Druckschrift 
11 (1830) T bis V
Entstehung
Seite
394
Einzelbild herunterladen
 

Troubadour

394

Spiel der jungen, frisch sich regenden Lebenskräfte, welche üppig anschwellendein Feld der Thätigkeit aufsuchen, um auf ihm gleichsam auszubrausen. Natür-lich spricht sich dieses Streben zugleich durch eine heitere Form aus, und wir sehennicht nur, daß die Natur schon die Wange des Jünglings mit der Blüthe derSchönheit schmückt, und über die ganze Gestalt den Zauber der Anmuth und Lieb-lichkeit ausgegasten hat, sondern unverkennbar liegt auch dem jugendlichen GemütheNichts näher als der Hang zum heitern Spiele der Dichtung und des Gesanges,zum romantischen Schmuck seiner Gewänder, zu allen fröhlichen Wissenschaftenund Künsten des Lebens. Aus diesem Gesichtspunkt allein kann dem Mittclaltrr *und seinen ritterlichen Kämpfen, sowie seiner Poesie, die rechte Bedeutung gege-ben werde». Jene Kampfe sind das an sich absichtlose, nur von dem unsichtba-ren Erzieher des Menschengeschlechts zu großen Absichten hingelcitete Ausbrau-scn der jugendlichen Kräfte des neuen Geschlechts. Das Leben der Ediern im Vol-ke in dieser Zeit unter allen Himmelsstrichen bestand in fröhlichen, raschen, küh-nen Äußerungen der frischen Lebenskraft, in gewagten romantischen Unternehmun-gen, in einer Thätigkeit, die für sich Nichts weiter war als ein unwillkürlichesStreben und Ausströmen der jungen Kräfte, wie zum Spiele. Daher das Ritter-wesen, die Turniere, die kühnen mit heißer Begierde aufgesuchten Abenteuer.

Einem solchen Leben, welche andre Formen, welcher andre Ausdruck konnte ihmpaffen als äußere Pracht, mitunter phantastische Verzierung an Waffen und Klei-dern, fröhliche Versammlungen zu zierlichen Gastmahlen, zu Sviel und Tanz, ^romantische Ausschmückung des ganzen häuslichen Lebens? Und hätte da Poesie,diese ursprüngliche Dryas des jugendlichen Lebensbaums, hätte eine Dichtkunstfehlen können, zu welcher das jugendliche Geschlecht nach vollbrachtem Kampfesich wendet, um sich zu erhöhen, wie das spätere Alter dann der beschaulichenRuhe sich so gern überläßt? — eine Dichtkunst, welche die natürliche, nie aus-bleibende Begleiterin der jungen Lebcnsaccorde ist — eine Jünglingspoeste, die wolnie den Foderungcn eines kunstgebildeten Zeitalters Genüge leisten kann, aberden schönen Vorzug hat, ein rechtes Naturgewächs und ein unmittelbares Erzeug-niß des ewigen Weltgeistcs selbst zu sein. Ein solches Gewächs ist die Poesie desMittelalters, und hat auch andre Anlage, andre Natur der Länder und Völkersie da und dort anders entwickelt und ausgebildet, der innere Geist ist doch überallein und derselbe. Vielleicht gelingt es uns, diese allgemeine Ansicht mehr zu ver-deutlichen, indem wir das Eigenthümliche der sranz. Poesie im Mittelaltcr nun ^darzustellen unternehmen.

Frankreich theilt sich im Mittelalter fast fortwährend in 2 Halsten, in dienördliche und in die südliche, in die Länder von der Sprache oui (eil) (lauguvck'vui, wallonisch-romanisch, die Mutter des jetzigen stanz. Idiom«) und die vonder Sprache ov (langn« ck'ov, provenzalisch-romanisch), und so auch seine Poesiein die der Trouveres und die der Troubadours, jene dem nördlichen, diese dem süd-lichen Frankreich angchörig. Schon die Theilung, die Ludwig der Fromme mitseinem Reiche vornahm, schied Aquitanien, welches damals wahrscheinlich ganzSüdftankreich umfaßte und erst späterhin Provence und die nahe liegenden Lan-der ausschied, von dem nördlichen Frankreich mit Lothringen und Oberburgund,welches Lothar zu Italien erhielt. Die ungefähre Grenze möchte die Loire sein, ,wie sie, etwa Burgund ausschließend, quer von Osten nach Westen mitten durchFrankreich fließt, und in der südlichen Spitze von Betragne ins Meer fallt, undwie in der Verfassung und den politischen Schicksalen, so spiegelt sich in der Poesieder Charakter des verschiedenen Bodens und Klimas treulich ab. Die Trou-vercn, in England auch Minstrels (illiriistvrialo« , Hvfleute) genannt, wiewoldiese Letztem zum Theil auch nur gebraucht wurden, um, wie die Jongleurs derTroubadours, die Gedichte abzusingen, bildeten das wallonisch-romanische Idiom,