l
4Z6
Turnkunst
fluß, je mehr ihn bis jetzt die Regierung geehrt und ganz Preußen geachtet hatte.Indessen die Stimmen eines Kotzebue, eines Wadzek u. s. f. tönten immer lauterdagegen, und so ward in dem Augenblicke, wo Iahn 1817 200 Thlr. Zulage er-hielt, um den königl. Cadetten Unterricht im Turnen zu ertheilen, dem Obermedi-cinalrath Köhnen die Weisung gegeben, über das ganze Turnwesen ein ärztlichesGutachten zu erlassen, das u. d. T. „Turnen und Leben" erschien und für dasletztere aus dem ersten die besten Früchte ableitete. Weil aber freilich die zweite,viel schwierigere Frage, inwiefern Sittlichkeit und Schicklichkeit dabei gewinne, vonihm nicht berücksichtigt war, so trug die Schrift zur Beschwichtigung der Gemüther 'um so weniger bei, je mehr auf mehren Universitäten Erscheinungen obgewaltet hat-ten, z. B. die Wartburgsfeier, welche mit dem Turnwesen selbst insofern in Ver-bindung zu stehen schienen, als Jahn's Feinde behaupteten, alle seine Turngesetze,alle seine Verträge, seine Bemerkungen, gingen darauf hinaus, die Ordnung imStaate zu stören, die Monarchie herabzusetzen, die Einheit des deutschen Landeszu befördern u. s. f. Bereits 1818 erließ daher das Ministerium des Cultus in Ber-lin an alle Unterbehörden im Lande ein Rescript, das ihnen die Pflicht auflegte,über die bei ihnen eingerichteten Tumanstalten, den Einfluß, den sie hätten, denGeist der Feste, die sie feierten, der Lieder, die dabei gesungen würden, zu berich-ten und ihr Gutachten beizufügen. Schon hieraus ließ sich ahnen, daß das neueInstitut bald ein Ende finden würde, und in der That wurden 1819 alle Turn-plätze in der preuß. Monarchie geschlossen, nachdem die demagogischen Umtriebe, >welchen man auf die Spur gekommen sein wollte, mit diesem Unterrichte in demgenauesten Zusammenhange stehen sollten. 0. Iahn selbst, ihr Gründer, wardfestgenommen und erst nach Spandau, dann nach Küstrin, und späterhin in dieberliner Stadtvogtei gebracht. Nachdem eine besondere Commission in der Haupt-sache seine Unschuld anerkannte, wenigstens keine Ursache zur Festhaltung fand,wurde ihm Kolbcrg als Aufenthaltsort angewiesen. So hat das Turnwesen innoch nicht 10 Jahren gekeimt, gebläht, Früchte getragen und ist wieder eingegan-gen. Zu wünschen aber wäre es, daß es nicht durch die rauhe Außenseite Jahn's,durch die zum Theil gauklermäßigen Kunststücke und das damit vereinte pedanti-sche Wesen, ja selbst durch Gesetze, die böser zu deuten als gemeint waren (sonsthätte sie ja Iahn nicht drucken lassen), in so Übeln Ruf gekommen sein möchte. DasTurnziel, wovon so viel geschwatzt wurde, wäre ohne diese Auswüchse besser er-reicht , der Körper ausgebildet, der Geist der alten Griechen, selbst der alten Deut-schen, welche Letztere für körperliche Bewegungen ebenso vielen Sinn hatten, wiedererweckt worden, während nun Jahre hingehen, bevor das Turnwesen wieder Ein-gang und Begünstigung von Seiten des Staats finden wird! Eine noch vomStaate geförderte ist die von Amoros (D. Francisco, ein unter Ferdinands 11l. Re-gierung nach Frankreich geflüchtet» Spanier) in Paris geleitete Turnanstalt (6^m-Iiase civil vt militsire normal in dem Park von Grenelle), welche wöchentlich 2Mal von der königl. Garde besucht wird. Sie hält zu Zeiten öffentliche Übungenund theilt Preise aus, darunter auch einen für die edelste Handlung, z. B. für dieRettung Verunglückter durch körperliche Kraft, Geschicklichkeit und Edelmuth. !Außerdem hat man nach Jahn's und GutsMuths's System nicht bloß in Däne-mark und in der Schweiz, sondern auch in Portugal (1825) und in England dieTurnkunst in die öffentliche Erziehung eingeführt. Der »erst. Herzog von -Porkordnete gymnastische Übungen in der Kriegsschule zu Sandhurst und Chelsea an,und der Herzog von Wellington begünstigte Hrn. Elias aus Bern, der 1823 zuLondon ,,/1n elementar^ vourne ok A^mnaativ exerciern?" herausgab, sowiedie Eröffnung einer Normalschule daselbst. Auch ein englischer Ossicier, der inDeutschland die Turnplätze kennen gelernt hatte, schrieb ,7n-;truetinn!? in all loinll,vkF)'i»na8tic exercier:»" (m. Kpf.). Dann eröffnete im April 1825 K !kl Völker