-854 Erziehungswesen
heit im Denken und Handeln fortdauernd ermangelten. Folge der Natur! wardie weise Lehre der Alten; sie ist nach vielen Abwegen, zum Theil auch nach künst-lichen Umwegen, wieder die Lehre der neuen Erziehung geworden.
Die Erziehung hat den Endzweck, die im Kinde noch unentwickelte Menschheitherauszubilden, und ihre ersten Geschäfte sind dem Körper gewidmet, dessen Organenaturgemäß erhalten und gepflegt, dessen Bedürfnisse mit sorglicher Umsicht befrie-digt werden müssen, damit er ein gesundes Leben in sich trage und dann für geistigeEntwickelung empfänglich und zu eigner geistiger Thätigkeit tüchtig werde. Esgibt drei Elemente des Lebens für jeden thierischen Körper, Licht, Luft undLaut (vgl. Schwarz's„Erziehungslehre", Bd. ?, S. 114 fg.), die dem Kindemit dem Eintritt in das Leben dargeboten werden. Die Empfänglichkeit des Augesund des Ohrs für äußere Einwirkungen, dasAthmen, und das Hervorstoßen derersten Laute zeigen zuerst das Leben und erhalten es. Aber hierin zeigt sich auchzuerst der Unterschied des Menschen von dem Thiere. Denn wie jene Sinne baldliefere Eindrücke verrathen und lebhaftere Gegenwirkungen veranlassen — Acht-samkeit, daher Hinsehen, Hinhorchen, und Bewegung der Hände nach dem Ge-genstände, welcher das Aufmerken erregt—, so wird auch der Laut allmälig zurStimme und diese dann der menschlichen Sprache fähig. In demselben Verhält-nis als der Gebrauch der Sinne freier wird, als der Körper auf seinen Gliedernfußen und sich bewegen lernr, entfalten sich die Kräfte der Seele. Erkennen der ein-zelnen Gegenstände, Absonderung derselben von andern, Gedächtniß für Personenund Sachen, Benennung der einzelnen mit ihren eigenthümlichen Namen, undBewußtsein seiner selbst, als eines von den bemerkten und genannten verschiedenenGegenstandes, das sind die Kennzeichen, in welchen der Mensch wie aus den Win-deln des geistigen Lebens zu eigner Bewegung hervortritt. Die Mutter gibt dem Kindedie erste physische Nahrung; ihr kommt es auch zu, die^rste psychische Entwickelung zubewahren und zu leiten. Die alten Völker, der Natur getreu, beschrankten nicht dieseersten Rechte und Pflichten der Mutter; sie werden von den rohesten Völkern heiliggeachtet, und es gehört zu den schönsten Früchten der Bestrebungen aller Erzieher desvorigen Jahrhunderts, daß in der gegenwartigen Zeit die Kinder den Müttern, dieseden Kindern wiedergegeben worden sind, wahrend die unnatürliche Verkehrtheit Sol-cher, die sich dem heiligen Beruf entziehen oder ihn vernachlässigen wollten, diese Ver-sündigung mit verdienter Schmach büßt. Die erste Lebenszeit ist die des Em-pfangens, des Aufnehmens äußerer Eindrücke, des Empfindens; und wie dieganze weibliche Natur körperlich und geistig dieselbe Bestimmung in verschiedenenAbstufungen hat, so ist sie auch die geeignetste Lehrmeisterin und Bildnerin derKindheit; sie wird auch bei der weitern Ausbildung des Mädchens mit größermErfolge wirksam sein, als die fremdartige, schroffere des Mannes, weil sie die Ein-drücke durch die Sinne und das Gebiet der Empfindung aus sich selbst richtiger zubeurtheilen und zu leiten versteht, wie sie die klare Ansicht des Lebens am reinstenund ungetrübtesten erhält. So sagt I. Paul: „Die Erziehung der Töchter bleibtden Müttern die erste und wichtigste, weil sie unvermischt und so lange dauernkann, daß die Hand der Tochter aus der mütterlichen unmittelbar in die mit Ehe-ringen gleitet". Ihrem Gemüthe bleibt daher die erste Nahrung und Bewahrungder Gefühle und der Begehrungen am sichersten überlassen; der Mann hat alleindas Amt der Beaufsichtigung, der ernsten Warnung und der Ergänzung, da woNatur oder Bildung es an dem Nothwendigen fehlen ließen; das Vaterwort mußdem Mutterworte zur Verstärkung dienen. Und ebenso gehört die Erziehung desKnaben dem Manne, damit dessen Jugend stark und kräftig gedeihe;' der Mutterbleibt die mildernde Einwirkung auf Beide.
Die Erziehung des Kindes von seinem ersten körperlichen und geistigen Lebenan ist auch Bildung desselben, wenn man auch dieses Wort gewöhnlich nur im