323
Darauf that sie die Frage: „Lasset wissen, was diesem Bildefür Euch so großen Werth gegeben?"
Ich antwortete zitternd: „Was anders, denn die Heiligkeitund Anmnth, welche in Euch wohnet."
Sie betrachtete mich lange zweifelhaftig, und sagte: „Ihr seidnicht wahrhaft. Wo habet Ihr die Person gesehen, der es gleicht?"
„Das wisset Ihr am besten," gegenredete ich: „in dem heili-gen Hause, und nun hier, wo Ihr sitzet, und sonst nirgends, we-der in meinen Träumen."
„Nirgends sonst?" fragte sie abermals.
Ich antwortete: „Ich habe nimmer geglaubt, unter dem Him-mel so viel vereintem Liebreiz zu begegnen. Gott ist Zeuge."
Dann fragte sie: „Und Ihr wisset auch den Namen der Personnicht, der es gleichet?"
Ich erwiederte ihr: „Konnte ich ihn wissen, da Ihr mir nichtsaget, wie Ihr heißet? Ich nannte das Urbild meine Heilige,meine Anbetungswürdige, und dies seid Ihr."
Da senkte sie das Haupt und zog das Schleicrtuch vor ihr schönesAntlitz. Ich aber flehte mit gefalteten Händen: „Entzieht nurEure holdseligen Blicke nicht. Habe ich gesündigct, cntsündigetmich wieder durch Euer Nnschaucn. Ihr seid meine Heilige! Neh-met mich in Euer» Dienst. Verstoßet mich nicht!" — Sic standauf, als wollte sie sich entfernen. Aber ich^ließ nicht ab mit Fle-hen und Bitten, bis sic mich erhörte und ihr Antlitz noch einmalenthüllte.
„Ihr irret Euch," sagte sie, „ich bin keine Heilige."
„Oder wie soll ich Euch nennen?"
„Hermingarda di Solls."
„Darf ich mich nicht Euer», Dienste weih'n? O gewähret mi-die Gnade!"
„Ich habe nicht über mich selbst zu gebieten."