Tag- und Nachtleben H
seinen Gipfelpunkt erreicht. — Aber mit dem Sinken und endlichen Verschwindender Sonne unter den Horizont ändert sich die Scene allmälig wieder. Das regeLeben, das sie am Morgen über die Oberfläche der Erde und deren Bewohner aus-goß, scheint sie auch wieder mitzunehmen. Ein ganz entgegengesetzter Zustand trittnun ein; die Nacht verhüllt alle Mannigfaltigkeit der Natur. Die Pflanzen ent-kleiden sich von ihrem Grün, die Blüthe legt ihren Farbenschmelz ab und schließtihre Krone, das Thier krümmt sich zusammen, und selbst der mächtige, am Tagevielwirkende Mensch liegt regungslos, mit verschlossenen Sinnen, nur durch Ath-men noch ein schwaches Leben verrathend; Alles ist — mit wenig Ausnahme —dem scheinbaren Tode der Nacht und der lähmenden Herrschaft des Schlafs hinge-geben. Aber der Schlaf lahmt nur das wachende Leben, indem er ein andres, ver-borgeneres Leben ausschließt, für welches die Nacht die erregende und bestimmendeBeherrscherin ist, wie für das wachende Leben der Tag. Lange hat man den Schlaffür eine bloße Verneinung des Wachens, für einen Mangel des wachenden Lebensund nichts weiter gehalten, weil man die wahre Natur des Schlafs nicht kannte, inwelchem man bei Thieren und Menschen kein andres Leben anerkennen wollte alsdie Fortdauer der Verrichtungen der niedern Systeme in den materiellen Vorgän-gen des Verdauens und Emahrens; denn den Traum hielt man für bloßen Übergangaus dem Schlafe zum Wachen. Wenn aber, wie oben gezeigt wurde, die Nachtmehr ist als bloße Verneinung des Tages, und so auch die Erscheinung der Nacht,die Finstcrniß (s. d.), mehr als Verneinung (Negation) des Lichts, so ist auch derSchlaf wehr als Mangel des Wachens. Denn der Schlaf ist das individuelle Eben-bild der Nacht; doch er ist im täglichen Lebenslauf der organischen Individuen(Pflanzen, Thiere und Menschen) Dasselbe, was die Nacht im täglichen (24stündi-gcn) Lebcnslauf der Erde ist. Nachtleben ist also die treffendste Bezeichnung desSchlafs; denn vom Beginn des Embryo bis zum Tode steht das Leben (sowol dasgeistige (psychisches als das leibliche (physisches) keinen Augenblick still, da solcherStillstand wirklicher Zwischentod wäre, der nicht denkbar ist, und es kann daher derWechsel von Schlaf und Wachen nur ein Wechsel des Lebens sein. Der Menschlebt nämlich vermöge seiner verschiedenen höhecn und niedern Scelenvermögen,und kraft der diesen Vermögen entsprechenden, hohem und niedern Systeme undOrgane seines Leibes, ein doppeltes Leben, ein höheres und ein niederes, wovon daseine mit Übergewicht im Wachen, das andre vorherrschend im Schlafe auftritt.Wenn die hohem Seelenvermögen des gebildeten Menschen, Verstand und Ver-nunft, mit Selbstbewußtsein und Freiheit thätig sind und das geistige wie das sinn-liche Leben beherrschen, wenn seine Sinne mit der Außenwelt Wechselwirken under selbst sich in dieser Wechselwirkung von der Welt unterscheidet, auch in ihr durchseine Bewegungsorgane mit bewußtem Willen Veränderungen hervorbringt, wo-durch seine Gedanken realisirt werden, d. h. wenn er die Welt mit Bewußtsein an-schaut und mit freiem Willen auf sie wirkt (in ihr handelt), so befindet er sich inwachem Zustande, und sein Leben ist ein Tagleben, erleuchtet durch die innere Sonneder selbstbewußten Vernunft und des gebildeten Verstandes, während ihm die Au-ßenwelt durch die leibliche Sonne für sein wachendes Auge erleuchtet ist. Die leib-lichen, innern und äußern Organe für dieses Tagleben sind das Hirn, als Centrumdes hohem Nervensystems (Hirnnervenfystcms, Centralsystems), die Sinnorganeund die Organe der willkürlichen Bewegung (Glieder). — Ein diesem hohem Le-ben entgegengesetzter, niederer Lebenszustand ist nun der Schlaf. Denn sobald die-ser vollständig eingetreten ist, sind die Sinnorgane (Auge, Ohr rc.) für die Außen-welt verschlossen, und die Wechselwirkung des Menschen mit ihren Gegenständenscheint aufgehoben. Das Hirn und dessen höheres Nervensystem ist unthätig,Und mit den Organen sind zugleich die höher» Seelenvermögen, Verstand undVernunft, gebunden; das höhere Licht des Selbstbewußtseins ist ausgelöscht, Aber