530 Gebärde
übergehendes, die Gebärde, obschon sie sich auch in Bewegungen äußert, etwasBeharrliches; 2) die Miene erstreckt sich bloß auf die Bewegungen des Gesichts, dieGebärde auch auf den übrigen Körper; 3) die Miene ist bloß Seelenausdruck imGesichte vernünftig sinnlicher Wesen, Gebärden zeigen sich auch bei bloß sinnlichbe-gehrenden Wesen; 4) die Miene ist daher Ausdruck der Gesinnung, des freien Cha-rakters, Gebärde drückt die eben jetzt herrschende Leidenschaft, den vorübergehendenAffect aus. So bemerkbar diese Unterscheidungen hin und wieder sind, so schwanktdoch im Ganzen der Sprachgebrauch. Übrigens ist auch bei diesen Unterscheidun-gen nicht zu verkennen, daß Gebärde bald in einem weitem, bald in einem engemSinne genommen ist. Zm weitern Sinne befaßt man darunter jeden physiognomi-schen Ausdruck des Innern im Körper, und dann sind die Mienen mit darunter be-griffen. Jene stumme Sprache mit ihren malenden, ausdrückenden und deutendenZeichen, welche man dieGebärdensprache nennt, würde deßhalb auch die Mie-nensprache unter sich befassen, sodaß die Gebärdensprache ebcnsowol das Gesicht alsdie übrigen Glieder des Körpers zu Darstellungsmitteln hat. Die Gebärde wäredemnach das Allgemeine, die Miene das Besondere. Beim Entwurf einer Theorieder körperlichen Beredtsamkcit wird es dienlich sein, diesen also festgesetzten Unter-schied anzunehmen, und zur Mienensprache auch Das mitzurechnen, was das Ge-sicht nach der obigen Bestimmung von Gebärden in veränderter Bewegung aus-drückt. Körperliche Beredsamkeit ist aber die Kunst, einem Andern seine Gedankenmittelst des Körpers und gewisser Modifikationen desselben so mitzutheilen, daß sieden verlangten Eindruck auf ihn machen. Diese Modisicationen des Körpers sindentweder Bewegungen und Stellungen desselben, oder Töne. Man sieht, daß dieganze Schauspielkunst sich darauf gründet, indem von den Bewegungen und Stel-lungen des Körpers die Action, und von den Tönen die Deklamation abhängt. DieAction ist nun eigentlich nichts Andres als die Gebärdenkunst selbst in jenem allge-meinen Sinne. Jene Bewegungen und Stellungen des Körpers sind nämlich Ver-änderungen desselben oder feiner Theile, in Ansehung ihrer Lage und Figur, mit ge-wissen Veränderungen der Seele übereinstimmend. Die Summe der Bewegungenist Gestikulation; aus der Stellung gehen die Attitüden (s. d.) hervor, Tra-gen und Haltung des ganzen Körpers im Stehen, Sitzen und Liegen währendeiner gewissen Situation. Hier ist immer etwas Unbewegliches, Festes. Attitüdenmacht der ganze Körper; Gestikulation können nur die beweglichen Theile desselbenmachen, Kopf, Arme, Hände, Füße, entweder alle zusammen oder jedes für sich, -weßhalb es auch eine Kopf-, Arm-, Hände- und Füßesprache gibt, wovon freilich die >meisten Schauspieler nichts verstehen. Von allen diesen stummen Sprachen unter- !scheidet man nun noch besonders die Gesichtssprache, und zwar nicht ohne sGrund. Das Gesicht ist kein so beweglicher Theil als Kopf, Arm, Hand und Fuß;theils aber durch die eigenthümliche Bildung und die bleibende Form seiner festen, ßtheils durch das veränderliche Spiel seiner beweglichen Theile, theils durch Züge, iwelche durch Gewohnheit in den beweglichen Theilen fest und bleibend geworden sind,tritt hier das Innere in dem Äußern in den bedeutendsten, unzweideutigsten und un-«erkennbarsten Kennzeichen hervor. Hier ist also eine Beweglichkeit ganz eigner Art,und von einer so großen Wichtigkeit, daß man wol Ursache hätte, ihr eine vorzügliche ?Aufmerksamkeit zu widmen, zumal da es auch hier wieder fast so viele eigne Spra- »chen gibt, als Theile des Gesichts. Wer eine Stirn-, Augen-, Nasen-, Lippen- und -Wangensprache lächerlich finden wollte, bewiese damit nur, daß er die Natur hier ^niemals genugsam beobachtet hat. Diese Gesichtssprache nennt man auch Mimik j(s. d.), ein Begriff, der freilich an sich mehr umfaßt. Wenn Engel die Mimik in die !ethische oder ph ysiognomische eintheilt, welche die Eigenthümlichkeit einesCharakters, und in diepathognomische, welche die vorübergehenden Verwand-lungen durch Affekten u. Leidenschaften in bestimmten Situationen darstellt, so liegt