398 Troubadour
schäst trieb, und in heitern Festen und ihrer bunten Ausschmückung seine rechteLebensweisheit fand. Jeder Baron, in seinem Bezirk ein unumschränkter Gebie-ter, rief seine nachbarlichen Liebeshelden und Ritter auf seine Burg zu Tur-nier und Spiel und Wettgesängen, statt daß Deutschlands oder NordfrankreichsRitter einander zu blutiger Fehde zu rufen, Boten und Absagebriefe sandten.
Da sah man die fröhlichen Züge buntgeschmücktcr Damen und Ritter unter duf-tenden Orangenwäldern, auf bunten Wiesenteppicken; das tiefblaue Zelt desheitern provenzalischen Himmels über ihnen, wie frohe Kinder, von einem Fest-tage zum andern spielen; dort brach der kampfesfreudige Ritter seine Lanze an dem *Schilde des männlichen Gegners; hier saß im Kreise der Damen die Fürstin undhörte ernsthaft dem Wettgesang in lieblichen Reimen über die Gesetze der Liebe strei-tender Helden zu, um dann ein Urtheil (»rret ck-amour) auszusprechen. Leichtund fröhlich floß das Leben dahin, und jeder Morgen warf vor Allem die Frage auf:welch Spiel an diesem Tage das dringendste sei. So war das Leben der Proven-zalen selbst im höchsten Grade lyrisch, und wenn es in seinen Auswüchsen in Wol-lust und Schamlosigkeit ausartete, so war dies die natürlichste Folge des mangeln-den kräftigen Halts und innern Gewichts. — Hier nun Troubadours — in die-sem Kreise Poesie! was mußte sie werden? und was ist sie geworden? Fehlenkonnte, das begreift Jeder, natürlich die heitere Gabe der Dichtkunst einem solchenMenschenkreise nicht. War sie irgend ritterlichem Wesen im Mittelalter angemes-sen, unter welchem Himmelsstriche es sich entwickelt, so war sie dem heitern Pro- ivenzalen ganz unentbehrlich. Poesie ist ja an sich und überall das Organ, durchwelches die Freude ins Lebens und die Lust des Herzens so gut in Thränen als infröhlichem Lachen sich ausspricht; wie vielmehr bei einem Volke, das unter Lebengar nichts Andres versteht, als fröhlich von einer Blume des Genusses zur an-dern flattern. Aber die Eigenthümlichkeit des Provenzalen bestimmte auch dieEigenthümlichkeit seiner Poesie. Sie mußte durch und durch lyrisch sein, d. h.nichts als Ausdruck des innern Zustandes, der Gefühle und Leidenschaften, diedurch die Saiten der Seele bebten. Denn der heitere Vogel will ja in seinemFrühlingslcben nicht fremde oder eigne Thaten erzählen — er hat ja keine —sondern nur die innere Behaglichkeit in bezeichnenden Tönen und Klängen aus-athmen, um sie dadurch zu sipiren und mit einem Körper zu begaben. Auchdie That wurde dem Provenzalen am Ende bloß durch das Medium und in derForm der Empfindung offenbar. Eine solche Poesie konnte nie zur Kunst im ei- ^gentlichcn Sinne erwachsen, denn sie war ein Theil des Lebens selbst, reine Natur-poesie, ein beständiges Jmprovisiren, das in seiner Idee schon zu Grunde geht,wenn es dem Ernste der Kunstcrfodcrnisse sich unterwerfen soll Sie konnte nieüber eine gewisse Oberflächlichkeit sich erheben, und mußte Gelehrsamkeit und wis-senschaftlichen Gehalt als etwas ihr Fremdes verschmähen, denn wie hätte der spie-lende Kindersinn des Provenzalen in die Tiefen der Wissenschaften sich versenkenmögen — wie irgend Etwas, das mehr als spielende Anstrengung erfoderte, inseinen LebenskrciS aufnehmen können? Sie wurde von selbst am Ende nichtsweiter als eine der bunten, glänzenden Zierrathen des fröhlichen Lebens, ein Flim-mer mehr an den glänzenden Festen der Provence; konnte nur Werth haben un-ter den begleitenden Harmonien der Musik, im Kreise der Damen abgesungen, nicht )als Nationaleigenthum der erhaltenen Schrift anvertraut; und der Beifall, wel-chen der Troubadour cinärntete, gleicht mehr dem Preise, den des Mimen vor-übereilende Darstellung gewinnt, als dem unsterblichen Ruhme, der dem wahrenDichter gewiß bleibt. Wie die lyrische Poesie fast nie über den Kreis des Subjec-ten hinauskommt, so ist es die Person des Troubadours, mit welcher seine L!c- >der leben und sterben.
Die Provence hatte unter allen romanischen Ländern ihr Nomanzv am