Troubadour 393
frühesten ausgebildet. Die Ursachen davon : der frühere Anbau dieser Gegenden,bedingt theils durch die natürliche Beschaffenheit, theils durch die frühere nähereVerbindung mit den Römern und die frühzeitige, freundschaftliche Berührungmit den schon im 7. und 8. Jahrh, so hoch gebildeten Arabern, und der friedlicheZustand, in dem die südlichen Provinzen lebten, während die nördlichen die schreck-lichsten Kriegsscenen sehen mußten, haben wir oben erwähnt. Schon im 10.Jahrhunderte, am Hofe zu ArleS, gründete sich dies Romanzo, provenzalisch-romanisch genannt zum Unterschiede von der Sprache ü'oui, dem wallonisch-ro-* manischen. Im 11. und 12. Jahrh, war es in der höchsten Blüthe, indeß dasEastilische, das Nordftanzösische und Italienische sich zu bilden erst anfing;hatte sich nach Spanien (durch Catalonien nach Aragon) und in die Lombardei ver-breitet, und selbst deutsche Kaiser (Friedrich der Rothbart) und cngl. Könige (Ri-chard Löwenherz) dichteten in der Mundart der Provence. Im 13. Jahrh, hattees bereits seinen Lauf vollendet, und sank mit der Provence selbst in den Zustandder Abhängigkeit herab, in welchem eS sich noch befindet. Diese Sprache war eineder weichsten, die es geben kann, und trug auch so das Gepräge ihres Landes ansich. Keine Sprache hat, um nur Einiges anzuführen, so viele Onomatopöien, soviel Unbestimmtheit in dem Geschlechte der Wörter, so ausgebildete Diminutive,Vergrößerungen rc.: alles Zeugnisse ihrer großen Weichheit und spielenden Zart-heit, bei welcher Nichts vermißt wird als Kraft. Eine solche Sprache hätte sich die^ Dichtkunst der Troubadours schaffen müssen, wenn sie nicht schon das gemein-schaftliche Band gewesen wäre, das die Großen der Provence zu einem Ganzenvereinigte. Sie wurde also von den occitanischen Dichtern (Dichtern in der Spra-che von oe) mit Begierde ergriffen, und, wozu ohnehin die Elemente in ihr lagen,für den Reim, der nun doch ohne Widerrede, historisch, als arabischen Ursprungs,in der That aber, als der neuen Poesie überhaupt nothwendig anerkannt ist, aus-gebildet. Im Reim und der ihm sich anschließenden neuern Metrik haben die Pro-venzalen gewiß nicht bloß das Verdienst, die Ersten gewesen zu sein, die davonGebrauch machten, sondern auch überhaupt der bestimmten Form, in welcher fort-an Reim und Metrik in dem ganzen Umfange der Romantik auftraten, die Rich-tung gegeben zu haben: vielleicht der einzige bleibende Einfluß, den ihre Poesie sichaneignen darf. Aber wie so ganz ihrer Individualität gemäß haben sie nicht Reimund Metrik angewendet! Sie haben sich fast nie über den einfachen Jamben, den> sie größtcntheils aus Bequemlichkeit an den ungleichen Stellen gar oft mit demTrochäus, Pyrrhichius und SpondeuS vertauschten, erhoben, und wenn sie inihren lOsylbigen Versen, den gewöhnlichsten, nur die Eäsurcn und die Schluß-sylbe gehörig betont hatten, so kümmerten sie sich wenig um das Maß der übrigenSylben. Wie konnten improvisicende, in ewiger Heiterkeit schwebende Dichterdas Peinliche einer fester geregelten Metrik sich aufbürden lassen? Aber desto ge-neigter gestimmt fühlten sich die lieblich Spielenden für das wechselvolle Spiel mitdem Reim in s. künstlichsten Verschlingungen. Wir finden in ihren Stanzen nichtnur denselben Reim oft durch eine lange Reihe von Versen sich wiederholen; nichtnur dasselbe Reimwort am Schlüsse des 2. Verses gar künstlich wiederkehren; höchstmannigfaltige Verschlingungen der Reime in Terzinen und andern Reimarten^ spielen der bestimmten Anordnung in Petrarca's Canzonen und Sonetten deutlich^ vor, und geben den Dichtungen der Troubadours den bunten Glanz, das klin-gende Tönespiel, das Kindern so lieb, und Allen eine freundliche Zugabe des Hei-tern und Fröhlichen ist. Mit diesen Mitteln sehen wir den Troubadour, wie cSnun nicht anders zu erwarten ist, auch wirklich kein andres Gebiet der Poesie be-, treten als das der lyrischen. Kaum eine Spur des Epischen, fast keine Ahnung
i von der Romanzendichtung des Spaniers; überall ist der Dichter nur mit dem
Zustande s. Gemüths beschäftigt, und statt zu erzählen, gibt er seine gemüth- und
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