlich und selten in der Geschichte, und gewiß selbst für Sie, in Ihrer zaubervollen Wild- niß, von höchstem Interesse. Der.russische Kaiser, Peter der Große, der erhabenste Mann unserer Zeit, hat seinem eigenen Sohn, dem Großfürsten Al er iS, das TodeSurthcil gesprochen und ihn hinrichtcn lassen.. Zwar reden — löt — alle Zeitungen von dieser eben so außerordentlichen, als schrecklichen Geschichte; aber durch einen Offizier Hab' ich einige nähere Umstände, die ich Ihnen nicht vorenthalten will. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Die Spannung, welche zwischen dem Kaiser und seinem Sohn herrschte, vermehrte sich mit jedem Jahre. Aleris hatte, ungeachtet, oder vielmehr eben wegen seiner düstcrn, rohen Gemüths- art, sowohl beim Volke, als unter den Großen und bei der mißvergnügten Geistlichkeit, zahlreichen Anhang. Alle Feinde der vom Kaiser zur Gründung und Kultur seines unermeßlichen Reichs begonnenen Reformen erwarteten um so zuversichtlicher nach seinem Tode eine allgemeine Gegenrevolution, da der Czarewitz Aleris weder seine» Haß gegen den Kaiser, noch den Groll gegen dessen kühne Neuerungen verhehlte. Der Kaiser, um endlich vollkommen wegen der Fortdauer seiner StaatSveränderungen beruhigt zu sei», schrieb an den Czarewitz einen sehr harten Brief. Am Schluffe vieler Ermahnungen zur Besserung fügte er endlich die bedeutenden Worte hinzu: „Du hast nun zu wählen, entweder den Thron oder — das Kloster." Der Czarewitz, von seinen Anhängern umgeben, faßte den Entschluß, den gefährlichen Folgen einer Entscheidung auszuweichen. Der Kaiser war damals in Kopenhagen. Aleris gab vor, sich zu ihm zu begeben, reifete mit seiner finnländischen Mätresse Eu- phrostne ab, nahm aber den Weg nach Wien, um sich in den Schutz seines Schwagers, des deutschen Kaisers Karl VI., zu fluchten. Hier wollte er bleiben, bis zum Tode seines Vaters. Allein Aleris fühlte bald, daß auch Wien ihm die nöthige Sicherheit verweigern würde, wenn es zur Entscheidung käme. Der Unglückliche! was hatte er für ein Recht auf Schirm und Trost am Thron einer Kaiserin, die ihn von der Welt als einen gefühllosen Mörder ihrer Schwester, der beklagenswertsten Prinzessin von !b>5 Wolsenbüttel, verdammen hörte? — Er floh nach Neapel, um wenigstens den Wüsteneien fremder Welttheile näher zn wohne». Kaum hatte der russische Monarch den Aufenthalt des Prinzen in Wien erfahren, so sandte er seinen geheimen Rath, den Grafen Tolstoy, dahin, einen Mann, verwegen und schlau, dessen sich der Kaiser immer bedient, wenn es ein gefährliches Abenteuer zu bestehen gibt. Nomanzow, der Befehlshaber der Leibgarde, begleitete ihn. — Z» Wie» hörte» sic, daß Aleris schon verschwunden sei, und den Weg nach Turin genommen habe. Sie setzten ihm nach, entdeckten aber vom Czarewitz keine Spur mehr. In der Hoffnung, ihn, wenn er in Turin auch verborgen lebte, dennoch auszufinden, verweilte» sie einige Monate daselbst. Tolstoi), als Privatmann gekleidet, lebte wie ein gemeiner Bürger, durchstrich nach nnd nach alle Gasthöfe, alle Kirchen, alle Weinhäuser und öffentlichen Plätze; und immer fruchtlos. Eines Abends saß er bei seinem Glase Wein in einem öffentlichen Hanse, wo mehrere Freunde versammelt waren, unter andern auch ein Neapolitaner. Man trank tapfer. Tolstoi) stellte sich früh berauscht, warf sich auf ein Ruhebett, welches im gleichen Zimmer war, und that, als wäre er in tiefen Schlaf versunken. Die andern achteten seiner nicht. Der Neapolitaner erzählte, daß seit einiger Zeit in Neapel ein junger Mann mit einem Frauenzimmer angckommen sei, die eine Sprache redeten, welche Niemand verstünde; der Fremdling mache großen Aufwand, daß man mnthmaße, cS sei irgend ein nordischer Prinz, der geheim reise. Tolstoi) wußte nun genug; er ermunterte sich wieder, forderte zu trinken; erwies allen Gästen viele Freundschaft, nnd schloß sich besonders an den Neapolitaner, den er aus den folgenden Mittag bei sich einlud. Er ward mit diesem immer vertraulicher, und ließ ihn nicht eher aus den Angen, bi; er vollkommen von allein dem ISO unterrichtet war, was er eigentlich zu wissen begehrte. Sogleich reifete er init dem Grafen Romanzow von Turin nach Neapel. Den Tag nach ihrer Ankunft in dieser Hauptstadt war ihr Erstes, dem Gouverneur einen Besuch abznstattcn. Nach den ersten Höflichkeiten zog Tolstoi) den Gouverneur auf die Seite. „Seine Majestät der Kaiser von Rußland weiß mit völliger Gewißheit-" sagte er zu ihm, „daß der Czarewitz, sein Sohn, in Neapel ist. Der Monarch wünscht, da seine Gesundheit so hinfällig ist, die baldige Rückkunft des Prinzen, den er so sehr liebt, und der sein Thronerbe ist. Er wird Ihnen, Herr Gonvernenr, vorzüglich verpflichtet sein, wen» Sie mir mit dem jungen Prinzen eine besondere Unterredung verschaffen wollten. Ich bitte Sie, genehmigen Sie hier die Beweise von dem, was ich Ihnen sagte." Tolstoi) überreichte bei diesen Worten, außer einem prächtigen Diamant, dem Gouverneur die ostensible Instruktion, so er vom Kaiser erhalten hatte. Der Gouverneur versprach eine Zusammenkunft auf den folgenden Tag, und hielt Wort. Tolstoi) und Romanzow, indem sie sich dem Czarewitz näherten, warfen sich vor ihm nieder, nach russischer Sitte, und küßten ihm ehrfurchtsvoll die Hand. Der Prinz erkundigte sich ziemlich betroffen nach der Veranlassung ihrer Reise, und fragte, wie es in Rußland gehe, seitdem er abwesend sei? — Sie überreichten ihm einen Brief vom Kaiser. Der Inhalt dieses Schreibens war, daß der russische Monarch seinem Sohne vorwarf, Eid und Pflicht verletzt und sich unter einen fremden Schutz begeben zu haben, daß er ihn aufsorderte, seinem Willen, wie ihn Tolstoi) und Romanzow bekannt machen würden, zu folgen, und daß er ihm versprach: „im Namen Gottes und bei dem jüngsten Gericht," ihn nicht zu bestrafen, sondern ihn noch mehr, als sonst zu lieben, wenn er nach Rußland zurückkommen würde; wenn dies aber nicht geschehen sollte, daß er ihn als einen Verräthcr erkläre, »nd ihm seinen ewigen Fluch gebe. 107 Der Prinz war sehr bestürzt. Tolstoy suchte ihm aber jede Furcht zu benehmen, und wußte sich ihm so ergeben zu stellen, daß der Czarewitz und dessen Beischläferin Euphrosine Vertrauen faßten. „Wahrhaftig!" sagte Tolstoi) einSmalS zu der Geliebten des Prinzen: „Wir sind hier in einem herrlichen Lande; mau lebt hier, wie im Himmel. Ich möchte ewig hier wohnen. Aber unangenehm ist'S doch, daß es unter dem Papst steht, und unsere heilige Religion uns verbietet, mit Leuten von der römischen Kirche zu leben. Dazu kömmt noch, daß der Kaiser sehr schwächlich ist. Stirbt er, so besteigt AleriS den Thron von Rußland, und Sie, Madame, spielen daun in Rußland die glänzendste Rolle. Es kann nicht anders sein. Aus Liebe zu Ihnen, Madame, und zum Czarewitz, muß ich rathen, daß wir dies italienische Paradies verlassen. Ist Ihnen nun daran gelegen, daß seine und Ihre Negierung von glücklicher und langer Dauer sei, so geben Sie um Alles in der Welt willen den Russen nicht de» Argwohn, daß der Czarewitz vielleicht zwischen der rechtgläubigen griechischen Kirche und der römisch-katholischen Religion einen Augenblick gewankt habe. Dergleichen Reden verfehlten ihr Ziel nicht. Die Abreise wurde beschlossen, und Tolstoh führte den dreizehnten Februar dieses Jahres den Prinzen in die Thore von Moskau ein. Noch denselben Abend warf sich der reuige AleriS zu den Füßen seines Vaters. Sie hatten eine lange Unterredung mit einander. Durch die Stadt verbreitete sich sogleich das frohe Gerücht, Vater und Sohn seien mit einander versöhnt, und alles Geschehene vergessen. Am andern Tage aber tritt bei Morgenanbruch schon das Garderegiment unters Gewehr; man hört die große Glocke von Moskau läute»; die Bojaren und Staatsräthe werden in den Palast gefordert; die Bischöfe, die Archimandritcn und zwei Geistliche vom St. BlasiuSvrdeu versammeln sich in der Kathedralkirche. AleriS wird ohne Degen vor seinen Vater geführt, wie ein Gefangener. 168 Er wirft sich demüthig vor demselben zur Erde, und überreicht ihm weinend eine Schrift, worin er sich selbst der Thronfolge unwürdig erklärt, und sich nur sein Leben, als eine Gnade, ansbittet. Vor dem versammelten Staatsrath ward nun eine Art öffentlicher Anklage gegen den Prinzen vorgelesc», worin ihm seine genauen Verbindungen mit den Anhängern der alten Ordnungen und Sitten, die grausame Behandlung seiner verstorbenen Gemahlin, der unglücklichen Prinzessin von Wolfenbüttcl, der Ehebruch mit Euphrosine, einer ganz gemeinen Weibsperson, die Flucht zum römischen Kaiser Karl vi., den er aufgefordert habe, ihn mit gcwafs- neter Hand zu schirmen, und mehrere andere Umstände, als Staatsverbrechen vorgerechnet wurden. Der Kaiser enterbte ihn darauf feierlich durch eine besondere Urkunde, erklärte ihn der Thronfolge ans ewig unwürdig, und AleriS Unterzeichnete schaudernd mit eigener Hand die Urkunde. — Dann ging der Zug in die Kathedral- kirche. Die EntcrbungSakte ward dort z»m andcrnmalc verlesen, und die Geistlichen unterschrieben sie ebenfalls. Aber das Schicksal des Prinzen war noch nicht vollendet. Er wurde von diesem Augenblicke an verhaftet, so wie alle seine ehemaligen Anhänger, Aufwiegler und Mitschuldige, worunter sich selbst die verstoßene Czari», seine Mutter, und viele Andere befanden , deren Spuren in der Verschwörung zur großen, russischen Gegenrevolution entdeckt oder beargwöhnt waren. Der Prozeß ward ihnen gemacht, und das Urtheil gesprochen. Die Vollziehung dieses UrthcilS ging ohne Gnaden von statten. Glebof, der begünstigte Liebhaber von der Mutter des Czare- witz, wurde lebendig gespießt; der Bojar Abraham Lapnkin, der Oheim des Czarewih, Bruder der verstorbenen Czarin, Alcran- dcr Kikin, erster Kommissär der Admiralität, der Bischof von Rostow, und Pnstinoi, Beichtvater der Czarin, wurden gerädert und ihre Köpfe öffentlich anSgeilcckt; viele von den Theil- 169 nchmern an de» Ausschweifungen des Czarewitz, unter denen sich fünfzig Mönche und Priester befanden, wurden enthauptet. Dies schreckliche Blutbad ließ glauben, daß nun Alles geendigt sei. Aber neue Entdeckungen bewiesen, daß der Prinz noch nicht die Wahrheit überall cingestandcn hatte. Der Kaiser versammelte eine» hohen Gerichtshof, zusammengesetzt aus dem Adel und der Geistlichkeit, den vornehmsten Offizieren von der Land- und Seemacht, den Gouverneurs der Provinzen und andern Ständen. — Der Prozeß gegen den Großfürsten Aleris winde den fünfundzwanzig- sten Juni angehoben. Der Czarewitz, vor seine Richter hingeführt, hörte die Sentenz, und ward in sein Gcfängniß znrückgebracht. Ten folgenden Tag ging seine Majestät der Kaiser, begleitet von allen Senatoren und Bischöfen, nebst andern hohen Personen ins Schloß, und in das Verhaftzimmcr des Czarewitz. — Ein- ewiges Geheimnis; ist'S, was hier geschah. Aber nach einer halben Stunde verließ der Kaiser mit seinem Gefolge des Prinzen Gemach wieder. In allen Gesichtern sah man düstere Bestürzung. Man erfuhr nur, daß der Prinz gefährlich krank sei, daß er von Verzuckungen in Verzuckungen falle. Nachmittags »in fünf Ilhr hieß cs, er sei unter heftigen Krämpfen gestorben. Auf Befehl des Kaisers wurde der Leichnam seines Sohnes einbalsamirt, und mit Feierlichkeiten in den Todtengewölben bei- gcsctzt, neben dem Sarge der Prinzessin von Wolfcnbüttel, seiner Gemahlin. Was sagen Sie, lieber Chevalier, zu dieser entsetzlichen Geschichte? — Peter der Große, um seine neue Schöpfung zu retten, verläugnete die Gefühle des väterlichen Herzens. — Aleris, der grausame, zu allein Großen und Guten unfähige Aleris, Lrntete schon'auf Erden den Sold seiner mannigfachen Verbrechen und Laster, der andern Fürstensöhnen sonst diesseits des Grabes selten zu Theil zu werden Pflegt. Ja, mein Geliebter, es ist ein Gatt! Es herrscht ein dunkler, allmächtiger Arm der Vergeltung durch die unendliche Welt, und richtet Thaten und Gedanken! lieber die Todesart, welche der russische Prinz erleide» mußte, kann ich Ihnen weiter keine befriedigende Auskunft geben. Man hat auSgestreut, Aleris sei, während ihm das Todesurtheil verkündet worden sei, vom Schlage gerührt, niedergestürzt. Aber andere Muthmaßungen durchkreuzen sich; viele wollen, er habe den Giftbecher trinken müssen: viele wieder, er sei erwürgt worden. Wenn eS plötzlich Tag werden sollte in den finstern Heimlichkeiten manches Fürstenhauses, wenn ein Geist der Wahrheit plötzlich den Purpur hinwegrisse, welcher die Verbrechen und das Elend mancher Großen verhüllen muß vor den Blicken der unterthänigen Menge; wenn wir sie sehen sollten, die Götter der Erde, in ihren Gemächern und Schlafkammern, wo sie mit abgelegter Krone über ihrem verstohlenen Jammer brüten; wo sie, Ungeheuern Leidenschaften preisgegeben, Beute derselben sind, und zwischen der Rache und Rene, zwischen der Wollust und dem Ekel, zwischen der Vergötterung und des Meuchelmörders Dolchen taumeln, wahrlich, mein d'Anbant, unsere Bettler würden ihre Lumpen nicht tauschen gegen hochfnrstlichen Hermelin, und ihre Brodrindcn dem schwelgerischen Banket der Paläste vorziehen. Aber so ist'S mit der Menschheit. Raserei ist ihre Weisheit, Leidenschaft ihre Frömmigkeit. Die, welchen Geburt und Zufall mit nngemcffener Gunst die Güter der Welt gab, und jedes Mittel, ihr Dasein zu verherrlichen, und einen Himmel um sich zu bauen aus der Erde, versiehe» oft kaum die Seligkeit eines reinen Herzens; wähnen, Religion und Tugend sei Schulmährchen, und Staatsmittel, den Gehorsam des Volkes zu sesseln; kämpfen mit thörichtem Stolz gegen die ewigen Gesetze der Natur au, und ver- 17l zweifeln endlich unter ihre» Unnatürlichkeiten, wo ihnen Alles, und sie sich selbst, zum Widerspruch wird. An diesem Allem ist nur die Erziehung der Fürstenkinder schuld. Schon von der Wiege aus sehen sie die Welt mit geblendeten Augen, und statt der einfachen Wahrheit — Zerrbilder der Kunst.-— D'Aubant an Bellisle. Christinenthal, 3. April 1719. Nichts mehr, v mein Bellisle, nichts mehr Hab' ich zu wünsche», nichts mehr zu hoffen! Ich stehe am Ziel und habe auf der irdischen Laufbahn meine Palme errungen. Und wenn der Genius der Ewigkeit heute mir erschiene, winkend, ihm zu folgen, ich würbe diese Erde segnen und lächelnd ihr meinen Staub zurückgeben, und still und freudig dem Genius — vielleicht zu einem schönem Sterne — folgen. Ja, Bellisle, die Einzige, die jemals mich entzückte, die Wundervolle, welche meinen ganzen Lebenslauf in einen ewigen Lenz verwandelte, die schöne Heilige, deren bloßes Anschaucn mich näher führt zur Gottheit und zur Andacht, und zum tugendvollen Sinn, als aller Pomp der Kirchen, als aller Priester Rednergabe, als aller Philosophen Deuten und Enträthseln — ja, Bellisle, sie ist da. Seit einigen Wochen schon verherrlicht sie mein Tempe. Ich darf sie von Zeit zu Zeit besuchen. Wenige Tage nach ihrer Ankunft starb ihr seit langem kränkelnder Bater, der gute Herr Holden. Wie gern that ich dem edel» Mann in seine sterbende Hand den Schwur, nie seine Kinder zu verlassen, an seiner Stelle ihr Freund, ihr Beschirmer, ihr Rathgeber zu werden! — Er ward unter den hohen Cypreffen in ihrem Garten begraben. Die reizende Augustine und ihre Schwester Agathe waren untröstlich. Sic leben sehr einsam. Fünf junge 172 Sklavinnen sind ihre Gesellschafterinnen und ihre Bediente. Der mir einst so verhaßte, räthselhafte Paul besorgt die Geschäfte des Hauses und des Feldes. Er besucht mich täglich, und täglich Hab' ich Nachrichten durch ihn vom Befinde» seiner Gebieterinnen. Was mangelt mir zn meinem höchsten Glück? Fern vom Geräusch der Welt, fern von ihren Thorhciten und Leidenschaften, lebe ich in meinem selbstgeschaffenen Paradiese. Gleich fern vom vergiftenden Lurus und von der entnervenden Sorge der Armuth, bewohne ich meine eigene, schöne Hütte, umrankt von jungen Reben, und übersehe meine kleinen Heerdcn mit Zufriedenheit. Der Zauber der Natur, welcher mit ewiger Jugend und immer wechselnder Pracht dies einsame Eden verklärt, der Umgang mit meinen freundlichen Nachbarn, die mich gls ihren Nathgeber und Anführer ehre», meine Bibliothek, aus welcher die Weisen aller Nationen und aller Zeitalter zu mir reden und meinen Geist erheben, tragen Mannigfaltigkeit und Anniuth in mein einfaches Leben. — Und nun ist sie erschienen, die Sonne meiner innern Welt! — Nicht höher schwindelten meine kühnsten Wünsche; ich stehe aus dem glänzende» Gipfel meiner Lebensbahn. Die Nachrichten, welche Sie mir, mein Bellisle, von den blutigen Auftritten in Petersburg gaben, und die ich im Auszüge auch dem Herrn Holden nach der Kolonie Roland gesandt hatte, waren diesem nicht mehr neu gewesen. Man hatte dort die Zeitungen früher, als ich, von Neu-Orleans empfangen. Als die Fürstin drei Wochen nach dem Tode ihres vorgeblichen BatcrS mein Hans zum erstenmal mit ihrem Besuch beehrte, begleitet von Agathen und ihren Sklavinnen, hatte ich ihnen ein kleines ländliches Fest bereitet. Ich hatte mehrere von unfern Pflanzern zum Gastmahl eingeladcn; und diese, um sich nach ihrer Weise den Tag froher zu machen, hatten wieder mehrere junge Leute und die Töchter der Kolonie bestellt, und Musik dazu zum Tanz. 173 Ich führte Augustineu durch mein Haus, und zeigte ihr meine Einrichtungen. Als wir in das Kabinet traten, wo meine Büchcrsaminlung, meine Zeitungen und Karten sind — Agathe hatte uns eben verlassen — warf sie einen flüchtigen Blick auf Alles, wandte sich dann zu mir und reichte mir ihre Hand. — Ich wagte es, diese Hand mit Inbrunst und Ehrfurcht zu küsse». Augustine schwieg; ihre schönen Augen schwammen unter Thräncn und ein zartes Roth flog über ihre Wangen. „Ich bin eine Waise," sagte sie endlich, „der Tod meines theucrn Vaters ließ mich einsam und schirmlos in einem fremden Welt- theil. Aber Gott hat mich nicht ganz verlassen. Er führte mich zu Ihnen, lieber d'Aubant. Sie sind ein edler Man». Was Sie schon für uns gethan haben, können wir Ihnen nicht mehr vergelten. Aber, d'Anbant, der ewige Vergelter lebt! — Bleiben Sie uns, was Sie waren: unser Schutzengel, unser Vater." Lange war ich keiner Antwort fähig. Ich gedachte ihres erhabenen Standes, ihrer fürstlichen Wiege, und des Glanzes, der sie einst umgab — und dann, wie die schöne Schwester einer europäischen Kaiserin, die Verwandtin der mächtigsten Monarchen, sie, die vom Himmel bestimmt gewesen zu sein schien, vom Thron herab, großer Nationen Wohl und Weh zu entscheiden, neben mir stand in den Einöden einer neuen Welt, voller Demuth und Verzich- tung, und mit einer Thräne um den Schutz eines Mannes flehte, der einst kaum wagen durfte in die goldenen Vorsälc ihres Palastes den Fuß zu setzen. „Nein," rief ich, „ich beschwöre Sie, nicht mehr diese Sprache! Sie sind meine Gebieterin. Ich habe keinen Willen; ich bin Ihr Nnterthan. Diese Güter, diese Heerde», diese Hütte — Alles, was ich einst mein nannte, ist nicht mehr mein, es ist Ihr Eigen- thum. Mein Leben hat nur dadurch einen Werlh, daß ich cs für Sic leben darf." In diesen Augenblicken bemerkte sie ein kleines Gemälde unter dem Spiegel. Sie trat näher, iim cS zu betrachten. Ich war ihr gefolgt, und meine Unruhe vermehrte sich, da ich wahrnahm, wie sie sich in dem Bilde sclbsi wieder erkannte, und zwar in derselben Kleidung, welche sic im Hain bei Blankenburg getragen, wo ich sie zum erstenmal gesehen. Sic stand lange schweigend und staunend da. Sie trocknete ihre Augen, »ahm mit zitternder Hand das Gemälde ab, betrachtete es wieder, warf sich entkräftet in einen Sessel, und schluchzte laut. Noch immer wollte ich, um ihrer zu schonen, mein Gehcininiß verhehlen, als kenne ich sie nicht. Aber als sie nun ihre verweinte» Augen schüchtern zu mir aufschlug, und frägte: d'Aubant, woher haben Sie dies, und seit wann?" da könnt' ich'S länger nicht ertrage». Ich sank zu ihren Füßen nieder. „Gnädige Fürstin!" stammelte ich, „ich sah Sie einst im Hain von Blankenburg - der Maler war ich selbst. Es blieb seit jenen Tagen mein höchstes Kleinod. Ich trug's auf meiner Brust in mancher Schlacht; ich trug es mit mir über's Meer hieher. Einst soll es mit mir ruhen im Sarge." Sic reichte es schweigend mir zurück, verhüllte ihr Gesicht und weinte heftiger. Nachdem sic wieder Gewalt genug über sich selbst gewonnen hatte, befahl sie mir, anfzustehcn. Sie drückte mir schweigend die Hand. Ei» Schauer bebte durch alle meine Nerven. „ Ich habe eS längst gefürchtet!" sagte sie: „D'Aubant, ist Ihnen meine Zufriedenheit theucr, so vergessen Sie, daß Sie mich einst unter andern Verhältnissen kannten. Wecke» Sie in mir keine von jenen unseligen Erinnerungen auf. Nehme» Sie, wie Zhr Gemälde, auch das Geheimniß mit in das stumme Grab. Ich bin nicht Fürstin mehr. Zch bin eine arme, aber zufriedene Pflauzcrin. Zch l75 selbst hübe mir dieses Loos erkoren, und wähle Sic nun zn meinem Vertrauten. D'Aubant, vergessen Sie nicht, daß Sic nun der einzige Sterbliche sind, der mich'S bereuen machen könnte, was ich gcthan." So sprach die Edle. Ich schwor ihr freudig das Gelübde der Verschwiegenheit; aber verhehlte ihr auch nicht, daß ich Ihnen, mein Bellisle, schon manche Muthmaßung über die holde Unbekannte mitgctheilt, die mir unter so seltsam verschiedenen Verhältnissen im Leben erschienen war. Ich schilderte ihr Sie und unsere Verbindung, und die Folge der Entdeckung war, daß Sie auch diesen Brief, und Alles, was ich Ihnen künftig noch über diese Herrliche schreiben werde (denn mich mit Ihnen von ihr im Geiste unterhalten, ist ein unentbehrliches Bedürfnis), erst dann erhalten werden, wenn sic es selbst erlaubt. Und von diesem Tage an war das Verhältnis zwischen ihr und mir bestimmt. Keiner unserer Gedanken streifte zurück in das Vergangene. Ich sah sie wieder. Ich sah sie oft. Wie eine Nose nach nächtlichem Gewitterregen blühte ihre Schönheit allmälig unter den Thränen der Schwermuth wieder auf, die sie dem Angedenken ihres verstorbenen, treuen Dieners Herbert weinte, den sie, unter dem Namen Holden, als einen zweiten Vater verehrt hatte. O, Bellisle, wenn Sie sie sehen könnten in ihrem häuslichen Weben! Ein wunderbarer, schöner Geist der Einfalt und der Ordnung waltet dort. Was sie berührt, scheint sich unter ihren Händen zn veredeln. Alles wird anmnthsvoller und bedeutsamer, was mit ihr in naher oder ferner Verbindung steht; selbst das Leblose wird beredt, und die kleinste Blume ihres Gartens blüht schöner und faßt in das wundervolle Ganze ein. welches die Gegend umringt, so von ihr bewohnt wird. Mit erhabener Selbstverlängnung belebt sic geschäftig ihren t'?ü neuen Wirkungskreis, als wäre sie für ihn geboren, und seit der früheste» Kindheit in ihm erwachsen. Nie kannte die ganze Weltgeschichte ein weibliches Geschöpf, welches mit solchem Hclden- muth und solcher Kraft die entgegengesetzten Lcbenslvose zusammen- knüpfte, wie sie; welches gelassener» MuthcS Thron und Purpur um eine Hütte vertauschte, und mit einer Religion, wie Heilige sie nicht in ihrem Busen trugen, erhaben über ihr Schicksal, hin- wandclt, und den trüben Strom der Verderbtheit ihres Zeitalters, der verworrenen Begriffe von Hoheit und menschlicher Bestimmung tief unter sich erblickt. Nie sah die Welt eine Fürstin von so rührender Demuth, nie eine Hüttenbcwohncrin umstrahlt von so vieler Majestät. Die ganze Kolonie Christincnthal sieht mit Ehrfurcht und Liebe auf sie hin, wie auf ein Wesen, das von bessern Welten kam, uns zu beglücken; ihre Sklavinnen vergöttern sie — und ich, o Bcllisle! — ob ich sic liebe?-liebe? — Nein, nur anbcten darf ich sie. Ach! die peinlichen, die seligen Gefühle, die mich oft entzücken und vernichten — sic kennt sie nicht — sie darf sie niemals vermuthcn. Liebend werd' ich einst ins Grab sinken, aber ungeliebt! Die ich anbcte, ist eine geborne Fürstin. ES bedarf eines Königreichs, um die Kluft auszufüllen, welche der Zufall zwischen ihr und mir gegraben. Aus dem Tagebuch Augustinens. — — Sähest du nun, geliebte Julie, meine Einsiedelei im Schatten hoher blumentragender Eichen, und das hehre Prachtwerk der in sich 'selbst vollendeten Natur, welches mich, so oft meine Blicke es durchirren, mit Begeisterung füllt; sähest du mein Tage- werk, und den Frieden und die Freude, so außer mir herrscht und in mir, du würdest mich die glücklichste Tochter der Erde nennen, D'Aubant, der Edle, wetteifert mit der holden, üppigen Natur dieses Landes, meinen Aufenthalt zum reizendsten der Welt zu erheben, Wo jene das Anmuthige gab, fügte er das Nützliche hinzu; wo jene den Nutzen bot, knüpfte er daran das Schöne der Kunst, Mein Dasein löset sich i» dem stillen Strom heiliger Empfindungen auf. Die Wchmnth der Erinnerung, das sröhlichbangc Ahnen des Künftigen, und der milde Zauber der Gegenwart verschmelzen in zarter Uebereinstimmung mit einander, wie die verschiedenen Töne eines harmonischen Klanges, Ich muntere unsere Arbeiter in den Feldern aus, ich besuche die Hütten meiner Kolonie, werde die Freundin und der Arzt der Kranken, die FricdenSstifterin der Entzweiten; oder ich Pflanze unfern Garten an, oder ich theilc mit der liebenswürdigen Agathe die kleinen häuslichen Arbeiten, oder wir empfangen Besuche, und bcwirthen unsere willkommenen Gäste mit dem Besten, was wir vermögen. Oft gehe ich mit Agathen und einigen meiner Sklavinnen am brausenden Strom entlang, und untersuche die Pflanzungen dieses lieblichen Himmelsstriches; oft schwärme ich einsam und furchtlos durch die finstern, feierlichen Waldungen und ins Gebirg, Die Natur ist das wahre Buch himmlischer Offenbarung, welches gleichsam die Hand des Allmächtigen selbst geschrieben; und jede Zeile dieses unendlichen Werkes ist ein neues Wunder, Der Theil des Erdballs, welchen ich jetzt bcwandlc, trägt überall die Spuren einer später» Bildung und Entstehung, Noch ist nicht der tausendste Theil desselben von Menschen bewohnt oder gesehen, Einst herrschte auch hier, wie in andern Weltgegenden, der unermeßliche Ozean allein, wie die Menge der Versteinerungen von Meererzeugnissen dafür bürgen, welche heutzutage nur im Zsch, Nov. V». 6" 178 Schoost des Weltmeers gesehen werden. Langsam nnr, und im Verlauf vieler Jahrhunderte, bildete sich die Oberfläche des Erdballs, wie wir sie jetzt kennen. Aber, was war sie vor unserer Geschichte? — Einst, wo jetzt in der Nähe des Nordpols vom ewigen Eis die ungeheure Wüste starrt, wandelten dort Thiere, welche heut zu Tage unter den heißesten Zonen wandeln, und Thiergeschlechter sind verloren gegangen, von denen wir nnr in verschütteten Höhlen die großen Gerippe entdecken! Julie, es war eine Vorwelt, von der unsere Geschichte nichts weiß; und wir wandeln auf dem Staub und über den Trümmern von Geschlechtern, welche diese Erde sahen, früher als selbst Mosis Urkunden hinaufdcutcn. Was da gewesen ist, verweset; die Thaten jener fernen Geschlechter sind vernichtet und verloren. Sie schmeichelten sich vielleicht mit stolzer Hoffnung der Unsterblichkeit ihres Namens! und siehe, eine Aenderung des Erdballs, in seiner Bahn um die Sonne — und Alles lag im Schutt der Vergessenheit versunken. Denn das feste Land, das wir bewohnen, ist neues Land, und die Meere, die wir beschissen, sind vielleicht nur Gräber vormals bewohnter Welttheilc. Und so, wie jene Verlornen der unbekannten Urwelt, können auch unsere Völker, unsere Thaten einst durch furchtbare Zerstörungen verschwinden bis zur letzten Spur. Dann war kein Alexander, kein Cäser, kein Sokrates, kein Homer. Nach Jahrtausenden findet vielleicht ein neues Geschlecht unsere verkalkten Gebeine und Abdrücke unserer Pflanzen in jungen Schiefergcbirgen, und spricht: „Dieser Wcltkörper trug schon einmal Bewohner, ehe unsere Geschichte sie kannte!" — Aber der Name Griechenlands und NomS ist verschwunden; man weiß nicht, war ein Rußland, ein Frankreich; blühete einst ein schönes gleich, geheißen Deutschland, welches edle Fürsten und Weise erzeugte? So, Julie, sink' ich beim Betrachten der unendlichen Natur 179 schaudernd in meinen Gedanken unter, die Vergänglichkeit breitet ihre dunkeln Flügel durchs Weltall zwischen den Gestirnen hin, und ich falle nieder, berühre den Staub der Erde mit niclncr Stirn, und bete Gott a». Und elend, und thöricht, und des menschlichen Geistes unwerth erscheint mir das Treiben und Thun der armen Sterblichen. Ihre Eitelkeit brüstet sich neben dem welkenden Grashalm; ihrer Kühnheit Niesengebäude will prahlen neben dem Gewebe der Spinne und des wunderbaren Seidenwurms. Julie, cs ist nichts ewig, als Gott; es ist nichts unsterblich als sein Werk, das wir auch find; cs ist nichts schön, als die Natur; cs ist dem Menschen nichts verwandt, als die Tugend! Ich habe die Baude des Vorurthcils zerrissen, und mir ist'S, als steh' ich nun, wie eine Vollendete, besser und größer da, zwischen Welt und Ewigkeit, zwischen Gott und Menschheit. Ich erkenne an dem Fürstenthron keinen Glanz mehr, an der Armuth keine Schmach. Die Menschen sind nur darum elend, weil sie den Muth nicht haben, glücklich zu sein. O, Julie! wärst du bei mir in der schönen, klösterliche» Welt Louisiana's; könnt' ich meine Ansichten, meine Hoffnungen, meine Seligkeiten mit dir theilen! Ich beklage das Vergangene nicht, und nicht das Verlorne. Was mich guäite, ist vergessen; was ich liebte, ruht unverloren in Gottes Arm. Auf meines treuen Herberts Grabe weint das menschliche Auge nur Thräncn der Dankbarkeit; aber seine» Tod beklag' ich nicht. DÄubant will mir Herbert sein — ich fühl' cs, er wird mir mehr. Ich lieb' in ihm meine Jugcndwclt; ich lieb' in ihm dich, o Julie! Er gibt dem Irdischen, was mich umfängt, den von mir unter tausend Leiden verkannten Werth wieder. Ja, cs ist Seligkeit, ein Mensch zu sein! 180 6 . Mündliche Ucberlicferungcn. Die glückliche» Kolonisten lebten lange in beneidenswürdiger Abgeschiedenheit von der übeigen Welt und vergessen von Europa. Ihre Pflanzungen, meist Indigo und Tabak, erreichte» bald den höchsten Flor. Nichts fehlte ihnen zur hohen Zufriedenheit; und selbst, was ihnen zu mangeln schien, vermehrte mir den Werth ihrer Verhältnisse. — Täglich sah d'Aubant Augustinen, täglich lernte sie neue Tugenden an ihm achten. Gegenseitiger Umgang in der Einsamkeit ward ihnen zum Bedürfnis;. Augustine liebte den edeln Mann, ohne es zu wissen, ohne es sich zu bekennen; und d'Aubants Leidenschaft für die Liebenswürdigste ihres Geschlechts brannte im stillen Lichte unauslöschlich. — Selbst die gute Agathe, dem allmäligen Welken nahe, lebte wieder in schöner Jugendfülle aus, und ein französischer Offizier, welcher von New-OrlcanS kam, um die Kolonien zu untersuchen, machte bald in ihr die Erinnerungen an den romantischen JaninSky dunkler. Nach einem halben Jahre der neuen Bekanntschaft war aus Agathen eine Madame DeSfontaineS geworden, und Herr DcSfontaincS, von so schönen Banden gehalten, legte seine Stelle nieder und ward Pflanzer in der glücklichen Kolonie. Der Gouverneur von New-OrlcanS, welcher schon längst versprochen hatte, das so hoch gerühmte Ehristincnthal zu besuchen, erfüllte endlich sein Wort. Er kam, nebst seiner Gemahlin und der reizenden Adelaide, seiner Tochter, und begleitet von einem großen Gefolge, in der Mitte Sommers an, um wenigstens einen Monat in der neuen Pflanzung zuzubringen. Ihm zu Ehren wurden eine Menge kleiner Feste veranstaltet, nnd die harmlose Freude schien sich aus der übrigen Welt nur in diesen unbekannten Winkel der Erde geflüchtet zu haben. — Aber eben dieser Aufenthalt des Gouverneurs in Christincnthal hatte auf die bisherigen einförmigen Verhältnisse d'AubantS und der fürstlichen Pflanzerin einen Einfluß, den sie selbst nicht erwartet hatten. Augustinens Heiterkeit verlor sich unvermerkt. Agathe sowohl als d'Nubant, fanden sie öfter, als gewöhnlich, auf dem Grabhügel Herberts gelehnt und in traurige Betrachtungen verloren. Zwar lächelte sie, sobald ein Freund vor ihr erschien; zwar belebte sie noch, wie immer, die Gesellschaften mit ihrem Frohsinn; aber dennoch empfand Jeder, der sie kannte, daß ihr Lächeln und ihr Scherz nur gezwungen sei. Niemand konnte in das Geheim- »iß ihres stummen Grames dringen. Inzwischen dauerten die Zerstreuungen fort. D'Anbant hatte weniger Anlässe und Gelegenheiten, Nugustinc» zu beobachten. Er war von der Sorge um die Unterhaltung seiner Gäste hingerissen. Die muntere Adelaide umgaukelte ihn unaufhörlich, und der Gouverneur hatte tausend Dinge mit ihm ins Reine zu bringen. Die Gemahlin des Gouverneurs bemerkte mit inncrm Wohlgefallen, wie sich Adelaide mit jedem Tage vertrauter an Herrn d'Aubant schloß. Sie thcilte ihre kleinen Entdeckungen dem Gouverneur mit, und dieser hatte, so wie seine Gattin, manchen Grund, mit den Entdeckungen zufrieden zu sein. Denn die kleine flatterhafte Adelaide hatte ihr Herz schon einem Ingenieur, einem jungen, artigen Mann, schenken wollen; das wußten die Aeltcrn, und waren der Schenkung nicht gewogen gewesen. Sic hatten Adelaiden ernstlich die Liebe zum Ingenieur, als einem Mann bürgerlicher Abkunft, untersagt; das wußte Adelaide, und sie war ihrerseits dem Verbot nicht gewogen gewesen. — Jetzt schien sich das Mißvcrständuiß sehr angenehm in einer Verbindung d'Aubants mit Adelaiden aufzulösen, und in der ganzen Kolonie zweifelte kein Mensch weiter daran. D'Aubant läugncte freilich herzhaft, so oft die liebenswürdige 182 DeSfontaineS ihn darum befragte; demungeachtet wollte er nie die Wahrheit und das Geheimniß all' der kleinen Vertraulichkeiten verrathen, so zwischen ihm und Adelaiden herrschten. An einem schönen Nachmittag war die ganze Gesellschaft der Fremden von New-OrleanS, nothwendig auch d'Aubant, eingeladen bei Augustinen. Augnstine schien trüber, denn gewöhnlich, so viele Mühe sie sich auch gab, ihre Schwermuth zu verheimlichen. Auch der Gouverneur und seine Gemahlin waren ernster, denn sonst. Der flatterhaften Adelaide sah man sogar rothgcweintc Augen an; d'Aubant war stiller. Mit einem Wort, der Genius der Freude war treulos entwichen; Jedes lebte mehr in sich, als mit den Andern. Agathe allein hüpfte harmlos von Einem zum Andern, und konnte das räthselhafte Betragen einer Gesellschaft nicht begreifen, in welcher sonst Muthwillc u»d Scherz daheim waren; und mochte sie auch forschen und fragen, wie sie wollte, Einer war geheimnißvoller, als der Andere. Nugustine ermannte sich. Sie stand im Glauben, daß ihre Niedergeschlagenheit, der sic so wenig Meisterin gewesen, Ursache von der unangenehmen Verstimmung der Uebrigen geworden sei. Ihre Gäste hatten sich im Garten und im daranstoßendcn kleinen Parke paarweis zerstreut. Sie eilte dahiu, um die Verlornen zu sammeln. Indem sie an einer kleinen, von Gebüschen umfangenen Wiese vorüberging, sah sie Adelaiden mit auSgcbreitcten Armen gegen d'Aubant fliegen, welcher mit dem Ingenieur im Gespräch vertieft zu sein schien; sah, wie Adelaide den Letzter« umarmte. Augustine wandte sich schnell ab, um die Glücklichen nicht durch ihr Erscheinen zu stören. D'Aubant aber hatte die Fürstin bemerkt. Er überließ die freudenberauschte Tochter des Gouverneurs dem Geliebten, und eilte jener nach. Sie stand an eine Zypresse gelehnt, und starrte finster vor sich 183 hin. Als sie seine Schritte vernahm nnd ihn erblickte, schien sie ihm entgegeneilen zn wollen; doch die Kraft gebrach ihr. Sie war sehr blaß; sie lächelte ihn an, und ihre Augen waren von zitternden Thränen schwer. „Ihnen isi nicht wohl?" fragte d'Aubant ängstlich. „Nicht ganz," antwortete sie: „aber es wird vorübergehen." Sie deutete mit der Hand auf einige bemooste Felsenstücke, welche im Schatten nberhängender Gesträuche einen Nuheort bildeten. D'Anbant führte sie dahin. Er setzte sich an ihrer Seite nieder. Beide schwiegen lange. Er ergriff ihre Hand plötzlich mit einer Heftigkeit, die sie erschreckte, nnd küßte sie mit ungewöhnlicher Inbrunst. „Machen Sie mich nicht unglücklich, Madame!" rief er mit bebender Stimme: „Irgend eine Krankheit, irgend ein Nebel nagt an Ihrem Leben." Sie schlug die Augen zu ihm auf, und bemerkte Thränen in den seintgen. „Fürchten Sie nichts!" erwiederte sie: „Mir ist wieder wohl. Es war eine Anwandlung - es ist schon vorüber." Eine neue Stille trat wieder ein. „Ich habe," sagte er nach einiger Zeit, „Ihnen frohe Botschaft bringen wollen. Es ist mir gelungen, den Gouverneur und seine Gemahlin zu bewegen, die Einwilligung in die Verbindung Adelaidens mit dem Ingenieur zn geben. Es hielt schwer. Aber der Gouverneur war wohl gezwungen, sein Jawort zu geben, da sich die beiden jungen Leute aus Lieb' und Leidenschaft schon zn sehr vergessen hatten, und dergleichen Schritte nicht wohl zurnckgethan werden können. —Kommen Sie, nehme» Sic Theil an der Freude der Glücklichen, die jetzt wahrscheinlich zu den Füßen ihrer Aeltern liegen." Angusiine schien von dieser Neuigkeit sehr überrascht. Sie that noch manche Frage, nnd, am Arm des Chevaliers gelehnt, ging sie, den Gouverneur zu suchen. 184 Die düstere Stille, welche noch vor einer Stunde in dem frcund- schastlichcn Kreise geherrscht hatte, war nun plötzlich verschwunden; das drückende Geheünniß von jeder Brust gewälzt. Man gab und empfing Glückwünsche, und überließ sich unbefangener, denn jemals, der Freude. Augustine, von dem Vergnügen ihrer Gäste beseelt, wollte das Fest kröne». Sie lud die benachbarten Pflanzer ein mit ihren Familien; auch ländliche Musik erschien, und beim Schimmer des Mondes und der Sterne wurde ein fröhliches Abendmahl gerüstet im Freien unter den Palmen. Versöhnung, Dankbarkeit, Liebe, Hoffnung und Freundschaft bewegten jedes Herz. Man tändelte, man sang, man tanzte. Der Klang der Instrumente drang weit und melodisch durch die Stille des Abends hin, lockte die Bewohner und Bewohnerinnen der entfernten Hütten herbei, und vermehrte mit jeder Stunde das liebliche Getümmel beim Schein der wehenden Fackeln und Lampen. D'Aubaut vermißte von ungefähr Augustincn. Sie hatte sich ans dem Gewühl zurückgezogen. Er fand sie nicht weit vom Tanzplatze, auf einer Bank im Garte», von wilden blühenden Gebüschen verdeckt. „Darf ich mit Ihnen diese Einsamkeit theilcn?" sagte er. „D'Aubant!" sagte sic leise. Er saß schon neben ihr. Er wollte reden, ergriff ihre Hand, und vergaß, indem er diese Hand an seine Lippen zu pressen wagte, seine Worte. Beide schwiegen. Die Zauberei des schönen Abends, die letzten Ereignisse, die Musik in der Ferne, schienen mächtiger auf beider Herzen zu wirken, nun in beider Brust die schöne Ahnung reger geworden: du lebst nicht ganz ungeliebt. Augustine, aller Vergangenheit vergessend, sah mit träumenden Blicken in die verworrene Abcndwelt hinaus. Wohlgcrüche athmcten alle Stauden. Gesträuche, Hütten und Tänzer schwebten im fabelhaften Halbiicht des Mondes; und wie Gestirne funkelte der rothe >85 Glanz der Kerzen durch daS vom leise» Odem der Abendlust erschütterte Laub. Was sie in diesem Augenblick an d'AubantS Seite empfand, glaubte sic noch nie empfunden zu habe», und wie sehr sic ihn liebte, schien sie nie so deutlich erkannt zu haben, als in diesen Augenblicken. Aber diese Augenblicke waren auch die ersten, in welchen er, der sonst nie seiner tiefen Ehrfurcht vor der schönen Fürstcn- tochter vergessen hatte, die Schranken der Ehrfurcht brach. Er schwieg, und zitterte, und seine Lippen glüheten auf ihrer Hand. Seine Seele taumelte zwischen Entzücken und Furcht. Seine Verwegenheit führte ihn an die Schwellen des Himmels oder der Vernichtung, und diese Minuten wurden für ihn entscheidend. Sie wollte ihre Hand ihm entziehen, und vermochte es nicht. „D'Aubant! " sagte sie schüchtern Er drückte ihre Hand an seine von einem Seufzer tiefbewegte Brust. Sie schwieg; sie wollte den Seufzer unterdrücken, welcher dem seinigcn antwortete. Aber er hörte ihn, und die Hoffnung der Gegenliebe in ihm. Ein Geräusch in der Nähe weckte jählings beide ans ihren Träumen auf. Erschrocken zog Angustine die Hand zurück, zu lange schon die Beute des jungen Mannes. D'Aubant wich voller Ehrfurcht an die Seite. Der alte Gouverneur, von Lust und Wein beseelt, stand vor ihnen. Beide schienen diese Ueberraschung so wenig erwartet, als gewünscht zu haben; sie konnten ihn nicht anreden, und sich nicht von den Gefühlen entstricken, in denen, wie in einem Garne, ihre Seelen seit einer Stunde und vielleicht länger kämpfend und verloren lagen. Der Gouverneur sah sie eine Weile an. „Also hier?" sagte er lachend: „Und so stumm? O, machen Sie beide mich nicht blind; ich habe cS längst bemerkt. Hab' ich nun schon gern oder ungern heute eine Verlobung machen müssen, Herr Chevalier, so muß es 186 auf der Stelle noch die zweite, und, wenn morgen oder übermorgen der Missionär kommt, eine Doppelhochzeit geben." Ohne weiter Antwort abzuwarten, bog sich der Mann über beide nieder, schlug die Arme rechtsum d'Anbant, links um Augustincn, preßte beide herzlich und so nahe zusammen, daß beider Lippen sich begegnen mußten. D'AubantS Kuß brannte auf AugusttnenS schönen Lippen — Bewußtsein und Besonnenheit waren erloschen. Sie fühlte, ln der Betäubung, des geliebten Mannes Mund glühen an dem ihrigen, und unwillkürlich antwortete ihm der süße Gegenkuß. Und in dem Wirbel unbekannter Wonnen versanken beide, zitternd, wie wenn sie sich aus der todten Erdenwelt in das Leben von Elysium verzaubert sähen, und schüchtern noch beim ersten Eintritt zweifelten. Der Gouverneur lachte laut auf, ob seines glücklichen Raths, und ging mit Recht triumphircnd davon. Das Lachen rief d'Au- bants Besinnung zurück. Er fürchtete, die der Fürstcntochter schuldige Hochachtung verletzt, Augustlncns Zorn verdient zu haben — und doch hielt Liebe ihn immer wieder an des wundervollen Weibes Brust. — „D'Anbant!" lispelte sie bebend, und erwiedcrte leise den Kuß, der ihre Lippen versiegelte. Er schlug seine Arme um sie. Er fühlte sich von dem schönsten, dem edelsten Wesen, so er jemals in der Welt gefunden, umfangen. Er war ein Gott. Ein fröhliches Geräusch drang durch die Gebüsche heran, und die Kerzen leuchteten näher. Hand in Hand gingen der Chevalier und Augustine der herbeiströmenden Gesellschaft entgegen. Sie empfingen, als Neuverlobte, die Glückwünsche Aller, und konnten keine Antwort stammeln, und hatten sich selbst noch nicht mit Worten gestanden, was sie fühlten und dachten. Den Chevalier floh diese Nacht der Schlaf; er schwebte, wie im wilden Fieber. Erst am Morgen ziemlich spät erquickte ihn ein leichter Schlummer. Und da er erwachte, war'S ihm ein Mähr- chen von dem, was gestern geschehen. Furchtsam machte er sich auf, um Nugustinen zu sehen — um, wenn sie vielleicht den schönen Rausch bereuen würde . . . Doch waS dann thun, war ihm ja selbst noch dunkel. Sie war einsam, noch im häuslichen Gewände; aber schöner war sie nie erschienen. Bei d'AubantS Eintritt ins Zimmer schwamm eine sanfte Rothe über ihr Gesicht. Sie erhob sich vom Stuhl, und wagte nicht zu ihm auszuschen. Und doch, so sagte ihr ganzes Wesen, und der stille Ernst, der sie beherrschte, daß sie sich bereitet hatte, ihm ein ernstes Wort zu sprechen über das Geschehene. Er fiel zu ihren Füßen nieder — er konnte keine Silbe des Grußes stammeln. Sic winkte ihm aufzustchen. Er erhob sich, und mit seinen Augen wollte er in den ihrigen Gnade oder Fluch lesen. Sic starrte ihn traurig, zärtlich an, und was gesprochen werden sollte, ward vergessen. Sprachlos, Herz an Herz, vergaßen sie des ganzen Weltalls; nur in zitternden Seufzern, nur in Thränen tiefgefühlten Glücks redeten ihre Seelen zu einander. Und wie gestern machte auch diesmal der Gouverneur ihrer Begeisterung ein Ende. Er trat herein, an seiner Hand de» Geistlichen von AndayeS, und hinter ihm ein fröhliches Gefolge: Agathe mit ihrem DeSfontaines, und andere von der Begleitung des Gouverneurs und aus der Kolonie. Agathe schlang sich schluchzend um Augustincn und küßte sie mit hoher Inbrunst und rief: „Wohl hat mir'S immer eine geheime Stimme flüstern wollen, und ich wagte es nicht, ihr zu glauben. Du liebe, göttliche Pflanzerin, bist glücklich! ich kröne dich hier mit dieser Mirtenkronc: Christinenthal ist deine Monarchie; Liebe, Tugend und Seligkeit sind deines Hofstaats Glanz — vergiß nun deiner Agathe nicht in d'Aubants Armen." Wirklich heftete Madame DeSfontaines die frische Mirtenkronc ans AugustinenS Haupt, von welchem in reizender Unordnung die Locken wallten über Achseln und Nacken. — Der ganze Zug ging 188 zur nächsten Kapelle, und die verwittwcte Fürstin ward — vermählt mit dem Geliebten — Madame d'Aubant. Nachschrift. Und eine Reihe seliger Monde und Jahre blühetc dem hochbeglückten Paar in Louisiana'S Einsamkeit auf. Die Geburt einer reizenden Tochter erhöhte das Glück der fürstliche» Mutter. Sie säugte ihr Kind selbst, und unterrichtete es, sobald es stammeln lernte, in ihrer Muttersprache, der deutschen. So hatte das erhabene Weib, indem es stegend über die Vor- nrihcile der Welt, und nur in seine Tugend gehüllt, dahin ging, das harte Schicksal unter eigenen Willen gebeugt. Selbstschöpferin ihres Wirkungskreises in unbekannten Regionen, bereitete sich die muth,naßlichc Erbin des größten Reichs der Welt ihr Elysium in den Hütten harmloser Pflanzer, und fand sie hier unter wilden Völkerschaften ein himmlischeres Loos, als im kaiserlichen Palast von Petersburg ihr nie zu Theil werden konnte. So verfloß der schönste und wichtigste Zeitraum ihres Lebens D'Aubants Pflanzungen vergrößerten sich mit jedem Jahre. Er herrschte im Ucberfluß. Zwei Umstände aber trafen späterhin zusammen, durch welche die Glücklichen veranlaßt wurden, ihren Aufenthalt zu verändern — eine Krankheit d'AubantS, welche ohne Berathung mit geschickten Aerzten in ihren Folgen gefährlich zu werden drohte, und die falsche^ golddürstige Politik des neuen Gouverneurs zu Neu-Orleans. Sic verkauften ihre Pflanzungen mit großem Gewinn, und reifete» beide nach Frankreich zurück. Die Prinzessin glaubte in Europa längst schon vergessen zu sein. Sic kamen nach Paris, d'Aubant übergab sich den Aerzten, und nahcte bald seiner Genesung. Eines Tages ging Angustine mit ihrer Tochter lustwandelnd 18 S durch de» Garten der Tuilerien. Beide unterhielten sich in deutscher Sprache. Graf Moriz, der Marschatt von Sachsen, stand in der Nähe und bemerkte die Damen. Da ste in seiner Muttersprache redeten, wollte er die Gelegenheit nicht verlieren, mit so liebenswürdigen Landsmänninnen Bekanntschaft anzuknüpsen. Er trat zu ihnen und erkannte die Prinzessin von Wolfenbüttcl, welcher seine Mutter, die Gräfin von Königsmark, vor mehrere» Jahren zur Flucht ans St. Petersburg geholfen. Vergebens wollte sich die Neberraschte ihm verbergen. Sie war einmal erkannt, und der Marschatt bat um die einzige Gnade, ihre Anwesenheit in Paris dem König zu melden. — Alle Vorstellungen der Prinzessin waren dagegen fruchtlos. Sie ergab sich endlich in seine dringenden Bitten; doch unter der Bedingung, daß er das Geheimniß nur drei Monate lang bewahren solle. Er versprach's, und erhielt dafür die Erlaubniß, daß er der Prinzessin von Zeit zu Zeit seine Aufwartung machen dürfte. Der Chevalier war inzwischen wieder vollkommen gesund geworden. Und als der Marschall am Ende des bestimmten Vierteljahrs die Prinzessin noch einmal besuchen wollte, bevor er dem König die wichtige Entdeckung machte, war sie mit ihrem Gemahl und ihrer Tochter verschwunden. Doch erfuhr er, daß sie sich nach Ostindien eingcschifft, und die Insel Bonrbon zum Wohnort gewählt hätten. Graf Moriz eilte zum König. Dieser, nicht minder durch die Entdeckung überrascht, ließ auf der Stelle, durch seine» Minister, dem Gouverneur der Insel befehlen, den Chevalier d'Aubant und dessen Gemahlin mit der ausgezeichnetsten Achtung z» behandeln, und ihnen in allen Wünschen vorzueilen. Aber damit noch nicht zufrieden, schrieb der König eigenhändig einen Brief an die Königin von Ungarn, wiewohl er mit ihr im Kriege war, und unterrichtete sie von de» außerordentlichen Schicksalen ihrer, längst als todt beweinten, Tante. 190 Die Antwort der Monarchin enthielt, außer den Empfindungen ihres Dankes, ein beigefügtes Schreiben an Madame d'Anbant. Die Königin bat sie, zu ihr an den Hof zu kommen; der König von Frankreich werde für ihren Gemahl und für die Tochter, so sie mit demselben erzeugt hatte, ans das Glänzendste sorgen. — Aber die Prinzessin antwortete ihres hohen Geistes würdig und im stolzen Gefühl ihres Glückes. Sie verwarf alle Anträge und blieb in ihrem Dunkel. Auf der Insel Bourbon war sie noch im Jahr 1754. Nach dem Tode ihres Mannes und ihrer Tochter begab sie sich wieder nach Europa. Viele behaupte», daß sie sich nach Montmartre zurückgezogen habe, wo man sie noch im Jahr 1760 gesehen haben will. Andere versichern, daß sie den Abend ihres tugendhaften Lebens in Brüssel gelebt habe, wo ihr eine ansehnliche Pension aus dem Hause Braunschweig ward. Hier war sie aller Armen Trösterin; jeder Unglückliche fand Hilfe bei ihr, wenn ihn die Welt verlassen hatte. Eine unzerstörbare, sanfte Heiterkeit schwebte in ihren Gesichtszügen, wie Wiederglanz ihres innern Seelenfriedens. Nahe an siebenzig Jahren bewahrte sie »och Spuren ihrer ehemaligen Schönheit; und die Fülle reiner und beseligender Empfindungen, mit denen sic einst die Tage ihrer Jugend durchwandelte, blieben ihr noch im stillen LebeuSwintcr getreu. Und als sic nun, so wird von ihr erzählt, die holde Stunde schlagen hörte, welche ihre Seele wieder vereinen sollte, mit dem vorangcgangcnen Freund ihres Herzens, mit d'Anbant und ihren Kindern — und als Aller Augen an ihrem Sterbebette weinten, wandte sie sich noch mit sanftem Lächeln zu den Klagenden, und sprach: „Ich habe einen schönen Traum geträumt; nun laßt mich doch zum Leben erwachen!" Älgathokles, Tyrann von Syrakus. Seit einem halben Jahre wohnte in einer der angenehmste» sizi- lianischen Gegenden, einige Stunden von der reichen Stadt Syrakus, die Familie des griechischen Bildhauers Mikon. Ein Landhaus, von weitläufigen Nebengebäuden umgeben, zwischen Kornfeldern, Wiesen und Weingärten, Alles von einem Bach bewässert, der durch das Thal floß; auf der Höhe hinter dem Landhause die endlose Aussicht über das Meer — ein kleiner Tempel droben — wer hätte da nicht gern wohnen mögen? Der Sitz in dem einsamen Thalc war von allen Landstraßen abgelegen. Eben diese Entfernung vom Menschengewühl hatte der Bildhauer seinen Söhnen empfohlen, da er sie mit Weibern und Kindern von Korinth wegschickte, um in Sizilien einen Rnheort anznkaufen, wo er in glücklicher Stille den Abend seines Lebens genießen könnte. Er selbst war erst, nachdem der Ankauf geschehen, von Korinth abgcreiset, begleitet von seiner Gemahlin und dem jüngsten seiner Sohne. Es war ein rechter Freuden- und SiegcSzug, als Mikon in seine neue Besitzung einzog. Denn seine Söhne mit ihren Gattinnen und Kindern waren ihm, festlich geschmückt und bekränzt, weit ent- 192 gegengegangen. Der hohe Greis weinte FrendenthrLnen unter dem Jubel, mit welchem sie ihn umringten. Er hntte sein zweiund- siebenzigsteS Jahr an dem gleichen Tage angetreten, da er, nach langer Trennung, alle seine Lieben wieder beisammen fand. Er zählte sie, rief sie alle, groß und klein, bei Namen und umarmte und segnete sie alle. Das Alter hatte seine Haare gebleicht, aber seine Kräfte nicht geschwächt. Ein mildes Feuer glänzte in seinen Augen. Tie Farbe der Gesundheit röthete seine Wangen. Er nahm eine Urenkelin auf den starken Arm, und so, umschwärmt von seinen Angehörigen, trat er in sein neues Eigenthum. Er untersuchte Alles; fand Alles gut. Seine Töchter, Schwiegertöchter und Enkelinnen hatten mit einander gewetteifert, die ihm bestimmten Zimmer mit jeder Anmuth, jeder Bequemlichkeit zu bereichern, die dem Alter behagt, oder von der ihnen ahnctc, daß er sic gern sehen würde. Von nun an genoß er den seligen Frieden am eigenen Herde; das stille Glück, welches er als sein höchstes gewünscht hatte. Er war von Syrakus gebürtig. Obgleich er aber seine meisten Jugendfreunde alle überlebt hatte, und in der großen Stadt, die er seit fünfzig Jahren nicht gesehen, Keinen mehr kannte, war doch Sizilien immerdar seine Sehnsucht geblieben, und daß seine Asche einst in väterlicher Erde ruhen möge. Alle Tage in der Morgenkühle Pflegte er einen Gang durch seine weitläufigen Besitzungen zu machen, um sie und jede Stelle des anmuthigen Thales kennen zu lernen. Solcher einsamen Wanderungen war er von jeher gewohnt. In Griechenland hatte er sic selbst beim übelsten Wetter nicht versäumt. Sie gehörten zur Nahrung seiner Kraft. Gewöhnlich begleitete ihn nur ein Sklave in gewisser Ferne, daß er im Fall eines Bedürfnisses Beistand zur Hand habe. Er überließ sich da gern ruhigen Betrachtungen und Ueberlegungen. Solch einen Gang in die Einsamkeit nannte er 1SZ gewöhnlich ein reinigendes Bad der Seele. Da wasche sie sich von allen kleinen Kümmernissen rein, und werde kräftig, wohl- thuend, erhaben und still, wie die Natur, in deren Hauch sie sich gleichsam auflöse. _ Am zwölften Tage seiner Ankunft in Sizilien bestieg er auch die Anhöhe, an deren Fuß die Gebäude lagen. Noch war er nie hinaufgekommen. Droben auf der Schwelle des Tempels im kühlen Schatten hoher Steineichen und Kastanienbäuine ließ er sich zum Ausruhen nieder. Zu seinen Füßen grünte das Thal mit seinen Gütern. Zwischen den fetten Fluren krümmte sich der Bach in großen Windungen hin, als thäte es ihm weh, die reizende Gegend zu verlassen, um im Schoos des nahen Meeres zu sterben. Weiterhin glänzte der dunkle Spiegel des Ozeans, bis, in uncrspähbarer Ferne, Welle und Himmel duftig zusammcnrannen. MikonS Blicke durchirrten neugierig und überrascht die große anmuthsvolle Landschaft. Er war im Anschauen derselben verloren, als ihn ein Geräusch ans dem Thal^störtc. Er sah drunten jenseits des Tempels zwei Männer zu Pferde. Einer derselben flieg ab, und übergab sein Roß dem Begleiter, welcher im Schatten eines alten Baumes blieb. Der Abgestiegene schien den Fußweg hinauf nach dem Tempel zu wählen. Mikon beschloß, sich nicht stören zu lassen, und nahm seine vorige Stellung wieder. Als er aber hinter sich ein starkes, männliches Schreiten über den Marmorbvden zwischen den Tcmpelsäulcn hörte, stand er auf. Ein Greis, der noch älter als er selbst zu sein schien, ln einfacher Kriegcrkleidung, ging neben dem Altar vorbei, ohne MikonS Anwesenheit zu beachten, seitwärts die Stufen nieder gegen das Thal hin. Da blieb er stehen, und betrachtete die Landschaft mit verschränkten Armen. In seiner Stellung war etwas Gebieterisches; Zsch. Nov. VII. 7 194 in den Zügen seines faltenreichen, hagern, von der Sonne gebräunten Gesichts majestätischer Ernst. Finster hingen graue Augcn- branncn über die tiefliegenden, lebhaft funkelnden Augen. Der alte Krieger wandte sich bald darauf wieder rasch um zum Tempel, als wollte er auch diesen betrachten. Da ward er MikonS gewahr. Er stutzte. Mikon erhob sich von seinem Sitze, ging dem Fremdling näher und grüßte. „Es scheint," sagte Mikon, „uns führt gleiche Absicht zu gleicher Stelle." Der Krieger musterte den Bildhauer von Kopf zu Fuß; dann sprach er: „Das wundert mich nicht halb so sehr, als daß ei» Paar Granköpse, wie wir, noch auf dieser Höhe zusammentreffen. Wie alt bist du?" „Einundsiebenzig voll und einige Tage dazu." „Wahrhaftig, genau so alt, wie ich selbst!" versetzte derKricgs- niann: „Wo wohnst du?" „Drunten im Thal. Mir gehört der Landsitz." „Dir?" sagte der Kriegsmann, und heftete schärfere Blicke auf Mikon. „Ich sollte dich kennen, sehr gut kennen, und weiß doch nicht, wo ich dich sah." „Vielleicht in Korinth oder Athen. Da habe ich manches Jahrzehend zugcbracht. Ich bin Mikon, der Bildhauer." „Mikon?" sagte der KriegSmann, und zog nachdcnkcnd die Stirn zusammen. „Aber du bist nicht aus Griechenland?" „Nein, ich bin von Syrakus gebürtig. Hier lernte ich das Töpferhandwerk, bis mich das Glück nach Korinth führte in die Werkstätte des Bildhauers Kallias. Bei diesem Meister lernte ich die Kunst." Die finstern Züge des grauen Kriegers heiterten sich bei diesen Worten plötzlich ans. Er lächelte dem guten Mikon freundlich zu und reichte ihm die Hand. „Müssen uns denn die Götter noch so spät znsammenführen?" rief er: „Alter, steh mich an. Kennst du mich?" 185 Mikon schüttelte schwelgend den Kops. „Hat mich das Atter so sehr verwandelt? Sieh mich an, Mikon! Habe ich nicht mit dir bei LamoS, dem Töpfer zu Syrakus, vor mehr denn einem halben Jahrhundert, treufleißig Urne» gedreht und Lampen aus Thon geknetet? Kennst du mich noch nicht, Alter? Erinnerst du dich nicht des KarkinoS von Thermä?" „Wie?" rief Mikon erstaunt: „Du des KarkinoS Sohn? Wohl, nun dämmern mir wieder in deinen Mienen die Züge des schönen Jünglings, den ich so herzlich geliebt, dessen ich nie vergaß, und dessen Gestalt ich oft, wenn ich aus dem Marmorblocke einen BachuS hervorschlagcn sollte, oder einen Apollo, im Spiegel meiner Einbildungskraft sah." Die Greise umarmten sich. Dann ließen sich beide auf den Stufen des Tempels nieder, ihr Gespräch fortzusetzen. „Weiß du noch," rief KarkinoS, „wie wir beide, den Tag vor deiner Abreise nach Korinth, im Tempel der Glücksgöttin das Opfer brachten; dann mit einander lange Zeit den ortygischen Damm auf und ab wandelten und von unserer Zukunft sprachen? Es scheint, die Göttin hat unser beider Wünsche gutmüthig erhört." „Sie hat mehr gegeben, als ich damals bat. Und hätten mir die Götter weniger verliehen, ich würde darum nicht minder glücklich sein." „Du warst immerdar der genügsame Mikon, und bist cs geblieben ! " sagte KarkinoS lachend. „Und du," versetzte Mikon, „warst immer der Ungestüme, Ungenügsame, Hochstrebcnde. Ich erinnere mich wohl »och des Opfers und unserS kindischen Geschwätzes auf dem ortygischen Damm. Du schworst damals Kriegsdienste zu nehmen und nicht zu ruhen, bis dn Feldherr wärest. Deine Kleidung sagt mir'S, du hast Wort gehalten. Bist du glücklich, alter Freund?" t l i >!i /' I. L — 1S8 — „Wer ist glücklich?" sagte KarkinoS. „Nur die Unsterblichen sind's." „Bin ich schon kein Unsterblicher, bin ich doch ein Glücklicher unter den Sterblichen ! " entgegnete Miko». „Ich habe Gesundheit und ein zufriedenes Herz bewahrt, die Menschen geliebt und die Götter gefürchtet: mein Fleiß hat mir ansehnliches Vermögen gewonnen. Kinder, Kindeskinder und Urenkel vervielfältigen mein Leben." „Vortrefflich!" rief Karkinos. „Erzähle mir von deinen Schicksalen, alter Freund. Wie ist dir'S ergangen, seit wir uns trennten?" Der Bildhauer lächelte und sprach: „Du wirst keine Langeweile bei meiner Erzählung finden, denn sie ist bald abgethan. Ich kam, mein Glück suchend, nach Korinth. Da ging ich zu einem Töpfer in Arbeit. Zwei Jahre lang blieb ich in seiner Werkstatt. Mit unüberwindlichem Hang zur bildenden Kunst füllte ich meine Mußestunden mit Nachzeichnungen göttlicher Werke des Meißels oder mit Nachbildungen derselben aus Thon. Neben uns an wohnte der Bildhauer Kallias. Ich war, so oft ich konnte, Zuschauer seiner Arbeit. Seine Kunst entzückte mich; mehr noch die Schönheit seiner Tochter PhaiS. Sie ward mein Urbild alles Reizes. Sie wußte es bald, daß sie es war. Ihre Zärtlichkeit belohnte meine stumme Liebe; die Götter blieben uns hold. „Ich hatte eine Aphrodite aus Thon gebildet, und im Feuer gehärtet. Diese Aphrodite — cs war die jugendliche Phais, die aufblühende siebenzehnjährige Schönheit — sie war'S unwillkürlich geworden. Als mein Meister, der korinthische Töpfer, bas Gebilde sah, lächelte er und sprach: Ist das nicht Phais, des Bildhauers KalliaS Tochter? — Heimlich wies er dem Bildhauer einst, da ich nicht im Hause war, die Aphrodite. Diesem schien meine Anlage 197 zur Kunst zu gefallen. Er schwor, PhaiS müsse mir zum Urbild gesessen haben. PhaiS betheuerte, daß ste nie einen Augenblick mit mir allein gewesen sei. Um so mehr war dem Kallias meine Arbeit Werth. Da ich ihn folgendes Tages nach meiner Gewohnheit bei der Arbeit besuchte, lud er mich ein, sein Lehrling zu werden, und lobte meine Aphrodite. Wer war seliger als ich! Er nahm mich in sein Haus. Liebe zur Kunst und Leidenschaft für PhaiS gaben mir bald eine Vollkommenheit, die seine Erwartungen übcrtraf. Er gab mir die Tochter. Ich ward die Stütze seines Alters, nach seinem Tode Erbe seines Gutes. „Ich zog darauf nach Athen, der Stadt der Weisen, der Schule der Künstler. Dort wurden meine Kinder in der Kunst gebildet, die mir Ansehen und Reichthum gewährte. Einige meiner Söhne ließen sich nachher in Korinth nieder. Ein harmloses, ehrenvolles Alter krönte meine Tage. Der tägliche Umgang mit einigen der weisesten Griechen hob und veredelte mein Gemüth. „Zuletzt vereinte ich meine ganze Familie wieder in Korinth. Der Neichthum, welchen mir Fleiß erworben, Sparsamkeit erhalten hatte, ward durch Erbschaft so vergrößert, daß ich mit den Meinigcn einen alten Lieblingswunsch zu erfüllen beschloß, nämlich in Sizilien, dem Lande meiner Geburt, ein unabhängiges Leben auf eigenem Grund und Boden zn führen. Ich bin alt; meine Stunden sind gezählt, darum befahl ich den Kindern im vergangenen Herbst, »ach Syrakus vorauSzureisen, eine Länderei anzukaufen, wie ich sie wünschte, wo mit dem Nützliche» das Anmuthige vereint wäre, und dann mich Nachkommen zu lassen. — Sieh' hinab! fast das ganze kleine Thal ist mein Eigcnthum. — Die Geschichte ist am Ende." KarkinoS drückte seinem alten Freund die Hand und sprach: „Zch beneide dich fast. Aber deine Erzählung war zu kurz." „Was soll ich dir aus dem einförmigen Leben eines Künstlers, aus dem stillen Hause eines Familienvaters Merkwürdiges berichten? Man lebt da mehr in sich, als außer sich. Weißt du mir mit Worten die stille Fluth der Klänge aus dem Gesänge zu beschreiben, oder 'die Geschichte vom Wechsel deiner Gefühle zu geben. Sieh', so ist Haus- und Künstlerleben. Große Schicksale mangeln, aber sie werben von großen Gefühlen ersetzt; diese sind das eigcnthümlichc Leben. Das Acußere ist alltägliches Einerlei — von gewöhnlichen Dingen ewiges Wicdcrkommcn. Der ruhige Spiegel eines See's, was läßt sich von ihm viel sagen? Wenn der Wind leichte Furchen über seine Oberfläche hinweht, du sichst ihn an, und ihr Anblick schläfert dich ein. Aber in der Tiefe drunten, wohin du nicht sichest und denkest, da lebet und und webet, liebet und leidet, geht auf und unter eine ganze Welt von Geschöpfen. — Lieber Alter, soll ich dir meine LcbenS- gcschichte vollenden, so komm und betrachte den schöner» Thcil derselben mit eigenen Augen in meinen Kindern und Nachkommen. Ich bitte dich, steige mit mir hinab in das Thal. Erfreue mein Haus mit deiner Gegenwart, und genieße einige Erfrischungen unter meinem Dache. Dafür will ich auch dich wieder besuchen, in deinem Hause, unter deinen Kindern, wenn du sie hast." „Willst du das?" fragte Karkinos und lächelte sonderbar dazu. „Allerdings will ich das! und morgen schon," antwortete Mikon, „denn wir sind beide grau und reif, und müssen, was uns noch zn lhun gelüstet, schnell thun, eh' cs mit nächstem Sonnenuntergang zu spät wird." „Ich halte dich beim Wort, Mikon!" rief KarkinoS. Dieser stand schnell auf, ging durch den Tempel, winkte seinem Begleiter, der mit den beiden Rossen unter dem Baume weilte, redete einige Worte zu ihm, und kam wieder an den Ort zurück, wo Mikon saß. Der mit den Pferden sprengte davon. „Er ist' 19S einer meiner freigelassencn Diener," sagte KarkinoS: „ich Hab'ihm befohlen, mein Pferd zu deinem Landgut zu führen." Die beiden Greise stiegen den Berg abwärts. Der Weg schlangelte sich gemach zwischen Felsen, non Weinreben und blühenden Gesträuchen umweht, in das Thal nieder. Dort erweiterte er sich zu einem Lustgang zwischen hohen Pappeln, die zu einem geräumigen Hofplatz führten, von WirthschaftSgebäuden umgeben. — Ohnweit derselben, auf einer milden Anschwellung des Erdbodens, erhabener, als die übrigen Gebäude, stand Mikons Wohnung, rings von einem Säulengang umzogen. Vor dem Eingang sprang ein Brunnen, von sieben Palmen majestätisch überragt. Dort, ans dem Teppich des Rasens, spielten Kinder von allerlei Alter, während unter der kühlen Vorhalle ein Frühmahl für die ganze Familie von sehr einfachen ländlichen Speisen bereitet stand. Man schien nur Vater Mikons Ankunft erwartet zu haben. Denn wie sich die beiden Alten näherten, traten viele Personen beiderlei Geschlechts aus dem Hause hervor, über den Nasen, fröhlich gegen die Palmen, den allgemeinen Vater zu begrüßen. Mikvn sprach zu KarkinoS: „Das sind meine Kinder!" — Er begrüßte sie alle, und stellte sic seinem Freunde vor: vier Söhne mit ihren Frauen, sicbenzehn Enkel und Enkelinnen, dazu drei Urenkel. Mutter Phais, in ehrwürdiger, edler Gestalt, war von den Ihrigen umgeben, wie au einem blüthenrcichen Roscnstock eine abbleichcnde Rose von grüne», von schwellenden, von halbaufge- brochenen Knospe», und andern, schon in vollblätteriger Pracht. Nachdem Alle erfahren hatten, wer der Fremdling sei, thaten sich die Großen und Kleinen freundlich zu diesem, als wollten sie in ihm Mikons Jugcudtage liebkosen und ehren. Dann lagerte man sich um den Tisch; jedem war sein Plätzchen bekannt. Sei cs die Anmuth oder Seltenheit dieses Schauspiels, es wirkte sichtbar ans das Gemüth des KriegSmanneS. Sein Antlitz roo leuchtete vom Vergnügen, und zuweilen sah man seine Augen mitten im Lächeln von einer Thräne feucht werden. „Ja, Mikon, mein alter Freund!" sprach Karkinos: „ich glaube, einen Glücklichern, als dich, trägt Sizilien nicht. Aber dein Leben in der Nähe des unruhigen Syrakus scheint mir gewagt, wie eine Hütte, die man zum Schlund des dampfenden Aetna baut. Hast du nie von Agathokles gehört, dem Fürsten von Syrakus? Fürchtest du nicht seine gefährliche Nachbarschaft?" Mikon antwortete: „Schon die Korinther haben mich warnen wollen; aber ich höre von Agathokles, er sei eben so weise, als strenge. Ich zittere vor ihm nicht. Er, wie ich, sind in eines Verhängnisses Gewalt. Wir fürchten die Götter, darum tragen wir vor den Sterblichen keine Scheu." „Aber schmerzt dich nicht, daß Agathokles die Freiheit des Volks unterdrückt und sich zum Gewaltherrn der Syrakuscr, die Syrakuser zu Sklaven gemacht hat?" „Ich glaube kaum, daß er's gethan, Karkinos, wohl aber, daß ihn die Syrakuser zum Herrn über steh gesetzt haben. Denn wie listig oder gewaltig auch ein Mensch sei, er kann kein ganzes Volk in Fesseln schlagen, sobald dieses die Fesseln verabscheut. Die Völker in niederträchtiger Feigheit sind es, welche den Tyrannen schaffen; der Tyrann macht kein freisinniges Volk knechtisch." „Einer von Mikons Söhne» sagte: „Unsere Abgeschiedenheit, wie unser mäßiges Vermögen kann den Neiv eines Agathokles so wenig, als seinen Argwohn reizen." Ein anderer der Söhne fügte hinzu: „Und nicht das Land, wo man wohnt, bringt Glück in das Herz: sonder» der Mensch bringt Glück in das Land. Wohin wir auch gehen, überall wölbt sich ein Himmel über uns, reich an Segen, wie an Blitzen." „ Wahrlich!" rief Karkinos: „könnte Agathokles neidisch sein, Lvl so wäre euer Glück das würdigste, nach welchem er geizen müßte. Aber sein Neid könnt' es weder zerstören, noch gewinnen." Noch sprachen die alten Zugendgcspielen viel von ihren Knabenzeiten. Die Greise verjüngten sich in ihren Erinnerungen. Mikon brachte manchen kleinen Zug aus seinem Lebenslaus an; aber nie könnt' er den Karkinos bewegen, auch von sich und seinen Schicksalen zu reden. Das alles sparte dieser auf für den folgenden Tag, wenn Mikon ihm den Gegenbesuch machen würde. Schon wartete sein Diener mit den Nossen manche Stunde im Vorhof. Er trennte sich, wie es schien, ungern von der glückseligen Familie des Bildhauers. Folgendes Morgens erschien, wie verabredet worden, ein Bote des Karkinos, welcher dem greisen Mikon den Weg durch die Straßen von Syrakus zur Wohnung des Jugendfreundes zeigen sollte. Mikon bestieg ein Maulthicr, und nach Gewohnheit von einem Sklaven begleitet, machte er sich auf den Weg. Als nach einer Stunde die Thürme und Paläste der Stadt ihm schon aus der Ferne im Frühlingsstrahl der Sonne entgegen schimmerte», kamen einige Reiter in großer Eile daher gesprengt. Ihre Tracht verrieth, daß sie nicht nur Krieger, sondern Befehlshaber im syrakusischen Heere waren. Ihre Helme, Schwerter und Dolche strahlten von Gold. Sie nannten Mikons Namen, und als sie erfuhren, der Greis auf dem Maulthicr sei Mikon, der Bildhauer von Korinth, näherten sie sich ehrerbietig und sprachen: „Wir haben Befehl, dich zu Agathokles zu führen, dem Herrn von Syrakus." Der Greis erschrak und sagte: „Was kann den Fürsten, meinen Herrn, bewegen, mich vor sich rufen z» lassen? Doch seinem Befehl muß ich gehorchen. Führet mich zu Agathokles." 202 Langsam nnd schweigend ritten sie zur Stadt, durch die volkreichen Straßen; Mikon nachdenkend nnd bekümmert, daß Karkinos auf ihn vergebens warten müsse. Als sie zu der Burg des Agathokles gelangten, traten die Leibwache» des Fürsten, die in den Vorhöfen standen, in langen, glänzenden Reihen ans einander. Ein schmetternder Trompetenruf begrüßte die Ankommenden. Prächtig gekleidete Diener hoben den Greis vom Maulthicre und unterstützten ihn sorgsam, als er die breiten Marmorsticgcn hinauf ging, welche links nnd rechts von Jünglingen in kostbarem Waffenschmuck besetzt Ware». Mikon ward durch einen reich geschmückten Saal geführt, dessen Teppiche, dessen Wände, dessen Geräthe und Verzierungen in verschwenderischer Pracht die Herrlichkeit eines großen Fürsten verkündeten, welcher über die Schätze Syrakusens gebot, die in Griechenland wie in Afrika zum allgemeinen Sprichwort geworden waren. — Ein goldgestickter, purpurner Umhang schwebte von einer Thür zurück, da man sich ihr näherte. Mikon trat in ein anderes Zimmer, welches an Schönheit und Kostbarkeit alles Vorige übertraf. Die ersten Näthe, die Feldherren und Großen des Fürsten standen schweigend und ehrfurchtsvoll in Doppelreihen z» beiden Seiten eines erhabenen goldenen Thrones; auf dem Throne saß der Fürst von Syrakus, Agathokles, in aller Majestät seiner königlichen Würde. Mit ehrfurchtsvollen gesenkte» Blicken, doch ohne Furcht, trat der Bildhauer zum Throne. Wie er aber die Augen aufschlug, erkannte er mit Erstaunen Karkinoö auf dem Throne. Dieser winkte den Umstehenden. Sie verließen schweigend den Saal. Agathokles stieg vom Thron herab, umarmte den bestürzten Bildhauer und sprach: „Ich konnte dich glänzender empfangen, als du mich: aber, Mikon, nicht so schön, als du mich im Kreise der Dcinigen empfingst. Du zeigtest mir deinen ganzen Neichthum; ich wollte auch dir eine» Theil meiner Pracht zeigen. Unsere Wege — 20Z — aus der Werkstatt des Töpfers waren verschieden, sieh', hicher hat mich der metntge geführt?' Der Bildhauer, wie er allmälig vom ersten Erstaunen genesen war, rief: „Agathokles, die Straße des Ruhms ist selten die Straße des Glücklichen! Du hast in der Welt einen großen Namen gewonnen, aber ein langes Leben verloren. Beide wandern wir noch die letzten Schritte unserer Laufbahn; unsere Augen sind vom zwciundsiebenztgjährigen Wachen müde. Sie schließen sich bald. Agathokles, möge» die Götter dich segnen, daß du schön endest." Der Fürst führte seinen Freund nach diesem in seine übrigen Zimmer; von da hinaus auf einen offenen Erker, von welchem herab man über den Hafen von Syrakus und das weite Meer sah. Während hier die fürstlichen Diener die köstlichsten Erfrischungen in goldenen und silbernen Geschirren auftrugen — doch Mikon, alter Gewohnheit treu, genoß nur Brod mit Honig, und frische Milch dazu — segelten aus dem Hafen zweihundert vier- und sechs- rudrige Schiffe, alle wohlauSgcrüstct, ins Meer. So halte cs der König besohlen, seinem Freunde zn Ehren. Die mächtige Kriegsflotte erregte sowohl durch ihre Größe, als durch die Gewandtheit und Kühnheit ihrer Bewegungen, MikonS Bewunderung. „Mit ihr," sprach Agathokles, „will ich noch diesen Sommer Afrika erschüttern, und das übermüthige Karthago demüthigcu. Ein Theil davon reicht hin, den Phöniziern drüben alle Gctreideznfuhr aus Sizilien und Sardinien abzuschneiden. Syrakus soll hinfort durch mich den Ozean beherrschen." Nachdem Mikon seine Augen an dem großen, beweglichen Schauspiel der Flotte gesättigt hatte, führte ihn sein fürstlicher Freund abermals durch eine Reihe von Prachtzimmern an das ander Ende der hohen KönigSbnrg. Und wie sie auf einen mit den theuersten morgenländischen Teppichen belegten und behangcnen Erker hinauS- tratcn, sahen sic ganz Syrakus unter ihren Füßen, wie es sich aus 204 fünf NN Pracht wetteifernden Städten gebildet. Es stieg Ortygia seitwärts mit ihren Palästen aus dem Meere; an der Küste steil aufwärts das Herz von Syrakus, der prächtige Akradine, daneben die Neustadt in aufblühcndcr Schönheit, und die Straßen von Tüchä, rings um den alten Tempel FortuncnS; dahinter verloren sich die Häuserreihen und Gärten Epitüchä'S, der Borstadt. Ein ungeheures Volksgetümmel wogte um die Burg her, aus allen Straßen zu dem geräumigen Platze vor dem Palast des Aga- thokles. Plötzlich scholl ein kriegerischer Klang von Hörnern, Trom- meten und Pfeifen. Es zog in schimmernden Ordnungen die ganze syrakusische Hecrmacht über den Platz an der Burg vorüber. Der König deutete seinem Freunde aus den Anführer der ersten Schaarcn. „Der Jüngling dort," sprach er, „ist ArchagathoS, mein Enkel. Sein Vater kam in Afrika umS Leben. Er hat mehr Tapferkeit und Einsicht, als mau von seinem Alter erwarten sollte. Ich habe ihm den Befehl über das Heer am Aetna gegeben. Der dort, welcher sich auf dem ungestümen Rosse nähert, ist mein Sohn AgathokleS. Den wcrd' ich zum Nachfolger und Erben meiner Macht ernennen. Jetzt zieht das Heer hinauf in das Lager am Aetna." Mikon betrachtete mit stummer Bewunderung die vorüberwandelnden KricgShaufen. So oft eine neu anrückende Schaar den Platz berührte, und den König auf dem Erker erblickte, erscholl donnerndes Jauchzen: „Es lebe AgathokleS! Es lebe der König!" und die ungeheure Menge der Zuschauer wiederholte den Zuruf. Nachdem der Zug vorüber war, fragte AgathokleS den Bildhauer: „Hast du gehört, wie mich Syrakus liebt?" Mikon antwortete: „O König, ZeuS kann lächeln, wennsein Adler mit den zermalmenden Donnern spielt; dir tönt das gewaltige Frohlocken der Tausende süß, wie ein kindliches Lallen. Ich aber schwindle an deiner Seite auf dieser Höhe, und bebe in allen 205 Gliedern bei den Liebkosungen des Volks, des hundcrtausendköpsi- gen, wankelmüthlgen Ungeheuers." „Dich schreckt nicht die Höhe, wo wir, nicht die Tiefe, wo die Syrakuser stehen, sondern das Ungewohnte, lieber Mikon!" sagte AgathokleS. „ Gedenkst du nicht Dionysens," entgegnete Mikon, „der Syrakus vor dir beherrschte, und wie er durch Timoleon unterging?" „Aber AgathokleS ist kein Dionys!" erwiederte der König: „Beinahe achtundzwanzig Jahre beherrschte ich Sizilien. Wer aber sah mich je vor meinen Unterthanen zittern? Nur auf dem Thron ihr Fürst, in ihrer Mitte ihr Mitbürger, haben ste dort mich fürchten , hier mich lieben gelernt. Wenn ich zu den öffentlichen Versammlungen gehe, begleiten mich keine Trabanten. Auf meinen Lustritten zeige ich mich einsam. Aber das ist die Kunst der Herrschaft, daß Volk und Fürsten eins sein müssen, wie die vielzwei- gige Staude, auf deren letztem Gipfel die Blume prangt. Ich mit meiner Macht bin nur die Blüthe, welche Syrakus aus seiner Gesammtheit hervorgetrieben hat. Mein Odem ist Siziliens Leben." „War dies vielleicht nicht einst auch DinoysenS Traum?" fragte Mikon. „Nein! " erwiederte unwillig derKöyig. „Der Elende, welcher sich Bart und Haare wachsen ließ, weil er nicht ohne Grausen die Schärfe eines fremden Messers um seine Kehle spielen lassen konnte, war anit der Welt und seiner eigenen Ehre entzweit. Ich weiß gar wohl, Mikon, es gibt kein liebenswürdiges Volk; auch liebe ich das meinige nicht, als nur, insofern es nothwcndig zu meiner Größe vorhanden sein muß, wie der Strauch mit Stamm und' Wurzel und Zweigen für seine Frucht da ist. Aber sich selbst kann man liebenswürdig machen, wenn man klug genug ist, nichts anderes, als die Frucht und die Ehre des Volks sein zu wollen. Ich bin das!" 206 „Mögcn die'Götter deine ruhmvolle» Tage, o König, noch mit vielen Jahren neuen Glanzes vermehren," sagte der Bildhauer. „Ich zweifle, daß die Götter dir den Gefallen thun. Mein Leben neigt sich zum Ende. Gleichviel. Mein ganzes Dasein war ein zwcinndsiebenzlgjähriges Possenspicl, das mich zuweilen ergötzte, noch öfter langweilte. Ich handhabte Völkerschaften, wie du den Marmor, bald mit harten Mcißelschlägcn, bald sanft glättend. Was haben wir endlich von nnserm Treiben? Deine Bildsäulen und meine Schöpfungen werden zum Raub der Zeit. — Möchtest du ewig unter deinen todtcn Bildsäulen leben, statt unter deines Gleichen? Gewiß nicht. Eben so ekelt mich das Menschengeschlecht an; denn es ist ein feiges, gemeines, schwaches Gemilcht, bissig und schüchtern und zähmbar, wie ein Thier. Es ist nicht meines Gleichen. In allem Ernst, Mikon, die Götter hätten mir mehr Glück verliehe», wenn es ihnen gefallen haben würde, mir weniger Verstand zu geben, daß ich mit Andern hätte träumen und mich täuschen können. Sieh', ich habe Alles gewonnen, um endlich Alles zu verachten. Das Ziel war des vergossenen Schweißes nicht Werth." „O König," sprach Miko», „dir kann keine Welt mehr genug thun, denn du hast dich selbst verloren!" AgathokleS sank bei diesen Worten in Nachdenken. Nach langem Schweigen sagte er: „ Es freut mich, mit dir nach einem Umweg von fünfzig Jahren wieder zusammen zu treffen. Mir ist wohl bei dir. Ich lebe wieder rückwärts in die Kinderjahre hinab. Ich werde dich von Zeit zu Zeit in deiner Einsamkeit besuchen. Da plaudern wir zwanglos. Ich bin dir die Geschichte meines Lebens schuldig. Du sollst sie hören." Sic verließen den Erker. AgathokleS bcwirthetc seinen Jugendfreund mit königlicher Pracht. Als sie am Tisch saßen mit allen Großen von Syrakus und den Gesandten auswärtiger Fürsten und 207 Freistaaten, hob AgathokleS einen großen goldenen Becher empor und sagte: „Ich habe mein Töpferhandwerk nicht aufgegeben, bis ich die Kunst lernte, ein Gefäß solcher Art zu bilden! Und doch ist Alles Schcrbenwerk, eins wie das andere!" Der Fürst von Syrakus legte während des Schmauses alles Gepränge ab. Nichts erinnerte, daß er der König sei. Mit lustigen Schwänken und Neckereien belebte er die Gesellschaft zur Freude und Frelmüthigkelt. Er schien sich recht darnach zu sehnen, seines Gleichen um sich haben zu können. Ein lautes Gelächter rauschte gewöhnlich von allen Anwesenden seinen witzigen Einfällen nach; aber auch die Trunkenen blieben nüchtern genug, ihn selbst in seinen Scherzen zu vergöttern. „Sieh', Miko»," sprach AgathokleS zum Bildhauer, als dieser Abends von ihm schied, „du hast mir dein Glück, ich habe dir mein glänzendes Unglück gezeigt. Du bist reicher, als Agatho- klcS, vielleicht warst dn weiser, als er. Ich sehne mich nach dem Genuß deines Umgangs." Wenige Tage nach diesem kam der Fürst von SyraknS, nur von einem einzigen Diener begleitet, znm Bildhauer. Es war zwischen den wieder vereinten Jugendfreunden ferner kein Unterschied des Standes. AgathokleS wiederholte von Zeit zu Zeit die Besuche. Er entstahl sich gern seinen Arbeite» und Sorgen, um in MikvnS Gesellschaft ganz frei und er selbst sein zu können. „Ich gleiche auf der Burg von Syrakus, an der Spitze des Heeres, in den Versammlungen des Volks einem Schauspieler," sagte er oft, „und mehr oder weniger muß dies jeder König sei»; um so erquickender ist'S, wenn ich die lästige MaSkc auf Augenblicke oblegen darf." Die Greise wandelten gern einsam mit einander. Ihre Unter- Haltungen waren ernste» und hohen Inhalts, wie ihrem Alter und ihren Erfahrungen geziemte, Mikons weise Reden erhoben das «st niedergesunkene Gemüth des Fürsten, Auch soll Agathvkles hier den Entschluß gefaßt haben, seine königliche Würde abzulegen, sie seinem Sohne zu übergeben, und die letzten Tage des Lebens 4n Einsamkeit und Betrachtung hinzubringen. Doch daS Schicksal hat seine Wünsche nicht erfüllt. Als sie eines Tages bei einander in einer kühlen Grotte des ThaleS saßen — sie war aufs zierlichste gewölbt, die Wand mit schimmernden Muschelschalen, der Boden mit Marmor belegt und mit jeder kleinen Bequemlichkeit ausgestattet, welche dem Alter wohlthut — mahnte Mikon den König an die Geschichte seines Lebens. AgathokleS sagte! „Sie wird dich nicht minder verdrießen, als mich selbst, wenn gleich aus ganz entgegengesetzten Ursachen. Denn du liebst die Menschen, wie ich sie im Ganzen verachte; du kennst sie zu wenig, ich zu viel; du lebst mehr im Innern deines frommen GemütheS, ich außer mir im Schaffen und Kämpfen; du liebst in alle» Sterblichen deine Tugend und Güte, nicht die Sterblichen selbst; ich verachte sie aber, weil sie mir keine Ehrfurcht einflößte», und mich nicht finden ließen, was ich mit brennender Begier suchte. „Mein Vater KarkinoS, der aus Nhegium verbannt worden, hatte zu Thcrmä hier in Sizilien meine Mutter gesunden. Ich war die Frucht ihrer Liebe. Der erste Augenblick meines Lebens war zugleich Entweihung alles Heiligsten in der Natur. Mein Vater wollte mir das kaum gewonnene Leben rauben, mir «»bekannt, aus welchen Ursachen. Man hat mir gesagt, wegen einiger schweren Träume, die seine Einbildungskraft beunruhigten. Daß er einigen Karthagern, die nach Delphi reisen wollten, den Auftrag gegeben, das Orakel über mich zu erforschen; daß dieses verkündet habe, ich würde dereinst großes Elend über Karthago bringen — ist ein Mährchen, dergleichen das wundersüchtige Volk gern erfindet, um sich daran zu ergötzen, wie es sich Götter aus Stein und Holz schneidet, um sie anzubeten. — Doch Mutterliebe vereitelte des Vaters Thorheit. Die Mutter stahl mich des Nachts hinweg, wo ich ausgesetzt war, übergab mich ihrem Bruder HeraklidcS und nannte mich, nach ihres eigenen Vaters Namen, AgathokleS. „Ich mochte ungefähr sieben oder acht Jahre alt sein, kam mein Vater zu HeraklideS, welcher ihn zu einem Opfer eingeladen hatte. KarkinoS sah mich, gewann mich lieb, und erfuhr nun erst von meiner Mutter, daß ich sein eigener Sohn wäre. Erstaunt und freudig schloß er mich mit väterlicher Zärtlichkeit in seine Arme, ließ mich auch nicht wieder von sich. Wir zogen mit einander nach Syrakus, ,wo er leichter Mittel fand, durch Arbeit seiner Hände sich, meine Mutter und meinen Bruder Antandcr zu nähren. Er war ein armer Mann. Als Timoleon zu dieser Zeit Allen, die es wünschten, das syrakusische Bürgerrecht gab, ließ KarkinoS sowohl sich, als mich, in das Bürgervcrzcichniß cinschreiben. Sobald ich fähig war, ein Handwerk zu lernen, that er mich zu einem Töpfer in die Lehre. Er hatte mich so lieb, daß er schlechterdings wollte, ich müsse nach ihm KarkinoS heißen. Dort in der kothigen Werkstätte unsers Meisters lernten wir uns kennen, Mikon. Daß du einst ein von den Griechen selbst bewunderter Bildhauer, ich Herr von Syrakus und dem größten Theil Siziliens werden sollte, ahncten wir beide nicht, als wir, bei deiner Abreise nach Korinth, einander weinend das Lebewohl wünschten. „Da du mir fehltest, fehlte mir Alles. Mein Vater starb. Ich war schon im Begriff, mein geringes Erbe zu verkaufen, und dich wieder in Griechenland aufzusuchen, als ein Zufall alles änderte. „Ich stand eines Tages im Tempel, nm den Opfernden zuzn- schauen. Damas, einer der reichsten und angesehensten Bürger von Zsch. No». VII. 7' — 210 — Syrakus, ging an mir vorüber, beobachtete mich lange seitwärts, und sagte zu seinem Begleiter: „Sich den Jüngling, wie er so schön ist." — Meine Eitelkeit fand sich nicht wenig geschmeichelt. Ich ging gerne wieder zum Tempel, so oft es die Arbeit des Meisters gestattete, um mich bewundern zu lassen. Auch DamaS fehlte nicht. Er fragte um meinen Namen und Stand. Ich nannte mich wieder, nach des Vaters Tode, AgathoklcS, aus Liebe zu meiner Mutter. Damas nahm mich in sein Haus, kleidete mich neu, ließ mir in allen nützlichen Wissenschaften Unterricht geben, und in kurzer Zeit ward ich sein Liebling, ohne welchen er nicht leben mochte. Er überhäufte mich mit Geschenken, zog auch meinen Bruder An- tander aus der Dürftigkeit hervor, und seine verschwenderische Freigebigkeit hatte so wenig Grenzen, als seine Liebe. Da ihn SyrakuS zum Feldherrn gegen die Agrigenter wählte, und einer der Obersten im Heere gestorben war, ernannte er mich an dessen Stelle über einen Schlachthaufen von tausend Mann. „Die Freiheit Siziliens, der Ruhm von Syrakus war von nun an dal Losungswort meiner Seele. Schon als Knabe habe ich Thränen des Entzückens geweint, da der Held Timoleon den Gewaltherrn Dionys und seinen freiheitSmörderischcn Anhang vernichtete. Ich fühlte es, die Welt sei nicht geschaffen, daS Spiel einzelner Günstlinge des Glücks zu sein, und die Volker wären nicht vorhanden, um todte Werkzeuge einiger Schlauköpfc und Tyrannen zu werden. Dafür wollte ich mein Heil und Leben fröhlich wagen. „Dafür hatte ich mich zum Krieger gebildet, immerdar die schwersten Waffen getragen, um der Stärkste zu werden; auf dem Erdboden unter freiem Himmel geschlafen, und mein weiches Bett im Palast des Damas verachtet. Meine Waffengenossen hielten mich darum hoch, und sprach ich zum Volk, redete Keiner zuversichtlicher, Keiner kühner, als ich, weil Keiner von dem, was er für wahr und recht hielt, überzeugter und begeisterter war, als ich. 211 „Wie DamaS starb, und seine junge Gemahlin, die einzige Erbin seines Ungeheuern NeichthumS, mich liebte, vermählte ich mich mit ihr. Ich ward einer der reichsten Männer von Syrakus, den ersten Geschlechtern der Stadt verwandt. Es waren mir die großen Mittel willkommen für mein großes Ziel. Denn ich hatte nicht wider die Dürftigen zu kämpfen, sondern Wider die Mächtigen, daß sie nicht die Freiheit verschlängen. „Keiner war für Syrakus gefährlicher, als der Oberfeldherr SosistratoS. Dieser Mann, der nur Gewalt und Herrschaft für Ehre hielt, war in sich selbst der ehrloseste Mensch. In Kriegen hatte er sich auf die abscheulichste Art Geldsummen zusammengestoh- len. Grundsätze besaß er nicht. Zhm waren Schuld und Unschuld gleichgültig. Nur wollte er gewinnen, er überall voranstchen, er überall gelten. Wegen seines Stolzes prunkte er mit Demuth; wegen seines unersättlichen Eigennutzes war der Name Vaterland immer das dritte Wort seiner Reden; weil er keinen Gott glaubte, opferte er in allen Tempeln. „Ich diente unter seinem Befehl gegen die Stadt Krotona. Die Furchtbarkeit dieses Mannes verbarg sich mir nicht. Ich warnte meine Freunde. Zch sprach: dieser SosistratoS wird einen neuen Timoleon »öthigmachen. EraberbewieSfichmirallezeithold; freundlicher denn Andern. Zmmer, wenn er mich sprach, war er ein gütiger Lächler, ein ewiger Händedrückcr; immer wußte er mir etwas Verbindliches zu sagen. Er suchte meine Schwächen, um mich durch sie zu unterjochen. Aber Ehre, Freiheit, Vaterland — das lag in meiner Brust; kein anderes Gefühl. Meine jugendliche Schwärmerei für das Heiligste, mein Streben, den großen Vorbildern des griechischen AlterthumS ähnlich zu werden, vereitelte seine Kunst. „Zuletzt — ich weiß nicht, was ihm so unkluges Vertrauen ein- siößte? — ließ er mich Heller in seine Entwürfe sehen. Er wollte mich zn seinem Gehülfen wählen; dabei nannte er nie sich, sondern 212 Ehre, Freiheit, Vaterland. Wenn er am ränkevollsten war, sprach er am gutmüthigstcn; wenn er Verbrechen brütete im Herzen, ath- mete er am meisten Tugend. Da wandte ich mich voll Unwillens von ihm. Er bereute seine Voreiligkeit, änderte seinen Gang und ließ mich seinen Haß fühlen. Was ich Großes oder Rühmliches that, wußte er zu verkleinern; Belohnungen, die mir das Volk zudachte, wußte er zu vereiteln. Dazu half ihm der kleinliche Neid meiner Waffengefährtcn. Denn wo es darauf ankömmt, ein Verdienst nie- dcrzureißen, find hundert Hände bereit; einem Verdienste Gerechtigkeit zu gewähren, sind alle faul. Das ist der Kunstgriff der Tyrannei, die Selbstsucht jedes Einzelnen gegen Einzelne zu bewaffnen, damit in Hader Aller sich Alle aufreibcn, bis die Elenden froh sind, von einem Einzigen endlich das Gnadenbrot» zu genießen. „Nun scheute ich mich nicht länger, in offenen Kampf zu treten. Die Freiheit von Syrakus stand in Gefahr. SosistratoS hatte sich Feldherren und Gemeine gewonnen, ihnen die bürgerliche Obrigkeit der Vaterstadt verächtlich gemacht. Sein Wort galt mehr, als dar Gesetz des Landes. „Es ziemt tapfer« Männern nicht, zu vollziehen, was die daheim gebliebenen Feigen mit Rath ihrer Weiber beschließen. Ist es nicht albern, daß wir für die wunderlichen Einfälle derer bluten sollen, die nie einem Feinde das Weiße im Auge zeigten?" So sprach man. Da machte ich mich auf. Da zeigte ich meinen Mitbrüdern das Ziel des SosistratoS und seinen Schlangen- wcg. Ich klagte ihn öffentlich vor dem Volke an, daß er umgehe, sich der obersten Gewalt zu bemächtigen. Manche standen auf. Manche redeten wie ich. Der Verräthcr sah sich verrathen. „Umsonst. SosistratoS hatte schon lange vor mir einem um den ander» die Haüd gedrückt, und im Namen des Vaterlandes beschworen, meine Schritte sorgfältig zu belauern; denn ich triebe stille Meuterei; ich würbe, und trachte nach Oberbefehl des Heeres, um Herr der Stadt zu werden. Nun ich redete, glaubte das Volk, nicht 213 daß ich cs retten, sondern den Anfang zu seiner Unterjochung machen wollte. Ich ward verlacht, beschimpft, ausgestoßen, vertrieben, geächtet; jeder so, der geredet hatte, wie ich. Mit Noth retteten wir unser Lebe» in die bruttischen Berge. „Nach wenigen Wochen ward SosistratoS der Alleingewaltige von Syrakus; und der Pöbel, der mich verfolgt hatte, weil er gefürchtet, ich strebe nach Tyrannei, kroch nun demuthsvoll zu den Füßen seines Herrn, vergötterte ihn, und fluchte mir, daß ich es einst gewagt, gegen die Plane des SosistratoS zu reden. „Mikon, damals weinte ich Thränen der Wuth, und ich verachtete ein Geschlecht, welches keines andern Looses fähig sein wollte. Dennoch siegte der Glaube wieder an das Bessere im menschlichen Herzen ob. Ich nannte, was in SyraknS geschah, nur Verwirrung, Furcht der Ueberraschung, des Schreckens. Zch beschloß, der Ti- moleon meines Vaterlandes zu werden, in welchem SosistratoS seinen Herrscherstuhl schlau genug damit befestigte, daß er aus sechshundert der reichsten Bürger einen selbstherrlichen gewaltigen, hohen Rath bildete, erblich in Ehren, Aemtern, Würden und Macht. „Aus Armuth trat ich eine Zeit lang in Tarent, als Söldner, in Dienst. Bald darauf zog ich alle LandeSverwiesene aus Italien an mich; daraus machte ich eine verzweifelte Kriegsschaar. Wo Soststrotos Krieg führte, stand ich mit meinen Tapfer» an der Spitze seiner Feinde. Mit seinem Glück im Felde aber wankte auch die Anhänglichkeit des Volks. Er ward geschlagen. Da ließ ihn das Heer im Stich; da verriethen ihn seine Freunde; da trieben die Syrakuser seine sechshundert Geschöpfe aus der Stadt, und die Freiheit ward wieder anSgcrufcn. Auch ich, sammt allen von SosistratoS Verbannten, kam wieder ins Vaterland zurück. „ Ich kam mit Entzücken. Denn noch erquickte mich, zu glauben, edler Geist der Freiheit, unzerstörbares Gefühl des Rechts habe sein Volk begeistert. Ach, ich bemerkte meine Täuschung nur zu 2l4 bald. Nein, mit eben der Niederträchtigkeit war SosistratoS vertriebe» und gestürzt, wie man ihn vorher gehoben und vergöttert hatte. Daß er nicht glücklich gewesen, das war sein Verbrechen geworden. Aus Feigheit hatten ihn seine Getreuesten verlassen und vcrrathen. Bloß in Hoffnung, die Stelle der Gestürzten zu erklettern, hatten Andere gegen ihn geschrien. Man verwünschte das Andenken SosistratoS, verkleinerte selbst seine Thatcn, schilderte ihn scheußlicher, als er war, ohne zu empfinden, daß das Volk damit zugleich seinen eigenen Ruhm verdunkle. „Dennoch hielt ich Ostbetrogener noch fest an meinem Glauben. Zwar mußte ich mir selbst gestehen, die Mehrheit dieses Volkes sei weder fähig noch Werth, sich selbst zu beherrschen. Doch aber zählte ich auf die kleine Zahl der Edel». Durch freiere, zweckmäßige Verfassung, dachte ich, werde die Menge zur Freiheit erzogen werden können. Zn Fesseln wird der Sklav nie Höchst»» und GemüthS- kraft lernen. „SosistratoS mit den Vertriebenen bereitete uns indessen Krieg auf Tod und Leben. Karthago, welches immer nach dem Besitz Siziliens dürstete, war sogleich bereit, ihm Beistand von Afrika her zu geben. Anstrengung und Noth, dachte ich, entwickelt Kraft. Ein Volk, welches für eine Freiheit kämpft, die ihm noch gleichgültig ist, wird endlich das lieb gewinnen, wofür es sein bestes Blut geopfert Hai. Mich freute dieser Krieg. Ich diente in demselben bald als Befehlshaber, bald als Gemeiner. Nicht die Stelle, sondern der Mensch soll im Freistaat gelten; der geringste Bürger achtbar sein, wie der vornehmste. Der Mann muß sein Amt verherrlichen, nicht das Amt den Mann. „Mein Gedanke war nur der Tod des Tyrannen. Ich sehnte mich, ein zweiter Timolcon zu werden. Süß schien mir's, für Freiheit und Rettung Syrakusens sterben zu können. SosistratoS war nach Sizilien gekommen. Mit karthagischen Hilfsvölkern lagerte 2l6 florideS. „Habt ihr dafür die Kosten des Krieges so lange, so heldenmüthig getragen," rief ich, „habt ihr dafür die tapfersten eurer Söhne in Kampf und Tod hinausgeschickt, und die Bewunderung Italiens und Griechenlands gewonnen, um endlich euern unversöhnlichen Feinden, den stolzen Karthagern, aus euern blutig erworbenen Siegeskränzen eine Triumphkrone zu flechten, und den alten Herrn in Demuth aus ihren Händen wieder aufzunehmcn; ihn, den ihr einst im Gefühl eures Werthes ausstießet? Pfui der Schande! Wer möchte, könntet ihr so tief sticken, in der Welt ein Syrakuser heißen? „Es ging mir, lieber Mikon, wie jedem hochstnnigen Fcuer- kopf, der die Leute behandelt, nicht wie sie find, sondern wie sie sein sollten. Was that ich Thor? Ich sprach zu den Todten, die mich nicht mehr verstanden, und beleidigte die Lebenden. Akestori- des und alle Großen hörten in meinem Lobe der Tugend, des Mnthcs, der Freiheit nur Anklagen ihrer eigenen Schande, ihrer Feigheit, ihres knechtischen Herzens. Ich ward als Ruhestörer gescholten, als Parteimann. Es ward Rede, mich hinrichten zu lassen. Doch fürchtete Akestorides, ich möchte noch Freunde im Volk und unter den Kriegern haben. Darum befahl er mir, die Stadt zu verlassen. Ich gehorchte. Aber dem Heimtückischen traute ich nicht. Einem meiner Diener übergab ich mein Roß, meine Kleider, meine Waffen; ich dagegen legte die seinigen an. So entrann ich auf unwegsamen Pfaden ins Gebirg. Folgendes Tages hörte ich, der Diener, welcher meine Gestalt angenommen, sei meuchelmördcrisch in der Nacht umgebracht worden. Bald nachher, Syrakus habe de» Sofistratos wieder ausgenommen, und von dem herrschsüchtigcn Karthago ehrlosen Frieden empfangen. „Diese Botschaften zerrissen das alte Blendwerk meiner Urbilder von Mcnschenwerih, Volkstngend und Freiheit. Viele Jahre hatte ich verschwendet, viele Wunde» dafür getragen. Ich genas von meinem Rausche. „In zerrissenen Kleider», auSgestoßen und verlassen lag ich, einem Bettler gleich, am Fuße des Aetna und überdachte mein Schicksal und die Schande von Syrakus. War ich nicht der Thor, der sich In die Schöne seines Traumes verliebt hatte? Wofür hatte ich gelebt und gerungen und geduldet? — Zu meinen Füßen kroch ein Käfer am Felsen. Ein kleiner Vogel hüpfte vom Zweig nieder und verzehrte den Käfer. Indem er fröhlich zwitscherte, schoß ein Raubvogel aus der Höhe herab und zerriß Hu meinen Füßen den Mörder des Käsers. „Das ist's, was die Natur will! rief ich: kein Gleichgewicht sondern ein Kämpfen der Kräfte; die stärkste soll herrschen! „Ich sprang auf. Ach, die Entsagung meiner jugendlichen Hoffnungen kostete mir einen schweren inner» Streit. Doch beschlossen war'S, mich nicht länger selbst zu täuschen. Ich verachtete das Menschengeschlecht, welches nicht reif ist zur Höhe seiner Würde. Es will gemeistert, es will erzogen sein; cs ist keiner Freiheit und keiner Ehrfurcht für diesen großen Gedanken fähig. So seid denn Knechte, wenn ihr Knechtschaft wollet; ich aber kann nicht euer Mitsklav, ich will frei sein. Und nur wer herrscht, ist der Freie bei euch. So will ich Schlachtordnung und Zweck ändern. AgathokleS soll euer Herr werden, weil ihr ihn nicht zum Mitbürger verlangt. Das Spiel, welches mir so viel Schmerzen machte, soll anfangen, mich zu belustigen. Versuchen wir'S, wer von uns der Stärkste ist, ob AgathokleS oder das vielköpfige Syrakus mit seinem SofistratoS? „ So dachte ich. Nun sammelte ich alle Vertriebenen von Syrakus, alte, die vor SofistratoS fiohen, im Innern von Sizilien um mich, und machte Syrakusern wie Karthagern den Krieg. DaS Glück trat zu mir. Balv war mein Heer gewaltiger, als das Heer 218 der Stadt; bald brachte ich die sizilischen Städte, welche den Karthagern gehörten, oder selbstständig sein wollte», unter meinen Befehl, oder in meinen Bund. Kaum bemerkten die Syrakuscr mein Glück, kaum die Karthager den Schaden, welchen ich ihren Besitzungen stiftete, als man mit mir unterhandelte. SosistratoS, weil er nicht siegen konnte, mußte aus Furcht vor seinem treulosen Volke die Stadt meiden; ich aber ward hineingcrufen. Die Bürgerschaft führte mich sogleich in den Tempel der Ceres. Da mußte ich schwören, nie etwas wider die Majestät des selbstherrlichen Volkes zu unternehmen. „Ich schwor, die Gleichheit der Rechte aller Bürger zu handhaben; aber schwor, wie man eine Unmöglichkeit beschwört. Ein Freistaat kann nur in Wahrheit bestehen, so lange un.ter allen Bürgern der Wohlstand nicht allzunngleich ist. In dem Augenblick, da der Neichthum in den Händen weniger Einwohner, und die Mehrheit des Volkes arm ist, trachten jene, zu ihrer Sicherheit gegen den Pöbel, nach Gewalt; und der Pöbel wird zu Allem um Geld feil. Dann schwankt das Ansehen der Gesetze, und die Ausübung der Macht fällt heut denen zu, die bestechen können; morgen denen, die nichts haben und mit mehrern Kehlen lärmen. So stand es in Syrakus. Die ganze Stadt fand sich in Parteien zerrissen. Ich schmeichelte allen, hielt zu keiner. Dadurch gewann ich das Ansehen des Unparteiischen. Jede Verbindung warb um mich, daß ich sie vergrößere, ihr Werkzeug werde. Ich gab Hoffnung, dafür zahlte man Vertrauen. Man ernannte mich einmüthig zum Feldherrn der Stadt und zum Beschützer des Friedens. „Nicht das Geld der Reichen konnte mir nützen, aber die Menge der Unbegüterten. Ich machte mich zum Manne des großen Haufens, dadurch gewann ich die stärkste Partei zu meinem Golde. Nun ward ich von den Neichen gehaßt; aber ich fürchtete sie nicht — 2lg — mehr. Sie trachteten mir nach dem Leben. Ich beschloß, mit einem Gewaltstreich die Mächtigen zu zerschmettern. „Der Aufruhr des Städtchens Erbita ward mir willkommener Borwand, ein Heer zu versammeln. Ich rief dazu die ärmsten Bürger; jeden, der nichts zu verlieren hatte; Leute aus benachbarten Orten, die mit der bisherigen Herrschaft von Syrakus unzufriedengewesenwaren; Menschen, die mit dem bisherigen Nath der Sechshundert unzufrieden, oder als geplagte Schuldner der Vornehmen lebten, und sich unter jeder Bedingung gern vom Bezahlen der Schulden frei gemacht hätten. „Als zur Ausführung meines Entwurfes Alles bereit war, zögerte ich keine Stunde länger. Bei Timoleons Grabmal befahl ich, Versammlung meines Kriegsvolks mit Tagesanbruch zu halten. Bei Timoleons Grabmal! O wie glühte ich sonst im Entzücken beim Namen dieses Freiheitshelden! Ich war Schwärmer gewesen, wie er, für ein Bild, das sich nie verwirklichen läßt. Timoleon hatte den Dionys gestürzt, und doch nur andern Tyrannen zur Nachfolge Bahn gebrochen. Ich war meinen Jrrthümern eine Genugthuung, meinen vieljährigen Mühen und Leiden ein VersöhnungSopfcr schuldig. Darum, über Timoleons Asche, und nirgends anders, sollte der Grund zu meiner Alleinherrschaft in Sizilien gelegt werden. „Das Heer stand in der Morgendämmerung versammelt. Auch die Oberhäupter von der Partei des hohen RatheS, DekleS und Pisarchos, hatte ich eingeladen, als hätte ich mit ihnen Abreden zu nehmen. Sie kamen, begleitet von vierzig ihrer wohlbewaffneten Anhänger. Desto besser! Ihre Begleitung gab mir Stoff zur Klage. Und ich klagte sie an, daß sie mir nach dem Leben trachtete». Meine Krieger geriethen in Wuth. Ich besänftigte sie. Meine Klage scholl lauter. Ich richtete sie gegen den hohen Rath der Sechshundert, der mich Haffe, weil ich das Volk gegen ihre Ge- waltthaten schütze; mich Haffe, weil in ihre» Augen Liebe des Volks 221 Bürgers zurück. Ich will Euresgleichen bleiben!" Mit diesen Worten legte ich mein Feldherrnkleid ab, warf den Mantel um, und wollte mich entfernen. „Erst herrschte die dumpfe Stille des Erstaunens, dann — ich sah es voraus — erhob sich lautes Geschrei, ich dürfe sie nicht verlassen. Ich müsse ihr Feldherr bleiben. Je länger ich mich weigerte, je höher stieg die Angst aller, die an Mord und Beraubung der Wohlhabenden Thcil genommen hatten. Sic zitterten vor Umschwung der Dinge, vor dem Tag der Rache. „Warum wollet ihr mich," sprach ich, „ aus Dankbarkeit zum Opfer wählen? Muß ich nicht, aus herkömmlicher Ordnung, die Feldhcrrnwürde mit einem Andern thcilen? Bin ich nicht laut Gesetz für die Fehler eines AmtSgenoffcn verantwortlich? Wird man nicht gern Gelegenheit suchen, was ein Anderer sündigt, schwer an mir zu rächen? Nimmermehr gebe ich mich in diese Gefahr." — Da erhob alles Volk die Stimme, übertrug mir die Feldhcrrnwürde einzig und mit unbeschränkter Gewalt. — So wollte ich'S. So sollte es kommen. Nun gab ich den Bittenden nach; zugleich erklärte ich, als erster Gebrauch meiner Gewalt: alle Schulden sollten aufgehoben, und den Armen Ländereien geschenkt werden. Denn bei allzugroßer Ungleichheit des Vermögens könne keine Freiheit des Volks bestehen, und nur diese fest zu begründen, sei meines Lebens große Aufgabe. Alles jauchzte Beifall. Die blinde Menge lief frohlockend in mein Garn. Denn bei Vertheilung der Ländereien und Aufhebung der Schulde» fand in Zukunft das Volk keine Sicherheit des Besitzes, als in Aufrechthaltung meiner Gewalt. Und wie diese Maßregel von der einen Seite die Mittel der Neichen schwächte, die Noth des großen Haufens minderte, um so sicherer war ich vor Gewalt, und Ncbenbuhlerei der Vornehme», wie vor Bestechlichkeit, Verzweiflung und Ausruhrlust des Pöbels. „In der That fesselte ich damit Syrakus unauflöslich. Nun 222 stellte ich die öffentliche Ordnung her, und ließ die Wohlthat der Alleinherrschaft neben dem Scheine der Freiheit fühlen. Jeder hatte freien Zutritt zu mir. Ich trug kein Diadem, hielt keine Leibwache. Das ganze Volk war durch seine Stellung gcnöthigt, mein Leben, wie meine Herrschaft zu bewachen. Daß ich keine Furcht zeigte, flößte Andern Furcht ein. Selbst die, welche mich anfangs Haffen mochten, empfanden den Vorzug des festen, ruhigen Zustandes von Syrakus vor jenem schwankenden Dasein in vergangenen Tagen. Die öffentliche Achtung und Dankbarkeit verwischte bald das Andenken der Zeit, da ich meine Herrschaft gründete. Ich allein war frei, daS Volk untcrthan; so waren wir beide, was wir sein sollten und mußten und daher zufrieden. „Nun trieb ich meine Versuche weiter. Sobald ich die Einkünfte des Staats auf unlästigc Weise geordnet, Waffen undKricgS- bedürfniffe herbeigeschafft hatte in Menge, die Zahl der vorhandenen Galeeren vermehrt sah, unterwarf ich mir die meisten Städte Siziliens, die entweder einmal zu Syrakus gehört hatten, oder mir in ihrer Unabhängigkeit gefährlich schienen." „Nun habe ich dir, Mikon, den wichtigere Theil von der Geschichte meines Lebens erzählt. Denn wahrlich wird es dich wenig reizen, von meinen Belagerungen, Schlachten, abwechselnden Niederlagen und Stegen zu hören. Die Erinnerung daran kan» mich weder erfreuen, noch betrüben. Es wird nicht an Geschichtschreibern fehlen, welche die Nachwelt von meinen Thaten unterhalten, und meine kriegerischen Unternehmungen beschreiben werden. Der große Haufen liebt dergleichen. Dem Pöbel ist ein Feldherr, welcher weite Länder verheert, merkwürdiger, als ein Gesetzgeber, der ein Volk aus dem Schlamm erhebt, oder ein Erfinder, welcher durch seine Arbeiten die Summe des Lebensglückes vermehrt, oder ein 223 Weiser, der die Geheimnisse der Natur entschleiert und die Näthsel unscrs Geistes löset. Eben dies beurkundet im Allgemeine» die Verächtlichkeit der Menschen, ihre thierische Versunkenheit, und lehrt, wie sie behandelt sein müsse». Ich gestehe, daß mich nicht Ehrgeiz, nicht Herrschsucht in den ewigen Kriegen lockten; denn was liegt mir am Lobe derer, die ich selbst verachte? Sondern Langeweile in mir selbst, eine unüberwindliche Lust zur Beschäftigung der in mir wohnenden Kräfte, auch Neugier, wie weit ich'S treiben könne und was die Frucht eines Wagstücks sein werde, führten mich von einer Unternehmung zur andern. Ich schätze meine gefährlichsten Feinde, die Karthager, bei weitem höher, als meine erbärmlichen Freunde und Bundesgenosse», die im Staube kriechen, und stch jedem meiner Einfälle dcmnthSvoll unterziehen. Denn die Karthager mit ihrer Macht, mit ihrer folgerechten Beharrlichkeit, mit ihrer Klugheit gaben mir doch etwas, meine Kraft zu üben; waren doch im Stande, mir den Genuß von Hoffnungen oder Furcht, von Freude oder Schrecken zu verschaffe» oder große Leidenschaften in Bewegung zu setzen, ohne welche meine Seele dem stehenden Wasser eines faulen Sumpfes gleich geworden wäre. „ Lange und mit wechselndem Glücke machten mir die Karthager die Oberherrschaft in Sizilien streitig. Als ich in dieser gesichert stand, was blieb mir zu ihn» übrig. Ich entwarf den Plan, jenseits des Meeres die stolze Beherrscherin des Ozeans selbst anzn- greifcn. Ein Wagstück! Um so anziehender für mich. Die karthagischen Flotten hielten Sizilien umlagert, selbst den Hafen von ShraknS gesperrt. Wie nun, ohne Kriegsschiffe, ohne geübte Ruderer, die vortrefflichsten Seeleute der Welt verhindern, daß sie mir eine Landung in Afrika unmöglich machten? Wie meine Syraknscr zu dem Schritt bewegen, jenseits des Weltmeers zu kämpfen?- Die Aufgabe war reizend. Und wenn ich dir erzähle, wie ich sie gclösct habe, so beweise ich dir schon damit, wie man Menschen zu Allein treiben kann, wenn man ihre Schwächen zu fassen versteht. Mit dem Gebiß und Zaum bändigt und zähmt man das wildeste Roß; mit Benutzung der gemeinsten Leidenschaften, der herrschenden Boruriheile und abergläubigen Vorstellungen führt man die halsstarrigen Völker, wohin man will, gleich Bestien am Nafenring. „Sobald ich zur Landung in Afrika Alles vorbereitet hatte — doch Niemand, außer mir selbst, wußte von dem Vorhaben — bestellte ich meinen Bruder Antander zum Befehlshaber in der Stadt, gab ihm hinreichende Besatzung und wählte den Kern des Kriegsvolks zu dem großen Abenteuer aus. Das Fußvolk ließ ich in aller Stille einschiffcn mit seinen Waffen; die Reiterei desgleichen, doch ohne Pferde, aber mit dem nöthigen Reitzeug. Pferde wollte ich mir erst in Afrika erobern. Um in meiner Abwesenheit der Treue von Syrakus gewisser zu sein, nahm ich von jeder Familie Söhne und Brüder ins Heer auf. Aus Liebe und Furcht für diese konnten die Zurückblcibenden nichts Gefährliches gegen mich an- zetteln. „Mit sechSzig Frachtschiffen erwartete ich einen bequemen Augenblick zur Abfahrt. Die Karthager sperrten mit überlegener Seemacht die Mündung des Hafens. Es verfloß mancher Tag. Endlich, da einige Lastschiffe in der Ferne auf dem Meer erschienen, die mit Lebensmitteln nach Syrakus segeln wollten, machten sich die Karthager auf, jene zu sangen. Sobald die Ausfahrt nur eine Stunde lang offen war, schiffte ich mit der größten Anstrengung der Ruderer in die weite Sec hinaus. Da die Feinde meine ganze Flotte erblickten, glaubten sie, ich wollte den Kauffahrteischiffen bcistehen, und rüsteten sich zum Treffen. Ich freute mich ihrer Täuschung, und segelte an ihnen vorbei. Sie setzten mir zu spät nach. Die Lastschiffe, von ihnen befreit, fuhren ungehemmt nach Syrakus. 225 „Nach einer Fahrt von sechs Tagen nnd Nächten sahen wir »üt dem Morgenroth vor uns die Küste von Afrika, aber noch hinter uns die ganze karthagische Flotte. Noch wußte auf meinen Schiffen Niemand, wohin ich eigentlich wollte. Viele vermutheten, meine Absicht sei nach Italien, und ich mache Umwege, um die Feinde zu täuschen. Jetzt rief ich und zeigte auf die Küste: „Dort, ihr Syraknser, ist unser Ziel und das Ende unserer Fahrt!" Der Feind, in der Hoffnung unsere ganze Seemacht zu erobern, verdoppelte seine Anstrengung uns zu erreichen. Die Syraknser aber ruderten mit Kräften, das Land zu gewinnen, um dem Tod im Meer oder der Sklaverei zu entfliehen. Ein Ruderer schrie dem andern zu. So, wetteifernd beide Flotten, kamen wir ans Ufer. Die Karthager, da sie uns geborgen und an Kriegsvolk überlegen sahen, kehrten zurück und legten sich in einiger Entfernung vor Anker. Ich aber ließ Alles ausschiffen, die Schiffe ans Gestade ziehen, und das Lager mit einem Wall umgeben. „Damit Verzweiflung bewirke, was Begeisterung nicht vermöge, brachte ich den Göttinnen Ceres und Proserpina ein Opfer; dann ward das Heer versammelt. Im Priestcrgcwande und einen Kranz auf dem Haupt, trat ich in den horchenden Kreis. „Syraknser!" sprach ich: „Das Ceresfest wird mit Fackeln gefeiert, zum Ge- dächlniß, wie Ceres, als sie die geraubte Proserpina in der Unterwelt zu suchen ging, an den Flammen des Aetna ihre Fackeln anzündete. Syraknser, als wir von den Karthagern verfolgt wurden, that ich den Schutzgöttinnen Siziliens das Gelübde, unsere Schiffe nach glücklicher Rettung in brennende Fackeln zu verwandeln. Wir sind gerettet. Dankbarkeit erfordert Erfüllung des Gelübdes. So mögen unsere Schiffe auflodern. Ich verheiße Euch den Besitz einer schöncrn und zahlreicher« Flotte. Denn die Göttinnen haben mir beim Opfer Sieg und Glück dieses ganzen Feldzugs verkündet!" „So sprach ich. Ein Diener überreichte mir eine Fackel; jeder Zsch. Nov. VlI. 8 226 Schiffshauptmann empfing eine. Zch trat auf das Hinterthcil des Schiffes, das mich getragen; jeder der Befehlshaber that wie ich. Die Trommetcn wurden geblasen. Das ganze Heer erhob ein Feldgeschrei. Alle Schiffe loderten im Feuer auf, während das Heer betete. Nun war keine andere Aussicht, als obzusiegen oder umzukommcn. So wollte iclsts. Und unverzüglich brach ich mit gesammter Kriegsmacht gegen die karthagische Stadt Megalvpolis auf. Meine Syrakuscr waren niedergeschlagen und düster. Sie betrachteten sich als Verlorne. „Wie sie aber landeinwärts rückten und nun den reich gebauten Boden erblickten, von allerlei Pflanzungen und Gärten, vielen Bächen und Wasserleitungen verschönert, richtete sich ihr Muth von neuem auf. Links und rechts schimmerten Landhäuser, die vom Reichthum der Eigenthümer zeugten. Dörfer und Hofe hatten Nebenfluß an Lebensmitteln aller Art. Auf beiden Seiten des Weges weideten in den Ebenen große Heerden von Rindern, Schafen und Pferden. Ueberall sah man das Land mit Oelbäumc», Weinstöcken und Fruchtbäumcn verschiedener Gattung bepflanzt. Alles verkündete eine Fülle, einen Wohlstand, eine Glückseligkeit, welche meinen Kriegern den schönsten Lohn des Sieges verhieß. „Megalvpolis, wie die Stadt Times, keines Feindes gewärtig, »ahm ich mit Sturm und gab sie meinen Soldaten preis. Karthago war voll Schreckens. Ohne die KriegSschaaren der Landschaft und der Verbündeten abzuwartcn, rückten mir die Feinde entgegen. Sie stellten aus ihrer Hauptstadt allein schon ein Heer von vicrzig- tausend Mann zu Fuß, tausend Reitern und zweitausend Streitwagen ins Feld. Ich hatte in Allem kaum vierzchntauscnd Mann nach Afrika gebracht. . „Theils vor dieser Nebcrmacht, theils vor der Reiterei und der Menge der Wagen erschrak mein Volk. Ich aber sprach Math ein, und ließ, als das Heer schlief, eines Morgens viele Eulen im Lager ausfliegen. Diese flatterten über die Schaaren umher, und setzte» sich auf die Schilder und Helme der Krieger. Das gab diese» Muth. Denn da sie mit Verwunderung die.Vögel MinervcnS erblickten, zweifelten sic keinen Augenblick länger am Beistand der Götter. So wenig bedarf'S, ein Volk zu leiten. Sie nahmen die Erscheinung der Eulen als Vorbedeutung des Glücks; ich befahl Angriff; die Karthager wurde» in blutiger Schlacht geschlagen. Ich ließ zwei Schiffe von dreißig Rudern bauen, bemannen und mit der Siegesbotschaft nach Syrakus gehen. Erreichte ich gleich meinen Zweck in Afrika nicht, Karthago auf immer zu lähmen: erschütterte ich doch den Muth der gewaltigen Stadt. Zweihundert afrikanische Städte eroberte oder zerstörte ich. Karthago war nach langem, verderblichem Kamps des Friedens froh. Ich kam, mit der Königswürde angethan, nach Syrakus heim. „ Doch, Mikon, ich will dich nicht mit der Geschichte des viel- jährigen Krieges, meiner glücklichen und unglücklichen Abenteuer, meiner Feldzüge in Italien während des bruttischen Krieges ermüden. Aber ich stehe auf einer Höhe, die dir beweist, der Mensch könne, was er wolle, wenn sein Wille unveränderlich derselbe ist; wenn er nichts fürchtet, und den Tod am wenigsten; wenn er, von Vorurtheileu loSgesesselt, ihnen zur rechten Zeit Huldigung bringt; wenn er, ohne Leidenschaften, die Leidenschaften der Menschen vor seinen Wagen zu spannen weiß; wenn er in wohlberechncter Stunde tugendhaft oder lasterhaft, wahr oder falsch, treu oder meineidig, gütig oder schrecklich sein kann. Sizilien liegt zu meinen Füßen; Afrika zittert; Griechenland bewundert mich, und die Könige Asiens werben um meine Freundschaft, seit ich in den Gewässern von Corcyra die ganze Flotte KaffandcrS, des Königs von Mazedonien, schlug und verbrannte. „Ich spielte mit der Welt, wie ein Golt. Ich zwang Völker 228 und Könige, meinen Willen zu eheen. Aber ich werde alt. Meine Nolle wird bald ans Ende gespielt sein. Was ich baute, wird wieder einstürzen. DaS macht mich mißvergnügt. Ich hatte keine Lust im Leben, als Anschauung und Bewunderung meiner eigenen Kraft. Wie ist das am Ende so wenig! Ich bin heut um nichts glückseliger, als da ich noch neben Dir in der Werkstatt des armen Töpfers arbeitete. Und nun, weiser Mikon, so verschieden von dieser Werkstatt hinweg unsere Lebensbahnen waren: was denkst du vom Agathokles?" Mikon betrachtete den König mit langem Schweigen. Dann sprach er: „Agathokles, ich bewundere deine Kraft; nicht die Kraft, mit der du einen Theil der Welt umwälztest, sondern mit der du die Last deines eigenen Lebens trägst." „Und warum nicht auch die Kraft des Töpfers, der die königliche Gewalt von Sizilien an sich riß, und mit seinem Ruhm die Welt füllte?" fragte der Fürst. „Weil dies nicht die Kraft des Agathokles, sondern die Macht des Verhängnisses war, welches sich deiner bediente. Du hast keinen Augenblick lang das Glück geleitet, sondern das Glück leitete dich. Du warst es nicht, der den Pfeilen nach dir zielender Bogen gebot, dein Herz zu verfehlen, oder dem Abgruude des Weltmeers, dein Schiff nicht zu verschlingen. Als du in Gela siebe» Wunden empfingst, war es nicht deine Klugheit, welche den Schwertern befahl, um kein Haar tiefer zu schneiden, damit dein Lebensfaden nnzerrissen bleibe. Die Umstände beherrschten dich. Als geschickter Schwimmer wichest du gefährlichen Klippen aus; aber daß dich die zerschmetternde Welle nicht ergriff, war nicht das Werk deiner Kraft. In Karthago geboren, oder in Griechenland, wärest du ein Anderer geworden. Du hast nichts erzwungen, was sich nicht von selbst darbot; du hast nichts zertrümmert, was nicht schon zum Ein- 230 im ganzen sichtbaren Weltall. Draußen wühltest du im Staube, und warst dir selber fremd; und was dn erhaschtest, blleb Staub. Es ist nichts Wirkliches, als das Göttliche; Alles draußen ist todter Traum und fremdes Reich. Del» Wille gehört dir, und ist deine Ehre oder Schmach; deine Th at liegt in der Gewalt der Götter." Agalhokles lächelte und sprach: „Zn wenigen Tagen werde ich Karthago'S Seemacht vernichten; in wenigen Wochen ist mir Afrika zinsbar. Dann komme ich wieder zu dir, und bringe die Antwort: in westen Gewalt die That liegt?" Der Fürst kehrte nach Syrakus zurück. Drei Tage nach diesem Gespräch erfuhr Mlkon den Tod des AgathokleS und seines Sohnes, dem er das Erbe seiner Macht bestimmt hatte. Denn Archagathos, des Königs Enkel, welcher im Feldlager bei Aetna stand, war unwillig geworden, daß er den Oberbefehl der Land- und Seemacht an den Sohn des Fürsten übergeben sollte. Er lud den jünger» AgathokleS zu einem Opfer ein, veranstaltete ein prächtiges Gastmahl, und tödteteu ihn, da er trunken ward, in der Nacht. Zugleich hatte er den MLnon von Aegesta, den Liebling des Königs, beredet, diesen, als den Unterjocher Aegesta'S, mit Gift aus dem Wege zu räumen. Als AgathokleS eines Tages nach der Mahlzeit vom Tische auf- stand und sich nach seiner Gewohnheit mit einer Feder die Zähne reinigen wollte, reichte ihm Mänon die Feder. Sie war an der Spitze vergiftet. Schneller Schmerz und tödtllche Fäulniß des Zahnfleisches, die immer weiter um sich griff, wurden die Folge. In kurzer Zeit verlor AgathokleS die Sprache, und ward so schwach, daß er sich nicht regen konnte. Man eilte sogleich mit ihm zum Scheiterhaufen, obwohl er noch athmcte, und verbrannte ihn, da ihn sein Bewußtsein noch nicht verlassen. 231 Nach dem Tode des Tyrannen stellten die Syrakuser alsbald ihre Volksherrschaft und Freiheit wieder her; zerstörten alle Bildsäulen, die ste dem Agathokles errichtet hatten, und erklärten seine gesammten Besitzungen dem Staate verfallen. Auch ArchagathoS genoß den erwarteten Lohn seiner Schandthat nicht. Denn Mänon, nach Herrschaft gelüstend, räumte auch ihn aus dem Wege. Ein Flüchtling, rettete sich zuletzt aber der Mörder selbst nach Afrika. Mkion, als er dies Alles hörte, sprach zu seinen Kindern: „Es waltet ein heiliges Schicksal. Es vergehen die Werke der Sterblichen mit ihnen; nur das Göttliche stirbt nicht. Nicht der Tod, aber das Leben kann eine Schande sein; das aber ist die Schande: Geist und Odem gehabt und nicht gelebt zu haben. Der Wille ist unser, die That gehört den Göttern. Weil Agathokles in seinem Wahnsinne Göttern gleichen wollte, ward er weniger, als ein Mensch. Er strebte nach dem Unmöglichen; bildete sich ein, zu haben, was ihm nicht gehörte, und verlor, was sein wahres Eigen war. Der Pflanzer in Cuba i. Die merkwürdiger» oder größern Menschen des Zeitalters sind, im Auge des vorurtheillvsen Weltbeobachters, noch immer diejenigen, welche, je nachdem das Schicksal das Spiel der Begebenheiten mischte, zufällig eine bedeutsame Stellung, oder gar eine sogenannte Unvergänglichkeit des Namens gewannen. — Kein Sterblicher ist das Alles selbst, was er, als Werkzeug des Verhängnisses, wird; er glänzt nur durch den Wiederschein der ihn umringenden Verhältnisse; und seine Größe verschwindet mit ihnen. Wohl mancher Homer oder Shakespeare verdirbt unbemerkt im Aktcn- oder Schulstaub, ohne sich je ganz zu erkennen, oder ohne daß ihn das Schicksal kennen wollte. Mehr als ein Cäsar, oder Napoleon, schlägt sein Leben lang nur das Kalbfell der Trommel; und im bäurischen Zwilchkittel geht mancher königliche Geist einher, während Purpur und Krone den Leib einer Taglöhnerseele vergöttern. Unter den Sterblichen, die mir ans dem Lebenswege begegneten, steht auch einer, der im Aeußern ganz unscheinbar, von Wenigen nur gekannt, aber von diesen verehrt, durch Hoheit der Denkart und Stärke des Gemüths meine Aufmerksamkeit fesselte. Er wohnt nicht in Europa, sondern auf einer der westindischen Inseln; ist da Pflanzer in einer weiten, aber fruchtbaren Einsamkeit, allein mit seinen Sklaven, die ihn wie einen Vater lieben. 233 Wie ein Robinson wird er dort sich und Allen Alles; Schiedsrichter in den Zwisten seiner Nachbarn, die ihn anrufen, Lehrer der Jugend, Priester der Erwachsenen, Atzt der Kranken, Rathgeber der Unglücklichen, Heiland aller Leidenden. Von Geburt ein Schweizer, ist er, Republikaner unter seinem Dache, treuer Unterthan des spanischen Zepters; Mitglied der evangelischen Kirche, wird er von den Bekenner» der römisch-apostolischen, wie der Beste unter ihnen, geachtet. Er ist einer der Christen, welche, entwachsen dem dürftigen Jdeenkreis der verschiedene» Sekten, mit Christo das Höhere des göttlichen Glaubens und Wissens ergriffen haben und darin ihre Seligkeit fühlen. So ist er mir von einigen seiner Freunde, die aus Amerika kamen, und mich zu verschiedenen Zeiten besuchten, geschildert worden. Nach dem Allem, was hier von ihm gesagt ist, erwarte man nun keine Erzählung seiner etwa wunderhasten Lebensereignisse und Abenteuer, an welchen es ihm übrigens nicht gefehlt haben mag, da er einst, als junger Mann, einen guten Theil des nördlichen Amerikas und der Antillen durchschwärmtc. Ich möchte den Lesern nur einige Bruchstücke seiner Briese mittheilen, welche schon dadurch ein gewisses Interesse erhalten, daß sie uns mit der einfachen Lebensweise eines westindischen Pflanzers, mit Eigenthümlichkeiten einer Insel näher bekannt machen, welche, meines Wissens, seit Alerander von Humboldt Niemand näher geschildert hat. Nebenher offenbart sich darin der rein menschliche, große Sinn eines Mannes, der, in einsiedlerischer Abgeschiedenheit von der übrigen Welt, die schönste Welt in sich selbst trägt und sic aus seinem Innern ins vergängliche Leben für den Augenblick flüchtig hinauSbaut, wie die Spinne ihr wunderbares Gewebe. 23S Ausschiffung in der Havanna!), nachher in der Kolonie, von sämmt- lichen Negern behandelt wurde, so wie nach ihren eigenen Nndeu- , tungen, scheint sie die Tochter oder Verwandtin eines königlichen Geschlechts aus dem Innern Afrika'S gewesen zu sein. Mehr als ihre Herkunft, zog nachher ihre Schönheit die Bewunderung an, und selbst ein europäisches Auge konnte, ohne von der schwarze» Farbe der Sam,nethaut beleidigt zu werden, die Liebenswürdigkeit der afrikanischen Grazie anerkenne», deren Wange», „wie durch die Finsterniß eines getrübten Himmels das Morgenroth," glühten. Mein Erstes war, den Vater über das Schicksal seines Kindes zu beruhigen, welches er ans dem Ozean wußte, während er schon den Tod seines Freundes erfahren hatte, und dies Kind seiner Liebe nun fremd und allein in einen andern Wclttheil hingcworfen stehen sollte. Die Lage des Mannes schien mir eine der schrecklichsten, , die ein Vater empfangen kann. Ich sagte ihm Alles, was ich von mir selbst wußte, um ihm Vertrauen zu einem Unbekannten einzuflößen. „Das Schicksal schenkte mir einst/' antwortete er, „in schöner, wohlthätiger Laune unerwartet einen getreuen, aufgeklärten, biedern Freund. Es hat ihm gefallen, mir diesen, eben so unerwartet, in einem der wichtigsten Augenblicke meines Lebens zu rauben. Und nun, als bercuete es selbst die anscheinende Härte, überrascht es mich beinah' ohne Zeitverlust mit dem edelsten Ersatz. Ich unterwerfe mich, wie ich soll, in Demuth seinen Fügungen und empfange mit dankbarem Herzen seine Wohlthat, entschlossen, sie » furchtlos zu genießen, so lange es dem gütigen Lenker der Schicksale gefällig sein mag. „Ich kann mich bei Ihrer Aengstlichkeit, sich zu legitimiren, des Lächelns nicht enthalten. Glauben Sie mir, daß wir Schweizer hier, wenn wir auch beinah' zu Ihren Antipoden gehören, Ihren Namen nicht kennen sollten und wohl noch mehr, als den Namen? 236 Aber ich kenne Sie Persönlich. Ich sah Sie 1800 zu Basel in einer Gesellschaft. In dieser befand sich damals ein unbedeutender, Ihnen unbekannter junger Mann; und dieser junge Mann war ich." Nach diesen Einleitungen zu einem traulichen Verhältniß entspann sich der Briefwechsel. 3. Sta. Theresa in Cuba, 1823. Hätten wir noch heutiges Tages ein nur halb so hohes Alter zu gewärtigen, wie unsre Geschlechtsverwandten vor der großen Fluth, ich würde Ihnen einen Besuch am alten Lebergcbirge*) versprechen, und von Stund' an meine Vorkehrungen treffen, um wenigstens ein halbes Hundert von Jahren in der Gesellschaft meiner schweizerischen Freunde und im Anschaun der Naturschönheiten meines Vaterlandes zubringen zu können. Mein leiser Wunsch wird es immer bleiben, noch einmal dahin zu ziehen. Darf ich mich aber mit der Hoffnung schmeicheln, diesen Wunsch je erfüllt zu sehen? Ich denke, nein! Und Alles zusammen gerechnet, wer weiß denn, ob die Erfüllung des Genusses nicht einen bittern Nachgeschmack hinterlaffen würde? Möge mein Sohn statt meiner das Leben des alten Welttheils sehen, und sich dort für die Zukunft des neuen ausbilde», dem er eigentlich angehört. Es wäre freilich wünschenSwerth, wenn wir hier in Westindie» unter unfern Augen gute Erziehungsanstalten besäßen, und so die vielfältigen und wichtigen Vortheilc genießen könnten, die für uns daraus erwachsen müssen. Das Klima in der Nachbarschaft des Wendekreises scheint aber den Gelehrten und der ') Dem Jura in der Schweiz. 237 Gelehrsamkeit durchaus abhold zu sein. Von so vielen Versuchen, dieselben in die englischen, französischen und andern Kolonien zu verpflanzen, weiß ich wenigstens keinen, der je gelungen wäre. Einige der südlichen Staaten Nordamerika'S haben kostspielige Institute errichtet, und wenden alles Mögliche an, um dieselben im Kredit zu erhalten; aber auch dort hat es bisher damit gar nicht recht glücken wollen. Und wenn es anders nicht den Aeltern durchaus an Mitteln gebricht, so lassen sie ihre Söhne, nachdem diese die Kinderschulen durchlaufen haben, in den nördlichen Provinzen erziehen. Dennoch würde hier in Cuba, wegen besonderer, anderswo nicht obwaltender Umstände, ein Versuch von der Art, wie Sie denselben beschreiben, vielleicht gemacht worden, und auch gelungen sein, wenn nicht über das Weltmeer herüber die politische Rückwirkung eingetreten wäre, welche unter den Fittigen der heiligen Allianz ganz Europa fühlt. In dem schönen Frankreich sogar find, wie ich höre, die krvrss isnoruntins und die Jesuiten zum Behuf der Erziehung angenommen. Wer in Spanien dazu verlangt wird, mag Ihnen besser bekannt sein, als mir. Hier aber ist's von jeher gehalten worden, wie im Mutterlande. Rechnen Sie dazu noch eine Art von nationaler Eifersucht oder vielmehr Scheelsucht gegen Fremde, von welcher die einheimischen Gelehrten, d. i. die Geistlichen, noch weniger frei find, wie das Volk und der Pöbel, so werden Sie sich mit eincmmale richtig vorstellen können, welche Rolle bessere Schulanstaltcn durch hcr- beigerufene Männer in diesem Lande spielen würden. Ich selbst bin hier nicht ganz ohne Bücher. Es ist meinem Geiste Bedürfniß, mit den besten Geistern zu leben und zu verkehren, die auf dem Erdball erschienen sind. Müßt' ich sie entbehren, würd' ich im weiten Erdball einsam wohnen, und dieses als einen Verbannungsort betrachten, ln welchen ich aus der ersten 238 Heimath, dem Nichts, verstoßen bin. Zwar meine Bibliothek ist klein; sie enthält aber doch etwas Weniges von Reisebcschreibun- gen, geschichtlichen, naturwissenschaftlichen, mathematischen, astronomischen und andern Werken. Bon deutschen Büchern besitze ich nichts, als über Moral und Religion. Lassen Sie mir aber noch Langsdorfs und Vega'S sänimtlichc mathematische Schriften, Kästners Geschichte der Mathematik u. s. w. zukommenr so bin ich reich. 4. Meine Pflanzer-Lebensart hat sich in achtzehn Jahren mehrmals verändert, nur nie in ihrer ursprünglichen Abgeschiedenheit. Ich habe in dieser westindischen Einsamkeit das Gefühl, welches man ans den Gipfeln hoher Berge hat. Ich stehe Gott und der Natur näher, je entfernter ich mich von den thörichtcn Qualen der Menschen sehe, welche sic sich mit leidenschaftlicher Verstandesverblendung erschaffen. Eben darum muß es selbst unter den Wilden behaglicher wohnen sein, als unter de» durch die gesellschaftlichen Verhältnisse erkünstelten und verschrobenen Leuten. Den» jene sind, wie alle Kinder, noch natürlich. Ich verstehe hier Rons - sean'S Gedanken besser, als in Europa. Im Anfang glich meine Lebensweise einer Nobinsonade. Alles fehlte; für Alles mußt' ich erfinden. Im dritten Jahre hätte dieser Zustand, mit meiner ersten Kaffee-Aernte, wohl wenigstens eine Tünche von Zivilisation annehmcn sollen; aber durch den verderblichen Einfluß des spanischen Krieges und des berüchtigten Kon- tinentalsystcmS, wurde tm Gegentheil jede Blüthe meines äußern Glücks zerstört, bis zum allgemeinen Frieden. Von da erst hat sich meine Lage so verbessert, daß mir heute in diesem Betracht nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. 239 Die Pflichten meines Gewerbes beschäftigen mich unablässig, das ganze Zahr durch, Feier- und Werktage, von früh Morgens bis Nachts. Ich genieße erst von Abends acht Uhr an täglich, aber in Kleidern, einer vorbereitenden Ruhe von wenigen Stunden ; dann kann ich zwei bis drei Stunden ohne Nachtheil der Gesundheit, ungestört mir selbst leben, daß der Geist seiner froh werde. Und Morgens ist mein Erstes, daß ich in meinen Lehnstuhl, im Lieblingswinkel meines SchlaskämmerchenS, in gänzlicher, körperlicher Unthätigkeit sitzend, eine Cigarre rauche und eine Schaale bittern, kalten Kaffee's trinke; Alles im Finstern, vor Sonnenaufgang. Das soll mein Betrachtungsstündchen sein. Da laß ich Welt und Leben, das Vergangene, das Kommende, traumhaft an mir vorübcrgleitc». Ci» stärkendes Seclenbad! Aber es dünkt mich, auf den vom langen Liegen schlaff gewordenen Körper wirkt diese Ruhe wohlthnend ein. Mit erstem Glimmern des Tageslichts werden meine Leute auf ihre verschiedenen Arbeitsplätze verthcilt. Dann geh' ich znm Krankenbesuch. Hab' ich diesen vollendet, begeb' ich mich zu Fuß oder zu Pferde durch die Pflanzungen zu de» Arbeitern, das Nöthige anzuordnen. Ich verweile bei ihnen bis zum Frühstück, um 9 und 10 Uhr. Ans dieses folgt meine Siestc; dann mancherlei häusliche Beschäftigung, abermaliger Besuch der Arbeitenden bis znm Mittagsmahl , um 3 oder 4 Uhr. Noch zum drittenmale besichtige ich, was meine Leute mit ihrem Tagewerke geleistet haben; gehe noch einmal an das Lager der Kranke»; es werden die erforderlichen täglichen Schreibereien besorgt und die Anordnung für den künftigen Tag getroffen. Das ist das Bild vom Einerlei meiner Tage. Besuche, unvermeidlicher Briefwechsel und etwa ein anhaltendes Negenwettcv sind die einzigen Ausnahmen. Die stille Wiederholung meines Thuns, wie der Sonne Lauf, läßt mir kaum mehr noch zu wün- » 210 schen übrig, als einen biedern, aufgeklärten Freund in unmittelbarer Nachbarschaft, mit dem ich höhere Gedanken wechseln könnte, meinen Geist auszubilden. Er fehlt mir! Anfangs auf die Gesellschaft meiner Schwarzen allein beschränkt, besaß ich mehrere Jahre hindurch nur zwei Bücher, ein Bändchen mathematischer Abhandlungen und Cicero'S Reden, welche ich, wie Sie wohl denken könne», äußerst liebgewonnen. Und zerfetzt, wie sie nun aussehen, bewahre ich sie jetzt dennoch wie Reliquien auf. Nein, Sie haben keine Vorstellung davon, wenn man Jahre lang für GeistcSnahrung nur auf ein paar Schüsseln beschränkt bleibt, wie man da jeden einzelnen Gedanken, ich möchte sagen, jedes Wort des Schriftstellers durstig aussangt, um das eigene Gedankenleben zu fristen, damit es nicht sterbe. Und man gewinnt dabei noch lernend viel. Lese» ist nur Anregen der GcisteSthätig- keit; und nur das Sclbstgedachte und das Durchdachte ist das Gelernte. Bielleserei ist Viclschwelgerei, welche ungesunde Säfte erzeugt, geistige Aufgedunscnheit und Mattheit. — Die Engländer hatten mir, schon im Jahr 1803, meine kleine tragbare Bibliothek, nebst Allem, was ich damals von Effekten in dieser Welt besaß, aus Jrrthum auf meiner Flucht von St. Domingo abgenvmmen. Die politischen Bewegungen in Cuba stören mich am wenigsten. Ihre freundschaftlichen Besorgnisse von Gefahren für mich müssen mir schmeichelhaft sein, aber bis jetzt hat sie nichts gerechtfertigt. Ich habe nun vier Staatsverändcrnngen in diesem Lande erlebt, welche aber nicht nur ohne Blutvergießen, sondern auch auf die glimpflichste Art von der Weltäbgelaufcn sind. Wie noch überall in unser,» Jahrhundert, bilden die Menschenfreunde und einsichtsvollen Geister auch hier die Minderheit; Adel und Geistliche, mit dem Pöbel in natürlicher Wahlverwandtschaft stehend, erdrücken durch ihre Masse, was Besseres auskommen möchte. Unsere Crcolen, welche die Mehrheit der hiesigen spanischen — 241 — Einwohner ausmachen, sind zwar, wie beinahe alle Crcole», ein flüchtiges, heftiges, prahlendes und hochmüthiges Völkchen, aber im Grunde weder boshaft noch blutdürstig, ausgenommen die Hefe des Volks, die aber auch aller Orten die nämliche ist. Die allergrößte Zahl ist höchst unwissend, und von Kindsbeincn auf gewohnt, blindlings zu gehorchen und zu verehren, was ihre Väter schon verehrt haben. Eben so allgemein ist es ihnen angeerbt, ausschließlich mit Vergnügen gemeinster Art die Zeit zu tödten und Geld zu erwerben, ohne sich um etwas Höheres zu bekümmern. Bei den aus dem Mutterlande herüberposannten und hochklingenden Cortes-Worten von Vaterlandsliebe, Volksrechten, Konstitutionen, Heldensinn u. s. w. spitzten freilich einige die Ohren. Weil sie aber im Grund nicht viel aus denselben zu machen wußten, und weil eine neue Ordnung der Dinge, gut oder schlecht, nicht ohne wiederkehrcnde Verwirrungen bei einem Volke einzuführcn war, welches erst noch das Bnchstabircn zu lernen hat: so wurden sie des wenig einträglichen Spieles überdrüssig, und jedesmal bald geneigt, sich die Wiedereinsetzung alter Legimitäten ganz gleich- müthig gefallen zu lassen. Der Mensch übrigens ist unter der heißen, wie unter der kalten Zone ei» Gewohnheitsthier. Die hiesigen europäischen Spanier bewegen sich ungefähr wie ihre Brüder in Europa, doch vielleicht etwas gelassener, weit schlaffer. Sie machen aber bei weitem die kleinere Zahl aus; werden von den Creolen mit einiger Eifersucht beobachtet und lassen sich auch gern etwas Kränkendes gefallen, wenn man ihnen nur nicht das Geld-Erwerben erschwert. 2» politischer Hinsicht wird von den Negern wegen der beträchtlichen VolkSzahl der Weißen nicht eher zu fürchten sein, bis sich die Weißen selber entzweien und eine Partei dieselben gegen die andere bewaffnet, wie das ehemals in St. Domingo der Zsch. No», vii. 8* 242 Fall war. Doch das ist in Cuba, meines Dafürhaltens, noch lange nicht zn besorgen. In Amerika und Westindicn bildet die Hautfarbe der Menschen ein Kastenwesen, wie irgend in Europa der adeliche Stammbaum, oder der Priesterrock. Hier gleicht der Creole dem neuen Adel; tief steht der Mulatte unter diesem*), und der Mulatte sieht stolz auf den Neger nieder. Kastenstolz ist eine Sumpfpflanze, aus dem Schlamme unserer eigenen Thicrnatur aufgeschossen. Wir müssen jene gelassen erdulden, bis die moralische Entsündignng unserS Geschlechts sie verschwinden macht. Ich schreibe Ihnen aus Sta. Theresa, der Pflanzung eines meiner Freunde. Jährlich drei- bis fünfmal komme ich hierher auf Besuch, oder zur Inspektion, bald auf längere, bald ans kürzere Zeit. Wir haben in hiesiger Gegend nur eine amerikanische Familie als Nachbarn, mit der wir seit zwanzig Jahren in traulicher Bekanntschaft leben. Die Weihnacht- und Osterfeiern sind unsere eigentlichen Feste, in denen wir uns gemeinsam des Daeins freuen. Sta. Theresa liegt am östlichen Abhange einer Gebirgskette, welche sich von hier aus ungefähr 50 Stunden bis nahe aus äußerste westliche Ende der Insel erstreckt. Berge und'Thäler dieser Bcrg- *) Als ich im Frühjahr 1830 den Sohn des Pflanzers znr Rückkehr in seine Heimath nach Havre begleitete, und ich mich dort eines Abends mit ihm zur WirthStafcl setzte, gericth ein an derselben befindlicher nordamcrikanischcr Schiffskapitän bei der Erscheinung des jungen Mulatten, und über den dadurch verletzten Anstand, in solche Verlegenheit und Unruhe, daß er den Tisch und seine Gemahlin verließ, die ihn vergebens heimlich zuriickhalten wollte. 243 kette gleichen in ihrer äußer» Form dem östlichen Jura von Solothurn bis Brugg; und deswegen, nnd dem Vaterlande zu Ehren, nannte ich meine Pflanzung die Kolonie am Jura. Sie liegt 22 Stunden westlich von der Havannah und drei Stunden westlicher als Sta. Theresa. Sie wünschen nähere Kunde von meiner Pflanzung. Wohlan denn! Denken Sie sich einen Raum von ungefähr 700 Juchart Landes (jede von 35,000 bis 40,000 Gcvicrtschuhen) oder, wie wir's hier nennen, von lös-^ Geviert-CavalericS. Davon sind nun bis jetzt 145 Juchart mit Kaffee bepflanzt und etwa 45 Jnchart mit Lebensmitteln und Vichfutter. Das Uebrige ist noch ein immergrüner Wald. Zwei große Bäche und eine Menge kleinere, auch Quellen von vortrefflichem Wasser, erfrischen das Ganze. Einige unbedeutende Flächen ausgenommen, ist alles Hügelland. Von meinen schon angepflanzten 162,000 Kaffeebäumcn haben vor zwei Jahren 31,000 ältere nnd 54,000 jüngere Bäume mir 57,000 Pfund Kaffee und letztes Jahr 40,000 Pfund von verschiedenen Qualitäten eingetragen. Die Vorlese des Kaffee'S fängt hier in den Bergen Ende Juli's oder Anfang Augusts an; die eigentliche Aernte aber Ende Septembers, oder Anfang Oktobers, und die Nachlese Ende Dezembers oder Anfang Februars, und diese dauert oft bis in den März. In den Zwischenräumen dieser Zeiten beschäftigt sich der Pflanzer mit den vielen andern Arbeiten, unter denen das Ausjäten des Unkrauts die beträchtlichste ist. Je nach der mehr oder weniger südlichen Verflachung der Berge, muß dies Geschäft jährlich zwölf- bis fünfzehnmal wiederholt werden. Außerdem muß in jenen Zwischenzeiten das Trocknen nnd Mahlen des Kaffee'S vorgcnomme» sein; d. i., der Pflanzer läßt die ausgctrocknete Kirsche, von welcher die zwei Kaffeebohnen den Kern bilden, durch ein von Ochsen oder Pferden im Kreise hernmgetricbenes, hölzernes, 244 aber starkes Nad zerknirschen; dann Alles durch die Schwingmühlc laufen; nachher auf Tischen sortiren, vollends reinigen und so endlich, in Säcken verpackt, nach der Stadt Havannah verladen. Dies ist nicht die einzige Sorge des westindischen Pflanzers. Er setzt, an die Stelle der abstcrbcnden, frische Bäume in seinen Kaffeepflanzungen; erweitert diese; macht neue Anlagen. Er besorgt die Ansaaten der Futterkräuter und menschlichen Nahrungsmittel. Der Reis bringt ihm jährlich eine, die Bohnen und das Türkenkorn jährlich zwei regelmäßige Acrnten. Er macht Waldstücke urbar zum Anbau. Er unterhält seine verschiedenen Gebäulichkeiten, Wege, Einhägungcu u. s. w., kurz, er hat immer vollauf zu schaffen, und genug, um nur alle Arbeiten zweckmäßig anzuordnen. In dem unaufhörlichen Wechsel der Thätigkeit besteht die Annehmlichkeit des westindischen Pflanzerlcbcns, welches ich noch dem europäischen verziehen möchte, weil hier Alles ohne Unterlaß lebendig und rege ist, und keine todte Jahreszeit dazwischen tritt. Hier schläft die ewig schöne Natur nie. Die Zahl meiner erwachsenen und arbeitsfähigen Neger beläuft sich gegenwärtig nur auf 25 Manns- und 25 Weibspersonen, wovon g Paare verhcirathet sind. Creolen von 1 bis 13 Jahren gibt es bei mir nur II, weil alle die afrikanischen Mädchen, als ich sie erhielt, noch sehr jung waren. Im Laufe von 18 Jahren hatt' ich das seltene Glück, nur drei Afrikaner durch den Tod zu verlieren; eine» Greis vor Altersschwäche und zwei Mädchen an kritischen Wciberkrankheitcn. Dennoch fehlte es nie an häufigen Kranken. Alte, schon aus Afrika hergebrachte Schaden oder Würmer, oder Katarrhe sind die gewöhnlichsten Nebel derselben. Alle sind gute, getaufte, römich-katholische Christen, die regelmäßig jeden Abend Betstunden halten. Wer sich verheirathen will, dem steht's frei. Die Unkosten der Zeremonie sind gering. Es versteht sich, daß diese der Herr bestreitet. 240 Jeder Familie mit ihren kleinsten Kindern habe ich ein eignes, reinliches Zimmer gegeben, deren drei ein besonderes Gebäude ausmachen. Alle diese Gebäude stehen immer sechSzig Schuh reu einander entfernt. Die Nnverheiratheten bewohnen, jedes Geschlecht abgesondert, ein besonderes, geräumiges Gebäude, und werden des Nachts, zu besserer Erhaltung der Zucht und Ehrbarkeit, unter Schloß und Niegel gehalten. Die Verheiratheten müssen um halb eilf Uhr Nachts in ihren Zimmern sein, wo sie sich einschlicßcn mögen, wenn es ihnen gefällt. Diese Leute schlafen in erhöhten, hölzernen Bettgcstellcn, weich und mit guten wollenen Decken versehen. Die Männer erhalten jährlich an Kleidungsstücken zwei ArbeitS- hcmdcn und zwei Paar Langhosen von guter russischer oder deutscher Leinwand; dazu noch ein wollenes Hemd; die Weiber zwei lange, bis an die Füße reichende Hemden von der nämlichen Leinwand und ebenfalls ein Wollenhemd. Schuhe und Strümpfe sind, wie in Afrika, außer der Mode. Nur wenn es die Noth erfordert, gibt man ihnen Schuhe. LuruSkleider und Puizsachcn, die ihnen weniger, als den ärmer» Klaffen in Europa mangeln, schaffen sie sich entweder selber an, oder erhalten sie als Geschenke, als Belohnungen ihres Wohlverhaltens, oder bei Hochzeiten und Taufen. Tabak und Pfeifen haben alle meine Neger frei. Man kocht täglich zwei Gemüse-Mahlzeiten für sic. Nachtesse» und Frühstück besorgen sie sich selber Abends in zwei abgesonderten Negerküchen. Alle zwei Tage erhält jede Person ein Viertelpfund Fleisch, oder auch Fisch. Branntwein empfangen sic zur Erquickung nach strenger Arbeit, oder so oft sie naß geworden sind und bei großer Kälte. Wundern Sie sich nicht, wenn ich von großer Kälte inner de» Wendekreisen rede. Wie verstehen darunter, wenn Mittags in der Sonne das Fahrenheits-Thermometer, obgleich nur für kurze Dauer, auf 82 Grad sinkt (oder 12 bis 13" Neaumnr). Sic sehen daraus. 24« daß unsere sogenannten Sklaven weniger darbe», als zahllose europäische Bauernfamilien zwischen dem dortigen Prachtaufwand der Städte. Mit dem, was meine 70 Neger und Mulatten und Creolen wegwerfcn oder vergeuden, könnte man ordentlich »och eben so viele dürftige Europäer erhalten. Denn Obst, Fruchte, Lebensmittel aller Art, wie sie die Pflanzung hervorbrtngt, genießen sie nach Herzenslust und Belieben des Gaumens. Jeder und Jede hat ohnehin einen eigenen kleinen Küchengarten, 4000 bis 5000 Geviertschuh groß. Da säet und Pflanzet man sich, was bchagt, und schaltet mit dem was wächst, nach Willkür. An Werktagen beginnt die Arbeit der Schwarzen mit der ersten Tageshelle, und endet bei Anbruch der Nacht. Zweimal wird sie durch Frückstück und MittagSbrod, jedesmal eine Stunde lang, unterbrochen. Leichtere, alltägliche Nebcngeschäftc, wie Zutragen von Lebensmitteln, Holz, Wasser, Futter u. s. w. werden, bei guter Witterung, bis um 8 Uhr Abends fortgesetzt. Am Sonnabend hört, mit Eintritt der Dunkelheit, alle Arbeit ans; es wird Branntwein auSgetheilt; man zieht die Staatskleider an; man tanzt, singt und trommelt bis gegen Mitternacht. Au Soun- und Feiertagen wird zwar auch, doch nur bis tt Uhr Morgens gearbeitet. Meine Schwarzen sind ein fröhliches, sorgenloses Völkchen. Und, Alles wohl erwogen, ihren Ursprung, ihre GeistesfLhigkeiten, ihre gegenwärtige Lage unter meiner Herrschaft halte ich für weit glücklicher, als die ärmere Volksklasse in europäischen Ländern. Ihre Tugenden und Laster sind zwar die von Wilden, und dazugesellen sich noch alle die dem vererbten Sklavenstand anklebenden Gebrechen und Fehler; dennoch, soll ich es Ihnen gestehen? dennoch will ich lieber mit ihnen zu thun haben, als mit der niedrigen Volksklasse des alten Weltthcils, die freilich freier, aber auch verderbter und wüster ist. Für das, was sie sind, oder das, für was ich sie halte, lebe ich vergnügt geling unter ihnen, und nur — 247 — äußerst selten seh' ich mich gezwungen, strenge Strafe» gegen stc zu verordnen. Da haben Sie nun das Bild vom Thun und Treiben eines westindischen Pflanzers, der in aller Form, Herr und Freund, Arzt und Richter, Lehrer und Versorger, kurz Alles in Allem für seine Kolonie ist und sein muß. 6 . Havannah, 1828. Seit vierzehn Tagen bin ich nun zum erstenmal wieder zum Besuch in diese Stadt gezogen. Unterwegs und hier Hab' ich große Veränderungen angetroffcn. Die Einwohner der Insel haben in diesem Zeitraum vielleicht größere Fortschritte im allgemeinen Wohlstand, in geschmackvoller Auswahl ihrer LebenSbequemlich- kciten und in glänzender Glättung ihrer Sitten gethan, als in dem unmittelbar vorher verflossenen Halbjahrhundert. WaS mir am besten gefallen hat, ist die Menge der Schulen, die nun aller Orten, auch in den kleinsten Dörfern, angelegt worden sind. Darunter sind viele sogenannte Lankastersche. Auch fehlt's nicht an Erziehungsanstalten, die man sonst Pensionatc hieß. Der Geist des Volks scheint sich ungemein verwandelt zu haben, und ein guter, altkatholischer Christ muß ohne Zweifel mit frommem Bedauern wahrnehmen, daß anf das zu den Sinnen sprechende Aenßere der kirchlichen Uebungen gegenwärtig nicht mehr so viel, wie einst gehalten wird; daß die feierlichen Betnmgänge nicht nur minder zahlreich geschehen, sondern auch nur Vom niedrigsten Pöbel begleitet sind; daß die Geistlichkeit, besonders aber die Mönche und Nonnen, ein Großes von ihrem vormaligen Heiligenglanz und Einfluß verloren haben. Wie kurz und flüchtig auch die zwei konstitutionellen Zeiträume Spaniens in Cuba waren, müssen sie doch unerwartet tief in das 248 Volksleben eingewirkt haben. Nicht minder mag die Toleranz des hiesigen Bischofs, dem wir auch mehrere gemeinnützige Anstalten verdanken, zu diesen mich überraschenden Veränderungen beigctragen haben. Von den ungehencrn Waldungen, die sich ehemals zwischen meiner Niederlassung am Cuba-Jura, und der Stadt, in einer Länge von ungefähr 22 Stunden auSstrcckten, sieht man nur noch wenige einzelne, zerstreute Gehölze. DaS Land ist urbar gemacht worden und wird weit verständiger angcbaut, denn ehemals. Hübsche Dörfer sind angebaut worden, wo ich vorzeiten nur an wenigen, elenden Hütten vorbeigekommen war. Dörfer sind zu Städtchen erwachsen und die Stadt selber ist, durch Anlegung einer neuen Vorstadt, vielleicht um ein gutes Fünftel vergrößert. Die nämliche erfreuliche Verwandlung soll man auch bis auf dreißig Stunden ostwärts von hier anlrcffcn, und sehr wahrscheinlich würde sich dieselbe noch weit allgemeiner verbreitet haben, wären nicht die niedrigen Preise unsrer Kolonialerzcugnisse und der philantropischc Stnrmlauf gegen den Sklavenhandel dazwischen getreten. Das NcgierungSwcsen der Insel ist übrigens noch ganz altspanisch, mit de» nämlichen Gebrechen und Mängeln und mit den nämlichen Vorzügen, welche demselben seit Philipps II. Zeiten angeklebt haben mögen. Die größer», vorübergehenden Wohl- thaten hat man eher einzelnen weisen Männern, als der Weisheit der Formen zu danken. Das Finanz- und Kamcralwescn leidet, seit LoSreißung der südamerikanischcn Provinzen, fortwährend unter starken Spannungen und Erschlaffungen. Alle Ausgaben sind noch die nämlichen, wie in früher» Zeiten, oder vielleicht, wegen Vermehrung des Militärs und andrer Mittel, noch beträchtlicher geworden; die Einnahmen aber stehen, ungeachtet der Vervielfältigung der steucrbringenden Erzeugnisse des Landes, und ungeachtet der höher» Abgaben von denselben, weit geringer da, denn sonst. 249 Das ist nothwcndigc Folge vom Ausbleiben der weiland reichen Subfidien aus Mexiko. — Im Justizwesen wird fortwährend noch der alte Schlendrian geschlendert, und es bedürfte, um gut zu werben, weiter nichts, als eine Verbesserung bis auf die Wurzel hinab. Die Polizei, obschon diese etwas besser gehandhabt wird, als vielleicht vor sieben Jahren, ist bei weitem nicht so wirksam, wie ich sie bei meiner Ankunft in Cuba gesehen, und doch war schon damals nur wenig Rühmliches an ihr zu preisen. Die Handlung und unser Pflanzenwesen leiden indessen unter de» sinkenden Preisen der Kolonialwaaren außerordentlich. Die Unkosten bleiben die nämlichen für ihre Erzeugung. Die Erschütterung in England wirkte auf den hiesigen Handel schwer zurück, und wir Pflanzer zahlen nun 15, statt 5, vom Hundert Abgabe von unserm Kaffee. Wäre ich »och jünger, würd' ich mich in Nordamerika au- zusicdeln wünschen. Das Klima dort ist freilich, von einem Ende des Freistaates zum andern, höchst unfreundlich und selbst gefährlich durch seine außerordentliche Veränderlichkeit. Sitten und Geist des Volks sind wahrscheinlich weit von der Vorstellung abweichend, die man sich davon in der Entfernung macht. Ich selbst habe mehrere Jahre dort zugebracht und wackere, alte Freunde und ehemalige Kollegen am Oh io ström zurückgclaffen, die unsere Schweiz aus denselben politischen Gründen verließen, welche mich aus ihr verbannten. In dem einzigen, sehr umständlichen Brief, welchen mir einer dieser Freunde nach seinem fünfzehnjährigen Aufenthalt in Indiana geschrieben, bezeugt er in jeder andern Hinsicht Zufriedenheit mit seiner Lage. Das so sehr in den amerikanischen Sitten von den unsrigcn Abstechende, und besonders die Schlaffheit der Bande, welche sonst wohl Freundschaft und Blutsverwandtschaft zu knüpfen Pflegen, zwingen ihm aber doch die Acußerung ab: 250 „Ware er zuvor davon unterrichtet gewesen, er würde gewiß nie hingezogen sein/' Dagegen ist es aber ein neu aufblühendes Land, ein üppiger jungfräulicher Boden (Orivinz, wie die Eingebornen sagen), voller Hilfsquellen für den armen Fremdling, und um wieviel mehr für denjenigen, der mit nicht ganz leeren Händen dahinzieht. Es wird ein wahres, gelobtes Land, wo er alles Unentbehrliche im Ueberfluß hat und für Kinder und Kindcskinder die vielversprechendsten Niederlassungen vorbereiten kann. Es ist dort das einzige uns bekannte Land unter der Sonne, wo der Mensch (aber bis jetzt nur der weiße!) ganz frei athmcn und seine ihm vom Schöpfer znerkanuten Rechte, ohne Furcht genießen darf; wo man von den gefährlichen und gehässigen GcburtSvorrechten nichts weiß, welche in andern Ländern den Weißen bevollmächtigen, seinen weißen Mitmenschen niederzuhalten im Staube. Bisher haben sich diese Freistaaten, zur Ehre ihrer Geschichte, unvergleichlich wohl gehalten. Die Zukunst setzt die Geschichte fort; nicht aber denselben Geist der Sterblichen. 7. Cuöco, in der Jurapflanzmig, 1823. Die Insel Cuba ist für die Einwohner derselben in wissenschaftlicher Hinsicht beinah' eben so sehr tsrrs inoogniln, wie für die weit entfernte» Europäer. Humboldts Werk belehrt diese Letzter» von weit mehr Dingen, als jene wissen. Wir besitzen noch keine nur einigermaßen Genüge leistende Karte des Eilandes. Letzthin wurde mit der Entwerfung einer genauen See-Karte löblicher Anfang gemacht; dabei aber wird es auch wohl bleiben und dieses durchaus nothwendige, ja menschenfreundliche Werk wahrscheinlich L5I nie zu Ende gebracht werde», wie viele andere gemeinnützige Unternehmungen der Regierung schon dies Schicksal hatten. Man hat von der ersten Konstitutionszeit her angefangen, statistische Erfahrungen zu sammeln und hie und da etwas davon in öffentlichen Blättern bekannt werden zu lassen; alles aber äußerst unvollständig und fehlerhaft. Mit Naturkunde beschäftigen stch vielleicht einzelne Liebhaber. Allein wir haben keine eigentlichen Physiker und Naturforscher. Der botanische Garten in der Havannah ist eine neuere Anstalt und befindet stch einstweilen noch im Zustande der Kindheit. Das Nämliche gilt auch von der unlängst begonnenen Akademie der schönen Künste. Hätte sich das konstitutionelle Wesen behaupten können, Vieles würde nun anders sein. Da man aber doch hier überhaupt minder unter dem Machtgebot jener Gewalt lebt, welche Spanien in die alte Finsterniß zurückzudrängen und darin zu erhalten sucht: so darf man später viel Gutes von der begonnenen Erziehungsverbesserung, vom lebhaften Geist und der Wissbegierde des Volks, von den Reisen der Inselbewohner im Ausland, von ihrem täglich ausgebrcitcten Verkehr, erwarten. Die Stadt Havannah ist ungefähr vom Umfange der Stadt Basel, ein unregelmäßiges Fünfeck, wovon drei Seiten am Hafen, und zwei den Kastellen del Moro und Cavannas gegenüber liegen. Gegen die Landseite ist sic mit einer einfachen Befestungs- linie umgürtet. Die Straßen sind ziemlich gerade gezogen, nach den vier Hauptstrichen des Kompasses, einige aber auch, wie die unserer alten Reichsstädte; zum Theil mit Trottoirs versehen, und beinah' alle mit Weichen Steinarten entweder regelmäßig, oder halb macadamisch gepflastert, aber schlecht nivellirt und noch nachlässiger gereinigt. Folglich sind mehrere unbequem, ungesund durch Feuchtigkeit, Hitze und Ausdünstung, beim Regenwetter, kothig. Ehemals mögen dieselben wohl mit Eichenholz oder andern nnver- 252 dcrblichcn Holzarten belegt gewesen sein. Von diesen ursprünglichen Grundlagen wird aber heutiges Tages keine Spur mehr erblickt. Die Häuser sind beinahe durchgehends von Manerwcrk erbaut; und die neuern Paläste der Reichen gewöhnlich sehr geschmackvoll; aber nicht höher als ein Stockwerk über die Grundflur und meistens mit einem Ebendach bedeckt, wie im südlichen Spanien, auf welchem die Einwohner sich des Abends Bewegung geben und frische Luft einathmen. Die Vorstädte der Havannah sind beinahe um das Doppelte ausgedehnter, als die Stadt selber und fast täglich erweitern sie sich. Die Litern Quartiere derselben zeigen aber immerfort ein abscheuliches Acußere; Hütten, ekelhaft, wie man sie kaum in polnischen oder russischen Dörfern zu Gesicht bekommt. Unter hundert Gebäuden ist kaum ein ganz gemeines Wohnhaus zu erblicken; die übrigen sind aus allen Arten brennbarer Materialien zusammcn- geflickt. Bricht da Feuer aus, lodert das ganze Gaffenwerk mi't auf. Vor wenigen Monaten brannten mit einemmale 400 Gebäude nieder. Wird dann wieder neu aufgebaut, so entwirft man vortreffliche Pläne, gebietet deren Ausführung durch strenge Verordnungen, und, siehe da! — sie bleiben unbefolgt. Die schönsten Gebäude mögen das Posthaus und der Palast des Gouverneurs sein. Von den Kirchen ist, neben europäischen, nichts zu rühmen. Die Kirche des BenedlktinerklosterS, welche die prachtvollste hätte werden sollen, steht vielleicht seit einem Jahrhundert unvollendet da, und in einem Theil derselben wird, wie ehemals im Tempel von Jerusalem, öffentlich Geldmarkt und Wucher getrieben, alldieweil tm andern Gottesdienst gehalten wird. Der Hafen ist eine herrliche, weit ausgedehnte Bucht, groß genug, die stärksten Kriegsflotten auszunehmen und ziemlich sicher zu stellen. Man läßt aber den Eingang jetzt täglich mehr durch die Ausspülungen der Straßen von den Regengüssen verschlammen. 253 Gegen Norden ist er durch die zwei schon genannten und für unüberwindlich gehaltenen Kastelle, nebst einigen Batterien, — die Stadt selbst aber auf der Landscite von Osten bis wieder gegen Norden, durch eine geringere Festung, mehrere kleinere Kastelte und Batterien gedeckt. Die Zahl der Einwohner von der Stadt und den Vorstädten, Menschen aller Farben und Klassen zusammengenominen, mag sich gegenwärtig wohl auf 80,000 Seelen belaufen. Die Umgegenden der Stadt, bis auf eine bis drei englische Meilen, bilden ein mehrere Stunden langes ununterbrochenes Amphitheater, wo auf hundert Stellen sich dem Landschaftsmaler Stoff zu den anziehendsten Darstellungen anbieten würde. Letzthin fällte man die hohe, ehrwürdige Ceiba, in deren Schatten, wie die (mir etwas unglaubwürdige) Volkssage geht, der westindische Apostel LaöCasaS die erste Messe gelesen haben soll. Die Ceiba (vombax pyramidale) ist ein ungeheurer Baum, der größte in den Antillen, aus dessen leichtem Holz die Indianer ihre Canoe's ehemals von einem Stück verfertigten. Nun ist an die Stelle des Gefällten eine Kapelle erbaut, wozu man das Geld durch Unterschriften sammelte. — Bekanntlich soll der Leichnam des Christoforo Colombo von Hayti nach Cuba gebracht worden sein. Ich habe aber weder über die Ruhestätte seiner Gebeine, noch über seinen auf der Insel noch vorhanden sein sollenden Nachkömmling etwas Befriedigendes erfahren können. 7 . CuSco, 1828. Die ganze Oberfläche der Insel muß in ältern Zeiten, und wahrscheinlich in verschiedenen Zeiträumen, zum Behuf von Schenkungen, in kreisförmige Abtheilungen von Ländereien zerstückelt 254 worden sein, welche Haciendas genannt werden. Diese Haciendas find einfache, oder doppelte, d. h. von 400 bis 800 CordcleS Durchmesser; (jedes Cordel zu 24 VareS, jede Var zu 3 Schuh span, oder gleich 3177 Zoll franz. Maß). Nun find 324 Geviert- Cordels gleich einer Cavaleria, (Benennung eines großen Land- inaßes von ungefähr 45 Jnchart, jede zu 35,000 Schuh). Die einfache Hacienda hat ungefähr 370 Cavalcrien, oder 16,650 Juchart, die doppelte 1140 Cavalericn, oder 66,000 Juchart. Schon seit langer Zeit muß der König »ach und nach die Haciendas verschenkt haben. Die SchenkungStitel hießen Gracia's. In diesen Titeln behielten sich die spanischen Monarchen anfangs vor, daß keine Hacienda zerstückelt, nur zur Viehzucht benutzt werden, und jeder Eigenthümcr derselben, oder Haciendo lo, jährlich eine bestimmte Anzahl Schlachtvieh an das königliche Proviantamt abliefern solle. Späterhin ward auch der Haciendolo verpflichtet, zur Beförderung vom Anbau des Tabaks, dessen Monopol dem König gehörte, Pflanzern Land dazu, längs Bächcn und Flüssen, gegen einen sehr mäßige» Jahreszins, zu überlassen. Noch später aber ward den Hacicndolo'S, da sich die Bevölkerung mehrte, gestattet, ihre Haciendas in kleine Silios (Baucrn- hösc von einer halben bis zwei Cavalerias Landes) und in Potri- coS (cingchägten, in Wiese verwandelten Walddode» zur Viehzucht) abthcilen, veräußern oder verpachten zn können. Sie waren aber zu jährlichen Abgaben dafür an die königliche Schatzkammer verpflichtet. Diese Zerstückelungen wurden bei Einführung der Zuckerpflanzungen, und endlich am Ende des 18. Jahrhunderts, als man auch Kaffeepflanzungen begann, noch häufiger. Die ursprüngliche Ausmessung der Haciendas und die Registratur darüber war so nachlässig gehalten worden, daß bei später» Vermessungen manche Haciendas im Flächenraum arg zusammenschrumpsten, manche ganz verschwanden. Daraus erwuchs eine Menge von Pro- zesscn, deren einige schon über ein Jahrhundert dauern, und wahrscheinlich noch ein paar Jahrhunderte fortdauern werden. Die Haciendas und Potricos werden oft mit dem darauf befindlichen Viehstand auf mehrere Jahre verpachtet. Aber von Verpachtung der Zucker - und Kaffeepsianzungcn ist mir kein Beispiel bekannt; diese werden verkauft. Der östliche Thcil der Insel Cuba, da wo sich derselbe vom Cap Maysi bis Cap Cruz am mcisten dem nordwestlichen Hochlande von St. Domingo, beim Cap Four, nähert, von dem cs durch eine gcwaltjame Naturthat abgerissen zu sein scheint, ist der höhere Theil des ganzen Landes, so viel ich im Vorbeisahrcn bemerkt habe, und wie es auch Humbo ldt angibt. Dort steigt das Hochland unmittelbar ans dem Abgrund des Meeres, in Bergen von 2000 bis 3000 Fuß Höhe , empor. Es ist hier der Anfang einer Cordillera, welche sich vom Cap Maysi durch die ganze Insel bis wenige Meilen vom Cap Antonio ausstrcckt. Sie wird nur einmal, etwas westlich von Havanna!), durch eine Fläche von 8 bis lO Stunden, vom Meer bis zum Meer, unterbrochen, und damit in eine östliche und westliche Bergkette gctheilt. Die östliche stuft sich nach Westen zu immer mehr ab, bis sie sich in leichte Hügel verliert. Die westliche erhebt sich gleich anfangs, und zwar in der Gegend meiner Pflanzungen, zu Bergen, deren höchste Gipfel jedoch nur 1200 bis 1500 Fuß über dem Spiegel des Meeres emporstehcn. Sie nähern sich bald der nördlichen Küste, an welcher sie dann bis ans Ende fortlaufen. Herr Humboldt spricht von Granitfelsen, die er in der östlichen Abthcilung gesehen habe. In der westlichen fand ich davon keine Spur; nur weiche GebirgSartcn, besonders den Kalkstein. Weder äußere Form der Berge, noch der innere Bau, lassen, so viel ich zu beobachten Anlaß hatte, Nrgebirg vermuthcn: wohl gewaltige Naturerschüttcrnngen, von denen Alles bunt durch einander geworfen ward. Es fehlt nicht an einer Menge Schwefelquellen, — 256 — an Erdpech von verschiedenen Arten, NN Stellen, die an vormalige vulkanische Krater oder deren Nähe mahnen könnten; aber sonst sind nirgends Vulkane. Im östlichen Thcil Cuba's verspürt man, aber äußerst selten, Erdstöße, wahrscheinlich Fortsetzung von St. Domingo, wo häusig Erdbeben, und besonders in der Gegend von Port au Prinee, beträchtliche Verwüstungen anrichten. Die oben erwähnten Flächen, welche die Bergkette unterbrechen, werden gewöhnlich Chanares, auch Chanos genannt. Der letzte Name ist eigentlich ein mexikanischer und südamcrikanischer Ausdruck für den gleichen Begriff. Landseen und eigentliche Flüsse haben wir keine; nur Pfützen, Waldströme und Bäche, die in der Regenzeit Seen und Flüssen ähnlich werden. Aber Quellen sind in Bergen zahlreich, und auch in einigen Chanares, die hier aber nur von den Bächen herrühren, welche sich im Gebirg unter der Erde verloren haben. Wo Quellen fehlen, sind die Ziehbrunnen kostbare Stellvertreter, weil das Trinkwasscr oft 400 Schuh und tiefer aus der Erde hcrvorgehoben werden muß. In einer Tiefe von 100 bis 150 Schuh finden sich beim Brunnengrabcn häufig Versteinerungen von Seefischen und Muscheln der heutigen bekannten Gattungen. Ob der ungeheure Halbkreis, in welchem sich die Antillen, von den hundert Mündungen des Orinoco bis zur Küste Uucatans, um das Caraibenmeer schwingen, einst dem Fcstlande zugehörte, wie es fast alle Verhältnisse andeuten; ob und wann der Ozean wüthend die ganze Mitte des WelttheilS ausfraß bis zum Felsen- . gerippe von Darien — ? Eine Frage, wie diese, gehört zu jenen andern großen Fragen, welche durch ihr bloßes Dasein die Erhabenheit des Menschengeistes, aber auch seinen tiefen Stand in der Reihe der Wesen bestätigen. Das Fragen ist dem Menschen erlaubt; die Antwort liegt verloren unter den Geheimnissen der Ewigkeit. 258 dein, warst du nicht mein Schatten? Wie, du getreuer Welzer, willst du den PrciSnamen deiner Väter an mir verläugnen, und mir untreu werden? So rede, wenn du cS noch redlich meinst, und schließe mir dein Herz auf." Da sprang er jäh vom Sitz auf, griff meine Hand, drückte sie gewaltig, und sah mir mit funkelnden Augen ins Antlitz, als wollte er mich verzehren. „Was säumest du? frisch auf und sprich!" sagte ich nochmals. Er antwortete: „Wohlan, Bastian, so laß vom Fräulein Sibylla. Das Fräulein ist mir vom Vater erkohren, und ich liebe es über alles Gut. Aber es hat Abneigung, weil es dich gesehen und dir im Herzen de» Vorzug gegeben. Darum versprich mir, das Fräulein zu lassen." „Oho!" rief ich: „Sollte uns ein Mädchen trennen? Mit Nichten! Das Fräulein von G ro ta ist mir Ehren und Liebe Werth; und ein Schimpf wäre es, wenn der Stein, den es berührt, nicht warm würde, geschweige der Mensch. Doch gebe ich dir mein Wort, daß ich dem Fräulein nicht fürder nachgehe. Auch ist es mir unbekannt, ob cs mir Vorzug gibt; wohl weiß ich, du hast den Vorzug in meinem Herzen vor allen Männern und Jungfrauen." Da schloß er mich in seine Arme, und wir gingen wieder hinab zum Schlosse. Unterwegs vertraute er mir, daß er mit dem Grafen Sigismund gesprochen, ihm seine Liebe zum Fräulein offenbaret, und daß der alte Herr ihn umarmt und geküßt und gesprochen habe: „Mein Sohn, sie ist die Deine, und soll cs sein. Auch deine Mutter selig war eine Grota. Wirb um des Fräuleins Gunst." Dies erzählte er mir. Als wir aber zum Schlosse kamen, verschloß ich mich in meine Kammer und dachte an das, was mir Graf Ulrich gesagt, und am meisten, daß mir das schöne Fräulein den Vorzug gegeben. Da fühlte ich erst, daß mir Sibylla unendlich theucr sei, und sie kam mir liebreizender vor, als jemals. Ich beschloß zwar, ihr nicht mehr nachzugehen; aber als die Glocke zur Tafel läutete, trat ich doch eilig zum Spiegel und betrachtete mich, daß ich der wunderschönen Jungfrau gefällig erscheinen möchte. Auch hätte ich gerne errathen mögen, ob ich in Gestalt und Geberde wirklich den Grafen Ulrich übertreffc? Bei Tische war Ulrich sehr aufgeräumt und sprachselig; auch die ganze Gesellschaft. Aber ich sah nicht vom Teller auf. Und als das Fräulein mich zuletzt anredete und sprach: „was ist dem Herrn begegnet?" entbrannte mein Herz, und es befiel mich ein Zittern, daß ich kaum antworten konnte. Auch entfernte ich mich sogleich nach aufgehobener Tafel, und wollte an dem Kurzweil der Gesellschaft keinen Antheil nehmen, obschvn mich sogar Graf Ulrich bat. So hielt ich mein Wort zwei Tage lang, aber den dritten verging es von selbst. Denn als ich am Abend im gemauerten Gartenhäuslein oberhalb des Schlosses allein saß, und mich am Gesang der Vögel im nahen Wald ergötzte, auch sonst vielfältig träumte, hörte ich deutlich ein leises Weinen und Seufzen unfern von mir. Ich trat alsbald aus der Hütte, und sah das Fräulein auf einem Stück eingefallener Mauern drei Schritte von mir fitzen und die Angen trocknen. Bei meinem Anblick erhob es sich jählings und wollte davon. Ich aber ergriff die schöne Hand und küßte dieselbe ehrerbietig und sprach: „ Will das gnädige Fräulein seinen treuesten Diener fliehen?" — Darauf folgte es mir in das Gartenhäuslein, und setzte sich auf die Bank darin, ohne zu reden. Es verbarg seine Thränen und wollte scheinen, als sei ihm nichts widerfahren, gab auch auf mein dringendes Fragen nur den Bescheid: „DaS Mcnschenhcrz ist nicht allezeit wohlauf. Der Herr wird es am besten wissen. Auch mag eS ihm gleich gelten, ob ich so oder andern Sinnes sei!" 26 l ich antwortete! „Ist er nicht Euer Bräutigam?" Da ward sie finster und senkte die Auge» zur Erde, und die Frage gereute mich. Wie sie in die Hütte zurtickging, ihr dort gelassenes Tuch zu reichen, eilte ich ihr nach und schloß sie abermals in meine Arme, wiewohl sie sich sträubte. „Geht," sagte sie mit wcggekehrtcm Angesicht, „wir thun unrecht. Ihr wisset, was Ihr mir leider seid, und wer ich leider bin." Auch wollte sie mich nicht ferner anhören, sondern sagte: „Fliehet, oder ich fliehe aus dieser Gegend. Es ist nicht zu ändern. Meine Mutter hat mich dem Grasen Sigismund für seinen Sohn zugesagt. Es muß Unglück vermieden werden. Aber Euer Andenken soll mir theucr und Werth bleiben." Bel diesen Worten gingen ihr die schönen Augen in Thräncn über, und wir nahmen in zärtlichen Liebkosungen von einander Abschied. Sic stieg den gewöhnlichen Weg znm Schloß nieder, ich aber von der andern Seite in den Wald hinauf, daß uns Ulrich nicht beisammen sehe. Als wir noch gutes Gewissen hatten, waren das Fräulein und ich Wohl ohne Furcht neben einander gegangen. Der Graf hatte uns gleichwohl droben am Gartenhäuslein erblickt, nnd er war unfreundlich mit mir, wie ich's verdiente. Ich nahm mir vor, ihm abzubittcn, aber er mied es, mich unter vier Augen zu scheu. Da gelobte ich im Herzen, ich wolle das Fräulein nie wieder allein finden, und dem Freunde ohne Anstoß wandeln. Und auf daß das Fräulein mich nicht mißdeute, wolle ich's ihm selbst bei erstem Anlaß sagen! Der Anlaß fand sich von selbst, und ich sagte der Braut deS Grafen, wie er mit mir auf dem Berge gesprochen, und wir schieden auf ewig unter Thränen und Küssen von einander, mit Versprechen, uns nie wieder allein zu begegnen. Aber einen Tag um den andern hatte bald ich, bald sie noch etwas dem Abschiede beizufügen , damit er desto kräftiger sei, und wir mußten uns suchen und ließen uns finden. Eine Trennung war beweglicher, als die 282 andere; aber wir Härten nicht auf Abschied zu nehmen, weil wir nicht von einander lassen konnten. Ulrich aber war so bitter und böse, daß er mir kein Wort mehr gönnen mochte, und als ich ihn einst bei der Hand nahm, meine Schuld zu bekennen, stieß er mich unsanft zurück, und sprach: „Meineidiger!" Ein Anderer, als er, hätte die Schmähung nicht ungestraft ausstoßen dürfen. Aber ich fühlte sein Herzeleid und meine Schuld; darum nahm ich'S hin. Der Auftrag. Fünf Tage nach diesem ward ich vor den Grafen Sigismund bcschieden. Er saß in seinem Zimmer allein vor einem großen Buch und las. Als ich hcrcintrat, winkte er mir, näher zu kommen; er aber verschloß die Thür hinter mir. Dann setzte er sich wieder und sprach: „Ihr thut nicht mehr Wohl bei einander, du und Ulrich. Es muß anders werden, und soll jetzt geschehen. Bastian, du bist mir lieb, wie mein Sohn. Ich habe dich seit deinem fünften Jahre in meinem Hause erzogen, und in allen Wissenschaften unterrichten lassen, die einem Edelmann Wohl anstehen. Du hast mit Ulrich die hohen Schulen besucht; du bist fähig, in Dienst kaiscrl. Majestät zu treten. Ich wollte euch beide zuvor noch drei Jahre auf Reisen senden; denn Reisen sind die wahre hohe Schule des Menschen. Allein Ulrich liebt das Fräulein von Grota, und ich sehe gern, daß er sich vermählt. Er bleibt. Du aber sollst reisen." „Gnädiger Herr, je eher, je lieber!" rief ich, und war außer mir vor Freuden; denn ich dachte, wie Ulrich sich mit mir nur durch Abwesenheit aussöhnen könne. Auch war ich von Kindheit an begierig, fremde Länder und Menschen kennen zu lernen, und — 263 — wußte keine größere Lust, als in der Welt umher zu schwärmen, frei wie ein Vogel, von Land zu Land. Als der alte Herr meine Freude sah, ward er noch freundlicher, und nahm meine Hand, sagend: „Bastian, du bist nicht reich. Du weißt es, deine Mutter hinterließ dir nichts, als die verschuldeten Güter.deines Vaters. Aber ich will für dich sorgen, und sollte ich sterben, ehe du heim kommst, so bedenkt dich mein letzter Wille. Ich bin es dir und deiner Mutter schuldig. An Reisegeld soll es dir nicht gebrechen. Es muß Alles Zweck und Ziel haben. Zch gebe dir einen Auftrag, an dem mir viel liegt. Vertraue ihn aber Niemanden anders, und verrathe ihn keinem in meinem Hause." Dies versprach ich. Damit genügte ihm aber nicht. Er las mit feierlicher Stimme einen geschriebenen Eidschwur ab, in wel chem stand, daß ich nicht heimkehren wolle, bis ich den Auftrag vollzogen. Ich trug kein Bedenken und schwor mit anfgehobencn Fingern, was Graf Sigismund von mir verlangte, den ich Ursache hatte, als meinen Vater zu lieben, obwohl ich ihn nicht so nennen durfte. Er schien mit meiner Entschlossenheit sehr zufrieden, und lobte mich höchlich. Dann fragte er mich, ob ich jemals von einem Spiritus familiaris gehört habe? Ich crwiederte: „Wohl, auf der hohen Schule habe ich davon vernommen, daß cs ein kleiner Kobold sei, der in ein Fläschchen gebannt zu sein Pflege, und dem Besitzer in allen Dingen großen Vortheil bringe; seinen Seckel allezeit mit Geld fülle; seine Gestalt anmuthig mache, und seinen Leib fest gegen Hieb, Stich und Schuß." „Dem ist also!" sagte der Graf. „ES geht die Rede, man finde ihn nur im Welschland. Durch einen Freund hat ihn von dorther einst mein Oheim Veit von Welz-Eber st ein empfangen, der große KrlegSheld, dem weder die Kugeln, noch das Gift 264 dcr Venetianer schaden konnten. Als kaiserlicher Oberlandeshaupt- mann in Kärnthen hat er das Herzogthum viele Jahre kräftig beschützt, daß alle Knnst und Wuth des Feindes zn Schanden ward. Ihm dankt unser Hans noch heut' Glanz und Neichthum, und die kräftige Krone, mit welcher kaiserliche Majestät das Wappen seiner getreuen Welzer geziert/' Da konnte ich mich nicht überwinden, zn fragen: wo der Spiritus familiaris des kaiserlichen Oberlandeshauptmanns hiugekommcn? Graf Sigismund erwiederte: „Er war in einem goldenen Käst- lein, und fiel meinem Oheim unversehens in die Donau, als er in seinem achtzigsten Jahre wie ein rascher Junggesell bei Wien über die Brücke sprengte. Nun er das Kleinod verloren, erkrankte mein Oheim und verschied selig in den Armen seines Beichtvaters." Noch Vieles erzählte mir Graf Sigismund von den Tugenden des Spiritus familiaris, welchen Veit von Welz-Eberstcin besessen, und trug mir auf, sofort nach Welschland zu gehen, und alle Mühe anzuwenden, ihm und seinem Hause den Geist zu verschaffen, es koste, was es wolle. Wohl kam mir ein Grauen an, mich mit solchen wunderbaren und unheimlichen Dingen zn befassen. Doch hatte ich mein Wort von mir gegeben, und ich freute mich des Reifens. Auch erhielt ich Briefe nach Augsburg, wo ich Wechsel erhalten sollte, und Empfehlungen nach allen Städten in Italien, wohin ich gedächte. Als die Nachricht von meiner nahen Abreise im Schlosse bekannt wurde, ward auch Ulrich wieder freundlich mit mir, und bat um Verzeihung, daß er mir gezürnt habe. Ich aber sagte ihm, daß, wenn mir nicht sein Vater vom Reisen gesprochen, ich nm dessen gnädige Erlaubniß dazu gebeten haben würde, weil ich keineswegs dcr Ruhe eines Freundes Gefahr bringen wolle. 265 D i e A b r e i s e. Wenige Tage nachher ward das Fräulein von Grota dem Grafen Ulrich verlobt. Es waren Fremde zugegen, und man lebte hoch. Die Braut schien auch gefälliger, als sonst, gegen ihren künftigen Gemahl zu sein, aber tu ihren Augen stand verborgenes Leiden geschrieben. Es wußte kein Anderer um die Ursache, als ich. Den gleichen Tag beurlaubte ich mich von allen Bekannten und Freunden, weil ich folgenden Morgen in aller Frühe das Schloß verlassen und in die Fremde gehen wollte. Wir schieden spät Nachts aus einander. Der Abschied kostete uns allen Thränen, selbst dem Grafen Sigismund. Aber dem Fräulein mußte ich heimlich versprechen, es, wenn Alles schlafe, noch einen Augenblick zu sehen, um ihm das schmerzliche Valet zu sagen. Und als Alles schlief, ging ich durch das Schloß zu dem wohl- bekannten Zimmer, dessen Thür nur angelehut war. Das Fräulein saß beim dunkeln Schein einer Lampe und weinte. Ich tröstete und verhieß, oft in Briefen an Grafen Sigismund von mir Nachricht zu geben. Der Morgen graute, als wir endlich im Ernst von einander schieden: denn mein Knecht Thorhaimer führte schon die Rosse auf den Schloßhof vor. Wie ich kaum in meinem Zimmer angc- kommen war, erschien ein Diener, der mich wecken sollte, und brachte mir ein Morgencssen. Bald daraus kam auch Graf Sigismund, und mit ihm sein Sohn Ulrich, die mir noch einmal das Lebewohl bringen wollten. Ich aber war so beschämt, daß ich vor Ulrich die Augen niedcrschlug, und mein Gewissen machte mir viele Vorwürfe. Der alte Herr segnete mich, und gab mir viele heilsame Lehren, was ein junger Mensch auf Reisen zu bedenken habe, um nicht in Schaden zu kommen. Ich aber horte von Allem wenig, und war wie im Traum. Ich dankte meinem Vater, und wünschte — Ll>6 — dem Grase» Ulrich eine glückselige Che, welcher Wunsch auch zu meiner Freude erfüllt worden ist, wie ich lange nachher in Italien vernommen habe. Reise über Augsburg in die Schweiz. Am 14. Juli 1589 reifete ich also ab, ohne zu wissen, ob ich das Land Wiedersehen werde, wo ich die angenehmen Tage meiner Jugend gelebt hatte. Auch machte mir der Eid bange, den ich wegen des Spiritus familiaris geschworen hatte. Doch war dies bald vergessen, als nun Schloß und Thal hinter mir lagen, und ich gutes Glück zu suchen in das blaue Weite hinauSzog. In Augsburg ruhte ich einige Tage aus, denn die Rosse hatten cs nicht minder nothig. Ich gab die Briefe des Grafen Sigismund ab, und empfing andere für Genua, Padua, Venedig und andere Städte. Auch besah ich alle Merkwürdigkeiten der reichen und großen Handelsstadt Besonders erstaunte ich über die Pracht des Hauses derer von Fugger, wo ich alltäglich eingeladen war, und mir wie einem Blutsverwandten Ehre erwiesen wurde. Herr Marx von Fugger zeigte mir seine kostbaren Münzsammlungen. Aber noch künstlicher dünkte» mir seine Gärten, die er unterhalb der Stadt angelegt. Das Wasser wird in einem Bächlein dahin geleitet, und mit unbegreiflicher Kunst, weil das Bächlein tiefer liegt, in die Höhe getrieben, daß cs im Garten aus vielen zierlichen Springbrunnen hervorsprudelt. Dann fließt es in kleinen Kanälen zur Bewässerung der blumenreichen Beete umher, die in himmelschönen Farben prangen. Von da kam ich nach Stuttgard, einer zierlichen Stadt am Neckar, mit einem schönen Schloß. Ich hatte die Gnade, dem Herzog Ludwig vorgestellt zu werden, der mich einlud, einem Konzerte seiner wohlbestellten Kapelle beizuwohnen. 267 In Lindau erfreute mich der Anblick des Kostnitzer-Sce's, durch welchen der Rhein fließt, ohne sein Wasser mit dem Wasser des See'S zu vermischen. Die hohen Berge der Schweiz schweben wie bunte Teppiche zwischen Erde und Himmel. Ich konnte des Schavens mich nicht ersättigcn, und der Thorhaimer wollte gar nicht glauben, daß man über die hohen Gebirge Wegreisen könne. Man ricth mir, die Pferde in Lindau zu lassen, oder sie zu verkaufen, weil ich an Berge und Seen kommen würde, über welche keine Pferde geführt würden. Da verkaufte Thorhaimer unsere beiden Gaule, und weinte bitterlich, als er von den guten Thieren Abschied nahm. Wir fuhren in einem großen Schiffe über den Kostnitzer-See, wie über einen Ungeheuern Spiegel, dessen Wiederschein am Boden des Schiffes wie an den Rudern ein hellgrünes Licht warf. Auch habe ich nie vorher so schön geträumt, als hier zwischen See und Wolken, während die hohen Gebirge au mir vorübertanzten. In Kostnitz wollte man mir zeigen, wo vor zweihundert Jahren die Kirchenversaminlnng den Johannes Huß wegen Ketzerei verdammte. Mochte es aber nicht sehen, noch begreifen, wie fromme Väter in so schöner Landschaft ans Verbrennen der Menschen denken konnten. Gottes Barmherzigkeit ist wohl größer, als Menschen- crbarmen. Nach einigen Tagen erreichten wir ans einem Wägelein die alte und gelehrte Stadt Zürich. Ein gewisser Wilhelm Stukius daselbst zeigte mir die Merkwürdigkeiten dieser Hauptstadt des Schweizerlandes, und auch die Häuser, wo Conrad Geßner und Josias Simler geboren waren. Zwar von der hohen Schule her hatte ich große Ehrfurcht für diese berühmten Männer getragen, doch dünkt' es mich thöricht, daß mir deren Häuser gewiesen worden. Der See, an welchem die Stadt liegt, ist noch reizender, als der Kostnitzer; solche Pracht von Dörfern, Gärten und Bergen — 268 — schwimmt einem da um die Augen. Und ich hätte wohl allezeit hier wohnen mögen, wenn mich nicht der Spiritus familiaris an Welschland gemahnt. Ich fuhr den ganzen See entlang, und schlief am andern Ende desselben in einem schlechten Wirthshause. Da es am Abend ein Gewitter gab, wollten wir uns des folgenden Morgens nicht an einen andern See begeben, über welchen man muß, um nach Chur im Graubündner Lande zu gelangen. Denn es stürmte sehr und war regnerisch, und jener See ist von schroffen Felsbergen wie mit Mauern umgeben, daß man schwerlich in der Noth landen kann. Allein ein spanischer Haupt- mann, der nach Genna und mit uns über das Wasser wollte, sprach mir Muth ein. So ließ ich mir's gefallen, und wir stiegen ein. Das Schifflein war sehr gebrechlich, von faulem Tannenholz, und so klein, daß wir beisammen sitzen mußten. Als wir uns mitten auf dem See befanden, erhoben sich Wind und Wellen und Regen fürchterlich, daß wir glaubten, versinken zu müssen. Selbst die drei Schiffleute verzagten. Der spanische Hauptmann aber lachte ob unserer Furchtsamkeit, und sagt zu mir in italienischer Sprache: es dünke ihn, in einer Wiege geschaukelt zu werden. Dann hüllte er sich in seinen rothen Mantel und sang in Wind und Wetter- wuth ein spanisches lustiges Liedlein. Der Mann machte mir in seiner Vermessenheit fast Grausen, denn der Tod starrte uns aus jeder Welle an. „Herr Hauptmann, sprach ich, „seid Ihr Eures Lebens so gesichert, daß Ihr Euch nicht auf das letzte Stündlein vorbereitcn mögct?" Darauf antwortete der Spanier: „Habet guten Muth, es wird uns kein Unglück widerfahren. Im Aeußersten biete ich Euch ein Plätzchen auf meinem Scharlachmantel an; ich will ihn über die Wellen schlagen, wie ein Floß, und wir fahren sicher darauf hin." Bei diesen Worten kreuzigte sich Thorhaimer, der im Stillen 270 Wasser auSgebreitct, daß wir glauben mußten, das Schifflein sei untergegangen. Nun gereute es mich, daß ich mich nicht an den seltsamen Hauptmann näher gemacht, oder mich wenigstens seines Weges erkundigt hatte. Denn der mochte schon einen Spiritus familiaris haben. Unfern der Höhe des Berges fanden wir ein Haus. Die Leute nahmen unö freundlich auf, gaben unS Speise und Trank, und trockneten unsere nassen Kleider an dem warmen Ofen. Auch verweilten wir wegen des Regens den Tag hier und die Nacht. Weg durch Graubundcn nach Italien. Unsere Wirthsleute hatten für ein Schifflein gesorgt, daß wir den folgenden Tag gegen Abend abfahrcn konnten. Wind, Wetter und See waren still. Wir stiegen denselben Bergweg zurück, welchen wir hinaufgegangen waren, und das Schiff wartete an derselben Stelle, wo uns der Spanier Tags zuvor verlassen hatte. Als wir das Land erreicht, zog ich überall sorgfältige Erkundigungen um den Hanptmann ein. Doch hatte ihn Niemand gesehen. Auch in der Stadt Chur erfuhr ich im WirthShaus von seiner Ankunft nichts. Thorhaimcr sagte: „Den Großsprecher nebst seinem Zaubermantel fressen die Fische. Gott habe seine Seele gnädig!" Hart hinter dem Städtlein ging'S durch einen hohlen Bergweg hinauf ins hohe Gebirg. Wir hatten jeder ein Saumroß, und für das Gepäck ein drittes, nebst Führern, die den Weg durch die Wildniß kannten. Es war uns angst und weh, als wir so hoch kamen, daß wegen der harten Kälte kein Baum mehr gedeihen mochte, und Schnee und Eis um »ns lag, welches die Strahlen der Sonne seit Anbeginn der Welt noch nicht geschmolzen. Doch begegneten wir oft einzelnen Reisenden, die aus Italien ins deutsche 272 Ich hatte große Sehnsucht nach meinem Vaterlande heim, und verwünschte im Herzen den Spiritus familiaris, welchen ich dem Grafen Sigismund versprochen. Doch zog mich mein Verhängniß vorwärts, wiewohl cs vor meiner Seele dalag, wie ein schweres Unglück. Ich empfahl mich der göttlichen Obsorge in diesem fremden Lande, und reifete nach Verona, wohin ich Empfehlungen an den Grafen Bevrlacqua hatte. Das Bild. Verona ist eine alte, große Stadt, voller Reichthum und Koth. In den engen, krummen Gäßchen ist unsicher wandeln, wie in einem Irrgarten. Thorhaimer hatte sich in einem Tage dreimal darin verloren, und nnr mit großer Muhe daS WirthS- haus wieder gesunden, sintemal er der Sprache des Landes nicht wohl kundig war. Nachdem ich mich mit Kleidern und dem feinsten Linnen neu versehen, um wiederum anständig auftreten zu können, auch den Thorhaimer mit frischer Leibtracht ausgcstattct, besuchte ich den Grafen Bevilacqua. Er war schon ziemlich bei Jahren, sehr ernsthaft von Geberden, jedoch ungemein höflich. Weit umher galt er für den reichsten Herrn. Da er nie verheirathet gewesen, konnte er großen Aufwand treiben, ohne Sorgen wegen der Erben. Auch gedachte er, wie er mir sagte, seine Tage in Nom zu beschließen. Sein Haus war mit den kostbarsten Bildsäulen und Gemälden geschmückt von den größten Meistern der Welt. Doch hatte der Graf, welcher alle Künste liebte, an keiner ein so empfindliches Vergnügen, als an der edeln Tonkunst. In jeder Woche gab er dreimal in seinem Palast Konzert. Dazu waren allezeit Herren und Frauen von den ersten veroncsischen Geschlechtern eingcladen; des- 273 gleichen alle Fremde Von Rang, an denen es in Verona nie Mangel hatte. Dreißig bis vierzig der allerreizendsten Stimmen und geübtesten Tonkünstlcr Wetteifer» mit einander, wessen Kehle oder musikalisches Instrument den Vorzug verdiene. Wer zugegen war, dessen Gemüih war voll Himmel. Der Graf hatte mich mit vieler Artigkeit empfangen, daß man wohl sah, er habe lange Zeit an großen Höfen gelebt. Er nöthigte mich zu seiner Tafel; ich mußte seinen Konzerten beiwohnen, so oft ich konnte, und er führte mich in verschiedene angesehene Häuser ein, die mit ihm befreundet waren. In der That aber war Bevilacgua ein rechtschaffener Mann, zu welchem ich immer größeres Vertrauen faßte. Auch ward er mir von Tag zu Tag, ohne mein Verdienst, gewogener, so daß er den Antrag machte, ich sollte über Winter in Verona bleiben und ihn im Frühjahr nach Rom begleiten. Er wußte es auch so gut anzustellen, daß mir Woche an Woche schnell verstrich, und der Winter unvermerkt anrückte. Jedoch gleicht der Winter dieser Länder nur einem kühlen Herbst mit schönen Tagen. Als der Graf an den Hof von Mantua reifete, mußte ich ihn dahin begleiten. Der Herzog von Vincenzo war ein Herr von etwa achtundzwanzig Jahren, sehr gnädig und gesprächig. Seine Gemahlin Eleonore hingegen kalt »nd stolz. Sie war die Tochter des verstorbenen Großherzogs von Florenz, und mütterlicher Seits deutscher Herkunft vom Erzhans Oesterreich. Allein der ganze Hof und seine Herrlichkeit vergnügte mich nicht so sehr, als die Bildergallerie des Herzogs. Sie war zwar klein, enthielt aber nach der Versicherung der Kenner große Schätze und für mich den allergrößten. Denn wie ich das erstemal längs den Bildern hinschritt, sah ich an der gegenüberstehenden Wand ein Gemälde von eigenthüm- licher Pracht und Lieblichkeit, darob ich alle Bilder vergaß. Es Zsch. Nov. Vit. 9' 27 ^ war eine Mutter Gottes von überirdischer Schönheit und voll göttlicher Wehmuth. Sie schien um den geliebten Sohn zu klagen, hatte aber die warme Fülle einer fiebenzehnjährigen Jungfrau. Ihr Blick drang in meine Brust wie ein Lichtstrahl, und ich ward dermaßen ergriffen, daß ich mich selber nicht mehr fühlte. Kaum hatte ich Math genug, einige Schritte näher zu thun; so große Ehrfurcht erfüllte mich ; nnd ich würde vor der Gebenedeiten nieder- gesnnken sein, wenn ich nicht bedacht, daß es doch nur ein Bild sei. Als der Graf Bevilacqua und der Kämmerer des Herzogs mir andere Stücke zeigen wollten, schien mir Alles gering und nichtig; und ich kehrte jedesmal zu der Gebenedeiten zurück. Da folgte mir Bevilacqua und sprach: „Es ist nicht übel, doch von keinem Meister, und in der falschen Manier einiger Neuen aus der römischen Schule." Ich gerieth kn Erstaunen, wie er von Manier und Schulen reden möge, wo die Allerheiligste glänzte. „Wer ist,auch der Künstler, welcher in die Himmel gestiegen, und dort die Göttliche gesehen und gemalt?" sprach ich, zum Kämmerer gewandt, „denn ohne Offenbarung ist solche Malerei nicht gedenkbar; auch hat im Staube der Erde nie ein Geschöpf wandeln mögen, wie diese Gestalt aus den Gegenden über den Sternen." Der Kämmerer crwiederte: „Der Herzog habe das Stück, weil es ihm Wohlgefallen, von einem neapolitanischen Maler in Florenz erhandelt. Der Maler heiße Sclavant, wie auf dem Bilde stehe, sei aber nicht im Ansehen." Ich mochte mich von dem Gemälde nicht trennen, ob es gleich Andern weniger gefiel, denn mir, und pries im Stillen des Herzogs guten Geschmack. Sonst hatte ich Wohl auch schöne Frauen bewundert; und was ich an ihnen reizend gesunden, war doch zuletzt nur Fleisch und Blut. Aber hier sah ich nicht mehr Fleisch und Blut, sondern eine Seele aus dem Himmel niedergestiegcn, schamhaft in irdischen Staub gehüllt, einen jungfräulichen Leib, 275 aber von Göttlichkeit durchströmt! Liebe und Heiligkeit im Wesen, wie hienieden nirgends sein mag. D c r S p a n i c r. Eon nun an erschien ich mir selbst wie ein anderer Mensch, oder was ich sah, schien mir anders und göttlicher. Ich war so entzückt, daß ich das ganze Herzogthum Mantua für das einzige Bild hingegeben hätte, wenn mir Wahl zwischen beiden gegeben wäre. Wohin ich kam, in Mantua und Verona, sah ich nur die Allcrhciligste vor mir. Sogar des Nachts kam fie mir in Träumen vor. Ich war ganz unempstndlich gegen die Schönheit anderer Frauenzimmer geworden, und obwohl es nicht an Reizungen fehlte, genügte doch ein Gedanke an die Gebenedeite, um die artigste Veronesen» unerträglich z» finden. Daher war es mir unaussprechliche Freude, als Graf Bevilac- gua sagte: er wolle mir die Kopie von Sclavani'S Madonna verschaffen; nur müsse ich den Winter in Verona ausharre», denn vor Frühjahr ende der Künstler die Arbeit kaum. Er sagte das aber nur, um mich zu überraschen. Denn am Neujahrstag 1590 sandte er mir ein kleines Kästchen von Ebenholz, mit Elfenbein und Gold ausgelegt, und als ich es eröffnete, fand ich das Bild meiner Allerheiligsten, unter GlaS in goldener Einfassung, kaum von der Größe dreier Daumenbreiten, und auf das allerähnlichste getroffen. Ich war erst erstarrt von Verwunderung, Entzücken und Ehrfurcht, als ich die Göttliche mit ihrem Blick voll zarter Wch- muth fand. Ich stellte das Bild auf den Tisch, kniete davor nieder, betete mit großer Inbrunst und zerfloß in Thräuen. Anfangs wagte ich es gar nicht, meine Lippen auf das Glas zu drücken, denn im Kusse schien mir Nnheiligkeit zu sein. Zch hing das Ge- 276 mälde mit einer seidenen Schnur um den Hals, und trug es von da an immerdar an der Brust, als mein allerköstlichstes Kleinod. Einige Tage nachher begab sich Bcvilacgua gen Mantua, und ich begleitete ihn wieder nach meiner Gewohnheit. Dann fuhren wir zu Hof, dem Herzog und der Frau Herzogin die übliche» Glückwünsche abzustattcn. Wir wurden angewiesen, im Vorsaale zu warten, weil der Herzog ein wichtiges Geschäft habe. Man sagte uns, er habe sich seit zwei Stunden in seinem Arbeitszimmer mit einem Fremden verschlossen. Wir mußten wohl eine halbe Stunde warten, daß uns die Zeit lang dauerte. Endlich trat der Herzog hervor, und hatte den Fremden an der Hand. Hilf Himmel! Als ich diesen näher betrachtete, war es kein Anderer, denn der spanische Hauptmann, welchen ich voriges Jahr auf dem Schweizersce kennen gelernt; eben die hagere, lange Gestalt, das bleichgelbe, eingefallene Antlitz, die tiefen Augen, die große Adlernase — Alles war er wieder; nur hatte er seine HanptmannSkleidcr gegen einen Gallarvck vertauscht, und statt des Nebcrmuths, welchen er auf dem See zeigte, war in seiner Geberde nichts, denn die uuterthänigste Aufmerksamkeit gegen den Fürsten. Der Herzog, indem er uns im Vorbeigehen freundlich, doch flüchtig begrüßte, führte den Spanier zur Thüre, sprach dann wieder leise und vertraulich mit ihm, begleitete ihn hinaus, und kam erst nach einigen Minuten zurück, um unsere Wünsche zu vernehmen. „Ich bin Euch sehr dankbar für Eure Zuneigung, die Ihr mir zu erkennen gebet," sagte der Herzog zu mir: „doch wäre mir lieb, von Euch den Beweis zu empfangen. Ich schätze die Deutschen über Alles hoch; sie sind aufrichtig, getreu und männlich; im Krieg aber nicht minder tapfer, als die Schweizer. Wollet Ihr in meine Dienste treten, so gebe ich Euch eine Oberstelle in der Leibwache!" 277 Graf Bevilacqua und ich waren gleich sehr von dem Antrag des Herzogs überrascht. Ob mir gleich die Stelle ehrenvoll schien, und das Zutrauen des Fürsten schmeichelhaft, konnte ich mich dennoch zu keiner Annahme entschließen. Ich gab daher vor, durch mein Wort und Versprechen an die väterliche Heimath gebunden zu sein, daß ich nicht wissen könne, wann ich zurückkehren müsse. Eigentlich aber lag mir der Spanier jetzt mehr denn jemals im Sinn, und der Spiritus familiaris des Grafen Sigismund Welzer. Der Herzog aber ließ sich nicht abwendig machen, und gab mir drei Monate Bedenkzeit, während ich nach Haus berichten solle. Sobald wir vom Schlosse kamen, fragte ich Bevilacqua, ob er den Spanier kenne? Er antwortete: Nein! wolle aber auf mein Verlangen Erkundigungen um ihn einziehen. Da erzählte ich, was mir mit demselben auf dem See begegnet sei, und wie er in allem Sturm in die Fluth hinausgestoßen, bis man nichts mehr vom Schifflein, sondern nur noch den rothen Mantel über den Wellen schwimmend gesehen habe. Die Geschichte erregte dem Grafen Bevilacqua fast Grausen. Er sagte, er traue ihm nichts Gutes zu. Solch ein Mensch könne wohl mit bösen Geistern Umgang pflegen. Darauf wagte ich ihn zu fragen, ob er auch schon von einem Spiritus familiarias gehört? — „Allerdings," sagte er, „auch ich habe in meiner Zugend einen Mann gekannt, der zu Neapel wohnte und einen solchen gehabt haben soll. Dieser Mann war über hundert Jahre alt, und besaß'unermeßliche Neichthümer- Er hat den Armen viel Gutes gethan, und die Klöster reichlich beschenkt. Zuweilen begleitete ihn ein schneeweißes Hündlcin, welches vielen Leuten verdächtig war. Wenn der alte Herr zur Messe ging, blieb das Hündlein vor der Kirchthür liegen, und folgte ihm nie nach. Eines Tages fiel ein großer schwarzer Hund das kleine Thier vor der Kirche an und tödtete es. In demselben Augen- L78 blicke ward der Greis ohnmächtig mitten in seiner Andacht, und genas nie wieder. Er starb drei Tage nachher, und von seinen Reich- thümern hat man nie erfahren, wohin sie gekommen sein mögen." Ich hörte dieser Erzählung mit großer Aufmerksamkeit zu, und dem, was der Gras Bevilacqua noch ferner über die Sache sprach, denn er war ein sehr gelehrter Mann, und Viele glaubten von ihm, er habe Erfahrung in den geheimen Wissenschaften, weil er ohne große Erbschaft großen Neichthum besitze. Doch überzeugte ich mich bald, daß Bevilacqua nichts von geheimer Wissenschaft batte. „Es gibt zwar," sagte er, „gute und böse Geister; aber oft sind sie schwer zu unterscheiden, weil auch Kinder der Finsterniß als Engel des Lichts kommen. Böse Geister dienen den Menschen nur um den gefährlichsten Sold; gute Geister soll man aber nicht zur Dienstfertigkeit zwingen." Wir verweilten eine ganze Woche zu Mantua und am Hofe. Der vermeinte Spanier aber war nirgends mehr zu finden. Doch erfuhren wir, er sei nichts weniger denn ein Spanier oder ei» Hauptmann im Dienste der Krone von Spanien, sondern aus einem der altvornehmsten Geschlechter Italiens entsprossen, Namens Al- fonso Piccolomini. Er sei Herr von Monte-Marciano in der Marca von Ancona, und lange Zeit in Frankreich gewesen, wo er tapfer die Partei des Herzogs von Guise in dortigen Unruhen gehalten. Der Graf Bevilacqua, in Staatshändeln seiner Zeit gründlich erfahren, vertraute mir, daß der Herzog von Mantua, gleich wie die meisten italienischen Fürsten, dem Könige von Frankreich abgeneigt gewesen, der im August vorigen Jahres von dem Dominikanermönch Clemens meuchelmörderisch umgebracht worden. Daher, setzte der Gras hinzu, könne er sich wohl die vertraulichen Zusammenkünfte des Piccolomini mit dem Herzog Bincenzo deuten. 27S Der Besuch. Sieben Tage nach unserer Znrückkunst in Verona brachte mir ein sehr reich gekleideter Diener ein versiegeltes Handschreiben des Morgens in das Zimmer, als ich vom Beite anfgestanden war. Er nannte mir dabei den Namen seiner Herrschaft, weichen ich nicht wohl verstand, und ging fort. Von dem Brieflein war der Inhalt folgendergestalt: ich sei eingeladen, von freundschaftlicher Hand, einer Person den Besuch zu machen, die mich hochschätze. Falls mir an der Bekanntschaft gelegen, möge ich mich an der Hauptpforte der Kirche San Giorgio Abends neun Uhr finden lassen, wo man mich abrufen werde. Im Anfang beschloß ich, nicht zu gehen. Da ich aber immer an das Wicderfinden des Piccolomini glaubte, zweifelte ich zuletzt nicht, die Einladung komme von ihm. Unstreitig hatte er mich in Mantua so gut erkannt, als ich ihn. Auch mochte er Ursache haben, unbekannt bleiben zu wollen. Abends verließ ich die Gesellschaft im Palast Bevilacqua früher, als meine Gewohnheit war, und begab mich nach Hause. Nachdem ich mich umgekleidet und in den Mantel gehüllt, befahl ich aus Vorsicht dem Thorhaimer, sich zu bewaffnen und mich »ach San Giorgio zu begleiten. Er solle aber jederzeit in einiger Entfernung von mir bleiben und auf das Haus wohl Acht haben, in welches ich gehen würde, auf daß wir es bei Tage wieder fänden. Zugleich befahl ich ihm, wenn er mich nicht bis zwölf Uhr spätestens znrückkommen sähe, daß er Lärm machen und die Schaarwächter suchen möge. Es war sehr finstere Nacht, und wir warteten bis zehn Uhr, ohne daß Jemand zum Vorschein kam. Da ward ich verdrossen und des Glaubens, irgend Einer habe mir einen Possen spielen wollen, und beschloß, den Rückweg zu nehmen. In gleicher Zeit ging 280 eine Magd an mir vorüber, blieb stehen, sah nach mir, und fragte leise, ob ich einen Brief empfangen, daß ich hier warten müsse? Ich antwortete 3«. Darauf bat sie mich, ihr getrost zu folgen. Ich hustete und gab damit verabredetermaßcn dem Thorhaimer das Zeichen. Das Mägdlein, behend auf den Füßen, führte mich über den Platz in ein Haus, der Kirche gegenüber. Da ward cs so dunkel, daß man die Hand nicht vor den Augen sah. Die Magd ergriff meine Hand, und leitete mich, bis wir wieder auf eine Straße kamen, und von da wieder in ein anderes Haus, welches wir stillschweigend auf die gleiche Art durchgingen. Wie wir nun von neuem eine Straße entlang gingen, sagte das Mägdlein, ich sollte mir die Zeit nicht lang werden lassen, denn wir seien an Ort und Stelle. Zn der That ließ sie mich wieder in ein Haus treten, wo ich durch einen schwach erleuchteten Gang, über einen geräumigen Hof, und dann zwei Treppen hoch stieg. Ich ward in ein großes Prachtzimmer gebracht, wo zwei Wachskerzen auf silbernen Leuchtern ziemlich dunkel brannten. Da Niemand im Zimmer war, säuberte ich die Lichter, um Heller zu sehen. Bald darauf that sich leise eine Thür auf, und ein zartes, junges Frauenzimmer blickte schüchtern herein. Die junge Dame schien bei meinem Anblick erschrocken, und sagte: „O Gott! seid Zhr es?" Dann trat sie einen Schritt näher und verschloß die Thür hinter sich, und mit reizender Verwirrung sagte sie: „So spät habe ich Euch nicht mehr erwarten können. Die erbetene Stunde war längst vorüber. Zch war im Begriff, mich zu entkleiden." Und sie war in der That nur leicht und nachlässig angethan, nicht als wollte sie Besuch empfahcn; darum aber nicht minder schön. Zch mußte mich an ihrer Seite auf ein Ruhebett niederlaffen, und ich fragte mit vieler Ehrfurcht, weswegen sic mich beschieden? Sie erzählte, wie sie von mir gehört, ich sei ein Deutscher und 28 t verwandt mit den Welzern und Kärnthen. Sie habe einige Zeit in Wien gelebt, und eine Frau von Welzer-Spiegelfeld gekannt. Nun hoffe sie von mir Nachricht über dieselbe zu vernehmen. Mittlerweile ich ihren Fragen über die Welzer Bescheid that, setzte sie ein Kredenztischlein mit Wein und Konfekt vor das Ruhebett. In diesem Geschäfte aber konnte sie nicht verhindern, daß vieles Verborgene ans Licht kam, welches sie jedoch sogleich schamhaft zu verhüllen bereit war. Aber ich verlor mehr als einmal das Wort und ward so verwirrt, daß ich nicht wußte, was ich sprach. Ihr Gehen und Kommen, das Spiel ihrer weißen Arme, alle ihre Bewegungen und Reize brachten meine Sinne in Aufruhr. Die junge Dame schien meine Nnrnhe und Verlegenheit zu bemerken, denn sie fragte: ob mir nicht wohl sei, daß ich oft mitten in einer Rede abbreche? — Ich hatte Muth genug, ihr zu erwie- dern: es sei kein Wunder, wenn der beredteste Mann vor der Liebenswürdigsten ihres Geschlechts verstumme. — Sie antwortete mit an- müthigem Lächeln: „Ihr seid zwar auch ein schöner Mann, aber das soll kein Weib aus der Fassung bringen." — Und also gericth das Gespräch auf neue Gegenstände gefährlicher Art. Die Dame wollte auch wissen, ob ich schon geliebt habe, und der Erwählten meines Herzens treu sei. — Da drückte mich von ungefähr das Bild der Madonna auf meiner Brust. Ich aber wähnte, es sei das kein Ungefähr; und die heilige Wehmuth der Gebenedeiten erfüllte mich. — Als die Neugierige ihre Frage wiederholte, gab ich zur Antwort: „Hätte ich geliebt, so würde ich nie davon reden." — Sie belobte meine Denkart, und sagte: „Sie wünsche keinen andern Liebhaber zu ihren Füßen zu sehen, alseinen, der mir gleiche." — Dabei sah sie mir mit bescheidenem, doch durchdringendem Blick in die Auge». Vielleicht wäre ich zu jeder andern Stunde schwach genug gewesen, zu ihren Füßen zu falle». Doch konnte ich nicht mit mir die Allerheiligste vor dieser Irdischen demüthigen. 282 Unser Gespräch stockte. Die Dame schien verdrossen zu sein, oder in Verlegenheit. Da stand ich auf, um mich von dannen zu begeben. Mittlerweile ich meinen Hut nahm, entstand ein Getöse im Nebenzimmer. Die Dame fuhr erschrocken auf, ergriff mich und sprach: „Nm Gotteswillen, Herr, verberget Euch, sonst werdet Ihr unglücklich. Ich bin verrathen." Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Warum mich verbergen? Ich habe doch kein Nebels gethan!" Das Getöse ward stärker. Ich hörte Männerstimmen. Die Dame ward ängstlicher, und wollte mich in die Thür Hineintreiben, aus der sie gekommen war. „Euer Leben ist in Gefahr!" schrie sie. Da traten fünf oder sechs Kerle herein, und als sie mich sahen, zuckten sie das Schwert und riefen: „Macht den deutschen Hund nieder! Gut, daß wir ihn erwischt haben!" — Ich stellte mich an die Wand, zog meinen Degen und sprach: „Was wollet Ihr von mir? Ich bin hieher beschieden, und seid Ihr Meuchelmörder, so bekommt Ihr mein Leben nicht umsonst." — Als sie von diesen Worten erschrocken schienen, und unter einander leise redeten, erhob ich die Stimme lauter denn vorher, und fragte: ob sie mich wollten ziehen lassen? Darauf stürzten drei Meuchelmörder gegen mich. Es entstand ein Gefecht; ich schützte mich mit Mühe gegen ihre Streiche. Da trat die Dame zwischen uns. Man sprach abermals leise unter einander, davon ich nichts verstand. Doch däuchte mich, als hörte ich den Namen des Herrn von Monte-Marciano nennen. Ich mag mich auch leichtlich geirrt haben. Nach einer Weile sagte die Dame: „Ihr seid frei, Herr." Und einige der Meuchelmörder sprachen: „Ziehet von hinnen; aber verlasset Verona, wenn Euch das Leben theuer ist." Dann ergriff die Dame einen Leuchter, und zündete mir vor, bis an die Treppe, leise sprechend: „Ihr seid ein wackerer Mann." — — 283 - Ich antwortete: „Aber wer Ihr seid, weiß ich nicht/' — Sie antwortete: „Unschuldig." Die Magd ließ sich wieder sehen, und führte mich den gleichen Weg zurück, welchen ich gekommen war, bis zu dem Thorhaimer> dem die Zeit lang geworden. Ich war über die Begebenheit voller Zorn und Unruhe. Am folgenden Tage erzählte ich dem Grafen Bevilacqua das Abenteuer. Er war sehr erstaunt, und begriff nicht, was die Spiegelfechterei gesollt; doch gebot er mir, gegen jedermann zu schweige», um mir größeres Unglück zu ersparen. Ein anderer Besuch. Zwei Tage nach jenem Vorfall saß ich spät gegen Mitternacht i» meinem Zimmer, denn ich war kaum von einem Feste gekommen, welches Bevilacqua am Namenstage einer ihm theuern sehr jungen und liebenswürdigen Verwandtin gegeben hatte. Mir sum- sete noch das Getön der Geigen, und ich war so munter, das kein Schlaf in meine Augen kam. Da nahm ich mein Tagebuch, um hinein zu schreiben, und legte das Bild von Sclavani's Madonne vor mir auf den Tisch. Indem ich schrieb, erhob sich draußen ein gewaltiger Sturmwind gegen die Fenster. Darauf bewegte sich der Erdboden unter meinen Füßen, Tisch und Stuhl wankten, und das ganze Haus machte ein seltsames Getöse. Mit großem Entsetzen sprang ich auf und rief Thorhaimern. Im gleichen Augenblick fiel mein Degen, der an einem Nagel der Wand hing, mit großem Geprassel von selbst zu Boden. Ich war erschrocken, daß mir die Kniee wankten. Aber nun ward Alles wieder still im Hause. Nur der Sturm heulte auf den Gaffen. Als ich Thorhaimern in seiner Kammer aufsuchte, fand ich ihn schlafend. Darum wollte ich den Glück- 284 lichen nicht Wecken, und ging zurück. Ich öffnete ein Fenster; auf den Straßen war Alles todt und leer. Nun setzte ich mich zum halbcrloschenen Feuer des Kamins. Zch war voller Furcht, und gedachte abermals Thorhaimern zu rufen, weil ich nicht allein bleiben mochte. Da knisterte es draußen, wie von leisen Fußtritten. Es schlich zu meiner Thür und pochte dreimal. Mich überfiel ein Grausen, ich wußte nicht warum? Doch rief ich beherzt: „Herein, wer draußen steht!" — Die Thüre ging auf. Leise trat ein Mann herein, der mich grüßte. Als ich ihn näher betrachtete, war cs kein Anderer, denn der Spanier, oder vielmehr Herr Alfonso Piccolomini. Er sprach: es freue ihn, mich noch außer dem Bette zu finden. Er wohne mit mir im gleichen Wirthshause, und wolle nicht ab- reisen, ohne mich vorher begrüßt zu haben. Mir that es wohl, einen Menschen zu sehen, und fragte: ob er von dem Vorgefallenen etwas empfunden habe? — Er antwortete ganz gleichgültig: „Es war vielleicht ein Erdbeben. Was ist'S mehr." Da fiel mir seine Gelassenheit auf dem Schweizersee und der bewußte rothe Mantel ei»; und ich nahm mi^ alsbald vor, ihn wegen des Spiritus familiaris zu erforschen. „Ihr seid immerdar unerschrocken," sagte ich, „auch wenn Ihr nicht den rothen Mantel traget, der Euch über die Wellen schifft. Saget mir, wie machet Ihr das?" Er zuckte die Achseln, als wolle er nicht Rede stehen. Ich aber drang mehr und mehr in ihn, bis ich das Gespräch auf den Spiritus familiaris gebracht. Da ging er schweigend mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, blieb einige Male stehen, und ging wieder. Endlich kehrte er sich jählings zu mir mit der Frage: „Da Ihr es denn errathen habet, so antwortet: habet oder suchet Ihr ihn?" 285 „Ich suche ihn. Könnet Ihr mirrathen? — Denn ich glaube, Ihr besitzet ihn." „Wenn Ihr männlich seid, und die Probe besteht, mag Euch werden, was mir geworden ist." „Wer hat ihn? Wie kauft man solches Gut?" „Um kein Geld. Wer den Geist bezwingen will, muß sich zu vor selbst bezwingen. Ihr müsset Allem, was Zhr habet und liebet, entsagen, um des Einen willen, dann werdet Ihr durch ihn Alles haben. Könnet Ihr das?" „Wenn'S vonnöthen ist." „Und müsset lang um ihn dienen und keine Gefahr scheuen. Doch hilft Euch der Feuergeist dienen. Den Spiritus familiarks kann Euch Niemand geben, als der Feuergeist." „Wer ist der Feuergeist?" „Ein Geist des obern Luftkreises; auch leicht zu haben. Wer ihn hat, dessen Leben ist wider alle Todesgefahr in Wasser und Feuer, Luft und Erde geborgen. Schwert und Kugel mögen verletzen, aber nie tödten." „Wie lang muß ich dem Feuergeist dienen?" „Dreimal sieben Monde, dreimal sieben Wochen, dreimal sieben Tage, dreimal sieben Stunden." „Und was verleiht mir der Spiritus familiaris für de» langen Dienst?" „Leben, so lang Ihr wollet; Geld, so viel Ihr bedürfet; alle Freuden, die Ihr begehret, und Kenntniß großer Geheimnisse, die mehr als Leben, Geld und Freude Werth sind." Er sprach darauf Vieles von der Beschaffenheit der Geister und von der Gefahr, mit bösen in Gemeinschaft zu kommen; desgleichen warnte er mich, meine Wünsche nicht jeglichem zu eröffnen. Auch sagte er mir Vieles , dessen Sinn ich nicht begriff. Seine Worte machten einen wunderbaren Eindruck auf mein 286 Gemüth. Doch glaubte ich, daß eS wohlgethan sei, ihn selbst zu versuchen, und sprach: „Da Ihr, Herr Alfonso, mich also warnet vor Betrügern, woran soll ich den Wahrhaften erkennen?" „An guten Zeichen, die er Euch gibt." „So fordere ich von Euch selbst ein gutes Zeichen." „Ich habe eS Euch auf dem See gegeben, da ich Euer Leben rettete. Seid ihr deß noch nicht zufrieden?" „Lasset Ihr es bei dem bewenden?" „Nein, Bastiano, noch eins! Ihr sollet ein anderes haben." Dann ging er zum Tische, löschte die Kerzen aus, und verdeckte die Flamme des Kamins. Dann sprach er einige Worte leise, und ich sah ein bleiches Flämmlein aus seiner Hand steigen, wodurch sein Antlitz schwach erhellt war; cs glich dem Antlitz eines längst Veweseten. „Gut!" sprach er. Das Flämmlein verging. Er zündete die Kerze wieder beim Kamin an. „Hier habt Ihr ein Zeichen!" sprach Piccolomini zu mir: „Entweichet aus Verona. Ihr habet Feinde. Vor achtnndvierzig Stunden war Euer Leben in Noth. Der Ghistlieri will Euch übel, weil seine Gemahlin Euch wohl will. Doch hat er noch nichts wider Euch unternommen. Vorgestern wäret Ihr in Gefahr durch die venetianischen Spione. Doch wurdet Ihr durch List und Liebe einer cdeln Frau gerettet. Sie selbst hat mir eS vertraut." Ich gerieth bei diesen Worten in große Bestürzung. „Was habe ich mit den Venetianern?" rief ich. „Daß Ihr unbesonnen über die Landesregierung gesprochen habet, und von Euerer Gefahr im Gebirg von Tirana und BreScia." Ich erinnerte mich dessen. Da ging Piccolomini am Tisch vor über und sah die Madonna Sclavani'S. — Er nahm das Bild und warf eS gleichgültig nach einiger Betrachtung aus die Seite. „Gebt mir noch ein Zeichen!" rief ich und trat vor ihn. „Es seil" 1 287 „Könnet Ihr ein Wesen in die Welt Hineinzaubern, wie dies? „Warum sollte ich nicht? Wer hat dies Bildniß gemacht? Wie seid Ihr dazu gekommen?" Ich sagte es ihm. Dann fragte er: wen das Konterfei vorstelle, und wo die Person lebe, welcher es gleicht? — „Solch eine lebte nie, oder im Reich himmlischer Seligkeit, oder in der Einbildungskraft des künstlerischen Meisters." „Ihr sollet einer solchen begegnen; aber auch nur begegne» Seid Ihr dann zufrieden mit meiner Kunst, Don Bastiano?" „Zn welcher Zeit wollet Ihr mir ein Wesen zeigen, dieser Himmlischen gleich?" „Reiset Morgen gen PeSchiera," sagte Piccolomini, „da findet Ihr mich. Euer Wille soll erfüllt werden. Doch Mittags seid in PeSchiera. Und daß Ihr mich bei Euch sähet, verschweige jedermann. Gute Nacht!" Er ging davon, und hinterlie.ß mich in unbeschreiblicher Unruhe. Die Bildsäule. Ich konnte nicht schlafen. Das Erdbeben, Don Alfonso'S Besuch, das Gespräch, dann die Hoffnung, die Ueberirdische zu erblicken, die Besorgnis! vor den Venetianern, dies Alles machte mich fast krank. So schwach und müde ich am folgenden Morgen war, fuhr ich dennoch mit Thorhaimern gen PeSchiera. Der Herr von Monte-Marciano stand nach einer Viertelstunde im Wirthshause zu PeSchiera vor mir. Ich mußte Thor- baimern und mein Fuhrwerk zurücklaffen, und in den Wagen des Piccolomini steigen. Vor dem Thore der Stadt verband er mir die Augen, unter dem Vergeben, er wisse nicht, ob ich auch verschwiegen genug sei. Er führe mich, sagte er, auf das Landgut eines seiner Freunde. 288 Die Fahrt dauerte lange. Als wir ausstiegen, war es beginnende Nacht und sehr kühl. Da wir Schritte gegen uns kommen hörten, riß er mir das Band von den Augen. Ich befand mich in einem unbekannten Hause, worin große Pracht zn herrschen schien. Der Schein der Kerzen blendete mich. Ein reichgekleideter Diener führte uns in einen Saal, wo zwei Edelleute, die schon bei Jahren sein mochten, am Kaminfeuer beisammen saßen und Früchte spciseten. Als beide den Piccolomini erkannten, eilten sie ihm mit den Bezeugungen des Erstaunens und der Freude entgegen. Ich vernahm, daß man sich gegenseitig seit zwei Jahren nicht gesehen. Auch Piccolomini verbarg nicht, daß ihm dies Wiedersehen Freude mache. Er stellte mich ihnen als einen Freund vor, welcher die Kunst liebe, und ihr zu Gefallen ans dem deutschen Lande in die italienischen Städte gcreiset sei. Dann fragte er: ob die drei storentinischen Bildsäulen noch vorhanden wären? Der Aelteste der Edelleute, welchen er Don Andreazzi nannte, bejahte es. Nun bat er um Erlaubniß, daß man sie mir sehen lasse. Die Herren lachten und sprachen: „Wie möget Ihr die Schönheit eines Kunstwerks beim Schein der Lampen würdigen? Geduldet Euch bis zur morgenden Tageshelle. Bei Nacht sieht man keine Gemälde und Bildsäulen. Don Al so »so aber sprach: „Es thut mir leid, denn wir dürfen bei Euch nicht übernachten; wenn die Rosse ausgernht haben, setzen wir die Reise fort. Doch nach vier Wochen sehen wir uns ans längere Zeit." Als er sich nun durch kein Bitten abwendig machen ließ, befahl Andreazzi den Dienern, welche Erfrischungen für uns brachten, den Gartensaal zu erleuchten, auch das Nachtmahl zu beschleunigen. Mit großer Höflichkeit drangen unsere gefälligen Wirthe in mich, daß ich Piccolomini solle allein reisen lassen, um ihre kleine Gallcne von Kunstwerken mit Muße und am Tage zu schauen. 289 Allein ich schlug es unter allerlei Vorwand aus. Zwar bei meiner gar großen Ermüdung wäre mir die Ruhe allhicr willkommen gewesen, wenn ich nicht noch begieriger gewesen, zu erfahren, wie Piccolomini mir sein Versprechen erfülle» würde. Nachdem wir einige Erfrischungen genossen, und über die wechselnden Gespräche ein paar Stunden vergangen waren, äußerte Piccolomini nochmals seinen Wunsch wegen der Bildsäulen, welche, wie er vorgab, ich zu sehen vor Ungeduld brenne. Ich wußte nicht, warum er mir diesen Wunsch andichtete, und achtete es für einen Vorwand, daß wir einkchren und die Noffe auSrnhen lassen konnten. Unsere Wirthe führten uns also ans dem Zimmer, eine breite Treppe hinauf, durch einen langen Korridor; dann in einen großen hellerlcuchteten Saal, dessen Wände mit Gemälden behängen waren. In einer geräumigen Nische der Wand standen drei hohe, marmorne Bildsäulen, weibliche Gestalten in Lebensgröße, die eine mit einem Anker, die andere mit einem Buch, die dritte mit einem Kranz, vorstellend die christlichen Haupttugenden, Glauben, Liebe und Hoffnung. Da ich nun an den Gemälden vorübcrging, die gepriesenen Bildsäulen zu schauen, schlug mein Herz gewaltig- lich. Denn der wankende ungewisse Schein der Lichter schien gleichsam den Marmor zu beleben. Nie habe ich ein größeres Meisterstück der Kunst zuvor gesehen gehabt, so wahrhaft dünkte mich Alles. An einer dieser Statuen fehlte die Hand. Don Andreazzi versicherte, die größten Bildhauer hätten sich geweigert, diese Hand z» ersetzen, weil sie nichts so Vollkommenes und Würdiges auSzu- führen wüßten, daß es nicht schändlicher zum Ganzen stehe, als der Fehler. Indem er dies sprach, gähnte er überlaut, und klagte über Schläfrigkeit, vermeinend, der Weihrauch betäube ihn, den die Diener wider seinen Willen angezündet. In der That standen wir fast in einer Wolke von Ranch. Piccolomini aber ergriff mich bei der Hand, drückte sie mir heimlich, und sagte schnell und leise Zsch. Nov. Vll. 10 zu mir: „Betrachtet die Liebe!" Damit führte er mich hart au die Nische der Bildsäulen. Und wie ich dastand, ergriff mich ein gewaltiges Zittern, denn ich erkannte in der mittelsten Bildsäule abermals die Gestalt der Himmlischen, welche ich in der Galierie des Herzogs non Modena gesehen, und davon ich die Kopie besaß. Sie war es ganz — ach, aber nur Stein. „Ich versprach Euch," sagte Piccolomini, „Ihr solltet ihr begegnen. So habe ich denn Wort gehalten " Es warb mir zu Mnth, als sollten meine Sinuc vergehen. Ich hätte nicderstnken mögen und der Ucberirdischcn den Fuß küssen. Meine Augen wurden voller Thränen. Und ich rief einmal um das andere: „Ist es möglich! ist es möglich!" Da riß mich der Herr von Monte-Marciano gewaltsam an sich, und indem er einen Hammer mit der Hand vom Tisch nahm, fragte er: „Glaubet Ihr an die Macht des Spiritus samiliaris? Ich will die Bildsäulen mit dem Hammer zerschlagen, daß die Stücke zu Boden fallen, und in einem Augenblick sollen sic unversehrt wieder vor Euch stehen."— Er hob den Hammer, um also zu thun; aber ich hielt seinen Arm, rnfend: „Was beginnet Ihr doch? Zeiget ein anderes, und gebet diesem Stein Leben, so thut Ihr mehr, als das." Er lächelte, und sagte dann: „Es soll geschehen; aber erschrecket nicht zu fast." Damit führte er mich aus dem Saal, denn der Weihrauch betäubte uns; die Andern waren schon voraus gegangen. AIS wir zu ihnen kamen in das vorige Zimmer, entschuldigten sic sich vielmals, uns vergessen zu haben, und schalten ans den unverständigen Diener. — 2!ll — DaS Gast mahl. Nach diesem wurden wir in den Speiscsaal geführt, wo ein runder Tisch mit den auserlesensten Speisen und Weinen bereitet stand, alles ini köstlichsten Geschirr. Wir setzten uns sogleich, und ein mnntcrcS Gespräch würzte die Lust des Gaumens. Ich aber glich einem Träumer, denn ich konnte die schöne Bildsäule nicht vergessen. Und als mich Don Andreazzi fragte, wie mir die drei Huldgöttinncn gefallen? sagte ich: ich würde die Kunst des gesummten Alterthums für ein einziges Stück von den dreien hinweg geben. Ich mochte nicht mehr sagen, denn ich fürchtete, die Herren dürften meiner Gemüthsbewegnng spotten. Obgleich vier Wachskerzen ans dem Tisch brannten, war es doch nicht hell genug, denn die Kerzen brannten trübe. Aberdas that mir gar Wohl, denn ich hätte mich vor Allen verbergen und nur der Himmlischen allein gedenken mögen. Da schmälte Don Andreazzi und ließ vier andere Kerzen anzünden. Aber wie dieselbe» zu uns gestellt wurden, glimmten sie sogleich trübe. Indem geschah ein schwerer Fall, wie es schien in einem Zimmer neben dem, wo wir zu Tische saßen; Alle fuhren erschrocken auf, aber ich blieb rnbig, denn mein Herz war Wohl von ganz andern Dingen verschlungen. Als sie noch darüber sprachen, ist ein Diener gekommen, der meldete: in der Gallerie sei die mittelste der Bildsäulen von selbst nmgefallcn und ans der Nische hervorgestürzt. — Da warf mir der Herr von Monte-Marciano einen Blick zu, und gab mir dadurch zu erkennen, daß nun geschehe, was ich begehrt. Don Andreazzi aber, der mir gegenüber saß, war plötzlich erschrocken, und verließ seinen Sitz, um zu sehen, wie sich das Unglück zugetragen, und ob Schaden an der Statue geschehen sei. Ich bebte von innerlichem Froste, und konnte keine Speise mehr nehmen; auch fehlte mir aller Muth zum Reden. 2S2 Mitterweile hörten wir an dem einen Ende des SpeisesaalS sehr schwere Tritte; nnd als ich die Augen dahin richtete, erblickte ich die Bildsäule der Himmlischen, und sie schritt mit langsamem Gange vorwärts. Auch Piccolomini hat sie gleich bemerkt. Aber der Freund des Don Andreazzi, dessen Name mir entfallen, schien mit Taubheit und Blindheit geschlagen zu sein; denn er hörte nichts, wiewohl der Fußboden mit jedem Schritt der Bildsäule bidmete; sah auch nicht um, von wannen das Getöse kam, sondern füllte meinen Becher, und ermahnte mich zum Trinken, sagend: „Die Herren Deutschen verschmähen sonst unsere Weine nicht!" — Allein es ist mir alle Kraft gewichen, und obwohl mir die Zunge trocken ward, wie ein Scherben, mochte ich den Becher nicht aufheben, sondern ich starrte unaufhörlich die wandelnde Bildsäule an. Schritt um Schritt kam sie näher, blieb am leeren Stuhl vor mir stehen, und obwohl sie hart am Freunde des Don Andreazzi stand, bemerkte er doch ihr Dasein nicht, sondern sah gleich einem Blinden gleichgültig über Alles hin, und sprach lustig lebhaft fort, und Piccolomini mußte ihm antworten. Als er bemerkte, wie ernsthaft ich geworden, setzte er mir nur eifriger mit Trinken zu; auch Piccolomini also, der mir den Becher aufdrang, sagend: ich sei blaß und nicht recht wohl. Schweren Schrittes war die steinerne Gestalt am Tisch vorbei. O wie soll ich ausdrückcn die Würde, Holdseligkeit und süße Betrüblich in den Geberden dieses schönen Antlitzes! Und wie soll ich sagen, was meine Seele empfunden hat? Ich war fortan meiner selbst unbewußt, und sah nicht mehr, was um mich war und sprach, sondern allein die HimmelSgestalt, die mich mit Grauen, Wollust und Schrecken erfüllte. Ich gedachte aufzuspringen, nnd die Wundergestalt oder das Gaukelspiel noch einmal so nahe zu betrachten; doch sind mir die Knie eingebrochen, als wären meine Sehnen zerschnitten. Der Herr von Monte-Marciano winkte mit gebieten- 283 de» Augen, daß ich keine Bewegung mache. Und also verlor sich die Bildsäule im Hintergründe des Speisesaals, ohne daß ich in der daselbst herrschenden Verschattung wahrnahm, wohin sie gekommen. Bald darauf trat Don Andreazzi lachend herein, und sagte: er habe lange keinen Diener zwingen können, mit ihm in die Gal- lerie zu gehen; denn die Bildsäule sei in der Gallerie umgewan- delt, wie etliche versichern, die es gesehen haben wollen. Als er endlich den Herzhaftesten mit sich genommen, wäre die Bildsäule in der Nische zwischen beide» andern unverrückt auf der alten Stelle gestanden, also, daß die Diener entweder voll Weines oder Narrheit gewesen sein müßten, um sich so thörichte Dinge einzubilden. Ich aber wußte wohl, was davon zu halten sei; doch äußerte ich, wie billig, meine Gesinnungen nicht, aus Furcht vor Piccolomini, der unsere Wirthe lautlachend in ihrem Zrrthum bestärkte. Der Wein machte das Gespräch lebendig, und des Scherzes und Gelächters war kein Ende, bis nm Mitternacht. Da hörten wir den Wagen Vorfahren, und wir nahmen frennd- lichcn Abschied von Don Andreazzi; auch mußte ich diesem verheißen, wieder bei ihm einzukehren, wiewohl ich nicht wußte, wo ich mich befand. Darauf stiegen wir, der Herr von Monte-Mar- ciano und ich, in den Wagen und fuhren nach PeSchiera. Der Vertrag. Als wir allein waren, verband mir Don Alfonso abermals die Augen, wie zuvor, da wir gekommen waren. Doch that es nicht Noth, denn der Schlaf trieb mir die Augen mit Gewalt zu, also, daß ich, nach kurzem Gespräch, wie gefühllos hinsank. Auch bin ich nicht erwacht, bis vor den Thoren des StädtleinS PeSchiera, wo mich mein Begleiter rüttelte, und mir die Binde vom Gesicht nahm. Da war schon der Tag im Anbruch. 294 Wie ich nun die Stadt wieder sah und daS WirthshauS, und bald darauf auch den Thorhaimer, meinte ich nichts anderes, als cs sei Alles ein Traum gewesen, was ich in vergangener Nacht gesehen. Aber Don Alfonso nahm mich auf die Seite, und sprach: „In einigen Stunden reise ich von hier wieder ab, und lasse Euch allein, Bajiiano. Ihr habet die Macht des Spiritus familiaris erfahren. Bei Euch steht es nun, ihn zu erhalten, und mich wieder zu sehen." „War also doch kein Traum, noch Blendwerk, was ich erfahren?" rief ich. „Es sind nur Kleinigkeiten gewesen, die ich Euch zeigte. Bedenket Euch, was Ihr nun beginnen wollt." „Es ist schon so gut als bedacht. Ich will mit dem Feuergeist dienen dreimal sieben Monden, sieben Wochen, sieben Tage. Aber wie verschaffe ich mir den Feuergeist? „Das werdet Ihr seiner Zeit vernehmen. Jetzt begehre ich von Euch drei Dinge, ohne die Ihr selbst den Fcuergeist nicht gewinnet. Diese drei sind: Verschwiegenheit, Aufrichtigkeit des Herzens , und Sclbstverläugnnng. Wollet Ihr die gewähren?" Als ich zngesagt hatte, fuhr er fort: „So machet Eure Prüfung. Ihr sollet schweige» gegen Jedermann von dem, was Euch widerfahren ist, wie von dem, was Ihr suchet. Ein Wort raubt Euch Alles. Dann sollet Ihr mir angebcn, wie viel Ihr Gelder erheben könnet; doch tausend Goldstücke müsset Ihr bereit halten, sie dem zu geben, der Euch das Geheimnis? des Fcuergcistes verkaufen wird." Ich erschrak und sprach: „So viel Geldes habe ich nicht; weiß es auch nicht zu schaffen vor zwei Monaten." Er zuckte die Achseln und sagte: „Am ersten Tag des Maien findet Ihr mich hier wieder, Bastiano. Wäret Ihr bis dahin verschwiegen, und habet Ihr die Summe anfgetrieben, so kommet gen Peschiera, mich aus diesem 295 Hause abzuholeu. Alles Andere wird sich dann finden. Doch sage ich Euch, daß Ihr nicht so bald nach Deutschland zurückkommen werdet, sintemal Euch andere Dinge zu thun aufgehoben sind. Ihr werdet hinausgehen ins Feld, und Euch als tapferer Kavalier im Krieg herumtummeln, und lustigS Leben führen zwischen Leid und Freud." Darauf versprach ich ihm, nach Hause zu schreiben wegen der großen Geldsumme, und sollte ich dieselbe bis zur bemeldeteu Frist cmpfahen, mich gehorsam in Peschiera einzustellen, und das klebrige zu erwarten. Also verabredeten wir Alles miteinander; darauf schied er von mir, und, wie er hoffte, auf Wiedersehen. Ich begab mich aber mit Thorhaimern nach Verona, und schrieb sogleich den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen nach Deutschland, mit inständigem Verlangen, die nothwendige Geldsumme vor dem ersten Tag des Maien zu erhalten, wenn nicht Alles verloren sein solle. In Verona hatte Niemand meine Abwesenheit bemerkt. Auch stellte ich mich gegen Bevilacqua und alle meine Freunde, als sei nichts vorgefallen. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lustbarkeiten aller Art, woran cs nicht fehlte. Auch hatte ich kein Unglück bei den Weibern, denn sic haben die Deutschen gern, und glauben, der Deutsche sei treuer, als der. Welsche. Doch hütete ich mich wohl vor der Donna Mathilde, des Ghifiliere Gemahlin, wiewohl sie keine Anlockungen sparte. Denn Don Alsonso hatte mir wahr gesprochen, und nicht vergeblich gewarnt, wie ich nachher erfuhr. Als nun die schöne Jahreszeit anrückte, ward mir bange, ich sei vom alten Welzcr vergessen worden. Denn es kam weder Brief noch Geld. Auch rüstete sich Bevilacqua zur Reise nach Nom, und bat mich inständiglich, ihn zu begleiten. Aber ich blieb unter allerlei Vorwand in Verona zurück, und er reifete allein dahin ab; jedoch gab ich das .Versprechen, ihn dort aufzusuchen, wen» mich der Weg durchführe, denn ich würde eine große Reise durch Italien während der Sommerszeit thun. Ein Mord. Am siebenundzwanzigsten Tag des Aprils hatte ich großes Glück und Unglück zugleich. Denn an diesem Tage empfing ich einen schweren Brief mit Wechseln und Anweisungen, Geld zu erheben, mehr als ich vonnöthen hatte. Der alte Graf war ob dem Wohlgelingen meiner Nachsuchungen hocherfreut; doch gebot er mir, zu trachten, den Spiritus familiaris früher zu Händen zu bekommen, als im Vertrag mit Don Alfonso ausgemacht war, und sollte es auch noch einmal so viel kosten. Da rief ich Thorhaimern, und gab ihm Befehl, Alles zur Abreise zu rüsten; gab ihm Geld, unsere Schulden zu tilgen, und noch mehr, um sich gütlich zu thun. Denn ich war außer mir vor Freuden, also nahe am Ziel zu sein und dem Herrn von Monte- Marciano Wort halten zu können. Darauf eilte ich, Abschied von meinen vcronestschcn Freunden zu nehmen, und ging auch hinaus vor das Thor, wo Don Ghifiliere ein feines Landgut besaß, um ihm und seiner schönen Frau Lebewohl zu sagen. Als ich dahin kam, führte mich eine Magd zu ihrer Frau; denn der Herr war nicht anwesend. Wie ich nun mit Donna Mathilde allein war, und ihr sagte, daß ich Verona zu verlassen gedächte, konnte sie ihre Bestürzung nicht verbergen, und der Glanz ihrer Augen erlosch in Thränen. Ich gerieth in große Bangigkeit, da ich die schöne Frau weinen sah. Und als sie ihrem Schmerz Gewalt anthat, und mich durch die Thränen anblickte, indem sie lächelte und mir die Hand bot, ward mein ganzes Herz innig bewegt; denn sie war der Madonna des Meisters Sclafani 297 fast ähnlich worden. Auch hätte ich den sehen mögen, der hier widerstanden hätte. Ich bog meine Knie und küßte ehrerbietig die zarte Hand. Darauf sprach sie: „Don Bastiano, Ihr habet diese Thränen nicht verdient; denn Ihr liebet mich nicht, und scheidet mit Freuden ans Verona. Aber ich kann es nicht ändern. Gott und die Heiligen wollen Euch geleiten." „Ich scheide nicht mit Freuden," antwortete ich, „und am wenigsten von Euch, holdselige Frau; aber meines Bleibens kann nicht in Verona sein; und es ist meine Heimath fern von hier. Darum, weil ich doch muß, wenn auch nicht mit Lust und Willen, vergönnet, daß ich mich Euerm Angedenken empfehle." Sie hob mich auf und sprach: „So gehet denn. Ihr habet hier nichts verloren. Euer Andenken ist nur allzuwohl verwahrt; möchte also das meinige in Eurer Brust sein. Aber ihr Männer ohne Herz und Freundschaft gehet kalt wie Salamander durch die Gluthen, in denen die Frauen vergehen. Hinterlasset mir nur das Wort, mich noch einmal zu sehen, bevor Zhr aus Italien ziehet." Ich gab ihr das Wort, und sie verlangte ein Unterpfand, und schnitt mit der Scheere mir eine Haarlocke vom Haupt. Da verlor sie das Weinen, und sah mich mit flammenden Augen an, daß cS mir tief in die Seele fuhr, und sprach: „O könnte ich doch, wie das gelbe Haar, Euch Alles rauben und nehmen, dies Gold, diese blauen Augen, diesen Mund, diese Geberden, diese Seele; Euch häßlich mache», daß Jede vor Euch flöhe, ich würde Euch doch lieb haben." Und mit diesen Worte» legte sie sich leise weinend an meine Brust. Es that mir recht im Herzensgrund weh; ich hielt sie fest in meinem Arm; da ward sie stumm und still, und hatte die schwarzen Angen sanft geschloffen. Sie seufzte wieder und sprach: „Könnte ich nur sterben!" — Dan» stieß sie mich zurück, und sagte: „Geh', schöner Verräther, und brich mir das Herz/' Da vergaß ich alle meine Gelübde, meine Vorsätze, den Spiritus familiaris und Sclafani'S Heilige; ich ward zur Feucrstamme, und schwur: Ich gehe nicht! Das schwur ich bei allen Heiligen, und nahm die Donna Mathilde gewaltsam in meinen Arm, und wiederholte ihr den Schwur, Indem ging die Thür auf, und es geschah zu gleicher Zeit ein MuSketcnschuß, der das Fenster, an dem wir standen, zersplitterte, Don Ghisilicri stand an der Thür, bleich wie ein Gespenst, mit hellfunlelnden Augen, „Ungeheuer!" schrie ihm Donna Mathilde entgegen, „willst du auch diesen ermorden, so ermorde mich denn zuvor," „Ha, Vermaladeite," schrie Don Ghisilieri, „fehlt'die Kugel, trifft ihn das Eisen." Damit hatte er die Büchse zur Erde geworfen, und den Degen gezogen, um mich zu übermanncn. Ich trat ihm aber mit gezücktem Degen entgegen, und rief: Don Ghisilieri, mäßiget Eure Wuth; denn ich beschwöre Euch, es ist nichts Unerlaubtes geschehen. Ich komme, Valet zu sagen, und werde Verona nicht wieder sehen, Donna Mathilde ist die Edelste und Reinste ihres Geschlechts, und Ihr seid ein wahnsinniger Mörder," Da er aber immerfort auf mich eindrang, und Donna Mathilde mit ihren Armen mich hinderte, warf ich sic zurück, und wehrte mich tapfer. Der Unglückselige sah im Zorn nicht, was er that, und lief blindlings in meinen Degen, indem er mich zu durchbohren gedachte. Als er in seinem Blute kläglich niedcrstürzte, schrie Donna Mathilde aus Leibeskräften um Hilfe., Dann kamen ihre Mägde und Diener, die Diener aber alle bewaffnet; einige derselben hoben ihren Herrn auf und trugen ihn hinaus. Da hörte ich ihn sagen: „Laßt ihn nicht entwischen," Ich ward plötzlich rücklings zu Boden gerissen; Andere knieten auf mich nieder und entrissen mir den blutigen Degen. Donna Mathilde fuhr mit entsetzlichem Geschrei durch das Gemach und wollte es wehren, daß man mich bände. Aber sie banden mir dennoch Hände und Füße, daß ich ganz in ihrer Gewalt war, und trugen mich hinaus in ein finsteres Kämmerlein, wo ich niete Stunden auf einem harten Bett liegen blieb. Da hatte ich Zeit, mein Schicksal zu überlegen, welches jetzt anfing, mich zn verfolgen; und ich empfahl mich Gott und den lieben Heiligen, und bereuete alle meine Sunden von Herzensgrund*). Als es schon dunkle Nacht geworden, brachte man mir Trank und Speise, löscte meine Bande und sagte, ich sei ein Gefangener und müsse vor Gericht; denn Don Ghifilicri sei nach einer halben Stunde Todes verblichen und ich als Mörder desselben angeklagt. Darauf legten sie mir eine Kette an Hand und Fuß, führten mich hinaus in einen Wagen, und brachten mich zur Stadt in ein Gefängnis;. Neben dem Wagen gingen mehrere bewaffnete Gerichtsknechte. _ Der Tag zu Peschiera. Der Kerkermeister war ein harter und unbeweglicher Mann, denn er gestattete mir nicht, weder den Thorhaimer zu sehen, noch demselben zu schreiben; doch verhieß er mir, daß wenn das Urtheil über mich ausgefällt sein würde, solle ich sprechen, wen ich wolle, auch Geräth empfangen, meinen Verwandten zu schreiben. Bis dahin solle ich mich ruhig verhalten, und meine Seele vorbcreiten, denn ich werde schwerlich mit dem Leben entkommen, da die ganze Familie des Do» Ghifilicri meine Hinrichtung verlangen müsse. *) Hier folgen im Original einige andächtige Betrachtungen mit Gebeten untermischt, die gegen das Vorhergehende wunderlich genug absicchen. 300 Dieser Zuspruch erfüllte mich mit großem Schrecken; den» ich kannte die Macht der Familie Ghisllierl und die Strenge der Gesetze bei den Venctianern. Zudem hatte ich keinen, der sich meiner erbarmen konnte, als Thorhaimern, oder höchstens Donna Mathilde. Allein ich durfte auf jenen nicht hoffen, und noch minder, daß die letztere sich für den Mörder ihres Gemahls verwenden werde. Auch ist es von beiden nicht geschehen. Die erste Nacht im Kerker verstrich mir langsam unter Kummer und Schrecken, und ich konnte kein Auge schließen. Um die Mitternachtsstunde hörte ich von Zeit zu Zeit an den Hängschlöffern vorder Kerkerthür rütteln; oder Fußstapfen neben mir hingchen; oder ein stilles Seufzen neben mir, wie eines Menschen, der sterben will. Beständig war mir Don Ghistlieri'S blutiger Leib vor dem Gesicht, und ich konnte cs nicht wegwische». Ich brachte darauf die Nacht im Gebet zu, und erwartete mit Ungeduld das Tageslicht. Am andern Morgen fragte ich den Kerkermeister, ob er vorder Thür gewesen in der Nacht, und von wannen das ängstliche Seufzen möge zu mir gedrungen sein? Er schüttelte den Kopf und sprach: er sei nie vor der Thür gewesen und Niemand. Doch sollte ich nicht zagen, denn cs sei noch keinem Leides in diesem Gemach widerfahren, wiewohl alle geklagt hätten, die vor mir darin gewesen. Dies nächtliche Uebel sei entstanden, seit der BergamaSker Ruggieri sich darin mit eigener Hand erdrosselt habe. Dieser Ruggieri hatte einen Mönch erschlagen und die Kirche zu Marostiea beraubt. Da bat ich ihn, er möge mir ein anderes Gemach geben; er aber weigerte es und ließ mich wieder allein. So verging ein Tag nach dem andern; und ich erwartete immer, vor daS Gericht gestellt zu werden. Allein erst am dritten Tag erfuhr ich, daß die Richter nicht versammelt wären um der Ferien willen, und ich mein Schicksal in Geduld erwarten müsse. Das brachte mich in große Betrübniß, denn ich wünschte zuletzt lieber den Tod, als in diesem Aufenthalt länger zu sein. In jeder Nacht vernahm ich das ängstliche Geräusch und Seufzen, und ich glaubte oft einen finstern Schatten in dem Gefängniß auf und ab wandeln zu sehen, daß es mir die Haare bergan trieb. Am allertraurigsten fing ich die Nacht vor dem ersten Tag des Maien an, sintemal der Kerkermeister mir gesagt, ich werde an diesem Tage vor das Gericht gestellt werden, Rede und Antwort zu geben. Nun erwartete mich Don Alfonso Piccolomini in gleicher Zeit zu PeSchiera, mir den Feuergeist zu schaffen. Ich warf mich auf die Knie und weinte und betete zu allen Heiligen. Da zog ich auch das Madonnenbild von Sclafani hervor, und warf mich vor ihm nieder, und flehte mit Inbrunst um Erlösung und Gnade: denn ich war mir bewußt, Don Ghifilieri'S Leben nicht muth- willigerweise geraubt zu haben. Da ward mir wunderbar aller Schmerz gestillt, und ich stand sreudiglich von den Knien auf, und that das heilige Bild wieder an meine Brust. Auch schlief ich sanft ein, wie ich noch in keiner Nacht geschlafen hatte. Jedoch um Mitternacht erwachte ich wieder; denn es ließ sich abermals ein seltsames Getöse neben mir hören. Ich horchte, und vernahm mit Entsetzen aus der großen Stille das Seufzen des Sterbenden. Da empfahl ich mich Gott und der heiligen Jungfrau und der Madonna Sclafani'S; dann schloß ich die Augen. Doch nicht lange. Es berührte Jemand meinen Fuß, und eine unbekannte Stimme rief: „Don Bastiano, her!" und ein Hund brummte und bellte vor meines Kerkers Thür. Da ward es wieder still. Aber ich fuhr mit großem Entsetzen vom Lager auf. Da ich nun um mich her sah, erblickte ich am Fußboden in der Mauer ein Loch, und eine menschliche Gestalt kam dadurch hervor, sagend: „Don Bastiano, her, Ihr seid frei. Schlüpfet durch, mir nach." Das däuchtete mir eine süße Musik; und ich legte mich anf den Erdboden, und kroch rücklings, mit den Füßen voran, — 302 — Lurch das Loch. Als mich aber der enge Raum und die Kette hinderten, mich weiter zn bewegen, ward ich mit Gewalt bei den Füßen herauSgezogc». Da stand ich aus einer hohen, zerfallenen Mauer, neben einem runden Thürmlein, worin mein Gemach gewesen. Und ein starker Mann lüpfte einen viereckigtcn Stein in das Loch der Thurniwand, und setzte es mit andern behauenen Steinen zu, wie es zuvor gewesen. Dann schlang er mir ein Seil um den Leib, band es fest und sagte: ich solle von der Mauer steigen und mich auf ihn verlassen. Das that ich auch. So ließ er mich zur Erde. Wie ich den Boden berührte, empfing mich ein Anderer, der mich nahm und das Seil lösete. Nachdem er mich durch einige kleine Krautgärtcn geführt, kamen wir auf die Landstraße zu einer Kapelle, wo zwei Nossc angebunden standen. Er leitete mich in die Kapelle; da feilte er mir beim Schein der heiligen Ampel die Kette mit leichter Mühe von Hand und Fuß, und deutete, ich solle eines von den Nossen besteigen, welches auch geschah. Nun jagten wir die Landstraße entlang bei Sternenlicht; er voran, ich nach. Ich dankte Gott und der heiligen Jungfrau in meinem Herzen für die gnädige Erhörnng meiner Bitte, und sobald mein Befreier langsamer zu reiten anfing, machte ich mich zu ihm, und sprach: „Ei, Lieber, Ihr habet mich aus großer Noth erlöst; wer seid Ihr, oder wer sendet Euch? und wem muß ich für meine Rettung danken?" Er aber winkte mir bloß mit der Hand, ihm zu folgen, und gab dem Gaul die Spornen in beide Seiten. So habe ich mich in derselben Nacht oft an ihn gemacht, und ihm die gleiche Frage gethan; er aber hat mir niemals Bescheid gegeben, sondern mir wie das erste Mal gewinkt, und schärfer geritten. Als ich ihm nun keine Rede abgewinne» konnte, stellte ich meine Neugier zufrieden, und folgte ihm nach, ohne zu wissen, 303 wohin. Ich aber war so wohlgcmuth, wie seit langer Zeit nie, und hätte singen mögen und jauchzen. Die Nacht war lieblich warm, und die ganze Luft vom Duft der wohlriechenden Blumen gewürzt. Wie die Sterne über uns zu erbleichen anfingen, und zu unserer Rechten die GebirgSgipfel hell wurden, verdoppelte mein unbekannter Erlöser seine Eile, bis tvir ein Wäldchen von Eichen hinter einem Dorfe erreicht hatten. Da ritt er langsamer, und kam zu mir, und deutete, ich solle voran, wie ich auch that. Da ich ihn aber weder neben noch hinter mir ferner hörte, sah ich mich nach ihm um, und er war verschwunden. Ich wartete lange, und meinte, er werde wo verweilt haben, und noch kommen; ritt auch deshalb eine Strecke Wegs zurück. Allein mein Harren blieb eitel; darum setzte ich meine Straße fort, und war nur ans eigene Sicherheit bedacht. Doch ging es von nun an langsam, denn das Noß war sehr ermüdet. Mit Tagesanbruch ward ich eine Stadt gewahr, die vor mir lag, und als ich näher kam, sah ich, daß cs Peschiera war. Da schlug mein Herz hoch von Freuden, denn ich gedachte sogleich, es sei der erste Tag des Maien, und der Herr von Monte-Mar- ciano da. Auch hatte ich nicht geirrt. Denn wie ich zum WirthshauS kam, und in ein Zimmer geführt ward, trat mir Ton Alfonso in Schlaskleidern entgegen, sprechend: „Willkommen, Don Bastiano, Ihr habet schon einen scharfen Nltt gcthan; aber auch ich bin diese Nacht erst von Mailand gekommen. Ich gehe, mich anzukleiden, denn für Euch ist hier kein SäumenS. In dieser Stunde tritt der Kerkermeister in Euer Gefängnis, und da er Euch nicht findet, bringt er Verona in Aufruhr. Zum Glück ist Donna Mathilde in einem Kloster; auf sie fällt also kein Verdacht wegen Eurer Flucht. Ihr sehet denn also, daß ein Spiritus familiaris kein gemeines 304 Ding sei, weil wir auch unfern Freunden Beistand leisten können. Schicket Euch nur zur weitern Reise an." Ich fiel ihm um den Hals und dankte ihm, daß er mein nicht vergessen, und fragte, ober mir den Feuergcist geben würde, wie er versprochen; die Geldsumme sei dafür in Bereitschaft. Er schlug das Geld aus, und sagte, er habe nichts zu verkaufen; er wolle mich aber zu dem Manne führen, der mir ihn ablassen wolle. Dann gebot er mir, meine Kleider zu ändern, auf daß ich nicht durch sie den Venetianern verrathen würde. Bei Viesen Worten führte er mich ans dem Zimmer, weil der Wirth hereinkam, und brachte mich in das Gemach, wo er geschlafen hatte. Da kam der Thorhaimer mit Freudengeschrci gegen mich und fiel vor mir auf die Knie und küßte meine Hände, indem er vor Freuden laut weinte. „Gottlob, daß ich Euch wicdersehe, denn hier erwarte ich Euch schon seit zwei Tagen, und ich verzweifelte fast." So sprach er. Und da uns Don Alfonso allein ließ, erfuhr ich von Thorhaimern, wie desselben Abends, da ich Don Ghistlieri erstochen, ei» fremder Mensch zn ihm gekommen, der ihm in meinem Namen befohlen, eilfertig alle Habschaft aufzupacken und gen PeSchiera zu flüchten, wohin auch ich zum ersten Tag des Maien kommen und ihn abholen werde. Er habe demnach mit großer Furcht und Bangigkeit gefolgct, wie ich befohlen, und Tag und Nacht für mich gebetet. Diese Rede ThorhaimerS machte mir allerlei Gedanken. Doch ließ ich ihn bei seinem Jrrthum und sagte gar nicht, was ich ver- muthete, sondern sprach nur: „Du hast wohlgethan, Thorhaimer!" Nach diesem ist Don Alfonso wieder hereingetreten, mit Kleidern aller Art, und einer kleinen Salbenbüchse. Er gebot mir, mein Haar mit der Salbe zu schwärzen, und die Kleider anzulegen, die er gebracht. Ich gehorchte denn auch, und schien mir in der Kleidung ein ganz anderer Mensch zu sein. Es war aber ein grünes 30ä Wamms, roth durchbrochen, ein scharlachsarbencs Leiblein mit goldenen Nesteln, und ein Baretlein mit schwarzen Federn/ Auch färbte ich mir Haupthaar, Bart und Augenbrannen. So ritten wir nach wenigen Stunden wieder von Peschicra aus, hinter dem Herrn von Monte-Marriano her, als wären wir seine Leibknechtc oder Reisige, die er geworben, Die Einsiedelei. Wir ritte» aber den ganzen Tag, ohne Aushören, und hielten nur an, wenn wir unser» Nossen Zeit gönnen mußten zun, Futter. Des Abends kehrten wir in ein einsam gelegenes Bcrghäuelein neben einem Wald ein, wo uns der Bauer mit schlechtem Wein und. grober Neiskost bewirthcte. Auch mußten wir drei neben einander auf Strohlager schlafen, weil kein Bett vorhanden. Aber ich that einen süßen Schlaf nichts desto minder, und vergaß alles überstandene Ungemach. O güldene Freiheit, wie Werth bist du! Am ander» Tage setzten wir unsere Reise gar gemächlich fort, dem appenninischcn Gebirg entgegen, und hielt uns Niemand auf und an. Aber wir weilten in keiner Stadt, sondern Don Alfonso umging sic jedesmal. Am Abend des dritten Tages blieben wir in einem Dorfe, am Ufer eines großen Flusses gelegen. Da vernahm ich mit Erstaunen, dies sei der Po, welchen wir doch schon den Tag vorher hatten hinter uns liegen lassen. Ich hatte also nicht darauf geachtet, daß wir auf nnscrm Weg einen großen Kreis beschrieben. Don Alfonso verließ uns hier, und kam erst in der Nacht spät zurück. Wie Thorhaimer des Morgens die Pferde rüstete, sagte Don Alfonso, es sei nicht vonnöthen; wir würden diesen Tag hier verweilen, um den armen Thiercn Ruhe zu lassen. Das war dem Zsch. Nor. VII. 10' l« 306 guten Thorhaimcr gar recht. Ich erfuhr aber ein Andere»', nämlich, daß ich nahe daran sei, den Fcnergeist zu erhalten. Nachdem wir uns mit Speise erquickt, sagte der Piccolomini, er wolle mich zum Zeitvertreib in der Gegend hcrumführcn, und da er mich allein hatte, sagte er: „Nehmet die Geldsumme, und folget mir,. Don Bastiano, wir sind am Ziel." Ich zeigte ihm die Summe in Wechselbriefen auf Genua und Venedig. Da er die Papiere gelesen, sagte er mit zufriedenem Angesicht, es gefalle ihm wohl; ich solle Alles zu mir thun. So gingen wir fort, bis wir zu einem Walde kamen, in welchen wir hinein mußten. Don Alfonso wußte guten Bescheid, denn die Wege waren schlecht, oft gar unkenntlich. Endlich kamen wir in ein dichtes Gebüsch, und erblickten hohe eingefallene Mauern, wie von einem ehemals hier gestandenen Kloster. Neben den Trümmern und ciucr Felswand war ein sauberes kleines Haus, darauf ein Kreuz; unfern eine Kapelle. Als Piccolomini au die HauSthür gepocht, ward uns dieselbe von einem alten Waldbruder geöffnet, der uns hinein ließ. Der Waldbrndcr war von gar ehrwürdigem Ansehen, und hatte eine aufrechte, majestätische Gestalt, und raschen Gang, wie man von seinem hohen Alter nicht hätte erwarten sollen. Da sagte ihm Don Alfonso sein Begehren, wie ich den Feucrgeist verlange und dafür zahlen würde, was er fordern möge. „Ich bin von Euer« Wünschen unterrichtet," sagte der Waldbruder zu mir, „und will Eurer Bitte nicht entgegen sein. Gehet - in die Kapelle und leget die Kaufsummc auf den Altar; dann verrichtet Euer Gebet daselbst und kommet wieder, wenn Ihr die Glocke läuten höret." Ich that auch, wie er es geheißen; ging in die Kapelle, legte die Summe ans den Altar, und verrichtete mit bußfertigem Sinn meine Andacht. Da erscholl in der Kapelle ein entsetzliches Gebrüll, 307 welches weder mir eines Mannes noch eines wilden ThiereS Stimme zu vergleichen war. Es erschütterte mich dnrch Mark und Bein. Aber da die Glocke nicht läutete, blieb ich vor dem Altar, und dachte, es könne mir auf so geheiligter Stätte der böse Feind nichts anhaben. Ruch geschah nichts weiter; doch grausete mir. Endlich tönte das Glöcklein silberhell über der Kapelle, und ich ging hinaus. Der Waldbruder erwartete mich an der Thür seinerKlause, und »ahm mich bei der Hand. Wir gingen in die verfallenen Kloster,nauern. Da führte er mich in eine Zelle, die noch ziemlich wohl erhalten war. Darin stand Piccolomini mit entblößten, Degen. Ein blauer Teppich hing in, Hintergründe der Zelle von der Wand herab. Mit dem Rücken dicht an diesen Teppich stellte mich der Einsiedler; vor mir ein Nauchgefäß, welches Wohlgerüche dampfte. Keiner redete. Der Einsiedler und Piccolomini sprachen nur durch Zeichen. Auch mir ward gedeutet zu schweigen. Darauf sinv die beiden vor mir stehend znm Nauchgefäß getreten, und haben jeder ein kristallenes Fläschlei» hcrvorzogen ans dem Wainms und Busen, und solches in die Wolken des Weihrauchs gesteckt. In gleicher Zeit geschah ein nngehcnrer Fall, daß die ganze Erde zitterte und der Kalk von den Wänden der Zelle ließ. Es war eine alte Mauer, welche unweit der Zelle gestanden, und „„» znsammengesiürzt war, daß der Staub hoch ging und die Lust vcrsinstcrte. Piccolomini und der Einsiedler blieben dabei gar gelassen, als sei nichts geschehen. Mir ward dabei nicht Wohl, denn ich mcintc, die Zelle könne über „ns znsammcnstürzen. Doch ließ ich'S nicht verspüren. Rach einiger Weile sind die beiden abermals zum Nauchgefäß gegangen, und haben ihre Fläschlein darüber gehalten. Da geschah hinter unrein entsetzliches Gebrüll, wie von einem Nnthier; auch merkte ich ein Schnauben und Wehen im Nacken. Es war SOS dies Gebrüll, wie cs mich schon in der Kapelle vor dem Altar geschreckt hatte. Weil aber der Einsiedler, desgleichen Don Alfons» gar ruhig verblieben, mochte ich anch weder Angst noch Neugier rcrrathen, wiewohl mir insgeheim das Herz bebte. Ich vermnthete wohl, man wolle meine Unerschrockenheit erprüfen, oder der Fener- geist scheue sich, in meinen Dienst zu gehen. Als die beiden ihre Fläschlein zum dritten Male i» den Rauch stießen, hat es mich hinten am Wamms gefaßt, von der Erde in die Höhe gezogen, und dreimal gewaltig gerüttelt, wie einem Kindlein ein starker MannSarm mag. Ich griff vergeblich nach meinem Schwert, dieweil ich vermeinte, ich schwebe in Gefahr — aber ich war wehrlos. Doch ward ich alsbald gemach zu Boden gelassen. Darauf wandte ich mich um, und sah mit Grausen unter dem blauen Teppich hervorgegaugcn einen Elephanten, der den Rüssel vor mir senkte, dann ihn wieder gegen mich streckte mit einem Fläschlein von Kristall, gleichwie der Einsiedler und Piccolomini hatten. Da winkte dieser mir freundlich, es dem Elephanten abzunehmen, welches ich sofort that. Darauf ergriffen mich bcikc, und rissen mich mit großer Eile aus der Zelle nach der Klause, wo wir noch lange das Geschrei der Bestie horten. A n L c u t u » g c n. Wie wir nun allein waren, sind wir um einen schlechten Tisch gesessen ans hölzernen Bänklein. Ueber dem Tisch war das allerköstlichste Linnen mit goldenen Franzcn ansgebreitct; daraus standen die lieblichsten Gerichte in goldenen und silbernen Schüsseln, wie man nur bei großen Fürsten sieht. Auch die Becher waren von schwerem Gold, und der Wein gleich Oel und Feuer, als ich noch keinen getrunken habe. 308 Wie wir beisammen speiseten, belebte der Einsiedler höchlich mein herzhaftes Wesen und sprach mir zn, fortan nichts mehr zu fürchten, da ich den Feuergeisi im Fläschlcin besitze. Dies Fläsch- lein war aber ahne alle Ocffnung, mit seltener Kunst gemacht, und darin nichts, als ein goldgelber Staub, worüber es schwebte, wie ein bewegliches Rauchwölklein. Dan» sagte er mir, ich müsse cs sorgfältig verwahren, und nie von meinem Leibe lassen; denn so lange ich es aus mir trage, werde mir nichts schaden, und in der Gefahr, worin zehntausend untergeben, würde ich allein schadlos davon kommen müssen. Darüber war ich gar erfreut; auch habe ich empfunden, von dem Augenblick, als ich cs getragen, daß alle Bangigkeit aus mir gewichen war, und ich neues Lebe» und neuen Mnth gehabt, wie nie zuvor. Eben so hat sich erwahrt, daß mir kein Nebel hat weh- thun können, und Alles, was mir zugestoßcn isi, verlor seine Macht an mir, wie ich erzähle» werde. In den vielen Gefechten, die ich bestanden, hat mir weder die Schärfe des Schwerts, noch die Lanze, noch das Geschütz eine Wunde zufügen mögen, daher ich oft tollkühn in alle Gefahr gegangen bin, ohne Schaden. Die einzige Gefahr, die mir drohe, sprach der Einsiedler, sei, daß ich meines Kleinodes verlustig ginge durch eigene Fahrlässigkeit, oder durch Feindes Gewalt in Gefangenschaft. Darum solle ich unverzagt sein in allem Kamps, und nicht den Tod scheuen, wohl aber Ergebung. Wenn ich dreimal sieben Monate, sieben Wochen, sieben Tage um den Spiritus familiaris gedient, könne er mir nicht entgehen. Als ich nun fragte, wie ich dienen solle? erwiederte Piccolomini: mit mir gegen des PapsieS Tyrannei, und für Herstellung römischer Freiheit. Papst Sirius habe große Gewalt geübt an Edcln und Unedel»; mit seinem Geiz die Güter der Kirche verschlungen, und getrachtet nach Gut und Lebe», wenn einer noch 310 habe. Wer aber Wider ihn rede, werde verbannt, also, daß Italien voller Unglückliche» sei, alle von guten Häusern und Stämmen, die nicht wissen, wohin ihr Haupt legen. Es seien mehr denn tausend dergleichen Verbannte, welche trostlos nmherirren, und sich ihr Leben mit dem Schwert in der Faust schirmen. Darum müsse des Papstes Grausamkeit gezähmt, und sein Hochmnth gebeugt werden, daß er nicht ganz Welschland verzehre. Auf dieses sprach mir der Einsiedler zu, daß ich Pireolomini nicht verlassen solle; dieser werde mich nach vollendeter Dienstzeit ans den Berg Ostensara führen, wo ich den Spiritus familiaris erblicken und empfangen würde. Dan» möge ich mit demselben nach Deutschland heimziehen, und in Fülle leben, gleich einem großen Fürsten. Doch, fügte der Einsiedler hinzu, wird es Euch darum keine Noth tbnn, sondern Ihr werdet allen Rcichthnm und Glanz versch ' en, um der Freude willen, die Ihr sodann genießen könnt. Worin diese besteht, kann ich Euch nicht offenbaren, weil sich dem Tauben die wunderbare Macht der Musik verschließt, und der Blindgcborne die Pracht der Farben nicht erkennt. von der man ihm reden möchte. Als ich nun gelobte, zu thun, was mir Pireolomini heißen werde, gebot mir der Alte, den Fcncrgcist ans den Altar der Kapelle zu legen und mit darauf gelegter Hand mein Gelübde zu betheuern. Wir begaben uns also nochmals in die Kapelle, wo ich einen schweren Eid ablegtc. Nachdem dies geschehen, sagte der Einsiedler: „Ziehet nun in Frieden! Gedenket meines Wortes; es wird Euch wohl gehen, sofern Ihr den Feuergeisi nicht verliert; Zhr verliert das Kleinod, wenn Ihr dessen Besitz einem Andern verrathct, oder Don Alfonso verlasset. Ihr traget eine geheime Liebe im Herze»; der Feucrgeist wird Euch zum Ziele leiten." Darauf verabschiedete uns der Greis; wir gingen durch den Wald wieder des Wegs, den wir gekommen waren. Unterwegs 311 sagte mir Ton Alsonso, man behaupte, der Einsiedler habe ein Alter von mehr denn hundert und zwölf Jahren, welches mir schier unglaublich vorgekommen ist, sintemal derselbe kaum sechszlg alt zu sein schien. Auch sagte mir Don Alsonso, wir wollten nun ein Herrenleben führen, voll Saus und Braus ln Krieg und Feld, wie cs einem tapfer» Kavalier wohl anstehe, der die Mönche nicht scheue und sich in seiner Jugend etwas versuchen wolle. Reise nach Bologna. Als ich mich Abends auf mein Lager hinstreckte und mein Gebet verrichtet hatte, fiel mir bei, das Fläschlein, worin der Feuergeist, in einen breiten Gurt von ledernen Riemen zu verbergen, und solchen auf dem bloßen Leib zu tragen, um meines Kleinods desto sicherer zu sein. Da aber die Ampel erloschen und Alles finster war, wollte ich es bis zum folgenden Tag verschieben. Erstaunt griff ich darnach und fand das Fläschlein, welches ganz hell schimmerte von darin verborgenem Licht. Dieser Anblick erfüllte mich mit großem Vergnügen, und ich betrachtete das Spiel des Feuer- geisteS eine Stunde lang und darüber mit Wohlgefallen. Dann that ich das Fläschlein in den Leibgurt, wie ich vorher Willens gewesen, und befestigte denselben um meinen Leib. Am andern Morgen berichtete ich dem Piccolomini, was ich gesehen hatte; er aber sagte mir, dies sei ihn, nicht neu. Ich solle aber allezeit um Mitternacht darauf achten. Je Heller der Feuergeist strahle, je mehr bedeute es mir Glück. Wir ritten darauf fort und Thorhaimer mit uns. Piccolomini sagte, wir wollen jetzt nach Monte-Marciano ins Land Apulien ziehen, wo seine Herrschaft gelegen sei; da gedenke er Truppen zu werben, und dann sich mit mir an die Spitze aller Vannisirtcn zu sielten. Vorerst aber müßten wir gen Bologna, da habe er große Summen Geldes liegen, die er erheben wolle. Auch würde ich daselbst tapfere Männer kennen lerne», die von unserm Bund wider den Papst wären. Als wir nun nach Bologna kamen, kehrten wir in das Hans eines Edelmannes, Don Aldovrandi, ein, der nahe an dein schönen Kloster der Dominikaner in einem weitläufigen Palast wohnte. Don Aldoorandi bewirthcte uns gar gastfreundlich fünf Tage lang, und ich hatte die beste Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten der großen Stadt zu betrachten. Und obwohl ich von früh Morgens bis Abends auf den Straßen, in dcnKirchen, Schauspielen, Gärten und vornehmsten Gebäuden war, habe ich doch nur den allcrkleinste» Theil des bvlognesischcn NcichthumS sehen können. Am Abend des vierten Tages ließ mich Piccolomini rufen. Wie ich in sein Gemach trat, waren zwei Fremde bei ihn,, deren einer Marcodc Sc > arra, der andere Battistella d e l A r a t r v war. Als ihnen Piccolomini sagte, wer ich sei, grüßten fie mich freundlich, sagend: es srcue sie, daß. ei» deutscher Kavalier zu ihnen trete. Der Papst müsse mir wohl eine Million gebe» zum Zehr- pfcnnig, wenn ich ins Vaterland heimkehrc. Der Marco war ein kleiner, magerer Mann, schwärzlichen Angesichts und verwilderten Blickes. Er war schon seit Jahr und Tag das Haupt der Verbannten, ein verwegener Mensch, dessen List und Glück nichts bei- kani. Mit seinen Truppen hatte er das ganze neapolitanische Land durchzogen, und zweitausend Mann in die Flucht geschlagen, welche der Vieekönig Ton Znniga wider ihn geschickt hatte. Wir machten also Bekanntschaft, und versprachen tapfer Hand in Hand zu schlagen für die gute Sache der Vertriebenen. Die beiden Herren verließen uns erst spät »ach Mitternacht; auch sähe» wir fie in Bologna nicht wieder, wo sie nur eine Znsammenknnft mit Piccolomini gehabt, und Geld zu neuen Werbungen geholt hatten, Piccolomini aber schic» sehr erfreut, und er berichtete mir, wie alle Verbannte nach seiner Ankunft schmachten, und begehren, daß er ihr Oberhaupt und Anführer werde. Auch habe er sich nun mit P ierconto de Monta lto ausgeglichen, mit welchen, er lange in Feindschaft gelebt, Flucht. Eines Morgens, welches am sechsten Lag »nscrS Aufenthaltes in Bologna gewesen, kau, mit Sonnenaufgang Don Alsonso zu mir ins Zimmer gelaufen, da ich noch schlief, und rührte mich unsanft, in dem er schrie: „Auf, auf, Don Bastiano! Der Feind ist da, wir müssen fliehen, che inan uns aufsängt. Ich kleidete mich schnell an; und eilte mit Alfonso und Thorhaimern, ohne dem Herrn Aldovrandi Valet zu sagen, zur Hinterthür hinaus durch schmale Gäßlein und ein Psortlcin der Stadtmauer und viele Garten, bis wir ins Freie kamen. Da fanden wir drei Pferde bei einem Kren; im Gebüsch, die aber nicht dieselben waren, die wir sonst geritten hatten, und sechs bewaffnete Leute zu Pferde dabei, die unserer warteten. Wir saßen blitzschnell auf und jagten mit verhängtem Zügel davon. Als wir aber ei» Wäldlein erreicht hatten, hielten wir gleich Schritt, und ließen die Pferde verschnaufen. Da kamen wir zu einer Kapelle an einem Kreuzweg, wo sich viele Straßen trennten, Ta überfiel uns ein Hinterhalt von päpstlichen Reitern, bei zwanzig ander Zahl, die ihre Büchsen von allen Seiten auf uns abschossen. Piccolomini lachte und sprach: „Ist das nicht der Knabe Ottavio Cesis, den die Pfaffen absenden? Er begegnet aber dem Unrechten Mann, ich will ihn zeichnen. Fasse nur jeder von uns zwei Mann, die übrigen bleiben nicht stehen!" Indem wir nun langsam mit gezucktem Schwert gegen die Ka- pelle ritten, wo die Päpstlichen »ns den Weg zu verrennen gedachten, und wie sich links und rechts die Straßen im Walde vor »ns aufthate» , sahen wir alle diese Straßen mit Soldaten bedeckt, also, daß wir von jeder Seite umgeben waren. Und da die Schüsse rings um uns her sielen, wollte man stutzig werde», und sich zurück- zieheu. Ich fragte aber Piccolomini, welches der Weg wäre, den wir zu ziehen hätte»? Er zeigte mir denselben mit der Hand, Darauf sprach ich: so laßt uns die Bahn fegen! und jagte voran, dem Haufen, der an der Kapelle stand, vorbei, dem andern zu, welcher mitten in jener Straße ans uns wartete. Die übrigen folgten mir. Da kam es schon bei der Kapelle zum Gefecht, also daß ich wieder umkehrte, den Andern hinter mir zu Hilfe, Die Feinde waren uns zwar an Zahl überlegen, doch nicht an Mnth, und es gab manchen blutigen Hieb, Im Handgemenge verlor ich unsere Leute ans dem Gesicht, und ich schlug mich umsonst durch den Haufen, und rief nach den Unsrigen, Denn eS war das Getümmel, der Staub und die Menschenmenge so groß, daß mau sich nicht erkannte. Als ihrer viele gegen mich allein anrannten, und ich befürchten mußte, übcrmannt und vom Pferde gerissen zu werde», zahlte ich Fersengeld. Drei Reiter von den Päpstlichen verfolgten mich; da wandte ich mich, hieb dem Vorder» über das Gesicht, w orauf die beiden Andern NeißanS nahmen, Indem rannte und jagte Alles vom Kreuzweg davon, in gleiche Straße hinein, wo noch Gefecht zn sein schien, also daß ich schloß, es seien die Unsrigen auf der Flucht, Sie thaten gar wohl daran, aber ich war übel von ihnen getrennt. Ich achtete, besser sei, meines Wegs allein zn ziehen gen Apulien, und Don Al- fonso in Monte-Marciano zu suchen. So wandte ich mein Roß, und ritt behende davon durch das Wäldlein, Wie es Abend ward, kam ich in das Städtlein Forli, Da kanste ich mir andere Kleidung, auf daß ich wohl standesgemäß 315 erscheinen könne, und wusch mein Haar von der schwarzen Farbe rein. Um den guten Thorhaimer habeich viel im Stillen geklagt. Er war mir Werth. Ich konnte doch gute deutsche Muttersprache mit ihm reden. Und dann haben wir viel von Hause gesprochen, vom alten Herrn Grafen Sigismund, bei dem er fünfzehn Jahre lang treulich gedient; vom Grafen Ulrich, den er aber nie so lieb gehabe, als mich. Er hat mir oft erzählt, wie Ulrich nud ich als kleine Kindlein an einander gehangen, ich aber immer ein Wild- fang gewesen von Haus aus, der auf alle Berggipfel und Tannbäume zu oberst geklettert, darauf mich denn Ulrich seinem Water verklagt. Auch sagte der Thorhaimer mir oft, es habe das ganze Schloß darum gewußt, wie ich dem Fräulein von Greta lieber gewesen sei, als Graf Ulrich; und wie jeder gesagt, es wäre besser, mau thäte den Junker Sebastian mit dem Fräulein zusammen. Das Alles wußte er mir zu sagen, und ich hörte den Alten gern erzählen; denn cS war immer das Gleiche, und doch immer etwas aus dem Hause. Nun fehlte mir der Thorhaimer; ich wußte auch nicht, ob er gerettet, gefangen oder todt? Deß grämte ich mich sehr. Und war er verwundet, wer pflegte sein? Darum wartete ich auf Mitternacht; dann zog ich das Fläsch- lein aus dem Leibgurt, und es leuchtete köstlich schön, wie eine kleine Sonne. Dies nahm ich für ein gutes Zeichen, den Thor- baimer wieder zu finden; und ich ward ruhig und schlief fest ein. Wallfahrt nach Loretto. Wie mich »nn der Schneider mit allem versorgt, wessen ich bedürftig gewesen, reifete ich nach der Stadt Ancona, am Meere gelegen. Dieses ist eine lustige Stadt, und ich bin viel daselbst am Hafen aus- und abgegangen, das Getümmel der Schiffleute zu schauen, und das weite Meer. Da ging mich die Lust an, nach 3l6 einem Schiffe zu fragen, das nach Apulien segeln mochte; aber es war keines vorhanden. Nun vernahm ich i»> WirthshauS, wo viel Volks aus allerlei Ländern war, daß ich mich nur noch wenige Stunden von der Stadt Lorettv befinde. Diese Nachricht erfüllte mein Herz mit großer Freude, denn es hatte Gras Sigismund mir sehr empfohlen, das heilige HauS zu besuchen, und meine Begierde stand längst darnach. Ich beschloß demnach zu dem heilige» Orte zu Wallfahrten, und Ablaß für meine Sünden zu nehmen. In der Morgenfrühe reifete ich von Aneona dahin, jedoch zu Fuß, mein Nvß an dem Zaum führend, mit bußfertigem Gcmüth. Jede halbe Stunde betete ich mit lauter Stimme den Rosenkranz. Ich begegnete vielem Volk, das freudig mit Ablaß zurückkehrtc; doch noch Mehrere wallsahrtete» dahin, wie ich. Und da einige Herren zu Roß hinter mir kamen, und sahen, wie ich zu Fuß ging, schämten sic sich, stiegen behend ab, und nahmen ihre Rosse am Zaum und beteten, wie ich. So kamen wir zu guter Zeit in den Ort, und es waren der Fremden so viel, daß ich mit großer Mühe Unterkommen fand. Darauf begab ich mich alsobald in die Kirche, worin das heilige Haus befindlich, welches die heiligen Engel aus dem Lande Galiläa hieher getragen, um cS den Ungläubigen zu entreißen. Und wie ich die Stufe» erstiegen, und die Kirche betrete», ergriff mich große Andacht; denn es war, als strahlte der Himmel vor mir aufgethan, nun ich das heilige Haus ersah, worin die Jungfrau gewohnt. Darum fiel ich auf die Knie und berührte mit der Stirn den Boden, bis ich drei Ave'S gebetet. Dann rückte ich aus de» Knien bis zum heiligen Hause. Da küßte ich das silberne Gitterwerk, und sah mit großer Ehrfurcht das Bildniß der heiligen Jungfrau. Es war himmelblau bekleidet, und das Kindlein in ihren Armen mit rothem Gewände. Aber ich konnte den 3l7 Glanz der silbernen Ampeln und der Diamanten und Juwelen kaum ertragen, wie gern ich auch das dadurch ganz dunkel gewordene Antlitz der heiligen Jungfrau erkannt hätte. Darum zog ich das Bildntß meiner Madonna von Sclafani aus dem Busen, legte cs auf die heilige Schwelle, und betete. Da überfiel mich bei dem Anblick der Hochgebenedeitcn eine unaussprechliche Wehmuth, daß ich weinte, wie ein Kind. Und ich küßte die heilige Schwelle, und blieb lange mit der Stirn am Boden, um den Leuten meine Betrübniß zu verbergen. Denn es beteten Biele hinter und neben mir. Die Erscheinung der heiligen Jungfrau. Als ich mich wieder aufrichtete, hatte ich ein großes Schrecken, und doch ein freudiges. Denn wie ich mein Bild von der heiligen Schwelle nahm, und es inbrünstiglich an meinen Mund drückte, seufzte zu meiner Seite eine kniende Jungfrau laut auf: o Gott! also, daß ich mich nach ihr umsah. — Ich schreibe es aber, wie cs mir widerfahren. Wie ich nun mein Gesicht zu ihr wandte, erblickte ich die Madonna Sclafani'S lebendig, im vollen Glanz ihrer Himmelsschönheit. Ihre Augen betrachtete» mich; ei» heiliger Schmerz lag in ihren Gebcrdcn; und über ihre Wangen fielen zwei Thräncn, wie durchsichtiges Silber. Sic war schneeweiß gekleidet, und um ihr Haupt war die Fülle der Haarlocken von einem himmelblauen Tuch znsammengehalten, mit Gold durchwirkt. Je länger ich sie ansah, je helleres Licht däuchtc mir um ihr herrliches Haupt zu schweben, welches so glänzend war, daß von den Strahlen die ganze Kirche und das heilige Haus bedeckt wurde. Ich vernahm ferne Gesänge wie vom Himmel, und Stimmen der Engel, und ein Sausen dazwischen, wie von den Stürmen der göttlichen Macht. Darauf 318 verwandelte sich diese Gestalt der Heiligen in einen einzige» Strahl,, der mich blendete. Die Kirche wankte, der Boden wiegte sich wcich untcr meinen Knien, wie eine Wolke, 2ch verlor Licht, Athem und Leben, und starb eines süße» Todes zu den Füßen der überirdischen Königin der Himmel. Ich wußte nichts mehr von mir, bis mich ein seltsames Getöse aufwccktc und ein Gemurmel von vielen Stimmen, Da schlug ich die Augen auf, und sah zahllose Menschen, die um mich her knieten oder neugierig auf mich schauten. Ich lag auf einem harten Stein von den Stufen draußen vor der Kirchthür, und ei» alter Mann fragte mich um mein Wohlsein, Da mir nun gar Wohl und leicht umS Herz war, stand ich von dem Erdboden auf, und wußte nicht, was mir geschehen. Der alte Mann aber führte mich gar freundlich durch die Menge der Leute die Stufen hinab zur Straße, und gegen mein WirthShaus, welches ich ihm beschrieb. Wie wir auf der Straße wandelten, und ich bei mir nachdenkcud wurde, erinnerte ich mich wieder des Geschehenen, und wie mir in der Kirche die Hochgebenedeite erschienen sei. Das verbreitete über mich ein stilles Grausen, denn ich wußte nun nicht gewiß, ob ich geträumt oder gesehen habe, Da fiel mir mein Bildniß ein, wie ich es von der heiligen Schwelle aufgehoben. Aber ich fand es nicht mehr, welches mir große Traurigkeit verursachte, Das bewog mich, umzukchrcn, denn das Bildniß wollte ich nicht missen um viele tausend Gulden, Jeden fragte ich darum, und ich fragte durch die ganze Kirche, und suchte cs vordem heiligen Haus und vor der Kirchthür, wo ich gelegen war. Da es nun Nacht geworden war, ging ich betrübt zu meiner Wohnung, denn ich hatte meinen schönsten Schatz eingebüßt, und keine Hoffnung, ihn wieder zu sehen. Weil mich der Kummer also plagte, daß ich nicht zu Nacht speisen konnte, trat die Wirthin zu mir, eine betagte, wohlmeinende Frau, und fragte, was mir 319 so hart am Herzen liege? Da sic erfuhr, wie ich mein Hciligthum verloren, und ich tausend Gulden dem zahlen wolle, welcher es mir wieder schaffe, sprach sie mir gute» Math ein. Sic ließ es am folgenden Morgen durch die ganze Stadt verkünden und in alle» Häusern, auch an den Kirchthürcu, und zeigte cs selbst der Geistlichkeit au, und den Beichtväter» von allen Nationen, in der Hoffnung, dasi der Fund oder der Raub in einer Beichte laut werden möchte. Allein da der Tag verging, und sich Niemand mich zu tröste» eingefundcn, warf ich mich schmerzvoll aus mein Lager und weinte ^ bitterlich. Um Mitternacht aber leuchtete der Feucrgcist im Fläsch- lcin so vergnüglich, daß ich alles Gute hoffen konnte. Darum begab ich mich zur Ruhe. Und ich träumte die ganze Nacht von nichts andcrm , als der Gebcnedeiten, wie sie mir in ihrem heiligen Hause wundervoll erschienen war. Doch hatte ich Niemandem offenbaret, was mir geschehen. Die zweite Erscheinung. Weil ich auf die Verheißung des Fcuergcistcs vertraute, verließ ich auch den andern Tag das WirthShauS nicht, hoffend, cs werde der Ucbcrbringer meines Kleinods erscheinen. Doch erschien Niemand. Da ging ich zur Kirche mit großer Niedergeschlagenheit des Gemüths, und betete wieder vor der heiligen Schwelle, wo ich mein Köstlichstes auf Erden verloren und das Allergöttlichstc mit meinen Augen erblickt hatte. Und ich kniete auf derselben Stätte, wo mir die Himmelskönigin sichtbar geworden war, und flehte mit heißer Inbrunst um die Gnade abermals; doch mein Gebet war umsonst. Nach verrichteter Andacht, wie ich zur Kirche anstretcn wollte. stieß mich eine Frau leise an den Arni, sprechend: „Herr, ich weiß, was Ihr suchet; felget mir nach, doch in Wetter Entfernung, bis ich stillstchen und Euch winke» werde," Die Matrone ging mit diesen Worten von mir; sic hatte verschleiertes Antlitz, und einen schwarzen, großen Mantel nmgcthan, wie viele Wallfahrer weiblichen Geschlechts zn tragen pflegen. Da sprang ich hoch vor Freuden, und folgte der Pilgcrfran von fern, wie sie geboten hatte. Oft übernahm mich die Nngc- gednld dergestalt, daß ich ihr mit schnellen Schritten nahe kam, nm sie zn frage», ob sie das Bild gefunden; und dann erinnerte ich mich ihres Befehls, und blieb wieder zurück. Nachdem sie ans dem Flecken gegangen den Hügel hinab zwischen Gärten, blieb sie unter einem hohen Baum sichen, und setzte sich dann auf ein steinernes Bänklein neben einer Kapelle, die unter dem Baum aufgcbant war. Da winkte sic mir, und ich lief so schnell, daß ich athemloS zu ihr kam, und kaum die Frage sprechen mochte, welche ich unterwegs schon tausendmal leise gethan, Sic sprach: „Ich habe das Bild gefunden mit einer goldenen Kette daran, und habe es Euch selbst überliefern wollen, doch gegen ein Beding," Als ich dies hörte, rief ich: „ Dank sei Gott und seiner heiligen Mutter und Euch! Es soll Euch Euer ehrliches Gcmüth nicht gereuen, und ich gebe Euch, was ich verheißen und mehr," — Und stracks suchte ich mein Geldsäcklein hervor, um ihr an Geld zu geben, was ich bei mir trug, versprach ihr aber, das Fehlende morgende» Tages zu bringen, wohin sie wolle. Sie weigerte sich, das Geld zu nehmen, und sagte: „Ich gebe das Bild um kein Geld hin, und Ihr empfanget es nicht, es sei denn, daß Ihr mir saget, wer es Euch gegeben, oder wie Ihr dazu gekommen? denn ich mnß es wissen," Da erzählte ich ihr, wie ich aus Deutschland gen Berona ge- 321 kommen, zu Don Bevilacqua, und gen Mantua, wo ich die Madonna in der herzoglichen Gallerie bewundert. Wie ich daraus keine Ruhe mehr genossen, bis mir Bevilacqua eine Kopie von dem Bilde der Gebcnedeiten verschafft. Seitdem trage ich dasselbe allezeit auf meinem Herzen, und verehre cs wie mein allerkostbarstes Gut; ja, ich wolle viel lieber als Bettler wieder über die Alpen nach Deutschland hinwandern, denn das Bild in Welschland zurücklassen. Als ich dies gesagt, fragte sie nochmals, ob ich redlich sei? Und dies betheuerte ich. Darauf that sie den Mantel auf, als wollte sie mir das Bild geben, zog ihn aber jählings wieder um sich zusammen, als gereute sie cs, und fragte noch einmal, ob ich redlich sei, und wie ich heiße, von wannen ich komme, und wohin ich gedenke? Ich legte die Hand auf mein Herz und betheuerte zum andern Mal, daß ich Wahrheit sage, nannte auch meinen Namen und von wannen ich komme; dann sagte ich, daß ich gedenke, nach Apulien zu reisen, des Vergnügens willen. Denn ich scheute mich doch, in diesem Stück die lautere Wahrheit zu bekennen. Nachdem ich so geredet, schwieg sie geraume Zeit, als denke sic meinen Worten nach. Dann schlug sie den Mantel auf, und ich sah wohl, daß ich mich geirrt hatte in ihrer Gestalt; sie schien nichts minder, denn alt zu sein, sondern eine schlanke Jungfrau. Als sie aber mein Bild aus ihrem Busen ziehen wollte, und das Schleiertnch vom Gesicht auf die Seite warf, erblickte ich die Ge- benedeite wieder, wie sie tu dem heiligen Hause mir erschienen war. Da überfiel mich ein großes Zittern und ein Entzücken, daß ich's nicht beschreiben mag. Und ich sank zu ihren Füßen, denn ich konnte nicht glaube», daß sie etwas Irdisches sei. Zsch. Nov. Vli. 11 322 Verkörperung des Geistige». Sic reichte mir das Bild, das nur ihr schwaches Contcrfei und lebloses Ebenbild war, und lächelte ob mcinein Erstaunen und Entzücken. Dann sagte sie mit holdseliger Anmuth: „Don Bastians, stehet auf; es geziemt Euch nicht, vor mir zu knien. Auch möchte ich nicht, das Euch Menschen in dieser Stellung sähen. Stehet auf, oder ich fliehe!" So gehorchte ich ihr, stand auf, konnte aber nicht reden, so ganz außer mir war ich; sondern einer Bildsäule gleich blieb ich aufrecht vor ihr, und betrachtete schweigend die Pracht und Heiligkeit ihres Antlitzes. Sie sagte und lächelte wieder mit unnennbarem Liebreiz: „Ihr habet wohl Recht, Euch zu verwundern, daß Ihr zu Euerm Bild eine Person gefunden, der cs gleichet, und daß Ihr anstatt der Heiligen nur ein sterbliches Weib gefunden, gleichwie ich in große Verwirrung gerathen bin, da ich dies Bild in Euer» Händen erblickte, als Ihr in der Kirche neben mir gebetet habt. Ich nahm es zu mir, als Euch übel wurde und Ihr ohnmächtig nicdcrfielet zu meinem großen Entsetzen. Denn ich fürchtete, das Bild werde in andere Hände gerathen oder zertreten, weil gar großes Gedräng von Leuten um Euch entstand, die Euch hinaus trugen. Ich bekenne auch, daß ich Euch das Bild vvrcnthalten wollte. Da Ihr aber cs in ganz Loretto aller Orten habt auskünden lassen, und ich einsah, wie viel Euch daran gelegen sei, suchte ich Euch wieder in der Kirche, um es Euch znznstellcn. Schon gestern suchte ich Euch daselbst vergebens. Nehmet es denn, wenn es Euch vergnügt, und entweihet es niemals." Ich nahm das Bild aus ihrer zarten Hand, und drückte das Wiedergesundene an mein Herz und hielt es hoch gen Himmel; »S schossen Thränen in meine Augen. aber reden konnte ich nicht 323 Darauf that sie die Frage: „Lasset wissen, was diesem Bilde für Euch so großen Werth gegeben?" Ich antwortete zitternd: „Was anders, denn die Heiligkeit und Anmnth, welche in Euch wohnet." Sie betrachtete mich lange zweifelhaftig, und sagte: „Ihr seid nicht wahrhaft. Wo habet Ihr die Person gesehen, der es gleicht?" „Das wisset Ihr am besten," gegenredete ich: „in dem heiligen Hause, und nun hier, wo Ihr sitzet, und sonst nirgends, weder in meinen Träumen." „Nirgends sonst?" fragte sie abermals. Ich antwortete: „Ich habe nimmer geglaubt, unter dem Himmel so viel vereintem Liebreiz zu begegnen. Gott ist Zeuge." Dann fragte sie: „Und Ihr wisset auch den Namen der Person nicht, der es gleichet?" Ich erwiederte ihr: „Konnte ich ihn wissen, da Ihr mir nicht saget, wie Ihr heißet? Ich nannte das Urbild meine Heilige, meine Anbetungswürdige, und dies seid Ihr." Da senkte sie das Haupt und zog das Schleicrtuch vor ihr schönes Antlitz. Ich aber flehte mit gefalteten Händen: „Entzieht nur Eure holdseligen Blicke nicht. Habe ich gesündigct, cntsündiget mich wieder durch Euer Nnschaucn. Ihr seid meine Heilige! Nehmet mich in Euer» Dienst. Verstoßet mich nicht!" — Sic stand auf, als wollte sie sich entfernen. Aber ich^ließ nicht ab mit Flehen und Bitten, bis sic mich erhörte und ihr Antlitz noch einmal enthüllte. „Ihr irret Euch," sagte sie, „ich bin keine Heilige." „Oder wie soll ich Euch nennen?" „Hermingarda di Solls." „Darf ich mich nicht Euer», Dienste weih'n? O gewähret midie Gnade!" „Ich habe nicht über mich selbst zu gebieten." 324 „Von wem Ihr abhängt, von dem hängt mein Leben ab." „Ihr wäret übel berathen, guter Fremdling. Gehabt Euch Wohl. Verlaßt mich. Und wo Ihr mich erblicken möget in Lo- retto, verrathet mit keinem Zucken des Mundes, mit keinem Augen- grnß, daß Ihr mich kennet." Sie wollte gehen. Ich wagte es, ihren Mantel zu halten, und sprach: „Fräulein, Ihr wollet mich unglücklich machen. Ich soll Euch nie wieder finden? O Fräulein, machet mich zum geringsten der Knechte Eures Hauses. Nur in Eurer Nähe mag ich das Leben noch lieben."' Da warf ste mir einen langen, düstern Blick zu; dann verhüllte fie ihr Gesicht ins Schleiertuch, und ihre Gestalt in den Mantel und sprach: „Lasset mich allein gehen; Eure Begleitung könnte mir Schaden bringen." Und als ich fragte: „Zürnet Ihr mein?" reichte fie mir die Hand und sprach: „Nein! — Bleibet fern von mir. Gehabt Euch wohl." — Ich küßte kniend ihre Hand, die sie mir schnell entriß. Sie entfloh mit behendem Schritt. Ich war vom Schmerz betäubt. Zn der Ferne folgte ich ihr zum Flecken zurück. Sie ging zur Kirche; ich verfolgte fie im Haufen der Betenden. Begleitet von einer Matrone, ihr gleich gekleidet, verließ ste die Kirche nach einem halben Stündlein. Ich folgte und sah das Haus, in welches ste ging. Ein Schritt näher. Nun fehlte ich keinen Tag mehr in der Kirche, und ging fleißig die Straße auf und ab, wo die wunderherrliche Hermingarde wohnte. Aber es glückte mir nie, ste wieder zu sehen. So streng ward sie gehalten. Denn ich hatte durch fleißige Kundschaft endlich erfahren, daß fie gen Loretto zur Wallfahrt gekommen mit ihrer Stief- 325 mutter und ihrem Stiefbruder, welchen man Domenico nannte, und daß sie hart bewacht sei, auch viel leide. Dies ging mir gar zu Herze», und ich grämte mich fast ab, und genoß keine Ruhe Tag und Nacht. Wie ich eines Morgens auf der Straße gestanden vor Hermin- gardens Herberge, ist Don Domenico aus dem Hause getreten, und hat mich mit rauher Stimme angeredet: „Ihr seid ein müßiger Gesell, daß Ihr allstündlich hier wandert und gaffet. Was suchet Ihr?" „Herr, ich habe meine Herrschaft verloren und suche Dienst. Ich bin ein Deutscher, und habe nicht, wovon Heimreisen. So meine Person Euch aber anständig, so will ich Euch um Nahrung und Kleider dienen mit Treue und Ehren, und Ihr sollet mich fortan nicht mehr müßig in allen Gaffen finden." Diese listigen Worte gab mir, glaubeich, der Feuergeist ein; denn sie schlugen nicht fehl, und ich wußte meine Reden so gut zu stellen, daß Don Domenico endlich sprach: „Ich habe Euch in der That gehalten für das, was Ihr seid; auch sehe ich mich schon seit Langem nach einem getreuen Diener um, der die Rosse Wohl zu pflegen weiß, und behend ist zu allerlei Aufträgen. Suchet Ihr also Dienst, so kann er Euch werden, und wenn Ihr treu seid und fleißig, wird es Euch nicht gereuen bei mir." Darauf wurden wir schnell Handels einig, und er führte mich in das Haus, wo Hermingarde wohnte. Als ich aber die Schwelle betrat, hätte ich niedersinken mögen, um mit Entzücken den Boden zu küssen, welchen ihr Fuß betreten. Domenico führte mich in ein Zimmer; da saßen zwei Frauen, beide verschleiert. Ich erkannte in der einen die Göttliche; Domenico aber redete mit der andern, welches die Stiefmutter war. Ich weiß nicht, was sie redeten, denn ich schlug die Augen zu Boden, um mich nicht zu verrathen, 328 und zitterte am ganzen Leib, und verstand nicht, was man mir sagte, so voll Verwirrung war ich. Und es gereuete mich schier, das kecke Abenteuer eingegangen zu sein, obwohl ich freudig heimsprang, meine ritterlichen Kleider einpackte, und mit meinem Roß in den Dienst des Domenico ging, wie in ein Himmelreich. Aber so oft ich Hermingarden sah, ward ich sprachlos, und ich fürchtete, mich zu verrathen. Am folgenden Tag, da ich zur Stiefmutter kam, von ihr Aufträge zu vernehmen, fand ich die Göttliche bei ihr im einfachen Morgenkleide und schleierlos. Und da mich Hermingarde erblickte, glühte ihr schönes Antlitz von schamhafter Röthe; und die Heilige verbarg ihr Angesicht vor der Stiefmutter, wie eine Sünderin. Am fünften Tage meines Dienstes ward ich berufen,, und die Stiefmutter befahl mir, Alles zur Abreise zu rüsten. Das that ich, und vollzog, was mir befohlen worden. Am Abend dieses Tages befahl mir Domenico, das Haus nicht zu verlassen, um zu verhüten, daß sich Hermingarde, seine Schwester, nicht aus den Zimmern entferne; denn er und seine Mutter wollten noch einmal zum heiligen Hause gehen. Ich verhieß Gehorsam in allen Dingen, und er ging mit seiner Mutter fort. Ich blieb aber im Vorsaal und hütete Hermingarden. Erklärungen. Nach einer Viertelstunde trat sie gar schüchtern und stttiglich aus ihrem Zimmer und sah mich lange schweigend an. Dann sprach sie mit leiser Stimme: „ Don Bastians, warum habet Ihr mir das gethan?" Ich antwortete und sprach: „Fräulein, mein Leben ist nur für Euch!" „Ziemt es auch einem edcln Ritter, Knechtsdienste zu leisten?" - 32 '.' — „Für Euch, Fräulein, was Ihr wollt; ich verlange keinen andern Sold, als nur in Eurer Nähe zu athmcn," „Was wollet Ihr? Ihr sehet, daß ich eine unglückselige Gefangene bin, Mein Stiefbruder und seine Mutter hassen mich. Ich bin sehr elend." „O Fräulein, saget das nicht, so lange mein Blut und Gut Euch helfen kann. Der Himmel aber wäre treulos an sich selbst, wenn er Euch verließe," Da ich diese Worte gesprochen, zerfloß sie stillweincnd in Thrä- nen. Da vermochte ich'S nicht länger über mich, und siel weinend der Göttlichen zu Fußen und rief: „Tödtct mich lieber, als daß ich Eure Thränen sehen muß." Sie ging von mir mit raschen Schritten, verriegelte die Thür des Vorsaals, kehrte zurück, und hob mich vom Boden. „Sie kommen vielleicht bald zurück, also — vertraue ich mich blindlings Euerm Herzen. ES muß geschehen, Gott und die heilige Jungfrau mögen mir helfen! Habet Ihr Muth, Don Bastiano?" „Für Euch zu jedem Tod, Fräulein." „Schwört Ihr, mich nicht zu vcrrathen, wenn Ihr nicht helfen könnet? " Ich küßte ihre Hand und sprach: „Bei dem Heiligsten, was ich unterm Himmel kenne, bei Euch selbst!" Sie erröthcte und wand ihre Hand aus der meinigen. Ich aber hielt sie mit Inbrunst fest, und fragte: „Zürnet Ihr mir darum? Gebietet mir, was Ihr wollet, nur nicht, daß ich aufhöre, Euch anzubeten." Sie ließ ihre Hand in der meinigen, und sah mich milde seitwärts an, und sprach: „ Bastiano, Ihr seid Wohl ein rechtschaffener Kavalier. Ich schätze Eure Freundschaft. Ich will mich ihr vertrauen." Darauf erzählte sie mir unglaubliche Dinge, wie sie seit Kind- 328 heit in die Gewalt ihrer gottlosen Stiefmutter gekommen, welche nebst Don Domenico vielen Aufwand mache, ohne Vermögen zu haben. Wie beide allerlei reiches Volk unter allerlei Vorwand auSzuplündcrn verstehen, und selbst sich dazu der Stieftochter bedienen, wiewohl diese voller Abscheu gegen deren schändliches Gewerbe gewesen. So seien jetzt Mutter und Bruder bereit, sie an den Kardinal Giuliano zu verkuppeln, der ihnen große Summen und Leibgcdinge verheißen, wenn sie Hermingarden vermöchten, sich seinem Willen zu ergeben, und seine Liebe anzuhören. Do- mcnico, ein gefährlicher und boshafter Mann, habe ihr mit dem unfehlbaren Tode gedroht, wenn sie nicht gehorche. Darauf hätte Hcrmingarde nur angehalten, daß sie zuvor noch eine Wallfahrt zum heiligen Hause von Loretto thun dürfe, wo sie Gelübde lösen wolle; nach dem gedenke sie ihr Wort zu geben, doch nie zuvor. Sie habe aber dies Begehren nur darum gestellt, daß sie Zeit oder Gelegenheit zum Entweichen gewönne. Jedoch außer dem einen Male, da sie zum Kreuz gegangen, mir das Bild zurückzugebcn, sei es ihr nie gelungen, der strengen Aufsicht zu entschlüpfen. „Nun aber," fuhr sie fort, „glaube ich, die heilige Jungfrau hat meine tausend Seufzer und Thränen erhört, und Euch mir gesandt. Auch seid Ihr mir allezeit im Sinn gelegen, seit ich Euch gesehen, und habe Euch nicht vergessen. Doch konnte ich mich Euch nie offenbaren, aus Furcht, mich und Euch ins Unglück zu stürzen. Gott und der heiligen Jungfrau aber sei Dank, daß sic uns diesen Augenblick gegeben." Nach diesem erklärte sie mir, sie wolle diese Nacht entfliehen oder sterben. Wenn ich sie aber zu einer Frau unweit Montcfias- cvne am Bolsener-Sec bringen wolle, die als Magd im Hause ihres Vaters gedient, und sehr rechtschaffen sei, werde sie mir lebenslang erkenntlich sein. Dort hoffe sie verborgen zu leben und den Nachstellungen ihrer Stiefverwandten zu entkommen. 329 Ich sprach ihrMnth zu, und verhieß, Alles zur Flucht zu bereiten, und ihrer von Mitternacht an ans der Treppe zu warten. Da sah ich ihr schönes Antlitz zum erstenmal lächeln, und ihr Blick erhob sich dankend znm Himmel; dann sah sic mich mit Wohlgefallen an; drückte meine Hand, und sprach: „So vertraue ich Euch! Gott wird Euch lohnen. Wartet mein, ich komme gewiß." Damit schieden wir, denn wir fürchteten die Rückkehr der Herrschaft, Die Entführung, Ich hatte in der Dunkelheit mein und Domenico'S Roß aus dem Stall gezogen mit unterbundenen Hufen, daß man den Schlag der Füße nicht höre. Und wie ich harrend nach Mitternacht auf der Treppe des Hauses saß, trat hinter mir leise eine Mannsgestalt aus dem Dunkel hervor, Deß erschrak ich sehr, und fragte: wer da gehe? Es war aber Hermingarde in Kleidern ihres Bruders, mit einem Bündel unter dem Arm. Freudig führte ich sie in eine enge Gasse des Fleckens, wo die Pferde angebunden standen, hob sic auf mein Roß, und schwang mich auf dasjenige ihres Bruders, So trabten wir schweigend von dannen. Als wir im Freien waren, rief sie: „ Gott hat Wunder an mir gethan; denn meine Stiefmutter schlief neben mir, wie eine Todte, und hörte nicht, als ich von ihrer Seite wich," Wir ritten scharf, und als es Morgen ward, hatten wir schon das Städtlein Fabriano vor uns. Ich aber konnte mich nicht satt schauen an der wunderbaren Schönheit des zarten Knaben, der mir mit Hermingardens Gcberden zur Seite ritt. Kein Liebesgott wird von den Malern schöner abgebildet. Auch in den Dörfern, wo wir weilten, uns zu erfrischen und 330 den Rosse» Futter zu geben, bewunderte Jedermann die Schönheit meines Begleiters, und die Weiber bezeugte» laut ihr Entzücken, und lachten, wenn Hermingarde von dem Lobe erröthetc. — Als wir durch einen Eichwald ritten, sagte sie: „Färbet mir mein Gesicht, Bastiano, daß ich männlicher scheine/' Sic stieg vom Pferde und suchte Pflanzen, die braun und gelb färben sollten, und zerrieb die Blätter und bestrich sich damit die zarten Hände. Dann befahl sie mir, ans gleiche Weise ihr Gesicht zu entstellen. Als lch nun mit meinen Händen die schönen Wangen berühren und die Rosen auslöschen und den Schnee ihrer Haut besudeln sollte, überfiel mich ein Zittern, und ich konnte nicht. „Ich bin unglücklich," sagte sie. „Und ich noch unglücklicher!" seufzte ich, „wie sollte ich also sündigen, und Gottes schönstes Werk verunstalten?" Da schlug sie die Augen nieder, und ich konnte nicht mehr reden. „Nehmet," sprach sie, „die Blätter — machet mich unkenntlich, sonst sind wir schnell verrathen." Darauf nahm ich die zerriebenen Blätter. Wie ich aber meine Hand an ihre Wangen legte, verschwand unter der Berührung alle meine Besinnung. Ich umfing die Himmlische mit meinen Armen, und hielt sie und zitterte, und stammelte nur leise! „Hermingarde! Hermingarde!" Und wie sie nicht antwortete, und mich mit ihren Armen aufrecht hielt — denn ich wankte, wie einer Ohnmacht nah' — zerflossen Erde und Himmel vor meinen Augen in einen wunderbaren Glanz, und ich war wie getödtet vom Entzücken und wie losgebunden von dem Staube dieses Leibes. Ach, ich wußte nicht, daß meine Lippen an Hermingardens Lippen hingen; daß die Göttliche mit ihren Thräncn meine Wangen bethaute. Und als ich zu Sinnen genas, stand sic vor mir wie eine Verklärte; ich selbst ward mir wie eine Gottheit, die Welten zu vergeben hat. Da hielt ich Alles für einen Traum. — 33l — „Liebst du mich aufrichtig, Bastiano? Willst du mich nicht verlasse»?" Also fragte sie, und ich antwortete: „Meine Seele verläßt eher das Leben, denn dich." — Da schwuren wir, und gaben Seele um Seele im Kusse. Dann reichte sie mir wieder die Blätter, und ich mußte ihr Antlitz braungclb färben. — O welche Mühe, welche Seligkeit! — Des Eichwaldcs bei Assissi gedenke ich wohl mein Lebtage. Darauf nahmen wir abermals unsere Rosse zur Hand, »nd setzten unfern Weg fort. Unglück. Als wir nun am andern Tage zu einem Wäldlein kamen, vermochte sie cs nicht länger, und sprach: „Liebster Bastiano, ich bin nicht vermögend, Euch z» folgen auf diesem Rosse, und ich bin gar sehr ermüdet. Eilet in die Stadt hinauf, und suchet ein Wägeleiu für uns beide. Ich will im Schatten dieser Eichen gelagert bleiben; bis Ihr wicderkommt. Ich bitte Euch, erfüllet meinen Wunsch, denn ich kann nicht weiter." Da half ich ihr vom Pferde, und führte sic ins Gebüsch zum Schatten gegen die heißen Sonnenstrahlen. Dann nahm ich den zärtlichsten Abschied von ihr, »nd schwang mich wieder aufs Roß, und ritt behend den Weg zum Städtlein Trevi, welches auf einem hohen Hügel vor uns lag. Nach langem Suchen und vieler Mühe gelang es mir endlich, um schweres Geld ein altes, schlechtes Reisewägelein zu erhandeln, davor ich meinen müden Gaul spannte. Aber kaum war ich auf dem rauhen, steinigten Weg einige tausend Schritte gefahren, war daran schon ein Rad gebrochen, also, daß ich zu Fuß in die Stadt zurückkehren mußte. Erst gegen Sonnenuntergang konnte ich meinen Rückweg zum Eichwäldlcin verfolgen. 332 Wie ich aber zur Stelle kam, wo ich Hcrmingarden gelassen, war sie verschwunden. Ich rief ihren Namen; ich suchte durch das ganze Wäldlcin, denn es war nicht groß und sehr licht; ich kehrte zu der Stelle zurück, wo sie iu Gras und Kräutern gelegen war; ich lief ins Freie; ich stieg jenseits des Wäldleins auf einen Hügel; ich fragte die Landlcute und Reisenden; ich suchte bis in die finstere Nacht — und sah und hörte nichts mehr von der Verlornen. Da ward ich von großer Verzweiflung ergriffen, und ich warf mich auf den Boden, und zerraufte mein Haar; denn ich zweifelte fortan nicht länger, ihr Stiefbruder Don Domenico habe sie entdeckt und fortgeführt. Ich bin geworden wie ein Wahnsinniger, und weiß nicht, was ich gethan. Endlich in später Nacht spannte ich mein Roß aus, legte den Sattel auf, und ritt bis zu einem elenden Dörflein an der Straße, wo ich Hcrberg fand. Aber wonach ich forschte, fand ich nicht. Und als ich mein Fläschlein zog, um den Feuergeist zu fragen, war er gar schwach, und leuchtete fast nicht mehr, was mich fast betrübte. Ich schloß des Nachts kein Auge. Drei Tage laug habe ich in der ganzen Gegend mein Forschen fortgesetzt; dann den Weg nach MoutefiaScone und zum Bolsener- See gewählt. Auch erfragte ich gar bald dieWohnung'der Marth a Balbino, jenes getreuen Weibes, welches lange Zeit im Hause von Hermingardens Aeltern als Magd gedient hatte. Diese Martha wohnte in einer schlechten Hütte, einsam auf einem Hügel, am See gelegen, eine Stunde von der Stadt Montefiasconc, in lustiger Gegend. Denn der ganze See ist mit Bergen und Wäldern an- muthig umschlossen; auch kein bequemerer Ort, sich vor der Welt zu verbergen, als diese Einsamkeit. Jedoch die Martha, schon eine betagte Frau, hatte seit vielen Jahren nichts von Hermingarden vernommen; und als ich ihr das Schicksal des Fräuleins erzählte, und wie fie habe zu ihr flüchten 333 wollen, weinte sie untröstlich. Nun war auch hier kein Bleibens für mich, und ich gab der Frau ein Geschenk und eilte nach Rom, den Aufenthalt des Kardinals Giullano zu erfragen; denn ich konnte wohl denken, Don Domcnlco habe seine Stiefschwester ihm verkuppelt und zugeschlcppt. In Nom vernahm ich, der Kardinal sei vor wenigen Tagen gen Napoli verreiset. 'Da hatte ich keine Ruhe, sondern kaufte ein frisches Roß, und miethete mir einen Knecht zur Bedienung. Der Knecht war von Geburt ein Römer und hieß Giuseppe; aber ich klagte um Thorhalmern fort und fort, denn die Menschen sind treulos und mögen keine Mühe ertragen. Und ich grämte mich um mein Schicksal also ab, daß ich weder Speise noch Trank genießen konnte, und keine Freude sehen mochte. Auch blieb der Feuergeist trstbe; das deutete noch auch auf viel Ungemach. Die Sängerin. Ich war so hinfällig, daß ich mich kaum auf dem Rosse halten mochte. Wie ich nun am andern Tag unserer Abreise von Rom bei einem Brünnlein abgestiegen war, wo Giuseppe die Rosse tränkte, und ich mich neben der Straße am Boden lagerte, kam ein Vornehmer Herr des Wegs geritten, von vieler Dienerschaft in kostbarer Kleidung begleitet. Er hielt vor mir an, und grüßte mich freundlich, und da er mein bleiches Gesicht sah, fragte er leutselig nach meinen Umständen. Ich war so matt, daß ich kaum Antwort leisten mochte. Giuseppe aber sagte, ich sei ein reicher Kavalier aus Deutschland, der gen Napoli wolle, aber schwerlich dahin gelangen werde, sintemal ich todeökrank sei, und dennoch alle Arznei verschmähe. Da stieg der Herr ab, und sprach mir gastfreundlich zu, daß 334 ich in seinem Landhause ausruhen und meiner Gesundheit pfiegen solle; zudem versicherte er, daß die Wege gen Napoli wegen der vielen Räuber und Banditen gar unsicher wären, also daß selbst Don Karlo Spinclli nichts Wider sie ausgcrichtct habe, welche» der Vizckönig von Napoli gegen sie ins Feld geschickt. Ich dankte ihm gar höflich, und erfuhr, er sei der Prinz von Colleferro aus dem Hause Pamfilio, und folgte ihm zu seinem Landsitz, der nicht gar'scrn gelegen war. Ich empfing in dem Palast prächtige Zimmer, und alle Dienerschaft war auf meinen Wink bereit. Auch besuchte mich der Arzt des Prinzen, und gab mir Stärkungen, also, daß ich bei so guter Pflege in wenigen Tagen hcrgestellt war. Darüber hatte der Prinz große Freude, und ich mußte ihm viel von meinen Reisen und von Deutschland erzählen. Auch wollte er mich nicht so bald von sich lassen, da er die Ankunft seiner neu- vermählte» Schwester erwartete, welcher er große Feste aller Art zubereitet hatte. Da gelobte ich dem cdelmüthigcu Prinzen, noch acht Tage lang bei ihm zu verweilen, und an seinen Festen Theil zu nehmen. Noch den gleichen Tag erschien seine Schwester mit ihrem Gemahl, dem Herzog von Montelcone, und überaus zahlreichem, glänzendem Gefolg. An Köche», Komödianten, Spielleuten, Sängern und Sängerinnen war kein Mangel, und für alle Raum in den weitläufigen Gebäuden des Prinzen. Alles ging mit königlicher Pracht zu, und ich hätte wohl vergnügt sein können, hätte ich nicht um Hermingardcns Verlust getrauert. Auch bin ich oft bclseits gegangen, um mich satt zu weinen, wenn Jedermann sich an den Lustbarkeiten ergötzte. Denn die Freudenbezeugungen so vieler Menschen machten mich viel trauriger. Ich that auch nur zum Schein, als nähme ich Theil an den Vergnügungen, und stellte mich aufgeweckter, als ich war. 335 De» ersten Abend, als in einem großen Gartensaal Mnsik aufgeführt ward, bin ich auch dahin gebracht worden. Aber ich hielt mich weit von den Andern zurück; denn ich wollte verbergen, wie weh' mir zu Muthe war. Auch vernahm ich nichts von dem, was auf dem Theater vorging, und saß mit niedergeschlagenen Augen in einem Winkel des Saals, und dachte an die unglückselige Hcr- mingarde. Indem entstand eine große Stille, denn eine der vornehmsten Sängerinnen ließ sich hören. Sie hatte auch eine solche zauberische Stimme, daß ich selbst davon ganz durchdrungen ward, und sic nur mit der Stimme eines Engels oder meiner verlornen und angebcteten Göttin, vergleichen konnte. Darum mochte ich mich nicht enthalten, die Augen aufznschlagcn, um die Sängerin zu bewundern. Aber da ward es mir, als sei ich wahnsinnig;, denn ich erkannte in der Sängerin auf dem Theater die vielbcweinte Hcrmingardc. Da konnte ich mich vor Entzücken und Erstaunen nicht mäßigen, und sprang auf, und ich wäre zum Theater gelaufen, wen» mir nicht der Anblick so vieler vornehmen Anwesenden Ehrfurcht eingeflößt. Ich verließ aber meine Stelle, und drang bis zur Bühne vor, um mich zu überzeugen, ob ich mich nicht betrogen habe. Und sie war es! Ich zitterte au allen Gliedern, und fühlte, daß ich nahe daran sei, den Athen, und alle Besinnung zu verlieren. Sie sah mich zuweilen mit Aufmerksamkeit an, doch störte sie dies in ihrem Gesang nicht, und ich verwunderte mich über ihre Macht und Vcr- stcllungsgabc. Auch bemerkte ich wohl, daß sie nicht gekannt sein wolle; denn sic trug hier den Namen Donna Lucia, und hatte vorgegeben, sic kvmme von Florenz. So sagte mir jeder, den ich nach der Sängerin befragt. 337 Liebe empörte», einer Treulosen gedient zu haben, welche die Verstellung gegen Andere so weit trieb, wie gegen mich, flüsterte ich ihr beim Tanze zu: „Hermingarde! wie viel habe ich Noth gelitten deinetwillen, und wie muß ich dich wicderfinden?" — Da ward sie roth, und lächelte mit ihrer gewohnten Heiterkeit, und crwiedcrte: „Ihr irret Euch, mein Herr, ich heiße Lucia," „Ich weiß es wohl! Und mir willst du nicht mehr Heriuiu- garde werden? — O daß du mich getäuscht und mein Herz zerrissen ! — Gute Nacht! Ich fliehe dich auf ewig. Noch diese Nacht fliehe ich. Könnte ich mit dir nur meine Leiden und die Erinnerung deiner Schwüre hinter mir lassen," „Nein," sagte sie leise, „ich bitte Euch, fliehet nicht. Bleibet! wir müssen uns einander noch erklären; und was ich geschworen, Euch würd' ich so etwas nicht brechen. Aber haltet Euch ferne von mir, daß Euch Niemand entdeckt. Meine Magd soll Euch suchen, wenn ich allein bin, dann höret Ihr mehr " Dabei lächelte sie so schön flehend, daß ich Alles vergaß, und in großer Seligkeit an ihrem Arm hinschwebte. Auch hielt ich Wort und sprach sie nicht wieder, sobald ich sie dem Marchese zugeführt hatte. Doch konnte ich mir nicht verhehlen, daß Hermin- garde mich grausam hintergangen, sowohl in Lvretto, als im Wäld- lein bei Trevi, daß sie mich nur zum folgsamen Werkzeug ihrer Absichten gemacht, und dann, als ich entbehrlich war, mich mit guter Art von sich entfernt habe. Was mich am meisten betrübte, war, daß sie keineswegs die sittige Heilige sei, wie sie sich sonst vor mir ausgegcben, und daß sie von Don Domenieo und ihrer Stiefmutter nicht vergebens so streng gehütet worden sei. Auch war sie in ihren Geberden nicht mehr die Schüchterne, noch in ihren Kleidern so einfach wie sonst, sondern sie strahlte an Pracht wie eine Fürstin, daß ich sie kaum wieder erkennen mochte, Zsch, Nov, vu. tt 33s Z u sa in m e nk u >i f t. List spät nach Mitternacht schieden die Gäste von einander. Da trat ne im dicken Gewühl der Scheidenden zu nur, leise meine Hand drückend, nnd sagte: „Wartet am Springbrunnen im Schloß- garten." Ich verfügte mich dahin, nnd blieb da noch bei einer Stunde allein. Endlich kam ein Mägdlein, nannte mich bei meinem Namen, und führte mich in den gleichen Flügel des Schlosses, wo mein Zimmer war, durch eine Gallerie in das Zimmer HermingardcnS. Hier saß sie beim dunkeln Schein einer Kerze, und kam mir mit sanftem Tritt entgegen, flüsternd: „Ihr sehet, Herr, ich bin wobl gut, daß ich mir Euretwillen noch den Schlaf abbreche." „O Hcrmingarde," sagte ich, „dn weißt es nicht, wie viel Nächte ich ohne Schlaf geblieben, seit du mich treulos nach Trevi yinaufschicktest, um Vorwand zu haben, mein loS zn werden!" „Ich Euch nach Trevi?" sagte sie lachend, und that desgleichen, als verstände sie mich nicht, wollte auch lange nicht das Ansehen haben, als wenn sic von Allem wüßte, was geschehen. Ich mußte ihr von Loretto an, bis wo sie mich verlassen, Alles erzählen; sie fragte nach allen Kleinigkeiten, stellte sich, als sei sie mir ganz fremd, nnd lachte immerfort, wie eine Närrin, daß mich ihr Spott etwas zu verdrießen anfing. „Nun, Ihr müsset mir verzeihen," sagte sie, und that ihrem bisherigen Muthwillcn Gewalt an, und zwang sich, ernsthaft zu bleiben: „denn der Gram Euerer Liebe hat Euch in der That also enistcllt, daß Ihr mir fast unkenntlich geworden seid. Doch lasset es dabei verbleiben, nnd verzeiht mir, daß ich mich ob Eurer Verwunderung eine Weile ergötzte. Ihr wisset, die Liebe will geneckt haben." Ich cntgegnete: „Nein, mein Fräulein, Eure Lustigkeit stimmt 339 zu meiner Betrübniß gar übel; denn ich erkenne nur zu wohl Euere Leichtfertigkeit, und daß Ihr mich zu keiner Zeit geliebt habet." „Wer aber sagt dem Herrn, daß, wenn ich denselben noch nicht geliebt, ich ihn nicht noch lieben könne?" „Hermingarde, mein Herz thut mir solches kund. Ihr gebrauchtet meiner, daß ich Euch aus den Händen Euerer Stiefmutter befreie, und Ihr zu dem Marchese de Lamentano zurückkommet." Sie lachte von neuem, und ich ward ob ihrer Schadenfreude so zornig, daß ich mich nicht halten konnte, bittere Vorwürfe zu machen, und zu sagen, wie ich sie nicht mehr liebe, sondern verachte. Denn gleich einer Heiligen habe ich sie verehrt, und nnn sehe ich, sie sei ein gefallener Engel. Ich hätte meine Wünsche so weit getrieben, in ihr einst meine Braut und Gemahlin anzubeten, und nun fände ich sie als Sängerin und Courtisane in fremden Armen. Mein Zorn belustigte Hermingarde», oder, wie ich sie nennen will, um den heiligen Namen, der mir theuer gewesen, nicht zu besündigen, Lucia. Sie ging zu mir Hera», nahm meine Hand, und fragte schalkhaft lächelnd, ob ich unversöhnlich bleibe? Und da ich dies betheuerte, fragte sie lachend: „Auch keines Kusses mehr bin ich Werth?" — Da zog ich meine Hand aus der ihrigen, und verließ mit Unwillen ihr Gemach. Ich brachte abermals die Nacht schlaflos zu. Nur nach Sonnenaufgang überfiel mich eine große Müdigkeit, daß ich erst nach Mittag von einem todtengleichen Schlaf erwachte. Der Prinz hatte schon vielmals gesandt, sich nach mir zu erkundigen, und da ich die Augen aufthat, fand ich den Arzt an meinem Bette. Aber ich empfand mich so tief erquickt, wie ich seit lange»! nicht gewesen, und begab mich alsbald zur Gesellschaft des Prinzen, der mir viel Lob über meine muntere Gesichtsfarbe sagte. Ich war von meiner Liebe ganz genesen, wie Von einem Schmerz, 3^0 *- und schämte mich, so schwach gewesen zu sein, eines Weibes verstellten Geberdcn zu trauen. Diese Erfahrung hatte mich ganz anders denken gelehrt, und ich verachtete die Weiber aus Herzensgrund, und ich konnte mich kaum überwinden, mit den Frauenzimmern mit gebührender Höflichkeit zu reden, ungeachtet viele Schönheiten zugegen waren. Aber doch war die verrätherische Lucia die reizendste von allen, und ich durfte ste nicht ansehen, ohne daß mein Herz von neuem bewegt war. Mord und Flucht. Jedoch schien vom Verhängniß beschlossen, als sollte keine andere Gestalt meine Augen erfreuen können. Immer neigte ich mich wieder zu ihr hin, wie das Blümlein zur Sonne, wiewohl es von den brennenden Strahlen derselben erkrankt. Ich glaubte mir selbst nicht mehr, und meinte, nicht sic habe, sondern ich selber mich geblendet und betrogen. Ich verabscheute sic; und betete sic an. Ich nannte sie Ungeheuer und Schande ihres Geschlechts, und Krone der Schöpfung. Donna Lucia sah nicht, was in mir vorging. Vor den Leuten that sie fremd, als kenne sie mich nicht, aber verstohlen lächelten mir ihre Auge» so wunderbar süß zu, wie sie im Wäldlein zu Assissi gethan. So lag ich in ihren Banden, und hassete ich mich selber darum. Hätte ich gewußt von ihr, was ich nachher erfahren, sie hätte mich nicht gefangen. Am Abend winkte sie mir selbst zum Tanz, denn ihr Marchese war erkrankt und abwesend. Ich wollte mich entschuldigen und lief doch freudig mit ihr in die Reihen, als hätte ich nach nichts Andern, Verlangen getragen. Und sie zischelte mir leise ins Ohr: „Wollet ihr diese Nacht wieder am Springbrunnen warten?" Ich I — 3-iI — beschloß, es zu verneinen, und antwortete an dessen Statt: „Her- nüngarde, wie gern!" ' Da ich'S nun zugesagt, fehlte ich auch nicht. Die Magd kam wieder, wie das erste Mal, und führte mich in das gleiche Gemach. „Was wollet Ihr von mir, Hermingarde oder Lucia oder wie Ihr heißen möget?" sagte ich, da ich zu ihr hereintrat, „Ich kann doch nicht anders, Treulose, als Euch mit meinen gerechten Vorwürfen lästig fallen; denn also ist auf Erden noch kein Mensch betrogen worden, wie ich durch Eure Scheinheiligkeit betrogen ward." Sie antwortete: „Don Bastiano, eben das dünkt mich sehr lustig. Ist denn aber darum Donna Lucia minder schön? Und könnet Ihr Lucien nicht lieben, wie Hermingarden?" Da wollte ich Nein sagen, aber Alles in mir rief Ja, und ich lag zu ihren Füßen, und schalt sie und betete sie an. Ich wollte fliehen, und blieb in ihren Armen hangen. Es ergriff mich wie Wahnsinn. Ich opferte mich ihr auf. Aber Marchese Lamentano errieth unser Einverständnis Als ich einst aus Lucia'S Gemach schlich, trat er mir in der Gallerie entgegen, und rannte mit gezucktem Degen auf mich ein. Ich, unbewaffnet, floh in mein Zimmer, er mir nach. Er ließ mir kaum Zeit, meine Waffe zu nehmen. Bei den ersten Stößen stürzte der Wüthende entseelt auf die Erde. Ich weckte alsbald meinen Knecht, der die Roffe herbeiführen mußte; ich packte auf und flüchtete mit Giuseppe, ehe Jemand im Schlöffe wach ward. Giuseppe entläuft. Wir nahmen unsere Richtung nach den Gebirgen von Abruzzo, denn ich gedachte des Don Piccolomini, und hoffte ihn wieder zu finden, weil das Gerücht ging, er sei das Haupt der Verbannten geworden, und habe viel Volks beisammen. Napoli hatte für mich keinen Werth, sintemal ich Hermingarden gesunden, ehe ich's geglaubt. Dagegen war meine Begierde um so größer, Nachrichten über das Schicksal des redlichen Thorhaimer zu vernehmen, wie auch mit meinem Fencrgeist rechtschaffen um den Spiritus sami- liaris zu dienen. Als Giuseppe verspürte, wohin meine Neise gehen sollte, ward er unruhig und verzagt. Er hörte nicht auf, mich vor den Banditen zu warnen, die das Gebirg unsicher machten, und erzählte mir von ihren Grausamkeiten. Wiewohl ich nun den feigen Menschen auf alle Weise tröstete, traute er doch nicht. Und schon in der ersten Nachthcrbergc entwich er mir sammt dem Pferde. Es hat mich nicht viel gegrämt; habe ihn auch mein Lebtag nicht wieder gesehen. Er war ein verschmitzter, lügnerischer Bursch, that was er wollte, und war zu nichts Besser»! zu gebrauchen, als wenn es Schelmenstücke gab. Der alte Thorhaimer war wohl ein anderer Gast! Ich machte demnach folgendes Tages meinen Weg allein, und gar wohlgemutst. Selbst die Donna Hcrmingarde that meinem Herzen nicht weh; denn ich hörte nicht auf, sie zu verachten, weil sie mich bitterlich hintcrgangcn. Und mit ihr war mir nun das ganze Menschengeschlecht und alle Lust des Lebens, und mein Leben selbst gleichgültig geworden. Große llebcrraschungen. Am gleichen Abend erreichte ich das Städtlein Celano, und kehrte daselbst ein, zu übernachten. Am Morgen brachte mich ein großes Getümmel aus dem Schlaf. Und es war auf den Gaffen, wie im Haus, Rufen und Schreien, als sei Feuersnoth. Ich sprang jählings aus dem Bett und warf mich in die Kleider. Da ward 343 meines Gemaches Thür gewaltthätig aufgerissen, und viele bewaffnete Herren traten herein, alle von wildem kriegerischen Ansehen „Zum Teufel, Don Bastiano, findet man Euch hier? Ich glaubte, Zhr wäret in Krautstücken zerhauen!" Also rief Einer^ und ich erkannte mit großer Verwunderung den Herrn von Monte- Marciano. Ich lief ihm alsbald freudig entgegen, und die Andern grüßten mich. Einige derselben waren von denen, die ich zu Bologna gesehen, auch Marco de Sciarra und Batistello del Aratro. Darauf begehrte Don Alfonso, von dem ich wohl bemerkte, daß er der Vornehmste von Allen sei, zu hören, wie ich in dem Gefecht unweit Bologna entronnen sei, und welches Abentener mir seitdem begegnet? Und er führte mich abseits in ein kleines Zimmer und fragte: „Habt Ihr nun gefunden, daß der Feuergeist seine guten Dienste leistet? — Aber ich wußte vom Spiritus fami- liaris, daß ich Euch hier treffen würde; darum bin ich gen Celano aufgebrochen, und hierher gekommen. Nun folget mir, als ein tapferer Streiter, ins Feld. Es soll Euch nicht gereuen. Euch allein vertraue ich, das Schlößlein Ci coli zu nehmen, und zur Belohnung verheiße ich Euch, das Schönste der Erde darin zu finden." „Herr," sprach ich, „sendet mich, wohin Ihr wollet; ich achte meines Lebens nicht, seit ich das Schönste auf Erden verloren." „Wie meinet Ihr das?" fragte Don Alfonso. „Ist Euch der Feuergeist abhanden gekommen?" „Mit Nichten. Aber er leuchtet trübe." „So solltet Ihr ihn nähre» und stärken; er verschmachtet bei Euch, weil Ihr ihm keine Speise reichet." „Wie soll ich ihn speisen?" „Stellet ihn von Zeit zu Zeit der Sonne bloß; er nährt sich mit ihren Strahle», denn er ist himmlischer Natur. Aber der Spiritus familiaris verheißet Euch noch andern Sold. Wisset Ihr, 344 wie Euch Sclafani'S Madonna entzückte? — Und wie Ihr sie als Bildsäule sähet? — Lebend soll sie Euch erscheinen, wie sie uns erschienen ist." Als Don Alfonso also sprach, schüttelte ich unwillig den Kops und sprach! „Mich verlangt nicht nach ihr. Der Spiritus fami- liaris, oder die Gunst meines Feuergcistcs, gab mir die Dirne, und lehrte mich die Eitelkeit menschlicher Wünsche." Und darauf berichtete ich treu und genau mein Abenteuer vor dem heiligen Hanse zu Loretto, bis zur Flucht Lucicns bei Trevi, und wie ich sie beim Hochzeitsfeste des Herzogs von Monteleone wieder gefunden und vor drei Tagen verlasse» habe. Da lachte der Herr von Monte-Marciano mit lauter Stimme, und sagte: „Bastiano, Euch hat ein böser Geist geäfft. Das ist aber auch wohl andern Männern widerfahren, welche um den Spiritus familiaris dienen wollen. Ihr habet die schöne Hermin- garda di Solls allerdings bei Trevi verloren durch höllisches Zwischenspiel; aber auf der Hochzeit von Monteleone hat Euch ein schöner Kobold geneckt, der Menschengestalt angenommen, um Euch zur Untreue und Sünde an Hermlngarden und zu blutigem Mord zu verleiten. Glaubet mir, das war ein Gespenst, was Ihr im Schlosse des Prinzen von Collcferro umarmt habet, und der Unhold ist gewiß wie ein Rauch verschwunden, als er seine Absicht vollbracht sah." Als Pies der Herr von Monte-Marciano sagte, kam mir ein Grausen an, und noch mehr, da er mich nahm und mich zu den andern Herren zurückführte, sagend: „Don Bastiano schwört, 'das Fräulein Hermingarda di Solls im Hause Collcferro gesehen zu haben, wo sie die monteleonische Hochzeit feiern." „Nein, sie ist seit sechs Tagen auf dem Schlößlein ob Cicoli," rief einer der Kavaliere: „dahin entkam sie mit ihrem Bruder Don Domcnico Falterra bei unserm Gefecht mit der Be- satzung von Cicoli, Wir hatten sic schon gefangen, unsere Leute aber ließen sie wieder im Stich," „Ist die Rede von Don Domcnico Faltcrra?" sprach darauf Don Marco de Sciarra: „Der ist unter einem Maulbeerbaum begraben bei Olgiato, wo die Landstraße nach Tivoli geht. Gestern des Morgens kam er, mit sechs Reitern, bewaffnet des Wegs von Cicoli, mit ihm ein zartes Frauenzimmer, welches er seine Schwester nannte, auf einem Maulthier reitend. Nuferer Vierundzwanzig überfielen ihn. Dennoch wollte er Widerstand leisten, und streifte mit einer Kugel den Mario di Astano, Da stießen ihn drei zugleich nieder, daß er auf der Stelle verblich. Die sechs Reiter flüchteten behend nach Cicoli, Aber Domenico'S Schwester ward als gute Beute nach Olgiato geführt. Dort ist sie noch verwahrt, und kein Teufel soll sie antasten, denn ich habe sie mir Vorbehalten," Bei diesen Worten warf Marco den Mantel vom linken Arm, und wies auf ein Tuch, welches er darum gebunden, und sprach: „Da sehet Ihr mein Wahrzeichen, Als ich gestern Nachts von ihr schied, weinte sie laut, und fürchtete Gewaltthat von meinen Leuten, Da schwor ich jedem den Tod, der sic nicht ehrfurchtsvoll ansähe, und ich nahm ihre Hauptbinde, und band dieselbe um meinen Arm, und sprach: Von nun an bin ich Euer Ritter und Schirm," Und es war dieselbe Hauptbinde, welche ich an Hermingarden gesehen, als sie mir das erstemal in dem heiligen Hause in Loretto erschienen war, nämlich das himmelblaue Tuch mit Gold durchwirkt, so ihre Locken zusammenhielt. Da sah ich ein, daß mich ein böser Geist auf der monteleoni- schen Hochzeit grausam betrogen. Und das Herz schlug mir gewaltig, und meine Liebe ward wieder neue Flamme. In dem Augenblick sah ich durchs Fenster auf der Gaffe den alten Thorhaimer mit andern Kriegsknechten, Da entbrannte mein 346 Herz, und ich sprang jach hinaus zur Straße. Der Alte siel mir mit Thränen zu Füßen, umarmte meine Knie und rief: „Gottlob, daß ich Euch wieder sehe, liebster, bester Herr! Daß Ihr noch lebet, habe ich erst seit gestern aus dem Munde eines schönen Fräuleins vernommen, welches untröstlich weinte, da ich Euer,, Namen nannte. Es ist Euch sehr ergeben. O kommt mit nach Olgiato." Da ward mir zu Muthe, als wäre Alles Zauberei, was ich erfuhr, und ich wußte nicht, ob ich träumte. ThorhaimcrS Schicksale, Darauf begab ich mich abseits mit Thorhaimern, wo uns Niemand hören konnte, und forschte aus, wie cs ihm ergangen, und welches Fräulein ihm von mir gesprochen. Und er berichtete nach seiner gewohnten Umständlichkeit Alles, wie folgt. Doch hat er feinen Bericht vielmals mit neuen Freudenbezeugungen unterbrochen, weil er mich wiedergefunden, und aus den Augen kamen ihm Thränen. Ich selbst bin dabei gar bewegt worden, und schüttelte dem Alten oft die Hand, und schwor ihm, daß ich ihn lebenslang nicht wieder von mir lassen wolle. Er sagte, nach dem Gefecht unweit Bologna habe Zedermann behauptet, ich sei erschlagen. Nur ein einziger Reiter widersprach dem, und versicherte, er habe gesehen, wie ich des entgegengesetzten Wegs geflüchtet sei, statt mich zu den Andern zu halten. Von unfern Leuten ist aber Niemand bei dem Handgemenge umgekommen; nur vier sind verwundet worden, doch ohne Gefahr. Don Alfonso aber sei ein verwegener Manu, denn er habe sich wiederholt in den dicken Haufen der Feinde geworfen, und viel Schaden gethan, und mit eigener Hand mehrere KriegSkuechte niedergehauen. Auch glaube Jedermann, er sei stich - und schußfest, denn ihm sei kein Haar gekrümmt worden. 347 Nachdem habe Don Alfonso sich in die appenninischen Berge begeben, wo man noch mehrere Freunde gefunden, daß ihrer über hundert an der Zahl geworden. Auch Don Marco de Sciarra sei dabei gewesen. Darauf hat Don Alfonso befohlen, in getheilten Haufen gen Apulien zu ziehen. Thorhaimer aber, voll großer Betrübniß, daß er mich verloren, habe Abschied nehmen und den Rückzug nach Deutschland wählen wollen. Da sei Don Alfonso zn ihm gekommen, sagend: er wisse nun gewiß, daß ich noch am Leben wäre, und in Apulien werde mich Thorhaimer wieder finden, wie denn auch in der That erfolgt ist. Dieser Zuspruch hat den Thorhaimer also getröstet, daß erden Verbannten willig gefolgt ist. Und da die Haufen getheilt worden sind, ist Thorhaimer dem Marco de Sciarra gegeben; denn Marco hatte ihn vom Monte-Marciano verlangt, weil er einen Deutschen zu seiner Leibbedienung gewünscht. Nach diesem ist Thorhaimer immerdar bei dem Marco, als seinem Herrn, geblieben, und mit ihm nach Apulien gegangen, wo man, wie auch im Neapolitanischen, allerlei Volks zum Krieg geworben. Don Alfonso hat auch Volk werben wollen in Monte-Mar« ciano, aber der Gouverneur der Provinz hat es untersagt. Danach sei Alfonso zum Marco gekommen, der sich in das Land Abruzzo zurückgezogen, nachdem er die römische Landschaft durchstreift und ausgeplündert. Hier haben die Häupter der Verbannten den Monte-Marciano zu ihrem Anführer erkoren, obwohl Pierconto Gabutio sehr dagegen geredet, und sind mit siebenhundert entschlossenen Mannen in das Römische eingefallen, und bis vor die Thore der Stadt Rom gedrungen. An reicher Beute hat es nie gefehlt, und das Landvolk jederzeit mit den Verbannten gehalten. Auch ist Paolo Vagelieri, den der heilige Vater Wider sie ins Feld geschickt, 348 ohne.Unterlaß geschlagen worden. Darauf hat der Papst Urban den Vagelieri znrückgerufen, und dem Birginio Urstnt das Kommando übergeben wider die Verbannten. Desgleichen hat der Großherzog von Toskana den Marchese Camillo dcl Monte mit achthundert Fußknechten und zweihundert Pferden ausgeschickt, dem Virginia Beistand zu leisten. Aber Don Alfonso Piccolomini habe dem Virginio eine Falle gelegt, und ihn bei Storta unweit Tivoli in einen Hinterhalt gelockt, also, daß die Römer zusammengehanen und mit blutigen Köpfen aus einander gesprengt sind. Virginio ist selbst nur mit genauer Noth entronnen. Während sich nun Virginio mit dem Camillo del Monte und seinen toskanischen KriegSlenten vereinigte, hat Marco de Sciarra Olgiato in Besitz genommen, dessen Mauern gar fest sind. Und bei einem Streifzng, welchen Marco gegen dag Städtlein Cicoli unternehmen wollte, ist man einigen Bewaffneten begegnet, welche ein Frauenzimmer begleitet. Einer von diesen ist erschlagen; darauf haben die andern Fersengeld gegeben, und das Frauenzimmer ist nach Olgiato geführt, wo es Don Marco in seinem Hause mit großer Ehrerbietung behandelt. Da fragte ich den Thorhaimer: wann ist dies geschehen? Und er antwortete: „Es find kaum vierundzwanzig Stunden. Das Fräulein ist schon einmal in Gewalt der Verbannten gewesen, vor sieben oder acht Tagen; aber damals nebst seinem Bruder glücklich in ein Schlößlein ob Cicoli entkommen. Da aber dieser Bruder die Straßen sicher gemeint, weil Virginio und.del Monte mit einem Heere nahe stehen, hat er die Schwester gezwungen, den Weg fortzusetzen, worüber er das Leben verloren." 349 N c u e r Ä ,i m m er. Nachdem Thorhaimer also geredet, schüttelte ich den Kopf ungläubig; denn es wollte mir nicht ein, daß ich in dem Hause des Prinzen Collefcrro mit einem Blendwerk und höllischem Gaukelspiel zu thnn gehabt habe» solle. Auch war cS wohl gedcnkbar, Donna Lucia habe sich, da sie den Tod Lamcntano'S vernommen, eilfertig auf die Flucht begeben, und sei mit ihrem Bruder in das unvorhergesehene Unglück gestürzt. Dieweil ich nun aber erst vor zwei Tagen aus dem Hause des Prinzen geflohen, konnte nicht wohl sein, daß dieselbe Person schon vor sechs Tagen bei Cicoli gesehen worden, mit welcher ich in gleicher Zeit die Eifersucht des Lamentano betrogen hatte. Aber Thorhaimer versicherte, aus dem Munde des Fräuleins die Begebenheit bei Cicoli erfahren zu haben, also, daß er nicht an der Wahrheit dessen zweifelte. Sic sei, sagte er, eine gar tugendsame und liebreizende Person, und kein Unwahres auf ihren Lippen. Er habe den ganzen gestrigen Tag bei ihr zugebracht, aus Marco de Sciarra'S Geheiß, um sie zu trösten und zu bedienen. Und da sic bemerkt, daß er, Thorhaimer, ein Deutscher wäre, habe sie ihn angefragt, ob er vielleicht einen deutschen Kavalier kenne, und habe ihm meinen Namen genannt und meine Person und Kleidung geschildert. Da sei er hoch aufgefahren vor Freuden, und habe gerufen: „Das ist mein Herr, wo ist er? wann habet Ihr ihn gesehen? lebt er noch?" Darüber ist Thorhaimer mit der vermeintlichen Dame Lucia sehr vertraut geworden. Und sie hat ihm erzählt, wie sie mich in Lo- retto auf der Wallfahrt kennen gelernt, wie ich sie aus den Händen ihres Stiefbruders großmüthig befreit »nd bis Trevi gebracht. Da habe sie in einem Wäldlein auf mich gewartet, während ich gegangen sei, einen Wagen in der Stadt zu miethen. Nach einigen 350 Stunden hätte sie Rosse gehört, und sicherlich geglaubt, es sei Niemand denn ich; darum wäre sie frohlockend auf die Landstraße hinausgegangen, und im gleichen Augenblick non drei Männern umringt worden, die zu Pferde herangesvrengt kamen. Einer derselben wäre ihr grausamer Stiefbruder gewesen, der ihr eine» Faustschlag gegeben, davon sie zu Boden gefallen. Dann hätten die beiden andern sie zu ihrem Bruder auf das Roß gehoben, und auf seinen Befehl ihr die Füße gebunden und den Mund geknebelt, auch das Roß, auf welchem sie bisher geritten hatte, mitgenommen. Daun wären sie schleunig davon gejagt, sie habe nicht gewußt, wohin. Sie habe vor Entsetzen alle Besinnung verloren, und wäre in Ohnmacht geblieben lange Zeit. Als es Nacht geworden, habe Domenico in einem Städtlein Herberg genommen, und ihr befohlen, sich von der Farbe zu waschen, womit ihr Gesicht übertüncht gewesen, um sich unkenntlich zu machen. Auch habe sie müssen eine weibliche Kleidung anlegcn, und so wäre die Reise folgendes Tages weiter gegangen, bis man endlich nach Nom gekommen. — Hier sei sie tödtlich erkrankt, aber durch die Kunst der römischen Acrzte schnell genug hergestellt worden, also, daß Domenico auf die Fortsetzung der Reise gedrungen. Er habe ihr aber nie bekennen wollen, wohin er sie zu führen gedächte, und da sie gedroht, sich das Leben zu nehmen, habe Domenico gesagt: er führe sie in ein Kloster. Da sei sie wohl zufrieden gewesen, und ihm daher williglich gefolgt. Auch habe sich von da an Domenico freundlicher gegen sie bezeigt, ihr ein bequemes Maulthier verschafft, und was sonst vonnöthcn gewesen zu ihrer Erquickung. Und da sie gen Tivoli gekommen, wäre ihnen viel flüchtiges Kriegsvolk entgegen gelaufen, sagend: Piccolomini sei im Anzug mit einer großen Menge Verbannter. Wie ihr Bruder nun wieder nach Nom nmkehren wollen, sei ihnen abermals fliehendes Volk entgegengeeilt, mit Klagegeschrei, die Banditen wären vor den römischen Thoren, und bedrohten die Stadt. Da habe Domcnico sich gegen das Gebirg gezogen, in der Meinung, der Gefahr durch einen Umweg zu entrinnen. Allein er wäre nun erst seinem verderblichen Verhängnis; zugelaufen. Denn bei Cicoli fast gefangen, wäre er hernach bei Olgiato wegen thörich- tcn Widerstandes, welchen er leisten wollen, grausamer Weise umgebracht worden. So erzählte Thorhaimer, und ich konnte nicht länger zweifeln, daß Lucia in Olgiato lebe. Zch beschloß also, gleich mit Thorhai- mern dahin zu eilen, um zu sehen, wie das Unmögliche möglich fei. Wie wir aber ins Haus zurückkamcn, wo Piccolomini mit den übrigen Häuptern der Verbannten war, und ich ihm sagte, daß ich gen Olgiato wolle, klopfte er mir auf die Schulter, und sprach: „Morgen gehen wir iuSgcsammt dahin; bis dahin geduldet Euch. Denn wir haben vor einer Viertelstunde vernommen, Olgiato sei berannt. Darauf ist Marco de Sciarra mit fünfzig Reitern also- bald, noch vor der gesummten und vereinten toskanischen und römischen Macht aufgebrochcn, um sich noch zu rechter Zeit wieder in den Platz z» werfen, wenn er hindurch könne. Auch Pietrangelo, Lutio de Petralta und der Battistella sind mit ihm dahin, alles verzweifelte Bursche, die den offenen Höllenschlund nicht scheuen. Diese Worte erschreckten mich sehr; denn nun lagen alle mein» Hoffnungen zu Boden. Zwar sprach mir Piccolomini Muth ein, und sagte: „Don Bastiano, ich führe Euch morgendes Tages in Olgiato ein, und wenn zwanzigtausend Mann davor lägen! " Dennoch tröstete mich das nicht. Nächtliche Erscheinung. Wie ich um Mitternacht schlief, erwachte ich von einem wun- derbarliche» Getöse, und es war mir, als höre ich mich deutlich bei Namen rufen, und als wäre es Hermingardens süße Stimme. 352 Da ich die Augen aufthat, schwebte sie wie auf einer blaßgelben Wolke in der Mitte des Zimmers. Ihre Augen schienen mich voll großen Mitleids zu betrachten, und ein sanfter Schmerz lag in ihren himmlischen Zügen verbreitet. Sie war weiß gekleidet, wie in Schnee, und um ihr Haupt faßte die Fülle ihrer Haarlocken das himmelblaue mit Gold durchwirkte Tuch zusammen. Je länger ich sie betrachtete, je Heller und schöner ward sie, daß sie endlich wie in Lichtstrahlen glänzte. Und ich konnte nicht rufen und nicht reden. Mein Herz lag in Angst und Wonne. Ihre Gestalt war aber immer hellleuchtender, daß sie wie eine Strahlensäule dastand, und von dem Glanz ward Alles umher bedeckt, daß meine Augen ihn nicht ertragen mochten. Und ich fühlte mein Lager sanft mit mir emporgehoben und durch die Lichtstrahlen schwimmen,- wie durch ein Meer v'on Sonnen, und ein sanftes Brausen floß um mich her. Da sank ich auf mein Lager zurück, und schloß die Augen in betäubender Ohnmacht. Wie ich wieder zur Kraft genas, und die Augen öffnete, war Alles finstere Nacht, und ich sah durch das Fenster die himmlischen Gestirne. Deß verwunderte ich mich, und konnte nicht fassen, wie mir geschehen sei? — Und ich dachte, dies Gesicht bedeute mir ein großes Unglück. Deshalb zog ich den Gürtel, um den Feuergeist zu befragen. Wie ich aber das Fläschlein hielt, glänzte es so hell, daß der Schein davon schier mein ganzes Lager beleuchtete. Dies war also ein günstiges Vorzeichen, und machte mir große Freude. Ich betete aber zu Gott und der heiligen Jungfrau mit vieler Inbrunst, daß sie mich vor den Fallstricken des Satanas bewahren wollten, auf daß ich nicht vom bösen Geist wieder versucht werde, wie bei der montcleonischen Hochzeit. 35 ? Treffen bei Olgiato. Andern Morgens war ich früh auf, denn ich konnte nicht erwarten, bis wir aufbräche» gen Olgiato. Aber meine Freude ward zu Wasser; denn Piccolomini erwartete noch Bericht von der Stärke und Slellung des Feindes, auch wollte er unsere Leute wohl ruhen lassen. Gegen Abend kehrten die auSgcsandten Kundschafter zurück, und erzählten, wie sie erfahren, Don Marco de Sciarra habe sich glücklich und noch zu guter Stunde in den Platz geworfen; aber nun sei er in Olgiato eingefpcrrt, daß keine Maus weder aus noch ein könne. Der toskanische Herr General Camillo dcl Monte liege nebst Virginia Ursine mit aller Macht davor, doch scheine es beiden an Kraut und Loth zu fehlen. Es sei aber dergleichen von Rom unterwegs. Als Piccolomini dies gehört, gab er Befehl, daß sich jeder bereit halten solle, auf den andern Tag den Feind zu suchen; man wolle in der Morgendämmerung hinaus, Olgiato zu befreien. Ich erwachte fröhlich, da mich Thorhaimer rüttelte. Piccolomini beschenkte mich mit zwei kostbaren neapolitanischen Zeltern aus des Vicekönigs Marsiall; Steigricmen und Zaum glänzten von Silber, und die Decken ans purpurfarbenem köstlichem Zeuge starrten von Gold. Auf meinen Hut setzte er zwei hohe Neigerfcdcrn, schneeweiß, und um meinen Hals hing er eine goldene Kette. Daran erkannte man die Felbhauptlcute. Er gab meinem Befehl fünfzig Reisige unter, und sprach: „Bastiano, Ihr sollet heute den Vortrab führen, auch der Erste im Angriff sein; denn wir müssen die Toskaner und Römer aus einander jagen, und uns mit dem Marco de Sciarra vereinen. Können wir Olgiato nicht rettcn, so ist der Kern unsers Heeres verloren, und die schöne Hcrmingardc di Solis dazu." Ehe die Sonne aufging, waren wir schon weit von Celano, Zsch. Nov. VII. 12 und gegen Mittag erblickten wir die Thürme n»d Mauern von Olgiato. Camillo del Monte hatte von unserm Anzng vernommen. Er kam uns entgegen in einem kleinen Thal. Die Römischen standen links ans den Anhöhen; die Toskanischen waren in der Fläche. Birginio Urstne befehligte die ans den Hügeln. Der Feldherr des Großherzogs hielt die Mitte, wo er drei Stück Geschütz hatte, und Ercole di Pisa, sein Fcldhauptmann, führte die toskanische Reiterei an, dte uns zur Rechten stand. Da befahl Piccolomini dem Picrconto de Montalto, mit hundert Fußknechten die Römer von den Bergen zu treiben; mir, dem Ercole entgegen zu gehen; er selbst mit allen Ncbrigen wollte den Camillo del Monte nehmen. Bevor Piccolomini noch die Schlachtordnung gestellt hatte, kam die toskanische Reiterei gegen uns an mit verhängtem Zügel, und das schwere Geschütz war gegen unsere Fuß- knechte gerichtet. Da rief ich meinen Leuten, und wir zogen dem Ercole entgegen. Wie wir an einander waren, erhoben Alle ein großes Geschrei, und jeglicher faßte seinen Mann. Aber die Welschen find feige Leute; sie mögen sich lieber gegen Wunden decken, als solche zufügen. Daher tummelten fie sich weidlich herum, Alles in großer Unordnung durch einander; einer trachtete dem andern im Rücken beizukommen, oder den Rücken frei zu haben. Und da wir übermannt waren von den Toskanischen, nahmen meine Leute bald die Flucht. Jedoch zum Glück hatte Piccolomini unsere Noth gesehen, denn er schickte uns noch hundert Reiter zum Beistand. Da ging das Gefecht neuerdings an. I» dem Getümmel kam mit gezücktem Schwert auf schwarzem Roß ein Kavalier gegen mich gerannt, und ich sah, wie er sich unter den Scinigen Platz schaffte, um mit mir handgemein zn werden. Wie er vor mir war, rief er: „Ich bin Ercole di Pisa, und will'S allein mit Euch auSmachcn, wenn Ihr der Verräther 35ö Piccolomini seid." Ich sagte: „Ich will Euch alsogleich mit dem Schwerte meinen Namen zwischen beide Ohren legen." Darauf sind wir an einander gerannt, und die Leute um uns her standen still, den Kampf zu schauen. Wie wir uns tummelten, legte ein toskanischer Reiter die Büchse auf mich an, aber ich entkam ihm, und Ercole rannte in den Schuß und ward getroffen von seinen eigenen Leuten. Ich spaltete ihm, wie er sank, den Schädel. Da stieg entsetzliches Geschrei auf von allen Seiten, und unsere Reisige griffen frisch an. Aber die Toskanischen wehrten sich verzweifelt. Nach einer Stunde kam ihnen viel Fußvolk zu Hilfe, auch setzte man uns mit einem Stückgeschütz hart zu, so daß wir viele verloren. Da drehten unsere Leute dem Feinde den Rücken zu, »nd suchten das Weite. Ich selbst war zweimal daran, gefangen zu sein, und entkam doch glücklich. Als wir nun unser Fußvolk suchten, sahen wir cs schon weit von uns in der Flucht; denn wie ich nachher erfahren, hat Picr- conto de Montalto dem Virginio auf den Hohen schlechten Stand gehalten, also, daß er das erste Zeichen zur Flucht gegeben. Der Feind aber verfolgte uns nicht weit, denn er befürchtete Hinterhalt. Wir kamen athemloS und zerstreut bei einem Dörs- lein zusammen, St. Maria geheißen, das auf einem Berge lag. Piccolomini war sehr aufgebracht, und fluchte abscheulich, und vermaß sich hoch und thcuer, er wolle es dem Camillo del Monte folgendes Tages einsalzen. Wir hatten von den Unsrigen bei hundert Leute eingebüßt. Aber die Feinde hatten auch beträchtlich verloren, wie wir von den Neberläufcrn und Gefangenen vernahmen; der Obcrfeldherr Camillo trug selbst eine Hand schwer verwundet, und mußte das Heer verlassen, alsch, daß nachher Virginio allein die Belagerung von Olgiato fortsetzte. 326 Besuch in Olgiato. Durch solche Niederlage war die Muthlosigkeit unserer Leute so groß geworden, daß sie i» der Nacht hausenweis davon liefen, am meisten die Neapolitaner. Da sagte Piccolomini in der Versammlung der Hauptleute: „Haben wir nur erst den Sciarra frei, so mögen wir wieder bis Rom ziehen; denn er hat unsere tapferste Mannschaft mit sich in das Nest genommen. Es soll einer hin und ihm sagen, wie er sich durchschlagen und zu uns stoßen müsse." Weil hierauf Niemand antwortete, und mich die Neugier und Liebe nach Lucien baß Plagte, sprach ich: „Wohlan, das übernehme ich. Ich gehe als Neberläufcr zum Virginia in künftiger Nacht, und erforsche seine Stellung und trachte nach Olgiato zu kommen." Der Anschlag gefiel Allen wohl. Als es nun Nacht ward, übergab ich meine Sachen und Gelder dem Thorhaimer, mit Verheißen, er solle mich bald wieder sehen. Thorhaimer wollte mit Gewalt mich begleiten, aber ich litt es nicht. Dann zog ich das Kleid eines gemeinen Fußknechts an, und beurlaubte mich vom Piccolomini, und nahm den Weg gen Olgiato. Wie ich eine Stunde gelaufen war, fand ich zwei von unfern Leuten, die ebenfalls im Begriff waren, zum Virginia Überzugehe». Wir machten gemeine Sache zusammen, und kamen vor Tagesanbruch zu den ToSkanern, denen wir unsere Dienste antrugen. Sie führten uns in das Gezelt des Virginia, wo er unS über Alles befragte, was Piccolomini machte; dann würden wir weggeführt und nicht beisammen gelassen, sondern unter verschiedene Haufen geiheilt. Zch blieb neun Tage lang bei den Römischen, und Alles ging müßig und links und rechts auf Beute ans, oder schoß zum Zeitvertreib gegen Sciarra's Volk auf den Mauer» von Olgiato. Denn 357 Virginia wollte nichts unternehmen, bis das schwere Geschütz von Rom angekommcn sein würde. So hatte ich Zeit genug, das ganze Lager zu durchlauscn, und als ich mir Weg und Steg aller Orten wohl gemerkt hatte, und wo Mrginio am schwächsten stand, schlich ich in der Nachtstunde davon, und kam zum Graben von Olgiato. Die Wächter wollten anfangs die Zugbrücke nicht »icdcrlassen, obwohl ich sagte, ich komme aus Auftrag des Herrn Monte - Marciano. Endlich ist Don Marco de Sciarra selbst herbeigerufen worden, und da ich ihm meinen Namen sagte, befahl er, mich einzulassen. Nun berichtete ich ihm, weshalb ich mich auf den Weg zu ihm gemacht habe, und in welche Noth Piccolimini seit dem letzten unglücklichen Gefechte gerathen sei. Wir sprachen die ganze Nacht mit einander. Sciarra sagte, er wolle Rath halten mit den Sei- nigen. Darauf wies er mir ein Nachtlager in seinem Haus. H e r m i n g a r d c. Nun brannte ich vor Begier, das Fräulein zu erblicken, aber meine Hoffnung ward den ganzen folgenden Tag vereitelt. Denn Sciarra, Battistella, Tutio de Petralto, und die andern Häupter der Verbannten ließen mich nicht los, und hatten beständig Raths mit mir zu pflegen. Wie ich aber den andern Tag vor der Thür des Hauses stand, mich umzuschauen, erblickte ich ein verschleiertes Frauenzimmer, welches sich auf das Geländer des Erkers über mir lehnte, und seine Blicke nach mir zu richten schien. Ich grüßte höflich hinauf und zitterte vor Furcht und Freude, denn es schien die Gestalt meiner Geliebten zu sein. Zch hatte auch nicht geirrt, denn sie schlug den Schleier auf, und sagte mit schwacher Stimme: „O Gott, Bastians, seid Ihr cs!" 388 Wie ein Pfeil flog ich hinauf die Stiegen — zu ihrem Gemach — zu ihren Füßen. Sie war sprachlos, schwankte und sank ohnmächtig zu Boden, gleich einer Todtcn. Ich hob sie auf und trug de» schönen Leichnam zum Ruhebett, und rief mit tausend Liebkosungen ihre Seele in den süßen Leib zurück. Eine Zeit lang, wie ich fle betrachtete in der todtenhaften Stellung, schien fle mir fremd. Als sie aber die Augen aufthat, erkannte ich Donna Lucia wieder. Ich hing über ihr, ihre blassen Lippen küssend. Da drängte sie mich zurück, und sprach, wie sie mich lange betrachtete: „Er ist's!" Und sie richtete sich auf und starrte mich wieder lange Zeit an, dann fiel sie an meine Brust, laut weinend. „Ist Euch meine Erscheinung ungelegen, Donna Lncia, oder klaget Ihr, daß ich Euch unglücklich machte?" Sie lispelte leise ein schwaches „Nein!" „Aber Ihr wisset," fuhr ich fort, „ich mußte Euch verlassen. Bleiben konnte ich ja nicht. Ich aber war unschuldig." „O Zhr wäret unschuldig, guter Bastiano." „Wann habet Ihr Eures Bruders Tod erfahren?" „Ich sah ihn vor meinen Auge» sterben. Gott gebe seiner Seele Frieden, lieber Bastiano. Er trennt uns aber fortan nicht mehr." „Er ist also an seiner Wunde geblieben?" „Ich sah ihn sterben." „Was sagt man? Sprach man nicht davon, mich zu verfolgen? Hat mir keiner nachgesetzt?" „Nein, Bastiano. Sie waren zufrieden, mich in ihrer Gewalt zn haben, und kümmerten sich um Euch nicht." „Aber wie seid Ihr Ihnen entronnen?" „Be! Olgiato erschlugen sie ihn, wie ich Euch sagte, und seine Helfershelfer entflohen, und die Verbannten führten mich hieher. Ach, Bastiane, nur um Euch trug ich Leid! Hätte ich Euch nie nach Trevi hinaufgehen lassen! Daher ist das große Unglück! Ich hätte cs wohl noch ertragen mögen bis zum,Bvlsener-See. O verzeiht mir! ich glaubte uns schon in aller Sicherheit." „Wie kommt es Euch hei, süßes Fräulein, noch um das vergangene Alte zu klagen? „Sollte es nicht sein? Ach, konnte ich hoffen, Euch jemals wieder zu sehen? O wenn ihr wüßtet, guter Bastiano! seit Trevi bis heut', waS ich gelitten habe? Wie lieb wäre mir gewesen, zu sterben!" „Seit Trevi bis heut'?" rief ich lachend: „Und seitdem haben wir uns nicht gesehen?" „Sie entgcgnete darauf: „O wohl in Träumen und Gebeten, alltäglich und nächtlich." Als sie dies gesagt, drückte sie meine Hand inbrünstiglich an ihre Brust. Ich aber hütete mich wohl, ihr von der montclco- nischen Hochzeit und von Lamcntano ferner zu reden, weil sie mich nicht verstanden, und ich war überzeugt, daß Donna Lucia und Alles, was im Hause Colleferro geschehen, das Blendwerk böser Geister gewesen sein möge. Und ich sah wieder die Heilige, wie ich sie in Loretto gesehen, und liebte sie mit noch größerer Gewalt, als jemals. Da schwor ich auf meinen Knien, sie nie wieder zu verlassen, und sollte ich darum das Leben einbüßen. Indem trat Don Marco de Sciarra herein, welcher sich verwunderte. Da sagte ihm Hcrmingarde, wie sic sich freue, mich wieder gefunden zu haben, und wie wir in Loretto Bekanntschaft gemacht. Er aber schien darum verdrießlich, und runzelte die Stirn sehr. Doch blieb er in den Schrankender Höflichkeit, und konnte sich meisterlich verstellen. Er führte mich aber von Hcrmingarden hinweg, um mit mir NathS zu Pflegen, wie wir in folgender Nacht Olgiato verlassen, Virginio'S Heer durchbreche», und uns mit Picco- 360 lomini vereinigen wollten. Auch stellte er cs so geschickt an, daß ich Hcrmingarden den ganzen Tag nicht wieder sah. Flucht aus Qlgiato. Ich aber verließ das Haus fast gar nicht, »nd hütete alle Ansgänge mit meinen Angen. Auch befragte ich, wie cs dunkel ward, den Feucrgeist, und da er mir hell und freudig entgcgenglänzte, schöpfte ich frischen Muth. Um die Mitternachtstundc sammelte sich in aller Stille das Volk der Verbannten vor Sciarra'S Haus. Auch sah ich, wie Hermin- garde dicht verhüllt auf die Straße hinanSgeführt und auf ein Maulthier gehoben ward. Da bin ich zn ihr getreten, als wollte ich zu ihrer Bequemlichkeit bereit sein, und drückte ihre Hand, sagend: „Fürchtet Euch nicht, schönes Fräulein, was auch geschehen möge; denn Bastiano ist um Euch, und wird Euch nicht verlassen."— Sie antwortete: „Gottlob, nun fürchte ich mich nicht!" Sciarra blieb bei ihr zu Fuß, und stellte sich zu ihr in die Mitte des Zuges. Ich aber mußte vorn an die Spitze desselben treten, wie unter den Anführern verabredet worden, um Allen den Weg zu zeigen. Man hatte mir auch ein weißes Tuch um den Hut geschlagen, damit mich ein Jeder in der Finsterniß erkennen möchte. So zogen wir aus der Pforte von Olgiato den Hügel hinab nach der Gegend, die mir wohl bekannt war, und wo nur Vir- ginio'S Leibwachen die Hut hatten. Als wir zu einem Bach kamen, hinter welchem die Römer lagen, rief mich ein Soldat an, ich aber stieß ihn sogleich mit der Hellebarde nieder. Da liefen auf sein Geschrei die römischen Kriegsknechte zusammen, und cS erhob sich ein entsetzlicher Lärm jenseits des Baches. 3kl Obwohl wir »nn vcrrathen waren, gingen wir doch mit festem Schritt hinüber, und es erhob sich alsbald ein lebhafter Streit. Je weiter wir drangen, je größer ward die Zahl derer, die uns Widerstand leisteten, bis wir zuletzt von allen Seiten umringt waren. Man hörte weit umher nur das Brüllen und Geschrei derer, die sich zum Kampf ermunterten, oder von ihren Wunden niederfielcn ; das Aneinanderschlagen der Waffen und das Knallen der Büchsen. Virginio selbst, wie wir den Tag nachher in Erfahrung gebracht, ist zu dem Gefecht gekommen, und hat zwei Wunden davongetragen. Die Verbannten aber kämpften, wie Verzweifelte thun, und drangen unaufhörlich vorwärts. Die Römischen nmschwärmten uns in großer Verwirrung, wie wüihende Wespenhanfcn, und konnten wir uns ihrer nur mit großer Mühe erwehren. Als ich merkte, daß das Gefecht hinter uns noch hitziger war, denn vor uns, gab ich meinen Hut einem, der neben mir stand, und zeigte ihm den Weg nach St. Maria, der nicht mehr zn verfehlen war. Dann ging ich zurück, weil mir für Hermingarden bangte. Zum Glück graute der Morgen schon. Da sah ich vor mir einen fürchterlichen Streit von vielen Römischen gegen einen der Nnsrigen. Ich bahnte mir den Weg, und sah Sciarra am Boden liegen; zwei Verbannte schützten ihn. Als ich aber zn Hilfe kam, flohen die Römer, und hinterließen drei Todte. Sciarra war nicht einmal verwundet, sondern nur zu Boden gerannt. Da schrie ich: „Marco, wo habt Ihr das Fräulein gelassen?" — Er aber fluchte und verschwor sich, er wisse nicht mehr, wohin es in dem Gedränge gekommen. Da fuhr ich wüthend in die nächsten feindlichen Haufen, denn ich achtete nun meines Lebens weiter nicht, und wollte nicht leben ohne die Himmlische. Wie ich aber mitten im Streit seitwärts einsam das Manlthier stehen sah, lief ich dahin; doch das Fräulein war nicht mehr bei demselben zn finden. 362 Nun ward mein Schmerz ausgelassen, und wo der Kampf und das Getümmel am größten, dahin rannte ich, sie zu finden, oder des Lebens quitt zu werden. Und wie ich eben über ein Feld lief, hörte ich meinen Namen rufen hinter mir. Es war die Stimme Hcrmingardens. Hermin- garde stand zitternd hinter einem alten Baum, und ich war an ihr vorübergerannt, ohne sie z» sehen. Da schlang ich freudig meinen Arm um ste, und in der andern mein blutiges Schwert, sprach ich: „Nun sterben wir miteinander!" Dann führte ich sic also durch das Gewühl vor, und schlug das römische Gesindel zurück, welches uns entgegen kam, und brachte sie früher, als ich vermuthen konnte, in Freiheit und aus dem Gefecht. Um diese Zeit ließ aber Virginio's Volk von uns los; denn Piccolomini kam uns mit seinen Leuten zum Beistand entgegen, und unter den Römischen war große Verwirrung cingerissen. Und wie wir auf Piccolomini's Haufen stießen, erhoben wir Alle ein großes Freudengeschrei. Nachdem trat Marco zu mir, und forderte das Fräulein. — Ich aber sprach: „Zhr habet es in der Noth verlassen, und da habe ich es mir mit Gefahr meines Lebens erkauft, und cs ist die Beute, welche mir gehört. Auch ist sie mir nur feil, Schwert gegen Schwert, Leben gegen Leben!" Da ward er ergrimmt, und wollte das Schwert wider mich zucken, aber Hermingarde rief, indem sic mich umfaßte: „Ich lasse ihn nicht, und wollet Ihr ihn tödten, so tödtct mich zuvor." Auch der Herr von Monte-Marciano sprang dazwischen, und wehrte dem Marco mit harten Worten, also, daß dieser fluchend sich von uns entfernte. 363 Mahnungen. Wir hatten fortan keine Ruhe, denn Virginia, sobald er Olgiäto besetzt hatte, wandte sich wider uns mit seiner gesammten Macht. Darum beschlossen wir, uns im Gebirg zu zerstreuen, und frisches Volk zu werben. Ich aber fürchtete des Marco Nachstellungen, und ward mit Hermingarden eins, sie zu Martha am Bolsener- See zu bringen. Ehe wir aber den Entschluß ausführen konnten, kam Virginia von allen Seiten gegen die Verbannten angerückt. Da brachen diese in der Nacht auf, und vertheilten sich im Gebirg, jeder nach dem Ort, welchen Piccolomini anzeigte, denn er führte über uns den obersten Befehl. Mich schickte er mit zehn Reitern nach dem Ort Alcini, welcher aus einzelne» Häusern besteht, die hoch an den Bergen liegen. Als wir dahin kamen, gaben uns die Landlcutc Nahrung und Obdach, weil wir Geld hatten, ihnen zu zahlen. Auch vermehrten sie meine Schaar mit zwölf entschlossenen Leuten, welche mit uns auf Beute gehen wollten. Hermingarde aber beschwor mich, diese Lebensart zu verlassen, und mit ihr zum Bolsener-See zu gehe»; auch nach Deutschland wollte sie mir folgen, wenn ich es heißen würde. Ihre Worte bekümmerten mich sehr; denn ich konnte ihr noch nicht mein Geheimniß vertrauen. Auch Thorhaimcr, der mit nns war, drang mit rührenden Bitten in mich, daß ich dies böse Gewerbe aufgebe» solle, welches nichts anderes sei, denn ein gemeines Räuberlebcn. Aber ich blieb unerschütterlich, denn ich wollte treulich um den Spiritus familiaris dienen, wie mir vorgcschrieben worden. Da nun Thor- haimer sah, daß ich nicht zu bewegen sei, sprach er: „Ich verspüre wohl, liebster Herr, daß Euch geheime Ursachen nöthigen, dies gefährliche Handwerk nicht zu verlassen. Und tröstet es mich daß es nicht lange währen wird, bis Ihr davon zurückkehret. Doch 364 gedenket des zarten Fräuleins, und daß es nicht diese unstäte und flüchtige Lebensweise ertragen mag, ohne seine Gesundheit cinzn- büßen. Darum sorget wenigstens für dessen Ruhe und Sicherheit. Auch ist es nicht wohlgethan, daß Ihr mit diesem tugendhaften Fräulein umherziehet, das Euch mit so großer Liebe zugethan ist. Aber an Euch ist es am ersten, die Unschuld des Fräuleins zu schützen. Darum bedenket wohl, was Ihr thut." Ich ward durch diese und andere Reden in tiefes Nachdenken gebracht, und beschloß in meinem Herzen, Hermingarden mir durch Priesters Hand vermählen zu lassen, wenn sie einwilligen würde, und sie dann nach Rom oder in eine andere Stadt, oder wohin fle begehren würde, in Sicherheit zu bringen, bis meine Dienstzeit um den Spiritus familiaris abgelaufen sein werde. Da ich aber zu dem Ende noch Unterredung mit Piccolomini Pflegen mußte, begab ich mich zu Hermingarden und stellte ihr vor, wie daß ich, um unserer Zukunft willen, mit dem Haupte der Verbannten Abrede nehmen wolle. Ich versprach ihr, nach zwei Tagen zurück- zukehrcn, und Thorhaimern zu ihrer Bedienung und zu ihrem Schutz zurückzulaffen. Hcrmingarde willigte weinend in meine Entfernung, und ich erkannte, wie zärtlich ich von ihr geliebt sei. Und cs verflossen zehn Tage, che ich meinen Vorsatz vollführte. Da aber schickte mir Piccolomini, der zu Scenna lag, einen Eilboten, daß ich mich zu ihm verfügen müsse, und ich gehorchte. Mit stummer Weh- muth lag ich an Hermingardens Brust, und wie ein Verzweifelter schied ich von ihr. Unglück. Piccolomini empfing mich zu Scenna mit düsterm Gesicht. Auch vernahm ich bald, welche Unruhen ihn plagten. Er meldete mir, 385 Wie der neue Papst Gregorius, des Namens der Vierzehnte, gleich nach seiner Erwählung, ihn, den Piccolomini, und fünfzehn andere Häupter der Verbannten durch ein Breve nach Rom berufen habe. Weil nun keiner von ihnen Folge geleistet, habe der Papst sie alle zum Tode verdammt, und die Herrschaft Monte- Marciano in Besitz nehmen lassen, den Piccolomini derselben verlustig erklärt, und diese Stadt dem Ercole Sfrondrata, des Papstes Nepoten, zum Geschenk gegeben. „Ei," sprach ich, „wie mag Euch dieser Verlust zu Herzen gehen? Habet Ihr nicht den Spiritus familiaris, der Euch mehr Gold und Gut verschaffen mag, als der Papst Euch jemals rauben kann?" Don Alfons» antwortete und sprach: „Es ist auch nicht dies, was mich am meisten betrübt, wohl aber die Unbeständigkeit meiner Freunde. Denn kaum haben sie vernommen, daß ich Monte-Mar- ciano durch de» Papst verloren habe, wollen sie gegen mich laut werden, und trachten sie die Leute von mir abwendig zu machen. Der niederträchtige und verruchte Pierconto Gabutio ist wiederum der Erste gewesen, welcher seine alte Feindschaft erneuert und das Volk gegen mich aufgestiftet hat. Dann ist der Marco Sciarra mir gram geworden, seit ich das Fräulein Hermingarda di Solls ihm abgesprochen, daß er Euch dasselbe überlassen mußte, und hat sich zu der Partei des Pierconto geschlagen. Nun ist es Zeit, daß wir bcrathschlagen, was wir beginnen, um Ordnung herzustellen." Ich sagte, daß ich entschlossen sei, mit ihm zu halten, wenn ich vorher meine eigenen Angelegenheiten berichtigt habe, und trug ihm vor, was ich wegen meiner Geliebten entschlossen sei. Er erwiederte trocken: das könne nicht sein, denn ich dürfe mich nicht vermählen und einem Weibe anhangen, so lange ich um de» Spiritus familiaris diene, widrigenfalls meine Mühe und Arbeit, ja selbst der Dienst des Feuergeistes verloren wäre. Wohl 368 möge ich aber das Fräulein mit mir führen, mid dasselbe erkennen, wie eine Gemahlin; doch dürfe mich keines Priesters Hand mit demselben verbinden, bis mein Dienst auf die letzte Minute abgc- laufen sei. Dies machte mir große Bestürzung. Bald darauf kamen Batti- stella, Tutio de Petralta und Pietrangclo. Sie sagten, Sciarra liege in dem Städtlein Valva. Man müsse jetzt alles Volk, sammt den Neugeworbenen zusammenihun, gen Valva aufbrechen, und «inen Vergleich stiften, oder die Mißvergnügten mit Gewalt zu Paaren treiben. Doch solle man trachten, Sciarra zu gewinnen, und wenn man ihm das Fräulein Zurückgabe, welches er unweit Olgiato gefangen, und durch Monte-Marciano's Spruch verloren, würde er sich leicht versöhnen lassen. Da sagte ich, wenn das wäre, so würde bis zum jüngsten Tage keine Versöhnung zu hoffen sein, denn ich ließe mich viel lieber viertheilen, als mir meine Verlobte rauben. Indem kam auch Paolo de Siena herein. Er war den Augenblick von Valva hergekoMmen, und brachte Briefe von Sciarra an Piccolomini, in welchen Sciarra erklärte, daß er von Piccolomini keine Befehle mehr anzunehmen gedächte. Und als Paolo hörte, daß von dem Fräulein die Rede sei, und als ich meine Worte wiederholte, die ich vorhin gesprochen, brach er in ein großes Gelächter ans, sagend: „Es sei darum nicht zu thun, denn Sciarra habe das Fräulein schon wiederum, und er werde eS sich nicht abermals so gutmüthig entreißen lassen." Ich erstarrte bei diesen Worten vor Schreck, und sprach: „Paolo, Ihr lüget wie ein Schelm; denn das Fräulein ist bei mir in guter Verwahrung." Er antwortete: „Wenn Euch der Glaube tröstet, so behaltet ihn für Euch. Aber ich weiß, was meine Auge» gesehen haben, und diesen Morgen, als er von seinem Streifzug heimkam, hatte 367 er auch das Fräulein gefangen mit sich gebracht, und zwar dasselbe, welches wir mit uns ans Olgiato geführt haben, Namens Hermingarda di SoliS. ES weinet und ist untröstlich, vcrmuthlich ist ihr Don Bastians lieber." Da ich dies hörte, war für mich keine Ruhe mehr. Ich sagte dem Piccolomini, welchen ich bei Seite führte, ich zweifle an des schelmischen Paolo Aussage, wolle aber nach Alcini zurück, und sogleich mit meinen Leuten und dem Fräulein zu ihm stoßen. Er könne fest auf meine Treue zählen. Don Alfonso belobte mich zwar, aber er setzte hinzu, wie er wünsche, sich mit Sciarra ausznsöhne», und daß, falls Sciarra das Fräulein entführt habe, ich des Mägdleins willen nicht unsere gemeine Sache ausopfern solle. Es werde sich schon Gelegenheit finden, ihm die Beute wieder listiger Weise abzujagen. Diese Rede aus Piccolominis Munde war mir ei» großes Aergerniß; denn ich sah gar wohl aus diesem und allem, was er noch hinzufügte, daß er gesonnen sei, um Sciarra'S Freundschaft Alles hinzugeben. Dann erkaltete auch ich in meinem Herzen gegen ihn, und schwor, ich würde ihn und den Spiritus familiaris und Alles lieber, denn meine Verlobte im Stich lassen. Damit schwang ich mich auf das Roß, wiewohl es schon spät Abends war, und eilte nach Alcini zurück, indem ich die ganze Nacht ritt. Es ist aber von Scenna bis Alcini eine volle Tagreise. Als ich mich des andern Tages dem Orte näherte, sah ich großen Ranch aufsteigen von der Gegend. Und da ich hinkam, sah ich alle Hütten abgebrannt, alles Volk verschwunden, und weit und breit Niemanden, der mir Red' und Antwort geben könnte. Ich stürzte wie sinnlos neben der Brandstätte des Hauses nieder, wo ich den Thorhaimer mit Hermingarden verlassen, und schlug die Erde mit meinen Fäusten, und geberdcte mich wie ei» Rasender. Und raffte mich wieder auf, ließ mein verwundetes Roß 368 sichen, und lief umher zu den entferntesten Hütten au de» Bergen, um eine Nachricht von dem großen Unglück zu erhalten. Aber alle Hütten standen leer und verwüstet. Ueber mein Nachsuchen war der Tag vergangen. Ich blieb über Nacht in einem der verlassenen Bauernhäuser, wo ich einige Lebensmittel fand, die mich erquickten. Folgendes Tages, nachdem ein guter Schlaf meine Glieder gestärkt, machte ich mich zu Fuß auf nach Valva, und schwor, diese Schmach in Sciarra's Blut jzu rächen. Denn er allein, wie ich nun überzeugt war, hatte dies Unheil gestiftet. Doch erst den andern Tag des Abends erreichte ich das Städtlein, welches von dem Volk der Verbannten ganz angefüllt war. Ich mischte mich unter das Gesindel, als gehöre ich zu Sciarra's Leuten, und erfuhr seine Wohnung und daß das Fräulein wirklich darin sei. Wie es dunkel ward, hüllt' ich mich in meine» Mantel, und trat mit dem Dolch in der Faust zum Haus hinein, den Sciarra aufzusuchen, und Hermingarden zu erlösen. Es war in dem Hause stockfinster, und ich tappte lange umher. Da hörte ich Stimmen. Ich folgte, denn mir war es, wie wenn ich eine weibliche Stimme darunter erkenne. Ich fand endlich eine Thür. Wie ich sie öffnete,- erblickte ich Hermingarden an einem Tischlein sitzend, das schöne Haupt schwermüthig auf die Hand gestützt. An der Thür ging ein Soldat auf und ab. Zch rief: „Hermingarde!" Da fuhr sie auf, erkannte mich, und fiel mir um den Hals, rufend: „O Bastiano, rettet mich!" Der Kriegsknecht fluchte, und wollte sie von mir reiße», und zuckte gegen mich sein kurzes Schwert. Aber jach schlug ich ihm den Dolch in die Brust, umfing Hermingarden und eilte mit ihr stillschweigend zum Haus hinaus über die finstern Straßen. Erst da wir ins Freie gekommen waren, fiel mir Thorhaimer bei, und ich fragte, ob er noch am Leben sei? Sie aber rief ängstlich: „Flieh, — ZVS — flieh, bevor mau »ns findet. Zch weiß ja nicht, ob Thorhaimer lebt." Nun verdoppelten wir die Schritte, einem Fußweg folgend, der von Valva hinwegführtc; wir wußten nicht, wohin. Auch war uns gleichgültig, wohin wir kamen, und getrauten uns kaum zu reden. Ich erfreute mich aber meines Glücks. Der Himmel war dicht umwölkt, daß man kaum einen Schritt weit sah. Nachdem wir wohl drei Stunden zurückgclegt hatten, gelangten wir an einen Strom, der sehr breit und reißend schien. Am User stand eine von Schilf und Binsen aufgcschlagene Hütte, worin kaum drei Personen Raum hatten, wenn fie saßen. Da wurden wir einig, auSzurnhe», denn cs erhob sich zu gleicher Zeit starker Regen. Und wir flüchteten unter das niedrige Schilfdach, wo wir de» Boden mit altem Stroh zu einem Lager bedeckt fanden. Nun erst erzählte ich Hermingarden, wie ich schon zu Scenna das Unglück erfahren, was begegnet sei, und wie ich nach Alcini zurückgeeilt wäre, und statt ihrer nur rauchende Brandstätte» gesunden hätte; wie ich sodann gleich aufgebrochen und zu ihrer Rettung nach Valva geflogen wäre. Als es Nacht ward und der Regensturnl nachließ, bedeckte ich die Heilige mit meinem Mantel, daß fie des Schlummers genösse. Ich aber trat vor die Hütte und wachte die ganze Nacht hindurch,- bis zum Morgcnroth. Denn ich zitterte, daß fie mir abermals geraubt werden könne. Merkwürdiges Gespräch. Nie war Hermingarde liebenswürdiger erschienen, als beim Aufschlagen ihrer Augen im blendenden Gold der Morgensonne. „Ach!" sagte sie, „wie sehr liebe ich dich, Bastiano! Aber du hast übel gethau, nach deiner Flucht von Colleferro dich zu den Zsch. Nor. VII. 12 * Banditen zu schlagen, und mit diesen Räubern Gemeinschaft ;u halten. Gelobe mir, nie wieder zu ihnen zurückzukehreu, und mich nach Rom zu führen." „Nach Nom will ich dich führen, du Himmlische," antwortete ich: „aber schon in Alcini sagte ich dir, alte und thcure Gelübde binden mich an Piccolomini. Ich bin in Verzweiflung. Ich kann dich nicht verlassen. Mein Leben hängt an dem dcinigen, und doch, ich verliere Alles, wenn ich nicht mit Piccolomini gehe." Da wollte sie schlechterdings wissen, was mich an den Verbannten fesseln möge, und ich mußte ihr erzählen, wo und wie ich den Herrn von Monte-Marciano kennen gelernt. Ich that dies auch, doch hütete ich mich wohl, ihr von dem Spiritus familiaris zu sagen, um den ich diene. Wohl gab ich ihr zu verstehen, daß er im Besitz vieler geheimen Wissenschaften sein möge. „Auch," sprach ich, „meinen Verwandten in der Heimath habe ich gelobet, geheime Kcnntniß mitzubringen aus Italien. Piccolomini oder keiner kann mir solche geben. Davon habe ich Beweis." Sie sprach: „Er ist ein gemeiner Abenteurer, und Bastiano eine gar ehrliche Haut. Wollte ich Bastiano's Leichtgläubigkeit betrügen, ich würde es können im halben Schlaf." — Sic lächelte gar zärtlich bei diesen Worten, damit ich nicht zürne. Aber ich zürnte doch heimlich, denn ich mochte nicht dulden, daß sie mich weniger achte, als liebe. Und ich wies ihr darauf ihr Bildniß, welches ich immerdar auf meiner Brust trug, und sprach: „Kennst du diese Madonna noch? Seit dem Tage, da ich es in Verona empfangen von Bevilacqua — seit dem Tage habe ich dich mit abgöttischem Herzen geliebt." Sie fragte: „Weißt du, woher es Bevilacqua empfangen?" Ich antwortete: „Aus der Gallcric des Herzogs von Mantua ließ er die Kopie nehmen." Sie lächelte, als verstände sie nun Alles. Ich aber verstand sie nicht, und fuhr fort: „Als nun Piccolomini das Bildniß bei mir zum erstenmal gesehen, hat er mir verheißen, ich werde dereinst das Urbild lebendig schauen." Er konnte cs dir wohl verheißen, Bastiano, da er mich kannte. Ich aber hasse den Piccolomini. Ich sah schon in der Villa FoS- carini, daß er dich zn mißbrauchen gedenke. Ich aber ließ mich zu dem Poffenspiel verleiten, weil es meinen Freunden Lust machte, dich zu ängstigen. Sage mir, Bastiano, hat dir Piccolomini jemals Geld begehrt, oder hast du ihm jemals geliehen?" Ich antwortete, jedoch nicht ohne Stocken: „Niemals für sich selbst." Sic strich mir lächelnd mit der zarten Hand über das Gesicht, und sprach: „Ich mag nicht sehen, wie du lügst. Es steht dir nicht wohl. Also dafür ließ der Betrüger steinerne Bildsäulen wandeln , um dich zu fangen. Selbst seine Freunde betrog er, und machte sie zum Werkzeug seiner gottlosen Plane." Diese Worte machten mich ernsthaft und ich fragte: „Was weißt du Nebels von dem Mann?" Sie entgegncte: „Erinnerst du dich der Villa Foscarini? Glaubtest du ernstlich damals, als ich unter den drei Bildsäulen gestanden, ich sei ein Steinbild? oder als ich an einem Tische vorüber wandelte, mit Kreide gebleicht, wie ein weißer Marmor, ein Stein könne wandeln?" Da fuhr ich auf erschrocken, und schrie: „O Himmel, was sprichst du? Bist du cS selbst gewesen?" „Ich war cs allerdings, weil uns deine thörichte Gespenster- schcn ergötzen sollte. Auch haben wir redlich auf deine Unkosten gelacht. Doch wir hielten den Piccolomini nur für einen lustigen Zeisig, der uns ein Fest geben wollte. Er aber hat dich geblendet, und ich irre nicht, du verehrst noch heute in ihm einen Zauberer." Von dieser Rede war ich mächtig betroffen. Und da ich sie noch weiter Wege» der Umstände jenes Abends befragte, antwortete sie nur auf Alles, nannti! mir die Namen der Anwesenden, ihre Gestalt und Kleidung, selbst die Speisen, welche auf dem Tische standen, als die Bildsäule vorüberging, also daß ich an der Wahrheit ihrer Rede nicht zweifeln konnte. Da verbarg ich'S nicht länger, und fragte, ob sie niemals davon gehört, daß ein Mensch einen Spiritus familiaris besessen, durch welchen er wunderbare Einsichten erlange, und große Dinge verrichte? Sic antwortete: „Ich habe wohl davon gehört, aber noch Niemanden gesehen, der im Besitz des Geistes gewesen. Doch wenn der Piccolomini sich desselben rühmt, so glaube ich es nicht, denn seit er der Herrschaft Monte - Marciano verlustig erklärt worden, ist er ein armer Ritter, der nichts hat, als was er zusammcnranbt. Er ist ein Schandflecken seines erlauchten Geschlechtes, und die Scinigcn erröthcn vor Scham, wenn seiner gedacht wird." Neue Verlegenheit. HcrmingardenS Reden hatten mich in große Bestürzung gesetzt daß ich in tiefes Nachdenken verfiel, bis sie mich daran mahnte, aufzubrechen, um über den Strom zu kommen und Sciarra's Nachstellungen zu entgehen. Wir gingen also dem Wasser entlang, bis wir im Gehölz einen Weg von Baumstämmen darüber fanden, zwischen Felsen. Nach einer halben Stunde erreichten wir ein Bauernhaus, wo wir uns mit schlechtem Brod und Milch erquickte». Wir hatten nun mühsames Wandern, und mußten zwei Tage lang in schlechten Dörfern Hcrbcrg nehmen, bis wir endlich zur Stadt Aquila gelangten. Und ich litt auf dieser Reise großen Kummer um HcrmingardenS willen, denn ihre zarten Füße waren des Laufens ungewohnt. In Aquila hielt man uns für Pilger, 373 denn wir hatten unterwegs Kleider gekauft und angcthan, wie die Wallfahrer zu tragen psiegen. Auch stand ich in großer Noth, weil ich schier ohne Geld war; denn all mein Gut hatte ich dem Thorhaimcr zn Alcini in Verwahrung gegeben. Da Hermingarde erfuhr, wie übel cs mit mir sei, ward sie erst ernst, und sprach: „Könntest du mich gen Nom bringen, so wäre mir und dir geholfen. Denn meine Kasten sind durch de» Prinzen von Collefcrro nach Rom voranSgesandt, und einer meiner Diener dabei. Auch habe ich großen Theil aus dem Nachlaß des Marchese de Lamentano. Ich wollte dich stattlich kleiden, und du wurdest bei mir wohnen und mein Bruder heißen." „ Wie? " rief ich mit Erschrecken: „Also warst du doch im Hanse des Prinzen Collcferro? Warst du Courtisanc des unglückseligen Lamentano? Bist du wieder Donna Lncia, nicht mehr Hermin- garde?" Sic lachte und sprach: „Du bist ein Thor! und ich bin Lucia; aber nie eine Hermingarde gewesen. Ich muß wohl für dich selber sorgen." Darauf verließ sie das Zimmer der Herberge, in welchem wir beisammen waren Ich aber saß gleich einem Steinbilde da, und wußte nicht, was beginnen. Denn nun ward mir hell, daß ich mit Herniingardcns Gestalt reise, und doch nicht Hermingarde habe, sondern daß mich abermals ein böser Geist äffe, wie auf der monteleonische» Hochzeit. Schon waren mir unterwegs oft Zweifel rege geworden, wenn sie vermied, von Olgiato und dem Treffen zn reden, und von nn- sern Gesprächen in Aleini, was ich ihr Alles wiederholte. Auch erwachte mir Argwohn, wenn ich in ihren Armen lag; denn Hcr- mingarde liebte mit kcuscherm Gemüthe, als Donna Lucia, und ein allzu verwegener Kuß, in Alcini gegeben, drohte mir ihre Verachtung und Ungnade. Und je länger ich erwog, je mehr fand ich zwischen dieser und 374 Lucia's Gestalt und Art Aehnlichkeit. Oft hatte ich in Alcini Her- mlngardeu von Piccolomini geredet, aber nie nannte sie ihneinen Betrüger. Wohl hat mich Don Alfonso oft gewarnt vor bösen Geistern, die mir den Gewinn des Spiritus familiaris zu entreißen trachten würden. Darum riß ich auch allen Verdacht wieder ans dem Herzen, welche» sie mir gegen Alfonso eingeflößt hatte. Denn konnte diese Lucia mich von ihm abwendig machen, so war ich auch abwendig vom Spiritus familiaris, und selbst der Feuergeist wäre Betrug gewesen-, der mir allezeit Wahrheit verkündet, und mich in den blutigsten Gefechten unverletzterhalten hatte, wie mir Piccolomini vdrausgesagt. Da beschloß ich, den Fenergeist zu befragen, und noch in derselben Stunde Aquila und Lucia zu verlassen und zum Piccolomini zurückzugehen, wenn er mir durch trübes Licht andeuten würde, daß ich in Gefahr sei. Wie ich ihn aber ans dem Gürtel hervorzog, leuchtete er glänzender, denn jemals; dies machte mich sehr irre, und ich beschloß, abzuwarten, was aus den Gaukeleien werden könne, die mit mir getrieben wurden. Denn der Feuergeist hatte noch nie übel geweissaget. Und als Lucia wieder in das Gemach hereintrat, überfiel mich ein Schauder; denn je länger ich sie betrachtete, je mehr sah ich doch, es war Hermingarde. Fortsetzung des Vorigen. Sie aber,schien meine Unruhe wahrzunehmen, und belustigte sich sehr daran und sprach: „Welchen Unterschied findest du au mir, wenn ich dir als Hermingarde oder als Lucia erscheine?" Ich sprach: „Keinen, als daß ich deinen Besitz, sobald du Lucia bist, jedesmal mit einer Mordthat bezahlen muß, wie ich denn deinetwillen mich mit dem Blute Lamentano'S und mit dem Blute des Soldaten in Valva besudelte. Darum ist mir nicht wohl bei dir. Ich bete dich an und verabscheue dich. Mir ist nicht wohl, bis ich fern von dir bin." Da hob sie bitterlich an zu weinen, und warf ihre Arme um meinen Hals, flehentlich, daß ich sie nicht allein lasse, in der fremden Stadt, ohne Nath und Beistand. Und sie erinnerte mich an meine Gelübde, die ich ihr zu Loretto gethan, und an die Stunde, da sie mir im Wäldlein bei Assissi zuerst ihre Liebe gestanden. Und sie beschwor mich, ihr den Muthwillcn zu verzeihen, welchen sie mit mir getrieben, als könne sie in zweierlei Gestalten erscheinen. Sie habe nur meine eigenen Einbildungen benutzt, und mich darin bestärkt, »m sich Vergnügen zu machen. Auch werde Thorhaimer mir sagen, wie sie zu Alcini gelitten, da ich sie verlassen, und wie sie von Sciarro's Leuten hinweggeschleppt worden, habe sie nur meinen Namen gerufen, bis sie ohnmächtig geworden sei. Und Wieste dies sprach, verschwand mein Grausen, und meine Liebe erwachte von neuem. Denn es war keinem Menschen möglich, sie zu hassen, wenn sie in Thränen verging. Und ich erneuerte mein Gelübde, und erinnerte sie daran, wie sie in Alcini verheißen, mir nach Deutschland zufolge». So solle es geschehen, und ich wolle sie mir ewig verbinden durch Priesters Hand, doch nicht alsogleich, sondern wenn ich zuvor iroch ein großes Geschäft vollendet habe» würde, deswillen ich nach Welschland gekommen sei. Als ich sie besänftigt hatte, ward sie wieder die Holdselige, die sie immer war; doch legte sic ihren bisherigen Mnthwillen ab. Ich gedachte andern Tages, wie ihr Begehren gewesen, sie nach Nom zu führen, wohin ich selbst verlangte, um Do» Bevil- acqna zu sehen, an welchen für mich Briefe und Gelder ans Deutschland geschickt zu werden pflegten. Denn ich war jetzt sehr arm, und hatte kaum genug, die Reise gen Nom zu thun. Aber Her- mingarde klagte über große Müdigkeit, und bat so inständig, sie 376 einige Tage ruhen zu lasse», daß man nicht wohl anders konnte. Wir blieben also vier Tage lang müßig in Aquila. Am fünften Tage kam ein kostbarer Wagen, mit schönen Maul- thicrcn bespannt, vor die Herberge gefahren; ein reichgekleidetcr Diener trat in das Hans und begehrte Donna Lucia zu sehen. Sie winkte mir, daß ich sie allein lasse, und es verging eine Stunde, bevor sie mich wieder rufen ließ. Da ich zu ihr kam, fand ich viel Gepäck in ihrem Gemach, und sie war köstlich, doch wie zur Reise gekleidet, und hatte goldene Ringe an allen Fingern, und mehrere Goldstücke lagen ans dem Tische. „Jetzt ist geholfen, Bastiano!" sprach sic, „und ich danke Euch, daß Ihr mir diese Tage treu geblieben, und mich nicht im Elend allein gelassen, und bitte Euch, mich zu begleiten. Weil aber Eure Kleider zerrissen und vom Staub und Unrath übel zugerichtet sind, sorget dafür, Euch neues Gewand zu schaffen. Nehmet von dem Gclde, so viel Euch beliebt." Es that mich dies Wort befremden, und noch mehr die Art und Weise, wie sie mir zusprach. Ich wollte von dem Geldc nicht, und sagte: ich würde sonder Zweifel in Nom für mich finden. „Vielleicht gehet Ihr lieber zu Eucrm Freund Piccolomini zurück," versetzte sie darauf, „und nun will ich Euch länger nicht halten, wenn Ihr in Euer Verderben rennen wollet. Denn ich habe zur Genüge erfahren, daß der Bösewicht Euch mehr Werth sei, denn meine Person. Und hätten Euch meine Bitten und Thränen nicht bezwungen, Ihr würdet mich schon den Abend nach unserer Ankunft allhier in meiner jämmerlichen Lage verlassen haben. Gehet denn hin! Ich habe meine Gunst einem Unwürdigen verschwendet. Aber hütet Euch wohl, Euch dessen zu rühmen, es könnte Euch gefährlich sein." „Wie, ist das die Stimme meiner Hermingarde, die ich höre?" rief ich: „Also hieltet Ihr mich nur fest, nicht weil Ihr mich lieb- .377 tet, sonder» meiner zu Enerm Schutz bedurftet? Also waren jene Schwüre und zärtlichen Liebkosungen eitel Trug?"- „Ncin, Bösewicht, schöner Böscwicht!" sagte sie: „Ich habe dich geliebt, und liebe dich noch, wie ich keinen Mann geliebt habe. Und ich fürchte durch dich zur Thörin zu werden. Darum ist es besser, wir scheiden; denn ich darf und will mein Lebe» nicht an das Leben eines Abenteurers hängen, der mit Räubern lebt. Seht, Bastians, welchen Beweis ich Euch non meiner Liebe gebe. Vergesset des Piccolomini und seiner Bande, kommet mit mir gen Rom, und nennet Euch meinen Bruder, so soll es Euch an nichts gebrechen. Selbst wegen Lamentano'S Tod habet Ihr nichts zu befürchten, denn Lamentano hat noch reuig anSgesagt, er sei an seinem Unglück schuld, und kein Anderer. Ihr dürfet also ohne Furcht bei mir wohnen und öffentlich erscheinen. Wollet Ihr Piccolomini verlassen?" Da wandte ich mich mit Verachtung von ihr und sagte: „Nein! eines solchen WeibeS willen fällt der Mann nicht ab vom Mann. Daß Ihr mir also redet, ist Zengniß genug, Ihr habet mich nie geliebt, sondern nur Eure Lust mit mir büßen wollen. Verflucht sei meine Leichtgläubigkeit und der Tag, da ich Euch vor den Schwellen des heiligen Hauses zuerst erblickte; verflucht die Stunde bei Assissi, da ich Eure ersten Gelübde hörte, und verflucht das Bild, das mir die Leidenschaft einhanchte!" In der Wuth riß ich die Madonna Sclafani'S von meiner Brust, und zertrat das Bild auf dem Erdboden, hob die güldene Kette auf und sprach: „Ich will sie zu einem Goldschmied tragen, er wird mir dafür geben, daß ich ohne Eure Almosen reise." Ich ging aus dem Zimmer und glühte vor Zorn. Sie rief mir ängstlich nach, und wollte mich zur Umkehr bewegen; aber ich blieb taub und ging von dannen. 378 Abenteuer i.n R o in. Der Goldschmied von Aquila zahlte mir kaum die Halste dessen, was die Kette Werth gewesen, und betrachtete mich gar argwöhnisch, als hielte er mich für einen Räuber. Von ihm begab ich mich in die Kirche, da eben Messe gelesen ward, und verrichtete mit bußfertigem Gemüth meine Andacht. Als ich wieder zur Herberge kam, war Donna Lucia oder Hermingarde in ihrem Wagen abgcreiset; und da ich bezahlen wollte, was wir verzehrt hatten, war die Rechnung schon abgethan. Der Wirth übergab mir aber ein Brieflein, welches Lucia für mich hinterlassen, des Inhalts: „Sie warne mich zum letzten Male vor meinen schlechten Freunden; verzeihe mir auch meinen Zorn, und werde mir in Nom Beweise geben, daß ich ihr noch theuer sei. Sie hoffe, ich werde mich eines Bessern besinnen und ihr gen Nom folgen." Ich zerriß den Brief und verließ die Stadt, und lief den Weg ins Gebirg zurück, um Piccolomini zu suchen. Da ich aber unterwegs bedachte, wie ich doch besser thue, Don Bevilacqua aufzu- suchen, bei dem vielleicht Nachrichten von Hanse auf mich warten möchten, kehrte ich wieder um, und wanderte die Straße gen Rom. Spät Nachts kam ich in einem Flecken an, Viovcaro geheißen. Da fand ich in der Herberge einen Wandersmann, der am Tische saß, Wein zu trinken. Wie ich mich zu ihm setzte, und ihn näher betrachtete, erkannte ich, daß er zu dem Hansen gehöre, welchen Battistclla del Aratro führte. Und ich machte mich an ihn, und fragte leise: „Ist der Battiflella nahe? oder der Piccolomini?" Da erblaßte der Mensch, und sah mich mit starrem Blick an. Wie er mich aber erkannte, schnalzte er mit den Fingern in der Luft und sagte: „Alles vorbei! Alles aus einander!" Nun begehrte ich mehr zu wissen, und erfuhr, daß Piccolomini von allen Verbannten im Stich gelassen worden sei, und der Mark Ancona zugeflüchtet wäre, um sich nach Venedig zu rette». Ein großer Haufen der Verbannten treibe sich in der Gegend von Niete umher, wo sie alles Korn auffingen, was den Tiberfluß hinab nach Nom ginge, und sie hätten tägliches Gefecht mit Don Virginia Ursini, dem päpstlichen Feldherrn. Auch Don Marco de Sciarra wäre dabei. Aber die Sache neige zum Ende, und Jeder bringe seine eigene Haut in Sicherheit. Eben dies erfuhr ich auch andern Tags auf der römischen Landstraße, wo ich mit den Landleuten redete, die Korn nach Nom führten; denn in der Stadt, wie sie sagten, war großer Mangel. Nun gereuete cS mich keineswegs, daß ich nicht, wie es anfangs mein Wille gewesen, ins Gebirg gegangen, den Piccolomini zu suchen. Doch fing mir die Flucht des Piccolomini an großes Be- sorgniß zu erwecken, und der Argwohn, welchen Donna Lucia in mir angeblasen, schien gerechtfertigt werden zu wollen. Falls Don Alfonsv Herr des Spiritus familiaris wäre, dachte ich in mir selber, möchte er aller menschlichen Nachstellungen spotten; er würde allezeit des Geldes vollauf haben, und an Anhang könne es ihm nicht fehlen. Zu Nom kehrte ich in eine geringe Herberge ein, wohin arme Bürgersleute zu gehen pflegen; auch gab ich den Leuten vor, aus Deutschland zu kommen, um zu St. Peter Ablaß zu holen. Ich that es aber, weil mir Geld fehlte. Folgenden Tages kaufte ich mir vor einer Bude sogleich saubere Tracht und einen Degen, und ging damit in meine Herberge und kleidete mich neu. Dann machte ich mich auf, Don Bevilacqua zu suchen und ließ mich zu der Wohnung führen, die er mir schon in Verona bezeichnet hatte. Als ich aber dahin kam, vernahm ich mit großer Bestürzung, wie er vor einem Monat nach Florenz abgereiset sei, weil er die böse Luft von Rom nicht hatte ertragen können. Nnn war ich in großer Noth, denn ich hatte Alles, was mir zu Agnila für die goldene Kette gegeben worden war, an die neue Kleidung vcrthan, und das Brod war in Non, so thencr, daß man kaum für Geld bekam. Ich strich den ganzen Tag schwermüthig auf den Gaffen und in den Kirchen umher, und wußte meinem Nebel keinen Rath zu schaffen. Ich war zu stolz, die verräthcrische Lucia aufznsuchen, und wenn ich gewollt hätte, wußte ich nicht, wo sic finden in der unermeßlichen Stadt. Ich begab mich des Abends ungesättigt auf mein hartes Lager, wo ich jedoch neben vielen andern Pilgern sanft einschlicf; denn der Glanz deS Feuer- gcistes gab mir tröstlichen Mnth. Den ande.rn Tag verzehrte ich mein letztes Geld, also, daß ich nicht mehr behielt, mein Nachtlager zn zahlen. Ich war in großer Bangigkeit. Aber der Fenergeist machte mir neue Hoffnung; denn da ich ihn am frühen Morgen beim Dunkeln betrachtete, war er voll Glut. Es blieb mir keine Hilfe, als die neuen Kleider wieder zn verkaufen, womit ich mich geschmückt hatte, um mit dem Wenigen, so ich daraus lösen würde, Florenz zu erreichen. Aber man bot mir weniger, denn die Hälfte dessen dafür, waS sie mich Tags vorher gekostet hatten. Da redete ich einen Inden an, und bot ihm die Kleider. Er schüttelte den Kopf und fragte nach Kostbarkeiten; sagte, er sähe wohl, ich sei ein Kavalier, der in der Noth sei, und wäre bereit, mir zu helfen. Er verlange nichts von mir zu kaufen, sondern wolle mir Geld darleihen, wenn ich ihm Unterpfand geben würde. Ich ging mit ihm, wiewohl ich nichts hatte, ihm zu geben. Wie wir nun in sei» Hans getreten waren, begehrte er zu sehen, was ich ihm als Unterpfand bieten möchte. Ich gcricth in große Verlegenheit, und versicherte, wenn er mich gen Florenz begleiten würde, ihm seine Reise zu zahlen, weil ich dort mehr Gelder zn heben habe, als ich gebrauche. Er schüttelte zn Allem den Kopf. 381 Da fiel mir, als letztes Hilfsmittel, der Fcuergeist ein, und ich hoffte den Juden zu bewegen, mich gen Florenz zu bringen, wenn ich ihm zeigte, in welchem wichtigen Befitz ich sei. Zwar erinnerte ich mich wohl, wie mich Piccolomini ernstlich gewarnt, Niemandem mein Kleinod zu verrathen; allein die Noth war groß. Da ich nun dem Hebräer von diesem Geheimnis' redete, horchle er begierig auf, und begehrte den Schatz nur zn sehen, mit Verheißen, er wolle ihn gar nicht berühren. Darauf zog ich das Fläschlein, und wies ihm den Fcuergeist. Er betrachtete ihn lange mit größer Aufmerksamkeit, und dann rief er: „Der Herr wird mich nicht betrügen! Ist nichts, denn ein bononischer Stein, auf besondere Art zubereitet und eingcglaset. Ich habe auch,-und kann dem Herrn davon verkaufen." Damit ging er und reichte et» Geschirr, worin kleine gelbgrüne Steinlein lagen, und stellte sic an die Sonne. „Sehe der Herr, Feuergeister so viel er mag! Aber flc machen nicht stich- und schußfest." Nach dem hielt er sie ins Dunkle, und ich gewahrte mit Erstaunen, wie sie gleich glühenden Kohlen brannten und leuchteten wie mein Fcuergeist. Da fiel cS mir schwer auf das Herz. „Stelle der Herr nur sein Fläschlein oft an das Tageslicht, so wird der Stein darin glänzen, wie ein Carfnnkel!" sagte der Hebräer, und that sein Geschirr wieder auf die Seite. „Der Herr hat nichts anderes, als de» bononischen Stein; so können wir keine Geschäfte machen." Nach diesen Korten führte er mich an die Thür, und ließ mich auf der Stelle allein stehen. Darüber bin ich sehr niedergeschlagen gewesen. Ich meinte, ich wolle über die Einfalt und Unwissenheit des Hebräers lachen, und konnte cs doch nicht. Zwar hatte sein bononischer Stein viel Gleichheit mit dem in meinem Fläschlein, und hatte im Finstern dessen Licht; auch traf zn, daß man den Fcuergeist mit Sonnen- 382 strahle» nähren müsse, gleich wie den bononischen Stein; aber der Feuergeist hatte meinen Leib doch vor allein Unglück bewahrt, und konnte mir bös und gut wahrsagen, was kein bononischer Stein mag. Dann aber gedachte ich wieder, daß der Fcuergeist mir schön gestrahlt, wo ich doch von Hermingarden selbst verrathcn worden bin, und seit vielen Tagen hell leuchtete, wo ich nicht hatte, meinen Hunger zu stillen. Und wenn ich an Don Alsonso'S hilflose Flucht gen Venedig, und an Hermingardens Warnungen, und an den Betrug dachte, welcher mir mit dieser Courtisane gespielt worden, als ich ste für eine Bildsäule halten sollte, entfiel mir alle Lust am Leben. Denn ich sah mich von einem Betrüger ins Elend gebracht, welchen ich für meinen Freund gehalten, und von einem Weibe schimpflich verspottet, welches, seiner Abenteuer zu pflegen, mir wie eine Heilige erschienen war, und meine Leidenschaft und Leichtgläubigkeit mißbraucht hatte znr Sünde. Da schwor ich in meinem Herzen, keinem Menschen mehr zu trauen, und ich sehnte mich nach einer Einöde, wo ich der Welt abstcrbcn könne. In diesen Gedanken vertieft war ich durch manche Straße gegangen, und stand unweit eines alten Manerwcrks, welches vor Zeiten eine Kirche der Heiden gewesen sein mag, worin sie ihre Götzen verehrt. Und wie ich dasselbe betrachtete, fiel mir ein Mann zu Füßen und umarmte meine Kniee, daß ich sehr erschrak. Wie er aber sein Angesicht aufrichtete, war eS der alte Thor- haimer, der vor Freuden und Thronen nicht reden konnte. Da ward mir, als sähe ich einen Engel des Herrn, und fiel ihm um den Hals und küßte ihn, und weinte vor Freuden wie er. Nach dem gingen wir beide Arm in Arm, gleich Trnnknen, durch die Straßen, und wurden des Erzählens nicht satt. Und wie ich ihm sagte, in wie große Armuth ich gerathcn, wie Hermtn- garde treulos geworden, stand er still und betrachtete mich, und meinte, ich rede irre. 383 „Wie sprechet Ihr auch, liebster Herr!" rief er und schüttelte den Kopf: „Das Fräulein ist nicht von mir gewichen, seit wir in jener schrecklichen Nacht Alcini verlassen haben, da die römischen AricgSlcute de» Ort überfielen und verbrannten," „Nein, Alter!" unterbrach ich ihn, „Sciarra hat die Wuth geübt aus Bosheit gegen Piccolomini, und hat das Fräulein mit sich gen Valva entführt, wo ich es wieder befreite," Er antwortete: „Wenn Ihr mir nicht glaubet, möge Euch das Fräulein selbst sagen, wie in der Nacht die Römische» gekommen sind, wie der Feldobcrst Virginio unser Haus umringt hat, und eingctreten ist; wie sie dann demselben zu Füßen gefallen und um Erbarmen gefleht, weil sie von den Räubern gefangen worden, und nichts mit ihnen gemein habe; wie Don Virginio sie darauf huldreich ausgenommen, und ihr und mir erlaubt hat, mit unserm Gepäck und zwei Maulthieren abzuziehen, und er uns durch seine Leibwachten bis auf die römische Landstraße hat führen lassen; wie hinter unserm Rücken die Hütten von Alcini gebrannt haben; wie das Fräulein zum See Bolsena begehrt hat, aber krank geworden, ehe wir Rom erreicht hatten; wie es seitdem auf dem Krankenlager geblieben, und nur durch die Hoffnung genesen ist, daß ich Euch im Gebirg von Abrnzzo anfsnchen und wiederfinden würde," Da sagte ich: „Wenn dem also ist, wie du sagst, so möge mir Gott gnädig sein. Denn auch ich habe dir die Wahrheit geredet; und das Fräulein ist bei mir gewesen, bis in der Stadt Aguila, wo es mich gar schnöde verlassen hat. Und es ist dasselbe, welches ich in Loretto gesehen, lei Trevi verloren, im Hause des Prinzen Colleferro wiedcrgefunden, dort verlassen, aus Olgiato gerettet, und in Aguila auf ewig verloren habe," „Liebster Herr," sagte Thorhaimer, „ich habe schon oft aus Euer» Reden verspürt, daß unholde Geister mit Euch spielen 384 möge». Darum kommet und fliehet dieses gefährliche Land. Auf deutschem Boden ist doch besser wohnen, und das tngcndsame Fräulein führet als Eure Gemahlin in das Schloß der getreuen Welzer ein. Aber schwöret dem Don Piecolomini ab, denn er führet Euch mit seiner schwarzen Kunst in den Nachen des Verderbens; und es ist kein Anderer, denn er, welcher das Teufelwcrk treibet, womit er Eure Augen verblendet." Nu» war ich wieder in größter Verwirrung des GemütheS, und ich wußte mich nicht zu fassen über das, was ich gehört und was ich doch auf ganz andere Weise erlebt hatte. Wie wir nun vor dem Hause standen, wo Thorhaimer und, wie er behauptete, das Fräulein wohnten, bat er mich, zu verweilen an der Thür, auf daß er die Kranke wegen meiner unverhofften Ankunft vor- bercitcn konnte. Ich folgte ihm aber, ohne daß er cs wußte bis vor die Thür des Gemachs, in das er eingcgangen war. Bekehrung. Nun Hörle ich von innen die Stimme Hcrmingardcns; dann, wie Thorhaimer erzählte, daß er glaube, mich gesehen zu haben; wie Hermingardc zweifelte; wie Thorhaimer sagte, er habe mich gesprochen, bis er ihr beherzt sagte, ich sei in der Nähe. Nun hörte ich das Fräulein einen großen Schrei thun — dann Todten- stille. Nach einiger Zeit schrie Thorhaimer: „ Jesus Maria!" und eine fremde Wcibcrstimme heulte laut. Da schlug mein Herz gewaltig, und ich stürzte mit Zittern in das Gemach. Thorhaimer lag kniecnd an einem Bett, und über das Bett beugte sich eine betagte Frau, und im Bett sah ich Her- mingarden eingefallen und bleich mit verschlossenen Augen. „Ach," rief Thorhaimer, „diesen Augenblick ist sie verschieden. 385 Ich Elender habe das Himmelskind mit der voreiligen Botschaft getödtet." Aber das Weib winkte ihm und flüsterte leise: „Nein, es ist noch nicht alles Leben geflohen. Rufet den Arzt " Thorhaimer eilte alsobald hinweg, und wie ich Hermingarden sah, und ihre von Krankheit verzerrte Gestalt, zweifelte ich nicht länger, daß Thorhaimer die Wahrheit geredet, und mich abermals in Valva ein höllisches Trugbild berückt habe. Und ich sank weinend auf den süßen Leichnam meiner Geliebten, und küßte ihre kalten Lippen, und rief tausend Mal ihren Namen. Darauf schlug sie die trüben Augen auf, und starrte mich an, und seufzte einen tiefen Seufzer, und schloß die Augen wieder und ward wie eine Todte. Da Thorhaimer den Arzt brachte, ward ich in ein anderes Zimmer geführt; da lag ich verzweifelnd auf einem Ruhebett, bis der Arzt wieder zn mir kam, und versicherte, das Fräulein sei gerettet; doch dürfte ich mich nicht zeigen, bis den andern Tag, sonst würde,es das Leben der zarten Blume gelten. Welch ein schmerzlicher Tag, welch eine qualvolle Nacht! Wie ich des andern Morgens zn Hermingarden geführt ward, saß sie aufrecht im Bett, von ihrer Wärterin unterstützt. Sie breitete stumm und lächelnd ihre beiden Arme nach mir aus. Und wie ich sie mit den meinigen umfing, sank sie an meiner Brust zusammen, wie eine geknickte Lilie. Und ich empfand in meinem ganze» Wese», daß es die Eine, die Unbescholtene und Reine sei, welche ich in Loretto zuerst erblickt, und die mein Herz mit unsäglicher Liebe erfüllt hatte. Und ich dünkte mich selbst heiliger zu sein in ihrer Nähe; es war nicht, wie bei dem schönen Gespenst im Haqse Colleferro oder Aquila, bei dessen Berührung mich ein ganz anderes Feuer ergriffen hatte. Der Arzt, die Liebe und die Freude thaten Wunderdinge. Die holde Kranke nahm von nun an sichtbarlich mit jedem Tage an Zsch. Nov, VII. 13 386 Kräften zu, und blühete wieder allgemach zu ehemaliger Lieblichkeit. Doch vergingen Tage und Monate; ich verließ sie fast nie. Unterdessen sagte ich ihr nicht, was mir mit der Erscheinung in Balva und Aquila begegnet, damit meine schmähliche Untreue, die ich verübt, mir nicht ihr Herz entfernen möge. Der Beichtvater. Aber das Geheimniß drückte mich sehr, und fürchtete ich durch neue Nachstellungen böser Geister wieder von meiner Geliebten geschieden zu werden. Darum beschloß ich, meine bedenklichen Angelegenheiten einem geistlichen Herrn anzuvertrauen; wozu mir auch Thorhaimer oftmals gerathen, auf daß ich mein armes Gewissen erleichtern möge. Und Thorhaimer brachte mich eines Tages zu einem Franzis- kanermönch zur Beichte, bei welchem er selbst beichte» ging. Ich vertraute mich demselben, denn er war gar ehrwürdig von Gestalt nnd Geberde, als ein Greis von mehr denn siebenzig Jahren. Wie ich ihm im Beichtstuhl mein Herz eröffnet und mein Schicksal mit Piccolomini und dem Feucrgeist und den bösen Geistern offenbaret hatte, die mich oft unter Hermingardens Gestalt geblendet, befahl er mir, »ach ertheilter Absolution, sein an der Pforte der Kirche zu harren. Bald nachher kam er auch, und führte mich zu seiner Zelle im Kloster, wo er den Feuergeist zu sehen begehrte. Als ich das Fläsch- lein zeigte, legte er es an die Sonne, und sagte: „Mich dünkt, Ihr seid von dem Piccolomini um Euer Geld betrogen, denn was er Euch gegeben, scheint ein bononischer Stein zu sein, nnd nicht mehr. Aber Piccolomini ist daran, den Lohn seiner verruchten Thaten zu empfangen. Denn in der Gegend von Cesena ist er von dem toskanischen Oberst Bisaccioni gefangen nnd, an Händen 387 und Füßen gebunden, durch Jmola nach Florenz gebracht worden. Danket dem Himmel, daß er Euch zu rechter Zeit von der großen Gefahr befreit hat." Als ich Piccolomini's Schicksal vernahm, ward mein ganzer Leib wie Eis. Der alte Mönch aber, nachdem er das Fläschlein wieder zur Hand genommen und lange im Dunkeln betrachtet, gab es mir zurück und sagte: „Es ist der bononische Stein, künstlich in das Gläslein gethan mit einer Flüssigkeit, die ich nicht kenne. Und der Stein hat Euch nicht vor Gefahr behütet, sondern die Hand Gottes. Auch hat Euch der Stein nicht den Muth gegeben, allem Schrecklich Trotz zu bieten, sonder» der Glaube an die Wunder- kraft des Fläschleins. Piccolomini aber hat Euer Geld und Euer» Arm vonnöthen gehabt. Glaubet mir, es ist nichts mit dem Spiritus familiaris, nach welchem Euch Graf Sigismund von der Welz ansgeschickt hat; und ist ein solcher nichts, als menschliche Einbildung. Was aber das Blendwerk ist, von dem Ihr redet, daß Euch ein Wcisbild in Gestalt Eurer verlobten Braut betrogen, so hütet Euch vor dieser Verlobten, und prüfet sie wohl, denn ich meine, sie überliste Euch." Nachdem er mir seinen Segen crtheilt, entließ er mich. Ich steckte aber das Fläschlein zn mir, voll großen Unwillens, denn der Mönch hatte mir schlechte Auskunft gegeben, und ich glaubte ihm nicht. Neue Erscheinung. Der Mönch begleitete mich bis zur Klosterpforte, und fragte nach meiner Behausung in der Stadt. Dann hob er warnend den Finger und sprach: „Junges Herrleiu, es thut mir leid um Euch. Ihr scheint eines guten GemütheS zn sein, jedoch unerfahren. Ihr seid in üble Hand gefallen." 388 Ich mochte ihm nicht antworte», und ging von dannen, denn ich sah wohl ein, daß er Hcrmingarden in Verdacht genommen Ich sagte aber Hcrmingarden kein Wort, nm sie nicht zu betrübe». Am Abend des gleichen Tages, da ich bei ihr war, trat Thor- haimer in das Zimmer zu uns. Und er fuhr erschrocken zurück, da er unser ansichtig ward, als sähe er etwas Böses. Und wie ihn das Fräulein um die Ursache solches Entsetzens fragte, wollte er lange nicht die Sprache finden. Endlich sagte er: „Euer Geist betet drüben in der Kirche unter dem Volke. Ich lag während der Messe auf den Knien, und that meine Andacht, da seid Ihr gekommen und neben mir gekniet, und seid geblieben. Da ich diesen Augenblick hinweggegangen bin, wie ist eS möglich, daß ich Euch hier finde?" Hermiugarde entfärbte sich, und ward nachdenkend. .Ihre Unruhe ging in mich über; denn ich kannte jenes gespenstische Ebenbild, und fürchtete dessen Nähe. Aber das Fräulein richtete sich bald auf, und sprach freundlich zu Thorhaimern: „Gehet, eilet, flieget hinüber zur Kirche, guter Thorhaimer, und gebet Acht, wohin sich nach gepflogener Andacht die Dame begeben wird, welche Ihr für mich selbst angesehen habet." Und als Thorhaimer hinweg war, und ich furchtsam zu Her- mingardcn sprach: „O du Süße, diese Erscheinung bedeutet unserer Liebe neues Unglück!" antwortete sie mit der Sicherheit der Unschuld: „Warum fürchtest du Böses? Ich halte dafür, es sei Eugenia, meine Zwillingsschwestcr, die mir allzuähnlich ist. Aber ich will sie gern meiden, denn sie hat mich nie lieb gehabt." Da erschrak ich von Herzen, denn diese Worte rissen einen Schleier von allem Geheimniß meiner letzten Begebenheiten. Ich umfaßte sie und sprach: „Du Liebe, warum verbargst du mir das?" Sie antwortete: „Die Schwester ist mir geworden, wie eine Fremde: doch hatte ich nicht Ursache, ihr Dasein zu verhehlen." WS Und nun vernahm ich, wie Hermingarde und Eugenia, welche sich lieber Lucia nannte, die einzigen Kinder ihrer Mutter gewesen, die beide zärtlich geliebt hat. Ale aber nach dem Tode der Mutter der Vater in die zweite Ehe getreten, habe die leichtfertige Eugenia schon als Kind die Gunst der Stiefmutter genossen, und Hermingarde viel gelitten, besonders nach des Vaters Tode. Eugenia wußte mit Verstellung und Schmeichelei die Stiefmutter zu leiten; war leichtsinnig, eitel und veränderlich, und was sie that, ward gutgeheißen. So täuschend sich die Gestalte» der Zwillingsschwestern gliche», so unähnlich waren sich beider Denkarten. Sie flohen einander, und wenn sie zusammcutrafen, entsprang Zwietracht. Als darauf durch Thvrhcitcn der Stiefmutter und ihres Sohnes die Güter verschwanden und Mangel einzukehren drohte, sollten die Töchter mit ihrer Schönheit den Reichthum vornehmer Anbeter in das öde Haus locken. Eugenia lieh sich willig dem eigennützigen Spiel der Stiefmutter, aber HermingardenS Sprödigkeit zog ihr den größten Haß Aller zu. Und es Warschon daran, daß Hermingarde in ein schlechtes Kloster gestoßen werden sollte, als Eugenia'S Leichtsinn dies Schicksal abwendete. Ein Prinz ans dem Hause Colonna war unter den Anbetern EugenienS der freigebigste, und darum der begünstigst«: bei Mutter, Schwester und Bruder. Doch bald verdroß die kaum sechSzchnjährige Buhlerin, mit ihren Reizen nur für Andere Neberfluß zu gewinnen. Sie begehrte in der großen Welt zu glänzen, und jeden Zwang abzuthun, und verschwand mit dem Prinzen, und man erfuhr nichts mehr von ihr, als daß sic in verschiedenen großen Städten Aufwand trieb und die Liebhaber wechselte. Nach diesem mußte HermingardenS Schönheit Wider deren Willen und Wissen einige Jahre lang dienen, die Hand der Mutter und des Bruders mit den Geschenken unbesonnener Liebhaber zn füllen. Als aber ihre strenge Tugend allen ein Aergerniß ward, und der Kardinal Guiliano großes Gut bot, die Tochter von den Stief- verwandtcn zu erkaufen, ward sie mit Bitten und Drohungen bestürmt, daß sie keinen heitern Augenblick behielt. Und wie sie mit den letzten Grausamkeiten bedroht ward, sann sie auf Flucht, und suchte durch die Wallfahrt nach Loretto Gelegenheit und Zeit zu gewinne». Wie ich dies Alles nun von ihr erfahren, bekannte ich ihr, wie ich vcrmuthlich die Zwillingsschwester, und keine Andere, auf der monteleonischcn Hochzeit gefunden, und aus Valva entführt habe; wie sie mich durch ihre Achnlichkeit getäuscht, daß sie sich oft über meine Verwirrung mit großem Muthwillen belustigt habe. Hermingarde horte mich sehr aufmerksam an. Doch Alles gestand ich ihr nicht, denn ich fürchtete, sie zu betrüben. Aber wie ein Schatten von Verdacht zog es über ihre Seele, und sie sagte plötzlich: „Bastiano, so du mich liebst, führe mich weit hinweg von Nom — in ein Kloster, oder — am Altar vorüber in das Haus deiner Aeltcrn." Ein schönes Noth überfiel bei diesen Worten ihr Antlitz; sie legte es an meine Brust und weinte. Thorhaimer hatte inzwischen den Gang zur Kirche vergeblich gethan. Das schöne Gespenst war verschwunden. Ich aber eilte folgendes Tages, Alles anzukaufen, was zu einer langen Reise und für Hermingardens Bequemlichkeit von- nöthen sein möchte. Auch wollte ich Nom nicht verlassen, ohne meines höchsten Wunsches Erfüllung, die Hochgeliebte, als Gemahlin, zu umarmen. Und da ich nach manchem Geschäft kam, sie zu besuchen, fand ich bei ihr den alten Franziskaner, welchem ich gebeichtet hatte. Er reichte mir lächelnd die Hand und sprach: „Euer Schicksal lag mir am Herzen, darum suchte ich Euch. Zürnet nicht meiner Zudringlichkeit. Ich habe durch das Vertrauen dieses tugendhaften Fräuleins genug erfahren. Ihr seid in bessern Händen, als ich fürchtete." Darauf erzählte er auch mir, daß er eine wunderseltsame Entdeckung gemacht; denn ihm sei Donna Lucia Wohl bekannt, und er erschrocken gewesen, sie hier zu finden, bis er vernommen, Her- mingarde sei die Zwillingsschwester. Doch wolle er der Sache weiter nachsvrschen. Nun wandte ich mich an den ehrwürdigen Vater, und bat, daß er mich mit meiner Verlobten vor dem Altar vermählen wolle. Nachdem er unser beider Herkunft und Geschichten von uns vernommen, fand er besonders meine Begebenheiten höchst sonderbar, drückte uns die Hand , und bestimmte freundlich den Tag der Vermählung. Auch dieser Tag erschien. Wir begaben uns in die Kapelle des Ehrwüdigen, und er sprach über uns vor dem Altar den Segen. Und wie ich hochbeglückt die reizende Gattin helmführen wollte, winkte er mir und sprach: „Ehe wir vielleicht ans ewig scheiden, gewähret mir noch eine Bitte. Euer Schicksal ist so seltsamer Art, daß einer meiner Freunde, ein Mann von hohem Range, begierig ist, Eure Bekanntschaft zu machen. Gewähret mir'S, mich zu ihm zu begleiten. Es wird Euch nicht gereuen." Ich mochte dem Greise die letzte Bitte nicht verweigern. Er setzte sich in unfern Wagen, und ich ließ denselben hinfahren, wohin er begehrte. Wir kamen in einen der schönsten Paläste Roms. Reichgekleidete Dienerschaft empfing uns beim Eingang, und oben an der breiten Marmorstiege erschien zu meiner nicht geringen Bestürzung der Prinz von Colleferro. Er aber schloß mich freundlich in seinen Arm, und inzwischen unser Franziskaner meine Gemahlin in ein Zimmer führte, sprach der Prinz lange mit mir in einem großen Vorsaal von meinen Abenteuern nach Lamentano's Tode. Ueber diesen beruhigte er mich vollkommen. Auch wußte er von 892 meinen Verständnissen mit Donna Lucia. Dann beschwor ich ihn, meiner Gemahlin nichts zu entdecken. Nachdem in diesen Gesprächen wohl eine Stunde vergangen war, sehnte ich mich doch wieder, meine Gemahlin zu sehen; aber ich wagte es nicht, den Prinzen daran zu erinnern. Seine Diener brachten uns Erfrischungen und zündeten die Kerzen an, denn es begann Abend zu werden. Endlich erschien der alte Franziskaner, und nahm mich wie de» Prinzen lächelnd bei den Händen, sagend: wir würden erwartet. Er führte uns in ein prachtvolles Zimmer, von unzähligen Kerzen blendend hell, wie der Tag. Darin stand Niemand, denn Hcrmin- garde, aber zu meinem Entsetzen zweimal. „Nun wählet," sprach der Franziskaner, „welches Eure Gemahlin sei! Ich selbst weiß es nicht mehr." Der Prinz schien nicht weniger betroffen, als ich, und schwor, -dieser Anblick wäre einzig in der Welt. Ich sah wohl ein, daß der Prinz nebst dem Mönche die schönen Schwestern zusammcngeführt hatten, um sich an dem wundersamsten Spiel der Natur und an meiner Verwirrung zu weiden. Aber der Prinz war nicht minder betroffen, als ich. Die Täuschung z» vollenden, waren beide fast gleich gekleidet. Doch wie ich sie verglich, fand ich der zarten Verschiedenheiten viel; am Funkeln ihres Blickes erkannte ich mit geheimem Schauder Donna Lucia. Da neigte ich mich zu der mildern Schwester, die den stillen Himmclsblick der Liebe auf mich senkte, und küßte ihre Hand und sprach: „Ich kann sie nicht mehr verwechseln." Donna Lucia, oder vielmehr Eugenia, lachte mit ausgelassenem Muthwillen, und sagte: „Wie meinet Ihr, Do» Bastiano, -habe ich Euch nicht rechtschaffen gequält?" Ich sagte: „Man verzeihet solche Sünden wohl gern. Aber warum habet Ihr mir das gethan?" 393 Sie antwortete: „Erst aus Neugier, ob ich meiner schönen Schwester einen frommen Verehrer stehlen könne, dann ans Noth; denn wäre ich ehrlich mit Euch gewesen, Ihr hättet die Höflichkeit gehabt, mich in dem Land der Banditen im Stich zu lassen. Aber ich rächte mich zn Aquila; doch hintennach habt Ihr mir Leid gethan." Und sie drückte mir heftig die Hand und finsterte: „Ja, schöner Bösewicht, wisse es nur, ich liebe dich doch noch! Darf es aber weder mein Prinz, noch deine Prinzessin hören." Der Prinz gab uns ein kostbares Mahl. Die Schwestern, wiewohl sie sich seit Jahren nicht erblickt, schienen sich selbst hier gern zn meiden. Hermingarde unterhielt sich mehr mit dem Prinzen oder dem Franziskaner; Eugenia wich mir nicht von der Seite. Spät schieden wir aus einander. Ich führte meine junge Gattin im Triumph heim. Wir fanden auf HermingardenS Zimmer ein Kästlein mit kostbaren Jnweclen, welche der Prinz ihr gesandt, mit einem Brieflein, darin die Worte standen: „Der göttlichen Hermingarde zur Aussteuer und Erinnerung an einen Freund." — Aber sie achtete des funkelnden Geschmeides nicht, sondern hing um meinen Hals und seufzte: „Ich kann meine eigene Seligkeit nicht glauben! O Bastiano, sage es doch, damit ich es glaube, daß wir einander ewig gehören!" Neberraschung. Die Sonne weckte uns mit ihren goldenen Strahlen. O welche Anmuth und Liebe war über die himmlische Gestalt verbreitet! — Thorhaimer huldigte der neuen Gebieterin und Frau mit Freuden- thränen vor ihr kniend. Am Abend deffelbigen Tages reifete» wir aus Rom ab, nach Florenz, wo ich Don Bevilacgua aufzusuchen gedachte. Wie ich nach einigen Tagen in Florenz einzog, kam uns in der Straße viel Volks entgegen; ein armer Sünder ward zum Galgen geführt. Er ging mit gesenktem Haupt zwischen zwei Mönchen, umgeben von Scharwachtcn des Großherzogs. Wir mußten wegen des großen Gedränges still halten, denn die Vorsehung wollte mich furchtbar an meine Besserung mahnen. Ach, wie der Unglückliche unweit vor mir hinging, erkannte ich ihn. Es war Don Alfonso Piccolomini, der den Loh» seiner Schandthat ärntcte. Er wurde gehangen, und sein Leichnam an dem Galgen zum warnenden Beispiel viele Tage lang ausgestellt. Es war im Winter, der'vierzehnte Hornung 159t. Also hat dieser Mann schimpflich geendet, der aus einem der edelsten Häuser Italiens entsprossen war, und dessen Gemahlin Hippolyta Picca dem Geschlecht Mirandola entstammte. Als wir zur Herberg angekommen waren, begab ich mich in ein stilles Gemach, fiel auf meine Knie, und dankte Gott und der heiligen Jungfrau mit Inbrunst, mich vor solchem Schicksal gnädiglich bewahrt zu haben, wie ich doch meiner vielen Sünden willen wohl verdient. Dann habe ich mit gerechtem Zorn das trügliche Fläschlein mit dem Feuergeist im Hof der Herberge gegen einen Eckstein zerschmettert, daß cs in viel tausend Splitter zersprang. Und ich erkannte schier allzuspät und mit bitterer Neue, wie der Mensch sich selbst gefährlich verblenden könne, und das Wahre für Trug, und den Trug für Wahrheit halte, wenn er sich einmal mit ganzem Gemüth einer thörichten Meinung hingegeben. Ich nahm mir auch vor, andern Tages dem Grafen Sigismund nach Deutschland zu schreiben, wie uns Piccolomini irre geführt, und welches Ende er genommen, und in welche Gefahren ich gegangen. Wie ich aber zu Graf Bevilacqua kam, fand ich einen Trauerbrief von meinem Bruder Ulrich von Welz, der mir S9S den tödtlichcn Hintritt des alten Herrn meldete, auch wie mich derselbe reichlich in seinem letzten Willen bedacht, und alle Güter gegeben, die er für mich verwaltete, als --*) *) Hier endet die Handschrift, Vielleicht ergeht es den Lesern wie uns; gern hätte man noch erfahren, wohin der ehrliche Sebastian mit seiner jnngcn Gemahlin gekommen. Vermutlich sind sie zur Stille ihres Erbgutes auf deutschem Boden eingekehrt. Druck von H. R. Saucrlünder i» 2larn»