Böhmen 17
und Matthias, 1612. Gegen das Ende der Regierung des Letztem entstanden,wegen gekränkter Religionsfreiheit der Protestanten, Unruhen, welche das HausOstreich in Gefahr setzten, Böhmen zu verlieren. Denn mit Übergehung Ferdi-nands H., der schon bei Lebzeiten seines Vetters Matthias zum Könige von Böhmengekrönt worden war, wählte man 1619 den Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz.Als aber der Sieg bei Prag, d. 9. Nov. 1620, zum Vortheil des Kaisers entschie-den hatte, wurden die Urheber und Theilnehmer des Aufstandes theils hingerichtet(27), theils verbannt oder zu ewigem Gcfängniß verurtheilt (16), und deren Gütereingezogen; das Letzte geschah auch in Ansehung der bereits gestorb. und der 29 ent-wichenen , sowie in Ansehung der 728 begüterten Herren und Ritter, die sich frei-willig als schuldig gestellt hatten. Die protestantische Religion, zu der sich mehrals drei Viertel der Einw. bekannten, ward ausgerottet, Rudolfs Majestätsbrief(1627) aufgehoben, und Böhmen in ein reinmonarchisches und reinkathvlischesErbreich verwandelt. Mehr als 30,000 angesessene Familien (darunter 185 Ge-schlechter aus dem Herren - und Ritterstande), alle Protestant. Prediger und Lehrer,eine Menge Künstler, Kaufleute und Handwerker, die nicht katholisch werden woll-ten, wanderten aus nach Sachsen, Brandenburg, Holland, der Schweiz rc. Dochblieben in Wald - und Gebirgsdörfern, wohin kein Jesuit und kein Soldat kam,viele heimliche Protestanten zurück. — Seitdem wurde die böhmische Sprache inöffentlichen Angelegenheiten nicht mehr gebraucht. Im dreißigjährigen Kriege ver-ödete Böhmen gänzlich; es verlor die Blüthe seines Wohlstandes. Als Ferdi-nand II. 1637 starb, waren in Böhmen von 3 Mill. Einw., die es 1617 in 732Städten und 34,700 Dörfern gezählt hatte, nur noch 130 Städte, etwas über6000 Dörs und 780,000 Einw. vorhanden. Nach Karls VI. Tode, 1740, machteKarl Albrecht, Kurfürst von Baiern, auf Böhmen Anspruch und ließ sich in Pragvon den Ständen huldigen; allein Maria Theresia behauptete Böhmen, das nochjetzt eins der reichsten Juwelen in Ostreichs Kaiserkrone ist.
Das Könige. Böhmen grenzt gegen W. an Baiern, gegen O. an Mährenund Schlesien, gegen N. an die Lausitz und Meißen, und gegen S. an Ostreich undBaiern. Es zählt auf 952 HjM. über 3,700,000 Einw., darunter 2,200,000Ezechen und über 50,000 Juden, in 286 Städten, 275 Märkten und 11,924Dörfern. Die herrschende Religion ist die katholische; die übrigen Religionen wer-den geduldet. Die Landessprache ist die böhmische, eine slawische Mundart; ineinigen Kreisen und in den meisten Städten wird deutsch gesprochen. Böhmen istfast ringsum mit Gebirgen umgeben, enthält sehr große Waldungen, beträchtlicheTeiche, deren man überhaupt an 20,000 zählt, und sehr fruchtbare Flächen. Dievorzüglichsten Flüsse sind die Elbe und die Moldau. Jede Art Getreide, Flachs,Hopfen (der beste in Europa) und Baumfcüchte sind ein Gegenstand der Ausfuhr.Wein ist nicht häufig, aber um die Gegend von Melnik gut. Die Viehzucht istbeträchtlich, vorzüglich die Schaf-, Pferde-, Schwein- und Federviehzucht (Fasa-nen rc.). Die Bergwerke liefern Silber (1823, 13,873 Mark), Kupfer, sehr gu-tes Zinn (1800 Etnr.), Granaten u. a. gute Steine, Eisen (200,000 Etnr), Ko-balt, Arsenik, Uran und Tungstein, Antimonium, Farbenerden, Alaun, Galmei,SclM Steinkohlen in Menge. An trefflichen Mineralwassern (150) ist Über-fluß , aber Mangel an Salz. Die Böhmen benutzen ihre eignen und fremde Na-turerzeugnisse auf mannigfaltige Art. Unter den über das ganze Land verbreitetenFabriken zeichnen sich die Leinwand-, Batist-, Schleier-, Zwirn-, Spitzen-unddergl. Manufakturen aus, welche 1801 für mehr als 20 Mill. Gulden Maarenlieferten, wovon die Hälfte aus dem Lande ging. Die Wollenmanufacturen liefer-ten für 10 Mill. Gldn. Waaren; dieser Artikel hat sich in neuern Zeiten sowol ver-mehrt als verbessert. Das böhmische Glas, das in 78 Glashütten verfertigt wird,ist das beste in Europa, geht nach Spanien, Amerika, Rußland, in die Levante, fürConv.-Lex. Siebente Ausl. Bd. II. -j- 2