Druckschrift 
Denkverse und Epigramme
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

E pigr a ni m e. _79

116, Rümpft noch immer die Nase die Welt ob der Stillem im Lande?Wären sie weniger still, lärmten sie: war' cs euch recht?

117 .Hcilig"nenntihr dicGläubigen oft? Soll das auch geschimpft scyn?Seltsam! Sagt mir doch nun, Thcure, wie nennt ihr denn euch ?

115. Mystiker! Mystiker! zischen sie auch; Ja, wahrlich, GchcimnißIst und bleibet noch stets ihnen die Religion!

119. Hab' ich doch oft Saufbrüder gehört, Betbrüder euch schelten;Euch ist Frömmigkeit denn schlimmer als Trunkenheit selbst!

120. Frecher, du nennst dich frei; du nennst uns frech, die wir frei sind!Nenne die Frechen nie frei, nenne die Freien nie frech!

121. Freund ist Der, der zum Guten mich treibt, ob scheltend, ob lobend;Feind, der schmeichelnd mich hemmt, oder entmnthigend lahmt.

Also begicbt es sich oft, daß ganz das Verhaltniß sich nmkehrt.

Daß mir der Feind zum Freund wird, und der Freund mir zum Feind.

122. Wie? du vcrlicßcstdie Sünde? Die Sünd'hat dich nur verlassen!Schäme dich, Greis, also weise geworden zu seyn!

123. Manch Hoffartiger, Sinnlicher preist die Demuth und Keuschheit;Was man am wenigsten hat, rühmt man am meisten oft vor.

Manch Selbstsüchtiger, Sinnlicher schilt ans Selbstsucht und Wollust,Tadelnd an Andern, was doch selbst er am meisten verübt.

12Ü. Sey nur im Kleinen getreu! auch das Kleine gehöret zum Ganzen;In der Kette der Welt ist der Gcringst' auch ein Glied.

125. Freue dich, aber mit Furcht; betrübe dich, aber mit Hoffnung!Freude, gemildert durch Furcht, Trauer durch Hoffnung verklärt:

So wirst sicher du, Freund, das gefährliche Lebe» durchpilgcrn.

Bis sich Hoffnung und Furcht löst in des Himmels Genuß

126.Gleichend den Bienen, entsaug'ich aus allerlei Blumen mirHonig!Wer doch ists, der mich schilt, während die Biene man lobt?"

Körnchen suchst du aus Dünger und Mist! Freund, schäme dich dessen!Fülle des reinsten Korns beut dir die heilige Schrift.

127. Ist cs Winter um dich? Umstarrcn dich Stürm' und Gewölkc?Frühling sey cs in dir, sonnig und heiter und warm!

Jn's Brockcnbuch auf dem Harz im Jahre 1827.

128. Was auf dem Brocken ich lernt', und was mir die Muse verstehn hat,Sey dem Befreundeten hier freundlich, bescheiden geweiht.

129. Hier vereinen sich Menschen von mancherlei Färb' und Gestalten:Klug' und Dumme zugleich, Heuchler und redlicher Mann,

Würdige Frau'n und Dirnen, Studenten zugleich und PhilisterAllerlei Volk steigt hier ragende Höhen hinan.

130. Hoher Erwartungen voll klimmt Mancher empor die Gcbirgshöhn,Achtet des Schweißes nicht, noch der ermüdenden Bahn;

Doch, ist nun er erreicht, des Bergs weitschaucnder Gipfel;

Hüllt sich die Sonn' in Nacht, stürmt es so schauerlich kalt!

Ach, so erfahrt cs im Leben der Strebsame! Reichliche FrüchteWill er erstreben, und sicht schmerzlich die Hoffnung getäuscht!