§98 Neuntes Kapitcü.
Aber sie hatte ja eine Mutter, um sie zu trösten, unddas that Frau Wittwc Weiher auch, nachdem sie ihre Suppevom Feuer gesetzt und den Rührlöffel weggelegt. „Wassind das für Sachen," meinte diese. „So wirst du dichnicht behandeln lassen, hoff' ich. Glaubt der Herr Böhler,bei ihm allein wäre Heil und Glück dieser Welt? EinMädchen wie du, kamt sich umschauen nach einer Partieund braucht nicht aus einen Photographen zu warten, dernichts zu thuu hat. Sei ruhig, Rosa, es ist noch nichtaller Tage Abend, und es hat gar nichts auf sich, wenndri dich hie und da und sogar häufig am Fenster sehenlässcst. Das Glück kann dort eben so gut hereinkommen,wie zur Thür, und ich weis; wahrhaftig nicht, ob es nichtfür dich ein Glück zu nennen wäre, wenn der da obenvon dir abließe. Warum soll auch Unsereins nicht dasRecht haben, höher hinaus zu wollen?" fuhr sie fort, alsRosa keine Antwort gab, sondern sich ruhig an ihr Tisch-chen setzte, jetzt vom Fenster abgewcndet. „Da drüben, derHerr Baron, von Wenden ist ein junger Mann, unverhei-rathet, reich, und eS wäre doch wahrhaftig nicht das ersteMal, daß ein armes, aber so schönes Mädchen wie du,eine gnädige Frau geworden."
Kurze Zeit darauf speisten beide Familien ihr beschei-denes Mittagsbrod, und bei beiden gab es traurige Ge-sichter. Während unten Frau Wittwe Weiher in ihren Ver-suchen fortfuhr, die Tochter für ihre Ansichten zu gewinnen.