Quietismus
bei dieser Art von Religionsübung nöthig war, mit neuem Eifer der Mystik zu, diedem Gefühlvollem schon sonst Zuflucht und Nahrung gewährt hatte, wenn Allesin den Formen der Kirchlichkeit zu erstarren schien. Der geistliche Wegweiser, „Ouülnspirituale", ein Erbauungsbuch, das Michael Molinos, ein spanischer Weltpric-ster, 1675 zu Rom herausgab, entsprach diesem Bedürfnisse. Molinss redetedarin von der Ruhe eines gänzlich in Gott versunkenen Gemüths, das aller andernGedanken und Gefühle ledig, von keiner Thätigkeit nach Außen gestört, nichts alsdie Nähe Gottes empfinde, mit einer Entzückung, die seinen frommen Phantasienbald viele Freunde verschaffte. Nach seiner Anleitung suchten nun di« Andächtigenlediglich diese Gemülhsruhe ( guies , daher der Name Quietismus und Quieti-sten, gcicch. Hesychasten), und man würde cs ihnen nicht gewehrt haben, wenndabei nicht jene von der Kirche und den Mönchsorden begünstigten AndachtSüdun-gen in Gefahr gekommen wären, überflüssig zu scheinen. Der franz. Hof setzte esbeim Papste durch, daß Molinos seine Irrthümer abschwören und sein Leben untertäglichen Bußübungen in einem römischen Dominicancrkloster beschließen mußte(st. 1696). Dieser Gewaltschritt hinderte jedoch keineswegs die Verbreitung desQuietismus. Der geistliche Wegweiser wurde in Deutschland und Frankreich, woman durch die Schriften der Bourignon (s. d.), Poirets und der Pietisten vor-bereitet war, fleißig benutzt, und erzeugte bald eine Menge Erbauungsbücher lngleichem Geiste. Schon im 14. Jahrh. nannte man eine Art von Mönchen Hesy-chiasten (auch umbilianiini), welche am Berge Athos nach der Vorschrift eines AbtSSimeon im steten Gebete lebten. — Die berühmteste Pflegerin des franz. Quie-tismus war eine am Hofe Ludwigs XIV. beliebte, schöne und reiche Witwe, Ich.Maria Bouvier de la Mothe Guyon, welche», d. N. der Madame Guyon alseine liebenswürdige Schwärmerin von mehr Einbildungskraft als Verstand bekanntgeworden ist. Ihr Beispiel, ihre Betstunden, ihre salbungsvollen Schriften unddie Bemühungen ihres Beichtvaters Lacomde gewannen ihr Anhänger genug, umdie Geistlichkeit aufmerksam zu machen. In der That geriet!) man in Versuchung,eine junge Frau für verrückt zu halten, welche sich für das schwangere Weib in derApokalypse (K. 12, V. 2) hielt und in ihrer eignen Lebensbeschreibung von sichsagt, sie sei oft von einem solchen Übermaße der Gnade erfüllt, daß sie im buchstäb-lichen Sinne bersten wolle und ihre Kleider auflösen lasse» müsse, worauf denn dieseGnadenfülle sich über Die, die ihr diesen Dienst leisteten, ergieße. Lacomde wurde alsihr Verführer verhaftet und starb 1702 zu Paris im Gefängnisse, dieGuyon selbst aberkam nach einer kurzen Einsperrung wieder in Freiheit und zu der Ehre, an den Bet-stunden der Maintenon in Sr.-Cyr Theil zu nehmen. Der Streit schien daher ab-gcthan, als Fönölon (s. d.) in der Guyon eine Geistesverwandte zu erkennenglaubte, und ihr und ihren Schriften in seiner „kxplieation äos insx-ines »len8aint8 8UI Irr vis intvrieurc" (1697) das Wort redete. Der Zutritt eines so be-deutenden Mannes, dessen Andachtsdüchec Frankreich mit Begeisterung ausnahrn,gab dem Quietismus neues Gewicht und dem Verfechter der franz. Theologen,Bossuet, Gelegenheit, diesem beneideten Nebenbuhler eine Beschämung zuzuziehen.Bossuet erwirkte 1699 ein päpstl. Breve, in dem 23 Sätze aus Fönslon's Bucheals irrig verdammt wurden; aber die selbst in Rom bewunderte Sanstmuth, mitder sich dieser unterwarf, brachte seine Gegner um die Früchte des Sieges, sodaßnicht die Gewalt, von der die Guyon (starb 1717) eine zweite kurze Gefangenschaftzu erleiden hatte, sondern nur der veränderte Zeitgeist den Quietismus allmälig inVergessenheit brachte. Eine Sekte hatte er ohnehin nie gebildet, sondern sich nureinige Jahrzehende als das Thema vielgelcsencr Erbauungsbücher und als die eigcn-thümliche Denkart einer Partei unter den Frommen behauptet. Aus Zönölon'sBuche, worin der Quietismus am deutlichsten dargestellt ist, lernt man ihn als eineharmlose Schwärmerei kennen, deren nur phantasiereiche, überspannte Seelen fähig
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