Druckschrift 
4 (1830) F bis G
Entstehung
Seite
500
Einzelbild herunterladen
 

560

Gallo

bei der reizbaren Frau sich auch jene frömmelnden Tendenzen und jene zuletzt aufProselytcnjagd hinauslaufende religiöse Gefühlsempsindclei einfand, die Noß inf Schrift:Wie ward Fritz Stoüberg ein Unfreier?" scharf, wiewol nicht unver-dient, beurtheilt hat. Denn daß sie und der Einfluß ihrer nähern Umgebung vor-züglich zu dem Abfalle Stolbcrg's und dessen Familie beigetragen, ist unläugbar undebenso, daß ihr Beispiel, als das einer durch Geist, Rang und Anmuth gleich ausge-zeichneten Person, in dieser Hinsicht noch vielfach schädlich wirkte und jene Schwei-gern in religiösen Gefühlen mit hervorrufen half, die seitdem hier und da überhand-genommen hat. Dies abgerechnet, gehörte die Fürstin G. zu den verehrungswerthe-stcn Personen ihres Standes und Geschlechtes. Für den echten Gehalt ihres Geistesund ihrer sonstigen Bildung zeugt allein schon, daß Männer w>eHamann,Hemster-huis, Jacobi, Göthe, Fürstenbcrg u. A. ihre Freunde und, bald auf längere, baldauf kürzere Zeit, ihre Gesellschafter waren. Besonders gehörten Hamann undHem-sterhuis zu ihren treuesten Freunden. Der Erstere starb in ihrem Hause und fand s.letzte Ruhestätte in ihrem Garten zu Münster. Wie tief übrigens in der letzten Pe-riode ihres Lebens der Hang bei ihr wurzelte, ihre Bekannten auf dem Wege zumHeil zu führen, den sie ging, beweist die Äußerung Göthe's in der 2. Abth. des 5.Bds. s. Biographie (Aus meinem Leben"), nach welcher zu urtheilen, sie es nichtun-gern gesehen haben würde, wenn er ein zweiter Stolberg im Neligionsabfall gewordenwäre. Neben dieser Schwärmerei in Religionssachen hing die Fürstin G. im Punkte >der Erziehung sehr dem Rousscau'schen Natürlichkeitssystem an und erzog zufolge !desselben ihre beiden Kinder auf eine ebenso einfache als körperlich abhärtende Art. i(Man s. Niemeyer, im 3. Bde. s.Beobacht, auf Reisen", S. 271 fg.) Die Für- >stin ist die Diotima, an welche Hemsterhuis u. d. N.: Dioklas, s. in Briefen ver- ^faßte Schrift:Über den Atheismus", richtete. Sie starb 1806 zu Angelmode beiMünster, wo sie in der letzten Zeit ihres Lebens die Sommermonate zuzubringenpflegte. Ihr einziger Sohn lebt als Missionnair in Amerika. Ihre mit dem FürstenFranz v. Salm vermählte Tochter starb den 16. Dec. 1823. S. II. Katerkamp'sDenkwürdigkeiten aus dem Leben der Fürstin A. v. Gallizin" (Münster 1828). ^

Gallo (Marzio Mastrizz», Marquis v.), ehemals Botschafter des K. Fer- ^dinand IV. von beiden Sicilien in Wien u. a. a. O., dann Staatsminister inNeapel unter Zos. Bonaparte und Murat. Ferdinand IV. brauchte ihn bei denschwierigsten Unterhandlungen während des Revolutionskrieges. 1795 wurde erzum Premierminister an Acton's Stelle ernannt, lehnte aber diesen Antrag ab. AlSder König von Neapel 1797 seine Vermittelung zwischen Östreich und Frankreichanbot, wohnte G. den Eonferenzcn zu Udine bei und unterzeichnete den 17. Ocl.zu Campo Formio den zwischen Ungarn und Böhmen und der franz. Republik ab-geschlossenen Frieden. Sein Monarch benutzte abermals s. Dienste 1798,1799und 1800 in wichtigen Verhandlungen mit Frankreich. In der Zwischenzeit hatteer einen Kampf mit Acton zu bestehen, dessen System der Strenge er sich widersetzte.

Als Vicekönig von Sicilien erhielt er den Befehl, daselbst nur in Übereinstimmung !mit Acton zu handeln. Gegen Ende 1802 ging er als Botschafter des K. beider >Sicilien zur italienischen Republik, und von da nach Frankreich. Bei der KrönungNapoleons zum König von Italien war er im Mai 1805 in Mailand gegenwärtigund d. 21. Sept. d. I. unterzeichnete er einen Vertrag mit Frankreich wegen Räu-mung des Neapolitanischen von den franz. Truppen, welcher aber in dem Augen-blicke der Unterzeichnung schon gebrochen wurde. Nach der Landung der Russenund Engländer in Neapel nahm er s. Abschied, mußte aber im Jan. 1806, gleichnach der Rückkehr des Kaisers, Paris verlassen. Als Jos. Bonaparte den Thronvon Neapel bestieg, ward er von demselben zum Minister der auswärtigen Angeleg.ernannt. Er begleitete ihn nach Bayonne, im Mai 1808, und ward Großdigni-tar des Ordens beider Sicilien. Auch unter Murat blieb er Minister der auswärt.