Druckschrift 
4 (1830) F bis G
Entstehung
Seite
557
Einzelbild herunterladen
 

Geist der Zeit Geistererscheinung 557

Glaubens an die göttliche Dreieinigkeit gemein. Von der Wirksamkeit deS heil.Geistes in der christlichen Kirche hat auf der einen Seite die Politik des Priesterregi-mcnts, auf der andern der Mysticismus einiger Sekten schwärmerische Vorstellun-gen in Umlauf gebracht (s. Gnade, Hierarchie, Inspiration), und umseine Gegenwart zu versinnlichcn, hat man ihn, zufolge eine« mißverstandenen Ge-sichts des Täufers Johannes bei der Taufe Jesu, sogar in Gestalt einer Taube ab-zubilden gewagt. Übrigens kehrt gegenwärtig die Theologie zu den ursprünglichenbiblischen Bestimmungen von dem Begriffe, den Gaben und dem Beistande des heil.Geistes zurück, und unsere Vorstellung von dieser göttlichen Kraft kommt der Ideeeiner gesunden Religionsphilosophie von dem Zusammenhange des Geistigen imMenschen mit Gott immer näher. Denn daß Gottes Geist aus der von ihm einge-gebenen heiligen Schrift, in den Reden und Thaten frommer, für das Gute begei-sterter Menschen, wie in unserm Gewissen spreche, und eine geflissentliche Wider-setzlichkeit gegen die anerkannte Wahrheit und innere Überzeugung — die Sünde ge-gen den heil. Geist— unverzeihlich sei; daß man die durch Lehren, Beispiele undinnern Gewissensdrang erweckten Vorsätze und geleiteten Fortschritte unserer sittlichenBesserung als ein Werk dieses Geistes, Weisheit, Scharfblick in die Zukunft, Begei-sterung für das Gute und religiös-Bercdtsamkcit als Gaben von ihm, das priesterl.Amt aber als einen Auftrag Gottes betrachten müsse, der nicht ohne Mitwirkung, nichtohne Empfänglichkeit für die Zuspräche seines Geistes würdig erfüllt und nutzbar wer-den könne: alles Dieses steht mit der menschlichen Vernunft keineswegs im Wider-sprüche. Vielmehr unterscheidet diese genau von Dem, was bei den Menschen Geistgenannt wird, den Geist Gottes, und die Erfahrung zeigt, daß ein geistvoller Menschsehr unheilig denken und handeln, der heilige Geist aber mit seinen Gaben undKräften nur in reinen, unschuldigen Seelen wohnen kann. k.

GeistderZeit ist die in einem Zeitalter herrschend« Denkart und Hand-lungsweise. Es ist also nicht die Zeit, der man einen Geist beilegt, sondem die inder Zeit (d. i. in einem Zeitalter) lebenden Menschen. Wenn man also sagt: derGeist der Zeit ist egoistisch oder revolutionssüchtig, so heißt dies nichts Andres, alsdie geistige Stimmung der in einer gewissen Zeit lebenden Menschen istsobeschaffen,daß die Meisten unter ihnen nur für ihr persönliches Wohlbefinden sorgen, oder einengroßen Hang zu politischen Umwälzungen haben. Da nun die Natur in den Men-schen einen gewissen Nachahmungstrieb gelegt hat, vermöge dessen das BeispielAndrer ein äußerer Reiz für ihn wird, Dasselbe zu thun, so ist hieraus begreiflich, daßjeder Einzelne, je nachdem sein Nachahmungstrieb stärker oder schwächer ist, und erweniger oder mehr Selbständigkeit hat, auch dem Einflüsse deS Zeitgeistes auf sei-nen Charakter und sein Verhalten mehr oder weniger unterworfen ist. Daher wirddem Zeitgeist- eine gewisse Herrschaft beigelegt, die aber doch nicht so allmächtig ist,daß man sich nicht durch eigne Geisteskraft darüber erheben könnte. Die Ursachen,welche in einem gewissen Zeitalter einen eigenthümlichen Geist hervorbringen, kön-nen sehr verschiede» sein, werden aber doch fast immer entweder aus so kräftigen Gei-stern, welche in religiösen, politischen, philosophischen und ästhetischen Ansichteneine bedeutende Änderung bewirkten, oder aus so ausgezeichneten Regenten, derenEinfluß sich weit erstreckt, vereint mit der friedlichen oder kriegerischen, glücklichenoder unglücklichen Lage der Nationen hervorgehen.

Geistererscheinung. Man versteht darunter in den meisten Fällendas Sichtbarwerden eines abgeschiedenen Geistes in der Gestalt seines vorigenKör-pers, eines Schemen; die Nachahmung dieses Phänomens durch die natürlicheMagie wird in dieser Beziehung Phantasmagorie (s. d.) genannt. Wieentschieden auch die Philosophie wider die Möglichkeit derselben sich erklärt und alleBerufung auf Erfahrungen mit der Mahnung an die Möglichkeit eines (vielleichtoptischen) Betrugs und einer Selbsttäuschung überreizter Einbildungskraft abgewie-