Druckschrift 
4 (1830) F bis G
Entstehung
Seite
556
Einzelbild herunterladen
 

55K

Geist (der heilige)

Geist (der heilige), ist nach dem Sinne des N. Test. die Gottheit selbst, in-sofern sie als die höchste Vernunft auf geistige und moralische Zwecke überhaupt undinsbesondere auf die Erhaltung und Ausbreitung deS Christenthums hinwirkt.Wenn Jesus seinen Jüngern den Geist der Wahrheit, den Paraklet oder Tröster,verheißt und von ihm sagt, er solle auf Alle ausgegossen werden, die das Christen-thum annehmen würden, so versteht er darunter diese göttliche Einwirkung, ver-möge deren die Kraft der Wahrheit seiner Religion das menschliche Gemüth erleuch-tet, überzeugt, zu großen Thaten begeistert und durch ihre himmlischen Tröstungenüber jedes Leid der Erde erhebt. Sie rüstete die Apostel Jesu zu ihrem Berufe aus:wie ihr Blick nach dem Umgänge mit dem Auferstandenen und beim Antritte ihresweltumfassenden Unternehmens freier, ihre eigne Erfahrung von der Gewißheit undallseitigen Anwendbarkeit der Religion Jesu reifer und lebendiger wird, klärt diesegöttliche Kraft des Geistes sie über alle die Winke und Lehren ihres Meisters auf,die ihnen in ihrer sonstigen Befangenheit dunkel geblieben waren, und leistet ihnenund den Evangelisten beim Niederschreiben der Bücher des N. Test. den wunderba-ren Beistand, der schon die Verf. des A. Test. geleitet hatte und allen Büchern derheil. Schrift die Untrüglichkeit einer göttlichen Offenbarung gibt; sie theilt ihrenReden die lichtvolle Klarheit, das eindringliche Feuer, die hinreißende Zuversichtlich-keit mit, durch die sie nun fähig sind, zu Menschen von allen Nationen in der all-gemein verständlichen und überzeugenden Sprache deS Herzens zu sprechen, undihre Hörer mit dem Glauben zu erfüllen, dessen sie selbst leben; sie macht sie sieg-reich gegen ihre Widersacher und standhaft unter den Streichen ihrer Verfolger; siestärkt und erquickt ihr Herz unter den schrecklichsten Qualen und zeigt ihnen in derStunde des Todes ein Reich ewiger Seligkeit, in dem ihr Herr sie erwartet. Diessind die Gaben des heiligen Geistes, durch welche die Apostel, sowie die Überzeugten,Frommen u. Kräftigen unter den Christen aller Zeiten Werke ausrichteten u. Siegeerkämpften, die für Menschen, denen es selbst an Aufschwung des Gemüths, anStärke und Innigkeit der Überzeugung, an Muth und Thatkraft frhlt, ebenso un-begreiflich als unmöglich sind. Daß aber dieser einfache, dem wahren VerhältnisseGottes zu den Menschen und der Entwickelungsweise des menschlichen Gemüthsganz angemessene Begriff von dem Wesen und Wirken Dessen, was in der Bibel hei-liger Geist genannt wirb, in der Folgezeit mannigfaltig «erkünstelt und unkenntlichgemacht wurde, kann Den nicht befremden, der es weiß, wie die Menschen mit reli-giösen Wahrheiten überhaupt umzugehen pflegen. Tertullian und Origenes, zweivielgeltendeKirchenlehrer des 3. Jahrh., nannten den heil. Geist ein von Gott durchChristum hervorgebrachtes, obwol das allervortrefflichste Geschöpf; Maccdonius, inder Mitte des 4. Jahrh. Bischof von Konstantinopel, sprach ihm die Gleichheitdes Wesens und der Würde mit Gott dem Vater ab. Die Synode zu Alexm-drien, 362, erklärte ihn und seine Anhänger — Pneumatomachi oder Geistes-feinde — für Jrrlehrcr, und die allgemeine Kirchenversammlung zu Konstantinopel,381, sehte für die ganze christliche Kirche ausdrücklich fest, der heil. Geist müsse alsdie vom Vater ausgehende dritte Person in der Gottheit mit dem Vater und demSohne zugleich angebetet und göttlich verehrt werden. Augustiners behauptete, derheil. Geist gehe vom Vater und vom Sohne aus, und die Synode von Toledo ver-dammte 589 alle Andersgläubige. Diese kleine Abweichung von dem ältern Lehr-begriffe veranlaßte einen vom 8. bis ins 11. Jahrh, währenden Streit zwischen derabendländischen oder lateinischen und der morgenländischcn oder griech. Kirche, wel-cher endlich eine gänzliche Trennung zur Folge hatte. Die dem Papste anhängigenAbendländer und mit ihnen die Protestanten behaupten, daß der heil. Geist vomVater und vom Sohne ausgehe; die Morgenländer nehmen nur das Ausgehen vomVater an. Die Verehrung des heil. Geistes, als der dritten Person in der Gottheit,ist übrigens beiden Kirchen und auch den Protestanten als ein wesentliches Stück des