Conversations-Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. Erster Band. A bis E. Conversations Lexikon der neuesten Zeit und Literatur. In vier Bänden. Erster Band. A bis L. — Der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck seiner Gestalt zu zeigen. Shakspeare. Leipzig: F. A. B r o ck h a u s. 1 8 3 2. Die mit * bezeichneten Artikel sind bereits in der siebenten Auflage des Conv.- Lex. enthalten, hier aber in Beziehung aus die neuesten Zeitverhältnifse bearbeitet worden. Verweisungen mit Bemerkung des Bandes bezichen sich auf die siebente Auflage des Conv.-Lcx., die übrigen auf Artikel des vorliegenden Werks. A. ^^bel (Niels Henrik), Mathematiker, geb. 5. Aug. 1802 im Stifte Chri- ftiansand und gest. 6. April 1829 auf dem Eisenwerke Froland bei Arendal in Norwegen, erhielt seinen ersten Unterricht von feinem Vater, einem armen Landprediger, und besuchte hierauf die Kathedralfchule in Christiania, wo im Sommer 1818 bei der Auflösung algebraischer und geometrischer Aufgaben plötzlich sein Genie erwachte. Von nun an widmete er sich ausschließend der Mathematik. Nicht nur begriff er schnell die Werke der Lacroix, Francoeur, Poisson, Gauß, Garnier und Lagrange, sondern er sing sogar an, mehre Theile der Mathematik selbst zu bearbeiten. Als er 1821 die Universität seines Vaterlandes bezog, erfreute er sich der aufmunternden Unterstützung seiner Lehrer und der Regierung. Seine erste gedruckte Abhandlung war: „Allgemeine Methode, Functionen Einer varia- beln Größe zu finden, wenn eine Eigenschaft dieser Functionen durch eine Gleichung zwischen zwei variabeln ausgedrückt ist". Hierauf erschien 1824: „Nämmresuv les eggmticms nlAolireü^ues, oü on ckemontre l'impossibilite ckc In resolntion Legpiatioli Fenernle cku cmguieme tlegre". Nachdem er durch diese Schriften feinen Ruf in der gelehrten Welt begründet, verwilligte ihm die Negierung ein Reife- ftipendium von 600 Silberthalern, um sich zwei Jahre lang im Auslande, besonders in Paris, für fein Fach auszubilden. In Berlin machte er die Bekanntschaft des Oberbauraths Crelle, und die jetzt herauskommende Zeitschrift des Letztem für reine und angewandte Mathematik gewann an A. einen thatigen und geschickten Mitarbeiter. Auch Schumachers „Astronomische Nachrichten" enthalten Manches von seiner Feder. Von Berlin reiste er über Wien nach Paris, kehrte aber nach ersterec Stadt zu feinem Freunde Crelle zurück. Bald nach seiner Heimkehr wurde er, wahrend der Professor der Astronomie Hansteen Sibirien bereiste, als Docent bei der Universität und der Ingenieurschule angestellt. Seine ununterbrochene Thätigkeit zog ihm jedoch körperliche Beschwerden und endlich die Schwindsucht zu, die auf einer Besuchsreise sein junges Leben endigte. Mit einer bewundernswürdigen Genialität in feinem Fache verband er Reinheit der Sitten, einen edeln Charakter, Bescheidenheit und Anspruchlosigkeit; Neid über fremdes Verdienst war fern von ihm; Geld und Ehre reizten ihn nicht; einzigen und reichlichen Lohn gewährten ihm die Resultate seiner Rechnungen. Die ersten Mathematiker unserer Zeit, namentlich Legendre, sind einstimmig in dem Lobe seiner Arbeiten, und Crelle nennt ihn eins der seltenen Wesen, welche die Natur kaum einmal in einem Jahrhunderte hervorbringt. Man ist gegenwärtig mit einer Sammlung seiner fämmtlichen, meist in französischer Sprache abgefaßten Schriften beschäftigt. (1) Eonv.-Ler. der neuesten Zeit und Literatur. 1. I 2 Abernethy Ablösung der Grundeigenthumöbelastungen Abernethy (Johu), erster Chirurg an dem londoner Bartholomäus, Hospitale, ward 1763 oder 1764 geboren. Der Geburtsort dieses großen Arztes ist nicht mit Gewißheit auszumitteln, da Schottland und Irland, welche beide einen Ort mit dem Namen Abernethy haben, sich die Ehre streitig machen. A. erhielt seine früheste Erziehung in London; sein Talent für die Medicin war so eminent, daß er gleich nach Vollendung der Schulstudien bei dem Oberchirurg des Bartholomaushospitals, Charles Blick, in die Lehre gegeben ward. Er wurde spater der Schüler und Freund John Hunter's, wodurch es ihm gelang, als Director der Anatomie und Chirurgie bei dem genannten Hospitale angestellt zu werden. Nach Blick's Tode erhielt A. die Oberwundarztstelle an dem Bartholomaushospitale, der er mit dem größten Ruhme bis zu seinem Tode (1830) vorgestanden hat. A. zeichnete sich in der Praxis durch Originalität des Betragens und durch großen Scharfsinn aus; auf die Theorie der Arzneikunde hat er durch mehre wissenschaftliche Leistungen Einfluß gehabt, von denen als die gelungenste sein Werk über die Geschwülste : observMions, oontainmA u clsssilicatioii ol tuinciurs" (von Meckel ins Deutsche übersetzt) zu nennen ist. Es wird in der Geschichte dieser Krankheiten stets eine Epoche bilden. (2) Ablösung der Grundeigenthumsbelastungen. Die Befreiung der mittlem und kleinen Grundeigenthümer von den Lasten und Beschränkungen, welche zu Gunsten eines Grund- u. Zinsherrn auf ihren Grundstücken liegen, ist eine der großen Tendenzen unsers Zeitalters, und ebenso sehr durch die Foderungen der strengen Gerechtigkeit als durch die Staatsweisheit, ja die Notwendigkeit geboten. Macht und Wohlstand eines Staats beruhen vorzüglich auf dem Dasein eines zahlreichen Standes freier Landwirthe, welche wohlhabend genug sind, um nicht durch Armuth von aller geistigen Bildung ausgeschlossen zu werden und nicht alles Selbstgefühl zu verlieren. Von Sklaven ist keine lebendige Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten, keine Liebe des Vaterlandes zu erwarten, und ebenso wenig von Menschen, welche sich im Staate, ungeachtet ihrer persönlichen Freiheit, doch immer nur als Werkzeuge für fremde Zwecke, als Arbeiter für Andere betrachten müssen. Es ist nicht zu leugnen, daß der Arme in dem civilisirtesten Theile von Europa in mancher Hinsicht sich in einer üblem Lage befindet als der ehemalige Sklave, obgleich selbst dies keineswegs als Rechtfcrtigungsgrund der Sklaverei gebraucht werden kann. Unsere Staaten haben daher in dieser Beziehung für zweierlei zu sorgen: 1) dafür, daß nicht das Grundeigenthum in zu wenigen Händen zusammengezogen, oder wenn dies schon der Fall war, daß es wieder mehr unter die Masse des Volkes vertheilt werde, und nicht der bei weitem größte Theil (wie in England -^A?) davon ganz ausgeschlossen bleibe; 2) daß auch der kleine Grundeigenthümer wirklich Herr seines Bodens sei und sich nicht blos als Arbeiter für fremde Zwecke betrachten müsse. Auf dem ersten dieser beiden Zwecke beruhet die Gesetzgebung über Theilbar- keit und Veräußerlichkeit des Grundeigenthums, die Notwendigkeit einer Genehmigung des Staats zu Errichtung von Fideicommissen, Majoraten, Lehen, Primogenituren, und das Recht des Staats, die schon errichteten wiederaufzuheben; ferner die Untersagung der Erwerbungen für die sogenannte todte Hand: Corporationen, welche nicht wieder veräußern, wie die Kirche. Es hängen damit aber auch zusammen die Gesetze über die Zersplitterung der Güter und über die Frage, in wie kleine Theile man das Grundeigcnthum zerfallen lassen will, sowie über die Mittel, welche gewahrt werden sollen, um theils wieder zweckmäßig geschlossene Höfe zu gründen, wo sich dieselben aufgelöst haben, theils aber auch um die Zertheilung allzu großer Güter zu erleichtern, und endlich zwischen den geschlossenen Gütern eine verhältnismäßige Anzahl kleiner Besitzungen (Hauser und einzelner Grundstücke) zu erhalten, auf welchen diejenigen Hülfsarbeiter leben können, welche den geschlossenen Güter,: nur zu manchen Zeiten nöthig sind. Unter diesen Mitteln ist auch das Nä- kl-il». >dl^. ^lir die Ul ^ ?'w M« wch,,.jÄ 'd»rch»,ch,,^'^M' ^ IN dec Ge 'chrwchdie^dMM^ uhMftmWnM5H ?.ÄMAs,H WMKrch MmhMMdenöMlchii Mm, und ebenso weich von Äichen ^eiheie, doch immer ür Zlndere betrachten WM WenMemEmP-n derehemalizeMi,»^ ^ Zklaoerei zebemcht »erden KjSK ,.«»»?>«Z- Ablösung der Grundeigent^umsbelastungen 3 herrecht (Retract Bd. V.), dessen unbedingte Aufhebung darum weniger z« rächen sein möchte, als eine Regulirung nach den Bedürfnissen jeder einzelnen Gemeinde, nur unter gewissen allgemeinen Grundsätzen. Wie groß die gefchloft jenen Bauergüter sein sollen, ist freilich nach den natürlichen Verhältnissen des Bodens sehr verschieden, bestimmt sich aber vorzüglich danach, daß darauf auch eim ziemlich starke Familie ohne ein anderes als ihr landwirthschaftliches Gewerbe reich» lich, d. h. so leben kann, um in gewöhnlichen Zeiten etwas zu erübrigen. Die zweite Obliegenheit des Staats ist, dafür zu sorgen, daß der Landwirth Herr seines Bodens sei und die Früchte seiner Arbeit selbst genieße. Diesem Endzwecke stehen alle Arten von Belastungen, Einschränkungen des Eigenthums, Dienste, Zehnten, fixe Naturalabgaben und selbst unablösliche Renten in Geld, ferner die Beschränkungen und Theilungen der Benutzung, Weidegerechtigkeiten, geradezu entgegen, und ihr» Abschaffung (in der Regel gegen Ersatz) ist daher für das Wohl des Staats wünschenswert!), janothwendig. Man hat hierbei gewöhnlich nur die materialen Gründe dieser Nothwendigkeit aufgefaßt, aber noch wichtiger und dringender sind die moralischen und rechtlichen, welche letzte nicht blos dafür sprechen, daß die Gesellschaft (der Staat) eine Aushebung der auf dem Grundeigenthum liegenden Lasten verordnen könne, sondern dazu verbunden sei. Wir müssen dabei 1) die persönlichen Dienste (Frohnen), sowol gemessene als ungemessene; 2) die Beschränkungen der Benutzung durch Weiderechte; 3) die unbestimmten jährlichen Abgaben von dem Rohertrage; Zehnten und Theilkorn; 4) bestimmte auf den Gütern liegende Nattr- ral- und Geldrenten, endlich 5) zufällig wiederkehrende Abgaben, oder Entrichtung eines Theils des ganzen Werthcs (^, -z-, als Handlohn, Lehnwaare u. s. w.) von einem Grundstücke oder wol von dem ganzen Nachlasse (Besthaupt, Todtenfall u. s. w.) unterscheiden. Die historische Entstehung aller dieser Verhaltnisse, worin sich persönliche Unfreiheit, Abgaben und Dienste für den Staat, und gewöhnliche bür- gerliche Contracte (Überlassung von Land mit Vorbehalt gewisser Leistungen statt des Kaufgeldes, oderunaufkündliche Darlehne gegen jährliche Geld- undZNaturalren« ten statt der Zinsen) begegnen und vermischen, ist nur in einer kleinen Minderzahl der einzelnen Fälle nachzuweisen, meistentheils beruht sie auf einer allgemeinen und allmaligen Entwicklung des gesellschaftlichen Zustandes, welche nur in den von Zeit zu Zeit vollendeten Resultaten, nicht aber in ihrem Werden selbst beobachtet werden kann, und bei welcher die Anfangspunkte ganz im Dunkeln liegen. Dahin gehört die große, aber jetzt endlich in ihrer unmittelbaren Anwendung ziemlich unpraktisch gewordene Frage, ob die Rechtsverhältnisse des Bauernstandes als eine allma« lige Entlassung aus Leibeigenschaft und Hörigkeit oder als eine Unterdrückung der gemeinen Freiheit angesehen werden müssen. Da man aber mit diesen ins höhere Alterthum zurückgehenden Untersuchungen nie eine wahre juridische Gewißheit, sondern nur eine historische Wahrscheinlichkeit erreichen kann, so ist es auch aus diesem Grunde zu einem gerichtlichen Gebrauche ganz vergeblich, von einer solchen historischen, oft sehr problematischen Grundlage auszugehen, und nur die Gesetzgebung kann in derselben, wenn sie wirklich zu einer vollen Evidenz gebracht werden kann, Gründe für Manches finden, was sie zu thun hat. Die materiellen Gründe für die Aufhebung der Lasten des Grundeigenthums sind sehr einleuchtend und allgemein anerkannt. Die meisten derselben kosten den Dienst- und Zinspflichtigen bedeutend mehr als sie den Berechtigten eintragen, und es entsteht also daraus ein reiner Verlust für das Ganze. Die Arbeit, welche aus Zwang gegen eine meist sehr kleine, oder auch wol ohne alle Vergütung verrichtet wird, ist der Erfahrung und der Natur der Dinge nach lange nicht so gut und nicht so viel Werth, als in gleicher Zeit von einem freien Lohnarbeiter geleistet wird. Wo Fröhner, zumal mit Zugvieh und Geschirr, stundenweit herbeikommen müssen, ist Zeit und Kraft, welche der Weg erfodert, rein verloren. Ungemessene Dienste machen den 4 Ablösung der Grundeigenthumsbelastungen Pflichtigen gänzlich unfähig, zu einem dauernden Wohlstande zu gelangen, und die Rechtswissenschaft hat daher schon überall, wo sie konnte, wenigstens infoweit einer wahren Ungemessenheit entgegengearbeitet, daß sie nur ein bestimmtes Grundstück in seinen hergebrachten Grenzen als das Object ansah, für welches die Dienste zu der herkömmlichen Cultur gefodert werden könnten; indessen waren doch noch viele Gegenden, auch in Deutschland, wo zum Verderben des Bauernstandes völlig ungemessene Dienste stattfanden. Die Beschrankungen der Benutzung hindern die Fortschritte der Cultur und rauben dem kleinen Landwirth die Nebenvor- theile, welche er durch Anstrengung und vermehrten Viehstand gewinnen könnte. In noch größerm Maße thun dies alle Abgaben, welche, wie der Zehnte, vom Rohertrage zu nehmende Verhältnißtheile sind. Sie verhindern, daß Auslagen gemacht werden, welche einen höhern Ertrag gewähren könnten, indem der Zehntherr, ohne zu diesen Auslagen etwas beizutragen, dann im Zehnten den Vortheil zieht, und zwar in manchen Fällen sogar mehr als überhaupt nach Abzug der Kosten und Zinsen des Anlagekapitals der ganze Gewinn betragt. Besonders gilt dies von Neubruchzehnten (Rodzehnten, Novalzehnten), wobei selbst die Freilassung der ersten (z. B. zehn) Jahre Denjenigen, welcher ein bisher unbebautes Grundstück urbar macht, noch nicht entschädigt. Zu den für die Cultur sehr nachtheiligen Lasten gehören vorzüglich auch die Abgaben, welche unter außerordentlich verschiedenen Namen bei Veränderungen der Besitzer gegeben werden müssen, weil sie nicht nur den neuen Wirth, welcher ohnehin mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, noch in größere Ausgaben verwickeln und ihm die Mittel zu Verbesserung seines neuerworbcnen Gutes entziehen, sondern auch weil sie dem Besitzer jede bedeutende und mit Kosten verbundene Verbesserung unräthlich machen, da auch davon dem Lehn- und Grundherrn wieder sein Antheil ohne allen Abzug der Kosten zuwächst. Die moralischen Gründe gegen alle diese Theilungen und Beschränkungen liegen aber darin, daß sie in dem Stande der Landwirthe das Gefühl der Dienstbarkeit erwecken, welches leicht in Erbitterung übergeht, und daß sie hierdurch alle edlern Gesinnungen der Vaterlandsliebe, der Ehre und des Eisers für das Rechte auslöschen. Der Entstehungsgrund der auf dem Grundeigenthum liegenden Lasten ist sehr verschieden. In sehr vielen Fällen ist er ein sehr rechtmäßiger der gegenseitigen Leistung, indem entweder ein Grundstück gegen Dienste, Renten und Abgaben in Veränderungsfällcn überlassen worden ist, oder baares Geld, zumal von Klöstern, zu einer Zeit vorgestreckt wurde, wo es kirchlich verboten war Zinsen zu nehmen, und diese also unter der Form eines Rentenkaufs versteckt wurden. Aber in ebenso vielen Fällen ist der Ursprung der Dienste und Abgaben nicht so gerecht gewesen. Der freie Eigenthümer ist zinspflichtig, der Zinspflichtige zum Leibeignen geworden, nur um größern Gewaltthä- tigkeiten zu entgehen. Die Dienste sind einseitig gesteigert und neue eingeführt worden, wie die Bausrohnen in vielen Gegenden Deutschlands erst im 17. und 18. Jahrhundert entstanden sind. Die Grundherren waren immer geschäftig, ihre Rechte zu erweitern, und hatten ein zu großes Ubergewicht selbst da, wo die Bauern hätten Schutz finden sollen, in den Gerichten und obern Verwaltungsbehörden der Länder, als daß es jenen nicht hätte gelingen sollen. Wer will nun hier Unrecht und Recht von einander scheiden und die Pflichtigen widerlegen, wenn sie meinen, daß ihnen Das und Jenes nicht mitRecht auferlegt worden sei. Es kommt aber hinzu, daß gar / Vieles unter den Lasten des bäuerlichen Grundeigenthums mit voller historischer Gewißheit als ursprüngliche Landessteuer oder doch als Gegenleistung gegen den Schutz, welchen die Gutsherren zu gewähren hatten, und nicht mehr gewähren, zu erweisen ist, wie dies von Stüve („Über die Lasten des Grundeigenthums", Hanover 1830) und Küntzel („Über die bäuerlichen Lasten im Fürftenthume Hildesheim", 1830) sehr gut ausgeführt worden ist. Von dieser Art ist zwar nicht immer, aber doch zum großen Theil der Zehnten, welchen die Kirche als allgemeine Steuer für ihre Zwecke zzK« SS»«- ^ ^!MS B die§Ww d-eiMssungdnchn ' lüii'cb.itites GriindjUlk Mr »tt ^'örlilichtheiHkn^N^ t?audeiitiich vchchiÄmM, i mÜM, weil sie nicht nur den lMmMhch mchwU^M ?n jede MMemdmit Wen uchwmbemkch-uMund- em j«U Iie mornlischen ,-unM lieM über durin, diGe njld.!rkelt erwecken, welches leichl e edlern GcDWenderButer- e Möschen, Der Entstel'nn^ -nijUchvW^^? MSSi »--»ss inner enw vie> ^n,nurumzrs^ BBk« isKr SsSHl und ^ ^ tZK^'s --Ke-" Ablösung der Grnndcigenthumsbelastungen S (mit Einschluß der Armenversorgung!) einführte, welcher nun in andere Hände gekommen ist, und als völlig unabhängiges Privatrecht besteht, während die Gemeinden von dHeuem für Kirchen, Schulen und Arme sorgen müssen. Dahin gehprt auch das Kriegswesen, welches eine ausschließliche Verbindlichkeit der Gutsherren war, nicht blos gegen den Staat oder den Landes - und Lehnsherrn, sondern noch bestimmter gegen ihre Jins- und Dienstleute, wofür sie manche Abgaben und Vortheile bezogen, die nun wegfallen müßten, nachdem der Kriegsdienst später sogar allein auf die arbeitenden Classen, mit Ausnahme der Gutsherren, gelegt, und erst neuerdings wieder geworden ist, was er in der frühesten Zeit war und immer hätte bleiben sollen : eine allgemeine Verpflichtung aller Staatsbürger. Daher ist mit Recht in der muern Zeit der Satz ausgestellt worden, daß die Anfoderungen des Staats den grundherrlichen Gefällen und Rechten vorgehen, und diese soweit, als dabei den Un- Serthanen nicht mehr die Mittel bleiben, selbst bestehen und den Staat befriedigen zu können, herabgesetzt werden müssen. (Preuß. Edict vom 14. Sept. 1811.) Eine uothwendige Folge der Steigerungen, welche bis in das vorige Jahrhundert in den aus das bäuerliche Grundeigenthum zu Gunsten der Grundherren gelegten Lasten, von da aber in den Leistungen für den Staat, eingetreten sind, ist nun, daß die Staaten auf eine Erleichterung jener Lasten haben Rücksicht nehmen müssen. Damit ist, wiewol aus andern Gründen, auch die Aufhebung der Leibeigenschaft verbunden worden, indem man diese mehr wegen ihrer innern und unbedingten Unrechtmäßigkeit verlangte. Die Aufhebung der, auf dem kleinen oder bäuerlichen Grundekgen- thum liegenden Lasten hat in verschiedenen Ländern von Europa stattgefunden oder ist wenigstens in Gang gebracht worden, jedoch auf eine sehr verschiedene Art. In England ist, so viel wir haben finden können, darüber kein besonderes Gesetz vorhanden; denn die Acte Karls II. von 1668 (20. Our. II. c. 24), wodurch alle lehnherrlichen Rechte und Gefälle, mit Ausnahme gewisser Ehrendienste (vorzüglich bei der Krönung) abgeschafft wurden, bezieht sich aus Ritterlehen, nicht aufMeier- und Ainsgüter (Oop) üolcks) und deren Dienste, die aber doch schon lange gemessen und nieist auf eine gewisse Rente gebracht sind. In Deutschland war Joseph II. der erste Regent, welcher, zugleich mit Einführung einer allgemeinen Besteuerung, eine Reduction der grundherrlichen Rechte vornahm, indem die Grundsteuer auf 124 Procent des reinen Ertrags bestimmt, und für die grundherrlichen Leistungen, welche alle in eine Geldrente verwandelt werden sollten, ein Maximum von 174 Procent vom rohen Ertrage festgesetzt wurde. Nach dem Tode Josephs II. ist diese Angelegenheit nicht weiter betrieben worden. Ähnliches geschah in Dänemark (s. Stüve a. a. O. S. 61). In Frankreich sind überhaupt alle Lasten des Grundeigenthums in Folge der Revolution verschwunden. Die berühmte Sitzung vom 4. Aug. 1789 machte den Anfang, indem in dieser Nacht die Grundherren selbst rmd die Geistlichkeit ihre Berechtigungen, ihre Jagdrechte, Zehnten, Steuerfreiheiten und Grundrenten zum Opfer brachten. Die Jagdrechte auf fremdem Boden wurden unentgeltlich aufgegeben, die Zehnten und andere Gefälle der Geistlichkeit ebenso, indem es der Staat übernahm, für die Bedürfnisse der Kirche und der Armen zu sorgen, die Zehnten der weltlichen Besitzer und die Grundrenten gegen Entschädigung. Aber zum Unglück behielt die Sache nicht diesen friedlichen Gang; und obgleich später ausführliche Gesetze über die Ablösung erfolgten, so wurde sie doch in den blutigen Kampf der Parteien hineingezogen, man verlangte von den Berechtigten die Vorlegung förmlicher Erwerbungsurkunden, welche ihnen zum Theil gewaltsam entrissen und vernichtet waren, zum Theil zahlte man in werthlosen Papieren, und es war endlich kein großer Gegenstand mehr, als durch das Gesetz vom 17. Jul. 1793 alle Renten und Gefälle, welche aus der Gutsherrlichkeit entsprungen waren, ohne alle Entschädigung aufgehoben wurden. Das (Zivilgesetzbuch (A. 529, 1911) hat den Grundsatz beibehalten, daß jede Grundrente ablöslich ist, und daß auch durch Vertrag keine 6 Ablösung der Grundeigenthumsbelastungen «naufiündliche Rente auf länger als 30 Jahre bei Überlassung von Grundstücken, Und auf langer als 10 Jahre bei Darlehnen, constituirt werden kann. In einem Theile von Deutschland kam dich Angelegenheit durch die französische Herrschaft und die Einführung französischer Einrichtungen in Gang; zuerst in dem Königreich Westfalen (1808 — 13), fast gleichzeitig in dem Großherzogthum Berg (Decr. v. 13. Sept. 1811) und endlich in den mit Frankreich vereinigten hanseatischen Departements (Decret v. 9. Dec. 1811). Bei diesen Gesetzen ging man im Ganzen davon aus, daß 1) die Leibeigenschaft und die daraus entspringenden Rechte, namentlich der ungemessenen Dienste, der Gebühren für die Erlaubniß zum Heirachen, des Gesindezwangsdienstes, des Sterbefalls, ganz unentgeltlich aufgehoben wurden (westfäl. Decret vom 23. Jan. 1808); 2) daß Geldrenten zu. 5 vom Hundert, also mit dem 20fachen Betrage der Zinsen; 3) Naturalabgaben aber und Dienste, nachdem sie zu Geld geschätzt worden, mit 4 Proc. oder mit dem 25fachen Betrage abgelöst werden sollten (westf. Decret v. 18. Aug. 1809, welchem noch einige andere wegen der Zehnten, der Laudemialabgaben u.s. w. folgten). Wie sehr diese Gesetzgebung im Geiste der Zeit lag, hat sich daraus ergeben, daß sis von dem Volke, trotz seines sonst so starken Hasses gegen die fremde Herrschaft, dennoch begierig ergrissen und festgehalten wurde. Es sind seitdem in den meisten deutschen Staaten ähnliche Maßregeln von den Unterthanen laut gewünscht und von den Regierungen zugestanden worden. Zwar wurde in einigen Ländern, wo die alts Regierung nicht in die Abtretung gewilligt hatte, sondern durch bloße Gewalt vertrieben worden war, Alles wieder in den alten Stand versetzt, vornehmlich in Ha, nover, wo man auch die Privatcontracte für ungültig erklärte (Gesetz vom 23. Aug. 1814 und vom 25. Aug. 1815). Auch hier aber ist doch später wieder etwas eingelenkt worden, und die Stände haben auf Ablösbarkeit hinzuwirken gesucht, so- daß schon 1822 eine völlig ausgearbeitete Ablösungsordnung vorgelegen hat. In andern Staaten ist die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Ablösbarkeit, wenigstens der Dienste, gleich in die Verfassung mit aufgenommen worden. So in Baiern (Verfass.-Urk. v. 1818, Tit. IV, §. 6 u. 7), Würtemberg (Verf.-Urk. v. 1819, ß. 25), Großh. Hessen (Verf. v. 1820, A. 25,26). In Baden wurde in der Verfassungsurkunde (H. 11) die Ablöslichkeit der Grundlasten und Dienstpflichten bestätigt und spater ein angemessener Abkaufsfuß regulirt; in Hessen-Darmstadt sind aber auch die übrigen Lasten, und durch Verordnungen von 1816 u. 1824 auch die Zehnten ablöslich geworden; so auch in Braunschweig 1823. Daß aber dieses Vor, bild der franz. Gesetzgebung auch in Preußen wirksam gewesen sei, läßt sich nicht sagen, denn hier wurde schon vor dem Kriege von 1806 die Gesetzgebung vorbereitet, welche von 1808 in den Verhaltnissen des Grundeigenthums eine so große Veränderung hervorgebracht hat. Zuerst wurden die Schranken der Erwerbung aufgehoben, welche noch im Allgemeinen Landrechte (doch mit geringer Wirksamkeit für das wirkliche Leben) aufrecht erhalten worden waren, vermöge deren kein Adeliger bäuerliche Grundstücke und kein Unadeliger Rittergüter an sich bringen sollte. Dann folgte, um Mr die Hauptpunkte zu bezeichnen, ein Edict vom 14. Sept. 1811 über die Regulirung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse (wozu eine Deklaration vom 29. Mai 1816 und zwei ergänzende Verordnungen vom 9. Mai 1813 und 9. Jun. 1819 gekommen sind), durch welches der bäuerliche Güterbesitz dergestalt in wahres Eigenthum verwandelt wurde, daß der Gutsherr von solchen Gütern, welche ohne Eigenthum aber mit erblichem Rechte besessen wurden, ein Drittheil des sammtlichen Bodens, wenn aber das Gut nicht mit Erbrechte verliehen war, die Hälfte des Bodens (doch unter Bestimmungen, wodurch die allzu große Verkleinerung des Vauerhofs verhindert wird) zurückerhielt, das Übrige aber unbeschränktes Eigenthum des Landwirths wurde. Zugleich wurden alle auf den bäuerlichen Besitzungen ruhenden Dienstbarkeiten und Berechtigungen für ablöslich erklärte Diese KM ' ^>i «MM '"^u'wuz^ dm'jj l^-'ci^min^WDzA ^'NlMZMGM von ineimMkündM, wodieM '.^M!)Mch ^ivsi TeM veu i?l doch Pitt wiei>or M M lscMicjjlNMicknZMft' nMüG ooychcn h.il. 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Es wird aber auch darin der Grundsatz festgehalten, daß Leibeigenschaft mit ihren Ausflüssen (blos persönlichen Diensten, ungemessenen Diensten, Gesindezwangsdienst, Hei- rathserlaubniß), Bannrechte, Alles, was die Natur der Steuern hat (Schutzgeld, Iagdstohnen, Besthaupt, Heimfallsrecht), unentgeltlich aufgehoben ist, alles Andere aber gegen Entschädigung aufgehoben werden kann. (Uber diese interessante, aber etwas verwickelte Gesetzgebung s. Strombeck's „Ergänzungen des Allgem. Landr.", 3. Ausg., I, S. 822 — 1182.) In den bisher erwähnten Gesetzen wird überall davon ausgegangen, daß die Verpflichteten allein für die Ablösung zu sorgen, und das Ablösungscapital aus ihren Mitteln Herbeizuschassen haben, sowie daß sie den Berechtigten den vollen Werth der abgelösten Dienste, Renten und Rechte (in der Regel 25fach) ersetzen müssen. Allein eine ganz andere Wendung ist der Sache in der badischen Standeversammlung von 1831 gegeben worden. In Folge der Verfassungsurkunde war schon am 5. Oct. 1820 ein Gesetz über die Ablösung der gutsherrlichen Frohnen gegeben worden, nach welchem sie mit dem 20fachen Betrage abgelöst werden sollten; persönliche mit dem 15fachen. Es wurde aber nicht nur eine Revision dieses Gesetzes verlangt, sondern der Abg. v. Rotteck machte auch die Motion, den Zehnten überhaupt und zwar zu einem geringern als dem Capital- werthe abzulösen, und einen Theil der Ablösungssumme aus der Staatskasse zu bestreiten. Dieser Antrag machte sehr große Sensation; aber 200 Gemeinden unterstützten ihn durch Petitionen, Gelehrte bekämpften ihn in Schriften (Birnbaum, „Die rechtliche Natur der Zehnten u. s. w.", Bonn 1831; Zachariä, „Die Aufhebung, Ablösung und Umwandlung der Zehnten", Heidelberg 1831). In der 59. Sitzung wurde von einer Commission Bericht erstattet, und der große staatswirthschaftliche Nachtheil des Zehnten auseinandergesetzt, was schon in der zweiten Kammer zu großen Diskussionen führte. Die Regierung ließ nun einstweilen drei Gesetze vorlegen: 1) wegen Abschaffung des Neubruchzehnten (ohns Entschädigung); 2) wegen Ablösung des Blutzehnten, welcher sich fast nur in den Händen der Geistlichen und Schullehrer befindet, mit 15fachem Betrage des mittlem jährlichen Reinertrags, zur Halste aus der Staatskasse, zur Hälfte aus der Ge- meindecasse; 3) wegen Ablösung der Herrensrohnen und der Surrogate derselben, der walzenden mit dem 18fachen, der persönlichen mit dem 12fachen Betrage, ebenfalls zur Hälfte aus der Staatskasse, zur Hälfte aus der Gemeindecasse. Diese Angelegenheiten sind nicht beendigt worden; allein sie haben, außer einer Äußerung, wodurch die erste Kammersich beleidigt fand, noch zu einer merkwürdigen Protestation des fürstl. Hauses Löwenstein-Wertheim Veranlassung gegeben, indem dasselbe in einem Schreiben vom 18. Nov. 1831 an das badische Ministerium dem Staate die Befugniß streitig machte, über dergleichen Gegenstande des Privatrechts Gesetze zu geben, und sogar die Drohung hinzufügte, daß es dergleichen Gesetzen in feinen standesherrlichen Bezirken keine Gesetzeskraft zugestehen werde. Es ist darüber unterm 25. Nov. eine scharfe Zurechtweisung erfolgt (S. „Allg. Ztg.", Nr. 342, Beil.), und darin besonders darauf aufmerksam gemacht worden, daß nur die den Standesherren in der deutschen Vundesacte garantirten Rechte, nicht aber andere Rechte, welche ein Standesherr wie jeder Ändere besitzen kann, das We>en der A Adrayamson Standesherrlichkekt ausmachen. Die Berechtigung des Staats, auch privakrechtliche Verhaltnisse, wenn sie dem Gedeihen des Ganzen nachtheilig sind, und besonders wenn sie durch Veränderrmg anderer Verhaltnisse ungerecht geworden sind, umzugestalten, kann keinem ernstlichen Zweifel ausgesetzt sein. Vergl. Grund eigen- thum (Bd. 4). (^) Abrahamson (Joseph Nicolai Benjamin), danischer Oberstlkeutenant und Divisionsadjutant, der c^eohn eines verdienstvollen Vaters, der, wenngleich eifriger Militair (Capitain in der danischen Artillerie), sich noch mehr den Wissenschaften widmete und als Dichter, Kritiker und Literator in der danischen Literatur berühmt ist. Geboren 6. Dec. 1789, betrat A. schon früh die militärische Bahn und durchlief schnell die ersten Grade in dem Artilleriecorps bis zum Secondlieute- nant, wozu er im 14. Jahre seines Alters befördert ward. Als ein danisches Hülfscops nach Frankreich ging, wurde er als Capitain bei dem Generalstabe desselben angestellt und benutzte den langern Ausenthalt daselbst, um sich mit dem damals neuen Bell-Lancaster'schen Schulunterrichte genau bekannt zu machen. Nach Danemark zurückgekommen, strebte er dem vorgesetzten Ziele, seinem Vaterlande die Vortheile jener Methode zuzueignen, mit unermüdlichem, seltenem Eifer entgegen. Mit Einwilligung des Königs wurde sie in einigen der militairischen Volksschulen Kopenhagens geprüft. Wahrend zu selbiger Zeit in Frankreich, Nußland und Ostreich mit der Einführung dieser Unterrichtsmethode, aus Furcht, sie möchte den Niedern Volksclassen eine zu hohe nach Liberalismus strebende Bildung (so steht es in dem dänischen „Conversations-Lcxicon eller encyclopadisk Haandbog", Bd. 28) geben, wieder Einhalt gethan wurde, sing die dän. Regierung vom Jahre 1819 an, dieselbe mehr und mehr im Königreiche sowie in den Herzogthümern zu verbreiten. Nachdem eine Commission, unter dem Vorsitze des Bischofs Münter aus mehren Geistlichen bestehend, die neue Lehrart untersucht, und unter A.'s Mitwirkung die nöthigon Verbesserungen und Modisicationen vorgeschlagen hatte, ging von der danischen Kanzlei eine Bekanntmachung aus, durch welche die Einführung der nach Bedürfnis der örtlichen Umstände verbesserten Methode keineswegs befohlen, sondern nur allgemein erlaubt wurde; zur Prüfung derselben aber munterte man die gestimmten Wolksschulen der Städte und der Landgemeinden auf. Die Lehrart war mit Rücksicht aus die Verhältnisse des Landes und auf diejenige Stufe, wozu die Bildung des Volkes sich bereits erhoben hatte, abgeändert worden; denn es war in Dänemark seit 10t) Jahren nicht, wie in Frankreich und mehren Ländern noch jetzt, der Fall, daß in ganzen Gegenden keine Volksschulen vorhanden, und die Bewohner in die tiefste Unwissenheit versunken sind. In Danemark hat es der Volksuntcrricht, bei steter Aufmerksamkeit und Sorgfalt der Regierung, schon lange dahin gebracht, daß Alle ihre Muttersprache lesen, und die Meisten zugleich schreiben und rechnen können. Auch höhere, jedoch nach der ihnen zu Gebote stehenden Zeit und nach ihrem Stande abgemessene Kenntnisse werden den geringem Volksclassen mitgetheilt. Es sind Volksbibliotheken in einigen Gemeinden entstanden, und Unternehmungen dieser Art können immer auf den Beifall und die Aufmunterung der Regierung rechnen. Unter solchen Umständen kann der wechselseitige Unterricht nur unter gewissen Bedingungen als nöthig und nützlich in Danemark betrachtet werden. Diese Methode wird daher nur bei dem Elementarunterricht angewandt, wo das Mechanische derselben eben am zweckmäßigsten, und Zeit 'und Kosten — beide von so großer Wichtigkeit für die arbeitende Classe — in hohem Grade erspart. Mit Hülfe des wechselseitigen Unterrichts ist der Schullehrer im Stande, die Kinder sich gegenseitig, unter seiner Leitung und Aufsicht, in den ersten mechanischen Übungen im Lesen, Schreiben, Rechnende, weiter zu bringen, wahrend er selbst Kabei Zeit gewinnt, wenn sie jene Vorübungen vollbracht haben, ihren Verstand durch unmittelbare Unterweisung zu beschäftigen. Denn das Geistige — so ist es der Wille der ALZ?»» -ÄK'? M- ^ dänische Abranres Adsolunsmus 9 -">«> ^Ülh D»: ^atnlMde die Uere v Werlte dm nie- üht in Regierung, und auch die Meinung des Verbreiters jenes Unterrichts in Dänemark— darfauch in den Volksschulen und im Volke nicht gehemmt, die Entwickelung des Menschen nicht durch tödtenden Mechanismus gestört werden. Ob man nun auch immer, besonders bei der schnellen Verbreitung der neuen Methode, die Grenze zwischen dem Zuviel und Zuwenig in jener Rücksicht genau hat treffen können, ob der edle Stifter, dem unter der Leitung der danischen Kanzlei die Mitwirkung bei der Einführung des wechselseitigen Unterrichts in die Schulen des Landes anvertraut worden, nicht, bei sonst löblichem Eifer für die Sache, in gewisser Rücksicht zu weit gegangen sei: diese sowie mehre dahin zielende Fragen sind neulich durch eine gutgeschriebene Necension in der„Maancdsfkrift for Literatur", Oct. 1831, der öffentlichen Erwägung vorgelegt worden, die schon verschiedene kleinereAufsatze veranlaßt hat. Bereits früher, 1819 u. 1823, ward die Zweckmäßigkeit der Methode in einer Reihe von Streitschriften besprochen; jetzt, nachdem die Sache durch Erfahrung und praktische Prüfung für öffentl. Untersuchung reifer geworden, und persönliche Erbitterung und Parteisucht sich ohne Zweifel weniger in die Verhandlungen mischen werden, dürfte vielleicht ein mehr befriedigendes Resultat als damals zu erwarten sein. Die jährlich gedruckten Berichte über den Fortgang des wechselseitigen Unterrichts in Danemark zeigen, daß, nachdem die Einführung der modisicirten Methode in alle Volksschulen durch eine königl. Entscheidung vom 21. Aug. 1822 war erlaubt worden, nach Verlauf von vier Iahren schon 1545 der gedachten Schulen die neue Lehrart angenommen hatten, und daß beim Schlüsse des Jahres 1830 diejenigen Schulen des dänischen Reichs, in welchen die Methode eingeführt war, sich auf 2673 beliefen. A. war lange Director der Normalschule für den wechselseitigen Unterricht in Kopenhagen, hat aber mit dem Jahre 1832 seine Theilnahme an der Leitung dieser Angelegenheit aufgegeben. Er ist einer der Vorstester der militairischen hohen Schule in Kopenhagen, administrirender Director des Taubstummeninstituts, Comman- deur vom Danebrogorden, Ritter mehrer fremden Orden und Mitglied mehrer in- und auslandischen gelehrten Gesellschaften. Seine wichtigsten Schriften betreffen jene von ihm in Dänemark eingeführte Unterrichtsmethode, und darüber ist besonders zu erwähnen: „Om endbyrdes Underviisnings Vcsen og Vecd" (Über das Wesen und den Werth des wechselseitigen Unterrichts, Kopenh. 1822 —27, 3 Thle.), die er im Verein mit dem damaligen Propst Mönster (gest. 1829 als Bischof in Aarhuus in Jütland) herausgab. (4) Abrantes (Herzogin von), s. Junot. Absolutismus. Seit die Idee von constitutionnellen Einrichtungen in das Leben der Völker übergegangen ist, und mehre Staaten nach dieser Idee sich neu gestaltet haben, treten diejenigen Staaten, wo der Grundsatz der unbeschränkten Gewalt herrschend geblieben ist, in einen immer schroffem Gegensatz. Während dort die Gewalt der Fürsten durch Staatsgrundgesetze bestimmt ist; während die Theilnahme an der Verwaltung von den untersten Kreisen des Gemeindelebens beginnt und, gleichmaßig fortschreitend, auch in den höhern Regionen des öffentlichen Lebens sich wirksam zeigt; während die obersten Staatsbeamten, bei der grundgesetzlich anerkannten UnVerantwortlichkeit des Staatsoberhauptes, für alle von ihnen ausgegangenen Regierungshandlungen durch die Volkswortführer zur Verantwortung gezogen werden können, ist hier der Herrscher in der Ausübung seiner Gewalt durch kein Gesetz gebunden, weil er der einzige Gesetzgeber im Staate ist und zugleich die von ihm gegebenen Gesetze vollzieht, und für alle Regierungshandlungen nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Diese Unbeschranktheit der Herrschergewalt, im Gegensatze der durch constitututionnelle Einrichtungen gebundenen, nennt man Absolutismus. Er erkennt nicht an, daß der Staat, als eine Rechtsgesellschaft, auf einem Vertrage beruhen muß; die Meinung, daß die Herrschergewalt ein unmittelbar von Gott verliehenes Recht sei, ist in ihrem rohesien S-inne 10 Acyurt A'cupunctur ihm eigen, und er betrachtet dagegen jede dem Volke oder einzelnen Genossenschaften im Volke gestattete Theilnahme an der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten als eine Gnadenbewilligung, nicht als eine Rechtsgewährung. Der Grundsatz des Absolutismus aber kann, trotz allen Ansprüchen des historischen Rechts, dem Staatsleben nicht untergelegt werden, weil die Begründung des Staats durch das Rechtsgesetz nur unter der Idee eines ursprünglichen Vertrages gedacht werden kann, der von der Vernunft als schlechthin nothwendig aufgestellt wird, und weil mit der einzig rechtlichen Form des Staates alle physische Übermacht, aller leidende, nur aufUn- terwerfung unter die Willkür beruhende Gehorsam unvereinbar sind. Die höchste Gewalt im Staate kann zwar nur Eine sein, aber weil sie die Gesammtkraft des Staates nur für den Staatszweck anwenden darf, ist sie keine blinde, rohe Gewalt, und weil sie nicht blos die physischen, sondern auch die geistigen Kräfte der Staatsbürger zu leiten hat, muß alle mit den sittlichen Zwecken des Staates unverträgliche Willkür fern von ihr sein. Der Gesamnttwille der Staatsbürger bestimmt die rechtliche Form des Staates durch den Grundvertrag, die Gesammtmacht des Staates hingegen ist zur Erreichung des Staatszweckes in dem Staatsoberhaupte vereint. Diese höchste Gewalt unterscheidet sich als gesetzgebende und vollziehende. Diese ist in der Hand des Staatsoberhauptes vereinigt, jene erfodert die Vereinigung der gesammten geistigen und sittlichen Kräfte im Staate, und soll festsetzen, was in Übereinstimmung mit den Staatszwecken Recht ist im Staate, und wie das Recht erworben und ausgeübt werden soll. Sind nun diese beiden in einem Ganzen innig verbundenen Theile nicht unterschieden, umfaßt das Staatsoberhaupt außer der vollziehenden Gewalt zugleich ausschließend die gesetzgebende, so werden die geistigen und sittlichen Kräfte des Staates von der ihnen gebührenden und im ursprünglichen Vertrage ihnen gesicherten Wirksamkeit ausgeschlossen. Eben dadurch aber, daß in den nach den Grundsätzen des Absolutismus verwalteten Staaten der Herrscher sich der kräftigen Mitwirkung der Intelligenz begibt, die er nur kennen lernen kann, wenn er ihr den freiesten Spielraum gewährt, ist eine solche Verwaltung schwach, weil sie weder von den wahren Bedürfnissen des Volkes vollständig unterrichtet wird, noch das Vertrauen desselben gewinnen kann. Es gehört zu den unseligsten Verblendungen, zu wähnen, daß solche dem Vernunftrechte widerstrebende Ausartungen der Herrschergewalt länger bestehen, daß sie sich den auf wirksame Wortführung für die Volksinteressen dringenden Federungen siegreich widersetzen können. Dieses Widerstreben ist zumal ohnmächtig, wo bei der höhern Civilisation und bei der Ankündigung geistiger und sittlicher Mündigkeit des Volkes, das Bedürfniß, ihm einen selbstthätigen Antheil an der Verwaltung seiner Angelegenheiten in den untern Gebieten des öffentlichen Lebens zu gewähren, sich als unabweislich gezeigt hat. Erzogen zu solcher Theilnahme, wird und kann es in dem Verlangen, sie auch in höhern Kreisen Zugewinnen, um so weniger nachlassen, da es dieselbe bei der fortgeschrittenen politischen Bildung als ein Recht betrachten lernen mußte. Je unverkennbarer aber das Streben nach einem durch Grundgesetze gegen jegliche Willkür gesicherten Nechtszustande sich offenbart, desto verderblicher würde der Wahn sein, durch vereinte Wirksamkeit solchem Streben wehren zu können. Acourt (Sir William), s. Heytesbury. Acupunctur (von ucus, die Nadel, und punctura, der Stich), Nadelstich, ist dasjenige Heilversahren, durch welches man mittels des Einführens metallener Nadeln in die weichen Theile des Körpers sehr schmerzhafte, lähmungsartige und wol auch entzündliche Krankheiten zu heilen versucht. Man schreibt die Erfindung dieser Heilmethode den Japanesen zu; nach Europa, zunächst nach England und von da nach Holland, ist die Kenntniß davon im 17. Jahrhundert gekommen. Sie machte damals großes Aufsehen, ward aber bald vergessen. Zu Anfang M,,AV - "^1l> i, , ^ch- such. ," lctür ^ckksich k'lsiedietz^^ '--keine b,??^lt des Adams !1 '"MiMAmchdez ^.^demStüMchM Schübe undvchehMs !t^W chdettdieBer» Ännte, und M festseD, >U'limÄMe,undMdüS üleselzÄmuuiMGW H die Me^edeÄe. h lverden 'er ihnen gebührenden md im Ä nndgeDM Gen dn- diundmnd mirckten Slciil- Znlchen; begibt, die er nur nun, gewährt, ist eine solche Sedichissen des Mb M- n gewinnen km, ^gehört cheSemVernunstrechtewider- chhen, das sie sich W «u> ^enPMgenNmch^ hMnchüg, «o e bei da höhern ^ änN-^ rh. lWU» ^ -^z deS vergangenen JahrzehendS führten einige pariser Ärzte diese Operation wieder in die Praxis ein. Man pries sie mit dem unserer Zeit und den Ärzten derselben eigen- thümlichen Enthusiasmus, und bald gab es keine Krankheit, gegen die man nichd mit dem besten Erfolge die Acupunctur gebraucht hatte. Dieser zu häufige, zu allgemein empfohlene Gebrauch des Mittels war das Grab seines Ruhms, denn wenige Jahre nachher, als das Jauchzen jener pariser Ärzte verhallt war, und bei dew europaischen Collegcn keinen Wiederklang mehr fand, sprach man nicht mehr davon. Nichtsdestoweniger ist die Acupunctur häusig in der Hand des rationnellen Arztes ein treffliches Mittel bei nervösem Hüftweh, bei der Lähmung der Augenlider, bei langwierigen Augenentzündungen, bei der Lähmung der Bewegungsnerven des Gesichts. Diese Operation ist nichts weniger als schmerzhaft. Wird sie gut ausgeführt, so folgt auf sie weder Geschwulst, noch ist sie mit einer Blutung verbunden. Bedingte Wirksamkeit wird ihr kein rationneller Arzt absprechen. Leider benutzen sie hier und dort Charlatans zur Erreichung ihrer Zwecke. Über die Art und Weise der Wirkung der Acupunctur sind die Meinungen der Ärzte und Physiker noch sehr ge- theilt. Eins der besten Werke, das sich auf viele Erfahrungen stützt, ist: I. Clo- guet's „Ir-nte de l'acupimcture" (Paris 1826). (2) Adams (John), der Patriarch der Pitcairnknfel (f. Bd. 8), ist erst durch Beechey (f. d.), der auf seiner Fahrt nach der Beringsstraße die Insel berührte und viel Verkehr mit ihren Bewohnern hatte, nach seinen Charakterzügen und seinen Schicksalen uns genauer bekannt geworden. Die umständliche Erzählung, die er dem britischen Seefahrer von der Entstehung und den Fortschritten der merkwürdigen Ansiedlung gab, weicht in manchen Punkten von den frühern Berichten ab, und es dürfte angemessen sein, diese Berichtigungen der seitherigen Kunde hier zusammenzufassen. Das Schiff Bounty, unter dem strengen Eapitain Bligh, das im Ott. 1788 nach Otahiti kam, verweilte volle sechs Monate auf der Insel, als die Brotfruchtbäume, die es nach Westindien bringen sollte, nicht sogleich eingeschifft werden konnten. Dieser lange Aufenthalt auf dem üppigen Eilande löste die Bande der Zucht, und Christian, der geschickte Steuermann des Schiffes, erbittert durch einen Streit mit dem Capitain, fand empfängliche Gemüther bei dem Versuche, die Mannschaft gegen ihn aufzuwiegeln, als das Schiff wieder in die See gegangen war. Er hatte ursprünglich die Absicht, auf einem Floß nach Otahiti zurückzukehren, ergriff aber begierig den Vorschlag seiner Gefährten, sich des Schisses zu bemächtigen. So geschah es. Bligh und 18 Andere von der Schiffsmannschaft wurden in ein Boot ausgesetzt, und Christian blieb mit 24 auf dem Schisse. „Hurrah nach Otahiti!" war der erste Ruf der Mannschaft. Das Schiff steuerte jedoch nach der Insel Tobuai, und erst als es mislungen war, mit den Bewohnern ein freundliches Verhältnis anzuknüpfen, segelten die Englander, gegen Christian's Wünsche, nach Otahiti. Überzeugt, daß man in England bald daran denken würde, die Europaer aufzusuchen, und Otahiti kein sicherer Aufenthalt sein könnte, faßte er alsbald den Entschluß, eine unbekannte und unbewohnte Insel aufzusuchen; einige seiner Gefährten aber weigerten sich, ihn zu begleiten, wiewol sie ihm das Schiff willig überließen. Acht von der Mannschaft, sechs Otahitier und mehre Weiber schifften sich mit ihm ein. Anfänglich wollten sie nach den Marque- sas - Inseln steuern, Christian aber, der Carteret's Reise (1767) kannte, hielt die von diesem Seefahrer besuchte Pitcairn-Jnsel für eine angemessenere Niederlassung. Das Schiff landete am 23. Jan. 1790. Alles, was den Ansiedlern nützlich sein konnte, ward ans Land gebracht, worauf einer von der Mannschaft das Schiff in Brand steckte. Man suchte eine passende Stelle für ein Dorf aus, der übrige Flachenraum der Insel aber ward in gleiche Theile abgetheilt. Die farbigen Gefährten der Ansiedler erhielten keine Antheile und sahen sich verurtheilt, als Sklaven den Boden für die Weißen anzubauen. Bis die Hütten errichtet waren, mußten dle 12 Adams Segel des Schiffes zu Zelten dienen und waren nachher zur Bekleidung willkommen. In den ersten Jahren lebten die Ansiedler friedlich, und selbst die otahitifchen Männer ertrugen geduldig ihr Loos. Einer von der Schiffsmannschaft aber, der -bald nach der Landung durch einen Unglücksfall seine Frau verloren hatte, wurds mismuthig und drohte, seine Gefährten zu verlassen, wenn man ihm nicht ein anderes Weib gäbe. Die Ansiedler, die ihn, einen geschickten Waffenschmied, nicht gern verlieren wollten, zwangen einen Otahitier, sein Weib dem Ungeduldigen zu überlassen. Die erbitterten Otahitier machten gemeinschaftliche Sache und sannen auf Rache. Den Weibern der Europaer wurde der Anschlag verrathen, und sie eilten ihre Gatten zu warnen. In einen Gesang ließen sie die Worte einfließen: „Warum schärft der schwarze Mann seine Axt? Den weißen Mann zu tödten!" Es folgte nun ein wilder Kamps, in welchem mehre Europäer erlagen. Eine kurze Friedcnszeit benutzten die argwöhnischen Weißen, die otahitischen Männer nach und nach aus dem Wege zu räumen. Als endlich der blutige Zwist (1793) geendigt war, gab es außer John Adams noch 3 Europäer, 10 otahitische Weiber und mehre Kinder aus der Insel. Einer der Europäer, ein Schottländer, der den Versuch gemacht hatte, aus der Wurzel der Ti-Pflanze (Diucuemr terminaüs) Branntwein zu brennen, stürzte sich im Rausche von einem Felsen; ein anderer, der die Frau eines seiner Gefährten haben wollte und, durch die erhaltene Weigerung erzürnt, seinen Landslcuten nach dem Leben trachtete, wurde von ihnen getödtet. Adams und Poung waren nun (1799) die einzigen überlebenden erwachsenen Männer. Beide, besonders Poung, hatten eine ernste Gcmüthsart, und es war sehr natürlich, daß sie nach den furchtbaren Austritten, deren Zeugen und Teilnehmer sie gewesen waren, in sich gingen und an die Pflicht dachten, für die Bildung des auswachsenden Geschlechts zu sorgen. Es wurden regelmäßige gottesdienstliche Übungen, die jeden Sonntag gehalten wurden. Morgen- und Abendandachten in den Familien eingeführt, und die Kinder in frommer Sitte erzogen. Poung, ein nicht ungebildeter Mann, der schon seit 1793 ein Tagebuch geführt hatte, leistete bei diesen Bemühungen den wirksamsten Beistand. Alls er 1801 starb, siel die Sorge für die Ansiedlung ganz auf A., und so schwierig die Ausgabe war, so glücklich wußte er sie zu lösen. Er widmete seine ersten Bemühungen den otahitischen Müttern, um durch sie aus die Kinder zu wirken, und bei ihrer Bilosamkeit machten sie ihm weniger Mühe als er gefürchtet hatte. Die Erziehung der Kinder, deren es 19 — 9 Jahren auf der Insel gab, hatte den besten Erfolg, und die sittlichen und religiösen Gewohnheiten des jungen Geschlechts befestigten sich je mehr es heranwuchs. Die Ansiedlung gedieh und bildete eine glückliche und wohlgeordnete Gesellschaft. Die Zuneigung der einfachen Inselbewohner gegen den Vater der Ansiedlung war der beste Beweis der guten Früchte seiner Erziehung, und man kann nicht ohne Erstaunen sehen, wie viel ein ungebildeter Seemann durch kräftigen Entschluß und Beharrung bei guten Beweggründen vermocht hat. Schon waren dunkle Gerüchte von der neuen Ansiedlung nach England gekommen, als endlich zu Anfange dieses Jahrhunderts ein britisches Schiff sie auffand ; erst später aber erhielt man durch den Befehlshaber der englischen Fregatte Breton, der 1814 aus der Fahrt nach Chile die Insel berührte, genauere Nachrichten. Die Ansiedlung bestand aus 48 Menschen. Der Befehlshaber machte A. den Vorschlag, ihn nach England zu führen, und glaubte ihm Verzeihung für die Theilnahme an der Empörung gegen Bligh versprechen zu können; Alle aber versammelten sich und baten den Capitain mit Thränen, ihnen den guten Vater A. zu lassen. Die nächsten Nachrichten von der Pitcairn - Insel gab O. von Kotzebue, nach den Mittheilungen des Befehlshabers eines amerikanischen Handelsschiffes, den er in Chile kennen lernte. Aus Otahiti fand Kotzebue eine ehemalige Bewohnerin der Pitcairn-Insel, die mit einem europäischen Schisse in ihre Heimath zurückgekehrt war, si ch aber wieder nach der Insel sehnte, und von A. sagte, es Adelaide ^»»» °»>°!kii>-^, °° Line kiir^ . ^WNüch '.^Mkbckrausdn '-^M.'chthM,^dir ^M.ikKWWMdM ai Achlchs zil siyM. Es >.1 ÄM.pMckMM, M,mKieKckcissrM l!N, ü'r scholl seil M ein ^eillrirksMMBelsmd. iiil-ilifÄ.undsoschMch Mz rchtel hA'- DieEr;i ZMl .HB Me mM SSM Ä,K O Ä-»^° B sei kein Mensch auf der ganzen Welt würdig, ihm an die Seite gestellt zu werden;. A. hatte ihr den Auftrag gegeben, die Missionare aufOtahiti zu ersuchen, ihm eine?)» Mann zu senden, der ihn einst in der Leitung der Ansiedlung ersetzen könne. Beechez' besuchte Pitcairn im Dec. 1825. A., damals über 60 Jahre alt, aber noch sehr rff- stig und munter, kam an Bord. Er hatte seit seiner Niederlassung auf der Insel ni p wieder ein europaisches Schiff bestiegen. Der Anblick der Dinge, die er hier sah> mußte lebendige Erinnerungen in ihm erwecken, und er zeigte anfänglich einige Verlegenheit, die vielleicht durch die Vertraulichkeit erhöht wurde, mit welcher Manner ihn behandelten, die er einst als Vorgesetzte zu ehren gewohnt gewesen war. Er hatte außer der Matrosentracht auch noch die ganze Haltung eines Seemannes, hielt iw- stinktmaßig seinen niedrigen Hut in der Hand, bis man ihn ersuchte, sich zu bedecken,- und so oft ein Offizier ihn anredete, nahm er den Hut ab und strich sein kahles Vorderhaupt. Die jungen Leute, die ihn begleiteten, zehn an der Zahl, waren schlank und rüstig, von gutmüthigem und freundlichem Aussehen, schlichtund anstandig in ih« rem Benehmen. Die Bevölkerung der Insel bestand aus 66 Personen, unter welchen zwei neue Ansiedler waren. Seit dem Tage der ersten Ansiedlung bis 1825» zahlte man nur 8 natürliche Todesfalle und 52 Geburten. Bei dem schnellen Anwachsen der Bevölkerung kann der kleine Theil des anbaufähigen Bodens der Insel, deren Umfang nur 7 englische Meilen betragt, bald nicht mehr für den Unterhalt der Bewohner genügen, und in dieser Besorgniß bat A. den Eapitain Beechey, der engl. Regierung von diesen Umstanden Kunde zu geben. Es ist seitdem in England die Rede davon gewesen, die Ansiedler nach Otahiti oder einer andern Südseeinsel zu bringen, aber es haben sich einige Stimmen gegen eine ganzliche Verpflanzung des glücklichen Völkchens erhoben, das mit seinem Wohnplatze so zufrieden ist; und man hat mit Recht bemerkt, daß sich bei eintretendem Übermaß der Bevölkerung Gele- genheit genug zur Auswanderung finden würde. Beechey fand einen neuen Ansiedler, John Busset, der mit einem fremden Schisse angekommen war und die Lebensweise auf der Insel so angenehm gesunden hatte, daß er sich entschloß, sie nicht wieder zu verlassen. Er vertrat seitdem die Stelle des Geistlichen und unterrichtet zugleich die Kinder im Lesen, Schreiben und Rechnen. Beim sonntagigen Gottesdienste sprach A. die Gebete, und Busset las eine Predigt, welche er, um sie den Zuhörern desto besser einzuprägen, zwei Mal wiederholte. Beechey mußte vor seiner Abreise A. mit seiner, seit mehren Iahren blinden und bettlägerigen Frau nach den Gebräuchen der englischen Kirche trauen, weil es, wie der alte Mann sagte, zur Beruhigung seines Gewissens dienen würde. Nach einem Briefe, den Beechey nach seiner Rückkehr von Büffet erhielt, ist A. am 5. Mär; 1829 nach einer kurzen Krankheit, 65 Jahre alt, gestorben. Seine Frau überlebte ihn nur einige Monate. Man findet sein Bildniß in Beechey's „Nm-rative ot' a, w tüe ciüe anck Leerm^'s Stroits" (London 1831, 4.), und daraus in Sommer's „Taschenbuch zur Verbreitung geographischer Kenntnisse für 1832". Vergl. die anziehende Schrift vonJ. Barrow: „ÜAe everckickl ckistor^ «f tlle mutcki^ anck chr-ckie-ck seizure ot'H. N. 8. Lomitz" (London 1832). Darin Bligh's Bericht von der Empörung der Schiffsmannschaft und eine Erzählung der Entdeckung der Pitt cairninsel. Adelaide (Louise ThereseKaroline Amalie), Königin von England, Tochter des Herzogs Georg Friedrich Karl von Sachsen-Meiningen und der Prinzessin Louise Eleonore von Hohenlohe-Lonzenburg, wurde am 13. Aug. 1792 geboren. Schon in ihrem 11. Jahre verlor sie ihren Vater und blieb mit ihrem Bruder, dem regierenden Herzog von Sachsen-Meiningen, und ihrer Schwester Ida, der Gemahlin des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar, unter der Vormundschaft ihrer durch Geist und Liebenswürdigkeit ausgezeichneten Mutter, welche nach dem Testamente des Herzogs die Negierung wahrend der Minderjährigkeit des ^ Z ^ « I 14 Adlersparre Sohnes führte. Sie erzog Ihre Kinder sehr einfach und widmete ihrer sittlichen und geistigen Ausbildung die größte Sorgfalt. Prinzessin A. war von Kindheit auf ruhigen und stillen Charakters und wendete fast ihre ganze Zeit darauf, sich zu unter» tichten; im trautern Kreise war sie jedoch stets heiter und lebendig. In reiferm Alter entwickelte sich ihre Abneigung gegen Prunk und Thorhcitcn der großen Welt Noch entschiedener, und sie zeigte besonders den größten Widerwillen gegen sittliche Erschlaffung und Irreligiosität, welche eine Zeitlang an manchen deutschen Höfen Eingang gefunden hatten. Der kleine Hof von Meiningen nahm Napoleons Aufmerksamkeit nicht sehr in Anspruch, daher die Herzogin-Regentin im stillen Kreise der Ihrigen fortleben und sich der Verwaltung des Landes und der Erziehung ihrer Kinder ungestört weihen konnte. Die Regentin und ihre Töchter fanden ein großes Vergnügen darin, Schulen für die Niedern Volksclafsen zu errichten und zu beaufsichtigen, sowie der Noch der Armen der Stadt und des Landes zu steuern. Adelaide war die Seele jeder Einrichtung, welche die Verbesserung der Lage ihrer Mitmenschen zum Zweck hatte. Die Aufmerksamkeit der Königin Charlotte, Gemahlin Georgs III., war lange auf diese edle Familie gerichtet; sie schlug, als man eine Vermahlung ihres dritten Sohnes, des Herzogs von Clarence, zweckmäßig erachtete, die noch unverheirathete Tochter des Hauses Meiningen vor. Der Herzog von Clarence hörte von allen Seiten die Bestätigung Dessen, was seine Mutter zum Lobe der Prinzessin gesagt hatte, hielt um ihre Hand an und empfing eine günstige Antwort. Da der Prinz verhindert war, nach Deutschland zu kommen, wurde die Prinzessin mit ihrer Mutter nach England eingeladen, und die Vermählung fand am 11. Iul. 1818 in Kew statt. Die Neuvermählten gingen bald nach Hanover, wo sie bis zum Frühling 1819 blieben. Durch eine Frühgeburt geschwächt, ging sie mit ihrem Gemahle nach Meiningen, wo sie mit unbeschreiblichem Jubel empfangen ward und sechs Wochen verweilte. Im Bade Liebenstein fand sie ihre Gesundheit wieder. Gegen Ende Oktobers 1819 reiste sie mit ihrem Gemahl nach England zurück. In Dünkirchen erfolgt abermals eine Frühgeburt, welche der Gesundheit der Herzogin von Neuem gefährlich wurde. Von Walmer-Castle bei Deal, wo die langsam Genesende sechs Wochen der gesunden Seeluft wegen geweilt hatte, begab sie sich nach London, wo sie den Winter zubrachte. Bald nachher gebar sie eine Tochter, die auf den ausdrücklichen Wunsch des verstorbenen Königs in der Taufe den allen Engländern so theuren Namen Elisabeth erhielt, aber schon nach drei Monaten plötzlich starb. Später hatte die Herzogin eine neue Fehlgeburt und gab seitdem keine Hoffnung zu einem Erben. Sie lebte mit ihrem Gemahl gewöhnlich auf dem reizenden Landsitze Bushy-Park unweit London. Seit dem 26. Jun. 1830, wo der Herzog von Clarence den englischen Thron bestieg, ist die Herzogin Königin von England, und wurde 1831 mit ihrem Gemahle gekrönt. Das streng Geregelte und Einfache ihres Privatlebens darf man dem englischen Adel als Muster vorhalten; ihre Menschenfreundlichkeit, ihre Wohlthätigkeit wird allgemein bewundert, und die innige Liebe zu ihren Gemahle von diefem auf das herzlichste erwidert. Das Gerücht, daß sie ihren Einfluß auf den König zum Nachtheil der Reformbill zu benutzen gesucht habe, fand zwar in England um so leichter Eingang, da ihr erste« Hofbeamter, der seitdem entlassene Graf Howe, im Oberhause für die Verwerfung stimmte, scheint aber von den Gegnern der Maßregel verbreitet worden zu sein. (5) Ad lersparre (Georg), geb. 1760 in der Provinz Jemtland, wo sein schon 1757 geadelter Vater lebte, der Oberstlieutenant war. Nachdem er in Upsala seine Studien vollendet hatte, trat er 1775 als Corporal seine kriegerische Laufbahn an und diente seit 1788 im russischen Kriege. Er wurde 1790 Ritter des Schwertordens und ging im folgenden Jahre nach Norwegen, wie man glaubt, mit dem geheimen Auftrage des Königs, die Norweger zum Aufstande gegen ihre Regierung aufzureizen. Dieser Anschlag mislang völlig. Nach Gustavs III. Tode verließ er als Ml- WM > / WÄ-iSÄ i iMhN hsFÄü.?' N," -0 i M' Mersparre 75 ^N!M Eh.i^tt^ Gt. ^'!l-schluz,ÄM "WN der. Der Herjoz ^lvüK seine MtterM ld mpsing ^ iMM^ «M die UltzeW^MB HmM mssm- OftPGesimdheii ihlmchEnglliidzu' e der Gesundheit der Rittmeister den Kriegsdkmst, wahrscheinlich weil weder die neue Negierung mit sei» neu Grundsätzen, noch er mit der Regierung übereinstimmte. Die poetischen Ben» suche, die er schon als zwanzigjähr. Jüngling herausgegeben hatte, waren zu wenig gelungen, als daß er in dieser Lausbahn Auszeichnung hatte erwarten können; mit glücklicheren Erfolge aber widmete er sich nun der Geschichte, Staatskunde und Kriegswissenschast, und gab Lebensbeschreibungen berühmter Staatsmanner, ein Lehrbuch für Landleute und eine Schrift über die Bildung der Truppen heraus. Als Gustav I V. Adolf die Regierung angetreten hatte, wurden die Günstlinge seines Oheims, des Herzogs von Södermanland, entfernt, und die bisher zurückgedrängten Vertrauten Gustavs III. traten hervor. A. genoß nicht die Gunst des Königs, der ihn wahrscheinlich für einen halben Jakobiner hielt, und so lichtscheu und finster die neue Regierung war, die auch am hellen Tage Gespenster sah, so waren doch ihre Besorgnisse nicht ganz leer, da zu jener Zeit auch in Schweden, und gerade in den besten Köpfen, republikanische Ideen sich regten, und ihr Mistrauen wurde namentlich gegen A. durch den Erfolg nur zu sehr gerechtfertigt. Es war ihr Fehler, daß sie die Volksmeinung, statt sich derselben zu bemeiftern, durch Gewalt unterdrücken wollte, denn es entstand dadurch ein geheimer Kampf zwischen der Macht und dem Talent, in welchem jene am Ende immer unterliegen muß. A. verfolgte indeß seine schriftstellerische Laufbahn, und gab von 179'7 — 1800 eine Zeitschrist f„I^Ä5mnA i dlallÜÄcke F'inneu") heraus, die sich mit Poesie, Staatswissenschafe und andern Zweigen der Literatur beschäftigte, und wozu die Dichter Leopold und Silverstolpe, der Prediger Lehnberg, der Arzt David u. A. beisteuerten. Fand sie bei der Nation großen Beifall, so wurde sie dagegen von der Regierung mit scheelen Blicken betrachtet. Die nächsten Jahre verlebte A. in unbemerkter Stille, bis er bei dem Ausbruche des russisch-danischen Krieges auf einmal, und zwar auf eine bedeutende Weise, wieder auftrat. Er erhielt auf Empfehlung des Herzogs von Södermanland >— ein bemerkenswerther Umstand — 1808 den Befehl über eine Abtheilung der sogenannten Westarmee, und anfänglich nur Major und erster Adjutant, ward er bald Oberstlieutenant. Zwei Tage nach seiner Ankunft bei dem Heere nahm er die von den Norwegern besetzte Stellung bei Prestbacka ein, und erhielt bald nachher den Befehl, die Heerabtheilung, welche die Grenze der Provinz Wermland vertheidigen sollte, anzuführen. Die Schweden waren dort in mehren Tressen besiegt worden. A. aber nahm eine feste Stellung ein und errang verschie« dene, wiewol nicht bedeutende Vortheile. Mehre Große waren indeß zu der Uberzeugung gelangt, daß das Vaterland nur durch den Sturz des Königs gerettet werden könnte. Noch ist es in tiefes Dunkel gehüllt, wann und bei wem zuerst diese Meinung entstand; noch wissen wir nicht, ob der von Vielen gehegte Argwohn, daß wenigstens die Lenker dieser Verschwörung den ohnehin beschränkten und halsstarrigen König durch verräterische Rathschlage irre zu leiten und durch schlechte Kriegführung jenen Zeitpunkt zu beschleunigen gesucht haben, ungerecht sei oder nicht, und ebenso wenig, wie früh A. in diese Anschläge eingeweiht wmde: soviel aber ist dem Verfasser dieses Art. aus vertrauten Mittheilungen bekannt, daß A. nur unter drei für ihn ehrenvollen Bedingungen seine Zustimmung gab, daß nämlich kein Blut vergossen, kein Volksaufstand erregt werden, und das Heer nichts als die Berufung des Reichstags verlangen sollte. Alles war reif zum Ausbruche. A. rückte mit der wermländischen Heerabtheilung über Karlstadt gegen Stockholm vor. Jetzt, da er dem Lande, wo es Feinde zu bekämpfen gab, den Rücken zukehrte, um die Waffen gegen seinen König zu richten — ein in Schweden noch nie erlebtes Schauspiel— erließ er jenen, oft bitter verspotteten Aufruf, worin es heißt: die Weftarmee habe sich das Wort gegeben, daß das Vaterland nicht einen Fuß breit Boden mehr verlieren solle. Der König war beinahe der Letzte, der das kühne Vorrücken dieses Heeres erfuhr, und er erhielt nicht eher Kunde, als bis es in der Nähe 10 Adlersparre der Hauptstadt war; aber selbst in jenem Augenblicke würde es ihm, hätte er nur gewöhnliche Entschlossenheit, nur gewöhnlichen Muth gehabt, nicht schwer geworden sein, die ganze Verschwörung zu unterdrücken. Der Adel, die Hauptstadt, der größte Theil des Mittelstandes haßten ibn freilich, und zwar schon darum, weil er sich vor Napoleon, dem Abgotte der gebildeten Welt, nicht beugen wollte, aber das Volk war ihm ganz ergeben, ungeachtet seines Unverstandes, den es nicht kannte, ungeachtet seiner schlechten Anstalten, die es der Verrätherei der Großen zuschrieb, und aus dem echt schwedischen Grundsatze, daß er doch der König sei. Aber bei aller Nechtschaffenheit war Gustav Adolf so kleinlich, daß er den von einer Re- cognoscirung zurückkehrenden Sköldebrand, der eben über die Fortschritte der Westarmee Bericht erstatten wollte, mit dem Vorwurf empfing: „Sköldebrand, Sie sind nicht in voller Uniform, Sie haben die Epaulets vergessen". Der verblendete König ließ sogar die ersten Verbreiter des noch dunkeln Gerüchts verhaften. Ein Eilbote, den ein Beamter in Örebro abgeschickt hatte, brachte dem Könige die erste sichere Nachricht über das Anrücken der Empörer. Gustav Adolf rüstete sich zur Flucht. Er wollte nach Ostgothland zu dem ihm ganz ergebenen General Toll eilen, der die Südarmee befehligte, und dann den Empörern entgegenziehen. Der Anschlag mußte unter diesen Umstanden schnell ausgeführt werden. Die Verhaftung des Königs geschah ohne Mitwirkung der Armee, durch die Entschlossenheit des Generals Adlcrcreutz und die Körperstärke des Augmeisters Greifs. Die Sache er. hielt dadurch eine bessere Farbe, und man vermied den Schein, als ob die Umwälzung durch Waffengewalt bewirkt worden wäre. Alles war betäubt und still, durch die Nahe der Westarmee eingeschüchtert. Ohne Beifallszeichen, ohne Gemurmel hörte das Volk zu, als der Herzog von Södermanland zum Könige ausgerufen wurde. Nur einen betrunkenen Matrosen sah man auf dem Markte aus dem Kreise der Zuschauer hervortreten, und so lange der Herold das Schuldenregister des ehemaligen Königs ablas, nickte er beifallig, aber sobald der Name des neuen Beherrschers genannt wurde, rief er: „Diesen Lumpenkerl kenne ich von alten Zeiten her", trat zurück und entfernte sich unwillig. Dies geschah am 13. Marz 1809. Jetzt, da Alles so gut gelungen war, wurde der Befehlshaber der Westarmee von dem Herzog und dem General Adlercreutz aufgefodert, allein nach der Hauptstadt zu kommen, er aber rückte am 22. mit seinem Heere wie im Triumph ein, ließ eine Wache mit einigen Kanonen vor seiner Wohnung aufziehen, und nahm einen Platz im Staatsrath ein. Von nun an geschah nichts ohne seine Zustimmung, und alle Entwürfe zur Führung des Krieges, alle diplomatischen Verhandlungen wurden von den Ministern oder von dem Herzoge selbst ihm zur Entscheidung vorgelegt. Am 1. Mai wurde der Reichstag eröffnet. Der Herzog, der bis dahin die Regierung nur einstweilig geführt hatte, wurde zum König erwählt und konnte nun die Retter des Vaterlandes, wie man sie nannte, belohnen. Auf A. ergoß sich ein Strom von Gnadenbezeigungen; er wurde schnell nach einander Staatsrath, Oberst, Generaladjutant, Comthur des Schwertordens und endlich in den Freiherrnstand erhoben, wie es in dem Adelsbriefe hieß, wegen seines durch thgtige Redlichkeit und patriotische Tugend ausgezeichneten Benehmens bei der vollzogenen Regierungsveränderung. Noch in demselben Monate, im Im. 1809, ging er nach Norwegen, um dem Prinzen Christian August (s. Karl August Bd. 6) die auf ihn gefallene Wahl des Reichstags zu verkünden und den Befehl über die Weftarmce zu übernehmen. Auch erhielt A., den der König scherzend einen echten Nevolutionsmacher nannte, den geheimen Auftrag, die Norweger gegen Danemark aufzuwiegeln, da man sich zu jener Zeit in Schweden mit der Hoffnung schmeichelte, daß die Norweger mit ihrem beliebten Statthalter zu den Schweden übergeben würden. Es wäre vielleicht gelungen, wenn der Prinz ein Verrather hatte wftiM war wahrend dieser ganzen Zeit bis zum Frieden mit Däne- ^^lpa°r- 17 -ss mark (im Dec. 1809) allerdings in einer schwierigen, in der Geschichte vielleicht ^ zlv.lk ^ beispiellosen Lage, zwischen der Pflicht gegen seinen Monarchen und der Neigung zu ^ ^ ss,s' einem Volke, das er bekriegen sollte, und das ihm als künstigen Thronfolger zu huldi- gen bereit war. Einem Ränkesüchtigen würde eine solche Gelegenheit willkommen ^ ^ Vichts gewesen sein, aber der Prinz war ein gerader und redlicher Mann, und seine Ehre ?t blieb unbefleckt, obgleich der danische Hof mit dem Benehmen des Statthalters Äiich U?! nicht ganz zufrieden war. Von A. begleitet, trat er im Jan. 1810 die Reife in ^ von kin? Vaterland an, wo man ihn mit Jubel empfing. Unter den Mannern '.'s von 1809, wie man später die Urheber der neuen Ordnung der Dinge nannte, " herrschte allgemeine Begeisterung, und in der That wurde die Staatsumwandlung ",v"Gn". mit großer Einigkeit und Mäßigung ausgeführt. Nur A. war verstimmt. Was Gerüchts veün/ er selber eigentlich wollte und bezweckte, liegt im Dunkeln. Einige meinen, er sei ^ buchte deinem ?' ^ darüber unzufrieden gewesen, daß ihm nicht der erste Platz zu Theil geworden, An- ' dere, die Entwicklung der Dinge habe ihm nicht gefallen, und Andere endlich glauben, seine Liebe zur Bequemlichkeit, welcher er allerdings nachhing, erkläre Benehmen. Aus seinem Briefwechsel geht hervor, daß er von dem Könige verlangt hatte, dem General Adlercreutz, diesem zweiten Urheber der Revolution, ' > >; ?. ^5 mit welchem er zerfallen war, die Stelle eines Generaladjutanten zu nehmen. Der ..sssss^ ?^Wechit des König lehnte dieses Ansinnen in einem bestimmten, aber höflich entschuldigenden est Briefe ab. A. bat nun um feine eigne Entlassung, die ihm aber der König freund- ljch verweigerte, weil es, wie er sagte, scheinen könnte, als ob sein Freund mit der neuen Negierung unzufrieden wäre, wenigstens sollte er bis zum Schlüsse des u Reichstags aus seinem Platze bleiben. A. gehorchte, sobald aber der Reichstag ge- zum Uch Mtzchll schlössen war, schied er zu allgemeiner Befremoung aus dem Staatsrathe und zog aauusteiMM auswich sich als Landeshauptmann des Skaraborg-Läns in eine entfernte Provinz zurück. Ad dus HuldMgiM ch- Die äußern Zeichen der fortdauernder Gunst des Königs blieben nicht aus; A. er- .AMÄMbes iMnWw langte 1811 das große Kreuz des Schwertordens, ward in den Grafenstand erho- M ben, erhielt 181? den Titel Einer der Herren des Reichs (I5n sl lUllßts Herrsch, Wsto darauf den Excellenztitel und das Ritterkreuz des Seraphinenordens. In der Ver- - W demHr- waltung seiner Provinz erwarb er sich viele Verdienste, erlaubte sich jedoch auch ei- s'AA^^stMzukM- nige willkürliche Handlungen, die ihm den scharfen Tadel der öffentlichen Blätter WeimWO zuzogen. Er gab endlich seine Stelle auf, sei es aus Verdruß oder seines hohen ^ ^ M» Atz in» Alters wegen, und zog sich in die Ruhe des Privatlebens zurück. Auf einem ent- ii:m. u- ^ A legenen Landgute lebend, ließ er mehre Jahre nicht viel von sich hören, bis endlich die „Aktenstücke zur ältern, neuern und neuesten Geschichte Schwedens" ohne stinen Namen erschienen, die großes Aufsehen erregten. Dieses Werk ist zwar in ^ geschichtlicher Hinsicht nicht bedeutend, da das Neue nur eine halbe Beleuchtung , h::zog, dtt ^die gewährt, und in der Anordnung Plan und Zusammenhang fehlen, aber es enthält ^-'6 Briefwechsel mit Karl XUl., dem Prinzen Christian, den Grafen von Enge- sssA^M, ström und Wetterstedt, die zwischen dem schwedischen und dänischen Hofe s>. I nach ^^99 gewechselten Staatsschriften und verschiedene Verhandlungen der Regierung >ns Bd mit dem geheimen Ausschusse der Reichsstände: Aktenstücke, deren Bekanntes" machung theils das Preßgesetz verletzte, theils aber, da sie viele noch lebende Per- s zu voreilig war, ja auf A. selbst fallen einzelne Strahlen eines im Ali, ö) zweideutigen Lichtes. A. bekannte sich zu dem Werke, und man erlebte nun, im A-'sch 1831, das Schauspiel, daß eine Excellenz von der andern — dem Grafen ^ ^ Wetterstedt— als Herausgeber nicht zur Öffentlichkeit geeigneter Schriften und > '> Privatbriefe verklagt wurde, und vor einem Untergerichte erscheinen mußte, um Jl, aber die Verletzung desselben Grundgesetzes, dessen Urheber er gewissermaßen war, s.i, ^ der Rede zu stehen. Das Gericht erklärte ihn für schuldig und verurtheilte ihn zu einer 's.'», 5^ Geldstrafe, die A. bezahlte, wobei er jedoch öffentlich erklärte, daß er den richterlichen Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 2 's 18 Adrian Adrianopel (Einnahme und Friede von) Ausspruch für moralisch ungerecht halte und sein Werk fortzusetzen gedenke. Seitdem sind, im Jan. 1832, das sechste und siebente Hest wirklich erschienen. (6) Adrian (Johann Valentin), geb. 17. Sept. 1795 zu Klingenberg am Main. Nach sorgfältigem Jugendunterrichte besuchte er die Schulen zu Miltenberg und Aschassenburg und dann die in dem letztgenannten Orte neuerrichtete Karls- Universität. Er nahm 1813 und 1814 als Freiwilliger Theil an dem Feldzuge gegen Frankreich, und besuchte nach seiner Rückkehr (1814 — 16) die Universität zu Würzburg. Später lebte er theils in der französischen Schweiz, theils in seiner Vaterstadt. Nachdem er einige Jahre als Lehrer in Hoffmann's Erziehungsanstalt in Rödelheim gewirkt hatte, ging er 1819 nach Italien, und übernahm 1820 die Stelle eines Erziehers der Söhne des damaligen würtembergischen Ministers, Grafen von Winzingerode. Nach Nicderlegung dieser Stelle ging er nach Paris und England. Eine Frucht dieser Reise waren mehre Mittheilungen in deutschen Zeitschriften und die „Bilder aus England" (2 Thle., Franks, a. M. 1827—- 28), denen 1830 ebend. „Skizzen aus England" folgten, worin er die Eindrücke des Augenblickes lebendig geschildert und die Eigenheiten des britischen Volkes und seiner Lebensweise treffend aufgefaßt hat. Nach seiner Rückkehr ward er 1823 als Professor der neuern Sprachen in Gießen angestellt, wo er noch jetzt lebt. Häufig wechselnde äußere Verhältnisse und vielfältige Reisen haben auf die Ausbildung seines lebhaften Geistes einen günstigen Einfluß gehabt, und wenn auch in seinen dichterischen Versuchen keine Eigenthümlichkeit hervortritt, so ist dagegen besonders in seinen beschreibenden Darstellungen und seinen Übersetzungen sein gewandtes Talent immer sichtbar. Einige seiner Nachbildungen von Byron's Dichtungen haben die schwere Aufgabe, die Strahlen dieses originellen Geistes in fremdem Spiegel aufzufangen, nicht ohne Glück gelöst, auch erscheint unter seiner Leitung seit 1830 eine Übersetzung von Byron's sämmtlichen Werken. Seit 1825 gibt er das „Rheinische Taschenbuch" heraus. Adrianopel, Einnahme (20. Aug.) und Friede (14. Sept. 1829) von. Diese Begebenheit entschied die seit dem bukareschter Frieden von 1812 und seit der akjermaner Convention von 1826 (s. Akjerman) schwebende, in der Diplomatie sogenannte russisch-türkische Frage, zugleich aber auch die griechisch-europäische Frage; sie gründete dadurch aufs Neue Nußlands überwiegende Macht sowol in dem Osten von Europa als auch in Mittelasien, sowie dessen bis jetzt fortdauernden Einfluß auf den Divan zu Konstantinopel. Was keinem russischen, keinem deutschen Feldherrn in so vielen mit der Pforte glorreich geführten Kriegen gelungen war, bis in die Ebene von Adrianopel vorzudringen, wo zur Zeit der spätem römischen Kaiser und in den letzten Zeiten der Byzantiner das Schicksal der Welt mehr als einmal entschieden worden war, das gelang einem Deutschen, dem russischen Oberfeldherrn Diebitsch (s. d.). Nachdem Varna bereits am 11. Oct. 1828 von den Russen erobert worden war, und der Oberfcldherr den Großwessier Reschid Pascha am 11. Inn. 1829 bei Ku- lawtscha geschlagen hatte, führte der Sieger das Heer bei Kiuprikoli und am untern Kamtschik(20.—22. Jul.) über den Balkan (s.d.), eroberte Mesembria (23. Jul.) und erstürmte Aldos (25. Jul.). Im Besitz der Küstenpunkte Sizebol (Sozopo- lis, der alten berühmten Seestadt Apollonia), Akhioli, Burgas und Karnabat, deckte er seine Stellung am Fuße des Balkan und sicherte sich die Aufuhr von der Veeseite. Hierauf eroberte General Rüdiger am 3. Aug. Jamboli (Jambol), das die Verbindungslinie von Schumla, wo der Großwessier von dem General Kras- sowski im Schach gehalten wurde, mit Adrianopel vertheidigen sollte. Die großen Vorräthe an Lebensmitteln und Kriegsbedarf, welche daselbst in die Hände der Russen sielen, erleichterten das Vordringen in dem verödeten Lande. Diebitsch brach jetzt (am 6. Aug.) mit 50,000 M. von Aidos auf; die türkischen Scharen -N MNlU'iÄ ünckunM. NiÄl M uchM M-m ich«, ÄrFMM?? Adrkanopel (Einnahme und Friede von) 19 -^'.^'pl> ^ leisteten nirgends mehr Widerstand; am 12. wurde der Seraskier Halst bei Sllwno " er dit geschlagen und diese Stadt erobert; am 19. Aug. zogen die russischen Heersäulen 'Anteil 5V von den Höhen von Bujuk-Derbent (d. i. der große Paß des Strandscha-Gebirges) S>chii:jst'f)' herab, um sich vor der zweiten Haupt- und Residenzstadt des Reichs zu lagern, stier Lage von Adrianopel, auf sieben Anhöhen, von Mauern umgeben und mit -'-ünk-s?.! einer alten griech. Festung, ist zur Verteidigung sehr geeignet; allein die feindlichen M ) Batterien waren noch nicht vollendet, und die Besatzung (10,000 M. Infanterie - ' l^st! > und 1000 Reiter, ohne 12,000 bewaffnete muselmannische Einwohner) wagte kei- st ..st! ^ neu Kampf zu unternehmen, obgleich ihr noch drei große Straßen zum Rückzüge nach )''^D»Ü!lkUh^'A'i verlorenem Gefechte offenstanden. Der Seraskier Halil Pascha, der Comman« dant Mehemed Pascha und die Behörden von A. ließen Diebitsch eine Capitulation '' ^ antragen. „Liefert", war die Antwort, „uns alles Eigenthum, was der ottomani- " "^stFrUss/w sch''" Negierung gehört, und alle Waffen aus, dann sollen die türkischen Truppen Wen, ^ v^'st ihren Befehlshabern die Erlaubniß erhalten in ihre Heimath zu ziehen, jedoch seilen Ü'S uicht in der Richtung nach Konftantinopel. Entschließt Euch binnen 14 Stunden!" 'a^iierMKrh'^-^ ^ug. früh das russische Heer in zwei Abtheilungen gegen die Stadt sti, >re ^ Zum Sturm vorrückte, kamen zwei Stunden vor dem Ablaufe der gegebenen Frist ; '> I,,!.«, die Abgeordneten dem Oberfeldherrn mit der Unterwerfung entgegen. Die türki- ..." ststst"''" sihen Soldaten warfen die Waffen weg, und die Russen zogen unter dem Freuden- stststst^^^ltimdch geschrei der Einwohner in A. ein, das feit 1360, wo Sultan Murad I. Adrians- '^-st w siadt erobert und zu dem Sitze des Osmanenreichs in Europa gewählt hatte, von . U MMÄ keinem Feinde angegriffen worden war. Die Einnahme A.'s war ohne Blut und --N m VchMWh» Unordnung erfolgt. Die Trophäen des Tages bestanden in 56 Kanonen, 25 Fah- nen, 5 Roßschwcifen, mehren tausend Gewehren und großen Magazinen von Le- . 'u^Ä/ntMtsMÜltMgsiil bcnsmitteln und Munition. Das türkische Besatzungscorps hatte sich ganzlich auf- .l Äl.-.L SilMMerdej gelöst und zerstreut. Überhaupt hatte die Pforte im Laufe des Krieges über 2000 Kanonen und 200,000 Gewehre verloren, und einen empfindlichen Verlust an und Friede A Sest edlen Hengsten und Stuten erlitten, die nun der russischen Pferdezucht Nutzen > dem UmschterM/r m brachten. Der „Überwindet- des Balkan" nahm sein Hauptquartier im kaiserlichen ^stM Zlljermüll) M'bmde, Palaste Eski-Serai. Jede Behörde blieb in ihrer Wirksamkeit. Die Einwohner iii'Ä ckmchdieMp — gegen 100,000 —, Türken und Christen, setzten ungestört ihre Geschäfte fort. / - q- i»-rtRrMds übttM Auch aus der Provinz eilten die Bewohner herbei und lieferten, vielleicht zu.»- ersten Mal einer europäischen gesetzmäßigen Verwaltung sich erfreuend, freiwillig ihre - "st W Waffen ab. Das gute Benehmen der russischen Truppen flößte überall Vertrauen ein; denn mit Ausnahme der Fourage wurde Alles von den Russen baar bezahlt. - jz so Diese, jedem waffenlosen Muftlmanne bewiesene Schonung und die Aufrechthal- st' ^ st) ^Md." tung der Ordnung machte auf die Türken, selbst in der Hauptstadt, einen tiefen , und Eindruck. Das Volk zu Konstantinopel nannte den russischen Kaiser nur den wei- -i ''Ml ^'st^stch stn König. Dadurch ward das Friedensgeschäft nicht wenig erleichtert. Nach der .--Hstrrn Einnahme der Stadt besetzten die Russen sofort die Straße nach Stambul, das von "st- Edrene (so nennen die Türken Adrianopcl) 48Stunden oder 5 — 6Tagereisen ent- ' .st>ii fernt liegt. Das sechste Corps besetzte die Straße nach Kirkhilissa. Diese befestigte ' stst.<ä^^>iÄ.^ Handelsstadt der vierzig Kirchen, mit 16,000 Einw., an einem südlichen Abhangs '''iV'des Strandscha-Gebirges gelegen, 40 Stunden von der Hauptstadt und 22 Stun- '' den von Adrianopel entfernt, ward an demselben 20. Aug. vom Generallieutenant ' ''L^stst^M^stst^i! Baron Budberg nach einem kurzen Vorpostengefechte genommen. Fast gleichzeitig stst sich^^ hatte der Admiral Greigh die befestigten Städte Wassiliko (am 2.), Agathopolis (Agtebol, am 5.), Ineada (am 19.) und die Festung Midia (am 29. Aug.) ohne e.lst M stjtf L^oßen Widerstand mit den gelandeten Truppen erobert. Dadurch war die Küste '"st-B stiKil des schwarzen Meeres bis zum Bosporos entwaffnet. Hierauf rückte GeneralBud- " sst.l berg am 21. Aug. von Kirkhilissa nach Araba-Burgas (34 Stunden vonKonstan- i ' n stF tinopel) vor, von wo die Straße nach der Hauptstadt über Tschorli und Silivria Adrianopel (Einnahme und Friede von) geht. Eine andere Abtheilung unter dem Generalmajor Skewers besetzte Demotiko (eine Stadt von 8000 Einw.) und schlug die Straße nach dem Meerbusen von Enos ein, um die Verbindung mit dem russischen, 18 Segel starken Geschwader unter dem Admiral Grafen von Heyden, das vor den Dardanellen in der Nahe von Tenedos kreuzen sollte, zu bewirken. Enos selbst wurde am 20. Aug. vom Generalmajor Siewers mit Capitulation genommen. Noch bedrohte General von Roth Nodosto, eine befestigte Hafenstadt von 40,000 E. am Marmormeere. Zuletzt am 6. Sept. besetzte das zweite Armeecorps unter Pahlen die Stadt Visa, und drang bis Sarai, zwei Tagemarsche von Konstantinopel, vor; das sechste Armeecorps, das in Araba-Burgas stand, hatte seine Vorposten bis Kalistran und Tschorli vorgeschoben. So waren die beiden Straßen, welche von Adrianopel nach Konstantinopel führen — die über Kirkhilifsa und die über Araba-Burgas — in der Gewalt der Russen; ihre linke Flanke war von der Seefeite des schwarzen Meeres, und ihre rechte von Enos her und nach Nodosto hin gedeckt. Alle Operationen der russischen Seemacht aber waren unter die allgemeinen Anordnungen des Oberbefehlshabers gestellt. Zu derselben Zeit hatte in Asien der Fall von Erzerum (s. d.) dem russischen Heere das Vordringen nach Trebisonde (Tarabosan, Trapezunt) erleichtert. Ein Aufgebot des Sultans, das schon am 29. Iul. alle Moslim unter 60 Iahren zur heiligen Fahne (Sandshak Sheriss) rief, ward nicht vollzogen. Der allgemeine Unmuth lahmte jeden Aufschwung, und fortwahrende Verschwörungen der 1820 nur zum Theil vernichteten Janitscharen nöthigten den Kaiser Mahmud zu blutigen Hinrichtungen. Er selbst hielt sich zu feiner Sicherheit in dem Lager von Ramis-Tschistlik auf, wo er ein Heer von 20,000 M. regulairer Truppen versammelt hatte. Zugleich ließ er thatig an der Befestigung von Ejub (einem Dorfe, oder einer Vorstadt von Konstantinopel) unter Leitung eines englischen Ingenieurs arbeiten. Aber auch der russische Oberfeldherr wagte es nicht, mit 50,000 M. den Angriff auf Konstantinopel, das 80,000 waffenfähige Manner zahlte, zu unternehmen. Hier konnte der Kampf der Verzweiflung und noch mehr das Einschreiten fremder Machte eine gefahrvolle Verwickelung des Friedcnsgeschäfts, welches der Kaiser Nicolaus mit Mäßigung und Großmuth zu beschleunigen suchte, herbeiführen. Überdies dauerte der kleine Krieg am linken Ufer der obern Donau noch fi/.t, wo die Festung Giurgewo hartnackigen Widerstand leistete; auch hatte die Belagerung von Schumna erst am 31. Aug. begonnen, und zwischen Philippo- poli und Sophia stand das von der Donau herbeigezogene Armeecorps des Pascha von Scutari. Auf der andern Seite zeigte der von allen Seiten bedrängte Sultan jetzt weniger Abneigung gegen Rußland; sein Stolz war durch den Fall von Adrianopel gebeugt, und er vertraute mehr auf die persönliche Großmuth des Kaisers Nicolaus als auf den ungewissen Beistand einer entfernten europaischen Macht. Dagegen beförderte der König von Preußen wesentlich den Gang der Friedensunterhandlungen. Hierüber gab die „Preußische allg. Staatszeitung" vom 13. Oct. folgenden Aufschluß: In den Unterredungen, welche der König von Preußen während der im Sommer 1829 stattgefundenen Anwesenheit des Kaisers von Rußland in Berlin mit seinem erhabenen Schwiegersöhne über die orientalischen Angelegenheiten hatte, erklärte der Kaiser sich bereit, zur Beendigung des Krieges Alles, was mit den unabweislichen Interessen seines Reichs irgend vereinbar sei, eifrig beizutragen, sobald die Pforte ernstlich den Frieden nachsuchen würde. Der König sah sich dadurch, mit Einstimmung des Kaisers, bewogen, diese seine Überzeugung auf entschiedene Weife gegen die Pforte auszusprechen und zugleich den andern Höfen kund zu thun. Der Generallieut. v. Müffling erhielt daher den Auftrag, die Pforte durch die bestimmte Versicherung der unveränderten Friedens- gcneigtheit des Kaisers zu bewegen, daß sie ohne Verzug in das russische Hauptquartier Bevollmächtigte zur Einleitung des Friedensgeschäfts abordnete; eine unmit- UMMzlljÄ'ä NN MZ -".wM ck AM .chitikd« .VkW,MMWs« 5iit.rkMl/M'^^lischmZ l'X'Nlr^esmU mitSW .._..^imd mchBcUA lunz des FmdensgeMs, e'-imith zu beschleunigen suchte, m linken M der vümD« ^^MndWiWchh^ in Ztol; Kue - die peri^'^ ^e Adrianopel (Einnahme und Friede von) 21 ^inen ZsMW '-^"'^^^zeruinssd' -l!ef,n?Ä nicht UM Dil ^ .?-Ddie-l'» W-ÄK«'.'- ^'l HFl«'' Äc^S!" ,j..edB' telbare Einwirkung aber auf dieses Geschäft selbst als Unterhändler oder Vermittler auszuüben, blieb aus dem Kreise seiner Beauftragung ganzlich ausgeschlossen. Mit jener Sendung seines Monarchen beauftragt, war der General Freiherr von Müssling über Smyrna schon am 4. Aug. in Pera eingetroffen. Er hatte sofort mehre Unterredungen mit dem Reis-Effendi und mit den Gesandten Englands und Frankreichs, wodurch die Abschließung des Friedens auf die Bedingungen des russischen Manifestes und auf die Anerkennung des Pacisicationstractats von Griechenland (London, den 6. Jul. 1827) vorbereitet wurde. Der Großwesster erhielt demnächst Befehl, Bevollmächtigte an den General Diebitsch zur unverzüglichen Eröffnung einer Friedensunterhandlung abzusenden; auch der russische Oberbefehlshaber erklärte sich am 24. Aug. bereit, die Friedenspräliminarien mit denselben abzuschließen. Hierauf trafen am 28. Aug. zwei türkische Bevollmächtigte aus Konstantinopel, der Defterdar Mehmed Aadik Essend! und AbulKadir Bei, vom Corps der Ulemas, Kadi-Asker (Oberrichter) von Anadoli, sowie vier andere aus dem Lager des Großwessiers im russischen Hauptquartiere ein, worauf der Oberbefehlshaber sogleich an sämmtliche Truppen auf der ganzen Linie den Befehl erließ, Halt zu machen. Dies wirkte auf die Erhaltung der Ruhe in der Hauptstadt zurück, wo das Vordringen der Russen die größte Bestürzung, eine allgemeine Gährung und gefährliche Meuterei erregt hatte. Nach der Ankunft der kaiserl. russischen Bevollmächtigten, des Geheimenrathes Grafen Friedrich v. Pahlen und des Generaladjutanten Grafen Alexis Orloff, wurden die Conferenzen am 1. Sept. in Adrianopel eröffnet. Das Protokoll führte Baron Brunoff. Noch war schon am 27. Aug. der königl. preußische Legationsrath von Küster, welcher den Herrn von Müssling auf seiner Sendung begleitet hatte, im kaiserl. russischen Hauptquartiere eingetroffen, aber am 81. wieder nach Rodosto und Konstantinopel zurückgekehrt, damit selbst der Schein einer Vermittelung vermieden würde. Nachdem Baron von Müssling auf diese Art seinen Auftrag vollzogen hatte, empfing ihn der Großherr in einer Privataudienz, eine Auszeichnung, der kaum ein gleiches Beispiel an die Seite zu setzen sein dürfte, und ließ ihm durch den Neis-Essendi seine Dankbarkeit für den ersprießlichen Dienst, welchen der König ihm geleistet, auf das feierlichste bezeigen. Hierauf schiffte sich der General von Müssling am 5. Sept. am Bord eines sardinischen Kauffahrers nach Genua ein. — Unterdessen waren schon am 4. Sept. die Friedenspräliminarien von den türkischen Bevollmächtigten unterzeichnet worden; nur der Punkt wegen der Entschädigungen fand noch Schwierigkeiten, und die türkischen Bevollmächtigten wollten deshalb erst neue Befehle einholen. Der russische Oberbefehlshaber bewilligte ihnen hierzu vom 8. Sept. an eine dtagige Frist, ließ aber zugleich für den Fall, daß diese fruchtlos verstriche, seine Avantgarde einige Bewegungen machen. In der Bestürzung, welche diese Maßregel aufs Neue durch die Hauptstadt verbreitete, berief derReis-Effendi die beiden Botschafter von Frankreich und England und den preuß. Gesandten von Roycr zu einer Conferenz. Auf ihren Rath, durch schleunige Unterzeichnung des Friedens den Umsturz des Reichs zu verhindern, wünschten die Minister der Pforte, daß einer der drei Gesandten sich in das russische Hauptquartier verfügte, um die Bereitwilligkeit der Pforte zu jeder Friedensbedingung zu bezeugen und inzwischen das Vorrücken der Russen gegen die Hauptstadt abzuwenden. Die Gesandten wiesen dieses Verlangen ab, weil sie nicht ermächtigt waren, als Vermittler aufzutreten. Die türkischen Minister aber drangen, von den beiden Botschaftern unterstützt, am heftigsten in den preußischen Gesandten, diese Sendung zu übernehmen und so das vom General von Müssling begonnene Werk zu vollenden. Der Gesandte von Royer konnte diese Zumuthung gleichfalls nur ablehnen, indem der Zweck Preußens und die von ihm übernommene Obliegenheit in der That erfüllt waren, sobald die Friedensuntcrhandlungen begonnen hatten. 22 Adrianopel (Einnahme und Friede von) is°^ rtvo-B' G^' .„i. »i5 A'drianopel (Einnahme und Friede von) 2Z für alle mit der Pforte befreundete Machte ausdrücklich bedungen. Nack) dem 8. Art. sollte die Pforte dem russ. Handelsstande für feine seit 1806 durch die Maßregeln der Pforte erlittenen Verluste binnen 18 Monaten als Entschädigung 1,500,000 Holland. Dukaten und überdies eine noch zu bestimmende Geldentscha- digung für die von Rußland aufgewendeten Kriegskosten zahlen. Das politische Dasein Griechenlands (s.d.), von Rußland gemeinschaftlich mit den allikrten Machten England und Frankreich bestimmt, ward im 10. Art. unbedingt von der Pforte anerkannt, indem sie dem Pacisicationsvertrage vom 6. Jul. 1827 und der Acte vom 22. Marz 1829 beitrat. Rußland versprach in Folge der Erfüllung der genannten Bedingungen die besetzt gehaltenen türkischen Provinzen zu räumen; doch sollten die von Seiten Rußlands getroffenen Verwaltungsmaßregeln ohne irgend eine türkische Einmischung bis zur Räumung in Kraft bleiben. Endlich wurde eine Amnestie für Alle, welche sich für die eine oder die andere der kriegführenden Mächte erklärt hatten, bekannt gemacht, und den gegenseitigen Unterthanen eine Frist von 18 Monaten gesetzt, binnen welcher sie mit ihrer Habe frei auswandern könnten. Sämmtliche Kriegsgefangene wurden gleich nach der Ratification ohne Auslösung freigegeben.— Die an demselben 14. Sept. unterzeichneten Sepa- ratartikel betrafen die Befestigung einer dauerhaftem Grundlage der Verwaltung der Moldau und Walachei, als der Tractat von Akjerman gewährt hatte. Nach denselben sollten nun die Hospodare beider Fürstenthümer nicht mehr auf sieben Jahre, sondern aus Lebenszeit eingesetzt, in der innern Verwaltung der genannten Fürstenthümer sollte nur ihr Divan zu Rathe gezogen werden, kein benachbarter türkischer Befehlshaber aber sich fortan mehr einmischen. Der Thalweg der Donau sollte beide Fürstenthümer von dem türkischen Gebiete scheiden, die Pforte aber jeden befestigten Punkt auf dem linken Donauufer ausgeben und allen muselmännischen Unterthanen verbieten, sich auf jenem Ufer niederzulassen. Den schon auf jenem Ufer wohnhaften Türken wurde daher befohlen, binnen 18 Monaten ihr Grundeigenthum an Eingeborene zu verkaufen. Für die auf den Donauinseln und sonstwo anzulegenden Quarantaineanstalten sollten besondere Wächter angestellt werden; auch mußte die Pforte dem Rechte entsagen, ihre Donaufestungen und die Hauptstadt aus den Fürstenthümern verproviantiren zu lassen, und Frohndiensie zu Festungsarbeiten zu requiriren. Dagegen sollen die Fürstenthümer außer dem jährlichen Tribute (Kharadsch und Jdlye und Rekiabye in Gemäßheit dxs Hatti- scherisss von 1802) der Pforte eine noch zu bestimmende Geldentschädigung zahlen, auch eine dem jährlichen Tribute gleiche Summe beim Tode, der Entsagung oder Absetzung der Hospodare entrichten. Den Bewohnern der Moldau und Walachei wurde eine vollkommene Handelsfreiheit für alle Erzeugnisse ihres Bodens und ihres Gewerbffeißes zugestanden, und die Pforte mußte auf den zu zahlenden Tribut volle zwei Jahre nach Abzug der russischen Truppen aus jenen Gegenden verzichten. Die Pforte ernannte jetzt, nachdem die Auswechselung der Ratificationen am 28. Oct. in Adrianopel erfolgt war, Halil Pascha (Adoptivsohn des Seraskiers Khos- rew Pascha) zum außerordentlichen Botschafter in St.-Petersburg, und gab ihm den Nedschib Effendi als Botschaftsrath mit. Beide gingen mit einem glanzenden Gefolge und reichen Geschenken im Dec. 1829 über Odessa nach St.-Petersburg. Die Pforte hoffte dadurch den Erlaß oder Nachlaß einiger Bedingungen zu bewirken; allein blos an der Kriegskosten-Entschädigungssumme von 10 Mill. Dukaten wurden in Folge der Convention zu Petersburg vom 15. Mai 1830 der Pforte 3 Millionen erlassen, und die Zahlungsfrist verlängert. ^Überhaupt war die Vollziehung des Friedens von Seiten der Pforte mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Der Pascha von Skutari, Mustapha, hatte seine Streitkräfte mit denen des Pascha von Widdin vereinigt, und wagte es, mit 30,000 M. im Rücken der russ. Armee, von Sophia aus, am 10. Oct. angrisssweise gegen Adrianopel vorzudringen. 24 Afrika allein General Geismar schlug die Albanesen bei Arnaut-Kalesi, worauf auch der Pascha Mustapha den Frieden von Adrianopel anerkannte. Der Sultan gab jetzt (im Nov.) Befehl zur Räumung der Festung Giurgewo *) und anderer Plätze auf dem linken Ufer, die nun geschleift und mit der Walachei vereinigt wurden. Er widerrief das gegen die Armenier erlassene Verbannungsedict und erließ, nach Aufhebung des Lagers von Namis-Tschiftlik, eine Amnestie für die Bewohner der von den Russen eroberten Provinzen, und versprach die Fermans zur Bereinigung der ! sechs Districte mit Serbien zu erlassen; allein die wirkliche Räumung jener Bezirke ! ward von den türkischen Einwohnern fortwährend verzögert. Ihrerseits räumten die Russen am 20. Nov. 1829 Adrianopel und bald das ganze eroberte Land auf ! dem rechten Ufer der Donau. Varna wurde erst im Iul. 1830 geschleift und ver- , lassen, worauf sich das russische Heer in die Fürstenthümer zurückzog, welche noch jetzc unter russischem Schutze von ihren Hospodaren verwaltet werden. Unterdessen hatte Rußland die diplomatische Verbindung mit der Pforte erneuert. Die russ. Bevollmächtigten, Graf Alexis Orloff und Herr von Butaniess, kamen am 17. Dec. 1829 zu Konstantinopel an; der Erste war mit einer außerordentlichen Sendung und mit der Übergabe von Geschenken beauftragt; der Andere übernahm den Gesandtschaftspostcn bei der Pforte. Seitdem hat Rußland seinen frühern Einfluß auf den Divan wiederhergestellt, und es ist keiner europäischen Macht, am wenigsten den insurgirten Polen durch ihren Agenten, gelungen, die Pforte von dem russischen Interesse ab- und in die Verwickelung der europäischen Verhältnisse hineinzuziehen. (7) * Afrika. Dieser kolossale, nahe an 600,000 HjM. haltende Erdtheil mit einer Bevölkerung von 100 >— 110 Millionen, diese ungeheure Halbinsel, welche zwischen dem 1 — 69° L. und 34° S. B. bis 37° 31/ N. B. liegt, durch den Isthmus von Suez mit dem übrigen Festlande der alten Welt zusammenhängt, das seit Jahrtausenden angestaunte Wunderland, in dessen glühendem Sande so manches Opfer der edelsten Wißbegierde ruht, hat von jeher die Augen aller gebildeten Völker auf sich gezogen und den Forschungsgeist der weisesten sowie den Much der kühnsten Männer gereizt. Allein obgleich nur eine Spanne Meer (bei Gibraltar kaum 2^- Meile breit) diesen Erdtheil von Europa trennt, so sind doch nur seine äußern Umrisse bekannt. Sein Inneres deckt ein dunkler Schleier. Wenige haben es gewagt, ihn zu lüften, noch Wenigem aber ist es geglückt, das Gesehene lebend unter den Lebenden wiederzuerzählen. Die meisten der unermüdlichen Reisenden, welche Much und Selbstentsagung genug besaßen, das Äußerste zu wagen, sielen entweder durch die Mordlust der barbarischen Horden oder als Opfer des Klimas. Doch das letzte Iahrzehend hat die geheimnißvolle Dunkelheit, welche Afrikas Innerstes deckte, um Vieles erhellt. Die Morgendämmerung ist angebrochen, die Nebel der Ungewißheit und der phantastischen Einbildungskraft fangen an zu sinken, und bald wird die Sonne der Cultur auch über dem Lande aufgehen, das noch vorKurzem zu einer ewigen Finsterniß und Barbarei bestimmt gewesen zu sein schien. Die geographische Aufhellung seines Nord-, West-, >c?ud- und Ostrandes, sowie seines Innern, anschaulich zu machen, ist hier unsere Aufgabe. >— Wenn Homer glaubt, die Säulen des Hercules (Meerenge von Gibraltar) bilden die westliche Grenze der Welt, und die Grundpfeiler des Himmels und der Erde, deren Hüter Atlas ist („Othss.", I, 32), ruhen auf einem unerforsch- lichen Grunde; wenn ferner der ägyptische Mönch Kosmas Afrika als eine länglich viereckige Ebene, noch einmal so lang als breit, rings vom Ozean umgeben, betrachtet, an deren Rande eine hohe das Firmament tragende Mauer sich *) Giurgewo ist die erste Festung, welche je von den Türken im Frieden, kraft eines ^.racrats, uoergeben wurde. Dies geschah am 11. Nov. »O,»' Wich ' MM MW'.. DM »WM/, ß I ÄÄ-'' 8 >»l'w 7''^- "°'°---.«Ä 7!«w.»c ^'l^flchmKW Äch, M Nch ^^rhÄimsi hinein- HÄMÜ e mgt^le HA ^/°FN,N, Ä MM-ii- onjeMeI imTpiiiM !ie mp nzüsch«- «inM ie NO Htll^ nrnch^' Afrika 25 erhebe, unter welcher Wölbung Sonne und Mond um einen kegelförmigen Berg im Norden herumlaufe, so hat doch schon Strabo die Ansicht von einem rechtwinkeligen Dreiecke, dessen Nordküste die Basis, der Nil bis zur Seeküste Äthiopiens den rechten Winkel, und die Südwestküste die Hypothenuse bilden. In der That ist die äußere Gestalt dieses Erdtheils als ein ziemlich reguläres Dreieck, dessen nördlicher Theil vom atlantischen Meere bis zum Meerbusen von Sidra und bis zur Wüste ein fruchtbares Bergland ist. Es fällt dieses Hochland schroffer nach dem Meere als nach dem Binnenlande ab; westlich reichen die Gebirge hart bis an den atlantischen Ozean und tauchen hier als Felsenklippen unter; östlich verflachen sie sich schon vom Alpenlande Habesch an und verlieren sich bei dem Delta des Nilstroms; im Süden fällt die Grenze des Hochlandes in seinen terrassenförmigen Absätzen mit der Meeresküste zusammen. Sowie Hochasi'en seiner Längenerstreckung nach gegen Westen in die Flächen des Aral- und kaspischen Sees und in die benachbarten Steppen, so senkt sich auch Hochafrika gegen Norden in die Ebenen von Darkulla, Melli, Wangara und Bergheme hinab, sodaß Nord- asrika im Gegensatze von Südafrika ein wahrhaftes Flachland zu nennen ist. Ringsum ist der Saum dieses Hochlandes theils mit fruchtbaren und bevölkerten Sandflächen, theils auch mit dürren Sandwüsten umgeben. Nur an verhältniß- mäßig wenigen Stellen wird der Rand dieses Gebirgsstocks von strömenden Wassern durchbrochen. Ja es scheint, daß nur an seinem Nordabhange die Hauptguel- len der größern Flüsse liegen, und daß die Ströme zweiten und dritten Ranges nur aus den Seitenftufen der Gebirgsketten ihren Ursprung nehmen. — Die bekannten Gebirgszüge sind: Der große und kleine Atlas, jener mehr südlich, dieser der Küste sich nähernd. Das Nilland ist von zwei großen Ketten eingeschlossen, im O. vom arabischen (Mokattam), und im W. vom libyschen Gebirge. Nach Vereinigung dieser beiden Züge steigt der Gibbel Heikel Masur (Berg des gemalten Tempels), Gibbel Addeheb (Goldberg), Gibbel al-Komr (Mondgebirge) empor, dessen Hauptstock unter dem 50° der Länge zu liegen scheint. Die an der Ostküste von N. nach S. hinlaufenden Gebirgszüge haben den Namen Lupata uD Spinu rnunüi (Weltrücken). Ganz im S. treffen wir die Schneeberge, die Magaaga oder Eisenberge, die Karrenberge, die Nieuweveldberge, Chaminsberge, Koperberge (erst seit 1777 und 1778 durch Gordon und Paterson den Europäern bekannt) und die Zwarteberge an, welche alle ihre Zweige mehr oder weniger nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung hin ausbreiten, außer welchem noch im O. vorzüglich das Cap Gardafui bedeutend hervortritt. — Von den Slrö m'en verdient vor allen der im grauen Alterthume wie in der Jetztwclt gleich berühmte König der Flüsse, der Nil, unsere Aufmerksamkeit. Der westliche Arm, Bahr-el-Abiad (weiße Strom), der aus vielen Quellen der Mondgebirge hervorbricht, vereinigt sich bei Golfeia nördlich von Schilluck mit dem Vahr-el-Azrek, welcher aus dem Lande der Agows kommt. Nach Vereinigung dieser beiden Hauptarme strömt der Nil, mehre Katarakte bildend, vom 16 — 80° N. B. in einem Bette bis Batu el-Bakara fort, wo er sich wieder in zwei Arme trennt, deren nordwestlicher bei Rosette in das Mittelmeec mündet, wahrend der stärkere Fluß erst bei Damiette dasselbe erreicht. Auf diesem Wege findet er zuerst die weite Wüste (Nubien), tritt aber dann bei «syene in das Tell,— so heißt das fruchtbare Nilthal nördl. von Syene im Gegensatz der Wüste. Der Senegal, auf der Hochterrasse von Madingo entspringend, nimmt den Ba- sing (schwarzen Strom), Kokora (Strom der Gefahr) und den Faleme (Goldfluß) auf, bricht sich mittels vieler Stromschnellen seine Bahn nach Nordwesten, theilt sich in mehre Arme, deren breitester seinen Lauf gerade nach W. nimmt, bei Serin- pate aber sich plötzlich wendet und bei Saint-Louis südwärts dem Ozean zueilt. Der Gambia, dessen Ursprung nach Mungo Park 20 geogr. Meilen im W. von der Quelle des Senegal entfernt liegt, welche Meinung auch Afzclius von den 2« Afrika > Einwohnern an der Küste Sierra Leone bestätigt fand, stießt bei Medma zwischen sanften, mit hohen Waldungen bekränzten Hügeln an mehren Städten vorbei, und wässert tiefer hinab eine ungeheure, ziemlich gleichförmige, aber fruchtbare Ebene, in deren Mitte die englische Factorei Pisania liegt, bis er sich unterhalb dem Fort St.-Iames in einer Breite von sechs Stunden in das atlantische Weltmeer ergießt. Der Rio Grande, auf der Fullahterrasse im Reiche Trembo entspringend, stürzt sich unter dem Namen Dungo oder Dunso (nach Golberry Donzo) in bedeutenden, weithinrauschenden Wasserfällen durch die Kette von Grenzgebirgcn der Sierra- Leone-Küste zu. Über die Quellen, den Lauf und die Mündung des Niger oder Dscholiba (d. h. das große Wasser, bei den Negern auch Quorra genannt), den vor mehr als 2000 Iahren schon Herodot als von W. nach O. fließend beschrieben, dessen Dasein aber die Folgezeit geleugnet hat, soll nach Mungo Park's Erkundigungen in der Gegend von Sankari im S. der Mandingoterrasse, auf dem Berge Loma, unter dem 11° N. B., ungefähr wie der Nil in Abyssinien, entspringen. Sowol Quelle als Mündung dieses räthsclhaften Stromes sind, auch nachdem der Mittellauf von seinem unglücklichen Entdecker (Mungo Park) 1805 zum zweiten Male wieder erreicht worden, bis 1830 unbekannt geblieben, wo es den Brüdern Richard und John Land er (s. d.), von denen jener schon als Diener des verdienstvollen Clapperton (s. d.) 1825—28 in Afrika war, auf dem Niger sich einzuschiffen und die Mündung im Meerbusen von Benin zu erreichen gelang. Schon 1802 hatte Reichard eine Ahnung hiervon, und Denham und Elapperton haben auf ihre Erkundigungen und auf übereinstimmende Aussagen der Eingeborenen jener Länder die Vermuthung gegründet, daß der bei Tim- buktu vorbeifließende Strom, der Dscholiba, von dieser Stadt südöstl. in der Richtung nach Nyffe laufe, sich dann nach S. und SW. wende und endlich in den Meerbusen von Venin ausmünde. Der Zaire soll aus dem See Aquilunda, südlich vom Äquator, unter dem Namen Barbola hervorbrechen, sich mit dem Vambre und Bancaor vereinigen, den Katarakt von Sundi bilden, und unter dem Namen Eongo Hh in das äthiopische Meer ergießen. Der weiter nach S. strömende Coanza kommt aus dem Innern des Landes und mündet ebenfalls in das äthiopische Meer. Im S. von Afrika ist das vor 50 Iahren noch fast ganz unbekannte Stromgebiet des mächtigen Oranjeflusses vorherrschend. Dieser von Gordon 17 77 zuerst entdeckte Strom, dessen Lauf späterhin Patterson, Truter, So- merville, Ianssens, Lichtenstein, I. Campbell und Thompson weiter erforscht haben, entspringt an der Ostgrenze der Hochterrasse der Bosjesmanncn, in der noch unbekannten Scheitclfläche des hohen Plateaus im N. der Schneeberge, welche das Kaffernland von der Hochterrasse scheidet und wahrscheinlich viele hohe Berggipfel trägt. Vier Quellströme fließen von O. nach W. Der Malalareen, der gelbe Fluß, der Alexander und der Craddock vereinigen sich unter dem Meridian der Al- goabai in ein Strombette, wo der Oranje schon so breit ist als die Themse bei London. Von Felsenge zu Felsenge sich drängend, die hier und da als gewaltige Erdspalten erscheinen, soll er sich, von Pella aus gegen W. fließend, im Sande verlieren, ehe er die Küste des Meeres erreicht, nach Andern aber bei dem Cap Volta in die See ausströmen. Auf der Ostküste finden sich noch weit weniger große Ströme. Der Zambosa oder Cuama, mit noch nicht erforschten Quellen im Gebirge Lupata, der in vier Mündungen sich mit dem Canal von Mozambique vereinigt, ist der wichtigste. Weiter nördlich trifft man den Coavo und Quilimanci an. — An Binnenseenist Afrika arm. Im Innern nennt man den Tsaad (200 engl. Meilen lang) und den Aguibunda, den Dibbi- oder Dembeasee bei Timbuktu, östlich davon den Bahr cl-Sudan, den Girrigi Maragasi, den Caudie, den Wangara, und noch weiter nach O. den Fittre, sowie den Zambre oder Marevi im N. des Lu- patagebirges, den Loudejah im N. und den Kerun und die Natronsccn im Nillande. ' 55.X - -ilil ^ von ?!? ... ' ^s-eWM^tG -^?^-chch ; ^"^inWM,Mf MMchnmBmßMi- Ml> Mj ÄMMmMeM üüdllNZMM^t, 1)!! Tim- VN MÄckjÄösll in der Wch- 0 M mSe Md M in kn di bilden, und unter dem Mm Der weiter noch T> stromende Mchnd, bch^ ück> P»A, »'°l ^ n- der BvSMK^' .1 .. !?NStz K-r-SlS ^hierund ' jA^»^ SK !?SS .!>-»--'„>!«-»-',,^ -Z^°Z!--'°" Afrika 27 — A., fast ganz in der heißen Zone gelegen, kennt nur zwei Jahreszeiten: die trockene, den Sommer, und die nasse, den Winter. Im N. des Äquators tritt die Regenzeit bald nach unserer Frühlingsnachtgleiche, und die trockene bald nach unserer Herbstnachtgleiche ein. Im S. des Äquators ist der Fall umgekehrt. Außerordentliche Hitze, besonders zwischen dem Atlas und dem Lande der Hottentotten, ist ein Hauptcharakter des Klimas. Aus dem Innern Afrikas, wo die erhitzte Luft über die ungeheuren Sandwüsten wegstreicht, nimmt die Atmosphäre den glühenden, erstickenden und austrocknenden Charakter an, den wir bald unter dem Namen Samum (arab., Gift), bald unter dem Namen Ehamsin (in Ägypten), bald als Harmattan oder als die Tornados kennen. In einem schwachem Zustande erreicht dieser Windstrom auch das mittagliche Spanien, wo er Solans, und das untere Italien, wo er Sirocco heißt. Wenn er als Föhn die Schweiz erreicht, ist er durch das Gletschereis der Alpen schon bedeutend abgekühlt, doch immer noch lau, schwer und beängstigend. — In keinem andern Lande findet man so ungeheure Sand wüsten, denn die große Kobi in Hochasien hält mit der Sahara, dem wahren Sand-Ozean der Erde, keinen Vergleich aus. Ihr Name wird von dem Arabischen Sahura bela-ma, d. h. Wüste ohne Wasser, hergeleitet. Sie dehnt sich zwischen dem 15 — 30° N. B. in einer Breite von mehr als 200 geogr. Meilen und hier und da in einer noch großem Länge von O. nach W. aus, und nimmt einen Flächenraum von 50,000 HjM. ein. Die große libysche Wüste, welche mit ihrem nordöstlichen Winkel innerhalb zweier Tagereisen von Kahira (an der Spitze des Delta, d. h. an der Stromscheidung des Nil, erbaut) beginnt, unterscheidet sich von der Sahara wesentlich durah einen mehr mitRollkieseln und grobem Kies überschütteten, hier und da Spuren von Vegetation (Kalipflanzen) verrathendcn Boden, da jene mit ihrer todten Oberfläche, mit ihrem Gluthauch und heißen Flugsande schon durch das ewige Einerlei ein schaudererregendes Ansehen hat. Charakteristisch wie für das damit zusammenhängende Bahr bela-ma (Fluß ohne Wasser) ist hier die große Menge versteinerter Holzmassen von den dünnsten Zweigen bis zu großen Baumstämmen, die dem Lande den Anschein eines vom Meere verlassenen SeegrundcS voll Überreste gescheiterter Schisse geben. Hier und da wird In der libyschen Wüste das Auge durch eine Oase erquickt, deren sich eine ganze Kette an dem Ostrande der Wüste parallel mit dem Nilstrome gegen das Mittelmeer hinzieht. Von diesen, rings um ihr sie belebendes Eentrum bebauten und bevölkerten Stellen sind am bemerkenswertesten: Die große oder südliche Oase, El Wäh el-Kebir, auch die Oase von Theben genannt, 24 Stunden lang und 3—4 St. breit, von Arabern bewohnt, die unter einem Scheikh stehen. Die kleine nördliche Oase, nahe am Mörissee, mit mehren warmen und kalten Quellen. Die Oase Für ist nichts Anderes als das sogenannte Land Für (Dar-Fur), und besieht aus mehren, in einer länglich runden Gruppe liegenden Oasen, deren Beherrscher (Sultan) in ihr von Ort zu Ort wandert. Sie hat drei Haupteingänge, Sweini im N., Nil im ^O. und Kubkabia im W. Kobbö ist in der Mitte. El-Kassar, ein von Felsen eingeschlossenes Thal mit buschigen Anhöhen, Dattelwäldern und Brunnen; El-Hair, mit fruchtbaren Weilen, Reis- und Gerstebau; Takel, westlich von El-Kharegh, und die Oase Farüfre, mit reichlichem aber trübem Wasser. Siwah, die berühmte Oase des Jupiter Ammon, unter dem 29° 12" N. B. und 44° 54" O. L., 14 Tagereisen in gerader Richtung von Alexandrien. In der Mitte der von Getreidefeldern, Weideplätzen, Orangebäumen und schattigen Palmenhainen bedeckten Oase erhebt sich auf einer Fclsmasse burgähnlich der Hauptort Siwah, um welchen in einzelnen Abständen von 4 bis ^ Stunden fünf Dörfer liegen, vo:» unruhigen, streitsüchtigen Arabern bewohnt. Die Bausteine der Häuser sind den Tempelgebäuden des thebaischen Gottes entrissen, von denen noch jetzt die weitlausigen Ruinen die ehemalige Größe des Ammoniums verkünden. Überall 28 Afrika Spuren von uralten Katakomben voll Mumkenreste. Agably, 33 Tagereisen von Tripolis, Z-des Weges nach Timbuktu gelegen; Tuat, auf dem gleichen Wege. Die Oase Augila, .1.3 Tagereisen im SO. von Bernyq (Berenice) und der Meeresküste, mit vier bewohnten Orten, und Palmenhainen, die wegen des Aro- mas ihrer Datteln seit Herodot's Zeiten berühmt sind. Fezzan, die große Oase in Herodot's Garamantenlande, eine von wüsten Gebirgen und Sandstrecken umgebene Insel, mit der Hauptstadt Murzuk, außer welcher nach Hornemann noch 101 Ortschaften vorhanden sein sollen. Ihr Umfang betragt 00 geogr. Meilen von N. nach S. und 40 geograph. Meilen von O. nach W. Ga- dames heißt eine Oase, die am Südrande des Atlas im Biledulgerid (Dattelland) sich an das Hochland der Berbern anschließt. Beide Oasenzüge, sowol der am Ost- als am Nordrande der Wüste, nehmen ihre Richtung aus dem Binnenlande, und bilden historische Linien, die gleichsam von der Natur vorgezeichneten Bahnen des afrikanischen Völkerverkehrs der alten wie der neuen Zeit; sie sind die Hafenplatze für die Karawanen des Sand-Ozeans, und die Oasenbewohner entweder die Wirthe der Ankommenden, oder die Gehülfen der Fahrt, oder die Eigenthümer der Waaren, welche auf diesem Wege von Asien her bis zum Senegal und von da bis zur neuen Welt in den Verkehr gelangen. Um wie viel wichtiger erscheinen sie daher außer ihrem physischen Interesse dem Anthropologen in geistiger Hinsicht, indem sie durch die regelmäßig wiederkehrenden Handels- und Pilgerzüge von W. nach O. und von N. nach S. den geistigen Verkehr der afrikanischen Völker, wie das Herz den Blutlauf im Einzelmenschcn, befördern helfen. Zwei Menschenrassen sind es hauptsächlich, die Afrika bewohnen, die kaukasische im N. und die äthiopische im Innern und im S. Man unterscheidet nebenbei Ureinwohner: Kabylen oder Berbern, Kopten (Abkömmlinge der alten Ägypter, mit Griechen und Arabern vermischt), Äthiopier (Stammverwandte der Kopten), Neger, Kassern, Hottentotten, und Eingewanderte: Araber, Mauren, Habessinier, Türken, Juden und Europäer oder Franken, darunter vorzugsweise: Briten, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Niederländer und Dänen. Der Sprache nach unterscheiden sich die Bewohner von Nordafrika als Berbern und Guanchen, Jene mit den Dialekten Tamazehgt, Schowieh, der Syouahsprache, der Cabeyli und Gebeli, Tuaryk und Brito-Maroc-Mundart; Dstse mit der heutzutage noch üblichen Sprache auf Canaria, Teneriffa, Lanzerota und Gomera. In Mittelafrika sprechen die Völker gen NO. hin altkoptisch, koptisch, memphitisch, sahitisch, basch- murisch-ammanisch, äthiopisch, die Sprache Lisanah-Gheez und die Amhara in verschiedenen Dialekten. Im westlichen Theile der Sahara sprechen die Afrikaner je nach verschiedenen Völkerstämmen verschiedene, mehr oder minder bekannte Mundarten, unter denen sich die von Winterbottom mit dem Italienischen verglichene Fulahsprache, die von den afrikanischen Alpenvölkern und in dem Susadialekte auch auf der Sierra Leone gesprochen wird, vor allen andern durch ihre Lieblichkeit auszeichnet. Sie ist schon dadurch merkwürdig, daß sie die erste ist unter den Negersprachen, in welcher eine ganze Reihe christlicher Religionsbücher (von der Society tor inissions to ^irioa »nck tlle Last) gedruckt worden sind, um das EHristenthum zu befördern, oder doch wenigstens dem Islam entgegenzuwirken. Bei den Negern ist die Guber- und Sungaysprache vorherrschend. Wie auf der Südspitze dieses Erdtheils die Beetjuanen, die Koranas, Damaras, Namaquas, Bosjesmannen u. f. w. das eigcnthümliche Stammvolk der Hottentotten bezeichnen, so haben alle dic,e Horden ihre besondere Mundart, die sich in dem Maße verändert, als sie den Kaffern oder den europäischen Niederlassungen näher wohnen.— Die große Masse des Volkes in Afrika ist Fetischanbeter. Der Islam ist über den ganzen Norden und bis tief in das Innere verbreitet. Die christliche Religion bekennen die Koptenim obern Nillande, und stimmen mit den meisten orientalischen Sekten überein. Die ' t>w w "i k« »»M «-» N»V'° W^»C.,,.',.^' '5^' Ptzrziize „mW. -unAuKMMVöw/"" aM ! 5 ^ Nü MterschÄÄnckübtt ?/annisi» ^ Ml! MGMOMl iMM/Gi>5MHj>ter, i>erHstG e,' Wer, M:mÄ,HckMich )MNtec vsrzu^weisel )MNter vsrzuzsweijel Nrm ndD«. Der chrch lkch ^ BmemM Aachen,^ ffouchsflüche, dn WO M isemit dnwtMmch^ Z «KSi !m minder^ , MAÄich^ ^ 5^iO -in -sniMW^" M»-»- cdrdens^-^ ' Kjd5^ -t-S-S --SÄ S-" Zlftika 29 Habessinier sind Monophyfi'ten (s. Bd. ? und I a k o b l t e n Bd. 5). Nur an wenigen Orten findet man griechische und römisch-katholische Christen; am Cap der guten Hoffnung aber alle Glaubensbekenntnisse der morgenlandischen und abendlandischen Kirche. Eine Standeverschiedenheit wie in Europa findet nicht statt. Hier gibt es nur Befehlende u. Gehorchende, jene Despoten, diese Sklaven.— Die Natur scheint das Festland sowol als die Inseln, durch die mannichsaltigsten Formen und Gestalten im Thierreiche für die vielen pflanzenleeren Wüsten entschädigt zu haben. Man will sogar fünf Mal so viel Vierfüßler als in Asien, und drei Mal so viel als in Amerika daselbst aufgefunden haben. Die unförmlichsten Kolosse des Thier- und Pflanzenreichs gedeihen nur hier, und die Heftigkeit des Triebes der Vegetation in Afrika macht gleichsam das Wachsen sichtbar. Diesem Erdtheil ganz eigenthümlich ist das kolossale Flußpferd (tlippopotamus), das furchtbare Krokodil, die riesengroße Giraffe, das Nashorn (Nhinoceros mit zwei Hörnern), das Ichneumon, die größten Antilopen, Hyänen, Schakale, Gazellen, Tiger und Elefanten. Er hat den Riesen unter den Vögeln, den in der Wüste lebenden Strauß, sowie die Riesenschlange (Loa consteictor) vor Asien voraus. Das wohlthätigste Geschenk aber, das die Natur dem Afrikaner gab, ist das Kameel, das eigentliche Schiff im Sand-Ozeane der Wüsteneien, das für Afrikas Klima geschaffen zu sein scheint. Neben dem Löwen findet man Panther, Leoparden, Unzen, Zebras, Büffel, Schweinehirsche, Emgalos, Stachelschweine, Zibethkatzen, und außer fast allen europäischen Hausthieren Schafe mit Haaren und Fettschwänzen. Ebenso reich ist die Elasse der Vögel, die sich meist alle durch den schönsten Farbenglan; auszeichnen. Die Erde wimmelt da, wo der dürre Flugsand nicht jede Vegetation ertödtct hat, zumal gegen die Westküste hin und am Fuße des Atlas, von Termiten, Spinnen, Klopaden, Ameisen, Skolopenden und Raupen, während die vorüberziehenden Heere von Heuschrecken oft Wolken gleich die Sonne verfinstern. Nicht minder riesig zeigt sich die Pflanzenwelt. Der Baobat oder Affenbrotbaum f^,tlimsonia lligäww) ist der Elefant der Gewächse. Sein Stamm übertrifft alle Baumarten an Stärke, nicht selten über 80 F. im Umfang, dessen Gebüsch sich 130 F. weit im Durchschnitt verbreitet. Der Shih oder Butterbaum im westl. Binnenlande ersetzt die hier und da fehlende Thierbutter so gut, daß man sie in Speisen von dieser kaum zu unterscheiden vermag. Alle Arten von Palmen, Bananen, Orangen, Pisang, Ananas, Tamarinden, Feigen, Pams, Bataten, Lotosbeeren, Zuckerrohr, Piment, Kassaven (llatropllu inmnot), aus deren Wurzeln Brot gemacht wird, und Manglebäumen sRi^opkorumaiiAle), deren jeder in wasserreichem Boden einen kleinen Wald um sich bildet, gedeihen in den fruchtbaren Erdstrichen zu einer besondern Vollkommenheit. Die Waldungen strotzen von unzählbaren Gattungen der feurigsten Gewürze, der nahrhaftesten Früchte und der schönsten Farbenhölzer, sowie die Eingeweide seiner Gebirge die edelsten Steine und Metalle in ihren Drusen bergen, und selbst der Sand der meisten Flüsse Gold mit sich führt. Wie der ganze Erdtheil bei seiner Fülle der großartigsten Natur, bei seinem überschwenglichen Reichthume, bei der Glut und Aeugungskraft in den Gattungen zu einer verhältnißmäßig geringeren Entwicklung in den Geschlechtern seiner Gewächse und Thiere gelangt zu sein scheint, ebenso wenig mannichfaltig, obgleich im Einzelnen sehr charakteristisch, hat sich die Geschichte des Menschen in seinen Familien, Stämmen, Staaten und Religionen gezeigt. Wie der ganze Erdtheil in fast unlösbaren Banden tiefverletzender klimatischer Störungen gefesselt liegt, lassen sich dessen Bewohner, der stärkste Menschenschlag unsers Planeten, noch jährlich zu Tausenden wie wilde Thiere auffangen, öffentlich zum Kaufe hinstellen und als Sklaven in die schmählichste Knechtschaft schleppen. Binnen dritthalbhundert Jahren hat die Habsucht christlicher und nichtchristlicher Barbaren über 40 Mill. der kraftigsten Menschen wie Zugvieh verhandelt und in fremde Gegenden abgeführt. 30 Afrika und noch jetzt kann man jährlich an 50,000 dieser unglücklichen Opfer rechnen, ob- wol die meisten Nationen dem Sklavenhandel durch Tractate entsagt haben. Ehemals rechnete man allein an 100,000 Sklaven, die jährlich nach Westindien geführt wurden, ohne diejenigen in Anschlag zu bringen, welche die Kirmanen nach Asien, die Nordamerikaner in ihre südl. Staaten schleppten. Noch heutzutage wird dieser schandliche, die ganze Menschheit entehrende Handel getrieben, und — wer sollte es glauben — hauptsachlich von den Franzosen, von denen seit 40 Iahren die Befreiung aus den Ketten der Feudalherrschaft ausgegangen ist. Erst dann kann diesem verbrecherischen Wucher mit Erfolg gesteuert werden, wenn die seefahrenden Staaten unter sich einen Vertrag abschließen, in welchem sie einem jeden Capitain gestatten, das ihm auf der See begegnende Schiff von Grund aus zu untersuchen, sonst weiß verruchte List die strengsten Verbote zu hintergehen. Diese Betrachtung leitet von selbst auf den Einfluß hin, den das Ausland über Afrikas einförmige Natur ausgeübt hat. Weil man den Menschen für nichts mehr als eine Waare ansah, hat die Geschichte dieses Erdtheils nur die beiden dem Orient zugekehrten Culturlinien der Oasenzüge aufzuweisen, die ganz gleichartig von W. nach O. und von S. nach N. durch die drei Handelscolonien bezeichnet werden. Nur selten fanden Einwanderungen fremder Völker statt, und das Innereist aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Urstamme bewohnt. Ein Grund hiervon mag auch in seiner inselartigen Abgeschiedenheit von den übrigen Theilen der alten Welt zu suchen sein, da Afrika nur durch den schmalen wüsten Völkersteig, die Landenge bei Suez, von jener getrennt ist. Die Geschichtschreiber des Alterthums wollten in der Gründung der beiden Herculessaulen im äußersten Norden, an der Küste der Berbern, einen Übergangspunkt von Libyen nach Hespericn — von der Rohheit zur Cul- tur — andeuten. Hcrodot und seine Zeitgenossen, deren Anschauung das unendlich verschiedenartige Leben war, und die eben deshalb das individualisirte Leben sich zur Aufgabe stellten, hatten nicht so ganz unrecht, daß sie Ägypten nicht zu Afrika zählten; denn von einem höhern Standpunkte aus betrachtet, löset sich diese eigen- thümlich gewordene Culturecke ziemlich bestimmt als selbständiges Glied von dem ganzen übrigen Erdkörper ab. Wie Afrika schon vor 400 Iahren unter dem portugiesischen Prinzen Heinrich dem Seefahrer den Cyclus transmarinischer An- siedlungen eröffnet, so haben in neuerer Zeit britischer Unternehmungsgeist und holländische Beharrlichkeit für die Völker am Vorgebirge der guten Hoffnung neue Quellen des Wohlstandes aufgethan, und an der Küste von Sierra Leone eine Pflanzstätte (s. Liberia) zur Bildung der Neger begründet. Frankreich selbst scheint, nachdem es den Naubstaat Algier gedemüthigt, das maurisch-türkische Phlegma aus seiner trägen Ruhe wecken, und an der Ausklärung dieses noch in der Kindheit sich befindenden Landes regen Anthcil nehmen zu wollen. Versuchen wir nun zu zeigen, was in dieser Hinsicht schon früher geschehen ist, was sowol ganze Regierungen, als Gesellschaften oder Einzelmenschen für die genauere Kenntniß von Afrika gethan und erreicht haben. Nebst den Griechen undNömern, und darunter hauptsächlich einemHerodot, Strabo, Diodor von Sicilien, Dionysius vonHa- likarnaß, Arthicus, Hanno, Skylax, Aman, Agatharchidas, Ptolemäus, Plinius, Pomponius Mela, Solinus — haben sich besonders die Araber um die Erdkunde Afrikas verdient gemacht. Schon im 10. Jahrhundert gab Massud!, mit dem Beinamen Kothbeddin, in seiner „Vergoldeten Wiese" und in der „Grube der Edelsteine" eine Beschreibung von Afrika heraus. Nicht lange darauf schrieb Jbn- Haukal und später Jbn-al-Wardi in seiner „Wunderperle" recht ausführliche Nachrichten über Afrika nieder. 1153 aber hat der Scherif Al-Edrisi, gewöhnlich der Geograph von Nubien genannt, in seinen geographischen Erholungen („Noghat-Al-Moichtak") welches wörtlich Unterhaltung eines Neugierigen bedeutet, einen reichen Schatz von Bemerkungen und Nachrichten über Afrika enthüllt. ÄsSy. s-dstz Afrika 31 die M> al'? ZKKS« O?'« ^MW^ichMzebii '^Nvüm,Ml>nWu«Bck- Mn—Nder RHeitMßiil- 5,d-M?DMW^MNdH liö d-?d WMiHÄ Htli sich d^« /le?^Mch^uM! sktrHtch GsichHeiM- indii m vor Äl) Arhren mler dem ün ^clus trzirsmMischerA' ^-l-schecl!nl!Mh»ztzHB VvGÄU dn M hvMH ein der NezerbeM, Mizt, düs ^ ^er »n.nzd>eM "S?; ^avWd',^, -''»Ä ^.»5 ck»K . Ach« rv »rM Diesem folgten Jakuti od. Vakui,Abdollatiph, Murtadi, Mohammed-Jbn-Batuta, Leo Africanus u. A. Seit ungefähr der Mitte des vorigen Jahrhunderts haben sich um die alte Geographie Afrikas besonders Danville, Mannert, Schlegel, Schlichthorst, Eampomanes, Gosselin, Nennell, Vincent, Bougainville, d'Origny, Kosman und Heeren verdient gemacht. Über den jetzigen Zustand von Afrika als Ganzes verdankt man besonders einem Hartmann, Olamoral, Narrow, Jomard gediegene Monographien. Die einzelnen Theile desselben, und unter diesen hauptsächlich das Wiegenland europäischer Cultur, Ägypten, haben seit dem Mittelalter unzählige gelehrte Männer bereist, durchforscht, beschrieben und— beraubt, und dennoch bietet es in seinen Pyramiden, Mumienfeldern, Tempeln und Gräberhallen eine unerschöpfliche Quelle bedeutsamer Überreste aus dem frühesten Alterthume dar; es ist nebst Indien recht eigentlich das Urarchiv aller Geschichte. Es genügt, hier die Namen eines Peter Martyr, John Greve, Joh. Mich. Wansleben, Lucas, Maillet, Paw? Pococke, Granger, Norden, Bruce, Eton, Volney, Savary, Sonnini, Girard, Larrey, Denon, Mayer, Antes, Hamilton, Valentia, Salt, Hartmann, Browne, Hornemann, Fitz - Elarence, Burckhardt, Davifon, Legh, Light, Branchen, Belzoni, Della Cella, Brocchi, Eailliaud, Minutoli, Hemprich und Ehrenberg, Waddington und Hanbury, Beechey, Gordon, Nüppell, Pacho, Passalac- qua, Drovetti, Planat, Nifaud, Champollion und Nosellini, A. v. Prokesch, Acerbi u. A. ins Gedächtniß zurückzurufen. — Die Barbareskenküsten erhellten durch ihre Forschungen in neuerer Zeit: Diego de Torres, Thomas Shaw, Ehcnier, Leroy, Hoedo, Peter Dan, Aranda, Laugier de Tassy, Brooks, Frejus, Mouette, Puerto, Olon Saint-Pierre, Busnot, John Windhus, Menezes, Hoest, Poiret, Ludwig und Hebenstreit, Jardinet, Jackson, Lempriore, Agrell, Haringman, Eurtis, Mac-Gill, Aly-Bey, Riley, Paddock, Adams, Tully, Lyon, Salzmann u. A. — Westafrika wurde aber hauptsächlich durch die Bemühungen eines Ca- damosto, Windham, Lock, Tounson, Lopez, Fenner, Reib, Newton, Jobson, Ra- zilly, Marolla, Villant, Earli, Cavazzi, Labat, Lemaire, Jannequin, Lindsay, Bluet, Moore, Adanson, Pruneau de Pommegorge, Proyart, Saugnier, Barbot, Snelgrave, Römer, Isert, Dalzel, Mathews, d'Elbee, Norris, Mungo Park, Labarthe, Demanet, Brisson, Durand, Beaver, Wadström, Houghton, Gol- berry, Mollien, Peddie, Robertson, Bowdich, Degrandpre, Ledyard, Winterbottom, Meredith, Tücken, Pearce, Ayres, Sabine, Denham, Leod, Toole und Tyrwhit, Grout de Beaufort, Holman, Brown und Beauclerc, Caille und die Brüder Richard und John Lander mit unendlicher Anstrengung durchforscht und bekannt gemacht. Über die Culturverhältnisse gibt der Franzose Duvernay in der jetzt mit dem ehemal. »ckournal des vereinigten „lkevue eles cleux mon- 1823) und dessen Witwe hellten besonders die beiden Englander Lyall und der Mchwnar Freeman auf. Letzterer hat das höchst interessante Tagebuch, welches er wahrend seiner 1829 gemachten Reise durch diese Insel niederschrieb, im Aprilheste des „Hunrterl? cllronicle" für 18Z1 bekannt gemacht. Ii US- «SM ÄKS»*' -KAMM, MchHMM hn> Wölf G 'S»..» ^7^ , "8 ^ KM SM t Afrika 33 ,°''°^s>N'" ' b'wi!,., - ^Mtü ^M,.j ^?^Äs,O ihm Nr 5M'zchkMim^ll^Ml8l8 SM GmckbismdieHeW ÄNMKüeMH«HeG i.ÄMMNMWSw gMrt Za Nm Mmp lßM?lM WM ss Mfs« Dscholibittttzudchmmmchi', » Tl^n, >i> R^miik» s^!?^ !??!i in Strom zu BNch U ^ ^ ^cku, WuudWmm lcknzZMurMkckruchm «MLLK Zw«xM .A^>- ..-askur^'. MlB ,x^ sHM- -— die Bekanntwerdung Timbuktus und der Nigermündung — sind endlich durch die Kühnheit eines jungen Franzosen Caille und der Brüder Lander ausgefüllt worden. Was seit Jahrhunderten der Neugierde, der Politik, dem wissenschaftlichen Bestreben Europas nicht geglückt war, ein Unternehmen, von dem zugleich die Aussicht auf weitere Forschung in dem bis jetzt ganzlich verschlossenen Binnenlande Afrikas abhangt, ist durch einen einzelnen kühnen Mann ausgeführt. Der bescheidene Caille (s.d.) erklart, daß ihn die Preisaufgabe der geographischen Gesellschaft in Paris zur endlichen Vollbringung des langst gehegten Planes angefeuert habe. Schon vor ihm hatte sich der Englander Laing (s. d.) die rathselhafte Stadt Timbuktu zum Ziele gesetzt. Er wollte nicht durch Burnu, wie seine unmittelbaren Vorganger, sondern auf dem geraden Wege über die Oase Agably dahin vordringen. Dieser edle Mann erreichte zwar den Zielpunkt der Forschung aller civilisirten Völker Europas, kehrte aber leider nicht wieder zurück. Die wenigen Nachrichten Laing's über Timbuktu, welche nach Europa gelangt sind, stimmen vollkommen mit der Aussage Cailles überein. Dieser hatte, ehe er sich auf die große Reise begab, das Innere der von den Braknas-Mauren besuchten Wüsten gesehen, indem er Adrien Partarrieu, der zur Expedition des britischen Majors Gray gehörte, begleitete. Er folgte oder zog quer durch Houghton's Weg, und kreuzte die Straßen Gray's und Dochard's, wovon die eine nach Faleme, die andere nach Paamina führte. Er gelangte von Labe aus in 107 Tagen über Baleya, Bure, Amana, Sogo, Sansanding, Jenne, in dessen Nahe er den See Dubo —> mit den von ihm St. - Charles, Henri und Marie Therese genannten Inseln— fand, nach Timbuktu; allein wie wurde er in seinen Erwartungen getauscht. „Ich hatte mir von der Größe und dem Reichthum dieser Stadt eine ganz andere Vorstellung gemacht", sagt Caille in seinem Berichte; „sie bietet beim ersten Anblick nur eine Masse übelgebauter Häuser aus Lehm in der Gestalt von runden Hütten dar; nach allen Richtungen sieht man unermeßliche Flächen mit gelblich-weißem Flugsand. Der Himmel erscheint am Horizonte (des Abends) blaß- roth. Alles ist traurig in der Natur, rings Todtenstille, man vernimmt nicht den Gesang eines Vogels. Und doch hat es etwas Imposantes, eine große Stadt mitten auf Sanösteppen zu sehen. In Betreff T.'s vermuthe ich, daß früherhin der Dscholiba nahe bei der Stadt vorbeifloß, gegenwärtig strömt er acht Meilen nördl. und fünf Meilen von Cabra in gleicher Richtung. Im Vergleich mitJenne ist der Markt fast öde. Ihr Handel ist bei weitem unbedeutender als der Ruf verkündet; die Bewohner sind Neger aus dem Stamme Kissur; ihr Fürst oder König heißt Osman; seine Würde ist erblich, die Nachfolge gehört seinem ältesten Sohne. Geschenke machen all sein Einkommen aus; ein wahrhaft patriarchalisches Leben verbindet Fürst und Unterthanen; jener ist selbst Kaufmann. T. mag ungefähr drei Miglien im Umfange haben, zwei große und fünf kleine Moscheen mit Minarets; keine Ringmauer, der Eingang von allen Seiten offen; im Mittelpunkte, da, wo die Straßen zusammenlausen, steht ein Dum-Palmbaum. Außer diesem erblickt das Auge keine andere Vegetation in der wüsten Umgegend als einige verlorene Krüppelsträucher, wie z. B. Niinosn terrugineu, die höchstens vier Fuß hoch wird." Statt 200,000 E., wie man früher glaubte, zählt T. höchstens 10 — 12,000 Seelen. Den Rückweg nahm Caille über die ziemlich bedeutende Stadt El-Araran, die man früher für einen bloßen Brunnen hielt, und über die Wasserstellen und Haltpunkte der Wüste Tedeyni Amul-Gragim, El-Ekseif, Mayara Tasilet und Fez. Aus Caille's Forschungen geht hervor, daß die Wassermasse des Dscholiba noch viel bedeutender ist als man glaubte. M. Park, der nur einen Arm sah, staunte über den majestätischen Strom. Wenn der Lauf desselben unterhalb Timbuktu dem kühnen Franzosen unbekannt blieb, so ergab sich doch, daß ein großer Arm sich bei Sego abtrennt und sich bei Jsaca (27 franz. Meilen unterhalb Jenne) wieder mit dem Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 3 .. utl 34 Afrika Strome verbindet. Dies ist die erste große Insel, welche Jenne einschließt. Bei Galla oder Cu-Galia bilden wieder zwei Arme eine kleine Insel. C. bestätigt, daß europäische Waaren nach Centralafrika kommen. In Jenne wie in Sakkatuh sieht man englische Fabrikate. Was er über den Goldhandel zu Bure und dessen ergiebige Gruben sagt, dürste geeignet sein, die Berechnungen der europaischen Staatskunst dahin zu leiten. — Nun ist auch der so viel besprochene und bisher in ein räthsil- hastes Dunkel gehüllte Lauf des Niger erforscht, und endlich dessen Mündung entdeckt. Die Brüder Richard und John Lander haben am 22. Marz 1830 bei Budagry das Land betreten, und zu Pferde ihre Reife bis Bussa (wo M. Park das Leben verlor) am Niger fortgefetzt. Wahrend eines dreimonatlichen Aufenthalts in dieser Stadt machten sie Ausflüge, fuhren den Niger drei Tagereifen weit stromaufwärts, kamen nachPouri(in gerader Richtung nördlich von Bussa), von wo aus sie stromabwärts gefahren sind, bis sie an der Bucht von Biafra in die See einliefen, in welche sich der Strom in mehren Armen ergießt. Derjenige, durch welchen sie die Küste erreichten, heißt Nun oder Brasse-River und ist der erste Fluß östlich vom Cap Formofa. In Pouri fand das Brüderpaar das Gebetbuch von M. Park's Reifegefährten Anderson. Von dem Tagebuche war keine Spur zu entdecken. Sie haben eine Strecke von ungefähr 900 engl. M. auf dem Niger zurückgelegt. Dieser erhält durch den Sharp nahe bei Funda Zufluß aus dem See Tsaad (der aber vom Niger oder vielmehr Quorra 15 Tagereisen gegen NO. entfernt ist), statt sich, wie man früher glaubte, in denselben zu ergießen. Der Benin, Nun und Ca- leber sind sämmtlich Zweige des großen Niger. Am 8. Jun. 1831 sind beide Reisende wieder in Portsmouth eingetroffen. — Weder das Schicksal noch das Ergeb- niß der Reise des Briten Henry Wilford, welcher im Jun. 1830 in Alexandrien landete, nach 37 Tagen schon die Grenzen von Nubien überschritt und durch Kordofan und Dar-Fur in das Innere von Afrika vordrang, ist bis jetzt bekannt. Linant durchforscht noch immer das Innere von Nubien, soll aber einen wiederholten Versuch zur Reise auf dem Bahr el-Abiad aufgegeben haben. Zur Übersicht stehe hier ein Verzeichniß der Bestrebungen, welche von den Europäern feit zwei und einem halben Jahrhundert mit bewunderungswürdiger Ausdauer verfolgt worden sind: 1588. Tompfon erreicht Tenda, über den Gambia. 1020. RobertJobfon kommt nach Tenda, über den nämlichen Fluß. .1070. Paul Jmbert dringt bis Timbuktu vor, durch Marocco. 1098. De Brue erreicht Galam über St.-Louis. 1715. Compagnon erreicht Bambuk, über St.-Louis. 1723. Stibbs gelangt ebendahin, über den Gambia. 1731. Moore erreicht Bambuk, über den^ Gambia. 1742. De Flandre kommt bis Bambuk, über St.-Louis. 1749. Adanfon erreicht diesen Ort, auf dem Wege von St.-Louis. 1784. Follier kommt nach Bambuk, über die Küste Nun. 1785. Brisson erreicht Bambuk, auf dem nämlichen Wege. 1780. Rubaud erreicht Galam, über St.-Louis. 1787. Picard gelangt bis Futa-Toro, über St.-Louis. 1791. Hough- ton erreicht Ud-Amar, über den Gambia. 1792. Browne erreicht Dar-Fur, über Ägypten. 1794. Watt und Winterbottom erreichen Timbo, über den Rio Nunez. 1795. Mungo Park erreicht Silla am Dfcholiba, über den Gambia. 1798. Hor- nemann gelangt bis Nyffe, über Ägypten. 1805. M. Park dringt zum zweiten Male bis Bussa vor, über den Gambia. 1809. Röntgen gelangt ebendahin, über Magador. 1810. Robert Adams erreicht Timbuktu, von W. her. 1815. Riley erreicht Timbuktu, ^über die Westküste Afrikas. 1817. Peddie kommt bis Kakondy, über Rio Nunez. 1817. Campbell erreicht Pandschicotte, über Rio Nunez. 1818. Mollien erreicht Timbo, über St.-Louis. 1818—19. Gray erreicht Fuladu, über den Gambia; Dochard gelangt bis Uamina, über den Gambia; Bowdich erreicht Cumafsin, über die Goldküste; Ritchie dringt bis Fassan vor, über Tripolis; Lyon erreicht Fassan, über Tripolis. 1820. Cochelet erreicht ..>'B »ET »,»' W 5' K-WMMü W-ckhmGj", «ij 'SV , w.'. . ' ^lüt ^5 ?^"j- N.!'^ ? LSwS-. MZM.'^ ^ÄA?°>'- ^^chdsi ÄÄ^''»w ^ ^^kt MÜlh^ Ist-. -)Mß aus dem See W si« MeaMN^mtsMi^ßali "7^, TckrdascWn4das^ e wn W/m ÄssW und dun Ä! !>MG /j? dis Hl deka« u Nudieu, D ader emeu miedee eiad acheM haben, Webungen, welchem den A bmnderM^Mldizir^ ^ichtWa,WwGMw 'WMchinW^ MM vM,DeBckmch^" 'm!»4 Än Ii.) Bamdwi, Ä« Tl, bia. M." andre ^udre koM^ ^,ll.r - ..sdemWM^' >.il, ausmi^» ^-, ssÄ ^K'»-«»'°'° ,,«! -- ..ev> KM Afzelius (Familie) c!Ä eneicht BV Bachui, b) " ,^C>! ^ ^ick dlE^'^ M ) Uad-Nun, über die Westküste Afrikas. 1822. Laing erreicht Falaba, über Sierra Leone. 1823. Oudney, ^Denham und Clapperton erreichen Mandara und Sacca- tuh, über Tripolis. 1827. Clapperton und Lander erreichen Saccatuh, über den Meerbusen von Benin; Laing dringt bis Timbuktu vor, über Tripolis. 1827— 28. Caille erreicht Time, Jenne und Timbuktu, über Senegambien. Zu diesen unerschrockenen Männern kann man noch Ledyard und Lucas (1788), Nichols (1805), Seetzen und Tuckey (1818), P. Rouzäe (1817) hinzufügen, welche verschiedene Wege einschlugen und große Gefahren bestanden, ohne daß es ihnen gelang, in das Binnenland vorzudringen. Eine vollständige Geschichte der Ent- oeckungen in diesem Erdtheile, seit die Phönicier unter Nechos, König von Ägypten, Afrika, vom rothen Meere aus, umsegelten und durch die Säulen des Hercules (Meerenge von Gibraltar) zurückkehrten (800 I. v. Chr.) bis 1820, s. „Ilist. com;d. des vo^ages et üecoriveites eu Al'ricjue ete. ^>ar le Dr. Deuten, et AI. IIiiFÜ Alurra^ (d. Orig. Edinb. 1817) trad. de 1'VriFl. ^>. AI. V. C." (Paris 1821,4 Bde. nebst 1 Bd. 2ltl.). Über die neuem Unternehmungen vergl. Karl Falkenstein's „Gesch. d. wichtigsten Entdeckungsreisen" (Dresd. 1828 fg., 5 Bändch.); Walcke- Naer's „Reeliereües geogr. Zur I'interieur de l'.AüI^ue se;>teidriona!e", sowie besten „Dist. geuer. des vo^xiFes, ou neuvelle collectien des relatieiis de vc>- )c>Fes pur mer et j>ar terre" (Par. 1827, 14 Bde.); „DnIIetiu des sciences FeoFr."; ,M«iiv. anuales de vo^ciFes"; „Revue des deux moudes"; Jomard's Schriften u. s. w. (8) Afzelius. Es gibt jetzt drei Brüder dieses in der schwedischen Gelehrtenwelt berühmten Namens, sammtlich Lehrer an der Hochschule zu Upsala. Der älteste, Adam, geb. 1750, einer der wenigen noch lebenden Jünger Linne's, war von 1792—98 als Naturforscher bei der Sierra-Leone-Compagnie angestellt und hielt sich während jener Zeit in Westguinea auf. Spater lebte er bis 1799 in London und ist jetzt Professor der Diätetik. Er hat Linnes Selbstbiographie mit Zusätzen (deutsch Berlin 1828) herausgegeben. Nach ihm sind das Pflanzengeschlecht At?e- lia, die Moosart CaEirijieres Vl'^elisi die Insekten Dtudaena tortrix Vl'^eliana und Al^Iabris Atteln benannt. — Der zweite Bruder, Johann, in Ruhestand versetzter Lehrer der Chemie, geb. 1753, hat zur Ausbildung seiner Wissenschaft mitgewirkt. — Der jüngste, Pehr v. A., geb. 1780, als Lehrer der Arzneikunde gleichfalls in Ruhestand versetzt, Leibarzt und Ritter des Polarsterns, ist als einer der ersten Ärzte Schwedens rühmlich bekannt und wird in seinem hohen Alter noch immer als ein Orakel befragt. Er ist für seine Wissenschaft, wie für die akademische Bildung überhaupt, sehr thatig gewesen. — Ein Verwandter der Brüder, Anders Erik A., war eine Zeitlang Lehrer der Rechtswissenschaft zuÄbo; später aber von der russischen Regierung wegen seiner politischen Gesinnungen seines Amtes entlassen, endlich 1830 verhaftet und nach Petersburg geführt, lebt er jetzt als Verbannter zu Wiätka. — Arvid AugustA., aus derselben Familie, geb. 1785 in Westgothland, ist jetzt Pfarrer in Enköping. Schon früh richtete er seine Aufmerksamkeit auf die altnordische Literatur und auf die jetzt im Leben meist verklingenden alten Volkslieder seines Vaterlandes. Er ging mit einem glühenden Eifer und einem, durch eigne Dichtungen im alten Volkston ausgebildeten Sinne an diese Bestrebungen. Von seinen in der Zeitschrist „Jduna" und im schwedischen Musenalmanach („Uoetisle Ratender") abgedruckten Liedern sind „81eadas Rta^an", und besonders „Reckens Visa" (deutsch in der „Bardale", Heft 2), von einer wunderschönen Melodie getragen, in den Mund des Volkes übergegangen. Nach diesen Verbereitungen schritt er in Verbindung mit Geijer zur Herausgabe der schwedischen Volkslieder („Svenska Rotkvisor") in 3 Bänden, mit den alten Melodien, die theils von Häffner in Upsala, theils von Grönland in Kopenhagen bearbeitet wurden. Auch hat er die poetische oder sogenannte „Sämundar Edda" 3* 36 Agardh trefflich übersetzt. Au derselben Zeit lebte der berühmte dänische Phklolog Ras? in Stockholm, wo er den isländischen Urtext herausgab. A. ist auch Verfasser eines Trauerspiels: „Der letzte Folkunger" („Den sisw lolkunxen^, in welchem abe« nur die lyrischen Partien gelungen sind. (6) Aaardh (Karl Adolf), Professor in Lund und Ritter des Polarsterns, geb. 23. Jan. 1785 zu Bästad in Halland, wo sein Vater als Kaufmann lebte. Er bezog 1799 die Universität zu Lund und trat 1807 zuerst als Lehrer der Mathematik auf, bald aber nahmen seine wissenschaftlichen Bestrebungen eins ganz verschiedene Richtung, und er sing an, die Lehre von den kryptogamischen Pflanzen unter der Leitung des berühmten Professors Swartz zu Stockholm zu studiren. Später bereiste er Dänemark, Norddeutschland und Polen, und wurde nach seiner Rückkehr zuerst als außerordentlicher Lehrer der Botanik, 1812 aber als Professor der Botanik und der praktischen Ökonomie angestellt. Er em, psing 1816 die priesterliche Weihe und ward an demselben Tage Pfarrer zu St.- Peders-Klosier. Als Abgeordneter seines Stiftes wohnte er den Reichstagen 1817 und 1823 bei. Er wurde 1825 vom Könige nach Stockholm berufen, um in den großen Ausschuß zu treten, der sich mit der Prüfung der öffentlichen Unterrichtsanstalten beschäftigen sollte. A. zeigte in diesem Wirkungskreise viel Thätigkeit und stand an der Spitze einer der beiden streitenden Parteien. Über feine Ansichten, die in den gedruckten Verhandlungen des Ausschusses vorliegen, sind sehr abweichende Urtheile laut geworden. Man beschuldigt ihn, den elastischen Studien etwas abhold zu sein und weniger auf eine allgemein humanistische 'Bildung als vielmehr auf eine frühzeitige, schon in der Schule anzufangende Ausbildung besonderer Fähigkeiten zu dringen. Alle Parteien aber waren darin einig, seine glänzende Darstellung, seine wiewol einseitigen, doch immer anregenden Ideen, seinen leichten, oft spielenden Witz zu bewundern. Er besuchte 1821 Deutschland, Holland und Frankreich, und 1827 Italien. — A. entwickelte eine vielseitige schriftstellerische Thätigkeit, deren Hauptleistungen wenigstens angegeben werden müssen. Seinen Ruhm als Botaniker begründete die 1817 in Lund erschienene „8^nop»sis 8caiuli- imvine". Dazu kamen seit 1820 noch andere systematische und erläuternde Werke über die Algen und die zu Leipzig (1828 — 29) in vier Heften erschienenen Abbildungen der europäischen Algen. In französischer Sprache gab er (Lund 1828) seinen Versuch, die Pflanzenphysiologie auf Grundsätze zurückzuführen, und eine Schrift über die innere Entwicklung der Pflanzen (Lund 1829) heraus. Die erste Abtheilung seines Lehrbuchs der Pflanzenkunde („Ickckobok i Lowiük.") erschien 1830 zu Malmö und 1831 zu Kopenhagen in einer deutschen Übersetzung. Seine Biologie der Gewächse („Wäxternas liliologie") wird jetzt gedruckt. Unter seinen akademischen Schriften ist, außer einigen bis 1808 erschienenen mathematischen Abhandlungen und Beiträgen zur Kunde der Algen, auch eine Kritik der Grundlehren der Staatsökonomie (Lund 1829) zu bemerken. In mehre Gesellschaftsschriften lieferte er einzelne schätzbare Abhandlungen, z. B. Ehrengedächt- niß Linne's (in den Verhandlungen der schwedischen Akademie), über den in der Polarzone gefundenen rochen Schnee, über einige der Zauberkraft höherer Thme ähnliche Erscheinungen der Infusorien (in den Verhandlungen der kaiserlich Leo- poldinhchen Akademie), „8iu- la Aerrmnation lies freies" (in den Abhandlungen des „Nuseum ck'ülstoire nsturelle"), über die schwedischen Seetange und deren Benutzung (in den Verhandlungen der gothenburgischen Haushaltungsgesell- ichasi), über absoluten und fubjectiven Reichthum in der zu Upsala erscheinenden Zeitschrift „8vea". Sein Hauptfach ist jedoch die kryptogamische Pflanzenkunde, und daß ihm besonders dck Algcnkunde wichtige Aufklärungen verdankt, darüber iZt in Europa nur Eine Stimme. Zwar haben seine kühnen Ansichten hierund da Widerspruch gefunden, und sollten auch einige seiner Entdeckungen sich nicht be- F-! „ IM-!! ml T!!l »n iKMnMMÄ ss W Wch KW WchttWMch MMGMW '7^«AW>'iZ'N chjlk! M» Agendenstreit Aguado 37 währen, so ist doch was er wirklich geleistet hat genug, ihm einen Unsterblichen ° ^lvG Ruhm zu sichern. Welche Gegenstände er auch behandeln mag, überall streut er ^ ^ M w'.. I fruchtbare Anregungen, lichtvolle Ideen ein, und selbst wo man ihm nicht beistim- >to sei» P ^ PolA uien kann, ist er belehrend und reizt zum Nachdenken. Seine Darstellung ist leben- " ^ tr.!l^ dig, anziehend und geistreich. Einige seiner naturwissenschaftlichen Schriften, z. B. ' ÄsstM.-..^ Wstch ^ das „Lehrbuch der Botanik", besonders die Vorrede, werden daher selbst von Nicht- h bie ^ eingeweihten mit lebhaftem Antheil gelesen. In der Zueignung jenes Werkes an ^ Schölling hat er die Grundzüge seiner Naturansicht dargelegt. (6) ' Ageildenstreit, s. Liturgiev-ränderung-n. Agrell (Karl Magnus), sch>»-disch-r Oci-Nwlist, glb, 18. Nov. 17K4 ^A der B^ik^l^ ür Smaland, wo sein Vater Pfarrer zu Linnaryd war. Er empfing seine erste ^ Bildung in der Gelehrtenschule zu Wexiö und bezog 1783 die Hochschule zu Up- ^Olben 's hüa, wo er von 1788 — 94 die morgenlandischen Sprachen lehrte. Er wurde " darauf am Gymnasium zu Wexiö, anfanglich als Lehrer der griechischen Sprache, ÄoHllm bm,s ^ Theologie und insbesondere der biblischen Exegese, angestellt. erhielt er das Pfarramt zu Skatelöf, 1809 die theologische Doctorwürde, !1814 eine Propstei und 1824 den Polarsternorden. Er wurde 1812 und 1815 für sein Stift zum Reichstagsabgeordneten erwählt, und führte 1817 den Vorfitz "'"II I!I'Wen,dii bei der Synode zu Wexiö. Seit 1788, wo er mit philologischen Erläuterungen " über den Propheten Nahum auftrat, hat er mehre Schriften über die syrische ä Sprache herausgegeben, welche ausgezeichnete Anerkennung gefunden haben. Viele I" '"'bI «K Amt seiner 'Ansichten, namentlich über die Theorie der Conjugationen im Syrischen, sind A äMMz Hckm ß von deutschen Orientalisten angenommen worden, und über die seltenern syrischen M MM K Conjugationen hat er neues Licht verbreitet. Man hat einen reichen handschrift- .MMsDm, liehen Nachlaß von ihm zu erwarten, da er bei seinem zwar noch rüstigen, aber doch - IMMM.ÄWW!!! hohen Alter nicht Kräfte genug hat, seine Arbeiten herauszugeben. Sie bestehen StichesWckHeDHK in Supplementen aus den syrischen Profanschriftstellern zur syrischen Syntax und 'ü'N inW, NkM RHm liK zu Castelli's Wörterbuch. Er hat Adlers, Tychsen's, Knö's und Hahn's syrische ^„8M>s^°»ScsA Chrestomathien überfetzt, und endlich über die in Wexiö befindlichen morgenlän- iiMischemdMMdeM difchen, besonders kusischen Münzen Erklärungen geschrieben. (6) I" hxfU HMW Aguado. Von Herkunft ein portugiesischer Jude, ohne aus einer der alten Familien des Landes zu sein, bekannt durch die spanischen Staatspapiere, welche MdK seinen Namen tragen, durch sein schnelles Glück und seinen Reichthum. Er wurde ^ erst nach der sogenannten französischen lUromenucke en genannt, wo er '"I ^7 als spanischer Finanzagent in Paris dem pecuniair gedrückten Staate Credit ver- ^ schaffte. Eigentliche Anleihen hat er, so viel bekannt, nicht geschlossen, vielmehr ^ ältere spanische Vales zu den neuen Schuldverschreibungen umgeschrieben, die jetzt ^. 'ogie") unter dem Namen ^Fuackos auf den Börsen curfiren. Seine Operationen haben 7^ Spanien Geld verschafft und ihm auch. Er ist ein reicher Mann geworden, aber Krnu7» Papierschöpfungen können sich nicht ganz von dem Miscredit erholen, in wel- ., ^^lÜN- b chxm Spanien beim übrigen Europa steht. Die Liberalen werfen ihm vor, er -«.»Kid- ^be einer Regierung Credit verschafft, die ihn mit Recht eingebüßt, weil sie die II'N WMlIs'' ). Cortesscheine nicht anerkennt. Die Apostolischen wollen überhaupt nichts von Cre- I.'Ir dit, von Schulden- und Zinsenbezahlen wissen; der König soll von ihnen und den beschenken der Geistlichkeit abhängen, und Spanien mit dem übrigen Europa ^7^' nichts zu thun haben. Die europäischen Banquiers trauen seinen Papieren nicht, ^eil vorgegeben wird, sie würden ohne begrenzte I 'nscription in das große Buch s.e üls Unendliche vervielfältigt, ja, um die Zinsen zu bezahlen, würden jedesmal neue . I.^gssilil tl77, angefertigt. Nichtsdestoweniger sind die Zinsen bis jetzt nicht allein pünktlich, son- dem halbjährig voraus in Paris bezahlt worden, und die haben selbst H nach den Juliustagen sich erholt und wieder einen ansehnlichen Curs gewonnen. " ' " Aguado selbst galt eine Zeitlang als finanzieller König von Spanien. Er ist ba- 38 Ägypten ronisirt (Marquis), und mit allen möglichen Ehren ausgestattet, hat er für die bittere Verfolgung seiner Stammgenossen in der pyrenäischen Halbinsel in seiner Person Genugthuung erhalten. Dennoch gelang es ihm nicht, eine einigermaßen zufriedenstellende Anerkennung der Cortesbons, die er wünschte, zu bewirken. Gehaßt von den Liberalen und Apostolischen, war er die Geldseele der gemäßigten oder ministeriellen Royallsten, an deren Spitze Ballesteros steht, und hielt sich zu diesen und durch diese sich selbst für fest. Man schlug ihm den, Ungeheuern Gewinn versprechenden Canalbau von Castilien als Entreprise zu, und er ging nach Madrid, sich im Glänze seiner Herrlichkeit zu sonnen. Allein sie mußte verbleichen vor dem spanischen Grandenstolz; nur die Finanziers fanden sich bei ihm ein; und dies, die Schwierigkeiten der neuen Unternehmung oder die Vorstellung, daß er genug von Spanien habe, bewogen ihn 1830, die Agentur niederzulegen. — A. ist ein Mann von ungefähr 50 Iahren, und von L0 Mill. Francs. Seine Persönlichkeit ist in Paris, wo er sich angesiedelt hat, weniger beliebt als sein Neichthum. Diesen zu charakterisiren, erzählt man folgende Anekdote: Jemand kommt von einem der größten pariser Banquiers zu ihm und ist noch ganz voll von den Ungeheuern Portefeuilles mit Wechseln und Staatspapieren, die ihm derselbe gezeigt. „Die Portefeuilles habe ich nicht", entgegnet A., „aber ich will Ihnen etwas Anderes zeigen." Er öffnet seine Brieftasche, in der nur ein kleiner Zettel liegt; aber auf dem Zettel bekennt jener Banquier 10 Millionen Francs von A. leihweise bis zum nächsten Tage empfangen zu haben. (9) ^Ägypten. Die wichtigen Umwandlungen, die seit einigen Iahrzehenden in dem Nillande, einer der ältesten Wiegen der Cultur unsers Geschlechts, sich bilden, sind jetzt zu einer umfassenden Übersicht und zu einer Darstellung nach ihren Grundlagen und Ergebnissen reifer geworden. Wenn auch nur ein Zehntheil der Saat aufgeht und Früchte trägt, die jetzt dort ausgestreut wird, so werden die Folgen zunächst für Nordafrikas Eultur, das seit Jahrhunderten unter der Fluchherrschast bildungstindlicher Barbaren stand, nicht zu berechnen sein. Ägypten war immer tiefer gesunken, seit es (151'7) der Osmanenherrschaft unterworfen wurde, und der Schauplatz innerer Kriege der mächtigen Mamluckenhäupter, welche, durch eingeführte Sklaven von den Gestaden des schwarzen und kaspischen Meeres verstärkt, oft mit glücklichem Erfolge gegen die türkische Obergewalt kämpften. Die vorübergehende Herrschaft der Franzosen (1798—1801) war in ihren Folgen von entscheidender Wichtigkeit für Ägyptens Schicksale. Hatte schon die, durch Sultan Selim III. versuchte Umbildung des Heerwesens einen tiefen Eindruck auf das Ge- müth manches verständigen Türken gemacht, so mußten besonders in Ägypten die Kriegsunternehmungen der Franzosen u. Engländer dazu beitragen, die Vorzüge des europäischen Kriegswesens je dem Einsichtsvollen klar zu machen. Mohammed (Mehmed) Ali (s. Bd. 7) legte in jener Zeit den Grund zu seiner Macht und seinem Glücke, indem er sich durch seine Tapferkeit in dem Kampfe gegen die Franzosen und später gegen die unruhigen Mamlucken den Kriegsruhm erwarb, der es ihm möglich machte, seine Herrschaft zu befestigen. Als er fünf Jahre nach seiner Ernennung zum Statthalter, mehr durch grausame List als durch Gewalt, die unruhigen Mamlucken (1811) aus dem Wege geräumt hatte und sich im ruhigen Besitze des Landes sah, war sein eifrigstes Streben dahin gerichtet, die Erfahrungen zu benutzen, die ihm gezeigt hatten, welche Vortheile Kriegszucht und Kriegskunst gegen die ungeordneten scharen asiatischer Kriegsvölker gewähren. Zu einer richtigen Würdigung der durch Mohammed Ali bewirkten Umwandlungen muß man nicht vergessen, daß sie aus dem Bedürfniß einer Umbildung des Kriegswesens hervorgegangen sind, und daß dieses Bedürfniß durch die Notwendigkeit erzeugt wurde, die erlangte Herrschaft gegen offene und geheime Feinde zu schützen. Die Handelsverbindungen, welche der Pascha, schon in seinen jüngern Iahren an kaufmännische Un- sZchl 5^ »'->7 KAÄ- Kö?» lW „ . WMMM Kw '5ÄÄ e- »in, ^ Ägypten 39 'dieer !^«s. sich ^ 7,°^U 7 ' °'»w« "^lnderwmS«Zet- 10 NiliienW mI.!Du!iznchihMGM .!chMÄHchii!>erÄ M md, /-> mdm die Fch 5dMMUderKllHmschj neu sein. Ägfften mr im» lft MMchnimde, Mdee enhMM,wch, durch che- MtzlWMmsvttM, 'irrÄkWi^ K^ÄW inenHM muxten ^vi:ttbeiUB)ieWB'' SS?' ! -K»K Kz-"' ternehmungen gewöhnt, mit europäischen Landern, besonders mit Frankreich, anknüpfte, um die reichen Erzeugnisse seines Landes vorteilhaft zu benutzen, machten ihn immer mehr mit den Ideen einer in Ägypten unbekannten Civilisation vertraut. Der Gewinn, der ihm aus diesem Verkehr zufloß, trug dazu bei, seine Macht zu befestigen, aber er wußte, daß die Pforte, die ihn (1806) nur ungern zum Statthalter Ägyptens ernannt hatte, ihn mit eifersüchtigen Blicken betrachtete, und die Kriegsunternehmungen, in welche diese Eisersucht ihn verwickelte, dienten dazu, seine Entwürfe zu begünstigen. Mit der Politik, welche die Pforte gegen übermachtige Statthalter gewöhnlich beobachtet, hatte sie dem Pascha den Krieg gegen die Wa- habi (s. Bd. 12) aufgetragen, aber wenn sie auch vermuthen konnte, daß der hochstrebende Mann, einmal zum Kampfe gerüstet, zu weitern Unternehmungen fortschreiten werde, so hatte sie wol nicht vorausgesehen, daß er sich ein europaisch geordnetes Heer bilden werde, welches ihn nur noch furchtbarer machen mußte. Nach der Wiedereroberung der heiligen Städte Mekka und Medina zog sich der Krieg in der Landschaft Hedschas ohne entscheidende Erfolge in die Länge, bis Tussun Pascha, Mohammed's Sohn, endlich mit Abdallah Saud, dem Häuptlinge derWahabi, einen Wassenstittstand schloß. Beide Theile rüsteten sich zu neuen Anstrengungen. Um diese Zeit (im Iul. 1815) verordnete Mohammed die neue Einrichtung des Heerwesens, welche er, wie einstSelim III-, Nizam Dschedid (s. Bd. 7) nannte. Er gab den Befehl, daß die von seinem Sohne Ismail angeführten Kriegs- völker nach europäischer Weise geübt werden sollten. Die Soldaten murrten und nannten ihn den Christenpascha, und da die Offiziere ihren neuen Dienstpflichten nicht minder abhold waren, so erfolgte ein Aufstand. Mohammed mußte sich in das feste Schloß zu Kahira zurückziehen; die Stadt wurde der Schauplatz wilder Gesetzlosigkeit, und obgleich Mohammed die Ordnung wiederherstellte, so schien es doch, als sollte die neue Heerbildung aufgegeben werden. Die Gemüther beruhigten sich allmälig, aber der kluge Pascha wollte nicht sogleich wieder seine Entwürfe aufnehmen und schickte 1816 ein neues Heer, wie die frühern aus unregelmäßigen Kriegsvölkern bestehend, nach Hedschas. Sein angenommener *) Sohn Ibrahim Pascha war der Führer des Kriegszuges, welchem auch die aufrührischen Albanier sich anschließen mußten, die Mohammed's Entwürfe stören konnten. Ibrahim führte den Krieg, wiewol nicht ohne großen Vertust, doch mit Tapferkeit bis 1818, wo erDerajeh, die Festung derWahabi, eroberte und Abdallah Saud gefangen nahm. Nach seiner Rückkehr waren noch viele unregelmäßige Kriegsvölker, Türken und Albanier, in Ägypten, und theils die Absicht, diese Feinde seiner Entwürfe zu entfernen, theils die Hoffnung, reiche Schätze an Gold und Handelswaaren zu gewinnen, bewog den Pascha, unter seinem Sohne Jsma'll 1820 ein Heer nach Sennaar zu schicken, dem der französische Reisende Cailliaud (s. d.) folgte. Einige Monate später zog ein Schwiegersohn Mohammed's mit einem neuen Heere aus Ägypten, um das zu Dar-Fur gehörige Kordafan zu unterwerfen, und mit diesem Zuge verließen die letzten unregelmäßigen Kriegsvölker das Land. Bald nach der Entfernung dieser unruhigen Scharen nahm Mohammed seine Entwürfe mit neuem Eifer auf. Er ließ in Oberägypten ein Lager einrichten, in welchem die zur Führung neugeworbener Kriegsvölker bestimmten Offiziere gebildet werden sollten. Der Oberst Seve, ehemaliger Adjutant des Marschalls Ney, ward aufEmpfehlung des französischen Consuls Drovetti, der Mohammed's ganzes Vertrauen besaß, als Lehrer angenommen. Mohammed schickte in diese neue Kriegsschule seine eigne Leibwache und die Mamlucken seiner vornehmsten Beamten. 'Aus Frankreich langten Gewehre an, man machte hölzerne Trommeln, und die Sache kam bald in Gang. Später wurde dieses Vildungslager nach Assuan an der *) So nennt ihn Planat in dem unten anzuführenden Werke. 40 Ägypten Grenze Oberägyptens verlegt, aus Rücksicht auf die Körperbeschaffenheit der in Sennaar gefangenen negerartigen Nudier (Barübras), welche nun in regelmäßige Bataillone gebildet wurden. Seve wurde von mehren französischen Offizieren unterstützt, die unter seiner Leitung standen. Die größte Schwierigkeit machten die Türken oder Mamlucken. Gewöhnt an Unthätkgkeit und Bequemlichkeit, wollten sie ungern ihre kostbaren Kleider, ihre schönen Pferde aufgeben und den Vergnügungen der Hauptstadt entsagen, um sich in den Sandebenen an den Grenzen des Landes ungewohnten Kriegsübungen stundenlang zu unterWersen. Sie murrten laut, verwünschten die Christen und warfen ihre schweren Flinten weg. Seve gab ihnen ebenso kräftige französische Flüche zurück. Die Türken lernten allmälig seine Flüche nachsprechen, ohne deren Bedeutung zu verstehen, lachten und wurden nach und nach lenksamer. Seve wußte seine schwierige Aufgabe mit großer Einsicht und Beharrlichkeit zu lösen und auf die Stimmung der Gemüther klug zu wirken. Eines Tages, als ein Glied Feuer gab, pfiff eine Kugel an seinem Kopfe hin. „Ihr Ungeschickten!" rief er kaltblütig, befahl noch einmal zu laden und zu feuern. Sie feuerten, aber keine Kugel pfiff. Dieser Zug von Festigkeit und Unerschrockenheit entwaffnete die Türken; sie schloffen sich traulicher ihm an, gaben allmälig ihre Vorurtheile auf, und mehre seiner Zöglinge wurden ihm herzlich gewogen. Zu gleicher Zeit wurde von dem französischen Arzte Duffap ein Militairspital angelegt, und man mußte Casernerr bauen, da immer mehr Kriegsvölker sich sammelten, zu welchen allmälig auch viele ägyptische Araber (Fellah) kamen, die entweder freiwillig Dienste genommen hatten, oder von den Dorfvorstehecn waren ausgehoben worden. So war bald eine Schar von 4000 M. gesammelt. Ein anderer Franzose, Gonon, dem der Pascha besonders gewogen war, legte ein Zeughaus in Kahira an, richtete Werkstätten zum Gießen und Bohren der Kanonen und Waffenschmieden ein. Es wurde Salpeter bereitet, und die ehemalige französische Pulvermühle auf der Nilinsel Rodah wiederhergestellt. Das Bildungslager rückte nun Kahira näher, was jedoch nur allmälig geschah, da die schwarzen Rekruten das Klima Mittelägyptens sonst zu kalt gefunden haben würden. Es war 1823 in der Nähe von Siut. Ibrahim Pascha, obgleich er Oberanführer des Heeres hieß, entzog sich den Krkegsübungen nicht und gab den Andern das Beispiel von Unterwerfung unter die Gesetze der Kriegszucht und Dienstpflicht. Am Ende des Jahres 1823 bestand das neue ägyptische Heer bereits aus sechs Regimentern von fünf Bataillonen, jedes Bataillon zu 800 M. Das fünfte Bataillon bildete das Depot. Die Bataillone waren nach dem Muster der französischen eingerichtet. Die Regimenter hatten Nummern und Fahnen von weißer Seide mit Sprüchen aus dem Koran und dem Namenszeichen des Pascha. Bei der feierlichen Übergabe derselben im Der. 1825 stimmte der Imam arabische Gesänge an, und den Much der Moslem preisend, versicherte er, ein wahrer Gläubiger könne allein 100,000 Christen oder Juden erlegen. Als die Fahnen vertheilt waren, wurden Lämmer geschlachtet, und jeder Fahnenträger tauchte seine Rechte in das Blut und hielt sie dann an die silberne Fahnenspitze. Die Soldaten trugen Jacken von rothem Zeuche, mit sehr weiten Beinkleidern, die aber von der Mitte der Wade bis zum Knöchel sich verengten, einen ledernen Gürtel und eine Mütze statt des Turbans. Die ersten Kriegsübungen im Großen geschahen 1823 unter Ibrahims Anführung in Gegenwart des französischen und britischen Consuls und vieler Fremden. Die Reiterei blieb in dem alten Zustande. Sie ist in allen, dem Pascha unterworfenen Gebieten vertheilt, und steht unter den Kiaschefs, welche die Mannschaften sammeln. Bald kam die Zeit, wo die neue Schöpfung sich im Kampfe erproben sollte. Das erste Regiment zog im Jan. 1824 zu dem Heere in Sennaar, um die unregelmäßigen Kriegsvölker, die dort noch gegen die Schegia- Araber kämpften, zu unterstützen. Ein anderes Regiment ging zu gleicher Zeit nach Hcdfchas, und einige französische Offiziere folgten dem Zuge. Die Wahabi staunten, ^1^ tzl!« Ägypten 41 als sie nicht mehr die kostbar gerüsteten Osmanli sahen, sondern Kriegsleute in groben Jacken mit langen Nageln, wie sie's nannten, aus den Flinten, ruhig in Reihen ziehend. Aber das erste Gefecht, welches das ägyptische Nizam bestand, war ein entscheidender ^ieg, und als die frohe Botschaft nach Kahira kam, sprang Mohammed Ali entzückt vom Divan auf. Die Mahnungen der Pforte, die Beistand gegen die Griechen foderte, nöthigten ihn zu neuen Rüstungen, da er den Befehlen des Sultans nicht langer ausweichen konnte, ohne die Betheuerungen seiner Unterthanen- trcue verdachtig zu machen. Er befahl die Einschiffung seiner übrigen vier Regimenter, die aus 16,000 M. bestanden, wahrend er zu gleicher Zeit aus den Kriegslustigen, die zu dem Lager strömten, drei neue bildete. Seve, der nun sein Werk vollendet und ein Heer von 24,000 M. gebildet hatte, that den Schritt, der einem Manne übrig blieb, welcher in seiner Heimath Alles verloren und nur im fremden Lande ein belohnendes Ziel seines Ehrgeizes sah. Er hatte schon lange, durch Mohammed's Freigebigkeit unterstützt, glänzend nach morgenland. Sitte gelebt und sich drei Weiber, Sklavinnen aus Habesch, genommen. Einen Rang im Heere durfte der Pascha ihm nicht geben, da ein Christ nicht zum Befehlshaber über Osmanli erhoben werden konnte. Seiner weitgreifenden Wirksamkeit, seiner wichtigen Dienste ungeachtet, ward er so wenig als andere christliche Offiziere zum Heere gerechnet; ihre Dienstleistungen wurden nur durch Gehalterhöhungen belohnt, und immer mußten sie sich mit dem Namen Talemdschi (Lehrer) begnügen. Die Würde eines Bey und der Befehl über ein Regiment waren der Preis, und Seve ging zum Islam über. Er heißt seitdem Soliman Bey. Bei der neuen Heerbildung war, außer Seve, besonders der Türke Osman Bey Nureddin wirksam. Er ward in früher Jugend von dem Pascha nach Europa geschickt und brachte einige Jahre in Frankreich und Italien zu, wo er sich mit der europaischen Literatur bekannt machte. Nach seiner Rückkehr übersetzte er die französischen Armeeverordnungen und Exerciervorschriften ins Türkische, und diese Anordnungen wurden bei der neuen Heerbildung angenommen. Er gründete 1821 eine Elementarschule zu Caser el-ain unweit Kahira, die gegen 600 Zöglinge hatte, sowol Türken als Araber, welche Sprachen, Zeichnen, Arithmetik u. Geometrie, sowie das Jnfanterie-Erercitium lernen mußten. Aus dieser Schule kamen die Zöglinge in die höhern Lehranstalten oder wurden in der Civilverwaltung angestellt. Diese Anstalt, die spater unter die Leitung eines unterrichteten, aber sorglosen Türken kam, erfüllte ihre Bestimmung nicht, da Sitten und Schulzucht in Versall kamen, und als die Lehrer einst ihre Klagen an den Vorsteher brachten, antwortete er: „Lieber Gott, es sind ja nur Kinder!" Am Beschneidungsfeste brachte man sogarTanzerinnen und lüderlichs Madchen in den Schulsaal, um die aufParadebettcn liegenden Zöglinge zu zerstreuen. Eine Kriegsschule zur wissenschaftlichen Bildung der Offiziere ward 1825 gestiftet, und zu gleicher Zeit ein Generalstab errichtet, an dessen Spitze Osman Bey kam. Die Schule stand unter der Leitung des französischen Artillerieoffiziers Plannt, unter welchem mehre Franzosen und Italiener als Lehrer angestellt waren. Die Zöglinge waren Obersten, Adjutanten und Hauptleute, die in der Arithmetik und Geometrie, im Zeichnen und Französischen, in der Jnfanterietaktik, Artilleriewissenschaft, Topographie und Situationszeichnung unterrichtet wurden. Es war anfanglich mit großen Schwierigkeiten verbunden, die tragen und unlenkfamen Türken an eine tagliche Anstrengung von sechs Stunden zu gewöhnen. Ihr Verstand war so wenig geübt, daß sie nicht die einfachsten Erklärungen begriffen. Die Schwierigkeit, sich verstandlich zu machen, vermehrte die Hindernisse, bis es einem jungen Orientalisten, König, nach vielen Nachforschungen gelang, die nöthigen technischen Ausdrücke ins Türkische zu übersetzen; da es aber für viele Ausdrücke keine Wörter in dieser Sprache gab, so bildete Osman Bey mit Hülfe des Arabischen neue, die in den Schulen angenommen wurden. Bei dem Unterrichte im 42 ÄZYPten Zeichnen stellten sich auch die religiösen Vorurtheile der Türken entgegen, die man nach und nach durch List zu überwinden suchen mußte. Die Lehrzimmer wurden mit Kupferstichen geziert, welche Landschaften, Bauwerke und Bildnisse vorstellten. Wie aus Versehen ließ Osman Bey einst Lavater's „Physiognomik" aus dem Schultische zurück. Das Buch lief von Hand zu Hand. Die erstaunten Zöglinge tha- ten Kinderfragcn, warum z. B. ein im Profil gezeichneter Kopf nur Ein Auge habe. Man ließ den Frager dieselbe Stellung annehmen und bewies ihm dadurch die Wahrheit der Abbildung. Ein Hauptmann war der Erste, der einen Kopf zeichnete; seine Mitschüler fürchteten für ihn, aber der Beifall, den Osman Bey ihm bezeigte, brachte die gewünschte Umwandlung hervor. Es entstand allgemeiner Wetteifer, und die Wenigen, die noch Bedenklichkeiten zeigten, sahen sich von den Andern verhöhnt. Die Zöglinge wurden nach und nach höflich und duldsam, mehre lernten Französisch, und da die spater aufgenommenen Schüler Beispiele vorfanden, ward es ihnen nicht schwer, sich an dieselben Arbeiten zu gewöhnen. Die in dieser Anstalt gebildeten Offiziere werden beim Generalstabe, Geniewesen, in der Artillerie oder auch in der Civil- und Militärverwaltung angestellt. Das große Bildungslager mit dem Generalstabe und der Ossizierschule wurde spater nach Kangha, vier Stunden nördlich von Kahira an der Straße nach Syrien, verlegt, auf einem festen sandigen Boden, den die gewöhnliche Nilhöhe bei Überschwemmungen nicht erreicht. Die neuen Einrichtungen und Anstalten bildeten allmalig ein freundliches Dorf von europaischem Ansehen mit Gärten und Maulbeerpflanzungen, die aus dem vier Stunden entfernten Nil mittels hydraulischer Maschinen bewassert werden. Es heißt Dschiad Abad. Eine halbe Stunde vom Lager ward ein großes Gebäude unter der Leitung des französischen Arztes Clot zum Militair- spital eingerichtet, das für mehr als 1W0 Betten Raum hatte. Später ward eine medicinische Schule damit verbunden. Man suchte 100 gebildete junge Araber aus, da sich die Türken ausschließend zum Wassenhandwerke bestimmt glaubten, gab ihnen eine Uniform und den Titel Zöglinge der Arzneischule. Der Pascha mußte besonders diese Anstalt unter seinen mächtigen Schutz nehmen, da Anatomie und Leichenzergliederung hier der gefährliche Stein des Anstoßes für das Volksvor- urtheil waren. Es wurde in den arabischen Geschichtsbüchern Alles aufgesucht, was zu Gunsten der Arzneiwissenschaft sprach; man erinnerte an Abu Sana (Avi- cenna) als den gelehrtesten Arzt seiner Zeit, welcher der gebildeten Welt zuerst die Lehren des Hippokrates zugänglich gemacht habe; man zeigte, daß die Arzneikunst, die einst unter den Arabern in so großem Ansehen gestanden, auch jetzt noch ausgeübt werden dürfe, und bewies, daß die Kenntniß des lebenden menschlichen Körpers nur durch das Studium des thierischen Mechanismus an Leichen erlangt werden könne. Als diese Grundsätze Eingang gefunden hatten, war alles Übrige leicht. Der Zergliederungssaal war jedoch nur den Zöglingen zugänglich, die durch einen feierlichen Eid sich verpflichten mußten, Niemand zu entdecken, was in den Vorlesungen gelehrt wurde. Sie waren Eingeweihte, und das Geheimnis wurde bewahrt. Der türkische Verwalter der Anstalt war durch strenge Befehle gebunden, die zur Zergliederung bestimmten Leichen nur durch einen geheimen Eingang in den Saal zu bringen. Die Zöglinge mußten zugleich am Krankenbette dienen, um sich früh mit chirurgischen Operationen bekannt zu machen. Nach dreijähriger Lernzeit wur- ^ den sie in die Hospitäler oder zu den Regimentern versetzt. Diese Anstalt ist eine l der wichtigsten Einrichtungen, eine wundersame Neuerung in einem türkischen Lande, und wird gewiß dazu beitragen, die Köpfe aufzuhellen und die Herrschaft des Vorurthcils zu erschüttern. Für verstümmelte oder im Dienste untauglich gewordene Krieger wurde gleichfalls Sorge getragen, auch eine unerhörte Neuerung unter den Osmanen. Mohammed Ali hatte schon, este er in den Kampf gegen die Griechen gezogen 7''-A» ^etm eilMz .« WÄ ll iv.Ä «!I> Ägypten 43 Ä, dm '"'M W«>»i ! 4 7"° 7" ^ ^ gewöhn^ ^ e öb», « Z.IS O später n.,^ l-, »G wurde, seine Blicke auch auf das Seewesen gerichtet, welchem er seitdem eine immer größere Sorgfalt widmete. Alles war in dem klaglichsten Zustande; aufgehäufte Uneinigkeiten in den Schiffsräumen schadeten der Gesundheit der Mannschaft und machten das Holz faul; die Kanonen lagen zerstreut unter dem Ballast, und Niemand dachte daran, die Anführer verantwortlich zu machen. Der Pascha sah, daß er das Übel bei der Wurzel angreifen mußte, und auch hier zeigte er die kräftige Entschiedenheit, mit welcher er seine Umwandlungen auszuführen gewohnt war. Es war auch hier die Aufgabe, reife Männer zu unterrichten, die bis dahin einer Routine gefolgt waren, deren sich der gemeinste europäische Matrose schämen möchte; aber der Pascha wußte, daß sie, zum Lernen gezwungen, wenigstens Dasjenige fassen würden, was ihnen durch ihre praktischen Kenntnisse der Schissfahrt verständlich sein könnte. Die Hauptsache war jedoch, jungen Seeleuten ein Beispiel zu geben und einen Wetteifer unter ihnen zu erwecken, der nur bei jungen Leuten wirksam sein konnte. Es ward am Bord einiger alten Corvetten eine Seeschule errichtet, in welche eine bedeutende Anzahl junger Araber aufgenommen wurde, die man unter den Schiffern auf dem Nil aushob. Der Seelieutenant Nillnik und andere Franzosen übernahmen den Unterricht der Zöglinge, die in kurzer Zeit ungemeine Fortschritte machten. Die alten Offiziere mußten sich täglich in einem Saale der Admiralität zu Alexandrien versammeln, um Vorlesungen über die Schissfahrtskunde zu hören, und einige von ihnen ließen sich bewegen, auch Mathematik und Zeichnen zu lernen. Auf einer andern Corvette wurden hundert Zöglinge unterrichtet, die theils aus der Anstalt zu Caser el-ain kamen, theils Mam- lucken waren. Es war eine Pflanzschule für Offiziere. Die französischen Einrichtungen wurden auch beim Seewesen als Muster befolgt. Osman Bey entwarf nach den französischen Marineverordnungen ein Gesetzbuch für die Ägypter, doch mit mancher Veränderung, welche volksthümliche Sitten, religiöse Gewohnheiten, selbst die bestehenden Verwaltungsgrundsätze nothwendig machten. So nahm er unter andern eine Satzung nicht auf, die eine entehrende Dienstentlassung der Seeoffiziere verfügt, da, wie er bemerkte, das Ehrgefühl bei den Morgenländern nicht so fein sei als bei den Europäern, und ein solches Strafgesetz Denjenigen günstig sein würde, die sich dem Dienste entziehen wollten. Zu gleicher Zeit wurde das Seearsenal zu Alexandria unter der Leitung europäischer Offiziere in bessere Ordnung gebracht, aber es blieben noch viele Misbräuche in der Verwaltung zurück, die erst bei der 1829 erfolgten Umwandlung dieser Anstalt gehoben wurden, als der Franzose Cerisy die Leitung derselben erhielt. Der Pascha ließ in Marseille und Livorno Schisse bauen, bald aber ward auch unter der Oberaufsicht der Franzosen auf dem Werft in Alexandria eifrig gearbeitet. Diese Bemühungen hatten den glücklichsten Erfolg, und im Sommer 1824 konnte Mohammed Ali eine Flotte von 63 Kriegsschissen auslaufen lassen, um an dem Kampfe gegen Griechenland Theil zu nehmen. Alle Schiffe waren mit Arabern bemannt, die an Einsicht und Gewandtheit mit europäischen Matrosen wetteiferten. Die Offiziere leisteten weniger, da auch bei der Seemacht nur Türken die höhern Ossizierstellen erhalten konnten. Erst in den letzten Iahren setzte sich der Pascha mehr über das alte Herkommen hinweg, nach welchem Europäer nur neben türkischen Ossizieren befehligen konnten, und übergab dem ehemaligen Seecapitain Letellier und andern Franzosen den unmittelbaren Befehl über seine Seemacht. Ein umfassender Blick auf die Umbildung des Kriegswesens war nöthig, um uns die Eigenheit und das wahrscheinliche Ergebniß der neuen Gestaltung Ägyptens klar zu machen. In Europa widerstrebt eine Regeneration durch Bayonnette dem Zustande der Völker, unter den Osmanen aber scheint sie vom Feldlager ausgehen zu müssen, und wie der Koran durch das Schwert eingeführt und verbreitet wurde, so möchte jede, mit diesem Religionsbuch in Einklang stehende Umwand- 44 Ägypten lung etwas von demselben Geiste haben. Nur die Bildung eines regelmäßigen, der höchsten Gewalt unterworfenen Heeres kann die Mittel gewahren, der von den Statthaltern und der ganzen Beamtenhierarchie ausgeübten Willkürherrschaft Einhalt zu lhun, diese Despoten den allgemeinen Landesgesetzen zu unterwerfen, das Leben und Besitzthum des Unterthans zu beschützen, und in den Gemüthern die ersten Grundsätze allgemeiner Gerechtigkeit, und derjenigen Pflichten, die der Machtige wie der Schwache zu erfüllen hat, zum Bewußtsein zu bringen. Dieser wichtige Schritt zur Civilisation mußte in dem türkischen Reiche erst gethan werden, wo es bis jetzt keine Herrschaft der Gerechtigkeit gab, wo durch Gewalt oder durch Geld Alles erlangt und jedes Gesetz umgangen werden, wo der Arme sein Recht gegen die Macht nie geltend machen konnte. In Ägypten erscheint das Werk der Umwandlung noch schwieriger, wenn wir auf die Elemente sehen, welche die Bevölkerung des Landes darbietet. Die Bewohner bestehen aus zwei abgesonderten Volksstäm- men, den Osmanen und den Arabern, die theils Anbauer des Bodens (Fellah) sind, theils als Beduinen leben. Jene sind die Gebieter, welche alle Zweige der öffentlichen Gewalt leiten, die Fellah Unterthanen, nicht viel mehr als Sklaven. Die Türken, welche das mittlere Lebensalter überschritten haben, ohne mit den Unterrichtsgegenständen der neuern Zeit bekanntgeworden zu sein, zeigen sich hartnackig in ihren Meinungen, reizbar gegen Widerspruch, und es ist schwer, die Gewohnheit über Sklaven zu herrschen bei ihnen auszurotten. Sie sind nicht ohne Einsicht, aber ihre Trägheit, ihre weibische Lebensweise macht sie unfähig zu geistiger Anstrengung, und wenn sie nun auch die wissenschaftliche Überlegenheit der Europäer erkannt, und eingesehen haben, wie eitel ihre ehemalige Verachtung der Christen war, so fühlen sie doch die schwere Demüthigung, im vierzigsten Lebensjahre sich neuer Arbeit und wie Knaben einer strengen Zucht zu unterwerfen. Wie könnten sie sich leicht mit dem Gedanken versöhnen, sich mit ihren Sklaven gleichen Gesetzen und Anordnungen zu unterwerfen! So erfreulich es für die europäischen Lehrer war, unter solchen Zöglingen zuweilen Empfänglichkeit und Bildsamkeit zu finden, so konnten sie es sich doch nicht verhehlen, daß nur von dem aufwachsenden, strenger erzogenen Geschlechts etwas zu hoffen war. Den Türken gegenüber steht die übrige Volksmasse, welche, mit Ausnahme einiger Kopten in den Städten, arabischen Ursprungs ist. Arbeitsam, mäßig, ausdauernd, leicht fassend und bildsam, seit undenklichen Zeiten an Gehorsam gewöhnt, unterwerfen sie sich gern der neuen Kriegszucht, werden tressliche Soldaten und geben leicht alte Vorurtheile auf, die bei ihnen nicht, wie bei den Türken, mit den Annehmlichkeiten des Herrschens und der Üppigkeit vereinigt sind. Sie zeigen in ihrem Verkehr mit den europäischen Offizieren nichts von der Eifersucht und dem Stolze der Osmanen. Diese strenge Absonderung der beiden Volksstämme hatte auch auf die neue Heerbildung einen nachtheiligen Einfluß, und machte es weit schwerer, Offiziere als Soldaten zu bilden. Kein Araber konnte bisher über den Rang eines Lieutenants aufrücken; alle höhere Offiziere wurden aus dem türkischen Gefolge der Vornehmen, aus ihren Mamlucken, Pfeifenträgem und Schreibern genommen, und wenn diese Classe erschöpft war, kam jeder andere Osmanli oder Albanier an die Reihe, Menschen, die an Ausschweifungen und Raubsucht gewöhnt waren. Eine Folge dieser Einrichtung ist das dem Europäer so auffallende Verhältnis unter den Offizieren. Die Achtung des Untergebenen gegen seinen Obern hat das Gepräge des Knechtsinnes. Der Hauptmann ist der Diener des Obersten, der Gebieter des Lieutenants, und täglich sieht man einen Offizier seinem Vorgesetzten die Pfeife anzünden oder ihm und seinen Gästen Kaffee darreichen. Die Türken selbst leugnen nicht, daß sie, gewöhnt an barsches Gebieten, nie cme vollkommene militairische Hierarchie erlangen werden. Das verderbliche Gunstlingswcsen aber, das früher dem jungen Mamlucken, der den unnatürlichen Lüsten eines Mächtigen gedient hatte, den Weg zu Offizierstellen öffnete und selbst plen 7.'?!° »Kd b» Ä7-°s.« ^?"wchA -ichw.ch»,^,x '''U'WWtGrGvm ^''^chl'ükhreTrtziit, MUMH, M ^ MM» l>! WM Wm M Kst^M^eü z« scher UyMÄschm H rffckn, sikMiljie^H Ägypten 45 Mm Hmgs ls. RÄ- slit MdmWm Mn M ms ischm5W^ stanze !imn^chch sd'l>-°^''°«i- inrich^^^ > die Erhebung über ausgezeichnete Krieger verschaffte, hat seit der neuen Ordnung der Dinge fast ganz aufgehört, und vielleicht werden die Türken es der Einführung des Nizam Dfchedid verdanken, wenn ihre Sitten allmälig von der unwürdigsten Leidenschaft gereinigt werden. Werfen wir einen Blick auf den Zustand Ä.'s zu Anfange dieses Jahrhunderts, wo das Land ein Schauplatz der wildesten Gesetzlosigkeit war, so erstaunen wir über die Ergebnisse, die Ein Mann durch kraftigen Willen und durch den glücklichen Instinkt eines klugen Barbaren in dem kurzen Zeiträume eines JahrzehendZ hervorgerufen hat. Alles aber, was er gethan, war um so weniger auf die Erhebung des Volkes berechnet, als in diesem das Bedürfniß eines bessern Zustandet keineswegs erwacht war, sondern nur auf die Befestigung seiner Macht, und wen» seine Bemühungen darauf gerichtet waren, das jüngere Geschlecht heranzubilden, so wollte er in ihm nur Beförderer seiner ehrgeizigen Entwürfe erziehen. Er begünstigte die Verbreitung europaischer Bildung, weil er klug genug war einzusehen, daß Kenntniß Macht gibt, aber die Saat, die seine eigennützigen Bestrebungen ausstreuen, wird Früchte tragen, die er nicht ahnet. Ihm und seinen Rathgebern, weil sie Osmanen sind und fortan als Osmanen herrschen wollen, kann es nicht einfallen, dem Volke selbst einen Anstoß zu einer politischen Umwandlung zu geben, der zu einer Umwälzung führen würde. Besonders wichtig für die Zukunft sind Mohammed Ali's Bemühungen, der Jugend seines Landes, Türken sowol als Arabern, die Vortheile einer europaischen Erziehung zu gewahren. Seit 1826 schickte er viele junge Leute und unter ihnen Knaben von 8 — 16 Jahren nach Frankreich, wo sie unter Jomard, einem Mitglieds der französischen Akademie, theils in de» zur Leitung der öffentlichen Verwaltung erfoderlichen Kenntnissen, theils für Künste und Gewerbe sich ausbildeten. Einige haben in der Marineschule zu Brest Unterricht empfangen und bereits beide Ozeane von der Insel Bourbon bis Chile beschifft. Mehre dieser Zöglinge sind in ihr Vaterland zurückgekehrt und bei der Verwaltung angestellt worden, unter ihnen der Sheikh Rehafa aus Kahira, der in Paris verschiedene Wecke aus europaischen Sprachen übersetzt hat. Im Februar 1832 waren 28 Zöglinge im Begriff, nach Ägypten zurückzukehren. In Bulak bei Kahira wurde nach den Angaben des ehemaligen Professors der arabischen Sprache zu Paris, Don Rafael, eine Buchdruckerei angelegt, in welcher Araber, Türken, Italiener mrd Franzosen als Factors arbeiteten. Sie hat bereits mehre wissenschaftliche Werke geliefert. Seit 1829 erscheint hier eine Zeitung in türkischer u. arabischer Sprache: „Ereignisse von Kahira", die wöchentlich zwei Mal ausgegeben wird und außer politischen, meist aus französischen Blattern entlehnten Nachrichten, örtliche Anzeigen, Tagsbefehle der Commandanten der verschiedenen Militairdivisionen und andere amtliche Bekanntmachungen enthalt. Über jedem Blatte steht als Andeutung des neuen Tages, der dem alten Nillande leuchten soll, eine Pyramide, hinter welcher die Sonne aufgeht. — Der Pascha durfte sich nicht begnügen, durch solche Bildungsmittel die Begründung einer bessern Landesverwaltung vorzubereiten; die Bedürfnisse des Kriegswesens und der Finanzen machten es nothwendig, alsbald in die schwerfallige Verwaltung einzugreifen. Die neue Gestaltung des Landes war anfänglich blos auf die Ausbildung der Streitkräfte und der dazu nöthigen Anstalten beschränkt, und die einflußreichen Türken eilten nicht, die Rathschläge und Plane ihrer zuweilen ungeduldigen europäischen Gehülfen auszuführen, sondern blieben oft dem osmanischen Wahlspruche: „Wir wollen sehen (bucalnm)", getreu. Der Gang der öffentlichen Verwaltung war im höchsten Grade hemmend und hinderte jeden Fortschritt. Blieben die Statthalter der Provinzen mit ihren Zahlungen einige Jahre im Rückstände, so mußte der Pascha sich seiner ersten Staatsbeamten berauben, um die Verdächtigen zu schrecken und ihre Rechnungen untersuchen zu lassen. Die ersten Staatsdiener befaßten sich mit einer Menge streitiger Kleinigkeiten, die in den 46 Ägypten Händen der untersten Beamten hatten bleiben sollen. Die Mangel der Provinze- Verwaltung machten besonders auch die Ergänzung des Heeres zu ciner dru^enden Last für das Volk. Sollten 12,000 Mann zum Dienste ausgehoben werden, st kamen 72 000 Köpfe ins Lager, darunter 30,000 Untaugliche und 22,000 Weiber Kinder und Greife, welche den, durch die Willkür launischer oder habsüchtiger Beamten zusammengetriebenem Dienstpflichtigen folgten, und oft auf mehre Wochen ihrer fernen Heimath und ihren hauslichen Erwerbsbeschäftigungen entrissen wurden. Mohammed Ali wählte auch hier mit gesundem Blicke das rechte Mittel, von dem Zustande der Provinzen sich zu unterrichten und Ordnung in die Civilver- waltung und Rechtspflege zu bringen. Es war eine in einem türkischen Staate merkwürdige Maßregel, die er 1829 ergriff. Er ließ die Statthalter der Provinzen, die Kiaschefs, die ersten Vorsteher der Städte und Dörfer, nach Kahira kommen, um sich mit ihnen zu berathen. Die Versammlung bestand aus beinahe 200 Mitgliedern, zu welchem auch die ersten Lehrer und Vorsteher der vier mohammedanischen Glaubensparteien gehörten. Die untern Provinzialbeamten kehrten nach dem Schlüsse der allgemeinen Berathungen in ihre Sprengel zurück, die übrigen Mitglieder aber setzten ihre Sitzungen regelmäßig fort. Der Pascha ließ der Versammlung die allgemeinen Verwaltungsangelegenheiten, besonders Alles, was Abgaben, Canalbau, Anlegung von Dämmen und Fabriken betraf, vorlegen, und Jeder durfte frei seine Meinung aussprechen, selbst Privatpersonen war es erlaubt, ihre Beschwerden vor die Versammlung zubringen. Es wurde zu gleicher Zeit verfügt, daß in jeder Provinz ein aus den angestellten Beamten bestehender Verwaltungsrath gebildet werden sollte. In der Versammlung zu Kahira, dem Divan, war die vollziehende Gewalt vereinigt, und sie wies den Verwaltungsräthen in den Provinzen die Gegenstände ihrer Berathungen an. Zur Vereinfachung des Rechnungswesens wurde die Einführung der doppelten Buchhaltung verordnet, und die Verfügung gegeben, daß die Stellen von Rechnungsbeamten nur Eingeborene erhalten sollten, welcher Glaubenspartei sie auch angehören möchten, während seither nur Fremdlinge, Armenier, Juden und Griechen, dazu berufen wurden. In Kahira ward ein Archiv für die Staatsrechnungen angelegt. Für die Rechtspflege wichtig war die Abschaffung der Todesstrafe, die nur bei politischen Verbrechen und bei Diebstählen der Kopten, die einige der ersten Staatsämter bekleiden, stattfinden, bei allen andern Vergehungen aber in Zwangarbeit von verschiedener Dauer verwandelt werden sollte. Strafurtheile auf Zwangarbeit wurden allein dem Divan zugewiesen, vor welchem aber jeder Angeklagte seine Verteidigung führen konnte. Um dieselbe Zeit ward in Kahira eine praktische Verwaltungsschule zur Bildung von Provinzialbeamten gegründet. Der Vorsteher dieser Anstalt lehrte die Provinzialverwaltung, und ein Dorfschulze (Sheikh el-Beled) unterrichtete im praktischen Landbau und in der Agriculturstatistik der Provinzen. Zur Erleichterung der Verwaltung wurde Mittel- und Unterägypten, nach den von dem französischen Ingenieur Coste und seinen ägyptischen Zöglingen seit 1818 gemachten Vorarbeiten, in 16 Landschaften geseilt, die in Bezirke und Unterbezirke zerfielen. Unter allen Zweigen der Verwaltung zeigt das Finanzwesen am meisten das Gepräge osmanischer Willkürherr- schaft. Außer dem Ertrage der Steuern und Zölle von eingeführten Waaren, fließen der Regierung ansehnliche Einkünfte aus kaufmännischem Gewinn zu. Der Pascha kauft die Landeserzeugnisse zu festgesetzten Preisen und überläßt sie oft mit großem Vortheile fremden Kaufleuten. Zu den einträglichsten Erzeugnissen gehört die Baumwolle, deren Anbau der Franzose Jumel einführte, und die jetzt seinen Namen tragt. Dieser wichtige Culturzweig hat das ganze Handelssystem Ä.'s verändert und bringt der Regierung unermeßlichen Gewinn. Jumel gründete zugleich mit großen Kosten für den Pascha eine Fabrik in Bulak, wo man die Baumwolle durch Maschinen zu dem feinsten Garn spinnt und Aeuche webt, bleicht, färbt D,..jF 7 M ^ ^!>>W '77-«'s I>, „ st 7 . . Akjerman 47 j, ' ^ ^leA ' ^ oder druckt. Dle Einkünfte, die das verderbliche Monopolsystem dem Pascha liefert, ! ^ wurden durch die Kriegsrüstungen erschöpft, welche die Theilnahme an dem Kampfe / W gegen die Griechen nothwendig machte. Das Heer war nach Planat zu Anfange des Jahres 1828 auf 55,000 Mann angewachsen, und die Schiffsbauten verschlan- gen große Summen. Der Landbau verfiel, und die Noch des Volks stieg durch ^ -sGz^?' vermehrt Aushebung und erhöhte Abgaben. Die Entwürfe der französischen Re- NH."' gierung gegen Algier veranlagten auch den Pascha, sich zu rüsten, nicht fowol, weil ihn die Antrage der französischen Negierung, an dem Kampfe Theil zu nehmen, geiz^ ? ^ ^ lockt hatten, als um sein Land bei jeder Wendung der Ereignisse schützen zu können. ^ Die Besetzung der Insel Kandia (1830) foderte neue Anstrengungen. In solchen ^ ^ Düser M Finanznöthen nahm der Pascha seine Zuflucht zu dem Mittel, die Landeserzeug- nisse im Voraus oder mit bedeutendem Verlust zu verkaufen, um seine Eassen ^NerßeürM'.'. schnell .zu füllen, so sehr der Handel dadurch litt. 7! Presch,',^ ^^lNU Ägypten hat eine Volksmenge von beinahe .3 Mill., ohne die in den benach- barten Wüsten gelagerten, dem Pascha unterworfenen Beduinen, die ihm beson- ders Reiterei liesern. Die übrigen ihm gehorchenden Lander sind: Dongola, Sen- . naar und Kordofan, oder das nubische Gebiet jenseit der Katarakte bis an die Grenzen von Dar-Fur und Habesch; die Landschaft Hedschas mit den heiligen Städten Mekka und Medina, und die Insel Kandia, die 1830 durch einen Fer- es MsiihreBGW man der Pforte mit dem Paschalik Ä. vereinigt wurde, obgleich die Statthalter von ^ Kandia und Rettimo dem Sultan unmittelbar verantwortlich bleiben sollten. Das M nubische Gebiet steht unter einem Militairgouverneur, der 1826 einen französi- - sehen Lehrer und einen Wundarzt mitnahm, und von dem Pascha den Befehl er- ,/? iW die K hielt, Spitaler anzulegen und den Ackerbau zu befördern. An eine geordnete Ver- waltung ist in diesen abhangigen Gebieten noch nicht zu denken, wo nur Willkür- M M üe KchG Mk Herrschaft waltet. Der Kriegszug nach Syrien, den Mohammed Ali unter dem Vor- Mm Mm, Mi wände, die in diesem Lande ausgebrochenen Unruhen zu stillen, im October 1831 nd sMr MjsMM, A- unternahm, hat die Pforte zu Erklärungen veranlaßt, die ihre Besorgnisse gegen l Z Wa m!> kiii M die Absichten des ägyptischen Machthabers verrathen. Sein Sohn Ibrahim Pascha MdieWch verließ Ä. mit einem Heere von 25,000 Mann und einem zahlreichen Geschwader, md üi MMül "nd rückt siegreich gegen den Libanon vor. Hat der Pascha die Absicht, das schwache bä M mW Band der Abhängigkeit, das ihn noch an die Pforte knüpft, völlig zu lösen, wie es . " «mM mdüi s^"e seitherigen Unternehmungen, trotz aller Unterthänigkeitsbetheuerungen, verra- MWM«! ihen, so muß der Besitz Syriens ihm wichtig sein, um in dem, das Land durchzie- M M henden Gebirge seinem Staate eine sichere Grenze zu geben. War dies, doch die ssühmdM'!' ^ ^ Politik aller unabhängigen Beherrscher des Nillandes! Die Losreißung Ä.'s vom osmanischen Reiche muß eine entscheidende Veränderung in dem Zustande des Lan- tt die^tviNz>äl-^''" des herbeiführen. Die Umwandlung Ä.'s ist schon jetzt weiter gediehen als die durch Mahmud (f. Bd. ?.) in der europäischen Türkei versuchte Umbildung, weil die Lage des Landes mehr geschützt ist und der Charakter seiner Bewohner dem Unternehmen günstig war. Wird, was Mohammed Ali begonnen, Wurzel fassen, H.'in 1b oder was allein sein Werk war, mit ihm untergehen ? Die Lösung dieser Frage '''I'-'M hängt größtenteils von den nächsten Schicksalen des Landes und von dem Um- - "stände ab, ob diese eine Verschmelzung der beiden jetzt gesonderten Volksstämme be- ' günstigen werden. Wird Ä. ein unabhängiger Staat, werden die herrschenden Os- llt manen nicht mehr wie seither durch Zuwachs aus der Levante ergänzt, so wird ihr Stamm wahrscheinlich erlöschen, da die Türken in Ä. meist in unfruchtbaren Ehen leben, und der kräftige arabische Stamm, durch Mohammed Ali's Einrichtungen ; Md ^ jej' s herangebildet, wird seine Unabhängigkeit erringen können. — Eine Quelle der neue- n'N.'l strn Geschichte Ägyptens bis 1828 ist I. Planat's „Histoire de la reAenerution de 1'L^pte" (Paris 1830). ä Akjerman (poln. Bialogrod, deutsch Weißenburg), Stadt von 13,000 43 Akjerman Emw. in der russischen Provinz Bessarabien, von den Genuesem erbaut und am Li- man, einem Busen des Dniester, gelegen, mit einem Hafen am schwarzen Meere, einer Citadelle und wichtigen Salzseen in der Nähe, hat durch die daselbst von russischen und türkischen Commissarien im Sept. und Oct. 182k gehaltenen Eon, ferenzen und abgeschlossene Convention eine diplomatische Merkwürdigkeit erhalten. Kaiser Nikolaus hatte dem, vom britischen Staatsminister Canning in der türkisch-griechischen Angelegenheit nach St.-Petersburg gesandten Herzoge von Wellington erklärt, daß er zwar hinsichtlich der Pacisi'cation und Unabhängigkeit Griechenlands mit Großbritannien und Frankreich gemeinschaftlich handeln wolle, daß er aber von dieser europäischen Frage die russisch-türkische als ganz getrennt betrachte. Der Kaiser weigerte sich daher das Versprechen zu geben, daß er seine Streitigkeiten mit der Pforte nicht mit den Waffen schlichten wolle, und protestirte förmlich gegen alle Einmischung fremder Diplomatik in diese Angelegenheit. In- deß erklärte sich das russische Cabinet bereit, die unterbrochene diplomatische Verbin« dung mit der Pforte wieder anzuknüpfen und noch einmal den Weg der Güte durch Unterhandlungen in A. zu versuchen. Um nun den Ausbruch eines Krieges zwischen Nußland und der Pforte zu verhindern, unterstützte der großbritannische Botschafter in Konstantinopel, Sir Stratford Canning, das von dem russischen Geschäftsträger Minziaky dem Reis Effendi am 5. April 1826 übergebene Ultimatum, worin die genaue Vollziehung des Friedens zu Bukarescht und Genugthuung wegen des bisherigen feindlichen Verfahrens der Pforte gegen Nußland, sowie die Absen- dung von türkischen Bevollmächtigten an die russische Grenze gefodert wurde, um daselbst mit russischen Bevollmächtigten die obwaltenden Streitigkeiten friedlich zu schlichten. Noch ehe die gesetzte Frist von sechs Wochen abgelaufen war, entließ dis Pforte die serbischen Deputirten aus ihrer Haft; zugleich ordnete sie die Wiederherstellung des Auslandes in der Moldau und Walachei an, wie solcher vor der Insurrection im 1.1821 gewesen, und ernannte den Seid Mehemet Hadi Effendi, Generalcontroleur von Anatolien, und den Kadi von Sophia, mit dem Range eines Molla von Skutari, Seid Ibrahim Jffet Effendi, zu ihren Bevollmächtigten für die Unterhandlungen mit Rußland. Allein die russischen Bevollmächtigten, der Graf Michael von Woronzoss, Militair-Generalgouverneur von Neurußland, und der Geheimerath Marquis Alexander von Ribeaupierre, mußten wochenlang auf die Ankunft der türkischen Bevollmächtigten warten, weil die Pforte unter allerlei Vorwänden Zeit zur Organisation ihrer neuen Truppen zu gewinnen suchte, und so spät als möglich zu dem, für den ottomanischen Stolz so demüthigenden Schritte sich bequemen wollte, auf russischem Gebiete die Federungen ihres Erbfeindes, gleichsam in Gegenwart der am Pruth aufgestellten russischen Armee, zu vernehmen. Nachdem die türkischen Diplomaten schon am 9. Iun. von Konstantinopel abgereist waren, trafen sie erst am 5. Aug. in A. ein, wo sich der russische Staatsrath Fonton nebst der Kanzlei bereits seit dem 3. Iul. befand, die russischen Bevollmächtigten aber am 4. Aug. angelangt waren. Die erste Conferenz wurde am 6., die zweite am 7., und eine dritte am 9. Aug. gehalten. Protokollführer war Baron Brunoff. Die türkischen Commissarien gaben anfangs auf die obschwe- benden Fragen, besonders hinsichtlich der Festungen in Asien, ausweichende Antworten, und schienen nicht einmal mit hinlänglicher Vollmacht versehen zu sein, sodass endlich im Sept. die russischen Commissarien im Namen des Kaisers erklärten, daß, wenn bis zum 7. Oct. keine genügende Antwort auf alle Fragen ertheilt, und die ihnen vorgelegten 82 Artikel nicht angenommen wären, die russische Armee über den Pruth gehen und ohne Weiteres die Moldau und Walachei besetzen werde. Die türkischen Commissarien sandten sogleich mit dieser Erklärung einen Kurier nach Konstantinopel ab. Auf die gleichzeitige Drohung Minziaky's, Konstantinopel zu verlassen, erklärte ihm der Reis Effendi, mit sehr bittern -KS W iWWBMzli MttN'Ä, z. N». ^ II! '.s°ch> Alava 49 Vorwürfen über Ruflands Art zu verhandeln, daß er die zu den Unterhandlungen nöthige Vollmacht bereits nach A. geschickt habe. Da die Pforte jetzt nicht langer ausweichen konnte, so gab sie ihren Commissarien die Weisung: sie möchten nur das Unvermeidliche zugestehen; den Gjaurs brauche man ja doch das Versprochene nicht zu halten, sobald die Zeit günstiger sei. Hierauf unterzeichneten die türkischen Bevollmächtigten am 0. Ott. (25. Sept.) Abends die ihnen schon im August, in Form einer Zusatzconvention zum bukareschter Frieden vorgelegten, jetzt in acht Artikel zusammengefaßten Punkte. Der Kaiser von Rußland bestätigte diese akjermaner „Oonvention uckckitionnelle" am 26. (14. Oct.); der Großherr hatte ihr am 24. Ott. seine Ratification ertheilt. In der Hauptstadt hatte es nämlich mehre unruhige Bewegungen gegeben, was den Entschluß der Pforte beschleunigt haben mochte. Das Instrument der großherrlichen Bestätigung ward in A. am 7. Nov. übergeben, und am 8. erfolgte die Auswechselung der Ratificationen. Am 29. Nov. wurde diese zu A. abgeschlossene Convention in St.-Pe- tersburg amtlich bekannt gemacht, als „ein Ergänzungsact aller Artikel des bukareschter Tractats, die von der Pforte seit 1812 nicht erfüllt worden, bestimmt, Rußlands Territorialbesi'tz an den Küsten des schwarzen Meeres zu sichern, und alle Privilegien in Vollziehung zu bringen, deren sich die Moldau, die Walachei und Serbien unter dem schützenden Einflüsse des Petersburger Cabinets zu erfreuen ha» ben sollen". Rußland erhielt durch diesen von ihm zu A. erkämpften diplomatischen Sieg: die freie Schifffahrt für seine Flagge auf dem schwarzen Meere und Sicherheit gegen die Corsaren der Barbaresken; die Errichtung von Divans in der Moldau und Walachei; die Wiedererwählbarkeit der dortigen Hospodare nach ih'- rer siebenjährigen Regierungsverwaltung; die Herstellung der Privilegien Serbiens, in welcher Provinz die türkischen Truppen blos die Festungen besetzt haltensollten; die Anerkennung der durch eine gemischte Commifsi'on zu liquidiren- den Privatfoderungen der russischen Unterthanen. Die am 2. Sept. 1817 bee schlossene Grenzbestimmung an der Donau ward von der Pforte anerkannt. Di- asiatischen Grenzen zwischen beiden Neichen sollten bleiben, wie sie jetzt bestehen. (Dieser Artikel war wol absichtlich sehr geschraubt abgefaßt, um der Pforte das -MMM W NmM, Gcständniß zu ersparen, daß die von Rußland in Asten befetzt gehaltenen türkischen nchMz Festungen Nußland verbleiben sollten.) Da die Artikel der akjermaner Convention MWtckuMäc durch den Friedenstractat von Adrianopel (s. d.) manche nähere Bestimmung und eine größere Ausdehnung erhalten haben, so geben wir den Inhalt derselben !v hl'er nicht vollständig an, sondern verweisen auf das „Polit. Journ.", 1826, Dec., und auf die „Allgem. Zeitung", 1826, welche in Nr. 347 den Haupt- tractat und in den Beilagen zu Nr. 356 und 357 die beiden Zusatzacten wegen Moldau und Serbien, ebenfalls vom 6. Oct. (25. Sept.) 1826 datkrt, aus- 'W ^ ^ führlich mittheilt. Eine unmittelbare Folge der Convention von A. war, daß der -- ^ ^ strM schon früher zum russischen Botschafter bei der Pforte bestimmte Marquis von Ri- : M Z. beaupierre in dieser Eigenschaft sich unverzüglich nach Konstantinopel begeben sollte, . M> Dt ^ MjL um theils die Vollziehung jener Convention zu betreiben, theils und vorzüglich aber, st:, um an die Unterhandlungen sich anzuschließen, welche der britische Botschafter da- .M aMM ^ selbst, in Folge der am 4. April 1826 in St.-Petersburg zwischen England und I in AM Rußland zu Stande gekommenen Übereinkunft in Betreff Griechenlands und seiner ' .ikAschtrtl!.Pacisication, bereits eingeleitet hatte. Herr von Ribeaupierre traf am 11. Febr. ^3 "ssMil it5 x 1827 in Konftantinopel ein. (7) ^ ^M alle öMAlava (Miguel Ricardo d'), spanischer General, geb. 1771 zu Vittoria. Er trat früh in den Seedienst und zeichnete sich so sehr aus, daß er Fregattencapi- uMM tain wurde, ging aber bald mit gleichem Range in die Landarmee über. Als Na- .'ttS ^ diesig poleon das Haus Bourbon zur Abdankung genöthigt hatte, war er Mitglied der Versammlung zu Bayonne und unterzeichnete die neue von Frankreich gegebene Ak Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 4 SM IM VK TtMDll Mich: Mich Mle jie die Wiek Mch'/l!/?, M Mss N i! MÄMmitwRlMei eck, zu ii)M NevellMH^ die mMll BevvlliNiichtizlN, 50 ALava Verfassungsurkunde. Er begab sich darauf nach Viktoria, um den König Joseph m empfangen, und war eifrig bemüht, die Hindernisse zu besiegen, welche die Feinde des neuen Herrfchers entgegensetzten. Nicht lange vor der Schlacht bei Albuera (1811) verließ er Josephs Fahnen und ging zu dem Heere der Jndependenten über. Wellington zeichnete ihn bald aus und machte ihn ül feinem Adjutanten. Nach der Schlacht bei Vittoria bemühte A. sich, zuerst in seine Vaterstadt einzudringen, um die Plünderung derselben zu verhindern. Bald nachher erhielt er durch seines Gönners Einfluß, außer andern Belohnungen, die Wurde eines Generals. Er blieb an der Seite des Oberfeldherrn bis nach der Schlacht bei Toulouse, und ging dann nach Spanien zurück; aber seine Dienste hatten die Erinnerung an seinen frühem Abfall in Ferdinands Seele noch nicht ganz ausgelöscht. Der König ließ ihn verhaften, gab ihm jedoch nach einigen Tagen, auf Wellingtons Fürsprache, die Freiheit wieder, und A. wußte sich in der Gunst Ferdinands so festzusetzen, daß cr zum Gesandten am niederländischen Hofe ernannt wurde, wobei auch der Einfluß des Prinzen von Oranien wirksam war. Während des Krieges hatte A. sich den Vorwurf zugezogen, seinen Einfluß auf Wellington zu wenig benutzt zu haben, um die Leiden seiner Landsleute zu mildern, die zu andern politischen Parteien gehörten. Besonders zeigte er seine Unduldsamkeit gegen den gelehrten Zea (f. Bd. 12), der in der Schlacht bei Vittoria gefangen ward. A. behandelte ihn sehr unfreundlich und überließ ihn, den Kranken und Hülflosen, seinem Schicksale. Empört über diese Behandlung, suchte Zea zu entrinnen, um nach Amerika, seiner Heimath, zu kommen, wo er zur Befestigung der Freiheit EoloMbias nicht wenig beitrug. Am niederländischen Hofe zeigte A. mehr Schonung gegen die verbannten Spanier, und während er die strengen Befehle seines Königs befolgte, die ihm vorschrieben, die polizeilichen Gesetze des Landes gegen die spanischen Flüchtlinge anzurufen, unterstützte und tröstete er sie heimlich. Er ward 1819, vielleicht cbm dieser Milde wegen, zurückberufen. Nach dem Ausbruche der neuen Revolution (1820) ward er von seiner Provinz zum Abgeordneten bei den Eortes erwählt. Er schlug sich zur Partei der sogenannten Epaltados und sprach in der Versammlung oft laut gegen die Servilen. Seinen Worten treu, wartete er nicht die Wendung ab, welche die Ereignisse nehmen konnten, sondern trat schon am 7. Jul. 1822, beim Aufstande der Gegner der Constitution, in die Reihen der Miliz zu Madrid, und unterstützte die für die neue Verfassung kämpfenden Generale Murillo und Ballesteros. Später ging er mit den madrider Milizen nach Cadiz, wohin die Eortes den König führten. Als das französische Heer Cadi; im September 1828 eingeschlossen hatte, ward A. von den Eortes in das Hauptquartier des Herzogs von Angouleme geschickt, um Unterhandlungen anzuknüpfen. Die verlangte Bedingung der Übergabe und der Freilassung des Königs, die Gewährung einer freien Verfassung, wurde von dem Prinzen abgewiesen, welcher erklärte, daß nicht eher, bis Ferdinand Vit. frei im französischen Hauptquartier erschienen sei, Unterhandlungen eröffnet werden könnten; bei einer spätem Sendung aber erhielt A. die Versicherung, daß der Herzog seinen Einfluß benutzen werde, um den König zur Gewährung einer dem Glücke Spaniens angemessenen Verfassung zu bewegen, und daß alle Anhänger der Revolution, nach der Übergabe der Stadt, völlige Sicherheit genießen und volle Freiheit erhalten sollten, das Land zu verlassen. Zwar hatten diese Zusicherungen, aufweiche die verbannte Partei sich später berufen hat, nicht den Abschluß einer Unterhandlung zur Folge, aber die Bekanntmachung, welche vor des Königs Abreise in das franz. Hauptquartier in seinem Namen erlassen wurde, wiederholte den Inhalt jener Zusagen. Ferdinand erklärte alsbald alle Beschlüsse der constitutionnellen Regierung bis zum Tage seiner Befreiung für ungültig, und Zt. ging von der Insel Leon mit der Mehrzahl der Eortesmitglieder und anderer AnHanger der Revolution nach Gibraltar und spater nach England. . V' , . - S . .--V «.'Ms - i Wßli»zich, 2- AS-MM.,.,, Albert 5L Albert (Ludwig von), herzogl. anhalt-köthenscher geh. Finanzrath, geb. am 1?. Jul. 1783 zu Reinsdorf, einem Dorfe in Köchen, wo fein Vater Okonomie- beamter war. Seine Neigung zur Landwirthfchaft wurde schon in den frühesten Jugendjahren durch den Umstand geweckt, daß seine Altern ihm ein Stück Land zum eignen Anbau übergaben, von dessen Ertrage er seine sämmtlichen Bedürfnisse zu bestreiten hatte. Mit guten landwirtschaftlichen Kenntnissen ausgestattet, konnte er bereits in seinem 19. Jahre die Bewirtschaftung eines bedeutenden Gutes in Thüringen übernehmen, die er mit glücklichem Erfolge führte. Spater pachtete er nach und nach mehre bedeutende Landgüter in Preußen und Anhalt. Die Verlegenheit, in welche die Landwirthe seit 1818 durch das Sinken der Getreidepreise geriethen, reizte ihn, auf Mittel zur Abhülfe des Übels zu denken, und so entwarf er einen Wirthschaftsplan, durch welchen er ein für Landwirthe und Arbeiter angemessenes Verhältnis; herbeiführen zu können glaubte. Die Grundzüge des Planes bestanden darin, die Landarbeiter mit einem verhältnißmaßigen Theile der durch ihre Arbeit gewonnenen Ernte zu bezahlen und sie dadurch an den Vortheilen und Nachtheilen der Zeitverhältnisse Antheil nehmen zu lassen, die so hoch gestiegene baare Geldlöhnung aber abzuschaffen-, durch den gewahrten Antheil an dem Ertrage des Bodens die Thätigkeit der Arbeiter anzuspornen und ihren Vortheil mit dem Interesse des Grundeigenthümcrs innig zu verknüpfen, die Bewirthschaftung durch Entfernung des unnöthigen Zugviehes, besonders der Pferde, und durch Minderung der Handwerkerrechnungen und der Aceorde zu vereinfachen, endlich aber auch die arbeitende Elasse sowol bei dem höchsten als dem geringsten Preise der landwirtschaftlichen Erzeugnisse in Stand zu setzen, ihr Auskommen zu gewinnen. Als der verstorbene Herzog von Anhalt-Köthen mit diesen Ansichten bekannt wurde, beschloß er, den vorgeschlagenen Wirthschaftsplan bei der Verpachtung seiner Do- mainen auszuführen. Es sollten dabei theils die Gctreidepreise, theils die Wollpreise zum Grunde gelegt, der Pachtzins nach Verhältniß derselben gesteigert, aber zugleich ein niedrigster und ein höchster Satz angenommen werden, um auch dem Pachter Spielraum zu lassen. Verpächter und Pachter mußten zwar den Wechsel der Zeitumstände und der Getreidepreise gemeinschaftlich tragen, der Pachter aber, obgleich er in einer für die Landwirthfchaft besonders ungünstigen Zeit vielleicht nur einen geringen Gewinn erlangen könnte, sollte doch vor gänzlichem Verderben geschützt werden und die Überzeugung erlangen, daß bei guter Wirthschaft das Pachtgut lange in seinen Händen bleiben müßte, da die Verpachtungsgrundsatze für alle Zeitumstände und alle Schwankungen der Preise festgestellt wurden. Der Urheber dieses Plans ward 1827 mit dem geheimen Finanzrathe von Vehr nach dem südlichen Rußland geschickt, wo der Herzog bedeutende Grundbesi'tzungen erworben hatte, und erhielt den Auftrag, das Ansi'edlungsgeschäft und die landwirtschaftlichen Anstalten zu leiten. Im folgenden Jahre ward er nach Berlin gesendet, um den Vertrag über den Beitritt des Herzogthums Anhalt zum preußischen Zollsysteme abzuschließen, und wurde nach seiner Rückkehr in den Adelstand erhoben.— Über den praktischen Werth des von A. vorgelegten Plans sind sehr abweichende Urtheils gefällt worden. Während Adam Müller in seinen „Verhandlungen über den Al- bert'schen Wirthschaftsplan" (1824) das neue Cultursystem anpries und es benutzte, um seiner vielfach angefochtenen Theorie des Geldes eine neue Stütze zu geben, wurde von Andern eingewendet, daß die Idee, den landwirtschaftlichen Arbeiter zum Theil mit Erzeugnissen des Bodens zu bezahlen, sowol um ihn gegen die springenden Preise der Nahrungsmittel zu sichern, als auch um die Geldausgaben der Grundbesitzer zu vermindern, nichts weniger als neu sei und fast überall in Deutschland in Anwendung komme, daß aver gegen den Vorschlag, die Arbeiter für jede auf den Ackerbau sich beziehende Arbeit mit einem Antheil der Ernte zu bezah- 4 ^ »« 52 Alexius Friedrich Christian len, um den Nachteilen schwankender Getreidepreise zu begegnen, große Bedenklichkeiten sich erheben. Schon die Einteilung und Zutheilung des Antheils der Ernte bemerkte man, habe viele Schwierigkeiten, welche, wenn nicht eine Partei unbedingt darüber entscheide, wie es doch nicbt geschehen dürfe, wenn beide Vertragschließende freie Leute seien, zu hausigen Streitigkeiten Anlaß geben würden, und auf der andern Seite müsse durch die vorgeschlagene Art der Arbeitslöhnung die Mühe des Empfangs, der Aufbewahrung und des Umsatzes der Bodenerzeuge nisse sehr vermehrt werden. Die Vortheile des neuen Wirthschaftsplans, setzt« man hinzu, seien auch nicht so einleuchtend, als die Vertheidiger desselben glauben. Der gemeine Landarbeiter werde dadurch im Ganzen eher mehr einbüßen als er ge, Winne. Bei fallenden Getreidepreisen könne er für den Überschuß über den Nah« Ms rungsbedarf weniger anschaffen, als ihm, nach dem Mittelpreise berechnet, zugedacht sei, und wenn er bei steigenden Preisen mit dem gewonnenen Gelde mehr als seinen Bedarf bestreiten könne, so würde es ihm auch bei Geldlöhnen daran nicht gefehlt haben, da bei steigenden Preisen, wenn sie nicht aus Misernten herrühren, die Nachfrage nach Arbeit sich vermehre und derArbeitslohn steige. Das Ergebniß dieser Erörterungen war, daß der empfohlene Wirthschaftsplan nur in einzelnen Fallen mit Vortheil ausgeführt werden, keineswegs aber als allgemeine landwirthschaft- liche Regel gelten könne, und die Zeit scheint diesen Ausspruch bestätigt zu haben. Vgl. des Staatsraths von Jakob gründliches Urtheil über diese Angelegenheit im „Lit. Conv.-Blatt", 1824, Nr. 89 — 91. Alexius Friedrich Christian, regierender Herzog zu Anhalt-Bern- burg, geb. auf dem Schlosse Ballenstadt den 12. Jun. 1767, machte in seiner Jugend mehre Reisen, z. B. 1784 nach Paris, vermahlte sich 1794 mit der ältesten Tochter des Kurfürsten von Hessen-Kassel, Wilhelms I., und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 10. April 1796 zur Negierung, in einem verhängnißvollen Zeitpunkte und unter schwierigen Verhältnissen. Auch der Kurzsichtigste konnte nicht verkennen, daß dem deutschen Reiche, welches bisher die Erhaltung der kleinen fürstlichen Staaten geschützt hatte, eine wichtige Veränderung bevorstand, welche durch die Vergrößerungssucht der größern Staaten beschleunigt wurde. Die bernburgi- schen Länder waren unter der dreißigjährigen Negierung des Fürsten Friedrich Albrecht durch verschwenderische Hofhaltung und durch die Neigung zu weitaussehenden, kostspieligen Bereicherungsentwürfen sehr verschuldet worden. Der neue Regent suchte diesem Übel, ohne Abgabenbelästigung seiner Unterthanen, durch Ordnung und Sparsamkeit abzuhelfen, während er durch Theilung der Länder der ausgestorbenen anhalt-zerbstischen Linie die Ämter Koswig und Mühlingen gewann, 1806 vom Kaiser Franz II. für sein Haus die herzogliche Würde erhielt und im folgenden Jahre dem Rheinbünde beitrat. Nach dem Aussterben des anhalt- bernburg-schaumburgischen Mannsstammes, einer Nebenlinie, siel ihm (1812) nach mehrjährigem Rechtsstreite das Amt Hoym zu. Er trennte sich 1818 vom rheinischen Bunde, besuchte den Congreß zu Wien, trat 1815 dem deutschen Bunde, und 1817 der heiligen Allianz bei. Von seiner Gemahlin, die ihn zum Vater zweier Kinder, der mit dem Prinzen Friedrich von Preußen vermählten Prinzessin Wilhelmine Louise und des Erbprinzen Alexander Karl, machte, trennte ersieh 1817. Indem der Herzog während seiner Regierung die von außen drohenden Stürme durch richtige Würdigung der Zeit beschwichtigte, geschah für sein Land viel Preiswürdiges. Die überkommene Schuldenlast wurde vermindert, und mit jedem Jahre der Zustand des Staatshaushaltes verbessert; die Sparsamkeit hatte aber ihre Grenzen, sobald Beförderung der Landeswohlfahrt es erheischte. Verbesserung aller polizeilichen Anstalten, Anlegung von Magazinen für die Nothzeit, Dorf- und Gesindeordnungen, Beförderung der Landescultur und des Ackerbaues, Ablösung der Frohn- und Spanndienste wie der Zehnten, Bepsianzung der Anger und Wege 'MM 7 »HO iMchickM Aiilx ^DKÄckiK Algier 53 ASK« ÄS« ?>rs SSL- liliWhÄM M 9 b?, mchnichlNK kt ^rzMUe ic>M nichl dieE^iltm^erAMM >Mnzbevl>rM»-ch^ -Wgl Wide, Di- wbch i sMlWchMM.l.. erh tzrWOB',.. S«K di-«°°K.!.s''' K?-' mit Fruchtbaumen, tressliche Heerstraßen, gut verwaltete, zu Musterwirtschaften dienende Domainen, neue Belebung des Bergbaus, besonders des Eisenhüttenbetriebes, durch Verbindung mit sehr vervollkommneten Gießereien, gute Forstverwaltung, Beschrankung des Wildstandes und des Iagdunfugs, nützliche Bauten, Ve» förderung des Gewerbfleißes—- waren die Resultate der Regierungsweise des Her» zogs, welche mit gleicher Sorgfalt die geistige und sittliche Wohlfahrt des Landes beachtete. Besonders wurden das Kirchen- und Schulwesen, sowie Witwen- und Walsenversorgung, ohne von schädlicher Neuerungssucht betroffen zu werden, zeitgemäß gepflegt und zum Segen des Landes ausgebildet. Die beiden protestantischen Con- fesstonen wurden 1820 zu einer evangelischen Kirche vereinigt. Die Wirksamkeit des Herzogs ist nicht dem Wechsel der Negentenlaune unterworfen, sondern in Anordnung und 'Ausführung von Grundsätzen, vom Rechtsgange und von der Mitwirkung tüchtiger Landesbehörden bedingt. In den Landen des Herzogs hat sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrh. die landständische Verfassung ganz verloren, da die meisten adeligen Güter fürstliche Familiengüter geworden sind; aber bei den Regierungs- grundsatzen des Herzogs konnte in einer Zeit, wo in andern Staaten das Verlangen nach repräsentativen Verfassungen laut wurde, keine stürmische Aufregung entstehen. Kaiser Alexander ernannte den Herzog, obgleich er nie in ausländischem Kriegsdienste gestanden hat, zum russischen General der Infanterie. Schon Katharina II. hatte ihm, ihrem Stammvetter, den St.-Andreasorden verliehen, wie Friedrich Wilhelm III. den preußischen schwarzen Adlerorden. Auch ist er Großkreuz des hessischen Löwenordens und der sächsischen Rautenkrone. (10) * Algier (Stadt, Gebiet und Staat), seit 1830 das Embryo einer französischen Colonie; in der Geschichte schon jetzt der einzige Glanzpunkt in Karls X. jesuitischer Reactionsregierung und Polignac's verrufenem Ministerium, künftig vielleicht ein Hebel von 'Afrikas Cultur und von Frankreichs wieder emporstrebender Handelsmacht, ein Emporium für Afrika und Europa, ein Weltplatz für europäische Kunstkraft und Thätigkeit. Das schöne, vom Atlas, der Wüste und dem Mittelmeere in gesicherte Naturgrenzen eingeschlossene, fruchtbare Hügel- und Thalland, das alte Reich der tapfern Numidier, trat zuerst unter Scylax, Massinissa und Zuba (Vater und Sohn) durch die Triumphe der Sessionen und Eäsar's in die bekannte Geschichte ein. Hier lag das berühmte Iol, Iuba's Herrschersitz, von ihm (Atesurea genannt: ein wichtiger Hafenplatz, in welchem Danville das heutige Algier sah; hier lagen des Imperators Augustus Colonien: Rusazus,Rusconium, Igilgili und Saldä; hier gründeten der blödsinnige Claudius und der kluge Vespasianus, nachdem ihre Feldherren das um die alte Selbständigkeit kämpfende Volk dcrMassy- lier und Massäsylier den römischen Waffen aufs Neue unterworfen und diesen Theil von Libyen in eine Provinz, Älmirewrüa, Eaessrieusls genannt, verwandelt hatten, die Veteranencolonie Icosium, die Shaw für das heutige Algier hält; hier lag endlich die alte römische Munieipalstadt Iomnium. Das Land mit seinen 33 Städten, Italiens Kornfeld, war ein blühender Garten und bedeckt mit schönen Landsitzen und Sommerwohnungen der reichen Bewohner Roms. Schon unter der absoluten Gewalt eines Proconsuls verdorrte hier die Nationalkraft; der Sturm der Völkerzüge, welcher die Vandalen an Nordafrikas Küste führte, konnte sie nicht wiederbeleben; endlich seit dem Ende des?. Jahrhunderts verdrängten und vertilgten auch hier der Islam und die arabische Cultur den Stolz der römsichen Waffen wie das Licht des Christenthums. Juden siedelten sich an, und die Araber in Mauretanien erhielten den Namen Mauren. (S. Barbaresken Bd. 1.) Damals tvurde, wie neuere Untersuchungen bewiesen haben, auf den Trümmern des alten iomnium von einem arabischen Fürsten, Justus Zeiri, um das I. 935 das heutige Algier erbaut. Die Araber nannten die Bucht, später die Stadt Al-gezair, d. i. die Inseln, auch Al-ghazzi, d. i. die Kriegcrin. Innere Kriege und ein blutiger Wechsel 54 Algier der herrschenden Geschlechter schwächten die Kraft des neuen Volks; endlich zog am Ausgange des arabischen Mittelalters in Nordafrika, im Anfange des 16. Jahr. Hunderts (1517), mit dem Seeräuber Dfchereddin (Hayradin oder Chair-eddin) Barbarossa das Freibeuterleben osmanischerKriegcr und^er türkische Despotismus eines Rauberhauptmanns in Algier ein. Seitdem ging Spaniens Macht in Nordaftika unter und zugleich die Sicherheit des mittelländischen Handels. Vergebens von Karl V. (1541), von Ludwig XIV. (1682, 1683 und 1687), von Spanien (1775), von britischen, holländischen und nordamerikanischen Flotten H bald bedroht, bald gcdemüthigt, trotzte dieser kleine, von türkischen Abenteurern tyrannisiere Corsarenstaat 306 Jahre hindurch der Macht von Europa und dem Völkerrechte. Zwar entwarf vor 100 Jahren der edle Menschenfreund, der Abbe von St.-Pierre, einen Plan zur Vertilgung dieses afrikanischen Raubbienenstocks; die Mittel, welche er vorschlug, waren eine Verpflanzung des Ordens des h. Johannes nach Algier und Civilisation; aber dies war, wie seine Idee eines ewigen Friedens, nach des Cardinals Dubois Ausdruck, nur der Traum eines ehrlichen Mannes. Später hatte Napoleon die Absicht, nach dem fünften Artikel des geheimen Tractats von Tilsit vom 7. Jul. 1807, die Städte Afrikas, als Tunis, Algier u. s. w. zu erobern, die nach dem Frieden den Königen von Sardinien u. Sicilien als Entschädigung gegeben werden sollten. Hierauf beschloß (1818) der aach- ncr Congreß, die Seeräuberrepublik zu vernichten; aber Englands Handelspolitik, die seit 1662 mit ihr Verträge geschlossen hatte, duldete ihre Fortdauer. Endlich machte ein Fächerschlag, durch welchen der letzte Dey Hussein den französischen Consul im April 1828 persönlich beleidigte, dem schimpflichen Hader Algiers mit Europa ein Ende. Der Deputirte Laborde versuchte zwar in einer vielgelcsenen Broschüre (April 1830) zu beweisen, daß Frankreich völkerrechtwidrig handle, wenn es Algier mit Krieg überziehe: denn die französische Regierung habe die Federung des Dey an den französischen Schatz, Namens der algierischen Kaufleute Bacri und Busnach, welche 1819 durch einen Vertrag auf 7 Millionen Francs festgesetzt worden, nicht gehörig berücksichtigt, vielmehr den, einigen französischen Gläubigern auf diese Summe vorbehaltenen Anspruch zum Nachtheil des Dey begünstigt; auch sei das Benehmen des französischen Consuls Deval, das ihm den Unwillen des Dey zugezogen, nicht zu rechtfertigen, noch weniger könne dasselbe eine Kriegserklärung begründen; allein der„Moniteur" rechtfertigte dagegen den algierifchen Krieg durch folgende Thatsachen, wobei er freilich bis in das 15. Jahrhundert zurückging. Schon seit 1450, sagte dieses Blatt, gehöre Frankreich an der afrikanischen Küste vertragsmäßig ein bedeutender Landstrich, noch jetzt „Coiwessious 6'Xl'ritiue" genannt, dessen Besitz es feit 1817 wiedererlangt habe. Dieser Landstrich habe durch seine günstige Lage, durch seinen Reichthum an Getreide, Vieh, Wolle, Wachs und Honig, durch den Waarenabsatz im Innern von Afrika und durch die Ergiebigkeit der daselbst betriebenen Korallensifcherei dem französischen Handel in frühern Zeiten große Vortheile gewährt. Insbesondere sei durch Verträge mit der Pforte und mit Algier Frankreichs ausschließliches Vorrecht der Korallensifcherei auf einer Küsten- sirecke von 60 Stunden förmlich anerkannt und die dafür zu entrichtende jährliche Geldleistung, die ursprünglich nur 18,000 Fr. betragen habe, bei Erneuerung des Privilegiums 1817 auf 60,000 Fr. vertragsmäßig erhöht worden; Frankreich habe sich sogar zwei Jahre später eine fernere, vom Dey verlangte Erhöhung bis zu 200,000 Fr. gefallen lassen. Allein der Dey habe weder die Hoheitsrechte *) Von dem englischen Admiral Blake 1666, von einer englischen und hollandischen Flotte 1663 und 1670, von dem amerikanischen Kommodore Decatur 1815, von einer englischen und hollandischen Flotte unter Sord Exmouth und dem Admiral Ban der Capellen 1816. Frtmkreichs auf jenen Küstenstrich, noch das Privilegium der Korallensischerei geach- tet, vielmehr die Absicht erklärt, Frankreich jene Besitzungen zu entreißen, und die Cpaki^ »5^ Kaufleute verhindert, die alten Niederlassungen daselbst wiederherzustellen; er habe ""<^!chevferner, obgleich Frankreich mit den jahrlichen Zahlungen nicht im Rückstände geblie- ^ ^ ^ ^ erlassenes Maustest allen Nationen die Korallensischerei an st), den Küsten seines Gebiets gestattet. Unter mehren einzelnen Beschwerden führt der „Moniten^ auch noch folgende an: der Dey habe für die Plünderung eines französischen Schiffes durch die Einwohner von Bona 1818 alle Entschadi- ' cch A^ den, ? gung verweigert; er habe 1819 dem französischen Admiral Jurieu und dem s üfr,-'? ^ ^ englischen Admiral Freemantle, die ihn in Gemaßheit der Beschlüsse des aachner rr."" ^Eongresses aufsoderten, der Seerauberei zu entsagen, zur Antwort gegeben, er müsse i sich das Recht vorbehalten, die Unterthanen aller Machte, die ihm keinen Tribut be- zahlten, zu Sklaven zu machen; 1825 hätten sich sowol die Deys von Algier und Tripolis als der Bey von Tunis feierlich verpflichtet, die von Frankreich beschützte päpstliche Flagge wie die französische zu respectiren; gleichwol habe der Dey von Algier 18 Monate spater zwei römische Schisse anhalten und den Werth ^ / von Schiss und Ladung unter sich und die Eorsaren vertheilen lassen, auf die dage- ^ Wß sjz^j ^ 6^r erhobenen Reclamationen aber blos die Mannschaft freigegeben. Seitdem habe a'N', cker ^ er sich trotzig geweigert, die Capitulationen Frankreichs mit dem Sultan anzuer- n kennen, und die Algierer hatten gegen die ausdrückliche Bestimmung des Vertrags ^ "ou 1719 verlangt, die Capitaine der französischen Handelsschisse sollten sich an Bord der Eorsaren begeben, um ihre Schissspapiere untersuchen zu lassen; bei einer "MpuputMMz solchen Gelegenheit sei ein französisches Schiff von ihnen beraubt worden. Was ^ r» . . vun die letzte Streitsache betreffe, so waren von den obenerwähnten 7 Millionen -'»>ü.''MM/chMsZp Francs den Häusern Bacri und Busnach 44 Millionen bereits zugeschrieben, die tZt sM W/? es Ml M! übrigen 24 Millionen aber, als der Betrag der Reclamationen ihrer franzö- sisihen Gläubiger, in der Deposi'tocasse zurückbehalten worden, bis die Gerichte Hute Ami Mi> ÄiMch über die Gültigkeit der Reclamationen entschieden haben würden. Diese ge- M ßMt »rsM, richtlkche Untersuchung begann 1824 und war im Oct. 1827 noch nicht geen- nMmWlidWastUe digt; der Dey verlor nun die Geduld und verlangte in einem Schreiben an den »Wezm'H', wWW Minister der auswärtigen Angelegenheiten ohne Weiteres die Bezahlung der gan- zen Summe, indem er den französischen Gläubigern zumuthete, vor ihm ihre An- sprüche geltend zu machen. Der damalige Minister der auswärtigen Angelegen- . . -N.irnn n ?V-nn.i6 f>>r nniii'Mi'ss-'N . anf bnellftidrende heiten, Baron v. Damas, hielt es nicht für angemessen, auf dieses hochfahrende Schreiben zu antworten, sondern trug dem französischen Consul Deval auf, dem Dey das Vertragswidrige seines Verlangens anzudeuten. Der Dey nahm dies übel, und als der Consul am 23. April 1828 demselben vor dem großen muselmannischen Feste seine Glückwünsche abstatten wollte, fuhr er ihn mit der Frage an, ob er keine Antwort auf seinen Brief erhalten. Als der Consul dies verneinte, gab ihm der Dey gAiK, mehre Schläge mit seinem Fliegenwedel und befahl ihm, sich zu entfernen. Der Con- Mt ^ verließ Algier am 15. Inn. Darauf befahl der Dey dem Gouverneur von Con- ä'M statine, die französischen Niederlassungen und das Fort Lacalle zu zerstören, was ^ auch geschah, nachdem die Franzosen diese Orte am 21. Iun. verlassen hatten. Frankreich verlangte Genugthuung und ließ, als sie nicht erfolgte, Algier blokiren. -a dafsrzu^^: Diese Blokade kostete jährlich 7 Millionen, führte aber nicht zum Ziele; denn das ' - ^ ^ Blokadegeschwaderwar nicht vermögend, das Auslaufen oerVarbareskenraubschisse m- ^ verhindern, noch weniger die britischen Fahrzeuge vom Einlaufen in Algiers Hafen '^1 m AlchDf Hä abzuhalten. Der unbedeutende Erfolg, daß der Capitain de la Bretonniere in dem Gefecht am 1. Oct. 1828 zwei Küstenbatterien zum Schweigen brachte und vier kleine Corsarenschiffe zerstörte, war die einzige Trophäe. Die französische Regierung .beschloß daher im Jul. 1829, wirksamere Maßregeln- zu ergreifen, jedoch vorher ben Weg der Unterhandlung zu versuchen. Deswegen ward der Capi- tain de la Bretonniere an den Dey abgesandt; allein seine Vorstellungen fanden keinen Eingang, und beim Heraussegeln aus dem Hafen wurde das Parlamentair- fahrzeug von allen Batterien auf ein vom Schlosse des Dey gegebenes Zeichen beschossen. Nun vollzog Karl X. den Beschluß des aachner Congresses, die dreifache Schmach des^eeraubcs, der Sklaverei und des Tributs an dieser Küste durch einen großen Schlag zu vertilgen. Das Kriegsmanifest gegen Algier erschien am 20. April 1830, nachdem schon am 11. der Kriegsminister, General Bourmont, zum Oberbefehlshaber ernannt worden war. Der Eroberungszug gegen Algier 1830 hatte aber auch zugleich den Zweck, die französische Nation durch Siegesruhm für die BourbonS zu begeistern und bei den bevorstehenden Wahlen die Wahlmänner für die Ansichten der Polignac'fchen Verwaltung zu gewinnen. Dagegen nannte die Opposition die kostbare Unternehmung unpolitisch, ungerecht und planlos. „Sie sei ein Kreuzzug nach Afrika, um in Frankreich das in die Hände der Ungläubigen gefallene heilige Grab der alten Negierung zu befreien." Die Regierung halte mit der größten Umsicht und Sorgfalt Alles, was den Erfolg der Erpedition sichern konnte, vorbereitet. Es wurden 37,015 Mann von allen Waffen und 4526 Pferde eingeschifft. Die Landarmee, unter dem General Bourmont, zählte 32,000 Mann. Der Aufwand war beträchtlich. Die Ausrüstung und Landung kostete dem Marinebudget 23,446,900 Francs, dem Kriegsbudget 31,740,000 Fr., zusammen 55,186,900 Fr. Aber auch der Dey unterließ nichts, um Algier in den furchtbarsten Verteidigungszustand zu setzen. Die Pforte ihrerseits versuchte, wahrscheinlich auf Englands Rath, die ganze Unternehmung dadurch zu vereiteln, daß sie den Admiral Tahir Pascha (den Befehlshaber der türkischen Flotte bei Navarin) mit einer Fregatte und einem großherrlichen Ferman nach Algier sandte, nach welchem Tahir in Algier die Oberherrschaft des Sultans erklären und den Dey bewegen sollte, sich der Pforte zu unterwerfen und die Würde eines ersten Stellvertreters des türkischen Pascha anzunehmen. Die französische Flotte würde dann bei ihrer Ankunft vor Algier die ottomanische Flagge aufgepflanzt und die Oberherrschaft des Sultans anerkannt gefunden haben, sowie die Abschaffung der Seeräuberei und der Christensklaverci in dem Ferman mit enthalten war. Allein der General Guilleminot erfuhr in Konstantinopel den Zusammenhang der Sache, und beeilte sich, ein Avisschiss nach der algierischen Station abzusenden. Als nun Tahir Pascha auf der Höhe von Algier ankam, erlaubte ihm der Befehlshaber des französischen Blokadegeschwaders, Massieu von Clerval, weder einzulaufen noch seine Depeschen an den Dey zu schicken, sondern verwies ihn an den Admiral Du- perrä in Toulon und an die französische Regierung. Dadurch sah sich Tahir Pascha genöthigt, von einer französischen Fregatte begleitet, nach Toulon zu segeln, wo er und die Fregatte in Quarantäne (vom 27. Mai bis zum 23. Inn.) bleiben mußten. Er erhielt einstweilen die Antwort, daß die Sachen bereits zu weit vorgeschritten wären, daß man jedoch, wenn seine Vermittelung, sobald das Heer auf afrikanischem Boden gelandet sei, nöthig befunden werden sollte, ihn rufen würde; er möchte also diesen Augenblick im Hafen von Toulon erwarten. Die französische Flotte war unterdessen, in drei Divisionen, 75 Kriegsschiffe stark (darunter 11 Linienschiffe und 19 Fregatten) und mit 274 Transportschiffen, unter dem Oberbefehl des Viceadmirals Duperrä am 25., 26. und 27. Mai aus der Bucht von Toulon ausgelaufen. Am 31. erblickte sie die afrikanische Küste; aber Sturme nöthigten den Admiral, am 2. Inn. in der Bucht von Palma (Ma- jorca) vor Anker zu gehen und daselbst die zerstreuten Transportschiffe und die zur Ausschiffung bestimmten 180 kleinen Fahrzeuge zu sammeln. Am 10. Zun. verließ oie Flotte Palma und nahm am 13. Jun. die Bai von Sidi-Ferruch (Tom chica), fünf Stunden westlich von Algier, ein. Am 14. früh erfolgte die Landung; NAH?» "Z>Ä !SS-N ,-NU« Z'S'^L ^uch- ^-le ZlitsrWz Wh ^ MUZ, dM KmAÄze! AchM ii>r!ll '.Üi AMeNMü>Mz!>i>!>M< ttä.iBM.^r da Ms Algier 57 RMchMö^MckM! Äi'N, Äie ßii.ijöjHe Kols imscheAWe cheMM MMmitmthMW/M dmWmchM^nTch zihnmwbM^' M'! vMes > . DMchlay> ^. „,,, ML« i,«i»!lw. " -»>°"^s »B-xf einer Rechtfertigung ,,Ob.-eivÄ(ion3 du ge- NEicd Claudel Lue (^u^Iijues uetes dk LOU eouuuandLmeut. u. heraus, und bewies durchweine Depesche des damaligen Kriegsministers, General Gärard, vom 30. Oct. 1830, daß die Regierung schon damals den Entschluß, Algier zu colonisi- rcn, gehabt und Clauzel's für diesen Zweck gewählte Maßregeln gebilligt habe. Auch theiltc er den obenerwähnten Vertrag mit dem Bey von Tunis (.vom 13. Dec. 1330) vollständig mit. lim Voraus entschieden und den Vertrag selbst für Frankreich nicht günstig ge^g abgefaßt habe. Nach den,selben sollte der Bey 30,000 M. unter den Befehl von zwei französischen Offizieren stellen, um den Bey von (Konstantine zu züchtigen, an dessen Stelle Sidi-Mustapha, ein Bruder des Bey von Tunis, ernannt wurde; auch-versprach der Bey von Tunis, für die Provinz Constantins einen jahrlichen Tribut zu entrichten. Unter ahnlichen Bedingungen wurde Achmet, ein Verwandter des Beys von Tunis, zum Bey von Oran ernannt. Nun ward der Generallieutenant Berthe,zbne, wie es hieß, als Vicegouverneur und Oberbefehlshaber der Truppen nach Algier geschickt, wo er am 20. Febr. 1831 ankam. Jndeß blieb Clauzel noch Gouverneur; und seine Reise nach Paris (im April) hatte angeblich den Zweck, die Beschlüsse der Regierung über die Colonisation von Algier zu vernehmen, wohin er im Herbste zurückkehren sollte. Der Handelsstand in Marseille hatte ihm die Verwirklichung dieses Planes dringend empfohlen. Es schien aber, daß die Regierung auf die'Ansichten des Generals nicht eingehen konnte; auch die Vorstellung der französischen, maurischen und jüdischen Kaufleute in Algier, welche um die Zurückkauft des Generals nach Algier baten (Inn.), hatte keinen Erfolg. Um dieselbe Zeit kam ein Gesandter des Bey von Tunis in Paris an, und der erste Tractat,vom 8. Aug. 1830 (s. oben), welchen General Bourmont und Admiral Duperre unterhandelt hatten, ward genehmigt. *) Wahrend dies in Paris geschah, setzte General Bcrthezöne den kleinen Krieg in Afrika fort. Die Beduinen machten die nahen Umgebungen von Algier unsicher. Der General beschloß daher, die Stamme der Kabylen zu züchtigen, und unternahm am ?. Mai einen Zug in die Ebene von Mitidjah und nach dem Arlas. Bei Annäherung der französischen Truppen flohen die Einwohner; einige Dörfer wurden verbrannt, Baume umgehauen, Vorrathe zerstört, und die Stammhäupter unterwarfen sich. Der General kehrte am 13. Mai nach Algier zurück — aber der kleine Krieg hörte nicht auf. Jndeß ging wenigstens die Gefahr, welche von Marocco her der jungen Colonie drohte, augenblicklich vorüber, indem der Kaiser, durch Aufruhr in seinem Lande beunruhigt, seine Truppen aus der algierischen Provinz Tremezen zurückzog. Nun ward Oran starker befestigt, und der Engpaß Vussarik, vier Meilen von Vlidha und vier Meilen von der Mustermeierei, besetzt behalten, um die Einfalle der Bergbewohner abzuwehren. Hierauf unternahm General Berthezöne, wie sein Vorganger, einen Zug nach Medial), wo der neue Bey, den Niemand anerkannte, Schutz verlangte. Der General marschirte am 23. Zun. mit 0000 M. ab und rückte am 29. ohne Widerstand daselbst ein; dann zog er noch drei Stunden weiter, um einige Stämme zu züchtigen, welche den Tribut verweigerten. Er ließ einige treulose Häuptlinge hinrichten und die Saaten verbrennen, worauf er nach Medial) zurückging. Als er aber am 2. Iul. seinen Rückmarsch antrat, mußten sich die Truppen auf dem ganzen Wege, bis auf sechs Stunden von Algier, fortwährend gegen die Angriffe von 40 vereinigten Stämmen (12,000 M. Beduinen, Kabylen und Araber) vertheidigen. Das kleine Heer retrete sich aus dem Gebirgspässe nur durch einen angestrengten Nachtmarsch. 'Am 5. kamen die Truppen in Algier an, mit ihnen auch der Bey von Tittcri. Medial) und Blida gingen verloren; die Franzosen hatten (nach amtlichen Berichten) 63 Tobte und 196 Verwundete. Bei diesem Zuge bewiesen die pariser Freiwilligen viel Much und Ausdauer; so auch die Zuares. Jetzt war Algier wiederum nur eine militairi- .. r. Kmw B',' 7 25-'" - ^.... n.'" >Ä k. st^KMÄ ^'Mnmchiidiinch'ii^ i','ÄÄMchW^«jM chaüM, Bttchfi Ml, Äl flcks^^mWücW M .tUM/ajWtÄa, ilidsii Mzt, seine ÄWyliu^erH cd 5m M besescht, M Ä -iir Meilen venkMMimi 'Nie neMi>liN> ^iir!nisM^K- '.M,h»>ch«».«v -.-! Mw-w-ch«- .inzehimWl Pll»"»-' ..^ ren -er^'idi^- unzel-M^ DnS N lün» 'V ühdtt er MW Tillen k>» -»-«e >»el!) A'il' .rie^ tlS >- hcn i., Mj °-c- ü Ä»>- l' -ck «i^3 Kl) Mfi B Algier 6l ^ °^WSerchÄW^ sche Station. Der unglückliche Zug gegen die Araber des Atlas zeigte abermals, wie wenig die Franzosen es verstehen, eine Colonie zu gründen. Statt jedem Ober- Haupte Pension zu geben und seine Kinder als Geisel zu behalten, wodurch man der Treue des ganzen Stammes sich versichert hatte, verachteten die Generale aus mili- tairischem.Hochmulh einen Feind, den sie zu schlagen gewiß waren. Dazu kam noch, daß man den Religionshaß der Einwohner durch das Niederreißen einiger Moscheen, z. B. in Oran, ausregte. Die Araber versuchten seitdem (17. Jul. fg.) mehre Angrisse aus die Mustermeierei (vier Stunden von Algier); zugleich ward Bona, das eine tunesische Besatzung Hatte, von dcn Kabylen eingeschlossen. Nunmehr suchte zwar General Berthezüne die Landbewohner zu gewinnen, indem er den Marabut Sidi-Hadschi zum Aga der Araber (im Jul. 1831) ernannte; auch empfing er wirklich von den meisten Stammen den Eid der Treue; allein der kleine Krieg dauerte fort. Um Oran und den Beylik d. N. gegen El-Hamery, einen Heerführer des Kaisers von Marocco, zu behaupten, wurden von Toulon (im Sept.) zwei Bataillone der Fremdenlegion und der General Boyer dahin abgeschickt. Dieser ließ daselbst in Folge einer entdeckten Verschwörung acht angesehene Einwohner (maroc- canische Unterthanen) erschießen. Der Eommandant Huder übernahm am 21. Sept. die Verteidigung von Bona, und die Kabylen zogen sich zurück; allein schon im Oct. ward das Schloß durch Vcrrath und Überfall des Feindes genommen, und die Besatzung mußte sich mit Verlust nach Algier einschiffen. Die Sicherheit des Landbaus bei Algier und der Verkehr mit den benachbarten Stämmen waren jetzt so wenig wiederhergestellt, daß die Eolonie, statt eine Kornkammer des südlichen Frankreichs zu werden, noch immer ihre Subsistenzmittel aus Frankreich beziehen und die eingewanderten Ansiedler, unter welchen stA) auch viele Deutsche befanden, unterhalten mußte. So kostete Algier, dessen Bevölkerung im Nov. 1831 bis aus 22,000, darunter 5000 Juden, gesunken war, noch im Ott. 1831 dem Staate monatlich eine Million Fr., und das Schicksal der Colonie war so wenig festgestellt, daß der französische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Graf Sebastian!, sich weigerte (im Ott.) einen belgischen Consul in Algier anzuerkennen, und in Deutschland warnte die großherzoglich hessische Regierung ihre Unterthanen, nach Algier auszuwandern. Endlich beschloß die Regierung, die Verwaltung der Colonie neu zu organisiren und die Civilverwaltung von der militairischen zu trennen. General Berthezüne ward zurückberufen, und der Herzog von Rovigo (Savary) an seine Stelle ernannt. Am 1. Dec. 1831 erschien nämlich eine königliche Ordonnanz, welche dem Herzog von Rovigo das Militaircommando und dem durch seine Verhandlungen mit Haiti bekannten Staatsrathe Baron Pichon, als Civilintendan- ten, die bürgerliche Verwaltung übergab. Beiden sollte ein Verwaltungsrath zur Seite stehen. Der Herzog v. Rovigo kam am 25. Dec. 1831 in Algier an. Genoral Trezel, der in Morea gedient hatte, wurde Chef des Gcneralstabs der afrikanischen Armee, und General Trobriant übernahm im Jan. 1832 das Commando in Oran, an General Boyer's Stelle, der noch am 21. Dec. 1831 ein glückliches Gefecht dcn Beduinen geliefert hatte. Der ganze Küstenstrich von Conftantine bis Oran sollte derHerrschafc von Algier unterworfen, und diese Stadt selbst durchsieben neue Blockhäuser von der Landseite mehr gesichert werden. Die Fortdauer dieser Colonie war jetzt entschieden. Mit dem 1.1832 begann der dritte Abschnitt in der neuesten Geschichte von Algier. General Berthezene kehrte (7. Jan. 1632) nach Frankreich zurück und rechtfertigte in öffentlichen Blättern seine vielfach angefochtene Verwaltung. Er führte u. A. an, daß unter seiner Verwaltung die europäische Bevölkerung, die bei dem Abgange des Marschalls Clauzel nur in 520 Personen bestanden habe, auf 2912 gestiegen sei, und daß die Oberfläche des angebauten Landes sich von 200 Morgen auf 20,000 vermehrt habe. Jndeß hat Marschall Clauzel durch eine Gegenschrift dieses Verdienst der Verwaltung für D » G2 Algier sich in Anspruch genommen. — Seit der Einführung der neuen Verwaltung erscheint (vom 27. Jan. 1332 an) eine französisch-arabische Zeitschrift: „N»n!u,,r die hauptsächlich zu den die Verwaltung, die Rechtspflege und den Handel betreffenden Anzeigen bestimmt ist. Da die Colonisation von Algier und seinem Gebiet, wo sich im Jan. 18ZZ ' vi!-' st''7'^''' sucht ganz Europa so glücklich begründete Unternehmen der Civilsiation von Nord- ; afrika unterbricht und vereitelt —, so folgt hier noch eine Übersicht des GebittZ von Algier. Unter dem 30. — 3 7. ° N. B. gelegen, umfaßt das bisherige Erbiet von Algier ein fruchtbares Land von mehr als 4200 HZM. Das Klima ist mild, und der brennendheiße Lufthauch von den südlichen Sandwüsten wird durch die kühle Bergluft der Atlaskette und durch die Seeluft so gemäßigt, daß bei der reichen Bewässerung des Bodens eine bestandige Vegetation das Land bedeckt. Gärten und Weinberge wechseln mit Waldungen von weißen Rosen und Aloen; Nebengewinde umschlingen den Mandelbaum mit der Orange und Cypresse, die Olive mit der Granate, die Palme mit der Eeder; schon im Mai reift die Frucht, die Weintraube im Junius, die Olive im August. Man erntet nie unter 10— 12 Mal, zuweilen sogar 70 — 80fältig. Allein drei Viertheile des Landes liegen un- angebaut; ein dreihundertjähriger Despotismus hat alle Quellen des Wohlstandes und der Bildung ausgetrocknet; die Volksmenge beträgt noch nicht 2 Mich Unter ihnen sind allein die Berbern, welche sich selbst Amazirgen oderMazirgm nennen, die einzigen Nachkommen der alten Landesbewohner, meistens Nomaden und Räuber. Gewerbe, Handel und Reichthum beschrankten sich fast allein auf die schöngelegene, durch Natur und Kunst zu einem sichern Bollwerke des ganzen Staats ausgerüstete Hauptstadt Algier mit 70,000 E., Mauren, Araber, Türken, Juden, Neger und Sklaven, welche in engen, schmutzigen Straßen 10,000 Hauser bewohnen. Die Hauser sind hoch und haben keine Fenster auf die Gassenseite. Die vorzüglichste Straße ist nur 12 Fuß breit und 1200 Fuß lang. In der Nahe von A. ist die Ebene von Mitigia wegen ihrer Garten und Landhauser (9000) die angebauteste Gegend. Jetzt kommen hier, außer Indigo und Baumwolle, auch die Nopalpflanzcn, aufweichen die Cochenille-Insekten sitzen, gut fort, und wenn der Plan ausgeführt wird, die Felder mit Maulbeerbaumen einzuhegen, so kann Frankreich seinen Bedarf an roher Seide aus Afrika beziehen. Eine ununterbrochene Reihe von Batterien und Forts vertheidigt die Felsenküste der halbkreisförmigen Rhede, vom Vorgebirge Pescada bis zum Cap Matifü. Die felsige Insel des Molo verbindet ein 300 Fuß langer fester Damm mit der Stadt. Zu dem Gebiete der Regentschaft von A. gehören drei Provinzen: Oran im Westen, wo A. an Marocco grenzt; Titteri im Süden, und Constantine im Osten, wo A. an Tunis grenzt. Diese Provinzen wurden durch Beys verwaltet. Die Macht war in den Händen der türkischen Miliz, die stets aus Asien sich ergänzte; der Dey war zugleich ihre Creatur und ihr Tyrann, sowie 5000 türkische Familien, ehemals die Eroberer, jetzt die Peiniger des Landes. Aus den Ehen dieser Türken mit den Töchtern des Landes oder mit schwarzen Sklavinnen ist ein eigner Stamm hervorgegangen, die Kologhlis oder Koloulen, etwa 28,000 Seelen. Die europaischen Mächte des zweiten Ranges zahlten Tribut, oder überschickten bei mehren Gelegenheiten Geschenke. Das Königreich beider Sicilien und Portugal zahlten jedes jährlich einen Tribut von 24,000 span. Piastern; Toscana war vom Tribut befreit, hatte sich aber durch einen Tractat im I. 1823 zu einem Eonsulargeschenke von 25,0V0.span. Piastern verpflichtet; Sardinien war durch Englands Vermittelung vom Tribute frei, mußte aber bei jedem Wechsel des Con- -2 ch'N"' -Q i"'. >' M'.- MM' l »jW l, ÄMWWiLH -i '"'«-AQ 7^. M. " »!i,i. -w... '^A?. 'ehnii ?-«-- sKSch» -6ck i.' , '"- MchM^rU MW4 ^ «W SFM ^ M Mch Ä», ?fP,'h K !I, schmelzt!, SlM HM ä'^eMWrMsöieAW- i: M IM Münz. ^i>a i^iaa WmMd^Wr Dl chiätlPtjeZchBed-r^ - K Ä-H is ZUM i-»e ^ .. > MS»»»»«»' ^!Ü-«>?p !N !^l>'i^ MslelN! B5?) E.M l!l>^' . .,Wk.^ K?' Algier 63 tx '»»ä )N Dei^jv -"' ^eck( K ?n im M,.- ..'^ A', <«1gz t'Äl".»«-« suls eine beträchtliche Summe zahlen-, Spanien entrichtete ebenfalls bei dieser Gelegenheit beträchtliche Geschenke; Ostreich mar durch die Vermittlung der Pforte von allen Tributen und Geschenken befreit worden; England hingegen machte bei jedem Wechsel des ConsulS dem Dey ein Geschenk von 660 Pf. St.; denselben Vertrag waren bald nachher die Vereinigten Staaten von Nordamerika mit dem Dey eingegangen; Hanover und Bremen zahlten, durch Englands Vermittlung, ebenfalls nur Eonsulargeschenke; Schweden und Dänemark bezahlten jährlich einen Tribut, der in Kriegsmunition bestand, ungefähr 4000 Piaster an Werth, überdies entrichteten diese Staaten alle zehn Jahre, bei der Erneuerung des Tcactats, ein Geschenk von 10,000 svan. Piastern, ohne die Geschenke, welche ihre Consuln beim Antritte ihrer Stellen dem Dey zu machen verpflichtet waren. Auch an die Beherrscher von Tunis uno Tripolis wurden von mehren europäischen Staaten Geschenke, aber kein Tribut entrichtet. Die Lage des algierischen Gebiets gewahrt nicht nur die größten Vortheile für den Handel auf dem mittelländischen Meere und mit den Binnenlandern Afrikas, sondern ist auch an sich in militärischer Hinsicht wichtig. Denn die Küsten erschweren von allen Seiten das Ankam den und sind wahrend des größten Theiles des Jahres unzugänglich, oder wegen der unbeständigen und stürmischen Winde gefährlich. So gesichert nun in militärischer Hinsicht der Besitz der Küste für die Franzosen zu sein scheint, so wenig ist dies der Fall mit dem ruhigen Besitze des Landes. Denn es fehlt noch viel, ehe die Nachbarverhaltnisse mit Marocco, welches Frankreichs Nähe mit feindlichen! Auge ansieht, friedlich geordnet, ehe die wilden Bergstämme in Titel und Eonstantine an einen friedlichen Verkehr mit Algier gewöhnt, ehe die Verbindungen mit Bona und Oran zu Lande durch gute und sichere Straßen hergestellt werden. Besitzen aber auch, darf man fragen, die Franzofen zu solchen lang sich hinziehenden Unternehmungen, als die Einrichtung einer Colonie ist, jene Beharrlichkeit, die alles Feindselige klug vermittelt, die alles Hemmende verständig beseitigt, die Much uno Einsicht mit Festigkeit und Gedulo vereinigt? Schon läßt England in italienischen und deutschen Blättern Winke geben, daß es einen Plan misbilligt, welcher zum Nachtheile der britischen Handelssuprematie im mittelländischen Meere durch A. einen ncbenbuhlerischen Punkt für Malta aufstellen will. Es scheint dagegen die Wiedereinsetzung des Deys in den Besitz des ihm entrissenen Landes oder eine gemeinschaftliche Verwaltung desselben mit Theilnahme der vorzüglichsten europaischen Seemächte anzurathen. ch Möge Rovigo für A. werden, was einst Labourdonnaye für Jsle de France war, und Frankreich nicht, wie es seit Brenners bis auf Napoleon der Fall gewesen, nur für Andere seine Eroberungen gemacht haben! — Aus der überaus reichen Literatur von A. nennen wir nur die wichtigsten Schriften: Shaw's änns Ire regence d'^lAcr" (a. d. Engl, mit An- merk, nach einer Karte von I. Mac Carthy, Paris 1830, 2 Bde.); (I. A. Freih. von Rehbinder's) „Nachrichten und Bemerkungen über den algierischen Staat" (Altona 1T98—1800, 3 Thle.); Tonnies' „Mercantilisch-geschichtliche Darstellung der Barbareskenstaaten" (Hamburg 1826); Will. Shaler's äo 1'ätat 3'AIgchr, consieiere snus Ics razpz)«! ts zivliticpres, üistoiMues et civiE" (Boston 1826; aus dem Engl, von Zk. Bianchi, Paris 1831); Nenaudot's ,/IAbleau ein ro ^nume, ele Irr viile (l'^lgchr et cle ses environs etc." (5. A. Paris 1831); des Chef d'Escadron Fernel „(mmpnAim 6'AiiMne en 1830" (2. A. Paris 1832); Juchereau de St.-Denys' „Ecnsitlärations statist-c^ues, Instoi-ihues, militaires et ^oliti^ues sur In reZence ^ AIZer" (Paris 1831, mit Der „IVIesssgsr lies cliamdees" behandelte diesen Widerspruch als ein grundloses Gerücht; die sardinische Regierung habe blos dem von Frankreich in Algier eingeführten Zolltarif widersprochen, weil derselbe die früher herkömmlichen Handelsrechte der genuesischen Flagge an den Küsten der Barbareskenstaaten beschränke. UZ .l « 64 Alkaloide Almendingen einer Karte; der Verfasser, früher diplomatischer Agent der französischen Regierung bei den griechischen Inseln, hat sich durch seine Schrift über die Revolutionen zu Konstantinopel bekannt gemacht). Unter mehren Karten empfehlen wir das bei Cotta zu München 1831 von Michaelis bearbeitete Blatt: „Algier und das Mittelmeer". Vgl. „Blatter für litecar. Unterh.", 1Z31, Nr. 20. (7) Alkaloide. Gewisse Pflanzen von kraftiger medicinifcher oder auch giftiger Wirksamkeit verdanken dieselbe dem Gehalt an eigenthümlichen Stoffen, die man erst in neuem Zeiten rein für sich hat darstellen lernen, und die man mit dein Namen Alkalo id e bezeichnet, weil sie durch ihre Eigenschaft, alkalisch aufPflaw zenfarben zu reagiren, und durch ihre Fähigkeit, Sauren zu neutralisiren und mit ihnen zu Salzen zusammenzutreten, sich den eigentlichen Alkalien (Kali, Natron u. f. w.) ahnlich verhalten. Außer diesen charakteristischen Eigenschaften, welche jeder Stoff besitzen muß, um unter die Classe der Alkaloide gerechnet zu werden, kommen die meisten Alkaloide noch in folgenden Merkmalen überein: Krystallisir- barkeit, weiße Farbe in reinem Zustande, bitterer Geschmack, Unfähigkeit sich unzer- setzt zu verflüchtigen, Schwerlöslichkeit in Wasser, Leichtlöslichkeit in Alkohol, Fällbarkeit ihrer Auflösungen durch Galläpfelaufguß, Stickstossgehalt; doch fehlen manche dieser Merkmale gewissen Alkaloiden, und namentlich unterscheidet sich das jüngst von Geiger aus dem Fleckenschierling dargestellte Alkaloid (Coniin) von den andern durch seine Flüchtigkeit und seine Leichtlöslichkeit im Wasser. Die Kcnntniß und Darstellung der Alkaloide ist in medicinischer Hinsicht von großer Wichtigkeit geworden, da sie erlaubt, die wirksamen Stoffe vieler Pflanzen frei von Nebenbestandtheilen, die der beabsichtigten Wirkung fremd sein könnten, und in genau vergleichbaren Dosen zu geben, und namentlich sind es die Alkaloide der Chinarinden und des Opiums, die in dieser Hinsicht eine häufige Anwendung erfahren. Die Alkaloide, deren Existenz als solche bis jetzt gehörig erwiesen ist, sind folgende: das Brucin in den Krähenaugen, Ignazbohnen und der falschen Angustura- rinde; das Cinchonin und Chinin in den Chinarinden; das Coniin im Fleckenfchier- ling; das Corydalin in der Wurzel von tndei-osa; das Emetin in den verschiedenen Arten der Brechwurzeln; das Morphin im Opium; das Nikotin im Taback; das Solanin in den verschiedenen Solanum-Arten; das Strychnin (meist zugleich mit Bruein) in den Krähenaugen, den Ignazbohnen, dem Upas-Tieute; das Veratrin im Sabadillsamen, der weißen Nießwurz und Zeitlosenwurzel. Außerdem scheinen auch die narkotischen Kräuter: Vilsenkraut, Tollkirsche, Stechapfel und einige andere Kräuter und Rinden Alkaloide zu enthalten, wo jedoch ihre Existenz nur noch erst mehr oder weniger unvollständig erwiesen ist. Die Aufstellung der Classe der Alkaloide schreibt sich von 1810 her, wo zuerst Sertürner das Morphin für einen den Alkalien sich anschließenden Stoff erklärte. Über das Nähere der Eigenschaften und Darstellungsweise der Alkaloide kann man sich aus jedem neuen Lehrbuche der Chemie belehren. Empfehlung verdient u. a. folgende kleine Schrift: Magendie, „Vorschriften zur Bereitung und Anwendung einiger»ncuen Arzneimittel u. s. w.", aus dem Franz. übersetzt von I). Kunze (si. Aufl. 1831), worin sich auch die mcdicinische Wirksamkeit der einzelnen Alkaloive angegeben findet. ^) Alme Udingen (Ludwig Harscher von), einer der vielseitigsten und gebildetsten deutschen Rechtsgclehrten der neuern Zeit, ward am 25. März 1766 zu Paris geboren, wo sein Vater als Hessen-darmstädtischer Gesandter lebte. Als seine Altern nach Deutschland zurückgekehrt waren, wurde er durch die bedrängte Lage derselben in den Vorbereitungen zu seinem wissenschaftlichen Berufe gehemmt, bis er, fchon 23 Jahre alt, von einem wohlhabenden Verwandten, dem oranischen Regierungspräsidenten von Passavant, unterstützt, die Universität Böttingen besuchen konnte, wo er bis 1792 blieb. Zwei Jahre nachher ward er Lehrer der Nechtswisi '-p -S DWM K-?e- WßttWM ts n >8 >»«-«„ W,7°>.^ mKeckHi« G, Tr >chik tzA ^!h ««d!l Almendingen 65 it im WH^ Dl! c hMH yU >i§ 5«l!> Mll,i!«! senschaft an der fürstlich oranischen Akademie zu Herborn und machte sich bald, auch außer dem beschrankten Wirkungskreise seines Lehramts, durch schriftstellerische Leistungen und eine ausgebreitete praktisch-juristische Thätigkeit bekannt. Mit Feuerbach (s. Bd. 4) und Grs (man (s. Bd. 4) wirkte er thatig für die Um« gestaltung der Criminalrechtswissenschaft und entwickelte mehre seiner Ansichten in der von ihm mir jenen Freunden gemeinschaftlich herausgegebenen „Bibliothek für die peinliche Rechtswistenschaft und Gesetzkunde". Obgleich die Richtung seines Geistes ihn mehr zu schriftstellerischer Wirksamkeit und zur Ausbildung der Theorie als zum praktischen Geschäftsleben zu berufen schien, so widmete er doch diesem fast seine ganze Lebensthätigkeit. Er ward 1803 Oberappellationsgerichtsrath in H.r- damar und 1811 als Geheimrath und Vicedirector des Hofgerichts in Wiesbaden angestellt. In diesen Amtsverhaltnissen nahm er als Bevollmächtigter des Herzogs von Nassau an den Verhandlungen mit Hessen und Frankfurt Theil, die 1809 und 1810 zu Gießen über die Einführung des französischen Civilgesetzbuches gepflogen wurden. Er hielt dabei die Ansicht fest, daß das fremde Gesetzbuch nur mit Veränderungen, zugleich aber mit seinen organischen Umgebungen, dem öffentlichen Verfahren und dem Notariat, und mit angemessener Umänderung der Verwaltung in einer, dem deutschen Charakter und dem Bedürfnisse des deutschen Volkes angemessenen Art eingeführt werden sollte. Ein gründlicher Beurtheiler, Rehberg, gibt ihm das Zeugniß, unter allen deutschen Schriftstellern über das französische Gesetzbuch habe fast nur allein A. dasselbe in seinen großen Beziehungen und Folgen erkannt. Wahrend seiner Anstellung in Wiesbaden war er als Mitglied der Gesetzgebungscommission vorzüglich mit dem Entwürfe einer neuen Gerichtsordnung beschäftigt, zu dessen Grundzügen auch die Beschränkung der untersten richterlichen Behörden auf eine friedensrichterliche Wirksamkeit und die Öffentlichkeit der Rechtspflege gehören. Die großen Interessen der Zeit veranlagen ihn nach der Auflösung des Rheinbundes, durch seine geistreiche, aber unvollendet gebliebene Schrift: „Politische Ansichten über Deutschlands Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" (Wiesbaden 1814), auf die öffentliche Meinung zu wirken, indem er darin das Benehmen der kleinern Rheinbundsstaaten zu vertheidigen suchte. Er wurde 1816 als Vicepräsident des neuerrichtelen Hosgerichts nach Dillenburg versetzt, während er fortdauernd als Mitglied der Gesetzgebungscommission thätig blieb. Reizbar, seiner begründeten Überzeugung treu, und nicht gewohnt, bei wissenschaftlichen Erörterungen seine Ansicht aus nachgiebigen Rücksichten zu verändern, bei den Verhandlungen über die Lebensfragen der Gegenwart zu lebhaft aufgeregt, ward er in heftige literarische Fehden verwickelt, und besonders gaben die, von ihm in den Conferenzen zu Gießen gehaltenen „Vorträge über den Codex Napoleon und seine organischen Umgebungen" (Gießen 1811 ^12) Anlaß zu Streitigkeiten, in welchen seine Gegner, durch literarische Gevatterschaftlichkeit dem Einzelnstehenden überlegen, ihn oft durch Ungerechtigkeit kränkten. In der trüben Zeit, wo die karlsbader Beschlüsse wie ein Alp auf Deutschland sich legten und die Reaktion gegen den frischen Geistesschwung der Völker in unheilvoller Wirksamkeit war, ließ A. durch jene, seiner ganzen Lebensarbeit so nachtheilig gewordene Verkennung seiner eigenthümlichen Thätigkeitssphäre sich verleiten, als Anwalt der verwitweten Fürstin von Anhalt-Schaumburg nach Berlin zu reisen, um die Entscheidung eines verwickelten Rechtsstreits zwischen der ältern und jüngern Linie des Hauses Anhalt- Bernburg zu betreiben. Dort war der Mann, der so laut für Preßfreiheit, consti- tutionnelle Institutionen und öffentliche Rechtspflege gesprochen hatte, zu jener Zeit nicht an seinem Playe, und bei seinem großen Mangel an Welt- und Menschen- kenntniß konnte er leicht Blößen geben, die dann von den Repräsentanten derjenigen politischen Grundsätze, deren feuriger Bekämpfte er war, benutzt wurden, ihn zu verdächtigen. Seine Bemühungen, eine Entscheidung in der Rechtssache, die er Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur, 5 66 Althorp Amerika führte, dem Revisionshofe für die Nheinprovinzen und nicht dem geheimen Ober- tribunal zu Berlin zugewiesen zu sehen, waren erfolglos. Als das Justizministerium sein Gesuch abgewiesen hatte, ließ A., nach seinen Grundsätzen dem durch die preußische Verfassung dem Justizminister gewahrten Spielraum abhold, aus das Urtheil der öffentlichen Meinung sich berufend, in Braunschweig (1820 — 21) eine Geschichte des anhaltischen Rechtsstreites drucken, deren Titel zugleich „Betrachtungen über Buchstaben-Justiz, geheime Rechtspflege und bureaukratisch? Proceßleitung" ankündigte. Die zweite, 1821 gedruckte Abtheilung kam jedoch nie in den Buchhandel. Die preußische Behörde fand Form und Inhalt seiner Druckschrift und seiner in der anhaltischen Rechtssache verfaßten Schreiben so anstößig, daß. man ihn 1822 einer Criminaluntersuchung unterwarf. Vergebens berief sich A. auf seine Eigenschaft als Auslander, vergebens wendete er ein, daß eine Beschwerde über sein Buch bereits durch eine, aus nassauischen Staatsbeamten zusammengesetzte Commission entschieden worden sei: er mußte sich dem Kammergcrichte unterwerfen, wiewol ihm gegen Bestellung einer Bürgschaft von 1000 Thalern die Abreise aus Berlin gestattet wurde, und nachdem er seine schriftliche Vertheidigung eingereicht hatte, ward er zu einjähriger Festungssirafe verur- theilt. Das nassauische Hofgericht zu Dillenburg lehnte die ihr angesonnene Bekanntmachung des Strafurtheils ab, das auch nie vollzogen wurde; die Regierung aber versetzte ihn mit dem fortdauernden Genüsse seines ganzen Diensteinkommens in Ruhestand. In seinen Aussichten auf ehrenvolle Wirksamkeit getäuscht, von seinen Jugendfreunden, mit welchen er in rühmlichen literarischen Verbindungen gearbeitet hatte, getrennt, ja angefeindet, in seiner Hoffnung, die politischen Ideen, für welche er rüstig gekämpft, ins Leben eingeführt zu sehen, schmerzlich betrogen, sah er den Zweck seines Lebens verfehlt. Er erschöpfte sich in geistigen Anstrengungen, die seine Gesundheit untergruben, und starb am 16. Jan. 182? zu Dillenburg. Vergebens bemühte er sich in der letzten Zeit seines Lebens, seine umständliche und höchst anziehende Vertheidigung in den Buchhandel zu bringen. Vergl. „Zeitgenossen", dritte Reihe, Nr. VI. Althorp, Viscount, seit Ii 831 Kanzler der Schatzkammer von England, ist der älteste Sohn des Grafen Spencer (s. Bd. 10) und wurde 1781 geboren. Nach den herkömmlichen Vorbereitungsstudien betrat er alsbald die politische Lausbahn, zeigte sich fortwährend den volksfreundlichenGrundsätzen zugethan und des Namens eines aufgeklärten Liberalen, womit man seinen politischen Charakter bezeichnet, durchaus würdig. Er bekleidete 1807, wo das Ministerium des Innern in dm Händen seines Vaters war, neben dem Marquis von Lansdown die Würde eines Lords der Schatzkammer. Im Parlamente, wo er lange Zeit für das Haupt der Whigs galt, zeigt er keine glänzenden Rednergaben; aber seine Bemerkungen fesseln durch ihr überwiegendes Gewicht gesunder Vernunft, reifer Umsicht und eines richtigen Taktes, und er legt mit ernstem, gehaltvollem Tone seine Ansichten dar, welche stets das regste Interesse an der Wohlfahrt des Landes beurkunden. Die plötzliche Stille, welche in dem Hause herrscht, sobald er zu reden anfängt, beweist, wie viel Gewicht man auf seine Meinung legt. Seine kurze Erklärung, daß er auf Wellingtons Ministerium kein Vertrauen setzen könne, trug nicht wenig zu dessen Sturze bei. Bei der Reformfrage waren Lord Althorp, Sir I. Graham und Lock Brougham die einzigen Mitglieder des Cabinets, welche eine vollständige Reform wollten und sich den Modifikationen ihrer Collegen, wodurch die Aristokratie der Kammern im Besitze der Gewalt bleiben sollte, widersetzten. (5) * Amerika, die neue, von Cristoforo Colombo 1492 zuerst betretene Welt auf der westlichen Hemisphäre unsers Erdballs, besteht aus zwei durch die Landenge von Panama aneinandergeketteten Erdkörpern, die je nach ihrer Richtung gegen die Pole hin Nord- oder Südamerika genannt werden. Da, wo je- .7 ,.^si ^ Ä'-K- ' uff, si:! .,.W" . . ll" , AN t- ' . ^ """' Mk Ak 1?^ <" ner Felscndamm das unermessene Wasserbecken, aus dem diese zwei Landhälften in emporragen, trennt, ragt aus der großen Einbuchtung des atlantischen Ozeans — i gleich der Ruine einer untergegangenen Vorwelt — die Eilandsflur der Antillen i. w ^ oder Westinbien hervor. Der Nordpunkt dieser neuen Welt verliert sich jenseit ' des 80° N. B.; den südlichen bildet unter dem 54° S. B. die magellanische ^ Straße, und jenseit derselben die Südspitze des Feuerlandcs, das Cap Horn. Im W. gibt das Cap Prinz-Wales, 209° Ö. L. auf der Halbinsel Alaschka, und im vechsiw K? brasilische Eap San-Roque, 341°, die Endpunkte an. Die Größe dieses Erdtheils wird auf 750,000 l^M. angegeben. — Unter Nordamerika begreift Änder ^ man das Land, welches von dem Nordpolarmeere bis zur Erdenge von Panama reicht und Grönland, die Lander zwischen dem nordwestlichen Theile der Bafsins- ^ bai und dem Lancastersunde, Spitzbergen, Bafsinsland; das britische Nordamerika, ^ «MG sich als: Obercanada, Untercanada, Neubraunschweig, Neuschottland, Prinz Edtl- ardsinsel, Cap Breton, Neufundland mit Labrador, die Bcrmudaseilande, Neu- ^ wales; das russische Amerika mit der eine Erdzunge bildenden Halbinsel Alasch- v« ka; die Küstenländer: Neugeorgia, Californien, Neuhanover und Neucorn- lr? lcbUe die ist A Wallis, welche von freien Indianern unter ihren Tays (Häuptlingen) bewohnt (tScllMwurde; dieNzi» w'vden; die 25 Vereinigten Staaten nebst ihren fünf Territorien als: Maryland, Virginia, Neuyork, Pennsilvania, Delaware, Nordcarolina, Neujersey, Luisiana U oder Neuorleans, Massachusetts, Connecticut, Südcarolina, Rhodeisland, Eolum- bia, Ohio, Georgia, Tennessee, Kentucky, Neuhampshire, Maine, Vermont, Illi- Missuri, Arkansas, Indiana, Alabama, Missisippi, Michigan, das nordwest- iM -u iedm liche Gebiet, Oregan und Florida; die Republiken Mexico und Guatemala. — Die Zweite große Hälfte der westlichen Halbkugel der Erde ist von der Alles ausgleichcn- . ^>. '/c den Mutter Natur in ihrer Pflanzen- und Thierwelt durch einen Charakter von Er- . »N ).M -9^ ^' habenheit und Größe ausgezeichnet worden, dem nur die hohe Geistesbildung Fortschritte des politischen Lebens in dem wichtigern Theile von Nord- M zu ÜIIIM lo.'lA omerika das Gleichgewicht zu halten vermag. Man blicke nur auf seine himmel- hohen Gebirge, seine von Riesenpflanzen dichtverwachsenen Urwälder, die gan- ^ Scharen von Affen, Kolibris und Papageien zum Aufenthalte dienen, auf seine unermeßlichen Savannen und Pampas, und endlich auf seine moorartigen Süßwasserströme. Überall, in der belebten wie in der leblosen Natur, ist der Stem- pel der Größe aufgedrückt, überall erscheint diese in einer kolossalem Majestät als .. in den übrigen Erdtheilen. Was aber vorzüglich die neue vor der alten Welt her- - vorhebt, ist ihr sonderbar gestaltetes Niveau, das weniger durch die Höhe seiner Ge- . birgszüge als durch den Umstand hervorgebracht wird, daß kein allmaliger Über- ' gang den Fuß des Gebirges mit dem Flachlande verbindet, sondern allenthalben ^ grelle Gegensätze von hoch und niedrig, Fruchtbarkeit und Wüstenei sich berühren. "^ Wie Nordamerika, mit Ausnahme von Mexico und Guatemala, mehr eine 7 MWi wellenförmige, auf beiden Seiten von Gebirgszügen eingefaßte Hochebene bildet, so . A,- ist Südamerika hingegen einem, in allen Richtungen hin von großen Strömen Ws ' und hohen Alpengürteln durchschnittenen Dreiecke vergleichbar. Nur ein durch sei- . nen Neichthum an Chinarinde, Jpecacuanha, Sassaparille und andere Arzneimit- tel berühmt gewordenes Plateau, die gegen 8700 Fuß über die Meeresfläche erha- . ^ bene fruchtbare Llano del Pullal, bildet mit den von ewigem Schnee und Eis be- ' '.'-.-.xA, Tik3' deckten Gipfeln der Attdeskette (Oaräillera cke los Ruckes), deren beständig kochender - D Feuerherd sich sowol inPeru und Quito als in Mexico und Guatemala Luft verschafft, )" . .. ^' einen auffallenden Gegensatz. Die genannte Gebirgskette zieht sich fast in Polrichtung ' ^ 'I': das ganze Dreieck von Südamerika hin, vom Cap Froward und Pilares an ^ magellanischen Straße bis zur Landenge von Panama. Das Land erhebt sich ..is allmälig von der Küste des atlantischen Ozeans und steigt bis zu der hohen Bergkette hinan, welche auf der Westseite am stillen Meere in jähen Abhängen wie eine unge- 68 Amerika heure Mauer gethürmt dasteht. Aus der westlichen Einbuchtung des Meerbusenz von Arica zieht nach Osten durch'Brasilien hin das Gebirge Chiquitos mit doppelter Abdachung. Zwei ungeheure Ebenen breiten sich an seinem Fuße aus : die La Plata-Ebene oder die Pampas, und die Ebene des Amazonenlandes, jene grasreich, diese mit Wald bedeckt. Noch nördlicher, an der Küste des caraibischen Meeres' erheben sich die Gebirge von Caracas, welche das 50,000 HZM. enthaltende Binnenland, die grasreiche Savanna oder Orinocoebene, einschließen. Man erW nur dann ein deutliches Bild von Amerika, wenn man im Süden die drei Fluß, systeme des Orinoco, Maranhon (Amazonenstrom) und La Plata nebst ihren Seitenströmen, mit denen des Missisippi, Ohio, des Cooksflusses, des Rio del Nocke und Missuri im N. vergleicht. Was im Süden die Andeskette, das sind im N. in Bezug auf das Skelett des Festlandes die Felsenberge (lloclc^ moun- wins) und die vier parallellaufenden Reihen der Lorber-, blauen-, Nord- und Alle- ghany-Gebirge (d. i. endlose Gebirge), welche zusammen die Benennung Apalachen führen. Wenn Nordamerika außer den erwähnten Strömen noch hauptsachlich durch den Lorenz-, Mackenzie- und Kupferminenfluß, sowie durch den Ober-, den Michigan-, Huron-, Erie- und Ontario-See, den Athapesco, Nicaragua, den Cha- pala, Asinipolen-, Sklaven- und Winnipeg-See bewässert ist, so erhalt Südamerika durch die Überschwemmungen des Uraguay, Parana, San-Francesco, Colorado, Pilcomajo, Vermejo und des Magdalenenflusses, welche sammtlich die schönsten Wasserfalle (liauclkcles) bilden, eine große Fruchtbarkeit. Den obengenannten Seen Nordamerikas kann man auf der Südhälfte, wenn auch weniger groß und wasserreich, den Pbara-, Zapatosa-, Maracaibo-, Parima- (LI voracko), Xaryes-, Potos-, Chincaychocha-, Parime-, Merun-, Villa-Rica-, Lauri- und Titicaca- See, sowie die salzreichen Porongosseen entgegensetzen. Das Klima ist in Südamerika durchaus kühler als in andern Erdtheilen unter gleicher Breite. Die meisten Berge in der heißen Zone sind^ mit ewigem Schnee bedeckt. Humboldt bestimmt die Schneelinie unter dem Äquator auf 14,772 pariser Fuß. — Nach der politischen Eintheilung unterscheidet man in Südamerika: 1) das Kaiserreich Brasilien; 2) Guyana, nämlich das französische, niederländische (Surinam) und britische; 3) die Centralrepublik Colombia, die sich 1831 in drei kleinere Freistaaten: Neugranada, Venezuela und Aequator, aufgelöst hat; 4) die Republik Peru; 5) die Republik Chile; 6) die Republik Bolivia; 7) dm unumschränkten Dictatorstaat Paraguay; 8) die Silberrepublik (Republica ar- Aentina) oder den aus 13 kleinern Republiken bestehenden Staatenverein am Rio de la Plata; 9) die Republik der Araucos; 10) die Lancia vriental odercüspla- tina; 11) Patagonien, oder die wüste Südspitze mit den sämmtlichen Eilanden an der magellanischen Straße, wozu gehören: Neu- oder Südgeorgien, mitten im Sommer auf seinen Felsen fast bis zur Wasserfläche mit Schnee bedeckt, Sandwichland, die Saunders- und die Lichtmeßinseln, und das erst 1819 von dem englischen Capitain Smith aufgefundene Neusüdshetland, eine Gruppe von fünfIn- seln, die er im Namen des Königs von England in Besitz nahm; ferner die 1822 vom britischen Capitain James Weddel entdeckten Australorkaden mit dem Cap Dundas, welches sich, sowie der größte Theil der Berge dieses höchst unfruchtbaren Landes, nur mit spitzigen Gipfeln aus dem Meere erhebt. — Die bedeutendsten zu Amerika gehörenden Inseln sind die großen Antillen: Euba, Jamaica, Haiti (St.-Domingo oder Hispaniola), Porto-Rico; die kleinen Antillen oder caraibischen Inseln: 1) die virginischen Inseln, ungefähr 60, darunter zu Dammark gehören: St.-Thomas, St.-Croix, St.-Jean; zu Großbritannien: Virgin- Gorda, Spanish-Town, Tortola, Anegada; zu Spanien: die Passage- oder Schlangeninseln; 2)St.-Eustach, 3) St.-Martin, 4) Anguilla, 5) St.-Barthc- lemy (schwedisch), 6) St.-Christoph oder St.-Kitts, 7) Newis, 8) Montserrat kii >- ÄfichÄcüA 4 L Amerika 69 »/7-' ^ MÄl ^^c^MPllii;sttchiüKwkii ö'»-MÄ, ^lAck ^'^-'^chsW!IPiischsM -'^5-ÄM ^ckHN« ^--'.^i!'l!-^MMWMjs),!e ^ WM-,t»lÄW ä?K»-xM ÄlKlM 'l? ^-.ÄÄ MMÄck ^ 1 ^ :77M MM -A: ,'D Ä ss) ?lntigo P.. ^'chsten-kl Amerika 71 ^^7'^chd-r^ A SF".H k,»?. und ZMsi! MNNdÄMM UU Nepcsangs, Ottawes, Jroquois-Chippeways, Muskonongle und Messissaugers; Allgonkinen längs dem Lorenzflusse in Neuschottland; die Mohikans lMotieakun- nevvs), wozu 10 verschiedene Stämme gehören; die Irokesen am Eric- und On- tariosee, zu welchen, außer den Huronen, noch die Mohawker, Oneider, Senecaer, Cayuger, Onondager und Tuscaroras zurechnen sind; die Nadowessier, auf der Westseite des Mississippi; die Osagen am Flusse gleiches Namens ; dieOttogamen und die Sakis auf der Ostseite des Missisippi; die Arrapahays am Kansas; die Sioux am Missuri; die Mandanen zwischen dem Missuri und Mississippi; die Apachen mit einer Menge stammverwandter Ansiedler. In Westindien ist die caraidische Abstammung vorherrschend. Zu den Ureinwohnern Südamerikas aber gehört vor allen der große Stamm der kupferfarbigen Peruaner, deren gegenwartige Erniedrigung eine Frucht spanischer Bigoterie und Ränkesucht ist. Die äußerlich sich zur katholischen Religion bekennen, heißen?ick«!es, diejenigen hingegen, welche noch den Lehren der Jnkas folgen, vm-barus. Die auffallendsten Stamm- vcrschiedenhciten bilden außer diesen die Botokuden, Patagonen und die Bewohner des Feueclandes. Die größte Anzahl von Südamerikas Bevölkerung besteht aus Mischlingen von allerlei Gattungen, welche aus den sich durchkreuzenden Ehen von Europaern, Indianern, Negern und deren Kindern hervorgehen. Die Spanier zählen 11 Abstufungen derselben, nämlich: Kestens, Kinder eines Europaers und einer Indianerin; Hnurteroues, Kinder eines Europäers und einer Mestiza; 0c!iuvotte5, Kinder eines Europaers und einer Quarterona; kulcllueles, Kinder eines Europäers und einer Ochavona (die Kinder eines Europäers und einer Pul- chuela gleichen schon den Spaniern); Nuluws, Kinder eines Europäers und einer Negerin; Humteroues, Kinder eines Europäers und einer Mulattin; Saltatrss, Kinder eines Quarteron und einer Europäerin; O-Usiim Alulaws, Kinder eines Mulatten und einer Indianerin; Ctimos, Kinder eines Calpan Mulatten und einer Indianerin; oder alle von Schwarzen und Indianerinnen erzeugten Kinder. Unter dem Namen Creole oder Oiollos begreift man alle von europaischen Altern in gesetzmäßiger Ehe abstammenden Bewohner Amerikas. Diese Völker und Mischlinge haben sich zwar aus ihrem anfänglich rohen Zustande noch nicht ganz herausgewunden, doch sind die meisten ihrer Stämme, besonders in Nordamerika und auf den Antillen, in der Gesittung merklich vorgerückt. Das Verdienst, Amerika zuerst in die Erdkunde eingeführt zu haben, gebührt unstreitig dem großen Genuesen Cristoforo Colombo, oder wie er sich später in Spanien nannte, Colon, der nach vielen Gefahren am 7. Oct. 1492 das Eiland Guanahani, eine der Bahamainseln, entdeckte, sie zum Andenken an seine Rettung San-Salvador nannte und von da aus bis Euba und Hispaniola oder San-Do- mingo(das heutige Haiti) vordrang. Die erste Auffindung aber fällt schon — wenn man Plato's Atlantis immerhin für nichts Anderes als ein bloßes allegorisches Gemälde der damaligen Sitten und Regierungsform annimmt — in die dunkle Zeit des Mittelalters. Es waren Normänner, welche schon 895 von Island aus das Nordpolarland Grönland entdeckten. Unter Erich dem Rothen 982 gingen Isländer dahin ab und verpflanzten das Christenthum auf den von Eis umlagerten estlichen Küstenrand. Nun folgten Entdeckungen auf Entdeckungen. Der Isländer Biörn fand 10.01 in südwestlicher Richtung Winland. In der Folge unternahmen die Brüder Niccolo und Antonio Zeni in den Jahren 1388 und 1390 eine Fahrt in den nordatlantischen Ozean, wurden an das räthselhafte Frieslanda (wahrscheinlich die Faröer) verschlagen, und sahen darauf einen Theil von Nordostamerika, welches sie Drogno nannten (Neuschottland). Auf einer zweiten Fahrt entdeckte Colombo 1495 die Caraiben und 1490 Puerto-Rico undJamaica. Gleichzeitig fand der Venetianer Giovanni Caboto die Küste von Labrador. Der in britischen Diensten stehende Sebastian Cabot betrat 1497 Neufundland. Ein Jahr darauf un- 72 Amerika ternahm Colombo seine dritte Reise, aus welcher er Trinidad, die Mündung desOrk- noco, sowie das feste Land von Südamerika entdeckte. Dessenungeachtet wurde der neugefundene Erdtheil nicht nach ihm, sondern nach dem ehrgeizigen Florentiner Amerigo Vespucci genannt, welcher zu derselben Zeit nach Westindien, und 1501 an die von dem Portugiesen Pedro Alvarez Cabral entdeckte Küste von Brasilien kam. Colombo endigte sein Leben, nachdem er auf seiner vierten Reise 1502 die Hondurasküste und den Isthmus von Panama untersucht hatte, in schmachvollem Ge- fangniß. Die Erforschung von Neufundland verdankt man dem unerschrockenen Gaspar de Cortoreal. Schon 1506 wurde diese Insel von den Franzosen Jean Denis und Comart aufgenommen, und 1507 Jucatan durch Pames Pinzon und Diaz de Solis bekannt. Ponce de Leon entdeckte 1512 Florida. Drei Jahre spater landete Ioh. Grijalva an der Küste von Neuspanien (Mexico), das Ferd. Corte; 1519 — 20 eroberte. Die Südspitze des Eontinents wurde 1520 durch den Portugiesen Hernandez Magelhaens, der zuerst durch die nach ihm benannte Meerenge und um die Welt segelte, aufgefunden. Pizarro erschien 1526 in Peru, dessen Unterwerfung ihm jedoch erst 1531 gelang. Wahrend Sebastian Cabot Paraguay entdeckte und die augsburgischen Kaufleute Welser von Venezuela Besitz nahmen, fanden Bezerra und Grijalva 1533 Californien, welches Land die Spanier Guzman und d'Ulloa naher untersuchten, entdeckte Jacques Cartier Canada und die Mündung deS Lorenzflusses, sowie Diego de Almagro Chile und Pedro de Mendoza die Lander am Platastrome. Vier Jahre nachher eroberte Fernando de Soto Florida, und selbst die Nordwestküste von Amerika wurde durch die golddurstigcn Spanier bis zum Cap Mendocino untersucht, der Maranhon von Orellana beschisst. Erst 20 Jahre spater fand der Mönch Andr. Urdanietta die Beringsstraße, und der Grieche Fuca (ApostolosValerianos) die Straße, die durch den Königin-Charlotten- Sund in das stille Meer führt. Nimmt man die von dem Franzosen Roberval in Canada gegründete Colonie aus, so gebührt der Ruhm der ersten Bekanntmachung Amerikas den Spaniern und Portugiesen allein. Zwei Hottander, Jak. vanHeems- kerk und Ioh. Com. Nyp, entdeckten 1596 Spitzbergen. Erst nachdem durch die Entdeckung der östlichen Fahrt nach Archangelsk die Thatigkeit der Briten geweckt war, gingen auf Befehl der großen Elisabeth zwei kleine englische Schiffe unter Walter Raleigh nach Amerika und nahmen das im N. des Palimcosundes gelegene Land, welches sie der Jungfrau-Königin zu Ehren Virginia nannten, 1584 in Besitz. Schon im folgenden Jahre führte Richard Greenville eine Colonie von 107 Briten dahin, welche aber, den Schwierigkeiten weichend, 1586 auf den Schiffen des Erdumseglers Franz Drake, der Cayenne, die Küste von Guyana und die Inseln an der magellanischen Straße entdeckt hatte, wieder in die Heimath zurückkehrten. Die ersten dauernden Niederlassungen der Englander in Amerika fallen in den Zeitraum von 1603 — 25. Die Untersuchungen der Hudsons- und Bafstns- bai gehören dem ersten Zehntel des 17. Jahrh. an; in ihren Namen sind die dabei thatigen Manner verewigt, sowie Davis in der nach ihm benannten Straße. Was in Nordamerika noch zu erforschen übrig blieb, betraf das Binnenland und die Polarlander im NO. und NW. Beide Fragen wurden erst im 18. und 19. Jahrh., jene durch Mackenzie, Levis, Clarke, Weld, Long, Pike, Volney, Dundas-Cochrane, Beltrami, Wilson, Flint, Hardy, Ashley, Girand, Storr, Siddons, Ward und Hearne; diese durch Cook, Behring, Phipps (Lord Mulgrave), Scoresby, Roß, Buchan, Wrangel, Anjou, Parry, Lyon, Franklin, Richardson, Beechey und Graah gelöst. (S. En tdeckungsr eisen.) Die nähere Kenntniß Südamerikas verdankt man außerdem theilweise schon genannten Spaniern und Portugiesen, besonders einem Diego de Roxas, Garcia de Lerma, Diego de Ordcz, Juan de Ayoba, Domingo de Jrala, Juan de Goray, welcher Chaco begründete, Jacques Lemaire, der 1615 die nach ihm benannte Straße auffand, AW'zstaVa - jlWZSiÄkÄÄl chchMLJ-cc' ^ Amerika 73 . 7 Na -7! ' .' IT"^"»»«»« ' - -- '«AüsSNK. O ' '-'.77'ikAi»MchUK! ,,,- w'MKmD - 7 ss-,iÄ össch^H^ Wkli»,'' k- >!'.i "'5^ M' Mascardi, der zuerst den Jndianerstamm derCesares in Chile kennen lernte, Samuel Fritz und Lacondamine, welche Beide durch Karten und Beschreibung des Amazonenstroms die Topographie des Innern aufhellten; vor Allen aber haben die Missionen der Jesuiten und Franciscaner (Dominic. Brite und Andr. de Toledo, Tepeira u. A.) im 17. und 18.Jahrh. durch ihre Forschungen zu Santa-Cruz de la Sierra, Chiquitos und Paraguay die Erdkunde bereichert.' Was zu Anfange des 19. Jahrh. Männer wie Humboldt, Bonpland, Brackenridge, Heckewelder, Kunitz, Henderson, Prinz von Neuwied, St.-Hilaire, Tcmple, Hamilton, Spip und Martins, Pohl, Mikan und Natterer, Efchwege, Basil Hall, Caldcleugh, Mollien, Stuart-Cochrane, Langsdorf, Gosselmann, Stevenson, Head, Miers, Broctor, Rengger und Beauchamps, Hamilton, King und Pringle - Stockes und viele Andere für die Wissenschaft geleistet haben, ist bereits zu jedes Gebildeten Kenntniß gelangt. Von dem franz. Capitain Louis Ant.Guädon, der im Auftrage des Handelshauses Baron und Comp, in Dieppe nach der Bassinsbai auf den Wallfsschfang ausgeschickt war, wurde 1825 die, selbst den Forschungen eines Roß und Parry entgangene Insel Dieppe und die mit der Prinz-Regents-Einfahrt in Verbindung stehende Meerenge, die jetzt Detroit cke (4ueckon heißt, entdeckt. Nebst Mollien's und Hamiltons tresslichen Nachrichten über die jetzt in drei kleine Freistaaten getheilte Republik Colombia, der jungen Schweizer Rudolf Rengger und Beauchamp's Werk über Paraguay, welches die beste bis jetzt erschienene Darstellung jenes Landes und seines despotischen Dictators D. Francia enthält, haben vor Allem die Berichte der beiden Briten Miers und Head viel dazu beigetragen, den Schwindelgeist ihres Vaterlandes in Betreff der unermeßlichen Schätze, womit Südamerika angefüllt sein sollte, etwas zu mindern. Der Metallreiz (suri et urgent! sucru fumes), dieser große Hebel der Welt, hat sieben englische, zwei nordamerikanische und einen deutschen Bergwerksverein ins Leben gerufen, deren Kosten (an 20 Mill. Thlr.) noch nicht gedeckt sind; gläubig lagen ihre Actionnaire wie jene Hülfsbedürftigen am Teiche Bethesda, wartend, ob ein Engel die Wünschelruthe bewegen werde, bis die Reiseberichte jener Männer erschienen, und das Ergebnis Beider— so verschieden auch sonst die Ansichten und die eingeschlagenen Wege waren — darin übereinkam, daß man die Gold- und Silbermasse zu groß und die Kosten der Bearbeitung zu gering angeschlagen hatte. Edmond Temple, welcher als Secretair des britischen Bergwerksvereins von Peru, mit dem Geschäftsführer desselben, General Paroissien, dem Bergwerksvorsteher, Baron von Czettritz, und dem Bergschüler Scrivener 1825 nach der neuen Welt abgesegelt war, hat während seines dreijährigen Aufenthalts daselbst viel Neues beobachtet und bekannt gemacht. Nach ihm sollten 1826 aus den schon seit 250 Jahren geplünderten Gruben von Potosi, Portugaletta und Chayanta 177,127 Mark reinen Silbers gewonnen worden sein. Doch hat auch Andrews, der 1825 im Auftrage der Bergwerksgesellschaft für Südamerika von Buenos-Ayres durch die innern Laplata-Provinzen nach Bolivia und Chile reiste, in feinem 1829 zu London erschienenen Werke von solchen Unternehmungen abgerathen. Aus den Untersuchungen der englischen Reisenden, besonders des kundigen Miers, ergab sich auch der für Bergwerksunternehmungen wichtige Umstand, daß die Eingeborenen bei ihrer einfachen Lebensweise und ihren geringen Bedürfnissen die Gruben wohlfeiler und vortheilhafter hatten bauen können als Europäer und daher für diese der Ertrag bedeutend sinken mußte. — Außer den Geognosten Pentland — welcher durch trigonometrische Messungen ermittelte, daß nicht der Chimborasso der höchste Berg in Südamerika sei, sondern der Nevado (Schneeberg) von Socata (28,644 par. Fuß) und der Jllimain in der bolivischen Provinz Lapaz (22,706 par. Fuß über der Meeresfläche)— und Redhead, über deren Arbeiten A .V .Humboldt in der „Hertha" (1829) Bericht erstattet hat, und den brit. Ingenieurs King und Prürgle- 74 Amerika Stockes, welche 1826 die magellanische Stnrße, diesen Gegenstand des Schreckens für alle Schisser, und die Küsten von Patagonien aufgenommen haben, hat sich besonders der Franzose Parchappe ausgezeichnete Verdienste um die Erdkunde Südamerikas erworben. Zwölf Jahre lang hat er Reisen durch die Mittel- und Süd- provinzcn unternommen. Seine Entdeckungen, die noch nicht gedruckt sind, sollen ein neues Licht über den Lauf des Uruguay und anderer Ströme des Paranagebiets, über den Landstrich Corrientes, die Provinz Entre Rios oder das Land zwischen den beiden großen Strömen, welche den Rio de la Plata bilden, verbreiten. Er berichtigt den Jrrthum, der die wahre Lange des Jberasees in der Richtung von O. nach W. um das Vierfache vergrößert hat,, fand zwar die Angabe von den Überschwemmungen nicht gegründet, konnte aber reiche topographische Details liefern; ebenso ist es ihm gelungen, den Lauf eines Theils des Rio Colorado und des Rio Ne- gro zu bestimmen, wodurch eine Menge unzuverlässiger Einzelheiten, wie sie die bisherigen Karten darstellen, verschwinden. Mit Ungeduld sieht man dem ausführlichen Berichte dieses gründlichen Forschers entgegen. Auf das Dunkel, welches seit Jahrhunderten die Ostküste von Grönland bedeckte, und das erst 1822 dem jüngern Sco- resby theilweise aufzuhellen gelungen war, ist in neuester Zeit wieder ein Lichtstrahl gefallen. Der dänische Fregattencapitain Graah, der schon 1823 und 1824 die Westküste aufgenommen hatte, ist im Auftrage seiner Regierung 1830 durch die Meerenge, welche das Festland, wo Staatenhuk liegt, von der Insel Sermensog trennt, längs der Ostküste von Grönland hingefahren und weit über die Grenzen hinausgekommen, innerhalb deren sich die alte Colonie von Isländern befunden haben soll, hat aber nicht die mindeste Spur davon angetroffen. Er schließt daraus, daß die Ansiedlung gar nicht östlich von Staatenhuk, sondern im südwestlichen Theile Grönlands, nach Julianenhaab hin, gelegen haben müsse, eine Meinung,, die schon vor 40 Jahren Eggers ausgesprochen hat. Was gegen diese Behauptung spricht, ist der Umstand, daß die Bewohner jener Küste an Größe, Wuchs, Hautfarbe und Gesichtsbildung ganz von den Eskimos abweichen, dagegen aber den Europäern ahnlich sind. Ihre Zahl scheint im Abnehmen zu sein. Auf der ganzen Strecke von 60 — 65° Br. hat Graah nicht mehr als etwa 600 Individuen angetroffen. Die Ostküste ist unfruchtbarer als die Westküste, und eigentlich nichts Anderes als ein mehr oder weniger abgeflachter Eisberg. Der katholische Missionar Vin- cenzo Bizzozero, aus Toscana, reiste 1829 von Obercanada über Neuorleans in die unter dem Namen Attakapas (d. h. Menschenfresser, von seinen frühesten Bewohnern) bekannten reizenden Ebenen, etwa 300 Meilen nordwestlich von Neuorleans, wo er das herrlichste Klima, dem von Neapel vergleichbar, ansehnliche Maulbeerpflanzungen und blühenden Seidenbau vorfand. Die jetzige Bevölkerung besteht aus Franzosen, Schweizern und Italienern. Der Prinz Paul von Wür- temberg hat 1830 eine Forschungsreise nach den westlichen Ländern jenseit der Felsengebirge beendigt. Man verdankt ihm die beste Karte vom Staate Louisiana.— Hauptquellen zur Kunde Amerikas sind außer den größern Reisewerken: Jedidiah Morse, ,,'IAe american universal de Alcedo's und G. A. Thompsons „deo^rapllical anck liiswrieal ckietionar^ ok ^meriea" (London 1812 — 15, 4., 5 Bde.); Carey's und Lea's „^.tlas" (Philadelphia 1822, Fol.; franz. von Buchon, mit Erweiterungen, Paris 1825) ; Malte-Brun s „Neuestes Gemälde von Amerika" (aus dem Franz, von E. W. v. Greipel, Lpz. 1819). Uber Nordamerika: Fr. Schmidt's „Versuch über den politischen Zustand der Staaten von Nordamerika" (Stuttg. 1822, 2 Bde.); Warden's, „^ecouut ol tüe unitecl states of Kortlramerica"; C. Siddons, „Die vereinigten Staaten von Nordamerika" (Stuttg. 1827,2 Bde.); A. Lips, „Statistik von Amerika" (Franks, a. M. 1828). Über Mexico, Westindien und Südamerika: Bonnicastle, „Lpanisü ^me- ricaetc." (London 1818, 2 Bde.); Alex. v. Humboldt's „Vers, über den poli- " " b-'-> ' . . . ^l!N) --' -«»» - > ^ ö '' - .. . ^ ^ .i- ' ^Wich^Ki- ''...'^-Q^NSö . - 7. 7 Ä'K»^«D« .77 77^7 M,stM M .77 77 7.772 ^«xÄUiirz»^ ^LOiDl' ' MD^i ... - 7^7' 5Ä''7 7 7 V- .j^it .1 2 ^ WBVZ' - 7O!I>^ ..i^ ^'5-7 7i Ampere (Andrö Marie — Jean Jacques) 77 SKSS "TKk der theologische Mysticismus furchtbar herrschte, in seinem sehr compli'ci'tten Ver- hältnifse glücklich geleitet, und er hat ohne Geprang und ohne Glanz, still und gerauschlos Vieles für das wahre Evangelium gewirkt. Seine populairen und gelehrten theologischen Schriften sind von dem großen und dem theologischen Publicum nicht ohne Beifall aufgenommen worden. Es mögen hier von den Schriften der ersten Art „Rudolfs und Idas Briefe über die Unterscheidungslehren der protestantischen und katholischen Kirche" (Dresden 1827) angeführt werden. Bei Gelegenheit der Jubelfeier der augsburgischen Confession gab er ein „Iubelfestbuch" (Erlangen 1829) heraus, welches die augsburgische Confession geschichtlich und literarisch behandelt, und spater ein „Denkmal der Säcularfeier" (Erlangen 1881), das die in den deutschen Bundesstaaten stattgefundencn Feierlichkeiten nach den Quellen beschreibt. Ampere (Andre Marke), Prosessor an der polytechnischen Schule und am ^ollü^e cke Trance, Mitglied der Aeackeiuie renale ckes sciences u. s. w. zu Paris, einer der vorzüglichsten noch lebenden Physiker und Mathematiker Frankreichs, geb. 22. Jan. 1775 zu Lyon. Den größten Ruf hat sich derselbe durch seine theoretische und experimentale Bearbeitung des Elektromagnetismus erworben, indem er, bald nachdem Oersted's Fundamentalentdeckung hierüber in Frankreich bekannt geworden war, sich ihrer gewissermaßen als seines Eigenthums bemächtigte, dieselbe mit allen ihren Folgeerscheinungen durch die berühmt gewordene Hypothese verknüpfte, daß der Magnetismus der Körper in nichts Anderm als elektrischen Strömen, welche um die Theilchen derselben kreisen, bestehe, indem er die Gesammthekt der elektromagnetischen Erscheinungen aus diesem Gesichtspunkte der Berechnung unterwarf und eine große Menge interessanter und instructiver Versuche und Apparate in Bezug darauf angab. Außerdem hat er mehre andere, theils rein mathematische, theils physikalisch-mathematische Untersuchungen von Werth bekannt gemacht, und es verdient in ersterm Bezüge vorzüglich seine Abhandlung über partielle Differenzialgleichungen, in letzterm seine Bestimmung der Gestalt der Licht- wellen in doppeltbrechenden Körpern mit Auszeichnung erwähnt zu werden. Scharfsinn, Klarheit und Folgerichtigkeit zeichnen alle Untersuchungen desselben aus; doch hat seine Theorie des Elektromagnetismus bis jetzt noch nicht allgemein Beifall gefunden, da sie Vielen mehr sinnreich als in der Natur gegründet erschienen ist. Sein Hauptwerk darüber ist: ,/IAeorie ckes pllenomenes electro-chna- inigues" (Paris 1826); auch findet man eine vollständige und leichtfaßliche Darstellung seiner Theorie in Fechner's„Elementar-Lehrbuch des Elektromagnetismus" (Leipzig 1880). Seine übrigen Untersuchungen finden sich hauptsachlich in den „^nllules cke rlnmie et cke ptl^siyne", dem „lourn-U cke I'ecole pol^teedui^ue" und den„AnnaIes ckes mcttüemuti^ues"von Gergonne zerstreut. (11) — Jean Jacques A., Sohn des Vorigen, geb. zu Anfang dieses Jahrhunderts, einer der jungen Manner Frankreichs, welche durch regen Eifer und Fleiß sich um die Würdigung und Verständigung der deutschen Literatur in Frankreich verdient gemacht haben. Nach den vollendeten gewöhnlichen Studien, und nachdem er sich in der Poesie (der altclassischen) versucht ohne Befriedigung zu finden, trieb Das, was er von der bei den Franzosen sogenannten romantischen Poesie kostete, ihn zu näherm Studium und zu Reisen in die Länder an, wo sie geblüht oder noch grünt. Er durchreiste, wie wenig Franzosen, eifrig forschend und rastlos ftudireno Italien,^die Schweiz, lernte in Bonn die deutsche Sprache gründlich, befestigte sich in dem Studium derselben durch längern Aufenthalt in Weimar, Göttingen, Berlin, später in Dresden, wo er überall die Bekanntschaft und Zuneigung unserer ausgezeichnetsten Geister sich erwarb. Sein tressliches Urtheil über Göthe im pariser „01c>de" (damals noch nicht simonistisch, der Stapelplatz aller jugendlich erweckten Geister in Frankreich) hatte ihm die besondere Geneigtheit dieses Veteranen verschafft. Von >> > z 78 Amsler Berlin aus unternahm er mit W. Alexis die Reise übeeDanemark durch Norwegen und Schweden, welche von beiden Schriftstellern desonders, von Alexis in s. „Herbstreise durchSkandinavien" (Verl. 1828), vonAmpere spater in einzelnen Bruchstücken in der „Revue tz, AM AKSl L «M ÄS»K ----»LT 2'Ä M mM S» .^rNrMWM --'--AÄihmW«R' -JÄttiö H»W«! > «M i«' '' . Mp -7).7i MwD -"?. -"2 Mil^ s-'i- °"iM 5 5k-Atz kungskrcis gefunden. Sein neuestes Werk, die Grablegung nach Nafael's Bild in der Vorghese'schcn Sammlung in Nvm, mit beigefügtem Predell, unterscheidet sich durch brillantere Ausführung von seinen frühern Arbeiten, ohne zu der Oberflächlichkeit hinüberzuneigen, die man an französischen Kupferwerken tadelt. Gegenwärtig ist er mit der heiligen Familie nach Rachel in der Münchner Galerie und mit dem Bildnisse von Cornelius beschäftigt, welches letztere noch vor Ostern ausgegeben fein wird. Seine Werke hat er meist im Selbstverlag; doch sind sie durch alle Kunsthandlungen (besonders durch Börner in Leipzig) zu beziehen. (13) Anckarswärd (Karl Henrik), der Enkel eines Bergwerksbesitzers in Westmanland, der Johann Coßva hieß, und dessen 1742 geborener, noch lebender Sohn, Michael Anckarswärd, der Gründer dieser Familie war. Schon im siebenjährigen Kriege diente Michael anfänglich nur als Sergeant und endlich als Constabel und Fähnrich, fand aber Gelegenheit, die Aufmerksamkeit seiner Vorgesetzten auf sich zu ziehen, und wurde schon 1772, als er noch Lieutenant war, in den Adelstand erhoben. Beim Anfange des Krieges gegen Rußland 1786 war er Oberst und Anführer der sinnischen Abtheilung der königlichen Seemacht. Während dieses Krieges machte sich A. um das Vaterland so verdient, daß der König in einem eigenhändigen Schreiben ihm fein Wohlgefallen und seine besondere Dankbarkeit bezeigte. Durch ihn wurde die Flotte bei der Eröffnung des Krieges binnen drei Wochen ausgerüstet, und Sveaborg ebenso schnell mit neuen Werken und Vorrä- then verschiedener Art versehen; er befehligte selbst eine Flottenabtheilung, machte den Plan zu dem Feldzuge von 1790, durch welchen der König in den Stand gesetzt wurde, sich mit der Scheerenflotte Petersburg bis auf neun schwedische Meilen zu nähern, und durch seine Anstalten wurde der rühmliche Sieg bei Svensksund vorbereitet. Er stieg seitdem von Stufe zu Stufe, wurde 1805 Freiherr, 1809 Graf, Reichstagsmarfchall, Generallieutenant und Seraphinenritter. — Sein ältester Sohn, Freiherr Karl Henrik, geb. 1782, betrat die kriegerische Laufbahn als Lieutenant in der königlichen Garde. Schnell aufrückend, war er bereits Oberst und Adjutant des damaligen Kronprinzen geworden, als 1813 der Feldzug gegen Frankreich eröffnet wurde. Hier war der Wendepunkt seines ganzen Lebens. Plötzlich erhielt er feinen Abschied und ging als Privatmann auf seine Güter. Die Ursache ist kein Geheimniß, und es ist sowol in den Zeitungen als in öffentlichen Verhandlungen im schwedischen Ritterhause oft darauf angespielt worden. Der Kronprinz erhielt zu Anfange des Feldzugs einen von A. unterzeichneten Brief, der in Ausdrücken, die nur dem Inhalte nach bekannt sind, gegen die verkehrte Politik, sich gegen Frankreich zu wenden, und Nußland, dem natürlichen Feinde Schwedens, Hülfe zu leisten, Tadel aussprach. Diese Maßregel, sagte A., werde von dem Volke, von dem ganzen Heere gemisbilligt, und als schwedischer Edelmann nehme er sich die Freiheit, diese Gesinnung dem Kronprinzen und Oberfeldherrn darzulegen. Sobald der Prinz dieses unbesonnene, aber gewiß wohlmeinende Schreiben gelesen hatte, ließ er dem Obersten andeuten, um seine Entlassung zu bitten. Von dieser Zeit an stieg in A.'s verdüstertem Gemüthe eine Wolke des Unmuthes und Hasses auf. Er äußerte diese Stimmung schon auf dem nächsten Reichstage, indem er in die Reihen der Opposition trat. A. hat ein schönes männliches Äußeres, eine klangvolle Stimme, eine feurige Beredsamkeit, die ihm sowol in Schriften als in unvorbereiteter Rede zu Gebote steht. So begabt, würde er als Redner geglänzt haben, wenn es ihm nicht an andern Erfodernissen, an gründlicher Bildung, an Gefchichts- kenntniß, an Tiefe der Ansichten und an Ruhe gefehlt hätte. Von seiner Jugend, seinem Ungestüm, seiner Leidenschaftlichkeit hingerissen, überschritt er oft die Grenzen der Schicklichkeit, und wiewol er sich auf den folgenden Reichstagen, welchen er immer beiwohnte, mehr zu beherrschen wußte, so verminderte sich doch nie seine Bitterkeit, seine gallsüchtige Feindseligkeit. Früher war der Graf Schwerin das Haupt der Op- .0 Anderson! (Pietro — Faustino) Position im Ritterhause, seit diese aber einen gehässigen, Alles tadelnden, Alles auf die Spitze stellenden Charakter angenommen hatte, zog er sich zurück, und seit 182Z ist A. als Führer der adeligen Opposition zu betrachten. Man dars sich diese Opposition nicht als eine eng geschlossene, in sich einige Partei denken, wie z. B. die englische, und stimmen auch beide darin überein, daß sie Alles, was von der Regierung ausgeht, für verkehrt und verderblich halten, sich selbst aber weit mehr Geschicklichkeit zutrauen, so verfolgt doch die Opposition in Schweden keineswegs einen festen Plan und schlagt oft verschiedene Richtungen ein. So hat A. zuweilen, und zwar in wichtigen Angelegenheiten, mit den Ministern gestimmt und dafür von seinen Parteigenossen bittern Tadel erhalten. Dies geschah unter andern, als A. der Meinung der Minister über die Freiheit des Branntweinbrennens beitrat, worüber die Zeitung „^i-Fus" ihm den Vorwurf machte, daß er als Gutsbesitzer von eigennützigen Rücksichten sich leiten lasse. Wahrend dagegen der Oberstlieutenant Hjerta mit der Negierung für die Vollendung des Göthacanals sprach, wollten A. und „äa-Aiis" das fast schon ganz ausgeführte Werk liegen lassen und schilderten es als äußerst verderblich und unheilvoll. Wie es der Opposition überhaupt an System und Einigkeit fehlt, so gebricht es A. dazu noch an Ausdauer und Beharrung. Als er beim Anfange der letzten Reichstages seinen Wunsch, Vorstand des Constitu- tionsausschusses zu werden, nicht erreichen konnte, und dagegen an die Spitze eines andern, minder angesehenen, aber doch wichtigen Ausschusses gestellt ward, entsagte er dieser Stelle und wurde wieder vom „^r^us" scharf getadelt; aber der Sturm brach erst recht gegen ihn aus, als er mitten in den Reichstagsverhandlungen sich entfernte und erklarte, jeder Widerstand wäre unnütz und vergeblich. Eine noch auffallendere Erscheinung war es, als l881 eine Schrift unter dem Titel: „Über das Ministerium und die Opposition", erschien, worin der Beweis versucht wurde, daß sämmtliche Haupter der Ritterhaus-Opposition nur verkappte Aristokraten und mit dem Ministerium einverstanden waren, die öffentliche Freiheit zu untergraben. Der spann den Faden weiter aus und suchte in langen Artikeln Beweise jener Beschuldigungen zu liefern, wobei besonders auch der Umstand herausgehoben wurde, daß A. zu Ende jenes Reichstages die Abendgesellschaften des Grafen Brahe (s. d.) besucht habe, und es wurde darauf der Argwohn gegründet, A. habe die Sache der Freiheit aufgegeben und trachte nach einer Stelle im Staats- rathe. A. und die andern adeligen Mitglieder der Opposition antworteten, die Zeitschriften nahmen Partei, Alle geriethen in Zwist, und so entstand sowol unter de» Opposition der Adeligen als der Zeitungsschreiber eine allgemeine Verwirrung, ein Krieg Aller gegen Alle. Der Streit wird seitdem immer heftiger und bitterer. Ä. hat versprochen, sein politisches Glaubensbekenntniß und eine Darstellung seines ganzen öffentlichen Lebens dem Publicum vorzulegen, und ,,^rg-us" hat ihn aufge- fodert, darin seine Verbindungen mit dem Grafen Brahe nicht zu vergessen. Vergll Schweden. ffi) Anderloni (Pietro), geb. 12. Oct. 1784 zu Sta.-Eufemia im Vre» scianischen, ward durch das Beispiel seines altern Bruders Faustino, gegenwartig in Pavia lebend, einer Kunst gewonnen, die ihn zu ihren ehrenwerthesten Zierden rechnet. Schon als zwölfjähriger Knabe entschlossen, der bildenden Kunst sich zu widmen, machte er alle die Studien durch, welche die Sicherheit in jeder Kunstweise verbürgen. Unter Paolo Palazzi trieb er zuerst gründlich das architektonische Zeichnen; genoß dann den Unterricht seines Bruders Faustino, der seiner zwischen Malerei und Kupferstechkunst noch schwankenden Neigung die bestimmte Richtung für die letztere gab, und dadurch, daß er den jungen Künstler an den Platten zu Scarpa's ,,'1>atwto ckell' enevrismn" theilnehmen ließ, die große Freiheit begründete, mit welcher A. jetzt den Grabstichel führt. Als zwanzigjähriger Jüngling trat A., schon höher stehend als mancher der aufhört, in Longhi's . IM ^ '.'lApW" > >,yll ^ üie !AÜ»— ' -!Ä5 ftMi ',-iK M MOs »st: MM: MDß Sti, ^ eleu 174- Alz jiiv-.-. z ÄtZ.A iiÄU'i i "Ätl °««G,?W'- ^>NkN>I', 7.'"4«^ UUMsM^V ÄiSi^ ?l>A WH, PDdiiTchMZ 'WlliKÄ.chK! Äch cküilTlW KWMM si? ^N ir ivMdMUiI MH« jmchM M AM ^ichid zMü Andrada (Familie) 81 Schule und arbeitete neun Jahre lang unter dessen anregender Leitung. Eins Menge trefflicher Werke, die der Meister wegen seines theilweisen Antheils daran seines eignen Namens Werth hielt (z. B. Nafael's Ezechiel), gingen nunmehr unter seinen Händen hervor, und so gewissenhast war der junge Künstler, daß er bei so großen Leistungen, welche zwei Mal den Preis bei der großen Preisbewerbung davontrugen, doch fortwährend nach den Antiken und nach der Natur seine Studien fortsetzte. Erst als er keinen Zweifel in die gewonnenen Kräfte setzen durste, gab er Werke unter seinem eignen Namen. Um der Bildnisse von Appiani, Longhi, Canova, Peter dem Großen nicht zu gedenken, die alle ihren eigenthümlichen Werth haben, erinnern wirFreunde derKunst anseinen Moses mit den Töchtern des Jethro am Brunnen nach Poussin, seine Maria nach Rafael, aus der wiener Galerie, und an das Hauptwerk dieses Künstlers, an seine Ehebrecherin vor Christus nach Tizian, die jetzt zu den Zierden jeder Sammlung gehört. Durch Studien der Bilder an Ort und Stelle erlangte er die tiefere Einsicht in seine Vorbilder, welche seinen Stichen so großen Werth gibt. 1824 ging A. zum zweiten Male, und dieses Mal für längere Zeit nach Rom, dort den Heliodor und den Attila in den Gemächern des Vaticans zu zeichnen, mit deren Ausführung im Kupferstiche er jetzt beschäftigt ist. Probedrücke des erstem zeigen, wie auch Longhi mit der wärmsten Anerkennung es stets aussprach, daß er Volpato weit hinter sich zurückließ. Seit Longhi's Tode, am 2. Jan. 1831, ist A. ihm in der Leitung der Kupferstechschule zu Mailand gefolgt, wo die anhänglichste Liebe seiner Schüler auch für seinen Werth als Mensch Zeugniß gibt. Daß er mehrer Akademien Ehrenmitglied ist, bedarf wol kaum der Erwähnung. — Faustino Anderloni, viel mit Stichen für wissenschaftliche Werke beschäftigt, lebt in enger Verbindung mit seinem Schwager Gara- vaglia. Von Blättern des Faustino ist besonders sein Bildniß Herder's und seine Magdalena in der Wüste, nach einem angeblichen Bilde von Eorreggio, in den Kunsthandel gekommen. (14) Andrada, ein altes, in der portugiesischen Literatur und in der neuesten Geschichte Brasiliens berühmtes Geschlecht. Der Jesuit Anton de Andrada (gest. 19. März 1634 zu Goa, als Provinzial seines Ordens) gründete in Tibet eine Mission und gab eine in mehre Sprachen übersetzte Beschreibung dieses Landes heraus. ,Movc> llescullriinente» llvsRe^nvs lle Rillet" (Lissabon 1826,4.; neueste Bearbeitung unter dem Titel: „VozmAe an Rillet iait en 1625 et 1626 par le jiere ll'Zmllralla, et en 1774 — 84 et 1785 pur Lo^Ie, Rurner etc.", Paris 1795). — Als geistreicher Schriftsteller und Patriot ist Hyacinth Freyre de Andrada (gest. 13. Mai 1657), insbesondere durch seine clas- sische, in mehre Sprachen übersetzte *) Biographie: „Villa lle v. Inao lle Oastro, Quarte Vicere)s lla Inllia" (Lissabon 1651, Fol.; Paris 1759), bekannt. — In Brasiliensund Don Pedros Geschichte sind drei Brüder: Joseph Bonifaz, Anton Karl und Martin Franz d'Andrada e Silva ausgezeichnete Männer. **) Geboren in der Stadt Santos, in der brasilischen Provinz San- Paolo, aus einer alten, allgemein geschätzten Familie, wurden die Brüder auf die Universität Coimbra geschickt. Der älteste, I. Bonifa;, widmete sich der Rechtsgelehrsamkeit und den Naturwissenschaften. Er erhielt in beiden Wissenschaften den Doctorgrad; Anton Karl erhielt den Doctorgrad in der Rechtsgelehrsamkeit und in der Philosophie; Martin Franz in der Mathematik. Zum corre- spondirenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Lissabon ernannt, ward I. Bonifaz von dieser Gesellschaft erwählt, um auf Kosten des Staats *) Im Auszuge in Lindau's „Heldengcmälden aus der Vorzeit" (Leipzig 1317). **) Bergt. Don Pedro I., in den „Zeitgenossen", dritte Reihe, Nr. 3; Rö- ding's „Cotumbus" u. s. w. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 6 Anorada Mamille) in Europa zu reisen und sich in der Metallurgie, Mineralogie, Chemie und andern Zweigen der Naturwissenschaften zu unterrichten. Nachdem er Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland, Böhmen, Tirol, Italien, Ungarn, Preußen, Danemark, Schweden, Norwegen durchreist, und sich mit den ausgezeichnetsten Männern dieser Lander, mit Fourcroy, Darcet, Lesage, Duhamel, Desfontaines, Iussi'eu, Brongniart und Werner befreundet hatte, kehrte er nach Portugal zurück, wo er verschiedene wichtige Ämter bekleidete. Auch stiftete er eine Professur für die Metallurgie zu Coimbra und eine für die Chemie zu Lissabon. Zur Zeit des französischen Einfalls in Portugal zeichnete er sich an der Spitze der tapfern Bürger aus, welche die fremden Heere zurückschlugen. Ein so vielfach bewegtes Leben bedurfte der Ruhe, daher erhielt er 1819 die Erlaub- uiß, in fein Vaterland zurückzukehren. Vergebens bemühte sich König Johann VI. ihn bei seiner Durchreise in Rio Janeiro zurückzuhalten; Bonifaz sehnte sich nach der stillen Heimath seiner Jugend. —> Anton Karl verwaltete ein obrigkeitliches Amt in der Stadt Olinda (bei Pernambuco), als er in die Revolution von 1817 verwickelt wurde. Der Theilnahme angeklagt und in die Gefangnisse von Bahia geworfen, mußte er vier Jahre lang Schmach und Elend erdulden; die Richter wagten nicht, den ihnen verhaßten, aber in der öffentlichen Achtung hochstehenden Mann zum Tode zu verurtheilen. Endlich ward er, nachdem Portugal sich die Constitution vom 20. Aug. 1820 gegeben hatte, nebst seinen Mitgefangenen für unschuldig erklart und in Freiheit gefetzt. Jetzt berief ihn die Wahl seiner Mitbürger zu den Cortes nach Lissabon. Vor seiner Abreife sagte der frei- müthige Andrada zu Rio Janeiro dem Prinzen Don Pedro, Brasilien sei zu lange eine Colonie gewesen, es müsse Gleichheit der Rechte mit Portugal und eine Nationalrepräsentation haben. Diesen Grundsatz der Unabhängigkeit Brasiliens spkach er auch in den Cortes aus, mit solcher Kraft, daß die Versammlung ihn für ihren ersten Redner anerkannte. Als ihn einst, indem er für Brasiliens Selbständigkeit sich mit Nachdruck erhob, die Zuhörer auf der Galerie drohend unterbrachen, rief er ihnen mit starker Stimme zu: „Wisset, daß, wenn das Volk seine Repräsentanten wählt, es eine Handlung der Oberhoheit ausübt; daß es aber eben dadurch auch verpflichtet wird, ihre Verhandlungen ruhig anzuhören und ohne Murren seinen Entscheidungen zu gehorchen. Ich gebiete Euch zu schweigen." Das Volk schwieg. Als die portugiesische Constitution beschworen werden sollte, erklärte Karl d'Andrada als brasilischer Deputirter, daß er einen Vertrag, welcher den Interessen Brasiliens zuwider wäre, nicht unterzeichnen könnte, und foderte seine Pässe. — Martin Franz hatte in Portugal, später in Brasilien, einige wissenschaftliche Ämter, besonders im Fache der Mineralogie, bekleidet, und durch gehaltvolle Abhandlungen sich in Achtung gesetzt, als die Kunde nach Brasilien kam von dem Decrete der Cortes in Lissabon vom 29. Sept. 1821, welches den Prinzen Don Pedro nach Europa zurückrief. Jetzt erhob sich stürmischer als je der Wunsch nach Unabhängigkeit, vorzüglich in der Provinz San-Paolo, und in der Hauptstadt gleiches Namens, einem bedeutenden Handelsplatze von 32,000 Einwohnern, wo mehr Geistesbildung vorwaltet als sonst irgendwo in Brasilien. Da stellten sich die in der Achtung ihrer Mitbürger so ausgezeichneten beiden Brüder, Bonifaz und Martin Franz d'Andrada, an die Spitze des Volkes von S.-Paolo und zügclten den Ausruhr. Bonifaz verfaßte als Vicepräsident des Municipalraths eine Adresse an den Prinzen (vom 24. Dec. 1821), welche ihn auffoderte, in Brasilien zu bleiben. Sie ward aus einer Deputation aus S.-Paolo, an deren Spitze Bonifaz stand, dem Prinzen in Rio am 1. Jan. 1822 übergeben. Er solle sich, sagte die Vorstellung, der Liebe und Treue seiner Brasilier und Paulisten anvertrauen. Hiw auf erklärte der Prinz am 9. Januar 1822 einer Deputation des Senats von Rio Janeiro, dessen Präsident Pereira ihm ein Manifest überreichte, nach welchem Bra- 1 ..>M tA' i - , es ..... st ? »Sil» >.?: «-.» 2^'ijch - R W -r. ^'t Ii/ «7 A''Asi»°2's'»-ßli w>,ch, "^»-qH,s7A ?'it. ~ !li„i «:'"'>«-!! ^MchOGOM^" in dtt >>/.. ^ u'ch l^rd er,nHmPor- ^'l l>»tte, mbst snM M- l-MBWiÄmK OMKHnM '' " N Hn sm P Mtcklichm, ms 5 ß- ik seine RychM« ^rMdMchRch chcheAmM KMW> ms^?L >x , kr^ltttW "'^^cn,!ch eHmt. UM W l. ?ä:'. IM str ^!MM M« !!»- '.Mm M/Mm, »w such M üe mm Mi- MmUM i>//H WM^' ^ckeM i>^' j'ie Et'' . angekommen, '"KinWM-" srB^ ^ <.,. S>'.'? "Heuyw, heB^ Nil ??!!' «SZ t>Ul den Andrada (Familie) 85 brach ein förmlicher Aufstand aus. Das Militair legte die Waffen nieder. Don Pedro dankte am 7. April 1831 zu Gunsten feines Sohnes Don Pedro II. förmlich ab und fchiffte sich auf einer britischen Fregatte nach Europa ein. Die Kammer der Abgeordneten fetzte eine Regentschaft ein. (S. Brasilien.) Jetzt trat Don Joseph Bonifaz wieder für einen Augenblick in das öffentliche Leben zurück. Der Kaiser hatte noch vor seiner Abreise ihn zum Erzieher und Vormunde seines Sohnes, Don Pedro II., des nunmehrigen Kaisers von Brasilien, in folgendem Schreiben an die gesetzgebende Versammlung ernannt: „Erhabene und sehr würdige Senatoren und Repräsentanten der Nation! Ich theile Ihnen mit, daß ich von dem laut dem 5. Capitel und dem 150. Art. der Verfassungsurkunde mir zustehenden Rechte Gebrauch machend, am 6. d. M. den sehr wahrhaft ehrenwerthen und patriotischen Bürger, Jose Bonifacio de Andrada e Silva, meine« treuen Freund, zum Vormund meiner geliebten Kinder ernannt habe. Meine Herren! ich machte Ihnen diese Mittheilung nicht gleich damals, als die erhabene Generalversammlung ihre wichtigen Arbeiten begann, weil mein Freund nothwendigerweise erst zu Rache gezogen und feine, einen neuen Beweis seiner Freundschaft für mich gebende, mir günstige Antwort erst abgewartet werden mußte. Jetzt ist es an mir, als Vater und als Freund meines adoptirten Vaterlandes und aller Brasilier, denen zu Liebe ich für immer zwei Kronen entsagte — einer mir angebotenen und einer erblichen —, die erhabene Versammlung aufzufodern, daß sie meine Ernennung bestätigen möge. Ich hoffe es von ihr, im Vertrauen auf die Dienste, die ich mit vollem Herzen Brasilien leistete, und daß die erhabene Versammlung, indem sie es thut, nicht unterlassen werde, mir das schmerzliche Andenken ertraglicher zu machen, das mich nach meiner Trennung von meinem theuren Kinde und dem Lande, das ich verehre, begleitet. Am Bord des englischen Schiffs Warspite, den 8. April 1831, und im zehnten Jahre der Unabhängigkeit des Reichs." Da jedoch die Deputirtenkammer Andrada in dieser Eigenschaft nicht anerkennen wollte, so machte derselbe folgenden „Protest an die brasilische Nation und an die ganze Welt" in öffentlichen Blättern bekannt: „I. B. d'Andrada e Silva erachtet es seiner Pflicht und Ehre gemäß, vor dem Angesichte Brasiliens und der ganzen Welt zu erklären, daß er durch den Machtspruch eines Beschlusses der Majorität der Deputirtenkammer, der dem Herrn Don Pedro d'Alcantara das Recht ableugnet, einen Vormund für seine Kinder zu ernennen (ein Beschluß, den der Unterzeichnete trotz der Quelle, von welcher jener ausgegangen, für ungerecht und ungesetzlich hält, weil das Gerechte nicht aus menschlichen Satzungen, wol aber aus dem -moralischen Gesetze entspringt, welches Gott in Herz und Geist des Menschen geprägt), sich verhindert sieht, seiner Pflicht und Ehre nachzukommen und das dem Exkaiser gegebene Wort zu erfüllen, wonach er die Vormundschaft der von Jenem ihm anvertrauten unglücklichen Waisen übernehmen sollte. Aus den oben angege-. denen Gründen erklärt der Unterzeichnete sich der Pflicht, dem geleisteten Versprechen nachzukommen, entledigt, indem die väterliche Ernennung nicht für gültig erachtet worden, welche derselbe aus Mitgefühl und Erkenntlichkeit für das ehrenvolle Vertrauen angenommen, das der Exkaiser in ihn gesetzt. Geschrieben am 17. Jun. 1831." Dieses Schreiben sowol als jenes von Don Pedro an die Cortes von Brasilien ist für Beide und für die Zeit, der Beide angehören, charakteristisch, darum haben wir sie hier wörtlich aufgenommen. *) (^) *) Nach spatcrn Nachrichten vom Nov. 1831 scheinen die Kammern fernerweite Beschlüsse wegen des kaiserlichen Vormundes gefaßt zu haben. Joseph Bonifaz d'Andrada wird in einer Privatnachricht („Allg. Zeitung.", 1332, Nr. 28) kaiserlicher Vormund genannt. Am 10. Sept., heißt es daselbst weiter, habe er in der Deputirtenkammer behauptet, daß ein llispanoluso bestehe, welcher dem Exkaiser die Kronen von Spanien und Portugal verschaffen, und dadurch die Möglichkeit einer 86 Angely Anglesey Angely (Louis), in Berlin geboren und erzogen, von der französischen Co- lonie, bildete sich als Schauspieler meist in den russisch-deutschen Städten. Von der Petersburger Bühne kam er zu dem neuerrichteten königsstädtischen Theater in Berlin, waltete lange Zeit über dasselbe als Regisseur, bevölkerte es mit seinen Vaude- villes und verließ die Bühne 1830, um einem von ihm errichteten Gasthof in Berlin vorzustehen, der durch A.'s Sprachkenntnisse und Bekanntschaft im Auslande in Aufnahme gekommen ist. Als Schauspieler konnte er selten der dauernden Gunst eines Publicums sich rühmen. Wiewol aus einer bessern altern Schule, verdarb er durch Outriren. Seine kleine Gestalt, die sich dadurch nicht erhöhen ließ, untersagte ihm viele Fächer. Seine Thätigkeit als Regisseur wird gerühmt. Als Bühnendichter bezeichnet sein Name eine Epoche des deutschen Theaters, aber eine des Verfalls. An Übersetzerschnelligkcit alle seine Vorgänger übertreffend, bürgerte er, durch unterlegte populaire Melodien sie gefällig machend, die gehaltlosesten Kleinigkeiten der pariser Theater auf den deutschen ein. Eine Zeitlang wimmelte es von Angelyffchen Vaudevilles auf unfern Theatern mehr als ehedem von Kotzebue'- schen Lustspielen. Diese Epoche ist nun, seit er aufgehört hat Regisseur zu sein, auch schon vorüber, ohne einer bessern Platz gemacht zu haben. Der Versuch, eine berliner Volksbühne zu gründen, muß als ganz gescheitert betrachtet werden. Das meiste Verdienst hat sein „Fest der Handwerker". Seine Vaudevilles sind auch gedruckt in zwei Bänden erschienen (Berlin 1828—30). (9) Anglesey (Henry William Paget, Marquis von), Statthalter in Irland, geb. 17. Mai 1763, ist der älteste Sohn des Obersten Grafen von Uxbridge, der sich im amerikanischen Kriege auszeichnete und ein persönlicher Freund Georgs III. war. Nachdem er in Oxford sich ausgebildet und das Festland besucht hatte, warb er zu Anfange der französischen Revolution ein Regiment Fußvolk, dessen Oberst er ward, und machte seinen ersten Feldzug in Flandern unter dem Herzog von Uork. Später erhielt er den Befehl über eine Reiterabtheilung, die zu Ipswich in Besatzung lag, und er ließ es sich so eifrig angelegen sein, seine Leute einzuüben, daß die Reiterei, die auf der pyrenäischen Halbinsel unter seiner Anführung kämpfte, sich großen Ruhm erwarb, und der Name Lord Paget, den er damals führte, glänzt auf allen Blättern der Geschichte jenes ereignißvollen Krieges. Er deckte den unglücklichen Rückzug des Generals Moore mit großer Tapferkeit gegen den überlegenen, heftig verfolgenden Feind, und zeichnete sich ebenso sehr in dem Gefechte bei Bena- vente aus, wo der General Lefebvre-Desnouettes, der die kaiserliche Garde befehligte, gefangen wurde. Nach dem Tode seines Vaters 1812 erbte er den Titel Graf von Uxbridge. In der Schlacht bei Waterloo führte er die Reiterei an, aber als der Kampf schon entschieden und der Feind in vollem Rückzüge war, verlor er durch eine Stückkugel ein Bein. Er ward in England ehrenvoll aufgenommen, erhielt den Titel Marquis von Anglesey und empfing den einstimmigen Dank der Vertreter des britischen Volks. Später ward er Oberbefehlshaber der Artillerie und Mitglied des Ministeriums unter Eanning. Im März 1828, unter Goderich's Verwaltung, ward er Statthalter in Irland. Bei den Verhandlungen über die Emancipation der Katholiken hatte er sich den Gegnern derselben angeschlossen und wurde daher bei seiner Ankunft in Dublin nicht günstig aufgenommen; er lernte aber bald einsehen, daß nur durch die Befriedigung der Ansprüche der Katholiken die Ruhe des Landes gesichert werden konnte. Nach dieser Überzeugung führte er die Verwaltung. Er verschaffte den Gesetzen Gehorsam, er besänftigte die Erbitterung der Parteien und erwarb sich allgemeine Gunst. Seine Bemühungen waren besonders auf die Verbesserung des Zustandes der arbeitenden Volksclasse gerichtet; der Handel des Landes Recolonisirung Colombias (?) vorbereiten wolle. — Noch erwähnen wir, daß ein Ribeiro d'Ä ndrada im Mai 133 l von der brasilischen Regentschaft zum Gesandten am britischen Hofe ernannt worden ist. .t, /MM.'"' MÜS'" - r.'.i. irie ''«cht! - k!,, , 'M!c Uli °'^.M 2?^ »SS ^W«IW Antommarchi 87 hob sich durch die Begünstigungen, die er demselben gewahrte, und es öffneten sich die erfreulichsten Aussichten für Irland, als Wellington ihn im Jan. 1829 zurückrief. Der Marquis nahm seinen Sitz im Oberhaufe ein und sprach wahrend der Verhandlungen über die Emancipation kraftig zu Gunsten der Katholiken. Das Ministerium indessen, welches die Emancipationsbill durchgefetzt hatte, schien fast erschreckt über das begonnene große Werk und blieb auf halbem Wege stehen. Dieser Umstand konnte gefährlich werden, da die Oranienmänner, die bigotten Protestanten, über ihre Niederlage wüthend, die Katholiken aber in ihren Erwartungen bitter getäuscht waren. Die Reibungen der Parteien begannen von Neuem; die Regierung schien fast ganz auf der Seite der Protestanten zu stehen und that einen Misgriff nach dem andern. Schon floß in mehren Theilen des Landes Blut, und der Krieg hegen Pachtschillinge und Zehnten nahm einen furchtbaren Charakter an. Man nahm den Freisassen, die 40 Schillinge an Renten bezahlten, das Wahlrecht, daher die großen Landbesitzer, welche ihre Besitzungen in kleine Theile zerstückelt und an Pachter abgegeben hatten, um über viele Stimmen verfügen zu können, sich dieser Pachter wieder entledigten. Tausende kamen so um Obdach und Nahrung, und das Land wimmelte von Bettlern und Unzufriedenen, die schon mit dem Plane umgingen, die Grundeigcnthümer zu verjagen und sich ihrer Güter mit Gewalt zu bemächtigen. Unter diesen Umständen sah man sich gezwungen, Lord A. abermals die Regierung Irlands zu übertragen. Die Aussichten waren nichts weniger als günstig. Er kam in das Land als der Erbe aller der traurigen Folgen, welche die falsche Politik der Tories veranlaßt hatte, und sollte vor Allem einen agrarischen Aufstand beseitigen und sich der Repealers (d. h. der Freunde des Widerrufs der Union) versichern. So hatte er die mächtigen und erbitterten Oranienmänner einerseits, die Ultrakatholiken auf der andern Seite zu bekämpfen. Die Kraft seines persönlichen Charakters, die Standhaftigkeit, Entschiedenheit und Redlichkeit seines Benehmens — Eigenschaften, die noch kein Vice- könig von Irland in diesem Grade entwickelt hatte — beschwichtigten den drohenden Sturm für den Augenblick. Wenn die irische Reformbill den Beifall der Volksführer erlangt und besonders auch der Druck der Zehntenerhebung aufhört, dürfte Lord A. bei seinen tresslichen Eigenschaften der wahre Beglücker des armen Irlands werden. (5) Antommarchi, Arzt Napoleons auf St.-Helena. Er stammt aus Cor- sika. Seine Anstellung als Professor der Anatomie in Florenz verließ er, um den geächteten Kaiser zu pflegen. Cardinal Fesch bot ihm einen Jahrgehalt an, den er aber ausschlug. Bei seinerAbreise machte ihm die toscanische Polizei große Schwierigkeiten. Als er auf der Insel ankam, konnte er Napoleons Vertrauen nicht sogleich gewinnen, aber es wurde bald anders. Er pflegte den Kaiser bis zu seiner letzten Stunde, erhielt durch dessen Testament eine Verschreibung von 100,000 Francs und den Auftrag, die kaiserliche Leiche zu öffnen, den er aber nicht erfüllen konnte, weil Hudson Lowe es nicht zugab. Nach Europa mit einer Empfehlung von Napoleons Hand an Marie Louise zurückgekehrt, beschrieb er in einem vielbekannten, in französischer Sprache abgefaßten Werke (Paris 1825) die letzten Momente Napoleons. Es ist dies, wie die Schriften vonO'Meara und Las Cases, ein hochwichtiger Beitrag zur Geschichte des neuen Prometheus. Seitdem lebte A. in Paris als praktischer Arzt und vollendete seine schönen, aber sehr theuren anatomischen Tabellen, die er einst zu Florenz in Gemeinschaft mit Morgani begonnen harte. Als Polen im Blute schwamm, verließ der berühmte Arzt, der schon zu altern beginnt, die einträgliche pariser Praxis, seine wissenschaftlichen Arbeiten und die Vergnügungen der französischen Weltstadt. Er gelangte nicht ohne Mühe nach Warschau, wo die dankbare Nationalregierung ihm die Leitung der ärztlichen Anstalten übergab. Noch schwieriger war seine Rückkehr nach Frankreich, besonders die Reise durch Hessen-Kassel, wegen der Cholera, oder wie man in Paris glaubt, auch 88 Anton Clemens Theodor (König von Sachsen) aus politischen Rücksichten. Nach Paris zurückgelangt, wäre er fast von Perier, wie die Polen, nach Avignon verwiesen worden. Er gilt für einen eifrigen Napo- leonisten. Zu Ende 1831 verließ er Paris und reiste über Brüssel nach Italien zurück. Persönlich ist A. ein sehr bescheidener Mann, ohne Stolz auf seine Verdienste und die überstandenen Gefahren, doch stolz in hohem Grade ist er auf den Besitz einer Gypsbüste Napoleons, nach einem Abdruck, der gleich nach dessen Tode von seinem Antlitz gemacht wurde. Um alle Schatze der Welt würde er sich nicht von der Büste des Kaisers trennen. (15) Anton Clemens Theodor, König von Sachsen, geboren 27. Dec. 1755, der vierte Sohn des 1763 verstorbenen Kurfürsten Friedrich Christian und dec geistreichen Marie Antonie von Baiern, der Tochter Kaiser Karls VII. Er wurde von verschiedenen geschickten Lehrern unterrichtet. Außer der Musik ward auch die Genealogie früh seine Lieblingsbeschäftigung; in jener erwarb er sich so gründliche Kenntnisse, daß er Mehres componirte, und seine genealogische Kunde konnte nicht selten Zweifel lösen, über welche andere Genealogen nicht Auskunft zu geben wußten. Er war ursprünglich zum geistlichen Stande bestimmt; um aber bei der lange unfruchtbaren Ehe des Kurfürsten die Fortdauer der albertinischen Linie zu sichern, wurde jener Plan aufgegeben, und der Prinz fand 1731 in der siebzehnjährigen Prinzessin Marie von Sardinien eine Gemahlin, die ihm jedoch schon im nächsten Jahre durch den Tod entrissen wurde. Fünf Jahre spater vermahlte er sich wieder mit der vielseitig gebildeten und edlen Marie Therese, der ältesten Tochter des Kaisers Leopold 1l-, die 1767 zu Florenz geboren war. Vier Kinder, mit welchen diese lange Ehe gesegnet wurde, starben in zarter Jugend, wahrend die Nachkommenschaft seines jüngern, seit 1792 mit der Prinzessin Karoline von Parma vermählten Bruders, des Prinzen Maximilian, eine erfreuliche Bürgschaft für die Erhaltung des fürstlichen Stammes gab. Der Prinz lebte während der Regierung Friedrich Augusts, von allem Antheil an den Negierungsgeschästen fern, unter den Annehmlichkeiten eines glücklichen Familienkreises, welchem die älteste Tochter des Prinzen Maximilian, Marie Amalie, später durch Adoption angehörte, und in dem Genuße einer kräftigen Gesundheit, die er der von früher Jugend an beobachteten Einfachheit seiner Lebensweise verdankte, bis die Drangsale, die nach 1806 das friedliche Land ergrissen, auch ihn oft schmerzlich berührten. Seit 1809, wo nach 30 Jahren zum ersten Male feindliche Scharen in Sachsen einbrachen, mußte er mit der königlichen Familie nicht selten einen sichern Aufenthalt in der Fremde suchen, in Frankfurt, in Prag, in Wien. Im Mai 1813 mit dem Könige zurückgekehrt, blieb auch er mit seiner Gemahlin in den bangen Tagen, wo die Heere der Verbündeten die Hauptstadt bedrohten, in der Mitte des duldenden Volkes, und erst nach der Schlacht bei Leipzig begab er sich wieder nach Böhmen, später nach Schönbrun. Nach dem Frieden machte er einige Reisen, wie nach Wien und 1819 nach Italien, wo er in dem befreundeten Florenz und in Rom mehre Monate verweilte. Der TodFriedrichAugusts (s. Bd. 4) rief ihn, 71 Jahre alt, auf den Thron. Seine ersten Erklärungen gaben die Versicherung, die Verwaltung des Landes nach den Grundsätzen seines Bruders zu führen. Bei derHuldigung, die der König im October nach herkömmlicher Sitte in jedem Kreise des Landes persönlich annahm, äußerten sich vielfältig die Gesinnungen der treuen Anhänglichkeit des Volkes an den Fürstenstamm, und die festlichen Tage wurden nur durch den Tod derKönigin getrübt, die am 7. Nov. 1827 zu Leipzig starb. Eine der ersten Verordnungen des neuen Regenten war die Verminderung des Wildstandes, welche eine alte Beschwerde des Landmannes erleichterte. Diese und mehre einzelne wohlthätige Anordnungen der inncrn Verwaltung, die Gründung einiger lange gewünschten Cu^ turanstalten, z. B. einer landwirtschaftlichen Lehranstalt, einer polytechnischen Schule, die Einleitungen zur Verbesserung der veralteten Verfassung der Landes- !»7' « I, Z, ''«» '''^U-V-'^- lachet ^ Er^ ^bPsii.!Uhl>rte,Omw ee» DlWdaMMik A 2mD,diiilchM^ l'siÄÄ. Ts A in »i.Km'»»'N w '.»«»' ^ ?7 -'i'^ . 1I Ä»t'° ^ «?^?5 --M",!«»«'«- Z--K-S Anwaltgesellschaften 89 ^ W sW..»„s' .^^!l MwrherchM.. ''-'.WHihMvMW N^ckl M . ^.meechcheKMftrdiij/' M Mckl Universität und des Schulwesens überhaupt, die Vorbereitungen zur Aushebung drückender Belastungen, wie des Geleites,und änderndem inncrn Verkehre gewahrte Erleichterungen, wie der seit einem Jahrhunderte besprochene und berathene Bau der Muldenbrücke — all dies schien die Burgschaft zu geben, daß der König jede Bedingung der öffentlichen Wohlfahrt gern bewilligen werde. Die Geschichte Sachsens in dem fünfjährigen Zeiträume feiner Regierung wird es erzählen, wie aus dem Austande des Volkes und seiner Bildung das Bedürfniß hervorging und laut sich ankündigte, veraltete Einrichtungen zu verbessern, dem stockenden Getriebe des Innern Staatslebens eine kraftigere Bewegung zu geben, und die Grundsatze einer guten Verwaltung an den Anker eines Grundgesetzes zu binden; aber es darf hier nicht verschwiegen werden, daß der König, sobald er die Wünsche seines Volkes vernommen, und den Grund der Beschwerden, die es aussprach, erkannt hatte, ihm willig und vertrauend entgegen kam. Als er in den Tagen stürmischer Erregung (s. Dres den im Jahr 1830) seinen Neffen Friedrich August (s.d.) am 13. Sept. 1830 zum Mitregenten ernannt hatte, und am folgenden Tage mit sichtbarer Rührung an der Seite seines Bruders und des jungen Fürsten durch die langen Reihen der bewaffneten Bürger seiner Hauptstadt zog, dankten ihm tausend Stimmen für die Bürgschaft einer bessern Zukunft, die er dadurch gegeben, und nicht blos die Töne der kriegerischen Musik sagten: den König segne Gott! Am 5. Oct. wurden eingreifende Verbesserungen in der Verfassung und Verwaltung verheißen, und diese Zusage ward am 4. Sept. 1831 erfüllt, als der König die auf dem gesetzlichen Wege des Vertrages mit den alten Standen des Landes vollendete Verfassungsurkunde feierlich übergab, und dabei die Worte sagte: „Ich verspreche bei meinem Fürstenwort, sie stets zu schützen und zu bewahren; möge sie meinem Volke zum Heil und Segen bleiben." Mit Sachsens Staatsgrundgesetze steht des Königs Name am Morgenthore einer neuen Zeit. Anwaltgesellschaften. Wie es schon im alten Rom einen Advokaten- vercin gab, der nicht nur über die Aufnahme in den Kreis der Sachwalter, sondern auch über die Prüfung der Aufzunehmenden verfügte, so ist in der ncuern Zeit vorzüglich die Anwaltskammer (Ölmmdre ckes avoues) in Frankreich wichtig, die in Verbindung mit den Formen des gerichtlichen Verfahrens ganz besonders dazu beigetragen hat, dem Sachwalterstande die ihm gebührende würdige Selbständigkeit zu sichern. Es ist die Bestimmung dieser Kammer, die Ehre des Advokatenstandes aufrecht zu erhalten, über die Sitten der jungen Sachwalter zu wachen und sich über die gemeinsamen Angelegenheiten des Standes zu berathen. Sie öffnet überdies wöchentlich einmal ein eignes Berathungszimmer, wo arme Parteien unentgeltlich Rath erhalten können: eine treffliche Einrichtung, die nur da entstehen konnte, wo für die Bewahrung der Würde des Standes so gut gesorgt ist. Junge Sachwalter kommen zu bestimmten Zeiten unter der Aufsicht eines geachteten Mitgliedes der Kammer zusammen, um sich durch Erörterung wichtiger Rechtsfragen zu bilden. Diese Vortheile, die der Advokatenstand in Frankreich genießt, beruhen darauf, daß er eine Körperschaft ist, und auf dem Grundsatze der Mündlichkeit und Öffentlichkeit des gerichtlichen Verfahrens. In Schottland genießt der Stand der Sachwalter ahnliche Vortheile, und die Advokatenfacultat in Edinburg nimmt nur nach strengen Prüfungen ihre Mitglieder auf. — In Deutschland befand sich der Advokatenstand in diesen Beziehungen von jeher in einem ganz andern Verhaltnisse. Die Verhandlungen in der Regel schriftlich, mindestens meist überall, wo ein Advokat zugelassen wird; das Verfahren nicht öffentlich; dabei bisher ein nur zu oft sichtbares Bestreben der Regierungen, den Advokatenstand untergeordnet, die Kräfte seiner Glieder getrennt zu erhalten, ihm nicht die Rechte des Staatsdieners zu gewähren und ihn doch mit allen Pflichten desselben zu belasten. Wie vieles Andere, bereitet sich auch dieses Verhältnis in Deutschland zu entschiedenen Veränderungen vor. Erlangen wir wirk- 80 Anwaltgesellschaften lich mehr und mehr die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Verhandlungen, so tritt man, ohne eine Mittelstufe zu überspringen, leicht auf die höhere. Als solche Mittelstufe bezeichnen wir aber namentlich die Anwaltgesellschaften, welche sich seit einem Jahrzehnt» in Deutschland gebildet haben oder doch bilden wollten, und deren Baumaterial, ward auch der Bau nicht aufgeführt, immerhin vorhanden ist und bei neuem Beginnen vielleicht größere Erfolge verspricht. Wahrend in den meisten deutschen Staaten, namentlich auch in Nassau und Baden, in dieser Hinsicht unbedingt noch Alles ruht, dagegen im Weimarischen und Hanöverischen schon sehr erfolgreiche Schritte geschahen, hat neuerdings das Großherzogthum Hessen in dieser Beziehung einer besondern Aufmerksamkeit sich würdig gemacht. Schon 1821 entwarfen die Anwalte in Gießen Statuten eines Vereins der großherzogl. hessischen Hofgerichtsadvokaten der Provinz Oberhessen, in vier Abschnitten und 33 Artikeln. Als Zweck der Vereinigung wurde bezeichnet: 1) ununterbrochene Aufmerksamkeit aus die gesammte Rechtspflege und wo nothig Beschwerdeführung; sodann gemeinschaftliches wissenschaftliches Berathen über einzelne Gebrechen der Justiz und über die Mittel zu deren Beseitigung; 2) Wahrung der Gerechtsame des ganzen Standes wie des einzelnen Mitgliedes, insofern mit der Krankung des Letztern der ganze Stand mittelbar gefährdet erscheine, innerhalb der gesetzlichen Grenzen; 3) wechselseitige Beaufsichtigung, um die Würde des Standes geltend zu machen; nötigenfalls Ermahnung, Zurechtweisung und selbst Anklage eines pflichtvergessenen Gesellschaftmitgliedes; 4) vereintes Wirken gegen Alles, was in dem Benehmen und den Handlungen der Einzelnen mit anerkannten Grundsätzen der Sittlichkeit im Widerspruche steht; 5) Unterstützung nothleidender Mitglieder des Vereins und deren Familien. Zur vollkommenem Erreichung seiner Zwecke suchte der Verein um landesherrliche Bestätigung nach, die aber in einem ausführlichen Ministerialrescripte vom 15. Aug. 1821 an das Hosgericht in Gießen abgeschlagen ward. Die höchste Staatsbehörde erkannte darin an, daß der Advokatenstand einer Organisation bedürfe; dies könne aber nicht durch partielle, sondern nur durch allgemeine Verfügungen geschehen. Erst müsse die neue Justizversassung des Großherzogthums in allen ihren Theilen und mit allen ihren Organen ausgebildet sein. Dabei wurde bestimmt widersprochen, daß etwaige Anwaltskammern vom Staate förmlich con- stituirte und ermächtigte Behörden zur Controle für die Gerichte, denen sie untergeordnet seien, werden sollen. Mängel der Gesetzgebung zu erkennen und für ihre Abstellung gesetzlich zu wirken — was Jedem freistehe — dazu bedürfe es eines Advokatenvereins nicht. Im Sommer .1831 bildete sich eine Anwaltgesellschaft in Darmstadt. Vorerst bestellte man eine Commission, sich über die Mittel zur Verbesserung ihrer Berufsverhältnisse gutachtlich zu äußern. Diese stellte als obersten Grundsatz auf, der Stand der Anwalte müsse in jeder Hinsicht als Ehrenstand erscheinen, und müsse zugleich unabhängig sein. Als Zweck der Gesellschaft bezeichnete sie: Besprechung und Berathung alles Dessen, was für Ausübung des An- waltberuscs wichtig sei und auf die Verhältnisse seines Standes Einfluß haben könne. In diesem Sinne wurde zuvörderst über die Constituirung der Gesellschaft durch frei gewählte, oft wechselnde Beamte, Aufzeichnung der Protokolle, Litho- graphirung und Vertheilung derselben u. dergl., sodann aber hauptsächlich über eine gleichartige, auf dem Grundsatze des Gesetzlichen und, in zweifelhaftem Falle, freiwilliger Opfer beruhende Behandlung der Gebührenansätze berathen und beschlossen. Die Eommission hat auch angetragen, die Staatsregierung zu bitten: 1) den Advokatenstand für eine Körperschaft zu erklären; 2) ihm zu gestatten, daß er aus seiner Mitte eine collegialische Behörde wähle, welche bei der Prüfung neu anzustellender Anwälte mitwirke, die Disciplinargewalt über die Anwälte ausübe, die Prüfung und Vertheilung der Armensachen besorge. Aber dem Vernehmen nach werden diese Anträge eine lebhafte und zahlreiche Opposition finden. Man scheint . 7 >'^>-7'^tz^.- ' - 4 '-wp - ..- s,s^ 4,Ij. s)HÄ-o -^. ' .^" ^T^TWr ! '^^ÄlRWx ,' ..:.:^^mchH»i /-.: 7. '-^»ÄHMHr -. ^.7-77tz!^WM . -'-.o:^LÄ!ÄÄt I.'7^W.ws>M 7'77M'tiW» - " 7?z ni-»x -'-' ^ ' .,'i . ^ 4--K .; ^ ' ,Ö „7- -. .-,ip'''^',t.jsA^^ - ''...^^s<> ,M 3. A" Arenz 61 die Gesellschaft in ihrer Unabhängigkeit bestehen und sich selbständig fortbilden lassen zu wollen, bis durch ein formliches Gesetz im constitutionnellen Wege und mit gleichzeitiger Einführung von Öffentlichkeit und Mündlichkeit das Institut der Anwaltskammer bedingt und unschädlich wird. — Der im vorigen Jahre in der zweiten Kammer der allgemeinen Ständeversammlung zu Hanover erörterte Antrag zu einer Reform des Advokatenftandes beruhte im Wesentlichen auf denselben Grundsätzen. Der Abgeordnete der Stadt Stade, vi-. Freudentheil, gab darüber ein gründliches „Votum" ab, das auch im Druck (Hanovcr 1831) erschienen ist. Er ging von der Ansicht aus, daß dem Advokatenstande nur dann geHolsen werden könne, wenn er von den Gerichten unabhängig werde, und daß die nothwendige Aufsicht über den Wandel und die Geschäftsführung der Sachwalter am passendsten einer aus der eignen Mitte der Stände gebildeten Disciplinarkammer anvertraut werde. Diese Kammer soll nicht nur die 'Aufsicht über die Advokaten ausüben und ermächtigt sein, Strafen zu verhängen, ja selbst die Ausschließung von der Ausübung des Berufes zu verfügen, sondern auch, wie in Frankreich, auf die praktische Bildung der jungem Standesgenossen wirken, sie soll aber zugleich berechtigt sein, ihre Zustimmung zur Ausnahme in die Matrikel zu geben, und kein von der Staatsbehörde geprüfter Rechtsgelehrter die Erlaubnis; zur Ausübung seines Berufes erhalten, der nicht zuvor ein Jahr unter der Aussicht der Kammer gearbeitet hat. Dem Staate bleibt die Oberaufsicht über die Advokatenkammer, um jedem Gewaltmisbrauche vorbeugen zu können, und jedem Beteiligten steht die Berufung an die Staatsbehörden wider die Entscheidungen der Kammer offen. (16) Arens (Franz Joseph, Freiherr von), geb. am 7. Inn. 1779 zu Arnsberg in Westfalen. Sohn eines Kaufmanns, widmete er sich anfänglich demselben Geschäfte, ging aber nachher zu den Rechtswissenschaften über. Er bezog 1802 die Universitäten Marburg und Gießen, und erhielt 1803 auf letzterer Hochschule die juristische Doctorwürde. Eine Zeitlang Privatdocent, ward er 1804 zum außerordentlichen Professor, zum Beisitzer der Juristenfacultät und zum Assessor des katholischen Kirchen- und Schulraths der Provinz Oberhessen befördert. Er ward 1806 ordentlicher Professor des kanonischen Rechts, 1815 vierter, 1819 dritter, 1821 zweiter, 1830 erster ordentlicher Professor der Rechte, und war zugleich 1810 zum Kirchen- und Schulrath und 1818 zum wirklichen Oberappellationsgerichtsrath ernannt worden. Nachdem sein Schwager von Grolman in das ^-taatsministerium nach Darmstadt gekommen war, wurde A. 1820 provisorisch, 1821 definitiv zum Kanzler der Universität Gießen und zum Regierungscommissair bei derselben ernannt; 1821 Director, 1825 Präsident des Hofgerichts der Provinz Oberhessen und zugleich Director der Pädagog- und Prüfungscommission dieser Provinz. Als Kanzler der Universität Gießen war er Mitglied der ersten Kammer der Hess. Ständeversammlung, und dabei von 1820 an thätig. Schon seit längerer Zeit Commandern des großherzogl. hessischen Haus- und Verdienst- (nunmehrigen Ludwigs-) Ordens, ward er 1824 Großkreuz desselben; 1826 in den erblichen Freiherrnstand des Großherzogthums erhoben; seit 1825 Ritter des östr. Leopoldordens und seit 1826 des preuß. rothcn Adlerordens. Er lebt in einer ausgebreiteten Wirksamkeit, zwar nicht mehr als öffentlicher Lehrer, wol aber als Präsident des Hofgerichts und für die Angelegenheiten der Universität Gießen. — Nur selten ergingen so verschiedene Urtheile über einen Mann, als über A. Während er Manchen als politisches böses Princip, als Universitäts-Alba unsers Jahrhunderts galt und selbst noch gilt, rühmen Andere sein Thun als an sich gut oder doch zweckmäßig und auf jeden Fall aus eigner selbstgeschassener Überzeugung hervorgegangen. Selbst die erklärte Abneigung läßt aber seinem Fleiß und seiner Geschastsgcwandtheit alle Gerechtigkeit wioerfahren. Das Schärfste, was wol gegen ihn geschrieben ist, enthalten die Nrn. 67 u. 68 des bald darauf verbotenen ftrasburger„Constitutionnellcn Deutschland". Zlr M 92 Argout Arlincourt Hier werden ihm als Unterfuchungscommissakr in den bekannten demagogische Umtriebssachen die ungeheuersten. Beschuldigungen aufgebürdet, und namentlich auch gegen das Uneigennützige seiner absolutistischen Ansichten Beweisführungen unternommen. Als Mitglied der ersten Kammer kam er mehrmals mit den liberalern Gesinnungen der zweiten Kammer in starken Zwiespalt. Außer einer Dissertation und einigen gedruckten Acten hat er keine schriftstellerischen Arbeiten geliefert, sich Argout (d'), Pair von Frankreich, Minister Louis Philipps. Er begann seine politische Lausbahn unter der Kaiserherrschaft, als Auditor im Staatsrats. Nach der Restauration 1814 ward er Bittschristenmeister (ßlmtre ckes recpretes) und leistete am 3. Aug. dem Könige den Eid. Am 23. Aug. 1815 wurde er nochmals durch königl. Ordonnanz befördert, und bald darauf erhielt er die Präfectur des Di- part. der Niederpyrenäen. Zu Pau, Hauptort dieser Prafectur, angelangt, ließ er einen höchst bourbonischenAusrusan die Bewohner des Departements ergehen: „Der Enkel Heinrichs I V. hat das Heil des Südens vollendet, sein edles Herz trachtet nur nach dem Glücke der Franzosen, und seine Gegenwart allein hat das allgemeine Vw trauen hergestellt. Bewohner der Niederpyrenaen, verdoppelt wo möglich euren Tribut der Liebe, des Dankes, der Bewunderung." Diesen Worten und dem Eifer, womit A. bei jeder Gelegenheit das Princip der Legitimität verfocht, dankte er nach den obenerwähnten Anstellungen auch die Präfectur des Garddepartements und am 9. Mär; 1819 die Pairswürde. Erleichtert ward seine Lausbahn noch besonders durch die Verwendung seines Gönners, des Herzogs Decazes, und er zeigte sich dankbar, indem er diesen in der Pairskammer gegen die Anschuldigungen von Elausel de Coussergues vertheidigte. Beim Ausbruche der Revolution gehörte er zu den Pairs, welche vergeblich nach St.-Eloud eilten, um KarlX. zur Rücknahme der Ordonnanzen zu bewegen; am 30. Jul. kam er mit Mortemart u. A. zu spät in die Deputir- tenversammlung, um im Namen Karls X. auf Bedingungen einzugehen. Er com- promittirte sich durch diese Schritte in den Augen des Volks, erhielt aber, durch seine Verhältnisse mit Decazes, die Gunst der neuen Regierung, ward unter Lafitte Marineminister und gehört nunmehr als Minister des Handels und der öffentlichen Arbeiten zur Pericr'schen Verwaltung. Decazes glaubte ihn als Fußschemel gebrauchen zu können, um unter günstigem Auspicien selbst Minister zu werden, doch scheint der mächtig gewordene Beschützte seinen ehemaligen Gönner um so weniger befördern zu wollen, als er sich dadurch den Groll des Premierministers Pörier, der mit Decazes etwas zerfallen ist, zuziehen würde. A. hat in der letzten Zeit einen Gesetzvorschlag durchgesetzt, der von hoher Wichtigkeit für den Handel Frankreichs und des Welttheils werden kann, er machte nämlich Paris zum Handels- entrepot, sodaß die Ausländer in Zukunft um weit billigern Preis in Paris einkaufen werden. Man glaubt, daß in Folge dieser Maßregel die Bevölkerung der Hauptstadt bald um 100,000 Seelen zunehmen wird. Im Übrigen ist A., wie mit Ausnahme foult's auch die andern Minister, ein Spielball in den Händen Pö- rier's. Seine frühere Anhänglichkeit an das Princip der Legitimität macht ihn sehr unvolksthümlich. o^-ein Talent als Redner ist unbedeutend, er ist aber ein sehr arbeitsamer Mann, der für das Handelsministerium tauglich, für das Portefeuille des Innern unpassend wäre. Immerhin scheint es, daß ihm Perier dies Portefeuille überlassen will, um selber als Minister des Auswärtigen und als Präsident des Conseils so lange weiter zu regieren, als es ihm bei dem Mißvergnügen Frankreichs und bei den Spannungen der europäischen Verhältnisse noch möglich sein wird. Er ist, bei aller pedantischen Trockenheit, biegsam, verträglich, vermittelnd. Es fehlt ihm aber an der Wärme und Entschiedenheit, die nur dem hohen Talent eigen ist, und an jenem Ansehen, das Der genießt, der nicht vielen Herren gedient hat. (15) Arlincourt (Victor, Vicomte d') war unter Napoleons Regierung ^taatsraths-Auditeur und erhielt nach der Restauration wieder eine Anstellung " 'T' „'-t M >i> Mitbco zu j 'Äs." 7 ^ l !ü ^ «tt ^ffP'ir ky. :' c Armannsperg 93 ' ^Äenls ^ürd-, ffff km Staatsdienste. Er machte sich zuerst 1810 als Schriftsteller durch ein Bruch- ' z"?^Rw> stück eines epischen Gedichts: „Hlne inutinee de OliarlemktFoe", bekannt, worin ' )ffverschiedene lobpreisende Anspielungen aus Napoleon vorkamen, unter andern die Verse: II psrstt, il triomplis, il suHuAus, !I «tonne, ^ch.-. ^hilW- !- Dt svn eoeur, ses dieukait--, sont le« fers l>u'II nous «lonne. - X "öÄdik-.» i' Man glaubte nicht, daß er nach dem Wechsel der Verhältnisse das Ganze je heraus- .c, ff ^ geben werde, aber es erschien dennoch unter dem Titel: „Oarvleide" in 12 '' " Gesängen und 1824 in der dritten Ausgabe. -Man fand, daß er sich darin zwar als guter Franzose gezeigt, aber den reichen Stoff nicht dichterisch aufgefaßt habe. ^ Die Erfindung war in dem Charakter der Romane, welche ihm einen bedeutenden Ruf verschafft haben. Er trat zuerst 1821 mit dem Romane: „l.e solitmre" ''^»Äilktauf. Eine glänzende, bilderreiche Sprache blendete selbst seine Gegner; aber eine weichliche Sentimentalität zog sich unerfreulich durch das Ganze, und die kühnen Inversionen, die er sich erlaubte, gaben feinem Styl eine Fremd- c: heit, welche die strengen Verfechter des Herkömmlichen für Versündigungen ge- 6^ den Geist der Sprache erklarten. Sie betrachteten ihn seitdem als einen ent- ^ ff ff^lchch(Sl!OssH^ schiedenen Jünger der sogenannten romantischen Schule. Im folgenden Jahre er- ^ schien ,,1.e renEFut", ein kräftigeres Erzeugniß, das auch durch glücklichere Charak- terschilderung über den Vorgänger sich erhob. Die Geziertheit der Sprache trat aber noch entschiedener hervor, seine kritischen Gegner wurden lauter, und die unge- wohnlichen Sprachformen, in welchen A. sich gefiel, machten es ihnen zuweilen ' leicht, die Lacher auf ihre Seite zu ziehen. Man nannte ihn Ie solitaire cie 1s ::ä,7.ch MWch«jtkL^ litteruture. Sein nächstes Werk war „lpsiboe", ganz verschieden von dem ernsten Charakter seiner frühem Darstellungen. Er wollte sich in heiterm Scherz und in ka der Satyre versuchen, aber sein Scherz war schwerfällig, sein Spott nur bitter. In seinem nächsten Roman: „IWtrungei-e" (1824), schien A. feine Gegner ent- wassnen zu wollen, indem er sich von den Eigenheiten seiner Sprache zu entwöh- nen suchte, aber die Erfindung hatte wenig Interesse und die Idee des historl- ff sehen Romans war verfehlt, so anziehend einzelne Scenen waren. Zwei Jahre spä- ter brachte er ein Trauerspiel: „Die Belagerung von Paris", auf die Bühne. Die ^ Aufführung war stürmisch, Freunde und Feinde des Verfassers wetteiferten in Bei- - vM lsMiW «w ^ ^ und Verdammung. Als das Stück im Druck erschien, vereinigten sich die '.tntz wM Stimmen in dem Urtheile, daß es alles wahren dramatischen Lebens ermangele. ^ffff^ff Sein nächstes Werk: „IsmaliL" (1828), das er IGman-poeme nannte, hatte die ->, hekrNW.^^.^ Vorzüge und die Mängel der frühern Arbeiten. A.'s neuestes Werk erschien 1832 : //Die Empörer unter Karl V." Die literarische Parteisucht hat es in Frankreich sel- I ten zu einem ruhigen Urtheil über seine Leistungen komcken lassen. Bei einem ge- ' wandten Geiste und einer lebendigen Phantasie, die jedem seiner Werke anziehende Einzelheiten geben konnten, fehlt es ihm an geläutertem Gefchmacke, und er scheint ' . x -MiswW in seinen Ansichten über das Wesen der Poesie nicht zur Klarheit gekommen zu sein, t.Armannsperg (Joseph Ludwig, Graf von) wurde am 28. Febr. 1787 - ffM? zu Kötzting in Niederbaiern auf einem Gute seiner Familie geboren, welche urkund» - Uch in die Tage Heinrichs des Stolzen und Heinrichs des Löwen zurückreicht und Baiern in der Hussi'tenzcit, in den böhmischen und oberpfälzischen Fehden, so« wie Karl V. in seinen italienischen, niederländischen und afrikanischen Feldzügen ff:.'-.7^rtig^)"siff^Zff mehr als einen ausgezeichneten Helden gegeben hat. Graf A. war auf der Hoch» ff. schule zu Landshut gleichzeitig mit dem Kronprinzen, nunmehrigen König Ludwig, - ^ und mit feinen Nachfolgern.im Ministerium des Innern, Eduard von Schenk und dem Fürsten Ludwig von Ottingen-Wallerstein. Er vollendete seine Studien mit großer Auszeichnung, trat 1808 in den Staatsdienst und wirkte zn Negensburg - .-il, d>' und Passau, bis der Krieg von 1813—14 dem jugendlichen Feuereifer und Schaff- 94 Armaunsperg blick eine wichtige Richtung gab, wahrend er bakrischer Armeecommissair in dem verhängnisvollen Wechsel von Braunau bis Hanau und bis zum Einzug in Paris war. Vom Januar bis Jun. 1814 verwaltete er unter den schwierigsten Verhaltnissen das Departement der Vogesen und daraus als Mitglied eines Vermal- tungsrathes das wieder deutsch gewordene Gebiet zwischen dem Rhein und der Mosel. Im Anfange des Jahres 1815 wurde er zum wiener Eongrefse berufen. Leider sah er dort die solenne Mystisieation des Tractats von Ried ihrer Ausführung nahen. Er sah mit Schmerz, wie Beuerns militairische Sicherheit und Unabhängigkeit gefährdet, wie es mancher feiner ältesten und wichtigsten Stammkunde beraubt wurde. Jede Ausdehnung westwärts konnte Vaiern nur schwächen, indem es seine Nationalität nicht stärkte, seine Abhängigkeit aber steigerte und vervielfachte. Inzwischen ahnete während des Congrefses weder A. noch die bairischen Patrioten, daß auch die feierliche Garantie des Rückfalles der Pfalz leer ausgehen, daß Baiern sich einem Vertrage, wie jener von 1818, unterwerfen und es nicht lieber auf jedes Äußerste würde ankommen lassen. Nach diesem unverschmerzlichen Verluste diente Gras A. 1816 im Rheinkreis als Director, 181? in Augsburg, erhielt den Civilver- dienstorden der bairischen Krone, wurde 1820 Director des obersten Rechnungshofes, 1823 Vizepräsident der Regierung des Regenkreises, 1820 und 1821 Mitglied der Jmmediatcommission für den Bedarf der Armee, 1823 Mitglied und Referent der, wegen der Creditvereine niedergesetzten Jmmediatcommission zu München. Im Dec. 1824 ward er im Unterdonaukreise, wo er Gutsbesitzer war, zum Mitglied? der Kammer der Abgeordneten bei der Ständeversammlung von 1825 erwählt, erhielt bei der Präsidentenwahl eine große Stimmenzahl und wurde zum zweiten Präsidenten der Abgeordnetenkammer ernannt. Als solcher stand er an der Spitze der gemäßigten Opposition im liberalen Sinne. Bei allen wichtigen Verhandlungen sprach er mit edler Freimüthigkeit und zeigte die umfassende Kennt- niß aller Verwaltungszweige, welche er in einer vielfältigen amtlichen Wirksamkeit erworben hatte. Er war es, der auf die Einführung der Landräthe drang, indem er den wohlthätigen Einfluß dieser Einrichtung auf die innere Verwaltung zeigte, und er gab besonders auch bei den Erörterungen über das Abgabenwesen und die Fi- nanzverwaltung Beweise seiner Einsicht und Erfahrung. Bei dem Regierungsantritt des Königs Ludwig wurde er nach München zu den unmittelbaren Staats- conferenzen über die Gründung einer neuen Staatswirthschaft berufen. Er war durchgehends der Vortragerstatter in diesem, durch die verhältnismäßig übergroßen Ausgaben der vorigen Verwaltung schwer zerrütteten Geschäfte, und Reformator des Haushaltes. Von ihm gingen die Entwürfe der verschiedenen organischen Verordnungen vom Nov. und Dec. 1825 und Jan. 1826 über die Ministerien, die Ccntralstellen, Kreisregierungen, das Nechnungs-, Bauwesen :c. aus. Am 31. Dec. 1825 wurde er zum Staatsrat!)?, am 1. Jan. 1826 zum Minister des Innern und der Finanzen, am 26. März 1823 zum lebenslänglichen Reichsrath, am 30. Aug. unter Beibehaltung des Portefeuilles der Finanzen, zum Minister des Äußern und des königlichen Haufes ernannt, während Eduard von Schenk das Ministerium des Innern erhielt. Er wurde 1826 Großkreuz des russischen St.-Annen- ordens und Eommandeur des bairischen Eivilverdienstordens, 1828 Großkreu; des östreichischen Leopold- und des preußischen rothen Adlerordens, 1830 Großkreu; des hessischen Lowenordens. — Bei der, mit dem Schlüsse der äußerst bewegten Ständeversammlung des Jahres 1831 erfolgten Ministerialveränderung ward er zu dem Gesandtschastsposten in London bestimmt. Er lebt jetzt auf seinen Gütern. Die sechs Jahre seines Ministeriums seit der Thronbesteigung Konig Ludwigs werden in der Geschichte Beuerns nicht untergehen. Er hat im Ministerium des Innern die noch jungen Institutionen mit freisinnigem Geiste gefordert, und was die deutscht Bundesacte (Art. 13,16,18, 54) den Völkern als Lohn der im Befreiungs- -- > Jlg«fen,!>ieAi MeMeninderA ÄLÄMlcky.M HchiOktA diiZi züv e f.. ^ Ä!» Armatolen und Klephten 95 SM '.-SLK N'»l. ?»lLL7i ^mchtiickraFj^^ "^cchi'ltjküU ^chnKch^. lKß W,> D «UM MM MÄiMsWsMi AaAMn«: !MchMwz ^ ÄMM'chÄlix U W schr st U KicküO die K- ^!>!l!i kämpfe vergossenen Ströme Blutes zugesichert, hinsichtlich deren aber der Bundestag nie einwandere als eine hemmende Sorgfalt ausgeübt hatte, Freiheit der Meinungen und des Gewissens, Preßfreiheit, Handelsfreiheit und standische Verfassungen, hat er auszubilden gestrebt. Die Zollvereine mit Würtemberg, Hessen und Preußen, die er über das ganze südliche und mittlere Deutschland auszubreiten dachte, sind bereits jetzt an ihren Früchten zu erkennen. Die von Ostreich auf Baden hinübergewalzte Territorialentschadigungsfrage, die späterhin mit der Sponheim i sch e n Surrogatsfrage (f. d.) sich verband, war schon auf dem wiener Kongresse, und vollends durch das von Bignon so scharf getadelte Schwanken wahrend der frankfurter Verhandlungen verdorben; doch geschah auch hierin das Mögliche. Das lange vernachlässigte Thronlehnswesen und das Reichsheroldamt wurden regenerirt, und den steigenden Anfoderungen Roms wurde männlicher Widerstand entgegengesetzt, so viel die Abfassung des Eoncordats noch dazu Boden übrig gelassen hatte. Der Strenge feines Haushaltes, der Evidenz seiner Comptabilität wurde von Freunden und Feinden Anerkennung geleistet, dagegen war auch die Klage ziemlich allgemein, dieser Minister begünstige ohne Ziel und Maß die finanziellen und vorzüglich die st'scalischen Eractionen und bediene sich des monströsen Competenzconflicts als eines unfehlbaren Mittels, seinen Gegner in einen rechtlosen Zustand zurückzuschleudern. Die Gelehrten warfen ihm eine ausschließende Vorliebe für die seieuces exuctes und für Alles vor, was auf Industrie und Landwirtschaft Einfluß habe, dagegen aber Gleichgültigkeit gegen das höhere Wissen und vollends gegen die Kunst. Der glühende Haß, welchen zwei, durch die Ereignisse der großen Woche wieder mit erhöhter Zuversicht hervortretende Kasten von jeher unversöhnlich auf A. geworfen, die Camarilla und die Congregation (welche Letztere ihre Ansichten und Absichten in der „Eos", in der von Kerz herausgegebenen „Katholischen Literaturzeitung", zum Theilauch in der Münchner Hofzeitung, mit der Gewißheit eines mächtigen, verborgenen Rückhaltes von jeher aussprach), gereicht A. vielmehr zur Ehre und hat ihm die Zuneigung einer großen, durch Talente, Kenntnisse und Verbindungen ansehnlichen Partei erworben, die in ihm eine Schutzwehr gegen die Wiederkehr des uncien regime und eines verhaßten und gefahrdrohenden politischen Systems zu erblicken glaubte. Baier vor Allem und von ganzem Herzen, und Sprößling einer altbairischen, historischen Familie, in seiner Geistesrichtung aber den zeitgemäßen Ideen angehörig und dem Systeme der Bewegung folgend, war Graf A. ein glückliches Bindemittel zwischen den Alt- und Neubaiern, deren nachtheilige Absonderung bei der letzten Ständcvcrsammlung und den dabei zum Vorschein gekommenen Adressen neuerdings aufgeregt worden ist. Das kräftige Alter dieses rastlos thätigen, einsichtsvollen, uneigennützigen Staatsmannes berechtigt zu dem Glauben, daß die Dienste, die sein Vaterland von ihm noch zu erwarten berechtigt ist, in jedem Kreise seines Wirkens dasselbe ausgezeichnete Gepräge an sich tragen werden. Armatolen und Klephten, in früherer Zeit dem westlichen Europa kaum dem Namen nach bekannt, haben durch den griechischen Freiheitskampf, man kann wol sagen kurz vor ihrem Untergange, eine hohe geschichtliche Bedeutung erhalten. Beide Ausdrücke werden nämlich zur Bezeichnung jener christlichen Heerführer gebraucht, welche sich und ihren Scharen seit der Begründung des osmam- schen Reiches in Europa, in den nördlichen Hochländern des griechischen Conti- nents, eine mehr oder weniger beschränkte, und von der Pforte selbst anerkannte oder nicht anerkannte Unabhängigkeit zu behaupten wußten. Ihre Entstehung und ihre frühere Geschichte sind, wie bei allen geschichtlichen Erscheinungen, welche in ihrer Entwicklung auf lange Zeit die Grenzen eines engen Kreislaufs nicht überschreiten, in Dunkel gehüllt. Neuere Untersuchungen über ihren Ursprung haben zu verschiedenen Resultaten geführt. Pouqueville findet die frühesten Spuren der M Ärmatolen und Klephten Ärmatolen in dem Zeitalter des Konstantin Porphyrogenetus; der Neugrieche Rizo Neroulos betrachtet ihre Entstehung als eine Folge der Freiheitskampfe des noch in den Liedern der Ärmatolen hochgefeierten epirotifchen Helden Georg Kaftriotta (Skanderbeg), und Fauriel behauptet dagegen, daß man vergeblich nach den Spn. ren einer ahnlichen Erscheinung vor der Eroberung Griechenlands durch die Türken suchen würde. Man wird ohne Bedenken der Meinung des Letztern beitreten, wenn man die formelle Gestaltung der Ärmatolen und Klephten, wie sie uns in neuerer Zeit erschienen sind, auf ihren Ursprung zurückführen will. Denkt man ab« dabei überhaupt an jene wilden Kriegerscharen, die im unabhängigen Zustande eine Anzahl selbständig geordneter Gemeinwesen bildeten, und aus welchen ohne Zweifel Klephten und Ärmatolen hervorgingen, so ließen sich Spuren ihres Daseins selbst in früherer Zeit nachweisen, als Pouquevillc meint. Sie waren ein natürliches Erzeugnis; des aufgelösten, gesetzlosen Auslandes, der nach dem Untergange der Selbständigkeit der althellenischen Freistaaten eintrat, und vom macedonischen und römischen Despotismus nicht weniger als von dem der Byzantiner und Os- manen genährt wurde. Ganz nach Art der spätem Klephten erscheint eine solche Bande schon im Dienste des Aratos (Plutarch bei Aratos, Cap. 6, wo selbst der, den jetzt gebräuchlichen Bezeichnungen analoge, Ausdruck vorkommt). — Die Organisation der heutigen Ärmatolen- und Klephtengemeinschaften steht mit der Begründung der Herrschaft der Pforte in Griechenland in genauem Zusammenhange. Die ersten Sultane, genugsam mit der Befestigung ihrer neuerrungenen Macht beschäftigt, hatten weder Zeit noch Mittel, in dem entferntesten Theile ihres neuen Reiches einen beschwerlichen und langen Gebirgskrieg zu führen. Nach mehren vergeblichen Versuchen, die bewaffneten Bergbewohner des Olympos, Pelion, Pindos und Agrapha zu unterwerfen, sahen sie sich genöthigt, ihnen bestimmte Rechte einzuräumen, welche die Grundlage- ihrer fernem Unabhängigkeit bildeten. Für einen geringen Tribut an die Pforte wurde ihnen gestattet, die Waffen zu behalten, je in ihrem Districte militairische Gemeinwesen zu bilden und fortan nach eignen Gesetzen und Rechten zu ordnen und zu verwalten. Unter diesen Bedingungen traten die meisten mit der Pforte in Unterhandlungen, denen zufolge ihnen der Schutz ihres eignen Cantons und der diesem nahgelegenen Provinzen, nach bestimmter Abgrenzung, durch ein förmliches Diplom übertragen wurde. Die auf diese Weise blos scheinbar unterworfenen Klephten (denn warder, von ihren Raubzügen nach dem platten Lande entnommene allgemeine Name) erscheinen von jetzt an unter der Benennung der Ärmatolen; auch findet man die Unterscheidung von zahmen, unterworfenen 71^05x^0/) und wilden («/mach Klephten. Mit dem letztern Beiworte werden nämlich diejenigen bezeichnet, welche auf gar keine Unterhandlungen mit der Pforte eingingen, sich nach den unzugänglichsten Bergthälem zurückzogen und fortwährend in völliger Unabhängigkeit lebten; später heißen diese vorzugsweise Klephten, und der Ort ihres gewöhnlichen Aufenthaltes und ihrer Zusammenkünfte Klephtenland wovon in einem Liede bei Fauriel, Nr. 19, V. 5, die Erklärung gegeben wird: "Oer' e/ouv 071 >5« , zum Unterschiede der den Ärmatolen angewiesenen Districte, der Armatolien (f. Bd. 1). Die Bewohner des Berges Agrapha waren die ersten, welche das Vorrecht erhielten, einen eignen Häuptling und eine Schar Krieger zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Sicherheit der benachbarten Städte und Dörfer zu bewaffnen. Ihrem Beispiele folgten bald Andere, und so waren in kurzer Zeit Ärmatolen über das ganze hellenische Festland vom Isthmus bis nach Makedonien jenseit des Axos vertheilt. Daß Ärmatolen in diesem Sinne auch über Morea und Negroponte verbreitet gewesen fein sollen, wie Rizo anzunehmen scheint, wird von Andern mit Grund geleugnet. — Der älteste Armatole des Olympos, welcher sich bestimmt nachweisen Armatolen und Klephten 97 w tHint ^ ^6,Wsch^l- '^otz VoiiMH - ^iüDMZchM!^ chÄchnUch kl deSLlMsv^ir kl>M Hum KD? 'W5 ii a läßt, war Kara Michali gegen das Ende des 15. Jahrhunderts. Übrigens wurde ihnen der Name Armatolen nur von den Türken beigelegt; die gewöhnliche Bezeichnung von leiten der Griechen selbst war Kapitän (/tttTre^A^oH; jedoch fand auch hier wieder nach den verschiedenen Provinzen Verschiedenheit statt; die Sou- lioten nannten ihre Führer gewöhnlich Polemarchen (TlaXstttt^oH, die Bewohner des Pindos Kephaladen und in Morea war die etwas abweichende Form^Kawetani gebrauchlich. Der Ausdruck Kapitän, dem romanisch-germanischen ^prachftamme zugehörig, kam durch die Venetianer, wahrscheinlich schon zur Zeit der Kreuzzüge, nach Griechenland. Die Würde eines Kapitän, welcher zugleich in dem ihm angewiesenen Districte die Gerichtsbarkeit ausübte, war erblich nach dem Rechte der Erstgeburt; der Sohn erhielt mit dem Degen des Vaters zugleich ein neues Belehnungsdiplom von dem Pascha oder Moussellim (Stellvertreter, Abgeordneter des Pascha), unter dessen Hoheit sein District stand. Die vorzüglichsten erblichen Familien waren die Bateski im Pelion, die Boukovallas im Agrapha, die Sturnaris am Acheloos, die Blachavos von Kassia, die Zachilas von Alassona, die Lazos auf dem Olympos und die Thasos in Thessalien und Makedonien. Dem Kapitän stand der, aus der Schar seiner Soldaten (Palikaren) gewählte Protopalikari zur Seite. Die Zahl der Palikaren war unbeschränkt, überstieg aber in früherer Zeit nicht leicht 200, und stand häufig unter 50, je nachdem der Kapitän durch den Ruhm stiller Thaten oder die Gunst des Zufalls sich das Vertrauen der Palikaren zu erwerben und zu sichern wußte. Kann man diese Palikaren und ihre Häuptlinge vielleicht mit dem meisten Rechte für den Kern des alten, wenn auch nicht völlig ungemischten Hellenenstammes halten, so war es für die Erhaltung der Reinheit desselben von hoher Bedeutung, daß nur Griechen, und nie Abkömmlinge fremden Blutes, unter die Palikaren aufgenommen wurden. — Die politische Wichtigkeit der Armatolen kann man von der Zeit herschreiben, in welcher sich die Pforte genöthigt sah, sie zu ihren eignen Zwecken gegen die aufrührischen Timarioten, welche schon von Amurath und Mohammed!l. in Epiros und Albanien bedeutende Lehngüter erhalten hatten, und zum Schutze der Colonien zu gebrauchen, welche aus Kleinasien nach dem Flußgebiete des Pe- neus versetzt worden waren. Die Folge davon war die Erweiterung ihrer Macht und ihres Einflusses, welche sie in feindliche Berührung mit den benachbarten Paschas brachte und jene ununterbrochene Reihe kleiner Kriege herbeiführte, welche, im Einzelnen unbedeutend, im Ganzen für ihre Stellung zur Pforte und für die Erhebung des neugriechischen Volkes überhaupt entscheidend, den größten Theil ihrer frühern Geschichte ausfüllen. Auf der einen Seite galt es, die Rechte der Armatolen zu beschränken, auf der andern, die erlangte Unabhängigkeit zu behaupten und zu erweitern. Schon zu Anfang des 17. Jahrhunderts suchte die Pforte den Fortschritten der Armatolen, welchen die benachbarten Paschas nicht mehr gewachsen waren, durch die Ernennung des Dervendgi-Baschi (Aufsehers über die Wege und Engpässe, ganz ähnlich dem der Byzantiner) Grenzen zusetzen. Dieser ward mit einer Schar Krieger, welche unter den von ihm selbst gewählten Dervenagas standen, nach dem nördlichen Hochlande des griechischen Continents ausgesandt, um die Armatolen im Zaume zu halten. Die Spannung wurde dadurch nur vermehrt, und im Wesentlichen nichts geändert. Die Pforte glaubte 1740, ihren Maßregeln gegen die Armatolen noch mehr Nachdruck zu geben, indem sie zu dem Paschalik von Epiros Aloanestr beförderte, welche zum Mohammedanismus übergetreten waren und den unversöhnlichsten Haß gegen die christlichen Armatolen hegten. Zugleich wurde von jetzt an mit diesem Paschalik die Würde des Dervendgi-Baschi verbunden: ein Umstand, wUcher erst Bedeutung erhielt, als dem berüchtigten Ali Pascha von Tepelen (s. Bo. 1) 1787, kurz nach seiner Ernennung zum Pascha von Trikala in Thessalien, das Amt des Der- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. ^7 98 Armatolen und Klephten venbgi-Vaschl Übertragen wurde. Es gehört nicht hierher, die Verhältnisse weiter auseinanderzusetzen, welche sich hieraus für die Stellung der Armatolen und Klephten zur Pforte entspannen. Gelang es Ali Pascha auf der einen Seite, mehr durch List als durch die Waffen einen Theil der Armatolen sich zu unterwerfen, so ward auf der andern die Opposition derjenigen, welche ihre Unabhängigkeit zu behaupten wußten, um so kraftiger und bestimmter. Ihre Überlegenheit und zugleich die Anerkennung ihrer politischen Wichtigkeit war völlig entschieden, als Ali sj» durch besondere Begünstigungen für seine Plane gegen die Pforte zu gewinnen suchte, und diese dagegen sie durch neue Bewilligungen fester an ihr Interesse zu knüpfen und als Hauptmacht gegen Ali zu gebrauchen gedachte. Dieses gehört in die letzten Jahre vor dem Griechenaufstande 1821, und hat wesentlich dazu beigetragen, diesen zu beschleunigen. Es war natürlich, daß unter den angegebenen Verhaltnissen die ursprüngliche Stellung der Armatolen, vorzüglich seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, bedeutenden Veränderungen unterlag. Wir erinnern nur noch daran, wie der durch unaufhörliche Fehden mit den Paschas veranlaßte öftere Rücktritt der Armatolen in den Zustand der Klephten nach und nach jenen unbestimmten Gebrauch beider Bezeichnungen herbeiführte, welcher vorzüglich im Westen häufige Begrisssverwechselung unvermeidlich mach? > te. Zur Berichtigung diene Folgendes. Klephten und Armatolen standen in fortwährender Verbindung. Waren die Letztern nicht mehr im Stande, sich in ihrem Armatolik gegen die Übermacht des Dervendgi-Baschi zu halten, so pflegten sie sich mit ihrer Schar in das Innere der Gebirge zu den Klephten zurückzuziehen, ihre Macht zu verstärken, und den günstigen Augenblick zu einem neuen Ausfall abzuwarten. Die bedeutendsten Stationen der Klephten waren im Pe- lion die Dörfer Makriniza, Saiades, Portaria, Graykos, Argalisti, Mouruzi, Anilli, Zagora, Megales; im Agraphagebirge Rentila, Patrilos, Fourna, Am- belakia; im Tempethal Alassona; an den Quellen des Acheloos Xeloparikos; im Olympos Millins, die bedeutendste aller Klephtenstationen; auf dem eigentlichen Pindos Mezzovo, und auf dem Gebirgsarme desselben, der sich nach Thessalien erstreckt, Koutzana, -Dramisst, Kerachia. So hatten sich z. B. in den ersten Iahren, wo Ali Pascha das Amt des Dervendgi-Baschi verwaltete, beinahe alle Armatolen in den Stand der Klephten begeben, und erst nach und nach erhielten Einige, unter der Bedingung der Unterwerfung, ihr Armatolik zurück. Mit den Armatolen ging aber auch ihr Name zu den Klephten über, während diese nicht selten den ihrigen jenen leihen mußten; je mehr die bestimmte Grenzlinie zwischen beiden Zuständen verschwand, desto häusiger war die Verwechselung der sie bezeichnenden Namen; man wandte diese bald ohne Unterschied auf Beide an, und erst nach und nach bekam der Sprachgebrauch wieder einige Bestimmtheit, indem nach der Verschiedenheit der Provinzen oder Districte der eine oder der andere Name der vorherrschendere wurde. In einigen Gegenden heißen daher sowol die unterworfenen als die unabhängigen Heerführer Armatolen; in andern, z. B. in Thessalien, werden beide mit dem Namen der Klephten bezeichnet. Ganz ähnliche Umstände bewirkten auch den Wechsel in der Zahl der Armatoliks, welche nie bestimmt war, sondern in demselben Verhältnisse ab- und zunahm, in welchem die Macht des Dervendgi-Baschi wuchs oder sich verminderte. Kurz vor der Revolution zählte man deren IV: 10 in Thessalien oder Livadien, 4 in Aetolien, Akarna- nien und Epiros, und 3 in Makedonien diesseit des Apos. Aus dem Bisherigen ergibt sich von selbst, daß die Armatolen und Klephten nicht allein für die nationelle Erhaltung, sondern auch für die politische Erhebung des neugriechischen Volkes von hoher Bedeutung sein mußten. Allein ihre ursprüngliche Stellung verhinderte sie einestheils, ihre besondern Interessen mit denen ihres Volkes überhaupt in nähere Beziehung zu bringen, anderntheils unter Armatolen und Klephtm M ^sich selbst eine bestimmtere Vereinigung ;u gemeinschaftlichen Thaken und Zwecken - '» zu begründen. Das erste Beispiel einer lebhaftem Theilnahme der Armatolen an den Versuchen zur Befreiung ihres Volkes und Vaterlandes gab der heldenmü- . " thige Vater des im Befreiungskriege bekannt gewordenen Odpsseus, der noch im Liede hochgefeierte Androuzos (f. Fauriel im unten anzuführenden Werke I, -ch.'ü llls t Nr. 20). In frühen Jahren Armatole der Provinz Livadien, ward er bald, von der Niegierung als verdachtig verfolgt, ein Klephte, und erklarte sich sogleich für die M, ^ II, Erkämpfung der Unabhängigkeit, als 1770 die Russen in Morca landeten und der Ruf der Befreiung durch ganz Griechenland erscholl. Noch ehe es gehindert werden lsi ,, I w h« ^ konnte, drang er mit 500 (nach Andern blos 200) Palikaren über den Isthmus S 's dos^nach Morea vor, erreichte kämpfend Maina, sah sich aber hier in allen seinen Er- I s^ Wartungen getäuscht, da die Russen Morea bereits wieder verlassen, die Mainoten s sich zerstreut, und die Albaneser alle feste Plätze und Engpässe besetzt hatten. Von WHH allen Seiten bedrängt und durch die Treulosigkeit des Pascha von Tripolizza, der iü UM, M ihm sicheres Geleit zur Heimath zugesagt hatte, hintergangen, eilte er nach dem - -Ä7Isthmus zurück, schlug sich hier im mörderischen Kampfe und mit dem Verluste ei- nes Viertheils seiner Braven (die eigentliche Bedeutung von Palikari) durch ,."5 Nd lmtl-i! 5.^. cine feindliche Macht von 10,000 Mann, erreichte Vostizza und schiffte sich hier ^ zunächst auf Schiffen von Aante nach Prevefa ein, wo ihm die Venetianer, damals noch im Besitze dieses Platzes, sichere Zuflucht gewährten. Erst nach dem Frieden zu Kutschuk-Kainardji, welcher allgemeine Amnestie gewährte (1774), kehrte Androuzos nach Livadien zurück, lebte aber, gegen die Verheißungen der Pforte mis- trauisch, fortwährend als Klephte in den entferntem Theilen des Hochlandes, a'/.'.i.n ta KM »i> md Seit dieser Heldenthat des Androuzos richtete sich die Aufmerksamkeit Derer, welche ,a' KM MU Ä» die Befreiung der Hellenen dachten, immer mehr auf den Beistand der Arma- e H'M und Klephten. Auch bei ihrem zweiten Kriege mit der Pforte suchte Katha- 77.'? ^ MM rina Ii. 1789 durch besondere Emissaire die Armatolen zum Aufstande zu bewe- ^aävchtiMi Ws M gen. Sie wurden nach Souli beschieden, und Androuzos war einer der Ersten, die - z.M Mi!?, !>elerschienen. Eine unglückliche Schlacht gegen Ali Pascha gab die Entscheidung; - Rußland überließ zum zweiten Male die Bedrängten ihrem Schicksale; Androu- -MKMMwMch zos suchte und fand abermals Schutz zu Prevefa, ward aber später, als er sich nach Petersburg begeben wollte, zu Cattaro treuloserweise von den Venetianern gefan- ^ gen genommen und an die Pforte ausgeliefert. Nachdem ihm vergeblich der Über- «chrM tritt zum Mohammedanismus als Bedingung seiner Befreiung angetragen wor- den war, und der französische Gesandte (1798) umsonst sich für ihn verwendet ' ^ ^ hatte, starb er 1800 im Gefängnisse zu Konstantinopel an der Pest. — Kurz vor- lr..r^^^^ ^h^e der Begründer der Hetairie, Rhigas (s. Bd. 9), welcher den Plan der - Befreiung feines Volkes vorzüglich auf den Beistand der Armatolen gegründet hatte, auf die bekannte Weise sein Leben zu Belgrad unter den Händen osmani- ,. sHM ^ ^ ^ 7 scher Mordknechte i>n Mai 1798. Als im Jahre 1805 auf den ionischen Inseln, tz .-,M HH'" ? unter Rußlands Mitwissen und Schutz, aufs Neue der Plan zu einem allgemeinen ' ^ ^ < Aufstande gegen Ali Pascha und die Pforte gefaßt wurde, suchte man sich zuerst ' 'der Theilnahme der Armatolen und Klephten zu versichern. Sie wurden deshalb ' . nach Sta.-Maura beschieden. Es erschienen fast alle Klephten aus Akarnanien, ' - ' Atollen, Epiros und dem westlichen Thessalien; unter ihnen der Kühnste von Al- ' H ^n, Katzantonis, aus dem thessalischen Theile des Agrapha. Dieser erbot sich, ^ s" allein mit seinen Palikaren die Macht, welche Ali Pascha, von dem Unternehmen il'.-''s' benachrichtigt, zu Prevefa in Bereitschaft hielt, 5 — 0000 Mann, zu vernichten. '" ^ Allein ehe es zur Ausführung kam, übersielen ihn zu Sta.-Maura die Blattern; er ^ pB'M, verließ jedoch noch ehe die Heilung vollendet war, die Insel. Die Krankheit kam ^ ^ ^ M 7 kurz darauf in einem Kloster des Festlandes um so heftiger zum Ausbruche; er -' ' - M ' flüchtete, da er sich hier nicht sicher glaubte, mit seinem Bruder in eine benachbarte ?* l00 Armatolen und Klephten Felsenhöhle, siel den Albanesern durch Verrath in die Hände und wurde zu Kon- i« stantinopel mit den fürchterlichsten Martern hingerichtet (s. Fauriel, I, Nr. Z() / und 31). Um diese Zeit, vorzüglich seitdem die ionischen Inseln unter Frank- ' reichs Botmäßigkeit gekommen waren (1807), begab sich ein großer Theil der Ar- ^ matolen und Palikaren in Kriegsdienste auf diese Inseln. Es ward aus ihnen ein ! ' eignes Armeecorps gebildet, das auf die verschiedenen Inseln vertheilt wurde; 1814 ward es jedoch durch die Engländer wieder aufgelöst, worauf die meisten Armatolen mit ihren Palikaren in die Heimath zurückkehrten. Nachdem man in demselben Jahre die Hetairie erneuert und bestimmter organisirt hatte, wurden nach und nach die meisten Armatolen und Klephten für sie gewonnen. Alle waren schon für den Ausstand vorbereitet, als sich ihnen Ali Pascha in die Arme warf und dadurch ihren Planen und Bewegungen eine freiere Entwickelung gestattete. Die Gesammtmacht der Armatolen betrug 1820, kurz vor dem Aufstande, über 12,000 M., welche unter Ali's Schutze theils feste Stellungen eingenommen hatten, theils willkürlich ihren Aufenthaltsort in verschiedenen Theilen des nördlichen Hellas wechselten. Die bedeutendsten Stationen waren: in der Provinz Chi- mera (den akrokeraunischen Gebirgen) im nordlichen Albanien führte der Armatole Eustrates eine Schar von 500 Palikaren; die Provinz Arta im Niedern Albanien bis zu dem Gebirge Tzomerka am Pindos (Mezzovo) hatte Gogo mit 200 P. besetzt; Akarnanien (Leromeros) schützte Georg Varnakiotis, der jedoch beim Ausbruche des Aufstandes seinen Ruhm durch ehrlose Flucht schändete; Georg Aongas, früher Protopalikari des obengenannten Katzantonis, deckte mit 150 P. das Gebiet von Prevesa und die Umgegend bis an den ambracischen Meerbusen; zu Karpenisi in Phocis stand Saphakas (der 1827 vor Athen siel) mit 200 P.; zu Kaky-Skala, in der Provinz Lepanto, Georg Makry mit 300 P.; Lokris schützte Nikolaos Sturnaris, der vor Missolonghi umkam. Das Gebirgsland des Agrapha deckte der unerschrockene Karaiskakis, einer der berühmtesten Helden des Freiheitskampfes (der gleichfalls 1827 vor Athen blieb) mit 000 P.; das des Kissovo (Parnassos) Mitzo Kondojannis mit 250 P.; Livadien Johannis Panuryas mit 200 P.; Kaltzodemos (der vor Missolonghi siel) mit 400 P. das eigentliche Attika und die Gegend bis zu den Thermopylen. Als später Odysseus seine Stelle einnahm, sammelte er eine Zahl Palikaren um sich und nahm als Klephte am Freiheitskampfe Theil. Die Gebirgsländer des Olympos und einen Theil von Thessalien schützte Georg Karatasso mit 1000 P. und Christos Mestenopoulos stand mit 200 P. auf Euböa. An der Spitze der Soulioten stand der Held Markos Botsaris. — Diese, im Vereine mit mehren Klephten, waren es, welche beim Anfange des Freiheitskampfes die Hauptstärke der den Griechen zu Gebote stehenden Landmacht bildeten. Es ist hier nicht der Ort, ihre Thcilnahme an demselben im Einzelnen zu verfolgen. Wie sie zum größten Theile fördernd, bisweilen hindernd, am Werke der Befreiung arbeiteten, Hcldenthat und Heldentod der Meisten, Verrath und Treulosigkeit einiger Wenigen, sind bekannt (f. Aufstand der Griechen Bd. 4, und Türkei und Griechenland Bd. 12). — Wir bemerken nur noch, daß der Griechenaufstand und die endlich erlangte Befreiung die Stellung der Armatolen überhaupt völlig veränderte und wahrscheinlich ihr allmäliges Verschwinden zur Folge haben wird. Denn so sehr man auch in den ersten Jahren des Befreiungskrieges die Dienste der getrennten Armatolen und ihrer Scharen zu schätzen wußte, und so sehr auch die Art ihrer Kriegführung dem Terrain angemessen war, so sehr wurden doch im Fortgange des Kampfes die Mängel einer undiscipli- nirten und ganz ohne Einheit in Plan und Ausführung handelnden Masse fühlbar, welche nur durch die zweckmäßige Organisation eines geordneten, nach europäischem Muster disciplinirten Heeres gehoben werden konnten. Die ersten Versuche dazu, meistens von Ausländern eingeleitet, fanden an dem Ehrgeize der Armatolen und 'c Meß,ozs MtMPli- 'Ä^5ik!MinkK> MZ^,ß ^Ä)MlMP,;M tMf./ M "' );5Acch'M^5/Meldet ^^UmAWM d^eiMlicheMMd di! eimMmW lr.'!ci/i ^ - tz.^leslchnd^^ tMlh-nimEch -Wc>ck '-->-S; .-le -»«< -n!^ « !,l«>>' l-lK" ^SSK Armatolen und K'lepyten 101 an dem wilden Freiheitsstolze der Palikaren, welche außer ihren Kapitänen keine Macht über sich anerkennen wollten, unübersteigliche Hindernisse und scheiterten zum Theil gänzlich. Als es spater gelang, mit Hülse französischer, englischer und deutscher Offiziere eine kleine regulaire Armee zu bilden, trat zwischen dieser und den an Zahl und vielleicht auch an innerer Kraft weit überlegenen, nicht regulirten Truppen, unter der Führung der Armatolen, eine Spannung ein, welche bis auf die neuesten Zeiten nicht hat gehoben werden können und die Organisation der beabsichtigten regulairen Landmacht im Dienste der Regierung ungemein erschwert. Als Kapodistrias zu Anfange 1828 in Griechenland erschien, genügte zwar eine einzige Verordnung, das wild umherschweifende Landvolk zur Ablegung der Waffen zu bewegen; allein die Palikaren und ihre Führer leisteten der Weisung ebenso wenig Folge, als sie sich geneigt zeigten, in der regulairen Armee Dienste zu nehmen. Sei es, daß der Präsident gleich im Anfange seines Waltens die Auflösung der Armato- lencorps nicht mit der nöthigen Energie betreiben konnte oder wollte, genug, noch beim Beginn des Jahres 1880 befanden sich zwischen 4—5000 Palikaren aus dem nördlichen Griechenland, unter Ehrisiottis, Hadji Christos, Metaxas, Vasso und andern Helden des Freiheitskampfes, thatenlos in dem ihnen angewiesenen Hauptquartiere zu Kolouri auf Salamis und verlangten mit Ungestüm von der Regierung den seit mehren Monaten rückstandigen Sold, während die nach französischem Muster organisirte Armee der Regierung, die bis auf 10,000 M. festgefetzt ist, kaum 1800 schlecht gekleidete und mißvergnügte Soldaten, meist unter franz. Offizieren, zählte. Die Ereignisse des 1.1831 ((.Griechenland) haben zur Genüge gezeigt, welche Gefahr ein der ordnenden und verwaltenden Macht überlegenes Truppencorps, in welchem der Geist des Aufruhrs und des Abfalls seitJahrhunderten genährt worden ist, dem jungen Staate bringen mag. Die Nothwendigkeit, sich dessen zu entledigen, wird um so dringender, da es, überhaupt nur das Erzcugniß eines aufgelösten Auslandes, im geordneten Staatsorganismus als zwecklos und deshalb störend erscheinen muß. Der Plan, die Armatolencorps in ein geregeltes Heer umzubilden, gelang bis jetzt nur zum Theil, weil man bei dessen Organisation zwar von der europaischen Bewaffnung und Taktik ausging, aber diese, wie es scheint, nicht genug der Eigentümlichkeit und den Bedürfnissen des Volkes und Landes anpaßte. Den Bemerkungen eines der neuesten Reisenden zu Folge sind die regulairen Truppen (man nennt sie im Volke Taktikos) allgemein verachtet; man hält sie für Sklaven der Regierung, und selbst ihre äußere Erscheinung, das Ungewohnte ihrer Kleidung und Bewaffnung, hat das Nationalgefühl des Palikaren so sehr beleidigt, daß er sich nur schwer entschließen wird, seine Fustanella und sein Toupheki (Tracht und Feucrgewehr des Palikaren) mit französischer Uniform und Waffe zu vertauschen. Die unlängst geäußerte Idee, daß man bei der Errichtung eines neugriechischen Heeres eher die Nationalregimenter des schottischen Hochlandes als die Garnison von Paris hatte zum Muster nehmen mögen, hätte wohl früher Beachtung verdient, und wenn sie zweckmäßig ins Leben gerufenworden wäre, vielleicht wesentlich dazu beigetragen, manche Misverständnisse zu heben, welche die Regierung und den einflußreichsten Theil des Volks sogleich vom Anfange an entzweien mußten. Wir können jedoch mit Gewißheit annehmen, daß die Armatolen in Griechenland nach und nach verdrängt werden dürften, je mehr nämlich die Bedingungen ihres Fortbestehens, Gesetzlosigkeit und innerer Zwiespalt, verschwinden werden, je mehr es der Regierung möglich wird, ihre Maßregeln mit Energie und Bestimmtheit ins Werk zu setzen, und je mehr sich Griechenland überhaupt der Bildung der europäischen Staaten nähern wird, in deren Reihe es für die Zukunft eintreten soll. — Weitere Nachweisungen geben Fauriel's „Ollants populäres de 1a dreee moderne" (Paris 1824—25), vorzüglich die Einleitung; Rizo Nerou- los' „Histoire moderne de ladreesdepmZ lactmte de l'ewpired'Onent" (Genf 1W Annencolonien 1828); Emerson's „Histor^ of modern dreeee" (London 1830), lind für die neuesten Verhaltnisse Abercromby Tränt's „iXurrative ok n zourne/ türough ^eroece in 1830" (London 1830). (18) Armencolonien. Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen, dies ist der Grundsatz, von welchem jede Armenpflege ausgehen muß, und nur wer nicht arbeiten kann, darf fremden Beistand anrufen. Überall, wo Menschen in Gesellschaften verbunden sind, um die sittlichen Zwecke derMenschheit zu verwirklichen, darfIeder von dem Andern fodem, daß er seine eignen Kräfte übe, sich die äußern Bedingungen des Lebens zu verschaffen, und diese nicht von der Anstrengung Anderer erwarte; dagegen ist es allgemeine Gesellschaftspflicht, Denjenigen, die sich jene Bedingungen nicht verschassen können, Unterstützung zu gewähren, sobald die Familienangehörigen, welchen diese Pflicht zunächst obliegt, den nöthigen Beistand zu geben nicht im Stande sind. In frühern Zeiten wurde der nothwendige Unterschied zwischen Fähigkeit und Unfähigkeit zur Arbeit nicht beachtet, und nach misverstandenen religiösen Ansichten Jedem Unterstützung gewährt, der sich nicht durch eigne Arbeit Unterhalt erwarb. So ist es noch jetzt in mehren Ländern des südlichen Europa, und dahin ist es durch eine verderbliche Ausartung der ursprünglichen Gesetze der Armenversorgung auch in den meisten Grafschaften Englands gediehen, wo jetzt Jeder, der seinen Unterhalt gar nicht oder nicht hinlänglich gewinnen kann, einen Anspruch auf völlige oder theilweise Ernährung an seine Gemeinde hat,während diese in frühern Zeiten, bei der Verbindlichkeit zur Bezahlung der Armensteuer, berechtigt war, arbeitslose Gemeindeglieder zur Arbeit anzuhalten; es ist dahin gekommen, daß dort jetzt die Armensteuer jährlich auf beinahe 50 Millionen Thaler steigt, von welchen ein großer Theil zur Erhaltung unbeschäftigter Menschen verwendet wird, sie mögen zur Arbeit fähig oder unfähig sein. Eine solche unfruchtbare Verwendung des Nationalvermögens hat überall die Armuth vermehrt, statt ihr abzuhelfen, weil sie den Trieb zu eigner Anstrengung erstickt hat. Je größer nun in neuern Zeiten durch mannichfaltige, in der Entwickelung der gewerblichen Verhältnisse gegründete Ursachen derjenige Überschuß der Volksmenge wurde, für dessen Arbeit keine hinlängliche Nachfrage war, desto mehr hat man den Grundsatz festgehalten, daß bei der Unterstützung der Dürftigen die Arbeitsfähigen von Denjenigen unterschieden werden müssen, die aus physischen Ursachen nicht im Stande sind, sich durch eigne Kraftanftrengung ihre Lebensbedürfnisse zu verschaffen, und daß die Armenpflege besonders daraufgerichtet sein muß, den Arbeitslosen in Stand zu setzen, sich ohne fremden Beistand zu ernähren. In den Mitteln aber zur Erreichung dieses Zweckes zeigte sich große Verschiedenheit. Gewöhnlich verschaffte man den Arbeitslosen Gelegenheit, sich durch Handarbeiten, durch Hervorbringung von Fabrikaten ihren Unterhalt zu verdienen. Daher Industrieschulen, Arbeitsanstalten für Arbeitslustige, Zwangsarbeitsanstalten für Träge und Arbeitsscheue. Eine solche beschränkte Tätigkeit hat aber, zumal in dichtbevölkerten Ländern, nur zu oft die Folge, daß mehr erzeugt wird als der Bedarf fodert, und daher die einseitig geleitete Arbeit keine Nachfrage findet. Die Erfahrung zeigt, daß die meisten Industrieschulen und Arbeitsanstalten kränkeln, die Fortschritte der Verarmung nicht hemmen, und daß die in denselben zur Arbeit angeleiteten Dürftigen zu einer sichern, von dem Wechsel der Verhältnisse unabhängigen Erwerbung ihres Unterhalts nicht in Stand gesetzt werden, weil sie an eine beschränkte Thätigkeitgewöhnt, nur wenig Hülfsmittel in sich selbst finden. Dies hat zu Versuchen Anlaß gegeben, Feldbau mit mechanischen Arbeiten zu verbinden, wie es Robert Dwen (s. Bd. 8) zu Lanark in dem dichtbevölkerten, ma- nufacturfleißigen Niederschottland that, der jedoch der Fabrikthätigkeit ein entschiedenes Übergewicht gab. Das Verdienst, die Erhaltung der Armen auf die einfachste und naturgemäßeste Grundlage, auf den Anbau des Bodens zu stützen, gebührt einem Holländer. Schon früh waren in den Niederlanden und in den Nachbar- »«tz, 'Z:^s N«SK>S °-L:-K AKe ^svs DSs '^-MMchsiichlix rv WckchrMMDe 7-7M/5«D/?iMi! t:, ftr üsseü Neit w M ützM^schM dsßdn mA»lck^wt>>>!» W^S » w«»K ZZD -LSL .stM >z nicht nrulij ÄS »ss Armencolonien 103 landern wüste und unfruchtbare Bodenflächen durch fleißige Hände für den Anbau gewonnen worden, wie die öde Sandheide bei Goch im Herzogthum Kleve, die im 16. Jahrhundert durch ausgewanderte Pfalzer, die auf dem Wege nach Amerika in die äußerste Hulflosigkeit gerathen waren; der Plan aber, den der holländische General Van den Bosch entwarf, beruhte auf ganz eigentümlichen Grundsätzen. Er hatte in Java, wo er den Anbau seines Landguts mit großem Eifer betrieb^ chinesische Auswanderer zu Nachbarn, und benutzte seine Beobachtungen über das Verfahren derselben, besonders beider Bereitung und Anwendung des Düngers, des großen Hebels der chinesischen Landwicthschaft, mit dem glücklichsten Erfolge für sein eignes Besitzthum. Als er nach Holland zurückgekehrt war, zeigte er in einer besondern Schrift die Möglichkeit, eine allgemeine Armenversorgung in den Niederlanden auf eine vortheilhafte Art einzurichten. Diese Anregung hatte den günstigsten Erfolg, und seit 1818 wurden zuerst inFrederiksoord (s. Bd. 4^ in der Provinz Drenthe und später in andem wüsten Gegenden des Landes Armencolonien angelegt, die beharrlich den Zweck verfolgten, für die bürgerliche und sittliche Verbesserung der Armen zu wirken. Diese Ackerbaucolonien sind seitdem für andere Länder Muster geworden und haben durch den interessanten Bericht, welchen der erfahrene Engländer Jacob darüber erstattete, auch in England großeAufmerksam- kcit erregt, und man ist dort bereits zur Gründung ähnlicher Anstalten geschritten. Je mehr diese lediglich auf dem Anbau des Bodens beruhenden Eolonien die sichersten und zugleich wohlfeilsten Mittel darbieten, den arbeitsfähigen Armen nicht nur zu veredeln, sondern ihn auch an eine gesunde und vollkommen nährende Arbeit zu gewöhnen, je leichter sie überall, wo ein Theil der Bodenfläche noch unangebaut ist — und in welchem selbst hochcultivirten Lande Europas gibt es nicht Wüstungen? — angelegt werden können, und je sicherer dadurch auch der überall beklagte und zur Vermehrung der Verarmung so wirksame Andrang der Arbeitslosen zu den Städten verhindert werden kann: desto zeitgemäßer dürfte es sein, die innere Einrichtung der niederländischen Anstalten und ihre seitherigen Ergebnisse genau zu betrachten. Was Voght in Flottbeck, La Rochefoucauld in Liancourt, Matthieu de Dombasle in Nancy, der edle Ob erlin (s.d.) im Elsaß und Andere ausgeführt haben, ist weder in der Umfänglichkeit der Anlagen noch in der Wichtigkeit der Ergebnisse mit den holländischen Anstalten zu vergleichen, obgleich alle Versuche dieser Art von dem Gedanken ausgegangen sind, daß die sittliche Verbesserung des durch Dürftigkeit gesunkenen Menschen, wie die Erziehung der Armen, am sichersten an die Gewöhnung zum Anbau des Bodens geknüpft werde. In Holland wurde man zu der Gründung der Armencolonien durch die That- sache geführt, daß sich ein zu großer Theil der Volksmenge der Manufacturbetrieb- samkeit gewidmet hatte, während noch ein großer Theil der Bodenfläche unangebaut war, und daß nur dann Erleichterung verschafft werden könnte, wenn man der Arbeitsamkeit andere Gegenstände anwiese. Es ist bekannt, daß der wohlthätige Verein, der sich 1818 zur Ausführung jenes Planes bildete, sobald die nöthigen Geldmittel durch Unterzeichnung gewonnen waren, zuerst einen Landstrich von etwa 1300 Morgen kaufte, der fast ganz aus wüstem Heideboden und Moor bestand. Ein ansehnlicher Theil dieses unfruchtbaren Landstriches wurde zur ersten Versuchs- colonie bestimmt. Als die nöthigen Vorbereitungen zur Aufnahme der Ansiedler gemacht waren, wurden 52 arme Familien aus verschiedenen Theilen des Landes zusammengebracht, die von dem Augenblicke an aufhörten, eine Last ihrer Gemeinden zu sein. Das gelungene Unternehmen ermunterte zur Erweiterung des Ansied- lungsplanes, und in wenigen Jahren vermehrte sich die Zahl der Armencolonien. Jeder Antheil in einer Colonie besteht aus 7 Morgen Landes, die ein eingefriedigtes Viereck bilden, und hat ein Haus, dessen Vorderseite nach d?r Straße gekehrt ist, und das gegen 50 Fuß in die Einfriedigung zurücktritt. Hinter dem Hause liegen IL4 Armencolonien Scheune und Ställe und hinter diesen wird die Düngerstätte angelegt, wo alle vege- ^ tabilischen und thierischen Abgange sorgfaltig gesammelt werden. Die Kosten der An- - sicdlung einer Familie von 7 Personen betrugen in den Niederlanden ansanglich gegen 700 Thaler, spater aber weit weniger. Der Verein übernimmt es, für den Unterhalt jedes aufgenommenen Ansiedlers zu sorgen, weil es diesem an Mitteln fehlt, sich vis zurnächstcn Ernte, wo er die Früchte der aufden Anbau des Bodens gewendeten Arbeit erlangen kann, zu ernähren. Der Verein bezahlt ihn für seine Mühe, nach Verhältnis seiner Arbeit. Die Ansiedler müssen sowol den Boden anbauen als auch alle bei dem Bau der Wohnungen nöthigen Arbeiten verrichten. Das Gedeihen, ja das Bestehen der Colom'en hangt von der vollkommensten Bearbeitung des Bodens ab, und die Ansiedler stehen daher unter der wachsamsten Aufsicht, so lange der geringste Zweifel an ihrer Fähigkeit oder Willigkeit vorhanden ist. Es gilt als Grundsatz, daß eine Familie von 7 Personen, wenn sie ihre Arbeit aufden Anbau von 7 Morgen Landes wendet, nicht nur so viel erwerben kann, als zu ihrer Ernährung und Bekleidung nothwcndig ist, sondern auch einen jahrlichen Überschuß gewinnen muß, der in 16 Jahren die Wiedererstattung der gewahrten Vorschüsse mit Procent Zinsen möglich macht. Ein anderer Grundsatz ist, daß kein Ansiedler, auch nickt in der kürzesten Zeit, die der Arbeit gewidmet werden kann, unbeschäftigt sein j darf. Jede Anfiedlung steht unter einem Oberaufseher; ein Unteraufseher ist über > 100 Familien gesetzt, die wieder in Abtheilungen von 25 zerfallen, welche unter einem sogenannten Quartiermeister stehen. Jedes Quartier besteht aus zwei Abtheilungen, deren jede gleichfalls einen Aufseher hat, der ein praktischer Landwirth ist, und durch Beispiel und Lehre seine Untergebenen zur Arbeit anleitet. Man gebraucht beim Anbau des Bodens fast nur Hacke und Spaten. Alle Arbeit wird stückweise, nicht nach Tagelohn berechnet. Nach dem Feierabend erhält jeder Arbeiter eine Marke, welche den Betrag seines Verdienstes angibt, und er kann dafür aus dem Voerathshause des Vereins die nöthigen Lebensbedürfnisse zu festgesetzten Preisen erhalten. Diese Lohnmarken dienen in der Colonie als Geld. Reicht der Verdienst des Ansiedlers anfänglich zur Bestreitung seiner Bedürfnisse nicht zu, so gibt man ihm Credit, und die Schuld wird ihm bei vermehrtem Erwerb abgerechnet. Die weiblichen Glieder der Ansiedlung müssen sich theils mit häuslichen Arbeiten, theils mit Spinnen und Weben beschäftigen. Wolle und Flachs werden ihnen vom Verein geliefert, bis die rohen Arbeitsstoffe von den eignen Schafen und Flachsfeldern der Ansiedlung gewonnen werden können. Auch die Kinder werden in den Stunden, die der Schulbesuch ihnen übrig läßt, mit Arbeiten beschäftigt. Sie und ihre Mütter erhalten, wie die Männer, ihren Lohn genau nach Verhältniß der geleisteten Arbeit. Der Erfolg hat bewiesen, daß die Lockung des Gewinnes, verbunden mit der sorgfältigsten Aufsicht, gewöhnlich ein hinlänglich mächtiger Antrieb ist, der es nicht nöthig macht, wegen Trägheit Strafen zu verhängen. Die Ansiedler können bei dieser wohlthätigen Aufsicht nur gewinnen; sie arbeiten für eignen Vortheil, da, wenn nach der Ernte der Ertrag des Landes die Vorschüsse übersteigt, die man für ihre Arbeit gegeben hat, der Überschuß ihnen zufällt. Nach dem ersten Jahre kann jeder Ansiedler die Colonie verlassen. Wer durch Fleiß und Anstrengung seine Verbindlichkeiten gelöst hat oder einer Unterstützung aus den Vorräthen des Vereins nicht mehr bedarf, kann seinen Antheil ohne beaufsichtigende Leitung anbauen. Er steht dann zu dem Verein in dem Verhältnisse eines Pachters zu dem Grundherrn, ausgenommen daß er gewissen Anordnungen hinsichtlich der Erziehung seiner Kinder unterworfen bleibt, da die Vorsteher diesen wichtigen Gegenstand nicht ganz dem Belieben jedes Einzelnen überlassen zu dürfen glauben. Bei der eingeführten Spatencultur werden fast gar keine Pferde gebraucht, außer zur Fortschassüng des Düngers und zur Einbringung der Ernte. Zu diesem Zwecke hält der Vorstand jeder Colonie 6 Pferde auf 50 Äntheile. Der wichtigste >tn A ^I». Armencolomen 105 ^ltl!^ Achten. '^chns SSiKS ^'^»chMW» ""^^chwMiMWW ^^->lMliUÄMz!kch "-'Ä R'M M siM '^v. ?r N-MfeMzii, si>B Emerb abgmchmt. bthc teM- ^vch"»M .-Ä .^n se'^" er^ ^ iN^? °,'j^ S'KSK '' ' - ^«''in^ 1» Punkt, von welchem das Gedeihen der Anstalt abhängt, ist die unermüdete Sorgfalt, welche auf die Vermehrung des Düngers gewendet wird, und hier beweist die Erfahrung, wie wohlthatig Van den Bosch durch die Einführung des land- wirthschaftlichen Verfahrens der Chinesen gewirkt hat. Jede angesiedelte Familie muß sich den erfoderlichen Dünger für ihren Antheil verschaffen. Sie hat 2 Kühs oder eine Kuh und 10 Schafe; da aber ein solcher Viehstand nicht hinlänglich zur Gewinnung des Düngers ist, so müssen die Ansiedler ihn vermehren, indem sie Heioekraut und Gras zu Streu benutzen und mit den thierischen Abgangen nach besonder» Vorschriften zu einem reichen Dünger bereiten. Die Colonien haben bei solcher Sorgfalt seither jede fremde Düngerzufuhr entbehren können. Der Anbau des Landes geschieht nach bestimmten Regeln, welche die Beschaffenheit des Bodens an die Hand gibt. Eine zehnjährige Erfahrung hat bewiesen, daß 7 Morgen Landes einen jahrlichen Ertrag gewahren, der ungefähr 350 Thaler Werth ist, und da die Erhaltung einer Familie von 7 bis 8 Personen etwa 290 Thaler kostet, so bleibt für jede ein Überschuß, der beinahe auf ^ des ganzen Ertrags steigt. Nachdem Berichte eines Reisenden, der die niederländischen Colonien 1828 besuchte, haben die Bemühungen des Vereins den erfreulichsten Erfolg gehabt. Die einst wüsten Landereien geben reiche Ernten, die Ansiedler sind gesund und heiter, die Wöhningen bequem und reinlich, und fast überall hat der angewöhnte Fleiß sich noch eins andere Beschäftigung aufgegeben, um die theuer gewordene Heimath zu verschönern. Blumen blühen in wohlgepflegten Gärtchen, und an mehren Hausern sieht man Leinwand auf der Bleiche, von Weibern gesponnen und gewebt, die vier Jahre früher der Auswurf der Gesellschaft waren.— So sorgfaltig der Verein auf die Veredlung der Erwachsenen bedacht ist, so vergißt er auch die verlassenen Armenkinder nicht, und die Einrichtungen zu diesem Zwecke sind so verstandig, daß die Erhaltung dieser Kinder nicht ein Viertheil des Aufwandes kostet, der in der Regel in gewöhnlichen Armenanstalten erfodert wird. Sechs Kinder werden einem bejahrten und kinderlosen Ansiedlerpaar übergeben oder einer achtbaren Frau anvertraut. Zur Erhaltung einer solchen Kinderanstalt wird ebenso viel Land bestimmt, als eine Familie von 7 Erwachsenen erhalt. Die Kinder müssen dem Anbau des Bodens so viel Arbeit widmen, als der Schulbesuch ihnen gestattet und ihre Kräfte erlauben, und werden von andern Ansiedlern unterstützt, welchen der Verein Lohn gibt. Dieser Vorschuß wird von dem Ertrage der Ernte abgezogen, und der Überschuß ist Eigenthum der Anstalt. Was die Kinder mit Spinnen verdienen, vermehrt gleichfalls die Einkünfte. Je alter sie werden, desto mehr müssen sie selber den Boden bearbeiten, bis endlich die Unterstützung gedungener Arbeiter unnöthig wird und der Ertrag, nach den gewöhnlichen, dem Verein gebührenden Abzügen, ihnen ganz zufallt. Die Kinder werden gut genährt und gekleidet, erhalten regelmäßigen Schulunterricht, leben fern von sittenverderblichen Einflüssen, gewöhnen sich an gesunde Arbeit im Freien, an ländliche Betriebsamkeit und werden auf eine Art erzogen, die sie zu fleißigen und zufriedenen Menschen macht. Welcher Abstand gegen jene verkrüppelten Menschcnpflanzen, die wir so oft in unfern stadtischen Armenanstaltensehen! *) So ist die Frage, ob arbeitsfähige Arme von Almosen unabhängig gemacht werden können, durch die That entschieden; es ist bewiesen, daß die arbeitslosen *) Auch in Sachsen ist seit einigen Jahren ein erfreulicher Anfang zu einer Feld- aibeitsanstalt für Armenkinder im Waisenhause zu Pirna gemacht worden. Die Waisen bearbeiten unter der Aussicht und Theilnahme ihres Erziehers, außer der Besorgung des Waisenhausgartens und der Heuernte auf einer Wiese, mit Spaten und Hacke ein Feld von 13 Scheffel Aussaat, das ihnen den Hausbedarf an Gemüsen und Getreide liefert. Die Kartoffelernte betrug 183 k von einem unter Spaten- culcur stehenden Felde, das drei Scheffel Land enthielt, Löv Scheffel. Eine ahnliche Anstalt ist seit einiger Zeit mit dem Waisenhause zu Halle verbunden, die gleichfalls günstige Ergebnisse liefert. !VS Atmencolonien Städter in die Lage gesetzt werden können, sich durch eignen Fleiß ihren Unterhalt zu gewinnen, und daß eine Armenanstalt dahin kommen kann, als Armenversorgung immer entbehrlicher zu werden. Die Mehrzahl der Ansiedler in den niederländischen Colonien besteht aus verarmten Handw rkern; sie waren in Rohheit versunkene Städter, mit schmutzigen Lumpen bedeckt, als sie ausgenommen wurden. Nach ihrer Ankunft erhielten sie reinliche Kleider und gute Nahrung, aber in demselben Augenblicke mußten sie auch Hacke und Spaten in die Hand nehmen, um der Erde abzugewinnen was sie verzehrten, und ihre neuen Kleider zu bezahlen. Ihres Unterhaltes gewiß, durch den sichern Lohn der Arbeit gelockt, arbeiteten sie willig und munter. Den Überschuß ihres Verdienstes, der ihnen am Ende des Jahres regelmäßig bezahlt wird, wenden sie gewöhnlich dazu an, den Zeitpunkt schneller herbeizuführen, wo sie den Anordnungen nicht mehr unterworfen sind, welchen die Schuldner des Vereins sich fügen müssen. Wer im Arbeitsfleiße nachläßt, und indem er den Ertrag seines Landes vermindert, mit seinem Grundzins in Rückstand bleibt, erhält zwar Vorschuß, wird aber auch wieder der unmittelbaren Aufsicht der Vorsteher bei dem Anbau seines Landantheils unterworfen. — Die Vortheile, welche die Armencolonien gewährten, gaben der niederländischen Regierung Anlaß, die Zahl der in den Armenhäusern unterhaltenen Arnum zu bestimmen, und untersuchen zu lassen, wie viele derselben in den Ansiedtungen untergebracht werden könnten. Sie befahl, alle nicht gebrechlichen und arbeitsfähigen Armen aus den öffentlichen Anstalten in die Eolonien zu bringen, und die Kosten ihres Unterhaltes aus den Mitteln der Gem.inden ihres Wohnortes zu bestreiten. Die Zahl der in der Armencolonie Ommerschans in Oberyssel untergebrachten Bettler belief sich 1826 auf 1300, theils Männer, theils Weiber. Sie wohnen in einem großen Gebäude, in dessen Nähe ein Wachthaus ist, worin eine Com- pagnie Soldaten liegt, die man jedoch seither noch nie zur Erhaltung der Ordnung aufzubieten brauchte. Die Ansiedler werden in Classen getheilt und nach Verhältniß ihres Alters und ihrer Kräfte mit Hand- oder Feldarbeit beschäftigt. Jede Elasse muß täglich eine festgesetzte Summe verdienen, wofür eine reichliche Mahlzeit aus der Küche der Anstalt gegeben wird. Für alles Übrige muß Jeder mit besonderer Arbeit bezahlen, und es bleibt Jedem überlassen, wie viel er auf diesem Wege verdienen will; aber er kann leicht das Doppelte, ja Dreifache des festgesetzten niedrigsten Satzes erwerben. Der Überschuß des Ertrags der außerordentlichen Arbeit zerfällt in drei Theile; über einen Theil kann der Pflegling sogleich verfügen, der andere wird ihm aufbewahrt bis zum Austritt aus der Anstalt, und der dritte gehört der Casse des Vereins, zur Bestreitung verschiedener zufälliger Ausgaben, besonders zur Unterstützung Derjenigen, die ohne ihre Schuld gehindert sind, den zu ihrem täglichen Unterhalte festgesetzten Bedarf zu verdienen. Hat ein solcher Pflegling ein Ersparniß von etwa 12 Thalern erworben und sich gut aufgeführt, so kann der Verein ihn nicht länger zurückhalten, und jährlich werden mehre entlassen und nehmen oft nicht unbedeutende Summen mit, die zu ihrem Vortheile in der Sparbank der Anstalt angelegt worden sind. Aus allen Gegenden des Landes werden hülflofe und verwaiste Kinder in jene Pflanzschulen des Fleißes geschickt, welche den Gemeinden gesunde, rüstige und sittliche Arbeiter und Dienstboten zurückgeben. Haben Gemeinden oder Einzelne ein Mal das Capital bezahlt, das zur Ansiedlung mit Armen erfoderlich ist, so bleibt dieses eine Stiftung, worüber sie verfügen können. Stirbt der Ansiedler oder verläßt er die Anstalt, so kann seine Stelle, ohne weitere Kosten, sogleich wieder besetzt werden. Bei der allgemeinen Theilnahme, welche die Armencolonien in Holland gefunden haben, gibt fast jede Gemeinde einen Beitrag und erlangt dadurch das Recht, jeden Arbeitslosen und Unvermögenden in die Colonie zu senden, mit welcher sie in Verbindung steht. Die Bettelei wird von deu Ortsobrigkeiten sireng SS niüB' ß^likAW'-' SS s-ch Och ^ I«! ^«<7^ ArnoLdi 107 '"^V'Nwkchnz ^-:^M'ämchch»zc »A S'iür. Älv^r ^llü^ßWA«^ 5.7'.'.? Ü ßÜM ""'" 5M VÄWIl, >M ^aW^^Ws 'V- > MM MW" .z ^'.Myllllz^ z WlbAle s'^ M eM ^MlWrs "> ^ :iitp isew ' ,l's H5'ss ,-mck, ^ . >5"'" "-' SllM' -"' M"" >F'^ ^iWMMW unterdrückt, und jeder Arbeitsfähige, der sich beim Vetteln ertappen läßt, aufgegriffen und sogleich in eine Armencolom'e gebracht. Man könnte gegen die Anlegung von Armencolonien die Frage aufwerfen, ob nicht das ansehnliche Capital, das erfodert wird, um die Ansiedler unterzubringen und wenigstens ein Jahr lang zu ernähren, dem werbenden National- capital entzogen, und der Gewinn in einer Gegend durch einen Verlust in einer- andern aufgewogen werde. Aber es ist hier ja nicht die Rede davon, ob eK nützlich sei, ein werbendes Capital von einem Zweige der Gewerbsamkeit auf einen andern zu übertragen, sondern einen gewissen Betrag des Nationalcapitals^ der jetzt gänzlich vergeudet wird, sowol für die Eigenthümer als für die Gesammt- heit ertragbar zu machen. Das Capital, das durch die Ernährung arbeits- fähiger Armen, durch Unterstützung müßiger Bettler verloren geht, würde bei gehöriger Anwendung mehr als hinlänglich sein, Ansiedlungen zu gründen. Selbst wenn ein Theil der Nahrung, welche der Ansiedler im ersten Jahre erhalten? muß, verloren ginge, so würde dies ganz unbedeutend gegen den Verlust sein, den die Gesammtheit erleidet, wenn ebenso viel Nahrung von Müßiggängern verzehrt wird, die am Ende des Jahres nichts wieder erzeugen, und im folgenden, so lange sie unbeschäftigt sind, ebenso viel aus derselben mildthätigen Vorrathskammer erhalten müssen. Ein Blick auf die Jahresrechnungen unserer Armenpfleganstalten an jedem Orte zeigt uns den steigenden Betrag der Summen, die zur Unterhaltung der Armen erfodert werden, und eine genaue Untersuchung wird es gewiß ergeben, daß selbst bei der gewissenhaftesten Vertheilung der milden Gaben ein großer Theil des Bedarfs auf Arbeitsfähige fallt, und bei der gewöhnlichen Art, diesen Beschäftigung zu verschaffen, fallen muß. Abgesehen aber von diesen materiellen Interessen, ist für das Gesammtwohl vor Allem der große Gewinn in Anschlag zu bringen, einen ansehnlichen Theil der Volksmenge in den Stand gesetzt zu sehen, aus? physischer und moralischer Versunkenheit sich zu glücklichen, erwerbfähigen und erwerbstätigen Menschen heranzubilden, was nach dem Zeugnisse der Erfahrung überall der Erfolg der Armencolonien gewesen ist, in Holland, in Holstein, in England. Daß es in allen Ländern Europas Wüstungen gibt, welche urbar gemacht werden können, dürfen wir nach den Ergebnissen statistischer Berechnungen voraussetzen, wie denn namentlich in Beziehung auf unser Vaterland berechnet worden ist, daß Deutschlands Boden, bei der Anwendung richtiger Anbaugrundsatze und besonders bei Spatencultur, noch ein Mal so viele Menschen ernähren könnte, als jetzt auf demselben wohnen. Ein weites Arbeitsfeld werden auch in vielen Gegenden unsere Wälder der fleißigen Hand darbieten, wenn der beherzigungswerthe und in Sachsen bereits beachtete Vorschlag des Oberforstraths Cotta zu Tharand ausgeführt wird, passenden Waldboden auf eine bestimmte Reihe von Jahren dem Ackerbau zu widmen, wodurch nach seiner Behauptung ein solcher Boden auch für spätere Holzanpflanzungen desto fruchtbarer gemacht werden kann. Armencolonien sind das einfachste Mittel, die Störung des Gleichgewichts aufzuheben, auf welche der englische Philosoph Paley deutet, wenn er sagt: „Die Vertheilung des ursprünglich gemeinschaftlichen Bodens wurde gemacht und bewilligt in der Erwartung und unter der Bedingung, daß Jedem hinlänglicher Lebensunterhalt oder das Mittel bleibe, sich denselben zu verschaffen, und wenn daher diese Vertheilung des Eigenthums gegen die Ansprüche der Armuth und der Noch streng behauptet wird, so geschieht es im Widerspruche mit den Absichten Derjenigen, die sie gemacht haben, und Dessen, der die Welt zur Ernährung und Erguickung aller Bewohner mit Fülle gesegnet hat." Arnold: (Ernst Wilhelm), herzogl. sachsischer Rast, geb. 21. Mai 1778, widmete sich der kaufmännischen Laufbahn und trat, nach mehrjährigem Aufenthalt in Hamburg, als Theilhaber in das Handelshaus seines Vaters. Seine 108 Artesische Brunnen Aufmerksamkeit wendete sich hier vorzüglich auf diejenigen Zweige des Handels ^ durch welche die Erzeugnisse des inländischen Gewerbfleißes weiter vertrieben werden, und namentlich verschaffte er dem Schuhhandel Gothas neue und vortheilhaste Auswege. Er errichtete 1804 die unter der Firma „Ernst Arnoldi's Söhne" rühmlich bekannte Farbenfabrik. Vier Jahre spater wurde unter feiner Mitwirkung die treffliche elgersburger Steingutfabrik begründet, und es gelang ihm, dieselbe auch unter den schwierigsten Zeitverhaltnissen aufrecht zu erhalten und zu vervollkommnen. Als das Verlangen nach Freiheit des Binnenhandels in Deutschland sich seit 181K laut und mehrseitig ankündigte, war A. eines der thatigsten Organe dieser Meinung und wirkte für den damals sich bildenden deutschen Handelsverein, sowol durch seine kaufmannischen Verbindungen als durch eineReihe ideenreicher und kraftvoller Aufsätze. Er übergab 1819 der Bundesversammlung eine von 5051 Fabrikanten und Gewerbtreibenden unterzeichnete Vorstellung, um die Aufhebung der Hemmungen des innern Verkehrs und eine höhere Besteuerung fremder Erzeugnisse herbeizuführen. Wie richtig A. das Bedürfniß der Zeit schon damals begriffen, zeigen die später zu Stande gekommenen Handelsverträge und Vereine deutscher Staaten. Zu der 1817 erfolgten Gründung des kaufmännischen Instituts der Jnnungshalle zu Gotha und der damit verbundenen, vorteilhaft bekannten Lehranstalt gab er die erste Veranlassung und verschaffte derselben ein tressliches Local. Seine glückliche Idee, den Grundsatz der Gegenseitigkeit auf eine Feuerversicherungsanstalt für den deutschen Handelsstand anzuwenden und dadurch auswärtige Asse- curanzcompagnien entbehrlich und den Aufwand für Versicherungen so gering als möglich zu machen, gedieh 1821 zurAusführung und war von glänzendem Erfolge. Später und zu einem glücklich gewählten Zeitpunkte faßte er den Gedanken, zu ähnlichem Zwecke auch eine gegenseitige Lebensversicherungsgesellschaft zu errichten, bei dessen Ausführung ihn Froriep in Weimar thätig unterstützte. Diese Anstalt wurde 1829 unter dem Namen Lebensversicherungsbank für Deutschland eröffnet und gewann in wenigen Jahren eine beträchtliche Ausdehnung. Diese großartigen Unternehmungen hinderten A. nicht, seinen erfindungsreichen Geist auch den Angelegenheiten seiner Vaterstadt zuzuwenden, und seine rege Mitwirkung bei Allem, was das Wohl feiner Mitbürger fördern kann, erwarb und sichert ihm deren Achtung und Zutrauen. (S. Fcuerversicherungsbank und Lebensversicherungsbank für Deutschland.) Artesische Brunnen. Die artesischen Brunnen oder Bohrbrunnen (Springguellbrunnen) haben neuerdings mit Recht die größte Aufmerksamkeit der Völker und Regierungen erregt, da sie als ein wichtiges Hülfsmittel der Industrie und des Nationalwohlstandes zu betrachten sind, und die Hoffnung erwecken, daß mittels ihrer dereinst noch mancher unbewohnbare Landstrich, noch manche unzugängliche Wüste für Cultur und Communication gewonnen werden dürfte. Aber nicht nur, daß in dürren, versiegten Landstrichen frisches reines Trinkwasser, dieses zum fröhlichen Gedeihen des organischen Lebens unentbehrliche Element, hervorgelockt wird, die Industrie hat auch noch andere Vortheile von den artesischen Brunnen zu ziehen gewußt. Weil nämlich das aus großen Tiefen erbohrte Wasser nicht nur häufig in bedeutender Menge, als machtiger Wasserstrahl hervorsprudelt, sondern auch jederzeit, im Winter wie im Sommer, die mittlere Temperatur der tiefern Erdschichten, also in unsern Gegenden eine Wärme von beiläufig 10" Cent, behauptet, so hat man die Wasser der artesischen Brunnen einestheils zum Betriebe von Maschinen, zur Bewässerung von Gärten, Feldern und Wiesen, anderntheils selbst zur Heizung von Radstuben, Fabrikgebäuden und Gewächshäusern benutzt. Endlich ist als ein nicht zu verachtender Vortheil zu erwähnen, daß durch die Bohroperationen die genaueste Localerforfchung der tiefern Erdschichten gewonnen wird, welche für die Anlage anderer artesischer Brunnen in derselben Gegend außerordent- > hiebst, ^^rikD^ > -7' >>i^» > ? - . ..^ .^'s ^l.?l Aim zl^- Artesische Brunnen 109 Alm -..tMtl?iü !/WM MUMU' LssepsichexM l'-iiUlUch^ÄM-' Nimirümz bei Am, dm Wh -5? O iedttl^ch^- ^zriiilesTcise'''^^ -j'e v»^ be» iirl^'^ ^ .^^5? -:S -»L-M ^Ä-<- lich wichtig ist, und außerdem zur Auffindung von Kohlen, Kalk, Salz u. a. nutzbaren Mineralstossen in Gegenden führen kann, wo man das Dasein derselben nimmer vermuthete. Obgleich die Bohrbrunnen ihren gewohnlichen Namen, artesische Brunnen, zuüts urtesieus, der Grafschaft Artois in Frankreich verdanken, wo sie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sehr in Aufnahme kamen, so sind sie doch keineswegs eine Erfindung der Franzosen, sondern weit früher in Ostreich und Oberitalien in Gebrauch gewesen als in Frankreich. Daß seit noch längerer Zeit in China Bohrbrunnen gebraucht und noch gegenwartig zur Gewinnung sowol von Salzsoolcn als auch von brennbaren Gasen bis zu den erstaunlichen Tiefen von 20Cl>, ja 3WE Fuß niedergebracht werden, kann allenfalls wahr sein, ohne daß daraus zu folgern wäre, eine an sich so einfache Idee sei aus dem Oriente nach Europa gekommen. Vielmehr mag wol der Zufall in Oberitalien oder Ostreich ebenso auf die Erfindung derselben geführt haben, wie noch 1815 der Pumpenmacher Nigge zu Münster ganz zufällig einen artesischen Brunnen herstellte, ohne vielleicht jemals etwas von Brunnen der Art gehört zu haben. — Die Theorie der artesischen Brunnen ist höchst einfach und, ihrem Wesen nach, keine andere als die jedes Springbrunnens. Denkt man sich z. B. eine mehre hundert F. lange, gegen die Horizontalebene geneigte Röhrfahrt mit Wasser gefüllt, so wird das letztere aus jeder in der Röhrwand vertical aufwärtsgebohrten Öffnung mit um so größerer Gewalt und zu einer um so größern Höhe emporspringen, je tiefer der angebrachte Punkt in der Röhrfahrt liegt. Die Höhe, bis zu welcher das Wasser springt, würde, wenn man von den mancherlei hydraulischen Hindernissen und dem Widerstande der Luft abstrahirt, genau dem senkrechten Abstände des angebohrten Punktes unter dem obern Niveau des Wassers in der Röhrfahrt gleich kommen. Stellt man sich vor, das Wasser sei nicht in einer geneigten Röhre, sondern zwischen zwei, weit ausgedehnten, parallelen, gegen den Horizont geneigten wasserdichten Wänden eingeschlossen, so würde der Erfog offenbar ganz derselbe fein. Aus jedem verticalen Bohrloche in der obern Wand würde das Wasser um so heftiger und höher aufwärts springen, je tiefer der angebohrte Punkt liegt. Statt der obern Wand könnte man sich auch eine, nach allen Richtungen und also auch aufwärts ausgedehnte, wasserdichte Masse denken, durch deren ganze Mächtigkeit das verticale Bohrloch hindurchgetrieben wird, welches dann als eine förmliche Steigröhre für den freigewordenen Strahl der eingepreßten Wasserschicht zu betrachten wäre. Diese letztere Vorstellung entspricht vollkommen den Verhältnissen, wie sie von der Natur selbst im Großen hervorgebracht sein müssen, sobald die Anlage eines artesischen Brunnens gelingen soll. Eine zwischen zwei wasserdichten und in ihrer Gesammtausdehnung gegen den Horizont geneigten Gebirgsschichten eingepreßte Wasserschicht ist die erste Bedingung für die Möglichkeit artesischer Brunnen. Allein außer dieser ersten absoluten, ist eine zweite relative Bedingung für die Möglichkeit eines solchen Brunnens an einem bestimmten Punkte der Erdoberfläche, daß dieser Punkt über der eingepreßten Wasserschicht, jedoch viel tiefer als das obere Niveau derselben gelegen sei. Sobald man sich durch geognostische und geodätische Untersuchungen von dem Vorhandensein dieser beiden Bedingungen überzeugt hat, so ist das Maximum der Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß die Anlage eines artesischen Brunnens gelingen werde. Und glücklicherweise sind beide Bedingungen in der Natur sehr häufig verwirklicht. Es ist bekannt, daß die neuern und neuesten Gebirgsformationen aus abwechselnden, mächtigen Schichtensystemen von Sandstein, Kalkstein,. Mergel, Thon und Sand bestehen, welche sich oft mit einer bewundernswerthen Stetigkeit über große Landstriche ausbreiten und meist in der Art folgen, daß die verschiedenen sandfteinartigen und sandigen Bildungen durch kalkige, mergelige und thonigeBildungen von einander abgesondert werden. Im flachen Lande liegen diese Schichten gewöhnlich völlig oder beinahe horizontal; allein am Fuße der, das flache Land umgebenden FW Artesische Brunnen Gebirge pflegen sie sich in der Regel aufzurichten, sodaß^ie endlich in stark geneigter Lage an den Abhangen der Gebirge hervortreten. Die Schichte der Flötzgebirge haben also in ihrer Gesammtausdehnung eine geneigte Lage, indem sie von den Gebirgen her nach den Niederungen hin ein immer sanfteres Einfallen zeigen und endlich in horizontale Lage übergehen. So kann z. B. eine und dieselbe Sand- und Geröllschicht, welche an irgend einem Punkte des flache Landes 100 F. unter der Oberfläche liegt, in mehren Meilen Entfernung bis zu vielen hundert F. über denselben Punkt aufsteigen. Denkt man sich nun eine solche Sandschicht in ihrer ganzen Ausdehnung in gleichförmiger Lagerung von zäheiy Mergelschiefer getragen und von fettem Thon bedeckt, so hat man alle Bedingungen beisammen, welche zur Bildung einer abgeschlossenen und stark gespannten Wasserschicht erfoderlich sind. Unter dem hier gebrauchten Ausdrucke Wasserschicht ist Mmlich nicht eine Schicht von lauter Wasser, fondern nur eine mit Wasser bis zur Sättigung getränkte Schicht von lockerm Gestein zu denken, wicwol theilweise auch förmliche Wasserlagen oder netzförmig ausgebreitete Systeme von Wasseradern vorkommen können. Durch Nebel, Regen und Schnee schlägt sich in den bergigen Theilen eines Landes eine große Menge Wasser nieder, welches von den daselbst ausgehenden, meist sehr zerrütteten und zerklüfteten Enden der Gebirgsschichten aufgenommen und in tausend, mehr oder weniger feinen Canälen den tiefern Theilen dieser und insbesondere der lockern, von Wasser leicht durchdringlichen Schichten zugeführt wird. So würde sich denn auch die vorhin erwähnte Sandschicht in ihm ganzen Ausdehnung mit Wasser schwängern und eine abgesperrte, in ihrer Gesammtausdehnung gegen den Horizont geneigte Wasserschicht bilden, aus welcher das Wasser durch jedes vom Tage niedergestoßene Bohrloch mit größerer oder geringerer Heftigkeit und Menge emporgetrieben werden müßte. Man ersieht hieraus, daß sich mittels einer genauen geognostifchen Untersuchung nicht nur der Masse, sondern auch ganz besonders der Lage und Mächtigkeit der Gebirgsschichten im Allgemeinen entscheiden lassen wird, ob für irgend eine Gegend die Anlage artesische! Brunnen von Erfolg sein wird oder nicht. An dem Orte, wo das Bohrloch pro- jectirt ist, mögen die wasserhaltigen Schichten horizontal liegen, allein dieselben Schichten dürfen nicht in ihrer ganzen Ausdehnung horizontal bleiben, sondern müssen sich in größerer oder geringerer Entfernung zu einer bedeutenden Höhe über den Ansatzpunkt des Bohrloches erheben. Auch darf die Gegend, besonders nach dem Ansteigen der Schichten zu, kein sehr zerschnittenes Terrain bilden, oder es dürfen die Thaleinschnitte doch nicht durch die obere wasserspannende Schicht reichen. — Über die Operationen des Vohrens selbst gestattet der Raum nur einige kurze Andeutungen. Man beginnt meist mit der Äbteufung eines kleinen Bohrschachtes durch die ersten Schichten der Erdoberfläche; auf der Schachtsohle sowol als auch über Tage um die Schachtmündung werden die Grundschwellcn für das Bohrgc- rüste gelegt, welches auf sehr verschiedene Weise ausgeführt werden kann. DaS Bohrzeug selbst besteht aus Schmiedeeisen und zerfällt in drei Haupttheile: H das Oberstück oder Kopfstück, welches in einen Ring oder ein Auge endigt; d) die Mittelstücke oder Bohrstangen, welche meist von 12—1c) (in England jedoch nur von 3) Fuß Länge angewendet und durch Verlaschung oder besser durch Schraubenbolzm sowol mit einander als auch mit dem Oberstücke oder Bohrstücke verbunden werden; c)das Unterstück oder Bohrstück, welches nach Maßgabe der jedesmal zu durchbohrenden Gebirgsschicht eine verschiedene Beschaffenheit hat. Für weiche, leichtschncidigs Erdschichten braucht man cylindrische, für sehr zähe und schwer- schneidige Letten- und Mergelschichten conische oder lanzettförmige Lösselbohrer; wogegen bei härtern Steinschichten aller Art nur Meißelbohrer angewendet werden können. Gewöhnlich wird gleich anfangs eine weite verticale Röhre in die Sohle des Bohrschachtes gerammt, um die Mündung und Richtung des Bohrloches zu ' sc ?lrtesi'sche Brunnen !ie ' -?» ^>»< lkt, litt -Ä7M ^ "' " idstst iMWijM fftchRlMZM. .u°t>eM^ " .E^ ^ ,„ W»'» W>^' >W»« fixi'rm. Dann .wird das Oberstück des Bohrzeuges durch seinen Ring an ein Tau befestigt (welches, vom Rundbaume eines nahe am Bohrschachte befindlichen Haspels auslaufend, über eine, oben am Bohrgerüste angebrachte Rolle geschlagen ist) und sogleich mit einem Mittelstück verbunden, an welches das Bohrstück angesetzt wird. Nach dieser Vorbereitung wird der so zusammengesetzte Bohrer in die Röhre gesenkt, aus den Grund aufgesetzt und mittels angelegter Hebel durch mehre Arbeiter in den Boden gedreht. Hat sich der Bohrer gefüllt, so wird er herausgezogen, ausgeleert und wieder hinabgesenkt. Bei allmalig zunehmender Tiefe muß ein zweites, drittes Mittelstück u. s. w. angesetzt werden, sodaß der Bohrer endlich zu einer Lange von mehren hundert Fuß anwachsen kann. Trifft man auf feste Gesteinschichten, so wird der anfangs gebrauchte Lösselbohrer abgeworfen und statt seiner ein Meißel- dohrer angeschraubt, zugleich die Operation dahin verändert, daß die Arbeiter das, durch ein Tau mit dem Stoßapparate (einem einfachen Helxll oder einer epccntri- schen Welle) verbundene Bohrgestänge anheben und wieder fallen lassen, wobei dasselbe vor jedem Falle etwas um seine Are gedreht wird, sodaß die Schneide de.S Meißels successiv in verschiedenen Richtungen ausfallt. Der Bohrschutt muß von Zeit zu Zeit durch den Räumer zu Tage gefördert werden. Wenn man durch weiche und lockere Gebirgschichten gebohrt hat, so wird es meist nothwendig, der Zusam» mendrückung und Wiederausfüllung des Bohrloches durch Einschiebung von ge- hörig zugerichteten Röhren vorzubeugen, welche entweder hölzern (und dann gewöhnlich aus vier oder mehren Bohlen saßartig zusammengesetzt) oder auch gußeisern sind und mittels eines Rammklotzes in das Bohrloch eingetrieben werden. Ist endlich gutes Wasser in hinreichender Menge erbohrt worden, so muß das ganz» Bohrloch mit den eigentlichen Brunnenröhren ausgefüttert werden, um theils festliches Entweichen, theils auch verunreinigende Zuflüsse durch obere Gebirgschichten zu verhindern. *) —> Den Kostenanschlag für einen ganz einfachen, aber in den gewöhnlichsten Fällen wohl ausreichenden Bohrappacat zu einem Bohrlochs von L00 F. Tiefe und drei bis sechs Zoll Weite gibt Spetzler auf400 Thaler an. Dis Gebrüder Flachat in Paris verkaufen ihre höchst vollständigen und auf alle möglichen Falle und Unfälle berechneten Totalapparate zu 307 F. Tiefe für 12,000 Francs. Das von Camilla beschriebene, in der Gegend von Wiek übliche Verfahren ist höchst einfach und wohlfeil; nur möchte es nicht für alle Gegenden ausreichend *) Nach Humboldt („l>Iv!km^es asiatlgues") werden in der chinesischen Provinz Hutschum, wo es auf einer Strecke von zehn Stunden Länge und vier Stunden Breite sehr viele Salzquellen gibt, zu deren Gewinnung Brunnen in Felsen gegraben, die 1500 — 1800 Fuß tief und fünf bis sechs Zoll breit sind. Hat man die Etde einige Fuß tief aufgegraben, so wird eine hölzerne Nöhre in die Öffnung gebracht, auf welcher ein behauener Stein mit einem Loche von fünf bis secbs Zoll liegt, und alsdann ein gegen 400 Pfund schwerer, meißelartiger, stählerner Bohrer in die Röhre gesetzt. Die Spitze des Bohrers ist ausgezahnt, oben ein wenig concav, unten rund. Ein starker Mann steht auf einem Gerüste und tanzt aus einer Klappe herum, die den Bohrer zwei Fuß hoch aufhebt und ihn mit seiner ganzen Schwere wieder fallen laßt, wobei man zuweilen Wasser in das Bohrloch gießt, um den losgearbeiteten Staub in Teig zu verwandeln. Der Bohrer hangt an einem dünnen, aus Rotang gedrehten Seile, das an der Klappe befestigt ist. Am dem Seile befindet sich eine Querstange, neben welcher ein anderer Arbeiter sitzt, der bei der Erhebung der Klappe die Stange ergreift und sie eine halbe Kreiswendung machen läßt, damit der Bohrer in einer drehenden Richtung nie« derfalle. Sind drei Zoll ausgehöhlt, so wird der Bobrcr mittels der zum Aufrollen des Seils dienenden Winde heraufgezogen und geremigt. Auf diese Weise werden die Brunnen sehr senkrecht und glatt. Ist der Boden ohne Schichten von Kohlen oder andern Mineralien, welche die Arbeit schwieriger und oft fruchtlos machen, und durchaus Felsen, so werden in 24 Stunden gegen drei Fuß tief ausgehöhlt, aber man braucht zur Bollendung eines Brunnens wenigstens drei Jahre. D. Red. 112 Armer sein. *) — Als besonders wichtige Schriften für die Theorie und Praxis der artesischen Brunnenbohrung sind, außer den altern Werken von Langsdorf, Selbmann Carena, zu empfehlen: Garm'cr's ,,'IAmtcsurles ))»!ts urtesien«" (2. Aufl., Paris 1826; eine gekrönte Preisfchrift, von welcher Waldauf v. Waldenstein eine vollständige Ubersetzung, und Crelle im „Journal für Baukunst", Bd. 3, einen Auszug geliefert hat); Hericart deThury's „Oonsidcrntions xäulcixiljiies et pla>'si<^z sur le Dement des eniax soilterrnincs etc." (Paris 1828); Waldaus v. Waldenstein, „Die neuesten Beobachtungen und Erfahrungen über die Anlage artesische Brunnen" (Wien 1831; setzt die Kenntm'ß und den Besitz der Ubersetzung dcz Werkes von Garnier voraus); Bonners „Vollständiger Unterricht über die Anlage der Bohrbrunnen" (2. Aufl., Münster 1831; sehr verstandlich und praktisch); Spetzler's „Anleitung zur Anlage artesischer Brunnen" (Lübeck 1832; von Bonn tresslich bevorwortet und besonders empfehlenswert!)). (19) Artner (Therese von), geb. 19. April 1772 zu Schintau, unfern Pres- burg in Ungarn, war die Tochter des östreichischen Dragoncrrittmeisters, nachmaligen Generals, Leopold von Artner, und Magdalenens von Hubert, und ist der gelehrten Welt als Dichterin unter dem Namen Theone bekannt. Ihre erste Jugend zeigte schon überaus glückliche Anlagen, für die redende sowol als für die bildende Kunst. Schon als ein achtjähriges Mädchen machte sie sehr hübsche Verse und lieferte überraschend gelungene Zeichnungen. Zwei gelehrte protestantische Prediger, Pillich und Töppler, und der wackere Zeichncnlehrer Steiner kamen dem unmündigen, sehnsuchtsvollen Geiste zu Hülfe. Eine ältere Freundin, Doris von Conrad, nachher verehelichte Donner, war Theonen vielmehr Erzieherin als Gespielin. In dem nämlichen Kreise fand sich auch Marianne von Tiell, nachmals vermahlte Neumann von Meissenthal, durch gelungene Gedichte und noch mehr durch gewählte Erzählungen dem östreichischen und deutschen Publicum sehr Werth. Erst viel spater knüpfte Therese das innigste Freundschaftsband an zwei andere ausgezeichnete Dichterinnen Ostreichs, die Baronin Maria von Zay, geb. Freiin von Kalijch, Edelfrau auf Ugrocz und Vutsan in Ungarn, und an die Regierungsräthin Karoline Pichler (f. Bd. 8) in Wien. Schon als sechzehnjähriges Mädchen behandelte sie nach langen Vorstudien und mit ungemeiner Beharrlichkeit den tragischen Ausgang der Hohenstaufen in Konradin, als episches Gedicht und vollendete es bis zum vierzehnten Gesänge. Die „Feldblumen auf Ungarns Fluren gesammelt" waren das Erste, was weit früher dem Auslande als dem Inlands Theresens ungewöhnliche Gaben verkündete. Der Besuch einer jüngern, nach Freiburg im Breisgau vermählten Schwester schenkte ihr zugleich die eingreifenden Lehren des edcln und gemüthvollen Jacobi, die Bekanntschaft von Jttner, Albrecht, Enker und Rotteck. Ihre Rheinresse gab ihrer Phantasie neuen Schwung. Der Ostreichs geflammtes Heer und Volk ergreifende Kampf von 1809 begeisterte auch Theonen. Sie schrieb ein Epos über die Schlacht von Aspern, aus welchem Fragmente in Hormayr's Archiv abgedruckt wurden, für dessen historisches Taschenbuch und seinen laut ausgesprochenen Zweck, die Geschichte durch beständige und innige Vermählung mit der redenden und bildenden Kunst zu popularisi'ren, Therese v. A., wenn auch nicht so eifrig und so glänzend als Karoline Pichler, doch auch nicht wenig gewirkt hat. Die östreichifche Censur verbot den Druck jenes Epos, obgleich es eine Katastrophe feierte, die in dem Herzen des östreichischen Heeres und Volkes, das sich feiner Kraft und Gemächlichkeit nie so klar bewußt wurde, sprüchwörtlich und unauslöschlich fortlebt. Neben den beständigen Neckereien der östreichischen Censur raubte Theresen die Entwerthung des östreichischen Papiergeldes s"'. ^ . , >W- *) Vergl. Iacquin, „Die artesischen Brunnen in und um Wien, nebst gcognsst. Bemerkungen über dieselben von P. Partsch" (Wien 1831). Alschbach Asien 1!3 . -. 1811 auch den größten Theil ihres Vermögens. Theonens Gedichte waren 1806 in Tübingen und in zweiter Auflage 1816 erschienen; viele zerstreute, aber werth- - . volle Poesien stehen in der „Iris", „Aglaja", „Minerva" und in Hormayr's Ar« ... 6)iv und Taschenbuch. Kein glücklicher Gedanke war es, zu Müllners „Schuld" . ein dramatisches Vorspiel: „Die That" (Pesth 1817), zu schreiben. Ihre Reise " n^ch Italien beschrieb sie anziehend in: „Briefe an Karoline Pichler über einen Theil von Kroatien und Italien" (Halberstadt 1830). Therese war von kleinem und starkem Bau, weder schön noch graziös, aber eine so zärtliche und hingebende 8 u 's',."' .'^cht^rs' reine «Seele, daß sie in den Familienkreisen anwesend wie ein guter Genius verehrt, :,abwesend herbeigewünscht und innig betrauert wurde. Sie starb im Jun. 1830 zu Agram in Kroatien, eben wieder der Pflege einer Schwester und deren unmündiger . ''7 Familie sich widmend, betrauert von Allen. (17) ' ^ ^ w,-.s Aschbach (Joseph), geb. 29. April 1801 in dem nassauischen Stadtchen 7 ' ' Höchst am Main, erhielt seine Schulbildung vom zehnten Jahre an in Heidelberg, swo seine Altern 1811 ihren Wohnsitz nahmen. Im Herbst 1819 begann er da- selbst seine akademischen Studien und vollendete sie im Frühjahr 1823. Der an- e. ^ fanglichen Neigung zur Theologie entsagend, betrieb er in der ersten Zeit besonders ^die philologischen und philosophischen Wissenschaften, verband damit ein eifriges Studium der neuern Philosopheme, und wandte sich erst in den letzten Jahren sei- ner akademischen Laufbahn vorzüglich dem Geschichtstudium unter Schlosser's Leitung zu. Schon in früher Jugend mit mehren größern Geschichtswerken be- kannt und den historischen Stoff im Gedachtniß bewahrend, ward A. besonders von wissenschaftlichen Werken über Geschichte angezogen, die das früher Erlernte " entweder berichtigten oder in die rechte Verbindung brachten. Das Sprachstudium mch Mhcdurch z« ward als Mittel zum Verstehen der QuellenschriftsteUer betrachtet, und neben den al- . ßyU ten und romanischen Sprachen wurden auch die semitischen Dialekte betrieben, v.eckte MW Nach Beendigung der Universitätsjahre ward A. im Sommer 1823 zu der LehrerA Km mK stelle für griechische und lateinische Sprache und Geschichte am Gymnasium zu ^ Frankfurt a. M. berufen. Die von den Berufsgeschäften freie Zeit verwendete i.7 Wchm bi- er theils zu größern oder kleinern Reisen in verschiedenen Gegenden Deutschlands, in den Niederlanden und nach Paris, theils zur Ausarbeitung von historischen ) Werken, von welchen die „Geschichte der Westgothen" (Frankfurt a. M. 1827) und 7 ,7,7' die „Geschichte der Ommaijaden in Spanien" (Frankfurt a. M. 1829 fg.) bis jetzt im Druck erschienen sind und um so mehr die verdiente Anerkennung gesunden ha- 'Ulhs ben, da die Geschichte Spaniens unter uns noch so wenig durch gründliche Quellen- forschung war aufgeklart worden. ' 7::*Asien, der größte Theil der alten Erdfeste, in welchem, physischer Erfahrung 7 Zufolge, nicht nur das Skelett des Erdballs seinen gemeinschaftlichen Centralpunkt . - fand, sondern auch Natur und Geschichte den ältesten Schauplatz ihrer Entwicke- ^ . lungeröffneten, istalsderUrsitz aller Gesittung anzusehen. Die ganze alte Ge- 7. schichte der Völker ist nichts Anderes als die Geschichte asiatischer Stämme und ^ H» Reiche. Sprache, Wissenschaften, Handel, Gewerbe und alle Beförderungsmit- tel menschlicher Eultur haben da ihren Ursprung. Mit der übrigen alten Welt ist Asien an zwei Punkten verbunden; mit Europa durch die große Wasser- 7 ftraße der Wolga und durch den Felsengürtel des Ural und des werchoturischen "A'knAv^-'- Gebirges, mit Afrika durch die Landenge von Suez; dagegen bilden das ara- bische Meer mit dem persischen Golf und der arabische Busen oder das rotye , - ,e. Meer die südwestliche Scheidungslinie; im S. trennt das indische Insel- und Welt- ^meer (mit den Busen von Siam, Tunkin und Bengalen) das asiatische Hochland - von Australien; im NO. macht die 14 Meilen breite Behrings- oder Cooksstraße 7 und im O. die große Wasserwüste des stillen Meeres (mit der japanischen Klippen- .7 see, und den Busen von Korea und Ochotzk) die Grenze. Dieses Wiegenland der Conv .-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 8 114 Asien Menschheit, welches Europa vier Mal an Größe übertrifft, in einem Flachcnraume von 766,000 UM. vom 43° bis zum 207° Ö. L. und vom 10° S. B. bis zum 78° N. B. sich erstreckt, liegt zum größten Theil in dem gemäßigten, nur ein kleiner Strich desselben in dem heißen, und der kleinste in dem kalten Erdgürtel. D., Gebirge und Ströme die untrüglichsten Systeme der Erdeintheilung bilden, d,> Beschaffenheit des Bodens und des Klimas bestimmen, die Sitten und Lebens der Einwohner modeln, und eben dadurch mittelbar auch die Weltstellung der Belker in der großen Staatengeschichte begründen, so ist die physische Anordnung im sicherste Leitstern in der Kenntniß jedes Landes. Asien kann demzufolge der Breite nach in Nord-, Mittel- und Südasien, der Länge nach aber in Vorder- und Hinterasien eingetheilt werden. Nordasien umfaßt Sibirien nebst den Königreichen Kasan und Astrachan, sowie die Eilande im Polar- und Nordauftral- Ozean; Mittelasien die Kaukasusländer, beide Dschagatai, die sinesische Mongolei und Mantschurei mit Tibet und Kaschemir; Südasien die Halbinseln diesseit und jenseit des Ganges mit den Sundainseln, den Eilanden des östlichen Meeres, den Molukken und Philippinen; Vorderasien die Länder am schwarzen und mittelländischen Meere, Turkestan, Syrien, Persien, Arabien u. s. w.; Hinterasien oder Ostasien China mit der Halbinsel Korea, Japan und den benachbarten Inseln, die Eilande Hainan und Formosa. Der Ganges mit seiner Mündung in den bengalischen Meerbusen gibt letztere Scheidungslinie an. Das Herz des, in einem einzigen Ganzen zusammenhängenden Hochlandes, welches sich vom 30—50° erstreckt, und die Länder zwischen den Gebirgszügen des Kaukasus und Taurus, des Jmaus und Altai bis zum östlichen Weltmeere, und von Chinas und Koreas Küsten bis zur Tungusen-Meerenge umfaßt, ist Hoch- oder Mittelasien, und im Allgemeinen nur ein einziges zusammenhängendes Hochland der Erde. Bei seiner größten Erhebung gegen O. hin fällt es plötzlich schroff, nackt und furchtbar steil in die Tiefendes chinesischen Meeres. Gegen W. senken sich die Hochthäler in mehren Terrassen herab und verflachen sich im NW. ohne besonders steile Abfälle m weite Steppen. Durch die Lage und Grenze Mittelasiens bestimmen sich die beiden andern Theile Nord- und Südasiens von selbst. Jenes enthält die Länder nordwärts vom Altaigebirge, dieses alles Land vom 30° N. B. nach S. herab, welches sich über die südliche Senkung des Hochlandes vom Taurus und Paropamisus zwischen dem Euphrat und Tigris, dem Indus und Ganges nach der See hin verbreitet. Von den Höhen Mittelasiens bahnen sich die größten Ströme der Erde über zahllose Felsbänke durch Schluchten und Stromengen ihren Lauf zu dem fruchtbaren Flachlande, und von da nach allen Winden in die Meere hinab, während andere Erdtheile, wie Afrika und Amerika, in ihrer Mitte zum größten Theile nur auf Binnenwasser beschränkt sind. Dieser ungeheure Gebirgsstock, dessen Mittelpunkt der Bogdo-Oola (d. i. die majestätische Höhe des Altai) bildet, verzweigt sich in den Taurus, Lukan, Ararat oder Macis, Kaukasus (in Armenien), in deren Nähe die Flüsse Euphrat und Tigris, die alte Grenze der römischen Triumphe, ihre Wasser sammeln, dem Belur-Tag (d. h. Nebelgebirge), welches sich vom 90—93° O. L. durch die große Bucharei (Sogdiana der Alten) hinzieht; in die Gebirge des nördlichen Vorderindiens, nämlich dem Himülaya (d. h. im Sanskrit Wohnung des Schnees) oder soweit dieses das Land der Tataren berührt, dem Mus-Tag (Jmaus), dem sajanischen-, Hinkan- und Jablonajagebirge; dem großen Altai, der im NO. an das Königsgebirge Kangai (Dschingiskhan's und der Mantschu heiliges, vom chinesischen Kaiser Kien-Long besungenes Stammland) stößt, dessen äußerste Zweige sich bis Korea und Japan fortziehen. Nach dem kolossalen Dsawala-Giri, dem Könige der Berge (nach Webb 26,872 Fuß, nach Blacks aber sogar 23,015 englische Fuß hoch) und seinen von Ceder- sichten und Tannen überschatteten Thalern in der Himalayakette pilgern seit Iaht- öS GlwAÄ iülMÄQ7.'ey Üf 7 -Zi- " ^ l-'lw."'... 5T>W 7 .^.'7Äittelüsieii,ÄMl 2:-sv2/^ü^ck. Ws«: - 777 .7-ck/,ÄMi!lM /7- e:-.' MÄ M M "-. ^^Mdie Mlllck 7^ 7(77^7,^.^'- W A un^beur^ ^ ^ 7 ...Mis ^7v-nddel" '2ä^77'-! .-'Me «o^ 7-sM'?^ck ^-^7-A Asien 115 taufenden die Hindu zu den Tempeln und Altaren ihrer Götter, wo sich aus Schneelagern und Felsenschichten der heiligste ihrer Strömen, der Ganges hervorwindet, und geheimnißvolle Schrecken den Thron des Mohadeo umgeben. Bevor sich der Ganges mit dem Uamuna, dem Jahnavi und Alakananda verbindet, heißt er Bhagirathi. Seitengebirge des großen Hauptstocks, die ein Gemisch von Bergen, Thalern und Steppen ausmachen und an ihren Enden weit hinaus in das Meer die Landspitzen bilden, sind: der Kaukasus, gleichsam eine eigne Formation, die ganz Westasien angehört. Sie bedeckt hauptsachlich das Land zwischen dem mittelländischen, schwarzen und kaspischen Meere. Seine höchsten Gipfel erreichen nur die Höhe von 10,000 Fuß und zerspalten sich in zwei Abtheilungen: das Ge- birgsplateau des Taurus, welches nach W. und S. in dem Gebel-Kurim, dem Libanon, dem Gebirge von Kurdistan, welches sich längs der Ufer des rochen Meeres hinzieht, und das des Elbrus (nach Kupsser 15,420 Fuß hoch), das sich unter dem 40. Breitengrade vom Kaukasus trennt, sich nach SO. wendet, das kaspische Meer umringt und mit den Ausgängen "des großen östlichen Gebigssystems zusammenläuft. Der Ural, d. i. Gürtel, dehnt sich in fast ununterbrochen gleicher Höhe vom kaspischen Meere und Aralsee bis zum karischen Busen des Polarozeans aus, und wird in seiner Mitte, von der Tawda bis zum Mias, der werchoturische oder jekatarinburgische Kamm genannt. Als Seitenzweige kennt man die südwestlich laufenden Obtscheisyrt- und Sokgebirge, im O. den Ulutan, oder das guberlinskische Gebirge, von dem sich wiederum das alginskische (Atgvdim-Zano), das kirgisische und Mangischlakgebirge abzweigen. Werfen wir nun auf die Gcsammtmasse der asiatischen Gebirge einen Überblick, so sehen wir nicht, wie in Europa, einen in seiner Mitte sich bildenden Kessel, sondern finden daselbst ein sehr erhabenes Plateau mit ausgehenden Ästen nach allen Seiten, sich theils allmälig verflachend, theils schroff auf Niederland ruhend oder mit dem Meere abschneidend. Nach N. hin zieht sich das kamtschatkische Gebirge mit vielen lebenden und todten Vulkanen, das metallreiche da-urische oder nertschinskische, das Ajagu- und baikalische Gebirge, welche alle mittels des Zimbal und Changai mit dem westlichen Gebirgszuge zusammenhan- gen. Nach W., wo die großen Binnenseen, das kaspische und asowsche Meer, sein allmäliges Sinken hindern, thürmt sich das riesengleiche Hochland noch ein Mal zu einer großen Masse auf und füllt die großen Meereinschnitte in dieser Gegend aus.— Dem Gebirgslande sind Ebenen entgegengesetzt. Ganz dem großen Erdtheile angemessen sind: die mit Salzdünen untermischte Steppe der Kirgisen, die vom Ural bis zur Wolga, vom kaspischen See bis zur Samara reichende und manche fruchtbare Strecke enthaltende wolgaisch-kalmuckische Steppe; die zwischen dem Jrtisch und Ob liegende Barbara; die Verflachung des Mittlern Ural, welche unter dem Namen isettische Steppe bekannt ist; die arktischen Flächen, vom Polarozeane landeinwärts streichend; vor allem aber die große von dem Urgan-Daga in die östliche und westliche getheilte Ebene Kobi (d. i. im Mongolischen Wüste) oder Schamo (d. i. im Chinesischen Sandmeer). Sie ist an den meisten Orten an 4000 Fuß über der Meeresfläche erhaben. Die östliche Kobi zwischen Kiachta und Peking, die Gobeiskaja-Steppe der Russen im S. vom Tulafluß, ist eine hohe Scheitelfläche mit hie und da zwergartig kriechendem Strauchwerk, einigen flachen Salzseen, fast ganz mit Kieseln bedeckt; die westliche Kobi, zwischen Kaschghar und Tangut, mit ungeheuren Massen von Flugsand, von dem die Chinesen sagen, daß er wie ein Fluß vor dem Winde fließe. Auf großen Strecken gibt es da für den Reisenden keine andern Wahrzeichen, als die Knochen von Menschen und Thiercn und Kameeldünger. Sie hat über 100 Stunden Breite, und der Reisende muß, um von Selenginsk oder Kiachta nach Peking zu gelangen, an 225 geographische Meilen immer an ihrem furchtbaren Saume hinziehen, oder sie an der Stelle, wo sie nur 32 Meilen Breite hat, durchwandern. Der Kobi ahnlich, doch weniger 8* 5^ 116 Asien schreckbar, sind die Wüsten der Araber und Syrer, welche das wüste Arabien ausmachen, als die Wüste von Dschesire (Mesopotamien) und von Irak. Noch ausgedehnter sind: die große Salzwüste Naubendan im östlichen Theile von Großmedien, die Wüste Karak und Gasnak in Mawarannahr, und die großen Sandwüsten: Bursuk jenseit des Jaxartes, an der Westseite von Turkestan, und die an der Ostseite von Multan und Tatta oder Sind. - Asien hat unter seinen Binnenseen den größten auf dem ganzes Erdkreise: das kaspische Meer, von S. nach N. gegen 150 deutsche Meilen lang, und zwischen 50 — 80 Meilen breit, mit salzigem Wasser gleich dem Ozean, mit welchem es doch keine sichtbare Verbindung hat. Außerdem sind in Vorderasien: der wegen seiner wunderbaren physischen Beschaffenheit merkwürdige Asphaltsee, oder das todte Meer in Palästina s12 Meilen lang und 3 Meilen breit), der See Tiberias oder Genesareth; der süße See Eriwan in Armenien; der Salzsee Schalst (Spauw des Strabo), der mit mehren Inseln versehene Wan Nantiana); der Bahr-Nedschess im ehemaligen Babylonien; der Bachtegan in der Landschaft von Istachar oder Persepolis; der Sareh in Sistan (^.ria istaens); der 25 Meilen lange und 12 Meilen breite Aralsee nebst dem Altan nahe beim kaspischen Meere. In Hinterasien: der Balkasch- see an der Grenze von Turkestan, von den Chinesen das weiße Meer genannt; der Saihan-, Lop-, Ehoko-, Baikal-, Tschandro-, Terkivi-, Tinkal- und Kolair-See. Im SO. von Asien findet man den Tong-Ting-Hou, den Kao-Peau-Hou, und Hong-Tse-Hou. — Asien übertrifft alle übrigen Erdtheile der alten Welt an Reichthum seines Gewasserschatzes. Die Westseite hat die wenigsten in das Meer ausströmenden größern Flüsse; am auffallendsten ist diese Armuth auf der arabischen Halbinsel. Nach NO. und S. aber breitet sich polypenartig das Wassersystem mit unzahligen Armen nach allen Weltgegenden hin. Die vornehmsten Flüsse, welche sich in das schwarze oder Mittelmeer entladen, sind: der Kisil-Irmak (Halys), der Seihan (Sarus), welcher sich mit dem DscheihansPyra- mus) vereinigt, und der Mandres (Mäander), Fasch der Assi oder Orond (Orontes), Naharkebir oder große Fluß (Eleutherus) und der Leitane (Leontes). Der Kur und Arras (Araxes) ergießt sich in das kaspische Meer, der Euphrat und Tigris, ersterer mit dem Chabur, letzterer mit den Nebenflüssen Dhab (Lycus), Diala und Sini (Gyndes) in den persischen Meerbusen. Das zweiteHauptwassersystem in Vor- derasien ist das des Nilab oder Sind (Indus); diesem entgegengesetzt ist dasjenige des Oschan (Opus) in Pehlwi mit dem DeHasch (Bactrus) und des Sirt (Jaxartes), welcher Elphinstone's neuesten Nachrichten zufolge dem rauhen Hochgebirge Turkestans entquillt und nebst dem Oschan durch die große Bucharei strömend in den Aralsee mündet. In den Baikalsee fallen: der Bargusin, die Turka, die Selenga, die obere und untere Angara. Als die wichtigsten Steppenflüsse kennt man den Bahr el-Arden (Jordan), der aus dem See Phiala kommt und sich im todten Meere verliert; der Turgai in der Kirgisensteppe, der Sarusu, Kurk und Darja, welche dem Locksee zufließen. Aus dem großen Südalpenlande Asiens (Tibet, Butan, Nepaul, Auhb, Ascham u. s. w.) verbreitet sich das große Hauptwassersystem der vereinten Stammströme Ganges und Burhamputer oder Brahmaputra (d. i. Sohn des Brahma). Letztern hatte man bis vor wenigen Jahren für die Fortsetzung des großen tibetanischen Stromes Tsampa gehalten; jetzt aber haben die Briten Burlton und Wilcop bewiesen, daß der Lohit, welcher aus dem Brahmakund (d. h. Wiege des Sohnes Brahma's) hervorkommt, mit dem Dihong sich vereinige. Ersterer, der heiligste Strom der Hindu, wird aus zwei Hauptarmen gebildet, dem Baghiratha-Ganga und der Alikananda-Ganga, von welchen jener oberhalb Gangotri, dieser bei Bha- drinath aus dem südwestlichen AbHange der himalayischen Schneegebirge entspringt; er nimmt in feinem 270 Meilen langen Laufe 11 große Ströme auf, ist von Cawpore an für größere Barken schiffbar und strömt, indem er sich bei Moors- )Uch^>i »,U,.-^'°»!- ''»»«I"»- Asien !17 c,,„. „ ÄhA li^rÜM sich Hs ?ÄtzMjT Z :ic '«K5),KWl>i>ssÜSÄ >d5kt'it.iWKeMÄr ilsiecEiichÄmiNzÄ, HGchMO .udinÄchchNAA s- AA« »K- K--Z7 s< hedabad in ein Zweig-Delta spaltet, in einer unendlichen Menge von Armen dem Vusen von Bengalen zu; nur der Hauptstrom behauptet seine nordöstliche Richtung bis dahin, wo er mit dem Brahmaputra zusammentrifft, dessen Wasser neben dem seinigen, doch unvermischt, sich bei der Spitze von Currymulla in das Meer stürzt. Zu dem Wassersysteme des Jrabaddi oder Avastromes kann man den Miup oder großen Fluß von Pegu, den Lukiang oder Thaluan, den Tanasserim, der sich zu Malakka ins Meer ergießt, den Menam oderMaigue, den Mekon oder Mai- kaung in Kambodscha, den Hue und den Lau-Tse-Kiang rechnen. Das Flußgebiet des Amur erstreckt sich durch Da-urien und das Land der Mantschu und Tungustn, und zu demselben kann der, sich in den Meerbusen gleiches Namens mündende Anadyr gezahlt werden. Außer den Wassersystemen der beiden Riesenströme Chinas, des Jang-Tse-Kiang (d. i. blauer Fluß) und des Hoang-Ho (d. i. gelber Fluß) verdienen besonders die, auf den nördlichen Höhen des Altai und seiner Zweige an der Nordgrenze Mittelasiens entspringenden Stromsysteme unsere Aufmerksamkeit, deren Gewässer in das Eismeer münden: die des Lena, Jndigioka, Kolyma, des Jenisei, der sich nach einem Wege von mehr denn 700 Meilen in die Bai der 72 Inseln ergießt, dcsObi und Jrtisch. —Nach allen Weltgegenden hin hat sich das Meer an dem Küstenrande des asiatischen Festlandes Bahn gebrochen und dadurch Inseln gebildet, die bald mit größern, bald mit kleinern, bald nahern, bald fernem Eilanden in Verbindung stehen. So trennt die Waigatzstraße Nowaja-Semlja von Sibirien, die Behrings- oder Cooksstraße Asien von Amerika, die Straße von Malakka Su» matra und Malakka-, die Straße von Ceylon dieses große Eiland (Taprobana der Alten), von Indien diesseit des Ganges; Babelmandeb führt aus dem arabischen Meere in den arabischen Busen; die Straße von Ormus verbindet das persische Meer mit dem persischen Busen, die Straße von Fcodosia das schwarze mit dem asowschcn Meere, und die Straße von Konstantinopel das Marmormeer mit dem schwarzen Meere. Die meisten asiatischen Inseln liegen am Süd- und Ostrande des Erdtheils: Ceylon, die Gruppe der Malediven und Lakediven (Div bedeutet Insel), der Andamanen, Nikobaren, der Mergui,. Philippinen (ein 1521 von Magelhaens entdeckter, aus vielen hundert Inseln bestehender Archipel), Babujanen, Ladronen oder Marianen, der Molukken, Amboina- und Bandagruppe, und endlich der Suluh- und großen und kleinen Sundainseln (Borneo, Sumatra, Celebes, Java); im Osten: Hainan, Formosa, die Lieu-Kieu-, kurilischen und japanischen Inseln (Kiusju, Nipon, Iesso), die Staaten- und Fuchseilande, Ale-uten; im Norden: die Lachows- und Lenainseln nebst Nowaja-Semlja; im Westen: Rhodos, Eypern, Scio (Chios), Samos, Mitylene u. s. w. In keinem Erdtheile sind die klimatischen Verhaltnisse so eigenthümlich und verschiedenartig als in Asien. Seine große Ausdehnung umfaßt alle Zonen. Dieser Umstand trägt aber auch den Stempel der Mannichfaltigkeit auf die Bewohner über, die sich in Hinsicht ihrer Gestalt, Sprache, Lebensart, Betriebsamkeit und Gesittung in unzähligen Stufenbildungen von einander unterscheiden. Ihre Hautfarbe steigt durch viele Schattirungen vom Weiß bis zum Schwarz. Mehr oder weniger zeigt sich die Hautfarbe der kaukasischen Stämme bei den Kaukasusvölkern, Armeniern, Tataren, Persern, Afghanen, an welchen man regelmäßig schöne Gesichtsbildung, hohe Stirn, großes Auge, lange, etwas gebogene Nase, rothe Wangen und ein weiches braunes oder schwarzes Haar findet. An einer gelblichen Hautfarbe erkennt man die Sibirier, Mongolen, Tungusen, Chinesen, Tibetaner, Japaner, Vordecindier, Birmanen, Siamesen. Hellbraun mit manchen Schattirungen ist die Farbe der Hinterindier, z. B. in Malakka, die mit einem schwarzen lockigen Haare eine plattgedrückte Nase und einen großen hervorstehenden Mund vereinigen. Schwarz mit Wollhaar, Stumpfnase, starken Backenknochen und dicken Lippen erscheinen die Widah auf Ceylon, die Insulaner auf Sumatra Borneo, 118 Asien . M ' Celebes, den Andamanen, Molukken und Philippinen. Das straffe, nicht zu dunkle Haar reißen die Mongolen so sorgfältig aus, daß sie selten einen Bart zeigen. Charakteristisch sind bei ihrem ganzen Stamme (eine Rasse, wozu man alle Asiaten mit Ausnahme der Malaien und Kaukasier, sowie die sinnischen Völker in Europa, die Eskimo im nördlichen Amerika von der Behringsstraße bis Labrador rechnet) plattgedrückte Gesichter, schiefliegende, enggeschlitzte Augen und seitwärts hervorstehende Backenknochen. Den hohen Norden bewohnt der selten über vier Fuß hohe Polarmensch (Samojede, Tschuktsche, Ostjäke u. s. w.). Die meisten Inselbewohner gehören zu der äthiopischen oder malaiisch-äthiopischen Rasse. Unter den jetzt lebenden Völkern Asiens sind, wie jede mögliche physische Verschiedenheit, so auch alle Formen des gesellschaftlichen Zuftandes vorhanden, von der Rohheit des Nomaden bis zu der reichlichsten Üppigkeit des Orientalen in der Türkei, Persien und Hindostan; nur nicht die Formen der gesetzmäßigen Freiheit und der höhern Ausbildung des geselligen Lebens. Betrachtet man den Asiaten, sowol den Ureinwohner als den Eingewanderten, so treten nur zwei Hauptclassen: Nomaden und Culturvölker, hervor. Die Geschichte zeigt, daß jene, deren Lebensart das herumziehende, größtenteils mit Jägerei verbundene Hirtenleben ist, die ursprüngliche Bevölkerung ausmachen, wie sie noch heutzutage die großen Ebenen Mittelasiens bewohnen, während in Vorder- und Südasien schon in den ältesten Zeiten der zündende Funke geistiger Gesittung das Bedürsniß größerer politischer Verbindungen zu Staaten und Reichen weckte und dadurch den Ursprung des Städtelebens begründete. Priesterkasten oder Eroberer gaben beiden die Gestaltung, welche bis auf uns herab den Menschen nach einer und derselben Regel des blinden Gehorsams zum Werkzeug despotischer Willkür gestempelt hat. Daher ist Despotismus die herrschende Staatsform in Asien, der Untergebene ist Sklave seines Herrn, das Weib Werkzeug des Mannes. Nur hier und da hat sich in einigen Horden neben republikanischer Stammverbindung das patriarchalische Ansehen der Familienväter erhalten. Wie das Staatenleden und der Gewerbfleiß (denn es zeigte sich schon eine Bekanntschaft mit manchen Kunstfertigkeiten, als Europa noch eine menschenleere Wüste war), so gingen auch die drei Hauptreligionen, die christliche, jüdische und mohammedanische, von Asien aus. Die Christen (17 Mill.) gehören meist zu der griechischen, armenischen oder römisch-katholischen Kirche, doch finden sich auch Nestorianer, Iakobiten, Monophysiten, Maroniten und Protestanten beider Bekenntnisse. Die Juden sind meist Talmudisten, nur in wenigen Ländern Karaiten. Außer den reinen, aus Sunniten und Schiiten oder Anhängern des Ali bestehenden Mohammedanern (70 Mill.) leben in Natalien viele aus einer Vermischung des Judenthums, Christenthums und des Islam hervorgegangene Sektirer, als: Sabäer oder Johannischristen, Drusen, Jesidier, Nassairier u. A. m. Unter den Heiden (380 Mill.) ist die Mehrzahl dem Götzendienste ergeben; dazu gehört vor Allem die Religion der Hindu, von der sich jedoch der reine Brahmanismus der Kaste der Brahmanen selbst unterscheidet. Zu den Fetischanbetern sind die AnHanger des Lao-kiung in China, die sich Tao-tse (d. i. Söhne der Unsterblichkeit) nennen, und die Bewohner von Nordsibirien zu rechnen. Wenn die Religion der Schamanen (aus der Lehre der aus Indien vertriebenen alten Gymnosophiften entstanden), wozu sich die Mantschuren, Tungusen und viele andere Stämme in Hinterindien bekennen, nebst dem Buddhadienst (s. Bd. 2) in Mittelasien und auf Ceylon vorherrscht, so lebte Zoroaster's (Zerduscht's) reinere Lehre unter den Parsen oder Gue- bern in Persten und Kabulistan. Die Religion des Con-fu-tse (Confucius), deren Gesetze darin bestehen, der Natur und dem Lichte der Vernunft, als Ausfluß dks höchsten Wesens, zu folgen, wird nur von dem Kaiser von China, seinen Mandarinen und den Gelehrten bekannt, das Volk aber hängt der Lehre des F o (s- Bd. 4) oder des Heiligen aus Westen an, der offenbar kein Anderer ist als der Buddha der K 'A, Jt« ''7 .ö Ii! Asien 119 sK SHk °'^>l,l,,is,^ A'» Hnsi Z^ W-U Y? ^ H i!I A!D ^>chs-Mchj„ -a KÄM fw ^ MMiPch ^chslischtiiKlhiZch NusckilÄ^etisM! M,Mn»ich!ÜM ^ltlmiiliiUs «!!.''! mhirRrzizWiRbkiilill iminkruI^^ ! ergeben; d>P z>'l>crl.n rnin-A'^ schnnb-t -B5^ -"LA- WÄP-«/ °L-s< SxZ der»? P Hinterindier. In Japan ist vorherrschend die Sinto-Neliglon, welche ein einziges unsichtbares höchstes Wesen und Unsterblichkeit der Seele feststellt. An ihrer Spitze steht ein geistliches Oberhaupt, der Kin-Rey, oder, wie die Europaer ihn gewöhnlich nennen, Dairi heißt. — Der Abstammung nach sind von den 580 Millionen Menschen 29 Hauptstamme bekannt: Samojedcn mit den narymischen Ostjäken, Finnen mit den Wotjaken, Mordwinen, Tschuwaschen, Tscheremissen, Lesgier, Wogulen, kondische Ostjaken, Slawen, Tscherkassen, Kisti, Georgier oder Grusinier nebst den Afghanen, Griechen, Tataren (Türken, Turkmanen, Baschkiren, Kirgisen, Karakalpaken, Chiwaer, Bucharen, Usbeken, Aralsen), Kalmücken, Mongolen, Tungusen, jeniseiische Ostjaken, Korjaken nebst Tschukt- schen, Kamtschadalen mit den nördlichen Kurilen, Ale-uter, Ainos oder südlicher Kuriler, Japaner, Koreaner, Armenier, Syrer, 'Araber, Perser nebst Kurden und Osseten, Hindu (Rasputen oder Radschputen, Maratten, Dschaden, Dcka- ner, Malabaren, Tamuler, Cingalesen), Tibetaner, Malaien, Siamer, Anamiten (in Cochinchina, Tunkin), Chineser und Japaner, und negerartige Bewohner auf dm südöstlichen Inseln. — Nach den Sprachen theilt Balbi die Völker in folgende Sippschaften: 1) Semitische Sprachen, im W. des Erdtheils, als: Hebräisch (nebst Phönicisch und Punisch), Syrisch (nebst Chaldäisch), Medisch (Pehlwi), Arabisch. 2) Kaukasische Sprachen im W. Asiens, wozu man die georgische, armenische (welche Bopp und Neumann zum sanskritischen Stamme rechnen), lesgische, tscher- kassische und abassische zählt. 3) Persische Sprachen, wozu man Zend, Parsi, Kurdisch, Ossetisch, Afghanisch und Belutschisch rechnet. 4) Indische Sprachen, das als Schriftsprache abgestorbene Sanskrit nebst Pali und die lebenden Mundarten oder das Pakrit u. f. w. 5) Hinterindische Sprachen, oder Jndo-scythisch (Tibetanisch), Jndo-chinesisch (Birmanisch, Peguisch, Siamisch u. s. w.), Chinesisch, Koreisch und Japanisch. 6) Tatarische Sprachen, wozu Tungusisch nebst Mandschuisch, Mongolisch (nebst Kalmückisch) und Türkisch (nebst den Idiomen der Jakuten und Tschuwaschen). 7) Sibirische Sprachen, als Samojedisch, Jeniseisch, Koriäkisch, Kamtscha- dalisch und Kurilisch. Im Ganzen leben mehr als 180 Mundarten. Von dem untergegangenen Culturvolke der Uiguren in Hochasien hat sich noch die Schrift in Tibet erhalten, sowie die Sanskritsprache der Brahminen noch zum Theil in dem indischen Alpenlande, und das alte Pehlwi noch in dem Grenzgebirge von Persien und Kabul gesprochen wird. Nur das uralte Zend ist ganzlich ausgestorben. Ebenso ist die hebräische, die phönicische, nordchaldäische und phrygische Sprache nebst der hohen Bildung der alten Iberer und Kolchier am Kur und am Phasis spurlos untergegangen. Eine belehrende Übersicht der Sprachengeographie des alten Asiens hat Heeren in seiner Abhandlung: „I)e Im^. asim. in Üersnr. impeiio oo^nMione et Viiriewte" („Oominent.Hdciet. doett.", Bd. 12; vergl. dessen „Ideen üb. Politik", Bd. 1) gegeben.— So verschieden als der Mensch in äußerer Gestalt, Religion und Gesittung sich zeigt, sind auch die mannichfachen Formen der Thier- und Pflanzenwelt, womit die Natur diesen Erdtheil als Erstgeborenen gleichsam als Vorbild für alle übrigen ausgestattet hat. Im hohen Norden bei fast ununterbrochenem Winter ist kaum noch ein Moos oder eine Flechte, weniger noch ein Strauch, nur die Wohnung für Seehunde und Eisbären. In Mittelasien wechseln Salzsteppen und Sandwüsten mit den schönsten Grasebenen. Im S. zeigt sich die üppigste Fülle der gcwürzreichsten Früchte neben ganzen Heerden von Elefanten und durch Sonnenglut grimmig gewordenen Thieren. Außer dem Kassee- baum und Zuckerrohr, womit Asien Westindien bereicherte, veredelt die Glut der Sonne in dem heißen Gürtel die Pstanzensäfte zu Gewürzen, Balsam, Heilmitteln und Wohlgerüchen aller Art. Kein Land der Erde bietet eine größere Auswahl von Fruchtbäumen dar. Aus Persien und Syrien stammen fast alle unsere edlern Obstarten. In Hindostan erhebt sich die Kokospalme zu einer Höhe von 60 — 80 Fuß 120 Asien und liefert nicht allein denPalmwein und guten Arack, sondern auch den Palmkohl, das Palmöl und eine wohlschmeckende Nuß. Das Holz wird zu allerlei Gerätschaften, die faserige Hülle der Nüsse zu Tauen, und die Nuß selbst zu Trink- geschirrcn verarbeitet. Neben der Kokospalme erhebt sich die Wein-, Sago-, Are- ka-, Dattel- und Schirmpalme (Ooi^zitm nmüiacalisel-A), und die den Hindu heilige Banjane (?icus benAalensis), deren Äste sich in einem rechten Winkel zur Erde senken und aus dieser wieder einen neuen Stamm treiben, sodaß ein einzig Baum in gewisser Zeit einen ganzen Wald zu schassen im Stande ist. Diesem Erdtheil eigenthümliche Naturprodukte sind: die syrische Seidenpflanze, die Thee- staude, der Terpenthin-, Kajeput-, Kampher- und Mastixbaum, der Mastix-, Weihrauch, Myrrhen- und Balsamstrauch, die Rhabarber- und Indigopflanze, der Gewürznelken-, Zimmt- und Muskatennußbaum, die Ingwerpflanze, der Pfeffer-und Betelstrauch u. a.; von denThieren: die angorische Ziege, der Zebu, das Bisamthier, der Zobel, der Springhase, das Schuppenthier, die indianische Schwalbe in Tunkin, deren Nester gegessen werden, die jeniseiische Spitzmaus (das kleinste Saugethier), die Riesenmuschel; aus dem Mineralreiche: Asphalt (Bergpech, Iudenpech), Naphtha, ganze Magnetberge im Ural, die schönsten Edelsteine, zumal Diamanten (in Golkonda), Rubine, Smaragde, Saphire und Aquamarine. Asien war, wie die Geschichte lehrt, nicht nur der Ursitz aller über die Erde sich verbreitenden Eultur, es hat auch in manchen Staaten, zumal in Hindostan, China und Japan, eine gewisse Bildungsstufe der Wissenschaft und Kunst bis auf die neuesten Zeiten fortgedauert. Die elastischen Werke der Araber, Türken und Perser, die von einheimischen Gelehrten noch jetzt studirt werden, die Schriften der Chinesen, vor allem aber die reiche und fast unerschöpfliche Sanskcitaliteratur der Inder, sind sehr reiche Fundgruben zur Vermehrung unserer Kenntnisse. Man wird an diesem Orte keine Geschichte der Wissenschaften und Künste in Asien, keine Übersicht der altern und neuern Regentenhistorie, noch eine Darstellung des Gewerbfleißes, des Land- und Seehandels erwarten. Nur die Schilderung des allnw ligen Bekanntwerdend dieses Mutterlandes sei unsere Aufgabe. Unter Denen, welche zuerst den, über Asien verbreiteten Schleier lüfteten, stehen oben an, wenn man einen Herodot, Tenophon, Dionysius, Cas. Älius Gallus, Aman, Moses von Chorene übergeht — die Araber Massud! Kothbeddin und Jbn-Haukal, welche zu Anfang des 10. Jahrh. lebten. Erstem schildert ein seiner „Goldenen Wiese" und in der „Grube der Edelsteine" die damals bekanntesten Reiche der drei Erd- theile, Letzterer aber entwirft ein interessantes Gemälde von allen, dem Islam unterworfenen Landern. Auf sie folgte 1232 ihr Landsmann Ibn-al-Wardi. Der erste Europaer, welcher Asien zur Zeit des Mittelalters kennen lernte, war der 1245 vom Papste Jnnocenz IV. an die tatarischen und mongolischen Khane abgesendete Dominicanermönch Ascelinus, dessen Beschreibung von Syrien und Mesopotamien w. aber nur noch in Bruchstücken vorhanden ist. Der italienische Minorit Giov. de Plano Carpini hielt sich 1246 längere Zeit am Hoflager (der Syra Orda, d. i. goldenen Horde) des Großkhans Ajuk auf. Der Mönch Andr. Lucimel verkündete 1250 in der Mongolei das Christenthum, wohin ihm bald auf Veranlassung Ludwigs des Heiligen, Königs von Frankreich, Wilh. Rubruquis (Ruisbroek) folgte. Rubruquis war lange Zeit nebst Marco Polo, der von 1260 an, seit seinem zwölften Jahre, wo er mit seinem Vater Nicolo Polo nach dem Morgenlande war geführt worden, in einem Zeiträume von 35 Jahren fast ganz Asien durchwanderte, der Führer für alle Reisende. Er war der erste Europaer, der Indien dies- und jenseit des Ganges bekannt machte, und so ist er als der Schöpfer der neuern Erdkunde Asiens zu betrachten. Nachdem aber mit dem Anfange des 14. Jahrh. der gelehrte Abulfeda mit seinem „Takwim-al-Boldan" (d. i. Beschreibung des Bewohnten) auftrat, wurde es auf einmal hell im Orient; bald folgten ihm der arme- Asten 121 WS tische Prinz Haithon, der Engländer John Mandeville, der Mönch Oderich von Pottenau. In die Jahre 1324—53 fallen die wichtigen Reisen des Arabers Jbn- Batuta im Morgenlande bis nach Indien und China, dem man vor allen Reisenden vielleicht die meisten Ausschlüsse verdanktes. ,/1'Ire travels ofIk>n-Littutn,ti-Ans- luteä i'rom tlle ^rabie memuscript copies London 1829). Weniger Bedeutung haben die Berichte Schildberger's, Clavigo's, Barbaro's, Abdul-Rizak's, Covilhao's, bis Vasco de Gama 1498 das Vorgebirge der gutenHofsnung umschiffend, bei der Stadt Calicut an der Küste von Malabar landete. Nun war die eigentliche Entdeckungsstraße gebahnt. Bald wurden jetzt von den Portugiesen die Reiche jenseit des Ganges nebst den großen und kleinem Inseln aufgefunden, welche in dem unermeßlichen Ozean von Sumatra bis Neuguinea zerstreut sind. Die Geschichte dieser Bekanntwcrdung verdankt man außer dem Geographen Barros und seinem Fortsetzer Couto dem scharfsinnigen Odoardo Barbessa (Barbosa), der zuerst die Sitten und Gebrauche der Hindu kritisch schilderte. Den berühmtesten Namen, den die Annalen von Ostindien im 10. Jahrhundert enthalten, ist der große Al- sonso d'Albuquerque; fein kühner Geist faßte den Gedanken, Portugals Herrschermacht über alle Lander und Meere Indiens zu verbreiten; er eroberte Goa, unterjochte ganz Malabar, Ceylon, die ^undainseln und Malakka. Almeida ent- deckte 1508 die Anchediven; Antonio d'Abreux 1511 Amboina und Vanda nebst den dazu gehörigen Gruppen, fand, weiter nach Norden dringend, die Inseln Ter- nate, Tidor, Motir, Maquien und Bacham und gab denselben den Namen Moluk- ken, welches in der Landessprache „das Beste" bedeutet; Simon d'Andrada fand 1512 die Malediven, Joao de Silveira das Land Bengalen, Fernando Perez 1516 die Lieu-Kieu-Jnseln, Magelhaens 1521 die Ladronen und Philippinen, Loyosa 1525 das Land der Papuas oder Neuguinea, Vasco Laurez 1526 die Jn- sil Borneo, Antonio de Moto 1542 Japan, Bernardo della Torre die nach ihm benannte Straße südlich von Neuguinea; Iwan Wasiljewitsch lernte 1552 zuerst Sibirien kennen, Mendoza 1507 die Salomonsinseln (Neugeorgien), der Holländer Houtmann 1598 die Comoren nebst Sumatra, Quiros 1000 das fruchtbare Otahiti (Sagittaria, Neucythere), die Gruppe der Hebriden und eine Menge anderer Eilande. Mit diesem Seehelden erlosch der kühne Unternehmungsgeist der Spanier. Middleton entdeckte die Inseln Pulorin, Bangain und Pulo-May in der Nahe von Sumatra. Des Holländers Scheuten vielseitige Entdeckungen zogen den ganzen Strich längs Neuguineas Küsten aus der Dunkelheit hervor. Große Verdienste um die nähere Kenntniß Chinas erwarb sich der Brite William Adams, Ceylons der DäneO. Giedde, Persiens, Malakkas und Cochinchinas der französische Missionar Alexander de Rhodes, Tibets Antonio d'Andrada. Das Land der Kirgisen und Kalmücken wurde bekannter durch Philipps a Santa Trinitate, Ostindien und die Sundainseln durch Sigismund Wurssbain, Japan durch Franz Caron, Persien und Hindostan durch Johann Albrech: Mandelsloh; die Nordostküste befuhr Deschnew, der erste Sterbliche, dem dies gelungen; Henrik Gamel fand und beschrieb Korea; Jans Neuhof gab 1655 die beste Schilderung von China, Knox 1658 von Ceylon, Navarette von China, Bernier 1664 von Mittelasien, Chardin gleichzeitig von Persien, und Tavernier von Bengalen und dem Reiche des Großmoguls. Den Ganges beschisste und beschrieb von allen Europäern zuerst Niklas von Graaf, die Küste von Koromandel der Franzose Dellon; John Fryer durchstreifte 1672 die Halbinsel jenseit des Ganges, Nepaul, Auhd, Tibet und Persi'en; Dampier entdeckte 1087 die Eilande Ba-Schi und Neubritannien. Ein ganz neues Licht über das Räthselland Japan verbreitete der Deutsche Engelbrecht Kämpfer, welcher von 1683—92 fast ganz Asien bereiste und 10 volle Jahre jenem Insel- reiche wismete. Um diese Zeit beginnt recht eigentlich die Glanzperiode der jesuitischen Missionen in Asien. Die Namen Verbiest, Avril, Guido, Tachard, Choisi, 122 Asien Du Halde, Amiot, Gerbillon, Fontana, Bouvet, Pereyra, Le Comte, Gaubil, Tie- fenthaler sind in den Jahrbüchern der Erdkunde und der Culturgeschichte Asiens unvergeßlich. Außer dem die Erde zu Fuß umreißenden Genelli-Carreri verdienen der Russe Morosko als Entdecker der Halbinsel Kamtschatka, der Schwede Kjöping durch seine Nachrichten über Sumatra und Java, Cornelius de Bruyn, Cassini und Feuille, Pierre de la Rocque, Frondat, Juan de Padilla, welcher 1710 die Pelew- inseln entdeckte, und mehre Andere ausgezeichnet zu werden. Im 18. Jahrhundert erwarben sich um Sibirien Messerschmied Tobbert, L'Jsle de la Croyöre, und Chappe d'Auteroche, um China Mezzabarba und Viani, um Bengalen L'HuiUier, um die Nordostküste und die Kurilen Behring und Lassenius, um Japan Thunberg und Spangenberg, um Persien Hanway, um Kleinasien Marriti, um Indien Jves, große Verdienste. Dem Russen Nowosilzoss gebührt der Ruhm, die Ale-uten entdeckt zu haben. Niebuhr und Forskal haben über Arabien, Deguignes über China, Gmelin, Pallas und Gamba über das russische Asien neue Ausschlüsse gegeben. Um Asiens Ostküstenlander nebst den Inseln hat sich der unglückliche Weltumsegler La Peyrouse und Dobell, um Syrien Volney, um die wieder in Vergessenheit ge- rathenen Pelewinseln Capitain H. Wilson, sowie um Tibet Saunder und Samuel Turner, um die Bucharei Evcrsmann, von Meycndorss und Kaidaloss, um die Türkei und Persien Olivier, um Korea, Saghalien und die ostasiatischen Inseln Robert Broughton, Titsing und von Siebold, um die Steppcnlander des Kaukasus Blankenagel, Marschall von Bieberstein, Graf Johann Potocki, Bergmann, Clarke, Rheineggs, Spaßky und Klaproth, um das Land der Birmanen Symes, Hiram Cox und Alexander, um Ceylon Percival und White, um Aufhellung der Ebene von Troja Choiseul-Goufsier, Webb, Le Chevalier, Wittmann, William Franklin, Wood und Virlet, um die Sundainseln Tombe, Renouard de St.-Croix, um Bengalen und Hinterindien Forrest, Anderson, Marsden, Heber, Burney, Ri- chardson, Pemberton, Bissachere, Rassles, Dandel, Philibert, White, Rey und Crawfurd, um Persien Morrier, Malcolm, Pottinger, Drouville, Kotzebue, Elphinstone und Macdonald Kinneir, um Syrien und Arabien Seetzen, Burckhardt, Gris- sith, Buckingham, Kec Porter, Heidenstam, Beauchamp, Murawiess, Descoudray, Guys und Jouannin verdient gemacht. Der Brite Asley-Maude entdeckte am 14. Jul. 1816 acht neue Inseln im persischen Meerbusen. Basil Hall verbreitete über die Lieu-Kieu-Jnseln, von denen man seit Heinrich Hamel's (der 1653 an der Insel Quilpaart Schiffbruch litt) dürftigen Nachrichten nichts Bestimmtes wußte, 1816 ein neues Licht. Der berühmte Alexander de Laborde, O. von Richter, William Heude, Graf Forbin, Cfoma de Koros, Moorcroft, Rich, Berggren, Frazer, de Richemont und M. Leake bereicherten die Kenntniß von Westasien, wahrend der Englander Hodgson die Quelle des Ganges entdeckte, was weder Webb (1808) noch selbst Frazer (1815)) gelungen war, Dundas-Cochrane, Hansteen und Erman Ostsibirien, und Timkowski China aufhellten. Zur Kunde Japans lieferten Golow- nin und Siebold, vorzüglich aber Meylan (in s. „lapirn, voor^esteld in scüetse'n over de xecken en Fedruileen van ckat r)ll", Amsterdam 1832) schätzbare Beitrage. Eine Reihe lehrreicher Werke über Mittelasien — China, die Mongolei, Tibet, Turkestan— sind 1828 aus der Feder des griechischen Mönchs Hyacinth in russischer Sprache erschienen. Unter andern lieferte er auch eine ausführliche Beschreibung Pekings, welcher ein Plan der großen Hauptstadt des großen Centralreichs der Erde, wie der Chinese sein Land nennt, beigefügt ist. Außer Fontanier, dessen Werk über die asiatische Türkei („Vo^u^es eu Orient", Paris 1829) vielleicht allen künftigen Reisenden in diese Gegenden zu Grunde gelegt zu werden verdiente, haben in neuester Zeit der Brite G. Everest durch seine Gradmessung in Ostindien, Beechey durch seine Beobachtungen in Kamtschatka und längs der Behringsstraße. der russische Akademiker Kupsser, der mit Lenz den Elbrus (15,420 Fuß) erstiegen Ast !S) und die Geographie von Kaukasien aufgehellt hat, sowie Parrot, der den Ruhm seines Familiennamens erblich machte, und früher schon Eichwald und Engelhardt durch ihre Forschungen im Macisgebirge (Ararat) u. Lcdebour, Meyer, Bunge,Hoffmann, Helmerssen, Heß sich Verdienste erworben; besonders aber hat Alexander von Humboldt (s. d.) mit seinen Reisegefährten Rose und Ehrenberg 1826 durch die Goldminen von Borrosowsk Untersuchung der Malachitgruben von Gumeseleßki und Tagilsk, vorzüglich aber der Gold- und Platinawäschereien im Ural, welche nachHum- boldt jahrlich 12,800 Pf. abwerfen, die Erdkunde bereichert. Uber Laos in Hinterindien, ein seit der Mitte des vorigen Jahrh. von Europaern nicht besuchtes und uns beinahe ganz unbekanntes Land, welches bisher als ein Bestandtheil des großen Reichs Anam oder Vietnam betrachtet wurde, hat der Englander Nichardson 1830 neue Aufschlüsse gegeben, sowie Perberton gleichzeitig den Lauf des Irawaddy und das Königreich Ava, Burnes das Land Sind und Walters die Landschaft Kosseah, eine dem Birmanenreiche tributpflichtige, wenig bekannte Provinz, mit unermü- deter Ausdauer erforschten. Die Sonne der Gesittung geht in demselben Grade, als die ehedem unzugänglichen Länder den Europäern bekannt werden, höher und höher über Asien auf, und bald wird selbst das eifersüchtige Japan und das stolze China Persiens und der hohen Pforte Beispiel folgen, und die alten Vorurtheile abstreifen, welche, ahnlich dem Polareise, das die Nordostdurchfahrt um das Eis- cap hartnäckig vereitelt, jede europäische Cultur seit Jahrtaufenden von sich entfernt hielten. (8) Ast (Georg Anton Friedrich), geb. 1776 zu Gotha, legte den Grund zu seiner wissenschaftlichen Bildung an dem Gymnasium daselbst, das sich trefflicher Lehrer, eines Döring, Kaltwasser, Jacobs, Schlichtegroll :c., erfreute. Schon als Schüler der obersten Classe beschäftigte er sich mit philologischen Arbeiten, deren Resultate er in einer Schrift über Properz niederlegte. Er ging 1798 nach Jena, wo er seine theologischen Studien bei Griesbach und Paulus begann. Schon in den. nächsten Herbstferien predigte er in dem Dorfe Schönau, dem Geburtsorte seines Vaters. Er gab jedoch das Studium der Theologie auf, obgleich er die auch für den Philologen lehrreichen Vorträge Griesbach's über Exegese des Neuen Testaments zu besuchen fortfuhr. Besondere Anregung gab ihm die lateinische Gesellschaft zu Jena, an welcher er, nachdem Eichstädt Direktor geworden war, den thatigsten Antheil nahm. Als Mitglied derselben schrieb er über Plato's Phädrus. Mit der Philologie verband er das Studium der Philosophie und Ästhetik. Er trat 1302 zu Jena als Privatdocent auf. Während dieser Zeit bearbeitete er die Übersetzung des Sophokles (Leipzig 1804) und das „Handbuch der Ästhetik" (Leipzig 1805) und versuchte sich in eignen Hervorbringungen, z. B. einem Trauerspiele „Krösus". Mit seinem Freunde Grützmann gab er „Briefe über die Religion" heraus, mit Güldenapsel die Übersetzung des Romans: „Leukippe", von Achilles Tatius. Er erhielt 1805 einen Ruf als ordentlicher Professor der Philologie an die Universität Landshut und wurde 1826 mit dieser nach München versetzt, wo er 1827 ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften in der philosophisch-philologischen Classe wurde. In einer Übersicht seiner literarischen Wirksamkeit dürfen unter feinen Leistungen die „Grundlinien der Philosophie" (Landshut 1807 und 1809) und der „Grundriß der Geschichte der Philosophie" (Landshut 1807) nicht unerwähnt bleiben. Hier und in seiner Ästhetik neigte er sich sehr zu Schelling's Ansichten hin. Wie nach seiner Ansicht das Leben der Philosophie ein organisches ist, aus der Einheit in den Gegensatz hervortretend und aus dem Gegensatz in die Einheit zurücktretend, so muß auch die Geschichte der Philosophie so gebildet sein. Er nimmt daher vier Perioden an, die Periode der orientalischen Menschheit, wo der Anfangspunkt des Lebens ihre Vielheit, die verschiedenen Formen ihres Wesens, noch in sich verschließt; die Periode der grie- 124 Aster chischen und römischen Welt, wo die Einheit als Geist und Idee in ihre Sclbstheir zurückgeht, aber als Product ihrer Sclbstanschauung im Sein hervortritt; die Periode der christlichen Welt, wo das Leben aus dem Äußern in das Innere, in den Geist zurückstrebt; und die Periode der kommenden Welt, wo sich das Äußere und Innere zu Einem freierschassenen Leben bildet. Das Willkürliche, das nach diesem Schema in der Construction der einzelnen Systeme eintreten muß, fehlt auch m A.'s Geschichte der Philosophie nicht. Spater widmete A. seine literarische Tätigkeit schon in Landshut vorzugsweise den Werken des Platon, die er von 18kg an herauszugeben begonnen hat. Seine Einleitung in das Studium der platonischen Philosophie: „Platon's Leben und Schriften" (Leipzig 1816), gehört zu den vorzüglichsten Erörterungen über diesen Gegenstand. After (Ernst Ludwig), Generallieutenant und Inspecteur der preußischen dritten Ingenieurinspection, Eommandant von Koblenz und Ehrenbreitstein, geboren im Nov. 1778 zu Dresden, wo sein Vater Generalmajor und Commandern: des sachsischen Jngenieurcorps war. Seine Erziehung erhielt er im väterlichen Hause, trat 1794 in das sächsische Jngenieurcorps, ward 1800 Offizier und machte den Feldzug von 1806 gegen Frankreich und in diesem die Schlacht bei Jena mit. Er wurde 1809 als Capitain in den Generalstab versetzt. Gegen Ende des Jahres 1810 erhielt A den Auftrag, Napoleon einen Entwurf zur Befestigung von Torgau vorzulegen. Mit großer Umsicht und Offenheit beantwortete er die Einwürfe des großen Fcldherrn und zog dessen Aufmerksamkeit auf sich. Der Entwurf ward im Wesentlichen genehmigt. A. rückte 1811 zum Major im Generalstabe auf und wohnte im folgenden Jahre dem Feldzuge gegen Nußland bei. Der sächsische Heinrichsorden und das Kreuz der Ehrenlegion wurden ihm für sein ausgezeichnetes Benehmen zu Theil. Er wurde 1813 zum Oberstlieutenant und Chef des Gencralstabes der Festung Torgau ernannt. Als solcher nahm er, nach erfolg ler Wiederbesetzung dieser Festung durch die Franzosen, seine Entlassung aus dem sächsischen Dienst und trat als Oberstlieutenant in den russischen Generalstab. Im Feldzuge 1813 führte er mehre Unternehmungen mit einer Kosakenabtheilung in der Oberlausitz aus, wohnte den Schlachten von Bautzen und Leipzig bei und wurde für sein tapferes Benehmen vom Kaiser von Rußland und König von Preußen durch Ordensverleihungen belohnt. Bei der Reorganisation der sächsischen Truppen ward er Oberquartiermeister und späterhin Chef des Generalstabes beim dritten deutschen Armeecorps, und 1814 zum Obersten befördert. A. erhielt 1815 den erbetenen Abschied aus dem russischen Dienst und trat als Oberst in das preußische Ingenieurcorps, diente in dem Feldzuge in Frankreich als Chef des Generalstabes beim zweiten preußischen Armeecorps und war in den Schlachten bei Ligny und Belle-Älliance, sowie bei den Belagerungen der Grenzfestungen Maubeuge, Landrecy, Philippeville, Rocroy, Givet. Noch in demselben Jahre ward er zum Generalmajor befördert und erhielt seine jetzige Bestimmung. Hier eröffnete sich seiner Thätigkeit ein weites Feld, und er fand vielfache Gelegenheit, seine in früher Jugend gesammelten großen Kenntnisse in Anwendung zu bringen und mit seinem scharfen Verstände die ausgedehnten Befestigungsanlagen in den seiner Aufsicht anvertrauten Festungen zu leiten. Es kann nicht geleugnet werden, daß die in neuerer Zeit vorgenommenen Verbesserungen in der Befestigungskunst schon längst in der Idee vorbereitet waren, indem der größte Theil der deutschen und namentlich der preußischen Ingenieure den fortisi'catorischen Kirchenvätern Frankreichs entsagt hatten, und A. war ganz der Mann, der die Fähigkeit und den Willen besaß, die neuen Ideen, welchen auch die preußische Regierung huldigte und welche er schon längst sich angeeignet hatte, ins Leben zu rufen, indem er immer auf das Wesentliche aufmerksam machte. Die Befestigung von Koblenz und Ehrenbreitstein ward unter seinen Augen angefangen und vollendet. !Z..i Auber 125 > vi! K, ><^.i ^»llGy^s ^OchNG l'W.WwZt °5N ßc«ck W °-DHÄMw«: IM».' U« zizW irisi-- trW Seine trefflichen Leistungen wurden durch wiederholte Belohnungen anerkannt. Er erhielt 1825 das Eommandeurkreuz des badischen Militair-Verdiensiordens, und 1880 den rotben Adlerorden zweiter Classe mit Stern und Eichenlaub. Die Stelle eines Festungscommandanten des Platzes Koblenz und Ehrenbreitstein ward ihm 1826 neben seiner Stelle als Jngenieurinspecteur übertragen, und 1827 rückte er zum Generallieutenant auf. A. ist einer der gelehrtesten Offiziere, ein ausgezeichneter Mathematiker, und hat das gestimmte Gebiet der deutschen, französischen, italienischen und englischen Militairliteratur gründlich in den Ursprachen studirt, widmete sich aber vorzugsweise dm Ingenieur- und Generalstabswissenschaften, für welche er zahlreiche Sammlungen besitzt, und die er auch in schatzbaren ungedruckten Aufsätzen bearbeitet hat. Auber (Daniel Francis Esprit), geb. zu Parks etwa um das Jahr 1780. Er war, wie öffentliche Blätter von ihm gemeldet haben, deren Authenticität jedoch nicht unbedingt anzunehmen ist, der Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns und stu- dirte anfangs die Musik aus Neigung; da jedoch die Revolution seinen Vater um sein ganzes Vermögen gebracht hatte, benutzte er sein musikalisches Talent, um dadurch seine äußere Existenz zu begründen. Seine Studien in der Composition hat er unter der Leitung Boyeldieu s und Eherubini's gemacht, wiewol man seinen Werken die ernste, strenge Schule dieses letztem Meisters so wenig ansieht, als Boyeldieu's Kunst, den größern musikalischen Stücken eine fließende Form zu geben, darin bemerkbar ist. Offenbar hat der große Erfolg Rossinis einen bedeutendem Einfluß auf seine musikalische Richtung gehabt als die Grundsätze seiner Lehrer. Wie allen Eompo- nisten in Paris, so ward es ihm anfangs ungemein schwer, bekannt zu werden. Seine ersten Arbeiten sind nur ganz ephemere Erscheinungen gewesen; er selbst soll dies dem Umstände zuschreiben, daß er damals zu sehr den strengen Gesetzen seiner Meister gefolgt sei und die Neigung des Publicums zu wenig gekannt habe. Zu denjenigen Opern, die unsers Wissens, obgleich sie bei Erard und bei Pleyel in Paris im Stich erschienen, noch nie auf deutschen Bühnen gegeben wurden, gehören „Lmirm", „6eoc»ckie", „l^r derbere cüätelaine" und „I.e timicke". Die erste Oper, welche in Deutschland (soviel uns bekannt ist, in Darmstadt) von ihm gegeben wurde, war „Das Concert am Hofe", ein kleines Jntriguenstück, welches jedoch einige lebendige Scencn hat, die ihm einen glücklichen Erfolg bereiteten. Von den pikanten Wendungen in den Melodien, wie der originellen Gestaltung derselben, wodurch sie sich dem Publicum so leicht einprägen, ist in dieser Oper jedoch noch nichts anzutreffen. Bekannter wurde (1823) die Oper: „Der Schnee", der die Erzählung von Eginhardt und Emma zum Grunde liegt. Sie ist fast auf allen Bühnen Deutschlands mit großem Glück gegeben worden. Musikstücke von Bedeutung enthält sie nicht, doch darf man dem Componisten nicht absprechen, daß er den Conver- sationston der Musik oft sehr glücklich darin getroffen hat und graziöse Koketterie mit Geschick auszudrücken weiß. Wie Nebenumstände immer einen sehr wesentlichen Einfluß auf dramatische Werke auszuüben pflegen, so glauben wir, daß zu dem Erfolge dieser Oper, die namentlich in Berlin auf der königstädtischen Bühne großes Glück machte, der Umstand sehr viel beigetragen hat, daß die gefeierte Sontag die Hauptrolle darin mit großer Feinheit, Änmuth und Grazie darstellte und die schwierige Partie meisterhaft sang. In einer Stadt, die so vielen Einfluß auf das Schicksal eines Musikwerkes üben kann als Berlin, ist dies sehr wichtig. Die Aufmerksamkeit der königlichen Bühne lenkte sich nun auch in der Art auf A., daß sie seine neuern Arbeiten sogleich in Scene brachte. Zunächst war dies „Der Maurer", wobei neben einer sehr gefälligen Musik zugleich die Wahl des Sujets mit ungemeinem Glück und ungemeiner Bühnenkenntniß geschehen war. Scribe hat kein glücklicheres Gedicht geliefert-, doch muß man A. einräumen, daß er es auch vortrefflich versteht, die theatralischen Effecte hervorzuheben und die 126 Audry de Puyraveau Schwächen zu bedecken. „Der Maurer" wurde auf allen Theatern Frankreichs und Deutschlands die Lieblingsoper des Publicums. Erfolge dieser Art mußten den > Componiften, wenn nicht zu größerm intensiven, doch zu rascherm Fleiß anspornen, zumal da ihm seine Arbeiten einen sehr reichlichen Ertrag gewahrten. So erschienen in geringen Zwischenräumen nach einander: „Die Stumme von Portici" „Die Braut", „Fra Diavolo", „Der Gott und die Bayadere", und ganz neuerlich „Der Liebestrank", zu welchen sammtlich der so überaus fruchtbare Scribe die Tepre geliefert hat. Eine ins Einzelne gehende Charakteristik dieser Werke wäre hier nicht ! an ihrem Orte; indessen scheint uns die Musik in der „Stummen von Portici" die werthvollste zu sein, wiewol wir glauben, daß der Erfolg dieser Oper, der namentlich in Berlin fast beispiellos gewesen ist, an sehr vielen Ursachen zugleich hängt. Sehr artige Vaudevillemusi'k findet' sich in der „Braut". „Fra Diavolo" bekundet das Talent des Componisten für nationelle Auffassung und naive Charakteristik. Hier aber scheint sich auch das Talent desselben gebrochen zu haben und nunmehr auf dem Rückwege zu sein. In „Gott und die Bayadere" kann die Musik höchstens auf den Charakter pikanter Balletmusik Anspruch machen; die Reizmittel in der Melodie, welche in den frühern Opern (vom „Maurer" an) originell erschienen, stehen hier schon auf der äußersten Grenze und werden häusig bizarr; in dem „Liebestrank" vollends fehlt es an lebendiger Production, und der Musiker erscheint offenbar ermattet und gelähmt in einer Weise, die uns befürchten läßt, er werde damit den Grenzstein seiner Erfolge erreicht haben. Fassen wir unser Urtheil über A. zusammen, so ergibt sich, daß er allerdings reich an pikanten originellen Melodien ist, daß er mit Geist und Feinheit in einer gewissen Sphäre zu charakterisiren versteht, l daß er das Theater und dessen Wirkungen genau kennt, endlich daß er sein Orchester in der Art sehr gut zu benutzen weiß, wie ein Virtuose gewisse Effecte seines Instruments, ohne darum ein vorzüglicher Componist an sich zu sein. Allein ein gediegener musikalischer Werth fehlt seiner Composition durchaus, ja selbst seine Instrumentation ist im Allgemeinen nicht nachzuahmen, da sie mehr gewandte Kokettem, täuschenden Putz als wirkliche Schönheit enthält. A. wird daher das Schicksal eleganter, aber unechter Modewaaren haben, d. h. in kurzer Zeit mit dem Glänze der Neuheit auch seinen Werth einbüßen. Von Gestaltung größerer Stücke, von einem musikalischen Bau, von Durchführung, von sicherer Zeichnung und Haltung der Charaktere ist bei ihm nichts zu finden; selbst der leicht arbeitende Boyeldieu ist ihm in diesen Eigenschaften unendlich überlegen, vollends aber der gediegene, geniale Cherubini, neben dem A. gar nicht genannt werden darf. Wo andere Componisten anfangen ihre Kräfte zu entwickeln, in den Finales, Ensembles, selbst in der Ouvertüre, da ist A., wenn nicht das Ganze auf einer Melodie beruht (wie z. B. im zweiten Act der „Stummen von Portici") zu schwach, zu unbedeutend sogar, daß man die Neuheit kaum beachtet. Das Verdienstliche seiner Leistungen besteht immer nur in sechs bis acht melodiösen Takten, die er aber mit großer Geschicklichkeit soviel als möglich geltend zu machen weiß, woher es auch kommt, daß man seine Opern mit einigen wenigen Melodien ganz auswendig weiß. In der Hervorhebung kleiner pikanter Züge und Situationen, in Wahl und Beurtheilung der Sujets, kurz in allen Hülsseigenschaften, die zu einem guten Theatercomponiften gehören, ist er als Muster zu empfehlen. Die wesentlichen Eigenschaften des dramatischen Musikers de- . sitzt er aber nur in einem äußerst geringen Grade oder wendet sie wenigstens nach durchaus nicht zu billigenden Kunstgrundsätzen an, sodaß er in gewisser Beziehung nebst Rossini und Andern, wiewol in einem minder bedeutenden Grade, einer der Zerstörer der echten dramatischen Musik genannt werden muß. Selbständige Znsiru- mentalcompositionen sind von ihm so wenig wie Gesangscompositionen anderer Gattung bekannt geworden, auch scheint sein Talent sich denselben zu versagen. (20) Audry de Puyraveau, französischer Abgeordneter, ist besonders durch A'ugsburgische Confession 127 ^RulVrHk, M crM^ MNP den thätigcn Anthell bekannt, den er an der Julkus^volution nahm. Mehr als irgend einer seiner Collegen setzte er sich der Lebensgefahr aus. Am Dienstage (27. Iul.) früh Morgens durcheilte er, seine Deputirtenmedaille inderHand, die Straßen von Paris und munterte das Volk zur Verteidigung seiner Rechte auf; er vertheilte Waffen und Munition, verwandelte sein Haus in einen Wachtposten, von wo aus die bewaffneten Scharen gegen die Gardisten und Schweizerzogen, und lieferte feine Fuhrwagen, um Barrikaden damit anzulegen. Während des Kampfes am 28. versammelte A. die Abgeordneten bei sich und machte ihnen, wiewol vergebens, den Vorschlag, gemeinschaftlich mit dem Volke zu kämpfen. Am demselben Tag um 2 Uhr wollte er sich nicht der Deputation anschließen, die vom Herzoge von Ragusa noch nichts Anderes verlangte, als daß Karl X. das Ministerium Polignac fortschicke. In der Nacht vom 28. zum 29. Iul. ließ er Anschlagzettel drucken, worin Lafayette zum Oberfeldherrn und er selbst zu dessen Adjutanten ernannt wurde. Am 29. geleitete er Lafayette aus den Sälen Lasitte's nach dem Stadthause. Die bei Lasitte versammelten Abgeordneten ernannten unterdeß A. zum Mitglieds der Munieipalcommission an die Stelle Odier's, welcher diese Würde ausschlug. Als sich darauf die Abgesandten Karls X. ins Stadthaus begaben und in die Zurücknahme der Ordonnanzen und die Auflösung des Ministeriums einwilligten, war A. der Erste, welcher darauf antrug, die Bedingungen und den Antrag überhaupt zurückzuweisen. Bei den Verhandlungen in der Deputirtcnkammer ist es später zur Sprache gekommen, daß die drei Revolutionstage ihm große Verluste gebracht haben. Er ersuchte den König um einen Vorschuß von 300,009 Francs, der zwar nicht gewährt wurde, doch erhielt er 100,000 Fr. aus den von der Kammer der Regierung bewilligten Unterstützungsmitteln. A. ist jetzt zum dritten Male Abgeordneter und vertheidigt nach wie vor der Revolution die öffentlichen Freiheiten. Einer der Ersten gehörte er zur Opposition gegen die Minister des ffrste milieu. Er stimmte gegen die Erblichkeit der Pairs und bei den Verhandlungen über das Budget mit Denjenigen, welche die Ersparnisse auf das Äußerste ausdehnen wollten. Auch durch Handelsunternehmungen und Landbau hat er zum Wohle feines Vaterlandes das Seinige beigetragen. (15) Augsburgische Confession (Jubelfeier im I. 1830). Als die Zeit herannahte, wo 1830 das Andenken des zu Augsburg von den evangelischen Reichsständen dem Kaiser übecgebenen Glaubensbekenntnisses erneuert werden sollte, fragten einige Stimmen, ob man im 19. Jahrhunderte durch eine festliche Feier an ein Bekenntniß erinnern möge, das einer Zeit angehöre, deren religiöse Ansichten durch das im Wesen des Protestantismus begründete Fortschreiten der Erkenntnis verändert worden seien. Selbst in den Tagen der Feier wurde die Frage über die Geltung der symbolischen Schriften der evangelischen Kirche auf der Kanzel, wie z. B. von Harms, und bei akademischen Festlichkeiten, wie in Rostock und Tübingen, zur Sprache gebracht. Aber dem Feste gab ja seine hohe Bedeutung nicht diese Frage, sondern der Gedanke, daß die feierliche Übergabe der augsburgischen Confession die Handlung gewesen war, durch welche die von den Lehrmeinungen der alten Kirche abweichende Überzeugung der Evangelischen zum ersten Male mit scharfer Bestimmtheit ausgesprochen wurde, die Handlung, durch welche die Selbständigkeit der deutschen Protestanten als eine, durch ein Glaubensbekenntnis verbundene kirchliche Genossenschaft anerkannt, und ihre politische Selbständigkeit vorbereitet ward. Es wurde dadurch die Jubelfeier ein Fest, das Jeder, der sich des, durch die Reformation gewonnenen Lichtes erfreute, mit feiern konnte, was auch sonst feine Ansicht über Werth und Geltung der Glaubenssymbole sein mochte. Noch eine andere Vorfrage wurde von bedenklichen Gemüthcrn erhoben. Sollen wir durch ein solches Fest die Aufregung erneuen, welche bei der dreihundertjährigen Feier der Reformation 1817 den Frieden unter den deutschen Christen b !/ v, 128 Augsburgische Confession störte? Wer der Verhaltnisse jener Zeit sich erinnerte, durfte erwidern, daß das Ärgerniß genommen, nicht gegeben, daß der Streit von blinden Eiferern, die selbst im Schooße ihrer an Erkenntniß und freier Gesinnung gewachsenen Kirche wenig Anklang gefunden, begonnen worden fei. Sollten die Protestanten, jetzt wie früher proteftirend gegen jede Beschränkung des Ausdrucks ihrer Uberzeugungstrcue, der Lichtpunkte ihrer Geschichte nur scheu gedenken, weil vielleicht, wie es auch jetzt hier und da geschah, ein Römling ihnen den 25. Iun. 1530 als einen Greueltag vorzuwerfen Lust haben könnte ? Die Erfahrung hat es erfreulich bewiesen, daß auch ohne die zuweilen ängstlichen Ermahnungen zur Erhaltung des christlichen Friedens, welche manche deutsche Regierungen und geistliche Behörden mit den Anordnungen zur Festfeicr verbinden zu muffen glaubten, die Evangelischen ihren Gedenktag, im Gefühle dessen, was sie vor 300 Jahren erlangt und was sie seitdem gewirkt, würdig gefeiert haben, und daß selbst in mehr als einem Lande die Katholiken dadurch geistig erregt worden sind. In Deutschland war die Zeit vorüber, wo, wie 1730, ein katholischer Streitprediger laut zu sagen wagte, daß der Stiefel, augsburgische Eonfession genannt, zerrissen sei, daß die Mordfackel, augsburgische Eonfession genannt, bald gedämpft, daß die junge Canaille, die Bekenner der augsburgischen Confession, bald zur Christenheit hinausgepeitscht sein werde. Als die Zeit des Festes bevorstand, ward in den meisten deutschen Staaten die Feier durch obrigkeitliche Verfügungen bestimmt, welche bald strenge bevormundend, mehr oder minder in einzelne, oft ängstlich bindende Vorschriften sich verloren und häufig auch mit dem Befehle verbunden waren, über den Inhalt der gehaltenen Predigten Bericht zu erstatten, bald freisinniger den Vorstehern der Kirchengemeinden die Anordnung der Feierlichkeiten und die liturgischen Einrichtungen überließen. Unter diesen freisinnigen Anordnungen zeichnet sich die Verfügung des Confistoriums zu Arnstadt aus, welche die Wahl der Predigttexte den Pfarrern überließ, um das Nachdenken über den Vortrag des göttlichen Wortes nicht zu beschränken, und ebenso wenig, wie es sonst häufig geschah, Kirchengebcte vorschrieb, damit Jeder seine Dankgefühle und Bitten in eignen Worten ausdrücken möge. Vielfache Verschiedenheit zeigte sich in der Bestimmung des Tages der Feier. Während in mehren Staaten die Jubelfeier im 18. Jahrhunderte zum Vorbilde genommen wurde, wie in Preußen, Sachsen, Hanover, ward in einigen Bundesstaaten der 25. Iun., in andern der nächste Sonntag zur Festfeier bestimmt, hier einer, dort drei Feiertage angeordnet, wodurch in unserm vielgespaltenen Vaterlande oft die Störung entstand, daß Grenznachbarn jenseit festliches Geläute vernahmen, während sie diesseit in dem Geschäftslärm eines Werktages bleiben konnten, wenn sie nicht hinüberziehen wollten, Antheil an der Feier zu nehmen, die ihnen nicht vergönnt war. Mit Recht hat man gefragt, warum nicht die deutschen Regierungen, wenigstens der Nachbarländer, zu gemeinsamen Anordnungen über die Feier eines großen Gedenktages unserer Volksgeschichte sich vereinigt haben, wie es von der geistlichen Behörde zu Koburg ausdrücklich gewünscht ward. Aus den Berichten über die Festfeier in den verschiedenen Bundesstaaten ergibt sich, daß manche Regierung, gleichsam widerstrebend, nur das Mindeste gestatten wollte, wie z. B. in Schwerin, wo man die Ausschmückung der Kirchen ausdrücklich für unnöthig erklärte. Wir müssen uns darauf beschränken, die Hauptzüge der Feier in den verschiedenen deutschen Staaten anzudeuten. Ziemlich allgemein und sehr angemessen wurden mit der kirchlichen Gedächtnißfeier auch Schulfeste verbunden, um die dankbare Erinnerung an die großen Wohlthaten zu beleben, welche der Reformation und besonders Melanchthon's treuen Bemühungen die Lehranstalten des protestantischen Deutschlands, die Kleinode unserer Volksthümlichkeit, verdanken, die noch jetzt fremde Völker als Muster betrachten. In einigen Landern wurde das Fest durch wohlthätige, für Volksbildung und Kirchlichkeit wichtige Stiftungen »M.,. '^'Ä/ w Augsburgische Confession 129 ...? ich M ,chss"^!'i »w, W' auch der Nachwelt bedeutend gemacht, z. B. durch die Einweihung neuer Schulgebäude, wie in Sachsen, durch Abschaffung sämmtlicher kirchlichen Gebühren und der Nebengefalle der Geistlichen und Schullehrer gegen Entschädigung, wie in Hild- burghausen und Meiningen, oder durch die Vereinigung der beiden evangelischen Kirchen. In dem preußischen Staate wurde das Fest, wie 1817 die Jubelfeier der Reformation, überall würdig begangen, besonders glänzend aber in Luther'S Geburtsstadt Eisleben. Unter den Städten Baierns zeichneten sich durch festliche Anordnungen Nürnberg, Kulmbach, Kempten, Kausbeuern aus. In den sächsischen Fürstenthümern war die Feier besonders würdig in Gotha und Koburg, wo auf der Festung Luther's Zimmer alterthümlich ausgestattet, und der Schuljugend ein erhebendes Fest gegeben ward. Auch auf der Wartburg, die am Festabend erleuchtet war, wurde ein Schulfest gefeiert. Eine der schönsten Festlichkeiten veranstaltete der Herzog von Meiningen am 26. Jun. unter der Luthersbuche bei Liebenstein, ein erhebendes religiöses Volksfest, an welchem Tausende Antheil nahmen und des großen Mannes sich erinnerten, der dort auf dem Rückwege von Worms (1521) mit freundlicher Gewalt angehalten ward, um ihn auf der Wartburg gegen die Nachstellungen seiner Feinde zu schützen. Im Königreiche Sachsen wurde das Fest vorzüglich in Freiberg, Zwickau und Bautzen durch einträchtiges Zusammenwirken der Behörden würdig gefeiert, während in den beiden Hauptstädten des Landes, Dresden und Leipzig, ängstliche Rücksichten untergeordneter Behörden den Wünschen der Bewohner hemmend entgegentraten oder durch Unthätigkeit die Festfreude störten, und dadurch Anlaß zu verhängnißvollen Aufregungen gaben. Dagegen wurde das Fest selbst in manchen Ländgemeinden erhebend gefeiert, wie in Cadiz unweit Dresden, und bei nächtlicher Beleuchtung in den prächtigen Trümmern der Klosterkirche auf dem Oybin bei Zittau. In Crimmitzschau wurde die Feier durch die Einsegnung eines Greises erhöht, welcher als achtjähriger Knabe das Jubelfest 1730 mitgefeiert hatte. In mehren deutschen Ländern nahmen auch die Resormirten Antheil an dem Jubelseste, und nicht blos in der Stadt Essen feierten, wie 1730, die Katholiken gemeinschaftlich mit den Protestanten das Fest; man sah solche christliche Eintracht auch in Schlesien, in der Lausitz und an den Grenzen Sachsens, wo die böhmischen Katholiken erfreuliche Beweise ihrer Teilnahme zeigten, in Dresden aber gab das Fest mehren Katholiken Anlaß, ihren Widerspruch gegen einige wichtige Satzungen ihrer Kirche laut zu erklären. Von den Protestanten in Ungarn wurde das Fest gefeiert; über irgend eine Feier aber in den östreichischen Staaten deutscher Zunge liegen keine Nachrichten vor. In allen protestantischen Kirchen des Elsasses wurde das Fest am 25. Jun. begangen, und auf gleiche Weise in Nußland, wo die Geistlichen am Festtage zum ersten Male ihre neue Amtstracht anlegten, die derjenigen gleicht, die seit Luther in Sachsen und den meisten Gegenden Deutschlands von den protestantischen Predigern getragen wird. In Schweden wurde nach einer königlichen Anordnung am 28. Nov. 1830 ein Jubelfest zur Erinnerung an die Einführung der christlichen Religion in Schweden durch Ansgar 830, an die Übergabe der augsburgischen Consession und zugleich an die Landung Gustav Adolfs in Deutschland gefeiert. Die meisten deutschen Universitäten und Gelehrtenschulen begingen das Fest durch besondere Feierlichkeiten, und vorzügliche Auszeichnung verdienen Berlin, Halle, Breslau, Greisswald, Bonn, Tübingen, Erlangen, Rostock — wo unter andern der Satz vertheidigt wurde, daß die Rationalisten des Namens evangelischer Christen sehr würdig sind —, Jena und Göttingen, wo der ehrwürdige Planck das zweiundfunszigste Jahr seiner Wirksamkeit im Dienste der Kirche und Wissenschaft angetreten harte. Es erschienen bei der festlichen Gelegenheit, außer andern Gedichten, mehre neue zur kirchlichen Feier bestimmte Lieder, z. B. von Neuster, Mörlin und Trautschold, und auch die Münzkunft war thätig, dauernde Erinnerungen an das Fest zu geben, unter wel- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 9 »30 August (Großherzog zu Oldenburg) chen sich besonders die auf Anordnung des Herzogs von Anhalt-Bernburg von Loos geprägte Münze mit dem Bildnisse des ruhmvollen Wolfgang von Anhalt, j nach Kranach, ein schöner Wappenthaler von demselben Künstler, und eine nicht ^ minder gelungene Münze von König in Dresden auszeichnen. — Eine vollständige Beschreibung der Jubelfeierlichkeiten gab F. W. PH. von Amnion in seinem „Denkmal der dritten Säcularfeier der augsburgischen Confession" (Er- ! langen 1831). Das Jubelfest gab Veranlassung zur Erscheinung vieler, auf die ' augsburgische Confession, ihre Geschichte und ihren Inhalt, und auf das Zeitalter der Reformation überhaupt sich beziehenden Schriften, von welchen wir nur einig? nennen wollen. Eine gründliche Übersicht lieferten Danz: „Die augsburgische Confession nach ihrer Geschichte, ihrem Inhalt und ihrer Bedeutung" (Jena 1829); F. W. PH. von Ammon: „Jubelfestbuch zur dritten Säcularfeier der augsburgischen Confession" (Erlangen 1829). Die Geschichte des Reichstags zu Augsburg insbesondere behandelten Rotermund (Hanover 1829), Facius (Leipzig 1830) und Veesenmeyer's „Kleine Beiträge zur Geschichte des Reichstags zu Augsburg" (Nürnberg 1880). Beachtenswerthe Ausgaben des Textes der augsburgischen Confession gaben Tittmann (Dresden und Leipzig 1830), Schott (Leipzig 1830), Funk (Lübeck 1830), Beischlag (Augsburg 1830). Stoff zu interessanten Ver- gleichungen liefert Hering's Werk: „Das erste und zweite Jubelfest der Übergabe der augsburgischen Confession" (Chemnitz 1830), und geistreiche Überblicke gibt Titrmann's Schrift: „Die evangelische Kirche im Jahre 1730 und im Jahre 1830" (Leipzig 1831). August (Paul Friedrich), Großherzog zu Oldenburg, geb. 13, Jul. 1783 auf dem Lustschlosse Rastede, der Sohn des 1829 verstorbenen Herzogs Peter Friedrich Ludwig, der mit der Prinzessin Elisabeth von Würtemberg vermählt war. Er begab sich bei der Besetzung Oldenburgs durch die Franzosen (1811) mit seinem Vater nach Rußland, wo sein jüngerer Bruder Georg, mit der Großfürstin Kacha- . rina vermählt, Gouverneur von Nowogrod, Twer und Jaroslaw war. Er nahm, wie sein Bruder, thätigen Antheil an dem Kriege gegen die Franzosen und erwarb sich in der Schlacht bei Borodino einen Ehrendegen für Tapferkeit und in der Schlacht bei Terutina den Georgsorden. Als der Herzog 1813 nach Oldenburg zurückkehrte, um dem zerrütteten und erschöpften Lande seine erfolgreiche Sorgfalt zu widmen, blieb der Prinz in Rußland, und erhielt das Gouvernement zu Reval, wo er durch seine Verwaltung, und besonders durch Vorbereitung einer allgemeinen Aufhebung der Leibeigenschaft, wohlthätig wirkte. Er kam 1810 nach Oldenburg zurück und vermählte sich 1817 mit der Prinzessin Adelheid von Anhalt-Bernburg- Schaumburg, die er aber 1820 durch den Tod wieder verlor. Seit 1821 nahm er thätigen Antheil an den Regierungsgeschäften, die vorzüglich auch auf Verbesserung mehrer Verwaltungszweige gerichtet waren, wohin die Beförderung der Gc- meinheitstheilungen, die Verbesserung der Straßen, die Aufhebung der Lehnsver- bkndung gegen Entschädigung, die Einführung von Städteordnungen, die auf das Wahlrecht und die Mitwirkung der Bürgerschaft gegründet sind, die Verbesserung des Gesindewesens, die Festsetzung der bürgerlichen Verhältnisse der Juden, gehörten. Der Prinz vermählte sich 1825 mit der jüngern Schwester seiner ersten Gemahlin, der Prinzessin Ida, die bald nach der Geburt des Erbprinzen (1828) starb. ' Als er zur Regierung gelangte, nahm er den großherzoglichen Titel an, den sein Vater nach den Bestimmungen des wiener Congresses erhalten, aber nicht geführt hatte. Er vermählte sich 1831 zum dritten Mal mit der Prinzessin CäcilievonHolstein-Got- torp, der Tochter des ehemaligen Königs V.Schweden, Gustavs IV. Adolf.— Oldenburg gehörte zu denjenigen Staaten, welche in der Zeit lebhafterAufregung der Gemüther durch die'Ankündigung einer ungestörten gesetzlichen Ordnung und Ruhe ein gutes Zeugniß für die Verwaltung ablegten. Der Großherzog, durch vieljährige Thätigkeit ! mit den Verhältnissen des Landes vertraut und das Bedürfniß der Zeit erkennend, »1. ÄÜS H^ ^gS^zjsj. ?chG,^ u ^ ^ÄHdeiN .^^OchUM^ ^Wd.ssZM wWMPM>il>ll« MWM^mirß« ^KMBillldmrd KWÄmdikü: MZmchMR j« chPj>eT°lA ichWWMt z» Ne«> Ä«L»^ Mi?' ^ -»r ^S>.1 "°?«i)->>°" i'"'° lbsll: ^ MbM August! 131 gab seinem Volke im Der. 1831 die Bürgschaft einer festern Begründung der öffentlichen Freiheit. Nach der bereits größtenteils vollzogenen Anordnung der Verfassung und Verwaltung der stadtischen Gemeinden, war eine zeitgemäße Einrichtung der Landgemeinden das dringendste Bedürfnis wenn die Absicht der Regierung, die Neugestaltung des Staates und die Einführung einer landständischen Verfassung auf die naturgemäße Grundlage einer guten Gemeindeordnung zu stützen, mit glücklichem Erfolge erreicht werden sollte. Der Großherzog gab einigen Staatsbeamten den Auftrag, den Entwurfeiner Ordnung für die Landgemeinden des Herzogthums Oldenburg und der Herrschaft Jever zu bearbeiten, welcher den aus allen Kirchspielen des Landes berufenen sachkundigen Mannern zur Begutachtung mitgeteilt wurde. In der Verordnung des Großherzogs wird es ausdrücklich ausgesprochen, daß die neue, auf die bereits bestehenden Kirchspielgenossenschaften gegründete Gemeindeordnung dem Grundgesetze über die landständische Verfassung vorangehen solle, und daß diese in „einer, die Theilnahme an den gemeinsamen Angelegenheiten der Staatsbürger belebenden und fördernden Einrichtung der Gemeinden eine wesentliche Grundlage" finden werde. August! (Johann Christian Wilhelm), der Theologie Doctor und ordentlicher Professor zu Bonn undOberconsistorialrath zu Koblenz, wurde geboren 1772 zu Eschenberga, einem Dorfe im Gothaischen, wo sein Vater — spater Superintendent zu Ichtershausen und nach einer fünfzigjährigen Amtsführung zu Jena gestorben — damals Pfarrer war. Sein Großvater war ein zum Christenthum bekehrter jüdischer Rabbi, dessen Bekehrungsgeschichte von seinem Sohne erzählt worden ist. A. verdankt seine erste Bildung dem gelehrten Pfarrer Moller zu Gierstedt im Gothaischen, der ihn namentlich zuerst in das Studium der hebräischen Sprache einführte. Er ftudirte in Jena Theologie und lebte hierauf eine Zeitlang in Gotha, auf eine Pfarrerstelle wartend. Plötzlich aber entschloß er sich auf den Rath des damaligen Gencralsuperintendenten Lössler, sich dem akademischen Leben zu widmen. Er begab sich nach Jena, wurde daselbst 1798 Privatdocent der Philosophie und hielt Vorlesungen über orientalische Sprachen. 1890 ward er außerordentlicher Professor der Philosophie, 1803 ordentlicher Professor der orientalischen Sprachen zu Jena. Er folgte 1812 einem Rufe als ordentlicher Professor der Theologie nach Breslau und 1819 nach Bonn, wo er 1828, jedoch mit Beibehaltung seiner Professur in Bonn, auch zum Obecconsistorialrath in Koblenz ernannt wurde. — Über seine Gelehrsamkeit sowol als über seine Gesinnung ist sehr verschieden geurtheilt worden, allgemein gesteht man ihm lebendige Darstellungsgabe, Witz und große Geistesgewandtheit zu, und er war daher in Jena durch seine öffentlichen Disputationen berühmt. Unter Andern war er einer der Opponenten gegen Fr. Schlegel, als dieser sich in Jena habilitirte, und trieb ihn durch seine Disputirkunst so sehr in die Enge, daß Schlegel von dem Katheder sprang, um sich zu entfernen, und nur durch den Decan zurückgehalten werden konnte. Früh die schriftstellerische Laufbahn betretend, gab er schon in Gotha (seit 1790) eine Zeitschrift: „Theologische Blätter", heraus, die er unter andern Titeln bis 1802 fortsetzte. Er hat sich vorzüglich in der orientalischen Literatur und in den christlichen Alterthümern, der Dogmengeschichte und Dogmatik bekannt gemacht. Seine Leistungen in der orientalischen Literatur betreffen besonders auch den Koran, aus welchem er einen Auszug: „Der kleine Koran", mit Anmerkungen (Weißenfels 1798), machte. Später gab er „Die Apokryphen des Alten Testaments" und eine „Einleitung in das Alte Testament" (Leipzig 1806 und 1827) heraus, und unternahm in Verbindung mit de Wette eine zu Heidelberg (1809 — 14) erschienene Übersetzung der heiligen Schrift. Seine Gründlichkeit als Orientalist wird, ungeachtet seiner zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten, häufig in Zweifel gezogen, jedoch muß ihm praktisches Talent der Aneignung und witzige Combination zugestanden werden. Dasselbe gilt von sei- 9 * 132 Auslieferung mm „Lehrbuch der Dogmengeschichke" (Leipzig 180? und 1811), dm „Denkwürdigkeiten aus der christlichen Archäologie", welche zu Leipzig (1817 — 31) in 12 Banden erschienen. In dogmatischer Hinsicht war A. früher dem Rationalismus ergeben, wie einige seiner altern Schriften beweisen; spater bekannte er sich entschieden zu dem altkirchlichen System und erklarte sich in diesem Sinne in seinem „System der christlichen Dogmatik" (Leipzig 1809 und 1826) und in andern Schriften. Viele Feinde zog er sich zu, als er in seiner „Kritik du preußischen Kirchenagende" (Frankfurt a. M. 1824) und in einem Nachtrage zu dieser Schrift als entschiedener Vertheidiger der neuen Liturgie auftrat. Er suchte nicht allein den dogmatischen Inhalt der Agende zu rechtfertigen, sondern erklarte sich auch auf das Entschiedenste für das Territorialsystem in seiner größten Ausdehnung, für welches er sich auf die Zeiten eines Konstantin des Großen und Iustinian berief. (Vergl. Liturgieveranderungen.) Seine Kritik wurde von der preußischen Regierung durch eine Cabinetsordre ofsiciell empfohlen. Er beschäftigt sich jetzt mit einer „Bibliothek der Kirchenvater", welche in 10 Banden vollständige Ubersetzungen sammtlicher Schriften der Kirchenväter aus der ersten Periode der christlichen Kirche enthalten soll. (21) ^Auslieferung. Die völkerrechtlichen Grundsatze über den Beistand, welchen die Staaten, wenn sie nicht in einem Zustande von Feindseligkeit gegen einander stehen wollen, einander zum BeHufe der Strafrechtspflege zu leisten haben, sind in der neuern Zeit bedeutend weiter gediehen und durch Verträge anerkannt und befestigt worden. Die wichtigen Fälle, welche in dieser Hinsicht vorgekommen sind, waren der des französischen Gelehrten Cousin, welcher 1824, als er die Söhne des Marschalls Montebello auf einer Reise durch Deutschland begleitete, der Teilnahme an demagogischen Umtrieben beschuldigt, auf Requisition der preußischen Regierung in Dresden verhaftet und nach Berlin ausgeliefert, nach einer kurzen Gefangenschaft aber (1825) wieder in Freiheit gesetzt wurde. Sodann der Fall des Neapolitaners Galotti, welcher 1828 nicht blos verdächtig, sondern in offener Rebellion begriffen war, nach Corsica entfloh, dort 1829 auf Requisition des neapolitanischen Consuls verhaftet und nach Neapel gebracht wurde, indem angegeben worden war, daß er eines gemeinen Verbrechens überführt sei. Dies geschah unter dem Ministerium Martignac im Mai 1829. Die Sache kam sogleich in der Deputirtenkammer zur Sprache, da Galotti's Freunde nicht verfehlt hatten, noch vor seiner Auslieferung die nöthigen Schritte zu thun, und das Ministerium war selbst sehr unzufrieden damit, daß die Auslieferung unter einem unrichtigen Vorgeben von dem neapolitanischen Gesandten, Fabrizio Ruffo, jetzt Fürsten von Casielcicala, erlangt worden sei, und der Justizminister Portalis drückte sich darüber, daß man wegen politischer Vergehungen Niemand im Auslande verfolgen müsse, sehr stark aus: „Eher hätte meine Hand vertrocknen sollen, ehe ich in der verhängnisvollen Zeit, worin wir leben, dem Könige einen Bericht zum Zweck einer Auslieferung wegen politischer Verbrechen vorgelegt hätte." Es wurde auch sogleich eine französische Brigg nach Neapel geschickt, und diese Reklamation rettete Galotti wenigstens das Leben. Das Polignac'sche Ministerium that freilich weiter nichts, aber nach der Revolution vom Julius 1830 wurde Galotti nochmals zurückgefedert ; der König verwandelte die ihm früher zuerkannte zehnjährige Verbannung auf eine Insel in zehnjährige Landesverweisung, und Galotti ist wieder nach Corsica gebracht worden. Ein dritter Fall, der etwas früher vorkam, hat vielleicht am meisten dazu beigetragen, den richtigen Grundsätzen wieder mehr Eingang zu verschaffen, welche man früher, im Eiser gegen die Urheber und Theilnehmer demagogischer Umtriebe, etwas zu sehr verkannt hatte. Der Fall des Geheimrathes von Schmidt- Phfleldec^ welcher sich im April 1827 heimlich von Braunschweig entfernte, am 17. Aprll dem heyzvgl. Gcheimraths-Collegium seinen Aufenthalt in Hanover Auslieferung 133 »5K ?Ä. iick.-.» '""S?»kin- MOz-M^Az ^imklll' ä'w l« >dMM jOä !„!!!, anzeigte, und dennoch als ein flüchtiger Verbrecher, dessen Aufenthaltsort unbekannt sei, unter dem 24. April mit Steckbriefen verfolgt wurde (S. „Hermes", Bd. 23, S. 12), zeigte recht klar, wohin man kommen könne, wenn man unbedingt den Satz aufstellt, daß jeder Staat schuldig sei, dem andern die Unterthanen desselben auszuliefern, sobald unter der Beschuldigung eines Verbrechens ihre Auslieferung verlangt würde. Daher erfolgte auch sogleich von Seiten der preuß. Regierung eine öffentlich bekannt gemachte Verordnung, daß diesen Steckbriefen in den preußischen Staaten keine Folge gegeben werden solle. Die hanöversche Negierung aber versagte die 'Auslieferung des Geheimraths von S.-P., obgleich ein Vertrag zwischen Hanover und Braunschweig vom 8. Jan. 1798 vorliegt, durch welchen sich beide Regierungen gegenseitig verpflichtet haben, einander auf eine förmliche gerichtliche Requisition alle Personen auszuliefern, welche wahrend ihres Aufenthaltes in einem der beiderseitigen Lande ein Verbrechen begangen haben, welches nach dem gemeinen, in Deutschland geltenden Rechte eine peinliche Strafe nach sich zieht, denn es war augenscheinlich, daß man bei diesem Vertrage an Falle, wie sie sich unter der damaligen Regierung, von Braunschweig ereigneten, nicht gedacht haben konnte. Die Theorie eines dem Lichte unserer Zeit angemessenen Staatsund Völkerrechts verlangt nicht Straflosigkeit wirklicher Verbrecher, im Gegenthcil sie erkennt es an, daß kein Staat sich durch den Schutz, welchen er ihnen gewahrt, ihrer Verbrechen theilhaft machen dürfe; allein sie fodert: 1) daß kein Staat feine eignen Unterthanen fremden Regierungen zur Bestrafung ausliefere, fondern sie auch wegen der auswärts begangenen Verbrechen selbst bestrafe; 2) daß Ausländer, die einmal im Lande den Schutz gefunden haben, welchen ein civilistrter Staat auch Fremden angedeihen läßt, nicht anders als wegen einer Handlung, die allenthalben und unter allen Umständen ein Verbrechen ist, andern Staaten zur Bestrafung überliefert werden; 3) daß dieses nicht ohne hinreichende Beweise gegen den Angeschuldigten geschehe, weil man ja sonst, um einen vielleicht von bloßem Parteihasse Verfolgten in seine Gewalt zu bekommen, nur, wie in Galotti's Fall, ein gemeines Verbrechen vorzugeben brauchte. Endlich 4) soll die Auslieferung nicht wegen politischer Meinungen und..wegen solcher Vergehungen stattfinden, welche nur von einer herrschenden Partei in diesem Lichte betrachtet werden, von Andern aber vielleicht als rechtmäßiger Widerstand gegen Usurpation angesehen werden können. Denn so wenig man die Anhänger der Stuart nach der Revolution von 1688 und die Theilnehmer der fruchtlosen Versuche in den Iahren 1715 und 1745 der damaligen englischen Regierung auslieferte, ebenso wenig würde man auch jetzt den Requisitionen Frankreichs Gehör geben, wenn sie die Auslieferung der Minister Montbel und Hausse; verlangte, obgleich die gewesenen Collegen derselben wegen Staatsverbrechen gerichtlich verurtheilt worden sind. Diese Grundsätze werden nun in den neuern Verträgen immer mehr anerkannt. Seine eignen Unterthanen liefert kein Staat mehr aus, sondern bestraft sie selbst, auch wegen ihrer auswärts begangenen Handlungen, und zwar in der Regel nach seinen eignen Gesetzen. Aber auch Unterthanen des requirirenden Staates werden nicht überall wegen jedes geringen Vergehens ausgeliefert, wie es in dem Vertrage vom 30. Dec. 1825 zwischen Würtemberg und Baden (Art. 32) festgesetzt ist, und worauf auch der Vertrag zwischen Kurhessen und Braunschweig vom 5. Mai 1823 hinausgeht, sondern es muß die Handlung, wegen welcher die Auslieferung begehrt wird, auch nach den Gesetzen des requirirten Staats ein Verbrechen sein, und eine peinliche Strafe nach sich ziehen. So wird es in dem Vertrage zwischen Preußen und Weimar vom 25. Zun. 1824 bestimmt, und dabei die Auslieferung wegen blos Polizei- oder sinanzgesetzlicher Übertretungen ausdrücklich ausgeschlossen. In mehren Verträgen, welche Hanover über diesen Gegenstand in der «euern Zeit mit verschiedenen Staaten abgeschlossen 134 Auslieferung hat (mit Lippe-Detmold 12. Iul. 1825, mit Lübeck 17. Oct. 1820, mit Sachsen-Weimar 20. Mai 1828), wird die Auslieferung wegen der Verbrechen zugesichert, welche nach dem geltenden Rechte beider Staaten eine peinliche Strafe nach sich ziehen, und es wird darin die Auslieferung eigner Unterthanen auf eine besondere Vereinbarung in jedem einzelnen Falle ausgesetzt. Ganz gleichlautend damit ist der Vertrag zwischen Kurhessen und Sach sen-Weimar vom 19. Marz 1838. Beweise des begangenen Verbrechens fodern alle diese Vertrage zwar nicht, aber doch eine Requisition des die Untersuchung führenden Gerichts, wobei man also eine gehörige juridische Begründung der Untersuchung in der Regel voraussetzen kann. Wenn freilich, wie in dem Falle des Geheimrathes von Schmidt-Phi- seldeck, nicht das ordentliche Gericht, sondern eine außerordentliche Commission die Untersuchung führt, so dürfte diese Bestimmung nicht ausreichen, sondern nöthig sein zu verordnen, daß jeder Auslieferung eine, wenn auch kurze richterliche Untersuchung vor den Gerichten des requirirten Staates, und ein Erkenntniß auf Auslieferung vorangehe. Interessant ist bei diesem Punkte der Unterschied zwischen den preußisch-russischen Cartelconventionen vom 25. Mai 1816 und 17. Marz 1830. In beiden wird zwar die Auslieferung aller Derer zugesichert, welche in dem Gebiete des einen Staats ein criminelles Verbrechen begangen haben, oder dessen angeschuldigt oder verdachtig sind; allein nach der Convention von 1816 soll diese Auslieferung erfolgen auf die bloße Requisition der preußischen Regierungen und der russischen Provinzialgouverneurs ohne Angabe der Beweise; hingegen vermöge der Convention von 1830 müssen die Requisitionen von den Obergerichten der Provinzen ausgehen und an dieselben gerichtet werden, und sie müssen dergestalt in die nähern Umstände eingehen, daß das requirirte Gericht beurtheilen könne, ob nach den im requirirten Staate geltenden Gesetzen ein Criminalverfahren gehörig begründet sei, was sich sowol auf die objective Beschaffenheit der That als auf die Hinlänglichkeit der Verdachtsgründe zu beziehen scheint; dann muß noch über die Identität des Angeschuldigten ein Verhör angestellt werden. Merkwürdig ist dn Vertrag vom 14. Iul. 1828 zwischen Ostreich und der Schweiz. Die Auslieferung soll nur wegen schwerer Verbrechen erfolgen, und diese werden im ersten Artikel namhaft gemacht: Hochverrat!) und Aufruhr, mit Vorsatz und Überlegung unternommen, Mord und Gistmischung, vorsätzliche Brandstiftung, Diebstahl mit Einbruch und Gewalt, Diebstahl von öffentlichen Bleichen, Diebstahl an Pferden und Vieh von öffentlichen Weiden, Falschmünzen, Verfälschung von Staatspapieren, Privatschuldschcinen und Wechseln, betrügerischer Bankerott. Das Verlangen der Auslieferung muß durch den Beweis begründet werden, daß von einer kompetenten Behörde gegen das reclamirte Individuum nach gesetzlicher Form und Vorschrift die Untersuchung erkannt sei, und es müssen die Beweise oder erheblichen Inzichten, worauf das Erkenntniß gegründet ist, mitgetheilt werden. Ob auch Fremde, welche keinem der beiden Staaten angehören/wegen Verbrechen, die sie gegen den einen begangen haben, ausgeliefert werden sollen, ist nicht ausdrücklich bestimmt. Überdies bestehen zwischen sehr vielen Staaten Verträge wegen Auslieferung der Deserteurs und ausgetretenen Militairpflichtigen, und wegen gegenseitiger Stellung hinsichtlich geringer Vergehen, die nur mit Geld oder einfachem Gefäng- niß zu strafen sind, insbesondere wegen der Waldbcsch'ädigungen. Im Allgemeinen wäre wol noch zu wünschen, daß diese Angelegenheit mit der Zeit weniger durch Staatsverträge als durch Gesetze geordnet würde, denn in der That kommt es hierbei hauptsachlich auf die Verfassung des Staats und auf die Frage an, wie weit der Schutz gehen soll, welchen der Staat sowol seinen Unterthanen als den einmal aufgenommenen Fremden zu leisten verbunden ist, und wie man auch diese Frage beantworten möge, so berührt sie doch immer die Fundamentalgesetze des Staats. 63^ -qÄ'''-»» '«!»«?'"ll- :s«e Australien 135 Adder M-NWtzdrr ^VtzAkcho- ?l!^Wl!md>i Ackh ij?d5 imchnM .KckgllH M- itWckN»- ischMM «Achch D-STM dlß«M« sitzlchr F« ««^ «sesd-rchW mrdÄ AB ..M- ?Z M» Z.W» !M"d ° ^Wi°M >-»-"5 ^Australien, auch Südindien und Polynesien, besteht, wenn man das 140—150,000 L3M. große Neuholland, Continent des fünften Erdtheils, abrechnet, aus lauter Inseln, um welche sich das größte Meer unsers Planeten ausbreitet, und unter welchen nicht zehn einen größcrn Flacheninhalt als 100, die meisten aber weniger als 10 HZM. haben. Charakteristisch ist, daß diese Kette von Inseln in einem auswärtsgekrümmten Bogen genau die Gestalt der Ost- und Nordküste des australischen Festlandes wiederholt, und auf diese Weise in einem gerade umgekehrten Verhaltnisse zu den amerikanischen Vulkanen steht, die an der einwartsgebogenen Seite des Festlandes hinlaufen. Die weitesten Breitenpunkte bilden im N. die Silber- und Goldinsel (Rica cke ei iS bedeutend erschwert; der Küstenrand ist sandig, zum Theil mit aufgeschwemmtem Boden, im S. und W. arm an Quellen, fast ohne alles frische Wasser. Neuholland !- ist von zwei Inselreihcn umgeben, die sichtbar in einigem Ausammenhange mit einander stehen. Die innere zunächst dem Festlande, und wie dieses nur der Südhemi- ' : sphäre angehörig, beginnt mit der großen Insel Neuguinea, die sich zunächst an den Aequator drängt, schließt sich dann an Neubritannien, Neuirland, an den Salomons- und De la Cruz-Archipel, die neuen Hebriden, Neucaledonia, und endigt sich mit Neuseeland als Schlußstein. Die äußere Reihe zieht sich auf beiden Seiten des Äquators um die innere Reihe meist parallel hin, nur im W. weit höher nach Asien aufsteigend, im O. sich mehr Amerika nähernd. Da wo Japans Inselgruppe Bonin aufhört, beginnt sie mit den Marianen, setzt in den Carolinen, den Asien nähern Pelewinseln, und der Mulgravekette über den Gleicher hinweg die Verbindung mit den Schiffer-, Fidschi- und Tonga-Inseln fort, und schließt mit dem, in mehre Gruppen getheilten Georgsarchipel. Die Vereinigung zwischen beiden Jnselreihen bildet der Kermandee-Archipel. Ganz von denselben abgeschnitten, hoch im NO., breitet sich die Gruppe der Sandwichseilande aus, Australiens entferntestes Außen- werß. Wahrscheinlich war in der Urzeit der ganze Raum, der jetzt zwischen der in- nern Reihe und dem Festlande liegt, Land, das eine spätere Feuer- oder Wasserrevolution verschlang, und auf eine Verbindung eines ehemaligen Continents, von welchem diese Inseln vielleicht nur Trümmer sind, mit dem südlichen Asien scheint auch die Ähnlichkeit der organischen Natur hinzudeuten. Der Australozean — das größte aller Weltmeere — umfaßt nach Gauß's Berechnung 2,834,000 ^M., mithin ein Viertel der ganzen Erdoberfläche, verdient aber den ihm von Magelhaens beigelegten Namen des stillen Meeres keineswegs. Ein der Tropenregion desselben eigenthümliches Phänomen ist das Leuchten seiner Gewässer. Hier flimmert und glänzt sein Spiegel wie Silberstoss, dort breiten sich seine Wogen in ungeheure Flächen von Schwefel und entzündetem Pech aus; zuweilen gleicht der Ozean einem Milchmeere, zuweilen sieht es einem langen beweglichen und hin- und herwogenden Lichtstreifen ähnlich, dessen Enden sich im äußersten Horizont verlieren. Die Ursache dieser Erscheinungen sind Mollusken und weiche Aoophyten. Eine Gattung mikroskopischer Schalthiere von rother Farbe bringt jene Blutmeere hervor, die einige Seefahrer beobachtet haben, und in den Meeren von Neuguinea und dem Festlande hat man Staubmeere gesehen, die von den Eiern gewisser Seethiere, welche einem grauen Staube ähneln, ihre Farbe erhalten. Meerengen gibt es in diesem aus so vielartigen Ländermassen bestehenden Erd- theile sehr viele, besonders in den verschiedenen Jnselarchipelen. Die vornehmsten darunter sind: die Torresstraße zwischen dem Festlande und Neuguinea, die Baßstraße, welche Vandiemensinsel vom Australcontinente trennt, die Dampiers- straße zwischen Neuguinea und Neubritannia, die Cooksstraße zwischen den beiden Hälften von Neuseeland. Kein Meer ist so reich an Vulkanen als der Australozean: Tana, wo Cook 1774 bei der Entdeckung der Insel den Gipfel im Ausbruche sah; Ambrim, im O. von Malicolo; Tinnakora, wo Carteret 1767 Dampf, und Wilson 1797 Flammen hervorbrechen sah; Sesarga des Mendana auf der südwestlichen Spitze von Guadalcanal, nach Shorland höher als der Pik auf Teneriffa; Wawani auf Amboina; Chonnung-Api auf Banda; Tomboro auf^umbava, der 1815 einen großen Ausbruch hatte, wo die Staubwolken gegen NO. über 40 Meilen bis Makassar, und gegen NW. bis Benkulen auf Sumatra geworfen, und das Gekrache an 200 Meilen weit gehört wurde; Pik auf Kom- bock; Karang-Asam auf Bali; eine ganze Kette feuerspeiender Berge in der Mitte der Insel Java. Die Kette der Philippinen und Molukken besteht aus lauter Vulkanen ; auf Neubritannien und Neuguinea haben Dampier 1700 und Labillar- Australien 137 diere 1793 brennende Krater gesehen. Einer der gewaltigsten Feuerherde der Erde befindet sich auf der Insel Owaihi, wo der Pik Muna-Roa nach Kotze- bue 14,994 Fuß hoch ist; sowie der Worara u. a. m. So weit man bis jetzt das Innere des Continents kennt, ist es ein Hochland, das sich besonders da, wo es die Grafschaft Cumberland vom Hochplateau trennt, den Namen der blauen Berge führt und sich an 7000 Fuß über das Meer erhebt. Der Kern der Gebirge ist Porphyr, Granit, Sandstein, Kalk und Gneis, doch hat man auch Steinkohlenlager, Kupfer- und Eisenerz, Basalt, Chalcedon, Achat, Irden, orientalischen Nierenstein und sogar Silbererz gefunden. Die Küste ist dürr und sandig. Oxley und mit ihm Andere haben die Meinung aufgestellt, daß im Innern ein großer See sei, nach welchem das Land von allen Seiten sich neige, und daß die von den Bergen fallenden Gewässer sich in dieses Becken ergießen. Doch wird diese Ansicht seit der Entdeckung des Flusses Murrumbud- schi bestritten, welcher, mit dem Lachlan sich vereinigend, den Murray bildet, und an der Südküste seine breite Mündung hat. Die Küste ist noch zu wenig erforscht, aber neuere Beobachtungen führen auf die Vermuthung, daß man bei genauerer Untersuchung noch mehre Strommündungen entdecken werde. Die übrigen der sich ins Meer ergießenden Flüsse sind: der Brisbane, der im W. der blauen Berge entspringt, dieselben durchbricht und sich in die Glasshousebai mündet; der Haftings an der Ostküste, dessen Mündung den Macguarie-Port bildet; der Hawkesbury, der aus dem Zusammenflusse des Groose und Nepean entsteht und den Cox aufnimmt; der Georg, der sich in die Votanybay ergießt; der Schwanenfluß auf der Westküste des Edellandes; der Macquarie, der aus der Vereinigung des Fisch- und Campbellflusses entsteht; und ein unbekannter Strom im N. auf der Küste des Arnheimlandes, welcher sich in die Vandie- mensbai mündet; hierzu kann man noch den Hunter, Endeavour, Tweed, Cast- lereaah, Parry, Field, Peel, Eockburn, Apsley u. v. a. weniger bekannte Küstenflüsse rechnen. Australien liegt theils in der heißen, theils in der südlichen gemäßigten Zone. Fast die ganze Masse seiner vielen Inseln hat Tropenklima. Obgleich es mit Südafrika unter gleichen Parallelkreisen liegt, so findet wegen mancherlei Ursachen keine so verzehrende Hitze statt, als unter gleichen Breitegraden in Guinea und Angola, ^oder selbst auf Haiti. Die Ursache davon liegt wol in der Regelmäßigkeit der Passatwinde, die diese Inseln das ganze Jahr hindurch beherrschen. Das Klima der Ostküste (Gegend um Port-Jackson) ist vielleicht eins der gesündesten auf dem Erdball. Die Colonisten, die von Europa übergeführt sind, unterliegen nur äußerst selten schweren Krankheiten, selbst gallichte Fieber — die gewöhnliche Folge bei der Versetzung aus einer Erdgegend in die andere — kennt man nicht. Freudenmädchen, längst für Empfängnis abgestorben, werden hier fruchtbar, und häusig sind Zwillingsgeburten. Besonders auffallend ist es, daß die Haare der Kinder, selbst bei den Eingeborenen, meistens eine blonde Farbe haben. Nur bläst zuweilen aus NW. ein zerstörender Stickwind — der Samum Irans — und erstreckt sich mit gleich furchtbarer Verwüstung über die vegetabilische und animalische Schöpfung. Die Vögel fallen todt aus der Luft, die Fische schwimmen leblos auf der Oberflache, und häusig gerathen ganze Waldungen durch die trockene Hitze in Brand. Doch bei der großen Ausdehnung der Inselreihen kann ein mehr oder minder hervortretender Gegensatz nicht auffallend sein. Neuseeland, dem Südpole näher als das Festland, hat ein viel milderes und angenehmeres Klima und kann das gesündeste Land des Erdkreises genannt werden; überhaupt verhält es sich zu dem Continent, wie England und Irland zu Europa. Äuf der nördlichen Hälfte kennt man noch unter dem 41° S. B. und selbst in der Nähe der Schneeberge keinen Reif, wie denn aber auch die Hitze nie übermäßig groß ist. — Neuholland bietet in seiner Thier- und Pflanzenwelt eine ganz ei- 1Z8 Australien genthümliche Schöpfung dar. Die organische Natur hat sich anscheinend von dem festen Lande auf die Inseln und zwar gegen den Zug der Winde, von W. nach O. verbreitet. Sie erinnert auf den östlichem Inseln zugleich an Südasicn und Neuholland, ist aber von Amerika völlig entfremdet. Manche Pflanzengattungen breiten sich über den indischen und großen Ozean von der afrikanischen Küste bis auf diese Inseln aus, nach welchen man aufdergegenüberliegenden Küste Amerikas vergebens sucht. Verschwenderisch scheint zwar die Natur in ihren organischen Reichen den Samen des Lebens ausgestreut zu haben, aber zu sparsam ist sie offenbar in Anweisung der Nahrung gewesen. Neuholland hat nur wenige Baume, die nährende Früchte darbieten. Weder die 15 Arten von Drachenbaumen, die sich von der Südspitze Afrikas über Indien und die Eiland« des großen Erdmeeres zerstreuen, noch eine der IL Amomumarten (eine dreizehnte wachst aufJa- maica), die von Bengalen bis zu den Sandwichsinseln verbreitet sind, kommen in Australien vor. So erblickt man weder die nützliche Kohlpalme, noch die riesige Säulencypresse, noch den Pisang, den Brot- und Papiermaulbeerbaum, noch das schönste der Graser, das fast rings um die Erde verbreitete Bambusrohr. Dünnbelaubte Eukalypten sind Neuholland, die Flachslilie (kRoi-mium tenax) aber Neuseeland eigenthümlich. Die Flora, die auf den Asien zunächstliegenden Eilanden so reich ist, scheint auf den Inseln des großen Ozeans von W. nach O. zu verarmen. Nach Chamisso schwinden die Palmen zuerst bis auf den Ko- kos, der den niedrigen Inseln anzugehören scheint und namentlich die Penryn mit einem luftigen Baldachin überschattet, der Bambus aber tritt zurück. Nur Knollengewachse, als Pams, Aarons, Pataten und andere eßbare Wurzeln dienen da zur Nahrung. Aus der Kawapflanze (Taumelpfeffer) wird ein berauschendes Getränk bereitet, und fast durchgängig Betel gekaut. Das Thierreich liefert außer dem Hunde, dem Schwein und der Ratte kein einziges Hausthier. In mehren Gegenden gedeihen jedoch die verpflanzten europäischen Hausthiere vortrefflich, und besonders hat sich die Zucht veredelter Schafe in Neuholland und Vandiemensland so sehr gehoben, daß Wolle bereits ein wichtiger Ausfuhrartikel ist und 1830 aus Neuholland 500,000 Pfund nach Europa gingen. Der Fische in den süßen Gewässern sind nur wenige, und unter den wenigen nur einige genießbar. So ist der Südindier genöthigt, da, wo ihm Wald und Meer nicht hinlängliche Nahrungsmittel darbieten, zu den Pams- und Farnkrautwurzeln, ja selbst zu ekeln Insekten und Amphibien seine Zuflucht zu nehmen. Alle eingeborenen Thiere des Continents bieten merkwürdige Eigenthümlichkeiten dar; ein charakteristisches Kennzeichen der Vierfüßler, die zu der Ordnung der Beutelthiere gehören, sind die am Bauche kreisförmig geordneten Zitzen, mit einer Hautfalte umgeben, die einen Beutel darstellt, in welchem die Jungen, als unreife Embryonen geboren, erst ihre völlige Ausbildung erlangen. Australien gehören eigenthümlich an: das Känguruh, wovon gegenwärtig schon zehn Arten aufgefunden sind, das Hepuna-Ru oder fliegende Eichhorn, der Wombat, der Kola, die Beutelmaus, das Schnabelthier (Oinitllorll^ncllus ^i^ckoxus), vielleicht das abenteuerlichste Geschöpf auf der Erde, dem die Natur zu dem Körper eines Säugethiers mit Schweinehäuten den Schnabel eines Vogels gab, der Dingo oder neuholländische, stimmlose Hund, der sich dem Wolfe nähert, die Opossum-Hyäne, der Hirscheber, der Oleck und der Meerelefant (1Rucrodosciäerr). Erwähnt man unter den Vögeln den weißen Adler, den schwarzen Schwan, die grünen Turteltauben, blauen und weißen Reiher, Vögel mit Haaren statt der Federn, den Nashornvogel (La- oeros), den Emu mit seinen am Ende der Fittige in eine scharfe Kralle sich endigenden Schwungfedern, die schwarze Schlange, gelbe Natter, so hat man Beweise genug, daß die Sonderbarkeit der organischen Bildung durch alle Naturreiche durchgeht. Unlängst hat man auf dem Festlande eine Bienenart ohne Stacheln entdeckt. Australien 139 ?!K k.?"' ^ »Lj! ÄiS Hmchb imWHM A MMhW DhlM U' 5chftin5chttM mch ÜMI M Zil lUdMMPMtich ihm Bilk Ui> Nttl M mS'ÄMMwO ch^ch» jjizichmMm dar;s» ^rLMHderBtÄßK '^ZÄ? Wff' ^V.nZM^ ^ Selbst die Mollusken bringen da ungewöhnliche Phänomene hervor, z. B. die Gattung ?) rosoinÄ, welche, in Myriaden über die Oberflache des Meeres verbreitet, bei Nacht das eigenthümliche Leuchten verursacht, und zwar in der Ruhe opalartig gelb, etwas in das Grüne spielend, bei jedem Zusammenziehen aber mit dem Glänze eines glühenden Eisens; die Stralenplattchen des Mundes leuchten wie Diamanten, je nach der Bewegung andern sich die Farben in Roth, Grün und Blau, doch vorzüglich schön ist der Azur, wenn die Phosphorescenz sich allmälig verliert. Der Mensch selbst, zwischen Neger und Europaer die Mitte haltend, mit großem, affenartig hervorstehenden Munde, dicken Lefzen, aber weißen, gesunden Zähnen, tiesliegenden schwarzen Augen von wildem Ausdruck, bald gekrauselten, bald struppigen Haaren, ist in keinem Theile der Erde — wenn wir die höchsten afrikanischen Berglande ausnehmen — so dünn gesaet als auf dem Australconti- nente. Nie sahen die Seefahrer, etwa die Inseln der Torresstraße ausgenommen, einen Haufen, der über 2 — 300 Köpfe zahlte. Die Bewohner dieses Erdtheils, deren Anzahl man auf 3, höchstens 4 Mill. schätzt (ungefähr 10 Menschen auf dü HM.), gehören zu zwei Hauptrassen des menschlichen Geschlechts: n) den Papuas oder Australnegern mit Wollhaaren, vorspringenden Kinnladen, wulstigen Lippen und schwarzer Hautfarbe, blos mit dünnern Beinen und Armen als die afrikanischen Neger; sie bewohnen die Südküste des Festlandes, Neuguinea mit den davon abHangenden Eilanden, Neubritannia, Neuirland, Neuhanover und dm Heil.-Geist- und Salomons-Archipel, mithin bis auf Neuseeland alle Eilande der innern Inselreihe, und stehen auf der untersten Stufe der Gesittung; b) den Austcalindiern, aus malaiischem Stamme, mit regelmäßigen Formen, langem Haare, hohem Wüchse (die meisten sotten nach Forster, Nicholas und Sieber sechs Fuß Höhe haben), kriegerischer Haltung und Entschlossenheit ausdrückender Miene. Die Muskelausbildung verhindert die Rundung der Schenkel und Arme, daher diese schmächtiger als gewöhnlich erscheinen; die platte Nase der Neger hat sich ganz verloren, Mehre haben sogar Habichtsnasen, Viele selbst ein dem griechischen ähnliches Profil. Die Hautfarbe ist braun, hier lichter, dort dunk- ler tingirt, je nachdem der Eingeborene der Tropensonne fern oder nahe wohnt. In keinem Erdtheile ist die Sitte der Tätowirung so sehr verbreitet und so geschmackvoll angewendet. Die schönsten Beispiele der Art finden sich in Mul- grave's Archipel und auf der zu der Washingtongruppe gehörenden Insel Nukcr- hiwa. Nach Tilesius ist das Tatowiren oft Putz, meist aber eine Bilderschrift, welche gewisse Verträge bezeichnet, z. B. den Ehe-, Tausch- oder Dienstbund, letzterer zum Hauserbau, Fischfang, Kriegsdienst, — also ein Feudalwesen. Diese Zeichen sind die unvertilgbaren Urkunden der Rechte und Pflichten — ein unveräußerlicher Paß durchs ganze Leben, sodaß ein stark tätowirter Körper auf ein kr ästiges und reiches Leben schließen läßt. Von der weitverbreiteten, wenn auch schwächsten aller Menschenrassen, der malaiischen, gibt es in Australien drei AbtheAun- gen: a) eigentliche Malaien auf den meisten Inselarchipelen; d) Haraforen oder Alfrins im Innern von Neuguinea, auf Waigiu und den dazu gehörenden Eilanden; c) Bidschuer oder Biadschuer, ursprünglich auf Celebes und Borneo, von wo aus sie sich im indischen Archipel zerstreute. Die Sprachen dieses großen Erdraums sind so dürstig als seine Bewohner arm an Begriffen. Ein Wort bezeichnet deren meistens mehre. Balbi Lheilt sie in zwei Hauptstamme, den der Südneger, und den malayischen, welche beide sich wieder in sehr viele Mundarten spalten, sowie Chamisso allein aufden Philippinen sieben Dialekte anführt, unter denen die Tangalasprache die vorzüglichste ist. Dem Tangala schließt sich die Tongasprache an, eine der gebildetsten des südlichen Australiens. Am kinderhafteften erschien den Naturforschern der Krusenstern'schen Erdumsegelung die Sandwichsprache, 140 Australien als ein liebliches Lallen, das kaum eine Sprache genannt werden kann. Im Allgemeinen ist die Sprache der Australindier bei weitem ausgebildeter als die Papuassprache. Ihre Sprachen scheinen von einer und derselben Ursprache abgeleitet zu sein, obgleich sie jetzt schon so verschieden lauten, daß kein Stamm den andern versteht. Dies ist durch die Jsolirung der verschiedenen Völkerstamme erklärlich, da bei dem Zerstreutleben beinahe schon ein Menschenalter hinreicht, um eine Sprache zu verwirren. Peron vergleicht die Sprache der Eingeborenen von Van- diemensinsel mit einer Art von Rollen (i-oulement), bei dem kein bestimmter Laut unterschieden werden könne, und vermißt darin die Buchstaben S und F. Die Sprachen des Festlandes sind im Verhältniß zu den Mundarten des nordwestlichen Australiens äußerst roh und haben im Zahlensysteme nur Wörter, um bis fünf zu zahlen, welches viel bedeutet, wahrend die malaiische, tagalische und peruanische Sprache auf den nordwestlichen Inseln das Zehnthum, und die südöstlichen sogar das Zwanzigthum haben, da sie nach Chamifso immer paarweise zahlen, eine Erscheinung, die bei barfuß gehenden Völkern, die ihre Zehen so gut wie ihre Finger immerdar vor Augen haben, sehr natürlich ist. Der Raum gestattet uns nicht, eine Schilderung von ihrem Zusammenleben, ihrer Häuslichkeit, ihren Gebräuchen, Sitten, Waffen, der abergläubig grausamen Sitte, den Jünglingen, wenn diese in das Mannesalter treten, einen oder mehre Vorderzahne gewaltsam auszubrechen, von den Gaukeleien ihrer Karrahdis oder Zauberer, von dem Lebendigbegraben der Kinder und dem auf einigen Inseln B. Neucaledonia) herrschenden gänzlichen Mangel an Gottesverehrung zu entwerfen, welches Alles dem Neuholländer so sehr den Stempel roher Eigenthümlichkeit aufdrückt. Hunter sagt: „Sie widmen weder der Sonne, noch dem Monde, noch den Sternen eine größere Aufmerksamkeit als irgend ein Volk, das mit ihnen dies unermeßliche Land bewohnt." Dagegen hat Evans von den Bewohnern der Vandiemensinsel gehört, daß die Stamme der Ostküste den Sitz ihrer Götter auf die blauen Berge verlegen. Dull fand 1793 auf der Darnleyinsel fast in jeder Hütte, rechts vom Eingange zwei oder drei Mm- schenschädel um ein hölzernes Bildniß, das in seiner rohen Gestalt bald einem Menschen, bald einem Vogel glich, aufgehängt und mit Federn des Emu geziert. Bei einigen Stämmen hat man zwar einen abenteuerlichen Polytheismus, aber doch schwache Begriffe von Unsterblichkeit der Seele, von einem guten und bösen Zustande nach dem Tode vorgefunden. Die wenigen Religionsgebräuche sind jedoch aufjeder Insel verschieden. Anders verehrt der Neuseeländer, anders der Tongaer, anders der Tahitier seinen Gott. Nicholas berichtet, daß die Mythologien der Neuseeländer und der Battaer auf Sumatra eine auffallende Ähnlichkeit haben. Auf den Gesellschaftsinseln betet man drei höchste Wesen an: '1Ane, te meckun oder der Vat er, Oromattow, wa 6 te m^6e oder der Sohn, und Darva, maurm te Ima oder der Vogel und Geist; dann hat man noch eine große Menge Catnas und Tis, d. h. gute und böse Hausgötter, Morais (Gott geweihte Plätze für alle heilige Ceremo- nien, wo die Grabgerüfte der Erih, d. i. Adeligen, stehen) und das Tabuh (heilig), welches aber hier Raa heißt, eine Art von Jnterdict, welches nur die obersten Priester au ssprechen durften. Seitdem aber der König PomareII. (f. Bd. 8) auf Tahiti mit dem größten Theile seiner Verwandten das Christenthum angenommen und seit 1815 die englischen Missionare bei der Verbreitung desselben eifrig unterstützte, sind die Menschenopfer und der Götzendienst immer mehr und mehr verschwunden, und schon 1822 zählte man auf Tahiti 66, auf Eimeo 16 christliche Gotteshäuser. (S. Missionsgesellschaften.) Dagegen sind nach Kotzebue Heuchelei und Unduldsamkeit, Trägheit und Verfall der Schifffahrt und des Gewerbfleißes eingetreten, und die Bevölkerung ist von 400,006 Seelen auf 200,000 herabgesunken. Auch Veechey (s. d.) spricht die Meinung aus, daß das Christenthum aufOtahiti nicht in dem Umfange sich ausgebreitet habe, als man aus den Nachrichten schließen Australien 14! ^^chMhsiik 'MWchM ^«cht'ZG, f ^ÄKmd Dlckw'G M«M ^UWt N lhÄM.cküch MÄHllZ»- MeMoch ^MürÄW WiMdirA hßP hM^ V .lle,te°>ewdck «» s» 'hri' .>S- könnte, die Andere, und besonders Ellis in dem unten anzuführenden Werke geben. Die Bande der Gesellschaft sind noch sehr lose um diese Naturmenschen geknüpft. Auf den meisten Archipelen leben sie einzeln in Familien, deren Haupt der mit patriarchalischer Gewalt ausgerüstete Stammvater bildet, jede soxgtnur für sich und steht höchstens mit ihren Nachbarn in engerer Verbindung. Das Weid lebt besonders bei den Papuas in großer Unterwürfigkeit und ist ausschließend zur Arbeit bestimmt. Etwas enger zusammengezogen erscheint das gesellige Verhältnis aus Neuseeland, Neucaledonia und den übrigen Eilanden, doch in einer patriarchalischen Verfassung. Auf den von Malaien bewohnten Inseln des indischen Archipels herrscht noch eine Art Feudalsystem: Fürsten, Edle und Leibeigne. Die Sandwichbewohner haben sich unter allen Australiern die am meisten ausgebildete Verfassung gegeben, sowie sie überhaupt durch ihre Bekanntschast mit den Europaern am weitesten fortgeschritten sind. Von Europaern mögen über 50,000 in den britischen Ansiedelungen auf der Ostküste wohnen, eine geringere Anzahl auf Tahiti, Owaihi und Vandiemensland. Seit 1824 hat Großbritannien alle zwischen 129 und 135° d. L. liegende Inseln und Landstriche Australiens in Besitz genommen. Da die australischen Inseln den südindischen so nahe liegen, so mußten die Portugiesen und Spanier, seit Gama's Umschiffung des Caps die Beherrscher jener Meere, frühzeitig zu ihnen hingeleitet werden. Magelhaens, der erste Erd- umsegler, entdeckte am 6. März 1521 die Ladronen oder Marianen, und öffnete die Bahn zur Auffindung der australischen Inselwelt. Maneses, Statthalter der Molukken, kam 1526, und fast zu gleicher Zeit mit ihm der durch Cortez von Mexico abgeschickte Saavedra nach Neuguinea. Alvaro de Mendana, der quer durch die Gesellschafts- und Freundschafts-Jnseln fuhr, ohne dieselben zu sehen, entdeckte zu Ende des 16. Jahrhunderts die Salomons- und Marquesasinseln. Quiros, der ihn auf seiner dritten Reise begleitet und einen mehr südlichen Lauf genommen hatte, machte die Gesellschaftsinseln und das Heil.-Geist-Land bekannt. Die Holländer blieben in der Erforschung dieser neuen Welt nicht zurück. Jakob Lemaire und Schonten fanden 1615 Neuirland und die Admiralitätsinseln. Schon 1616 erlangte man die erste Kunde von Neuholland oder dem Continente. Dirk Hartigh ging an der Westküste vor Anker und gab ihr nach seinem Schisse den Namen Eendrachtsland. Zeachaen von Arnheim gab 1618 der Nordküste den Namen Amheims- und Vandiemensland (letzteres nach dem damaligen Statthalter in Ostindien); Jan de Edels entdeckte 1619 den südlichen Theil der Westküste, das EdelS-> land. Das Schiff die Leuwin landete 1622 an dem südwestlichen Vorgebirge und gab der Umgebung den Namen Leuwinsland. Zu derselben Zeit hat der Holländer Roggeween die Osterinsel (nach Chamisso Weihu) und die BoumanA eilande — wahrscheinlich die Schisserinseln—, die Pernicieuse, Aurora-, Vesper-, Labyrinth-, Recreation-, Tienhoven- und die Tausendeilande entdeckt. Die Südküste erforschte 162? PeterNuyts, und einen Theil derNordküste Wilhelm de Witt 1628. Franz Palsaert besuchte 1629 das Australland, und die ungeheure Land- strecke erhielt in der Mitte des Jahrh. den Namen Neuholland. Abel Tasman entdeckte 1642 Vandiemens- und Neuseeland, die Freundschasts-, Mack- und Prinz-Wilhelms-Inseln nebst den Eilanden Pylstaat, Middelburg, Amsterdam, Rotterdam, und einige von den Fidschiinseln. Der Flibustier Davis fand 1687 das Davisland (Osterinsel). Der Erdumsegler Will. Dampier (s. Bd. 3) was der Erste, welcher Neuhollands Küste wissenschaftlich untersuchte, den Archipel von Neubritannien und Neuirland fand und die Straße erforschte, welche dieselben trennt. Nach langem Stillstande wurde Australien in der Mitte des 18. Jahrh. wieder thatig erforscht. Der Engländer Byron kam zu den Inseln König Georg, Prinz von Wallis, Byronu.s.w.; Bougainville (s. Bd.2) fand den Schiffer» 142 Australien archipel, die Louisiaden und Anachoreten-Jnseln und die Straße seines Namens Disappointment, York und die Inseln der Gefahr. Ihm folgte Wallis, welcher 1767 die Charles-, Saunders-, Lord Howe-, Scilly-, Boscawen-, Keppel- und Wallis-Inseln entdeckte. In der Entdeckungsgeschichte von Australien gebührtjedoch dem Briten James Cook (s. Bd. 2) vor allen Übrigen die Palme. Er kam 177H —79 nach dem Gesellschafcs-Archipel, entdeckte die Straße zwischen den beiden Inseln von Neuseeland, umschiffte zuerst die Oftseite des Festlandes, machte auf die Botanybai aufmerksam, bestätigte die Vermuthung von dem Dasein eines Conti- nents und gab dem östlichen Landstriche den Namen Neusüdwallis. Auf seiner zweiten Reise erforschte er die Freundschaftsinseln, die neuen Hcbriden, Neucaledo- nien und die Marguesas; auf der dritten Reise fügte er die Sandwichinseln seinen Entdeckungen hinzu. Nach Cook wetteiferten Englander und Franzosen, der Well genauere Bekanntschaft mit Australien zu verschaffen. Die Briten Marshal und Gilbert fanden 1788 Mulgrave's Archipel; G. Bligh 1787 im S. Neuseelands die kleine Gruppe der Bounty, 1792 aber den Fidschi-Archipel; John Hunter 1791 die Yorks- und Hunterseilande; der Amerikaner Jngraham die Washingtoninsel; Henry Wilson die Inseln Crescent, Gambier, Serdes, Middleton, Roß, Clusters, und die Gruppe Duff bei St.-Cruz; d'Entrecasteaux den Kermandee- und Recherche-Archipel; der engl. Schiffarzt Baß die nach ihm benannte Straße. Zu Anfange des 19. Iahrh. verdanken wir den Franzosen Baudin und Peron die Kenntniß des Bonaparte-Archipel. Höchst belehrend, besonders für den Busen von Carpentaria, war die Reise des Briten Flinders, welche die französische Expedition durchkreuzte. Je mehr Englands Macht sich auf dem Festlande ausbreitet, desto mehr treten die einzelnen Theile hervor. James Grant vollendete die Aufnahme der Südküste. Krusenstern hellte 1804—5 den Australozean auf. Er war der Erste, der die russische Flagge in der Südsee wehen ließ. Crooker fand 1804 die Strongsinsel; der Spanier I. B. Monteverde aber 1805 eine neue Gruppe von 29 Inseln, die nach ihm den Namen führt. 1807 gaben Savage, 1816 John Liddiard Ni- cholas und 1822 Cruize Nachrichten über Neuseeland, 1810 Wilson und 1817 John Martin über die Tonga- oder Freundschafts-Jnseln. Die durch die Meuterer Christian und John Adams, welche 1789 den Lieutenant Bligh auf einem Boote ausgesetzt hatten, gegründete britische Colonie auf der Insel Pitcairn wurde zu Anfange dieses Jahrhunderts von Folger ausgefunden und 1814 von Breton weiter erkundet. (S. Adams und Pitcairninsel.) Gleichzeitig wurde die Auklandgruppe von Bristow, die Mosquarri-Jnsel von Monteverde, und Suwo- roff's Eiland von Lasaress entdeckt. Drei Pflanzern von Port-Jackson: Blaxland, Wentworth und Lawson gelang es 1810 über die blauen Berge in ein großes Weideland zu kommen. Der ausgefundene Gebirgspaß wurde 1813 von Evans besichtigt, und 1814 durch Cox ein Weg gebahnt, auf welchem 1815 der Gouverneur Macquarie in das Binnenland ging, und nebst den Beiflüssen des Hawkesbury und Macquariestromes die Ebene entdeckte, auf welcher später die schöne Stadt Bathurst angelegt ward. Aus diesem Wege ist 1817 Oxley und später Cunningham weiter vorgerückt, ohne jedoch, trotz der wichtigen Beobachtungen, ihren Zweck völlig erreicht zu haben; 1815—17 entdeckte O. v. Kotzebue auf seiner ersten Erdumsegelung die Rurikskette, die Inseln Numjänzoss, Spiridoff, Kutusoff, Krusenstern, Suworoff und den Radak-Archipel. Der Schwede Granner fand 1820 die Oskarinseln, Duperrey die Eilande Clermont-Tonnere und Costange, und 1823 Hunter diezweite Huntersinsel. Ebenso entdeckte der unermüdliche John Oxley 1823 in der Mortonbai den größten Strom des Continents, welchen er nach dem britischen Gouverneur Brisbane nannte, und die Flüsse Tweed, Boy- ne, Castlereagh, Parry, Field, Peel, Cockburn, Apsley u. a. In ebendiesem Jahre fand Archibald Bell eine andere Öffnung durch die blauen Berge, die weit Australien 143 libli. KM ltchj «!v/. Äskin»^' M »d ZLs«S !-WZ «SVNAK '?,iSl6WMK mUWilmM? Mlü> Ak dUchdi-K- l^ÜWlNiK Ns t» NsdiiMKMM MO Mm Nr« chl) «tztz Mld!^ ß wurde 18!^ ^» ^ ZW undh^^ izsDg-,' niUiihi^'' Ä ede«^' sicherer und bequemer nach Bathurst am Macquan'e geleitet als die Coxstraße. Dibbs fand 1823 in dem Cooksarchipel die Insel Mittlers, und Chemissard die Eilande La Rose und Balguerin, sowie den gasconischen Archipel östlich von Celebes. Die Briten Howell und Hume machten 1825 von Sidney aus eine Reise in südwestlicher Richtung, sahen im S. eine mit Schnee bedeckte Gebirgskette, die sie Südaustral-Alpen nannten, und entdeckten einen in diesem Gebirge entspringenden Fluß, der Hume genannt ward. Um die Aufnahme der Küste von Neuholland haben sich King, Sturt lwelcher, wie der „8iclne^ lVlonitor" vom 7. Mai 1830 bemerkt,1829 dieStröme Murrumbudschi und Darlington unterhalb der von Oxley gesehenen Sümpfe entdeckte), Frazec und Logan verdient gemacht. Die Forschungsreise des Briten Thomas Jamison in die Wellingtonebene, um das Dasein des vermutheten Binnensees zu bewahrheiten, ist durch Mangel an Lebensmitteln vereitelt worden. Auch Beechey entdeckte und untersuchte auf seiner Reise (1825 —28) mehre Koralleninseln im südlichen stillen Ozean. Seit der ersten, 1788 gegründeten Niederlassung der Briten an der Botanybai (Port- Zackson, Sidney) unter Arthur Philipps, welche anfanglich mit unerhörten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, aber 1830 schon eine Mill. Morgen angebauten Landes und zahlreiche Heerden von Rindvieh und Schafen besaß, sind mehre Unternehmungen dieser Art versucht worden. Zuerst auf der Norfolkinsel, welche bis 1811 dauerte. Der Capitain I. G. Bremer wurde 1824 von der englischen Regierung abgeschickt, Arnhemsland an der Nordküste, vom Carpen- tariabusen westwärts, in Besitz zu nehmen und an derjenigen Stelle, die man für einen künftigen Handelsplatz am geeignetsten finden würde, eine Festung, als Mittelpunkt der Colonie, zu begründen. Bald war Fort Dundas an der Westküste der don King entdeckten Melvilleinsel erbaut, und eine neue Welt von Pflanzern belebte die Gegend; allein diese Niederlassung machte ebenso wenig Glück als die 1827 zu Port-Westcrn (an der Südküste) angelegte, die schon 1830 wieder ganz aufgegeben worden ist. Nichtsdestoweniger brachte Capitain Burd 1825 auf Veranlassung einerenglischen Handelsgesellschaft eine Colonie von Handwerkern und Bauern nach Neuseeland, um dort durch den Flachsbau die Industrie zu heben. Die unlängst begonnenen Ansiedelungen in König-Georgs-Sund, Port-Rassles und Port-Effington sind ihrer Auflösung nahe, woran, dem „^.ustralian" (eine zu Sidney erscheinende Zeitung) zufolge, Skorbut und unzulängliche Mittel gleich große Schuld haben soll. Mit desto schönern Hoffnungen begann eine neue Ansiedelung am Schwanflusse (8wan River) auf der Westküste, zu welcher unter dem Schissscapitain Stirling 1829 der Grund gelegt worden ist, deren Zweck aber nicht ist, Verbrecher aufzunehmen, wie früher die Ansiedelungen an der Ostküste, sondern den vielen brodlosen Menschen in Großbritannien eine Pflanzstätte zu gewähren, wobei man außer den europäischen freiwilligen Auswanderern viel auf zahlreiche chinesische und malaiische Ansiedler rechnet. Nach den neuesten Nachrichten von 1831 hat man in der Umgegend dieser Ansiedelung in verschiedenen Richtungen so fruchtbaren Boden gefunden, daß man dem Gedeihen der neuen Colonie entgegensehen darf, und es hat sich bereits auch die Aussicht geöffnet, daß von hier aus wichtige Entdeckungen im Binnenlande gemacht werden dürften. — Vergl. Oxley's „lour- Nick« ot' twu expeelitions inte» tlre interior ol New 8c>utir IV ales" (London 1820); Wallis, „Vn tiistarical aeenunt ob N. 8. vv." (London 1820); Reib s „1 >ve> vo^ages to N. 8. IV." (London 1821); Cunningham's „Vwo ^ears in N. 8. >V." (London 1827). Lesson, „8ur les lies oceaniennes et sur les races lmmaines c^n les Irabitent", und dessen „Riswire naturelle Ue I'tinnnne" (Paris 1828), als Entwickelung obiger Schrift und Fortsetzung zu Busson's Werken. Beechey's „Narrative ok a voz-a^e tc> ttie ?aeiiie anel LeirrinAS 8trait" (London 1831). Stewart's „Visit to tlle 8uutli 8eas" (Neuyork 144 Bachmann 1831) liefert interessante Nachrichten über den neuesten Zustand mehrer Südseeinseln und Stewart laßt es sich besonders angelegen sein, die Missionare gegen die ihnen gemachten Vorwürfe zu verthcidigen. Zur Kunde der Gesellschchs- inseln und über die Einführung und Fortschritte des Cbristenthums auf den Südfeeinseln liefert der Missionar W. Ellis (s. d.) in seinen „?olMeswn rezear. ckes" (London 1829) die schatzbarsten Nachrichten. (8) Ochmann (Karl Friedrich), Professor der Philosophie zu Jena, geb. zu Altenburg den 24. Jun. 1785. Das Gymnasium seiner Vaterstadt verließ er Ostern 1803, um die Universität Jena zu besuchen, wo er erst Theologie und nachher Philosophie studirte, in welcher er Hegel's, Krause's, Schelver's und Ast's Vorlesungen hörte. Er war drei Jahre lang Mitglied der lateinischen Gesellschaft unter Eichstadt. Nachdem er 1806 die philosophische Doctorwürde erlangt hatte, ging er im Frühjahr 1807 nach Dresden, um durch die Benutzung der dortigen literarischen Schatze sich auf die akademische Laufbahn vorzubereiten. Im Herbste 1808 reiste er nach Heidelberg in der Absicht, daselbst als Privatdocent aufzutreten; da cr aber bald darauf von Krankheit befallen wurde, so ergriff er die Gelegenheit, eine Hauslehrerstelle in der Schweiz bei Herrn von Wattenwyl in Belp bei Bern anzunehmen. Hier blieb er bis zum Sommer 1810, wo er nach Jena zurückkehrte und im Herbst desselben Jahres als Privatdocent in der Philosophie auftrat. 1812 erhielt er eine außerordentliche und 1813 die ordentliche Professur der Moral und Politik in der philosophischen Facultat. Mehre Jahre nachher besuchte er noch die naturwissenschaftlichen Vorlesungen seiner Collegen, um die grvM Lücken seiner Studien in diesem Gebiete des Wissens wenigstens zum Theil auszufüllen. Dadurch wurde besonders seine Liebe zur Mineralogie geweckt, und durch öftere Besuchung des großherzogl. mineralogischen sowie durch Benutzung eines nicht unbedeutenden Privatcabinets bis jetzt unterhalten. Seine Übersicht neuer Leistungen im Gebiete der Mineralogie, die er im „Hermes" (Jahrg. 1824 fg.) gab, legt ein günstiges Zeugniß für gründliche Prüfung ab, welche er auch diesem Zweige des Wissens widmete. Auch wurde er nach einiger Zeit zum Prodirector der großherzogl. mineralogischen Gesellschaft, und 1831, da der Bergrath Lenz seines hohen Alters wegen die Geschäfte eines Directors nicht mehr zu führen vermochte, zum stellvertretenden Prodirector ernannt. Vom Herzog von Altenburg erhielt er den Charakter eines Hofcaths. Unter feinen Schriften sind die bedeutendem „Über Philosophie und ihre Geschichte, drei akademische Vorlesungen" (Jena 1811 u. 1820); „Über die Philosophie meiner Zeit, zur Vermittelung" (Jena 1816); „Über die Hoffnung einer Vereinigung zwischen Physik und Psychologie", eine von der Gesellschaft der Künste und Wissenschaften in Utrecht gekrönte Preis- schrift (Utrecht 1821); „System der Logik" (Leipzig 1828). Diefes letzte Werk, von welchem 1831 eine russische Übersetzung erschien, die gründlichste Darstellung dieser philosophischen Disciplin, ist mit verdienter Anerkennung aufgenommen worden, und zunächst für Diejenigen bestimmt, die sich durch eignes Studium mit der wissenschaftlichen Grundlage philosophischer Forschung bekannt machen wollen. B. zeigt sich als einen ebenso gelehrten und wahrheitliebenden als scharfsinnig prüfenden Denker, und er hat viele seither angenommene Behauptungen und Bestimmungen so treffend berichtigt, daß sein Weck eine Bereicherung der Wissenschaft ist. MAM « > Kl Ä.' ''«Z'S-l ilti^ TiWÜbchst« Rzii^chlrchW >eichrDM^diM 1831,d-klBvh^! tzN«5 Nch 4P»GA »-M ftenm >ch>e»,' B B'B und jB 5" »E?- Baden 145 '«AK«?' Si>> ^ciorW^.., ^^'stüAg !^ü>! ' ltzitty WHttGW ^FPII, M iV M MlPpchÄdch * Baden. Die Geschichte dieses Landes, in der neuesten Zeit durch die Entwickelung eines großartigen öffentlichen Lebens ein Lichtpunkt in der politischen Geschichte Deutschlands, trug bis zu den gewaltigen Änderungen des Jahres 1830 einen ganz andern, ja einen entgegengesetzten Charakter. Vor dieser Epoche, welche so viele Verhaltnisse von Grund aus umgestaltete, bot sich Jahre lang kaum ein historisches Moment für das Auge des Beobachters ; statt einer Bewegung moralischer Kräfte, der trockene Stoff zu einer Alltagschronik von materiellen Dingen, statt der Geschichte eines Volkes, die Geschichte eines Mannes, der wie Ludwig Xl V. von sich sagen mochte: „Der Staat bin ich." Es war die Wiederholung eines allgemeinen Bildes von Herrschast der Reaction, Militair- aristokratie, materiellen Lasten und geistigem Druck. Dieses Alles, den vollkommensten Absolutismus reprasentirend, bestand in Baden neben dem Namen einer Verfassung, welche durch Vereinigung von Gewalt und Hinterlist factisch vernichtet war und ohne die Garantien von Preßfreiheit und Volksbewaffnung nicht in Mark und Leben übergehen konnte. Das Volksleben war nur ein passives, die Geschichte schien auf dem bezeichneten Punkte stillstehen zu wollen. Aus diesem eintönigen Bilde hob sich das Jahr 18L9 mit einigen markirten Zügen hervor; es war die vom Großherzog Ludwig versuchte Einführung der preußischen Kirchenagende (s. L iturgieveranderungen), versucht auf Schleichwegen und gegen die badifche Kirchenverfassung, welche indeß ebenfalls durch Nichtberufung der Generalsynode so gut als vernichtet war; es war ferner die Sacularfeier der Geburt Karl Friedrichs, durch den Contraft seiner segensreichen Regierung mit der Gegenwart eine wahre Ironie in dieser Zeit, und gleichsam eine Vorbedeutung des Umschwungs, den das folgende Jahr bringen sollte. Am 30. Marz 1830 starb Ludwig nach kurzem Krankenlager, und den erledigten Thron bestieg Leopold, ein Sohn Karl Friedrichs, freudig begrüßt von dem hoffenden Volke. Seine erste öffentliche Erklärung war das Gelübde, die Verfassung heilig zu halten. Bald folgten die Lebenszeichen einer durchgreifenden Veränderung, die Cabinetsherrschaft machte einer constitutionnellen Regierung Platz, die Camarilla trat nach und nach in den Hintergrund; mit einem lange nicht gekannten Vertrauen empfing das Volk diese Unterpfander einer bessern Zukunft. Dieses Vertrauen erhielt in Baden die gesetzliche Ruhe, wahrend die Folgen der französischen Juliusrevolution Europa erschütterten, ein lange gesammelter Gahrungsstoff aufbrauste, und von zwei Seiten die Sturmflut an die Grenzen schlug. Unter Ludwigs Regierung hatte eine Zeit gefährlich werden mögen, welche allenthalben das Bewußtfein verletzter Rechte und Interessen weckte und von einem scheintodten Volksgeiste den Grabstein hob. Jetzt wurde sie es nicht, und die sogenannten Unruhen in Karlsruhe im September 1830 waren nichts als ein Unfug der Straßenjugend gegen Juden, von einem unverständigen Polizeidirector als Revolution behandelt, und ohne Excesse, als die des aufgebotenen Militairs. Gegen das Ende des Jahres .1830 fanden die Wahlen für den nächsten Landtag statt, wobei die Negierung eine erklarte Nichteinmischung beobachtete; das Volk entwickelte eine im höchsten Grade lebendige Teilnahme, und eine tiefgehende geistige Bewegung warf sich in diese Bahn zu dem Ziel einer gesetzlichen Reform. Die praktischen Lehren der Cabinetsherrschaft selbst hatten die Masse mit solchem constitutionnellen Sinn durchdrungen; das Übrige wirkte der Einfluß der Zeitereignisse überhaupt und des Thronwechsels, einer Veränderung, welche jederzeit Erwartungen spannt und Hoffnungen aufregt. Unter diesem dreifachen Einfluß ging aus den freien Wahlen eine Volkskammer hervor, welche der treue Ausdruck des Gefammtwillens war, die Blüte des Volks an Intelligenz, Charakterkraft und redlichem Willen. Noch vor dem Zusammentritt der Stände, solchen-Geistes gewiß und die Ohnmacht ihm gegenüber nicht minder fühlend, zogen sich zwei unpopulaire Mitglieder des Ministeriums aus demselben zu- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 10 146 Baden rück, Berkheim und Berstett, die hauptsächlichsten Repräsentanten des alten Systems; an die Stelle des Ersten trat der Staatsrath Winter, jedoch ohne den Namen eines Ministers. Am 17. März 1831 wurde der Landtag eröffnet. Die Thronrede erneuerte das Gelübde derHeilighaltung der Verfassung; die Dankadressen antworteten mit dem Ausdrucke des öffentlichen Vertrauens, die der Volkskammer mit Hindeutung auf das Bedürsniß, die Verfassung durch die noch fehlenden Garantien zu vervollständigen. Darin lag der Ausspruch des Bewußtseins, wie unendlich groß die Aufgabe des Landtags war. Seit 1823 hatte das constitution- nelle Leben nicht nur still gestanden, sondern war rückwärts gegangen; aus sich selbst wiedergeboren, verlangte es jetzt feste Stützen und Sicherung gegen neue Unbill. Auch war die Regierung voll redlichen Willens für materielle Interessen, in politischen Fragen dagegen noch n-icht klar entschieden, auch einer selbständigen Haltung gegen auswärtige Einflüsse noch zu ungewohnt, um das moralische Gewicht ihrer Stellung vollkommen zu würdigen. Die Adelskammer, ihrer Zusammensetzung nach unter dem Einflüsse von Standesinteressen und Standesvocurtheilen, fühlte auf der andern Seite doch auch den Einfluß des Zeitgeistes und das Bedürfniß der Popularität; auch zählte sie in ihrer Mitte wohlgesinnte und patriotische Volksfreunde, wie Wessenberg (f. Bd. 12), Zell, den Fürsten von Fürstenberg und Andere. Die drei Zweige der gesetzgebenden Gewalt mußten zu dem Gelingen einer Reform zusammenwirken; die Volkskammer aber hatte den natürlichen Beruf, den Anstoß zu geben und die Bewegung einzuleiten; die Mittel dazu besaß sie in der Unterstützung durch eine ausgebildete öffentliche Meinung und in einer seltenen Vereinigung von Talenten. Man zählte in dieser Versammlung die Namen von Männern wie Buhl, Fecht, Hüber, von Itzstein, Knapp, von Rotteck (s. Bd. 9), Winter (f. Bd. 12) von Heidelberg, wohlbekannt durch die Landtage von 1819 und 1822, zum Theil durch ehrende Verfolgungen zu den Zeltender Reaction bezeichnet; man zählte die Namen der drei Oppositionsglieder von l825 und 1828, Duttlinger, Föhrenbach und Grimm; literarisch bekannte Namen, wie Mittermaier und Welcker; und neben diesen Namen von altem parlamentarischen oder schriftstellerischen Rufe solche, welche die öffentliche Laufbahn erst betraten, wie Aschbach, Bekk, Herr, Hoffmann, Merk, Rindeschwender, Nutsch- mann und Andere. Die Wahl der Kammer erhob Föhrenbach zum Präsidenten, Rotteck und Duttlinger zu Vicepräsi'denten; die Abgeordneten Duttlinger, Mittermaier, von Itzstein, von Rotteck und Welcker wurden zu Vorständen der fünf Abtheilungen erwählt. Nach den ersten Vorbereitungen ergriff die Volkskammer mit fester Hand die Initiative zu Reformen, wie sie in der Dankadresse bereits angedeutet waren, das Bewußtsein ihrer Aufgabe und ihrer Mittel aus eine großartige Weise ankündigend. So eröffnete sich gleich im Anfang jene Reihe von Motionen, von denen einige auf dem langen Wege von Motionsbegründung, Prüfung in den Abtheilungen und Commissi'onsbericht bis zur Diskussion durch beide Kammern und Übergabe an die Regierung, wenn der vorgelegte Gesetzentwurf wieder dieselbe Bahn zu durchlaufen hatte, erst gegen Ende des Landtags ans Ziel gelangten. Unter diesen Motionen war der Antrag Welcker's auf Censurfreiheit, charakteristisch für die Zeitlage als Federung der ganzen und ungeschmälerten Preßfreiheit, gestützt auf das Vernunftrecht und zugleich auf das historische Recht der Verfassung; die Motion Jtzstein's auf Wiederherstellung der 1825 abgeänderten Artikel der Verfassung, der Theilerneuerung der Kammer statt Gesammterncuerung, und der zweijährigen Landtagsperiode statt der dreijährigen, der politflchen Farbe nach zugleich eine Protestation gegen das Regierungssystem, die Wahlbestechungen und die servile Kammer von 1825; ferner die Motion Duttlinger's auf die Vollendung der Gesetzgebung über Verantwortlichkeit der Minister, wozu noch das in der Verfassung selbst zugesagte Procedurgesetz fehlte. Gleiche ^iK '-teil ..:^i^'^ik '^Niite,,. -^VMw^tie^i -»! liwHwMKM seüNMNW.iMMM- ti die eftchkchch erst!>«: l, Neri, AGM, Krrtsh Baden 147 Alj-r M MMwii liVcrbemWGy^^ ch»»»M»s» »W'w''^s >11 die - ^^eS-S Z"?^>.»< S'Kz politische Bedeutung trugen die Motionen, welche zunächst auf materielle Interessen Bezug hatten; so die Motion Rotteck's auf Ablösung des Zehntens, motivirt durch die Heillosigkeit dieser Abgabe nach Vernunft und Erfahrung, gestützt auf die Federung, das positive Recht auf dem Wege der Gesetzgebung immer mehr dem Ideal des natürlichen Rechtes zu nahern, und auf die Politik, der Revolution die Rechtsbefriedigung als Abwehr entgegenzusetzen; ebenso die Motion Knapp's auf Ablösung der Herrenfrohnen, oder vielmebr auf Herabsetzung des in einem Gesetze von 1820 bestimmten Ablösungsfußes. Die Regierung ihrerseits hatte Gesetzentwürfe für eine Gemeindeordnung, für eine bürgerliche Proceßordnung mit Öffentlichkeit und Mündlichkeit, und für Aufhebung der Staatsfrohnen vorbereitet. Dies war gleichsam der Einschlag zu dem reichen Gewebe der parlamentarischen Verhandlungen, wobei die Hauptfragen jener Motionen den durchgehenden Faden bildeten. Indem die Kammer sich in dieser Richtung bewegte, entwickelte sie den politischen Geist, dem sie bis zu Ende treu blieb, die Auffassung eines nationalen Standpunktes für die Volksrepräsentanten als Theil einer deutschen Gesammtheit, die vorherrschende Einstimmigkeit in allen Hauptfragen, den Reichthum an Intelligenz und Rednertalent, die Verbindung des Glanzenden mit dem Gründlichen und Gediegenen, und endlich jene Charakterfestigkeit und Willenskraft, welche allein den Erfolg sichern konnte. Gleichen Schrittes damit ging das öffentliche Leben des Volkes, sich ausbildend in der parlamentarischen Schule und beurkundet durch die Zeichen der lebendigsten Theilnahme und durch eine Menge von Petitionen für allgemeine Interessen, namentlich für Preßfceiheit. In dieser Einleitungsperiode beobachtete die Regierung eine neutrale, erwartende Haltung, die Adelskammer deren politischer Charakter erst durch die Berührung mit den Antragen der Volkskammer dem Prüfstein unterliegen sollte, ergriff einstweilen für sich eine Initiative in Sachen des Schulwesens, wohin die Motionen Zell's auf Revision der Mittelschulen und Wessenberg's auf Errichtung von Gewerbsschulen und Besserstellung der Volksschullehrer gehörten. Unterdessen kamen in der Volkskammer die erwähnten Motionen nach und nach zur Berathung, zuerst die Wiederherstellung der Verfassung, welche in beiden Kammern angenommen, und wobei auch in der Adelskammer ausgesprochen wurde, daß seit 1825 die Verfassung blos auf dem Papiere bestanden habe. Die Verhandlung über die Herrenfrohnen führte zu dem Beschluß eines funfzehnfachen Ablösungsfußes für die walzenden und eines zehnfachen für die persönlichen Herrenfrohnen, mit Zuziehung von Beiträgen aus der Staatscasse. Bald darauf begründete Welcker noch eine neue Motion auf eine constitutionnellere, wohlfeilere und mehr sichernde Wehrverfassung, gegründet auf Volksbewaffnung und Anwendung des Scharnhorst'schen Systems auf den Verfassungsstaat. So weit waren die ständischen Verhandlungen vorgerückt, als die ersten Resultate erschienen: die Verkündigung der angenommenen Gesetze über Wiederherstellung der Verfassung und Aufhebung der Staatsfrohnen. Dieser Zeitpunkt bildete einen gewissen Abschnitt in der parlamentarischen Geschichte; die ersten Resultate waren zugleich ein Unterpfand für die noch von der Zukunft erwarteten, und bis dahin hatte sich noch keine Differenz zwischen den drei Zweigen der gesetzgebenden Gewalt gezeigt. Im Zun. begann die Berathung über die Gemeindeordnung, mit der Umsicht und Gründlichkeit behandelt, welche das Gemeindewesen als Basis des öffentlichen Lebens in Anspruch nehmen mußte, und durch eine lange Reihe von Sitzungen fortgesetzt, wobei sich Mittermaier als Berichterstatter ein besonderes Verdienst erwarb. Eine vielbesprochene Zwischenverhandlung betraf die Emancipation der Juden, eine Frage, worin die Kammer ge- theilt, wofür die öffentliche Meinung noch nicht gereift schien: der Widerstreit zwischen dem Princip dafür und der Meinung dagegen führte zu dem Beschluß, daß der Regierung die Einleitung zweckmäßiger Maßregeln und die Veranstaltung ei- 10* !48 Baden ner Versammlung von Israeliten zu diesem Zweck überlassen werden sollte. In der Mitte des Zun. kam die Preßsreiheit zum Bericht, gegen Ende des Monats zur Verhandlung. .Dieser anerkannte Lebenspunkt des constitutionnellen Systems wurde auf das vielseitigste erörtert, selbst einfache Landleute traten als Redner auf. Als neue Momente in einem so oft behandelten Stoffe erschienen theils die aus der neuen Zeit gegriffene Erfahrungslehre, daß die Preßfreiheit als warnend vor der Revolution schütze, theils die Festsetzung des Verhältnisses zu den Beschränkungen des Bundestags, wobei die NichtVerbindlichkeit eines blos provisorisch ge-, gebenen Ausnahmegesetzes gegen die eignen Verpflichtungen der Bundesacte, gegen den Ausspruch der Verfassung und gegen das constitutionnelle Princip energisch geltend gemacht wurde. Im folgenden Monat wurde eine andere Hauptfrage erörtert. Es wurde Bericht erstattet und verhandelt über die Zehntablösung, und nach lebhaften Debatten über den Ursprung des Zehntens aus Privat- oder öffentlichem Recht, über seinen Charakter als gutsherrliche Abgabe oder als Steuer, über achtzehn-, fünfzehn-, zwölf- oder zehnfachen Ablösungsfuß, siegte der funfzehnfache mit der Bestimmung, daß ein Dritttheil aus Staatsmitteln beigetragen werden sollte. Unterdessen hatte die Adelskammer schon im Jun. die erste Differenz angeregt, indem sie sich dem Beschlüsse der Volkskammer über die Herrenfrohnen nicht anschloß; im August wurde indeß diese Spur von Misverhaltniß wieder etwas verwischt, da sie auf den Bericht Wcssenberg's dem Antrag auf unbeschrankte Preßfreiheit mit Einschluß der Schwurgerichte beitrat. Zu dieser Zeit entstand eine gewisse Spannung durch den Eintritt Türkheim's, eines Mitgliedes der Adelskammer und Repräsentanten aristokratischer Grundsätze, in das Ministerium des Auswärtigen. Aus diesem Verhältniß entwickelten sich häusige Anfragen in Bezug auf Schritte des Ministeriums von politischer Tendenz, so unter andern wegen ungesetzlicher Behandlung eines politischen Flüchtlings aus der Schweiz und wegen Ernennung eines illiberalen Censors, wobei der Staatsrath Winter die betreffende Sitzung für de- plorabel erklärte. Ein neuer Anlaß zur Verstimmung fand sich bei der Prüfungen in der letzten Budgetsperiode verwendeten Staatsgelder, worüber noch im August die Verhandlung begann. Es zeigten sich Überschreitungen, ungesetzliche Maßregeln und Verschleuderungen in großer Anzahl, die ganze Heillosigkeit der vorigen Regierung wurde aufgedeckt. Die Kammer reclamirtc bedeutende Summen, zum Theil aus der Verlassenschaftsmasse des Großherzogs Ludwig selbst, der z. B. neben der Civilliste ungesetzlicherweise noch eine Besoldung als Kriegsminister bezogen hatte; andere Summen wurden nachbewilligt, wie die Überschreitung von 132,000 Fl. bei dem Penstonsfonds, wobei jedoch die Revision verlangt wurde; in andern Punkten wurde Beschwerdesührung beschlossen, wie gegen die am schwersten compromittirten Vorstände der Forst- und der Militairadministration, welche sich durch Berufung auf unconstitutionnelle Cabinetsbefehle zu rechtfertigen suchten. Ein durch Ankauf von Staatspapieren verursachter Verlust von 100,000 Fl. bei der Amortisationscassc wurde in Betracht der guten Absicht nachgesehen, entging jedoch mit Noch der Bestimmung zu einem weitern Beschwerdepunkt. Zwischen diese Verhandlungen, welche sich durch die Monate August und September hinzogen, siel die Verhandlung Uder die sogenannten landesherrlichen Declaratio- mn, welche als einseitig erlassene Gesetzbestimmungen über die Verhältnisse der Standes- und Grundherren für rechtsungültig erklärt wurden, und die Discus- sion über die Verantwortlichkeit der Minister, wobei das Anklagerecht für jede Kammer einzeln, und ein großes Schwurgericht aus Notabeln als Staatsgerichtshof angesprochen wurde. Während man sehnsüchtig der Vorlage eines Preßgesetzes harrte, welche nach der Übergabe der betreffenden Adresse im Anfang Septembers als ganz nahe angekündigt worden war, erscholl die Kunde von dem Falle Warschaus, einer Katastrophe, welche zu rief in die europäischen Verhältnisse eingriff, >''«>>«»'1<>« >AWj, Mch» "!«ch? ""»»l» ^tWL?UW! Baden 149 MsiÄfiif^lklWAstss SMmkmchMÄM ÄlW,MMMr. ÜMhWilKlWM MiÄMM.W UkrzL.V lchNchld!^ P ltMidi; »GM«», > I jM ^ fck M Ml-V»? S--Ä 'SM um nicht auch auf die parlamentarischen in Deutschland Einfluß zu äußern. Hatten die Siege Polens die politischen Fortschritte in Deutschland begünstigt, so ließ die Niederlage eine rückgangige Bewegung fürchten; der Eintritt Türkheim's in das Ministerium hatte schon vorher das Vertrauen beeinträchtigt, auch die Adelskammer hatte sich bei der Verhandlung über Zehntablösung bereits in offene Opposition mit der Volkskammer gesetzt. Aber diese, anstatt sich zur Resignation anzuschicken, wie es anderswo geschah, steigerte vielmehr ihre Kraft mit dem steigenden Maße des Widerstandes. Noch im September erklärten die Präsidenten der Abtheilungen: ohne Preßfreiheit kein Budget. Im October reifte die unvermeidliche gewordene Krisis zum Ausbruch. Am 5. verhandelte die Volkskammer in geheimer Sitzung über die Frage eines Zollvereins mit Preußen. Unter dem Volke herrschte eine tiefe politische Abneigung gegen so nahe Verbindung mit der Übermacht, in der Kammer selbst waren die Stimmen getheilt, und nur mit einer Stimme Majorität wurde beschlossen, die Regierung zu Unterhandlungen zu bevollmächtigen, jedoch mit beigefügten Wünschen und Bedingungen für niedere Zollsätze. Die politische Seite der Aollfrage erneuerte die Mahnung an die Vorlage der Gesetze, welche als constitutionnelle Garantien angesprochen und zugesagt worden waren. Von nun an singen die Sitzungen an, stürmisch zu werden. Es bestand ein Streitpunkt wegen der von der Kammer gefederten Vorlage der provisorischen Gesetze zur ständischen Genehmigung; die Verhandlung über Bckk's Motion in Bezug auf Zulassigkeit und Wirksamkeit der provisorischen Gesetze und allgemeinen Verordnungen regte diesen Streitpunkt von Neuem an; es sielen Äußerungen über das Recht des Widerstandes gegen ungesetzliche Verfügungen, und eine andere Streitfrage, die von dem Ministerium verweigerte Mittheilung der Pensionsliste zum Druck, verstärkte noch die obwaltenden Mißverhältnisse. Die Kammer drang namentlich auf die Vorlage des Gesetzes über Preßfreiheit, es ertönten bittere Klagen über si'ebenmonatliche Berathungen ohne Frucht; die Regierungscommissaire erwiderten gereizt: — so Winter, man mache die Gesetze nicht wie Kaninchen; Böckh, man möge ihn mit den beständigen Mahnungen ungeschoren lassen. Am 1.3. Oct. erfolgte die Entwicklung dieser Krisis. Vor dem Anfange der Verhandlung über das Budget erklärte die Kammer durch das Organ der ausgezeichnetsten Wortführer, daß sie bis zur Bewilligung der Preßfreiheit und der übrigen versprochenen Gesetze die Endabstimmung über das Budget und die Verwilligung der Steuern zurückhalten werde. Die Minister gaben neue Zusagen, aber am 15. entstand eine neue Spannung. Welcker wollte seine angekündigte Motion in Bezug auf den Bundestag begründen, worin die Erfüllung der Verheißungen der Bundesacte, besonders des Art. 13 über ständische Verfassungen, die Verpflichtung der Bundestagsgesandten consti- tutionneller Staaten zur Abstimmung in constitutionnellem Sinn und Geist, die Einführung einer aus den Kammern gewählten Nationalrepräsentation als De- putirtenkammer neben der Bundesversammlung und die organische Entwicklung des Bundes zum Zweck deutscher Nationaleinheit, berührt waren. Die Regierungscommissaire widersetzten sich, die Eompeten; bestreitend, und drohten endlich den Saal zu verlassen. Welcker bestand auf dem Rechte der freien Rede, die Kammer entschied sich für das Anhören des Vortrags, und die Regierungscommissaire traten ab, mit ihnen die drei Abgeordneten Grimm, Äpeyerer, Regenauer, nicht ohne einen gewissen Anstrich des Lächerlichen. Die Motionsrede wurde sofort gehalten, die Berathung jedoch auf den nächsten Landtag vertagt, und Rotteck, der in dieser stürmischen Sitzung präsidirte, erklärte dabei: die Motion gehe zwar nicht in die Abtheilungen der Kammer, aber in die Abtheilungen der deutschen Nation; Bericht erstatten werde die freie Presse, richten die öffentliche Meinung. Mit die- 'em Wendepunkte entschied sich das Schicksal des Landtags. Die Auflösung der !50 Baden Kammer, welche bedenkliche Auftritte besorgen ließ, erfolgte nicht; die Regierung gab blos ein Refcript, das mit erneuerter Erklärung gegen jene Motion zugleich den Wunsch eines gütlichen Schlusses ausdrückte, das aber die Kammer, sich in diesen Ausweg findend, mit Verwahrung der ständischen Rechte zu den Acten legte. Nachdem die Bahn gebrochen war, folgten nunmehr nach einander die erwarteten Gefetzentwürfe: am 31. das Preßgefetz, wenn auch ohne Schwurgerichte und nur mit Preßfreiheit für die innern Angelegenheiten, so doch Stoff zur Umarbeitung; am 36. der Gefetzentwurf über Aufhebung der Herrenfrohnen, wenn auch mit höherer Bestimmung des Ablöfungsfußes. Während die Volkskammer sich vorzugsweise mit Budgetverhandlungen beschäftigte, trat die Adelskammer immer mehr in erklärte Opposition, sodaß eins ihrer ausgezeichnetsten Mitglieder, Nessenberg, unmuthig über die vorherrschende Richtung seiner Collegen, den Landtag verließ. Ein Gesetz gegen Wildschäden und für Aufstellung von Gemeindewildfchützen scheiterte an dem Widerstand jener Kammer und gelangte auch nachher, obschon zwischen beiden Kammern hin und her gewiesen, nicht mehr zur Erledigung. Als Unterpfand der zugesagten Zehntablösung halte die Regierung zwei Gesetze über Aufhebung des Blutzehntens und des Neubruchzehntens vorgelegt; das letzte wurde von der Adelskammer umgestoßen. Da trat Rotteck am 1?. Nov. mit energischen Anträgen gegen die Tendenz dieser Kammer auf, an der die Verständigung zwischen Volk und Regierung sich brechen sollte, und die ausgezeichnetsten Mitglieder der Volkskammer sprachen in gleichem Sinn, Jtzstein sogar mit einer Erinnerung an den Vorzug, wenn blos eine Kammer bestände. Der Ausdruck Rotteck's: „eine Handvoll Junker", veranlaßte eine Reklamation von Seiten der Adelskammer, neue Erklärungen, worin die wunde Seite noch ein Mal berührt wurde, und von mehren Seiten beifällige Adressen an die Kammer der Abgeordneten. Noch vor diesem Zwischenfall war in geheimer Sitzung über die alte, zwischen Baden und Baiern streitige Sponheimische Angelegenheit (f. d.) verhandelt worden, neu angeregt durch die Frage des preußischen Zollvereins, welche für den Eintritt Baierns die Wegräumung dieser Differenz wünschen ließ, und durch diplomatische Unterhandlungen über eine absindungsweife zu gewährende kleinere Abtretung. Diese Streitsache bildete ein durchgehendes inneres Moment in dem Gange des Landtags, da die Regierung aus einem und demselben Grunde die Eintracht mit den Ständen und dem Volk und zugleich die Vermeidung des Anstoßes gegen Außen wünschte. Die Volkskammer erklärte sich unbedingt und einstimmig gegen jede Abtretung, gestützt auf das constitutionnelle Recht, wonach kein Volk als Sache der Gegenstand einer Vererbung sein könne, deren Fall überdies vor dem Aussterben des Fürstenstammes noch nicht eintrete, gestützt auf die in den Verfassungen beider Länder ausgesprochene Integrität, auf die Unberührtheit Badens von den Ansprüchen, welche Baiern nach dem rieder Vertrag an Ostreich hatte, und endlich auf die gegebene Garantie in neucrn Staatsverträgen, welche die frühern Bedingungen aufhoben. Zwischen diesen Verhandlungen hin zogen sich in einer langen Reihe von Sitzungen, durch die drei letzten Monate fortlaufend, die Budgetverhandlungen, wobei die bis in die Einzelheiten eingehende Prüfung der Budgetscommission und der in ihrem Namen erstattete Bericht Jtzstein's zum Grunde lagen. Den Charakter dieser Verhandlungen bezeichnete ein vorherrschender Drang nach Erfparniß und Vereinfachung der Administration, verbunden mit Gründlichkeit, Umsicht und genauer Nachweisung, wie und wo eine durchgreifende Verbesserung stattfinden könne, und daher von einer großen Anzahl wohlbegrundeter Anträge begleitet. Eine politische Seite bot dabei unter andern der Punkt der Bundesverhältnisse, wobei starke Äußerungen dagegen laut wurden. Schon der Commissionsbericht hatte ein Bild von dem allgemeinen Zustande Deutschlands im Contrast mit den frühern Verheißungen gezeichnet; bei den Ko- Baden 151 sten der Mainzer Untersuchungscommissi'on, wozu Baden 77,000 Fl. über Verpflichtung gegeben, wurde diese Commission eine „Schandsaule" Deutschlands genannt, bei dem Beitrag für die Bundesfestungen verlangte die Kammer Nachweisung über die 20 Millionen Francs, welche Frankreich für Bundesfestungen bezahlt hatte, und von welchen nichts bekannt wurde als die NichtVerwendung. Schon damals sahen sich die Regierungscommissaire veranlaßt, um Schonung für diese Verhältnisse zu bitten; im December erhob sich eine andere Opposition gegen den Bundestag, der die karlsbader Ordonnanzen erneuerte. In der Sitzung vom 2. Dec. stellte Rotteck über die Theilnahmc des badischen Gesandten ^ ^ und die Haltung der Regierung in diesem Betreff rügende Anfrage an Türkheim, den Minister des Auswärtigen, der sich nur schwach vertheidigte; die übrigen Redner sprachen gleich energisch, die Kammer selbst legre auf Notteck's Antrag feierliche - - - - Protestatio» gegen jene Beschlüsse ein, als einen Eingriff in die Verfassung und Souverainetät Badens. Zugleich wurde eine sich gegen die gesetzgebende Gewalt "h. auflehnende Adresse der Fürsten von Löwenstein abgefertigt und von dem Staats- ^'chtens ^ ^'i rath Winter felbst als „unverständig" bezeichnet. Indessen nahte sich der Landtag ^ kill ^ seinem Ende, der Stoff drängte sich zusammen, Manches mußte, weil es an Zeit ' ^ M mangelte, oder wegen obwaltender Differenzen mit der Adelskammer, zurückgelegt ^^ ^werden, so die Motion auf eine conftitutionnelle Wehrverfassung, die Verantwort- lichkeit der Minister, eine erst im November begründete Motion auf Einführung - eines allgemeinen Verfassungseides und andere Motionen von Wichtigkeit. Bei ' manchen Punkten ergriff die Volkskammer den Ausweg, ihre Wünsche in das Pro- MtzMWmgW eile ^ niederzulegen oder eine besondere Adresse an den Thron gelangen zu lassen. 7"'Andere Gegenstände, zwischen beiden Kammern hin und her wandernd und die reichst nothwendige Vereinbarung suchend, gelangten nach gegenseitigen Concessi'onen zur endlichen Erledigung. Auch die so lange streitigen provisorischen Gesetze wurden nach und nach vorgelegt und mir Abänderungen angenommen, darunter namentlich die Gensdarmerieordnung, bis zu deren Vorlage früher die Kosten verweigert worden waren. Auf solche Weise lieferte der December die parlamentarischen Resultate, eine Reihe von Gesetzen, welche, wenn auch zum Theil schon viel früher verhandelt, in diesem Monat von letzter Hand verarbeitet und erledigt wurden. Unter ^ «diMchmt diesen war ein Injuriengesetz, die Civilproceßordnung mit Mündlichkeit und Oft NW-K Mb- ftntlichkeit, eine Milirairdienstpragmatik, ein Gesetz über Verfassung und Verwaltung der Amortisationscasse, ein Appanagengesetz und die nach langem Zwiespalt mit der Adelskammer endlich durchgegangene Gemeindeordnung. Am wichtigsten aber war der Sieg der Preßfreiheit, zur Hälfte schon gewonnen in der Pro- testation vom 2. December. Die Volkskammer, unter fortwährend eingehenden ^ ^ Petitionen um vollkommene Preßfreiheit, hatte aus der Vorlage des Ministeriums Ä, y ein ganz neues Gesetz gemacht, mit Schwurgerichten und allen Garantien unge- ' W Dr schmälerter Preßfreiheit, und mit der feinen Wendung, nach den Worten der karls- ^ MN bader Ordonnanzen eine „vorgängige Genehmhaltung" statt der Cenfur zuzulassen, tilslN das Umgehen derselben aber straflos zu setzen, wenn nicht der Inhalt der Druckschrift gerichtlich verurtheilt würde. Dieser Lebenspunkt ging auch in der Adelskammer durch, vorzüglich durch den patriotischen Eifer Fürstenberg's und Zell's. und trotz der Opposition des Ministers Türkheim, der dafür neue Rügen in der Kammer der ^ Abgeordneten zu erfahren hatte. Obschon die Schwurgerichte und einige andere ^ Bestimmungen dabei verloren gegangen, so schloß doch die Volkskammer sich an, und so kam die Vereinbarung über das Preßgesetz zu Stande am 24. Dec., mit erneuerten Erklärungen gegen die Verbindlichkeit der Bundesbeschrankungen. ^ Überhaupt wurden geistige und materielle Interessen mit gleicher Fürsorge bedacht. A^ Für die Besserstellung der Volksschullehrer waren 30,000 Fl. ausgeworfen wor- ^ den, wobei zugleich tiefgreifende Vorschlage im Interesse des Schulwesens über- ^ !>' 152 Baden Haupt, des Gegenstandes mehrer Motionen und zahlreicher Petitionen, nach dem Bericht Winter's von Heidelberg beschlossen wurden. Einige Accisegattungen im Betrag von 55,000 Fl. wurden aufgehoben; das Gesetz über die Herrenfrohnen ging durch mir achtzehnfachem Ablöfungsfuß für die walzenden, mit zwölffachem für die persönlichen und mir Bestimmung eines zu ein Drittel und zur Halffe zu leistenden Beitrags aus Staatsmitteln-, zu der Aufhebung des Blutzehntens kam auch die des Neubruchzehntens, da die Adclskammer ihren frühern scharf gerügten Widerstand aufgab. Unterdessen neigten sich die Budgetverhandlungen zum Ende, nachdem in der Sitzung vom IV. Dec. die letzte Gefahr eines Bruchs in der Verhandlung des Militairetats vorübergegangen war. Die Regierung selbst hatte vor der Verhandlung den ersten Budgetsatz für beide Finanzjahrs um 280,000 Fl. ermaßigt; die Kammer, auf den gründlichen und unwiderlegten Bericht Hoff- mann's, entschied sich nach heftigen Debatten mit den Regierungscommifsai- ren für weitere Herabsetzung um 177,000 Fl., eine Herabsetzung, welche auf das Entgegenkommen der Regierung gegen die ersten Antrage etwas gemildert war und, wie alle Hauptfragen dieses Landtags, einstimmig beschlossen wurde. Nun war. nachdem es sich noch wenige Tage vorher neuerdings um Auflösung der Kammer gehandelt hatte, der Erfolg des Landtags gesichert. Eine der letzten Verhandlungen betraf die Verwendung des Gesammt- tüberschusses der Einnahme mit 595,991 Fl., welche als Staatsbeitrag zur künsi tigen Zehntablösung bestimmt wurden; als weitere Resultate zeigten sich nach dem Vortrag des Finanzminifters eine Erleichterung an Lasten gegen das Budget von 184? um 747,000 Fl., und neue Ausgaben zum allgemeinen Besten ohne Steuererhöhung 290,000 Fl. Bei allen Ersparnissen hatte man Mittel gefunden, manche Budgetsatze zu erhöhen, wie namentlich die für Lehranstalten, Fluß- bau, Schuldentilgung u. a.; ein gewisser Betrag der Landschaftsschulden war auf die Staatscasse übernommen worden, die Aufhebung der Straßenbaufrohnen repräsentirte ebenfalls einen Werth von 250,000 Fl. Zwischen diese Verhandlungen drängte sich die fortgesetzte Erledigung von Petitionen, deren im Ganzen über 1000 eingelaufen waren, darunter viele in Beziehung auf öffentliche Interessen, Gewerbswesen, Preßfreiheit, Zehntfreiheit, Frohnfreiheit, Zollverein, Gc- meindeverhältnisse, Schulwesen u. s. w., welche in den betreffenden Discussio- nen mitverhandelt wurden; auch eine Petition von Laien und Geistlichen um geeignete Schritte zur Aufhebung des Cölibats, welche mit Empfehlung an das Staatsministerium überwiesen wurde. Während der Landtag sich den Endresultaten näherte, erhielt die Volkskammer aus allen Theilen des Landes Dankadressen, von den Ortsvorständen und angesehensten Bürgern unterzeichnet, zum Theil mit 1000—1700 Unterschriften bedeckt, den 'Ausdruck der Sympathie der öffentlichen Meinung mit der politischen Haltung der Kammer überhaupt, besonders aber mit der Protestation vom 2. Dec., welche auf solche Weise eine Pro- teftation des ganzen Volks wurde. Unter einem wahren Gedränge parlamentarischer Arbeiten, welche noch auf Erledigung Anspruch machten, gingen die letzten Sitzungen hin, gewöhnlich bis tief in die Nacht verlängert; Kammer und Regierung tauschten gegenseitige Glückwünsche wegen des guten Ausgangs aus, und am 31. Dec. erfolgte in gutem Einvernehmen der Schluß des Landtags, dessen constitutionnelle Erfolge, so oft durch Widerstand von Innen und Entgegenwirken von Außen gefährdet, sich durch alle Hindernisse hindurch Bahn gebrochen hatten. In der mehr als neunmonatlichen Dauer desselben war eine Masse von Stoff zusammengedrängt, die sich in dieser gedrängten Ubersicht nur unvollständig wiedergeben ließ: die Volkskammer hatte in einer Reihe von 171 Sitzungen nicht weniger als 38 Gesetze angenommen, andere berathen und zurückgewiesen, 32 Motionen verhandelt. Dem Umfang einer so rühmlichen Thätigkeit entsprach die Baer 153 Tendenz derselben und der Geist des Erfolgs. Preßfreiheit, Zehntfreiheit, Frohn- freiheit — das war vom Anfang an das Hauptziel der parlamentarischen Bestrebungen; zwei dieser Federungen waren erreicht, die Zehntfreiheit aber durch of- sicielle Erklärungen den Verhandlungen des nächsten Landtags zugewiesen, als Unterpfand die Aufhebung des Blut- und Novalzehntens gegeben. So große Erfolge verdankte die Kammer der imponirenden Einstimmigkeit unter sich und mit der öffentlichen Meinung, — dem Reichthum an Intelligenz in Verbindung mit consequentem beharrlichen Willen,— dem Charakter des wahren Muthes, der durch Widerstand nur erhoben wurde, und gerade nach dem Falle Warschaus, als ringsum alle Verhältnisse sich rückwärts neigten, die größte Spannkraft entwickelte, — endlich der kräftigen Unterstützung durch den Geist des Volkes, wodurch sie weit über die Grenzen Badens hinaus eine moralische Macht wurde und als solche Achtung gebot. Wie diese Kammer eine echtdeutsche Volksvertretung war, mit allen Vorzügen des deutschen Charakters, gründlich mit Begeisterung und ruhig mit Kraft, so hielt sie auch durchgehende — in der Dankadresse zuerst, dann in den Budgetsverhandlungen, in den Erörterungen der Bundesverhältnisse, in Sachen der Preßfreiheit, des Handels, der Zollvereine, zuletzt in der Proteftation gegen Bundesbeschlüsse—die nationale Richtung fest, sich fühlend als Theil der deutschen Nationalreprasentation, und wohl wissend, daß von dem geistigen Bunde mit der ganzen deutschen Nation ihre eigne Kraft wirksam emporgehoben und getragen werde. Erwägt man den natürlichen Charakter einer Propaganda, der sich von selbst schon in dem Dasein einer politischen Verbesserung befindet, den Einfluß eines solchen Beispiels auf den Geist der deutschen Nation überhaupt, und die wichtige Stellung Deutschlands inmitten widerstreitender politischen Principien, erinnernd an seine ehemalige Stellung in der kirchlichen Reform, und mit dem abermaligen Beruf, den Ausschlag zu geben, so wird man leicht zu dem Urtheil gelangen: der badische Landtag von 183s war von unberechenbarer Bedeutung, für Baden nicht nur, sondern für Deutschland, ja für Europa; die Kaminer aber, welche solche Resultate schuf, war eine parlamentarische Erscheinung, wie sie in Deutschland nie, in Ländern von älterer constitutionnellen Ausbildung nur selten gesehen worden war. Sind dies weitaussehende Folgen, so waren die nächsten für Baden selbst von dem höchsten Gewichte. Wahrend in andern Theilen Deutschlands eine gereizte Stimmung herrschte, bot Baden ein wohlthuendes Bild von Zufriedenheit; die heimkehrenden Deputirten wurden mit glanzenden Festlichkeiten und Dankbezeigungen empfangen, die öffentliche Meinung feierte den Triumph des constitutionnellen Lebens. Die Regierung, nachdem die Bedenklichkeiten einmal überwunden waren, freute sich selbst des Erfolges, zu dem sie mitgewirkt; die angenommenen Gesetze wurden in rascher Folge verkündigt, eine neue Organisation der Verwaltung im Geiste der Budgetverhandlungen ward verfügt, eine Einmischung des Bundestags gegen das Preßgesetz, das am l. März ins Leben trat, zurückgewiesen. Die Folgen dieser Verhältnisse waren gleich vortheilhaft für Volk und Regierung. Die Eintracht zwischen beiden gab dem Throne eine feste moralische Stütze, der Gewinn für materielle Interessen aus dem Verfassungsleben befestigte auf eine sehr wirksame Weise den constitutionnellen Geist, das öffentliche Leben verschmolz das badische Volk, früher aus so vielfarbigen Elementen zusammengeworfen, immer mehr zu einem wahren organischen Ganzen, diese Einheit aber und die politische Mündigkeit erhöhte die Volkskraft und mit ihr die Kraft des Staates und der Regierung; endlich gewann Baden durch alles dieses ein moralisches Ansehen und eine politische Bedeutung in Deutschest land, auf welche der Umfang und die materiellen Kräfte des Landes nie einen ent- fernten Anspruch eröffnet hätten. (22) Baer (Karl Ernst von), Professor der Zoologie und Anatomie zu Königsberg, wurde am 17. Febr. 1792 in Esthland auf dem Landgute seines Vaters 154 Baer geboren. Bis zum sechzehnten Jahre erhielt er Privatunterricht im väterlichen Hause. Ein Zufall führte dem zehnjährigen Knaben Koch's botanisches Handbuch zu und wurde entscheidend für sein Leben, indem er nach diesem Buche ohne fremde Anleitung sich dem Studium der Pflanzenkunde widmete. Er trat dann in die Ritter- und Domschule zu Reval, wo die trefflichen Lehrer Mehrmann und Bla- sche wohlthätig auf ihn wirkten; aber auch hier wurde jeder freie Tag der Botanik gewidmet. Diese Wissenschaft bestimmte ihn beim Abgange von der Schule das Studium der Medicin zu wählen, dem er von 1810— 14 in Dorpat oblag, mit Unterbrechung eines Semesters, welches er während der französischen Invasion mit mehren Commilitonen in den Lazarethen zu Riga zubrachte, um bei der großen politischen Aufregung der Jahre 1812 und 1813 nicht ohne An- theil zu bleiben. In Dorpat wirkten vorzüglich drei Männer auf ihn ein: Parrot durch die Consequenz und Bestimmtheit in seinen vortrefflichen Vortragen über Physik, Ledebour durch wissenschaftliche Unterstützung vielfacher Art, und vorzüglich Burdach, der, 1812 als Lehrer der Anatomie und Physiologie auftretend, im Studium der Naturwissenschaften ein höheres Ziel als die Kennt- niß der Einzelheiten verfolgen lehrte. B. suchte jedoch die Neigung zur Naturgeschichte auf der Universität gewaltsam zu unterdrücken, weil in Rußland, wo die Zahl der Lehrstellen an den Universitäten genau bestimmt ist, gar keine Aussicht für einen jungen Naturforscher vorhanden war. So war denn auch der Zweck einer nach Deutschland unternommenen wissenschaftlichen Reise die praktische Medicin. In Würzburg aber wurde B. durch Döllinger's nähern Umgang und geistvolle Behandlung der Naturwissenschaft an die vergleichende Anatomie gefesselt, die er bis dahin nur dem Namen nach kennen gelernt hatte. Um Döllinger war damals ein Kreis junger Männer versammelt, dem er mit vieler Aufopferung seine Zeit widmete, und auf welchen auch Nees von Esenbeck, damals in Sickershausen, sehr aufregend einwirkte. B. wurde Veranlassung, daß dieser Kreis sich durch Ur. Pander vermehrte, mit welchem Döllinger die erfolgreichen Untersuchungen über Entwicklungsgeschichte begann. Während in diesen Umgebungen B. die wissenschaftliche Laufbahn als höchstes Ziel seiner Wünsche 'betrachten gelernt hatte, erhielt er von Burdach, der unterdessen Professor der Anatomie und Physiologie in Königsberg geworden war, die Auffoderung, dort Prosector zu werden, welche er gern annahm. 181? ward er Prosector, 1819 Professor extraordinarius für Zoologie, und bald Professor ordinarius, als welchem ihm die Gründung eines zoologischen Museums zu Königsberg übertragen wurde. 1826 trat ihm Burdach auch die Leitung der anatomischen Anstalt ab. Auf einen erhaltenen Ruf ging er 1829 nach St.-Petersburg, gab aber schon im folgenden Jahre, durch Familienverhältnisse bewogen, seine dortige sehr ehrenvolle Stelle als Mitglied der kaiserlichen Akademie wieder auf und kehrte nach Königsberg zurück. — Nach diesem Abriß seines äußern Lebens haben wir noch die wissenschaftliche Thätigkeit V.'s zu bezeichnen. Er ist nicht nur ein äußerst glücklicher, beliebter und durch geistreiche Vorträge anregender Lehrer, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Schriftsteller seines Faches. Außer einer trefflichen populairen „Anthropologie" (Königsberg 1824), von welcher er uns leider den zweiten Theil schuldig geblieben ist, beziehen sich seine wissenschaftlichen Arbeiten auf vergleichende Anatomie und in neuester Zeit vorzüglich auf die Entwicklungsgeschichte der organischen Körper, welche er als den eigentlichen Leitstern für die vergleichende Anatomie und für die Auffassung eines natürlichen Systems, des höchsten Zieles der Morphologie, darzustellen sich bestrebt. Von diesen Arbeiten sind die wichtigsten: „Lpistolu cle c»vi mummuliiim et tmmillis Aenesi" (Leipzig 1827, 4.) und „über Entwicklungsgeschichte der Thiere" (erster Bd., Königsberg 1828,4.), von welchem Werke der zweite Band nächstens erscheinen soll. Alle Arbeiten V.'s charakterisirt die strengste 5"! - ^ ^lrchn M htzti- !N!^iMM«ckll,«!ch!! '-k ! »'<. Baiern 155 «KM ..D ^'l :: Mkichj-,, Genauigkeit in der Untersuchung des Einzelnen und das bestimmte Bewußtsein, mit welchem Grade von Sicherheit eine allgemeine Lehre aus den einzelnen ihr zum Grunde liegenden Thatsachen zu folgern ist; alle zeichnet, selbst bei den dunkelsten Gegenstanden, das Talent anmuthiger Darstellung und das erfrischende Wesen eines Geistes aus, der mit eigenthümlicher Klarheit und Warme die Naturwissenschaft nur als die Schöpfungsgeschichte s posteriori, als die Lehre von Gott und als die Grundlage für die höhere Entwicklung der Menschheit betrachtet. Was die Philosophie, und namentlich die Naturphilosophie, langst anerkannt hatte: daß nämlich alle Zeugung nur scheinbar, in der That aber nur eine Umbildung des Bestehenden, also das Dasein nur fortgesetzte Schöpfung sei, — diese Lehre hat zuerst B. mit dem Messer und Mikroskop nachgewiesen und so das wahre Ziel der Naturforschung verfolgt. Noch viele wichtige Bereicherungen der Wissenschaft dürfen wir von seinem rastlosen Eifer und seinem Genius erwarten, aber auch schon jetzt tragen wir kein Bedenken, B. zu den ersten und geistreichsten Naturforschern unserer Zeit zu zahlen. Der moralische Charakter eines mit so reinem und frommem Sinne der Natur ergebenen Mannes kann nur edel und vortrefflich sein, und so ist auch B., mit großer persönlicher Liebenswürdigkeit begabt, durchaus musterhaft in seinen Verhaltnissen als Gatte, Vater, Freund und öffentlicher Lehrer. ^ (23) *Baiern. Veränderungen in der-Person des Regenten pflegen meist auch von einer Veränderung des Systems der Regierung in dem Gange der Verwaltung begleitet zu sein, welche auf den ganzen Staatsorganismus einen wesentlichen Einfluß haben. Mit einem solchen Regierungswechsel beginnt daher gewöhnlich auch eine neue Periode in der Geschichte eines Landes. Baiern erfuhr einen solchen Umschwung, als zu Anfang unsers Jahrhunderts Maximilian Joseph die Zügel der Regierung ergriff und als souverainer Fürst Reformen unternahm, welche in ihrem Bedürfnis nothwendig und zeitgemäß, in ihren Gegenständen vielseitig, umfassend und wichtig, überdacht und weise in ihren Grundsätzen, in ihrer Ausführung energisch und gerecht, und segensreich in ihren Erfolgen waren. Das alte Institut der bairi- schen Landstände hatte sich längst überlebt, und seinem Schattendasein wurde 1805 fast nur noch als Formalität ein Ende gemacht. Die Thatkraft eines Menschenalters ward in den Zeitraum von sechs Jahren zusammengedrängt, und Baiern war von 1799 — 1805 weiter als früher in einem Jahrhundert vorgeschritten. In die großen politischen Bewegungen jener Zeit verflochten und dadurch zu schweren Opfern an Geld und Menschen genöthigt, entfaltete Baiern eine hohe materielle und moralische Kraft und errang damit die erste Stellung unter den deutschen Machten zweiten Rangs, eine würdige Selbständigkeit, einen bedeutenden Gebietszuwachs und die sichere Aussicht, unter einer guten Verwaltung in einer ruhigem Zukunft seine reichen intensiven Kräfte immer mehr zu entwickeln. Nach dem allgemeinen Frieden waren die Beziehungen Baierns nach Außen, der Natur seiner politischen Bedeutsamkeit nach, von keinem Belang; und von da wird denn auch die Geschichte dieses Landes eigentlich nur Geschichte seiner Regierung, seiner Verwaltung oder des innern Staatshaushalts, sei es nun, daß diese mit dem Geiste der Zeit, den Bedürfnissen und Wünschen des Volks übereinstimmen oder nicht. So viel auch die bairische Regierung gethan hatte, so blieb ihr doch nicht wenig zu thun übrig. Baiern war ein durch politische Wechselfälle neu gebildetes Aggregat der mannichfaltigsten Substanzen. In den legislativen, wissenschaftlichen, kirchlichen, industriellen und vielen andern bürgerlichen Verhältnissen seiner 4 Mill. Einwohner bestand eine große Verschiedenheit. Es war nothwendig, diese heterogenen Massen durch eine allgemeine Verfassung zu assimiliren, oder wenigstens dadurch die Möglichkeit einer Verschmelzung herbeizuführen. Diese octroyirte repräsentative Verfassung erschien, wol auch in Folge der deutschen Bundesatte, 1818 und 156 Baiern machte den bisherigen Schwankungen in den Formen der Verwaltung ein Ende, stellte, wiewol meist nur nach schon bestandenen Normen, die Rechte der Staatsbürger fest, theilte die gesetzgebende Gewalt mit der Nationalrepräsentation und hob folglich die bisherige unbeschrankte Herrschaft im Innern auf. Vergleicht man diese Constitution mit den in den letzten Iahren in andern deutschen Staaten erschienenen Verfassungen, beurtheilt man sie nach den Grundsätzen des inneuern Zeiten ausgebildeten allgemeinen constitutionnellen Staatsrechts, und beobachtet man die Resultate ihrer Anwendung, ihrer Vollziehung, so kann man sich, so manches Gute sie hat, die Unvollkommenhciten derselben nicht verbergen, und sie erscheint als ein bloßer Versuch, der nur eigentlich erst mit Benutzung seines Guten und mit Verbesserung seiner Mangel zu einem den Federungen der Zeit, des Rechts, der natürlichen Freiheit und der Wahrheit entsprechenden Werke umgearbeitet werden sollte. Es würde zu weit führen und die Grenzen dieser geschichtlichen Übersicht überschreiten, wollte man den Ursachen der Gebrechen nachspüren, an welchen diese Verfassung unverkennbar leidet. Aber als Hauptgrund darf man unbedenklich den wichtigen Umstand annehmen, daß sie ohne Theilnahme der Nation gegeben wurde, folglich der ersten und wesentlichen Eigenschaft eines Staatsgrundgesetzes ermangelt. Die Folgen dieser Unterlassung treten bei der Prüfung des Werkes selbst sogleich hervor, noch mehr aber ergeben sie sich aus der Geschichte der Verwaltung und der Landtage. Während die Verfassungsurkunde unter Andcrm die Gleichheit der Rechte und der Staatsbürger vor dem Gesetz als Basis ausspricht und deren Gewährleistung zusagt, bestätigt sie die Vorrechte einiger privilegirten Stande und ermuthigt dadurch diese bevorzugten Classen zu jener starren Festhaltung und allmaligen Erweiterung veralteter usurpirter Vorrechte und Feudalbefugnisse, und zu jenen zeitwidrigen Übergriffen und Bevortheilungcn, welche, als Beeinträchtigungen allgemeiner menschlicher und gesellschaftlicher Rechte, den eigentlichen Gahrstoff der Unzufriedenheit unserer Zeit enthalten. Neben der Zusicherung einer vollkommenen Religions-, Glaubens-, Meinungs- und Preßfreiheit gewahrt man einCon- cordat mit dem papstlichen Stuhl, als integrirenden Theil dieses Staatsgrundze- setzes, abgeschlossen 1817, aber dem Zeitalter Gregors entnommen, und ein Censur- edict, das durch allerlei widersprechende Clauscln die willkürlichen Eingriffe der Polizei rechtfertigt, sowie eine Ermächtigung der katholischen Geistlichkeit, das Verbot der ihr misfälligen Bücher zu erwirken; die Constituirung einer Volksrepräsen- tation, unter dem, dieselbe in kleinern Staaten paralysirenden Zweikammernsysteme, einer beschränkten Wahlordnung mit Vorbehalt der facultativen Ausschließung öffentlicher Diener und auffallender Begünstigung gewisser Stände u. s. w. Die Regierung, dem Geiste einer freien Verfassung fremd, ungeübt in constitutionnellen Formen, in der gewohnten unbeschränkten Herrschaft befangen, konnte in der Übergangsperiode ihre neue Stellung nicht begreifen, und trennte die Interessen der Krone von denen des Volkes unter dem scheinbaren wind gefährlichen Beistande einer sich ihr anschmiegenden, vorurtheilsvollen Adelskammer und der ihr stets ergebenen Geistlichkeit. Wie überall in den deutschen wiedergeborenen constitutionnellen Staaten, so zeigte sich besonders in Baiern die Schädlichkeit jenes Zweikammernsystems, und die zahllosen Beispiele, wie die besten Bestrebungen der Volkskammer und selbst der Regierung an dem unbeugsamen Wioersvruche der Erbkammer scheiterten, zeigen am deutlichsten, daß, so lange dieses fehlerhafte System beibehalten wird, an eine kräftige Wirksamkeit, an ein Gedeihen ständischer Verfassung nicht zu denken ist. So weit es unter solchen mislichen Verhaltnissen möglich war, erfaßte die Deputirtenkammcr von 1819 ihren Standpunkt, wie die Verhandlungen jenes ersten Landtages zeigen, welche eine klare Überzeugung von den Mängeln der Verfassung, eine genaue Kenntniß von der Lage des Landes, feinen Leiden und Bedürfnissen und eine Fülle von Verbesserungsvorschlägen enthalten. Überraschend war MK P«- ^ - ^hfiL K«Ki -iCchl- ddinÄZUHiiNiiHdichO :!MchMM>sA ch^ll d-r st« ^ «,U,M»»>>'.^ .WdtrMlcdit. -->"^N' BN' diel? U'W dabei eine edle Freimüthigkeit und parlamentarische Gewandtheit und Sicherheit, neben der Unbehülflichkeit und Taktlosigkeit eines schwachen Ministeriums, das damals, wie bisher immer, den Ständen mit der Vollziehung der Verfassung, mit der Verwirklichung der versprochenen Vortheile derselben nicht voranschritt, sondern sich von diesen saumselig und misliebig nachschleppen ließ, und dabei an der Erbkammer einen treuen Alliirten fand. Un^r den dringendsten Bedürfnissen der Nation stand ein allgemeines bürgerliches Gesetzbuch und eine bessere Civilproceß- ordnung oben an. Die Verfassung selbst hatte dies anerkannt und zugesichert. Baiern, aus vielen, früher selbständigen Provinzen nur eben erst in einen politischen Staatskörper vereinigt, hatte nicht weniger als 5? verschiedene bürgerliche Gesetzbücher und hat sie noch; denn alles Anerkenntniß der Regierung, alle Verheißungen derselben, alle Erinnerungen der Stände, alle aus diesem Ubelstande so scharf hervortretenden Nachtheile, konnten bis zur Stunde noch nicht zu dem Ziele führen, ohne welches doch die Verfassung selbst schon unvollständig bleibt, ihre Hauptgrundlage, die Rechtssicherheit, entbehrt, eine wahre Verschmelzung der verschiedenen Gebietstheile unmöglich, die Rechtspflege mangelhaft ist, und alle bürgerlichen Verhaltnisse in steter Schwankung erhalten werden. Schon bei dem Antritt seiner Regierung hatte Maximilian Joseph, unter ungleich weniger dringenden Umstanden, die Notwendigkeit eines neuen allgemeinen bürgerlichen und Strafgesetzbuchs erkannt und deren Ausarbeitung befohlen. Unter ihm kam ein allgemeines Strafgesetzbuch wirklich zu Stande und wurde 1813 bekannt gemacht. Eine allgemeine Proccßordnung besteht zwar in Baiern, ist aber so mangelhaft, daß sich dabei die Rechtspflege im traurigsten Zustande befindet, weshalb die Stande auf deren Reform mit der Grundlage der Öffentlichkeit und Mündlichkeit des gerichtlichen Verfahrens drangen. Die Regierung zeigte zwar dabei etwas mehr Thatigkeit, allein ihre Entwürfe mislangen bisher immer. .Bald nach dem Landtage von 1825 bestieg der jetzt regierende König den Thron; es erfolgte ein Ministerwechsel, und im Fache der innern und der Finanzverwaltung entfaltete sich bald eine größere Beweglichkeit. Die Geschäftsformen der Behörden wurden, wiewol nur unbedeutend, verändert; besonders machte sich eine allgemeine Sparsamkeit in dem Staatshaushalte bemerkbar, die innerhalb gewisser Schranken so heilsam als nothwendig, in allzu großer Ausdehnung vielfaltig als schädlich erkannt wird, da sie die Fundamente der Verwaltung untergräbt und unentbehrliche Staatsansialten verkümmert. Die bairische Staatsschuld, welche durch die Verfassung unter die Gewährleistung der Stande gestellt wurde, belief sich 1819 auf 94 Mill. und stieg bis 1829 auf 124 Mill. Fl., welche mit 4,890,000 Fl. verzinst werden; sie ist auf die Tranksteuer fundirt. Ungefähr drei Viertel der Schuld ist in den Händen der Privaten und Stiftungen gleich hypothekarischen Obligationen; ein Viertel ist im Handelsverkehr, und des verhältnismäßig geringen Betrags wegen keinen Schwankungen unterworfen. Es besteht ein Tilgungsfonds, der seit 10 Jahren wirklich 16 Mill. abgetragen hat; da er aber der Pensions-Amortisationscasse beträchtliche Zuschüsse leisten mußte, so kann seine Wirksamkeit erst mit der all- mäligen Verminderung der Pensi'onirten zunehmen. Die Pensionen belaufen sich auf mehr als 4 Millionen jährlich. Da die Verwaltung des Staatsschuldenwesens, wiewol sehr verwickelt und deshalb theuer, im Ganzen gut ist, ihre Verpflichtungen pünktlich erfüllt, und ohne Zustimmung der Stände keine neuen Schulden gemacht werden dürfen, so genießt sie volles Zutrauen, und ihr Credit ist so groß, daß ihr seit 12 Jahren 50 Mill. aus Privathänden anvertraut wurden. Die bairischen Staatseffecten stehen ihrem Nennwerthe gleich und zum Theil höher. So gut diese Ergebnisse sind, so ist doch nicht zu verkennen, daß dieser Staatscredit sich aus dem tiefgesunkenen Privatcredit herschreibt, welcher eine Folge der langsamen und mangelhaften Rechtspflege ist, weshalb das baare Geld den Gewerben, W' 158 Baiern dem Ackerbau und Handel, zum großen Nachtheil der Industrie, entzogen wird ein seit vier Jahren beschlossener Creditverein der Gutsbesitzer nicht in das Leben treten kann, und selbst eine neue Hypothekenordnung das Vertrauen nicht herzustellen vermag. Die Staatseinnahme belauft sich nach den neuesten Berechnungen auf 24 Millionen, darunter die directen Steuern mit mehr als 3^ Million, die indirekten (Bieraccise, Zölle w.) mit7 Mill., die Gerichtstaxen und der Stempel mit 3 Mill., das Lotto mit 1 Mill., die Forsten mit 2 Mill., die grundherrlichen Gefalle, Zehnten :c. mit 5 Mill., die Salinen und Bergwerke mit mehr als Z Mill. Berechnet man sammtliche Staatsabgaben, ohne Kreis- und Locallasten nach der Einwohnerzahl gleichheitlich, so würden auf jeden Kopf jahrlich 6 Gulden kommen. Die Staatsausgaben belaufen sich auf 24 Mill., nämlich für Tilgung und Verzinsung der Staatsschuld 8 Mill., Civilliste 3 Mill., Militair 6 Mill., Staatsanstalten 5 Mill., Ministerium des Äußern 480,000 Fl., der Justiz 950,000 Fl., der Finanzen 770,000 Fl., des Innern 700,000 Fl., beide letztere gemeinschaftlich 1 Mill., für Landbauten 530,000 Fl. Die verfassungsmäßige Gleichheit der Abgaben ist noch starken Anfechtungen unterworfen. Die Besteuerung war seit langer Zeit ein Gegenstand vielfältiger Versuche, wobei die Doctrin hausig an der Praxis scheiterte, die Klagen über Überbürdung und Ungleichheit mehr hervorgerufen als abgestellt, und deren Prüfung endlosen Förmlichkeiten unterworfen wurde. Nach einander bestanden ein Steuerprovisorium, Momentaneum, Definitivum. Theilweise Einführung einer auf Vermessung und Ertragsausmittelung beruhenden Besteuerung erhöhte nur noch die Ungleichheit, und um nur die immer lauter gewordenen gerechten Beschwerden einigermaßen zu beseitigen, entschloß man sich auf dem jüngsten Landtage, den unauflöslichen Knoten einstweilen zu zerhauen, zu einem Mittel der Willkür zu greifen und den betheiligten Provinzen eine gewisse Summe an ihren Steuern in Bausch und Bogen nachzulassen. Seit vielen Iahren ist die Regierung beschäftigt, ihr auf Vermessung und Bonitirung gegründetes Steuersystem auszuführen. Sachverständige behaupten, daß diese in der Theorie vielleicht richtige Methode dennoch in der Ausführung kein gründliches Resultat liefern könne, daß nach Vollendung der langsamen, schwierigen, unsicher« und sehr kostspieligen Vorarbeiten die Unanwendbarkeit derselben sich ergeben, eine baldige Revision eintreten müsse, und die 10 —12 Mill. betragenden Kosten verloren sein würden. Die Regierung hat viel gethan zur Ablösung der Zehnten und anderer, unter zahlreichen Benennungen bestehenden Grundlasten, unter welchen die Ackerbauindustrie, dieser Hauptnerv des bairischen Volks, nie sich erheben kann, und welche in manchen Bezirken einer wahren Leibeigenschaft gleichen. Theilweise sind jene Bemühungen nicht ohne Erfolg geblieben, doch ist verhaltnißmaßig im Ganzen dabei noch wenig bewirkt worden, namentlich fehlt immer noch ein Culturgesetz. Der Werth der Grundstücke ist sehr gesunken, obgleich der Preis der landwirth- schaftlichen Erzeugnisse nichts weniger als gering genannt werden kann, und Gelegenheit zum Absätze nicht fehlt. Dagegen mangelt es dem Landmann an Be- triebscapitalien und an Mitteln zur Ablösung der Bodenlasten, sowie, unter den obenbemerkten Verhältnissen, an Credit. Die öffentlichen Blatter wimmeln von Gantanzeigen, und die ewig lange Dauer der Concursprocesse schreckt den Capita- listen ab, dem Bauer Geld zu leihen. Der Handel in Baiern leidet, wie überhaupt fast überall, unter dem Drucke der Zeit, und die Bilanz stellt sich nicht hum Vortheil des Landes dar, da seine Naturprodukte und noch mehr seine Fabrikate in den Nachbarstaaten theils zurückgewiesen, theils mit hohen Eingangsgebühren belegt sind. Lästige, steter Veränderung unterworfene Zolleinrichtungen lähmen die Spekulation und haben auch den, in den nördlichen Provinzen einst besonders sehr bedeutenden Transithandel sehr herabgebracht. Der Handelsverkehr bleibt daher fast nur auf das Innere des Landes beschrankt, bis sich vielleicht einst durch die Baiem 159 Aollverträge mit dem Auslande, deren erste Einführung der bairischen Regierung mit zum Verdienst gereicht, eine bessere Zukunft ergibt. Für das Gewerbswefen hat die Regierung seit einigen Jahren mehre Verbesserungen ausgeführt. Der Zunftverband wurde durch besondere Gefetze seiner alten Fesseln entledigt, neue Niederlassungen wurden erleichtert, Gewerbsschulen errichtet, Belohnungen für ausgezeichnete Leistungen bewilligt, Privilegien für neue Erfindungen ertheilt, öffentliche Ausstellungen industrieller Producte veranstaltet, und durch all Dieses wollte man den Gewerbsstand heben, obgleich man billigerweise alle Früchte dieser Anstalten nicht so schnell und augenfällig erwarten darf, auch manche, mit solchen Reformen verbundene Beeinträchtigungen der Interessen Einzelner nicht wohl ganz vermieden werden können. Die plötzlich und fast allzu freigebig dargebotene l,, ^ ^ Gelegenheit zum selbständigen Erwerbsbetrieb hatte eine das Bedürfniß übersteigende 5 c >. - M Zahl junger Zeute angelockt, die Concurren; war auf einmal allzu sehr erweitert Mis worden, und es erhoben sich Klagen der Gemeinden über zunehmende Verarmung, deren Quelle in jener allzu raschen Vermehrung der Gewerbtreibenden nicht ohne Grund gesucht wird. Die schönen Künste, längst in Baiem einheimisch, erfreuen sich unter dem kunstsinnigen Regenten fortdauernd einer großmüthigen Pflege und Unterstützung. Die berühmte Akademie der bildenden Künste (mit einem jährlichen Etat von 50,000 Fl.) ist in dem blühendsten Zustande, und von mehren hundert Zöglingen, Inländern und Ausländern, besucht. Auch in den bedeutendsten Provinzstädten Nürnberg, Augsburg w. bestehen Kunstschulen und ansehnliche Filialgalerien. Überhaupt ist durch die prachtvollen Unternehmungen des Königs der Bau-, Bildhauer- und Malerkunst Gelegenheit dargeboten, sich durch großartige Leistungen auszuzeichnen. Im Fache der Mechanik besitzt Baiern viele talentvolle Künstler, einen Liebherr, Ertel und Andere, deren vollendete Meisterwerke in Europa rühmlich bekannt sind. Die Fabrik optischer Instrumente zu München, von Neichenbach und Fraunhofer gegründet, behauptet ihren alten Ruhm. Die Akademie der Wissenschaften (deren Etat jährlich 86,000 Fl. beträgt) hat neue Satzungen, und Schölling zum Präsidenten erhalten. Die vor einigen Jahren üblichen öffentlichen Sitzungen dieses Gelehrtenvereins sind zum Bedauern des Publicums wieder eingegangen und finden nur noch bei seltenen Feierlichkeiten statt. Frühere Anträge der Stände, der Wirksamkeit dieser Akademie mehr Einfluß auf das Leben zu geben, wurden angefochten und blieben unerledigt. Wenn man daher von ihrem Bestände nur wenig Früchte gewahr wird, so treten doch zuweilen Beweise ihres Daseins hervor, wozu man die Fortsetzung der,Moimllienta doica" zählen mag, die man dem in den Schoos der Akademie zurückgekehrten Historiographen Hormayr verdankt. Die wissenschaftlichen Sammlungen der Akademie, deren Generalconservator Schölling ist, breiten sich stets weiter und gemeinnütziger aus. Die Nationalbibliothek, aus 700,000 Bänden bestehend, erhielt neue Statuten und wird, wenn sie erst vollständige Kataloge, reichlichere Zuschüsse, ein geräumigeres Local und eine höchstnöthige Vermehrung von Dienern erhalten haben wird, ihrem erhabenen Zwecke noch erwünschter entsprechen. Durch die Verlegung der Universität von Landshut nach München hat das wissenschaftliche Leben dieser Hauptstadt erhöhte Regsamkeit erhalten. Baiern hat aber auch in den letzten sechs Jahren nicht wenige seiner größten Gelehrten durch den Tod verloren, von welchen hier nur Reichenbach, Fraunhofer, Schlichtegroll, Weiler, Westenrieder, Gönner, Grossi, Häberl, Scherer, Wening, Rebmann, Aretin, Krenner, Sömmerring, Feßmaier, Glück und Seussert:c. ge- . nannt werden mögen. Für den öffentlichen Unterricht und die wissenschaftliche Austen ^ bildung aller Art wird in Baiern fortwährend gesorgt. Die drei Landesuniversitäten l besitzen reichliche Fonds und genießen außerdem noch ansehnliche Zuschüsse aus der , Staatscasse. Der allgemeine Schulfonds erhielt aus dem Vermögen der zu Anfange Ivo B -MM ^ dieses Jahrhunderts säcularisirten Stiftungen und Klöster bedeutende Einkünfte und aufdem neuesten Budget ist jahrlich über 1 Mill. für Ecziehungs- und Bil- dungsanstalten ausgesetzt. Es fehlt weder an guten Lehrern noch an den nöthigen Hülfsinstituten. Die Studienordnungen, früher allzu sehr beschrankend, geben nun den wissenschaftlichen Übungen die gebührende Freiheit. Auch an Gymnasien, Lr- ceen, Seminarien, Schulen zur Bildung von Wundärzten, Hebammen und Thier- B ärzten, Anstalten für Blinde und Taubstumme, Unterrichts- und Erziehungsanstal- - ten für Madchen hat Baiern keinen Mangel, und an Privatunternehmungen dieser Art fehlt es noch weniger. Indessen scheint das Bestreben der Regierung, diese An- stalten auf den höchstmöglichen Grad von Vollkommenheit zu bringen, noch nicht am Ziele, obgleich seit einigen Jahren eine Schulordnung und ein Schulplan nach dem andern bekannt gemacht, nach sehr kurzer Dauer und kaum begonnener Vollziehung aber wieder abgeändert oder ganz zurückgenommen und durch einen andern ersetzt wird. Die bedenklichen Folgen dieses Schwankens sind nicht zu verkennen und schwächen das öffentliche Vertrauen in die Maßregeln der Regierung und in die Schulanstal- ten selbst. Als eine für unsere Zeiten merkwürdige Erscheinung mag die vor drei Jahren erfolgte Trennung des Gymnasiums zu Augsburg in eine protestantische und katholische Lehranstalt betrachtet werden. Anderwärts besteht jedoch dieses seltsame Schisma zur Zeit noch nicht. Die vorherrschende Neigung der Regierung, Ä das Unterrichtsfach in die Hände von Geistlichen zu legen, findet die allgemeine BM' Billigung um so weniger, als man früher bei entgegengesetztem Verfahren zufrie- dener war. Für Stipendien haben die Vorfahren reichlich gesorgt, und auch in MiW» neuern Zeiten sind Stiftungen zu diesem Zwecke nicht selten. Sogar ausschlie- Michad ßend für Adelige ist vor nicht langer Zeit aus den Adelstaxen eine Stipendienquelle M G« eröffnet worden. Eine allgemeine Übersicht dieses wichtigen Punktes ist noch zu erwarten. Die Volksschulen, d. h. Elementarschulen, sind, obgleich auch dafür besonders durch Lehrerseminarien schon viel geleistet worden, doch noch ihrer Vervollständigung näher zu bringen. Der Mangel an Mitteln ist, wie fast in den meisten Ländern, so auch in Baiern, das Haupthinderniß, diesem Bedürfniste zu genügen; daher haben auch die Stände unlängst die Schuldotation um 244,000 Fl. jährlich erhöht. Über den Nutzen der Klosterschulen, mit welchen man die Wiederherstellung der Klöster unter andern zu rechtfertigen sucht, ist die öffentliche Meinung sehr getheilt. Der religiöse Cultus ist in allen seinen Theilen und Verzweigungen vollständig eingerichtet. Es bestehen für den katholischen Cultus zwei Erzbisthümer und sechs Bisthümer mit den gebräuchlichen Attributen der Digni- tarien, Pröpste, Dechanten, Stiftsherren, Vicarien, Pönitentiariern, Rächen und dergl., deren Gehalte die Summe von 334,000 Fl. jährlich betragen. Außerdem hat die Staatscasse jährlich an katholische Kirchen und Pfarreien 620,000, an die Säculargeistlichkeit 56,000, an die bischöflichen Seminarien 16,000 und an die Klöster 5600 Fl. zu bezahlen. Die Unterhaltung des katholischen Klerus kostet überhaupt dem Lande jährlich 1 Million. Nach dem Concordate sollen zwar die Einkünfte der Bisthümer und Erzbisthümer aus den ihnen zur eignen Verwaltung anzuweisenden Gütern und Fonds fließen: bis jetzt ist aber diese Anordnung noch unvollzogen, und die hohe Geistlichkeit scheint selbst nicht darauf zu dringen. Für den protestantischen Cultus besteht ein Oberconsistorium, drei Provin- zialconsistorien, eine Anzahl Dechanate, Pfarreien, ein Predigerseminarium, eine Pfarrwitwencassc :c.; nach dem letzten Budget ist dafür die Summe von 289,000Fl. jährlich bewilligt. Die Totalausgabe für den Cultus beträgt 1,341,000 Fl., wovon nicht viel über ein Fünftel dem protestantischen Cultus zufällt, obgleich die Protestanten ein Drittel der Gesammteinwohner ausmachen; diese Kosten, aufsämmt- liche Staatsbürger gleichheitlich vertheilt, würden auf je 100 Köpfe 28 Fl. geben. Die Unterordnung des protestantischen Oberconsistoriums unter das Ministerium Baiern 161 ^^chüMßMß^ ÄÄMij,ÜWUHjii «UislktzMA M!«Mtil OU -?K zV-N zW ^-l .-ilsl'k' des Innern hebt dessen Selbständigkeit und Unabhängigkeit auf. Religiöse Duldung, Freiheit des Gewissens und der gottesdienstlichen Gebräuche und Übungen, von der Vernunft, der Verfassung und den Gesetzen gleich laut geboten, sind in den jüngsten Zeiten mannichfaltig zu beeinträchtigen versucht worden. Umgriffe und Anmaßungen fanatischer katholischer geistlicher Obern, sogar in bürgerliche Freiheit und Rechte, sind ungescheut hervorgetreten und von einem bigotten Minister unterstützt worden. Klöster sind bereits gegen 60 wieder aufgerichtet; Umzüge, religiöse Andachten zur ungewöhnlichen Zeit, z. B. der Christmetten um Mitternacht, und mehr dergleichen leeres Formelwerk lebt wieder auf, zum Hohn der Aufklärung und einer bessern Vergangenheit. Auch in der protestantischen Kirche drängen sich ein blinder Zelotismus und geistlose Orthodoxie hervor, welche an dem Cbef der obersten geistlichen Stelle eine Stütze finden. Bald nach dem letzten Regierungswechsel zeigte sich eine günstige Wendung für die freie Bewegung der Presse. Die Censur wurde kaum noch auf politische Zeitungen beschrankt, und alle übrigen literarischen Erscheinungen waren von diesem Übel und sonstigen polizeilichen Befehdungen erlöst. Indessen änderten sich diese Gesinnungen der Regierung, und die Censur wurde kurz vor dem letzten Landtage strenger als je wieder eingeführt, auf Beschwerde der Stände jedoch die diesfällige Ordonnanz wieder außer Wirkung gesetzt. Das Contingent Baierns zum deutschen Bundesheer betragt 35,MO M. und 23,700 in Reserve. Die Ergänzungsart der bairischen Armee ist durch ein Gesetz bestimmt; die Militairpflichtigkeit ist allgemein, beginnt mit dem 22. Jahre und der Dienst dauert sechs Jahre. Der Militairetat betrug früher 8, jetzt 6 Mill. Wesentliche Veränderungen sind seit mehren Jahren bei dem Militaic nicht vorgegangen; Ersparungen, jedoch nicht immer zum Besten der Sache, traten auch hier ein. Die Aufhebung des Aufrückens nach dem Dienstalter, und die vielen willkürlichen Versetzungen der Offiziere haben Mismuth, und die verzögerte Besetzung erledigter Stellen Unzufriedenheit erzeugt. Das Militair hat den Eid auf die Verfassung nicht geleistet. Es besteht eine Kriegsschule, ein Invalidenhaus, eine Witwen- und Waisen-Pensionsansialt, und eine besondere Unterstützungscasse für Offiziere und Unteroffiziere. Vor vier Jahren wurde der Bau der Festung Ingolstadt angefangen, ruht aber jetzt. Die Nationalgarde ist im ganzen Lande organisirt und kann 3 — 400,000 Mann liefern. Ein Gensdarmcriecorps sorgt für die innere Sicherheit und versieht zugleich den Zollwachdienst an den Grenzen. Die Gesängnisse sind, mit wenig Ausnahme, in schlechtem Zustande. Auch die Sanitätsanstalten lassen noch viel zu wünschen übrig; es fehlt besonders auf dem platten Lande an Ärzten, Krankenanstalten, und in manchen Kreisen an einem Irrenhause. Medizinische Pfuschereien, Quacksalbereien, Wun- dercuren scheinen eher im Zu- als Abnehmen zu sein. Das Obermedicinalcolle- gium des Königreichs Baiern besteht aus einem einzigen Manne. Sparsucht übertreibt ihre Operationen auch hier; es sind dafür 154,000 Fl. ausgeworfen. Von der landständischen Wirksamkeit liegen die beiden Landtage von 1828 und 1831 in dem Zeitkreise dieser Übersicht. Es kann jedoch, bei dem beschränkten Räume, hier nur von den Resultaten die Rede sein. Als solche sind vom Landtag von 1828 die Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit in bürgerlichen Rechtssachen und die Errichtung der Landräthe, einer Art Provinzialstände, zu betrachten. Über Entscheidung der Competenzconflicte und Bildung von Ehrengerichten hatte die Regierung Gesetzentwürfe vorgelegt, die aber wegen der von den Ständen daran gemachten Änderungen nicht zur Ausführung kamen. Auch eine neue Proceßord- nung und ein Strafgesetzbuch wurden den Kammern vorgelegt und von ständischen Ausschüssen geprüft, kamen aber wegen Kürze der Zeit nicht mehr zur Berathung der Versammlung selbst, wurden vielmehr von der Regierung später einer wiederholten Revision unterworfen. Die schon früher bemerkte, in der Form der landstan- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. 11 162 Baiern dischen Verhältnisse, in deren von allen Seiten beengtem Wirkungskreise und der heterogenen Beschaffenheit ihrer Bestandtheile liegende Hemmung und Störung wirksamer Thätigkeit zeigte sich auch diesmal, und die Bemühungen der Abgeordnetenkammer, deren zahlreiche Antrage, Beschwerden und Wünsche scheiterten an der Sprödigkeit des Ministeriums, an den Widersprüchen der Erbkammer und ihrem starren"Festhalten am Alten. *) Den Landtag von 1831 eröffnete eine neuge« wählte Abgeordnetenkammer, da nach der Verfassung alle sechs Jahre neue Wahlen eintreten, folglich diese Kammer nur in zwei Sitzungen, von drei zu drei Jahren, wirk, sam ist; auch das Budget wird immer auf sechs Jahre bewilligt, welche eine Finanzperiode ausmachen, eine Einrichtung, deren Mangelhaftigkeit zu augenfällig ist, um näherer Ausführung zu bedürfen. Man kann nicht sagen, daß die Regierung auf die Wahlen einigen Einfluß ausübt; dagegen bediente sie sich auch diesmal, wie schon sechs Jahre früher, und zwar noch ausgedehnter als damals, ihres constitutionml- len Vorbehalts, und versagte', mehren Gewählten aus der Classe der öffentlichen Diener und Pensionnairs die Erlaubniß zum Eintritt in die Kammer, offenbar aus keinem andern Grunde, als um dadurch die Kraft der Opposition zu schwächen, zu welcher diese Zurückgewiesenen in frühern Landtagen sich gehalten hatten, und die gerade deswegen von ihren Committenten wieder gewählt wurden. Diese Maßregel der Regierung, wodurch die Wahlfreiheit eigentlich noch gröber als durch eine Einwirkung auf die Wahlen selbst verletzt wurde, machte auf die öffentliche Stimmung einen um so nachtheiligern Eindruck, als gerade jene zurückgewiesenen Männer wegen ihrer Fähigkeiten und Freimüthigkeit das allgemeine Vertrauen rechtfertigten, daher man in Ausschließung derselben nur einen Misbrauch verfassungsmäßiger Bestimmungen und ein Mistrauen der Regierung in ihre eignen Angelegenheiten zu erkennen glaubte. Diese Misstimmung wurde noch erhöht durch eine gleichzeitig, am Vorabend der Ständeverfamlung, erschienene Ordonnanz, welche die Preßfreiheit beschränkte und schon als authentische Auslegung der Verfassungsurkunde eine Überschreitung der Befugnisse der vollziehenden Gewalt verrieth. Diese Schritte der Regierung, verbunden mit der seit einiger Zeit sehr merkbar gewordenen, misfalligen Wirksamkeit einer verfassungswidrigen Ca- binetsregierung und der damals in einigen deutschen Ländern sichtbaren Gährung, veranlagten in Baiern eine starke Aufregung der Gemüther, welche sich durch öffentliche actenmäßige Erklärungen unverhohlen äußerte. Unter solchen bedenklichen Vorbedeutungen begann der letzte Landtag. Beide eben erwähnte Gegenstände führten gleich nach der Eröffnung der Sitzungen zu sehr interessanten Erörterungen der über diese Verhältnisse, über die Befugnisse des gesetzgebenden Körpers und über die Schranken der vollziehenden Gewalt in dem Geiste der Verfassung liegenden und in dem constitutionnellen Staatsrechte gültigen Grundsätze. Überall zeigten sich dabei die, von den neuesten politischen Ereignissen hervorgerufenen klaren Ansichten über Rechte und Freiheit der Völker, über die Pflichten der Negierungen und das Beide in Einklang bringende Verständniß. Offenbar ergaben sich dabei abermals die traurigen Folgen mangelhafter Gefetze und die ebeipo misliche Nothwendigkeit der fragmentarischen Ergänzung und Vorgreifung derselben. Die Regierung entschloß sich zu letzterm, und nachdem sie die anstößige Preß- ordonnan; zurückgenommen und deren kaum der Anklage entgangenen Urheber, den Minister des Innern, von seinem Posten entfernt, folglich dadurch einem allgemeinen Wunsche nachgegeben hatte, legte sie den Ständen ein Preßgesetz zur Bera- thung vor, das an sich selbst viel Gutes enthielt und vor einigen Jahren gewiß dankbar aufgenommen worden wäre, da es vielen Verirrungen und Willkürlichkei- *) Die Wirksamkeit der Stände auf den Landtagen seit 1819 beleuchten die „Baiernbricfe" (Stuttgart 1831, 4 Bde.), welche der Graf von Benzel- Sterin u (f. d.) herausgegeben hat. "eh >ie Ä?>!»!5!öL inWHKHWK? 'Mkiil eMl«iHilz^idi>W^- W'jieümwMmTkM ^ iiikMh^chshl>mj>!' -ÄtSrchie^!^/. .^M5 sj^'??«,«>»'? ,„»jM ,hn^! <5--," Baiern 163 O»? K ten vorgebeugt und den wichtigen Gegenstand auf festen Rechtsboden gesetzt Hilden würde. Die Censur für alle innern Staatsangelegenheiten ganz aufhebend, beschrankte es solche auch für die auswärtige Politik Ungemein und blos auf politische Zeitungen, beseitigte polizeiliche Eingriffe in den literarischen Verkehr, überwies das Verfahren ausschließend den Gerichten und führte dabei die Öffentlichkeit und Mündlichkeit und das Geschwornengericht ein. Alle diese und andere in den Augen besonnener Beurtheiler unverkennbare Vorzüge dieses Gesetzentwurfs wurden aber bei der, durch vorausgegangene Eigenmächtigkeiten erzeugten und fast überreizten Empfindlichkeit für ungenügend gehalten, und das Gesetz kam, unter dem Zwiespalte der Kammern, nicht zu Stande. Gleiches Schicksal hatte ein anderer Gesetzentwurf, welcher die verfassungsmäßige Befugniß der Regierung, den Abgeordneten aus dem Beamtenstande die Erlaubniß zum Eintritt in die Kammer willkürlich zu verweigern, beschränken sollte. Da verschiedene Veranlassungen die Unzulänglichkeit der constitutionnellen Bestimmungen über die Verantwortlichkeit der Minister stark zur Sprache gebracht hatten, so versprach die Negierung, auf abermaligen Wunsch der Stände, im Laufe dieses Landtags ein dieses Verhältnis genauer ordnendes Gesetz vorzulegen, welches aber, wahrscheinlich in Folge der zwischen derKrone und der Deputirtenkammer entstandenen Spaltung, unterblieb. Bei der Prüfung der Staatsrechnungen der letzten Jahre fand sich die Deputirtenkammer veranlaßt, verschiedenen Ausgabeposten im Betrag von ungefähr 600,000 Fl. die Zustimmung zu verweigern, weil sie dabei das frühere Finanzgesetz für verletzt, die Verwendung auf verschiedene, sehr kostspielige Bauten weder für nützlich noch für nothwendig, sondern für einen überflüssigen, andere dringende Staatszwecke beeinträchtigenden Luxus halten zu müssen glaubte. Auch bei den Militairaus- gaben wurden gegen einige ähnliche Posten Einwendungen gemacht. Die Regierung, durch die Nachgiebigkeit und Passivität der frühern Kammern in diesen Punkten verwöhnt, sah in diesem Benehmen der Abgeordnetenkammer eine mis- fallige Renitenz, um so mehr, als die Adelskammer sich durch volles Anerkenntnis der Rechnungen von solchen Vorwürfen frei zu erhalten wußte, ohne freilich dadurch die Wirkung der Beschlüsse der Volkskammer entkräften zu können. Bei der Beratbung des Budgets für die Jahre 1831 — 37 — ein viel zu langer Zeitraum für eine Wahrscheinlichkeitsberechnung der Einnahmen und Ausgaben eines Landes fand die Civilliste des Hofs viele Bedenken, besonders da specielle Nachweisungen der Bedürfnisse des Hofstaats den Ständen vorenthalten wurden. Man suchte daher den von der Regierung bei allen Verwaltungszweigen seit einigen Jahren mit großer Strenge angewendeten, und nicht immer mit Billigung aufgenommenen Ersparungsgrundsatz auch bei diesem Punkt in Anwendung zu bringen und die Federung des Finanzministers zu mäßigen. Die Krone wollte jedoch nichts davon ablassen, und die Deputirtenkammer begnügte sich endlich mit einem Abstrich von nicht ganz 150,000 Fl., überzeugt, daß eine Civilliste von 3 Millionen (ein Achtel aller Staatseinnahmen) den Glanz der Krone und die Würde des Hofs vollkommen aufrecht erhalten könne. Auch der Militairetat erhielt eine Verminderung der ministeriellen Foderung, in der Erwägung, daß außerordentliche Umstände erhöhte Ausgaben ohnehin unvermc-idlich machten. Diese beiden Minderungen und die obenerwähnten Abstriche an den Ausgaben hatten eine Rechtsverwahrung der Krone in dem Landtagsabschiede zur Folge, die man sich freilich in einer repräsentativen Verfassung nicht wohl zu erklären weiß. Zu den bessern Früchten dieses Landtags sind zu rechnen: der Nachlaß von einem Fünftel des größtenTheils der directen Steuern; die Aufhebung des Lehenreversstempels zum Vortheil des Adels; die Überlassung der Hälfte der directen Steuern (2 Mill.) zur unmittelbaren Verwendung für die Bedürfnisse der Provinzen, unter Controle des Landraths; ein neues Forststrasgesetzbuch für den Rheinkreis; Zuschüsse zur Dotation der Volks- II* 164 Baiern schulen (344,000 Fl.); eine neue Geschäftsordnung für die Deputirtenkammer; die Einlösung der Patrimonialgerichtsbarkeiten gegen Entschädigung der Gutsbesitzer, obgleich diese in einer Verordnung von 1829 ausdrücklich für unstatthaft erklart worden war, nun aber der Nation über 5 Millionen kosten wird; endlich ein Gesetz über die Prüfung des vorgelegten Entwurfs einer neuen Proceßordnung und eines revidirten Strafgesetzbuchs durch standische Commissionen. Auch aus diesem Landtage waren zahlreiche Anträge und Wünsche, zur Verbesserung der Lage des Landes in allen Theilen der öffentlichen Verwaltung, in der Volkskammer vernommen worden. Ein nicht geringer Theil derselben erstarb unter der Verweigerung der zu ihrem Vortrag an die Regierung verfassungsmäßig erfoderlichen Zustimmung der Erbkammer. Ein anderer Theil wurde im Landtagsabschiede mit der diktatorischen Bemerkung der Inkompetenz der Stände niedergeschlagen, und ein dritter Theil mit der Verheißung näherer Erwägung abgefertigt. Unter die letztern Antrage verdienen besonders folgende gezählt zu werden: der Antrag auf bessere Bestimmung über Entscheidung der Competenzconflicte, Bearbeitung eines allgemeinen Civilgesetzbuchs, eines Handelsgesetzbuchs, einer Sammlung der noch gültigen Verwaltungsverordnungen, einer Advokatenordnung, der Belebung des Ereditvereins, Revision der Sportel- und Stempelgesetze, der Biertaxe, des Rechnungswesens, Beseitigung der Cabinetsregierung, Verbesserung des Postwesens und der Forstverwaltung, Beschrankung der fiskalischen Vorrechte und der Prärogative zu Ausschließung von Abgeordneten, Unabhängigkeit und Selbständigkeit der constitutionnellen Minister, Verwirklichung der ministeriellen Verantwortlichkeit, strengere Aufcechthaltung der Gesetze über Religions- und Gewissensfreiheit, besonders durch nachdrücklichere Bestrafung der Übergriffe der katholischen Geistlichkeit. Unmittelbar nach Endigung des Landtages erfolgte eine Veränderung des Ministeriums. Als eine neue willkommene Erscheinung in dem parlamentarischen Leben Baierns zeigten sich in diesem Landtage die, wiewol nur im Auszuge und ohne Nennung der Sprecher gedruckten Verhandlungen der Kammer der Reichsräthe. Ein früherer Versuch (1819) zu dieser Halbössentlichkeit war bald nach seinem Beginnen wieder aufgegeben worden. Es ist immer schon ein Gewinn, wenn da, wo gewöhnlich alles in Heimlichkeit verkehrt wird, nur erst einmal ein Schritt geschieht, das so beliebte und behagliche Inkognito in etwas aufzugeben; allmälig entwöhnt man sich der Menschenscheu, und wird zutraulich. Und in der That haben manche dieser bairischen Pairs keineswegs Ursache, das Licht zu scheuen. Man liest mit Vergnügen in diesen Protokollauszügen Erklärungen über Preßfreiheit, Öffentlichkeit, Majestätsrechte, Constitutionalität, Staatsökonomie, welche ebenso lichtvoll als höchst freimüthig sind, obgleich es auch nicht an Bekenntnissen großer Beschränktheit und der krassesten Servilität fehlt. In ihren Beschlüssen blieb indessen diese Kammer stets ihren alten Grundsätzen der Stabilität, der Reaktion gegen jede Bewegung, der Vertheidigung und Erweiterung ihrer Privilegien und der Unterwerfung unter die Diktate der Krone treu. Außer dem, nur zu sehr verspätet ausgegebenen, Abdruck der Verhandlungen der Volkskammer, und einer kür- zern Übersicht ihrer Arbeiten, erschienen im Laufe dieses Landtages mehre Flugschriften, unter welchen sich die des Hofraths Vehr zu Würzburg und des Ober- . justizraths Hornthal zu Bamberg durch gründliche und würdige Behandlung ihres Gegenstandes vor andern auszeichnen. Während die „Münchner politische Zeitung" das Organ der Regierung war, lieferten der Graf von Benzel-Sternau in seinem „Verfassungsfreund", Eisenmann in seinem „Bairischen Volksblatt", Wirth ^ in seiner „Deutschen Tribüne" und Siebenpfeisser in seinem „Rheinbaiern" und „Westboten" gediegene Artikel im Geiste der Opposition, worunter die beiden Letztern sich nicht immer von Übertreibung frei hielten. Mehre unbedeutende Localblät- - ^ -V.. - >, fk " iii >i,. . M ^ b Balbi Balkan 165 /"'»>!<> >rMZlchyll»Sck i!Ull>ißmchsi» itiwiMW ter warfen sich, vielleicht unberufen und mit mehr als zweifelhaftem Beifall und Er» folg, durch schnöde Verunglimpfung der Opposition zu überspannten Vertheidigern der Regierung auf. Mit dem 1. Mar; 1832 trat an die Stelle der Münchner Zeitung die „Bairische Staatszeitung", herausgegeben von Lindner und Hör» mayr, um für die Regierung das Wort zu führen. Die „Tribüne", die bald nach dem Schlüsse des Landtags von ihrem Herausgeber in Rheinbaiern fortgesetzt wurde, und der „Westbote" geriethen mit den bestehenden Eensurgesetzen in einen heftigen Kampf, welcher die Regierung sogar zu militärischen Vorsichtsmaßregeln veranlaßte, und durch die Einschreitung des Bundestags verwickelter ward, indem dadurch auch allgemeine staatsrechtliche Fragen zur Sprache kamen. (24) Balbi (Adrian), geb. zu Venedig, wurde in seiner Vaterstadt als Professor der Physik und Geographie angestellt, und begab sich um das Jahr 1820 mit seiner Gattin, welche noch vor Kurzem als Künstlerin in Lissabon lebte, nach Portugal. Er wurde dort mit den hauptsachlichsten Staatsmannern und Gelehrten bekannt und sammelte besonders in den Archiven der Regierung Mate- iralien zu dem „Lssui stutistchne Sur le i-n^Äiime cke Uoi-tu^al et ck'AIgÄrve", welchen er seitdem zu Paris 1822 in zwei Banden herausgab. Dieses treffliche Wert enthalt unter Andern einen merkwürdigen Abschnitt über Portugal zur Römerzeit und viele vorher ganz unbekannte Angaben über die Literatur und Kunst jenes Landes. Der politische Theil des Buches ist am spärlichsten behandelt, allein B. entschuldigt sich ausdrücklich, daß besondere Rücksichten hieran Schuld waren. Einige Jahre hindurch sammelte er in Paris Materialien zu seinem „Atlas etüno- graptügue", der in einem Folio- und einem erläuternden Octavbande 1826 erschien. Dieses nützliche Werk machte die Franzosen mit den Forschungen Adelung's, Vater's und anderer deutschen Sprachvergleicher bekannt, ist aber weit besser geordnet als die frühern deutschen Schriften und fügt zu dem Bekannten viel Neues, welches dem Herausgeber durch Reisende (A. v. Humboldt, Blosseville, Freycinet, Gaimard, Lesson, Pacho u. A.), durch Sprachforscher (Remusat, W. v.Humboldt, Champollion, Hase, Jomard, Jaubert, Klaproth) und durch Geographen (Malte- brun, Ritter) mitgetheilt wurde. Das Ethnographische in dem Atlas und dem erläuternden Bande ist noch weit tresslicher als das rein Linguistische; besonders anziehend aber ist der Abschnitt über die Schreibekunst bei den verschiedenen Völkern der Erde. Dem Drucke dieses in Paris erschienenen Werkes, worin nicht die geringste politische Bemerkung, setzte die Censur von Wien aus Schwierigkeiten entgegen, indem sie verlangte, daß die Handschrift zuvörderst eingesandt werde; doch gelang es der Verwendung A. von Humboldt's, dem Verfasser die Zögerung zu ersparen. Seitdem gab B. in Paris statistische Tabellen über Rußland, Frankreich, die Niederlande u. a. m. heraus, die er später zu einem Werke vereinigen wird, verfaßte einen sehr gründlichen Artikel über die Bevölkerung der Erdoberslache für die „Hevue enc^clvpetligu«", andere Abhandlungen für die „Uevue ües äeux monües" und die „Revue üritannigue". Alle diese Arbeiten sind achtungswürdig. Dem berühmten Statistiker wurde durch eine, unter Martignac's Ministerium ihm gewährte Unterstützung der Aufenthalt in Paris erleichtert.. Er ist im Begriff, ein geographisches Handbuch herauszugeben, und wird sodann nach Italien zurückkehren, wo er als Professor der Statistik angestellt werden soll. (15) Balkan. Der große, Europa von Westen nach Osten durchziehende Ge- birgsstock, die Alpenkette, durchschneidet mit seinem östlichsten Aste die europäische Türkei in zwei ziemlich gleiche Theile. Unter dem Namen der dinarischen Alpen läuft dieses Gebirge aus Kroatien in südöstlicher Richtung parallel mit dem adriati- schen Meere, in verschiedenen Höhenzügen, und schließt sich an den Gebirgsknoten, wo Serbien, Albanien und Makedonien, und die Gebiete der Donau, des adria- tischen Meeres und Archipelagus sich berühren. Von hier streicht der Hauptarm !66 Balkan Schartag oder Karadag in östlicher Richtung bis zur Quelle des Isker, der Ma- ritza und Struma. Der Berg Scomius (Witoscha), südlich von Sophia, ist der Punkt, wo der Gebirgszug sich in zwei Arme theilt, deren einer, das Despoto- gebirge, sich gegen Südwesten wendet, der andere aber, in nordöstlicher Richtung, als Balkan und Eminehdag sich zum schwarzen Meere zieht und in dem Vorgebirge Emineh endigt. Der Balkan hieß bei den Alten Hämus, und da dieses Gebirge ihnen noch weniger bekannt war als uns, so findet man bei den alten Geographen irrige Angaben von der Höhe desselben, und selbst Mela glaubt, daß man auf dem Gipfel das adriatische und das schwarze Meer zugleich sehe. Der Balkan ist ein hohes, felsiges Alpengebirge, das sich auf der nördlichen Seite wie ein machtiger Wall schroff erhebt. In der westlichen Hälfte des Hauptzuges ragen die höchsten Gipfel empor, welche zum Theil die Schneelinie erreichen und bis zu 9000 Fuß ansteigen; der eigentliche Balkan aber ist wahrscheinlich'weit niedriger. Dieser Gegirgszug trennt Bulgarien von Rumelien, und obgleich er viele Schluchten und steile AbHange hat, so sind doch nicht alle Übergange schwierig; am beschwerlichsten ist der westlich laufende Höhenzug, am zuganglichsten ist der niedrigere Eminehdag, den alle von Norden her eindringenden Völker in der Vorzeit zum Übergangspunkte wählten, und über welchen 1829 auch die Russen zogen. Der Balkan, dessen Fuß etwa 20 Stunden vom Ufer der Donau anhebt, besteht aus mehren Ketten, durch Flußthäler getrennt, die meist nach dem schwarzen Meere sich senken. Die bedeutendsten Flüsse, die immerParallelthäler des Eminehdag bilden,sind derKa- ra-Kamezik und der Ake-Kamezik, die am Hauptrücken des Gebirges entspringen, bei Kieuprikoi sich vereinigen und unter dem Namen Buzuk-Kamezik südlich von Varna kn das schwarze Meer sich ergießen. Ein anderes Parallelthal des Balkan bildet der Parawady, der nördlich von Schumla entspringt und gleichfals bei Varna das Meer erreicht. Der Kara-Lom und der Ake-Lom fließen in entgegengesetzter Richtung vom Parawady und vereinigen sich bei Ruftschuk mit der Donau. Die Bergrücken, welche diese Flüsse begleiten, senken sich in steilen Flächen, breiten sich aber in der Nähe der Donau zu Hochebenen aus, die von tiefen Schluchten durchschnitten, theils öde, theils mit Neben bedeckt sind. Der Hauptrücken des Balkan heißt auf dieser ganzen Strecke Buluk-Balkan oder Eminehdag. Der Rücken zwischen den beiden Kamezik wird Kutschuk-Balkan genannt. Die ganze Breite des Gebirges von Schumla bis Karinabad, wo der Hauptrücken überstiegen ist, beträgt gegen 8 Meilen, bei Faki aber, das am südlichen Fuße der Niedern Bergkette in Rumelien liegt, gegen 15 Meilen. Der Balkan ist bis zu seinen obersten, meist breiten Hochebenen mit Laubholz und Gras bekleidet. Die Thäler enthalten zahlreiche Dörfer, und der Boden trägt selbst auf den höchsten Punkten Getreide, Reben und Fruchtbäume. Südlich von Karinabad ist die Gegend sehr fruchtbar und zeigt mehre reizende Thallandschaften. Von Schumla, das in einem Winkel des Thales liegt, den zwei Reihen der niedrigem Berge, der letzte Ast des Hauptsiammes, bilden, erhebt sich der Balkan als eine mächtige Wand, schroffer als auf der Südseite. Zwischen niedrigen Felsenbergen führt der Weg von Schumla nach Lopenitza am Fuße der großen Balkanwand, die von hier bis Haidhos — nach Walsh — 9 Stunden breit ist. Durch malerische Schluchten, welche die senkrechten, bis zum Gipfel bcholzten Wände durchschneiden, oder über öde Ebenen, die wieder mit fleißig angebauten Thälern abwechseln, führt der Weg in das südliche Rumelien, wo das Gebirge sich überall in fruchtbare Bergreihen hinabsenkt. Bei Karinabad, etwa drei Tagemärsche von Schumla, und dem südlicher liegenden Karabunar vereinigen sich die von Silistria, Schumla und Parawady laufenden Straßen über den Balkan. Die Hauptstraße führt von hier weiter über Faki, Kirklissa, Burgas, Tschorlu und Silivri nach Konstantinopel. Ein von der Donau vordringendes Heer, dessen rechter Flügel bis Nicopolis reicht, kann auf verschiedenen Straßen über den Balkan Ballesteros (Don Francisco) 167 gehen. Die erste Straße geht von Nikopolis über Lofdscha am Fuße des Gebirges nach Tatar -Bazardschik und Philippopoli, die zweite von Rustschuk über Tirnowa, Md KMova nach Eski Sagra zwischen Philippopoli und Adrianopel, die dritte von Rustschuk überOsmanbazar nach Karinabad, die vierte von Rustschuk über Rasgrad nach Osmanbazar, wo sie sich mitder dritten vereinigt, die fünfte von Silistria über Schumla, in der oben angegebenen Richtung, nach Karknabad, die sechste von Braklew über Maczin, Tulcza, Babatag nach Karafu, am trajanischen Wall, dessen Überreste man noch sieht, dann weiter über Bazardschik, wo der Weg über den Balkan hinausteigt, und über Haidhos nach Karabunar. Sämmtliche Straßen, haben bei der Naturbeschaffenheit des von vielen Thalern durchschnittenen Gebirgsstocks, zahlreiche Verbindungen. Das russische Heer zog nach der Niederlage des Großveziers hei Schumla (11. Zun. 1829) und der Besi'egung der am Kamezik verschanzten Türken, über den Hauptrücken nach Haidhos und Karinabad. Ballesteros (Don Francisco), spanischer Finanzmknkster, geb. 1770 zu Saragvza, trat früh in Kriegsdienste und focht 1793 gegen die Franzosen. Er war bereits zum Hauptmann aufgerückt, als er 1804, aus eine ungerechte Anklage, von dem Minister Cavalleco feines Dienstes entsetzt wurde. Der Friedensfürst stellte ihn bald nachher bei einem der Hauptzollämter in Asturien an. Die Junta dieser Provinz ermächtigte ihn bei Napoleons Einfall in Spanien, ein Regiment zu bilden, und als er es vollständig ausgerüstet hatte, vereinigte er sich mit Castanos und zog in den südlichen Theil des Reiches, wo er mit den französischen Heerabtheilungen ruhmvoll kämpfte. Er wurde zwar 1810 bei Ronquillo und 1811 bei Castillejo geschlagen, besiegte aber dagegen 1812 den General Mar- ransin bei Cartama und einen Heerhaufen unter Beauvais bei Ossuna, und als der General Conroux ihn später verfolgte, gelang es ihm, sich unter die Kanonen von Gibraltar zurückzuziehen. Die Ernennung des Herzogs von Wellington zum Oberbefehlshaber der spanischen Kriegsmacht kränkte das Selbstgefühl der spanischen Patrioten, und B. weigerte sich, unter dem Fremdling zu dienen. Er wurde verhaftet und nach Ecuta verbannt, bald aber zurückgerufen und wieder in Tätigkeit gesetzt. Er befehligte einen Heerhaufen in der Grafschaft Niebla und den Gebirgen bei la Renda, jedoch ohne glückliche Erfolge. Die Regentschaft zu Cadiz ernannte ihn 1811 zum Generallieutenant. Nach Ferdinands Rückkehr ward er Kriegs min ister, verlor aber, als die Absolutismen und Servilen ihren Einfluß gegen alle freisinnigen Männer geltend machten, mit der Gunst des Königs feine Stelle und lebte mehre Jahre außer Thätigkeit in Valladolid. Als 1820 der Ausbruch des Soldatenaufstandes die restlichsten Besorgnisse erregte, ward er von Ferdinand zurückgerufen. Er weigerte sich, den Oberbefehl über das empörte Heer anzunehmen, stimmte aber für die Berufung der Cortes, und seine Freimüthigkeit, seine verständigen Bemerkungen über die Lage des Landes trugen nicht wenig dazu bei, den König zu dem Entschlüsse zu bestimmen, der die Wünsche des Volkes und das Interesse des Thrones vereinigen konnte. Ferdinand ernannte ihn zum Vice- prasidenten der provisorischen Regierung, und B. ließ alsbald die Staatsgefäng- uisse und die Kerker der Inquisition öffnen. Er gab der Stadtbehörde zu Madrid die Einrichtung wieder, die sie 1812 unter der Cortesregierung gehabt hatte, und entfernte diejenigen Mitglieder des Verwaltungsrathes, welche bei dem Umstürze der Verfassung thätig gewesen waren. Die Besatzung der Hauptstadt legte in seine Hände den Eid auf die Verfassung von 1812 ab. Der König ernannte ihn zum Mitglieds des neuen Staatsraths. Als im Jul. 1822 die Feinde der Constitution mit Hülse der Garden die Verfassung umzustürzen suchten, griff B. an der Spitze der Milizen die Empörer in Madrid an, und es gelang ihm, sie zu zerstreuen. Bei der Eröffnung des Krieges gegen die Franzosen (1823) erhielt er den Oberbefehl über diejenige der vier spanischen Heecabtheilungen, welche Navarra 168 Ballesteros (Luis Lopez) und Aragon vertheidigen sollte. Nach dem Übergange des französischen Heeres über die Bidassoa rückte ihm der General Molltor entgegen. B. stellte sich mit seinem aus 20,000 Mann, zum Theil alten Kriegern bestehenden Heerhaufen hinter dem Ebro auf, und von den Franzosen gedrangt, zog er sich seit- dem Mai, immer fechtend, über Teruel und Cuenca nach den südlichen Landschaften zurück, bis er endlich in den Gebirgen bei Campillo de Aronas unweit Granada eine vorteilhafte Stellung nahm. Die Franzosen griffen ihn hier am 28. Jul. mit so glücklichem Erfolge an, daß er sich mit großem Verluste zurückziehen mußte. Die Antrage, die er schon vor diesem Gefechte dem französischen Heerführer gemacht hatte, bahnten den Weg zu einer Übereinkunft, die am 4. Aug. zu Granada abgeschlossen wurde. B. erkannte die wahrend der Abwesenheit des Königs niedergesetzte Regierung in Madrid an und verpflichtete sich, die festen Plätze in den ihm untergeordneten Bezirken zu übergeben, wogegen seine Kriegsvölker in bestimmte Gegenden verlegt, alle ihre Stellen und ihren Sold beibehalten und hinsichtlich ihrer frühem politischen Gesinnungen und Handlungen gegen jede Verfolgung gesichert sein sollten. Diese Übereinkunft brachte unter einem Theile seines Heerhaufens ebenso viel Erbitterung hervor als unter den Absolutisten, welche die dem con- stitutionnellen General gewährten Bedingungen laut tadelten. B. benutzte nach dem Abschlüsse der Übereinkunft seinen Einfluß auf die gemäßigten Anhänger der Constitution. Im September zog er mit den Truppen, die unter seinem Befehle vereinigt blieben, gegen den General Riego, der sich geweigert hatte, der Übereinkunft zu Granada beizutreten, und seitdem von überlegenen französischen Heerhaufen gedrängt wurde. Ein Theil seiner Kriegsvölker ging zwar zu Riego über, vergebens aber suchte dieser den General B. zu bewegen, den Oberbefehl wieder zu übernehmen und gegen die Franzosen zu ziehen. Als der König durch seine Verfugung vom 1. Oct. alle Beschlüsse der constitutionnellen Negierung für ungültig erklärt hatte, sprach B. in einem an den Herzog von Angouleme gerichteten Schreiben, das in englischen Blättern bekannt gemacht wurde, seine feierliche Verwahrung gegen jenen Beschluß des Königs und die dadurch wiederhergestellte unumschränkte Gewalt aus, beschwerte sich über die Verletzung der mit ihm abgeschlossenen Übereinkunft und bat den Prinzen, ihm eine Zuflucht in Frankreich zu gewähren. Im November verließ er sein Vaterland, wo eine Verordnung Ferdinands alle Beamten der constitutionnellen Regierung und alle Offiziere des Heeres aus der Hauptstadt verbannt hatte. Ballesteros (Luis Lopez), spanischer Finanzminister, war bereits Ge- neraldirector der Staatseinkünfte gewesen, als ihm 1822 das Finanzministerium übertragen wurde. Es war nach der Wiederherstellung der unbeschränkten Königsgewalt eine schwere Aufgabe, bei der Zerrüttung im öffentlichen Haushalt die Staatsbedürfnisse zu befriedigen, da die Quellen der Einnahme während des wilden Parteikampfes im Innern und bei der gelähmten Gewerbsamkeit versiegten, der Staatscredit durch die Nichtanerkennung der Cortesanleihen erschüttert war, und i, dem von befreundeten Regierungen empfohlenen Systeme der Mäßigung eine mächtige Partei entgegenarbeitete. Zur Wiederherstellung des öffentlichen Credits wurde 1824 eine Tilgungscasse für die Staatsschuld, jedoch nur für die vor dem 7. März 1820 bestandenen Schulden und für neue Anleihen errichtet, und der Betrag der . anerkannten Federungen in das große Schuldbuch eingeschrieben, indem die lau- > sende verzinsliche Schuld durch Papiere repräsentirt wurde, die Jnscriptionsscheine, zu deren Tilgung jahrlich eine bestimmte Summe zurückgelegt werden sollte. Bei dem fortdauernden Schwanken der Regierungsgrundsätze konnte diese Maßregel allein noch kein festes Vertrauen erwecken, und je zerrütteter der Zustand des l Landes wurde, desto höher stiegen die jahrlichen Ausfälle in der Staatseinnahme, so- daß der Finanzminister im Sommer 1826 dem Staatöratbe die Erschöpfung aller Vanim 169 Hülfsmittel für die laufenden Ausgaben erklärte. Man suchte vergebens neue Quellen zu eröffnen. B. wollte, um schnell Geld herbeizuschaffen, die Staatseinkünfte verpachten, ein Vorschlag, den die übrigen Mitglieder jener Behörde mit guten Gründen bestritten, aber dagegen wurde die Verwaltung der Gemeindeeinkünfte dem Finanzministerium überwiesen, wo der Staatsschatz sie verschlang. Die 1820 gekauften Nationalgüter mußten mit Verlust des Kaufpreises zurückgegeben werden. Diese Gewaltmittel konnten dennoch bei dem steigenden Bedarf, der durch Kriegsrüstungen erhöht wurde, keine wirksame Hülfe bringen, und 1827 mußten, blos um Soldrückstände zu befriedigen, die Gemeindecassen geleert ^ werden, die Grundsteuer wurde zum Voraus erhoben, die Schuldentilgungscafse ^ angegriffen, während der Betrag der öffentlichen Schuld im großen Schuldbuche stieg. Es gelang indeß, aller Schwierigkeiten ungeachtet, den Bemühungen des - Finanzministers, der freilich bei der Wahl seiner Mittel nicht bedenklich zu sein brauchte, durch Verminderung der Ausgaben in allen Verwaltungszweigen das Anwachsen des Desicits aufzuhalten, und auch durch die Öffentlichkeit, welche cr den Finanzoperationen gab, den Staatscredit so sehr zu heben, daß Anleihen gemacht werden konnten. Die geordnete Verwaltung, die seit 1829 im Staatshaushalte sichtbar ist, und selbst verschiedene Maßregeln zur Erleichterung des innern Verkehrs möglich gemacht hat, ist B.'s Verdienst, und sie hat ihn bei allen Reibungen der Parteien in seiner Stelle erhalten. Banim (John). Den reichen Stoff, den der Charakter und die Sitten des irlandischen Volkes liefern, hat zuerst Marie Edgeworth in ihrem „Castle liackreitt" zu romantischen Darstellungen benutzt, und bei der Lebendigkeit und Treue ihrer Schilderungen entschuldigt man es, daß sie das Feld ihrer Beobachtung nicht erweitert, daß sie nicht mehr von den kräftigen Lichtern und Schatten aufgetragen hat, welche die irländische Volksthümlichkeit darbietet. Vermeidet sie es, den in Irland so mächtigen Einfluß der politischen Verhältnisse auf den Charakter des Volkes in ihren einfachen, ruhigen und meist nur die komische Seite und die Verkehrtheit auffassenden Erzählungen hervortreten zu lassen, so hat dagegen Lady Morgan in ihren kräftigen Schilderungen von Irlands Leiden durch die Heftigkeit der Parteisucht sich zuweilen zu Übertreibungen verleiten lassen und durch ihre blendende, bunte Darstellung ihren Gemälden eine gewisse Unbestimmtheit gegeben. Crösten Croker schildert in seinen irischen Feenlegenden den irländischen Landmann mit Glück, aber wie Marie Edgeworth mehr von der komischen Seite als in dm kühnern Zügen seiner Nationalität. Dies hat Niemand mit so großem Talent, mit so ergreifender Kraft und so lebendiger Phantasie gethan als' der Jrländer Banim. Schon die beiden Erzählungen, mit welchen er unter dem Titel: „Tales vk tüe 0'Hara lümil)'" (London 1825) auftrat, besonders die erste: „Crotioors na Liltivoll" (Cornelius mit der Hippe), zeigte neben ausgezeichneten Geistesgaben bereits auch die Mangel, die in einigen seiner spätem Darstellungen noch mehr auffielen. Die hohe Erwartung, welche seine erste Erscheinung erregt hatte, rechtfertigte die zweite Reihe der ,,0'Hara tales" (London 1827), wo besonders in der ersten Erzählung: „Ttm M»v!ans", wol seiner besten Leistung, seine ganze Eigenthümlichkeit, die kräftige Darstellung des zerrissenen und zerrütteten Menschenherzens, der Versunkenheit des Elends und des Verbrechens, sich glänzend darlegte. Später folgten die irländischen Sittengemälde: „Ttis battle ok tke aus der letzten Zeit des 17. Jahrhunderts (London 1828), „Ike Crnp- I'>", aus der Zeit des Bürgerkrieges im 1.1798 (London 1828), und unter dem Titel: „Tke tlenouncetl" (London 1830), zwei Erzählungen, von welchen die zweite: „Tüe conformlst", aus der Zeit der härtesten Bedrückungen der irischen Katholiken nach 1688, zu B.'s vorzüglichem Leistungen gehört. Es ist nicht zu verkennen daß Scott's historische Romane ihm die erste Anregung gegeben, oder 170 Barante vielmehr das Bewußtsein seiner Eigenthümlichkeit und schöpferischen Kraft in ihm geweckt haben, und es wäre zu wünschen, daß er blos diesem Anstoße zu feiner Entwicklung gefolgt und immer er selber geblieben wäre. In seinen spätem Ronurnen tritt die Nachahmung der Manier Scott's zuweilen zu sthr hervor, sowol in Charakterbildern als in kleinlich ausmalenden Schilderungen. Niemand aber hat den irländischen Landmann in seiner pittoresken Eigenthümlichkeit, in seinen Drangsalen und seinen Verirrungen so lebendig und so wahr geschildert als B., wenige kommen ihm gleich in der Darstellung einer kaum civilisirten Menschengesellschaft, einer wilden, die Tiefen der Menschennatur aufwühlenden Leidenschast; und oft zeigt er sich ungemein geschickt in der Anlage seines Plans, in der Behandlung einer geheimnißvollen Verwickelung; aber nicht selten wird er zurückstoßend durch die Vorliebe, mit welcher er das Schreckliche malt, nur die finstere Seite der menschlichen Natur herauskehrt und sie mit Mangeln überladet. Ein anderer Fehler in einigen seiner neuern und schwächern Romane, z.-B. ,,1'üe Cropp)", sind lange politische Erörterungen, die als störendes Beiwerk erscheinen, so sehr sie den gründlichen Kenner der irländischen Zustände verrathen. In einigen neuern Erzählungen ist er aus seiner Heimath gegangen, aber man sieht ihn am liebsten auf dem grünen Boden seiner Insel, der die diesem Erzähler eigne Nationalität recht zu beleben scheint. Sein neuester Roman: „Lüe (London 1831), der auf Englands Küsten spielt, steht zwar seinen besten irländischen Gemälden nach, ist aber in Anlage und Charakterschilderung anziehend. Mehre seiner Romane sind ins Französische übersetzt. In Deutschland machte ihn zuerst Frau Domeier bekannt in einer freien Übersetzung des „Ooüoore", die unter dem Titel: „Der Zwerg" (Hamburg 1828), erschien, ohne das Original anzugeben. Eine andere Erzählung aus der ersten Reihe der „D'Harn Wies" hat W. A. Lindau („Hauptmann Reh", Dresden 1830), und ,/1üe Ncnvlans" Adolf Wagner (Leipzig 1832) übersetzt. Barante (Prosper Bruguiere de), französischer Staatsmann und Gelehrter, geb. 1783 zu Riom in Auvergne, einer altadeligen Familie angehörend, worin sich einige Mitglieder unter dem Namen Bruguiere als Gelehrte und als Ma- gistratspersoncn ausgezeichnet haben. Er trat früh in den Staatsdienst und wurde zuerst unter Napoleons Regierung Auditeur beim Staatsrathe; dann ward er als Unterpräfect nach Bressuire geschickt, einige Zeit nachher zum Präfecten des Vendeedepartements befördert und später in die wichtigere Prafectur des Loiredepartements versetzt. Sein Bruder war Unterpräfect zu Luxemburg, und sein Vater, der 1812 starb, war eine Zeitlang Präfect des Lemandepartements gewesen. B. heirathete 1809 eine Tochter des Generals Houdelot, eine Enkelin der durch Roufseau's „Conlessicms" so berühmt gewordenen Madame d'Houdelot. Als die kaiserliche Regierung 1814 gestürzt wurde, kam B. anfangs außer Thätigkeit; vermuthlich wollte ihn die königliche Negierung nicht anstellen, weil er Napoleon gedient und demselben in einigen Staatsreden außerordentlich geschmeichelt hatte, wie es damals Sitte war. Im folgenden Jahre aber, als nach den hundert Tagen Ludwig XVIll. zurückkam und manche Beamte, welche während seiner Abwesenheit sich zu Gunsten des Kaisers erklärt hatten, nicht mehr brauchen wollte, kam B., der mit den Umgebungen des Königs in naher Verbindung stand, in besondere Gunst; er erhielt die wichtige und einträgliche Stelle eines Directors des indirecten Steuerwesens, nachdem er zuvor zum Staatsrathe ernannt worden war und eine kurze Zeit den Posten eines Generalsecretairs des Ministeriums des Innern bekleidet hatte. Auch wurde er von dem Puy-de-Domedepartement, aus welchem seine Familie abstammt, zum Deputirten bei der nach Ludwigs XVlII. Rückkehr zusammenberufenen Kammer der Volksrepräsentanten ernannt. Als Steuttdirector zeigte er große Thätigkeit und Einsicht, vertheidigte aber, tvie die Barante 171 meisten Beamten, die Ansichten und Grundsätze des Ministeriums wider die freisinnige Opposition. Das Volk erhielt wenig oder gar keine Erleichterung; freilich hatte Frankreich damals ungeheure Kriegscontributionen an die allürten Mächte zu zahlen. B. erhielt sich auf diesem Posten während des Ministeriums von Bau- blanc, Laine, Decazes; als aber das ganze Ministerium umgebildet wurde, verlor auch er seine Directorstelle, wurde jedoch später zur Pairswürde befördert. In der Pairskammer schlug er sich zur Partei der Gemäßigten und Aufgeklärten, und widersetzte sich unter der Regierung Karls X. mehren Maßregeln, welche dem Geiste der Verfassung zuwider waren. Seine Reden waren zwar nicht so heftig als diejenigen der entschiedenen Opposition; sie enthielten aber sehr kluge Winke und vernünftige Ansichten. B. bekam auch keinen Antheil mehr an der Staatsverwaltung. Als jedoch die Orleans'schc Linie den Thron bestiegen hatte, ward B. zum Gesandten am turiner Hofe ernannt. Vielleicht hoffte er durch diesen eben nicht bedeutenden Posten zu größerer Thätigkeit zu gelangen. Er bekleidete denselben noch im April 1832. — Als Schriftsteller hat B. sich bei einer vom Institut lne universelle", für welche er einige wichtige Artikel lieferte, z. B. Bossuet, Froissart. Während er noch Präfect in der Vendee war, hatte er mit der berühmten Madame de la Roche-Jacquelin Bekanntschaft gemacht. Er erbot sich, ihr bei der Bearbeitung der Geschichte des Vendeekrieges, an welchem sie Antheil genommen hatte, beizustehen, und ihm schreibt man vorzüglich die in der Folge erschienenen und mehrmals aufgelegten „lVlemoires üe lUotlcune Ae lu Ilocüe- Hcgiieliu" zu, welche gewiß zu den besten Memoiren gehören, die in der neuern Zeit in Frankreich erschienen sind. Im Auslande haben sie vielleicht noch ein größeres Publicum gefunden als in Frankreich, wo man denselben eine zu große Einseitigkeit vorwirst. Er nahm auch Antheil an dem von Ladvocat in Paris herausgegebenen „Rlieütre elmn^er" und übersetzte einige Stücke von Schiller. Auch scheint er an der von Guizot und Broglie gegen das Ende der Regierung Karls X. herausgegebenen gehaltreichen Zeitschrift: „lievue iimucoise", gearbeitet zu haben. Als von der Abfassung eines Gesetzes über die Gemeindeverwaltung die Rede war, womit sich Martignac's Ministerium beschäftigte, ließ er (1829) eine Abhandlung erscheinen, die zu den besten gehört, welche über diesen wichtigen Gegenstand damals herausgegeben wurden. Wahrscheinlich würde er seine darin niedergelegten Ansichten in der Pairskammer vertheidigt haben, wenn Martignac nicht seinen bereits der Deputirtenkammer vorgelegten Gesetzentwurf, aus Furcht vor zu großen Veränderungen, zurückgezogen hätte. B. verriet!) jedoch in jener Schrift eine mangelhafte Kenntniß auswärtiger Einrichtungen und Gesetze. In den Jahren 1824 — 26 erschien in 10 Octavbänden seine „llistoire ües ckucs cke Ijour^ttFue". Dieses bänderrcieye Werk umfaßt nur vier Negierungen und einen Zeitraum von etwas mehr als 100 Jahren; von Burgund ist wenig die Rede, aber von Frank- reich und Flandern fast immer. In Hinsicht der historischen Forschung hat sein Werk geringen Werth, da er nichts als die französischen gedruckten Chroniken zu Rache gezogen hat, aber als literarische Arbeit ist es verdienstlich; der Verfasser hat in einem edeln, reinen und einfachen Style die Thatsachen ausführlich und anziehend erzählt, aber ohne auch nur eine einzige Bemerkung hinzuzufügen. Er kündigt in der Vorrede an, er habe sich die alten Chroniken zum Muster genommen ; er führt lange Reden, Briefe und Beschreibungen aus denselben an und verlängert dadurch zuweilen seine Erzählung gar zu sehr. Diese Art Geschichte zu schreiben war ganz neu in Frankreich, und gab Anlaß zu manchen Nachahmungen. Als B. 1820 an der Stelle des verstorbenen Grafen Deseze Mitglied der Acucke- Barbacena inie ii-An^ise wurde, erhielt diese Neuerung von Jouy, dem damaligen Direktor der Akademie, in der Aufnahmerede eine starke Zurechtweisung. B. hielt bei der- selben Gelegenheit eine Lobrede auf feinen Vorganger Deseze, den Anwalt Konig Ludwigs XVI. vor demNationalconvente, und entwarf ein sehr gehässiges Gemälde von der Revolution, welches man ihm in Paris übel nahm. Er arbeitet an einer Geschichte des pariser Parlaments. (25) Barbacena (Marquis von), brasilischer Diplomat, eine Zeitlang Don Pedros Bevollmächtigter im Namen der Königin Donna Maria von Portugal. Er hieß früher Filisberto Caldeira Brant, und wurde vom Kaiser Pedro, zu dessen Vertrauten in Rio Janeiro er mit gehörte, zum Marquis von Barbacena ernannt. Wie öffentliche Blatter behaupten, soll F. E. Brant, ein geborener Portugiese, nach mancherlei Abenteuern in seinen frühern Lebensverhältnissen, schon unter der Regierung Johanns VI. sein Glück im Staatsdienste gemacht haben. Er kam dadurch in den Besitz eines sehr großen Vermögens. Den Brasiliern war er schon als Portugiese verhaßt; noch mehr wurde er es in Folge des Vertrauens, welches ihm Don Pedro bewies. Man glaubt, daß er den Kaiser in seiner Vorliebe für Portugal bestärkt und in den Entwürfen seiner portugiesisch-europäischen Politik geleitet, dadurch aber mittelbar zu der Katastrophe des Kaisers im I. 1831 beigetragen habe. Don Pedro überhäufte ihn mit Titeln und Ehrenbezeigungen. Er wurde Oberbefehlshaber der Südarmee; er leitete alle bedeutende Verträge Brasiliens mit dem Auslande; er übernahm das Geschäft der Anleihen; 1824 ging der General Brant als brasilischer Commissarius nach London, um daselbst den gütlichen Vergleich zwischen Brasilien und Portugal einzuleiten; im folgenden Jahre ward er zum ordentlichen Botschafter in Lissabon ernannt. Am Jahrestage der Geburt und der Thronbesteigung des Kaisers (12. Oct. 1825) ward er zum Vicomte von Barbacena (in Minas Geraes) erhoben und 182^7 mit dem Theilungsgeschäfte des Nachlasses des Königs Johann für feinen Kaiser beauftragt, sowie mit Allem, was die Interessen der Königin Maria da Gloria betraf. Er begleitete diese junge Fürstin nach Europa und führte sie nach England 1828, wo er für sie mit dem Herzoge von Wellington unterhandelte. Hierauf erhielt er das Großkreuz des brasilischen Ordens und ging im Auftrage des Kaisers nach München, wo er die Vermahlung desselben mit der jungen Prinzessin Amalia von Leuchtenberg einleitete und zu Stande brachte (2. Aug. 1829). Nach seiner Aurückkunft nach Brasilien (16. Oct. 1829) benutzte der feine und gewandte Hofmann das Entzücken des Kaisers über seine glückliche Verbindung, um sich in der Gunst desselben immer mehr zu befestigen. Wenn es wahr ist, was ein französischer Schriftsteller, August de St.-Hilaire, versichert, so wurde ihm das Finanzministerium und der Vorsitz im Ministerrats angeboten; er nahm aber diese hohe Stelle erst dann an, als man zum Zeichen der kaiserlichen Zufriedenheit alle von ihm vorgelegte Rechnungen ohne weitere Untersuchung bestätigt hatte. Hieraufsoll er, um allein das Vertrauen des Monarchen zu besitzen, die einflußreichsten Günstlinge desselben, den geheimen Cabinetssecretair, Francisco Gomes, und den Unterintendanten des kaiserlichen Vermögens, da Rocha Pinto, durch Klagen, die gegen sie erhoben wurden, verdächtigt und dadurch den Kaiser bewogen haben, seine beiden Vertrauten nach Europa zu schicken. Gomes sandte aber von London aus so viele daselbst gesammelte Beweise von der tadelnswerthen Verwaltung des Marquis an den Kaiser, daß dieser voll Unwillen dem Minister die heftigsten Vorwürfe machte und ihn absetzte (1830). Allein der Marquis hatte sich eine starke Partei zu verschaffen gewußt, die vorzüglich in den Kammern für ihn thätig war. Er gab jetzt eine Flugschrift heraus, worin er mit großer Gewandtheit den eigentlichen Fragepunkt umging, und selbst den Ankläger machte. Indem er sich so gewissermaßen an die Spitze der Unzufriedenen stellte, wußte er jene Streitigkeit wie eine Nationalsache zu bc- l U ^ kr Bärensprung 173 handeln. Er gründete nun und verbreitete Zeitschriften im Sinne der Opposition, wodurch er den revolutionnairen Geist erregte, der endlich die Abdankung des Kaisers nach sich zog. Seitdem scheint auch er aus dem öffentlichen Leben getreten zusein.^ . (7) Barensprung (Friedrich Wilhelm von), Oberbürgermeister der Residenzstadt Berlin, geb. den N). Aug. 1779 zu Berlin, wo sein Vater in dem damaligen Generaldirectorium Chef des Forstdepartements war. Nachdem er seine Schulbildung in Berlin vollendet, studirte er von 1800 — 3 in Erlangen und Göttingen die Rechte und Kameralwissenschaften. Nach Berlin zurückgekehrt, trat er zuerst bei der kurmärksichen Kammer als Referendar im Iustizdepartement und bei der Bergwerks- und Hüttenadministration ein, und wurde bei dieser Behörde 1805 zum Assessor ernannt. Bei der Besetzung des Landes und der Hauptstadt durch französische Truppen erhielt B. den schwierigen Auftrag, mit mehren französischen Behörden über die Verpflegung der Truppen zu verhandeln. Er verwaltete einige landrathliche Geschäfte, mußte 1807 die Direction des Magistrats zu Pots- dam übernehmen, und zwar in der sehr bedrängten Zeit, als die Stadt zu einem Waffen- und Depotplatz der französischen Armee gemacht worden war. B. erwarb sich hierbei das Vertrauen der Bürgerschaft in so hohem Grade, daß er von derselben bei Einführung der Städteordnung 1809 zum Oberbürgermeister gewählt wurde. Diese Stelle lehnte er jedoch ab, da andere Verhältnisse ihn in Anspruch nahmen und er in demselben Jahre zum Rath bei der kurmarkischen Regierung, auch bald darauf von der Ritterschaft dreier Kreise zum Deputirten bei der Verwaltung des durch den Krieg entstandenen Schuldenwesens gewählt, und zum königlichen Commissarius bei der Revision der Kriegskostenrechnung der Provinz bestellt wurde. Bei diesem Geschäfte war es, wo B. durch seine Geradheit und Offenheit in einen heftigen Streit mit einem der Räche von dem Bureau des Staatskanzlers von Hardenberg verwickelt wurde, wobei es bis zu persönlicher Beleidigung und Herausfoderung kam. Da es B.'s Gegner nicht gelungen war, denselben offen aus dem Felde zu schlagen, so wurden bald darauf heimliche wirksamere Versuche gemacht. Als 1813 der Aufruf des Königs an sein Volk die preußische Jugend zu den Waffen rief, stand B. als Militair-Departementsrath mit an der Spitze der Kriegsrüstungen der Provinz, trat auch darauf beimAusbruch des Kriegs gegen Frankreich als Mitglied des Militairgouvernements ein, das für Berlin und die Kurmark gebildet ward. Ungern sahen ihn die von ihm früher gekränkten Feinde in einer Stelle von so umfassender Wirksamkeit, da sie überdies fürchten mußten, früher oder später wieder mit ihm zusammenzutreffen. Als das geeignetste Mittel, ihn von Berlin zu entfernen, sah man es an, ihn 80 Meilen weit nach Gumbinnen in Ostpreußen als Regierungsrath zu versetzen. B. aber, seinen Gegnern nicht nur an Much, sondern auch an Klugheit überlegen, erwirkte sich sogleich einen Urlaub von der Regierung zu Gumbinnen, um als Freiwilliger den Krieg mitzumachen. Sobald er sich aber als solcher bei dem Militairgouvernement in Berlin meldete, wurde er, wie er voraussehen konnte, sogleich commandirt, seine frühern Geschäfte bei diesem Gouvernement wieder zu übernehmen. Zu nicht geringem Ärger seiner Feinde erschien nun von ihm in den Zeitungen die Anzeige, daß er nicht nach Gum- kD binnen abgehe, sondern in seinen frühern Verhältnissen in Berlin bleibe. Dem Könige, der den Zusammenhang der Sache nicht kannte, mußte dies Benehmen um so mehr als eine absichtliche Widersetzlichkeit erscheinen, als der Staatskanzler selbst auf eine ernstliche Bestrafung antrug. So wurde eines Morgens dem Regierungsund Gouvernementsrath von B. durch den Commandanten von Berlin, der mit mehren Gensdarmen vor dem Bette desselben erschien, eine Cabinetsordre vorgelegt, nach welcher er sofort auf unbestimmte Zeit nach der Festung Pillau, am äußersten Ende des Reichs, abgeführt werden sollte, was auch ohne Gestattung einer Frist voll- 174 Barrikaden zogen wurde. Dem Commandanten der Festung mochte B. als ein gefährlicher Staats-und Majestätsverbrecher angemeldet worden sein, daraufschien wenigstens die Anweisung eines feuchten Kerkers in einer Casematte hinzudeuten. B.'s Freunde unterließen jedoch nicht, den König sofort über die wahre Lage der Verhältnisse aufzuklaren, und schon nach fünf Tagen erhielt er seine Freiheit wieder. Heftige Gemüthsbewegungen und die Anstrengungen der Reise hatten B.'s Gesundheit so erschüttert, daß er jeden Antrag zum Wiedereintritt in den Vtatsdienst, den man ihm als ehrenvolle Genugthung anbot, ablehnte; selbst einer Einladung des Ministers von Stein, in den Verwaltungsrath am Rhein, zu dessen Chef dieser von den Verbündeten ernannt war, einzutreten, konnte B. nicht Folge leisten. Er schied aus dem Staatsdienste, um eine glänzendere und ehrenvollere Laufbahn zu betreten, als sie ihm von der Bureaukratie jemals geboten werden konnte. In seinen frühern Dienstverhältnissen hatte er sich um die Bürgerschaft und das Gemeindewesen von Berlin so vielfache Verdienste erworben, daß ihn nach 1814 in dankbarer Anerkennung die Stadtverordnetenversammlung zum Bürgermeister wählte. In diesem Verhältnis hat er mit unermüdeter Thatigkeit und glücklichem Unternehmungsgeiste manches verwickelte Geschäft ausgeglichen und manche dauernde Communaleinrichtung zu Stande gebracht. Berlin verdankt ihm insonderheit die Verbesserung der Bürgerschulen, die Errichtung einer Gewerbschule und des Realgymnasiums, in welchem neben den alten Sprachen auch die Naturwissenschaften und die neuern Sprachen beachtet werden. Die von ihm gegründete Sparcasse, zunächst für die dienende Classe in Berlin bestimmt, ist fast in allen größern Städten Preußens und Deutschlands nachgeahmt worden; nicht mindere Anerkennung verdient die Sorge, welche B. der Armenpflege gewidmet hat. Nach dem Ausscheiden des bisherigen Oberbürgermeisters Büsching wurde B. zu Ende des Jahres 1831 von der Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister gewählt und erhielt auch unter den drei in Vorschlag gebrachten Candidaten die königliche Bestätigung. (26) Barrikaden heißen im Allgemeinen Verschanzungen, welche man von Dingen, die augenblicklich zur Hand sind, als Holz) Steine, umgestürzte Wagen, Hausgeräthe w. anlegt, um irgend einen engen Zugang, z. B. Thüren, Fenster, Gassen oder Hohlwege zu versperren. Ausschließlich wurden zuerst die Straßenver- rammelungen in Paris mit diesem Namen belegt. Hier waren schon im 14. Jahrh. die Straßen an ihren Eingängen mit Ketten versehen, um sie bei Einbruch der Nacht versperren zu können. Dies geschah auch bei dem wegen der drückenden Auflagen ausgebrochenen Volksaufstande 1382, wo die Einwohner nachher, 30,000 Mann stark, dem jungen König Karl VI. in die Ebene von Saint-Denis entgegenzogm, nachdem sie vorher die Einnehmer der Gefälle theils erschlagen, theils verjagt, und eine Anzahl jüdischer Kaufleute geplündert hatten. Es fehlte ihnen jedoch Entschlossenheit und Eintracht, sie gingen aus einander, und der König zog mit seiner Armee in die Stadt, ließ die Thore ausheben, die Ketten in den Straßen hinwegnehmen, die Bürger entwaffnen und über 300 unruhige Köpfe hinrichten. *) Die eigentlichen Barrikaden waren 1588 ein Werk der katholischen Ligue, an deren Spitze der Herzog von Guise stand, und die nichts Geringeres als die Absetzung Heinrichs IU. im Sinne hatte. Gegen den ausdrücklichen Willen und Befehl des Königs nur mit acht Begleitern nach Paris gekommen, wurde er von dem, durch seine Partei gewonnenen Pöbel mit lautem Jubel empfangen und unterließ nicht, nach der ersten, für ihn nichtganz gefahrlosen Zusammenkunft mit dem König Anstalten zu seiner persön- *) Nach Capcft'gue soll bei dieser Gelegenheit die Bastille am Thore St.-Antoine erbaut worden sein; nach Mezeray („llistoire <1e bll-nncs", II, 333) geschah es schon 1363 durch Hugo Aubriot, Prevot von Paris. Vielleicht ward der Bau erst 1333 vollendet. Barrikaden .175 lichen Sicherheit zu treffen, während er äußerlich vollkommen ruhig und unbesorgt schien und noch am Abend vor dem Ausbruch des Aufruhrs (11. Mai) als Oberkammerherr dem Könige die Serviette reichte. Dieser hatte, um die von ihm anbefohlene, von den Bürgern aber verweigerte Fortschaffung aller seit einigen Tagen nach Paris gekommenen Fremden allenfalls mit Gewalt durchzusetzen, mit Anbruch des Ta. ges (12. Mai) die französischen und Schweizecgarden, nebst einigen Truppen, zusammen etwa 6000 Mann, in die Stadt kommen lassen, ritt ihnen selbst bis ^ dcls Thor Saint-Honore entgegen und gab die nöthigen Befehle zu ihrer Ausstellung auf dem Kirchhofe St.-Innocent und in der Umgegend, auf den Brücken Notredame, St.-Michel und au Ehange, am Hotel de Ville, dem Greveplatze und in den Zugängen des Maubertplatzes. Er kehrte dann wieder nach dem Louvre zurück, wahrend die Truppen mit klingendem Spiel ihre Posten bezogen. Das war das Zeichen zum Aufruhr; denn die Einwohner waren von der liguistischen Partei überredet worden, daß die vornehmsten Haupter der Ligue umgebracht und die Stadt geplündert werden sollte. Die Sturmglocke erschallte; die Bürger waffneten sich und versammelten sich unter ihren Hauptleuten, Rottmeistecn und den Offizieren des Herzogs von Guise, die sich deshalb schon unter sie gemischt hatten. Der Graf Brisisiw, einer der Aufgeregtesten, der sich im Viertel der Universität am Platze Maubert be- fand, rief einen Haufen von Studenten, Lastträgern, Schiffern und Handwerkern auf; zugleich ließ er in den Straßen die Ketten vorziehen, das Pflaster aufreißen und von starken Hölzern und mit Erde oder Mist gefüllten Tonnen von 30 zu 30 Schritt Abschnitte (liarricaeks) anlegen, die mit Musketieren besetzt, sich fast in einem Augenblicke durch die ganze Stadt bis auf 50 Schritt vom Louvre verbreiteten, sodaß die königlichen Soldaten keinen Schritt vor oder zurück thun konnten, ohne sich den sicher treffenden Musketenschüssen der Bürger hinter den Barrikaden oder den Steinwürfen aus den Fenstern der nächsten Häuser auszusetzen. Schon waren am Platze Maubert mehr als 60 Schweizer todt oder schwer verwundet; noch hörten die durch das Zurufen ihrer Anführer aufgereizten Bürger nicht zu feuern auf, obgleich die Schweizer knieend und mit aufgehobenen Händen um Gnade flehten, bis Brissac, der mit gezogenem Degen das Vorrücken der Barrikaden leitete, herbeikam und ihrer Wuth Einhalt that, indem er die Schweizer Vive 0>üse! rufen ließ und sie als Gefangene mit sich fortführte. Der Herzog von Guise ging mittlerweile in seinem Hotel auf und ab und antwortete Denen, welche der König an ihn schickte, mit dem Ersuchen, den Tumult zu stillen, er sei nicht Herr dieser wilden Bestien, die man nicht auf diese Weise hätte reizen sollen. Endlich aber ging er doch, mit einem Stöckchen in der Hand, von Barrikade zu Barrikade, hieß den Pöbel ruhig sein und sich blos auf die Vertheidigung beschranken. Er schickte hierauf die französischen Garden sowol als die Schweizer nach dem Louvre zurück und ließ dem König sagen, sobald die katholische Religion gesichert, und er und die Seinen gegen die Anschläge ihrer Feinde geschützt wären, würde er gern Alles thun, was einem guten Unterthan gegen seinen Oberherrn gezieme. Als es jedoch auf die Vergleichsbedingungen ankam, stellte der Herzog diese so hart und betrug sich so anmaßend, daß der König es für gerathen hielt, am folgenden Tage heimlich aus Paris weg nach Chattres zu gehen und so die Absichten und Plane der Guise'schen Partei zu durchkreuzen. *) — Bei der nachherigen Belagerung von Paris im I. 1500, durch Heinrich I V., hatte der Herzog von Nemours, welcher in der Stadt für die liguistische Partei den Oberbefehl führte, schon Alles zu Barrikadirung der Straßen durch Ketten, mit Erde angefüllte Tonnen und Holz in Bereitschaft setzen lassen. Der König begnügte sich jedoch, die Stadt, nach Eroberung der Vorstädte, enge einzuschließen, mußte aber nachher die Blokade auf- . *) Uber diese llournees lies barrlcAtlss s. Vitet's „1-vs Larrlcalle», scenes Iilsto- rigues" (Paris 1326). 176 Barnkaden heben, weil der Prinz von Parma mit einem spanischen Heere zum Entsatz herbeikam. Wahrend der Minderjährigkeit Ludwigs XIV. führten die einander entgegengesetzten Zntriguen des Cardinals Mazarin und der Antiministerietten (der Fronde) neue Volksunruhen herbei. Die Straßen der Hauptstadt wurden abermals durch die vorhandenen Ketten gesperrt, und die Königin-Regentin mit dem Hofe und Mazarin bewogen, nach Saint-Germain zu flüchten, wo sie mit den Parisern unterhandelten und alsdann wieder zurückkehrten. Als sich jedoch bei ausgebrochenem bürgerlichen Kriege die Truppen der Fronde in den Vorstädten von Paris festgesetzt hatten (1652), wurden von ihnen an den Thoren und Zugängen Verschanzungen und Barrikaden errichtet, deren Angriff durch die Königlichen, unter Turenne's Anführung, das Tressen in der Vorstadt St.-Antoine veranlaßte. Ebenso hatten schon die Truppen Heinrichs IV. im I. 1580, als sie in Tours von der ihnen weit überlegenen liguistischen Armee unter dem Herzoge von Mayenne angegriffen wurden, die drei Zugange der Vorstadt durch umgeworfene Wagen, in der Eile herbeigeschlepptes Holz und dergl. versperrt, und verteidigten sie mit großer Herzhaftigkeit. Beispiele ähnlicher Barrikadirungen finden sich öfters, um in belagerten Städten das Vordringen des Angreifers durch den Wallbruch in die Straßen zu hindern oder auch zu begünstigen. Es ist in dieser Hinsicht unter andern Saragossa 1808, Dresden und Kassel 1813, Sens 1814 und Saint-Denis 1815 zu erwähnen. — Am merkwürdigsten und erfolgreichsten erschienen die Barrikaden 1830 in Paris und Brüssel, wo sie den regellosen Volkshaufen den Sieg über die Truppen gewinnen halfen. In Paris entstanden die Barrikaden in Einer Nacht (vom 27. zum 28. Iul.) in allen Straßen und Quergassen von 100 zu 100 Schritten, theils aus umgeworfenen Wagen, theils aus dem aufgebrochenen Straßenpflaster gebildet, dessen flache, viereckig gehauene Steine sich besonders dazu eignen, auf den Boulevards aber aus den vorhandenen Baumen, sodaß sie eine vier- und mehrfache Linie von Verschanzungen bildeten, welche jeden Gebrauch der Artillerie und Cavalerie unnütz machten und selbst das Vordringen der Infanterie aus den Tuilerien nach der Straße Richelieu verboten. Die letztere, sowie alle nach ihr führende Nebengassen, war in ihrer Lange vom lAäütre bis zum Boulevard vielmals abgeschnitten, und die Colon- nade des Theaters selbst mit Vertheidigern besetzt, welche die Straße St.-Honorä beschossen und dadurch die Ausstellung von Geschütz zu Bestreichung der Straße Richelieu unmöglich machten. Zum Überfluß waren in die obern Stockwerke der Häuser zerschlagene Pflastersteine getragen werden, und wo diese fehlten, vertraten Dachsteine oder die flachen Ziegel der Zimmerfußböden die Stelle. Auf solche Weise verwandelte sich Paris in eine verschanzte, von den Einwohnern vertheidigte Stellung, in der jede Straße eine besondere, geschlossene Nedoute darstellte, gegen die Angreifer, d. h. gegen die von den königlichen Truppen besetzten Tuilerien und das Louvre gekehrt, denen man den Raum zwischen der Straße St.-Honore und der Seine, von dem Platze Ludwigs XVI. an bis an die Straße de iArbre sec überlassen hatte. Die äußern Barrikaden aber waren gegen die Boulevards, wo sich ebenfalls angreifende Truppen befanden, gerichtet. In der Vorstadt St.-De- nis war dies bis zur Hälfte der Straße desselben Namens der Fall, der übrige Theil vertheidigte sich bis zur Barriere gegen den etwa von Außen anrückenden Feind. In Brüssel waren die Barrikaden zwar bei der Ankunft der Holländer (am 23. Sept. 1830) vorbereitet und von ähnlicher Beschaffenheit, jedoch nicht von hinreichender Stärke und Höhe, um die Holländer wirklich aufzuhalten. Sie wurden nach und nach erobert, aber auch wieder aufgegeben, und haben wenig zu Gunsten der Belgier bewirkt, deren Vertheidigung mehr aus dem obern Theile der Häuser stattfand und deren Erfolg nur aus dem Zusammentreffen mehrer für die Holländer ungünstigen Umstände herzuleiten ist. (27) . .^iÄ^ '''^-LZ!« Barrow 177 Barrow (John), Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften zu London und Admiralitätssecretair, einer der größten Kosmographen aller Zeiten, dessen Name sich beinahe das Gewicht und die Vollgültigkeit einer geographischen Akademie erworben, hat sich von Jugend auf mit allem Eifer dem Studium der Erdkunde, Mathematik und Astronomie gewidmet, welche letztere Wissenschaft er von 1786 — 91 mit großem Erfolge zu Greenwich lehrte. Naturwissenschaftliche Forschungen und physikalische Versuche füllten seine Mußestunden aus, und bald war sein Ruf so sehr verbreitet, daß Lord Macartney, der 1792 von der britischen Regierung zur Anknüpfung von Handelsverbindungen mit China nach Pecking gesendet wurde, B. zu seinem Privatsecretair wählte, wahrend Sir George Staunton als Gesandtschaftssecretair den Briefwechsel und die öffentlichen Geschäfte besorgte. Obgleich dieser, sowie Macartney's übrige Begleiter, Anderson, Holmes und Alexander, nach der Heimkehr die Reise beschrieben, und jeder in einem besondern Werke seine Beobachtungen herausgab, so ist doch kein Bericht an Gründlichkeit mit B.'s Schrift zu vergleichen. Selten hat eine Gesandtschaft so glänzend begonnen und so unglücklich geendigt. Mit wenigen Worten beschreibt Anderson das Schicksal der Botschaft: „Wir kamen nachPecking wie Bettler, verweilten da wie Gefangene, und verließen die Stadt wie Diebe." B. schildert besonders ausführlich Cochinchina, wohin er sich begeben hatte, als die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft in der Mandschurei, wo damals der Hofsich aufhielt, verweilten. Kurz nach seiner Rückkehr nach Europa gab er 1794 Beschreibungen der verschiedenartigsten Taschenapparate von mathematischen Instrumenten heraus, wozu er schon während seines Aufenthaltes in Oxford und Greenwich die Materialien gesammelt hatte. Der Ruhm Mungo Park's reizte auch B.'s That- krast. Wie dieser von Norden und Westen her das Herz von Afrika zu erforschen sich bemühte, wollte er von Süden aus in das Innere eindringen. Das ganze Gebiet der europäischen Colonien bis an den Orangefluß durchwandernd, gab er, der Erste, eine Übersicht der Arealgröße, indem er mit Hülfe der Statthalterschaft das ebene Land theils selbst aufnahm, theils aufnehmen ließ. Nachdem B. den Tafelberg überstiegen und einige Tagemärsche zurückgelegt hatte, kam er in die Wüste Kam. Ohne eine Menschenspur zu entdecken, setzte er seine Reise mitten durch die großen Gebirgsketten des Zwartebergs und Nieuweldt fort und gelangte endlich zu dem Dorfe Graaf-Reynet. Hier schloß er sich einer Gesandtschaft an, welche die Einwohner in Verbindung mit den Bruntjeshoogte an einige Kassernhäuptlinge schickten. Von dem Aufenthaltsorte des Kassernkönigs (Gaika), der auf einem Ochsen zur Audienz geritten kam, drang er bis zum Sneuwberg vor und lernte nicht nur die europäischen Niederlassungen, sondern auch die Hottentotten- und Kaffernstämme nebst den wilden Buschmännern kennen. Nach seiner Zurückkunft in die Capstadt unternahm er, und zwar ganz allein, noch eine Reise in das Gebiet der Namaquaer in der Nähe der Westküste, und machte eine zweite Wanderung in das Kafsernland. B.'s Werk: „Account of travels int« tke in- terior osSolitstern^iriokr" (London 1891—4), liefert eine neue Ansicht des ganzen südafrikanischen Landstrichs und seiner verschiedenartigen Bewohner und ist nebst Lichtenftein und Thompson noch heute die sicherste Richtschnur für alle Eapreisende. Erst 1894 gab B. seine Bemerkungen über China heraus, die in Frankreich so viel Interesse erregt haben, daß der Sohn des berühmten Orientalisten de Gukgnes in einer eignen Schrift: „tZstservutions snr les vo^ages cke Larrovv ü In deine", Anmerkungen darüber herauszugeben sich veranlaßt fühlte. Zwei Jahre darauf erschien B.'s Reise in Cochinchina. An dieses Werk schließt sich der Bericht von einer 1891 und 1892 nach dem Wohnorte des Häuptlings der Bushuanas — dem entferntesten Punkte im Innern von Afrika, zu welchem vorzudringen es damals den Europäern gelungen war — gemachte Reise; wahrscheinlich aber hat B. diese Conv .-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. ? 2 178 Bartels Reise nicht selbst gemacht, sondern nur deren Beschreibung aus dem handschriftlichen Tagebuche eines andern Reisenden herausgegeben. Maltebrun hat das Ganze ins Französische übersetzt (Paris 1807) und nebst Verbesserung einiger Fehler wissenschaftliche und politische Noten hinzugefügt, wozu der Nationalftolz des Verfassers ihm Veranlassung gegeben hat. Große Theilnahme fand auch B.'s 1807 erschienenes Werk,das Denkwürdigkeiten aus dem öffentlichen Leben des Lord Macartney enthalt, obgleich die allzu große Parteilichkeit für feinen Gönner und Freund, die häufig durchblickt, Manchen an jener Wahrheitsliebe zweifeln laßt, die man von Jedem zu verlangen berechtigt ist, welcher das Leben öffentlicher Personen schildert. Das gediegenste seiner Werke ist unstreitig seine mit kritischem Forschergeiste geschrie-- bene Geschichte der Nordpolarreisen (,,^- üistoricul accouut c>f inw tüe urctiv re^ions", London 1818). Schon seit vielen Jahren als Untersecretair bei der Admiralität zu London angestellt, hat er, wie ehedem Banks, den größten Einfluß auf Verbreitung der Natur- und Erdkunde in dem ausgedehntesten Sinne des Wortes. Keine wissenschaftliche Forschungsreise ist seit ungefähr 20 Jahren unternommen worden, wozu B. nicht den Plan entworfen, das passende Personal vorgeschlagen oder durch vorgelegte Fragen und Anweisungen die Richtung derselben vorgezeichnet hat. Ihm verdankt Parry die ebenso geistreiche als mit tiefer Kenntniß der Nautik und der atmosphärischen Einflüsse verfaßten Instruction zu seinen Nordpolreisen, sowie Roß und Buchan, Franklin und Richardson seinen Rath bei den oft wiederholten Versuchen zur Auffindung der Nordwestdurchfahrt in Anspruch nahmen. Mitglied fast aller Gesellschaften, die sich Erweiterung der Erd- und Himmelskunde zum Zielpunkte ihres Strebens gesetzt haben, hat er in England, als Secretair der sich weithin verzweigenden königlichen Admiralität, durch lebendiges Wort, im Auslande aber und selbst in Amerika, Asien und Neuholland, durch eine fast ununterbrochene Correspondenz manche Hebel in Bewegung gesetzt, deren Kräfte früher in todter Hand unbenutzt schlummerten. Schon vor mehren Jahren stellte er sich an die Spitze des Di-aveller's (llud, welcher thatkräftige Unterstützung wissenschaftlicher Reisen zum Zweck hatte, und gab in der Sitzung vom 24. Mai 1830 die erste Idee zur Begründung eines Instituts für England, wie schon früher eines unter Maltebrun, Eyries und Larenaudiere in Paris, und durch Ritter und Berghaus in Berlin entstanden war, und welches am 10. Jul. desselben Jahres unter dem Namen: ?lle FevFrapllicsI societ^ ok I^onckon, ins Leben trat, und unter ihren Mitgliedern Männer wie Mountstuart-Elphinstone, Franklin, Frazer, Ward, Brisbane, Beechey, Parry, Ousely und Andere mehr zählt. Der Vorsitz wurde, wol nur mit Rücksicht auf Einfluß und Rang, dem Viscount Goderich, die Leitung und zweite Präsidentschaft aber einstimmig B. übertragen, der hier, wie in der Admiralität, die Seele des Ganzen ist. (8) Bartels (Ernst Daniel August), seit 1828, wo er in des verstorbenen Berend Stelle an die Universität nach Berlin berufen wurde, ordentlicher öffentlicher Lehrer der Medicin und Director der medicinischen Universitätsklinik dafelbst, und Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Medicinalwesen. Er ist nach 1770 zu Braunschweig geboren, wo sein Vater als Consistorialrath lebte. Nachdem er 1801 zu Jena die Doctorwürde erhalten, prakticirte er in seiner Vaterstadt, wurde dann 1803 zum außerordentlichen Professor und Vorsteher der ana- ^ tomischen Anstalt in Helmstädt ernannt, von dort 1805 nach Erlangen als ordentlicher Professor der Medicin und Geburtshülfe und Director der Entbindungsanstalt, später (1810) nach Marburg, von hier schon nach einem Jahre als ordentlicher Professor nach Breslau berufen, von wo er jedoch 1821 abermals nach Marburg als Professor der Pathologie und Therapie und Director der klinischen Anstalt zurückging, bis er dem Rufe nach Berlin folgte. Den hessischen Hausorden vom goldenen Löwen erhielt er 1827, und mehre gelehrte Gesellschaften haben ihn zu ihrem Barths 179 jW« W>' Mitglieds ernannt. Durch seine sehr zahlreichen Schriften geht die gemeinschaftliche Tendenz, in der praktischen Medicin den naturwissenschaftlichen und namentlich physiologischen Standpunkt unverrückt fest zu halten. Diese Schriften, von denen wir besonders seine „Anfangsgründe der Naturwissenschaft" (2 Bde., Leipzig 1321) und seine „Pathogenetische Physiologie" (Kassel 1829) hier auszeichnen, haben mit größtem Rechte ihrem Verfasser einen geachteten Namen verschafft, ohne daß sie jenen ins Jahrhundert hineinstralenden Glanz bekundeten, der den Mannern vorbehalten bleibt, die entweder eine neue Bahn brechen, oder praktisch-nützliche Wahrheiten offenbaren, oder die mit der letzten und höchsten Weihe des Denkers begabt sind. Die Naturwissenschaften, die Naturphilosophie, die Gall'sche Lehre, der animalische Magnetismus haben nach und nach B. beschäftigt, und wir besitzen in seinen einzelnen Werken lehrreiche Früchte seines Strebens in diesen Fachern. Als Schriftsteller mag er sich den hier und da wol gemachten Vorwurf gefallen lassen, daß er mehr Philosoph als Arzt sei, da die medicinischen Philosophen in Deutschland wahrlich nicht allzu häufig sind, und es ihrer, bei der immer größern Verschwemmung der deutschen medicinischen Literatur in die Empirie hinein, mehr und mehr Noch thut. Andere Ansprüche hat freilich das medicinisch-klinische Katheder. Wir dürfen wol nicht hinzusetzen, daß B. ein Mann von gründlicher Bildung sei, wie er denn auch durch große Urbanität und Milde der Sitten als Mensch höchst achtbar ist. (28) Bart he (Felix), geb. 1795 zu Narbonne im Audedepartement, während der Restauration einer der freisinnigsten Advokaten und Mitglied von geheimen Gesellschaften, hat sich als Minister Ludwig Philipps an Perier's System angeschlossen und zieht als politischer Renegat die besondere Feindschaft der jetzigen Oppositionauf sich, welche seine frühern Verdienste so lange vergessen oder herabsetzen wird, bis er sich wieder zu seinen ehemaligen Ansichten bekennt. Wir jedoch berichten rein factisch über seine Leistungen und überlassen es dem Leser, zu urtheilen, in welcher Zeit B. größer dastand, als freisinniger Advokat oder als Minister des ssist« milieu. Nachdem er seine juristischen Studien in Toulouse vollendet, kam er nach Paris und wurde sehr bald als Ankläger des königl. Gardisten, der im Jun. 1820 den Studenten Lallemand während eines Auflaufes erschoß, berühmt. In seiner Anklage erhob er sich mit feurigen Worten gegen die Machthaber, welche die liberalen jungen Leute wegen ihres Rufes: „Es lebe die Charte!" durchprügeln ließen. Das Kriegsgericht, vor welchem B. das Wort führte, gab den Bescheid, der Gardist habe seine Pflicht gethan. B. wollte an die Presse appelliren, die Censur verbot es. Etwas später vertheidigte der junge Advokat vor der Pairskammer den Dberstlieutenant Caron, der einer Verschwörung gegen die Bourbons beschuldigt war, und Caron wurde freigesprochen, aber nur auf kurze Zeit. Mit gleichem Talente sprach B. 1822 für drei in die Verschwörungsanklage von Befort verwickelte Jünglinge, und rettete drei Menschenleben. Dann vertheidigte er die Angeklagten von la Rochelle und bald darauf den Deputirten Köchlin, wobei er mit beredtem Eifer die Soldaten, welche für Geld und Orden gegen Mitbürger kämpfen, tadelte; Köchlin ward zu einer für die damalige Zeit geringen Strafe verurtheilt. Im Proteste des „lourricll 6u commerce" vor der Kammer der Abgeordneten, donnerte der schon hochberühmte Advokat mit zermalmenden Worten gegen die Wahlintriguen der Minister, und das Journal wurde nur zum Minimum der Strafe verurtheilt. Zunächst nach Dupin d. Ä. war seitdem und bis zur Revolution im Jul. 1830 kein anderer Advokat Frankreichs so ausgezeichnet als B. in der Vertheidigung der Presse gegen die Geldbußen, und zunächst nach Odilon Barrot wirkte wol kein Anderer so thatig als B. in den geheimen Gesellschaften, um Frankreich auf die Gewaltstreiche Polignac's vorzubereiten. Hatte sich B. durch sein bisheriges Benehmen eine glänzende und gerechte Volkstümlichkeit erworben, so brachten ihm 12* 180 Barthvlemy und Mery die Julitage noch andern und großentheils ebenso gerechten Lohn. Wenige Tage nach der Julirevolution ward er königl. Procurator beim Seine-Gerichtshof, dar. auf Präsident des königl. Gerichtshofs zu Paris, Abgeordneter des Seinedepartements (mit Ausschließung des freisinnigen Bavoux), Minister des Unterrichts, zu welcher Stelle er weniger paßte, und endlich Minister der Justiz. Das Unterrichtsministerium wurde ihm durch einen Auftritt an der Sorbonne, wo ihm einige Studenten wegen seiner Ordonnanz gegen die Verbindungen Äpfel und Eier nachwarfen, sehr verleidet, und nicht weniger durch seine geringe Bekanntschaft mit den pariser Gelehrten. Eines Tages ließ sich ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften bei ihm anmelden, und der Minister des Unterrichts wußte nicht, wer dieser Gelehrte war. Den Gesetzvorschlag über Elementarunterricht, den er bei der Kammer einreichte, fand man so schlecht, daß er ihn wieder zurücknehmen mußte. Zum Justizministerium war der berühmte Advokat natürlich geeigneter. Diese Stelle erhielt er bei folgendem Anlaß: Es entstand Streit zwischen dem Generalprocurator Persil und dem königl. Procurator Comte, von welchen dieser freisinnigem Grund- satzen huldigte. Im königl. Staatsrathe erklarte sich B. für Persil und der Justizminister Merilhou für Eomte, und da Merilhou die verlangte Absetzung Comte's nicht unterzeichnen wollte, so wurde das königl. Siegel in die Hände seines alten Freundes B. gelegt. Als Justizminister verleugnete dieser nunmehr seine ehemaligen Grundsätze, er unterschrieb die Absetzung von Odilon Barrot, Laborde, Lanjuinais, Cabet; er, welcher früher den geheimen Gesellschaften angehörte, war strenger als irgend ein Anderer gegen die unschuldigsten Vereine sogar; er, der mit feurigen Worten die pariser Journale von Geldbußen errettet, trug fast tagtäglich auf Bestrafung der Journale an; nachdem er 1820, wie auch Perier that, das Verfahren der damaligen Machthaber, welche auf den pariser Straßen einen Theil des Volks gegen den andern aufhetzten, mit verdienter Rüge gebrandmarkt hatte, gab er nun zu, daß am 14. Jul. 1881 von der Polizei aufgereizte Handwerker die Patrioten aushandelten, und derselbe B., dem es in dem Processe für Köchlin nicht gefallen hatte, daß Soldaten wegen eines Kampfes gegen Mitbürger Geld und Orden erhielten, wendete nichts ein, als die Soldaten für ihre in Lyon verrichteten Helden- thaten auf ähnliche Weise begünstigt wurden. Er sank dadurch in der Gunst des Volks. (15) Barth clemy und Mery. Wir müssen diese verbrüderten französischen Dichter auch hier vereinigen, wie sie in ihren poetischen Leistungen, den englischen Dramatikern Beaumont und Fletcher vergleichbar, vereinigt gewesen sind. Beide wurden gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zu Marseille geboren. Ihre Erziehung war fast klösterlich. Die Verfasser von „Home ülernten in der Schule der Väter des Oratoriums (pöres cle 1'oratoire) Griechisch und Lateinisch. Als sie in ihrem fünfzehnten Jahre diese Anstalt verließen, lasen sie den Homer und Virgil, aber Racine und Voltaire waren ihnen fremde Namen. Dem Scharfblicke der beiden Jünglinge entgingen die Lücken ihrer Bildung nicht. Von ihrem Austritt aus der Schule bis zu ihrem Erscheinen in der literarischen Welt war es ihr eifrigstes Bestreben, in die geistigen Gebiete zu dringen, welche die thörichte Frömmigkeit ihrer Lehrer ihnen verschlossen hatte. Einem un- ermüdeten Fleiße, welchen die oft mislichen äußern Verhältnisse nicht entmuthigen konnten, verdanken B. und M. die mannichfaltigen Kenntnisse, durch welche sie sich vor ihren Nebenbuhlern auszeichnen. Sie kamen 1823, kurz vor dem spanischen Feldzuge, nach Paris. Der politische Parteikampf hatte sich zu Gunsten der Ultras entschieden, und die Besiegten rächten sich durch zornige Reden in der Kammer und in den Zeitschriften durch Späße und Verschwörungen. Die schwüle Gewitterluft, die auf dem politischen Horizonte Frankreichs lag, befruchtete die Phantasie des südlichen Dichterpaares. Die politische Satyre entwand sich ihrem Barthelemy und Mery 181 »l M BOb iw?? »i-ü'L °S!'- M-h B F Haupte, derb und behende, in reichem, wiewol volksthümlichem Gewände, mehr scherzend als verhöhnend, aber muthig Jeden beim Namen nennend und dem Verspotteten trotzig ins Auge schauend. Die „SiNenuos, epitres - sattes Zur le (lix-neuvieme siecle"(1825), an Sidi Mohammed gerichtet, der als Gesandter des Beys von Tunis der Krönung Karls X. beiwohnte, wurden nicht mit ungeteiltem Beifall aufgenommen; Manche fanden sie zu roh, Andere warfen den jungen Dichtern vor, Boileau's Schule verlassen zu haben. Sie hatten für ihren Erstlingsversuch lange vergebens einen Verleger gesucht, und auch für ihre nächste Satyrs: „i-Ä Villäliacke", bot ihnen ein Buchhändler nur 100 Francs. Die Dichter ließen sie auf eigne Kosten drucken und verkauften 16 Auflagen zu 50,000 Exempl. Von 1825 — 28 erschienen nach und nach: „0es losiiitos", „Home ü Uaris", „0a?e^roimeiüe", „0a (lordiereiüe", „0e congies cies mimstres", „llne sei- ree cbes j^ronnet" und „0a censure". Vier Tage vor der Auflösung des Ministeriums Villele kamen die „^clieux aux mmistres" heraus. Unter Martignac, einem eleganten und redlichen Hofmanne mit süßlicher Beredsamkeit und geschmeidigen Formen, der es mit seinem Vermittelungsfystem aufrichtig meinte, gab es wenig Stoff zur Satyre. Mit „Napoleon eu L^pte" (1828; deutsch von G.Schwab, Stuttgart 1829) traten die beiden Dichter in ein neues Feld und gaben der französischen Literatur den glücklichsten Versuch in der historischen Gattung, den sie bis jetzt besitzt. Wahrend M. eine Reise nach Griechenland unternahm, ging B. nach Wien, um jenes Gedicht dem Herzoge von Reichstädt zu überreichen; aber vergeblich waren seine Bemühungen, vor den Prinzen zu kommen. Nach seiner Rückkehr beschrieb er die Geschichte dieses verunglückten Versuches und die Gefühle, die bei dem Anblicke des Prinzen im Theater seine Seele bewegt hatten, in dem Gedichte: „0,6 LIs cle l'üomme, on souvemrs (je Vieime". Die Polizei ließ es sogleich in Beschlag nehmen; aber eine alsbald in Brüssel veranstaltete Ausgabe, welche einige in dem pariser Abdrucke weggelassene Stellen ergänzte, wurde verbreitet, ehe die gerichtliche Verfolgung des Dichters und Druckers begann. Die nächste Behörde, bei welcher die Beschwerde gegen den Dichter vorgebracht wurde, entschied zwar, die von dem königlichen Anwalt als strafbar bezeichneten Stellen gäben keinen Grund zur Anklage; ein Beschluß des königlichen Gerichtshofes aber erklärte den auf das Gedicht gelegten Beschlag für gültig und wies die Angeklagten vor das Zuchtpolizeigericht zu Paris. In der Gerichtssitzung am 29. Iul. 1829, welcher zahllose Zuschauer beiwohnten, wurden von dem königlichen Anwalt die Stellen des Gedichtes vorgetragen, welche die Anklage beweisen sollten, daß der Dichter sich einen Ausruf an die Usurpation, eine Einladung an fremde Kriegerscharen, eine Auffo- derung zum Umstürze des Thrones erlaubt habe. Er bezeichnete die einleitenden Zeilen des Gedichts als höhnischen Trotz und strafbare Ironie und stützte seine Beschuldigung besonders auf die Stelle, wo der Dichter in der Voraussetzung, daß feindliche Heere sich Frankreichs Grenzen nahten, und in den fremden Scharen lilllomme au päls visags, ellravsot mvtLore, Veuaic on uu llunbeau ^riooloi-H und die Stimme auf das jenseitige Rheinufer hinüberschallte, wie die Posaune im Thale Josaphat, so könnte diese Stimme wol die Gebeine eines Kriegervolks erwecken. Als der Anwalt seine Anklage zu begründen versucht hatte, erhob sich B. und las eine geistreiche Verteidigung in Versen vor, worin er— gerade ein Jahr vor dem entscheidenden Iuliustage — mit boshaftem Spott sagt, eine Zeit von 14 ruhigen Iahren habe die Monarchie befestigt, und wenn in der ersten Zeit nach der Rückkehr Ludwigs, des „unerwarteten Retters", ein magisches Phantom am User des Rheins hätte beunruhigen können, so sei nichts zu fürchten in den Tagen, wo ein beruhigtes Volk und ein König frei von Mistrauen einen festen Bund geschlossen hätten- 182 Bartholdy Hue les tems sont cllaii^s! 0ito^ens paciiiques, Ilslas! Ivin ll'oxciter lles tempetes publique«, 1'remblgns, priv^s 6'appui, bannis, pers^cutss, 06>ws par 1a eensure ou pur no« übertes, I^ous trouvous a la tiu pour unlqus rekuge, IIu pour salaire, et pour eritique uu ju^>e. Weder die wohlklingenden Verse aber, noch Me'rilhou's beredte Verteidigung konnten den Dichter retten, er wurde zu dreimonatlicher Haft und zu 1000 Francs Geldbuße verurtheilt. Im folgenden Jahre gab er mitMe'ry eine neueSatyre: „Waterloo uu generali; ourinont", heraus, und allein eine etwas matte „8at)N'e PO- litnpie". An der Revolution nahmen beide Freunde thätigenAntheil. „lüUnsurreo tion", ein Triumphgesang, ward in wenigen Tagen vollendet. B. erhielt von der neuen Regierung ein Jahrgeld, das er aber bald als eine lastige Fessel aufgab. Seine neuesten Gedichte sind: „I)c>u?e journees Kj»»> i-^ S-'^ IlK^ in dem Parteiengewühle rein zu erhalten gewußt, von welchen man aber vermu- thete, daß sie eine den Bauern günstige Gesinnung hegten, verleumderisch angeklagt und inquisitorisch verfolgt, wie die Professoren Snell und Troxler. (Vergl. über diese Episode der basler Unruhen: Troxler, „Basels Jnquisi'tionsproceß wahrend seiner politischen Wehen 1831", Zürich 1831.) Die Tagsatzung, die oberste Bundesbehörde der Schweiz, seit dem neuen Jahre in Luzern außerordentlich versammelt, aus den verschiedenartigsten Elementen zusammengesetzt und meist noch dem Interesse der Aristokratie ergeben, hatte bis jetzt keinen entschiedenen Schritt zur Verhütung des Bürgerkrieges gethan, und selbst in ihrer Mitte waren einzelne Glieder, welche in dem Siege der basler Stadtpartei den Anfang einer glücklich eingeleiteten Reaction der Aristokratie gegen die Volksfreiheit sahen. Spat erst schickte sie ihre Abgeordneten zur Vermittlung, und am 23. Jan. wurde ihr Beschluß bekannt gemacht, nach welchem Basel eingeladen ward, Amnestie zu ertheilen und die Waffen niederzulegen. Das Landvolk appel- lirte an die ganze Eidgenossenschaft; die liberalen Zeitungen führten einen heftigen Krieg gegen Basel, welches häufig die Millionenstadt genannt wurde, um die daselbst herrschende Art der Aristokratie zu bezeichnen, und erlaubten sich selbst Übertreibungen. Sie foderten die freisinnigen Schweizer zu einem Zuge gegen Basel aus, um es zu zwingen, die Rechte des Landvolkes anzuerkennen und dem Geiste repräsentativer Demokratie zu huldigen. Die Tagsatzüng, deren Abgeordnete in Basel wenig ausrichteten, erließ an alle schweizerischen Regierungen dringende Ermahnungen, ihre Bürger wo möglich von einem Kreuzzuge gegen Basel abzuhalten. Die Stadt Basel dagegen ließ Schanzen aufwerfen, neue Thore und Fallbrücken erbauen und blieb unter den Waffen. Die siegreiche Stadtpartei führte nun wieder die Regierung; den 5. Februar wurde die von einer Commissi'on revidirte Verfassung bekannt gemacht, am 9—11. im großen Rathe berathen und angenommen, und dem Volke zur Annahme vorgelegt. Am 8. Febr. war, um einigermaßen dem Willen der Tagsatzung zu genügen, ein Amneftiegesetz erlassen, das aber in der That diesen Namen nicht verdiente. Es war offenbar ein Kampf der Stadt- und Landpartei; an jene hatte sich die, beinahe ganz aus Bürgern der Stadt bestehende alte Regierung angeschlossen und ihre Leitung übernommen, sie siegte und verfolgte nun die Besiegten als Empörer gegen die Regierung, die factisch nicht mehr bestanden. Auf dem Lande herrschten Verwirrung, Unzufriedenheit und verhaltener Grimm; es wurden Versammlungen gehalten und Proclamationen gegen die Annahme der neuen Verfassung erlassen. Die Hauptgründe gegen diese waren, daß sie aus keinem, vom Volke gewählten Verfassungsrathe hervorgegangen, und mit Bürgerblut befleckt sei. Dennoch wurde sie am 28. Febr. mit Stimmenmehrheit angenommen, weil Mehre unter dem Landvolk? der Unruhen und Zerrüttung müde, und Andere theils bestochen waren, theils aus Furcht für die Annahme stimmen mußten. Am 13. März endlich wurden die Bürgerwachen in der Stadt feierlich abgedankt und eine große Parade gehalten, an welcher 3600 Mann Theil nahmen, unter diesen ein Corps von 80 Mann, meist ehemalige französische Söldner unter Anführung eines gewissen Hauptmann Stöckli, welche einen Todtenkopf führten und die Todtenköpfler genannt wurden. So weit ging der Fanatismus! Zur wahren Versöhnung mit dem Lande wurde von der siegestrunkenen Stadt nichts gethan; sowol die Wahlen für den großen als für den kleinen Rath sielen in ihrem Interesse aus, und letztere nicht ohne offenkundige Ränke; die Bittschriften des Landvolks um vollständige Amnestie, von 1490 Bürgern unterzeichnet, von welchen 16 im Namen von sieben ganzen Gemeinden unterschrieben hatten, wurden von dem neuen großen Rath am 15. Jun. mit 68 Stimmen gegen 16 starr und bitter zurückgewiesen, nachdem die Vertreter des Landvolks, wegen Verwandtschaft mit den zu amnestirendenssn colltumaciam verurtheilten Mitgliedern der prs» 188 Basel visorischen Regierung abgetreten waren. Von Tag zu Tag wuchs der Unwille und stieg wieder die Erbitterung zwischen beiden Parteien; im Schoost der Tagsatzung fand das Landvolk an den Gesandten der freisinnigen Cantone Zürich, Luzern, Thurgau, Zug :c. beredte Vertheidiger seiner Rechte, und die geflüchteten Mitglieder der provisorischen Regierung suchten die Gerechtigkeit ihrer Sache auf jede Weist ins Licht zu stellen. Als in der Stadt unter den Augen der Polizei Troxlec und andere freisinnige Manner thatlich bedroht, als in Binningen gegen einen vom Landvolke verehrten Mann, wie behauptet wird, ein Mordversuch gemacht wurde, da brachen auch auf dem Lande neue Unruhen aus; die Beamten und Pfarrer flohen nach der Stadt, die Landjäger wurden fortgejagt, neue Freiheitsbaume errichtet. Zu gleicher Zeit, am 18. Aug., traten 22 Mitglieder des großen Raths von der Landschaft aus, und bald folgten ihnen 18 andere. Die Bürgerschaft von Liestall erhob sich am 20. Aug. aufs Neue; Gutzwiller, Martin und andere der Geachteten eilten dahin; die Stadt Basel wassnete und schickte Offiziere ins Gelterbinden- und Reigoldswylerthal, in der Hoffnung, die Landleute dieser Gegend zum Zuzuge zu bewegen. In der Nacht vom 21. August zogen 800 Bewaffnete mit sechs Kanonen aus der Stadt nach Liestall, um die Glieder der provisorischen Regierung zu fangen und, wie sie höhnend sagten, zu frühstücken. Aber der Zug wurde den Landleuten verrathen; einige hundert scharten sich zusammen und empfingen die Basler sehr übel; bis um 10 Uhr mußten diese den Einzug in Liestall erkämpfen, wurden zwei Mal wieder hinausgeworfen und flüchteten sich um 12 Uhr, nachdem sie den Freiheitsbaum gefällt und einige Gebäude in Brand gesteckt, in größter Eile nach der Stadt zurück. Auf beiden Seiten zählte man 60 — 80 Todte und Verwundete. Zwei Tage nach diesem Vorfalle langten Heer von Glarus, Meyenburg von Schaffhausen, Muralt von Zürich und Sidler von Zug als Abgeordnete der Tagsatzung an und erließen am 24. eine Proklamation, in welcher sie dem Landvolke die Waffen niederzulegen geboten; aber ihr Befehl wurde jetzt von den Bauern ebenso wenig beachtet als früher von der Stadt. Sie versammelten sich am 25. zu einer großen Landsgemeinde in Liestall, in welcher beschlossen wurde, bei der Foderung der Rechtsgleichheit mit den Bürgern der Stadt zu beharren, oder gänzliche Lostrennung von der Stadt zu verlangen. Zugleich wählten sie eine Verwaltungscommission von vier Gliedern, welche die Unterhandlungen mit der Tagsatzung und der Stadt Basel führen sollten, und bestellten zwei Abgeordnete von jeder Zunft zum engern Bera- thungsausschuß. Schützen aus andern Cantonen zogen nach Liestall, um das Landvolk im erneuten Kampfe zu unterstützen. Die Gesandten der Tagsatzung pro- testirten in einer Proclamation gegen die Beschlüsse der Landsgemeinde; die Tagsatzung selbst aber erließ am 31. Aug. einen Beschluß, in welchem sie das Einrücken eidgenössischer Truppen in den Canton Basel verfügte, die Auslösung der Verwaltungscommission befahl und die Regierung von Basel einlud, gänzliche Vergessenheit zu ertheilen, auf dem Wege der Begnadigung für das frühere, der Amnestie für die jüngsten Begebenheiten. In der Mitte des Septembers rückten 4400 Mann eidgenössische Truppen in den Canton Basel ein; die Zunftabgeordneten in Liestall wurden mit Gewalt auseinandergetrieben, die Mitglieder der provisorischen Regierung Gutzwiller, Hug, Feklin, Debarry nach Bremgarten im Canton Aargau abgeführt und die Ruhe im Äußern hergestellt. Aber noch war der Streit nicht entschieden, und das Landvolk beharrtc auf seinen Federungen gleicher Rechte, oder auf gänzliche Losreißung von der Stadt, welche, wenn sie den Geist der Zeit, die wahren und ewigen Grundlagen eines Freistaates erkannt und Kraft genug besessen hätte, mit Aufopferung ihrer egoistischen Interessen zu handeln wie im Jahre 1798, diese traurigen Unruhen und ihre für die ganze Schweiz gefährlichen Folgen vermieden hätte. (29)— (Während die Besetzung der Landgemeinden durch eidge- ^ den >s.. ^ ^schilk^s ^Ii»i ?ÄjM S^Ft Ms fl«d NOMM, ^NkGchk,.'. l'VDj.!NÄG ck^ieKDMiziilp !'ückch»zkchis i ziimgOW ihdmzkWM- .tzchSsNmps»^ cMKMOnm« 'IM ÄÄA 5VZN M l'ÄsMKilchMl -»V- Battisti Baumgarten-Crusius (Detlev Karl Wilh.) 189 nössische Kriegsvölker fortdauerte und seit dem September, nach verschiedenen Ablösungen, gegen 29,000 Köpfe in Liestall einquartirt waren, minderte sich nicht die Hartnackigkeit der siegreichen Stadtpartei. Als der große Rath bei der Tagsatzung auf Gewährleistung der Verfassung antrug, erhoben sich neue Erörterungen über die bestrittene Gesetzmäßigkeit der Abstimmung, durch welche die Annahme der Verfassung im Februar 1831 war entschieden worden. Der große Rath foderte unbedingte Gewährleistung derselben oder die Gestattung der Abtrennung der unzufriedenen Landgemeinden, und ehe noch eine Entscheidung der Tagsatzung erfolgt war, hatte er sich bereits zu Anfange des Decembers für die Trennung erklärt. Die Tagsatzung ernannte zur Berathung des Antrags eine Commifsion, die gegen Ende des Decembers ihr Gutachten vorlegte. Die neue Verfassung sollte auf sechs Jahre gewährleistet werden, wenn in der, die Revision derselben betreffenden Satzung der Grundsatz der absoluten Mehrheit sowol bei der Abstimmung im großen Rache als in der Volksversammlung angenommen werde, nach Ablauf jener Zeit aber sollte eine freie geheime Abstimmung sämmtlicher Cantonsbürger die Frage entscheiden, od die neue Verfassung mit der verlangten veränderten Satzung weiterhin zu genehmigen, oder einer Durchsicht zu unterwerfen sei. Wenn aber der Canton Basel dm Vorschlag der Tagsatzung nicht annehmen und auf die unbedingte Vollziehung der Verfassung oder die Gestattung der Trennung von den unzufriedenen Gemeinden bestehen wollte, so sollten die eidgenössischen Stände in eine einstweilige Trennung einwilligen. Die Tagsatzung faßte am 27. Dec. den Beschluß, die eidgenössischen Regierungen zur Abstimmung über diese Vorschläge einzuladen, bis zur Entscheidung aber den Canton Basel unter der Leitung der eidgenössischen Repräsentanten durch die Kriegsvölker des Bundes besetzt zu halten. Der große Rath zu Basel wollte die Entscheidung abwarten, gab aber in seinelwKreisschreiben an die andern Cantone die Erklärung, daß, wenn nicht bis zu Ende des Februars eine entscheidende Mehrheit für die Handhabung der Verfassung stimmen würde, die Trennung von den unzufriedenen Landgemeinden erfolgen sollte. Am 22. Februar wurde durch einen Beschluß des großen Rathes die Trennung förmlich ausgesprochen, wogegen der eidgenössische Vorort Luzern im Namen der Eidgenossenschast sich verwahrte. Als darauf der große Rath zu Basel erklärte, daß diese Verwahrung nicht beachtet werden sollte, erhob der Vorort seinen Widerspruch gegen jeden Versuch, den Beschluß vom 22. Februar zu vollziehen, und foderte in einer Bekanntmachung vom 5. März die Bürger des Cantons Basel auf, dem Trennungsbefchlusse nicht Folge zu leisten. Es ward auf den 12. März eine außerordentliche Tagsatzung berufen, um wirksame Maßregeln zur Beruhigung sämmtlicher Bürger des Cantons Basel anzuordnen, und der Aufruf des Vororts berief sich mit Nachdruck auf das verfassungsmäßige Recht der Tagsatzung, in einer die wichtigsten Interessen der Schweiz berührenden Angelegenheit zu entscheiden. Am 15. März ward indeß die bisherige Verwaltung in den 46 unzufriedenen Gemeinden wirklich aufgehoben; es wurden Regierungscommissarien in die obern Theile des Cantons abgesendet, die in Verbindung mit den Bezirksstatthaltern für die Angelegenheiten der treuen Gemeinden sorgen sollten, und andere Maßregeln getroffen, welche die vollzogene Trennung nothwendig machte. Die Tagfatzung, in ihren Ansichten getheilt, trennte sich, ohne die wichtige Frage entschieden zu haben. Vergl. Schweiz. D. Red.) Battisti di S.-Giorgio, f. Scolari. Baumgarten - Crusius (Detlev Karl Wilhelm), wurde am 24. Jan. 1786 zu Dresden geboren, wo fein Vater, Gottlob August Baumgarten, nach seinem Stiefvater und Wohlthäter Crusius genannt, Prediger an der Kreuzkirche war. Im nächsten Jahre wurde dieser als Superintendent und Mitglied des Stiftsconsistoriums nach Merseburg berufen, welches nun der Familie die zweite Vaterstadt wurde. Sein dritter Sohn, von dem wir hier reden, wurde 1798 190 Baumgarten-Crusius (Detlev Karl Wich.) auf die Landschule nach Grimma gebracht, die seit einem Jahrhundert Lehrerin und Pflegerin aller mannlichen Mitglieder der Familie gewesen war. Die Fürstenschulen hatten damals noch ganz den mönchischen Anstrich der frühern Zeit. Die alten Sprachen, etwas Mathematik und strenge Rechtgläubigst waren die Gegenstände des Unterrichts, die Hebel der Erziehung. Die geringste Abweichung von der Schulordnung wurde mit harten Worten gerügt, mit empfindlicher Strafe gezüchtigt. Doch milderte der Rector Mücke, einer der ausgezeichnetsten Schulmanner der damaligen Zeit, durch vaterliche Zuspräche die Strafe, die sein gewissenhafter Eifer auflegen mußte. Durch den Cantor Reichel wurde Sinn und Geschmack für Musik in die Schule gebracht, und weil sie nur zu geistiger Erholung, nie zu Erwerb oder anderer Eitelkeit diente, wurde sie ein neues Mittel der Bildung in der veralteten Anstalt. So mangelhaft der Sprachunterricht war, wenn man ihn nach den gegenwartigen Anfoderungen beurtheilt, er gab doch vor Allem grammatische Gründlichkeit; und die Einrichtung, daß die obern Schüler Lehrer und Aufseher der untern waren, beförderte die tiefere Ausbildung beider. Die Abgeschiedenheit der Schüler begünstigte den Privatfleiß, der auch allein eine ehrenvolle Stellung unter den Mitschülern gewahrte. Der bessere Jüngling fand seinen schönsten Genuß und reiche Entschädigung für äußere Zerstreuung in den Geschichtschreibern und Dichtern der Vorzeit, und so kam es, daß viele auch in der Muttersprache sich gewandt und schön ausdrücken lernten, wiewol diese nie Gegenstand des Unterrichts, ja ein umfassendes Studium derselben mit Schmach und Strafe belegt war. Nachdem B. fünf Jahre in der Fürstenschule verlebt hatte, ging er 1803 auf die Universität nach Leipzig, um sich nach seines Vaters Wunsche der Theologie zu widmen. Geschichte, alte Sprachen, damals vorzüglich die hebräische, die Griechen und Römer'als die Freunde der ersten Jugend, und, damit künftig das einsame Landleben einen besondern Reiz gewönne, die französische und englische Literatur, beschäftigten ihn bis zum Jahre 1806, wo er das theologische Examen bestand. Er lebte darauf vier Jahre zu Merseburg, in befreundeten Häusern Unterricht gebend, und predigte zugleich häufig mit Fleiß und Liebe. Zwei Krankheiten schwächten kurz nach einander seine Gesundheit; der Arzt verbot das Predigen; die alte Liebe zu den Wissenschaften der Vorzeit erwachte mit neuer Gewalt. Da wurde der Conrector der merseburger Domschule, Ersurdt, der Herausgeber des Sophokles, nach Königsberg berufen, und B., fast ohne fein Zuthun, an dessen Stelle gefetzt. Von 1810 —17 verwaltete er dieses Amt mit Liebe und Erfolg. In diese Zeit fallen seine ersten schriftstellerischen Arbeiten, die Ausgaben des Agesilaus von Plutarch und Xenophon (Leipzig 1812), und die größere Ausgabe des Suetonius in zwei Theilen (Leipzig 1816), welche später 1818 durch den dritten Theil ((llavis Luetonianii) vollendet, und 18L0 in eine kleinere Ausgabe zusammengezogen wurde. Die Befreiung Deutschlands von der fremden Unterdrückung begeisterte ihn wie Wenige. Die Waffen durfte er nicht nehmen; aber er trotzte den Bezwingern und ihren Gewaltschritten mit Gefahr seiner Stellung, mehrmals seines Lebens, wurde ein eifriger Mitarbeiter an den „Deutschen Blättern", die Brock- hauS herausgab, und schrieb „Vier Reden an die deutsche Jugend über Vaterland, Freiheit, deutsche Bildung, und das Kreuz" (1814). Bei feierlichen Gelegenheiten im Amte und im Kreise der Freunde nahm er gern das Wort, um die Gemüther für das deutsche Vaterland zu erwärmen, als dessen Hort damals Preußen erschien. In dieser Ansicht huldigte er freudig dem König, dessen Staat er seit 1815 angehörte, aber die leidenschaftliche Vorliebe wurde geschwächt, als es anfing mehr zu gelten, daß Einer ein Preuße, als daß er ein Deutscher fei. Daraus kamen Zerwürfnisse aller Art, die es ihm wünschenswerth machten, seinen Aufenthalt und fein Wirken an einen andern Ort zu verlegen. Als die Stelle des Conrectors der Kreuzschule zu Dresden erledigt war, bewarb er sich darum und wurde einstimmig Baumgarten-Crufius (Detlev Karl Wilh.) 191 erwählt. Im Verein mit tüchtigen Männern trug er das Seinige dazu bei, wissenschaftliches Leben, Ordnung, Zucht und Fleiß in dieser Anstalt herzustellen, die nach einigen Iahren zu den besten des Vaterlandes gezahlt wurde und diese Stellung fortwahrend behauptet. Außer der amtlichen Thätigkeit bestimmte sich sein literarischer Fleiß ein zwiefaches Ziel. Er ging von dem Grundsatze auS, daß alles gelehrte Treiben auf grammatischer und historischer Gründlichkeit beruhe, seinen Werth jedoch erst im öffentlichen Leben durch redlichen Bürgersinn finden könne. Die Befriedigung der Seele bei allen äußern Bestrebungen suchte er in dem Christenthum, doch nicht in dem Christenthum, das in dieser oder jener kirchlichen Form befangen ist, sondern in dem reinen unverfälschten, wie es m dem Evangelium ausgesprochen, für Geist und Herz allein gesunde, lebendige Nahrung bringt. So, meinte er, könnte man am sichersten die Vorwürfe vermeiden, die den einseitigen Sprachgelehrten, den ungründlichen Ästhetiker, den starren Rechtgläubigen, und den schwärmerischen Gefühlsmenschen treffen. In Dresden vollendete er die beiden Ausgaben des Suetonius; dann gab er (1822 — 24) Homer's Odyssee mit Auszügen aus Eustachius und den übrigen griechischen Erklärern heraus, bearbeitete Schulausgaben des Eutro- pius, Livius und Ovidius, nahm thätigen Antheil an der „Leipziger Literaturzeitung" und den „Jahrbüchern für Philologie", in welchen von ihm eine Übersicht der neuesten Homerischen Literatur erschien. Seine Ansichten vom bürgerlichen und christlichen Leben entwickelte er in verschiedenen Darstellungen: „Die unsichtbare Kirche" (Leipzig 1816), „Reise aus dem Herzen in das Herz" (Dresden 1818), „Reise auf der Post von Dresden nach Leipzig" (Dresden 1819), und „Licht und Schatten" (Dresden 1821). Für die Freunde und Verehrer seines 1816 verstorbenen Vaters zunächst gab er dessen Leben im Jahre 1818 heraus. In die „Historische Taschenbibliothek" lieferte er (1826) die Geschichte der Schweiz und gab eine Zeitlang mit Philippi den dresdner „Literarischen Mercur" heraus. Die Bewegungen der Zeit durch Bekehrer und Verketzerer bewogen ihn, aus Papieren, die er aus Paris erhielt, die „Bittschrift des Douglas Loveday an die Kammer der Pairs wegen heimlicher Verführung feiner Familie zum Übertritt in die römisch-katholische Kirche, nebst Erläuterungen und einem freimüthigen Wort über Proselytenmacherei" (Dresden 1822) herauszugeben. Er machte während dieser Zeit Ausflüge in alle Theile Deutschlands und der Schweiz, und als ihm einmal ein zweimonatlicher Urlaub vergönnt wurde, eilte er nach Frankreich, um in Lyon und Paris die Überreste der alten Zeit und das Treiben der neuen genauer zu betrachten. Der mangelhafte Zustand des sächsischen Schulwesens und die ungünstigen Urtheile Derer, welche tadeln, ohne zu dem Bessern die Hand zu bieten, veranlaßten ihn, 1824 „Briese über Erziehung und Bildung in Gelehrtenschulen" herauszugeben. Er wendete darin ungegründete Vorwürfe ab, trug aber zugleich auf durchgreifende Reformen an. Seit dieser Zeit wurde er von einer damals mächtigen Partei für einen Misvergnügten gehalten; daß er dennoch ein Freund der gesetzmäßigen Ordnung sei, bewies er bei dem Ausbruche der Unruhen in Dresden im September 1830, als er die erwachsenen Schüler der Hauptstadt um sich versammelte, damit sie, unter seiner Aufsicht vereinigt, zu Erhaltung der Ordnung mitwirkten, so lange es nöthig war, und sobald als möglich zu ihrem Berufe zurückkehren könnten. Das Vertrauen seiner Mitbürger wählte ihn zu einem der Communrepräsentanten, und in diesem Vereine suchte er die Freimüthigkeit, die sein Beruf verlangte, mit strenger Gesetzlichkeit zu verbinden; vorzüglich trug er auf Verbesserung des städtischen Schulwesens an. Das Ergebniß der angestellten Nachforschungen und Vorschläge machte er bekannt durch die Schrift: „Über das Schulwesen der Stadt Dresden. Darstellung des gegenwärtigen Zustandes und Wünsche für die Zukunft" (Dresden 1831). So offenbart sich in seinem Wirken der feste Grundsatz, daß der deutsche 192 Baumgarten-Crusius (Ludwig Friedr. Otto) Gelehrte auch ein guter Bürger sein und Beides durch Fleiß, Ausdauer im Begonnenen, gesetzliche Freimütigkeit, standhafte Vaterlandsliebe und durch treues Halten an Dem, was dem Geiste groß und dem Herzen heilig ist, unverbrüchlich bewahren müsse. Baumgarten-Crusius (Ludwig Friedrich Otto), Doctor der Philosophie und Theologie, ordentlicher Professor der Theologie zu Jena und geheimer Kirchenrath, des Vorigen Bruder, wurde im Jahre 1788 zu Merseburg geboren. Er besuchte anfangs das Gymnasium seiner Vaterstadt, spater die Fürstenschule zu Grimma, und bezog in seinem siebzehnten Jahre (1805) die Universität zu Leipzig, wo er drei Jahre lang Theologie studiere. Als Mitglied des dortigen philologischen Seminars war u. A. Röhr sein Zeitgenosse. Er wurde 1808, von Reinhard examinirt, Candidat der Theologie; 1809 Privatdocent zu Leipzig nach Verthei- digung seiner Dissertation über Platon's Philebus, 1810 Universi'tätspre- diger; 1812 aber folgte er einem Rufe als außerordentlicher Professor der Theologie nach Jena, wo er, nachdem er mehre auswärtige Berufungen abgelehnt hatte, 1817 ordentlicher Professor und 1818 Mitglied des Senats und der theologischen Facultät wurde. An ausgebreiteter und gründlicher Gelehrsamkeit, an originellem Geist und scharfsinnigem feinen Denken nimmt B. unbestritten eine der ersten Stellen unter den Theologen unserer Zeit ein. Es ist fast kein Zweig der Theologie, worin nicht sein reicher, unermüdlich forschender Geist einheimisch wäre. Die Exegese des A. und N. T., die Dogmengeschichte und Dogmatik, aber auch Philosophie und besonders ihre Geschichte sind die wissenschaftlichen Gebiete, die er mit großem Erfolge bearbeitet, und überall bahnt sich sein originelles Denken neue Wege. Aber eine allzu große Ängstlichkeit, die ihn nur Ausgezeichnetes und wirklich Neues der Öffentlichkeit übergeben läßt, hat ihm verhältnismäßig nur wenig Früchte seiner schriftstellerischen Thätigkeit gestattet, und da er den reichen Inhalt seines Geistes nicht immer durch eine klare Darstellung zu beherrschen weiß, so werden auch diese wenigen schwerer zu genießen. B. hat sich keinen der herrschenden theologischen oder philosophischen Schulen angeschlossen; früher zeigte sich einiger Einfluß der Schel- ling'schen Philosophie auf seine theologische Denkart, wovon er sich aber immer mehr frei gemacht hat. Seiner durchaus freien, keiner Autorität untergebenen Denkart nach hat er allerdings von jeher dem Rationalismus zugehört; aber darum konnte er sich doch nicht mit dem herrschenden System des jetzigen Rationalismus befreunden, ja er stand früher in einer gewissen Opposition gegen jenes — weswegen er in den jedoch ungegründeten Ruf des Mysticismus gerieth —, hat sich demselben aber neuerdings wieder mehr genähert. Seiner frühern Periode gehören unter seinen Schriften an: „ve llomine, vei sibi conscio" (Jena 1812); „Das Menschenleben und die Religion" (Jena 1816). Als Kämpfer für religiöse Freiheit trat er gegen Harms auf durch die „XCV tkese8 tdeolo^icoe con- trn superstltionem et protarütAtein" (Jena 1817), sowie er in demselben Sinne später gegen die hallischen berüchtigten Verketzerer seine Stimme erhob in der Schrift: „Über die Gewissensfreiheit, Lehrfreiheit und über den Rationalismus und seine Gegner" (Berlin 1830), auch sonst in Zeitschriften. Im Widerspruch, ja fast feindselig erschien er gegen den Rationalismus in der Gestalt, wie cr von Wegscheider u. A. gelehrt wird, in seiner originellen und an Denkstoff reichen, doch zu wenig verarbeiteten „Einleitung in das Studium der Dogmatik" (Leipzig 1820). Vollständigere Darstellungen seiner Lehre gab er in den Schriften: „Handbuch der christlichen Sittenlehre" (Leipzig 1821); „Grundzüge der biblischen Theologie" (Jena 1828); „Grundriß der evangelisch-kirchlichen Dogmatik, für Vorlesungen" (Jena 1830). Seine ausgezeichnetsten Forschungen aber hat er auf die Dogmengeschichte gewendet, deren Resultate er in seinem „Lehr- s,M,^ ' w >MH, ^ '''"^ Dülken nimmt H -M Hm Zeit U ß ^ ^ >>it Zsz« rnn ^rsG WM, U> ZP Ner eine ch M HU^i>elHnHK WeMUM veM >3-iD^sM, 1-Ä «"*' Baumgartner 193 ' A»° buch der Dogmengeschichte" (erster Thl., Leipzig 1831) mktzutheilen angefangen hat, und die in noch ausführlicherer Entwicklung in einer versprochenen umfassendem Darstellung dieser Wissenschaft zu erwarten sind. Ein Hauptgegenstand seiner gründlichen Forschungen in diesem Gebiete ist die scholastische Theologie, wovon er in einigen Programmen Mittheilungen gegeben hat. In philosophischer Hinsicht endlich trat er 1826 in einer akademischen Schrift als Gegner Hegel's auf. (21) Baumgartner (Gallus Jakob), Landamman des Cantons St.-Gallen, geb. am 18. Oct. 1797 zu Altstätten, der Sohn ein^s unvermögenden, aber mit vielen Geistesgaben ausgerüsteten Handwerkers, genoß von der zartesten Kindheit an die sorgsamste Pflege und benutzte jede Gelegenheit zu seiner Ausbildung, die sich in seiner Heimath darbot. Nachdem er mehre Jahre das in der ehemaligen Abtei St.-Gallen errichtete Gymnasium besucht hatte, studirte er von 1814—16 in der spater unter jesuitischem Einflüsse wieder eingegangenen Rechtsschule zn Freiburg in der Schweiz. Reiselust und der Trieb zu höherer Ausbildung führten ihn 1816 nach Wien, wo er besonders mit dem Studium der Staatswissenschaften sich beschäftigte. Ware er nicht von allen eignen Mitteln entblößt gewesen, so würde ernoch eineandere deutsche Universität besucht haben, abersowoldieserUmstand als zufällige Bekanntschaften mit einigen jungen Leuten aus der französischen Schweiz fesselten ihn an die öftreichiiche Hauptstadt, wo er sich durch Ertheilung von Privatunterricht die ermangelnden Mittel zum Unterhalte verschaffte. Er nahm 1817 einen Ruf nach Ungarn an und lebte dort einige Zeit als Hauslehrer, anfänglich in der Absicht im Lande zu bleiben, später aber fand er selbst in den günstigsten Anerbietungen keinen Ersatz für das Leben unter Deutschen, und er entschloß sich, nach Wien oder wo möglich in sein Vaterland zurückzukehren. Während seines ersten Ausenthalts in Wien war er Mitglied einer für freundschaftliche und literarische Zwecke gestifteten Gesellschaft junger Schweizer gewesen, die sich zwar bald wieder trennten, deren aber die Polizei sich 1816 noch erinnern mochte. B. wurde am 9. November 1819 verhaftet und nach Wien gebracht, wo er bis zum August 1820 gefangen saß. Mehre seiner ehemaligen Freunde waren früher schon, theils in Wien, theils in andern Theilen der Monarchie, verhaftet worden. Die Verhöre wiesen zwar nicht die mindeste Theilnahme an politischen Umtrieben aus, aber B. ward endlich mit sechs andern Schweizern über die Grenze geführt und ihm die Betretung des östreichischen Bodens untersagt. Er hat die Geschichte seiner Verhaftung in Zschokke's „Uberlieferungen" (Dec. 1820) schlicht und wahr erzählt. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn die Negierung des Cantons St.-Gallen zum Vorsteher des öffentlichen Archivs, 1825 kam er in den großen Rath und im folgenden Jahre erhielt er zur Belohnung der großen Thätigkeit und der seltenen Geistesgaben, die er in allen ihm anvertrauten Geschäften bewiesen hatte, das Amt des ersten Stadtschreibers. Im großen Rath, der damaligen höchsten Behörde, erhob sich zu jener Zeit eine Opposition, und B., der sich ihr anschloß, ohne dabei seine Beamtenpflicht zu verletzen, erhielt durch die Unabhängigkeit seines Charakters und seine immer allgemeiner anerkannten glänzenden Talente, besonders aber durch seine vertraute Bekanntschaft mit dem Gange der Verwaltung, mehr und mehr Ansehen. Als beredter Vertheidigec der Sache des Volkes gewann er allgemeine Gunst, und sein Einfluß stieg um so höher, da er sich der Regierung so unentbehrlich gemacht hatte, daß er bei allen wichtigen Geschäften gebraucht wurde, und namentlich von 1823 — 30 auf den Tagsatzungen thätig war. Er stand als Kämpfer für Öffentlichkeit und Preßfreiheit in dec vordersten Reihe, und förderte diese Angelegenheit wirksam, als er 1830 sämmtliche Verhandlungen des großen Raths von 1828—29 drucken und die spätern Urkunden alsbald folgen ließ. Diese Erscheinung, die nur in den zu gleicher Zeit von Monard herausgegebenen Verhandlun- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 13 194 Baumgartner gen des großen Raths im Waadtland ein Seitenstück fand, erregte das größte Aufsehen. Alle Versuche, den Verleger zur Nennung des Herausgebers zu vermögen, blieben fruchtlos, und es konnten gegen B., obgleich der Ruf ihm die Herausgabe zuschrieb, keine obrigkeitlichen Schritte gethan werden. Wahrend dieser Zeit und noch vor der Aufregung, welche die Iuliustage hervorriefen, mag B. durch seinen Einfluß mitgewirkt haben, das Gefühl des Bedürfnisses der bald nachher eingetretenen Reformen in der Schweiz zu erwecken. Gegen Ende des Jahres 1830, als i man in andern Cantonen bereits auf Verbesserung der Verfassung angetragen hatte, that auch er einen entscheidenden Schritt in St.-Gallen, indem er in einer Flugschrift die Grundzüge einer verbesserten Verfassung darlegte. Die unmittelbare Folge war die Berufung des großen Rathes, der im November die Revision der Verfassung verfügte und zu diesem Zwecke eine Commission von 19 Mitgliedern ernannte, wozu auch B. gehörte. Unter den Bewohnern des Cantons verbreitete sich aber durch den Einfluß der französischen Revolution eine unruhige Bewegung. Es wurden in mehren Gegenden große Volksversammlungen gehalten; die vom großen Rache ernannte Commission schien nicht zu genügen, und man foderte immer lauter, ja drohend eine constituirende Versammlung, einen Verfassungsrath. B. eilte selbst im December nach Altstatten, wo sich 3000 Menschen aus der Umgegend versammelt hatten. Vergebens suchte er sie durch die Kraft seiner Rede zu beruhigen, man gestattete ihm zwar Gehör, aber seiner Vorstellungen ungeachtet beharrte die Versammlung bei ihrem Entschlüsse. Der große Rath beschloß alsbald die Bildung eines Verfassungsrathes, der im Januar 1831 sich versammelte und B. zum ersten Secretair ernannte. Wie es die Umstände foderten, kühn und entschlossen, oder nachgiebig und gewandt, lenkte er, von einigen Gleichgesinnten unterstützt, die Verhandlungen so glücklich, daß nach vielen, oft stürmischen, ja durch tobende Volksmassen unterbrochenen Sitzungen, eine neue Verfassung zu Stande kam, die freilich nicht in allen Punkten B.'s Wünschen genügte. Er kämpfte stets für die Aufrechthaltung und vollständige Ausführung der rein demokratisch-repräsentativen Formen, einer fast unbändigen Partei gegenüber, welche sich die sogenannte reine Demokratie zum Ziele gesetzt hatte. B.'s Bestrebungen waren den Freunden des Bestehenden ebenso unwillkommen als den Radicalen, und während er sich jene entfremdete, ward er diesen verhaßt. Als der Sturm sich gelegt hatte, wurde die neue Verfassung am 1. März 1831 angenommen, und da nach dem Inhalte derselben die Stadt St.-Gallen unter den ihr gewährten 15 Repräsentanten einen Katholiken wählen konnte, so kam auch B. in den großen Rath. Er allein schien in jener stürmischen Zeit das Ruder führen zu können, und vielleicht mochten Viele auch hoffen, den einflußreichen Mann durch einen solchen Gunstbeweis für die Stadt und ihre besondern Vortheile günstig zu stimmen. Im Mai wurde B. von dem großen Rache zum ersten Mitglieds des kleinen Raths ernannt, der die oberste verwaltende und vollziehende Behörde bildet. Bald nachher besuchte er als erster Abgeordneter des Cantons die Tagsatzung zu Luzern, wo er, als entschiedener Verfechter der Reform, für die Sache des Volkes und des geläuterten Republikanismus mit ausgezeichneter Geisteskraft thätig war. Als Präsident des kleinen Rathes besitzt er in dieser Behörde wie in dem großen Rathe fortdauernd den bedeutendsten Einfluß. So ging dieser Mann, dem selbst seine politischen Gegner einen klaren Geist und festen Willen nicht absprechen, in die Revolution ein, als sie unvermeidlich war, bemeisterte sie in ihrem plötzlichen Ausbruche und sucht ihr nun die größtmögliche Ernte für seinen Canton abzugewinnen. Bei allen Umwandlungen, welche der Schweiz noch bevorstehen mögen, wird er eine bedeutende Stelle einnehmen. Sein Streben scheint auf eine Centralsiation in der Bundesverfassung gerichtet zu sein. Längst hat sein Blick die vielen Gebrechen des jetzt bestehenden lockern Bundes der 22 Cantone erkannt, und wenn es > Beauchamp Becker 195 K'S s'w'l darauf ankommen wird, zeitgemäße Veränderungen einzuführen, so wird er gewiß einer der ersten Beförderer einer verbesserten Einrichtung des Bundes sein. (39) Beauchamp (Alphonse de), Geschichtschreiber und Publicist, ein talentvoller Anhänger der Bourbons, ward 1767 in Monaco geboren, wo sein Vater als Platzcommandant diente. In Paris erzogen, trat er dann selbst in sardknische Dienste, dankte aber beim Ausbruche des Krieges mit Frankreich ab, und kam als Verdächtiger auf die Festung. Nach seiner Freilassung ging er nach Frankreich, wurde bei der pariser Polizei angestellt und verfaßte mit den Materialien, die ihm Fouche darbot, seine „ttistoire de In Vendeo et des etrouanL", womit die kaiserliche Regierung sehr unzufrieden war. Nach Rheims verbannt, zurückberufen und bei der Einnahme der indirecten Abgaben angestellt, verlor er 1814 von Neuem sein Amt. Man behauptet, er habe damals im Briefwechsel mit Wellington gestanden, und früher schon mit der Familie Laroche-Jacquelin, deren Anhänglichkeit an die Bourbons bekannt ist. Die Restauration verschaffte ihm 1814 einen Orden und 1829 eine Pension. Er schrieb lange Zeit für den,Moniteur", die „(ün^ette" und die in bourbonischem Sinne von Michaud herausgegebene „IZioFrapIüe des stein- mes vivans". Seine Geschichtswerke sind höchst anziehend, tragen aber auf jeder Seite das Gepräge des Parteigeistes. Nur in seiner „Listoire du Lresil" und in der „üiswire de In conyuete <1,1 ?erou" fand er weniger Gelegenheit, seine politische Ansicht hervorleuchten zu lassen. Unter seinen übrigen Werken verdienen eine besondere Erwähnung die „Ilistoire de In eninpn^ne de 1814 et 1815"; die „Ilistoire de In revolution du Viemont", gegen de la Rosa (1833); „De 1a re- volntion d'Lspn^ne et de son 19 nout" (1833); „Vie de Ihorsts XVIII" (1835 ) und seine Biographie vom General Moreau (1834). Seit der Revolution des Jahres 1839 soll er im Solde der Karlisren stehen und für sie wirken, ohne daß darum die jetzige Negierung aufhört, ihm seine Pension zu bezahler^MM (15) Becker (Karl Ferdinand), wurde 1775 zu Liser, im vor DMgen Kurfür- stenthum Trier, geboren. Sein Vater zog einige Jahre später nach Neuhaus bei Paderborn, wo er ein kleines Gut gekaust hatte. Einen entschiedenen Einfluß auf B.'s Entwickelung und auf die Richtung seines Geistes hatte sein Oheim Ferdinand Becker, Domvicar und Archidiakonatcommissair zu Paderborn, welcher sich sowol durch einen, bei Männern seines Standes damals nicht gewöhnlichen Reichthum an mannichfaltigen Kenntnissen, als durch seine Verdienste um die Verbesserung des Schul- und Erziehungswesens allgemeine Achtung erwarb und 1798 dadurch eine unglückliche Celebrität erlangte, daß er derHeterodoxie beschuldigt und das Opfer einer fanatischen Verfolgung wurde. *) Dieser nahm seinen Neffen zu sich und ließ ihn in Paderborn das Gymnasium besuchen, indeß er selbst anregend und bildend auf ihn einwirkte. Der Jüngling wählte den geistlichen Stand. Nachdem er zwei Jahre im Priesterseminar zu Hildesheim gewesen, wurde er in dem Alter von 19 Jahren als Lehrer an dem Josephinum in Hildesheim angestellt. Er würde den Stand des Schulmannes wol nie aufgegeben haben, wäre nicht damals mit diesem Stande als unerläßliche Bedingung der Eintritt in den geistlichen Stand verbunden gewesen. Er nahm 1799 seine Entlassung und studirte Medicin. Wenn die Bekanntschaft mit den alten und neuen Sprachen ihm.das Studium der Naturwissenschaft sehr erleichterte, so wurde er von der Wissenschaft selbst um so mehr angezogen und zum Selbstforschen angeregt, da in dieser Wissenschaft gerade zu jener Zeit eine lebendige Entwickelung herbeigeführt war, durch welche sie in ihrem ganzen Umfange einer neuen Gestaltung entgegenging. Daß B. diese Bewegung nicht fremd war, und daß er überhaupt die Medicin von ihrer wissen- Er selbst erzählte seine Schicksale in der interessanten Schrift: „Geschichte meiner Gefangenschast im Franciskanerkloster zu Paderborn" (Rudolstadt I7L9). D. Red. 13* 1W Becker schaftlichen Seite auffaßte, beweist seine 1802 von der medicinischen Facultat in Göttingen gekrönte lateinische Preisschrist über die Wirkungen der Warme und Kalte auf den lebenden menschlichen Körper. Nach Beendigung seiner akademischen Studien in Göttingen wurde er 1803 als praktischer Arzt in Höxter an der Weser angestellt, er verlor aber 1806 in Folge der eingetretenen politischen Veränderungen die mit seiner Anstellung verbundene Besoldung. Als man 1810 im Königreiche Westfalen einen besondern, aus Physikern und Chemikern zusammengesetzten Verwaltungszweig für die Fabrikation des Pulvers und Salpeters errichtete, wurde ihm die Stelle eines Unterdirectors der Pulver- und Salpeterbereitung für die Departements der Leine und des Harzes angetragen. Zu seinem Wohnorte wurde ihm Göttingen angewiesen. Er verwendete die ihm von seinem Amte freigelassene Zeit dazu, die Erfahrungen, welche er selbst über den damals im Gefolge der Kriege epidemisch gewordenen Typhus gemacht hatte, mit den Erfahrungen anderer Ärzte zu vergleichen, schrieb 1812 ein kleines Werk „Über das Petechialfieber", und hielt im Winter akademische Vorlesungen. Auch für die Salpeterfabrikation suchte er eine mehr wissenschaftliche Begründung zu gewinnen; die Resultate seiner Vergleichung der Beobachtungen aller Zeiten und Lander über jenen in Deutschland wenig beachteten Gegenstand mit seinen eignen Beobachtungen machte er bekannt in der Schrift: „Theoretisch-praktische Anleitung zur künstlichen Erzeugung und Gewinnung des Salpeters" (Braunschweig 1814). Er folgte 1813 dem Rufe der Centralhospitalverwaltung für die verbündeten Heere und stand mehren Militairhospitälern in und um Frankfurt vor. Als 1815 die Centralhospitalverwaltung aufgelöst wurde, ließ er sich als praktischer Arzt in Offenbach am Main nieder. Vater einer zahlreichen Familie, übernahm er selbst den Unterricht seiner Kinder mit so gutem Erfolge, daß gegen das Jahr 1823 einige Freunde u.^Bekannte aus dem benachbarten Frankfurt ihm den Antrag machten, ihre Kinder ^Mden seinigen zu erziehen. Er glaubte in seinen Verhaltnissen diesen Antrag nicht avlehnen zu dürfen, und so bildete sich in seinem Haufe allmälig eine Erziehungsanstalt, welche noch jetzt besteht. Die Liebe zur Sprachforschung, der er sich schon 25 Jahre früher als Schulmann mit Vorliebe zugewendet hatte, wurde nun, da er sich mit Sprachunterricht beschäftigte, wieder lebendig, und er wurde besonders durch Grimm's Forschungen lebhaft angeregt. Durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen war er aber auf einen Standpunkt gestellt, von welchem aus die Sprache bisher entweder gar nicht oder doch nur obenhin und auf eine nicht in das Innere derselben eingreifende Weise war betrachtet worden. Er erkannte in der Sprache eine durch die geistige und leibliche Natur des Menschen nothwendig gegebene organische Verrichtung, und versuchte demnach, die Sprache in ihrem ganzen Umfange und in allen ihren Verhältnissen als Product einer organischen EntWickelung darzustellen. Diese organische Entwickelung der Sprache ist der Grundgedanke, aus welchem sich auf einfache Weise ein System entwickelt, welches alle Theile der Sprache umfaßt und zu einer organischen Einheit verbindet. Das erste Werk, in welchem sich B. als Sprachforscher ankündigte, war „Die deutsche Wortbildung"(Frankfurta. M. 1824); alsdann erschien der „Organismus derSprache"(Frankfurta.M. 1827). Die in dem letzten Werke entwickelte Ansicht mußte, auf die Grammatik angewendet, nicht etwa andere Bestimmungen einzelner Theile derselben, sondern eine ganz neue Gestaltung der ganzen Grammatik herbeiführen, wie sie in der größern „Deutschen Grammatik" (Frankfurt a. M. 1829) und in der „Schulgrammatik der deutschen Sprache"(Frankfurt a. M. 1831) hervorgetreten ist. Da B. seine Ansicht nicht sowol durch polemische Angriffe gegen die entgegengesetzten Ansichten als durch historische Begründung der Thatsachen geltend zu machen suchte, und die Ansicht selbst durch eine innere Lebendigkeit anzieht, die von Oberflächlichkeit und Pedanterle gleich entfernt ist, so hat sie, obgleich sie 'L von der früher gewöhnlichen Ansicht wesentlich verschieden ist, nicht allein bei Sprachforschern, sondern auch bei praktischen Schulmannern eine günstige Aufnahme gefunden. Auch ist, wenn B.'s Grundansicht sich ferner bewährt, zu erwarten, daß auch die Grammatiken der fremden Sprachen eine andere Gestalt erlangen werden, und daß insbesondere nicht mehr wie bisher die deutsche Grammatik in ihrer Fassung naturwidrig von den lateinischen und griechischen, sondern die letztern naturgemäß von der erstem ausgehen werden. Für Engländer ist seine Sprachlehre in einem 1831 zu London erschienenen Werke bearbeitet worden, das beim Unterricht auf der dortigen Universität als Lehrbuch dient. Beechey (Frederick William), hatte bereits eine beschwerliche Lehrzeit auf Reisen in das Polarmeer gemacht, als er die Seefahrt antrat, die seinem Namen Ruhm erworben hat. Er stand 1818 unter dem Capitain Franklin (s. d.), der mit dem Schisse Trent den Capitain Buchan begleitete, um über Spitzbergen nach dem Nordpol vorzudringen, und war Parry's Lieutenant, als dieser 1819 nach dem Polarmeere fuhr und auf der Melvilleinsel überwinterte. Nach seiner Rückkehr ward er gebraucht, die nördliche Küste Afrikas, von Tripoli ostwärts, zu untersuchen, womit er von 1821 — 22 beschäftigt war. Er hat über diese Unternehmung erst 1828, in Verbindung mit seinem Bruder, der sein Begleiter gewesen war, einen schätzbaren Bericht („?roceeckin^s ok tke expecki- tb>o to explore tüe n«rtüern const of Strien trom east^VArck") herausgegeben, welcher Forschungen über das alte Cyrcnaica und die daselbst befindlichen Alterthümer mittheilt. Durch diese Reisen an alle Abwechselungen des Klimas gewöhnt, schien er vor Vielen zu der Unternehmung berufen zu sein, zu welcher die Admiralität ihn ausersah. Die Lösung der großen geographischen Aufgabe, einen nordwestlichen Weg durch das Polarmeer in die Beringsstraße aufzufinden, war trotz mislungenen Versuchen nicht aufgegeben, und die Regierung entschloß sich 1824, gleichzeitig eine doppelte Unternehmung ausführen zu lassen. Während Parry den Auftrag erhielt, durch die Prinz-Regenten-Einfahrt den Weg nach Nordwesten aufzusuchen, trat Franklin 1825 eine Landreise an, um die von ihm gemachten Entdeckungen an der Mündung des Kupferminenflusses mit dem entferntesten bekannten Punkte auf der Nordwestküste Amerikas zu verbinden, und auf diesem Wege die Gestalt der nördlichen Grenze jenes Erdtheiles zu bestimmen. Er sollte das Küstenland bis zum Eisvorgebirge erforschen und Kotzebue's Sund zu erreichen suchen. Vorsorgend aber wurde zugleich ein Schiff ausgerüstet, das die nöthigen Vorräthe mitnahm, da sich voraussetzen ließ, daß Parry und Franklin selbst in dem glücklichen Falle, wenn sie die offene See in der Beringsstraße erreichten, ihre Hülfsmittel erschöpft haben würden. B. erhielt den Befehl über das Schiff Blossom, das zu jenem Zwecke ausgerüstet wurde, und außer mehren geschickten Seemännern ward ihm auch der Naturforscher Tradescant Lay mitgegeben. Er verließ England am 19. Mai 1825 mit dem Auftrage, um das Cap Horn und durch das stille Meer nach der Beringsstraße bis zum Eisvorgebirge zu segeln, wo er im Jul. 1826 eintreffen sollte, die Zwischenzeit aber zur Erforschung des stillen Meeres und zur Lösung einiger zweifelhasten geographischen Fragen zu benutzen. Nachdem das Schiff im August 1825 Rio Janeiro verlassen hatte, umschiffte B. glücklich die Südspitze Amerikas, erreichte im November die Osterinsel und zu Anfange des nächsten Monats die Pitcairninsel, wo er neue Nachrichten über die Gründung dieser Ansiedelung sammelte; nordwestwärts steuernd, erforschte er die zahlreichen Koralleninseln in diesem Theile des stillen Meeres, und während er 32 derselben genau untersuchte, hatte er Gelegenheit, über die Bildung solcher Eilande (s. Ko ralleninseln) interessante Beobachtungen zu machen. Nach einem langern Aufenthalt auf Otahiti, dessen gesellschaftlichen Austand er keineswegs vortheilhaft schildert, kam B. im Mai zu den Sandwichinseln, wo er glücklichere 198 Belgien Fortschritte in der Civilisation fand, und erreichte am 25. Jul. den mit Franklin verabredeten Zusammenkunftsort, die Ehamissoinsel in Kotzebue's Sund. Während er hier verweilte, ohne eine Spur von Franklin zu finden, untersuchte er die amerikanische Küste bis beinahe zum 71". Bei dem Eisvorgebirge sah er ein ganz offenes Meer, aber so lockend die Versuchung war, weiter zu segeln, so verboten es ihm doch die erhaltenen Befehle, sich nicht der Gefahr auszusetzen, vom Eise eingeschlossen zu werden. Er ließ jedoch sein Boot nordostwärts steuern, bis zu der Landspitze, die nach dem Secretaic der Admiralität den Namen Narrow erhielt, und unter 71" 23'N. B. liegt: der entfernteste nördliche Punkt des amerikanischen Festlandes, den man bis jetzt kennt, nur 146 englische Meilen von dem äußersten Punkte, den Franklin auf seiner Reise westwärts vom Mackenzieflusse erreicht hat. Durch diese Untersuchungen wurde für die Kunde des Polarlandes ein Küstenstrich von etwa 76 engl. Meilen gewonnen. B.'s Begleiter untersuchten die in Kotzebue's Reiseberichte erwähnten Eisklippen in der Eschscholtzbai, und es ergab sich, daß dieselben aus gefrorenem, mit einer Eisrinde überzogenen Schlamm bestehen, der viele Überreste von Elefanten und andern Vierfüßlern enthält. Im Oct. trat B. die Rückreise an. Er brachte einen Theil der Wintermonate zu San- Francesco in Californien zu und segelte nach Macao und den Lutschuinseln, über deren Bewohner er schätzbare Nachrichten mittheilt, welche aber Halles undMacleod's verschönernde Schilderungen berichtigen und unter andern die schon von Napoleon entscheidend für eine Erdichtung erklarte Angabe, daß sie weder Schutz- noch Trutzwaffen besaßen, allerdings sehr zweifelhaft machen. Kurz, er zerstört durch seine schlichten Thatsachen das ganze Zauberbild eines goldenen Zeitalters, das Hall seinen Lesern gezeigt hatte; er sagt uns, daß die Insulaner seit undenklichen Zeiten Geld gekannt haben, die vornehmen Mandarine, deren Milde gegen ihre Untergebenen frühere Berichterstatter rühmten, die härtesten Züchtigungen mit Bambusstöcken verhängen, und grausame Todesstrafen üblich sind. Im Jul. 1827 erreichte B. wieder die Beringsstraße, konnte aber, wegen der frühern Anhäufung der Eisschollen, nicht so weit nordwärts steuern als ein Jahr früher, und die Erfahrung bewies noch ein Mal, wie ungewiß und veränderlich der Zustand des Polarmeeres ist, das in einem Jahre fast ganz offen erscheint und im nächsten dem Seefahrer unübersteigliche Schranken entgegensetzt. Die Rückfahrt ging wieder längs der Westküste von Amerika, und im September 1828 landete B. in Portsmouth, nachdem er einen Weg von mehr als 76,666 englischen Meilen zurückgelegt hatte. Sein Reisebericht: „I^urrutive c>1 u to tüe?uciüc unck Lerüig's strait" (London 1831, 4.), enthält im Anhange eine Abhandlung von Buckland über die an der Polarküste gefundenen fossilen Thierüberreste. Die von seinen Begleitern gesammelten Pflanzen haben Hooker und Arnott in einem besondern Werke (,/1'üe dotun^ vi 6upt. öeeclie/s vo^u^e") beschrieben, wovon 1831 der erste Theil erschien. Belgien seit 1836. Es gehört zu den seltsamsten Ereignissen unsers an ""gewöhnlichen Dingen so reichen Zeitalters, daß, während an der Weichsel ein gemishandeltes Volk, das seine Natur und Heimath zu einem eigenthümlichen Volksleben vom Beginn unserer Völkergeschichte an berief, dieses mit heroischem Muthe von ihm mehrmals wiedererrungcne Volksleben, von Europa ungehört, abermals verlor, daß in derselben Zeit an den Niederungen der Maas und Schelde eine verschiedenartige, von ihrer weisen Regierung in unverletzter Freiheit zum Wohlstande und zur Bildung gesetzmäßig erhobene Bevölkerung, die nie ein besonderes Stammvolk, und eine Landstrecke, die nie ein von der Natur eigenthümlich gestaltetes Land gewesen war, daß diese Bruchstückmasse von Volks- und Landes- theilen, selbst nachdem sie, was sie billigerweise wünschen durste, erlangt hatte, ohne Anspruch auf Würde, Mutb und Ruhm zu Häven, dennoch den Grundverträgen Belgien 199 von Europas Völkerrechte zum Trotze, von Europas Großmachten aus bloßer Furcht vor einem europäischen Kriege, zu einem Volk ohne Sprache, Geschichte und Charakter und zu einem Staare mit erkünstelten, abgezwungenen und unsi- chern Grenzen, auf rein diplomatischem Wege erhoben und mit einem Könige wie mit einem sogenannten ewigen Frieden ausgestattet wurde. Belgien, eine Landstrecke, die ursprünglich zu Deutschland, dann mit den übrigen Niederlanden und mit Burgund vereinigt, hierauf von diesen wiederum abgesondert, zu Spanien, dann zerstückelt zu Frankreich, Ostreich und Holland, endlich einige Jahre lang ganz zu Frankreich, und zuletzt ganz zu Holland gehört hatte, dieses Belgien, das stets die Beute fremder Waffen gewesen war, und, sonderbar genug, in Folge französischer Eroberung die deutsche Provinz Lüttich erworben hat, ist in Folge von einigen fun zig Protokollen der fünf Botschafter in London abermals in seinen Grenzen beschnitten *), ein eigner Staat geworden; und die keltisch-germanische, wallonische, flamandische, deutsche, holländische und französische Bevölkerung desselben, die so fremdartig und gemischt ist wie seine Dialekte, seine Beherrscher und seine Gesetze es von jeher waren, ist ein Volk mit eigner Constitution, mit einem deutschen Könige und mit französischen Waffenmeistern geworden. Es soll eines ewigen Friedens genießen, während über seinem Dasein die Kriegsgöttin schwebt, und für diese, mit einer alten und neuen Schuldenlast, sowie mit einem Deficit schon in der Wiege belastete Selbständigkeit hat es den Weltmarkt seiner Industrie und die Aussuhrwege seines reichen Bodens dahingegeben. Diese Erscheinung ist jetzt eine aus der Macht der Umstände hervorgegangene Thatsache, die von halb Europa aufrecht erhalten wird, während die andere Hälfte sie umzustoßen Kraft und Neigung, aber nicht den Willen hat. Derselbe Widerspruch gilt meinem noch höhern Grade von dem neu geschaffenen Volke der Belgier selbst, wenn es wahr ist, was einige öffentliche Stimmen behauptet haben, daß von 4 Mill. Belgiern 3,950,000 in diesem Augenblicke Das, was geschehen ist, bitter bereuen und die wohlthuende Vorsorge des Königs Wilhelm zurückwünschen. Ehe wir den Gang der Ereignisse, der zu einem solchen Endziele führte, erzählen, müssen wir die Stellung Belgiens zu Holland und seine Beschwerden darstellen. Südniederland oder Belgien und Nordniederland oder Holland wurden auf dem wiener Congresse 1814 —15 im europäischen Interesse, aus Rücksichten auf Frankreichs politische Abdämmung von Deutschland, in Erinnerung des frühern Verbandes der gesammten niederländischen Provinzen und in Betracht der materiellen Interessen beider Abtheilungen zueinem politischen Körper vereinigt, und zwar ohne Südniederland deshalb zu fragen, weil die Großmächte über diese, wie über andere eroberte Provinzen nach allgemeinen politischen Combinationen verfügten. Nun waren aber die Völkerschaften von Südniederland dem Holländer in Glaubens- bekenntniß, Sprache, Sitte, Charakter und Interesse völlig entgegengesetzt. Das Fehlerhafte der ausgesprochenen Einigung bestand darin, daß 4 Mill. Katholiken, welche einerVerwaltung bedürfen, die vorzugsweise das Interesse des Landbaues, der Manufactur und der Fabrik ins Auge faßt, mit 2 Mill. Calvinisten im c^inne des holländischen Handelsgeistes und in einer andern Sprache, die eben dadurch ihnen noch widerwärtiger geworden ist, als sie es früher schon war, eine und dieselbe Verfassung, Regierung, Gesetzgebung und Verwaltung erhielten. Nun war aber das Agricultur-, Manufactur- und Fabrikinteresse Belgiens von dem Handelsinteresse Hollands oft so verschieden, daß Verwaltungsmaßregeln, die bei dem einen Theile Anerkennung und Dank fanden, bei dem andern heftigen Tadel erfuhren. Gleichwol scheinen diese Reibungen verschiedenartiger materieller Interessen nicht *) Warum dies geschehen mußte, wird im Art. londoner Conferenz gesagt werden. 200 Belgien der tiefere Grund der gegenseitigen Abstoßung gewesen zu sein, sondern die Verschke- l denheit der Sprache, der Bildung und des Charakters war es, die den stolzen und reichen Belgier, der in Sprache und Gebrauchen mehr Franzose, in der Bildung aber weit hinter diesem zurück, dabei abhangig von der Geistlichkeit und ein Feind aller Neuerungen war, zumal wenn solche von 2 Mill. Hollandern ausgingen, jene Verschiedenheit war es, die ihn zum entschiedensten Gegner aller Maßregeln machte, durch welche der König Wilhelm und sein Ministerium der hollandischen Sprache als Staatssprache eine größere Allgemeinheit geben und dadurch eine gemeinsame Nationalitat begründen wollten. Der König nahm zwar in seiner Weisheit diese verhaßten Verordnungen zurück; ja er erklarte die Aufhebung eines nicht minder verhaßten Instituts, die des philosophischen Collegiums zu Löwen, durch welches er vorzüglich auf die Bildung des katholischen Klerus einzuwirken gedachte. Aber dieses Nachgeben konnte jenen Haß nicht versöhnen. So geschah es, daß die moderne Partei der Liberalen und die alte ultrakatholische Partei (welche schon Josephs II. Reformen mit Erfolg widerstanden hatte) sich immer enger verbanden, um in den Kammern, in den Journalen und durch Petitionen der protestantischen Regierung eines Königs von Holland ebenso im republikanischen als im ultramontanen Sinne entgegenzuarbeiten. Das Gefühl des Drucks wirklich vorhandener Lasten und Mangel überwog nun bei weitem den Besitz der Vortheile, welche durch die Vereini- gungsacte den Belgiern zugesichert worden waren. Diese Vortheile bestanden 1) in der Trennung von einem mit militärischer Machtvollkommenheit regierten Lande, wie Frankreich unter Napoleon war, zu dem Belgien als ein inniger Bestandteil gehörte, ohne daß von seinen frühern Rechten, die es unter Ostreichs Scep- ter gehabt, auch nur eine Spur sich erhalten hatte, und in der Vereinigung mit einem aufgeklarten, nur in verfassungsmäßigen Formen zu regierenden Lande; 2) in der Zusicherung, daß die hollandische Verfassung in Gemäßheit des neuen Verhältnisses zu Belgien modisicirt würde, daß die Belgier gleiches Recht mit den Holländern erhalten und in den Generalstaaten auf angemessene Weise vertreten, auch in Beziehung auf den Handel mit den Colonien und überhaupt auf die Schifffahrt mit den Holländern ganz gleich behandelt werden sollten. Dagegen mußten die Belgier statt einer.Capitalschuld von 4 Mill. Fl. Renten (nach dem Memorandum der Conferenz zu dem Protokolle Nr. 48 vom 7. Oct. 1831), die auf ihrem Lande hypothecirt waren, jetzt die alte Staatsschuld der Holländer: 788,558,23k Fl. an activer, und 1,203,933,512 Fl. an aufgeschobener Schuld („Geneal.-hist.-stat. Almanach für 1832") mit diesen theilen. Dazu kamen spätere Beschwerden, die im Fortgange der Regierung und Verwaltung beider Theile nach einem Systeme, für beide, am fühlbarsten aber für den ohnehin mit der ganzen Vereinigung unzufriedenen Belgier hervortraten. Weil nämlich das vorgelegte neue Verfassungsgesetz den holländischen Provinzen, wenngleich sie an Einwohnerzahl und Flächenraum bedeutend kleiner als die belgischen waren, in den Generalstaaten ebenso viel Repräsentanten als den belgischen Provinzen gegeben hatte, so verwarf zwar die Mehrzahl der belgischen Notabeln dasselbe, allein weil man die Stimmen der nicht erschienenen Abgeordneten als bejahende zählte, ward das neue Verfassungsgesetz dennoch für angenommen erklärt. Dies war der erste Grund der nun fortwährend sich steigernden Misstimmung der Belgier. Daher griff die belgische Opposition, welche gegen Napoleon's Verwaltung, Conscription u. s. w. sich nie geregt hatte, jetzt in den Generalstaaten die Negierung mit jedem Jahre heftiger an. Die Liberalen verlangten, an die Ultramontanen sich anschließend, unter dem Vorwande des freien Unterrichts die Beibehaltung oder Herstellung der halbjesuitischen Semi- narien-, dafür stimmten die beim Niedern Volke sehr einflußreichen Geistlichen mit den Lioeralen für Preßsreiheit, Geschwornengerichte und Verantwortlichkeit der Minister. Die Heftigkeit dieser im In- und Auslande als factiös verdächtigen Belgien 201 ^ Opposition nöthigte die Negierung, welche bisher durch Augeständnisse die Gegen- sähe vermitteln wollte, am Schlüsse des Jahres 1829 zu einem entschlossenem Widerstande. Die Beamten, welche als Deputirte gegen das Budget gestimmt hatten, verloren ihre Ämter und Pensionen, und gegen die Wortführer der ultra- liberalen Partei ward auf den Grund von Potter's Privatcorrespondenz ein Hoch- verrathsproceß geführt. In der folgenden Sitzung der Generalstaaten blieben 964 Bittschriften unbeachtet, und das neue Preßgesetz ward, nachdem es eine unbedeu- ^ tende Milderung erfahren, am 21. Mai 1839 angenommen. Vgl. die Schrift ^ eines deutschen Staatsminifters: „Noch ein Wort über die belgisch - hollandische ^ Frage, Januar 1832" (Hamburg), und des Grafen von Hogendorp Schrift: „Separation !, ^e unterlag, die bisherige Regierung ward am 2t). Sept. abgesetzt, der soge- ^ . nannte Centralverein, geleitet von den Clubisten Ducpetiaux, Rogier (ein lut- sZ' ^ ticher Advokat, Chef der nach Brägel gekommenen lütticher Garden) und Andern, ich?! errichtete eine Volksregierung, an deren Spitze de Potter (welcher sich noch in Paris befand) und de Stassart *) stehen sollten, welchen van Meenen, Gendebien, !? Raikem, Graf d'Oultremont, Felix von Merode und van de Weyer als Mitglie- b-! der beigegeben wurden. So erhoben sich gemeinschaftlich die französische und die republikanische Partei, vereinigt mit den Ultramontanen, um die protestantische Regierung und die Monarchie zu stürzen. Es scheint, daß die Clubisten plan- «lNi^ 'Mb. ^ . . . » . , .. ... , ... ..... ! ' mäßig, das bewaffnete und in Legionen abgetheilte Volk aber aus leidenschaftlicher Erbitterung, durch Angriffe (besonders am 20. Sept.) auf die Vorposten der königlichen Truppen, die unter dem Befehle des Prinzen Friedrich zu Antwerpen standen, einen förmlichen Bruch mit dem Hause Nassau beabsichtigt haben. Dagegen hatte schon längst derjenige Theil der Bevölkerung,'welcher nichts als die Trennung der Verwaltung wollte, für sein Eigenthum und die Sicherheit des Ganzen Alles befürchten müssen; die Macht war den bisherigen Führern der Op- Position entrissen, und ein anarchischer Zustand drohte aus den wilden und heftigen Beschlüssen des Clubs der Demagogen hervorzugehen und sich von Brüssel ! aus über das reiche und blühende Südniederland zu verbreiten. Um aus dieser Ge- fahr sich zu retten, luden angesehene Bürger den Prinzen Friedrich ein, zum ^. Schutze der Stadt, wo eine geringe Zahl unruhiger Köpfe und meist Fremde die öffentliche Ruhe störten, mit seinen Truppen einzuziehen. Auch im Haag baten die für sich und ihr Eigenthum fürchtenden belgischen Abgeordneten, geängstigt durch die Nachrichten aus Brüssel, den König um Hülfe; sie versicherten, des Beistandes der großen Mehrzahl gewiß zu sein, weil jeder Rechtliche und Wohlhabende der Anarchie ein Ende gemacht zu sehen wünsche. Als nun Prinz Friedrich dasselbe von einer Deputation aus Brüssel, die bei ihm erschienen sei, nach dem Haag berichtete, so sprach der König, welcher bisher so wenig als der Prinz von Oranien eine bewaffnete Einmischung gewollt hatte, das verhängnißvolle Ja aus.") In diesem Sinne erließ nun Prinz Friedrich aus seinem Hauptquartiere zu Antwerpen eine Proklamation vom 21. Sevt. an die Einwohner von Brüssel. In dieser sagte er u. A.: „Die Nationaltruppen werden in eure Mauern einziehen im Namen der Gesetze und auf das Gesuch der wohlgesinntesten Bürger, um ihnen Beistand und Schirm zu verleihen Ein edelmü- thiges Vergessen soll die Vergehungen und unregelmäßigen Schritte bedecken, welche die Umstände erzeugt haben. Die Hauptanstifter der Umtriebe, welche zu verbrecherisch sind, um die Nachficht der Strenge der Gesetze erwarten zu dürfen; ch die Fremden, welche die Gastfreundschaft gemisbraucht haben, um Unordnung in D eurer Mitte anzuschüren, sollen allein vor Gericht gezogen werden Die Be- wassneten, die nicht zur Stadt gehören, sollen unbewaffnet nach ihren Wohn- sl» orten zurückkehren Die von einem Theile der städtischen Garde als Unterscheidungszeichen angenommenen Farben sollen abgelegt werden Allem Widerstände soll durch Waffengewalt gesteuert werden." Diese Proklamation wurde die Losung zum Kampfe. Französische Militairs und das Beispiel des pariser Juliussieges, das Vertrauen auf die Barrikaden und den Eiser der bewaffneten Haufen, vorzüglich aber die Gefahr, in welcher die von der Amnestie ausgenommenen Volksführer schwebten, die jetzt gerade alle Gewalt in Händen hatten, sowie die H Baron von Stassart, der Deputirte von Namur, war, als er sich zu den Generalstaaten begeben wollte, von dem Pöbel in Rotterdam insultirt worden. ") Graf de Celles, einer von den Chefs der Revolution, soll dem Könige diese Zusicherung abgedrungen haben. 203 Belgien von den Bürgern selbst mit Unwillen vernommene Foderung, daß die Bürgergarde ihre Farben ablegen sollte, reizte Alle zum entschlossensten Widerstande, den hierauf ' der Kampf selbst zur höchsten Erbitterung steigerte, und der endliche.Sieg auf den Gipfel des demokratischen Ubermuthes erhob. Das Heer, mit welchem der Prinz am 21. Tept. von Antwerpen aufbrach, soll 12—16,000 Mann stark gewesen > sein. Die Truppen glaubten, es gelte blos die Stadt von einigen Meuterern und fremdem Gesindel zu befreien, wozu ihnen alle gute Bürger die Hand bieten wür- > den. Die Insurgenten zogen dem königlichen Heere am 22. entgegen, wurden aber nach einigen Scharmützeln geworfen und in die Stadt gedrangt. Hier führten ^ Juan van Halen und ein französischer General Mellinet den Militairbefehl; ein französischer Oberster, Parant, befehligte unter Mellinet die Artillerie. Unter den Lüttichern zeichnete sich Charlier aus, ein Kanonier, das hölzerne Bein genannt. In der Nacht und am 23. früh ward bis um 11 Uhr um den Besitz des schaer- becker und des löwenschen Thores gestritten. Jedes kleine Haus war ein Blockhaus; aus den Hausern goß man siedendes Wasser und Öl, man warf Raketen und Steine auf die Truppen, welche endlich um 5 Uhr Abends den Palast des Königs erreichten. Am folgenden Tage bemächtigten sich die Hollander nach einem hartnackigen Kampfe der übrigen königlichen Palaste, des löwenschen und namurschen Thores, sowie eines Theils der bisher so prachtvollen, nun in einen Schutthaufen verwandelten Königsstraße und des Packs. Aber die untere Stadt mußte geräumt werden. Auch am 25. dauerte der Kampf um die obere Stadt fort. Freiwillige aus den umliegenden Orten waren den Brüsselern zu Hülfe gekommen. Da nun der Prinz sah, daß an keine Unterwerfung zu denken war, und er am 26. zu Schaerbeck, wo sein Hauptquartier war, die Nachricht erhielt, daß die Lütticher ihn umgehen wollten, daß die Weiber die Waffen ergriffen, daß die Insurgenten einige wichtige Punkte wieder erobert hätten, daß der Palast des Königs und der Palast der Generalstaaten in Flammen stehe, so befahl er am 26. Abends den Rückzug der Truppen, überließ die Stadt sich selbst, verlegte das Hauptquartier nach Dieghem und zog über Mecheln nach Antwerpen, wo er am 2. Oct. anlangte. In diesem viertägigen Kampfe waren 12 Häuser an den Boulevards, der Palast des Prinzen Friedrich, zwei Hotels am Park und einzelne Häuser in verschiedenen Straßen niedergebrannt *); es sollen aber auf Seiten der Belgier nicht mehr als 165 Todte und 311 Verwundete gezählt worden sein; dagegen soll der Verlust der Holländer an Todten, Verwundeten, Gefangenen und Ausreißern über 4000 Mann betragen haben. Die Jnfurrection breitete sich nach diesem Siege mit unglaublicher Schnelle aus. Möns, Gent, Ppern, Dendermonde, Bouillon, Meenen, Namur, Löwen, Philippeville, Ath, Marienburg, Doornick, Arlon u. s. w. fielen ohne bedeutenden Kampf in die Gewalt der Insurgenten, die nicht sowol aus Bürgern als aus Freiwilligen und Fremdlingen bestanden. Am 6. Oct. zog auch die holländische Besatzung aus der lütticher Citadelle ab. Inzwischen hatte de Potter seinen Einzug in Brüssel gehalten und war als Mitglied der provisorischen Regierung an die Spitze des Centralausschusses getreten. **) Nun erklärte die provisorische Regierung am 4. Oct.: „die von Holland abgerissenen Provinzen sollen ei- *) In diesen Tagen haben die Lütticher unter Rogier und andere Freiwillige den größten Theil der Bücherschatze und Manuscripte des Literators und Bibliographen van Hulchem aus Gent, der eine der reichsten Privatbibliotheken in Europa de- saß, ruinirt und verbraucht. **) Bau de Weyer und Gendcbien waren wahrend des Kampfes nach Walen- ciennes entflohen. Dagegen war der junge belgische Dichter Iouvenal, dessen Gesang, die lieeelieux^tiium, allgemein im Munde des Bolks dein Haufe Najjau die qaerzen entriß, bald nachher im Kampfe gefallen. Belgien 209 ! Atli «D ?K NM unabhängigen Staat bilden". Dieselbe beschloß am 9. Ott., daß eine Versammlung nach Brüssel berufen werden sollte, um den künftigen Regenten zu wählen, und erklärte am 18. Oct. das Gcoßherzogthum Luxemburg für einen B^ siandtheil Belgiens. Unterdessen hatte der Prinz von Oranien, von seinem Vater bevollmächtigt, von Antwerpen aus am 5. Oct. durch eine Proclamation bekannt gemacht, daß er die Regierung des von Holland getrennten Belgiens übernehme und die ihm beigefügten Minister, darunter den Herrn von Gobbelschroy, zu einem Conseil vereinige, in welchem der Herzog von Ursel den Vorsitz führe. Der Prinz sollte die treugebliebenen Provinzen regieren, die insurgirten aber beruhigen. Er war nur von Belgiern umgeben. Allein die blutigen Tage von Brüssel hatten das Her; des Volks vom Hause Oranien abgewandt, und die letzte Hoffnung beruhte nur noch darauf, daß dem Prinzen von Oranien durch die neue Wahl die Regentschaft übertragen würde. Der Centralausschuß (de Potter, Rogier, van de Weyer, Graf Merode) der provisorischen Regierung beschäftigte sich jetzt mit dem Entwurf eines Grundgesetzes, zu dessen Prüfung und Annahme demnächst ein Na- tionalcongreß von 290 Mitgliedern zusammenberufen werden sollte. Dieser allein, erklärte Graf Merode einem Abgeordneten des Prinzen von Oranien, habe das Recht, mit dem Prinzen zu unterhandeln; übrigens könne der Prinz nur dann vielleicht die öffentliche Entrüstung mindern, wenn er die Truppen jenseit des Moer- dyk zurückzöge, die Gefangenen freigäbe und nichts im Namen des Königs, seines Vaters, thäte. *) Seit dieser Zeit standen in Brüssel und in Belgien überhaupt drei Parteien sich einander gegenüber: die durch viele aus Frankreich angekommene Franzosen verstärkte französische Partei, welche die Vereinigung Belgiens mit Frankreich, oder — weil die Katholiken von der Vereinigung nichts wissen wollten den zweiten Sohn des Königs, den Herzog von Nemours, als König von Belgien vorschlugen; die zweite, an deren Spitze de Potter stand, war für eine demokratische Republik, jedoch mit der katholischen Religion als Staatsreligion; die dritte, die zahlreichste, welche aber nicht kräftig hervorzutreten wagte, wünschte dm Prinzen von Oranien zum Regenten. In dieser Zeit, wo die Freiwilligen, unter der Leitung der Factionsmänner, das Gesetz gaben und in den von ihnen besetzten Städten, wie in Mecheln (am 18. Oct.), die gröbsten Ausschweifungen begingen, wo politischer Haß überall mit Pöbelzügellosi'gkeit vorwaltete, da stockten Handel und Gewerbe ganz und gar. Viele Fabriken wurden aus Rachsucht zerstört. Die reichen Eigenthümer flüchteten nach dem Auslande, und in Brüssel mußten 15,000 bewaffnete Freiwillige, ohne die vielen Armen, ernährt werden. Unter solchen Bedrängnissen erkannten die meisten Belgier in den gebildeten Ständen, daß der Nerv des belgischen Wohlstandes in Holland und dessen Colonien sei. Allein keine orangistische Bewegung hatte irgendwo, nicht einmal in Gent, dessen Baumwollenfabriken ihren Hauptabsatz in Java verloren, einen günstigen Erfolg, denn die Volksstimmung war und blieb in der Masse gegen Oranien und Holland. ") Vergebens erklärte also der Prinz von Oranien am 10. Oct., daß er die Belgier als eine unabhängige Nation anerkenne und daß er sich an die Spitze der Bewegung stelle; vergebens bewies Graf von Hogendorp in einer eignen (oben genannten) Schrift, daß die Trennung Belgiens, unter einer Dynastie mit Hol- *) Der König hatte schon dadurch das Vertrauen der Belgier verloren, daß er den Herrn van Maanen wieder ins Ministerium aufnahm und zum Präsidenten des obersten Gerichtshofes ernannte; daß er ferner am 6. Oct. die Hollander unter die Waffen rief. Die bedeutendste Contrerevolution zu Gunsten des Prinzen von Oranien versuchten zu Gent im Febr. 1331 der Oberst Ernst Gr«goire, ein Franzose, der Ca p-tain de Bast, und ein Lieutenant Ernest. Im Großherzogthume Luxemburg schei terte ebenfalls ein Insurrectionsversuch des Baron Tornaco im Dec. 1831. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 14 210 Belgien land, dem Interesse beider Lander und Europas angemessen sei. Jene Erklärung des Prinzen missiel im Haag, und der Commandant von Antwerpen weigerte sich, die Autorität des Prinzen anzuerkennen. Da nun auch der König am 24. Oer. proclamirte: Er werde Hinsort nur Holland und Luxemburg regieren, Belgken aber sich selbst überlassen, bis die großen europäischen Mächte auf dem zu London zusammenberufenen Ministercongresse Belgiens künftiges Schicksal bestimmt haben würden; einstweilen aber würden die Festungen Antwerpen, Mastricht und Venloo noch im Besitze der Holländer bleiben; alle Schritte des Prinzen von Ora- nien seien für ungültig erklärt, und nicht mehr seine, sondern die Befehle der Commandanten von Antwerpen und Mastricht seien zu befolgen, — so war der Krieg entschieden. Hierauf nahm der Prinz am 25. Oct. Abschied von Belgien und kehrte nach dem Haag zurück. Nun rückten belgische Truppen in Antwerpen ein; sie brachen den mit dem Commandanten der Citadelle, Generallieutenant Chasse, geschlossenen Waffenstillstand, woraus derselbe (27. Oct.) das reiche Antwerpen mit 300 Feuerschlünden 7 Stunden lang beschoß. Der durch das Bombardement verursachte Brand soll sich auf die Einäscherung von 30 Häusern und die Beschädigung von hundert andern beschrankt haben; doch verbrannten auch das Zeug- und Lagerhaus und für mehre Millionen Fl. Waaren. Dieses Unglück, dessen Schuld beide Theile einander zuwälzten, führte eine neue Scheidewand auf, nicht nur zwischen Belgien und Holland, sondern auch zwischen Belgien und dem Prinzen von Oranien. Die ganze Handelswelt, von London bis Amerika, war entrüstet und foderte im Haag Entschädigung. Unterdessen war das Ansehen der Gesetze in Belgien keinesweges hergestellt. In Hennegau und in Brügge sielen Plünderungen, Brandstiftungen und Mordthaten vor; in Löwen ward der gefangene holländische Major Gaillard am Fuße des Fceiheitsbaumes unter schändlichen Martern umgebracht. Auch der tapfere Vertheidiger Brüssels, Juan van Halen, welchen die einflußreichen Pfaffen verfolgten, wurde zu Möns verhaftet, und entging kaum der Wuth des Volks. Die Untersuchung siel zu seinen Gunsten aus; allein er blieb vom Dienst ausgeschlossen; Potter's Einfluß sing ebenfalls an zu sinken. Sein Plan, eine Demokratie aufzurichten, mislang. Die mit ihm verbundene Propaganda in Paris vermochte nichts gegen das Friedenssyftem der französischen Regierung und das von der londoner Conferen; festgehaltene monarchische Princip. Auch widersprachen die vier Großmächte jeder Vereinigung Belgiens mit Frankreich. Der Adel, die reichen Grundbesitzer und Kaufleute, welche die drückende Pöbelherrschaft der Clubs verabscheuten, und vor allen der Klerus waren für eine constitutionnelle Monarchie und eine Repräsentation in zwei Kammern. Der von de Potter im Namen des belgischen Volkes am 9. Nov. installirte ronstituirende Nationalcongreß versammelte sich am 10. November, und am 18. Nov. proclamirte er, unter dem Vorsitze des ebenso reichen als gemäßigten Surlet de Chokier, unter Vorbehalt der Beziehung Luxemburgs zum deutschen Bunde, mit 188 Stimmen einmüthig die Unabhängigkeit Belgiens; hierauf am 22. Nov. mit 174 Stimmen gegen 13 (darunter 3 Deputirte aus Verviers) die monarchische Verfassung *), und am 24. Nov., ohne Rücksicht auf das londoner Protokoll vom 17. desselben Monats, in welchem die Nichtausschließung der Glieder des nassauischen Hauses von der Wahl eines künftigen belgischen Staatsoberhauptes ausdrücklich verlangt wurde, die Ausschließung des Hauses Nassau vom belgischen Throne mit 161 gegen 28 Stimmen, ungeachtet selbst die französische Negierung dem Congresse auf das dringendste von diesem Schritte abgerathen hatte. Für die Ausschließung des Hauses Oranien, zu dessen Gunsten sich Stim- *) Robaulx's Vorschlag, dagegen an das Volk zu appelliren, erregte allgemeinen Unwillen. Nur 36 Mitglieder waren für eine einzige Kammer. Belgien 2ZI men in Antwerpen und Limburg erhoben hatten, sprachen vorzüglich und stimmten die Deputirten Pirson, Nothomb, M. C. Rodenbach, Raikem, Eh. de Brouckere (welcher früher den Prinzen von Oranien zu dem Schritte vom 16. Ort. mit überredet haben soll), der Abbe Hearne, Sylvain van de Weyer, Graf v. Nobiano, Baron Stassart, u. A. In der Sitzung am 17. Dec. wurde der Antrag des Depurirten Iottrand, daß die Senatoren (oder die Mitglieder der ersten Kammer) durch die Wahler der Wahlkammer ernannt werden sollten, mit 136 Stimmen gegen 40 angenommen; so auch die Vorschläge, daß die Senatoren auf eine noch einmal so lange Zeit wie die Deputirten gewählt werden, daß der Senat ausgelöst werden könne, und daß die Zahl der Senatoren halb so groß sein solle als die Anzahl der Deputirten. Des Republikaners Teron Vorschlag, den Adel abzuschaffen, ward verworfen; ebenso das Verlangen des Herrn Maclangen (12. Jan. 1831), die übereilte Ausschließung des Hauses Oranien zurückzunehmen. Die provisorische Regierung setzte, vom Congresse hierzu ausgefodert, die Ausübung ihrer Functionen fort; nur de Potter erklärte am 15. Nov., daß er sich von den Regie- rungsgeschäften zurückzöge. Die Conferenz in London war vor Allem bemüht, dem Blutvergießen Einhalt zu thun; daher ward am 25. Nov. ein zehntägiger Waffenstillstand zwischen der belgischen und holländischen Negierung bekannt gemacht, und die Grenze vom 30. Mai 1814 angenommen. Welches aber die Grenze sei, ward verschieden ausgelegt. (Vergl. die Artikel Niederlande und Londoner Conferenz, sowie die diplomatische Frage über Luxemburg unter diesem Artikel.) Auch die Freiheit der Schelde blieb für Belgien eine Kriegs- frage. Wir bemerken blos, daß die entscheidende Erklärung des französischen Ministeriums gegen eine Intervention der übrigen Mächte in Belgien, daß die großen Rüstungen Frankreichs, daß die Ministerialveränderung in England, wo Lord Grey an Wellingtons Stelle trat, und die von Tallsyrand bewirkte entscheidende Übereinstimmung Englands und Frankreichs, daß endlich die polnische Revolution ein für Belgien sehr günstiges Verhältniß in Europa hervorbrachten. Der Wiederausbruch der Feindseligkeiten mit Holland am Ende des I. 1830 hatte keine weitern Folgen. Englands ernste Sprache gebot Waffenruhe. Die Hauptfrage war jetzt, auf wen die Wahl eines Staatsoberhaupts fallen werde. Ein Gerücht sagte, daß für den Prinzen von Salm-Salm Stimmen gesammelt würden, während Baron von Staffart den Plan beförderte, den König der Franzosen zugleich zum König der Belgier, als eines besondern Reichs, zu erwählen. Der Graf Robiano von Boorsbeck wünschte einen inländischen Fürsten, wozu man früher den Grafen Friedrich de Merode bestimmt hatte. Als dieser in Folge der Amputation seines rechten Beins gestorben war, dachte seine Partei, von der Geistlichkeit unterstützt, auf seinen Bruder Felix. Allein den theokratischcn Ansichten des Grafen Robiano waren die Liberalen entgegen. Dann sprach man von dem jungen Prinzen Otto von Baiern und von einem östreichischen Prinzen. Eine andere Partei war für den Herzog von Leuchtenberg; allein das diplomatische Comite, dessen Vizepräsident Herr de Celles war, eröffnete dem Congresse, daß Frankreich diesen Herzog niemals als König der Belgier anerkennen, sowie, daß König Ludwig Philipp ebenso wenig die Vereinigung Belgiens mit Frankreich als die Wahl des Herzogs von Nemours genehmigen würde. Endlich kam es in der Sitzung am 3. Febr. 1831 zu der Königswahl. Forgeur schlug den Herzog von Nemours vor. Bei der Abstimmung der 191 anwesenden Mitglieder fanden sich 97 Stimmen für den Herzog von Nemours, 74 für den Herzog von Leuchtenberg und 21 für den Erzherzog Karl. Der Präsident proclamirte hierauf Ludwig Karl Philipp, Herzog von Nemours (geb. am 25. Ott. 1814), als König, und am 4. ging eine Deputation des Congresses, bestehend aus 10 Mitgliedern mit Inbegriff des Präsidenten, an den König der Franzofen ab. Diese wurden mit der größten Freundschaft 14* 212 Belgien in Parks empfangen; aber bald erfuhr der Congreß, daß der König sich geweigert habe, die Krone für seinen Sohn anzunehmen, und dagegen wünsche, daß der Bruder des Königs von beiden Sicilien gewählt werden möchte. *) Lebeau trug daher auf die Wahl eines Generalstatthalters an, obgleich de Potter, der kein Mitglied des Congresses war, eine Gesellschaft unter dem Namen der Freunde der Nationalunabhängigkeit gegründet, und der Deputirte Robaulx dem Congreß jetzt vorgeschlagen hatte, die Republik zu proclamiren. Die Centralsection des Congresses entschied für die Wahl eines Regenten, und am 24. Febr. wählte der Congreß den Baron Surlet de Chokier zum Regenten. **) Er ward am 25. feierlich eingesetzt und legte auf den Stufen der Estrade, neben dem Throne stehend, den Eid auf die Decrete der Unabhängigkeit Belgiens und der Ausschließung des Hauses Nassau ab. Hierauf ward de Gerlache mit 122 Stimmen gegen 8 zum Präsidenten gewählt. In einer spätem Sitzung nahm der Congreß das Wahlgesetz mit101 gegen31 Stimmen an. DieMitglieder der provisorischen Regierung kündigten die Beendigung ihrer bisherigen Gewalt an. Der Congreß votirte ihnen eine Belohnung von 150,000 Fl.; de Potter ging nach Paris.***) Der Regent bestätigte anfangs die bisherigen Minister; späterhin ernannte er de Sauvage zum Minister des Innern; Tielemans versetzte er als Statthalter von Lüttich in Ruhestand; an die Stelle van de Weyer's ernannte er Devaux zum Minister des Auswärtigen und der Marine; statt Gendebien aber Barthelemi zum Iustizminister, und für Goblet den Obersten Steenhuize zum Kriegsminister. Die Demission des Finanzministers Brouckere ward vom Regenten nicht angenommen. Mit der neuen Regierung kehrte aber die gesetzliche Ordnung noch nicht zurück. Es gab Unruhen am Ende des März in Lüttich, Antwerpen, Gent, Mecheln, Namur, selbst in Brüssel, die sammtlich Spuren einer Gegenrevolution verriethen; sie wurden aber mit Nachdruck gedämpft. Am 29. März 1831 ward der Congreß vom Regenten wieder eröffnet; von 200 Mitgliedern waren nur einige über die Hälfte gegenwärtig. Gerlache wurde mit 75 Stimmen unter 101 aufs Neue zum Präsidenten gewählt. Der Congreß genehmigte hierauf das Aufgebot der ersten Classe der Bürgergarde, 90,000 Mann, ferner das Gesetz über die Gehaltsabzüge, und ein Anleihen von 12 Mill. Fl. Jetzt wandte sich die belgische Königs-Candidatur, durch Englands Empfehlung, auf den Prinzen Leopold von Sachsen-Koburg. Daher ward am 17. April eine Deputation nach London gesandt: die Congreßmitglieder Felix de Merode, Hippolyte Vilain XIIII., Abbe de Frere und de Brouckere, um die Gesinnungen des Prinzen zu erforschen und zugleich über die Vervollständigung des Gebiets, die Erhaltung der Verfassung und eine billige Vertheilung der vormaligen niederländischen Schuld sich Gewißheit zu verschassen. Überhaupt beschäftigte die äußere Politik den Congreß und die Regierung so sehr, daß an die Gesetze über Preßfreiheit, Geschwornengerichte, Verbesserung der bürgerlichen Gesetze und Municipalorganisation nicht gedacht werden konnte. Die Stimmung in Belgien war fortwährend kriegerisch; sie trotzte selbst der londoner Conferenz, und die Sprache mancher belgischen Congreßmitglieder war in der Diplomatie ebenso neu als auffallend. Endlich entschloß man sich zu unterhandeln, um die Territorialfrage wegen Luxemburg u. s. w. durch Geldopfer zu beseitigen. Als die Nachrichten aus England etwas günstiger lauteten, und die Regierung die Anzeige *) Auch das Protokoll der londoner Conferenz vom 1. Febr. schloß den Herzog von Leuchtcnberg und die Familien der fünf Mächte vom belgischen Thron aus. **) Die Priesterpartei hatte für Felix de Merode gestimmt. ***) Won hier machte er ein Schreiben vom 12. Der. 18S1 bekannt, in welchem er sagte: die belgische Revolution sei in Jntrkguen und Raub, in Erpressung, in eine unredliche, schimpfliche Beutejagd entartet. Das,,1ouiuul ck'^nvers" drückte stch voch stärker aus. ^"- S >S?i! ?r>M /..„^ Belgien 2Z3 'W^ erhielt (am 54. Mai), daß die belgische Flagge in ddn britischen Häfen zugelassen werden solle, schritt der Congreß am 4. Zum 1831 zur Königswahl. Bon 196 anwesenden Deputaten enthielten 19 sich der Abstimmung, 10 waren gegen eine Königswahl, 14 für Surlet de Chokier; ein Stimmzettel war unzulässig, die übrigen für den Prinzen Leopold, den hierauf der Regent unter der Bedingung proclamirte, daß er die Constitution annehme; doch kein freudiger Zuruf ließ sich hören; auch die Zuhörer blieben stumm. Eine Deputation überbrachte dem Prinzen das Wahldecret nach London. Nun erschien aber ein Protokoll Nr. 26 von 18 Artikeln (s. Londoner Conferenz), von deren Annahme auch die Erklärung des Prinzen Leopold abHange. Diese Artikel veranlagen neuntägige sehr heftige Debatten, in welchen 69 Redner sprachen; endlich wurden sie am 9. Iul. mit 156 Stimmen gegen ?0 angenommen. Dieses Resultat fand stürmischen Beifall in der Versammlung und auf den Tribunen. Belgien sehnte sich nach Ruhe. Eine Deputation überbrachte den Beschluß nach London, und am 51. Iul. 1831 beschwor der König Leopold in Brüssel nach alter Weise unter freiem Himmel die belgische Constitution. Der Regent legte an diesem Tage sein Amt nieder, und der constituirende Nationalcongreß schloß seine Sitzungen. Hierauf berief der König die Wahlcollegien auf den 59. August, und den Senat wie die Kammer der Repräsentanten auf den 8. Sept. nach Brüssel. Aber schon am 5. Aug. ward er von Holland angegriffen. Wie in diesem dreizehntägigen Kriege, den Frankreichs bewaffnete Intervention unterbrach, der belgische Trotz durch die ruhmlosen Niederlagen seiner Blouscnmänncr gedemüthigt, wie durch das Protokoll Nr. 34 aber eine sechswöchentliche Waffenruhe angeordnet, später.verlängert wurde, soll in dem Artikel Niederlande erzählt werden. Seitdem änderte sich plötzlich die Meinung, welche man von der belgischen Tapferkeit hatte; nur die Besonnenheit und Tapferkeit des Königs ward anerkannt. Dieser Fürst begann sofort die Reform und die neue Organisation des Heerwesens. General Daine und viele höhere Offiziere wurden verabschiedet, deutsche und französische Offiziere in Dienste genommen, die einheimischen mußten sich einer Prüfung unterwerfen. Auch schickte der König nach London an den belgischen Abgeordneten van de Weyer Vollmacht, um über den Schlußvertrag mit Holland nach den Vorschlägen der Conferenz zu verhandeln. Wie König Leopold seine schwere Aufgabe zu lösen versucht hat, ein durch Parteiung zerrissenes, von Innen und Außen bedrohtes, in seinem Wohlstande zerrüttetes Land, ohne Heer und Finanzen, zu ordnen und einer friedlichen Zukunft entgegenzuführen, soll in dem Artikel Leopold, König der Belgier, gesagt werden. Ihn unterstützten dabei der britische Gesandte, Sir Robert Adair, und vorzüglich der französische Gesandte, General Belliard. Am 8. Sept. 1831 versammelten sich die Kammern. Das dringendste Geschäft war, das Heerwesen neu zu schassen und zu organisircn. Der König ernannte den Obersten Ch. von Brouckere zum Kriegsminister. Seine Entwürfe, das belgische Heer durch französische Oberofsiziere umzugestalten, wurden von den Kammern genehmigt. Eine Untersuchungscommission zog die belgischen Offiziere, welche in dem ruhmlosen Kriege mit Holland durch Fehler aller Art das junge Königreich an den Rand des Unterganges gebracht hatten, zur Verantwortung. General Daine, der Anführer der beispiellos geschlagenen Maasarmee, ward jedoch (im Marz 1835) freigesprochen. An die Spitze des belgischen Generalstabes trat der französische General Desprez. Ein anderer französischer General, Baron Evain, war ebenfalls bei der neuen Heerorganisation mit thatig; überhaupt ließen viele Auslander, Franzosen und Deutsche, Offiziere und Gemeine, sich im belgischen Heere anstellen. Ein Gesetz ermächtigte sogar den König, das belgische Gebiet, welches die französische Hülfsarmee am 26. Sept. geräumt hatte, fremden Trup- 214 Belgien pen km Nothfalle zu eröffnen. Das neue belgische Heer war schon im October 1831 auf 54,000 Mann mit 120 Kanonen gebracht, und im Marz 1832 sollte die Starke desselben 80,000 Mann betragen; das diesjährige Budget des belgischen Kriegsdepartements erreichte daher die Summe von 29,553,878 Fl., eine Summe, die so hoch stieg, weil im Heerwesen sehr Vieles neu anzuschaffen und herzustellen war. Schon hieraus erklart sich das große Deficit in den Finanzen, mit welchem der junge Staat zu kämpfen hat. Es mußte durch Anleihen gedeckt werden, die unter harten Beoingungen in Paris zu Stande kamen. In dem Budget von 1831 betrug das Deficit 9,833,143 Fl., die Einnahme war nämlich zu 41,892,585, und die Ausgabe zu 51,725,728 Fl. berechnet. Nach dem Budget von 1332 wird das Deficit, wenn man die Herabsetzungen in dem Budget nach den Reductionsvorschlägen der Centralsection auf 2 Millionen Fl. anschlagt, 19,372,121 Fl. betragen. Nach diesem Budget hatten sich nämlich die ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben des belgischen Staats, seit dem Budget von 1831, um 37,608,328 Fl. vermehrt, weil die Ausgaben für die öffentliche Schuld, welche 1831 nur 2,532,028 Fl. betrugen, durch die Roth- fchildssche Anleihe und eine spatere von 48 Millionen so sehr gestiegen sind, daß die ordentlichen und außerordentlichen Ausgaben für 1832 sich (ohne die obenbemerkten Herabsetzungen) auf89,394,048 Fl. beliefen; die Einnahmen dagegen waren für dieses Jahr nur zu 68,021,927 Fl. berechnet, wovon die ordentlichen 31,421,927 Fl., die Einnahmen von den noch einzuzahlenden Anleihen aber 36,600,000 Fl. betragen sollten. *) Während dieser Finanznoth schwebte der Staat fortwahrend, und er schwebt noch jetzt (Mitte April 1832) zwischen Krieg und Frieden, zwischen Sein und Nichtsein. Doch ist ein großer Schritt zur völkerrechtlichen Bestätigung desselben geschehen. Ein Protokoll aus London vom 15. Oct. 1831 brachte den im Namen der fünf Mächte in der Eonferenz entworfenen, definitiven Friedensvertrag zwischen Belgien und Holland, bestehend aus 24 Artikeln, nach Brüssel, und der Minister der auswärtigen Angelegenheiten, von Mculcnaere, legte ihn am 20. Oct. der Repräsentantenkammer vor. Er bemerkte, daß Belgien, obschon dieser Vertrag ihm Opfer auferlege, seit dem Sturze Polens an die Verwerfung desselben nicht denken könne. Hierauf nahmen ihn die Kammer am 1. Nov. mit 59 Stimmen gegen 38, und der Senat mit 35 Stimmen gegen 8 an; der König Leopold gab seine Zustimmung am 15. Nov. Dagegen erklärte der König der Niederlande, daß er die 24 Artikel nicht annehme. Während nun dieser Monarch die Unterhandlungen fortfetzte, traf am 12. Nov. ein neues Protokoll in Brüssel ein, durch welches die londoner Eonferenz den Prinzen Leopold förmlich als König der Belgier anerkannte. Dieser bevollmächtigte hierauf die in Paris und in London anwesenden belgischen Gesandten, dort Lehon, hier Sylvain van de Weyer; allein Ostreich, Preußen und die übrigen Staaten haben nicht einmal den belgischen Gesandten, der ihnen Leopolds Thronbesteigung anzeigen sollte, angenommen, indem Ostreich und die übrigen Mächte erst Leopolds Anerkennung von Seite des Königs Wilhelm erwarten wollen. Unterdessen hatten die Gesandten der fünf Mächte in London den von Belgien angenommenen Friedensvertrag der 24 Artikel am 15. Nov. unterzeichnet, und in einem 25. Artikel die Garantie der Vollziehung desselben, im Namen der fünf Mächte, ausgesprochen, auch erklärt, daß die Ratificationen dieses Vertrags binnen zwei Monaten, folglich bis zum 15. Januar 1832, erfolgen sollten. Durch das 54. Protokoll ward diese Frist bis zum 31. Januar verlängert. Allein die drei Mächte Rußland, Ostreich und Preußen, durch die Vorstellungen des Königs Wilhelm *) Auch die reichen Städte Belgiens befinden sich in großer Finanzverlegenheit. Brüssel hatte 13ZI ein Deficit von 300,000 Fl., und im März 1332 erhielten da- selbst L000 arme Familien vom König Leopold besondere Unterstützung. Belgien bewogen, verschoben auch jetzt noch ihre Ratification des Tractats vom 15. Nov., indem sie vorerst die Erklärung des Königs der Niederlande abzuwarten schienen. Sie hielten wenigstens die Abänderung einiger Artikel für rathsam und waren in keinem Falle geneigt, den König Wilhelm zur Annahme der 24 Artikel zu zwingen. Ungeachtet dieser Aögerung vollzogen England, Frankreich und Belgien am 31. Jan. 1832 zu London die Ratification der 24 Artikel, indem den Bevollmächtigten Ostreichs, Preußens und Rußlands das Auswechselungsprotokoll der Ratificationen offen gelassen wurde. Später ward ein neuer Termin, der 15. März, gesetzt; allein auch dieser ward, in Folge besonderer Ereignisse, länger hinausgeschoben, bis zum 31. März. Der König der Niederlande aber beharrte noch am Ende des März bei seiner Erklärung, die 24 Artikel nicht ohne wesentliche Abänderungen annehmen zu wollen, und in London war am 31. März die erwartete Ratification von Seiten der drei Mächte nicht vollzogen. Jener Vertrag vom 15. November, welcher, wenn Belgien nachgibt, selbst mit der nicht unwahrscheinlichen Zustimmung Englands und Frankreichs, noch einigen Abänderungen unterliegen kann, hat im Wesentlichen Folgendes bestimmt: 1) Belgien soll aus den alten südlichen Provinzen der Niederlande bestehen, mit Ausnahme eines Theiles von Luxemburg, von Limburg an beiden Ufern der Maas und Mastrichts mit seinem Weichbildes; 2) innerhalb dieses Umfangs soll Belgien ein unabhängiger und für alle Zeiten neutraler Staat sein; 3) die freie Flußschisssahrt ist nach den Stipulationen des wiener Con- grestes anerkannt; 4) der Gebrauch der Canäle, welche Belgien und Nordniederland durchschneiden, ist beiden Ländern gemeinschaftlich, so sind es auch die Straßen zwischen Mastricht und Sittard für den Transi'thandel nach Deutschland; ingleichen darf Belgien hier neue Canäle und Straßen anlegen; 5) vom 1. Jan. 1832 wird Belgien lährlich 8,400,000 Fl. jährliche Renten von der ausstehenden niederländischen Schuld bezahlen, die nun als belgische Staatsschuld anerkannt und halbjährlich entrichtet wird. — Außer diesem Friedensvertrage warnoch in London schon am 17. April 1831 von den in der Conferenz vereinigten Bevollmächtigten, mit Ausnahme des französischen Gesandten, ein Protokoll unterzeichnet worden, nach welchem ein Theil der belgischen Festungen geschleift werden soll. Die neue Lage, sagte das Protokoll, in der sich Belgien befinde, und seine von Frankreich anerkannte und garantirte Neutralitat bringe eine Änderung in dem für das Königreich der Niederlande angenommenen militairischen Vertheidigungssystem hervor; überdem sei die Unterhaltung der in Rede stehenden, zu zahlreichen Festungen für Belgien lästig, und die von den Mächten zugegebene Unverletzlichkeit des belgischen Gebiets biete jetzt eine Sicherheit dar, welche früher nicht vorhanden gewesen; daher sollten, nach erfolgter Anerkennung der belgischen Regierung, zwischen dieser und den vier Höfen Unterhandlungen angeknüpft werden, um die zu demolirenden Festungen zu bezeichnen. Als nun der Tractat vom 15. Nov. von Belgien angenommen war, drang Frankreich auf die Erfüllung diests Versprechens, und es sollen seitdem Marienburg, Philippeville, Ach und Menni zur Schleifung bestimmt worden sein; da aber die vier Mächte behaupteten, daß ihnen das Recht zustehe, für die Erhaltung der übrigen belgischen Festungen Alles anzuordnen, was ihnen zweckmäßig erscheine, so widersprach Frankreich, indem es verlangte, daß die übrigen Festungen unter alleiniger Souverainetät des Königs der Belgier stehen, und frei von jeder Beaufsichtigung der vier großen Mächte sein sollten. Die Ratification der hierüber abgeschlossenen Convention *) Das Areal der bisherigen Südprovinzen, mit Einschluß der abzutretenden Landesthcile, wird zu 6L0 EM. und die Bevölkerung (nach Quetelct und Sinits) zu 4,064,200 angenommen; zwei Dritttheile davon sind Landbewohner. Nach jener Abtrennung würde es ungefähr 630 EM. mit 3,740,000 Einw. enthalten. 216 Belgien vom 14. Dec. 1831 wurde bis auf den 15. Marz, und seitdem noch langer hinaus verschoben, weil sie von der Vorfrage der noch unentschiedenen Annahme des Vertrags vom 15. November abhangt. Wahrend dieser Verhandlungen blieb der König Wilhelm in seiner kriegerischen Stellung. Also mußte auch Belgien seine Rüstungen fortsetzen. Es ließ in Gent, Antwerpen, Lüttich — den Hauptverthei- digungspunkten des Landes —u. s. w. neue Festungswerke anlegen; die Neprä- sentantenkammer beschloß schon am 28. Dec. 1831 die Mobilisation der Bürgergarde und eine Aushebung von 12,000 Mann für das I. 1832. Das Heer wurde auf den Kriegsfuß ausgerüstet, und am Ende des Marz 1832 standen Belgien und Holland drohend und schlagfertig einander gegenüber. Das Ministerium des Königs Leopold erfuhr in dieser Zeit einige Veränderungen. Am 30. Dec. wurde de Theux zum Minister des Innern ernannt, Meulenaere blieb Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Coghen wurde Finanzminister, und Naikem übernahm das Justizministerium. Der Kriegsminister Brouckere gab aber am 15. Marz d. I. seine Entlassung, wozu die von der Kammer gemachten Neductio- nen seines Budgets und die Angriffe der Opposition wegen eines Lieferungscon- tracts, vielleicht auch die Ungewißheit der nahen Zukunft, der Beweggrund gewesen sein sollen. Seine Stelle versieht einstweilen der Graf F. von Merode. Das wichtigste Geschäft der beiden Kammern war die Erörterung des Budgets für 1832 (s. oben). Wir bemerken nur noch, daß die Civilliste des Königs auf die Dauer seiner Regierung zu 1 ,300 ,000 Fl., nebst der Benutzung der königlichen Wohnungen Brüssel, Antwerpen und Laeken, fast einstimmig festgesetzt wurde. Übrigens ist die Lage des neuen Königreichs auch im Innern nicht sehr erfreulich. Der Handel von Antwerpen, diesem europäischen Stapelplatze, ist gänzlich gesunken, und der von Ostende hat wenigstens nicht zugenommen. Von der belgischen Industrie behauptete Robaulx in der Repräsentantenkammer (am 6. März 1832) wol mit einiger Übertreibung, daß sie gänzlich daniederliege. England habe im Monat November allein für 5 Millionen solcher Fabrikarbciten nach Holland gesandt, die früher aus Belgien bezogen worden wären. Aus dieser Stockung des Handels, sowie aus der fast allgemeinen bittern Enttäuschung der verschiedenen Parteien, die von der Revolution jede ganz andere Erfolge zu sehen gehofft hatten, erklärt sich theils die Aufregung zum Aufstande, welche bei mehren Anlässen hervortritt, theils die Gleichgültigkeit an den öffentlichen Angelegenheiten, die dem Zustande der Erschlaffung nach einem durch Überreiz hervorgebrachten Aufschwünge gleicht. Aus jenem Grunde mußten Gent und Antwerpen in Belagerungsstand erklärt werden. Aufruhr, sagte der Kriegsmini- fter in der Sitzung der Repräsentantenkammer am 24. Jan. 1832, werde in Gent öffentlich empfohlen; man suche die Bürgergarde und das Militair zu verführen. Auch gegen die orangistische Presse mußte eingeschritten werden, und der Pöbel, welcher das Haus Nassau haßt, kam hierin durch seine Ausschweifungen noch dem Nachdrucke der Behörden zuvor. Die durch die Constitution verbürgte Preßfreiheit wurde namentlich gegen den Redacteur des „Nessoger de Steven, auffallend verletzt, worüber es in der Kammer heftige Debatten gab; daher das gegen Steven schon ausgesprochene Urtheil von dem hohen Militairhofe (Februar 1832) für nichtig erklärt wurde. Wie sehr aber die Theilnahme an politischen Verhandlungen in Belgien seit der Revolution gesunken sei, beweist unter Anderm der Umstand, daß bei einzelnen Repräsentantenwahlen im Mär; 1832, in Löwen von 1600 Wählern nur 119, in Lüttich von mehr als 1600 Wählern nur 194, in Doornick von 1200 nur 371 erschienen waren. Ungehorsam aber und Widersetzlichkeit fallen bei der Bürgergarde wie bei den Soldaten häufig vor. Dies Alles reizt fortwährend ebenso sehr die zahlreiche Partei der Orangisten als die der Republikaner zum lauten Tadel des Bestehenden. Belliard 217 '' jener Hinsicht ist der Umstand bemerkenswerth, daß zu? Zeit der Köm'gswahl Schrift, worin viele namhafte Familien in Belgien, namentlich in Brüssel, Gent und Antwerpen, ihren Wunsch nach der Rückkehr des Prinzen von Oranien bezeugt hatten, dem Lord Ponfonby, damaligen britischen Gesandten in Brüssel, AU zugestellt worden war, damit er sie der Confcrenz in London Übergabe; was dieser a^r nicht gethan, sondern im Gegentheil, wie ihm der General van der Smissen ^ ^ ^ öffentlich Schuld gab, die Wahl auf den Prinzen Leopold hingelenkt haben soll. *) ^ Auch ist es erwiesen, daß das französische Ministerium Lafsitte die Ausschließung Äer, des Hauses Oranien von dem belgischen Throne auf keine Weise befördert, sondern , im Gegentheil die Beihaltung dieser Dynastie in Belgien gewünscht hat. In die- M ^ str Hinsicht kann das von Potter in der,,'IAibrme" zu Paris an den König Leopold gerichtete Schreiben als ein öffentliches Bekenntniß der republikanischen Partei NZrangesehen werden. Potter nennt darin die belgische Revolution eine vorei- lige und misrathene; ja er gibt dem Könige nicht undeutlich zu verstehen, er ^ ^ möchte sich so bald wie möglich jener Bürde entledigen, die ihm von Tage zu Tage ^de unerträglicher werden. Unter so verworrenen und schwierigen Verhältnissen ^ÄW^skii jst die edle, würdige Haltung des Königs, sein Heller, ruhiger Blick und der feste Ä!si>>,ch: Much, womit er nach und nach Licht und Ordnung in diese chaotische Masse zu bringen sucht, mit hoher Achtung anzuerkennen. Nächst dem Heerwesen beschäf- tigen ihn vorzüglich drei Gegenstände: die einer Eommission übertragene Orga- nisation des gänzlich verwilderten Unterrichtswesens; die Anlegung einer Eisen- - bahn von Antwerpen nach Köln, um hier einen leichtern Weg für die belgische Ach«- Aussuhr zu öffnen, und die freilich noch sehr entfernte Abschließung eines Han- WichMhitz delsvertrags mit Frankreich. Während so der König Leopold allein das Ganze WflAK zusammenhält, schwankt der Boden unter seinen Füßen, und vor den Thoren des KchWj Landes lauert der Krieg. luceclit per siippvsitos ciireri ckoloso. k> D ij» Belliard (Augustin Daniel, Graf), Generallieutenant, Pair und zuletzt i.'ii üchchiiÄch- Gesandter in Brüssel, gleich ausgezeichnet als Feldherr und Diplomat, ward 1773 Gr WllüzSiS zu Fontenay le Comte in der Vendee geboren und trat sehr jung in Militärdienste, nz kr UMm Er wurde bald darauf von Dumouriez im Nordheer als Stabsoffizier gebraucht, ze zu M Mt kämpfte bei Iemappes an der Seite des Herzogs von Orleans und wurde nach der M ki rchi» Schlacht bei Neerwinden Generaladjutant. Als Dumouriez die Sache des Con- Wzw vents verrathen und durch die Flucht sich gerettet hatte, wurde B. als Gefangener Ach liwch h«' "ach Paris gebracht und seines Dienstes entlassen; bald nachher aber trat er als M N uü U Freiwilliger wieder unter die Fahnen und erhielt seine Stelle als Generaladjutant Äli da Ww wieder, ging 1796 mit Bonaparte nach Italien, focht tapfer bei Arcole und ward M, «ck auf dem Schlachtfelde Brigadegeneral. Nach der Einnahme von Civita-Vecchia ' ^ ^ MD« ward er von Bonaparte als Bevollmächtigter nach Neapel geschickt, um Unterhand- lungen anzuknüpfen. Er begleitete seinen Feldherrn nach Ägypten, wo er sich in ( der Schlacht bei Alexandria und bei den Pyramiden auszeichnete. In Oberägypten überschritt er die Grenzen des alten Römerreichs und drang bis Abyssinien vor, stets ^ KGköe uut den Mamlucken und Arabern kämpfend. In der Schlacht bei Heliopolis trug ^ M ^ wesentlich zum Siege bei. Er griff darauf mit 1200 Mann eine türkische Heer- r W abtheilung in Damiette an, das er wiedereroberte. Während er in Oberägypten ^ stand, gewährte er den wissenschaftlichen Arbeiten der französischen Gelehrten den ^ kräftigsten Schutz, und ohne seine Mitwirkung würden vielleicht die Alterthümer von Denderah bis Philoe noch unbekannt sein. Als Befehlshaber in Kahira ward N Mich ^ ^ Türken und Engländern belagert und erlangte durch seine Klugheit und ^.zfftljchi^'!' *) Siehe das Schreiben des Ritters V...., Brüssel, den 12. März 1832, im ^ //l-z'nx" vom 13. Marz. Die Behauptung des Ritters V. jedoch, daß Lord Ponfonby sine Schrift dem Regenten Surlet de Chokier übergeben habe, ist von diesem für falsch erklärt worden. 213 Bellini Festigkeit eine günstige Kapitulation. Er wurde noch in Ägypten Divisi'onSgem- ral, und erhielt 1801 den Oberbefehl der Militairdiviston, deren Hauptquartier Brüssel war. In dem Feldzuge von 1805 nahm er an den Siegen bei Ulm und Austerlitz Theil und kämpfte in allen großen Schlachten des Krieges gegen Preußen und Rußland. Nach der Einnahme von Madrid ward er Befehlshaber der Stadt, wo er den nach der Schlacht bei Talaveira ausgebrochenen Aufstand durch feine Klugheit und Entschlossenheit stillte. Er verließ Spanien 1812, um nach Rußland zu gehen, und zeichnete sich besonders in der Schlacht an der Moskwa aus. Nach dem Rückzüge erhielt er den Auftrag, die Reiterei wieder zu ordnen. Bei Leipzig zerschmetterten ihm die Kanonen einen Arm. Nach der Schlacht bei Craone (1814) ernannte Napoleon ihn zum Befehlshaber seiner Cavalerie und Garde, und als er nach des Kaifers Abdankung sich in Paris einfand, erhielt er von Ludwig X Villi, den St.-Louisorden und die Pairswürde, und sogar die Stelle eines Major- General des franz. Heeres unter dem Oberbefehl des Herzogs von Berri. Napoleon kehrte von Elba zurück und gab ihm den Auftrag, zu dem König Joachim zu eilen, um die Kriegsunternehmungen der Neapolitaner zu leiten. Das Schiff, das ihn nach Neapel bringen sollte, wurde von einem englischen Fahrzeuge verfolgt, und B. mußte nach Frankreich zurückeilen. Die Bourbons ließen ihn nach ihrer Rückkehr zwar festnehmen uno stellten ihn unter Polizeiaufsicht, aber nur kurze Zeit, denn 1816 war B. schon wieder Pair. Kaum war Louis Philipp auf den Thron gelangt, so schickte er B. nach Berlin, um über die Anerkennung der neuen französischen Regierung zu unterhandeln. Diese Sendung hatte ziemlich schnellen Erfolg, denn sobald dieKönige der Niederlande, Englands und der KaiservonÖstreich den König der Franzosen wenigstens factisch anerkannt hatten, so that es auch Friedrich Wilhelm. Wahrend seiner Gesandtschaft in Brüssel entwickelte B. seitdem eine außerordentliche Thätigkeit; er trug mehr als irgend ein anderer Diplomat zur Befestigung der neuen belgischen Regierung und besonders zur Rettung der Stadt Antwerpen bei, welche der hollandische General Chasse in den Grund zu schießen drohte, und eine erstaunliche Geschäftigkeit zeigte er zumal im Dec. 1830. Aus Befehl der französischen Regierung, der durch den Telegraphen bis zur Grenzstadt Lille gelangte, verließ er Brüssel am Dienstage, war Donnerstags in Paris, eilte in die Tuilerien, verließ die Stadt in derselben Nacht, langte Sonntags in Brüssel an, hatte eine Audienz bei König Leopold, reiste von Neuem nach Paris zurück; die Pairs votir- ten gerade über ihre Erblichkeit, der Secretair verlas die Namen, und als er an den Namen Belliard kam, trat dieser eben haftig zur Thür herein und stimmte gegen die Erblichkeit unter schallendem Gelachter seiner Collegen und eilte nach Brüssel zurück. Er starb am 27. Jan. 1832 zu Brüssel. Die Dankbarkeit der Belgier will ihm ein Denkmal widmen. (15) Bellini (Vincenzo), Kapellmeister zu Venedig, geb. 1808 zu Palermo, hat sich bereits einen europaischen Ruf erworben, was für sein ausgezeichnetes Talent spricht. Seine erste Oper, die Aufsehen erregte, war „lixirata". Sie wurde zuerst in Mailand (wahrscheinlich in dem Carneval 1828) gegeben und gefiel so sehr, daß sie bald auf allen italienischen Theatern gehört wurde und sich auch nach Paris und über Wien nach Deutschland Bahn machte. Es laßt sich nicht verkennen, daß B. in diesem Werke hauptsachlich Rossini zum Vorbilde gewählt hat; es ist dies indeß unleugbar mit einem sehr selbständigen Geiste geschehen. Er behandelt die Singstimme den Foderungen der Zeit, d. h. dem Geschmack des jetzigen italienischen Publicums angemessen, schreibt daher viele Coloraturen,Fiorituren und dergl.; alü in der Bau seiner, besonders der mehrstimmigen Gesangstücke ist nach viel vernünftigem Kunstgrundsätzen geordnet, als sich in Rossi'ni's Arbeiten erkennen lassen. Weniger genial als dieser, ist er aber auch ungleich weniger flüchtig und nachlässig. Er scheint berufen zu sein, eine Übergangsstufe von der weichlichen, erschlaffenden, Bem 219 KK»> Ä'^° 2?°-< >"?S wollüstigen, meist ganzlich gedankenlosen Kunst des Maestro von Pesaro zu einer edlern, gereinigten Schule zu bilden. In seinen Arbeiten ist eine nicht so glanzende, aber gründlichere Modulation und ein viel natürlicherer Fluß, ebenso eine nicht so blendende und betäubende, aber durch Mäßigung und besonnenere Anwendung der Orchestermittel auf die Dauer viel wohlthucndere Instrumentation zu finden. Freilich schleppt er noch viel Rossini'sche Schlacken mit sich, allein es muß auch noch einige Zeit dauern, ehe das schöne italienische Metall der Kunst bis zum reinen Silberblick wieder geläutert wird. Bis jetzt kann man jedoch nur ein Streben, der Verworrenheit zu entrinnen, darin erkennen, und es scheinen Kunst und Politik dieses Landes darin ziemlich auf einer Stufe zu stehen, B. aber der Vertreter der Kunstrichtung zum bessern zu sein. Nächst dem hat er noch folgende Opern geschrieben, die auf vielen italienischen Theatern, zum Thcil aber auch m Frankreich und Deutschland mit Beifall gegeben worden sind : „Li-unR-t e Ipcw- raull»", stemÜLra" (in Berlin unter d. Titel: „Die Unbekannte", im Februar 1832 zuerst gegeben), „(Iii Oapuleti e Zlontecclü" (Romeo und Julia). Im De- cember 1831 ist seine neueste Oper: „Marina" (Text nach einer französischen Tragödie von Soumet), zu Mailand in der Scala, jedoch nur mit getheiltem Erfolge gegeben worden, was jedoch wenig entscheidet, da in Italien mehr als irgendwo die äußern Nebenumfränse, d. h. Besetzung, Parteien für und wider und dcrgl. das Schicksal einer Oper bestimmen. (20) Bem (Joseph), polnischer General, geb. 1795 zu Tarnow, stammt aus einer adeligen Familie, die seit 400 Jahren in der Gegend von Krakau und Lemberg wohnt. Sein Vater, der früher die Rechtswissenschaft ausübte, zog später in die Woiwodschaft Krakau, wo er unweit Kielce ein Landgut besitzt. B. erhielt seine wissenschaftliche Bildung auf der Universität zu Krakau. Als 1809, nach Beendigung des Kriegs gegen Ostreich, die Stadt Krakau mit dem Herzogthum Warschau vereinigt wurde, wollte B., obgleich erst 14 Jahre alt, in das Artilleriecorps treten, das in die Stadt verlegt ward, und sein Vater, der diese Neigung nicht bezwingen konnte, brachte ihn nach Warschau, um ihn in das Eadettencorps aufnehmen zu lassen. Der französische General Pelletier, von Napoleon als Befehlshaber des Artillerie - und Jngenieurcorps im Herzogtum Warschau angestellt, hatte in der Hauptstadt eine schule für Artillerie- und Jngenieurwissenschaften eingerichtet, die Jedem offen stand, und jährlich 12 Zöglinge aufnahm, welche die Prüfung in der Mathematik bestanden hatten. Die Ausgezeichneten konnten bei dem Austritte aus der Anstalt die Waffe wählen, die ihnen gefiel, und die Leichtigkeit, sich durch eifriges Studium unter so vortheil- hasten Umständen den Weg zu Ofsizierstellen zu bahnen, spornte die jungen Leute zum Fleiße an. B., der sich bereits viel mit den mathematischen Wissenschaften beschäftigt hatte, wurde im März 1810 in die Anstalt aufgenommen, und wählte bei seinem Austritte die reitende Artillerie, die seinem aufgeweckten Geiste am meisten zusagte. Beim Ausbruche des russischen Krieges machte er anfänglich als Lieutenant unter der H^erabtheilung des Marschalls Davoust den Feldzug mit, bis er später unter Macdonald kam. Als dieser nach dem unglücklichen Ausgange des Feldzugs sich mit seiner Heerabtheilunz nach Danzig warf, war B. unter Denjenigen, welche diese Festung 13 Monate lang mit seltener Ausdauer vertheidigten. Die Russen verletzten die mit dem General Napp abgeschlossene Capitulation, nach welcher den Franzosen und Polen der Abzug nach Frankreich gestartet sein sollte, und B. wurde, wie alle seine Landsleute, nach Polen zurückgeschickt, wo er bis 1815 bei seinem Vater auf dem Lande blieb. Bei der neuen Einrichtung des polnischen Heeres, die zu jener Zeit begann, stellte er sich mit Andern in die Reihen der Vaterlandsvcrtheidiger, obgleich es ihm nicht gefiel, daß der Großfürst Konstantin als Oberbefehlshaber der polnischen Armee Alles auf 220 Bem russischen Fuß einrichtete. B. konnte sich mit den russischen Jnstructionsossizieren nie vertragen, bis man ihm endlich Verdrießlichkeiten machte und ihn unter die einstweilen mit vermindertem Gehalt entlassenen Ossiziere stellte. Er foderte seinen Abschied, und war im Begriff, in das Ausland zu gehen, um die Kriegslaufbahn fortzusetzen, an welche eine entschiedene Neigung ihn band; aber er ließ sich durch schöne Versprechungen bewegen, nach einigen Monaten wieder in den Dienst zu treten. Er wurde als Adjutant bei dem Artilleriegeneral Bontemps angestellt, 1819 zum Capitain zweiter Classe befördert und erhielt den Auftrag, in der neugebildeten Artillerieschule Vorlesungen über Artilleriewissenschaft zu halten. Am Ende des Lehrjahres ward er zur Belohnung erster Capitain. Wahrend dieser Aeit beschäftigte er sich besonders auch mit der ihm anvertrauten Einführung der Congreve'schen Raketen, und gab 1819 eine in französischer Sprache geschriebene Abhandlung über dieselben mit Abbildungen heraus, die jetzt sehr selten ist, weil nur 190 Exemplare davon abgedruckt wurden, die aber später verdeutscht ward. *) Er fand indeß das Lehramt seiner Neigung nicht angemessen und wollte in dieser Laufbahn nicht langer dienen. Diese Weigerung gab dem Großfürsten Konstantin einen Vorwand, B., dessen offenes und freimüthiges Wesen, dessen Vaterlandsliebe und Abneigung gegen alles Russische ihm nicht gefallen konnten, in Verdrießlichkeiten zu verwickeln. Vergebens suchte General Bontemps seinen Einfluß bei dem Großfürsten zu Gunsten seines Adjutanten zu benutzen. B. wurde von 1820—26 unter verschiedenen Vorwänden zwei Mal einstweilen entlassen, drei Mal vor das Kriegsgericht gestellt und drei Mal in jene berüchtigten Staatsgefängnisse gesteckt, wo der Verhaftete nur seinen Kerkermeister sah und nur von oben über eine Terrasse durch ein vergittertes, von Außen geweißtes Fenster Licht erhielt, nichts als sein schlechtes Lager und die vier Wände vor Augen hatte, und ohne Bücher, ohne andere Beschäftigung, nur an sein und das allgemeine Unglück denken konnte. So mußte er, ohne die Gesetze des Landes oder seine Dienstpflicht verletzt zu haben, unter steten Leiden zubringen, aber er ertrug Alles mit Ergebung und in der Hoffnung, einst seinem Vaterlande nützlich werden zu können, da er ahnete, daß die Dinge bald eine andere Wendung nehmen müßten. Endlich sah er, daß sein Heben bedroht war. Ein Kriegsgericht unter dem Vorsitze des General Kurnatowski, vor welchem er verschiedener Verbrechen angeklagt wurde, sprach ihn einstimmig frei. Der Großfürst löste jenes Kriegsgericht auf und ernannte ein anderes unter dem GeneralBlummer, den man, weil er sicher zielte und schoß, in der Armee Kuchenreiter, nach dem berühmten Gewehrfabrikanten nannte, dessen Pistolen nie fehlten. Auch von diesem Gerichte aber konnte B. nur zu zweimonatlicher Haft, unter dem Vorwande einer Unregelmäßigkeit im Dienste, verurtheilt werden, da jede Beschuldigung zu offenbar falsch war. Als der Großfürst, der die Formen der Rechtspflege nicht ganz verletzen wollte, sah, daß selbst Blummer nicht weiter gehen konnte, hob er den Urteilsspruch zwar nicht auf, that aber Alles, um die Gefangenschaft empfindlich zu machen. Es war ein Be- hältniß für Verbrecher, wo zwei Reihen von Pritschen den Verhasteten zum Lager dienten und in der Mitte nur einen zwei Fuß breiten Gang ließen, einer kleinen Öffnung in der Thüre der Wachstube gegenüber, durch welche die Schildwache die Gefangenen beobachtete. Es war im Januar, im kältesten Winter. Das Gefangniß hatte keinen Ofen, und unter dem Fußboden war eine Schleuse, aus welcher widrige Dünste aufstiegen. Die Schlüssel des Gefängnisses wurden stets beim Stadtcommandanten aufbewahrt, und der Adjutant desselben holte sie täglich zwei Mal ab, um den Gefangenen zu sehen, und ihm die Nahrung zu bringen, die dieser *) Erfahrungen über die Congreve'schen Brandraketen bis zum Jahre 1319 in der polnischen Artillerie gesammelt; nebst dem französischen Originaltext, und mit Anmerk. von M. Schuh (Weimar 1820, 4.). Bem 221 'IgK .11 St- IlllM" aus eignen Mitteln bezahlen mußte. B. wurde krank, und als sein Zustand sich von Tage zu Tage verschlimmerte, wurde der Offizier, der ihn besuchte, fo besorgt, baß er den Stabsarzt herbeirufen ließ, nach dessen Ausspruche für den Kranken nichts zu hoffen war, wenn er nicht ins Hospital gebracht würde. Als man Bericht erstattete, lautete die Antwort: „Er bleibt da." Schien dies ein Todes- urtheil zu sein, so hatte doch B.'s Stunde noch nicht geschlagen; er erhielt nach und nach seine Besinnung wieder und genas. Nach zwei Monaten kam man zur Nachtzeit in sein Gefängniß, hieß ihn von seinem Lager ausstehen, zog ihm die verschimmelten und vermoderten Kleider an, die er beim Eintritt in seinen Kerker abgelegt hatte, und setzte ihn auf einen Wagen, mit einem Gensdarmen, der im Galopp durch die Vtraßen von Warschau fahren ließ. B. war überzeugt, daß man ihn nach Sibirien oder in ein noch schrecklicheres Gefangniß bringen wollte, um ihn nie wieder an das Tageslicht kommen zu lassen; aber nach einiger Zeit hielt man in dem elenden Stadtchen Kock an, wo er unter die Aussicht eines Artillerieobersten, der dort in Besatzung lag, gestellt wurde, mit dem Befehl, ihm allen Umgang abzuschneiden und alle an ihn gerichteten Briefe zu öffnen. Er benutzte aber, um für seine persönliche Sicherheit zu sorgen, die Bestürzung, die sich nach dem Tode Alexanders zeigte, und foderte seinen Abschied. Sobald er sein Verlangen gewahrt sah, eilte er mit einem schmerzlichen Andenken an die Vergangenheit, mit dem Wunsche, einst die Ketten seines Vaterlandes zerbrechen zu helfen, nach Lemberg, wo sein Oheim als Kanonikus lebte. Er beschäftigte sich wahrend der Zeit seiner Auswanderung unter andern mit einem in polnischer Sprache geschriebenen ausführlichen Werke über die Dampfmaschine („0 mncllinildi pm-o- wycll"), das aus drei Theilen mit Abbildungen bestehen sollte, und dessen erster Theil 1830 in Lemberg erschien. Der zweite Theil war bereits zur Halste abgebruckt, als die Ereignisse in seinem Vaterlande ihn von seinen friedlichen Beschäftigungen abriefen. Die Revolution in Warschau war ausgebrochen und hatte der Welt gezeigt, daß ein gekränktes Volk weder seine Zeit noch seine Mittel berechnet. B. eilte nach Polen, ward als Major angestellt, und erhielt den Befehl über die Batterie der reitenden Gardeartillerie, die er mit glücklichem Erfolg in mehren Gefechten anführte. Nach dem Tressen bei Iganie ward er zum Oberstlieutenant befördert. Er stand in diesen Gefechte mit 12 leichten und 4 schweren Geschützen gegen 40 Stücke, meist von schwerem Kaliber, und trug durch schnelle Bewegungen und wohl unterhaltenes Feuer zu dem glücklichen Ausgange des blutigen Kampfes bei, wo 8000 Polen einen Heerhaufen von 20,000 Mann gänzlich schlugen. In dem Gefechte bei Ostrozka kam er mit seiner Batterie im Galopp aus der Linie der feindlichen Tirailleurs an, empfing mit Kartätschenfeuer die über dm Narew gegangenen Abtheilungen, die er aufhielt, und obgleich die ganze russische Artillerie von beinahe 80 Geschützen ihr Feuer auf die vorgerückte Batterie richtete, und ein Dritttheil des Fußvolkes, der Reiterei und des Geschützes an dem Kampfe nicht mehr Theil nehmen konnte, so hatten doch die Anstrengungen der Polen ihren Erfolg; sie behaupteten das Schlachtfeld, und die Russen gingen m der Nacht auf das andere Ufer des Narew zurück. B. wurde nach dem Gefechte zum Obersten befördert, und erhielt bald nachher den Oberbefehl über die gesummte im Dienste befindliche Artillerie. Es war seine erste Sorge, unterrichteten jungen Leuten, die sich mit Eifer dem Kriegsdienste widmen wollten, die Hand zu bieten, und es wurde beschlossen, daß jeder Unteroffizier oder Gemeine, der durch Zeugnisse oder das Ergebniß einer Prüfung darthun könnte, daß er sich die nöthigen physikalisch-mathematischen Kenntnisse erworben habe, nach der ersten Schlacht, worin er Beweise seines Muthes gegeben, Anspruch auf eine Offi- Mstelle machen dürste. Dies hatte sehr gute Folgen, und alle kenntnißreichen jungen Manner, selbst viele Professoren, welche das Kriegshandwerk ergriffen hatten. Benecke wurden in der Artillerie befördert, wodurch das Ofsiziercorps einen bedeutenden und nützlichen Zuwachs erhielt. Als das polnische Heer eine feste Stellung in Warschau genommen hatte, wurde B. zum General ernannt, und er bot Alles auf, die gesummte Artillerie zur Verteidigung der Stadt in Stand zu setzen. Uberzeugt, daß Warschau nicht genommen werden tonnte, wenn Fußvolt und Reiterei ihre Pflicht ebenso gut als die Artillerie erfüllten, sah er dem Angrisse mit Vertrauen auf seine Starte und mit fester Zuversicht auf glücklichen Erfolg entgegen. Die verhängnisvollen Tage des 6. und 7. Septembers erschienen, und Krukowiecki's Benehmen entschied Polens Untergang. B. brachte wahrend jener Tage das gesummte Geschütz in den Kampf, indem er die Feldstücke zwischen den abgesonderten Befestigungswerten der äußern Linie aufstellte, und am 6. sogar mit 40 Geschützen bis unter das von den Russen bereits genommene Wola vorrückte, ob, gleich man ihm nur ein Bataillon und zwei Schwadronen zur Deckung gegeben hatte; aber er tonnte, von Fußvolt und Reiterei im günstigen Augenblicke gar nicht unterstützt, mit der Artillerie allein die Russen nicht zurückwerfen. Als die polnische Armee in der Nacht des 7. Septembers nach Praga zog, stellte B. gegen 40 Geschütze auf, um die Brücke zu vertheidigen und sie nach dem Übergange der Kriegsmacht sogleich abzubrechen; aber früh am 8. erhielt er die unglückliche Nachricht von dem Abschlüsse einer Übereinkunft mit den Russen, und von dem Oberbefehlshaber, General Malachowsti, die Weisung, die Geschütze zurückzuziehen und nach Modlin zu rücken. B. hat die Ereignisse jener Tage in einer interessanten Denkschrift („Allgemeine Zeitung", 1834, außerordentliche Beilage Nr. 470—475) erzählt, welche den General Kruckowiecki der Pflichtvergessenheit beschuldigt und mehre Thatsachen zur Begründung dieser Anklage anführt. Er begab sich nach dem Falle der Hauptstadt mit einem Theile des getrennten Heeres auf das preußische Gebiet, reiste später nach Paris, hielt sich einige Zeit, während die Trümmer des Rybinski'- schen Corps aus Preußen durch Sachsen nach Frankreich zogen, in Leipzig und Altenburg auf, und war besonders thätig, der wohlthatigen Wirksamkeit der Polen- Vereine, die sich zur Unterstützung seiner Landsleute gebildet hatten, zum Vermittler zu dienen. Im März 1832 begab sich wieder nach Frankreich. Benecke (Georg Friedrich), geb. 10. Inn. 1702 zu Mönchsrode (Münchsroth) im Fürstenthum Ottingen, wohin sein Großvater aus Braunschweig gezogen war, ordentlicher Professor der Philosophie (seit 1814), hanöverscher Hofrath (seit 1820) und Bibliothekar (seit 1829) in Böttingen. Er erhielt seine erste Bildung auf der Schule zu Nördlingen, unter der Leitung des trefflichen Ncctors Lotzbeck, und später auf dem Gymnasium in Augsburg, wo sein gelehrter Oheim, Freiherr von Tröltsch, der sich eifrig mit dem altdeutschen Rechte beschäftigte, eine erlesene Bibliothek besaß, deren lexikalische Werke B.'s Aufmerksamkeit zuerst auf die frühere Gestalt der deutschen Sprache lenkten. Er bezog 1780 die Universität Göttingen, wo besonders Heyne, Michaelis, Koppe, Schlözer und Lichtenberg seine Lehrer waren. Auf Heyne's Empfehlung ward er 1789 bei der Universitätsbibliothek angestellt. Seine Vorlesungen betreffen vorzüglich die englische Sprache, von welcher er eine tiefe historische Kenntniß besitzt, und die altdeutsche Literatur, die er wol zuerst in den Kreis des akademischen Unterrichts eingeführt hat. Er erhielt mehre Berufungen in das Ausland, unter andern nach Edinburg als Vorsteher der berühmten Advokatenbibliothek. B. hat sich als einen der ersten Forscher der deutschen Sprache bewährt. In seinen Beiträgen zur Kenntniß der altdeutschen Sprache und Literatur (1810) machte er Ergänzungen der Bodmer'schcn Minnesinger aus Goldast's Copie der pariser (ohne Grund sogenannten manessischen) Handschrift bekannt. 1816 erschien von ihm eine sorgfältige und für die Einleitung in das Studium der mittelhochdeutschen Dichter wohlberechneter Ausgabe von Boner's Fabeln, wo»« Bengcl entHeim 223 in er die philologischen Anfoderungen, welche bisher die Herausgeber altdeutsche? Werke wenig berücksichtigt hatten, zuerst tiefer erkannte und nach dem damaligen Stande der Wissenschaft befriedigte. Hierauf gab er 1819 den „Wigalois" des Wirnt von Gravenberg mit einem vortrefflichen Glossar heraus, und 1827 mit Lachmann Hartmann's von der Aue ,,Jwein", wobei die musterhafte Erklärung mei- stentheils ihm zugehört. B. reprchentirt hauptfachlich die lexikalische Seite der deutschen Sprachforschung, mit umfassendem Fleiße des Wörterreichthums, besonders der mittelhochdeutschen Dichter, sich bemächtigend, mit eindringendem Scharfsinn und feiner Beobachtung die Bedeutungen sondernd und ordnend und so die Lernenden aus dem ^cheinverstandnisse, zu welchem zumal die noch jetzt, aber in veränderter Geltung üblicl)en Wörter nicht selten verführen, zu entsprechender und ungetrübter Auffassung des wirklichen und ursprüglichen Sinnes leitend. (80) Bengel (Ernst Gottlieb), Prälat, Vr. und Professor der Theologie und Propst der St.-Gcorgenkirche zu Tübingen, der am 23. Marz 1826 starb, war den 3. Nov. 1769 zu Aavelstein auf dem ^chwarzwalde geboren und der Enkclsohn des berühmten Apokalyptikers und Vaters der neutestamentlichen Kritik in Deutschland, Johann Albrecht Bengel. In den theologischen Bildungsanstaltcn seines Vaterlandes erzogen, erhielt B. nach einer durch Norddeutschland unternommenen Reise zuerst ein Predigtamt in ^chiller's Geburtsstadt Marbach, wurde aber 1806 Profestor der Theologie in Tübingen und spater Superattendent des dortigen evangelisch-theologischen Stifts, Prälat, Propst und Ritter des Ordens der würtembergi- schen Krone. Von literarischen Werken hat er wenig hinterlassen; außer Abhandlungen in Flatt's und Süßkind's „Magazin" und einer Schrift über die jüdische Proselytentaufe ist das Wichtigste in dem von B. selbst herausgegebenen „Archiv für Theologie", das seit 1815 in Tübingen erschien und 1820 sich in das „Neue Archiv für Theologie" verwandelte, zusammengedrängt. Nach seinem Tode sind durch Besorgung von Freunden die im Jahre 1820 — 21 vor Studirenden aus allen Facultäten gehaltenen Vorlesungen über Religion und Christenthum, nebst zwei Reden über das Kirchcnrecht und einem Entwürfe zur Verfassung der evangelischen Kirche im Druck erschienen (Tübingen 1831). Trotz dieser beschränkten schriftstellerischen Thätigkeit B.'s war sein Name gefeiert und zog von allen Seiten Deutschlands und der Schwei; Schüler herbei, weiter nicht nur eine, vornehmlich in einzelnen Theilen der historischen Theologie sehr gründliche Gelehrsamkeit, sondern auch ein unbefangenes Urtheil und eine ebenso geschmackvolle als strengwissenschaftliche Darstellung besaß. Er war einer der tüchtigsten Bearbeiter des rationalen Supernaturalismus, jedoch mit vorwiegender Neigung auf die Seite des Ossenbarungsglaubens. Sein persönlicher Charakter war höchst würdevoll, sein Verlust für Tübingen also in jeder Hinsicht um so schmerzlicher, als derselbe in Zeiten großer Drangsal der akademischen Verhältnisse siel, zu deren glücklicher Lösung jnicht leicht eine andere Individualität so geeignet gewesen wäre als die so ruhige als verständige und reine, so gewinnende als gebietende des allgemein betrauerten Lehrers (31) Bentheim (Prinz Wilhelm zu), östreichischer Feldmarschalllieutenant, geboren den 17. April 1782 auf dem Schlosse zu Steinfurt, wo sein Vater, damals regierender Reichsgraf und vermählt mit einer Prinzessin von Holstein- Glücksburg, eine ansehnliche Hofhaltung hielt und seine großen Einkünfte mit Erfolg auf Bildung und Verschönerung seiner Umgebungen verwandte. Der mit Kunsischönheiten reichlich ausgestattete Park des Schlosses und andere Anstalten und Sammlungen geben noch jetzt von seiner Thätigkeit redendes Zeug- niß. Prinz Wilhelm war der zweite Sohn und erhielt in der Taufe, weil die Generalstaaten von Holland Pathenstelle bei ihm vertraten, noch den besondcrn Zunamen Belgiens. Die erste Bildung empfing er auf dem väterlichen Schlosse 224 Bentinck von Privatlehrern. Schon 1799 in die Listen des östreichischen Heeres als Hauptmann eingetragen, begann er als siebzehnjähriger Jüngling seine Kriegslaufbahn Er zeichnete sich seitdem so sehr aus, daß er bereits 1805 Major, bei der Eröffnung des Feldzugs von 1809 Oberstlieutenant und auf dem Schlachtfelde von Aspern Oberst ward. In der Schlacht bei Wagram führte er, mit der Fahne in der Hand, fein von den Feinden zurückgeworfenes Regiment wieder vor, und am zweiten Schlachttage den Abzug des linken Flügels deckend, warf er sich mit demselben Regiments einem ganzen Heerhaufen stürmend entgegen. Er erhöhte seinen Kriegsruhm in dem Feldzuge von 1813, wo er bei Dresden und Kulm tapfer focht. Bald nachher ward er General und erhielt den Auftrag, eine deutsche Legion zu errichten, der sein Name großen Zulauf verschaffte und an deren Spitze er im südlichen Frankreich noch kurz vor dem Ende des Krieges wesentliche Dienste leistete. Nach dem zweiten pariser Frieden widmete er sich mit großem und erfolgreichem Eifer den Angelegenheiten seines Hauses, welche durch die politischen Veränderungen in mancherlei schwierige Verwickelungen gerathen waren. Reisen nach Paris und London waren hierzu erfoderlich. Ebenso führten die Angelegenheiten seiner Standesgenossen, der Mediatisirten, als deren Bevollmächtigter er auszutreten hatte, in wichtigen politischen Aufträgen ihn abermals nach London, nach Berlin und nach Frankfurt am Main, wo er bemüht war, die streitigen Verhaltnisse der mediatisirten deutschen Häuser auf guten Fuß zu bringen, wobei freilich, bei ganz veränderten Staatseinrichtungen und bei Verschiedenheit der Ansichten und Interessen der Mediatisirten selbst, von den durch die Bundesacte aus der alten Reichsverfassung herübergezogenen Vortheilen und Rechten nicht Alles mehr zu retten war. In dieser Zeit wurde das bis dahin reichsgräfliche Haus Benrheim, gleichzeitig mit andern derselben Kategorie, von dem König von Preußen in den Fürstenstand erhoben. Prinz Wilhelm empfing bei Gelegenheit dieser Verhandlungen und Reisen das Commandeurkreuz des hanöverschen Guelfenordens und des kurhessischen Löwenordens. Nach Ostreich zurückgekehrt, widmete er sich mit Eiser, in seiner Anstellung als Brigadier zu Prag, den Obliegenheiten und Studien des Kriegsdienstes. Er wurde 1826 vom Kaiser zum Inhaber eines Infanterieregiments, im folgenden Jahre aber zum Feldmarschalllieutenant ernannt, und erhielt seine Anstellung als Divisionair in Padua. Das Jahr 1831 gab ihm Gelegenheit, bei dem Einschreiten der Ostreicher zur Unterdrückung des Volksaufstandes im Kirchenstaat, durch rasches Vorrücken und zweckmäßige Anordnungen, sowie durch strenge Mannszucht und persönlich gewinnendes Benehmen zur Stillung jener Unruhen glücklich beizutragen, was bekanntlich ohne große Kriegsvorfalle gelang. Bentinck (William Henry Cavendish, Lord), der jüngere Bruder desHerzogs von Portland, geb. 1774, diente im Heere, bis er 1803 zum Gouverneur von Madras ernannt wurde. Nach seiner Rückkehr aus Indien ward er bei dem Könige Ferdinand von Neapel, der seit der Besetzung seiner Staaten auf dem Festlande in Sicilien lebte, als bevollmächtigter Minister angestellt, und erhielt den Befehl über die Kriegsmacht, welche England nach dem Vertrage vom 30. März 1808 auf der Insel unterhielt, um sie gegen die Angrisse der Franzosen zu sichern, die mit der Eroberung derselben zugleich die Übermacht Englands im mittelländischen Meere erschüttert haben würden. Der englische Befehlshaber, ein Mann von klarem Verstände, ruhiger Überlegung und eiserner Beharrlichkeit in seinen Entwürfen, konnte durch die Macht, die in seinen Händen lag, leicht verleitet werden, einer Regierung gegenüber, welche die Anhänglichkeit des gedrückten Volkes nicht auf ihrer Seite hatte, in die öffentlichen Angelegenheiten sich entscheidend einzumischen. Die entschlossene, ehrgeizige und geistreiche Königin Karoline ertrug mit Unmuth das Übergewicht des britischen Heerführers, und kaum hatte Napoleon mit ihrer Ver- Ben;.-! - Sternau 225 M« wandten sich vermahlt, als sie geheime Unterhandlungen mit ihm anknüpfte, welche B. dem Interesse seines Landes feindselig erachtete. Die Spannung stieg 1811 so hoch, daß die Königin die Räumung der Insel foderte, worauf B. nach England zurückkehrte, um neue Verhaltungsbesehle zu holen. Die englische Negierung, die der Königin die Absicht vorwarf, sich mit Frankreich zu verbinden, und die britische Kriegsmacht in der Mitte eines aufgereizten Volkes sichern wollte, faßte den Entschluß, die Verwaltung des Landes ganz in ihre Hand zu nehmen. B. führte nach seiner Rückkehr (1812) eine der englischen Verfassung nachgebildete Constitution ein, welche, nach dem Grundsatze der Trennung der vollziehenden und gesetzgebenden Gewalt, zwei Kammern anordnete, allen Staatsbürgern Rechtsgleichheit und persönliche Freiheit sicherte, das Lehnsystem aufhob und Preßfreiheit einführte. *) Erbittert über diesen Schritt, verließ die Königin Palermo, und der König übergab die Regierung seinem ältesten Sohne. Der schon damals erhobene Zweifel, ob die unwissenden, an lange Unterdrückung gewöhnten Inselbewohner die Wohl- thaten einer solchen Verfassung fühlen und genießen könnten, wurde durch die Gleichgültigkeit gerechtfertigt, womit sie die Aufhebung derselben betrachteten, als der König 1814 die Regierung wieder übernahm. Bald nach den Ereignissen, welche die Niederlage Napoleons in Deutschland herbeiführten, erschien Lord B., als Oberbefehlshaber der britischen Kriegsmacht im mittelländischen Meere, in Livorno und erließ (März 1814) einen Aufruf an die Italiener, das fremde Joch abzuwerfen, indem er auf die durch Englands Mitwirkung in Spanien wiederhergestellte Unabhängigkeit und bürgerliche Freiheit hindeutete. Darauf rückte er mit einem Heerhaufen von Engländern und Italienern vor Genua, wo die französische Besatzung sich ergab. B.'s Bekanntmachung versprach die Wiederherstellung der alten Verfassung der Republik, und er sagte in seinem Bericht an Lord Castlereagh, daß der einmüthige Wunsch der Genueser für die Erneuerung ihrer alten Staatseinrichtungen und gegen die Vereinigung mitPiemont sicherklärt habe. Der Congreß zu Wien aber gab seine Entscheidung, und Castlereagh befahl dem General Dalrymple, Genua dem Könige von Sardinien zu überliefern. Spater war B. als Gesandter in Rom und wurde nach seiner Rückkehr zum Parlamentsmitglieds gewählt. Die Erfahrungen, die er bei seinem frühern Aufenthalte in Indien eingesammelt hatte, und seine ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften empfahlen ihn vor vielen Andern zu der wichtigen Stelle eines Generalgouverneurs, wozu er 1827 kurz vor Canning's Tode ernannt wurde. Eine seiner ersten Maßregeln war das Verbot der Verbrennung der Witwen, die zur Schande der ostindischen Compagnie so lange fortgedauert hatte, und selbst von den Brammen in Benares wurde diese Verfügung günstig aufgenommen. Wichtiger für die künftigen Verhältnisse der britischen Ansiedler in Indien war die den Europäern gewährte Erlaubniß, in Bengalen Ländereien zum Anbau und zur Anlegung von Fabriken zu pachten, was früher nur auf ein Jahr gestattet war. Die Gouverneurs anderer Provinzen haben dieses Beispiel befolgt. Diese Maßregeln werden, zumal wenn bei der bevorstehenden Erlöschung des Privilegiums der ostindischen Compagnie andere Verhältnisse eintreten, wesentlich dazu beitragen, die Lage der nicht zu den Untergebenen der Compagnie gehörenden Europäer zu verbessern, die seither des Schutzes der Gesetze entbehrten und unter dem Drucke der eifersüchtigen und eigennützigen Machthaber lebten. *Benzel-Sternau (Karl Christian, Graf von). Dieser ehrenwerthe Veteran der deutschen Literatur lebt, nach einer in rühmlicher Thätigkeit zurückgelegten Vergangenheit, in stiller Zurückgezogenheit, theils auf seinem Landsitze zu Emerichshofen bei Aschassenburg, theils am Zürichersee. Zeit und wechselndes Ge- ") Siehe „Europäische Constitutionen", Bd. Z, S. 64Z fg. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 15 Beranger schick haben die Haare des achtzigjährigen Greises gebleicht, ohne im mindesten die Lebendigkeit seines in hoher Kraft und ewiger Jugend stralenden Geistes zu schwachen. Als Abgeordneter zur bairischen Deputirtenkammer entfaltete er auf den Landtagen der Jahre 1825 und 1828 einen reichen Schatz staatswissenschaftlicher Kenntnisse, erhöht durch eine Fülle reicher Erfahrungen, glühenden Patriotismus und kühne Fceimüthigkeit. Ein solcher Geist, der so klar denkt, so tief eindringt und durch elastische Bildung genährt und veredelt ist, der so hoch über der Region des Mechanismus und des todten Buchstabens steht, mußte gegen die orthodoxen Windbeuteleien unserer kirchlichen Romantiker eine entschiedene Richtung nehmen. Seine hellen Begriffe von der Kirche ließen ihn den Unterschied der römisch-katholischen und der evangelisch-protestantischen Kirche tief empfinden. Überzeugt, daß die Glaubensbekenntnisse der ersten Jahrhunderte nichts enthielten von unhaltbaren Schulerklärungen über die Erbsünde, über die Brotverwandlung, nichts von dem Primate des Papstes, von der Ohrenbeichte, von den Privatmessen, von den Ablässen und von dem Heiligendienste; überzeugt, daß nicht Stillstand, sondern Fortschritt das Losungswort in dem Geisterreiche sei, und daß nur durch ungehinderte Prüfung und Mittheilung ihrer Ansichten freie Geister sich vervollkommnen können, wurde er in der Reihe denkgläubiger Katholiken der Wortführer des Protestantismus. Es mußte für ihn ein sittliches Bedürfnis fein, zur evangelischen Kirche überzutreten. Sein den Übertritt begründendes Schreiben vom 24. Jun. 1827 an den Consistorialrath und Stadtpfarrer Dr. Kirchner und den Stadtpfarrer Dr. Friederich zu Frankfurt a. M. (siehe „So- phronizon", 1829, Bd. 11, Heft 3) muß auf den Nachdenkenden Eindruck machen. Sein Beispiel dürfte noch vielen protestantischen Katholiken zum Füb- rer und Leitstern dienen. Die leider nicht fortgesetzte, sonst vielgelesene Zeitschrist: „Der Protestant", von ihm und Dr. Friederich herausgegeben, entwickelt vortrefflich das Wesen des Protestantismus in seiner religiösen, kirchlichen, wissenschaftlichen und politischen Beziehung. — Wie zu erwarten, wurde B.-St. auch als Abgeordneter zum Landtage von 1831 gewählt, verweigerte aber die Annahme dieser ehrenvollen Auszeichnung aus einem, bei den Wahlhandlungen seines Kreises, seiner Überzeugung nach, stattgefundenen Mangel constitutionneller Form. Graf B.-St. war jedoch kein müssiger Zuschauer der deutschen landständischen Verhandlungen. Er gab unter dem Titel: „Der Verfassungsfreund", eine Zeitschrift, diesem wichtigen Gegenstande gewidmet, heraus, und es ist zu bedauern, daß sie vor der Hand aufgehört bat. Mit nicht weniger Beifall wurden in und außer Baiern seine „Baiernbriefe" (4 Bde., Stuttgart 1831) aufgenommen: ein in seiner Art einziges Werk, das die Wirksamkeit der bairischen Landstände in den vier ersten Landtagen mit der Fackel der Kritik beleuchtet, die Mängel der Verfassung, die Gebrechen der Verwaltung, die Tendenz der Regierung, Licht und Schatten im Leben und Treiben der Kammern mit einer Tiefe des Erkenntnisses, einer Schärfe des Urtbeils, einer Vollständigkeit und Umsicht darstellt, wie es, im Verein solcher Vorzüge, nur aus der Feder eines rastlos thätigen Geschäftsmannes und geistvollen Gelehrten erwartet werden kann. Kaum möchte ein anderes Land eines solchen Repertoriums seiner wichtigsten öffentlichen Nationalverhandlungen sich rühmen können, womit sich der Verfasser ein rühmliches Denkmal stiftete. Beranger (Pierre Jean), der Inbegriff der lebendigen Poesie der politischen Entscheidungszustände Frankreichs, mehr als der Volksdichter, das dichtende Volk selbst, wie Jemand treffend ihn bezeichnet hat, ward am 19. Aug. 1780 zu Paus geboren, und wenn er in dem heitern Liebe: „De tuilleur et la tee", ein treuer Biograph ist, war sein mütterlicher Großvater ein armer Schneider, der ihn erzog. Aus der Wiege, die „nicht von Blumen war", wurde der Knabe früh in die unfreund- Beranger 227 5»Ä liche Welt geworfen („Na voeation^, „erstickt im Gedränge, weil er nicht groß genug war". Ein Blitzstral bedrohte in zarter Jugend sein Leben, und wenn wir wieder seiner poetischen Biographie folgen wollen, war er Aufwarter in einem Wirthshause, ehe er zu einem Buchdrucker in die Lehre kam. Schade, daß wir nicht wissen, wie er sich in dieser Lage selbst erzog, und welche Umstände die Entwickelung seines Geistes begünstigten, aber er machte nur langsame Fortschritte, wenn es wahr ist, was er selbst erzahlt, daß sein zweiter Lehrherr ihn entließ, weil es mit dem Buchstabiren nicht gehen wollte; nur ist bekannt, daß Alles was er lernte, sich auf Kenntniß der Orthographie und der Regeln der Verskunst beschrankte. Die ersten Bücher, die er las, waren die Bibel und eine Übersetzung des Homer. Er fühlte bald, daß, wie er („iVlavocution") sagt, „Singen sein Tagwerk ist", und was er an seiner Wiege die segnende Fee sagen laßt, „seine leichten Lieder sollten den Franzosen theuer werden und die Thränen der Verbannten lindern". Seine ersten dichterischen Versuche wurden von Lucian Bonaparte bemerkt, der ihm Beweise seines Wohlwollens gab, bis er sich mit seinem Bruder entzweite und (1804) Frankreich verließ. B. wollte seinem verbannten Gönner eine Sammlung von Idyllen widmen, die aber ungedruckt blieben, weil die argwöhnische Censur die Widmung und mehre Stellen, aus welchen die Dankbarkeit des Dichters sprach, gestrichen hatte. Bei der neuen Einrichtung der Universität wollte man B. beachten, aber er mußte sich, weil es ihm an literarischen Kenntnissen fehlte, mit einer sehr geringen Anstellung bei dem Sekretariat begnügen. Er „kroch unter der Fessel des dürstigen Amtes, die Freiheit bezauberte ihn, aber er hatte großen Appetit" — da folgte er der Stimme des innern Berufs, die ihm sagte: Ctmnte, ctumte, puuvre; peilt! Zu den ersten Liedern, welche die Aufmerksamkeit auf ihn zogen und bald im Munde des Volkes waren, gehörten (1818) „De i-oi ck'Vvetet" und „De sein- tenr". In dem ersten hat man später, wie selbst sein Vertheidiger vor dem Gerichte, einen feinen Spott gegen Napoleon finden wollen, wiewol es schwer ist, eine treffende satyrische Beziehung darin zu entdecken. Der Ruhm seines Vaterlandes mochte auch ihn blenden in jener Zeit, auch ihm war das Panier theuer, das „mit Lorbern und Blumen bedeckt in ganz Europa glänzte", und er konnte Napoleon nur besingen, wie er es in jenen Zeilen (,,De I)ieu cies Keimes ^ens") that, die Chateaubriand eines Tacitus würdig nennt, oder in dem tresslichen Liede: „De ein«; mm", den Blick auf jene Felseninsel heftend, „wo fein Ruhm ist, wie der ungeheure Pharus einer neuen Welt und einer zu alten Welt". Sein Beruf zum Volksdichter ward ihm erst völlig klar mit der neuen Wendung der Geschicke seines Vaterlandes nach der Restauration, und wie er treffend gesagt hat, daß mit Karls X. Vertreibung sein Geschäft geendigt habe, so begann es an dem Tage, welcher, wie er spottend („Da cocarcke blancke") sang, „Frieden und Erlösung bringend, das Glück der Besiegten machte, dem schönen Tage, der Frankreich die weiße Cocarde und die Ehre wiedergab", in jener Zeit, wo („De Oieu lies Keimes ^ens") er in den mit Siegeszeichen und Kunstwerken geschmückten heimischen Palasten „die ruhmlosen nordischen Völker den Reif von ihren Mänteln schütteln sah", und als der „furchtbare Nordwind zwanzig Lorberernten zerstört hatte", da wollte er („Da könne vieiile") „den Ruhm und die Hoffnung besingen, um sein unglückliches Vaterland zu trösten". Ein witziger Franzose hat gesagt, das alte Frankreich sei eine durch Lieder gemäßigte absolute Monarchie gewesen, und es ist bekannt genug, in welchen bittern Spottliedern zur Zeit der Fronde, der Regentschaft und Ludwigs XV. die Volksstimmung laut wurde, als die öffentliche Freiheit keine gesetzlichen Schutzwehren hatte. Ähnliches wiederholte sich nach der Nestauration, als man solche gewonnene Schutzwehren heimlich und öffentlich zu untergraben suchte, und die Geschichte der Restauration wird nicht vergessen, den großen Einfluß zu zeigen, den B.'s und gleichgesinnter Dichter Gesänge auf die Volksmeinung gehabt haben. Die erste Sammlung seiner 15* 228 Beranger Lieder erschien 1815 unter dem Titel: „Etmusons morales et autres", und enthielt bereits einige seiner kräftigsten Dichtungen, welche die scharfe Satyre oft unter den heitern Tönen des Trinkliedes oder des lüsternen Anakreontischen Gesanges verbargen. In spatern Liedern trat sie offener und kühner hervor. Die Regierung nahm ihm seine geringe Stelle. Endlich entschloß sie sich (1821) ihn vor Gericht zu ziehen, als durch die Bemühungen seiner Freunde für eine neue Ausgabe seiner Gedichte 10,(DO Unterzeichnungen gewonnen waren. Der königliche Fiscal Mar- changy legte ein besonderes Gewicht auf diesen Umstand, worin er eine fortdauernde Herausfoderung der Regierung finden wollte, und bezeichnete mehre Lieder als gottlos und zur Empörung auffodernd. Das Gericht verurtheilte den Dichter, aber die Regierung erreichte ihre Absicht um so weniger, da die für anstößig erklarten Gedichte, die als Anhang der vollständigen Proceßverhandlungen im Druck erschienen, dadurch weit verbreitet wurden. Seine „Etmnscms ineckites", die 1828 erschienen, gaben Anlaß zu einer neuen Anklage, die auf Beleidigung des Königs und der königlichen Familie und auf Schmähung der Staatsreligion durch einige Lieder („Des iuLuimentpetits 0,1 IaAeront0ci-at!e",„De sacre cle Dllarles le simple" und „D'ange Aarclien"), welche die spottenden Anspielungen allerdings kaum verschleierten, gerichtet war. B. wurde zu neunmonatlicher Haft und zu 10,000 Francs Geldstrafe verurtheilt. Es ward alsbald eine Subscription eröffnet, die besonders Lasitte, der Gönner des Dichters, beförderte, um die Strafgelder aufzubringen, und der glänzende Ertrag gab dem Verfolgten eine reichliche Entschädigung. B. nahm thätigen Antheil an der Juliusrevolution und an den Berathungen der Manner, welche dieses Ereigniß zu Rettung der öffentlichen Freiheit benutzten; aber die Ämter und Würden, die man ihm anbot, schlug er aus, um seine Unabhängigkeit zu bewahren, wie er in den hundert Tagen das einträgliche und einflußreiche Amt eines Censors abgelehnt hatte. Seitdem machte er nur wenige Gesänge bekannt, z. B. zwei Polenlieder („?0louaises") und ein Lied an seine zu Mimstern erhobenen Freunde. Chateaubriand's freiwillige Verbannung begeisterte ihn (1881) von Neuem, und in beredten Strophen bat er ihn, der „bei der Rückkehr des alten Königsgeschlechtes, ihres Zepters treue Stütze, Out, aux Uourbous kaire allopter pour tille 1.» Uderts gui so passe ü'aieux." nach Frankreich heimzukehren. Chateaubriand antwortete in einem, seiner Flugschrift: „8ur le llarmissement cke Dllarles X", vorgesetzten Schreiben, worin er unter andern sagte, daß in B.'s Liedern die höchste Vollendung unter der lieblichsten Einfachheit sich verberge. Er hat mit diesen Worten einen Hauptcharakter dieses Dichters bezeichnet, besten Eigentümlichkeit in einer von allen Einflüssen des Classicismus oder Romanticismus durchaus freien Entwicklung eines echt französischen Geistes besteht. Wenn Vaterlandsliebe und der Gedanke an den Ruhin und die Demüthigung seines Volkes ihn begeistern, erhebt sich mit edlem lyrischen Schwünge der Sänger, der in seinen Trinkliedern sich anmuthiger Fröhlichkeit überläßt, ohne die Schranken des Anftandes zu durchbrechen; in seinen politischen Satyren ist jede Strophe, jeder Schlußreim ein verwundender Pfeil, und selbst wo die Parteisucht des unversöhnlichen Spötters einen reinen Genuß hindert, er- getzt das Spiel des sprudelnden Witzes. Aber er weiß auch Munterkeit und Pathos glücklich zu vereinigen, und wie er selber („Da Könne vieille^st von sich sagt: „ü llitlljo^eux il atteuclrit les sons". Auch in der sinnlichen Austastung der Liebe, ohne alle Sentimentalität, zeigt sich die reine Nationalität des Dichters. Verirrt er sich zuweilen, sagt ein geistreicher Landsmann von ihm, so übersehen wir's; gleicht doch seine Muse fast immer den Bildwerken des Alterthumes, die so schön sind, daß nur die Verkehrtheit daran denken könnte, daß sie nackt sind. Die neueste Sammlung seiner Lieder erschien 1831 zu Paris: „Dllausons cls?.-D Leran^er, ancienne-, B^renger Berger 229 liouvelles et inedites, suivies des proces intentes a I'auteur." S. auch: „De pamasse fran^ais dn dix-neuvierue siecle" (Leipzig 1832). Vereng er, französischer Abgeordneter, Anklager des Ministeriums Polig- nac. Er ist Sohn eines Mitgliedes der constituirenden Versammlung, bekleidete in Grenoble gerichtliche Stellen und ward 1815 vom Dromedepartement zum Abgeordneten ernannt. In der Sitzung vom 9. Zun. sprach er gegen die Erblichkeit der Pairie und gegen die unbeschrankte Vermehrung der Pairsanzahl; er eilte also seiner Zeit um mehr als 16 Jahre voraus, denn jetzt sogar, nach der Ju- liusrevolution, sind die von B. damals vertheidigten Principien nur zur Halste in Wirklichkeit getreten. Am 22. Jun. 1815 unterzeichnete er die am Tage des ersten Einzugs von Ludwig XVIIl. verfaßte Protestation. Nach Auflösung der Kammer legte er seine Generalprocuratorstelle nieder und zog sich in seine Vaterstadt Valence zurück, wo er den Wissenschaften lebte. Schon 1897 hatte er zu Metz eine französische Ubersetzung von Justinian's Novellen herausgegeben; in Valence verfaßte er nun sein Werk: „De lassistice criminelle en IVance, d'apres les lais permanentes, les lois ck'exceptien et les doctrines des tribnnaux", welches 1818 zu Paris erschien. Dies Werk ist sehr geschätzt, voll Sachkenntniß, und philosophisch behandelt. Die Wahler von Valence ernannten ihn 1827 von Neuem zu ihrem Abgeordneten. Er machte die Kammer zu wiederholten Malen auf die Notwendigkeit aufmerksam, endlich einen Gesetzvorschlag über die Verantwortlichkeit der Minister zu verlangen; dieser wohlberechnete Wunsch B.'s ist sogar jetzt noch nicht erfüllt, trotz dem Versprechen zweier Charten. Nach der Juliusrevolution war er einer der Commissarien, welche im Auftrag der Deputirten die Minister Karls X. vor der Pairskammer anklagten. Bei dieser Verhandlung zeigte er mehr würdigen Ernst, mehr Mäßigung als Talent. Später hatte er Bericht über das Wahlgesetz zu erstatten, welches den Freisinnigem der Kammer und der Nation nicht genügend schien, und erklärte, daß feine persönliche Ansicht von den Wünschen der Commissi'onsmajorität abweiche. In derselben Sitzung gab er noch einen beachtungswerthen, allein etwas unentschiedenen Bericht über die Abschaffung der Todesstrafe. Die meisten Parteien vereinigten sich nach Auflösung der Kammer, ihn zur Wiedererwählung vorzuschlagen. Viele glaubten, daß er Pcrier's Ministerium seinen Beistand versagen werde. Wiedererwählt, stellte er sich in die Mitte zwischen Pcrier und die Opposition; er besonders trug zu der Gründung des Deputirtenvereins in der Straße Rivoli bei, der nicht ganz in Pcrier's Geist zu sein schien, ohne sich darum mit dem beim Restaurateur Lointier versammelten Oppositionscirkel vereinigen zu wollen. In der letzten Zeit neigte sich B. etwas mehr auf die Seite des Ministeriums, aber wol blos dem Könige zu gefallen, dem er treu ergeben ist. Man glaubte eine Zeitlang, er werde das Portefeuille der Justiz erhalten, doch hat er in einem der Mitbewerber, Dupin d. Ä., einen noch machtigern Nebenbuhler als in dem jetzigen Justizminister Barthe. (15) Berger (Ludwig). Dieser ausgezeichnete Componist und Virtuos wird freilich mehr von den Musikern und gründlichem Kennern der Musik verehrt, als er dem größern Publicum bekannt ist. Indessen ist seine musikalische Bedeutung so groß, daß solche Geschichtschreiber der Musik, welche den Löwen ex ungne oder e vesti^üs zu erkennen vermögen, ihn niemals werden übergehen können, obgleich wahrscheinlich die Welt nur wenige seiner Werke besitzen wird. B. ist zu Berlin am 18. April 1777 geboren; die Amtsverhältnisse seines Vaters, der Architekt war, bewirkten jedoch, daß er seine Knaben- und Jünglingszeit meist in der kleinen Stadt Templin und späterhin in Frankfurt an der Oder verlebte. Nachher studirte er in Berlin unter des Kapellmeisters Gürrlich Leitung die Composition und fand in den Kreisen der Musikverständigen eine große Anerkennung. 1804 lernte ihn 230 Verghaus der berühmte Clement! bei seinem Aufenthalt in Berlin kennen, und mit seinem musikalischen Scharfblick entdeckte er sogleich das große Talent des jungen Mannes. Er erklärte ihn unbedingt für den ausgezeichnetsten Virtuosen und Musiker Berlins, gab ihm selbst noch Unterricht auf dem Fortepiano und reiste mit ihm 1805 nach Rußland. In Petersburg erwarb sich B. schnell einen sehr großen Ruf und wurde, nebst Field und Steibelt, zu den ausgezeichnetsten Virtuosen dieser Stadt gezahlt. Die politischen Conjuncturen des Jahres 1812 nöthigtcn ihn, Petersburg zu verlassen, was nur durch die Vermittelung angesehener Freunde ohne Gefahr möglich wurde, indem er als Kurier mit einer Depesche nach Finnland abgesendet wurde und von dort nach Stockholm gelangte. Von hier ging er nach England zu seinem alten Lehrer Clement!; in London wetteiferte er damals mit Ferdinand Ries um die Palme als Virtuose und Componist. Er kam 1814 nach Berlin zurück, wo er seitdem, da eine nervöse Armlähmung ihn an eignem anhaltenden Spielen hindert, als der trefflichste Lehrer auf seinem Instrument verehrt wird und schon viele als Virtuosen sehr schatzbare Schüler, von denen die ausgezeichnetsten Felix Mendelssohn Bartholdy und Wilhelm Teubert sind, gebildet hat. Der Kenner schätzt jedoch in ihm den Componisten höher als den Virtuosen. Leider hindert eine eigenthümliche, der Hypochondrie sehr verwandte Gestaltung des Charakters ihn am anhaltenden Schassen, wo er aber einmal dieses Hin- derniß besiegt hat, da haben sich auch glänzende Resultate gezeigt. Er hat nur fünf bis sechs Clariersonaten, einige andere Clavierstücke, Studien für dieses Instrument und mehre Hefte Lieder herausgegeben, die jedoch auf der höchsten Höhe der Zeit stehen und nicht nur die Vergleichung mit dem Besten, was Spohr, Weber und Andere geleistet haben, ertragen, sondern dasselbe wol noch in mancher Beziehung übertreffen. Nähere Freunde des Componisten kennen auch seine größern Arbeiten, als Symphonien, Cantaten und dergleichen; er ist jedoch bis jetzt nicht zu vermögen gewesen, sie der Öffentlichkeit zu übergeben, da, was dem Besten genügt, doch ihm selbst noch nicht vollendet genug erscheint. (20) Berg Haus (Heinrich Karl Wilhelm), geb. am 3. Mai 1797 zu Kleve, erhielt seine Bildung in Münster, Marburg, während einer kurzen Zeit in Berlin, und wurde bereits 1811 bei der Bauverwaltung des damaligen französischen Lippcdepartements angestellt, zunächst als Zeichner, spater als Geograph im corps iinperict! lies pcmts et ekmissees, dessen Director der Graf Mole war. In diesem Dienstverhältnisse nahm B. Antheil an den umfassenden Vorarbeiten, welche die durch Napoleon befohlene Anlage eines Canals zur Verbindung des Rheins mit der Niederelbe und eines Straßenzuges von Amsterdam nach Hamburg foderte. Nach dem Rückzüge der Franzosen über den Rhein hörte B.'s Dienstverhaltniß auf, und nachdem Preußen seine westfälischen Provinzen wieder in Besitz genommen hatte, trat er als Freiwilliger in die Armeeverwaltung bei dem in den westfälischen Provinzen zusammengezogenen Corps. Im Feldzuge von 1815 kam er mit dem Corps des Generals Tauenzien, bei welchem er stand, bis in die Bretagne, und dieser Kriegszug gab ihm Gelegenheit, sich die genauen Kenntnisse von der Form und Gestaltung des Bodens zu erwerben, welche in seiner Karte von Frankreich (Berlin 1824) niedergelegt sind. Nach seiner Rückkehr aus Frankreich war er 1816 einige Zeit in Weimar, und machte mehre Wanderungen durch Thüringen und Franken, um seine Kenntniß des Landes zu erweitern. Als er später nach Berlin zurückkehrte, ward er bei der 1810 begonnenen, aber von 1812 — 15 unterbrochenen allgemeinen Landesvermessung des preußischen Staats angestellt. Die Ausführung des geodätisch-trigonometrischen Theils der Arbeiten leitete der Major von Oesfeld, unter welchem B. in dem Corps der Jngenieurgeographen angestellt war, und 1820 eine Reihe von Dreiecken von der Elbe bei Torgau längs der preußisch-sachsischen LandeSgrenze bis an den Gräditzberg in Schlesien ausführte, Bergler Berlins Kunstsammlungen 231 die als Grundlage für die künftige topographische Aufnahme dienen sollten. Seit 1821 ist er als öffentlicher Lehrer bei der Bauakademie in Berlin angestellt. Im April 1628 gab er gemeinschaftlich mit Leopold von Zedlitz die erste Anregung zur Stiftung der geographischen Gesellschaft in Berlin. Seine literarische Tätigkeit ist dem Gebiete der Geographie, besonders der kartographischen Bearbeitung derselben, gewidmet. Sein erster Versuch war die in Weimar erschienene große Karte von Deutschland. Reymann's Karte von Deutschland wurde durch B.'s Theilnahme in den Jahren 1826 — 28 auf den Standpunkt gebracht, den sie jetzt einnimmt. Schon seit 1821 aber wendete er sich hauptsachlich zu der Bearbeitung der außereuropäischen Geographie. Seiner 1825 erschienenen Karte von Afrika folgte 1882 ein Atlas von Asien, als erster Theil eines vollständigen Atlasses der nichteuropäischen Erdtheile. Durch seine Zeitschrift „Hertha", die 1825 begann und seit 1829 unter dem Titel: „Annalen der Erd-, Völker- und Staatenkunde", fortgesetzt wird, suchte er die Erdkunde, mehr als es früher geschehen, von dem naturwissenschaftlichen Standpunkte zu betrachten und das Studium derselben allgemeiner zu machen. Die ohne seinen Namen erschienene Zeitschrift: „Kritischer Wegweiser im Gebiete der Landkartenkunde", hat den Zweck, genauere Kenntniß der wissenschaftlichen Grundlage des Landkartenweftns zu verbreiten. Seine frühern Dienstgeschäfte gaben ihm bereits Gelegenheit, Vorstudien zu einer technischen Hydrographie von Deutschland zu machen, und er beschäftigt sich fortdauernd mit diesem Werke, das nicht nur für den Naturforscher, sondern auch für viele Zweige der Staatsverwaltung nützlich sein wird. Sein „Lehrbuch der Geographie" (Berlin 1831) sollte Ritters wissenschaftliche Ansichten der Erdkunde in die Schulen einführen. Bergler (Joseph), Maler und Director der Akademie bildender Künste in Prag, wurde am 1. Mai 1753 in Salzburg geboren. Den ersten Unterricht im Zeichnen und Malen erhielt er von seinem Vater Joseph, Hofbildhauer des Fürstbischofs von Passau, Grafen Firmian, der auch den jungen Künstler als seinen Pensionnair 1776 nach Italien schickte, wo B. zuerst in Mailand unter Martin Knoller, dann seit 1781 in Rom unter dem Ritter Maron bis 1786 seine Künstlerbildung vollendete und unter den dortigen Künstlern mit Auszeichnung genannt wurde; nach Passau zurückgekehrt, lebte er und nährte zugleich die Seinigen von dem Ertrage feiner Kunstleistungen. Er wurde 1866 nach Prag berufen, um die Direktion der dort von einer patriotischen Gesellschaft neuerrichteten Akademie bildender Künste zu übernehmen, die er denn auch bis zu seinem am 25. Jun. 1829 erfolgten Tode führte. Was er hier, unter Mitwirkung seines edeln Freundes, des Präsidenten der Gesellschaft, Grafen Franz von Sternberg- Man verscheid (s. d.), für die Kunst und sein neues Vaterland leistete, sichert ihm ein ehrenvolles Andenken in Böhmens Kunstgeschichte. Leichte und glückliche Composition, große Fertigkeit des Pinsels und gefällige Farbengebung zeichneten ihn als Künstler aus; daher sind seine hinterlassenen Gemälde, Zeichnungen und Skizzen zahllos und weit verbreitet. Daß er in seiner besten Periode auch große Ideen mit vollendeter Künstlerweihe zu bilden wußte, beweisen so manche Blätter in seinem Nachlasse; doch neigte sein Styl sich immer mehr zur Manier hin, je- mehr er alterte, und er schien zuletzt den durch Bildung und Geist ausgezeichnetsten Zöglingen seiner Schule, Franz Kadlik und Joseph Führich, gegenüber, nicht mehr Meister genug zu sein. Als Mensch war er höchst achtungswürdig und allgemein geschätzt. (32) BerlinsKunstsammlungen befinden sich in dem königlichen Museum, in den königlichen Schlössern, in dem Gebäude der Akademie der Künste und Wissenschaften und in dem königlichen Gartenschlosse Monbijou. Das königliche Museum, in der Mitte der Stadt gelegen, wurde am 3. August 1829 eröffnet, 232 Berlins Kunstsammlungen nachdem sechs Jahre zuvor der Grund dazu gelegt worden war. In architektonischer Rücksicht gehört dieses Gebäude zu den gelungensten Werken neuerer Baukunst und dürste vor Allem, wasSchinkel (s. Bd. 9) gebaut hat, den Preis verdienen. Schon bei der Wahl des Platzes zeigte er sich als einen unternehmenden und genialen Baumeister, indem er, aller Bedenklichkeiten ungeachtet, einen sumpfigen Arm der Spree dazu wählte, wobei er jedoch den Vortheil gewann, die Fronte des Hauses gegen einen freien Platz zu richten. Das ungeheure Gebäude ruht auf einem Psahlroste von mehr als tausend Fichtenstämmen von 48 — 59 Fuß Höhe, welche eingerammt werden mußten. Das Museum bildet ein Viereck von 279- Fuß Länge und 179 Fuß Tiefe. Die Höhe vom Fuß bis zur Oberkante des Hauptgesimses beträgt 61 Fuß. Das Gebäude theilt sich in einen Unterbau, ein Hauptgcschoß und ein zweites Geschoß. Die Hauptsconte ist dem Lustgarten zugekehrt und hat eine Länge von 276 Fuß. Eine Treppe von 21 Stufen führt zu einer 16 Fuß tiefen Vorhalle, die von 18 freistehenden ionischen Säulen gebildet wird. Das Museum enthält folgende Sammlungen: u) die Bildergalerie; b) die antiken Bildhaucrwerke; c) die Vasensammlung; ck) die Sammlung von geschnittenen Steinen; e) die Sammlung antiker und moderner Münzen; i) die Sammlung antiker Bronzen; g) die Sammlung der Majoliken. Die der Bildergalerie gewidmeten Räume bestehen in einem Saale von 294 F. Länge, 39 F. Breite, zwei Sälen, jeder von 123 F. Länge und 29 F. Breite, und mehren Nebenzimmern. Um den erfoderlichen Raum und zugleich eine gute Beleuchtung für die Gemälde zu gewinnen, sind zwischen den Fenstern hölzerne Schirmwände gezogen worden, welche an beiden Seiten mit Bildern behängt wurden, und man hat dadurch einen Flächenraum von 38,999 HüFuß erlangt. Die Wände, wo die Bilder hängen, sind mit dunkelrothen, geblümten Tapeten überzogen; sämmt- liche Gemälde haben neue, vergoldete Rahmen erhalten. Als der König 1824 den Bau eines Museums genehmigte, ertheilte er zugleich mit wahrhast königlicher Freigebigkeit die Erlaubniß, aus sämmtlichen königlichen Schlössern diejenigen Gemälde und Kunstwerke für die öffentliche Sammlung auszuwählen, welche eine besonders ernannte Commission dazu geeignet finden würde. Diese Erlaubniß beschränkte sich nicht blos auf die beiden königlichen Bildergalerien in den Schlössern zu Berlin und zu Sanssouci, auch die königlichen Gemächer wurden geöffnet und außerdem noch zwei bedeutende Sammlungen, die in Paris 1815 gekaufte Galerie G iustiniani (s. Bd. 4) und Solly's Sammlung, hinzugefügt. So ist es möglich geworden, einen für die Geschichte der Kunst, insbesondere der italienischen Malerei, einzigen Schatz zu gewinnen; denn weder in Deutschland, noch in England, Frankreich und selbst nicht in Italien findet man eine Sammlung, welche uns so vollständig über alle Perioden und alle Schulen der Malerei unterrichten könnte, als die Galerie zu Berlin. Die Grundlage für die italienischen Meister des 13., 14. und 15. Jahrhunderts bildet Solly's Sammlung, welche durch die Liebhaberei eines der sonderbarsten Kunstfreunde entstand. Solly, früher Holzhandler in London, überließ sein großes Geschäft seinem Bruder, zog nach Berlin und lernte als Gemäldeliebhaber den durch seine Schriften über Kunsttheorie und Kunstgeschichte berühmten Hostath Hirt kennen, welcher bei seiner genauen Bekanntschaft mit Italiens Kunstschätzen eine große Anzahl von Bildern nachweisen konnte, die sich in Kirchen, Klöstern, öffentlichen und Privatgalerien befanden. Solly scheute keine Kosten, um alle ihm durch Hirt namhaft gemachten Bilder zu erwerben. Er besoldete in Bologna, Venedig und Florenz Directoren und Professoren der Akademien, welche ihm die bezeichneten Gemälde um jeden Preis verschaffen mußten, und bald waren die Räume seines Hauses in Berlin nicht groß genug, die Bilder darin aufzuschichten. Auch in Deutschland und den Niederlanden machte er bedeutende Einkäufe, ohne im min- Zx. Berlins Kunstsammlungen 233 «s ein Wjydi- besten Kenner zu sein. Als ein Beispiel, auf welche Weise er einkaufte, führen wir nur die Erwerbung des berühmten Altarbildes von Johann und Hubert van Eyck an. Der Besitzer brachte dasselbe wahrend des Congresses 1818 nach Aachen und hoffte unter den dort versammelten Monarchen einen Kaufer zu finden; diese aber traten verwundert zurück, sobald sie von den 200,000 Francs hörten, welche für diese sechs Tafeln von maßiger Größe gefodert wurden. Auch Solly kam in den Saal, hörte den Preis, ließ den Kasten zunageln und zahlte die gefoderte Summe auf der Stelle, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Durch Einkäufe dieser Art und durch Verluste in England kam Solly in Verlegenheit. Er erhielt von der preußischen Regierung Vorschüsse und überließ endlich, da er die Rückzahlung nicht leisten konnte, dem Könige seine Sammlung, die ihm über eine Million gekostet hatte, für 700,000 Thaler. Sobald diese werthvolle Sammlung Eigenthum des Königs geworden war, ließ es sich Hirt eifrig angelegen sein, einen genauen Katalog zu verfertigen, wobei ihm der durch seine Schrift über die Brüder van Eyck bekannte Waagen als Gehülfe zugetheilt wurde. Bei der später erfolgten Ausstellung der Bilder im Museum hat zwar Hirt, da man ihm nicht ganz unbedingte Gewalt einräumte, sich zurückgezogen, doch ist die Anordnung der Gemälde sowol, als die Abfassung des Katalogs im Wesentlichen nach seinen Vorarbeiten ausgeführt worden. Die Bildergalerie zerfällt in zwei Hauptabtheilungen: Die Italiener, v. Die Niederländer und Deutschen. Die Italiener sind nach ihren Schulen abgetheilt. Unter den Venezianern findet man vortreffliche Bilder von Antonello da Messina und von Giovanni Bellini, den beiden Begründern dieser Schule. Von Mantegna besitzt die Galerie das schönste Bild, welches er malte, einen tobten Christus von zwei Engeln gehalten; mehre Hauptbilder von Marco Basaiti, Vittore Carpaccio, Pietro degli Jngannati, Francesco Morone, Luigi Vivarini, Gi- rolamo da Santa-Croce. Von allen diesen Meistern, deren Namen man, mit geringen Ausnahmen, in den Katalogen von Dresden, Wien, Kassel, Braunschweig und Paris vermißt, besitzt das Museum zu Berlin die kostbarsten Galeriestücke, welche weder in der Tiefe des Ausdrucks noch in der Farbenfrische von irgend einem spatern Meister verdunkelt werden. Aus der nachfolgenden Blütezeit der Venezianer besitzt das Museum Bilder des ersten Ranges von Giorgione, Jacopo Palma, Por- denone, Paris Bordone, Jacopo Robusti, Paolo Veronese. Man ist verwundert, in dem Katalog Tizian's Namen zu vermissen, da man doch in der Galerie selbst mehren Bildern begegnet, welche die Hand des großen Meisters verrathen, und die selbst Hirt, der bekanntlich sogar die berühmte Venus in Dresden nicht für einen Tizian gelten läßt, für echt hält. Mit lobenswertster Gewissenhaftigkeit hat man sich jedoch bei Abfassung des Katalogs enthalten, in zweifelhaften Fällen den Bildern berühmte Namen zu geben. — Zu den Lombarden hat man hier sowol die Mailander als die Parmesaner gezählt. Von Jenen besitzt die Galerie werthvolle Bilder aus der Schule des Leonardo da Vinci, von Bernardo Luini, Andrea Boltrafsio, Salaino, Sacchi, Gaudenzio Ferrari; von den Parmesanern darf nur Einer genannt werden: Correggio, der für eine ganze Galerie gilt. Das Mulsum besitzt von ihm zwei, durch ihren hohen Kunstwerth wie durch ihre Schicksale derühmte Bilder: Jo vom Jupiter umarmt, und Leda mit dem Schwane. Diese beiden Bilder waren im dreißigjährigen Kriege aus Italien nach Schweden gekommen, wo sie im königlichen Marstalle als Fenstervorsatz dienten. Die Königin Ehristine nahm sie später mit nach Italien, und nach ihrem Tode kamen sie in die Galerie des Regenten, Herzogs von Orleans. Sie sollten später, unter dem Sohne des Regenten, dem frömmelnden Herzog Ludwig von Orleans, als verführerische Bilder verbrannt werden, indessen begnügten sich die Beichtväter damit, daß der Herzog die Köpfe der Jo und Leda herausschneiden ließ, wobei denn freilich für die Ver- 234 Berlins Kunstsammlungen führung noch ein guter Theil erhalten blieb. So erwarb nach des Herzogs Tode (1752) Friedrich der Große diese Bilder und schmückte damit seine Galerie zu Sanssouci, wo sie die Bewunderung Napoleons so sehrauf sich zogen, daß er sie nach Paris entführte. Mit den andern geraubten Kunstschätzen kehrten auch diese Bilder, vortrefflich ergänzt, nach Potsdam zurück und haben nun eine bleibende Stelle in dem Museum gefunden. — Die Toscaner bilden die dritte Unterabtheilung, welche die Künstler aus Siena, Bologna, Rom und die Schulen des mittlem Italiens enthalt. Da man Florenz als die Wiege der neuern Kunst zu betrachten hat, so werden wir hier zuvörderst auf die ersten Anfänge zurückgewiesen. Wir finden hier Bilder von Giotto, Taddeo Gaddi, Spinello Aretino, Taddeo Bartolo, Giovanni da Fiesole, Cosimo Roselli, Filippo Lippi, Domenico Ghirlandajo. Das Museum besitzt noch eine große Anzahl Bilder der vorrafaelischen Zeit; da jedoch dergleichen roUa anticn (alter Plunder), wie die Italiener solche Bilder zu nennen pflegen, nur den Kunsthistoriker, keineswegs aber ein Publicum interessiren, welches die Bildergalerie zur Unterhaltung und Bildung des guten Geschmacks besucht, so hat die Direction aus den Bildern der ältesten Zeit, sowol verdeutschen als der italienischen Schulen, eine besondere Abtheilung gebildet, welche in zwei Nebenzimmer verwiesen worden ist, wo dieFreunde der alten Malerei sie gern aufsuchen. Von Pietro Perugino's eigner Hand sind nur kleinere Arbeiten vorhanden, doch besitzt die Galerie alte Copien größerer Bilder, die noch unter seiner Aufsicht gemacht wurden. Von seinen Schülern lernt man hier als einen ausgezeichneten Meister und Nebenbuhler Rafael's den Pinturicchio kennen, von dem ein großes Galeriestück und mehre kleinere Bilder vorhanden sind. Von ihm selbst, dem „göttlichen Jüngling von Urbino", wie er schon in früher Jugend genannt wurde, besitzt die Galerie die unter dem Namen UnUoimn llelk Oolouun schon längst durch Kupferstiche berühmte Maria mit dem Christuskinde auf dem Arme. Das Bild gehörte der Familie Colonna in Rom und wurde erst kürzlich von dem Könige von Preußen für 10,000 Thaler gekauft. Obgleich dieses Bild (2 Fuß 5^ Z. hoch und 1 F. 9? Z. breit) zu den kleinem Bildern Rafael's gehört, so ist es doch von so genialer Auffassung und Ausführung, daß es uns den ganzen Meister kennen lehrt. Die Echtheit einiger für Jugendarbeiten Rafael's ausgegebenen Bilder ist von Kunstkennern, namentlich von Hirt, in Zweifel gezogen worden. Von den großen Zeitgenossen Rafael s sind die vortrefflichsten Werke von Bartolomeo di San-Marco, von Bagnacavallo, Giulio Romano, Innocenzio da Jmola, Benvenuto Garofalo, Dosso Dossi u. A., vorhanden; einzig aber in ihrer Art sind die Bilder, welche die Galerie von den Brüdern Francia, namentlich von Francesco besitzt, und wie man Correggio nur auf der Galerie zu Dresden, so lernt man Francia nur auf der Galerie zu Berlin kennen. — Unter dem nicht ganz passenden Namen: Die Nachahmer, sind in der vierten Unterabtheilung der italienischen Maler diejenigen Meister zusammengestellt worden, welche aus Rafael's, Michel Angelo's und Francia's Schulen hervorgingen. Man findet unter ihnen außerordentliche Bilder von Giacomo Francia, von Georg Pens, Sodoma, Sebastian del Piombo, Ludovico Mazolino und andern vortrefflichen Meistern. — Die fünfte Abtheilung bilden die Carracci und ihre Nachfolger. Durch den Ankauf der Galerie Giustiniani ist für dich Schule und dieses Zeitalter eine höchst interessante Sammlung entstanden, «u dem wir von Ludovico und Annibale Carracci, von Michel Angelo da Caravaggit, von Spagnoletto, Guido Rem, Domenichino, Albani, Carlo Dolce, Sassofm rato die vollendetsten und ausgewähltesten Werke aufgestellt finden. —> Audi die Bezeichnung: Die Akademiker, wie die sechste Unterabtheilung genannt wich ist sehr schwankend und unbestimmt, indem schon in den frühem Perioden Akademien bestanden. Hier werden Nicolas Poussin, Gerard Lairesse, Angelica Kau - V»-"" Berlins Kunstsammlungen 235 kine lcr chck Kt keßG DB, ^ u. mann, Peter van der Werff, Euftache le Sueur,Rafael Mengs, Canaletto, mithin Italiener, Franzosen, Deutsche und Niederländer, wie wenig Gemeinschaftliches sie auch sonst haben, zusammengestellt. Die zweite Hauptabtheilung der Galerie enthält die Niederländer und Deutschen. Sie hat nur drei Unterabtheilungen. Die erste geht von den Brüdern van Eyck bis Holbein. Das Hauptbild dieser Abtheilung, ja das Hauptbild der ganzen Galerie, ist ein von den Brüdern van Eyck, ursprünglich für eine Kapelle der Familien Vyts und Borluut in der Kirche des heiligen Johannes (später St.-Bavo) zu Gent gemaltes Bild, das, nach einer darauf befindlichen Inschrift, den 6. Mai 143L vollendet ward. In wunderbarer Farbenfrische haben sich diese Tafeln erhalten, ohne daß ein Restaurator jemals Hand angelegt. Die Stahlharnische der Ritter glänzen noch so hell, daß man sich darin spiegeln zu können glaubt; die Landschaften grünen und blühen, und von dem blauen Himmel stralt das heiterste Licht herab. Unerreichbar aber ist Johann van Eyck in dem Ausdrucke, welchen er den Gesichtern, zumal den Mannern und Greisen, zu verleihen wußte. Das berliner Museum besitzt mehre vortreffliche Tafeln von Hans Memling (sonst Hemmling genannt), Hugo van der Goes, Lukas van Leyden, Quintyn Messys, Hans Baldung Grien, Rogier van der Weyde. An Bildern der oberdeutschen Schule ist die Sammlung so reich, daß es wol angemessen gewesen sein würde, aus denselben eine besondere Sammlung zu bilden. Zwar fehlt, was allerdings sehr zu verwundern ist, der Galerie ein Albrecht Dürer, allein aus seiner Schule besitzt sie mehre Bilder, die früher unter seinem Namen gegolten haben; ferner sind von Hans Holbein, Chr. Amberger, Albrecht Altdorser, Lukas Kranach und Andern sehr schätzbare Bilder vorhanden. — Der für die zweite Abtheilung der niederländischen und deutschen Maler gewählte Name: Die Nachahmer, dürfte hier passender sein als bei den Italienern, da sich in dieser Classe diejenigen Niederländer finden, welche ihre vaterlandische Kunst verleugneten oder ganz aufgaben und völlig in der Nachahmung der Italiener befangen sind. Hierher gehören: Johann v.Mabuse, Bernardin van Orley, Franz Floris, Johann Messys, Cornelis van Harlem, in deren Arbeiten man die römische Schule leicht wiedererkennt. Als ein der berliner Galerie eigenthümlicher Vorzug verdienen die altern niederländischen Landschaftsmaler genannt zu werden, die man sonst in keiner Sammlung findet, obwol sie als die Begründer eines ganz eigenthümlichen Zweiges der Kunst aller Beachtung Werth sind. Das Museum besitzt Landschaften von Joachim Patenier, Heinrich Bleß, von den beiden Breughel, Molenaer, Paul Bril, Roland Savery, Jodocus Momper, Vinkeboom u. A., welchen sich eine Auswahl vortrefflicher Arbeiten von den berühmtesten niederländischen Landschaftern, Albert Everdingen, Salomen und Jakob Ruysdal, Hobema, und Seestücke von Simon de Vlieger, Abraham Stork und Ludolf Backhuysen anschließen, die man jedoch bei der Aufstellung von den ältern Landschaften getrennt hat. — Die dritte Unterabtheilung begreift Rubens, Rembrandt, die Landschafts- und Genremaler. Von dem reichen Vorrath an Bildern von Rubens, welche sich in den königlichen Schlössern befanden, ist eine geschickte Auswahl getroffen worden, um uns diesen größten Meister des Colorits zugleich auch als Meister der Composition in kirchlichen und weltlichen Gegenständen und als Portraitmaler kennen zu lehren. Neben ihm stehen Rembrandt, von welchem keine Galerie schönere Bilder besitzt, und van Dyk, dessen treue Auffassung der Natur, verbunden mit einem reinen Colorit und sicherer Zeichnung, uns hier in einem reichen Nachlasse von seiner Hand entgegentritt. Die gleichzeitigen Landschaftsmaler, welche ihren Platz in dieser Reihe erhalten haben, sind bereits genannt worden. Von den Thier- und Blumenmalern fehlt, außer Paul Potter, kein berühmter Name, indem die Sammlung an guten Arbeiten von Franz Snyders, Karl Ruthart, Niklas Berghem, Philipp 236 Berlins Kunstsammlungen Wouvermann, Melchior Hondekoeter, Johann Weenix reich zu nennen ist. Die Blumenstöcke von de Heem, Huysum und Seghers, sowie die Architekturbilder von Johann de Vries, Heinrich von Steenwyk und van Bressen verdienen ebenfalls ehrenvolle Erwähnung. Von den niederländischen Genremalcrn besitzt die Galerie nicht so unübertrefflich schöne Arbeiten, als die dresdner zieren, allein noch immer ist genug vorhanden, um Meister wie Gerard Dow, Gerard Terburg, Mieris, Slingeland, Metzu, Netscher, Ostade, Schalken, van der Neer, van der Werff kennen zu lernen, und was die Bauerscenen (Bambocciaden) betrifft, so haben die beiden Teniers, Adrian von Ostade und Johann Steen die Sammlung sehr reichlich versorgt. Ein erst kürzlich erworbener, ausgezeichnet schöner Kopf eines alten Mannes von dem Deutschen Denner hat sich in die Abtheilung der nieder- landischen Genrebilder verirrt. Die antiken Bildhauerwerke sind in den schönsten Räumen des Museums aufgestellt. Wir treten in eine prächtige Rotonda, eine kühne Nachbildung des Pantheons zu Rom, von 72 Fuß Höhe und 67 Fuß im untern Durchmesser. Diese hochgewölbte Halle erhält ihr Licht, in gleicher Weise wie das Pantheon, durch eine Öffnung der Kuppel von 23 Fuß im Durchmesser, nur mit dem Unterschiede, daß hier, wo man nicht wie in Rom auf einen beständig heitern Himmel trauen darf, die Öffnung durch ein Glasfenster geschlossen ist. Innerhalb der Rotonda läuft in gleicher Höhe mit dem Fußboden eine Galerie, von welcher man in die Gemäldesammlung treten kann. Die Wölbung ist, vielleicht etwas zu grell, mit gelben Figuren auf rothem Grunde ausgemalt. Achtzehn kolossale Götterstatuen, fast sammtlich vom ersten Range, sind hier aufgestellt. Besonders verdienen eine Juno, ein Äskulap, ein Jupiter und eine Ceres Beachtung. Sehr lobenswert!) ist es, daß auf die Restauration sämmtlicher Statuen viel Fleiß und große Kosten verwendet wurden, und die Namen Rauch und Tieck bürgen dafür, daß uns nicht, wie es in vielen Museen und namentlich in dem dresdner der Fall ist, schöne Bruchstücke griechischer Skulptur durch moderne Pfuscherei verleidet werden. Auf der obern Galerie der Rotonda befinden sich 18 kleine Statuen in Nischen, von welchen jedoch die meisten bei vorkommender Gelegenheit durch andere ersetzt werden dürften. Aus der Rotonda tritt man in den langen Hauptsaal von 204 Fuß Länge und 30 Fuß Breite, mit 20 Säulen von rothem Stuckgranit. Dieser Saal enthält 148 Nummern, unter welchen wir nur auf einen von Friedrich Ii. für 10,000 Thaler gekauften, unter Clemens IX. in der Tiber gefundenen Knaben von Bronze und auf die, vordem unter dem Namen: Gruppe des Lykomedes, bekannten Statuen mehrer Musen, insbesondere auf eine Polyhymnia, die schönste Gewandftatue, die aus dem Alterthume auf uns gekommen sein dürfte, aufmerksam machen. Aus diesem Saale tritt man in einen kleinern, wo mit der Aufstellung der Büsten berühmter Griechen der Ansang gemacht worden ist. Bei der Seltenheit solcher Büsten kann man diese Sammlung schon reich nennen, da wir hier vortrefflichen Büsten des Sophokles, Tenophon, Herodot, Themistokles, Sokrates, Perikles, Demosthenes und mehrer Andern, deren Namen noch nicht ausgemittelt sind, begegnen. In dem Saale, der sich an den langen Saal zur Linken anschließt, stehen größtenteils römische Bildnisse und Bildnißstatuen, sodaß von den ausgezeichneten Kaisern Roms kein bedeutender Kopf vermißt wird. Einen überraschenden Eindruck macht es, daß man hier dem Julius Cäsar gegenüber in gleich kolossaler Größe eine von Chaudet in Paris gearbeitete Marmorstatue Napoleons erblickst welcher auf ausdrücklichen Befehl des Königs diese Stelle angewiesen worden ifl. In einem vierten Saale stehen Büsten und Bildwerke verschiedener Art. Auch der neuern Kunst hat man hier Zutritt gestattet, indem eine Hebe Canova's m der Mitte dieses Saals aufgestellt wurde. — Die Sammlung antiker Vasen, welche das Museum besitzt/ ist durch den Ankauf der Sammlung des Grafen Koller Berlins Kunstsammlunge» 2Z7 'd>. >dch Ä- ^blirch»,^ ^°swk 'rMdMüW «HiW iMtrhüliierK ^chrwi^i! ^»MZihz in Prag und der neuerdings durch Dorow und Magnus in Rom gemachten Erwerbungen so vollständig und so reich an Prachtexemplaren, daß man selbst in Neapel und Rom nichts findet, das hier fehlte. Mehre der hier vorhandenen Vasen wurden an Ort und Stelle, in Neapel und Rom, auf 5 — 9000 Scudi geschätzt, und da für die Koller'sche Sammlung 200,000 Thaler, für die Dorow'sche gegen 15,000 Thaler bezahlt wurden, und bereits eine Sammlung von 20,000 Thalern an Werth vorhanden war, so mag dies hinreichen, um den Umfang der ganzen Sammlung anzudeuten, deren geordnete Aufstellung nebst einem Kata- lvge das Publicum von der Hand des Professors Levezow erwartet. — Die Sammlung antiker geschnittener Steine erhielt ihre Grundlage durch das von Friedrich II. angekaufte Cabinct des Baron von Stosch, über welches Kenner und Freunde der Archäologie sich am vollständigsten durch den von Winckelmann verfertigten Katalog, der neuerdings wieder einen geschickten Bearbeiter gefunden hat, unterrichten können. — Die Sammlung antiker und moderner Münzen, die gegen 200,000 Stück zählt und einen Werth von mehr als einer Million hat, wurde früher in der Kunstkammer im königlichen Schlosse aufbewahrt. Es steht zu erwarten, daß von dieser Sammlung recht bald ein Verzeichniß zur öffentlichen Kunde kommen, und dieses reiche Eabinet den Kennern und Freunden der Münzwissenschaft zugänglicher gemacht werde, als es seither der Fall war. — Die Sammlung antiker Bronzen, die ebenfalls in den untern Räumen des Museums aufgestellt ist, kann zwar nicht mit ähnlichen Sammlungen in Neapel und Rom verglichen werden, wo sich in dem ergiebigen Boden täglich neue Fundgruben eröffnen; es sind aber nicht nur an kleinern Bildwerken vortreffliche Arbeiten vorhanden, sondern man ist auch neuerdings darauf bedacht gewesen, die Sammlung antiker Waffenstücke, Haus- und Handwerksgeräthe so viel möglich zu vervollständigen. Antike Mosaik, Wandgemälde und Glasgefäße findet man ebenfalls in diesen Zimmern aufgestellt. — Die Sammlung der Majoliken ist aus dem Nachlasse des preußischen Consuls Barth oldy (s. d.) erworben worden, und gibt eine genaue Übersicht dieser Töpferkunst, für welche selbst Rafael Zeichnungen zu entwerfen nicht verschmähte. Unter den Kunstsammlungen in den königlichen Schlössern, nennen wir zuerst die Kunstkammer. Sie umfaßt drei Abtheilungen: ») das Museum vaterländischer und historischer Merkwürdigkeiten, worin sich Waffen, Kleidungsstücke, Orden, Scepter, Marschallsstäbe u. s. w. von berühmten Männern, namentlich von Friedrich dem Großen und Napoleon, befinden; b) das Museum von neuern Kunstarbeiten in Gold, Silber, Bronze, Elfenbein, Bernstein; c) das ethnographische Museum, welches Kunstwerke, Waffen, Kleidungen, Jagd-, Fischerei- und Handwerksgeräth der Südseeinsulaner, Chinesen, Hindu, amerikanischer und afrikanischer Völkerschaften besitzt. Der Nachlaß von Cook und Forster, die Beiträge von Alexander von Humboldt, Ehrenberg, v. Olfers, Lichtenstein, Hoss- mannsegg, Deppe u. A., sowie die Expeditionen der preußischen Seehandlungs- societät nach Canton und den Sandwichinseln haben in neuerer Zeit diese Sammlung sehr bereichert. — Die Bildergalerie, die sich gleichfalls im königlichen Schlosse befindet, hat zwar die werthvollern Stücke an das Museum abgegeben, besitzt aber noch vorzügliche ältere und neuere Gemälde, und unter den letzten ist Bona- parte's Übergang über den St.-Bernhard von David besonders auszuzeichnen. — In dem Palais, welches der König bewohnt steht man eine Sammlung von Bildern, welche nach und nach durch Ankäufe auf den Kunstausstellungen zu Berlin gebildet worden ist und uns über den gegenwartigen Zustand der Kunst, insbesondere über die Leistungen der vorzüglichsten Maler Deutschlands, vollständig unterrichtet. Ein anderer Saale dieses Palais enthält eine Sammlung von Copien der berühmtesten Bilder Rafael's. — In dem Gebäude der Akademie der Künste 238 Bernhard II. (Herzog von Sachsen-Meiningen) befinden sich: a) eine Sammlung von Gipsabgüssen, die zu den vollständigsten in ihrer Art gehört und schwerlich von irgend einer andern übertroffen werden dürste, indem sie nicht nur die Abgüsse der werthvollsten Stücke des Nusee iXspo- levQ in seiner Blütezeit, sondern auch das Beste aus dem Vatican, dem britischen Museum, der Glyptothek in München, dem Augusteum in Dresden, der Tribuna zu Florenz und aus andern berühmten Sammlungen umfaßt; K) eine Kupferstichsammlung, welche durch ein Vermächtniß des Grafen Lepei einen unschätzbaren Zuwachs erhalten hat und demnächst in dem königlichen Museum einen angemessenen Raum erhalten dürste. — In dem königlichen Gartenschlosse Monbijou hat seinen Standort das ägyptische Museum, das in zwei Abtheilungen, in die Galerie Minutoli und in die Galerie Passalaqua zerfällt. Die erste besitzt viele wohlerhaltene und kostbare Mumien mit ihren Sargen von Porphyr und Sykomoreholz; in der zweiten, die erst kürzlich durch Alex, von Humboldt in Paris für 25,000 Thaler angekauft wurde, gilt ein vollständiges Grabmal eines Priesters für das interessanteste Stück; jedoch findet man darin an Götterbildern, Schmuck, Geräthschaften, Münzen, mumisirten Thieren, Denksteinen, canopifchen Vasen u. f. w. eine so wohlgeordnete Sammlung, daß, zumal in Verbindung mit den Papyrusrollen der königlichen Bibliothek, dem Studium der ägyptischen Mythologie dadurch ein großer Vorschub geleistet worden ist. Passalaqua, welcher während eines siebenjährigen Aufenthaltes in Ägypten diese Sammlung zu Stande brachte, ist Vorsteher derselben. — Das Museum nordischer Alterthümer, das in demselben Gebäude sich befindet, enthält eine Menge Waffen und Urnen, theils slavischen, theils germanischen Ursprungs, ist jedoch bis jetzt weder geordnet noch angemessen aufgestellt worden. — Unter Berlins Privatsammlungen sind auszuzeichnen: die Sammlung von Kupferstichen, Elfenbeinarbeiten, Gemmen, Miniaturen u. s. w. des Generalpostmeisters von Nagler und die ethnographische Sammlung des Grafen Voß. Mit beiden Eigenthümern sind Unterhandlungen angeknüpft, um diese Sammlungen für die öffentlichen Museen zu erwerben. (26) Bernhard II. Erich Freund, Herzog von Sachsen-Meiningen, wurde den 1?. Dec. 1800 geboren. Sein Vater Georg, ein Fürst, der sich durch seinen Eifer für das Landeswohl, durch manche zweckmäßige Einrichtungen und durch große Popularität im Andenken des Volkes unvergeßlich gemacht hat, starb den 24. Dec. 1803, und Bernhard, der einzige Sohn, gelangte schon nach kaum vollendetem dritten Lebensjahre, unter der Obervormundschaft seiner Mutter, der Herzogin Louise Eleonore, geborenen Prinzessin von Hohenlohe-Langenburg, zur Successi'on. Sein erster Erzieher war Friedrich Mosengeil (s. d.), und seine Bildung wurde auf den Hochschulen zuJena undHeidelberg und auf verschiedenen Reisen nach den Niederlanden, der Schweiz, Italien und England fortgesetzt und vollendet. Am21. Dec. 1821 trat er die Regierung an und vermählte sich am 23. Marz 1825 mit Marie, der zweiten Tochter des Kurfürsten Wilhelm II. von Hessen. Gleich bei dem Antritte seiner Regierung fühlte er das Bedürsniß zweckmäßiger Reformen in der gesammten Staatsverwaltung seines Landes und gab am 25. Nov. 1823 die neue Organisation der Landescollegien und am 4. September 1821 das Grundgesetz landstandischer Verfassung. Als aber im folgenden Jahre, nach dem Aussterben der gothaischen Linie, das Herzogthum Meiningen durch die ihm nach dem Theilungsvertrag zugefallenen Fürstenthümer Hildburghausen und Saalfeld, durch die Grafschaft Kamburg und die Herrfchaft Kranichfeld sein Arealvon 20 UM- mit 58,000 Einw. auf 43 füM. mit 130,000 Einw. sich vergrößerte, wurde eine neue Organisation des aus so vielen und verschiedenartigen Bestandtheilen zusammengesetzten Landes um so nothwendiger und dringender. Herzog Bernhard, beseelt von dem Wunsche, in dem Geiste der Zeit seinem Volke eine freisinnige Verfassung ^ de« .^«stkür-l Bernhard (Prinz von Sachsen-Weimar) Beroldingen 239 -u geben, und in die Verwaltung so viel Einheit und organisches Leben zu bringen, daß das Wohl des Landes auf die bestmögliche Weise gefördert werden könnte, schlug unverdrossen den Weg mühsamer und schwieriger Reformen ein. Zuerst berief er den Staatsmann, welcher an der Organisation des Herzogthums Nassau am meisten gearbeitet hatte, die damals noch im besten Lichte erschien, gegenwärtig aber ihren Ruhm nicht mitUnrecht ganz verloren hat. Als aber Jbell die Schöpfung der neuen Organisation nicht übernehmen konnte oder wollte, wurde sie einem ehemaligen kurhessischen Staatsdiener, Krafft, der ebenfalls Verdienste um die in der neuesten Zeit durch die landftandische Verfassung veraltete Organisation des Kurfürstenthums haben soll, anvertraut, und endlich, als auch jetzt die Resultate nicht genügten, der bekannte Staatsrechtslehrer und ehemalige wirkliche Geheimerath des Herzogthums Hildburghausen Schmid (s. Bd. 9) zu Jena von dem Herzoge berufen, die Entwürfe zur neuen Organisation des Landes auszuarbeiten. Im Laufe des 1.1829 wurden mehre derselben ins Leben geführt, unter diesen das Grundgesetz der neuen Verfassung für das Gefammtland, die Organisation des Ministeriums, der Justiz, der Verwaltung, die streng, auch in den Unterbehörden, geschieden sind. Noch ist die neue Organisation nicht vollendet und scheint in der Weise, wie Schmid sie nach einem festen, umsichtigen Plane begonnen, kaum vollendet zu werden. Als vorzüglichstes Hinderniß wird der Zustand der Finanzen angegeben. Der Herzog selbst, vom besten Geiste und Witten beseelt, wird aber nie, so wird allgemein erwartet, aushören, nach der Verwirklichung eines Ideals zu streben, wodurch allein die Wohlfahrt des Volkes dauernd gegründet werden mag. Durch die von ihm vorgeschlagene, von den Standen angenommene Öffentlichkeit der Landtagsverhandlungen hat die Verfassung eine neue Gewahr erhalten. In seinem Privat- und Familienleben ist Bernhard ein höchst edler, humaner, feinfühlender Mann, ein sittlich-reiner Mensch und als Gatte und Vater das schönste Vorbild seiner Unterthanen. Im vorigen Jahre erhielt er von Wilhelm IV., König von England, seinem Schwager, den Orden des blauen Hosenbandes und wurde, bei seiner Anwesenheit in London feierlich von dem Ordenscapitel eingekleidet. Seine Ehe ist bis jetzt nur mit einem Sohne, Georg, geboren 2. April 1826, gesegnet. (29) Bernhard, Prinz von Sachsen-Weimar, General in Hottandischen Diensten, s. Sachsen-Weimar. Beroldingen (Joseph, Graf von), würtembergischer Generallieutenant, Minister des königl. Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten, ward zu EU- wangen 27. Nov. 1780 geboren, und erhielt seine Jugenderziehung bei seinem Oheim, dem ehemaligen Reichspropst und Domherrn von Beroldingen, einem freisinnigen und vielseitig gebildeten, edeln Weltmanne, dessen Wunsch früh dahinging, seinen von ihm an Sohnesstatt angenommenen Neffen der diplomatischen Laufbahn zu widmen. Nachdem B. jedoch in seinem siebzehnten Jahre das juristische Studium auf der Universität zu Wien beinahe vollendet hatte, riß ihn seine Neigung zum Kriegswesen aus dieser Laufbahn, um ihm eine andere, desto glänzendere und schnellere zu bereiten. Er trat zuerst in östreichische Kriegsdienste, die er jedoch 1803 wieder verließ, da der damalige Kurfürst von Würtemberg sämmt- liche Mitglieder seines Adels unter Androhung der Sequestration ihrer Güter zurückberief und ihre Dienste für das Vaterland in Anspruch nahm. B. schwang sich bald von Stufe zu Stufe bis zum General empor, nachdem er in den Feldzügen von 1805 —13 meist dem Hauptquartiere Napoleons beigegeben worden war. Napoleon, von B.'s ritterlichem und loyalem Wesen sehr eingenommen, bezeigte ihm vielfach Vertrauen und gebrauchte ihn zu mehren wichtigen Aufträgen und Sendungen, ja selbst dann noch äußerte er sein Wohlwollen gegen ihn, als der Graf ihm unmittelbar vor der leipziger Schlacht die veränderten Gesinnungen sei- 240 Berryer nes Königs und den Entschluß desselben, dem Bündnisse wider den Kaiser beizutreten, anzukündigen hatte. Als Gesandter in London, wohin er 1814 ginq schloß er den für Würtemberg besonders vortheilhaften Subsidientractat ab Wenige Monate vor dem Tode des Königs ging er als Gesandter nach Petersburg, wo er acht Jahre verweilte und die Gunst des Kaiserhofes wie die Zufriedenheit seines Monarchen und mannichfache Beweise von Auszeichnung erhielt. Er ward 1823 zu der Stelle berufen, die er jetzt bekleidet, setzte seiner Amtsführung ein Denkmal durch den Abschluß wichtiger Handelsvertrage mit Preußen und andern deutschen Staaten, und durch die Verabschiedung eines neuen Haus- und Apanagengesetzes der königl. Familie. Seine persönlichen Eigenschaften machen ihn Jedermann schatzbar, wie verschieden auch die politische Farbe sein mag; seine Redlichkeit, seine Humanität, sein Diensteifer und seine milde Ansicht von manchen nicht stets mit gleicher Schonung beurtheilten Dingen sind allgemein anerkannt; in seinem Departement herrscht Aufklärung, Pünktlichkeit und Ordnung. (33) Berryer, Advokat zu Paris, Vertheidiger der Karlistenblätter, karlistischer Redner in der Deputirtenkammer. Sein noch lebender Vater übernahm die Ver- theidigung des Marschalls Ney vor der Pairskammer, sprach aber mit weniger Wärme als Dupin, welcher in Gemeinschaft mit ihm des Marschalls Sachwalter war, und entschuldigte sich nachher damit: die Wäsche sei zu schmuzig als daß man sie rein waschen könne! Der Sohn übernahm die Jnjurienklage der Familie La Chalotais gegen das bourbonische Blatt „I2iZtoiIe", führte aber ebenfalls diese Sache mit weit weniger »Wärme als der Advokat Bernard von Rennes, der gemeinschaftlich mit ihm gegen die „Rwils" sprach. Im März 1815 trat B. unter die königlichen Freiwilligen und vertheidigte im folgenden Jahre vor einem Kriegsgerichte die Generale Debelle und Cambronne, welche nach Napoleons Rückkehr von Elba seinen Fahnen gefolgt waren. Er ist seiner Vorliebe für den ältern Bourbonenstamm treu geblieben, und als er im März 1830 zum ersten Mab in der Deputirtenkammer sprach und auf der Redncrbühne ein noch größeres Talent entwickelte als im Gerichtshofe, war Polignac im Begriff, ihm ein Portefeuille zu übergeben. Zu B.'s Glück wurde die Ausführung dieses Entschlusses verschoben. Nach der Revolution leistete er dem neugewählten Könige Louis Philipp einen jesuitischen Eid der Treue, hat aber nicht aufgehört, seiner Partei zu dienen. Zu diesem Zwecke verbündet er sich mit den Republikanern, den Napo- leonisten, den Anarchisten. Wie diese verlangt er das allgemeine Stimmrecht, während früher die Anhänger der Bourbons die Wahlfreiheit zu beschränken und endlich zu vernichten suchten. Er beruft sich auf frühere Vorschläge seiner Freunde, welche ebenfalls das allgemeine Stimmrecht verlangten, vergißt aber dabei zu bemerken, daß jene zugleich Wahlmänner einführen wollten. Er weiß sehr wohl, daß in Frankreich die Bildung der untern Volksclassen nicht, wie z. B. in Deutschland, weit genug gediehen ist, um die unmittelbare Abstimmung aller Einwohner zu rechtfertigen; er weiß, daß die Stimmen der Geistlichen und der von ihnen aufgeregten Südbewohner eine sehr stürmische, vernichtende Kammer, Republik, Anarchie und deren Folgen mit sich bringen würden, allein dies ist gerade sein Zweck. Ganz recht hat B., wenn er eine wohlfeile Regierung verlangt; doch lauten solche Wünsche etwas seltsam im Munde einer Partei, welche das Budget immer mehr vergrößert und den Emigrirten eine Milliarde aus der Tasche der Nation geschenkt hatte. B. bleibt sich in seiner Politik consequent; er nennt Louis Philipp nie König, höchstens Fürst, wiewol er ihm Treue geschworen hat. Wer seine Gesinnungen nicht theilt, muß sein Talent achten. Er zeig^ sich als Advokat der Karliftenblätter und Vorkämpfer der Karlistendeputirten als gewandten, beißenden, ausdauernden Redner. Auf wessen Kosten er den „Oumer e>»e§ UM A ^ O»'A 5.>L 5 M-"' Berthezvne Berlin (Jean Francis — de Vaux) 241 (je I'Lnrnpe" herausgibt, ist nicht ganz klar. B. wird allem Anscheine nach auch bei den künstigen Wahlen Deputirter werden, denn viele südliche Departemente sind noch, mehr oder wex iger, dem altern Bourbonenhause ergeben. (15) Verth ezene (Baron), einer der vorzüglichsten französischen Generale beim Feldzuge gegen Algier (s. d.), ein Sohn des 1816 verbannten Conventnn't- gliedes, ward 1786 in der Provence geboren, trat frühzeitig in den Militärdienst, wurde 1813 Divisionsgeneral und 1814 Ritter des Ludwigsordens. Wahrend der hundert Tage gab man ihm Beschäftigung bei der Administration des Kriegswesens. Nach der Rückkehr des Königs blieb er ohne Anstellung; wenn aber einige Biographen sagen, er habe 1816 mit seinem Vater Frankreich verlassen, so scheint dies nicht genau zu sein. Bei dem Feldzuge gegen Algier leistete der Generallieutenant B. sehr ausgezeichnete Dienste, er trug den ersten Sieg davon, und soll überhaupt mehr Verdienst als irgend ein Anderer bei der Eroberung haben. Inder Verwaltung derColonie zeigte er seitdem weniger Geschicklichkeit, weshalb die neue französische Regierung ihn abrief und im Dec. 1831 den Herzog von Rovigo (Savary) und den Staatsrath Pichon nach Algier sandte. Zu der Ernennung Novigo's soll freilich auch der Umstand beigetra^m haben, daß dieser den Marschall Soult, der sich in Portugal zum Könige proclamiren wollte, bei Napoleon ver- theidigte. ^ (15) Bertin (Jean Francis), geb. zu Paris 1770, und sein jüngerer Bruder Bertin de Vaux, haben sich durch das von ihnen geleitete „lournul ckos <16- dsts" viel Einfluß und Ruf verschafft. Sie arbeiteten beide während der Revolution an Journalen, jedoch zeichneten sie sich damals wenig aus. Erst als Napoleon ans Staatsruder gekommen, und die gewaltsamen Versolgungen wegen politischer Meinungen aufgehört hatten, begann ihr einflußreiches Wirken. Sie verbanden sich mit den Herausgebern des „llonrnnt ckes tlekats" (s. Zeitungen Bd. 12), und durch sie und die Mitwirkung einiger gleichgesi'nnten Schriftsteller, welchen die Grundsätze der Revolutionsmänner gleichfalls verhaßt waren, fand diese Zeitschrift bald Eingang beim Publicum, besonders bei Denjenigen, welche durch die Revolution verloren hatten und daher den neuen Einrichtungen feind waren. Bertin der Ältere ward bald des Royalismus verdächtig, wurde 1800 in den sogenannten Tempel gesetzt, und hernach auf Elba deportirt; erst 1805 kam er wieder nach Paris zurück und übernahm die Leitung des „llournal des tlebats". . Sein Bruder Bertin de Vaux nahm weniger Antheil an diesem Tagblatte, obschon er auch zu den Eigenthümern desselben gehörte. Er sing 1801 Bankiergeschäfte an, wurde einige Jahre darauf vom Handelsstande zum Richter ernannt, und später Vice- prasident des Handelsgerichts. Das „llouinu! des ckebats" ward bald die Hauptzeitung in Frankreich und beinahe auf dem ganzen Continente, und brachte den Eigenthümern eine ungeheure Summe ein, wodurch sich die beiden B. zu bereichern ansingen. Napoleon aber, der sich dieses Blattes oft bediente, um seine Plane und Ansichten laut werden zu lassen, bemächtigte sich dieses Eigenthums, oder wenigstens eines bedeutenden Theiles desselben, und vertheilte die Actien unter dienstbare Schriftsteller und Beamte, die er belohnen wollte. Das „llournnl des de- dats", das während des Kaiserreiches „doui-ned del'empire" hieß, war übrigens voll von Lobhudeleien auf den Gebieter Frankreichs und pries alle seine despotischen Maßregeln, mit Ausnahme derjenigen, wodurch er über das Einkommen der Zeitung eigenmächtig verfügte. Als die Bourbons 1814 wieder eingesetzt wurden, ward das „dmirnul des debuts" ein warmer Vertheidiger des Royalismus und der bourbonischen Familie; daher hielten die beiden Brüder B. es auch für gut, nach der Wiedererscheinung Napoleons 1815 sich aus Frankreich zu entfernen. Bertin der Ä. folgte dem Könige Ludwig XVIII. nach Gent und redigirte daselbst den „Noniteur", indeß zu Paris das „ilournul des Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 16 242 Beskow Uekuts" ln Napoleons Sinne fortgesetzt wurde. Nach der zweiten Rückkehr Ludwigs XVIIl. übernahm der Ältere wieder die Leitung seiner Zeitung, indeß der Jüngere zu den Staatsgeschäften berufen wurde. Die Regierung wollte ihn in die Deputirtenkammer bringen, und trug ihm daher den Vorsitz eines der Wahl- collegien der Stadt Paris auf, das ihn auch zum Deputieren ernannte. Seitdem ward Berlin de Vaux mehrmals zum Volksrepräsentanten in jener Kammer ernannt. Er stimmte lange mit dem Ministerium, wie denn auch das „Icmrn-ll llez ckäbats" über zehn Jahre lang ein ministerielles Blatt blieb und sich den Freisinnigen heftig widersetzte, wiewol nicht mit dem blinden Eifer der ultraroyalisti- schen Blatter. Besonders blieben die beiden B. ministeriell, so lange als ihr Freund und ehemaliger Mitarbeiter Chateaubriand mit dem Ministerium Villele zusammenhielt. Als sich dieser aber mit seinen College» überwarf und von ihnen der königlichen Gunst beraubt wurde, sprachen sie heftig wider Chateaubriand's Gegner im Ministerium, behielten aber immer eine hohe Achtung vor der königlichen Würde und der Geistlichkeit. Kurz nach der Zurückkunft Ludwigs XVlll. war Bertin de Vaux Generalsecretair des Polizeiministeriums. Als endlich ein anderes System aufkam, das aber nur auf k"rze Zeit bestand, wurde Bertin de Vaux in den Staatsrath berufen; unter Villele'S'Ministerium wurde er aber wieder außer Tätigkeit gesetzt, und stimmte mehrmals mit der Opposition wider unfreistnnige Maßregeln der Minister. Wahrend Polignac am Nuder war, verhielt er sich ruhig und er hatte auch keinen Antheil an der Juliusrevolution. Sobald die Ordonnanzen Karls X. erschienen waren, setzten die Inhaber der freisinnigen Tagesblätter eine Protestatio» gegen die verordnete Censuc auf und weigerten sich, derselben Folge zu leisten. Die beiden B. unterschrieben diese Protestation nicht und waren entschlossen, wie es scheint, sich den von KarlX. ergriffenen ungesetzlichen Maßregeln zu unterwerfen, als die ausgebrochen? Revolution sie von dieser Notwendigkeit befreite. Ihre Zeitung nahm nun Partei für den Herzog von Orleans, und als dieser zum König erwählt worden war, gehörte sie zu seinen eifrigen Verfechtern und war eins der ministeriellen Organe. Bertin de Vaux wurde zum französischen Gesandten beim Könige der Niederlande ernannt, blieb aber nicht lange im Haag und kam wieder nach Paris zurück. Kurz nach der Revolution war er auch wieder in den Staatsrath aufgenommen worden. Bertin der Ältere ist Verfasser einiger wenig verbreiteten belletristischen Schriften. Seine Tochter hat 1830 eine italienische Oper in Musik gesetzt und zu Paris aufführen lassen, jedoch ohne großen Beifall. (25) Beskow (Bernhard von), Oberdirector der königlichen Theater zu Stockholm, wo er am 19. April 1796 geboren wurde. Als er seine Studien in Upsala vollendet hatte, erhielt er eine Anstellung in der königlichen Kanzlei, und von dcr Natur so sehr als vom Glücke begünstigt, erwarb er die Gunst des Kronprinzen Oskar, der ihn zu seinem Privatsecretair ernannte und in den Kreis seines nähern Umgangs zog, wo Literatur, Kunst und besonders Musik der Gegenstand der täglichen Unterhaltung sind. Er kam schnell über die untern Dienststufen in der Kanzlei, und wurde bald Kammerherr, Mitglied der schwedischen Akademie, Ritter des Polarsterns und endlich 1839 Director der, durch die Ungeschicklichkeit seines Vorgängers tief gesunkenen Theater. Die Erwartungen, welche diese Ernennung erweckte, hat er vollkommen gerechtfertigt, und schon nach einem Jährt war es ihm gelungen, das Theater aus dem Verfalle zu erheben. Vor dieser Am stellung, und zwar in den Jahren 1819, 1829,1821 und 1827, machte er Reisen in das Ausland, wo er mehre der bedeutendsten Männer, z. B. Göthe, Tieck, Schlegel, Sismondi, Thomas Moore, Delavigne, Victor Hugo, Ohlenschlägcr, Bonstetten, kennen lernte. Sein Talent für die Tonkunst verschaffte ihm einen freundlichen Empfang bei den berühmtesten Künstlern. Schon als achtzehnjähü- Beudant Beugnot 243 qer Jüngling gab er, von der Liebe begeistert, lyrische Gedichte heraus. Vaterlandsliebe begeisterte ihn zu der Dichtung „Sveri^es ^imr" (Schwedens Ahnen), die von der schwedischen Akademie gekrönt wurde. Er schrieb außer dem Trauerspiele: Erich XIV.", das selbst im Auslande Aufmerksamkeit erregte, noch zwei andere, ^Hildegard" und „Torkel Knuthon", und zwei Opern, die bis jetzt noch ungedruckt sind: „Ryno" und der „Troubadour". Die erste dieser Opern wurde von dem talentvollen, zu früh durch den Tod hinweggerassten Künstler Eduard Brendler in Musik gesetzt, die Composition der andern aber hat der Kronprinz selbst übernommen. Anmuth und Lieblichkeit, ein mildes und warmes Gefühl wehen in seinen Dichtungen, und obgleich die strengere Kritik gegen Plan und Charakterzeichnung in seinem „Erich" Einwürfe machen könnte, so haben doch Diction und Verskunst in seinen Arbeiten einen hohen Grad der Vollkommenheit, wie es von einem so musikalisch gebildeten Dichter zu erwarten ist. (6) Beudant (F. S.), Ritter der Ehrenlegion, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Professor an der pariser Universität, aus Paris gebürtig, war früher Zögling der polytechnischen und der Normalschule, dann Repetent an letzterer Anstalt, 1811 Professor der Mathematik am Lyceum zu Avignon, 1813 Professor der Physik am College von Marseille, wurde in der Periode der Restauration von Ludwig XVIIl. beauftragt, dessen mineralogische Sammlung aus England nach Frankreich herüberzubringen, und sodann als Unterdirector bei derselben angestellt. Seit dieser Zeit widmete sich B. insbesondere der Mineralogie, und leistete den verschiedenen Zweigen dieser Wissenschaft sehr ausgezeichnete Dienste. Zuerst der Geognosie durch seine 1811 unternommene Reise nach Ungarn, deren Resultate er in dem reichhaltigen Werke: mineraivAigue et Feologigue en Httngrie" (Paris 1822, 3 Bde., 4., nebst Atlas) bekannt machte: ein Werk, welches besonders für die Trachytformation und die Tertiär- gebilde Ungarns sehr wichtig ist, daher auch der dritte, eine systematische Zusammenstellung der geognostischen Resultate enthaltende Band durch Kleinschrod ins Deutsche (Leipzig 1825) übersetzt wurde. Schon früher hatte der Verfasser die Bearbeitung eines „Lssui d'nn ccmrs elemenwire et General Ues sciences gues" unternommen, von welchem der physische Theil als „Druite elementaire <1s pstysigiie" bereits die vierte Auflage, und eine Ubersetzung ins Deutsche durch Hartmann (Leipzig 1831) erlebte. Weit mehr Aussehen erregte jedoch der mineralogische Theil:„'1'raite elementare 3e mineraloFie"(Paris 1824),in welchem der Verfasser nicht nur auf der Grundlage von Ampere's kreisförmiger Zusammenstellung der Elemente ein zwar künstliches, aber in vieler Hinsicht sehr ansprechendes Mineralsystem aufstellte, sondern auch in der Behandlung des Details, zumal der chemischen und optischen Verhaltnisse, sehr zweckmäßige und nachahmungswerthe Fortschritte entwickelte, daher das Werk nicht nur in Frankreich allgemeinen Beifall, sondern auch im Auslande vielfältige Anerkennung fand, die für Deutschland insbesondere durch Hartmann's sehr bereicherte Übersetzung (Leipzig 1826) gefördert wurde. Als selbständiger Forscher trat B. früher besonders in seinen Untersuchungen über die Abhängigkeit zwischen chemischer Zusammensetzung und Krystallisa- tion, über die Möglichkeit des Fortlebens von Meeresmollusken in süßem Wasser und umgekehrt, sowie neuerdings durch seine wichtigen Arbeiten über das specifssche Gewicht der Mineralien und über die Diskussionen der chemischen Analysen der Mineralkörper, welche beide letztere, ihrem wesentlichen Inhalte nach, in die zweite Auflage seiner Mineralogie (Paris 1836) übergegangen sind, und wol zur Aufklärung mancher Erscheinungen beitragen dürften, die außerdem zu Fehlschüssen veranlassen können. Die Bereicherungen dieser zweiten Auflage hat Hartmann in einem Anhange zu seiner Übersetzung (Leipzig 1832) geliefert. (19) Beugnot (Jacques Claude, Graf), Expair von Frankreich, geb. 1761 16* 244 Beuth zu Bar sur Aube, gehörte 1791 zu den Gemäßigten in der gesetzgebenden Versammlung, und war einer der einigsten Bertheidiger der Glaubensfreiheit. Er klagte Marat an, erschien aber seit dem 10. August nicht mehr in der Versammlung und wurde 1793 als Verdächtiger verhaftet. Als er nach Robespierre's Sturze seine Freiheit erhalten hatte, lebte er bis zu Bonaparte's Erhebung in der Zurückgezogenheit. Lucian Bonaparte, Minister des Innern, zog ihn wieder hervor und gab ihm den Auftrag, das Departementalwesen zu ordnen und die Prä- fecte zu ernennen. B. bekam die Präfectur von Rouen, behielt sie bis 130b, und wurde dann Staatsrath. Napoleon gab ihm 1807 den Auftrag, das neue westfälische Königreich zu organisiren, und Hieronymus ernannte ihn zum Finanzminister; 1808 kam er, mit dem Grafentitel, an die Spitze der Verwaltung des Großherzogthums Kleve und Berg. Nach der Schlacht bei Leipzig wurde B. von Neuem Präfect im Departement du Nord; nachdem aber der Senat den Kaiser des Thrones verlustig erklärt hatte, nahm B., der von Napoleon mit Gunst überhäuft worden, von der provisorischen Regierung das Ministerium des Innern an, aber seine kurze Amtsverwaltung beschrankte sich beinahe darauf, Heinrichs IV. Standbild von Gips am 1>oiit ueul aufzustellen. Unter Ludwig X VIII. mußte er sich mit der obersten Leitung der Polizei begnügen, that jedoch alles Mögliche, um die Gunst des neuen Fürsten zu erwerben, und gab zu vielen Spottbildern und Witzspielen Anlaß, als seine unausführbar strengen Anordnungen die Sonntagsfeier einschärften und der Fronleichnamsprocession beizuwohnen geboten. Die gezwungene Sonntagsfeier wurde später von der Deputirten- kammer gesetzlich eingeführt, und dauerte noch länger als die Regierung der Restauration. Durch jene Maßregel empfahl er sich bei Hofe, und man ernannte ihn 1815 zum Marineminister. Darauf folgte er, die Zukunft ebenso scharfsinnig berechnend als Talleyrand, dem flüchtigen Könige nach Gent, kehrte mit ihm nach Paris zurück, und die Regierung machte ihn aus Dankbarkeit zum Oberpostdkrector, nahm ihm aber diese Stelle bald wieder und ließ ihm nur den Ehrentitel eines Staatsministers. Deshalb vielleicht trat B. 1815 in der Deputirtenkammer zur Opposition; nach dem 5. September näherte er sich jedoch dem Centrum immer mehr, und schnell seine Gesinnungen wechselnd, sprach er 1819 von Neuem sehr freisinnig, vertheidigte die Preßfreiheit gegen Labourdonnaye und trug zur Verwerfung des von Barthelemy ausgegangenen Vorschlags über die Veränderung des Wahlgesetzes nicht wenig bei. Man gab ihm endlich Hoffnung zur Pairswürde; nun sprach er ebenso eifrig gegen die Preßfreiheit, und legte, um Pair zu werden, seine Deputirtenstelle nieder, allein die Regierung ließ ihn im Stich. Endlich wurde er nach langem Harren von Karl X. zum Pair ernannt, um seine Würde in Folge der Iuliusrevolution wieder zu verlieren, und er soll sich seitdem, in Gemeinschaft mit dem ehemaligen Oberjägermeister Girardin, in karlistische Intriguen eingelassen haben. (15) Beuth (R. C. W.), königlich preußischer wirklicher geheimer Oberregierungsrath und Director der Abtheilung für Handel, Gewerbe und das gesummte Bauwesen, Mitglied des Staatsraths, geb. zu Kleve am 28. Nov. 1782. In früher Jugend wurde die Neigung zu Kunst und Naturwissenschaften in ihm geweckt, und er machte sie bereits in Berlin, wo er vom Jahre 1794 an seinen Schulunterricht beendigte, zum Gegenstande des Studiums. Nachdem er in Halle seit 1798 die Rechte und Kameralwissenschaften studirt hatte, trat er 1801 als Neferendarius der kurmärkischen Kriegs- und Domainenkammer und des Manufactur- und Commerzcollegiums in den Staatsdienst und ward 1806 Assessor bei der Kammer in Baireuth, jedoch von dem damaligen Staatsminister von Hardenberg in dessen Ministerium beschäftigt. Er wurde 1809 zum Regierungsrath bei der Regierung zu Potsdam befördert, und als Hardenberg im fol- Bewegung und Reaction 245 ' U lüh Ski -D genden Jahre den Auftrag erhielt, die Finanzen des Staats zu ordnen, und die Steuer- und Gewerbepolizeigesetzgebung umzuformen, berief er B. zu der Com- missi'on, welche die Gesetze berieth und entwarf, die 1810 bekannt gemacht wurden. In demselben Jahre kam B. als geheimer Obersteuerrath in das Finanzministerium. Er trat 1813 als gemeiner Freiwilliger in die Cavalerie des Lützow'schen Freicorps, wurde nach dem Frieden als geheimer Obersinanzrath in die Abtheilung des Finanzministeriums für Handel und Gewerbe berufen, hatte Antheil an der Bearbeitung der Steuergesetze vom Jahre 1817, wurde 1821 Mitglied des Staatsraths, 1828 zum Director der Abtheilung für Handel, Gewerbe und Bauwesen und 1830 zum wirklichen geheimen Oberregierungsrath befördert. Im Laufe seiner Dienstzeit hat B. die Grundsatze der Freiheit des Handels und der Gewerbe geltend zu machen gesucht, und geglaubt, daß der Staat den Gewerbsbetrieb nur insoweit zu beaufsichtigen habe, als gemeine Gefahr durch Ungeschicklichkeit zu besorgen sei; er hat sich zu Denen bekannt, welche es für fehlerhaft halten, ein Gewerbe auf Kosten des andern oder der Consumenten zu begünstigen, sei es durch Steuerschutz oder durch gewerbliche Beschrankungen. Den Staat hielt er verpflichtet, dem Gewerbstande vorzuleuchten, seine wissenschaftliche, künstlerische und technische Ausbildung auf alle Weise zu befördern, und ihn dadurch in den Stand zu setzen, die freie Concurrenz in Dingen zu bestehen, welche landesthümlich sind. Die aufgeklarte preußische Regierung hat ihn dabei auf jede Weise unterstützt und ihm die Ausführung seiner Entwürfe übertragen. Zu diesen Unterstützungen sind zu rechnen: die Gründung des Gewerbeinstituts in Berlin und der Provinzialgewerbeschule; die Reisen ausgezeichneter Zöglinge jener Anstalt ins Ausland; die Herausgabe mehrer kostbaren Werke und Lehrbücher, namentlich der Vorbilder für Fabrikanten und Handwerker, der Vorlegeblätter für Mechaniker, Maurer, Zimmerleute, der Bauausführungen im preußischen Staate; die Einführung von Fabrikationsverbesserungen aus Nordamerika, England und Frankreich, die B. bei mehren Reisen in jene Länder kennen gelernt hatte; die Verbreitung neuer kostbarer und durch angestellte Versuche erprobter Werkzeuge in zahlreichen Exemplaren als Muster und Auszeichnung unter die Gewerbtreibenden der Provinzen; die Einrichtung von Nationalgewerbausstellungen; die Verwandlung der Bauakademie in eine allgemeine Bauschule. Zur Erweckung der eignen Theilnahme des Gewerbstandes stiftete B. 1821 den Verein für Gewerbsfleiß in Preußen, dessen Vorstand er ist, sowie in dem Verein der Kunstfreunde in Preußen der Stellvertreter des Vorsitzenden. Bewegung und Reaction. Wenn wir in unfern Tagen von einer Partei der Bewegung sprechen, welcher sich eine Partei der Reaction entgegenstemmt, und zwischen welchen das rechte naturgemäße Staatsleben, die hohe politische Weisheit, eine richtige Mittelstraße sucht, so möchte man zuerst eine richtige Gegeneinanderstellung dieser verschiedenen Tendenzen vermissen. Denn der Bewegung kann eigentlich nur der Stillstand entgegengesetzt werden, Reaction ist aber mehr als Stillstand; sie ist nicht blos Widerstand gegen die Bewegung, sondern selbst Bewegung, nur in einer entgegengesetzten Richtung. Aber dennoch lassen sich diese Bezeichnungen insoweit rechtfertigen, als die Reaction meist ein rückwärts liegendes Ziel nicht in einer ungewissen Ferne sucht, sondern nur Das erhalten, wiedergewinnen und befestigen will, was eben angefochten wird und zum Theil verloren ist, also doch zuletzt nur einen Stillstand beabsichtigt. Es ist keine neue Bemerkung, daß in Bewegung und Reaction die Geschichte der Welt besteht, und daß hierin vermöge der menschlichen Natur niemals eine dauernde Ruhe eintreten kann. Der Anschein der Ruhe ist zwar oft hervorgebracht worden, zuweilen durch äußere Gewalt, welche jede freiere Regung unterdrückte und die Völker in Unwissenheit und passivem Gehorsam erhielt; zuweilen aber auch durch andere Ur- 246 Bewegung und Reaction fachen, und vorzüglich durch die allzu große Freigebigkeit oder Kargheit der Natur welche beide ein gleiches Resultat hervorbringen, jene, indem sie die Menschen aller Anstrengung entwöhnt, und daher in Weichlichkeit und sinnlichen Genüssen untergehen laßt; diese, indem sie ihnen zu Erhaltung ihres kümmerlichen Daseins so große Anstrengungen auflegt, daß sie darüber jedes geistige Interesse aus den Augen verlieren. Auch diese Ruhe ist aber nur scheinbar, und kein Volk steht jemals ganzlich still. Sein Fortschreiten kann so langsam sein, daß es Jahrhunderte hindurch kaum zu bemerken ist, und vorzüglich ist die Erhebung aus den Zeiten der ersten Kindheit mit so großen Schwierigkeiten verknüpft, daß beinahe kein Volk sie aus eigner Kraft vollbringt, und wir noch jetzt Völker auf der untersten Stufe finden. Endlich wird aber doch das Licht der Vernunft geweckt und die Bewegung beginnt, die dann vorwärts schreitend zuerst aufreligiöse Gegenstande, dann auf die äußern oder materiellen Zwecke des Lebens, endlich auf die Ideale der Gerechtigkeit und bürgerlichen Freiheit gerichtet ist. Das zeigt nämlich die Geschichte aller Völker, daß ihre ersten Schritte, wodurch sie sich aus ursprünglicher Rohheit und Wildheit erheben, nur an der Hand der Religion gethan werden können. Von dem Geistigen geht die Verbesserung aus, und sie kehrt auf den höhern Stufen zu demselben zurück. Daher ist es auch ein gänzlich leerer Einwand, welcher so oft vorgebracht wird, daß die Völker durch ihr Ringen nach Verbesserung gewöhnlich an den niedrigen Gütern des Lebens nichts gewinnen, sondern eher zu größern Anstrengungen und Entbehrungen genöthigt werden. Das Glück eines Volkes liegt nicht in reichlicher Nahrung und andern sinnlichen Genüssen, sondern darin, daß sich Jeder seines Werths als Mensch und Bürger bewußt sei, im lebendigen Gefühl für Wahrheit und Recht, in deren Heiligkeit aber auch die bürgerliche Freiheit besteht. Zu diesem Ziele hat die Menschheit von jeher gestrebt, aber in der neuern Zeit ist die Bewegung unendlich rascher und machtiger geworden. Wer den Austand der Welt, wie er vor 50 Jahren war, mit dem gegenwärtigen vergleichen kann und unbefangen vergleichen will, wird sich nicht verbergen können, daß in den meisten Ländern Europas in den Gesinnungen und Meinungen eine viel größere Veränderung vorgegangen ist als vielleicht in den nächstvorhergehenden zwei Jahrhunderten zusammengenommen. Die heutige Welt hat keinen Begriff mehr von Dem, was vor 1780 in dem Innern der Länder vorging, von der Willkür der Staatsverwaltung und Rechtspflege, welche damals zuweilen selbst in Ländern noch stattfand, an deren Spitze hochgebildete Regenten standen. Die Schriftsteller, selbst die berühmten göttingi- fchen „Staatsanzeigen", haben davon nur sehr wenige und schwache Züge auf die Nachwelt gebracht, und das meiste, aber zum Theil mit großen factischen Unrichtigkeiten, würde man aus Büchern zusammensuchen müssen, welche Niemand mehr kennt. Schwerlich gibt es im ganzen heutigen Europa ein Gericht, welches ein Urtheil, wie das über die Grafen Struensee und Brand (177!2), zu fällen im Stande wäre, und bekanntlich ist noch 1780 die letzte Hexe, Anna Goldin, (in Glarus) verbrannt worden. Selbst Regenten, die ihren Ruhm in strenger Gerechtigkeit suchten, hielten es damals noch für erlaubt, die Urtheile ihrer Gerichtshöfe durch Cabinetsbefehle abzuändern, und Strafen an Männern vollziehen zu lassen, welche von den Gerichten freigesprochen waren. Wenn das ein Monarch wie Friedrich II. that, in der bekannten Geschichte des Müllers Arnold, wo er den Großkanzler von Fürst und den Regierungspräsidenten Grafen von Finkenstein cas- sirte, die Regierungsräthe Bändel, Grau und Neumann aber in die Festung nach Spandau bringen ließ, was konnte wol in andern Ländern unerwartet sein ? Es gab in allen Zweigen der Staatsverwaltung rechtschaffene Männer, aber sie waren in der Regel in der Minderzahl und kämpften vergeblich gegen den Strom. Nepotismus, wo nicht das Schlimmere der Maitressenherrschaft, Hochmuth der Vornehmen und Kriecherei der Geringen, Bestechlichkeit der Richter, Beamtendespotis- Bewegung und Reaction 247 °'^ii ?>«»« ISS ' B mus, Bedrückungen aller Art hatten in den meisten Landern eine fürchterliche ^öhe erreicht. Selbst kraftige und einsichtsvolle Fürsten waren nicht immer im Stande, umfassende und dauerhafte Reformen durchzuführen. So war der Zustand seit dem dreißigjährigen Kriege und langer gewesen; aber, wie weit wir auch noch von dem höchsten Ziele entfernt sind, seit den letzten 50 Jahren ist eine außerordentliche Veränderung vorgegangen, und Vieles, was vor 1780 ganz gewöhnlich war, würde jetzt nicht mehr für möglich gehalten werden. In dieser großen Bewegung nimmt die französische Revolution freilich eine wichtige Stelle ein, allein sie ist weder die Ursache noch der Anfang, und noch viel weniger das Ziel derselben. Vielmehr ist seit jenem Zeitpunkte im ganzen Reiche der Geister eine unendlich verstärkte Bewegung sichtbar gewesen, und es sind Entdeckungen gemacht worden, welche so tief wie die größten Erfindungen alterer Zeit in das Leben eingegriffen und ihm einen Umschwung gegeben haben, wie seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nicht stattgefunden hatte. In dieser unermeßlichen Kette ist die französische Revolution nur ein Glied, die Tendenz auf politische Emancipationen bezeichnend, welche sich in so vielfacher Richtung gezeigt hat, und bisher starker gewesen ist als alle mit großer Kraftanstrengung versuchten Reactionen. Fast schien dieselbe zuerst durch den kriegerischen Despotismus und die strenge innere Verwaltung Napoleons gebrochen und durch die Restauration der Bourbons in Frankreich, Spanien und Neapel völlig unterdrückt zu sein, als dies mit so großer Mühe neugegründete Gebäude durch die Revolution vom Julius 1830 eine neue Erschütterung erlitt. Die Urheber der berühmten Polignac'schen Ordonnanzen, welche die Reaction in und außer Frankreich vollenden sollten, vermutheten nicht, in dem Volke von Paris und Frankreich auf eine so große Gegenkraft zu stoßen, an welcher sich ihre ganze Reaction brach. Aber umgekehrt mußten selbst Die, welche an dem Kampfe gegen die völlige Wiederherstellung der alten (der That nach) unbeschränkten Monarchie Ludwigs XIV. Theil genommen hatten, über den Abgrund erschrecken, der sich so plötzlich unter ihren Füßen öffnete, und sie theils in einen Kampf mit dem ganzen übrigen Europa zu verwickeln, rheils wieder in die Schrecken einer wilden und rohen Volksherrschaft hinabzureißen drohte. Sie eilten dem Rufe der Freiheit die ernste Mahnung an öffentliche Ordnung, d. h. doch eigentlich bürgerlichen Gehorsam, hinzuzufügen. Aber die einmal entfesselte Kraft ist nicht so leicht wieder zu zügeln, und die Aufstände in der Hauptstadt, in Strasburg und Lyon haben bewiesen, mit wie großen Schwierigkeiten die Aufrechthaltung der bürgerlichen Ordnung zu kämpfen hat. Es gibt zu diesem Ziele allerdings einen doppelten Weg, wovon der eine so gefährlich ist als der andere. Man mußte entweder die neue Bewegung wieder unterdrücken, oder sie dadurch in die Gewalt zu bekommen suchen, daß man sich an ihre Spitze stellte. Das Letzte ist an sich ebenso wenig die alte Revolution von 1792 als das erste die Restauration von 1815, und für jeden dieser beiden Wege haben sich bedeutende Parteien in Frankreich entschieden, wovon die eine schon durch ihre Benennung: Partei der Bewegung, zu erkennen zu geben sucht, daß sie nicht mit der Revolution von 1792 verwechselt sein will. Sie will hauptsächlich rasche Gründung republikanischer Institutionen unter und neben der Monarchie, eine gute Gemeindeordnung, größere Beschränkung der Geistlichkeit, Verminderung der Staatsbedürfnisse, besonders der königlichen Civilliste, Revision und Milderung der Strafgesetze, Preßfreiheit, Unterdrückung aller Hoffnungen und Versuche einer dritten Restauration der altern Linie der Bourbons. Vieles ist davon bereits erreicht, weil auch die Partei des Hemmens und EinHaltens mit ihr in den Hauptpunkten einig ist; die Erblichkeit der Pairie ist abgeschafft, und die Pairskammer wird sich bald in einen lebenslänglichen Senat persönlicher Notabilitäten umgestalten, indem sie wie sie jetzt ist, mit oder ohne Erblichkeit, offenbar alle Haltung und Bedeutung verloren hatte. Die 248 Biberg Hauptverschiedenheit zwischen den Parteien der Bewegung, wobei die republikanische Fraction, deren Schwache sich immer deutlicher hervorhebt, kaum in Anschlag kommt, und der Partei des Zurückhaltens (der richtigen Mitte) liegt aber nicht im Innern, sondern in der Stellung Frankreichs gegen das Ausland. Der unvermeidliche Zwiespalt zwischen dem alt-monarchischen Princip und der Juliusrevolution ist, ungeachtet der Anerkennung des Königs der Franzosen, Keinem verborgen geblieben, und durch Belgien, Polen und Italien noch mehr gesteigert worden. Ein Kampf zwischen beiden ist unausbleiblich, und die Frage nur von beiden Seiten über die Art ihn zu führen, ob mit den offenen Waffen des Kriegs oder mit den stillen und langsam aber sicher wirkenden der Idee und heimlicher Aufregung. Frankreich fühlt sich offenbar diesem Kampfe allein nicht gewachsen und weiß recht gut, daß England kein sicherer Verbündeter ist und nicht sein kann, weil es selbst einer großen innern Bewegung entgegensieht. Die Partei der Bewegung will sich daher durch den ganzen gleichgesinnten Theil der gesammten europaischen Bevölkerung verstarken, ihre Gegner dadurch beschäftigen, ihre Streitkräfte schwachen, und wo es gelingt, ihrer Partei durch Umstürzen der alten Ordnung die Macht zu verschaffen, sich Verbündete gewinnen. Sie verlangt daher Unterstützung für jede revolutionnaire Unternehmung, sie will lieber offenen Krieg als Unterdrückung ihrer Verbrüderten, weil sie doch zuletzt den Krieg als unausbleiblich betrachtet, und dann geringere Mittel für sich und größere gegen sich hat. Die Partei der richtigen Mitte hofft den Sturm zu beschwören, indem sie Alles thut, um die Gegner zu überzeugen, daß sie weder kriegslustig noch revolutionnair sei, und glaubt für das Innere dadurch zu wirken, daß sie eine allgemeine Verminderung der stehenden Heere auf dem Wege der Unterhandlung zu Stande bringt. Sie rechnet auf die Schwierigkeiten, welche auch das übrige europaische Continent antreffen muß, wenn es einen neuen allgemeinen Krieg führen soll, und fürchtet, wie es scheint, selbst den ungewissen Ausgang desselben, weil sie zwar bisher eine große Majorität in der Kammer von 1830 wie in der neugewählten besaß, aber sehr wenig weiß, wie sie mit den Massen des Volkes steht. Denn in den Wahlen hat sie nur das Resultat der Gesinnungen von höchstens 300,000 Wahlberechtigten aus den wohlhabendem Ständen, scheint aber sehr wenig Vertrauen zu der Stimmung des eigentlichen Volkes zu hegen. Diese Unsicherheit theilt übrigens auch die Partei der Bewegung, sonst würde sie den Much gehabt haben, welchen Napoleon 1801 und 1804 hatte, alle Bürger über die Annahme seiner Constitutionen und seine Ernennung zum Consul auf Lebenszeit und zum Kaiser abstimmen zu lassen, wodurch viele Einwürfe beseitigt, und viel größere moralische Kraft gewonnen worden wäre. Aber freilich würde die Sache gefährlich geworden sein, wenn etwa viel karlistische oder republikanische Stimmen in die Register gekommen wären. Bisher hat die Partei des Zurückhaltens sich im Ministerium behauptet, aber es sind doch manche bedeutende Männer schon von ihr abgetreten, und es ist wol nicht zu bezweifeln, daß, sowie Frankreich in einen Krieg verwickelt wird, die Partei der Bewegung ihre Stelle einnehmen wird. Zwar kann man auch dann noch mit Zuverlässigkeit erwarten, daß sie in ihren Handlungen nicht so rasch sein werde, als in ihren Worten, weil sie nur für jene, nicht aber für diese eine unermeßliche Verantwortlichkeit auf sich hat; aber dennoch läßt sich für einen solchen Fall durchaus nicht absehen, wie weit diese Bewegung gehen, nach welcher Seite sie sich wenden und wo und wie sie enden werde. (3) Biberg (Niels Fredrik), Professor zu Upsala, geb. 20. Jan. 1770 in Hernosand, wurde durch seinen Vater, der Lehrer am dortigen Gymnasium war, schon in früher Jugend zu Erlernung der gelehrten Sprachen angehalten, schrieb im zehnten Jahre historische Aufsätze, und als er die Universität bezog, war er bereits gründlicher gebildet als die Meisten, wenn sie dieselbe verlassen. Seit 179? Achtle Bichat 249 A-,. "i»i 7'°»- ''^l, > trat er als akademischer Lehrer in Upsala auf und ward 1805 vom König nach Stockholm berufen, um den Unterricht des Kronprinzen zu übernehmen. Als die Revolution dieses Verhältnis aufgelöst hatte, ging B. nach Upfala zurück, wo er 1811 Professor der Moral und Politik wurde. Alles lesend, Alles durchdenkend, behielt er es in einem ungemein treuen Gedachtnisse. Wahrend er den ganzen Tag mit Vorlesungen beschäftigt war, widmete er die Nacht feinen Studien. Seine jugendlichen Anstrengungen hatten ihm für das ganze Leben Schlaflosigkeit zugezogen. Nur vier Stunden widmete er dem Schlafe, mit öftern Unterbrechungen, und wenn er aufwachte, griff er blindlings nach einem der Bücher, die neben kaltem Kaffee und Taback auf seinem Nachttische lagen. Die elastische Literatur und Philosophie waren zwar seine Hauptfacher, aber er kannte auch die bedeutendsten Dichter verschiedener Zeitalter. Er war ein scharfsinniger und tiefer Denker. Die wenigen Schriften, die er außer seinen lateinischen Dissertationen drucken ließ, waren immer gediegen. Ein schwedisch geschriebener Aufsatz in der Zeitschrift „8vea", über den wahren und falschen Liberalismus, gewann Beachtung. Seinen Vorlesungen widmete er ungemeinen Fleiß. Die stoische Moralphilosophie, die philosophische Rechtslehre, die Civil- und Criminalgesetzgebung wurden geschichtlich und kritisch von ihm beleuchtet. Er hatte sich die Aufgabe gemacht, eine allgemeine Nechtstheorie, als Ergebnis einer mühseligen Vergleichung der römischen und modernen Gesetzgebung, zu entwerfen und die unermeßliche Menge einzelner Gefetze nach logischer Ordnung zusammenzustellen. Der Ordnung der Pandecten folgend, war er nach zehnjähriger Arbeit kaum bis zur Lehre von den Verträgen gekommen, so sorgfältig erforschte er Alles. Die lateinische Sprache schrieb er trefflich, während er in seiner Muttersprache sich nur schwerfällig ausdrückte und mehr fremde als schwedische Wörter gebrauchte. Er war gerade und bieder, ohne Dünkel und beinahe kindlich naiv, wie- wol ein besonders in seinen spätem Jahren stärker hervortretender Hang zum Cy- nismus und eine an Geiz grenzende Sparsamkeit ihm eigen waren. In seiner letzten Lebenszeit aber zeigte sich eine wunderbare, psychologisch merkwürdige Umwandlung in seinem Wesen. Nachdem er ein Vermögen von 50,000 Thalern erworben hatte, erklarte er seinen Freunden, er wolle nicht mehr sparen, sondern lustig leben. Er gab Fest auf Fest, kaufte Pferde, füllte seinen Kleiderschrank, verschenkte Geld mit vollen Händen und verschwendete in wenigen Wochen Tausende. Allmälig verwirrten sich seine Gedanken, wenn von gewöhnlichen Lebensangclegenheiten die Rede war, während er über höhere Gegenstände nicht nur mit Klarheit, sondern selbst mit begeisterungsvoller Beredtsamkeit sprach. Nach einer Reise in seine Heimath, die er in Begleitung eines Freundes machte, kam er scheinbar gesund zurück. Die Geisteszerrüttung hatte ihn plötzlich verlassen, aber es folgte bald eine Abspannung, die in tiefe Schwermuth überging. Er starb am 27. Mai 1827. Von seinen nachgelassenen Schriften sind drei Bände erschienen, welche aber, da der Inhalt derselben nur ein kleines Publicum ansprechen konnte, nicht so viel Absatz gefunden haben, daß die Herausgeber zur Fortsetzung aufgemuntert worden sind. (16) Bichat (Marie Francis Tavier), ward den 11. Nov. 1771 zu Thoirette im Departement de l'Ain geboren. Sein Vater, ein Arzt, machte ihn schon früh mit dem Studium der Medicin vertraut, das er mit guten Schulkenntnissen ausgerüstet zu Lyon 1791 fortfetzte und zu Paris, wohin er 1793 wegen der politischen Unruhen zu Lyon geflohen war, unter Desault, der ihn wie seinen Sohn behandelte, vollendete. Desault starb 1795. B. vollendete die Herausgabe der chirurgischen Werke dieses großen Mannes und begann 1797 Vorlesungen über die Anatomie in Verbindung mit Experimentalphysiologie und Chirurgie. Von dieser Zeit an bereitete er, unter der Last praktischer Beschäftigungen nicht selten erliegend, die Arbeiten vor, welche später seinen Weltruhm gründeten und den größten und wohlthätigsten Einfluß auf das Wesen der gesummten Medicin hat- 250 Biener (Christian Gottlob — Friedrich August) ten. 1800 erschien sein „1>mte ckes memlirunes", der später viele Auflagen erhielt, und bald nach seinem Erscheinen in fast alle europaische Sprachen übersetzt ward; in demselben Jahre erfolgte die Herausgabe feines berühmten Werkes: „Ii«, cllerelws 8»r In vie et lu mert", und ein Jahr darauf die „^.nMomie xenerule" dieser Codex der neuen Anatomie, Physiologie und Medicin. In seinem 28. Jahre ward B. (1800) Arzt des Dö>te!-Dieu zu Paris; er fing jetzt an, mit der dem wahren Genie allein eignen Thatigkeit die pathologische Anatomie zu bearbeiten, und öffnete in einem einzigen Winter über 600 Leichname; er beabsichtigte die Herausgabe eines großen Werkes über die Pathologie und Therapie, und hatte deshalb gleich nach seinem Eintritt als Arzt beim Dütcl-Dieu zu Paris in Betreff der Therapie begonnen, am Krankenbette die Früchte der einzelnen Medicamente zu prüsen, indem er sie ohne Beimischung, einfach verordnete; er that sonach das schon im Jahr 1800, wodurch Hahnemann spater, freilich nicht ohne andern Zusatz aus der sogenannten arztlichen Politik, eine Reform in den Ansichten vieler seiner der Polypharmacie ergebenen Zeitgenossen herbeiführte. Mitten in dieser so großartig für den Ruhm, für das Wohl der leidenden Menschheit und für die Vervollkommnung der Kunst und Wissenschaft begonnenen Lausbahn erreichte ihn ein früher Tod (22. Jul. 1802); er starb in Folge eines nervös gewordenen Schleimfiebers. Sein Arzt und Freund Corvisart, der Leibarzt Napoleons, schrieb an diesen: „Dielmt vient mourir sur uu cüumj> ele kntmlle c^ui compte uussi jilu-s ei'une victime: perscmne en si peu cke temps n'a tait tunt öle cllases et aussi dien". Zehn Tage nach dieser Anzeige befahl Napoleon, daß B.'s Name neben Desault's Monument in einem der Kreuzgange des ttotel-Dieu zu Paris glänzen sollte; er wollte, daß der Schüler des größten Wundarztes des 18. Jahrhunderts (Desault's), der bei längerm Leben gewiß der größte Arzt des 19. geworden wäre (vielleicht es war), so geehrt werden sollte wie jener. V. ist der eigentliche Gründer der jetzigen Medicin, er ist es dadurch geworden, daß er die sogenannte allgemeine Anatomie schuf, oder die Lehre von der Gleichartigkeit der Gewebe in den verschiedenen Organen; auf diese Grundansicht ist die jetzige Medicin gebaut. *) Kein Arzt darf die Werke dieses großen Forschers ungelesen lassen. (2) Biener (Christian Gottlob), wurde den 10. Jan. 1748 in Zörbig geboren, wo sein Vater Arzt war. Zögling der Schulpforta, besuchte er 1768 die Universität Wittenberg, wo Ritter ihn mit persönlicher Freundschaft auszeichnete, und dann 1771 Leipzig. Hier vertheidigte er 177-3, unter Seeger's Vorsitz, seine erste sehr gründliche Dissertation „De apilms", und erlangte das Baccalaureat und die Advokatur. 1777 wurde er Doctor der Rechte und schrieb bei dieser Gelegenheit „De jurisclictione vrelilmrin et exemta". Schon 1776 trat er als akademischer Lehrer auf, und nachdem er seinen Ruf 1778 durch ungemein besuchte und glänzende Vorträge über die bairischen Erbfolgestreitigkeiten begründet hatte, setzte er seine Vorlesungen bis an seinen Tod ununterbrochen fort. Er lehrte in allen Fächern seiner Wissenschaft bis 1790 täglich sechs und oft mehr Stunden, und von da an zwei Stunden; tiefe Rechtskenntniß, scharfer praktischer Blick, verbunden mit vielem Humor und fast beispielloser Freimüthigkcit machte seine Vorlesungen bis in die letzte Zeit, wo er blos noch Proceß las, zu den nützlichsten und besuchtesten. Schon 1782 erhielt er eine ordentliche Professur neuer Stiftung und rückte dann 1790 in eine alter Stiftung und in die Facultat, wo er 1809 die'dritte Professur innehatte, als er nach Bauers Tode die erste ordentliche Professur (Ordinarius der Facultät) sammt der damit verbundenen Domherrnstelle in Merseburg und den Hosrathscharaktcr bekam, eine Stellung, die ihm Gelegenheit gab, von ») Eben deswegen haben wir ihm hier eine Stelle gegeben, obgleich er außerhalb des Acitkreises dieses Werkes liegt. D. Red. Birch-Pfeiffer 251 > er Mi» liNDlem je deSNMx -k"'üW»»dWk^ M5erMch^ 'ilDwM Aß »»»^UchMK !>mWDjchM- >je» FtlW NMm ^ , 91 8 i » Dz züm, chen9NKWch tidMckMMU» 96 Utera^ > Mi»'?.?,' ss ^ p'^'^s.iPßchE «K"° -BN»» »^ Birnbaum (Johann Franz Michael) Bjerregaard 253 Unterricht jedes Wort vom Munde, sodaß er nach anderthalb Jahren schon für ei- nen gediegenen Jurisien galt und 1803 zum Appellationsgericht nach Trier versetzt wurde. Hier sing er seine schriftstellerischen juristischen Arbeiten an und sollte als Professor des Ko^oläon nach Göttingen kommen, was er aber ausschlug, dagegen 4813 die Stelle eines Präsidenten des kaiserlichen Gerichtshofes in Hamburg annahm, die er aber, wegen der nun vorrückenden Armeen, nicht mehr antreten konnte. Im Januar 1814, beim Einrücken der Preußen in Trier, ernannte ihn der Graf Henkel von Donnersmark von Seiten der preußischen Administration zum Prafecten in Trier, welches aber der nachkommende Regierungscommissair Gruner, dem die bezeigte Ängstlichkeit über eine mögliche Rückkehr Napoleons mis- fiel, dahin abänderte, daß sich B. zum preußischen Intendanten nach Echternach als dessen Rath, Gehülfe und Dolmetscher begeben mußte. Noch ungünstiger siel sein Loos beim Erscheinen des Ministers voy Stein, der überhaupt von gar keinem Franzosen als preußischem Beamten etwas wissen wollte, und um so weniger von B., der den Misgrissfthat, bei seiner Vorstellung den Minister im geläufigsten Französisch anzureden, und daher für einen Stockfranzosen genommen wurde. Desto besser gelang es bei der östreichisch-bairischen Landesverwaltung in Kreuznach, durch welche er 1815 Vicepräsident in Kaiserslautern wurde, bis er zuletzt gänzlich in bairische Dienste eintrat. Er wurde 1817 bairischer Ordensritter, 1824 an Rebmann's Stelle Präsident in Zweibrücken, 1832 aber in Ruhestand versetzt. . (35) Birnbaum (Johann Franz Michael), wurde am 19. September 1792 zu Bamberg geboren, wo er seine erste Bildung im dortigen Gymnasium, in der glücklichen Epoche der Reorganisation desselben durch die bairische Regierung, und spater auf dem Lyceum daselbst erhielt. Er besuchte 1811 die Universität zu Erlangen und darauf Landshut, wo besonders Mittermaier Einfluß auf seine juristischen Studien hatte. In Würzburg erlangte er 1815 die Doctorwürde, aber obgleich der Wunsch seiner Angehörigen ihn dem Advokatenstande bestimmte, so wünschte er doch erst die Welt kennen zu lernen, und nahm daher eine Erzieherstelle bei dem Grafen von Westphalen an, bei welchem er in den Jahren 181k und 1817 lebte. Um diese Zeit beschäftigte er sich viel mit der Dichtkunst, schrieb 1816 ein Drama: „Alberada", und bald nachher erschien seine Trilogie„Adelbcrt von Babenberg" (beide Bamberg 1816). Einige andere noch nicht gedruckte Schauspiele wurden auf mehren deutschen Bühnen,aufgeführt. Müllner ermunterte ihn, diese Lausbahn zu verfolgen, ein Ruf an die Universität zu Löwen als Professor derRechte zog ihn zedoch von jenen Beschäftigungen ab. Er trug während seines Aufenthalts in Löwen wirksam zur Wiederbelebung dieser Hochschule bei. Mit mehren seiner Amtsgenossen begründete er die Zeitschrift: „Lillliotdegne cku juris consulte", die später mit der zu Paris erscheinenden ,/IAümis" vereinigt und von B., Holtius und Warnkönig besorgt wurde. B. nahm 1828 Antheil an den öffentlichen Verhandlungen, die schon zu jener Zeit zu einem heftigen Parteikampf gediehen waren, und lieferte in der „vihliotllegue cku juris cousuite" eine Abhandlung über die auf Preßvergehen sich beziehenden Bestimmungen des englischen Rechts. Die Ergebnisse dieser Erörterung waren den Parteimännern unangenehm, und B. wurde von den Zeitschriften der Opposition leidenschaftlich angefeindet. Der König der Niederlande verlieh ihm dagegen den Löwenorden. Nach dem Ausbruche der Revolution ward er, wie die meisten deutschen Lehrer der Hochschule, durch einen Beschluß der provisorischen Negierung entlassen. Er ging nach Bonn, wo er seitdem Vorlesungen hielt, und 1831 seine Schrift: „Die rechtliche Natur der Zehnten", herausgab, welche die rücksichtslose Abschaffung derselben bestritt. Bjerregaard (H. A.), norwegischer Dichter, geb. 1793 in Guld- brandsdalen im südlichen Norwegen, wo sein Vater Landrichter war. erhielt 254 Blacas Blesson seine gelehrte Bildung aus der Kathedralschule zu Christiania, studirte die Rechte in Kopenhagen, ward Anwalt des höchsten Gerichts in seinem Vaterlande, hierauf Secretair bei demselben, und ist gegenwartig Assessor des Stiftsgerichts zu Chri- stiania. Vertraut mit dem klassischen Alterthume und der neuern, besonders der deutschen und polnischen Literatur, begründete er seinen Ruf als Dichter dadurch, daß ihm die von einer patriotischen Gesellschaft ausgesetzte Prämie für den besten Nationalgesang 1821 zuerkannt wurde. Dieser Nationalgesang, in einer gefälligen Melodie, wird in der That bis auf den heutigen Tag allgemein in Norwegen gesungen. Um ein öffentliches Theater, das in Christiania errichtet wurde, erwarb sich B. große Verdienste. Mit ungetheiltem Beisalle werden noch sein ' Singspiel: „Das Abenteuer im Gebirge", und sein Trauerspiel: „König Sigurd's Söhne", auf demselben gegeben. Die Gedichte dieses Lieblingssangers der Norweger, von welchen 1829 eine Sammlung in zwei Banden („Blandede Digtnin- ger") in Christiania herausgekommen ist, zeichnen sich durch Correctheit der Sprache, schönen Versbau, glückliche Wahl der Bilder, gefalligen Fluß der Ideen, Innigkeit der Empfindung und reine Vaterlandsliebe aus. (1) Blacas d'Aulps (Herzog von), französischer Diplomat, Erpair von Frankreich, stammt von einer armen altadeligen Familie, und wurde 1770 zu Aulps in der Provence geboren. Er trat sehr ;ung in den Militärdienst, war beim Ausbruche der Revolution Capitain der Cavalerie, emigrirte und kämpfte in Conde's Armee, spater in der Vendee, gegen Frankreich. Darauf begab er sich nach Italien, und wurde sehr vertraut mit Ludwig XVIII., der ihn nach Petersburg schickte und durch B.'s Verwendung ein Asyl für die Bourbons in Rußland erhielt. Als Kaiser Paul 1800 sich mit den Franzosen versöhnte und den Bourbons den Aufenthalt in seinem Reiche verweigerte, folgte B. Ludwig XVIII. nach England. Er kam 1814 mit seinem Gönner nach Frankreich zurück, und hatte, unter dem Titel Minister des königlichen Hauses, großen Einfluß aufalle Staatsgeschäfte. Da man die Stellen eines Großmeisters der Garderobe und Bauintendanten mit jenem Ministerium vereinigte, so war der Posten, welchen B. bekleidete, sehr eintraglich und erregte um so größere Eifersucht und Unzufriedenheit, als B. im Rufe war, an der Spitze der königlichen illiberalen Camarilla zu stehen. In Gent war B. wie in Paris Minister und Günstlings Ludwigs XVIII., doch hielt es der König nach seiner Rückkehr für gut, B. nicht in Paris zu lassen, und machte ihn zum Botschafter in Neapel. Dort vermittelte er die Vermahlung des Herzogs von Bern mit der Prinzessin Marie Karoline, Mutter des Herzogs von Bordeaux. Seitdem hatte er als Botschafter zu Rom großen Antheil an dem berüchtigten Concordate von 1815, das den Freiheiten der gallicanischen Kirche großen Eintrag that. B. wohnte den Congressen zu Verona und Laibach bei, verließ dann und wann Italien, um in Paris seinen Posten als erster Gentilhomme der königlichen Kammer in Augenschein zu nehmen, war zuletzt wieder Botschafter in Neapel, versagte nach der Revolution dem Könige der Franzosen seinen Eid und verlor dadurch seine Pairswürde. B. ist sehr reich; man versichert, er trage zur Ernährung Karls X. und der Herzogin von Bern viel bei. Er besitzt eine äußerst merkwürdige Kunstsammlung, von welcher Manches durch einen Deutschen, vr. Panofka, beschrieben wor- 7. den; vorzüglich ist das Werk über des Herzogs orientalische Medaillen von dem königlichen Bibliothekar Reinaud: „Vescription des mnmimeils wusulmans du cubinet de N. le duc de LIacas" (2 Bde., Paris 1828), das man mit vollem Rechte eine orientalische Archäologie genannt hat. (15) Blesson (Johann Ludwig Urban), vormaliger preußischer Major im Jnge- nieurcorps, geboren 27. Mai 1790 zu Berlin, wo er noch lebt. Er war früher beim Berg- und Hüttenwesen angestellt, trat aber 1813 freiwillig in den Kriegsdienst, machte die Feldzüge bis 1815 mit, und war namentlich bei allen vom Äs Blum 255 ^ ' A,2>.» '' öMlili ->ld« AS RHÄ > »nd W ^»ik zweiten Armeecorps unternommenen Belagerungen als Adjutant des dirigirenden Jngenieurossi'ziers thätig. Nach dem Frieden wirkte er als Lehrer der Ingenieurwissenschaften an der allgemeinen Kriegsschule zu Berlin und als Mitglied der Oberexammations-Commission, nahm aber 1829 seine Entlassung, um sich ungestört seinen schriftstellerischen Arbeiten zu widmen. Von seinen militairischen Schriften sind besonders zu erwähnen: „Beitrag zur Geschichte des Festungskrieges 1815" (Berlin 1818); „Betrachtungen über die Befugnisse des Militairs, an politischen Angelegenheiten des Vaterlandes Theil zu nehmen" (Berlin 1821); „Die Befestigungskunst für alle Waffen" (3 Bde., Berlin 1824). Er überfetzte (Berlin 1824) Ehambray's „llistoire 3e l'ex^kAtitinli en Ilu^sie", die er mit Zusätzen und Anmerkungen bereicherte, zu welchen den Stoff an Ort und Stelle zu sammeln eine Dienstreise nach Rußland Gelegenheit gegeben hatte. In Gemeinschaft mit dem Major von Decker besorgte er seit 1821 die „Militärische Literaturzeitung" und seit 1824 die „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Krieges", und lieferte in beide mehre Aussätze. Seine militärische Laufbahn zog ihn von seinen frühern Studien nicht ganz ab, und außer seiner Schrift: „Ueber Magnetismus und Polarität der Thoneisensteine und über deren Lagerstätte in Oberschlesien und in den basaltischen Ländern" (Berlin 1818), gab er mehre Abhandlungen über Gegenstände der Naturwissenschaften, insbesondere der Geo- gnosie, des Bergbaues, der Hüttenkunde und Technologie, in Hcrmbstädt's „Museum", Gilbert's „Annalen" und den „Jahrbüchern der berliner Gesellschaft natur- sorschender Freunde". Blum (Karl), einer der beliebtem Arbeiter für das deutsche Theater, wie es heute ist, in der doppelten Eigenschaft als Componist und als Bühnendichter. Geboren in Berlin, hat er auch daselbst feinen Wohnsitz. Er begann seine Laufbahn in früher Jugend 1805 bei Quandt's Schauspielergesellschaft am Rhein und ging darauf als Sänger nach Königsberg, wo er bei dem Musikdirector Hilter, dem Sohne des berühmten Hiller in Leipzig, die Theorie der Musik studirte. Seine erste Oper war „Claudine von Villa bella", die er 1810 in Berlin auf die Bühne brachte. Er ging 181? nach Wien, wo Salieri ihn begünstigte. Seine Oper: „Das Rosenhütchen", fand in Wien vielen Beifall und erlebte 39 Aufführungen ohne Unterbrechung. Auch das Ballet „Alme" fand eine günstige Aufnahme. Von 1820 — 22, wo der König von Preußen ihm den Titel eines Hofcomponisten gab, lebte er in Paris. Seitdem führte er vier Jahre die Regie der königlichen Oper und war zwei Jahre nach Vertragsverhältniß mit den Actionnairen technischer Director des königsstädtischen Theaters. B. gehört zu der großen Zahl von Fabrikarbeitern, welche die deutsche Bühne mit raschen Übersetzungen aus dem Französischen versehen; seine Bearbeitungen zeichnen sich indeß vor manchen andern durch eine wirklich französische Gewandtheit aus. In späterer Zeit hat er, durch Reisen damit vertraut, auch von der englischen und italienischen Bühne Manches auf die deutsche verpflanzt; so z. B. erhält feine „Mirandolina", aus Gol- doni's „I^vcuntliera." entstanden, sich auf den deutschen Theatern und ist nicht ohne Verdienst. Als Componist fügt sich sein gefalliges Talent gern der Gelegenheit, und mittels desselben hat er mehren leichten Stücken dauernden Eingang auf dem Theater verschafft. Sein Talent in beiden Fächern gehört dem Tage an; der Tag aber will jetzt sein Recht, und es gibt wenig Talente, die sich mit solcher Leichtigkeit den Anfoderungen desselben fügen. Seine Jnstrumentalcompositionen und Gesangsachen sind zu 125 Werken angewachsen. Eine Scene: „Gruß an die Schweiz", ist in Tirol und der Schweiz selbst fast national geworden, wie überhaupt seine Eompositionen im Süden ein größeres Publicum gefunden haben als im nördlichen Deutschland. B. hat sich in neuester Zeit indessen auch als dramatischer Dichter durch sein Schauspiel „Friedrich August in Madrid" gezeigt, das frei- 256 Blume Blumenhagen lich als Ganzes nur ein theatralisches Effectstück, historisch eine sehr bedenkliche Arbeit, aber in vielen Partien doch mehr ist als Fabrikarbeit. In Berlin, wo es mit vielem Kostenaufwand und Studium gegeben worden, hat es großen Beifall erregt. Er war der Erste, der mit dem „Schiffscapitain" das Vaudeville in seiner eigen- thümlichen Gestalt auf die deutsche Bühne verpflanzte. Als Opernregisseur wird seine Geschicklichkeit sehr gerühmt. (9) Blume oder richtiger Bluhme (Friedrich), ward am 29. Inn. 1797zu Hamburg geboren, wo er seit 1814 auf dem Iohanneum und spater auf dem Gymnasium den Grund zu seiner wissenschaftlichen Bildung legte. Er ging 1817 nach Gottingen, um sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu widmen, aber im folgenden Jahre nach Berlin und .1819 nach Jena. Eine bereits in Berlin begonnene Abhandlung über die Ordnung der Pandectenfragmente (in Göschen's und Eichhorn's „Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft", Bd. 4) brachte ihn in ein näheres persönliches Verhältniß mit Martin, Hugo und Savigny. Nachdem er 1819 in Jena die Doctorwürde erlangt hatte, erwarb er das Bürgerrecht in Hamburg und begann die Laufbahn eines praktischen Rechtsgelehrten. Im folgenden Jahre veranlaßt? eine Familienangelegenheit ihn zu einer Reise nach Italien, die aber zugleich den Nebenzweck hatte, eine kurz zuvor von Göschen und Hellwig entzifferte Handschrift des Gajus in Verona zu untersuchen. Er lebte dritthalb Jahre in Italien und zwgi Winter in Rom, wo der tagliche Umgang mit Niebuhr, Pcrtz und Brunen seinen wissenschaftlichen Bestrebungen eine für sein ganzes Leben entscheidende Richtung gab. Er arbeitete wahrend dieser Zeit auch für die große Sammlung deutscher Geschichtsquellen und für Schradens Ausgabe des Corpus juris civilis. Sein früherer Plan, sich dem akademischen Leben zu widmen, gelangte durch die Verwendungen befreundeter Lehrer zur Ausführung. Er erhielt 1823 die Stelle eines Professors der Rechte in Halle, und der Gedanke, Paris und London zu besuchen, ward von ihm aufgegeben. Während er 1830 das Prorectorat führte, das durch die gleichzeitigen, von der pietistischen Partei erregten theologischen Streitigkeiten merkwürdig'geworden ist, erhielt er einen sehr günstigen Ruf nach Jena, den er zwar ausschlug, als er aber zu Ende desselben Jahres gleichzeitig nach Wolfenbüttel, Hamburg und Göttingen berufen ward, entschied er sich endlich für Göttingen, wo er 1831 seine Vorlesungen eröffnete. Seine wichtigsten Schriften sind, außer kleinen Beitragen zu dem „Archiv für deutsche Geschichte", zu Ersch's und Gruber's „Encyklopadie" und zu mehren kritischen und juristischen Zeitschriften: „Iter italicum" (3 Bde., Berlin und Halle 1824—30); „Grundriß des Kirchenrechts" (Halle 1820 u. 1831); „Grundriß des Pandectenrechts" (Halle 1829); „Hlvsnicuriim et Romunai-um le^um cyllatio" (Bonn 1832). Die italienische Reise bietet dem Archäologen und Literator einen ansehnlichen Schatz von Nachrichten dar; der erste Band gibt die Ausbeute der Archive, Bibliotheken und Inschriften in den sardinischen und östreichischen Provinzen; der zweite umfaßt Parma, Modena, Massa, Lucca, Toscana, den Kirchenstaat und San-Marino; der dritte die Stadt Rom. Blumenhagen (Philipp Wilhelm Georg August), wurde 1781 zu Hanover geboren, und nachdem er daselbst seine erste Bildung erhalten, sing er 1799 in Erlangen unter der Aufsicht seines Oheims Hildebrandt das Studium der Arzneiwissenschaft an, das er seit 1800 in Göttingen fortsetzte, wo er 1893 die Doctorwürde erlangte. Er wirkte seitdem als praktischer Arzt in seiner Vaterstadt und erhielt später die Direction des polizeilichen Hospitals. Seine Erstlingsversuche, die unter dem Titel: „Freia" (Erfurt 1803) erschienen, waren Gedichte und Erzählungen. Bei dem Theater als Arzt angestellt, ward er häufig veranlaßt, Prologe und Festreden zu schreiben und sich mit Theaterkritiken zu beschäftigen, die theils in verschiedenen Tagblättern, theils einzeln (Hanover 1817 Bninski Böckh 257 K — 18) erschienen. Zwei dramatische Versuche: „Die Schlacht bei Thermopyla" (Hanover 1814), durch Jssland bei der Geburtstagsfeier des Königs in Berlin aufgeführt, und „Simson" (Hanover 1818) erschienen zwar auf mehren Bühnen, doch ohne Glück zu machen. Er hatte, außer der Sammlung seiner Gedichte (Hanover 1817 und 1826), welche strenge Auswahl vermissen ließ, mehre einzelne Arbeiten herausgegeben und zu vielen Zeitschriften Beitrage geliefert, als er, durch Scott's und Cooper's Romane angeregt und durch die Bekanntschaft mit vaterlandischen Chroniken vorbereitet, sich ausschließend der historischen Novelle widmete. Auf diesem Felde hat er viel Beifall gewonnen, und gewöhnlich bringt er in einigen der beliebtesten Taschenbücher jahrliche Gaben dar. Einzeln erschienen von ihm: „Neuer Novellenkranz" (Braunschweig 1830), und „Novellen und Erzählungen" (4 Bde., Hanover 1826—27), die auch einen größern Roman in Briefen: „Höhe und Tiefe", enthalten. Die ansprechende Erzählungsgabe, die durch Talent und Übung erworben wird, ist ihm eigen, und er zeigt in der Anlage und Ausführung seiner Plane viel Geschicklichkeit und weiß die Theilnahme zu spannen, wiewol man die künstlerische Entwickelung der Charaktere vermißt und in seinen Darstellungen die Menschen und die Handlungen mehr in ihren äußern Zügen als in ihren tiefern Beziehungen erblickt. Bninski (Alexander, Graf), Senator des Königreichs Polen, geb. 1783, erhielt seine erste Erziehung im älterlichen Hause, besuchte dann fremde Länder, und nahm 1807 Dienste in der polnischen Legion des französischen Heeres, mit welcher er alle Schicksale in den Feldzügen in Italien und Spanien theiste. Er zog 1812 als Major mit nach Rußland. Bei der Niederlage der Franzosen an der Berezina gelang es ihm, die heranströmenden Massen des Feindes einige Stunden lang aufzuhalten und dadurch die Schrecknisse der Scene einigermaßen zu mildern. Den Schmerz getauschter patriotischer Hoffnungen in der Brust, nahm er seine Entlassung als Generalmajor. Seit 1814 lebte er in der größten Einsamkeit, und vermied es sorgfältig, an den Umtrieben unruhiger Geister den geringsten Antheil zu nehmen, da er wohl einsah, daß daraus seinem Vaterlande kein Heil erwachsen könne. Die Kunde von dem Ausbruche der Revolution am 29. Nov. 1830 traf ihn auf den Gütern seiner Gattin in Lithauen. Die lange unterdrückte Glut loderte nun mit unwiderstehlicher Kraft in feinem Busen auf; trotz dem scharfen Froste und dem tiefen Schnee machte er sich zu Fuß auf den Weg und langte glücklich in Warschau an. Hier unterzog er sich mit einem, seiner Vaterlandsliebe entsprechenden Eifer der schwierigen Aufgabe, für die Lebensmittel des Heeres zu sorgen. Leider waren seine körperlichen Kräfte den Strapazen nicht gewachsen, welche sein Posten erfoderte. Als er einst Nachts einen Transport Lebensmittel begleitete, zog er sich eine Erkältung zu, welcher sich nur zu bald Symptome beigesellten, die jede Hoffnung verbannten, und er starb am 15. Iun. 183k, nachdem er nur 24 Stunden krank gelegen. Merkwürdig ist seine, aus der Kenntniß des Charakters seiner Nation hervorgegangene Voraussehung des tragischen Ausgangs einer Revolution, welche damals nur noch Siege zählte. B. rief noch kurz vor seinem Ende: „Rette, Allmächtiger, mein geliebtes Vaterland vor seinen innern Feinden!" Die Armee empfand bald, welchen großen Verlust sie an ihm erlitten, denn seit B. nicht mehr an der Spitze der Proviantvertheilungs-Commission stand, wurde die Zufuhr von Lebensmitteln unregelmäßig und unsicher: ein Mangel, der oft das Schicksal einer Schlacht, ja eines ganzen Feldzugs entschieden hat. (12) Bockh (Friedrich von), badischer Finanzminister. Er ist der Sohn eines Rechnungsrathes in Karlsruhe. Nachdem er sich zuerst dem Schreibereifache gewidmet hatte, ftudirte er auf der Universität zu Heidelberg die Kameralwissen- schaften, und als in Folge des Reichsdeputationsrecesses von 1803 die pfälzischen Amter Ladenburg, Bretten und Heidelberg mit den Städten Heidelberg und Man- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 17 258 Böckh heim an Baden sielen, war er als Sccretair bei der Besitzergreifungs-Commission angestellt. Hierauf erhielt er die Stelle eines Hofrathsassessors, kam 1807 als Kammerrath nach Manheim, wurde drei Jahre spater als Finanzrath wieder nach Karlsruhe gezogen und 1815 zum geheimen Referendar ernannt. Baden erhielt 1818 seine staudische Verfassung, im folgenden Jahre trat der erste Landtag zusammen, bei welchen! B. als Negierungscommissar auftrat. So dürftig damals die Früchte des conftitutionnellen Lebens waren, so hatte es doch den Erfolg, daß die Regierung das Bedürfnis fühlte, mehr als bloße Reprafentationsmanncr an der Spitze der Geschäfte zu haben, und daß solche Stellen, welche fast für Sine- curen des Adels gelten mochten, dem Talente, derGeschäftskenntniß und der wissenschaftlichen Tüchtigkeit zuganglicher wurden. Damit öffnete sich für B. eine Lausbahn schneller Beförderung. Er wurde 1820 Director der Oberrechnungskammer, 1821, nach dein Tode des Finanzministers von Fischer, wirklicher Staatsrath und provisorischer Director des Finanzministeriums, 1824 definitiver Chef desselben; ein Jahr daraufnahm er den Adel an, und erhielt das Commandeurkreuz des zah- ringer Löwenordens in Brillanten, nachdem er schon früher zuerst Ritter, dann Commandern dieses Ordens geworden war. In diesen Amtsverhaltnissen bewahrte er den Ruf eines ausgezeichneten und thatigen Geschäftsmannes, bearbeitete mit besonderer Sorgfalt das directe Steuerwefen, brachte strenge Ordnung und Klarheit in die Verwaltung und wurde der Schöpfer eines geordneten Staatshaushaltes und eines wohlbegründeten Staatscredits. Die Cabinetsregierung Ludwigs und die Herrfchaft der Reaction in Deutschland überhaupt, war nicht die Zeit, wo eine finanzielle Reform von dem ersten Grundsatz ausgehen konnte, vor Allem von den übermäßig angestrengten Kräften des Landes weniger Einnahmen zu fodern, und nach diesen erst die Ausgaben zu bestimmen. Mehr Finanzmann als Politiker, beschränkte B. unter diesen Umständen seinen Wirkungskreis auf die zunächst liegende Sorge, daß wenigstens auf dem langen Zwifchenwege von dem untersten Einnehmer bis zu den Centralcassen eine Ersparnis erzielt werde, und das Gegebene so viel möglich ungeschmälert an den Ort der Bestimmung gelange. Der Großherzog Ludwig selbst, obfchon keineswegs geneigt, die Sparsamkeit auch auf die Ausgaben auszudehnen, sah doch gern, daß die Einnahmen durch ein gutes Verwaltungssystem weniger Kostenabzug erlitten, und hegte eine gewisse Achtung vor der Finanz- wissenfchaft, als der Kunst, Geld und Credit zu schassen. Einen neuen Beweis dieser Gewogenheit erhielt B., indem er am 14. Mai 1828 zum wirklichen Finanzminister und zum Großkreuz des zähringer Löwen ernannt wurde; auch hatte er verhältnismäßig weniger Eingriffe von der Cabinetsherrschaft zu erdulden, als die andern Ministerien sich gern oder ungern gefallen ließen. Während in diesen jene maßlose Verschwendung vorherrschte, welche später durch die Prüfung der Stande an das Licht gezogen und einer strengen Rüge unterworfen wurde, herrschte in dein von B. geleiteten Finanzministerium eine isolirte Ordnung und Sparsamkeit, was auch ehrende Anerkennung aus dem Landtage von 1831 fand. Auf diesem Landtage zeigte sich B., Negierungscommissar wie auf allen vorhergehenden seil 1810, als den gewandtesten Redner des Ministeriums, feiner und rascher als der Principalcommissar Winter, kam den Vorschlägen der Volkskammer, namentlich in Beziehung aus Ablösung der Zehnten und Frohnen, so bereitwillig entgegen, als es sich von einem Gegner des Feudalwesens und des alten Abgabenwirrwarr er- warten ließ, und löste mehrmals die sich selbst gestellte Aufgabe, in der Adelskammer die Anträge der Volkskammer zu unterstützen. Obschon der Begründer eine- durch die Erfahrung als vortheilhaft bewährten Systems niederer Zollsatze, trat er doch in den betreffenden Verhandlungen für den Anschluß an das preußische Mautm system auf, und dies war die Hauptursache, warum die Volksmeinung diesem 'ln schluß eine polirische Absicht unterlegte, und sich auf die entgegengesetzte SeM I Bohlen Böhmen 259 warf. Außer den obenerwähnten bübischen Orden erhielt B. im Laufe seiner amtlichen Wirksamkeit mehre fremde Decorationen, wie den großherzoglich hessischen Verdienstorden und den preußischen rothen Adlerorden zweiter Gasse. (22) Bohlen (Peter von), Professor der morgenlandischen Sprachen zu Königs- berg, geb. am 13. Marz 1796 zu Wüppels in der Herrschaft Jever, gerieth 1811 als Waisenknabe in das Gefolge eines französischen Generals, und kam 1814 nach Hamburg, wo er drei Jahre in einem englischen Handelshause lebte. Nachdem er seit 1817 auf den beiden Gelehrtenschulen in Hamburg den Grund zu seiner wissenschaftlichen Bildung gelegt und schon hier mit den morgenlandischen Sprachen, besonders mit dem Persischen, sich beschäftigt hatte, ging er 1821 nach Halle, um unter Gesenius dieses Studium fortzusetzen. Im Herbste 1822 begab er sich nach Bonn, wo er sich vorzüglich mit dem Arabischen und dem Sanskrit beschäftigte. Im Frühlinge 1825 trat er in Königsberg als Lehrer der morgenländischen Sprachen auf. In seiner ersten Schrift: ad üiterinetationem sucii codicis ex linAiin persicu" (Leipzig 1822) sucht er die im Alten Testamente vorkommenden persischen Wörter zu erklären. Seine gehaltvolle Schrift über den arabischen Dichter Motenabbi: „Oonunentutie de Notenubllio" (Bonn 1824), zeigt gute Kenntniß des Arabischen, faßt aber den moralischen Charakter des Dichters zu einseitig und ungünstig aus. In Königsberg begann er seine akademische Laufbahn mit der Schrift: „Ourmen arabicum Amüli dictum, breve reli^ionis islamiticae comjdectens, e codicibus dLscriptum et in sermnnem llili- mun conversum" (Königsberg 1825). Seitdem beschäftigte er sich besonders mit dem Studium der indischen Literatur. In seinem ,/lentumen de Luddllmsmi m-igine et uetate deüniendis" bemühte er sich, den Zeitpunkt, in welchem der Stifter des Buddhaismus lebte, genauer zu bestimmen. Sein größtes bisheriges Werk ist: „Das alte Indien, mit besonderer Rücksicht auf Ägypten, dargestellt" (2 Bde., Königsb. 1830). Er verbreitet sich darin über die Geschichte, die Religion, Cultur, Verfassung, Justiz, das bürgerliche und häusliche Leben, die Literatur und Kunst des alten Indiens, legt zwar Heeren's Schilderung zum Grunde, vervollständigt und berichtigt sie aber durch die Benutzung seiner Kenntniß der Sprache und Literatur Indiens. Aus der Literatur theilt er anziehende Proben in deutscher Übersetzung mit. B. hielt sich 1831 einige Zeit in London aus, um die dortige indischen Handschriften zu benutzen. Gegen die in seiner neuesten Schrift: mentatio de oriFiue lin^uae /iendicae e 8anscrita repetenda" (Königsberg 1831), ausgestellten Sätze hat Bopp mehre Zweifel erhoben. (36) ^Böhmen erfreute sich seit 1826 unter der Verwaltung des einsichtsvollen und energischen Oberstburggrafen Grafen Chotek (s. d.) steter Ruhe und eines, wenn auch nicht steigenden, doch selbst durch schwere Zeitverhältnisse unzerrütteten Wohlstandes. Die Bevölkerung des ganzen, 956 lüM. umfassenden Königreichs, welche 1825 noch 3,630,223 Seelen betragen hatte, stieg 1831 zu 3,888,828, folglich zu 4068 Menschen auf 1 HZM. In gleichem Maße hob sich im Allgemeinen auch der Ertrag der Urproduction und der Industrie im Lande. Diese erschien durch die 1828 in Prag zuerst eingeführten, 1829 und 1831 wiederholten öffentlichen Kunst- und Gewerbsausstellungen in sichtbarem Fortschreiten zur Vollkommenheit, und das erste Jndustriefest Böhmens wurde am 5. April 1831 mit allgemeiner Theilnahme gefeiert. Wenn auch einer der bisherigen Hauptsactoren des Nationalreichthums in Böhmen, die Linnensabrikation, in Folge größern Begehrs nach Baumwollensabrikaten sich jährlich vermindert — der Werth ihrer Producte mag 1831 noch etwa 10 Millionen Conventionsgulden betragen haben —, so kommt dagegen die Tuch- u. Vaumwollenfabrikation um so mehr in Aufnahme; 1831 wurden in Böhmen gewiß an 60,000 Centner Wolle zu Tüchern und Zeuchen aller Art verarbeitet, wozu aber mebr als die Hälfte der Wolle aus Ungarn, Siebenbürgen 17 * 260 Böhmische Literatur und Galizien bezogen, die feinere böhmische dagegen noch immer ins Ausland verführt wurde. Mit der Baumwollenfabrikation waren 1828 an 1178 Feinspinnmaschinen mit201,116 Spindeln beschäftigt, welche zusammen 18,360 Ctnr.Garn erzeugten. In der Glasfabrikation behauptet Böhmen noch den alten Vorrang. Zur Erleichterung des innern Verkehrs wurde, außer der bereits 1825 begonnenen, jedoch noch nicht ganz vollendeten großen Eisenbahn zwischen Budweis und Lin; (zur Verbindung der Elbe und der Donau), 1828 eine zweite Eisenbahn zwischen Prag und Pilsen angelegt, wovon 1831 bereis 9 Meilen vollendet waren. Auchder Straßenbau wurde mit Thätigkeit betrieben; 1829 zahlte man schon 368 Meilen kunstmäßig ausgebaute Straßen im Lande, und 66 Meilen waren noch im Bau. Die seit 1827 eingeführten jahrlichen Wollmarkte haben den Erwartungen bisher nicht entsprochen. Anstatt der aufgehobenen Elasten- und Personalsteuer wurde 1829 eine allgemeine Verzehrungssteuer (Accise) eingeführt, welche 1831 3—4Mill., und die damit verbundene Tranksteuer 2 — 3 Mill. Conventionsgulden eintrug. In politischer Beziehung blieb Böhmen unberührt von den Stürmen, welche in den letzten Iahren mehre Lander Europas erschütterten; die Veränderungen, die es auf gesetzmäßigem Wege erfuhr, theilte es mit allen deutschen Erblandern der östreichischen Monarchie. In der Beschränkung der Macht localer Verwaltungsbehörden, in der Trennung der staatswirthschaftlichen und eines Theils der finanziellen Angelegenheiten von dem Wirkungskreise der Landesgubernien, in der Orga- nisirung von besondern, unmittelbar unter der Hofkammer in Wien stehenden Ka- meralgefälleverwaltungen, in der verordneten Zuweisung aller historischen, politischen und statistischen Censurgegenstände an die alleinige Polizei- und Censurhof- stelle in Wien, macht sich ein fortwahrendes Centralisationssystem bemerklich. Das Loos des höhern Lehrstandes wurde gebessert, und seine Loyalität durch neue Maßregeln gesichert. Für die Wissenschaft wurden in Böhmen in neuerer Zeit keine neuen, wichtigen Resultate gewonnen; doch offenbarte sich vorzüglich bei dem vaterländischen Museum eine nützliche, patriotische Thätigkeit, und die noch erscheinenden größern Werke vom Gubernialrath Gerstner („Handbuch der Mechanik", 3 Bde., 4., Prag 1831 — 32), und von Professor Kopetz („Allgemeine östreichi- sche Gewerbsgesetzkunde") zeichnen sich durch praktische Tüchtigkeit aus. Die Liebe und Pflege der Kunst blieb den Privatvereinen überlassen, von welchen sowol die Akademie der bildenden Künste als das prager Conservatorium und das Museum gestiftet wurden. Zu den früher organisirten Vereinen dieser Art kam in den letzten Jahren auch ein Verein der Kunstfreunde für Kirchenmusik; ein vaterlandischer Gewerbsverein ist noch im Werden. (32) *Böhmische Literatur. Die bölMsche (cechische) Sprache, welche vor dem dreißigjährigen Kriege eine hohe Stufe der Bildung erstiegen hatte, hörte seitdem aus, das Organ böhmischer Volkscultur zu sein. Joseph II. führte dafür in alle Schulen und alle Geschäfte die deutsche Sprache ein; seitdem wird selbst in den Bürgerschulen reinböhmischer Städte nur in deutscher Sprache Unterricht ertheilt. Diese gewaltsame Volksumbildung, welche einerseits den Anbau deutscher Literatur in Böhmen einheimisch machte, hat andererseits auch die Liebe patriotischer Böhmen zu der bedrängten Muttersprache mächtig angefacht, und so erwachte denn die böhmische Literatur, nach fast zweihundertjährigem Schlafe, wieder zu einem, wenn auch nur kümmerlichen Leben. Da der Adel und die Gebildeten im Volke der Sprache ihrer Vater bereits größtentheils entfremdet waren, so hatten die Schriftsteller dieser Nation mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen, als bei irgend einem andern Volke, und es ist wol als Folge nicht blos ihrer beharrlichen Aufopferung, sondern auch einiger glücklichen Zufälle anzusehen, daß ihr patriotisches Streben jetzt mehr Bestand und Erfolg zu gewinnen scheint. Mit dem Jahre 1818 begann eine neue und bessere Epoche der böhmischen Nationalliteratur. Die Bekanntmachung der Böhmische Literatur - 261 von Hanka (s. d.) aufgefundenen herrlichen königi'nhofer Handschrift wirkte eben- ,, so belebend auf den nationalen Sinn, als die Gründung eines Nationalmuseums in Prag, und mehre 1816 —18 erlassene Hofdecrete, welche die Übung der Gymnasialschüler auch in bömischer Sprache empfahlen, obgleich diese Decrete spater (14. Febr. 1821) außer Kraft gesetzt wurden. Seit jener Zeit hat die Bildung der böhmischen Sprache und Literatur rasche, fast zu gewagte Fortschritte gemacht; sie wurde in Form und Gehalt europaisch und fügt sich bereits fast allen Bedürfnissen der Zeit in der Kunst und Wissenschaft. ' Nachdem nämlich ^ Dobrowsky's (s. d.) Scharfsinn den gesammten organischen Bau und die außerordentliche Bildsamkeit dieser Sprache aufgedeckt hatte, durfte man eS seit 1818 wagen, eine festbestimmte, regelmäßige und klare Terminologie für die meisten wissenschaftlichen Fächer aufzustellen; zugleich wurden die so lange vergessenen reichen Denkmäler altböhmischer Literatur zu diesem Zwecke hervorgesucht und benutzt, und auch auf die übrigen slawischen Dialekte Rücksicht genommen. Das Verdienst, diese schwierige Bahn zuerst und glücklich gebrochen zu haben, gebührt den prager Professoren Jos. Jungmann und Joh. Swat. Presl. Die poetische Diction wurde gleichfalls durch die königi'nhofer Handschrift veredelt, und die mit vollem Erfolge gekrönte Empfehlung antiker metrischen Formen durch Schassarik und Palacky — unter allen Sprachen des neuen Europa sind es nur die böhmische und die ungrische, welche den aus das Zeitmaß gegründeten antiken Rhythmus in allen seinen Proteusformen zwanglos und vollkommen bilden können — trug seit 1818 zu dem höhern Schwünge bei, den die böhmische Dichtkunst seitdem genommen hat. Endlich wurden, nach Dobrowsky's Vorschlag, auch einige Jnconsequenzen der alten böhmischen Orthographie beseitigt. Freilich waren mit dieser schnellen Metamorphose der Sprache und Literatur nicht alle Böhmen selbst zufrieden; die Anhänger des Alten, und darunter vorzüglich die Professoren der böhmischen Sprache, Negedly in Prag und Palkowic in Pres- burg, erhoben heftigen Widerspruch und veranlaßten einen einheimischen Streit, der zwar an sich bald in bloße orthographische Mikrologie ausartete, aber auch gefahrlich zu werden drohte, nachdem man sich nicht gescheut, das reinwissenschaftliche Streben argloser Männer bei höhern Behörden unredlicherweise als staatsverderblich, ja selbst als eine Religion und Sitten gefährdende Neuerung, und die Forschungen in andern slawischen Dialekten als einen politischen Russismus zu bezeichnen. Eine so geartete Opposition mußte freilich zuletzt sowol an dem gesunden Sinne der Nation als an der bessern Einsicht der Landesregierung scheitern. Dagegen verbreitet sich die Liebe zur böhmischen Literatur sichtbar bei allen Ständen und Classen der Einwohner in gleichem Maße, wie diese selbst an Gehalt, Man- nichfaltigkeit und Bedeutsamkeit zunimmt. Unter den seit 1818 sich auszeichnenden böhmischen Schriftstellern nennen wir die vorzüglichsten. Dichter und Belletristen: Franz Ladislaw Celakowsky (geb. 7. März 1799 zu Strakonitz in Böhmen, in Prag lebend), ein kräftiges und gebildetes Talent, originell und volksthüm- lich zugleich; seine vermischten Gedichte (2. Aufl., Prag 1830), sein Nachhall russischer Lieder (Prag 1829), Nachhall böhmischer Lieder (1830) und andere mehr, gehören zu dem Besten, was die neuere Poesie überhaupt aufzuweisen hat. Wences- laus Klicpera (geb. 1792, Professor in Königgräz) lieferte über 30 Schau-, Lust- und Trauerspiele, darunter mehre gelungene. Johann Kollar (geb. 1793 zu Thurotz in Ungarn, jetzt evangelischer Prediger m Pesth) erwarb sich durch seine „Slawy Dcera", einen Kranz von 150 erotischen und patriotischen Sonetten (2. Aufl. Ofen 1824), sowie durch geistreiche Epigramme und Elegien den Ruf des ersten böhmischen Dichters. Jos. Jar. Langer (geb. 1806), ein vielversprechendes, originelles Talent, noch ohne gereifte Bildung, leistete Vorzügliches sowol in seinen nationalen Idyllen und Märchen (Prag 1830), als in zerstreu? I! 262 Bohnenberger ten, meist satyrischen Gedichten. Karl Sim. Machacek (geb. 1799, Pros, zu Git- schin), schrieb unter andern das beste böhmische Lustspiel: „Die Freier" (Prag 1826); ihm verdankt auch die böhmische Oper ihren neuen Aufschwung seit 1823. Karl Agnell Schneider (geb. 1769, Justitiar), ein beliebter Volksdichter, dichtete unter andern die besten Balladen >,2 Bde., 1823 — 30). Joh. Nep. Stie- panek (geb. 1783 zu Chrudim, Director des standischen Theaters in Prag), der Schöpfer und Erhalter der neuern böhmischen Bühne, für welche er selbst mehre gelungene Schau- und Lustspiele lieferte (16 Bde.). Vincenz Zahradnik (geb. 1790, Pfarrer), als Fabeldichter ausgezeichnet. Ferner: Winaricky, Käme- ryt, Chmelensky, Turinsky, Heinr. Marek, Schassarik, Hanka, Swoboda, und die Frauen Magdalene Rettig und die ehrwürdige Marie Antonie (Elisabethiner- nonne, starb 1831), welche sich in Erzählungen und Liedern nicht ohne Glück versucht haben. L) Für den 'Anbau der Wissenschaft in böhmischer Sprache waren die Thatigsten: vr. Jos. Jungmann (geb. 16. Jul. 1773 zu Hudlitz in Böhmen, Professor in Prag), der Johnson und Adelung Böhmens, durch seine „Slowesnost" (Prag 1820), seine Geschichte der böhmischen Literatur (Prag 1825), seine meisterhaften Übersetzungen, seine vermischten Schriften und Aufsatze (seit 1806), und ein großes kritisches Wörterbuch der böhmischen Sprache, eine Arbeit von mehr als 39 Jahren, die der Vollendung nahe ist; sein Bruder, vi-, und Professor Anton Jungmann (geb. 1775), durch seine Anthropologie nnd andere medicinische Werke; Anton Marek (Dechant), durch seine Schriften über Logik und theoretische Philosophie; Franz Palacky durch ästhetische und philosophische Abhandlungen (seit 1818), eine Geschichte der Ästhetik (1823), und zahlreiche historische Aufsätze in der von ihm redigirten Zeitschrift des böhmischen Museums (seit 1827), Dr. Joh. Swat. Presl (geb. 1791, Professor und Director dcs Naturaliencabinets in Prag) durch viele gediegene Werke über Botanik, Zoologie, Mineralogie, Chemie u. s. w. und die encyklopädifche Zeitschrift „Krok" (seit 1821); Paul Joseph Schaffarik (s. d.) durch mehre ästhetisch-kritische Abhandlungen (seit 1818); Karl Schadek (geb. 1783) durch geographische, physikalische und technologische, vi-, und Professor Adalbert Sedlacek (geb. 1785) durch mathematische und physikalische Werke, und Andere mehr. Die nur zu hausigen Übersetzungen aus fremden Sprachen übergehen wir hier mit Stillschweigen, ebenso die ziemlich zahlreiche populaire und theologische Literatur. Zeitschriften in böhmischer Sprache erschienen 1831 überhaupt 9 in Prag. So wenig dies nun alles ist, so gewinnt es doch, den schwierigen Verhältnissen gegenüber, unter welchen es sich entwickelte, einige Bedeutung. Unter den 6 Millionen slawischer Einwohner in Böhmen, Mähren und Oberungarn, welche das Publicum der böhmischen Literatur bilden sollen, sind es bisher immer nur Einzelne, welche daran Theil nehmen; die Massen sind überall todt, und selbst die Mehrzahl der Gebildeten bleibt ihrer Muttersprache durch die Erziehung für immer entfremdet, anderer Hemmungen, wie der strengen Censur, des jämmerlichen böhmischen Buchhandels und dgl,, nicht zu gedenken. Wenn daher diese Literatur dennoch Fortschritte macht, so ist dies, nebst den bereits berührten Umständen, vorzüglich der ewig frischen und reichen Quelle des böhmischen Volksgeistes zuzuschreiben, die nur der ersten Anregung und Öffnung bedurfte, um fortan klar und kräftig zu strömen. Welchen Erfolg übrigens der bei den, böhmischen Museum 1831 durch freiwillige Beiträge gegründete Fonds zur Unterstützung der Nationalliteratur haben wird, muß die Zukunft lehren. (3^) Bohnenberger (Johann Gottlieb Friedrich), berühmt durch Erfindungen und Schriften im Gebiete der Physik und Astronomie, wurde geboren dm Jun. 1765 zu Simmozhcim auf dem würtembergischen Schwarzwald. Sein W- ter, Pfarrer daselbst und später zu Altburg bei Calw, selbst ein ausgezeichneter Boigne 263 turforscher, leitete die erste Entwickelung des fähigen Knaben, der hierauf feinen G Aich' Bildungsgang durch das stuttgarter Gymnasium und das evangelifch-theologifche Stift zu Tübingen nahm, wo sich sein Talent für die mathematischen Wissen- Kitzs' schassen immer mehr entschied. Nach einem kurzen Aufenthalt in Gotha und h,.'^ Göttingen wurde er 1796 bei der tübinger Sternwarte angestellt und lehrte da- ^ ' selbst als Professor der Mathematik, Physik und Astronomie 65 Jahr lang mit ebenso viel praktischem Geschick als theoretischer Gründlichkeit in einem ausneh- mend anziehenden und klaren Vortrage. Seine Anlegung der bekannten Karte von Schwaben verschaffte ihm einen Ruf in den östreichischen Generalstab, seine wissenschaftlichen Leistungen eine glanzende Einladung zuerst nach Petersburg zur dortigen Sternwarte, dann nach Bologna, dessen Hochschule unter Napoleon re- siaurirt werden sollte. Der bescheidene Mann war jedoch in die heimischen Verhaltnisse so sehr eingewohnt und mit einem spärlichen Dicnfteinkommen so wohl zufrieden, daß er gern an der alten Stelle blieb. Orden und Diplome, darunter auch die Wahl zum correspondirenden Mitglieds des französischen Instituts, konnten den anspruchlosen Geist nicht eitel machen. Er lebte mit unausgesetztem Eifer theils der Wissenschaft und dem akademischen Berufe, theils in den letzten Jahren der trigonometrischen Vermessung des Königreichs Würtemberg, wobei er die großen Dreiecke mit bewundernswürdiger Genauigkeit herausbrachte. Seine Schwungmaschine, zur Erläuterung der Gesetze der Umdrehung der Erde um ihre Achse und der Veränderung der Lage der letzten (s. Vorrücken derNachtglei - chen Bd. 11), bleibt das wichtigste Denkmal seines Geistes, der überhaupt mehr erfinderisch als gelehrt war. Übrigens zeugt von seinen tiefern historischen Studien die Methode, nach welcher sein „Lehrbuch der Astronomie" (Tübingen 1811) abgefaßt ist, ein Werk, das nebst der „Anleitung zur geographischen Ortsbestimmung" (Göttingen 1795) und den „Anfangsgründen der höhern Analysis" (Tübingen 1812) am meisten seinen literarischen Ruf begründet hat. Der rastlos thätige, in» Umgange liebenswürdige Mann starb im 66. Lebensjahre den 19. April 1831 an einem Herzleiden, dessen erste Spuren sich an seine der Landesvermessung gewidmeten Anstrengungen gereiht hatten. (31) Boigne (Graf), General, ist zu Chambery 1751 geboren. Ein rastloser Geist trieb ihn schon früh abwechselnd zu den Studien und den rauschenden Freuden der Welt. Mit dem siebzehnten Jahre verließ er sein Vaterland, diente seit 1768 fünf Jahre in Frankreich, ging dann in russische Dienste, wurde bei der Belagerung von Tenedos von den Türken gefangen und verließ, als er seine Freiheit erlangt hatte, den russischen Dienst. Von 1778—82 diente er der osrindischen Compagnie und focht gegen Hyder Ali. Als Ausländer zurückgesetzt, nahm er bei dem Radscha von Dscheipur Dienste. Er führte 1784 dem berühmten Mahrattenfürsten Mahadagy Scindia zwei europäisch disciplinirte Bataillone zu und leistete diesem Fürsten die wesentlichsten Dienste während seiner Feldzüge gegen die Mongolen und Radschputen. Kurze Zeit (1788 — 96) beschäftigte er sich zu Lucknow mit dem Handel, dem er, von Scindia berufen, entsagte, worauf er sich wieder an die Spitze der Heere jenes Fürsten stellte und dessen Feinde gänzlich aus dem Felde schlug. Der Fürst überhäufte den tapfern Savoyarden mit Ehren und Reichthümern. B. hatte zur Unterhaltung der von ihm organisir- ten Kriegsmacht die Verwaltung des Landes zwischen Muttra und Delhi, das eine jährliche Einnahme von 54 Mill. Rupien (4,125,666 Thlr.) gewährte, wovon er zwei Procent für sich behalten durfte, außer seiner Besoldung, die monatlich 6066 Rupien (4506 Thlr.) betrug. Das von ihm eingerichtete Heer bestand 1793 aus 22,666 Mann Fußvolk und 3660 Mann Reiterei. Nach Scindia's Tode (1794) diente B. auch dem Großenkel desselben; am Ende des Jahres 1795 aber nöthigte ihn die Rücksicht aus seine Gesundheit, Indien zu verlassen. Er ging 264 Boje Bolivar nach England, wohin er sein Vermögen geschickt hatte, und von da in sein durch Napoleon beruhigtes Vaterland. Zu Chambery, wo er sich 1799 niederließ widmete er seitdem eine Summe von 3,509,000 Fr. den Zwecken seiner tätigen Menschenliebe. Unter andern gründete er mehre Hospitaler für alte Leute für Kranke, für arme Reisende, legte eine neue Straße mit Bogengängen durch die Stadt an, überwies der k. Akademie der Wissenschaften in Savoyen eine bedeutende jahrliche Rente und baute das Theater aus. Der König von Frankreich gab ihm das Kreuz der Ehrenlegion, und der König von Sardinien erhob ihn in den Grafenstand. Das Gerücht, daß Tippo Said durch ihn ausgeliefert worden sei, ist durchaus falsch; B. war schon drei Jahre in Europa, als dieser Monarch in seiner Hauptstadt unterlag. S.,Memoire sur curriüre inilituire et politigue t!e i>I. le xenei-iU eomte 3e öoigne" (Chambery 1829), eine auch für die Geschichte der Mahratten in der letzten Hälfte des 18. Jahrhunderts sehr interessante Schrift, wozu B.'s Sohn dem Verfasser Materialien lieferte. (5) Boje (Heinrich), Doctor der Philosophie, ein junger Naturforscher, der mit Herz und Geist tiefes Wissen, regen Eifer für die Naturkunde und einen un- ermüdeten Fleiß verband, starb, ein Opfeu des verderblichen Klima von Java, im September 1827 in der Blüte seiner Jahre. B., geboren zu Meldorf in der holsteinischen Landschaft Süder-Ditmarschen, war der Sohn des danischen Etatsraths Heinrich Christian Boje (geb. am 19. Jul. 1744 zu Melders, gest. daselbst am 3. März 1790), der als das älteste Mitglied des schönen Dichterbundes zu Göttingen (Bürger, Hölty, die Grafen Stolberg, Voß, Miller) und als der Herausgeber des ersten deutschen Musenalmanachs (Göttingen 1770), des „Deutschen Museums" (Leipzig 1770 — 88) und des „Neuen deutschen Museums" (Leipzig 1789 — 91), in der deutschen Literatur noch jetzt mit 'Achtung genannt wird. Der Sohn hatte zu Heidelberg studirt und einige Jahre lang dem dortigen naturhistorischen Museum vorgestanden. Der König der Niederlande, Wilhelm I., berief ihn nach dem Haag und sandte ihn nach Java, um die Naturmerkwürdigkeiten dieser und der benachbarten Inseln für das königliche Museum der Naturgeschichte zu Leyden zu sammeln. Hier trat B. mit rühmlichem Erfolge in die Fußstapfen seiner verdienstvollen Vorganger Kühl und van Hasselt. Leider folgte er ihnen früh ins Grab. B. hatte am 23. Aug. 1827 die Gebirge von Pangarang verlassen, um einige Tage in dem Palaste der Regierung zu Buitenzorg sich mit der Anordnung seiner Sammlungen zu beschäftigen. Gleich nach seiner Ankunft ward er hier von einem heftigen Nervensieber befallen, das jedem Mittel der Kunst widerstand. Nach zehn Tagen schloß er seine edle Lausbahn. Sein Freund Macklot, der eben in Bantam angekommen war, eilte sogleich zu seinem Beistande herbei, fand ihn aber schon im Sterben und ward von derselben Krankheit ergriffen. B. hat das niederländische Museum der Naturgeschichte mit schätzbaren Sammlungen bereichert. Die Herausgabe seiner Werke ist angekündigt worden. 9^kan wird dann den Verlust dieses ausgezeichneten Naturforschers, dessen Verdienst das Ausland würdigte, auch in seinem Vaterlande erkennen. (7) ^Bolivar (Simon), ei lAbei'wckor (der Befreier), der berühmteste Mann, den die südamerikanische Revolution hervorgebracht hat, wurde am 25. Jul. 1783 zu Caracas, der gegenwärtigen Hauptstadt des Departements Venezuela, im Freistaate Colombia, geboren. Nach dem frühen Tode (1786) seines Vaters Don Juan Vicente Bolivar y Poete, der Oberst und einer der reichsten Gutsbesitzer in den reizenden Ebenen Aragua war, und seiner Mutter, Maria de la Concepcion Palacios y Solo (starb 1789), wurde seine Erziehung von seinem Oheim, dem Marquis de Palacios, einem Manne von Geist und tresslicher Gesinnung, besorgt. Seine Bildung zu vollenden, reiste B. in seinem vierzehn- Bolivar 265 UM- ren Jahre über Havana und Vera-Cruz nach Europa; er studirte in Madrid die Rechtswissenschaften, da das Amt eines königlichen Regidors bei der Municipali- tät von Caracas in seiner Familie erblich war, und bereiste darauf Frankreich, Italien/ die Schweiz und einen Theil Deutschlands. Längere Zeit weilte er in Paris, wo er Zutritt in den ersten geselligen Kreisen hatte, und alle Vergnügungen genoß, zu welchen er als ein reicher junger Mann viele Auffoderungen fand, wenn er auch nicht das Temperament des Creolen gehabt hatte, dem die Leidenschast für Spiel und Weiber zur andern Natur geworden ist. Aber in Paris Augenzeuge der letzten Ereignisse der französischen Revolution, soll er auch hier, wie seine Freunde behaupten, den ersten Gedanken zur Befreiung seines Vaterlandes von der Tyrannei Spaniens gefaßt haben. Nach Madrid zurückgekehrt, verheiratete er sich, 19 Jahre alt, mit der sechzehnjährigen schönen Tochter des Don Bernardo del Toro und verließ 1803 Europa mit seiner Gattin, nach einem beinahe sechsjährigen Aufenthalt. Aber der schnelle Tod seiner Gattin, welche am gelben Fieber starb, zerstörte das stille hausliche Leben, welches er auf einem seiner Güter in San-Mateo, dem gewöhnlichen Sitze seiner Familie, in dem schönen Thale von Aragua an den Ufern des Sees von Valencia führte. Um seinen Kummer zu zerstreuen, ging er zum zweiten Mal nach Europa und hielt sich in Paris gerade zur Zeit der Krönung des Kaisers Napoleon auf, welcher Letztere auf ihn einen sehr riefen Eindruck machte. Aufseiner Heimreise nach Caracas 1809 stattete er den Vereinigten Staaten einen kurzen Besuch ab und wurde hier durch das Bild der Freiheit wahrscheinlich in seinem Entschlüsse, sein Baterland vom spanischen Drucke zu erlösen, noch mehr bestärkt; denn als er in Venezuela angekommen war, verband er sich mit den Patrioten, unter welchen sein Nesse Ribas, Tobar, Salias, Montilla und Machado die thätigsten waren, und erklärte sich für die Sache der Unabhängigkeit, ohne jedoch anfanglich eine Hauptrolle zu übernehmen. Nach dem wirklichen Ausbruche der Revolution in Caracas, am 19. April 1810, wurde er von der damals eingesetzten obersten Junta nebst Don Luis Lopez y Mendez mit einer Mission nach London beauftragt, um die in Venezuela stattgefundene Regierungsveränderung in Großbritannien bekannt zu machen und die Interessen des jungen Freistaats daselbst zu vertreten. Kaum war B. mit den in England eingekauften Waffen im September 1811 nach Caracas zurückgekommen, als er von dem Obergeneral Miranda zum Oberstlieutenant beim Generalstabe ernannt wurde und an den ersten kriegerischen Tha- ten der Patrioten von Venezuela Theil nahm. Nach dem Erdbeben im März 1812 sing der Krieg mit den spanischen Truppen unter Monteverde ernstlich an, und die Vertheidigung der wichtigen Hafenfestung Puerto Cabello wurde B. anvertraut. Unglücklicherweise mußte er aber in Folge einer Meuterei der spanischen Kriegsgefangenen, welche sich des Forts San-Felipe bemächtigten, diesen Ort räumen, was viel dazu beitrug, daß Miranda sich ergeben mußte und ganz Venezuela von Monteverde wieder unterworfen wurde. Unter den Patrioten, welche nach dieser Katastrophe auf der, von den Engländern besetzten Insel Caracas Zuflucht suchten, befand sich auch B.; aber schon im September 1812 begab er sich mit Ribas nach Cartagena, welches bereits seine Unabhängigkeit von Spanien erklart hatte, und trat in die Dienste der Jndependenten von Neugranada. Hier entwickelte sich zuerst sein Feldherrntalent; unzufrieden mit dem untergeordneten Commando der kleinen Stadt Barranca, an 5er Hauptmündung des Magdale- nenstromes, unternahm er mit einer kleinen Schar, welche ihm aus Caracas gefolgt war, auf eigne Hand einen Angriff auf Tenerife, das er eroberte, vertrieb darauf die Spanier aus allen ihren Posten am Magdalenenflusse, und zog triumphirend unter dem Jubel des Volkes in Ocana ein. Mit gleichem Glücke verjagte er, von der Negierung von Cartagena und Bogota, deren Blicke er durch 266 Bolivar seine kühne Kriegsthat auf sich gezogen, dazu aufgefodert, vorzüglich durch die Schnelligkeit und Geschicklichkeit seiner Bewegungen, die unter Correa in die Thä- ler von Cucuta eingedrungene spanische Division. Darauf von dem Congressi von Neugranada zum Marescal del Campo (Brigadier) ernannt, faßte er den kühnen Entschluß, mit seiner kleinen, aber erprobten und von ausgezeichneten Offizieren, wie Ribas, Urdaneta, Girardot, d'Eluyar, geführten Schar in Venezuela einzudringen und es von Monteverde zu befreien. Bald waren Merida I und Truxillo, die westlichen Provinzen von Venezuela, in der Gewalt der Patrioten; aber ein Corps, welches B. nach der reichen Provinz Varinas abschickte, wurde geschlagen, der Führer gefangen und mit 17 Waffengefahrten und vielen patriotischen Einwohnern von Varinas erschossen. Zugleich mit dieser Schreckensnachricht erhielt B. zahlreiche Berichte über die unmenschlichsten und schamlosesten Greuelthaten und Bedrückungen, welche der spanische General Monteverde und seine Offiziere und Soldaten in Venezuela verübten. Darüber entrüstet, erließ er am 13. Jan. 1813 die bekannte Proklamation, worin er den Spaniern den Vernichtungskrieg auf Leben und Tod (Mierru ü muerte) erklart und jeden im Kampfe gefangenen Spanier zu tödten befiehlt. Nachdem seine Armee, durch die Patrioten taglich verstärkt, den Feinden mehre glückliche Tressen geliefert und Monteverde genöthigt hatte, sich in Puerto Cabello einzuschließen, hielt B. am 4. Aug. 1813 seinen Einzug in die Hauptstadt Caracas. Als Befehlshaber der Bcfteiungs- armee vereinigte er unter dem Titel: Befreier von Venezuela, alle Civil-und Mi- litairgewalt, vernachlässigte die Zusammenberufung eines Congresses der Repräsentanten des Volkes, die Einführung einer festen gesetzlichen Ordnung, und einige seiner Offiziere erlaubten sich sogar arge Bedrückungen. Am 2. Jan. 1814 wurde B. durch einen Convent der zu Caracas versammelten Civil- und Militairbeamtcn zum Dictator mit unumschränkter Gewalt ernannt. Unterdessen hatte Monteverde in Puerto Cabello aus Spanien Verstärkung erhalten, und der wilde Royalist Boves in den Llanos seine „Höllenschar" gesammelt und verwüstete mit dieser auf I eine furchtbare Weise das Land, indem er weder wehrlose Männer und Greise noch Weiber und Kinder schonte. Als Repressalie befahl B. die Verhaftung aller Spanier und Jslenos (Canarier), und machte in einem Manifeste vom 8. Febr. 1814 bekannt, daß er zur Vergeltung diese Wehrlosen wie die spanischen Kriegsgefangenen tödten lassen werde. Und wirklich ist dieses furchtbare Urtheil, das nur in der Entrüstung über die von den Spaniern verübten Greuel einen schwachen Entschu-ldigungsgrund finden mag, an 1253 dieser Unglücklichen vollzogen worden. Mit wechselndem Glücke kämpften die Jndependenten mit Boves und dm Spaniern; aber am 11. Jul. 1814 erlitt B. bei la Puerta, einem Andenpaß, eine völlige Niederlage und ganz Venezuela gerieth wieder in die Gewalt der Spanier. B. hatte sich mit einem kleinen Gefolge nach Cumana geflüchtet und ! begab sich wieder nach Cartagena. Der Congreß von Neugranada übertrug ihm die Anführung des Heeres, welches er ausgerüstet hatte, die Hauptstadt Bogota ! und die Provinz Cundinamarca mit Gewalt zu der allgemeinen Union von Neu- Granada zu bringen. V. führte seinen Auftrag schnell und glücklich aus, und der ! Congreß erließ eine Dankadresse an ihn; bald darauf wurde er beauftragt, die j Spanier aus der Hafenstadt Santa-Marta zu vertreiben; die nothwendigen ^ Kriegsbedürfnisse sollten ihm zu diesem Un-ternehmen aus Cartagena geliefert werden; aber der Befehlshaber dieser Stadt, Castillo, verweigerte es aus Neid und Eifersucht, und B., statt Santa-Marta anzugreifen, unternahm eine vergebliche Belagerung des festen Cartagena und verlor dabei durch Krankheit den größten Theil seiner Truppen. Während dieser Fehde unter den Jndependenten selbst, war Morillo mit der großen spanischen Expedition auf der Insel Marguerita (15. Marz 1815) gelandet und bedrohte das Land. B. legte sein Commando nieder und Bolivar 267 schiffte sich am 10. Mai auf einer englischen Kriegsbrigg nach Jamaica ein. Auf dieser Insel lebte er meist in der Hauptstadt Kingston, und hier war es, wo ein von den Spaniern gedungener Meuchelmörder ihn in seiner Hängematte umbringen wollte, aber einen Andern, welcher zufallig in derselben lag, erstach. Von Kingston begab sich B. nach dem Hafen Aux Capes, an der Südküste der Insel Haiti, wohin viele südamerikanische Patrioten geflüchtet waren, und von dem edlen Präsidenten Petion und mehren Privatleuten unterstützt, gelang es eine kleine Flotille zu bilden, mit welcher die Patrioten aus Neugranada und Venezuela unter B.'s Oberbefehl auf der Insel Marguerita, wo der heldenmüthige Aris- mendi die Fahne der Unabhängigkeit aufs Neue aufgepflanzt hatte, am 2. Mai 1816 landeten. Noch einmal sah sich B. genöthigt, nachdem er von dem spanischen General Morales geschlagen worden war, nach dem gastfreundlichen Haiti zu flüchten. Schon im Dec. 1816 aber kehrte er nach Marguerita mit einer neuen Expedition zurück. Als Xeie supremo (Oberhaupt) der Republik Venezuela berief er einen Generalcongreß der Repräsentanten auf die Insel Marguerita, orga- nisirte im Anfange des folgenden Jahres eine provisorische Regierung und sammelte Truppen, um gegen General Morillo ins Feld zu rücken. Das Glück begünstigte die Jndependenten; die Spanier wurden abwechselnd von Bolivar, Paez, Piar, Santander geschlagen, und schon am 15. Febr. 1819 der Congreß zu Angostura eröffnet, welcher am 17. Dec. 1819 nach dem sehnlichsten Wunsche des si'egge- kcönten B. verfügte, daß von nun an die Länder Neugranada und Venezuela einen einzigen untheilbaren Freistaat unter dem Namen Colombia bilden sollten. B. wurde, als Präsident-Befreier der Republik, mit diktatorischer Gewalt bekleidet, bis zur Zusammenkunft eines constituirenden Nationalcongresses, welcher sich im Jun. 18Z1 zu Rosario de Cucuta versammeln sollte. B. rückte wieder ins Feld, und zwar diesmal mit dem größten und am besten ausgerüsteten Heere, das bis jetzt in Colombia für die Sache der Unabhängigkeit gefochten hatte. Nach mehren vorteilhaften Gefechten über die Spanier wurde zwischen B. und dem spanischen General Morillo zu Santa Ana unweit Truxillo ein Waffenstillstand unterhandelt und am 25. Nov. 1820 unterzeichnet. Morillo kehrte nach Spanien zurück, und an seine Stelle trat La Torre, der nach dem Ablauf des Waffenstillstandes — in welchem unter andern auch festgestellt wurde, daß der Krieg auf Tod und Leben aufhören und Kriegsrecht gelten sollte — in der Schlacht von Carababo am 24. Jun. 1821 eine gänzliche Niederlage erlitt, sodaß ihm nur wenige Trümmer seines Heeres blieben, mit welchen er nach Puerto Cabello floh, welches er zwei Jahre lang hartnäckig vertheidigte und sich dann endlich an General Paez ergab. So ward ganz Colombia von der Herrschaft dec Spanier für immer befreit, und am 30. Aug. 1821 wurde die neue Verfassung bekannt gemacht, Bogota zur Hauptstadt und zum künftigen Sitz des Congresses bestimmt, und Bolivar zum Präsidenten, Santander aber zum Vizepräsidenten der Republik erwählt. Nach Colombias Befreiung richtete sich B.'s Blick nach dem, noch mit Spaniels in hartem Kampfe begriffenen Süden. Es läßt sich schwer entscheiden, ob die Überzeugung, daß die Provinzen Colombias nie sicher wären, so lange Spanier in Peru herrschten, oder der Wunsch, die Freiheit über ganz Südamerika zu verbreiten, oder bloßes Streben nach Ruhm und Befriedigung des Ehrgeizes in B. den Entschluß reiften, nachdem er Quito durch die Schlacht am Vulkan Pichincha, welche der tapfere Sucre durch Talent und Heldenmuth am 24. Mai 1822 gewann, den Spaniern entrissen hatte, der Republik Peru mit einer colombischen Armee zu Hülse zu ziehen. B. hielt am 1. Sept. 1823 seinen Einzug in Lima, Perus Hauptstadt, welches bei seiner Annäherung von den Noyalisten verlassen worden, und wurde bald darauf von dem daselbst versammelten Congresse zum Dictator ernannt. Aber der Widerstand der Parteien und die unter dem Vicekönig 268 Bolivar La Serna andringenden Royalisten nöchigten ihn, sich nach Nordperu zurückzuziehen, und Lima wurde wieder von dem spanischen General Canterac besetzt. Zw Jun. 1824 rückte B. mit dem neu organisirten Befreiungsheere jenseit der ersten ' Andenkette vor, errang am 6. August den glanzenden Sieg bei Junin und begab sich, wahrend seine Truppen den fliehenden Feind verfolgten, nach Lima, um die Regierung der Republik zu ordnen. Unterdessen erfocht Sucre den entscheidenden Sieg bei Ayacucho, welcher dem Kampfe ein Ende machte und ganz Südamerika I von spanischen Truppen befreite. Nur die Caftelle des Hafens Callao blieben bis zum 19. Jan. 1826 in der Gewalt der Spanier. Im Februar 1825 erneuerte der Congreß zu Lima B.'s Dictatur. B. begab sich daraus nach Oberperu, das sich si von der Republik der Staaten des Rio de la Plata trennte und zur Ehre des Befreiers den Namen Bolivia annahm. Überall wurde er mit dem lautesten Jubel des Volkes und den glänzendsten Ehrenbezeigungen empfangen. Der in Chuqui- saca versammelte Congreß der neuen Republik Bolivia decretirte den Generalen Bolivar und Sucre in pomphaften Ausdrücken die übertriebensten Dankbezeigun- I gen, erklarte den ersten zum immerwahrenden Dictator der Republik und ersuchte ihn, für den Staat eine Constitution zu entwerfen. Ware B. jetzt in der höchsten Blüte seines Glücks von einem schnellen Tode hingerafft worden, so hatte man ihn als den kühnen, standhaften und ausdauernden Feldherrn seines um die Unabhängigkeit kampfenden Volkes, als den glücklichen Befreier seines Vaterlandes gepriesen, und sein Ruhm würde sich unbefleckt von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt haben. Aber ihm fehlte die Seelengröße, die Tugend und Geistesstärke Wash- ington's, um, taub gegen die Verlockungen des Ehrgeizes, im republikanischen Sinne die Freiheit und Wohlfahrt seines Vaterlandes dauernd zu begründen. Das schlechtere Princip, der Egoismus, siegte in ihm, der Jubel des Volkes und die Schmeicheleien seiner Freunde und Umgebungen betäubten ihn, und alte Erinnerungen lebten wieder in ihm auf. Es unterliegt keinem Zweifel, daß B. um diese Zeit, als er auch in Peru sich zum lebenslänglichen Präsidenten erwählen ließ (12. Aug. 1826) monarchische Absichten hegte, und anfing die Rolle eines südamerikanischen Napoleon zu spielen. Er besaß aber weder die Umsicht noch die energische Tätigkeit seines Vorbildes, und opferte durch seine Politik die Liebe und Achtung des Volkes, welche er durch seine Tapferkeit und seine Feldherrntalente im Befreiungskämpfe erworben hatte. Den Wendepunkt in seinem politischen Leben, wie in seinem Glücke, bildet der von ihm, mit Hülfe seiner Adjutanten im antirepublikanischen Geiste verfaßte abenteuerliche Oocke dccknmuo, welcher von dem Congresse in Bolivia im August 1826 und im Dec. desselben Jahres auch in Peru, unter der Einwirkung der Anhänger B.'s und durch militairische Zwangsmaßregeln, als Grundgesetz der Verfassung angenommen wurde. Im letzten Staate wurde B. zum lebenslänglichen Präsidenten, mit dem Rechte seinen Nachfolger zu ernennen, erwählt. Der von B. um diese Zeit veranstaltete Congreß sämmtlicher Republiken Amerikas zu Panama soll eine Art Nachbildung der heiligen Alianz für Amerika gewesen sein, und B. die Absicht gehabt haben, dadurch alle unabhängigen Staaten Amerikas zu vereinigen und unter seine Hegemonie zu bringen. B.'s und seiner Freunde despotisches Beginnen, die herrschsüchtigen Absichten, die aus vielen ihrer Handlungen hervorleuchteten, erschreckten alle wahren Vaterlandsfreunde und machten sie besorgt und wachsam für ihre noch junge und unbefestigte Freiheit. In Colombia führte während B.'s Abwesenheit der Vicepräsident Santan- der mit Geschicklichkeit und republikanischer Rechtlichkeit die'Regierung, und der junge Staat, von den Vereinigten Staaten, von England und andern Mächten anerkannt, schien aufzublühen. Da entstanden, von B., der seinen (locke Iwb- viemo auch in Colombia eingeführt und sich zum lebenslänglichen Präsidenten ge- wählt zu sehen sehnlichst wünschte, heimlich angefacht und unterhalten, Zwiste zwi- Bolivar 269 5'^ »ich >^>,schli schen der Regierung und den Kriegsanführern, welche die Anwesenheit B.'s noth- wendig machten. Er verließ Lima, nachdem er eine Regentschaft eingesetzt, und traf im November 1826 in Bogota ein. In kurzer Zeit stellte er die Ruhe wieder her. Er wurde aufs Neue zum Präsidenten und Santander zum Vizepräsidenten erwählt; aber B. richtete eine Adresse an den Präsidenten des Senats, worin er der Präsidentenwürde entsagte, um die Beschuldigungen des Ehrgeizes von sich abzuwälzen. Santander aber bat ihn dringend, sein Amt als constitutionneller Präsident wieder zu übernehmen, überzeugt, daß die Unruhen im Lande, wenn sie nicht durch ihn selbst angeregt waren, augenblicklich unterdrückt sein würden, sobald er der Sache der Constitution das Ansehen seines Namens und seines persönlichen Einflusses leihe. B. ließ sich leicht bewegen; aber Mistrauen, Verdacht und Eifersucht wurzelten tief in den Gemüthern und hinderten eine Vereinigung. B unterdrückte die Preßfreiheit und die, von Santander eifrig beförderte Volksbildung, stellte die Klosterfchulen wieder her, begünstigte die Mönche, und entließ den armen, von ihm nach Colombia zur Einführung von Schulen für den gegenseitigen Unterricht berufenen Lancaster mit einem falschen Wechsel. Während B. in Colombia seine ehrsüchtigen monarchischen Plane verfolgte, erhoben sich die Freunde der Freiheit in Peru und Bolivia, und mit Hülfe der colombischen Truppen, welche noch in Peru standen, aber Mistrauen gegen die Absichten des Befreiers faßten und nicht das Werkzeug zur Unterdrückung der Freiheit sein wollten, für deren Erringung sie mit Anstrengung gefochten und ihr Blut vergossen, schafften sie die von B. eingeführte Verfassung ab und setzten neue Regierungen ein. Die colombischen Truppen kehrten nach ihrer Heimath zurück und stellten sich unter die Befehle der gesetzlichen Regierung. B., der aufs Neue die Präsidentenwürde übernommen und den constitutionnellen Eid geschworen, auch das Vertrauen der aus Peru zurückgekehrten Truppen wieder gewonnen hatte, war unablässig bemüht, die Einführung des bolivianischen Grundgesetzes durchzusetzen. Als daher der Convent zu Ocana, unter Santander's Vorsitz, sich unabhängig behauptete, und B.'s Entwürfe an dessen Muthe zu scheitern drohten, löste er den Convent auf und bemächtigte sich, durch ein organisches Decret vom 27. Aug. 1828, ohne weitere Rücksicht ganz willkürlich der höchsten Gewalt. Er sagt darin ganz unumwunden: „Colombier, ich rede jetzt nicht mit euch von Freiheit; denn erfülle ich meine Versprechungen, so werdet ihr mehr als frei, ihr werdet geachtet sein; überdies weshalb unter einer Dictatur von Freiheit reden? Möge ein Band der Eintracht das Volk, welches gehorcht, und Denjenigen, der es als Höchster regiert, aneinanderketten.">. Zum Kaiser fehlte nur noch ein Schritt. Die eifrigsten Republikaner verschworen sich gegen das Leben des Dictators; nur ein schneller Entschluß, seine Flucht durch das Fenster unter die Brücke eines Flüßchens in der Nahe des Regierungspalastes, rettete ihn; seine Garden trieben die Republikaner zurück; Mehre wurden hingerichtet, Andere, unter diesen der edle Santander, mit 76 der angesehensten Colombier verbannt. So waren viele Hindernisse, die den monarchischen Absichten B.'s im Wege standen, weggeräumt; aber Perus Kriegserklärung gegen Colombia rief ihn ins Feld, und während er sich an der Grenze befand, brach in Venezuela ein Aufstand gegen ihn aus. Der zu Valencia, am 8. April 1829, versammelte Congreß erklärte, so lange Bolivar in Neugranada walte, sei an eine friedliche Wiedervereinigung beider Länder nicht zu denken. So sagte sich Venezuela von der colombischen Union los und behauptete seine Selbständigkeit. Als ein in Bogota zu Gunsten B.'s, ebenfalls im April, unternommener Aufstand fehlschlug, erklärte dieser dem Congresse durch eine Botschaft, daß er das Amt eines Präsidenten nicht mehr übernehmen werde. Seine Abdankung wurde von dem Congresse in den verbindlichsten Ausdrücken angenommen, und ihm ein Zahrgeld von 80,000 Piastern bewilligt. B. erklärte seinen Entschluß, 270 Bolivia nach Cartagena zu reisen und sich von da nach England einzuschiffen. Er hatte jedoch den Gedanken an die Ausführung seiner Plane nicht aufgegeben; seine Freunde schmiedeten neue Ranke und versuchten durch ihre Umtriebe eine Empörung zu seinen Gunsten zu erregen. Von Cartagena, wo er eine starke Partei hatte und wie ein Machthaber behandelt wurde, reisteer, wiewol krank, im November nach Santa-Marta, dessen Bischof sein Busenfreund war, in der Absicht von da nach Bogota oder Venezuela aufzubrechen. Aber es fehlte an Truppen und an Geld, und die meisten seiner unternehmenden Freunde waren entweder ge- tödtet oder gefangen. Dazu kam die Nachricht von der Revolution imParis, welche die Hoffnung vernichtete, die B. auf die Unterstützung seiner Plane durch die bourbonische Regierung hegte. Seine Krankheit nahm überhand; er sah seinem Ende mit Ruhe entgegen, dictirte noch einen Aufruf an Colombias Bürger, ganz im republikanischen Geiste, sing darauf an irrezureden, hielt zuletzt wieder einige Augenblicke inne, rief: „Eintracht! Eintracht! sonst wird uns die Hyder der Zwietracht verderben!" und starb am 10. Dec. 1830 um 1 Uhr Nachmittags ohne Seufzer. Er wurde, wo er gestorben, auf der Hacienda in San Pedro bei Santa - Marta beerdigt. Von seinem Vermögen hatte er neun Zehntheile im Dienste des Vaterlandes verwendet und mehr als 1000 Sklaven die Freiheit geschenkt, und dennoch hinterließ er keine Schulden. B. war von mittler Größe, etwas über 5 Fuß; sein Körper hager, aber großer Anstrengungen fähig, seine Gesichtsfarbe fast olivenbraun, das Haar schwarz und straff; seine Mienen und Bewegungen hatten wenig Anmuth und Anstand; er trug einen großen Backenbart und hatte dicke buschichte Augenbrauen, die seine feurigen tiefliegenden Augen beschatteten. Sein Geist war gewandt, und er verstand sich geltend zu machen. Um seinen Zweck zu erreichen, war ihm iedes Mittel gut; darin bestand seine Politik. Er gerieth leicht in Zorn. Außer seiner Muttersprache redete er fertig Französisch und etwas Englisch. Gründliche Bildung besaß er nicht, und Ernstes langweilte ihn leicht. Wie Napoleon besaß er das Talent, fähige Männer herauszufinden und sie zu gebrauchen; doch lohnte er die meisten mit Undank. Er war ein guter Tänzer, ein vortrefflicher Reiter und ein leidenschaftlicher Freund des andern Geschlechts. Über sein Leben finden sich interessante Nachrichten in Ducondray-Holftein's „Nenwires cke Simon Lolivur", welche man jedoch mit Vorsicht benutzen muß. (29) ^Bolivia. Diese 1825 entstandene Republik wurde anfänglich dem berühmten Helden zu Ehren mit dem Namen Bolivar benannt, welcher aber kurz darauf, nach des Libertadors Wunsch, in Bolivia verwandelt wurde. Die Provinzen, aus welchen dieser junge Staat besteht, machten die nördliche Hälfte des ehemaligen Vicekönigreichs Rio de la Plata aus und wurden von dem südlichen Theile desselben unter dem Namen der Gebirgsprovinzen (Urovincius l welcher sein Gebiet vom 21" 26' —25° 54' in Berührung steht; gegen OD an Brasilien, gegen Süden an die argentinische Republik und Chile. D"' Größe des Gebiets von Bolivia wird ungefähr auf 20,000 geographische LM gerechnet, worauf letzt etwa 1,800,000 Bewohner, oder 90 Menschen an der mM., leben mögen. Die Natur des Landes ist höchst interessant. Zwischen ihm und Peru breitet sich die Masse des Andengebirgs zu einem Plateau vo, ,5^ AZ »NN-- M" '.W 5 W0' l' Bolivia 271 siel DO W«' i v' größerer Ausdehnung und Höhe aus als an irgend einer andern Stelle seiner Erstreckung durch Südamerika, und bildet ein ganzes Tafelland, welches man nicht unpassend das Tibet der neuen Welt genannt hat. Dieses Tafelland ist ein an seinem tiefsten Punkte noch 12,000 Fuß über dem Meere erhabenes Steppenbecken, ringsum von den höchsten Gipfeln des Gebirges umschlossen und in der Mitte den berühmten Titicacasee oder See von Chucuito enthaltend, welcher gegen 280 HjM. groß ist, und dessen Ufer, nach dem Zeugnisse alter Sagen und merkwürdiger jetzt noch vorhandener Alterthümer, die Wiege der frühesten peruanischen Cultur gewesen zu sein scheinen. Dieser See gehört halb zu Peru und halb zu Bolivia. Am östlichen Rande des Titicacabeckens stehen die höchsten Berge Amerikas, die Nevados (Schneeberge) von Sorata und Jllimani, von welchen der erste, nach sehr neuen Messungen, eine Höhe von 23,090, der andere eine Höhe von 21,930 par. F. hat. Von diesem östlichen Rande des Titicacabeckens aus zieht sich gerade nach Osten, unter der Breite von 18 — 19°, ein hoher, zum Theil mit ewigem Schnee bedeckter Gebirgszug, welcher den Namen der Sierra« altissüilas oder Sierra Nevada de Eocüakarnda und mehre andere Benennungen führt. Südlich von diesem hohen Gebirgszuge, welcher sich bis über die Stadt Santa-Cruz hinaus erstreckt, lauft ihm parallel, aber von weit geringerer Höhe, die Wasserscheide zwischen den großen Stromgebieten des Maranhon und des Rio de la Plata. Der Rio grande de la Plata, welcher nicht mit dem eben genannten Rio de la Plata zu verwechseln ist, sondern im Gegenth.eile unter dem Namen Mamore, unter welchem er sich an der nördlichsten Spitze der Republik mit dem Guapore vereinigt, einer der wichtigsten Zuflüsse des Maranhon wird, ferner der Guapore, der Ubay und der Beni sind die bedeutendsten Ströme, die von dieser Wasserscheide aus nordwärts gehen, wahrend südlich die Quellen des Pilcomayo und Vermejo liegen, durch deren Gewässer der Paraguay verstärkt wird. Von der westlichen Cor- dillern bis zur Küste liegt ein großer, höchst rauher und unfruchtbarer Raum, weü eher unter dem Namen der Wüste von Atacama bekannt ist. Vom östlichen Fuße des Gebirges bis an die brasilische Grenze erstrecken sich die Ebenen der Chiquitos und Mösts, eine zum Theil von großen, undurchdringlichen Wäldern bedeckte und alljährlich zur Regenzeit fast gänzlich überschwemmte, ausgedehnte Gegend, deren Höhe über dem Meere nicht viel mehr als 1000 Fuß betragen kann. Was die Jahreszeiten betrifft, so beginnt in der Mitte des Landes an der Küste der sogenannte Winter im April oder Mai und dauert bis zum November; im Gebirge herrschen vom December bis März Regen, Schnee-und Gewitter, und man nennt diese Zeit Winter. In den östlichen Ebenen beginnt der Winter, welcher in einer eigentlichen Regenzeit besteht, schon im October und November und dauert bis Mai. In diesen ebenen Gegenden ist die Feuchtigkeit der Luft sehr groß, während auf dem Gebirge die Atmosphäre einen solchen Grad von Trockenheit hat, daß durch An- oder Ausziehen wollener Strümpfe elektrische Funken entstehen sollen. Im Ganzen ist das Klima vollkommen gesund, nur herrschen auf der Ostseite des Gebügs hier und da Kröpfe, und das Gebirgsklima, besonders in sehr großen Höhen, da es im Lande mehre ansehnliche Städte gibt, die fast 13,000 Fuß über dem Meere liegen, bekommt den Fremden häusig nicht gut. Die wichtigsten Producte des Landes sind Gold und Silber; doch ist die Ausbeute an Gold, in Vergleich Zum Silber, nicht sonderlich wichtig. Unter den Bergwerken steht seit der frühesten Zeit Potosi im größten Rufe, und noch jetzt werden daselbst bedeutende Reichthümer zu Tage gefördert, obgleich der Bergbau im Allgemeinen sich feit der Revolution noch nicht wieder hat erholen können. Man hat berechnet, daß aus den Bergwerken von Potosi von ihrer Eröffnung im 1.1556 an bis zum I. 1800 ein Ertrag von 823,950,508 Piastern geflossen ist. A. von Humboldt berechnet den jähr- 272 Bolivia lichen Ertrag sämmtlicher Bergwerke Oberperus (pmvmcms de la Sierra) ^ 4,200,000 Piastern, doch sind dabei die Minen einiger Gegenden mit in Anschlag gebracht, welche jetzt zu Peru gehören. Unter den übrigen Producten des Landes können in der Zukunft Chinarinde, Harze, Gummiarten, vegetabilische Farbestoffe, Hölzer und medicinische Pflanzenstoffe von großer Wichtigkeit für den Handel des ! Landes werden, welcher seinen Weg theils durch die argentinische Republik nach Buenos Ayres, theils über die Cordillera nach dem Hafen La Mar, in der Provinz Atacama, dem einzigen Hafen des Freistaates, nimmt. Die Viehzucht ist nicht unansehnlich; doch ist der Landbau in mancher Hinsicht wichtiger, da die Einwohner fast ausschließend von Pflanzennahrung leben. Die Kartoffel, die Quinoa (Oüeuopodium humoa), die Gerste und selbst der Mais gedeihen trefflich noch auf dem Plateau des Titicaca. In den schönen Thalern der Ostseite des Andengebirges werden herrliche Früchte, Trauben und Zuckerrohr erzeugt, während in den östlichen Ebenen die Banane und Mandiocca die Stelle des Brotes vertreten, das überhaupt hier ein seltenes Nahrungsmittel ist. Die Viehzucht liefert Schafwolle, welche großentheils im Lande verwebt wird, wahrend die kostbare Vicunawolle, durch die Jagd gewonnen, einen Ausfuhrartikel nach Europa bildet.— Die Republik Bolivia besteht aus fünf Departements, welche zur spanischen Zeit ebenso viele Intendanzen ausmachten. Diese Departements sind mit der Bewohnerzahl, welche sich bei einer Zahlung in der letzten Zeit der spanischen Herrschast ergab, folgende: 1) Das Departement Charcas, bestehend aus den Provinzen Charcas, Zinti, Pamparaes, Tomina, Paria, Oruro und Carangas, mit 246,000 Einw.; 2) das Departement Potosi, bestehend aus den Provinzen Potosi, Atacama, Lipes, Porco, Chayanta, mit 315,000 Einw.; 3) das Departement La Paz, aus den Provinzen La Paz, Pacajes, Sicasica, Chulumani, Omasuyos, Larecaja und Apolobamba bestehend, mit 400,000 Einw.; 4) das Departement Cochabamba, aus den Provinzen Cochabamba, Sacaba, Tabacari, Arque, Palca, Clifsa und Misque bestehend, mit 435,000 Einw. und 5) das Departement Santa-Cruz de la Sierra, bestehend aus den Provinzen Valle Grande, Chiquitos, Mojos, Pampas und Baures, mit 320,000 Einw. Von der ganzen Bevölkerung sind etwa sieben Zehntel Indianer; der übrige Theil besteht aus Hispano-Boliviern und einer kleinen Zahl von Negern und Mulatten. Die Indianer sind theils Nachkommen der Unterthanen der Jncas, welche jetzt langst ohne Ausnahme Christen und ziemlich civilisirt sind, theils spater bekehrte, zur Zeit der Eroberung noch ganz wilde Stämme, theils endlich Völkerschaften, die noch jetzt in sehr rohem Zustande umherschwärmen und bei welchen die Bekehrungsversuche der Jesuiten und Franciscaner kein Glück machen konnten. Derjenige Theil der indianischen Bevölkerung, welcher aus den Nachkommen der Bewobner des Jncareichs besteht, bewohnt nur die westliche Halste des Landes oder die Region des Andengebirgs, und spricht zwei Sprachen, die zu den ausgebildetsten der neuen Welt gehören, die Guichuasprache und die Aymarasprache. Im Osten des Landes leben vielerlei Völkerschaften, unter welchen die Chiquitos, dieZamucos, die Chiriguanos, die Guaycurus und die Mojos die bedeutendem sind. Der westliche Theil der jetzigen Republik Bolivia machte einen Theil des alten Reiches der Jncas von Cuzco aus. Nachdem dieser theokratische Staat sich um Cuzco her ausgebreitet hatte, wurde von Kapak Yupanki, dem fünften Herrscher zu Cuzco, die Eroberung des südlichen Hochlandes begonnen. Spätere Jncas setzten seine Eroberung fort und rückten die Grenze ihres Reiches bis ans Ende von Tucuman in der jetzigen argentinischen Republik hinaus. Bald darauf, nachdem das Reich der Kinder der Sonne diese Ausdehnung erlangt hatte, drangen die Spanier m Niederperu ein und wagten sich schon 1538 auf die Hochebenen des jetzigen Bo >- vias, wo sie anfänglich tapfern Widerstand fanden. Doch siegten auch hier baio Börne 273 die spanischen Waffen, obgleich dieJndianer dieser Gegend bis ans unsere Zeit einen kräftigem Geist bewahrt haben als im Allgemeinen die von Niederperu. Als sich in diesen Gebirgen im Jahre 1780 unter dem Kaziken Kondorkanki, welcher sich Znka Tupac Amaru nannte, die ganze furchtbar gedrückte indianische Bevölkerung erhob, soll beinahe der dritte Theil der weißen und gemischten Bevölkerung Obex- perus vertilgt worden sein, und nur mit der größten Anstrengung gelang es der spanischen Regierung^ sich diesen wichtigen Theil ihrer südamerikanischen Besitzungen zu erhalten. Mit dem Beginn der südamerikanischen Revolution, welche bekanntlich aus verschiedenen von einander entfernten Punkten zu gleicher Zeit ausbrach, gehörte Oberperu zu den Gegenden, wo der Geist der Unabhängigkeit am ersten erwachte. Schon im Jul. 1809 hatte sich zu La Paz eine Junta gobecnativa gebildet. Die Ereignisse in Niederperu (s. Peru) hatten aber zur Folge, daß Oberperu am spatesten von der spanischen Herrschaft befreit wurde. Erst 1825 endigte hier der Freiheitskampf, nachdem das Land durch denselben unendlich gelitten, durch den Tod des spanischen Generals Olaneta, welcher nach der Capi- tulation des Vicekönigs La Serna den Krieg auf eigne Rechnung fortsetzte, dafür aber durch eine Meuterei seiner eignen Truppen das Leben verlor. Eine im Jul. 1825 in der Hauptstadt Chuquisaca zusammengekommene Versammlung sprach am 6. August die Unabhängigkeit des Landes aus. Im folgenden Jahre erhielt Bolivia eine von Bolivar und seinen Adjutanten entworfene Constitution (<7ocke Ilttlivluno) vom 18. Iun. 1820, welche von dem zu Chuquisaca seit dem 25. Mai versammelten Congresse den 25. August beschworen wurde. Dem Grundsatze dieser Verfassung gemäß wurde General Sucre, der große militairische Verdienste um die Befreiung Südamerikas hatte, zum lebenslänglichen Präsidenten erwählt. Er nahm die Würde nur auf zwei Jahre an und behielt 2000 Mann colombischer Truppen bei sich. Aber diese Verfassung erregte bald unter dem Volke großen Widerwillen; 1828 wurde die Partei Bolivar's, welcher man herrschsüchtige Absichten Schuld gab, gestürzt, die colombischen 2/uppen mußten Bolivia verlassen, und am 3. August wurde durch den Congreß zu Chuquisaca der Großmarschall Santa-Cruz zum Präfidenten der Republik erwählt, welche Würde derselbe seitdem behalten hat. In der letzten Zeit ist Bolivia wieder m Zwistigkeiten mit Peru verwickelt gewesen, über welche genügende Nachrichten fehlen. (29) Börne (Ludwig), ward 1784 zu Frankfurt am Main geboren, wo sein Bater, Jakob Baruch, Banquiergeschäfte trieb. Zu einer wissenschaftlichen Laufbahn bestimmt, erhielt er den vorbereitenden Unterricht in der Penfionsanftalt des Professor Hetzel zu Gießen, nach dessen Abgang zur Universität Dorpat der Statistiker Crome ihn als Pensionnair zu sich nahm. Als Bekenner des mosaischen Glaubens vom Staatsdienste ausgeschlossen, sollte B. sich der Arzneiwissenschaft widmen. Nachdem er etwa ein Jahr unter den Augen des ausgezeichneten Arztes Markus Hertz in Berlin studirt hatte, bezog er die Universität Halle, wo er seine wedicinischen Studien fortsetzte. Doch aller, sein Fortschreiten auf der betretenen Laufbahn begünstigenden Umstände ungeachtet, trat B. von derselben wieder ab; sti es, weil er der Medicin überhaupt keinen rechten Geschmack abzugewinnen vev- mochte, oder aber weil sich ihm um diese Zeit (1807) neue Ausfichten in Folge der politischen Veränderungen darboten, die auch auf die Stellung der Juden, in wehren deutschen Staaten wenigstens, einen bedeutenden Einfluß hatten. B. belog die Hochschule zu Heidelberg, wo er vornehmlich den Staatswissenschaf- len oblag. Von hier ging er 1808 nach Gießen und setzte daselbst jenes Studium mit ausgezeichnetem Erfolge fort. In seine Vaterstadt Frankfurt zurückgekehrt, ward B. von dem damaligen Großherzoge von Frankfurt im Ver- Conv.-Lcr. der neuesten Zeit und Literatur. I. 18 274 Börne waltungsfache angestellt und versah mehre Jahre hindurch die, freilich seinem eigenthümlichen Streben wol nur wenig entsprechenden Geschäfte eines Aerius bei der Polizeidirection. Die großen Ereignisse der Jahre 1813 und 1811 setzten nicht blos dem fernem Fortschreiten B.'s auf der betretenen Bahn des praktischen Staatslebens plötzlich ein Ziel, sondern er ward auch von den neuen Behörden des zu seiner alten Freiheit wiedergelangten Frankfurt von seiner Stelle mit einem Ruhegehalt entlassen. Von nun an erst konnte B.'s Geist, aller äußern Fesseln entledigt, jenen hohen Aufschwung nehmen, der ihn als politischen Schriftsteller auszeichnet. Er machte sich der literarischen Welt zuerst als Redacteur des frankfurter „Staats-Ristretto", durch die Herausgabe der „Zeitschwingen" und späterhin der „Wage" bekannt. Fanden aber diese Erzeugnisse eines nur Freiheit im edelsten Sinne des Wortes erstrebenden Geistes viel Beifall, so zogen ihm dieselben auch mancherlei Unannehmlichkeiten von Seiten Derjenigen zu, die darin nur Umwälzungsplane zu einer Zeit gewahren wollten, wo ohnehin der demagogische Unhold seinen Spuk in so vielen Köpfen trieb. So entzog ihm die großherzoglich hessische Regierung, auf Betrieb des bei derselben angestellten Gesandten einer großen deutschen Macht, das für die zu Offenbach gedruckten „Aeitschwingen" ertheilte Privilegium; nicht lange darauf aber ward B. sogar, auf Ersuchen eben dieses Gesandten, in seiner Vaterstadt Frankfurt verhastet, und wegen angeschuldigter Theilnahme an Verbreitung einer demagogischen Flugschrift in peinliche Untersuchung gezogen, deren Ergebniß jedoch seine vollkommene Unschuld erwies. Seit 1822 lebte B. zum großen Bedauern seiner Freunde fast in gänzlicher Zurückgezogenheit von allem literarischen Verkehr, theils in Paris, theils in Frankfurt und Hamburg, bis er endlich durch die Herausgabe seiner „Gesammelten Schriften" (10 Bde., Hamburg 1829—VI) ein neues Lebenszeichen von sich gab. Tritt schon in den frühern Bänden dieser Sammlung B.'s Individualität und sein subjectives Streben in kräftigen Zügen unverkennbar hervor, so liefern die „Briefe aus Paris" (2 Bde., Hamburg 1831), die auch den 9. und 10. Band der Sammlung bilden, ein vollendetes Bild des Mannes. Eine ausführliche Analyse oder Kritik dieser Gcistesproducte hier zu geben, gestattet weder der Raum noch der Zweck dieses Werkes; wir wollen daher blos die Gesichtspunkte andeuten, unter denen, um nicht ungerecht gegen B. zu sein, diese Erzeugnisse beurtheilt werden müssen. B. dürfte am passendsten mit jenen alten Satyrenschreibern und Epigrammatisten zu vergleichen sein, die zur Zeit des Verfalls der griechischen und römischen Sittlichkeit und Tugend, den Ausdruck ihres tiefen Unwillens über das Verderbniß ihrer Zeitgenossen in das Gewand eines gewissen moralischen Cynismus kleideten, theils weil sie wähnten, nur m dieser Form den beabsichtigten Eindruck auf die in Schlaffheit versunkenen Gemüther hervorbringen zu können, theils weil ihr eignes Gemüth zu sehr von Indignation ergrissen war, als daß sie es über sich vermocht hätten, diese Empfindung in anständigere Formen zu kleiden. Wir möchten B. einen politischen Cyniker nennen, dessen Beweggründe und Zwecke sicher die edelsten sind, der aber durch seine Schriften, namentlich durch die zuletzt erwähnten Briefe, vielfältig Veranlassung gibt, ihn zu verkennen. Unwille, daß es in Deutschs nicht so zugeht, wie er es wünscht, und die Meinung, daß sein Vaterland in tiefe Herabwürdigung versunken sei, aus welcher nur die Anwendung extremer Mittff wie man solche einem todtkranken Patienten reicht, es zu erwecken vermöge, leiteten seine. Feder. Unrecht aber thut man ihm sicherlich, wenn man ihn, w'.e es neuerlich oft von mehr oder minder unberufenen Kritikern geschehen, des Mangels an echter Vaterlandsliebe beschuldigt, und ihm die Absicht unterlegt, er wolle nur Witze machen, sei es auch auf Kosten der deutschen Nationalehre. Übrigens wob len wir noch bemerken, daß B., der im September 1830 wieder nach Paris ging- -M öd ,,2'ch». Bornhauser 275 M?. t., äs Wn lr«^ !/-Ä A« Ä-^'Ä r ..merp k'^ ii.. «!!'! schon 1617 zur christlichen Kirche evangelischer Confesston übertrat und bei dieser Gelegenheit seinen Familiennamen Baruch mit Börne vertauschte. (37) Bornhauser (Thomas), einer der eifrigsten Beförderer der politischen Umgestaltung in der Schweiz, ward den 26. Mai 1799 zu Weinfelden, einem Dorfe im Canton Thurgau, von unbemittelten Altern geboren. Die Zeitereignisse, in welche seine Jugend fiel, das Lesen Klopstock'scher Dichtungen, die Bekanntschaft mit der allgemeinen, besonders aber mit der schweizerischen Geschichte, weckten in ihm früh die Liebe zur Dichtkunst, zur Freiheit und zum Vaterlande. Mehr 'p'i der Wunsch, sich wissenschaftlich zu bilden, als die Vorliebe für den Stand, bewogen ihn, sich der Theologie zu widmen. Nachdem er bei einem Landpfarrer sich die nöthigen Vorkenntnisse erworben, ging er nach Zürich, wo er der Theologie, namentlich aber der Philosophie und Dichtkunst, mit großem Eifer oblag. War gleich sein literarisches und moralisches Leben tadellos, so wollten doch die Lehrer den trotzigen, über den Schulschlendrian sich kühn wegfetzenden Jüngling dadurch bandigen, daß sie seine Ordination um ein Jahr zurückschoben. In Weinfelden, wo er mehre Jahre eine Lehrerstelle bekleidete, schrieb er ein Trauerspiel: „Hans Waldmann", das aber nie zum Drucke gelangte. Er wurde 1824 Pfarrer zuMazingen. Hier schrieb er 1829 seine „Gemma von Art" (Trogen 1829), ein Trauerspiel, zu welchem eine alte Sage den Stoff bot. Kritiker tadelten den Mangel an Einheit, lobten hingegen die Lebendigkeit der Handlung, die Wahrheit der Charaktere und die Schönheit der Sprache. „Gemma" lebt auf der Bühne. Bald trat B. auch als politischer Schriftsteller auf. Seine „Rede beim Volksfeste am Stoß 1826", seine Abhandlung „Über Thurgaus bürgerliche Bildung und Schulwesen", vor Allem jedoch seine Flugschrift „Uber Verbesserung der thurgauischen Staatsverfassung", erregten außerordentliches Aufsehen. —- Auch im Thurgau war 1814 der Name der Mitten gemisbraucht worden, die freisinnige Verfassung von 1893 abzuschaffen, und dafür eine neue einzuführen, welche die Wahl zweier Dritttheile des großen Rathes unter den Einfluß des kleinen Ruthes stellte und dadurch die gesetzgebende Behörde von der vollziehenden abhangig machte. Diese dem Anscheine nach unbedeutende Veränderung des Wahlwesens trug bald ihre verderblichen Früchte. Der große Rath wurde von Jahr zu Jahr stummer, der kleine Rath willkürlicher, der Schleier, in welchen diese Verwaltung sich hüllte, dichter, der Nepotismus offener; die Volkserziehung lag danieder, die directen Abgaben nahmen ab, die indirekten zu, und mit Vorliebe wurden die Überreste des Feudalwesens gepflegt und verstärkt. Das Volk fühlte sich unbehaglich und maß den Personen bei, was Fehler des Systems war. Tiefer blickende Manner erkannten zwar den Sitz des Übels, aber sie schwiegen; denn obgleich sie das Märchen, daß der heilige Bund jede Veränderung an der Verfassung mit Waffengewalt unterdrücken werde, nicht glaubten, so schien ihnen doch das thurgauische Volk keines Aufschwungs für die Freiheit fähig, oder sie fanden ihre Rechnung bei der Bevormundung desselben Anders dachte und handelte der Pfarrer in dem kleinen Dorfe Mazingen. Es ward ihm warm ums Herz, als er die Natternbrut der Aristokratie im jungen Lande der Freiheit sich einnisten sah, und er beschloß schon 1826, eine Reform der Verfassung herbeizuführen, koste es, was es wolle. Besser zu seinem Ziele zu gelangen, schlug er einen zweifachen Weg ein, er wirkte auf das Volk und auf die Negierung zugleich. Zu jenem bot das Ehehaftengesetz, das gewisse Berufsarten, z B. Wirthschaften, Mühlen, Ziegelbrennereien, Schmieden, zu Vorrechten erHeven wollte, eine bequeme Gelegenheit dar. In mehren öffentlichen Blättern zeigte V. das Unfreie und Schädliche solcher Vorrechte, und stellte dieses Gesetz als den Vorläufer größerer Beeinträchtigungen der Freiheit dar. Diese Prophezeiung fand um so eher Glauben, da bald eine Flugschrift erschien, in welcher der Regie- vungsrath Frcienmuth den gesteigerten Credit für die Quelle der wachsenden Ver- 18* 276 Bornhauser armung deS Volkes erklatte, und vorschlug, daß ekn Gesetz Jedem den Ankauf vo» Liegenschaften verbiete, der nicht baar oder in einer gewissen Zeitfrist die Hälfte des Werthes bezahlen könne; daß die Verpfandung von Hausern verboten; daß eine Grundsteuer eingeführt werde, ohne Rücksicht, ob die Liegenschaften verschuldet seien oder nicht. B. griff jene Schrift in der „Appenzeller Zeitung" an, indem ec zeigte, daß solche Maßregeln allmälig alles Eigenthum in die Hände einiger Caps.- talisten bringen müßten. Sein Ansehen stieg. Da seine frühern Vorschläge zur Verbesserung des Schulwesens und zur Verbreitung vaterländischer Geschichtskunde in der gemeinnützigen Gesellschaft wenig Anklang gefunden, so suchte ersetzt die neuentstandenen Sängervereine zu benutzen, um das Volksleben zu wecken. Ebenso beleuchtete er in der „Appenzeller Zeitung" die thurgauische Staatsversis« sung, deren aristokratischer Mechanismus bis jetzt nur Wenigen bekannt war. Doch vergaß B. keineswegs seinen Plan, auch die Regierung günstig zu stimmen. Die Spannung, die schon lange zwischen Freienmuth's und Morell's Partei im kleinen Nathe herrschte, schien ihm das Werk zu erleichtern. Im Inn. 1830 schrieb er an Landamman Morell, und beschwor den kinderlosen Greis bei der Asche seines Sohnes, die Hand zur Verbesserung einer Verfassung zu bieten, die den Keim der verderblichsten Knechtschaft in sich trage. Morell nahm die Zuschrift zweie günstig auf, aber das Alter machte ihn bedächtig und zögernd. Da kam die Julius« revolution in Frankreich, ein Ereigniß, das die Schweiz wie ein Blitz durchzuckte und auch im Thurgau zu kühnerm Auftreten ermunterte. Nachdem B. und Merk im September 1830 die Reform der Verfassung bei der gemeinnützigen Gesell« schaff vergebens zur Sprache gebracht hatten, so beschlossen sie, sich an das Voll zu wenden, das am Untersee durch den Bezug der Ehehaftengebühren und in Tobel durch einige Freiheitsfreunde angeregt, sich laut für die Reform der Berfas« sung erklarte. B.'s Schrift „Über die Verbesserung der thurgauischcn Staatsverfassung" wurde mit Heißhunger verschlungen; und in aller Herzen widerhallte der Schluß derselben: „Der Hahn hat gekräht, die Morgenröthe bricht an, Thur- gauer, wachet auf, gedenkt eurer Enkel und verbessert eure Verfassung!" Am 18. Oct. traten in Weinfelden 30 Männer zusammen, die eine Bittschrift an den großen Rath beriethen, zu deren Abfassung B., Merk und Nägele den Auftrag erhielten. Vier Tage später unterzeichneten sie 2500 Bürger. Diese Petition federte den großen Rath auf, das Werk der Verfassungsreform zwar unverzüglich vorzubereiten, den Entwurf aber einer vom Volke gewählten Commission, und die Bestätigung den Kreisen zu überlassen. Diese Volksversammlungen und das Verlangen einer conftituirenden Commission wurden bald auch in andern Cantoma nachgeahmt. Volksversammlungen und Verfassungscath war das Zauberwort, dem die Schweiz ihre volle Verjüngung verdankt. Wäre die Verbesserung nicht von unten herauf, sondern von oben herab gekommen, so wäre das Werk auf halbem Wege stehen geblieben. Im ^jhurgau bot die Regierung, die des Volkes Stimmung so wenig kannte als die eigne Schwäche, Alles auf, Meister der Bewegung zu bleiben. Da die Amtsdauer der einen Hälfte des großen Ruthes mit dem letzten Decembor zu Ende ging, so beharrte sie darauf, daß derselbe noch ein Mal auf alte Weise durch Wahlcollegien ergänzt, und ihm dann die Revision der Verfassung, wie jedes andere Gefetz, überlassen werden müßte. Am 28. Oct. soll- ten die Wahlen der Kreise vor sich geben. Es war zu spät. Nach der Landsgp meinde von Weinfelden erklärten die 32 Kreise einstimmig, daß sie nicht mehr nach der alten fehlerhaften Weise wählen würden. Jetzt gingen dem kleinen Rache die Augen auf; der Vorschlag, die Hülfe des eidgenössischen Vorortes (Bern) anzurr- fen, schien eitel, und der große Rath wurde auf den 8. November außerordentlich versammelt. Dieser vernahm das Gesuch der 2500 von Weinfelden, und bejchloS im Gefühle seiner Ohnmacht abzutreten, und einem neuen großen Rache Platz ÄH,, Bornhauser 277 wachen, dessen Wahl zu zwei Lritttheilen dem Volk« und zu einem Drltttheil e!« nem durchs Volk bezeichneten Wahlcollegium überlassen wurde. Ob dieser neue große k Mach blos provisorisch sei, ob er die Verbesserung unverzüglich vornehmen und sie den Kreisen zur Bestätigung vorlegen müsse oder nicht, das Alles blieb unbestimmt. Das Volk witterte, daß man der liebgewonnenen Machtherrlichkeit nicht aufrichtig entsagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, wieder ans Nuder zu gelangen ' und bei günstigen Umstanden diese Unbestimmtheit nützen zu können. Die Führer des Volkes waren verlegen, der große Rath hatte zu wenig gethan für sichern Sieg der Freiheit und zu viel für festen Widerstand; es war eine halbe Maßregel. In Wfche andern Cantonen schienen sich die Freisinnigen mit solchen halben Maßregeln be- gnügen zu wollen. Im Thurgau war die Stimmung getheilt. Um über diese Wch ^ ^ Stimmung ins Reine zu kommen, beschloß man, aus jedem Kreise etwa zwei Ver- >d traute auf den 18. Nov. nach Weinfelden einzuberufen; weil aber die Einladung rn, : nicht geheim genug geschah, so erschienen daselbst etwa 3000 Mann. Bei gehal- tener Umfrage ergab es sich, daß einige Kreise an der Petition der 2500 festhal- ^ andere dem Gesetze vom 9. Nov. Folge leisten, und noch andere nur mit In- struttionen wählen wollten. Diese Verschiedenheit der Ansichten schien umso bedenk- ^er, da die Aristokraten nicht ohne Erfolg auf das Mistrauen beider Confessionen hatten. Darum trat B. vor dem versammelten Volke auf, warnte vor Zwietracht, rieth, daß die Kreise die Wahlen nach dem Gesetze vornehmen, aber WlchMM auch sieben Punkte als Instruction festsetzen möchten. Das Wesentliche dieser Punkte, unter dem Namen der „sieben guten Raths" bekannt, bestand darin, daß der neue große Rath sich nur für provisorisch ansehen, daß er die Wünsche des Vol- WMA M iz kes über die Verfassung einholen, und das neue Grundgesetz den Kreisen zur Ge- WchmMG nehmigung vorlegen, daß er die directen Volkswahlen und die Öffentlichkeit in die- irMMik-M ses Gesetz aufnehmen möchte. Diesen guten Rathschlägen, die vom Volke jauch- lerAlM'M zend angehört und nachher von 27 Kreisen zur förmlichen Instruction erhoben ÄWaiiM? wurden, dankte man es, daß die Eintracht wieder befestigt, und am 25. Nov. man- MuM M. cher Aristokrat übergangen wurde, der sich nicht dazu verstehen wollte, Auftrage MM M vom Volke anzunehmen. Die Wahlen sielen gut aus, die Freunde der Reform, W imMu; unter ihnen der gewandte Eder und der feurige Keller, hatten das Übergewicht, l, MchMlch Wie man B. früher den geistlichen Stand oft vorgeworfen hatte, so sollte dieser ihn jetzt ganzlich von dem Werke entfernen, das vorzüglich er angebahnt hatte. Das ^ Gffetz vom 9. Nov. gab dem Volke die Wahl frei unter allen weltlichen Bürgern, MÄG lM nur die Geistlichen schloß es davon aus, obgleich weder die Verfassung von 1803 noch diejenige von 1814 etwas von solcher Ausschließung sagte. Und doch ruhte, da Keller noch nicht bekannt und Eder bei beiden Confessionen verdächtigt worden . sj war, des Volkes ganzes Vertrauen auf B. Die 15 Kreise verlangten daher aus- ' drücklich, daß B. den Berathungen über die Verfassung als Ehrenmitglied beiwoh- ^ ' tikDU nen sollte. Bereitwillig nahm ihn der neue große Rath zuerst in die Sechzehner- commission und dann in die eigne Mitte auf. So war das schielende Gesetz vom ' 9. Nov. allmälig verbessert, und wenn auch nicht dem Namen, doch der Sache ein Verfassungsrath ins Dasein gerufen worden, der bis nach beendigter Re- ^sorm der Verfassung, auch die Verrichtungen eines großen Rathes übte. Die Ver- > ->z, Kl.^ Weigerung der auf den 28. Oct. angeordneten Wahlen und die am 25. Nov. vor- ^ «4 dir ^' Mommenen Verbesserungen des Gesetzes vom 9. Nov. sind zwei Äußerungen der Ä ^Kkssouverainetät, die den Gang der thurgauischen Staatsveränderung auf eine eigenthümliche Weise bezeichnen. Diese besonnene Festigkeit erbitterte die Ari- ^^aten, deren Ränke sie vereitelte. Unermüdet wurde die Behauptung wieder- ^ ^ s^ diesen Männern der Freiheit nur um Ämter zu thun, die Reformirten ^!!' möchten sich vor Eder als einem verkappten Jesuiten hüten, die Katholiken aber B., ^ die Klöster aufheben wolle, nicht trauen. Besonders wurde B. von mehren Sei- 278 Bornhauser KW k l2 ten gewarnt, als sei sein Leben bedroht, und der Nachtwächter zeigte ihm an, er habe in nachtlicher Stunde verdachtige Gestalten vor B/s Schlafzimmer gesehen. Da klopfte ! am 2. Jan. 1831 Morgens 4 Uhr Haberle, ein dem Volke als Anwaltund Geldmak- I ler verhaßter, aristokratisch gesinnter Mann, an die Pfarrwohnung in Mazingen wecke B. aus dem Schlafe und legte, von diesem freundlich aufgenommen, einen scharfgeschlissenen Dolch auf den Tisch unter der Äußerung, er sei in Versuchung gewesen, mit diesem Werkzeuge an ihm zum Mörder zu werden. Da Häberle zu gleicher Zeit ein Neues Testament aus der Tasche zog, um seine Ansichten vom göttlichen Rechte der Obrigkeit damit zu beweisen, so wußte B. ihn hinzuhalten, bis seine Gattin und Magd aufgestanden, worauf er den religiös-politischen Schwärmer entließ mit dem Vorsatze, den Vorfall zu verheimlichen. Die Erscheinung dieses verdachtigen Gastes aber, der überdies viel von einer Verschwörung sprach, die gar leicht an diesem Tage im Rathssaale selbst zu blutigen Auftritten sich, ren könnte, machte B/s Frau so besorgt, daß sie ihn der Sitzung des großen Na- thes nicht anders beiwohnen lassen wollte, als wenn zwei ins Geheimnis eingeweihte Manner darüber wachten, daß weder Haberle noch sonst ein Verdächtiger an seine Seite sich dränge. Dem Umstände, daß diese vermuthlich das auferlegte Stillschweigen nicht streng genug beachteten, sind die spätem Austritte zuzuschreiben. Zwar ging der 3. Jan. ruhig vorüber, am 4. aber wurde der große Rath plötzlich in seinen Verhandlungen unterbrochen. Dumpfe Gerüchte hatten sich verbreitet, B. sei ermordet worden. Mehr als 1500 Männer strömten buntdttvaff- net und wuthentbrannt nach Frauenfeld, dem geliebten Tobten eine schreckliche Lci- chenfackel anzuzünden. B. suchte zwar durch seine Gegenwart und durch die Versicherung, er sei nicht angetastet worden, sowie durch offene Briefe die Zürnenden zubeschwichtigen; sie beharrten aber darauf, daß Häberle gefangengesetzt und verhört werde, und da dieser, dem es vor der wachsenden Volkswuth bangte, schriftlich dasselbe Begehren aussprach, so geschah es. Am folgenden Tage wiederholte sich dieser Auftritt, weil das Volk zweifelte, daß Häberle, in welchem es nur das Werkzeug einer größern Verschwörungwrblickte, sicher bewacht, unparteiisch verhört und gerichtet werde. Auch jetzt that B. Alles, um Ausschweifungen zu verhüten, selbst auf die Gefahr hin, die Volkswuth auf sich zu ziehen. Später, als manche Umstände sich geändert, wurde Häberle vom Verdacht eines Mordversuchs freigesprochen, und sein Schritt nur für ein polizeiwidriges Benehmen erklärt. Das Volk fand das Urtheil erklärlich, aber in den Acten Manches räthselhast; die am stokratischen Blätter hingegen tadelten bitter, daß B. die Sache nicht ganz verschwiegen habe. Brachte der Häberle'sche Handel auf der einen Seite einigen Schatten in das bis jetzt heitere Gemälde der Verfassungsreform, so hatte et auf der andern den Vortheil, daß auf diese nachdrückliche Erklärung des Volkes alle Gegenstrebungen der Aristokraten aufhörten. Rasch begann die Verfassung»' commission, von B. geleitet, von Eders Gewandtheit und Erfahrung, von Keller's consequenter Freisinnigkeit unterstützt, ihre Arbeiten. Bald war der Entwurf vollendet. Anerkennung der Volkssouverainetät, Rechtsgleichheit der Bürger, dirccte Wahlen des Volkes für den großen Rath, kurze Amtsdauer der Behörden, Trennung der Gewalten, Petitionsrecht, Öffentlichkeit, Preßsreiheit, Religisnsduldung für alle christliche Confessionen, Streben für bessere Volkserhebung — das sind die Hauptgrundlagen, aus welchen diese Verfassung ruht. Wenn sie dieses mehr uns minder mit andern neuen schweizerischen Verfassungen gemein hat, so ist die schatt- Trennung der vollziehenden Behörde von der gesetzgebenden und ein gewisses streben nach inniger Vereinigung in der Schweiz ein Zug, der ihr eigenthümlich angehört. Dasselbe gilt auch von dem Ausschuß, den der große Rath in bedenklichen Zeiten zu ernennen hat. Die Verfassung wurde, nachdem der große Rath em>^ Veränderungen am Entwürfe der Sechzehncrcommisiion vorgenommen hatte, a Borowski 279 Von anwesend, und von Viesen slimmren sur Annahme uno für Verwerfung. Die Abwesenden wurden weder für noch gegen in Rechnung gebracht, und das neue Grundgesetz erhielt förmlich die Genehmigung des Volkes. Da nun die Gesetzgebung nicht minder wichtig ift als die Reform der Verfassung, so wird es als ein Gewinn betrachtet, daß Eder und Keller wieder in den großen Rath gewählt, ja jener zum Präsidenten desselben ernannt wurde. Ebenso werden die beiden neuen Regierungsrache Merk und Staheli, besonders der Letztere, für Stützen der freisinnigen Grundsatze angesehen. B. aber, dem man so oft Ämtcrsucht vorgeworfen, erklarte schon früher, als er die bürgerlichen Rechte der Geistlichen vertheidigte, daß er ins Privatleben zurücktreten werde, sobald das Werk der Verfassung vollendet sei. Er hat Wort gehalten. In Arbon, an den freundlichen Ufern des Bodensees, lebt er seinem Berufe als Pfarrer, und widmet die Zeit, welche ihm die Sorge für seine Gemeinde übrig laßt, dem Dienste der Musen. Seine Leier singt von Freiheit, Vaterland, Liebe und Natur. Das Publicum erwartet von ihm eine Sammlung von Liedern, und wenn diese den Proben entsprechen, die bis jetzt in mehren öffentlichen Blättern erschienen sind, so steht V. bald in der Reihe der vorzüglichsten Lyriker Deutschlands. (29) Borowski (Ludwig Ernst von), Erzbischof der evangelischen Kirche und Gmeralsupcrintendcnt von Ost- und Westpreußen, wurde 1749 zu Königsberg geboren, wo sein Vater Küster an der Schloßkirche war. Er begann seine theologischen Studien bereits 1755 aus der Universität seiner Vaterstadt, wo die deutsche Gesellschaft ihn 1756 in ihre Mitte aufnahm und bald nachher zu ihrem Bibliothekar machte. Der Feldmarschall von Lehwald berief ihn 1762 zum Fcloprediger seines Regiments, das im Lager bei Sorau stand, als B. seine Stelle antrat. Aus seinen Kriegswanderungen fand er Gelegenheit, mit mehren bedeutenden Männern, unter Andern mit Geliert, Bekanntschaft zu stiften. Er wurde 1779 Erz- priester, wie damals die Superintendenten hießen, und erster Prediger zu Schaaken, und 1783 Pfarrer des Neugroßgärtncr Kirchspiels in Königsberg, wo er seitdem als Geistlicher und als ausgezeichneter Geschäftsmann durch Schriften über die kirchlichen Verhaltnisse seiner Provinz wirkte und im vertrauten Umgange mit Kant und Hippel lebte. Seine Schrift: „Darstellung des Lebens und Charakters Immanuel Kant's" (Königsberg 1694), die Kant selbst durchsah und berichtigte, ist ein Aeugniß des innigen geistigen Verkehrs, worin B. mit dem großen Denker stand. Zum Mitglied des Kirchen- und Schulcollegiums und bald nachher zum Consistorialrath ernannt, sah er sich seit 1793 in einen Wirkungskreis versetzt, der sich über die ganze Provinz erstreckte. Der Aufenthalt der königlichen Familie in Königsberg brachte ihn seit 1897 in Verhältnisse, die ihm das persönliche Vertrauen des Königs erwarben. Er wurde 1899 Oberconsistorialrath und Vorstand der Deputation für Kirchen- und Schulangelegenheiten. Die theologische Facul- tat zu Königsberg ertheilte ihm 1811 die Doctorwürde, 1812 ward er Generalsuperintendent von Ostpreußen, 1815 Oberhofprediger, 1816 Bischof der evangelischen Kirche und 1829 Erzbischof. Er erhielt 1818 den rothen Adlerorden erster Elasse und 1831 den schwarzen Adlerorden. Seine Erhöhung, die ihn aus dem Kreise seiner Amtsgcnossen zu entrücken schien, änderte nicht sein brüderliches Betragen gegen sie. Pünktlich und gewissenhaft in der Erfüllung seiner Berufspflichten, hatte er stets die Beförderung des kirchlichen Interesse und die Vertretung der Geistlichkeit im Auge. Seine theologischen Ansichten hielten sich streng an die orthodoxe Lehre, dabe) aber war er gegen Andersgesinnte liberal und immer bereit, in wissenschaftliche Erörterungen einzugehen. Seine Predigten zeichneten sich durch Lebendigkeit, Einfachheit und erbauliche Kraft aus. Die geistige Leben- 2S0 Bosse digkelt, die ihm von Jugend an eigen gewesen war, blieb ungeschwacht bis in sein s: hohes Atter, sein Gedachtniß hinsichtlich aller, seine Geschäfte betreffenden Einzel- Z heiten bis in seine letzte Lebenszeit treu, und ungeachtet sein körperliches Ansehen k ihm jede Anstrengung zu untersagen schien, so lebte doch der Greis auf der Kanzel l und im Gespräche wieder zu geistreichem Streben auf. Im Herbste 1831 von einem rheumatischen Übel ergriffen, das seit mehren Jahren wiedergekehrt war, stirb er am 10. November und ward am 22. mit außerordentlicher Fcierlichkeit-begraben. Bosse (Rudolf Heinrich Bernhard), vormaliger braunschweigischn Staatsrath, wurde den 23. April 1778 zu Braunschweig geboren. Nachdem er, bei glücklichen Geistesanlagen, unter der Leitung eines gelehrten Vaters seine Schulstudien vollendet, und auf der Universität zu Helmstadt und spater in Göttingen mehr den Wissenschaften, die seiner Neigung zusagten, als dem Studium der Theologie, auf welches er angewiesen worden, obgelegen hatte, erregte er durch einige Schriften: „Über Hochverrath, beleidigte Majestät und verletzte Ehrerbietung gegen den Landesherrn" (Göttingen 1802) und „Grundzüge des Finanzwesens im römischen Staate" (2 Bde., Braunschweig 1804) die Aufmerksamkeit des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, der ihn als Secretair bei der geh. Kanzlei anstellte. Nach der Errichtung des Königreichs Westfalen erhielt er 1808 eine Anstellung als Staatsrathsauditoc zu Kass^., arbeitete unter Johannes von Müller, der ihn auszeichnete, bei der Studiendirection, wurde später Mitglied der Oberrechnungskammer und 1812 in den westfälischen Ritterstand erhoben. Der in B. liegende Keim des Ehrgeizes wurde durch die ihm widerfahrenen Auszeichnungen rasch gezeitigt, und die Richtung seines ganzen künftigen Strebens dadurch bestimmt. Die Ereignisse des Jahres 1813 durchkreuzten seine fernem Plane. Er kehrte in sein Vaterland zurück und ging zur Zeit des Congresses nach Wien, vielleicht um dort eine, seinen Ansprüchen zusagende Anstellung zu erhalten, war aber, als ihm dieses fehlschlug, genöthigt, wieder nach Braunschweig zu gehen, wo er als Kammerassessor, ohne Sitz und Stimme im Eollegio, angestellt wurde. ! B. lebte von nun an eine Reihe von Jahren hindurch in stiller Zurückgezogenheit und widmete die ihm von seinen, auf das Rechnungswesen beschränkten Berufsgeschäften übrig bleibende Zeit literarischen Beschäftigungen. Es mochte Manchem damals auffallend erscheinen, daß einem Manne, dem ein Karl Wilhelm Ferdinand die Bahn des öffentlichen Dienstes eröffnet, dessen Talente die Fremdherrschaft anscheinend in ausgezeichneter Weise zu würdigen gewußt hatte, sein Vaterland eine Stellung versagte, die ihm die nutzenbringende Entfaltung seiner Kräfte im Dienste desselben gestattet hätte, und die ungünstige Meinung seiner Mitbürger, die B. sich durch fein Benehmen zur Zeit der westfälischen Herrschaft zugezogen hatte, konnte, bei seiner übrigen Unbescholtenheit vor dem Gesetze, wenigstens auf die Dauer nicht als die alleinige Ursache davon angesehen werden; die braun- schweigische Regierung aber, und insbesondere ein Mitglied derselben, der Geheimrath von Schmidt-Phiseldeck, welcher B. in seiner Wirksamkeit zu Kassel kennen gelernt hatte, erachtete die Erhebung desselben zu einem bedeutendem Wirkungskreise nicht für einen Gewinn, indem es ihm, was er auch in einer spätem Zeit beurkundete, an den unentbehrlichsten Erfodemissen geschäftlicher Tüchtigkeit, an Takt und praktischem Blick, gänzlich mangelte. Es scheint, daß sich in B. von dieser Zeit her eine feindselige Stimmung gegen Schmidt-Phiseldeck, den er für den Urheber seiner Zurücksetzung hielt, gebildet habe. Er reiste 1825 nach Paris, und sein dortiger Aufenthalt siel in dieselbe Zeit, wo Herzog Karl von Braunschweig auf einer längern Reise durch Frankreich und England daselbst verweilte. Mit diesem Zusammentressen wurde nachmals die entfremdete Stimmung, welche der Fürst von seiner Reise gegen seine damaligen Rache, insbesondere den einsichtsvollen und unerschrockenen Geheimrath von Schmidt, zurückbrachte, und woraus Böttiger ' 2LI später der bekannte Ausbruch eknes maßlosen Hasses gegen diesen hervorging, in Verbindung gesetzt. B. wurde im Herbste 1826 plötzlich in das Ministerium als Mitglied mit beratender Stimme und zugleich in das Cabinet berufen, dessen bisheriger unschädlicher Wirkungskreis von nun an eine unheilvolle Ausdehnung erhielt, auch einige Zeit darauf zum Staatsrath ernannt. In welchem Umfange er von diesem Zeitpunkte an Einfluß auf den Gang der öffentlichen Angelegenheiten im Heczogthume Vcaunschweig ausgeübt habe, ist zwar nicht genau nachzuweisen, doch ist dieser Einfluß im Allgemeinen jedenfalls gewiß ein verderblicher gewesen. B. war dem Herzoge Alles, was dieser von einem Diener verlangte, unterwürfig, unbedingt willfährig, und gab er auch, wie Einige, die ihm naher gestanden, glauben wollen, nicht gerade den Impuls zum Bösen, so war er doch zu schwach, es zu hindern, und wirkte so, verbunden mit seiner Unfähigkeit als praktischer Geschäftsmann, negativ zum Unheil, was in einer Stellung, wie der seini- gcn, einem selbständigen, Handeln in derselben Beziehung fast gleichsteht. Die öffentliche Stimmung, die nie ganz trügt, hat hierin einmüthig gegen ihn entschieden. Seit der Umwälzung im September 1836 ist er pensionnirt und lebt wie früher seinen Wissenschaften. Als Schriftsteller ist B. mehr talentvoller Com- pilator und Verarbeiter gegebener Stoffe als selbstschaffender Geist, am meisten noch in seiner Sphäre, wenn er sich auf einen allgemeinen Standpunkt der Betrachtung erhebt, und dann nicht ohne Ideen. Seine bekanntern Schriften, außer den bereits angeführten und vielen in Zeitschriften zerstreuten Aussätzen, sind: „Übersicht der französischen Staatswirthschaft bis zum Finanzplane von 1866" (2 Bde., Braunschweig 1867) ; „Uscziüsse >Ue ür stntistchue generelle et zmrti- culiere dir ro ^aume de VVesss,ir-die" (Braunschweig 1868); „Lssni surl 'Iristoirs de I'economie ziolitchne des penples modernes" (Leipzig 1818); „Darstellung des staatswirthschaftlichen Auslandes in den deutschen Bundesstaaten auf seinen geschichtlichen Grundlagen" (Braunschweig 1826); „Geschichte Frankreichs, besonders der dortigen Geistesentwickelung, von der Einwanderung der Griechen bis zum Tode Ludwigs XV." (Leipzig 1829). Böttiger (Karl Wilhelm), wurde seinem Vater Karl August Böttiger am 15. Aug. 1796 zu Budissin geboren, dann in Weimar erzogen, von 1804 — 8 auf dem Gymnasium in Gotha zur Universität vorbereitet und 1811, nach feinen in Leipzig gemachten theologischen Studien, in Dresden examinirt. Nachdem er 1812 die philosophische Doctorwürde erworben, ging er nach Wien, wo der ehemalige sächsische Gesandte, Graf von Schönfeld, die Führung seines jüngern Sohnes ihm übertrug; zugleich aber ward er durch die denkwürdige Zeit selbst, durch einige Bekannte und die Schatze der Hofbiblio- thek für das Studium der Geschichte gewonnen. Der wiener Eongreß ge» wahrte neuen Antrieb. Er ging im Herbste 1815 auf ein Jahr nach Göttingen, theils um Heeren's Vorträge, theils um für das Studium besonders der deutschen Geschichte die dortige Bibliothek zu benutzen. Heinrich der Löwe war schon in Göttingen, wie auf Reisen nach Braunschweig und Hanover, Gegenstand seiner Nachforschungen und einer lateinischen Abhandlung, durch welche er sich 1817 zu Leipzig habilitirte, worauf später seine größere, mit verdientem Beifall aufgenommene Biographie dieses berühmten Welsen (Hanover.1819) folgte. Als Privat- docent und seit 1819 als außerordentlicher Professor in Leipzig, hielt er Vorlesungen über sächsische und deutsche Geschichte. Er wurde Mitarbeiter an den leipziger und hallischen Literaturzeitungen, an Beck's „Repertorium", an Ersch und Gruber's„Encyklopädie",am„Conversations-Lexikon", an den „Blättern für litera- rhche Unterhaltung", am „Hermes", und lieferte in Rochlitz's „Mittheilungen" und der „Urania" Schilderungen des Herzogs Heinrich, des Kurfürsten Moritz und der letzten Altthüringer. Zu den „Briefen von Joseph II." (Leipzig 1822) schrieb 262 Bourmont er zwei historische Einleitungen. B. erhielt 1821 den Ruf zu der, durch Meusel's T od erledigten Professur der Geschichte und Literatur an der Universität Erlangen. Er zog mit vielen Hoffnungen der neuen Heimath zu; er glaubte kräftig in das kräftige wissenschaftliche Emporstreben Baierns mit eingreifen zu können, und sah aus andern Beispielen, daß redliches Wirken vom Staate nicht zu späte Anerkennung erhielt. Die Ausarbeitung ganz neuer Vortrage, besonders im Fache der allgemeinen und bairischen Geschichte und Statistik, einige lateinische Druckschriften zum Eintritt in den Senat und die Facultät, bald auch freiwillige Übernahme mehrer Ämter beim Polizei-, Witwencassen- und Verwaltungsrathscollegium machten ihn bald heimisch. Schon 1822 erhielt er die zweite Stelle an der Universitätsbibliothek. Bereits Mitglied mehrer gelehrten Gesellschaften, trat er auch zu der frankfurter Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, von deren wichtiger Aufgabe eine seiner kleinen Schriften: „De opero, llistorias Eermomoe recen- tissiine nuvuw" (Erlangen 1821) handelte, und für welche er einen lateinischen Codex der erlanger Bibliothek verglich. Dem hin und wieder bemerkten Mangel an Vorken ntnissen glaubte er durch mehre, einen ausgewählten historischen Stoff mit lebendiger Darstellung und Wohlfeilheit des Preises verbindende Bücher, wie seine „Allgemeine Geschichte für Schule und Haus" (Erlangen, dritte Aufl. 1827) und seine „Deutsche Geschichte" (Erlangen, fünfteAufl.1832) abhelfen zu können. Seine politischen Überzeugungen sind die, welche die Geschichte selbst gewährt, also keinem Extreme entsprechend; seine moralische hat er am Schlüsse seiner deutschen Geschichte ausgesprochen. Einige Jahre beschäftigte ihn außer seinen Amtsarbeiten die „Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen", die als eins Abtheilung der von Heeren und Ukert herausgegebenen „Europäischen Staatengeschichte" (Hamburg 1830 — 31) in 2 Bänden erschien; ein Werk fleißiger Forschung. Die Arbeit, welcher er sich jetzt widmet, soll die Geschichte Baierns, nicht blos in der bisherigen Beschränkung auf Altbaiern, sondern in weiterer Ausdehnung auf die frühere M)einpfalz und auf die spätem Erwerbungen in Franken, Rheinbaicm u. s. w., darstellen. Vielleicht kann der Verf. dadurch mitwirken, in Nachweifung alter wechselseitiger Bande jene Mistöne beschwichtigen zu helfen, welche mitunter zwischen den Alt- und Neubeuern vernommen werden. Dem verstorbenen König hat er in den „Denkmälern verdienstvoller Deutschen" und umfassender in den „Zeitgenossen" (dritte Reihe, Nr. V), zum Theil aus nicht Jedem zugänglichen Nachrichten, ein würdiges Andenken gesetzt, treu und wahr, ohne jene Lobesübertreibungen, die alle Geschichte und Schilderer wie Geschildertes selbst verdächtigen könnten. Bourmont (Louis Auguste Victor de Ghaisne, Graf v.), Karls X. Kriegsminister, Exmarschall von Frankreich, der Eroberer Algiers, war geboren 1773 auf dem Schlosse Bourmont in Anjou. Als Offizier bei den französischen Garden wanderte er aus und trat in die Armee des Prinzen Conde. Dieser gab ihm den geheimen Auftrag, einen Aufstand in den westlichen Departements vorzubereiten, nach dessen Vollziehung kehrte er zu dem Prinzen zurück und blieb in besten naher Umgebung bis Ende Octobers 1793, wo er sich in das Hauptquartier des Herrn von Scepeaux begab, welcher eine Abtheilung des Jnsurgentenheeres in der Vendee befehligte. Hier wurde B. zum Generalwachtmeister der Armee und zum Mitglieds des hohen Jnsurgentenrathes in der Provinz Maine ernannt. Jw December 1793 sandte ihn der Vicomte de Scepeaux nach England, um die Ab- sendung der versprochenen Unterstützungen bei dem englischen Ministeriums betreiben. Er richtete wenig aus; doch hatte er das Glück, in dem Schlosse Ho- Zyrood zu Edinburg, dem damaligen Wohnsitze des Grafen von Actois, eine überaus günstige Aufnahme zu finden. Dem Prinzen gefiel V. >o sehr, da? er ihn, was sonst nur ein königliches Vorrecht war, durch die feierliche Umarmunz (Accolade) zum Ritter des heiligen Ludwig erhob und ihm zugleich das Recht cr- MW Bourmout 283 KZ » ! >W, V-? es-' ,B"-' theilte, den Edclleuten, die in der Vendee kämpften, namentlich dem Vicontte de Scepeaux, diesen Orden zu verleihen. Nachdem General Hoche .1/796 die Vendee beruhigt hatte, begab sich B. nach England, von wo er, als 1/799 die Unruhen in den westlichen Departements aufs Neue ausbrachen, nach Frankreich zurückkehrte und in der Provinz Maine eine Abthcilung Chouans befehligte, an deren Spitze er am 16. Ott. die Stadt Maus im Departement der Sarthe eroberte. Man macht ihm den Vorwurf, daß feine Truppen daselbst die öffentlichen Cafsen geplündert, verwundete Soldaten ermordet, und die Acten in dem Archive des Stadthaufes, unter andern auch eine kostbare Sammlung zur Geschichte von Mans seit 1481 in 60 Banden, verbrannt haben. In der Folge mußte er sich, wie einige andere Jnfurgentenchefs, der Republik unterwerfen, was aber der Oberbefehlshaber, Georges Cadoudal, einen Abfall nannte. B. schien jetzt die Sache des Königs g'M; aufzugeben und ließ sich in Paris nieder. Er hatte sich damals mit dem Fraulein von Becdelievre, aus einer alten Familie der Bretagne, vermahlt. Es gelang ihm, sich die Gunst des ersten Confuls zu erwerben. Als dieser der Gefahr der Höllenmaschine entgangen war, zeigte ihm B. an, daß Jakobiner die Urheber des Mordverfuchs waren. Dies machte ihn dem Polizei- minister Fouche verdachtig. Weil nun in der Folge der Verdacht gegen ihn zunahm, so ließ iyn Fouche' 1803 verhasten. Im Jul. 1805 gelang es B., aus der Citadelle zu Besancon nach Portugal zu entfliehen, wohin er auch seine Familie kommen ließ. Als der Herzog von Abrantes (Junot) Portugal besetzte, wußte er sich bei demselben zu rechtfertigen; er wurde, bei der Räumung des Landes, in die Lapitulation mit eingeschlossen und kehrte nach Frankreich zurück, wo Fouche nicht mehr Polizeiminister war. In Paris bewies er dem Kaiser so viel Ergebenheit, daß dieser ihn zum Eoloneladjutanten bei der Armee von Neapel, und bald nachher zum Brigadegeneral ernannte. Als solcher zeichnete er sich in den Feldzügm 1813 und 1814 aus; namentlich in der Schlacht bei Dresden und durch die Vertheidigung von Nogent, wo er, mit 1200 Mann eingeschlossen, den verbündeten Heeren Widerstand leistete. Napoleon erhob ihn zum Divisionsgeneral. Nach dem 30. Marz 1814 erklarte sich General B. für die hergestellte Dynastie, und am 30. Mai ertheilte ihm der König den Oberbefehl in der sechsten Mili- tairdivision zu Besannen. Als Napoleon von Elba am 1. Marz 1815 zu Cannes in der Provence landete, erhielt B. von dem König den Befehl, sich mit dem Marschall Ney zu vereinigen. Hier war er Zeuge von dem Abfalle sammtli- cher Truppen, und gegenwartig bei dem Ausrufe des Marschalls, weshalb dieser nachher zum Tode verurtheilt wurde. B. begab sich sofort nebst dem Generalmajor Clouet H nach Paris, um dem Könige Bericht zu erstatten. Dieser ließ Beide ohne Anweisung, was sie thun sollten, und reiste ab, nachdem er den Befehl hinterlassen, den General B., Clouet und mehre andere Offiziere zu verhaften. Diefer Befehl konnte nicht vollzogen werden. Napoleon herrschte, und B., der in seinem Dienstverhaltnisse blieb, erhielt vom Kaiser das Commando der'zweiten Division bei der Moselarmee des Generalis Gerard in Flandern. Aber am 14. Jun. legte General B. sein Commando nieder und ging ins Ausland. Als Beweggrund zu diesem Schritte führt Clouet Folgendes an: B. war ohne Befehle vom König.; die feindlichen Heere bedrohten Frankreich; die 'Absichten der Verbündeten waren unbekannt; man sprach von der Möglichkeit einer Zerstückelung des Landes, von innern Unruhen; er hielt es also für seine Pflicht, zur Vertheidigung des Vaterlandes so lange bei der Armee zu bleiben, als dies sich mit seinem Eide gegen den König vereinigen lasse. „Man tragt mir", sagte B. zu Clouet, „das Com- *) General Clouet bezeugt dies und das Folgende in einer, von ihm zur Rechtfertigung des General B. im I. 13ZZ herausgegebenen Broschüre. 284 Bourmont mando einer Division an und verlangt keinen Eid; ich gehe zur Armee, wollen Sie mir folgen ?" Clouet folgte ihm nun als Chef seines Generalstabes zur Moselarmee. Beide machten den General Gerard mit ihren Gesinnungen bekannt. Als hierauf Napoleons Ausatzacte zu der Neichsverfassung den fammtlichen Armeecorps zugefertigt, und jedem Offizier vorgeschrieben wurde, feinen Beitritt zu derselben oder feine Weigerung zu erklaren, so verweigerte B. feinen Beitritt; Clouet that dasselbe. Nun konnte B. nicht langer bei der Armee bleiben. Nachdem er also dem General Gerard feine Gründe mitgetheilt hatte, stellte er den General Hülst (jetzigen Divisionskommandeur in Lyon), der damals die erste Brigade feiner Division befehligte, an die Spitze des Generalstabes derselben, indem er ihn ebenfalls mit den Gründen feines Entschlusses bekannt machte. Darauf begaben sich B. und Clouet, von einigen Jagern begleitet, zu d?n preußischen Vorposten. Hier entließ B. die Escorte. Einige Offiziere, die ebenfalls derZusatzacte nicht beigetreten waren, folgten ihm. Blücher entließ sie nach Namur. So gaben diese Offiziere Napoleons Dienste auf, weil sie ihm den Eid verweigerten; dadurch aber glaubt Clouet dargethan zu haben, daß er und Bourmont nicht als feldflüchtige Ausreißer betrachtet werden können. Jndeß sprach sich in der Armee, welche am 15. Jun. bei Charleroi gefochten, am 16. bei Ligny (Fleurus) gesiegt und am 18. bei Waterloo eine Niederlage erlitten hatte, das öffentliche Urtheil laut gegen B. aus, und zwar mit um so größerer Erbitterung, je glänzender späterhin die öffentliche Laufbahn dieses talentvollen Offiziers war. B. kehrte nach Frankreich zurück und ward am 9. Sept. 1815 von Ludwig XVIII. zum Befehlshaber einer Diviston der königlichen Garde ernannt. Hier gewann er die Gunst des Herzogs von Angouleme. Der Feldzug in Spanien 1823, wo er eine Division des Reservecorps unter dem General Grafen Bordesoult comman« dirte, gab ihm Gelegenheit, sich vielfach auszuzeichnen. Er führte von Madrid am 31. Mai eine Heeresabtheilung von 15,009 Mann über Trupillo nach dem Süden, schlug die Spanier unter Lopez-Banos, bei S.-Lucar la Mayor und bemächtigte sich Sevillas, wahrend Bordesoult mit der andern Colonne bis gegen Cadiz vorrückte, wo sich B. wieder mit ihm vereinigte. Nach dem Falle von Cadiz ward er zum Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Andalusien ernannt. Zur Belohnung seines Verdienstes um die Restauration des absoluten Königs in Spanien ertheilte ihm Ludwig XVIII. am 9. Oct. 1823 die erbliche Pairswürde, mit Befreiung von der sonst erfoderlichen vorhergehenden Stiftung eines Majorats. Nachdem der Herzog von Angouleme Spanien verlassen hatte, blieb B. in Madrid, als Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Spanien. Er war, wie man glaubte, die Stütze des gemäßigten Systems daselbst, daher ! mußte er gegen die Umtriebe der überspannten Absolutismen eine sehr wachsame Militairpolizei einführen. Dies machte die Franzosen verhaßt. Als nun B. sein Hauptquartier nach Aranjuez, wo der König restdirte, verlegte, so schrie der madrider Pöbel, Ferdinand werde von V. bewacht. Diese Gahrung und zugleich die Ansicht des diplomatischen Corps, daß B. sich mehr zur Partei der Abso- lutisten hinneige, wahrend die Gesandten ein gemäßigtes, versöhnendes System empfahlen, bewogen die französische Regierung, den General B. vom Obercom- mando in Spanien abzurufen. Er erhielt daher im April 1824 Befehl, das Com- mando der Besetzungsarmee an den General Ordonneau abzugeben, worauf dasselbe im Mai der umsichtigere General Digeon übernahm. B. verließ Madrid am 20. April 1824 und nahm jetzt- seinen Sitz in der französischen Pairskam- mer ein. Hier zeigte er sich bei mehren Gelegenheiten als einen entschiedenen Realisten. Dadurch stieg er, nach dem Regierungsantritte Karls X., immer höher in der Gunst des Dauphins, der auch am 8. Aug. 1829 seine Erhebung zum Kriegsminister unter dem Ministerium Polignac bewirkte, weil der Hof schon jetzt der o,- Bourrienne 285 fentlichen Meinung zu trotzen wagte, welche sich besonders im Heere sehr stark gegen B., der die Sache Napoleons am Tage vor der Schlacht verlassen habe, erklarte. Indeß tras B., als Kriegsminister Nachfolger des Vicomte de Eaux, mehre gute Einrichtungen, wodurch er vorzüglich die Lage der penstonnirten Offiziere verbesserte, von denen er viele im activcn Dienste anstellte. Sein vorzügliches Talent sowol in der Verwaltung des Heerwesens als auch in der Leitung eines Feldzugs bewies er bei der Unternehmung gegen Algier. Er wurde am 11. April 1830 zum Oberbefehlshaber der afrikanischen Expedition ernannt; was er in dieser Eigenschaft geleistet hat, ist in dem Artikel Algier erzählt worden. In seiner Abwesenheit führte der Fürst von Polignac die Leitung des Kriegsministeriums. B. wurde, nach der Einnahme Algiers am 5. Iul., von KarlX. zum Marschall von Frankreich ernannt. Vier Söhne von ihm, die als Offiziere an dem Feldzuge Theil nahmen, zeichneten sich durch Tapferkeit aus. Der zweite, Amedee, starb in Folge einer in dem Gefechte am 24. Iun. erhaltenen Schußwunde. Das Vorgeben, B. habe die Plünderung der Schätze des Dey gestattet und sich selbst bereichert, ist gänzlich unerwiesen. Vielmehr hat er sich loyal und gegen die Besiegten rechtlich und edelmüthig benommen. Als nach dem Sturze der ältern Linie des Hauses Bourbon in Frankreich, General Clauzel ihn im Oberbefehle zu Algier ablöste, schrieb er am 2. Sept. 1830 an den Kriegsminister, um ihm anzuzeigen, daß er den Oberbefehl über die Armee von Afrika niedergelegt habe, daß er aber Franzose bleiben wolle, obgleich seine Absicht nicht wäre, sogleich nach Frankreich zurückzukehren. Dies und seine Erklärung, daß er der seit der Juliusrevolution errichteten Regierung keinen Eid geleistet habe, hat er selbst in einem an die „Hiloticlieuue" gerichteten Schreiben vom 28. März 1832 (ohne Angabe des Orts seines gegenwärtigen Aufenthaltes) öffentlich bekannt gemacht. B. schiffte sich mit seinen drei Söhnen zu Algier am 3. Sept. 1830 nach Mahon ein und ging über Spanien nach England, wo er sich zu Karl X. begab. Seitdem lebt er in London und abwechselnd in der Provinz; auch steht er fortwährend mit der Familie Bourbon zu Holyrood in Verbindung. Was aber von ihm in öffentlichen Blättern behauptet wurde, daß er an einer Gegenrevolution und an der Bildung eines karlistifchen Heeres in Spanien Theil nehme, hat sich als grundlos erwiesen; er wurde daher noch bis zum 10. April 1832 als Marschall von Frankreich in den Listen aufgeführt und bezog fortwährend, gleich dem Marschall Marmont, seinen Gehalt. Den Juliusordonnanzen ist er fremd geblieben, daher traf ihn keine Verantwortlichkeit; nachdem er aber durch das erwähnte Schreiben vom 28. März 1832 seine Weigerung, den durch das Gesetz vom 31. Aug. 1830 allen Beamten und Offizieren vorgeschriebenen Eid der Treue und des Gehorsams zu leisten, öffentlich kundgethan hatte, ward er mit Bezugnahme auf dieses Gesetz durch eine königliche Ordonnanz vom 10. April 1832 als Dcmissi'onnair erklärt und demzufolge aus dem französischen Heere entlassen. (7) Bourrienne (Louis Antoine Fauvelet de), ehemaliger SecrctairNapoleons, ward am 9. Iul. 1709 zu Sens geboren, und schloß in der Kriegsschule zu Brienne, wo er seine erste Erziehung erhielt, eine vertraute Freundschaft mit Bonaparte. Er besuchte 1788 die Universität zu Leipzig, um die Rechte und fremde Sprachen zu studiren, ging alsdann nach Polen und wurde bei seiner Rückkehr ins Vaterland 1792 als Gesandtschaftssecretair nach Stuttgart geschickt. Nach dem Ausbruche des Krieges lebte er 1792 kurze Zeit in Paris, ging aber bald wieder nach Leipzig, wo er sich verheirathete. Seine Verbindung mit einem Agenten der französischen Republik erweckte Verdacht gegen ihn, und auf Befehl des Kurfürsten von Sachsen wurden beide verhaftet. Nach zwei Monaten erhielt er jedoch seine Freiheit, mit dem Befehle, Sachsen sogleich zu verlassen. Nach Frankreich zu- O" B S'« 286 Vourrienne rückgekehrt, ward er zwar von der Emlgrantenlkste gestrichen, er scheint aber der damaligen Regierung wenig Vertrauen eingeflößt zu haben, und lebte in Vergessenheit, bis sein ehemaliger Mitschüler an der Spitze des italienischen Heeres die Laufbahn seines Ruhmes eröffnet hatte. B. schrieb ihm, und Bonaparte berief ihn 1797 zu sich nach Gratz, wo er ihn zu seinem Secretair ernannte. Seitdem war er der unzertrennliche Begleiter des Feldherrn in Ägypten, und in demFeldzuze den die Schlacht von Marengo endigte, bezog mit dem ersten Consul die Tuilcnm und wurde 1891 zum Staatsrath ernannt. Seine Kenntnisse, seine Gewandtheit machten ihn zu einem nützlichen Gehülfen; er gewann großen Einfluß und genoß in hohem Grade das Vertrauen seines Gebieters; in nicht minder hohem Grade abeb scheint er das Gefühl seiner Unentbehrlichkeit gehabt zu haben, und um so leichter konnte es seinen Feinden gelingen, Bonaparte, dessen Eigenliebe dabei ins Spiel kam, gegen ihn einzunehmen. Der durch unbesonnene Börsenspekulationen verursachte Bankerott eines Banquiers, bei dessen Lieferungen für die Armee der Cabinetssecretair betheiligt war, gab Anlaß oder Vorwand zu seiner Entfernung, da man es für unangemessen erklarte, daß ein mit den Staatsgeheimnissen vertrauter Beamter in solche Unternehmungen sich einlasse. B. verlor daher gegen Ende des Jahres 1892 seine Stelle, ward aber durch Vermittlung seiner Freunde 1805 zum außerordentlichen Gesandten bei den Ständen des niedersächsischen Kreises ernannt. Während seines Aufenthalts in Hamburg erwarb .er sich durch die mildernde Vollziehung der ihm gegebenen strengen Befehle, besonders in Beziehung auf die Ausgewanderten, viele Freunde, während er seinen Widersachern Waffen ! gegen sich in die Hand gab. Auch dem bei Lübeck im November 1896 in Kriegsgefangenschaft gerathenen General Blücher bewies er schonende Rücksichten, welche dieser nach dem siegreichen Einzüge in Paris dankbar vergalt. Er hat es selber nicht verhehlt, daß er schon 1819 die Rückkehr des bourbonischen Herrscherstammes ' für wahrscheinlich hielt, und er ging so weit, dem russischen General Driesen, ci- l nem eifrigen Anhänger des Grafen von Provence, den Entwurf eines royalisti- ^ « sehen Aufrufs an das französische Volk zu geben, als dessen Verfasser er dem vcr- '? bannten Fürsten bald bekannt wurde. Obgleich er sich, wie es scheint, um jene Zeit nicht in offene Verbindungen mit der bourbonischen Partei eingelassen hat, so v ist doch, nach seiner eignen Vermuthung, jene mittelbare Begünstigung ihrer feindseligen Plane gegen die Regierung, welcher er diente, ein Anlaß zu dem Argwohne geworden, den Napoleon gegen ihn hegte, und der durch die Einflüstcrun- I gen seiner Feinde immer gereizt wurde. Napoleon hielt ihn eines heimlichen Ein- ^ Verständnisses mit den Engländern verdächtig, und B. war, als er 1811 von Hamburg nach Frankreich zurückkehrte, oft mit dem Verluste seiner Freiheit be- ! droht, wie er versichert; sein Jugendfreund scheint jedoch die alte Zuneigung gegen ihn nie ganz vergessen zu haben. Vergebens schmeichelte sich B. lange mit der Hoffnung, die verlorene Gunst wiederzuerlangen. Aus seinen Geständnissen geht hervor, wie empfindlich ihm die getäuschte Erwartung gewesen ist; als aber Napoleon am Ende des Jahres 1813 ihn als Unterhändler zu den Verbündeten nach der Schweiz senden wollte, schlug B. den Antrag aus; denn das glänzende Gestirn, in dessen Stralen er sich gewärmt hatte, war erbleicht, und die siegreü ^ chen Heere des europäischen Bundes bedrohten von allen Seiten Frankreichs Gren- s zen. Er und seine Familie waren im Winter 1813 eifrig beschäftigt, bourbonische Proclamationen abzuschreiben und zu verbreiten, er erwartete nicht den Fall seines alten Freundes, offen Partei gegen ihn zu nehmen, und war bereits tief in das Interesse der Nestauration verwickelt, als der 39. März 1814 es entschied, daß er die vortheilhafteste Partei ergriffen hatte. Durch Talleyrand's Vermittelung ward er von der provisorischen Regierung zum Generaldirektor der Posten ernannt. Bald nach Ludwigs XVIII. Rückkehr aber erhielt durch den Einfluß des Grafen von Bbv D»,. Bowling 287 cas der Graf von Ferrand jene Stelle, und B. erfuhr die neue Demüthigung, sich mit dem Staatsrathstitel abgefertigt zu sehen. Er blieb vergessen, bis ihn der König wenige Tage nach NapoleonsRückkehr von Elba, unter erneuerten Dankversprcchun- gcn für die den Bourboniden geleisteten Dienste, zum Polizeipräfecten von Paris ernannte. Sein erstes Amtsgeschäft war der Auftrag, Fouche zu verhaften, der jedoch die Vollziehung desselben listig vereitelte. B. folgte dem Könige nach den Niederlanden und würde darauf als Geschäftsträger nach Hamburg geschickt. Der Sieg bei Waterloo führte ihn nach Frankreich zurück; aber bei der Einrichtung der neuen Verwaltung ward ihm nur der Staatsministertitel zu Theil, und er erhielt zwar einen Sitz im Staatsrathe, den er aber später, als unvereinbar mit jenem Titel, wieder verlor. Das Wahlcollegium des Ponnedepartements wählte ihn 1815 und 1821 zum Abgeordneten. In diesem neuen Verhältnisse sicherte er sich noch mehr den langst gewonnenen Platz im Wörterbuche der Wetterfahnen, und der Mann, der nach seiner Versicherung die Rückkehr der bourbonischen Fürsten in der Überzeugung befördert hatte, daß nur sie die wahre Volksfreiheit gründen könnten und befestigen würden, der stets ein eifriger Anhänger der Verbreitung der Aufklärung gewesen zu sein behauptete, zeigte sich 1821 in seinem Bericht über das Budget als einen Widersacher der liberalen Staatseinrichtungen, und wollte den Anstalten für Wissenschaften und Volksbildung kaum das Nothdürftige gönnen, während er den Missionaren und den krbies ignormUius freigebig entgegenkam. Man schrieb ihm die „Ilistoirs Lolwparte, por un komme gm ue 1'a pus gmtte cke?> pms glimme uns" und selbst das,Mmmscrit üe Lumte-Helene" zu. Die Vaterschaft der ersten Schrift hat er bestimmt abgelehnt, und daß er an der zweiten kernen Antheil hatte, wurde bald bekannt. Dagegen gab er in den „Nemoircs cke U. lle Lom nenne sur i^egioleon, le clirectoire, le ccmsulut, Lempire et 1a restuw- mtwa" (10 Bde., Paris 1829) einen Beitrag zu der Geschichte einer verhängniß- vollen Zeit, der viel Licht auf Napoleons Charakter und Regierung wirft und über manche Handlungen desselben neue Aufschlüsse gibt, so weitschweifig und unzusammenhängend die Erzählung, so viel Ungehöriges beigemischt ist, und so viele längst bekannte Dinge wiederholt werden. Der Geschichtsforscher wird dieses Werk nur mit Vorsicht gebrauchen, da B. zu der Zeit, wo es erschien, ein Interesse hatte, manche seiner frühern Handlungen in ein vortheilhaftes Licht zu stellen, häusig unzuverlässigen Quellen folgt, und mehre bedeutende Zeitgenossen, wie Belliard, Gourgaud, Joseph Bonaparte, Davoust, Boulay de la Meurthe, Camdaceres, der Minister von Stein, gegen einzelne Angaben einen Widerspruch erhoben haben, der B.'s Wahrhaftigkeit zweideutig macht. Diese Widerlegungen sind unter dem Titel: „Bourrienne und seine freiwilligen und unfreiwilligen Jrc- lhümer" (2 Bde., Leipzig 1830), gesammelt worden Bowring (John), Doctor der Rechte, hat sich seit einem Jahrzehend durch metrische Nachbildungen der dichterischen Erzeugnisse verschiedener europäischer Völker anerkannte Verdienste erworben, und Niemand hat in England das Feld der poetischen Übersetzung eifriger angebaut Durch Reisen in verschiedene Lander Europas mit den Sprachen und den Sitten der Völker vertraut geworden, hatte er Gelegenheit die Poesie im Munde des Volkes zu hören, und nie verließ er, wie er sagt, „die Arche seiner Heimath ohne den Wunsch, mit einem frischen Ölzweige des Friedens und frischen poetischen Kränzen heimzukehren". Er trat zrr- erst mit russischen Dichterproben auf („Lpecüueus oktke russüm poets", 12 Bde., London 1821—23), welche auch viele, unter dem Volke gesammelte National- lieder mittheilcn. Darauf erschienen Übersetzungen aus den ältern und neuern hol- landhchen Dichtern („Isuwvia» autkolo^/", London 1824), die wol auch darum weniger Beifall finden, weil sich in diesen Erzeugnissen weniger Originalität offenbart. In Verbindung mir Van Dyk gab er eine anziehende Auswahl spani- 283 Boye Brahe scher Romanzen („^ncient pnetr? und lomances ol Spam", London 18M worin er besonders aus den, schon 1510 der Vergessenheit entrissenen anonymen Romanzen, welche den unter dem Volke waltenden poetischen Geist so treffend bezeichnen, Vieles entlehnte und Manches mittheilte, was sein ausgezeichneter Vorgänger Lockhart in seinen„^ncient spimiZÜ baRicks" übersehen hatte. Nach einerziem- lich langen Pause gab B. polnische Dichterproben („8peciinens ot'tde polisll poetz" London 1827) heraus, und bald nachher eine Auswahl serbischer Volkslieder („8e/. Vinn popui-rr zpoet^", London 1827), die er nach Wuck und deutschen Nachbildungen bearbeitet hat. Seine Übersetzungen ungarischerGedichte(„?oeti^ nt'tKeARg^rs", London 1830) enthalten unter mehren Proben aus neuern Dichtern auch verschiedene jener Dichtungen in antiken Sylbenmaßen, in deren Nachbildung die ungarische Sprache so glücklich ist, die aber B. in seiner Sprache zu versuchen nicht hätte wagen sollen. Sein neuestes Werk ist eine Sammlung böhmischer Lieder und Balladen („(Aestünn emtiloIoF/h London 1832) und in Verbindung mit Borrow wird er nächstens eine Übersetzung skandinavischer Lieder geben. Im Allgemeinen sind B.'s Übersetzungen, ohne daß er sich sirenge an den Rhythmus und die Wendungen seiner Originale bindet, treu und haben viel Freiheit der Bewegung. Durch Übung ist seine Gewandtheit gewachsen, und er hat sich immer mehr von der Übersetzererbsünde entwöhnt, das Original durch Epithete und Antithesen zu verschönern. Boye (Johannes), geb. 1756, war unter Danemarks Schulmännern lange vortheilhaft bekannt, bis er bei vorgerücktem Alter als Nector der Gelehrtenschule zu Fridericia in Jütland seinen Abschied nahm. Er lebte seitdem mit dem Titel eines Professors, sich den Wissenschaften und schriftstellerischen Arbeiten widmend, in Kopenhagen, wo er 1830 starb. Schon während seiner beschwerlichen Laufbahn als praktischer Schulmann war er mit literarischen Arbeiten eifrig beschäftigt. Er war ein Gegner der Kant'schen Schule und versuchte in einem seiner bekanntesten Werke eine Darstellung und Widerlegung des Systems der kritischen Philoso, phie. Die wichtigsten seiner Schriften sind philosophischen und staatswirthschafl- lichen Inhalts. Viel Aufsehen erregte sein Werk: „Statens Ven" (Der Freund dcS Staats), das ihm großen Beifall verschaffte, aber auch viel Tadel zuzog. In dieser aus drei Theilen bestehenden Schrift (Kopenhagen 1793 —1814) spricht er über die Glückseligkeit des Menschen, über den Ursprung des Rechts und deS Staats, über Gewerbe, Bevölkerung und Reichthum. Auch über Beredtsamkeit und Dichtkunst, über die Mythologie und deren Anwendung in der neuern Poesie und über die Musik hat er Interessantes geschrieben, und seine 1816 erschienene Abhandlung über Geschichtschreibung ist lehrreich. Seine letzte Arbeit: „Uber die Entdeckung, die Fortschritte und die künftige Bedeutung Amerikas in Hinsicht auf die europäischen Völker und Staaten", hinterließ er unvollendet. (4) Brahe (Magnus, Graf) ist das Haupt eines uralten Geschlechts, das dem schwedischen Throne mehre Fürsten gegeben hat, die heilige Brigitta unter ihren Ahnen zählt und in der Adelsmatrikel obenan steht, seit dem großen Pehr Brahe aber, der unter Christinas Regierung den Wohlstand Finnlands schuf und dort mehre Städte gründete, keine besonders bedeutenden Männer hervorgebracht hat. Der Großvater des Grafen Magnus ward in Folge einer Verschwörung, die dem Könige eine erweiterte Macht verschassen wollte, 1756 auf Befehl der Reichsstände enthauptet. Dem Vater desselben näherte sich Karl Johann, sobald er nach Schweden kam, mit freundschaftlichem Wohlwollen, aber anfangs vielleicht in der Absicht, die Nation durch Auszeichnung ihrer ersten Familie zu ehrender selbst aber, geboren 1790, war von früher Jugend an ein Günstling des Königs und ist jetzt erster Adjutant desselben, Reichsmarschall, Oberhofstallmcister, Gene- rallleutenant, Generaladjutant der Armee, Chef des Generalstabes, zweiter Chef der Bran 289 reitenden Leibgarde, Ritter und Commandern aller schwedischen Orden und Ritter einiger russischen und preußischen Orden. Er benutzte bis 1826 selten seinen Ein- ^ 5 fluß bei dem Könige und mischte sich nicht in Angelegenheiten, die seinem militai- rischen Berufe fremd waren; um jene Zeit aber zerfiel er mit dem Staatsrath von Nordin, der bis dahin bei dem König viel gegolten hatte, besonders hinsichtlich der Verwandlung einer gewissen Steuer. Der Graf setzte zwar seine Meinung bei den Reichsständen durch, doch nicht ohne lauten Einspruch von mehren Seiten, und er konnte seine Absicht nicht erreichen, ohne Vielen Aemte'r, Titel und andere Vergünstigungen zu versprechen, und um diese Zusagen zu erfüllen, mußte er sich an seinen königlichen Gönner wenden. Seitdem nahm sein Einfluß immer mehr zu. Nordin schied aus dem Staatsrats, ohne daß jedoch B. einen Platz in demselben oder unter den Ministern eingenommen hatte. Je weniger seine Theilnahme an den Staatsangelegenheiten eine öffentliche und sichtbare ist, um so mehr wird er beneidet, und das Ziel des lauten Tadels mehrer Zeitungen, welche den von ihm ausgeübten Einfluß als eine Camarillaregierung bezeichnen. In der gewöhnlichen Meinung von seiner Macht ist ohne Zweifel viel Übertreibung, und sein Charakter als Privatmann sehr achtungswerth; er hat sich jedoch einige Schritte erlaubt, welche zwar wenig Nachtheil gebracht, aber viel gereizt haben, wie die durch ihn, und zwar aus Privatrücksichten, beförderte Anstellung eines ganz ungeschickten Di- rectors der königlichen Theater, welcher sich, von dem Grafen beschützt, trotz der lauten Rügen der öffentlichen Blatter, lange behauptete. Nicht minder nachteilig wirkte auf die öffentliche Meinung der Ton einer 1831 entstandenen Zeitung sichülleruesllmllet"), welche nach dem allgemeinen Glauben im Solde des Grafen steht, und deren Herausgeber, der aus einem wüthenden Liberalen ein ebenso wüthender Ministerieller geworden ist, sein Amt so ungeschickt verwaltet, daß er sich der Verachtung und dem Spotte ausgesetzt hat, wobei ein großer Theil des Tadels auf seinen Gönner zurückfallt. (6) Bran (Friedrich Alexander), geb. zu Rybnitz den 4. Marz 1/767, war in der ersten Halste seines Lebens ziemlich unstat und verweilte in mehren Landern Europas bald kürzere bald längere Zeit. Wichtig für sein ganzes folgendes Leben wurde sein Aufenthalt in den Niederlanden, zur Zeit jener auch diese Gegenden vielseitig bewegenden Unruhen der französischen Revolution. Hier scheint sich zuerst, und nicht ohne besondere Einwirkung der Umgebungen, sein Geist der Geschichte, Statistik und Politik zugewandt zu haben. Um 1800 ließ er sich zu Hamburg nieder, und hier erschienen, jedoch ohne seinen Namen, seine „Miscellen", welchen 1804 „Die nor sehen Miscellen" folgten. Zu gleicher Zeit lieferte er auch Aufsatze in die „Minerva 7 Als Archenholz, dem die vielbewegte Zeit immer mehr und mehr fremd und unverstandlich ward, 1809 sich zur Ruhe setzte, übernahm B. die Herausgabe jener Zeitschrift, zuerst unter Archenholz's Oberaufsicht, ein Jahr spater jedoch selbständig. Durch die Freisinnigkeit seiner Ansichten, durch die Schärfe seiner Ur- theile und die Redlichkeit seines Strebens erwarb er sich die Achtung aller Wohlgesinnten, und selbst den französischen Behörden wußte er durch große Gewandtheit ein gewisses Wohlwollen abzugewinnen. Bald aber, als die so viel Aussehen erregende Schrift des Spaniers Cevallos in einer deutschen Übersetzung erschien, und französische Kundschafter erspähten, daß B. dieselbe heimlich übersetzt und verbreitet habe, verwandelte sich das Wohlwollen der Fremdlinge in die eifrigste Verfolgung. Als Flüchtling weilte B. kurze Zeit zu Leipzig, von wo er nach Prag ging. Hier, wo er bis nach der Schlacht bei Leipzig sich aufhielt, erschien die Zeitschrift „Kronos", welche jedoch, ungeachtet des großen Beifalls, den sie in den östreichischen Staaten gewann, nicht lange bestand, da ihr die Wendung der Ereignisse, worauf sie hinwirkte, vorauseilte. B. ging wieder nach Leipzig, und die „Minerva", welche bis dahin noch den Namen ihres ersten Herausgebers getragen Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 19 290 Brandes (Heinrich Wilhelm) hatte, und wahrend B.'s Flucht von einem Andern besorgt worden war, erschien unter seinem eignen Namen, in Verbindung mit den „Miscellen aus der neuesten ausländischen Literatur". Er begab sich 1816 nach Jena, wo er eine Buchhandlung errichtete und 1817 die philosophische Doctorwürde erhielt. Das von ihm bearbeitete „Ethnographische Archiv" hatte nur geringen Ersolg. Wenn B .auch nicht eigentlicher Gelehrter war, so besaß er doch große und sehr verschiedenartige Kenntnisse, neben einem regen, alles umfassenden Geiste. Sein Wahlspruch M Journalist: Mäßigung und Besonnenheit, bezeichnet sattsam die Art und Rich. tung seines Strebens. Er starb am 15. Sept. 1831. (38) Brandes (Heinrich Wilhelm), gegenwärtig Professor der Physik ander Universität zu Leipzig, als Mathematiker und Physiker ausgezeichnet, ist geboren am 27. Jul. 1777 in Groden, im hamburgischen Amte Ritzebüttel, wo sein Vater Prediger war. Von 1786—93 genoß er den Unterricht der Gelehrtenschule zu Otterndorf, wo sein Schreib- und Rechnenlehrer ihn ungefähr vom vierzehnten Jahre an mit den Anfangsgründen der Mathematik bekannt machte. Da jedoch Familienverhältnisse ihm keine Aussicht zur gelehrten Laufbahn gaben, verließ er noch vor dem sechszehnten Jahre das Gymnasium, um unter der Anleitung des Wasserbaudi- rectors Weltmann den Wasserbau praktisch zu erlernen; er vervollkommnete sich hier, größtentheils durch Selbstudium, in der Mathematik und führte 1794 und 1795 unter Woltmann's Leitung die Aufsicht über Wasserbaue auf der nur von sechs Bauernfamilien bewohnten Insel Neuwerk, wo das einsiedlerische Leben zu welchem er genöthigt war, ihm verstattete, seine Studien nach Willkür zu verfolgen. Er ging 1796, da sich keine nahe Aussicht zu einer Anstellung zeigte, auf Woltmann's Rath nach Göttingen, wo er bis 1798 studirte, jedoch weniger Frucht aus den mathematischen Vorlesungen des damals achtzigjährigen Kästner schöpfte, als er in Bezug auf wissenschaftliche Klarheit, die alle seine spätern Arbeiten auszeichnet, dem Vortrage Lichtenberg's verdankte, von dem er selbst gesteht, ihn als Vorbild betrachtet zu haben. Übrigens beschäftigten ihn auch in Göttingen, da ihm immer noch eine Anstellung beim Wasserbau als künftiges Ziel vorschwebte, Baukunst, Fcldmessen u. s. w. mehr als höhere Mathematik und Physik, die er nur als Nebenstudien betrachtete. Seine Verbindung mit Benzenberg brachte 1798 die ersten Beobachtungen desselben über Sternschnuppen hervor. In den Jahren 1799 und 1800 gab er in Hamburg Unterricht in den Elementen der Mathematik, und erhielt 1801 auf Woltmann's Empfehlung die Stelle eines Deich- conducteurs im Herzogthum Oldenburg. Sein Aufenthalt in dem abgelegenen Dorfe Eckwarden gab ihm Gelegenheit, seine Beobachtungen über die ungewöhnliche Stralenbrechung anzustellen und seine mathematischen Studien fortzusetzen. Unerwartet erhielt er 1811, nachdem er kurz zuvor als Jnspector der Deiche am Weserufer war angestellt worden, den Ruf zur Professur der Mathematik in Breslau, und dieses Amt versah er, nachdem er inzwischen 1818 einen Ruf nach Dorpat ausgeschlagen, bis Ostern 1826, wo er dem Rufe zur Professur der Physik nach Leipzig folgte. — Seine Verdienste sind doppelter Art, indem er sich ebenso sehr um die Fortschritte der Wissenschaft durch neue Entwicklungen oder Beobachtungen im Gebiete der reinen und angewandten Mathematik und Meteorologie verdient gemacht, als zur Verbreitung astronomischer, mechanischer und physikalischer Kenntnisse durch Schriften beigetragen hat, welche die für diesen Zweck so wesentlichen Ersodernisse der Klarheit, Gründlichkeit und ansprechenden Darstellungsweise vereinigen. Von seinen zahlreichen Arbeiten sind in der ersten Beziehung besonders zu nennen: seine Anmerkungen zu Euler's Werke über die Geseke des Gleichgewicht und derBewegung flüssiger Körper (Leipzig 1806); sein „Lehrbuch der höhern Geometrie" (2 Bde., Leipzig 1822—24); seine „Beobachtungen über die Stralenbrechung" (Oldenburg 1807); seine „Beiträge zur Witterungskunde" (Leipzig IsL") Wt !,i7> Brandes (Rudolf) Brandis 29! und mehre Artikel in der neuesten 1825 begonnenen Ausgabe des Gehler'schen physikalischen Wörterbuchs, an dessen Bearbeitung er thätigen Antheil nimmt; in der andern Beziehung aber seine „Briefe über Astronomie" (2 Bde., Leipzig 1811), in der neuen Auflage unter dem Titel: „Vorlesungen über die Astronomie" (Leipzig 1827); sein „Lehrbuch der Gesetze des Gleichgewichts und der Bewegung fester und flüssiger Körper" (2 Bde., Leipzig 1817 —18); seine „Vorlesungen über die Naturlehre" (3 Bde., Leipzig 1830 — 32). (11) Brandes (Rudolf), Dr. und Hofrath, einer der vorzüglichsten noch lebenden Pharmaceuten Deutschlands, ward geboren den 18. Oct. 1795 zu Salzuflen im Fürstenthume Lippe-Detmold, wo sein Vater Apotheker war. In seinem zwölften Jahre kam er nach Osnabrück, besuchte einige Jahre das dortige Gymnasium und trat dann in einer Apotheke seine pharmaceutische Laufbahn an. In den Jahren 1815 und 1816 studirte er in Halle die Naturwissenschaften und besonders diejenigen, die mit der Pharmacie zunächst in Verbindung stehen; er sah sich jedoch nach dem Tode seiner Altern durch Familienverhältnisse genöthigt, die fernere Ausführung seines anfänglichen Ausbildungsplans auf einen l^jährigen Aufenthalt in Erfurt zu beschränken, wo er unter Bucholz, der damals schon erblindet und kränklich war, sich der Experimentalchemie widmete. Nach mehren Reisen mußte B. 1818 nach Hause zurückkehren und 1819 die väterliche Apotheke übernehmen, da seine Verhältnisse ihn hinderten, seiner frühern Neigung zu einer akademischen Laufbahn zu folgen. Er schaffte sich indeß bald einen angemessenen und schönen Wirkungskreis, sowol in der redlichen und treuen Verwaltung seiner Of- sicin als auch in der Gründung des Apothekervereins im nördlichen Deutschland, eines Instituts, welches der deutschen Pharmacie zur größten Ehre gereicht und aus die Fortschritte und wissenschaftliche Gestaltung derselben den segensreichsten Einfluß gehabt hat. In einer besondern Schrift: „Der Apothekerverein im nördlichen Deutschland, in dem ersten Decennium seines Bestehens", ist die Gründung und Ausbildung dieses Instituts ausführlich dargestellt. In Verbindung mit Meißner, Trommsdorff, Schräder und Staberoh gründete er die Hagen-Bucholz'- sche Stiftung, indem Freunde und Verehrer von Bucholz und Hagen ein bedeutendes Capital zusammenbrachten, von dessen Zinsen jährlich eine goldene Preismedaille an Apothekergehülfen ausgetheilt wird, die eine von Seiten des Vorsteheramtes der Stiftung aufgegebene Preisfrage angemessen gelöst haben. B.'s zahlreiche chemische und pharmaceutische Arbeiten, unter welchen besonders mehre musterhafte Analysen von Vegetabilien, Mineralwässern, Untersuchungen von Salzen u. s. w., sämmtlich durch eine erschöpfende Behandlung des Gegenstandes ausgezeichnet genannt zu werden verdienen, finden sich zum Theil in zwei von ihm herausgegebenen pharmaceutischen Zeitschriften: den 39 Bänden des „Archivs des Apothekervereins im nördlichen Deutschland" und den 6 Jahrgängen der „Pharmaceutischen Zeitung" dieses Vereins; zum Theil in Schweigger's, Poggendorss's, Trommsdorff's, Buchner's und Geiger's Journalen, zum Theil in einzelnen chemischen Schriften, wie die über Pyrmont, Tatenhausen und Meinberg u. m. a. Besondere Erwähnung verdient auch die von ihm seit 1825 besorgte Herausgabe des ausführlichsten alphabetischen „Repertoriums"über die Gesammtheit der chemischen Wissenschaften, das wir überhaupt besitzen, ein Denkmal seines Fleißes und seiner umfassenden Gelehrsamkeit. In seinem Vaterlande wurde B. sehr bald von der Regierung zur Besorgung der pharmaceutischen Angelegenheiten zugezogen; vom König von Preußen erhielt er den rothen Adlcrorden und von dem verstorbenen Estoßherzog von Weimar die goldene Verdienstmedaille am Bande des Falken- vrdens. ^11) Brandis (Joachim Dietrich) wurde 1762 zu Hildesheim geboren, erhielt 1787 die medicinische Doctorwürde und wurde darauf Professor der Arzneiwissen- 19"° 292 Brandt schaft zu Kiel, von wo er 1809 nach Kopenhagen berufen und zum königlichen Leibarzt ernannt ward. Er ist jetzt Conferenzrath und Ritter des Danebrogordens. Als praktischer Arzt hat er sich in Danemark Ruhm erworben, als Schriftsteller aber gehört er der deutschen Literatur mehr als der danischen an, da die Mehrzahl seiner Werke in deutscher Sprache geschrieben sind. Unter seinen Schriften sind ^ auszuzeichnen: „Beurtheilung der Schrift: 8ur le sz-steme coutmental" ^ penhagen 1815); „Pathologie" (Hamburg 1808 und Kopenhagen 1815); „Wr i psychische Heilmittel und Magnetismus" (Kopenhagen 1818); „Uber humanes j Leben" (Schleswig 1825). Seine neueste medicinische Schrift über die Cholera (Kopenhagen 1831) zeichnet sich wie seine übrigen Werke durch Gelehrsamkeit und Reichhaltigkeit aus. Einige kleinere Schriften, die in dänischer Sprache erschienen, wurden aus seiner Handschrift übersetzt, wie: „Om Industrien og Midleren til dens Befordring" (Kopenhagen 1812) und einige in danische medicinische Zeitschriften eingerückte Abhandlungen. (4) Brandt (Heinrich von), preußischer Major, ward 1789 im Westpreußischen geboren, und nachdem er auf dem Gymnasium zu Königsberg eine sorgfaltige Vorbildung erhalten hatte, bezog er 1805 die dortige Universität, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen; als jedoch 1806 der Krieg ausbrach, der die Franzosen bis an die äußersten Grenzen des Staats führte, verließ er mit sehr vielen Studenten die Universität, um in die Reihen der Vaterlandsverthcidiger zu treten. Nach dem tilsiter Frieden verabschiedet, begab er sich nach seiner Heimath, die zu dem damals gebildeten Herzogthum Warschau gehörte. Der Marschall Da- vouft und der Fürst Poniatowski, welchen er sich vorzustellen Gelegenheit hatte, boten ihm Dienste an, doch schlug er diese Anträge damals aus und folgte seinen Altern, die ihren Wohnsitz tiefer in das Innere Polens verlegt hatten. Die Anfechtungen aber, welchen die deutschen Bewohner des neuen Landes ausgesetzt waren, wenn sie sich nicht ganz den neuen Verhältnissen anschlössen, bewogen ihn, andere Lebensplane aufzugeben und wieder Kriegsdienste zu nehmen. Er wendete sich an Da- voust, der damals allmächtig im Herzogthume Warschau war, und der Marschall stellte ihn im zweiten Weichselregiment an, mit welchem B. bald darauf nach Spanien ging. Seine Division stieß zur Armee von Aragon, welche die größten Erfolge erkämpfte, seit Marschall Suchet sie anführte. Von der Eroberung von Zaragoza bis zur Einnahme von Valencia nahm B. an allen großen Ereignissen des Kampfes Theil, und seit er bei der Eroberung von Tremedal viel Tapferkeit bewiesen hatte, ward er von Suchet mit großer Auszeichnung behandelt. Er erhielt aus der Hand des Marschalls bald nachher das Kreuz der Ehrenlegion, und durch de» General Chlopicki, den er in dem Gefechte bei Villel aus einer drohenden Gefahr befreit hatte, das Ritterkreuz des polnischen Militairverdienstordens, das damals einzig in der Armee war. Drei Mal verwundet und dennoch nur Lieutenant, verließ er 1812 Spanien, um nach Rußland zu ziehen. Als bei dem Durchmarsch durch Paris die Division vom Kaiser gemustert wurde, fragte er den mu zwei Orden gezierten jungen Offizier: „Oomdien as-tu ^ den abenteuerlichsten Verhältnissen den langen Weg zurück und kam mtt Brandt 293 ''»«iL'? >slh, "!"»!'«N,i ^ ^AchMveG ^Ksichnchs«j7 ZtrKßi! hvoysÄGchchlx M M MM,. iZMmffchTt M .MM!, HS SÄ Trümmern des Heeres nach Deutschland. Mit dem Regiments, das aus den Uberresten seiner Division gebildet wurde, stieß er nach dem Waffenstillstands zu Ponia- towski's Corps, mit welchem er alle Gefahren und Beschwerden des Kampfes theilte, und er blieb seiner Dienstpflicht treu, ungeachtet er die nahe Wendung der Ereignisse voraussah. Als er am Tage vor der Schlacht bei Leipzig seinen Obersten und mehre polnische Offiziere zum Fürsten Poniatowski begleitete, um ihm zu der erhaltenen Marschallswürde Glück zu wünschen, sagte jener in trüber Stimmung : „Unsere Uhr lauft ab; ich hoffe gar nichts mehr, wir schlagen uns nur noch um die Ehre, und wohl Dem, der sie mit ins Grab nimmt. Wer weiß, wie lange es noch dauert!" ^Drei Tage nachher waren der Prinz, der Oberst und fast alle Anwesende todt. Von schweren Wunden genesen, kehrte B. nach sechsjähriger Abwesenheit zu seiner Familie zurück. Seinen anfänglichen Entschluß, dem Kriegsleben zu entsagen, gab er auf, als General Chlopicki 1815 die alten Offiziere auf- foderte, wieder in Dienste zu treten, und wurde in einem der neu gebildeten Regimenter angestellt. Obgleich er von dem Großfürsten Konstantin mit Auszeichnung behandelt wurde, so nahm er doch, sobald die Bildung des Großherzogthums Posen durch den Congreß zu Wien entschieden war, seinen Abschied und ging in preußische Dienste. Er widmete die Zeit, welche die Dienstgeschäfte ihm übrig ließen, wissenschaftlichen Beschäftigungen, und außer vielen Aufsätzen für kriegswissenschaftliche Zeitschriften ließ er kurz vor dem Zuge der Franzosen nach Spanien eine Schrift: „Über Spanien, mit besonderer Rücksicht auf einen etwanigen Krieg" (Berlin 1823), drucken, worin er das Schicksal Spaniens in dem bevorstehenden Kampfe voraussagte. Eine andere Schrift: „Über die Wiedereinführung der Dragoner als Doppelkämpfer" (Berlin 1823), ist der Gegenstand vielfacher Erörterungen geworden. Den „Ansichten über die Kriegführung im Geiste der Zeit" (Berlin 1824) folgte sein „Handbuch für den ersten Unterricht in der höhern Kriegskunst" (Berlin 1829), das ausgezeichneten Beifall erhielt. Er ward in demselben Jahre nach Berlin berufen, um bei dem Cadettencorps Vorlesungen über die Kriegsgeschichte in französischer Sprache zu halten. Bald nachher ward er zum Major im Generalstabe befördert und als Lehrer an der allgemeinen Kriegsschule angestellt. Dieses Verhältniß veranlaßt« ihn, seine „Geschichte des Kriegswesens des Mittelalters" für die in Berlin erscheinende „Handbibliothek für Offiziere" (Bd. 1, 1828) zu schreiben, die sehr günstig aufgenommen wurde. Während er mit andern kriegswissenschaftlichen Arbeiten sich beschäftigte, ward er im März 1831 zu dem Feldmarschall Gneisenau, der den Oberbefehl über das westliche Armeecorps übernahm, nach Posen berufen und zu verschiedenen Sendungen an die russischen Heerführer Diebitsch, Paskewitsch und Pahlen und an die oberste polnische Behörde in Kalisch gebraucht. Die Beobachtungen, die er bei diesen Gelegenheiten machte, erweckten in ihm die Überzeugung, daß die Revolution kein erfreuliches Ende haben werde, und selbst nach den ersten Siegen der Polen blieb er bei dieser Ansicht. Als sich nach der Einnahme von Warschau polnische Heerabtheilungen der preußischen Grenze näherten, stand B. als Generalstabsoffizier unter dem General v. Zepelin, und er war es, der am 4. Ott. mit dem General Wro- niecki die Übereinkunft abschloß, nach welcher die polnische Armee auf das preußische Gebiet übergehen durfte. Er kehrte bald darauf nach Berlin in sein früheres Verhältniß zurück; als sich jedoch im December 1831 ein großer Theil der nach Preußen übergegangenen polnischen Offiziere für die Reise nach Frankreich erklärte, ward er wieder nach Elbing geschickt, um die Abreise der Offiziere einzuleiten. Bei der Vollziehung dieses Auftrages trat er oft vermittelnd ein, wo Unannehmlichkeiten entstanden, was ihm auch durch den Umstand erleichtert werden mochte, daß er unter den polnischen Offizieren manchen alten Wassengefährten fand, und der General Rybinski bezeigte ihm bei dem Abschiede seine Zufriedenheit. Vor seiner Abreise 294 Brasilien nach Berlin erhielt er den Austrag, Diejenigen auszumktteln, welchen ihre Verhältnisse nicht gestatteten, nach Polen zurückzukehren, und er vollzog auch dieses Geschäft, in Verbindung mit dem Reglerungsrath von Schleinitz, zur Zufriedenheit beider Theile. Als er, nach Berlin zurückgekehrt, die in mehren deutschen und französischen Blättern gegen ihn erhobenen Anklagen las, lehnte er die Auffoderung ab, sich in eine Widerlegung derselben einzulassen, indem er behauptete, daß jene Beschuldigungen nicht von polnischen Offizieren ausgegangen fein könnten. * Brasilien seit 1829. Die innere Ausbildung dieses Tropenlandes und seiner Bewohner zu einem geordneten Staatsleben wird durch natürliche Ursachen und moralische Übel so vielseitig erschwert, daß der tiefliegende Keim zu revolutionnairen Bewegungen noch lange Zeit üppig sortwuchern dürfte. Unter den natürlichen Hemmnissen einer friedlichen Gestaltung steht die Größe, die Fruchtbarkeit und der Reichthum der verschiedenen Provinzen Brasiliens oben an. Die ungeheure Ausdehnung des Reichs, das ungefähr ein Drittel von Südamerika umfaßt, erschwert die innere Verwaltung, da es an Verbindungsmitteln zwischen der Hauptstadt und den Provinzen fehlt. Die Fruchtbarkeit und der Reichthum des Bodens bieten dem durch das Klima zum sinnlichen Genüsse organisirten Bewohner eine Fülle von Genußmitteln dar, die er durch keine Anstrengung des Geistes, durch keine verständig geregelte und beharrlich fortgefetzte Thätigkeit erst erriugen und verdienen darf. Die Erde ist so außerordentlich fruchtbar, daß sie 150- bis 500fältig die leichte Mühe des Säens belohnt. Mehr als eine Provinz, welche Weizen und Mais, Kaffee und Wein, Flachs und Baumwolle, die köstlichsten Früchte Indiens, Amerikas und Europas erzeugt, gibt zugleich Eisen und Diamanten, Blei, Topase und Gold. Die atlantische Küste mit ihren geräumigen, dem Welthandel geöffneten Häfen führt in das, großentheils noch im Naturstande vegetirende Binnenland alle Gaben des Luxus und alle Reizmittel der üppigsten Sinnenlust aus dem Welttheile der verseinertsten Hospracht und de-s entwickeltsten Kunsilebens. So grenzen die Urwälder Brasiliens unmittelbar an das jüngste Jahrhundert der europäischen Civilisation, und mehr als dritt- halbhun'dert verschiedenartige Hordenstämme, die, erstarrt in roher Trägheit, kein Vaterland mehr haben, sind Nachbarn und Knechte der Nachkommen von europäischen Eroberern und Colonisten. *) Die ungeheure Kluft zwischen diesen beiden Endpunkten der Entartung und Erziehung der Völker ist hier durch keine Mittelstufe der Bildung überbaut. Der Brasilier erlangte nichts durch sich und aus sich selbst; Alles ward ihm von Außen gegeben: die Peitsche afrikanischer Sklavenarbeit wie der Aberglaube des römischsinnlichen Cultus; die Geheimlehre der Maurerei wie die Selbstsucht des europäischen Golddurstes. Fremde waren seine Lehrmeister in den Waffen, in Künsten, im Handel. Abenteurer, Glücksritter und Taugenichtse aus allen Landern Europas sammelten sich unter dem neuen, ruhmlosen Banner des jungen Reichs. Die Bevölkerung der Hauptstadt besteht aus einer höchst ungleichartigen Mischung von Amerikanern und Portugiesen, Weißen und Farbigen, Freien, Freigelassenen und Sklaven. Hier beschäftigen und verwirren die politischen Theorien und Leidenschaften des alternden, in sich zerfallenden Europa die kleine Zahl brasilischer Gesetzgeber, und talentvolle, feurige Köpfe ohne Wissen und Erfahrung nehmen und geben für Weisheit den Erfolg einer glänzenden, stürmischen Beredsamkeit, sowie den Haß gegen die Fremden für Patriotismus. Unter ihnen gibt es allerdings einzelne tüchtige Männer; aber sie stehen einsam, wie Propheten in der Wüste, in einem weitzerstreuten Chaos von etwa *) Das alte Volk der Tupis ist in wüste Trümmer zerfallen. S. die lehrreiche Abhandlung des Herrn v. Martius: „Von dem Rechtszustande unter den Ureinwohnern Brasiliens" (München 1332, 4.), M!!' iMe MPcher Decke «MGnWr! tzAMPpM' M««, Mmr MzWmMsi WWWiPMll MmWMnzuM NiNltMg NÄ Hl MG DlM Kllfl bkmteMWe!^ ^ '^ wel ^ 7,Am ^,Doi Brasilien 295 5 Millionen Menschen ohne Bürgerthum, ohne eine durch Sprache, Abstammung, Glauben, Sitte, Bildung und Geschichte entwickelte gemeinsame Nationalität. Jede verstandige und kraftige Bestrebung hemmte daher der Mangel an innerer Einheit. Das künstliche Surrogat einer Monarchie konnte diese so wenig hervorbringen, als das Phantasi'ebild einer Republik sie hervorzaubern. Der Föderalismus wird endlich obsiegen, und Brasilien in mehre Staaten zerfallen; glücklich genug, wenn diese, in sich wohlgegliedert, zuletzt in einen Staatenbund dauerhaft zusammentreten. Dieser Föderalismus wird, nach unserer Ansicht, das naturnothwendige Endergebniß sein von allen politischen Bewegungen in den weit ausgedehnten, dünn bevölkerten Landerwüsten der neuen Welt; denn der Urkeim des politischen Lebens stammt hier nicht aus dem patriarchalisch-priesterlichen Charakter des Orients, sondern er ist hervorgegangen aus der beweglichen und veränderlichen Natur der griechisch-europäischen Städte- und Küstencolonisirung. Diese streute nämlich blos Städte mit örtlichen, also unter sich verschiedenen Interessen über eine große Küstenländerstrecke hin, welche eben darum, weil sie vereinzelt nur mit dem Mutterlande zusammenhingen, unter sich zu keiner natürlichen, festen Verbindung gemeinschaftlicher Zwecke gelangen konnten. Auch die neuesten politischen Erschütterungen des brasilischen Kaiserreichs scheinen auf dieses Endziel hinzuführen. Als Johann VI. 1808 in Rio seinen Sitz nahm, konnte diese Stadt der Mittelpunkt für die großen Küstenstädte Brasiliens werden, welche bisher an Lissabon gefesselt waren. Johann errichtete in Rio Gerichtshöfe, die in letzter Instanz urteilten ; Brasilien wurde den fremden Nationen geöffnet, und der Handel mit den Landeserzeugnissen von den Fesseln des alten Colonialsystems befreit. Aber die innere Verbindung und Einheit der verschiedenen Provinzen durch eine gleichartige Verwaltung ward nicht befördert; man ließ die alte Uneinigkeit zwischen den Provinzen fortdauern, und Johann VI. war der Oberherr einer Menge sehr verschiedenartiger Staatengebiete. Seine portugiesischen Minister kannten das Land zuwenig. Rodrigo, Graf von Linhares, hatte vortreffliche Ideen; aber er verstand es nicht, Hindernisse zu beseitigen, und Alles blieb bei bloßen Entwürfen. Antonio de Villano e Portugal, welcher Verwaltungs-, besonders staatswirth- schaftliche Kenntnisse besaß, hielt, unbekannt mit der politischen Entwicklung der neuern Zeit, streng an dem alten portugiesischen Systeme. Als die Revolution im August 1820 in Portugal, dann im Februar 1821 auch in Brasilien ausbrach, war nichts vorgesehen, und der schwache König ohne Rath, wie die Regierung sich an die Spitze der Bewegung stellen könne. Er ging im April 1821 nach Europa, weil man ihn überredet hatte, seine bloße Gegenwart werde die aufrührischen Portugiesen zu ihrer Pflicht zurückführen. Statt dessen wurde er das blinde Werkzeug jeder Partei, die eben in Lissabon die herrschende war. Die Brasilier waren aufgebracht über die ganzliche Preisgebung, worin sie die Abreise des Königs ließ. Von dem stolzen Tone der lissaboner Cortes verletzt, welche den Brasi- liern eine gleiche Nationalreprasentation verweigerten und im December 1821 dem Prinzen-Regenten, Don Pedro, nach Europa zurückzukehren befahlen, vereinigten sich die einzelnen Provinzen in dem Hasse und in der Verachtung Portugals, um das Werk ihrer Emancipation zu vollenden. Seitdem fortwährend durch dieses leidenschaftliche Gefühl gegen Portugal und alle Portugiesen ohne Ausnahme geleitet, blieben die Brasilier nur in der Frage der Trennung von Portugal einig; sie wurden aber dadurch kein Volk von gleichartigen, nationalen Interessen in dem innern Umfange ihres neuaufgerichteten Reiches. Jede Provinz hielt sich für berechtigt, die erste zu sein; jede größere Stadt glaubte ihr Gemeinwesen selbständig ordnen und verwalten zu können; daher so viele theilweise Ausstände in den Provinzen gegen die Centralregierung in Rio Janeiro. Don Pedro trat im Mai 1822 an die Spitze eines noch nicht organisirten Reichs; allein er war, obwol mit 296 Brasilien den glücklichsten Anlagen geboren, nicht zum Herrscher erzogen. An dem Hofe seines schwachen Vaters hatte er nur Üppigkeit, Verschwendung und Launenspiel gesehen; die Herrschsucht einer leichtsinnigen Mutter entwürdigte den Thron und verdarb die Sitten. Eine Jntrigue entfernte von dem Prinzen einen verdienten Lehrer, den Danen Rodemacher, und gab ihn in die Hände des Franciscaners Antonio d'Arrabida. Don Pedro lernte erst regieren, seit die Trennung Brasiliens von Portugal (1. August 1822) förmlich ausgesprochen, er selbst am 12. Ott. zum constitutionnellen Kaiser ausgerufen, und die Constitution am 25. Marz 1.824 von ihm beschworen worden war. Er hatte den Willen, Gutes zu wirken; aber inmitten von Brasiliern, Portugiesen und andern Europaern, hier von Republikanern und einer zügellosen Presse bedroht, dort von der Hof- und Militair- aristokratie umlagert, gegen treue Rathgeber (f. den Artikel Andrada) durch die Vorstellungen von Factionsmannern oder von geborenen Portugiesen, seinen Günstlingen, eingenommen, selbst in die Fesseln einer stolzen Buhlerin verstrickt, verlor der unerfahrene, mit den Geschäften, mit dem Lande und dessen Bevölkerung unbekannte Fürst den geraden und richtigen Weg, welchen er mit Festigkeit und Kraft hatte gehen sollen, wiewol es ihm an beiden Eigenschaften nicht fehlte. Er ließ sich (1828) zu Staatsstreichen hinziehen und ward seitdem von dem stolzen Brasilier mit Argwohn und Mistrauen betrachtet. Dazu kam die unglückliche Wahlseiner Minister. Es fehlte freilich an tüchtigen Mannern zu den obern wie zu den untern Beamtenftellen; um so mehr aber traute sich Jeder zu, den Andern leicht zu ersetzen, und das Factionengedrange ward nun zugleich ein Kampf um Ämter, Macht und Einfluß; daher jener fortwahrende Wechsel des Ministeriums, welcher seit der in Lissabon am 29. Aug. 1825 vertragsmäßig festgesetzten Trennung Brasiliens von Portugal, die Befolgung eines festen, gleichförmigen Re- gierungssyftems unmöglich machte. Auf eine kraftvolle Maßregel folgte eine schwache. Die Regierung schien stoßweise vorwärts zu schreiten und verlor bei jedem Schritte mehr von ihrem Ansehen. So viele Widersprüche und Schwingungen ließen den Kaiser als treulos und falsch erscheinen; er war nur unbeständig, und das wird Jeder sein, der bei so schwierigen Verhältnissen ohne allen Unterricht und ohne Erfahrung an das Staatsruder gelangt. Dazu kamen wirkliche Mis- grisse in der innern Verwaltung, und besonders die Fehler in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten, vorzüglich der ebenso unpolitische als unglückliche Krieg mit Rio de la Plata. Der Kaiser mußte seine Eroberungsplane im Frieden auf die Banda Oriental mit Monte Video, die jetzige Republik Uruguay (f. d.), aufgeben. Insbesondere wurde die politische Eifersucht der Brasilier gegen Portugal durch die Beharrlichkeit, mit welcher Don Pedro das Recht seiner Tochter auf den portugiesischen Thron zu behaupten entschlossen war, auf das heftigste erregt. Daher fand, bei der traurigen Lage der Finanzen Brasiliens, jeder Schritt im Interesse der Donna Maria und die kostspielige Unterhandlung in Europa für dieselbe, als nachtheilig für Brasiliens Interessen, lauten Widerspruch. Der Kaiser durfte es nicht einmal wagen, die fremden, für seine Tochter geworbenen Truppen in Brasilien aufzunehmen; noch weniger durfte er den Scharen portugiesischer Emigranten in Brasilien gastfreundschaftlich einen Aufenthalt gestatten. Man haßte die vormaligen Unterdrücker, spottweise Bleifüße genannt, und Don Pedro konnte voraussehen, daß er durch Begünstigung derselben einen Ausbruch des Volkshasses herbeiführen würde. In der Provinz Pernambuco erhob der Föderalismus mehrmals sein Haupt, um die Unabhängigkeit dieser reichen Handelsstadt zu erringen, deren Küstenfahrt an Brasiliens Küste durch die Corsarenschisse von Buenos Avres einen tödlichen Stoß erlitten hatte. In den Unruhen zu Pernambuco verlor der Gouverneur das Leben. Endlich ward durch Militärmacht und strenge Kriegsgerichte die Ruhe wiederhergestellt, das Martialgesetz aber erst am 27. April 1829 aufgehoben. -SM«- nB zWldmD'sll! MW, Pssi MnMlsiich U Mbn WM Gm WWM.M UM, Michck »M, HM Hiilii Brasilien 297 5A- In der am 1. April d. I. vom Kaiser eröffneten Sitzung der gesetzgebenden Versammlung klagte der Monarch als eine Ursache dieses Aufruhrs unter Anderm auch die Zügellosigkeit der Presse an *); er empfahl die nothwcndige Verbesserung der Rechtspflege und ließ einen Gesetzentwurs über die Naturalisation der Auslander vorlegen, sowie den Plan zur Errichtung einer neuen Bank, um die Finanzen herzustellen. Allein in den lebhaften Debatten über die Bankangelegenheit und überhaupt zeigte sich wenig Ubereinstimmung zwischen den Ministern und der Kammer. Der Kriegsminister Alvarez wurde von der Versammlung, wegen der Niedersetzung der schon erwähnten Militaircommission in Pernambuco ohne Erlaubniß der gesetzgebenden Gewalt, in Anspruch genommen und nur mit 39 Stimmen gegen 32 freigesprochen, mußte aber dennoch seine Stelle niederlegen. Indeß sprach sich die Opposition nicht sowol gegen die Minister als gegen den Kaiser selbst aus. Uberhaupt bezweckte die gesetzgebende Versammlung große Reformen. Eine neue Bank von 59,090 Actien, jede zu 200 Milrees (zu 1 Thlr. 13 Gr.), wurde zwar errichtet; aber der Miscredit des sich hausenden Papiergeldes erschwerte den Verkehr und steigerte den Zinsfuß von 12 auf 18 vom Hundert. Pernambuco weigerte sich fortwahrend, Papiergeld anzunehmen. Die beredtesten Senatoren und Deputirten erklarten sich daher für den Verkauf der überflüssigen Güter der Geistlichkeit. In dem Senate ward von Verqueira der Vorschlag gemacht, daß die Ehen auch vor dem Friedensgerichte gültig vollzogen werden sollten. So sehr hatte der Einfluß der freilich in Brasilien tiefgesunkenen und sittlich entarteten Geistlichkeit abgenommen! Mehre Klöster und Kirchengüter wurden zum Verkaufbestimmt, um die Schulden der Regierung an die Bank zu decken. Gegen die Pflanzer, welche die Grausamkeit so weit getrieben hatten, ihre Neger lebendig begraben zu lassen, wurde kraftige Maßregeln beschlossen. Zur Beförderung des Verkehrs in den Binnenprovinzen, vorzüglich um den Transport der Baumwolle aus dem Innern zu erleichtern, ward die Anlegung des Canals von Maranhon unternommen. Übrigens rügte man sehr bitter in den Kammern die monopolartige Hökerek, welche die Staatsbehörden bei Versorgung der Hauptstadt mit Rindvieh und Schweinen trieben, sowie den kaiserlichen Wucher, in Folge dessen zu Rio 20 Vendas (Schenkwithschaften) für Rechnung des kaiserlichen Schatzes gehalten wurden. Man beschwerte sich über die Ungerechtigkeit, womit das Grundeigenthum des kaiserlichen Lustschlosses Santa-Cruz durch angeblich bestochene kaiserliche Ingenieurs erweitert und ein Nachbar aus dem Besitze seiner Kaffeeplantage vertrieben worden war, so laut, daß der Kaiser seinen Anspruch auf dieses Privateigenthum aufgab. Mit großer Heftigkeit wurde das in London zur Deckung der zweijährigen Zinsen der alten Schuld abgeschlossene Anlehen von 800,000 Pf., welches mit dem Verlust von 50 Procent zu Stande gekommen war, getadelt. Zuletzt weigerte sich die Deputirtenkammer, das vorgelegte Budget zu bewilligen. Um das Deficit zu decken, welches der Finanzminister Miguel Calmon du Pin e Almeida auf? Millionen Dollars angab, die Deputirtenkammer aber auf die Halste berechnete, drang die Versammlung auf starke Verminderung der Armee und der Seemacht, auf Einziehung der Sinecuren und der Botschafterstellen, sowie auf Beschrankung des bisherigen Aufwandes bei Hofe, endlich verlangte sie die Verabschiedung der fremden Offiziere auch bei der Marine, und zwar unter so heftigen Äußerungen gegen die Minister und den Kaiser selbst, daß dieser sich am 3. September entschloß, die Wahlkammer aufzulösen, deren vierjährige Dauer ohnehin mit dem 3. Sept. 1829 abgelaufen war. Die lakonische Art, wieDon Pedro dies that: „Erlauchte und würdige Repräsentanten der brasilischen Nation, die Sitzung ist ge- *) Das demokratische Oppositionsblatt: „Aurora Kämmens«", tadelte bitter alle Maßregeln der Regierung. Die ,MaliZgu«t,t,a" war voll von Persönlichkeiten. 298 Brasilien schlössen!" mußte das stolze Bewußtsein constitutkonneller Rechte tief verwunden. Der Gang der auswärtigen Angelegenheiten im I. 1829 trug auch nicht dazu bei, das Ansehen des Kaisers in der Meinung der Brasilier zu heben. Uber seine Vermahlung mit der Prinzessin Amalie von Leuchtenberg und über die Verthei- digung der Rechte seiner Tochter Maria da Gloria wird unter diesem Artikel und in dem Artikel Don Pedro das Wesentliche berichtet werden. Wir erwähnen hier die wichtigen, noch jetzt schwebenden Verhandlungen mit der britischen Regierung, welche für weggenommene Handelsschisse Ersatz verlangte. Bei dem Ausbruche des Krieges zwischen Brasilien und Buenos Apres hatte nämlich der brasilische Admiral ohne vorausgegangene Warnung alle innerhalb einer willkürlich gezogenen Blockadelinie segelnde Schisse weggenommen und consiscirt. Nach langwierigen Verhandlungen entschloß sich endlich die brasilische Regierung, als England Rio Janeiro zu blockiren drohte, den Ersatz zu leisten; allein dies ist bisher noch nicht geschehen, daher die Opposition im britischen Unterhause im April 1832 Zwangsmaßregeln gegen Brasilien anzuwenden vorschlug. Eine andere Verhandlung betraf die Aufhebung des Sklavenhandels, welche auch der päpstliche Nuntius in Rio dringend empfahl. Während des 1.1827 waren nämlich in den Hafen von Rio nicht weniger als 29,78? Sklaven eingeführt worden; im Sommer 1828 stieg deren Zahl auf 43,555, und in den ersten drei Monaten des I. 1829 auf 13,549. Endlich gelang es dem britischen Gesandten, im 1.1829 einen Vertrag mit Brasilien abzuschließen, nach welchem die Aufhebung des Sklavenhandels in Brasilien mit dem 13. März 1830 eintreten sollte. Die brasilische Regierung hatte vergeblich den Termin der Aushebung sovielmöglich zu verlängern gesucht, weil der Kaiser für jeden eingeführten Sklaven eine Abgabe von 5 Dollars bezog. So groß übrigens die Zahl der Sklaven in Brasilien noch gegenwärtig, und so gefährlich sie der innern Ruhe öfter geworden ist, so werden sie doch in keinem Lande milder behandelt. Bei der Misstimmung, die in den wichtigsten Städten des Reichs gegen Don Pedro herrschte, welche in Bahia sogar einen gefährlichen Aufstand hervorbrachte, der jedoch durch Wassenmacht unterdrückt wurde, konnte man nicht erwarten, daß der für das Jahr 1830 gewählte Congreß mehr Nachgiebigkeit gegen die Regierung zeigen werde als der letzte. Und so war es auch. Der Kaiser eröffnete die Versammlung am 3. Mai. Sie bestand größtentheilsaus neu gewählten, jungen energischen Männern, welche besonders dem Kriegsminister Conde do Rio Pardo heftig entgegentraten. Jndeß stimmten beide Kammern in ihren Adressen dem Kaiser darin bei, daß er den königlichen Rechten seiner Tochter nichts vergeben könne, dankten ihm aber zugleich für die Weisheit, Brasilien in diesen Privatzwist nicht zu verwickeln. Die Finanznoth beschäftigte die Kammern am dringendsten. Der Finanzminister, Marquis von Barbacena, beklagte das tiefe Sinken des Papiergeldes, wodurch besonders der auf feste Einnahmen gefetzte Beamten- und Mi- litairstand litte. Brasilien habe mit den neuen Anleihen eine Schuld von 153 Mill. Crusaden (zu 17 Gr. 9 Pf.) zu tragen, und die nothwendigen Ausgaben des laufenden Jahres (22,818,245 Milrees zu 1 Thlr. 13 Gr.) könnten nicht durch die Staatseinnahmen gedeckt werde. Allein die Kammern setzten den Vorschlägen der Regierung abermals eine so ernstliche Opposition entgegen, daß der Kaiser sich genöthigt sah, sie am 3. Sept. mit der Äußerung zu entlassen, wie sehr er bedaure, daß die Schließung dieser Sitzung herannahe, ohne daß eine der von ihm empfohlenen Maßregeln zu Stande gekommen sei. Er berief dagegen eine außerordentliche Versammlung zum 8. Sept., von welcher er die Aufsindung eines wirksamen Mittels erwartete, um sobald als möglich die Circulation des Papier- und Kupfergeldes zu befördern; zugleich erneuerte das Ministerium die in der ordentlichen Sitzung gemachten Vorschläge und trug auf die Prüfung des Strafcodep und der Criminalpro- liizi w' '-chiln ->öv Brasilien 299 'W, cedur an. Allein auch gegen diese Versammlung konnte das Ministerium sich nicht behaupten. Der Marquis Barbacena siel in Ungnade, und die Minister Calmar und Caravellas mußten abdanken. An ihre Stelle traten Paruaqua, Ioao Antonio Lis- boa und Ioze Antonio da Silva Maria. So ward die Regierung durch fortwahrende Veczwistung mit den Stellvertretern des Volks immer mehr in ihrem Gange gehemmt und in neue Schwierigkeiten verwickelt. Auch die Persönlichkeit Don Pedros flößte nach Allem, was bisher geschehen war, kein größeres Vertrauen ein, zumal da er durch einen Unfall schwer verletzt, eine Zeitlang sich den öffentlichen Angelegenheiten nicht hatte widmen können. Nur die Kaiserin befaß die Liebe des Volkes. Ihr Gemahl gefiel sich vorzüglich in dem Umgange mit einigen Offizieren, Hofleuten, Fremden und Portugiesen. Unter seinen frühern Günstlingen aber trug am meisten zu dem Falle des Kaisers in dem Vertrauen und der Liebe der Brasilier ein Mann bei, den er von Stufe zu Stufe erhoben und mit den wichtigsten Austragen beehrt hatte, Filisberto Caldeira Brant, jetzt Marquis von Barbacena (s. d.). Dieser wußte die Vertrauten des Kaisers zu entfernen, ward aber späterhin von ihnen entlarvt und gestürzt. Nun trat er auf die Seite der Opposition in den Kammern und griff in einer Flugschrift die ganze Neichsverwaltung an. Bald hatte er sich der revolutionnairen Presse bemächtigt und verbreitete durch Zeitschriften gegen die Hofpartei, welche den Kaiser umgab, jenen Haß, der endlich die Abdankung des Kaisers zur Folge hatte. Das Mittel, dessen sich der leidenschaftliche Journalismus bediente, um die Regierung zu stürzen, war auf die Reizbarkeit des unerfahrenen und phantafiereichen Brafiliers berechnet, sowie auf seinen natürlichen Widerwillen gegen Alles, was portugiesisch war oder sich auf Portugal bezog. In beider Hinsicht schilderte man mit den verführendften Farben den immer steigenden Wohlstand der Vereinigten Staaten, die Alles ihrer föderalistischen Verfassung und ihrer Enthaltung von den europäischen Staatshändeln verdankten. Dadurch breiteten sich föderalistische Ideen durch alle Provinzen Brasiliens aus; vorzüglich unter den stolzen Besitzern von Majoraten, mit denen Brasilien angefüllt ist. Don Pedro erkannte diese gefährliche Richtung des öffentlichen Geistes. *) Sein Herz hing an Europa, durch seine Gemahlin, feine Tochter und durch taufend Erinnerungen aus seiner Kindheit. Brasiliens wankende Krone war ihm eine Last. Jndeß wagte er den letzten Versuch, sich in der Mitte seines Reichs selbst einen Stützpunkt zu verschaffen. Die Provinz Minas Geraes**) wird für die civilisi'rteste und reichste aller brasiliischen Provinzen gehalten. Ihre Einwohner sind am wenigsten von einander unterschieden und zeigen die meiste Nationalität. Auch die Bewohner Brasiliens erkennen die Überlegenheit von Minas Geraes an, und Don Pedro durfte glauben, daß er, wenn er diesen Theil des brasilischen Reichs für sich gewänne, er durch denselben einen großen Einfluß auf alle übrigen ausüben würde. Schon früher hatte er daselbst Reisen gemacht; er kannte die Mineiros: also faßte er die *) In einer vor seiner Reise nach Minas Geraes an die Brasilier erlassenen Proclamation vom 22. Febr. sagte er, es gebe eine anarchische Partei, welche durch die Juliusrevolution in Frankreich gereizt, die unverletzliche Person des Kaisers mit Schmähungen überHaufe und das Volk zuConföderationen auflodere; er warne vor diesen verderblichen Lehren; man solle an der Constitution festhalten und ihm Vertrauen schenken. **) Diese Provinz, östlich von Goyaz, südlich von Pernambuco, westlich von Ba- hia und Espiritu Santo, nördlich von San-Paülo, an den Quellen des Paranü und Francisco gelegen, ist das bekannte, an Gold und Diamanten reiche Gebirgs- land. Es soll auf etwa 12,000 fsjM. gegen 400,000 Einwohner enthalten. Die Hauptstadt Villa Imperiale del Ouro Preto (d. h. kaiserliche Stadt vom schwarzen Golde), bis 1822 Villa Ricca genannt, zählt gegen 40,000 Einwohner. Außerdem sind noch die Städte Marianna und Tejuco zu bemerken. — In obiger Darstellung sind wir einem Berichte Aug. de Saint-Hilaire's gefolgt. 300 Brasilien Idee, sich unter ihnen Popularität, dadurch aber Anhänger und Beistand zu verschaffen. Dieser an sich verständige Plan wurde schlecht ausgeführt. Don Pedro trat die Reise in der ungünstigsten Jahreszeit an, in welcher anhaltende Regengüsse das Fortkommen erschweren. Ihn begleitete die junge Kaiserin, die sich die Ehrfurcht und Liebe der Brasilier erworben hatte. Der Monarch und seine Gemahlin wurden allenthalben mit den lebhaftesten Freudensbezeigungen empfangen; jede Stadt, jedes Dorf wetteiferte in Festlichkeiten, um ihre Anwesenheit zu feiern. Vor allen zeichneten sich die Bewohner der Hauptstadt Ouro Preto (Villa Ricca) bei dieser Gelegenheit durch Pracht und Eifer aus: sie hatten in den Straßen Triumphbögen errichtet, ihre Häufer mit Teppichen und Blumen geschmückt; in allen Quartieren erschallte Musik, und von jedem Balkon herunter sangen liebliche Stimmen Lieder zu Ehren des kaiserlichen Paares. Allein Don Pedro kam diesen Huldigungen nicht mit freundlichem Wohlwollen entgegen. Er verweilte mehre Tage lang auf einer seiner Besitzungen, die einige Meilen von der Hauptstadt der Provinz entfernt lag, umgeben von Vertrauten, die ihm seit längerer Zeit schon die Herzen des Volkes entfremdet hatten. Diese Männer entfernten auch hier von ihm die einflußreichsten Personen, und bewirkten, daß der Präsident der Provinz seinen Abschied bekam. Inzwischen machte ein Aufruf im constitutionnellen Geiste, den Don Pedro an die Mineiros erließ, einen günstigen Eindruck, und die Provinz traf Anstalten, dem Monarchen neue Feste zu geben, als dieser auf einmal abzureisen beschloß, wodurch er so manche Erwartung täuschte und das für ihn erwachte Interesse vernichtete. Unstreitig bewog ihn dazu die Ungewißheit über den Zustand von Rio Janeiro. Die Minister daselbst hatten so wenig eine regelmäßige Correspondenz mit Minas Geraes einzurichten verstanden, daß der Kaiser öfter zwölf Tage lang keine Depesche von ihnen erhalten haben soll. — Eine schnelle Reise brachte Don Pedro nach einer fast dreimonatlichen Abwesenheit wieder vor die Thore seiner Residenz, wo am 12. März Unruhen ausgebrochen waren, als man ihn noch acht Tagereisen weit entfernt glaubte. Bei feinem Einzüge in die Stadt am 15. März regte sich zwar einiger Enthusiasmus, der aber nichts Nationales hatte. Die Einzigen, welche an dem festlichen Empfange Theil nahmen, waren die Diener des Kaisers, Hofleute und Portugiesen, die seit längerer Zeit schon in mehr oder weniger offener Feindschaft mit den Brasilien: lebten. Wer nicht rief wie sie: Es lebe der Kaiser! Tod der Republik! dem drohten sie mit der Peitsche. Erbittert über solche Bezeigungen einer Freude, die ihnen ganz fremd war, warfen die sogenannten Patrioten die Fenster der illuminirten Häuser es gab blutige Händel, in denen mehre Personen getödtet wurden, und die ein Gährung dauerte ununterbrochen fort bis zu dem Ausbruche am 6. April. Die Regierung — so lauten die Berichte — verfolgte die republikanische Partei; dies reizte den Haß. Man beschwerte sich laut über portugiesische Willkür und Tyrannei; 25 Mitglieder der Deputirtenkammer reichten eine Protestation ein und verlangten die Bestrafung der Portugiesen. Don Pedro hoffte die Ruhe wiederherstellen zu können, wenn er aus denjenigen Repräsentanten, die der republikanischen Partei am meisten anhingen, sich ein Ministerium erwählte und er entließ vier Minister; allein die Zusammensetzung des neuen Ministeriums war nicht glücklich. Jndeß ging der 25. März, der siebente Jahrestag der brasilischen Constitution, unter Festen und ohne Störung vorüber. Der Kaiser und die Kaiserin wurden bei einer Heerschau freudig begrüßt, und Nachts war die Stadt glänzend erleuchtet. Am 3. April erließ der Kaiser ein Decret, wodurch er eine außerordentliche Versammlung der Kammern berief. Aber auch die neuen Minister, Gama für die Justiz und General Moraes für das Kriegswesen, genügten den Ansprüchen des Volkes nicht. Don Pedro ernannte also am 5. April ein neues Ministerium: den Marguis von Baependy für die Finanzen; Aracaty für die Brasilien 30Z auswärtigen ?tngelegenheiten; Alcantara für die Justiz; Lagos für das Kriegs- tvesen und Paranagoa für die Marine. Diese Manner waren aber im höchsten Grade unpopulair. Jetzt brach die Unzufriedenheit laut aus. Bewaffnete Scharen durchzogen die Straßen von Rio; Alle, die man als AnHanger des Aulismo und Lusitanismo (der portugiesischen Hofpartei) erkannte, wurden gemishandelt, Einige ermordet. Deputationen, eine nach der andern, begaben sich nach San-Christovao, dem Palaste des Kaifers, um denselben zur Entlassung der verhaßten Minister zu bewegen; allein der Kaiser bestand auf seinem Rechte, seine Diener selbst wählen zu können. Nun kannte die Volks- wuth keine Grenzen mehr. Endlich beschleunigte eine von jenen Jntriguen, welche in Rio so leicht den unwissenden und müßigen Haufen tauschen und verlocken, die Katastrophe des Falles von Don Pedro. Bei der Bildung des neuen Ministeriums hatte der Kaiser, wie Aug. de Saint-Hilaire erzählt, den Oberbefehl über die Truppen in der Hauptstadt einem Offizier, Francisco de Lima, gelassen, der, wie man versichert, der Volkssache beigetreten war, ohne selbst einen politischen Zweck zu haben. Lima begünstigte den Aufstand und überredete die Soldaten, ihren Regenten zu verlassen. Darauf verlangte er im Namen des Volkes vom Kaiser die Absetzung der jetzigen Minister und die Wiederherstellung des letzten Ministeriums. Don Pedro antwortete ihm mit Würde; aber Lima wurde nicht von feinem Posten entfernt. Jetzt zeigte sich der Abfall allgemein. Die Truppen, welche in bedeutender Zahl zur Beschützung des Resi'denzschlosses San-Christovao aufgestellt waren, verbanden sich mit den Insurgenten. Dasselbe thaten die Garden. Nur ein Capitain und vier Mann, welche die zu den Gemächern des Kaisers führende Treppe befetzt hielten, blieben ihm treu. Ein anderer Offizier, der treue Bastos, ein Brasilier und Offizier bei der reitenden Artillerie, warf seinen Degen weg: Er habe, rief er, den Eid der Treue dem Kaiser geleistet, und es scheine ihm nicht, als ob der Kaiser seinerseits seinen Schwur verletzt habe. *) Der verlassene Monarch schien nur die Wahl zwischen vergeblichem Widerstande oder feigem Nachgeben zu haben; es fehlte zwar nicht an Mannern, die für ihn gekämpft haben würden; aber Don Pedro wollte nicht Blutvergießen; er war kein Tyrann. Also faßte er in der Nacht zum 7. April den raschen Entschluß, feiner Krone zu entsagen: eine Maßregel, die im Grunde der Neigung seines Herzens entsprach. Er verfaßte selbst die aus dem Palaste Boa Vista datirte Abdicationsacte vom ?. April zu Gunsten seines Sohnes, Don Pedro von Alcantara, ließ die Geschäftsträger von England und Frankreich kommen, theilte die Acte denselben mit und verlangte ihren Beistand, um sich nach Europa begeben zu können. In seinem Namen war schon am 6. April der Marquis von Cantogallo am Bord des englischen Kriegsschiffs Warspite erschienen, um den Schutz der englischen Marine in Anspruch zu nehmen. Am folgenden Tage ging der Kaiser mit feiner Familie an Bord. Auch der Nuntius und die übrigen Gesandten folgten ihm. Seine Abdankung wurde von den Hauptanführern der Revolution angenommen, und Don Pedro, Herzog von Braganza, schiffte sich mit der Kaiserin, der jungen Königin von Portugal und einem kleinen Gefolge auf dem Warspite und der Fregatte Volage ein. Die Kammer der Repräsentanten schritt sofort zur interimistischen Ernennung einer Regentschaft. Diese wurde aus gemäßigten, aber eben nicht sehr tüchtigen Männern zusammengesetzt. Einer darunter war der unwürdige Francisco de Lima; die beiden andern Carcavellas und Vergueiro. Diese ernannten folgendes Ministerium: Borges für die Finanzen; Goyana für das Innere; Joze de Santa-Franca für die Justiz; de Moraes für den Krieg; Bastos besindct sich unter der kleinen Zahl Derer, die Don Redro nach Europa gefolgt sind. 302 Brasilien Carneiro de Campos für die auswärtigen Angelegenheiten. Einige Unordnungen, die bei einer solchen Revolution fast unvermeidlich sind, fanden zwar noch statt; aber bald schien Alles in den bisherigen Gang der Verwaltung zurückzukehren. Wahrend man jetzt auf den Schiffen die nöthigen Vorkehrungen zur Abfahrt Don Pedros und der Seinigen nach Europa traf, ward der junge, in Rio am 2. Dec. 1825 geborene Prinz am 9. April zum Kaiser als Pedro II. ausgerufen. Hierauf wohnte er einem „Tedeum für die glorreiche Revolution" bei und empfing die Glückwünsche des wieder nach Rio zurückgekehrten diplomatischen Corps. Der Exkaiser schrieb am 8., am Bord des Warspite, an Ioze Bonifacio de Andrada (f. d.), um ihn mit der Vormundschaft und Erziehung seines Sohnes zu beauftragen. Er hatte keine bessere Wahl treffen können. Andrada übernahm das Amt, allein die Regentschaft weigerte sich, ihre Zustimmung zu geben. Don Pedro verließ Brasilien am 13. April 1831. Am 11. Iun. landete er in Cherbourg und begab sich spater als Herzog von Braganza nach Paris und London. Brasilien vergaß, was es ihm schuldig war. Don Pedros größtes Unrecht war, in Europa geboren zu sein. Man verzieh ihm nicht, daß er die so natürliche Zuneigung für seine Landsleute den Brasi'liern zum Opfer zu bringen sich nicht hatte entschließen können. Faßt man die gegründeten Beschwerden über ihn zusammen, so bestanden sie in Folgendem: Er habe die Interessen Brasiliens vernachlässigt; er habe Botschafter abgeschickt an Kaiser und Könige (u. A. den Marquis von Re- zende nach St.-Petersburg), nicht um Handelsverträge zu unterhandeln oder politische Verbesserungen zu befördern, sondern um die Etikette der Höfe zu bestimmen, um an den kaiserlichen Ehren Theil zu nehmen, um Heirathsanträge zu machen und um seiner unmündigen Tochter den Besitz der alten Krone seiner Fa- milie zu sichern. Er habe die Kosten des Streits zwischen den Anhängern der Donna Maria und den Anhängern Don Miguels, die Kosten der Expedition nach Oporto und der Regentschaft von Terceira auf Brasilien gewälzt; er habe seine aus Europa zurückberufene Tochter in einem Palasie von Rio Janeiro als Königin von Portugal eingesetzt, mit einem eignen Hofstaat und Hofprunk aus dem brasi. tischen Budget, dadurch aber die Fonds der brasilischen Regierung zur Bezahlung der Dividenden der von ihr anerkannten Schuld erschöpft, und den Bankerott des reichen Brasiliens an der londoner Börst verursacht; er habe sich zum Haupte aller Freimaurerlogen in Brasilien erklart, um unter dem Schein einer Sympathie mit ihren republikanischen Grundsätzen, Meister ihrer politischen Entwürfe zu bleiben, gleichwol aber die liberale Partei durch das Verlassen ihrer Sache, durch sein herrisches Wesen, sein willkürliches Benehmen, sein plötzliches Auflösen der gesetzgebenden Kammern, sowie durch sein hartnackiges Festhalten an den europäischen Angelegenheiten und das seinen portugiesischen Umgebungen bewiesene Vertrauen beleidigt. Dagegen läßt sich nicht leugnen, daß eine meineidige Faction auf den Umsturz der von der Nation beschworenen Constitution durch jedes Mittel der Lüge und der Verleumdung mittels der Presse und der Clubs hingearbeitet hat, während einige Wortführer und Jntriguanten die Republik, andere den Föderalismus an die Stelle der Monarchie setzen wollten, und für die Erreichung dieses Zweckes sich sowol mit exaltirten Theoretikern als mit den Anarchisten verbanden, welche die Hefen des Volkes in der schwarzen Bevölkerung zum Aufruhr und zu Handlungen persönlicher Rachsucht anreizten. Allen diesen Parteimännern stand die Person des Kaisers im Wege, der unglücklicherweise durch die schon bemerkten Fehlgriffe auch die Herzen der loyalen Brasilier von sich entfremdet hatte. Nach Don Pedros Abreise zeigte sich sofort in den Provinzen, wie in Rio selbst, das unheilvolle Spiel der Factionen mit dem Hasse der aufgeregten Menge zur Erreichung ihrer Absichten. Gleichzeitig wie zu Rio, waren zu Vahia Unruhen ausgebrochen. Das Volk fiel über die Portugiesen her, und das Militair machte mit ihm gemeinschaftliche iB' Ms >li! Sil» W W, GchWMnism, N S!Ä Wicht HM q kmsil chilt. ichk: mPt, Nncktchlch knmMMWs. schMHWM DM KM/WM Mwcklichw, Tie? ^l-chcheii,^ zss .,'s ^idey 5 'He. z. itze Brasilien 303 "!^.ZN i-sM? M Sache. Zn der Nacht vom 4. auf den 5. April sielen 30 Portugiesen als Opfer der Volksrache. Zu Pernambuco zeigte sich ebenfalls eine solche Gährung, daß man Unruhen besorgte. Dagegen erklarte eine Proklamation des Präsidenten der Nationallegislatur in Rio, daß Brasilien erst am Abdankungstage des Kaifers ins Dasein gerufen worden sei. „Unsere Nationalexistenz", sagt er, „hat nun begonnen. Brasilien gehört den Brasiliern und ist frei. Wir haben nun ein Vaterland, wir haben nun einen Monarchen, das Symbol unserer Einigkeit und der Unteilbarkeit unsers Reichs." Dieses Ziel schien für jetzt die Politik der Machthaber nothwendig zu bestimmen. Die Regentschaft sandte sofort einen neuen Präsidenten nach Bahia, der daselbst (23. April) Don Pedro II. als Kaiser proclamirte und die portugiesischen Einwohner, welche sich an Bord fremder Schisse geflüchtet hatten, zur Rückkehr einlud, indem er ihnen Sicherheit der Personen und des Eigenthums versprach. So ward hier scheinbar die Ruhe hergestellt. Darauf erließ in Rio die provisorische Regierung im Namen des Kaisers Don Pedro II. ein Amnestiedecret für alle brasilische, politischer Verbrechen wegen angeklagte und ver- urtheilte Individuen und feldflüchtige Soldaten. Den vor der Revolution in Tha- tigkeit gewesenen Ministern, welche sie durch ihr unkluges Benehmen und ihre Un. Popularität beschleunigt hatten, ward, auf ihr Gesuch., ein dreijähriger Urlaub nach Europa ertheilt. Überhaupt entließ man sehr viele von den alten Staatsbeamten. Zugleich ernannte die Regierung A. C. Ribeiro d'Andrada zum Gesandten am britischen, I. de Rocha zum Gesandten am französischen Hofe. Am 3. Mai ward die Versammlung der (auf die vierjährige Dauer von 1830 —34 gewählten) Kammern im Namen des Kaisers von dem Marquis Carcavellas eröffnet. Eine beträchtliche Majorität der Repräsentanten sprach sich zu Gunsten der neuen Negierung aus. Allein die Faction der Anarchisten unterhielt fortwährend jene aufrührische Gährung in den Niedern Elasten des Volks, durch welche sie schon die Revolution vom 6. April bewirkt hatten. Am Ende des Mai fand in Rio ein Auflauf der Farbigen statt, welche die Vertreibung der Portugiesen und die Auflösung der Deputirtenkammer bezweckten, um die Republik zu proclamiren. Der Pöbel hatte nämlich bemerkt, daß er durch die Entfernung Don Pedros seine Lage um nichts gebessert habe, und wollte daher sich selbst zum Herrn machen. Haufenweise durchzog er die Straßen, um jeden Weißen, von welcher Nation er auch sei, umzubringen. Die Neger entliefen ihren Herren und rotteten sich in den Wäldern zusammen. Endlich ward die Regierung der Bewegung Meister, und die Bürger bewaffneten sich, um das Gesindel zu bändigen. Die Pr ovinzen Mi- nas Geraes und Rio Grande eröffneten jetzt den Unterdrückten, ohne Unterschied der Herkunft, fehr weise eine Zufluchtsstätte, und mehre Familien wanderten mit ihrem beweglichen Eigenthum dahin aus. Außer diesem für den Handel von Rio so bedenklichen Umstände trug aber auch zur Herstellung der Sicherheit die kräftige Erklärung bei, welche der britische Contreadmiral Baker und der französische Contre- admiral Grivel (Rio den 3. Iun. 1831) auf das Ersuchen des diplomatischen Corps erließen, daß sie mit ihrer Seemacht alle bereits getroffenen Vorsichtsmaßregeln unterstützen und den in diesem Lande wohnenden Fremden den gebührenden Schutz sichern würden. In einer so gefahrvollen Lage stockte der Handel; die Zölle lieferten kaum den vierten Theil von Dem, was sie vor einigen Monaten noch eingetragen hatten. Also mußten die Quellen der Staatseinkünfte immer mehr versiegen, und der Finanzminister glaubte sich nicht anders helfen zu können, als daß er der Deputirtenkammer den Vorschlag machte, die Zinszahlung aller fremden Anleihen auf fünf Jahre zu suspendiren! Nach mehrtägigen Debatten ward jedoch sein Antrag mit 55 Stimmen gegen 23 verworfen. Dagegen wollte man, um die Finanzen herzustellen, die Armee auflösen und durch eine Nationalgarde ersetzen. Allein der Kriegsminister widersetzte sich und zur Erhaltung der 304 Brasilien Ordnung mußte man von den frühern 18,500 Mann noch immer 12,000 Mann Soldaten beibehalten. Unterdessen war die Zeit der interimistischen Ernennung der Regentschaft abgelaufen; die Kammern (124 Stimmende, darunter 30 Senatoren) wählten daher am 17. Zun. als Mitglieder der permanenten Regierung: den schon genannten Generalmajor Francisco de Lima e Silva, gewesenes Mitglied der Regenz, eins der Haupter der Revolution, welcher sich um die Erhaltung der Ordnung in der letzten gefahrvollen Zeit verdient gemacht hatte, mit 81 Stimmen; Joze da Costa Carvalho (Rechtsgelehrten, reichen Gutsbesitzer und Deputirten für S.-Paulo, früher Präsident der Deputirtenkammer) mit 75 Stimmen; und Joao Brasilio Muniz, einen reichen Grundeigenthümer und Deputirten für Maranhao (noch jung und durch Reisen in Europa gebildet), mit 65 Stimmen. Die neue Regierung vertraute jetzt die Erhaltung der öffentlichen Ruhe einer provisorischen Bürgerwache an, die von Friedensrichtern angeführt wurde. Gleichwol gab es schon im Jul. (12. bis 14.) neue Unruhen. Die Garnison lehnte sich gegen die Regierung auf, sodaß sich die Portugiesen auf die Schiffe flüchteten. Der Grund davon war die feindselige Stimmung der Niedern Classen und eines Theils der Garnison gegen die neuerrichtete Bürgergarde. Das Volk verlangte die Auflösung derselben und die Wiederherstellung des alten Polizeisystems. Nach einigen Straßengefechten bemächtigten sich die Regierungstruppen der Dauptaufrührer, und die Ruhe ward wiederhergestellt. In diesen Tagen der Unruhen erklärte sich die Deputirtenkammer für permanent (am 15. Jul.), und der Senat verlegte seine Sitzung in den kaiserlichen Palast, wo die Regentschaft, die Minister und der Staatsrath ebenfalls ihre Sitzungen hielten. Von hier aus empfahlen sie durch Proklamationen dem Volke und den Soldaten das Festhalten an der Constitution und Einigkeit! Hierauf wurden die aufrührerischen Truppen verabschiedet, die Rädelsführer bestraft und die Bürgergarden vermehrt. Im Allgemeinen war die Mittelclasse oder der Bürgerftand für die Regierung. Aus den Provinzen MinasGeraes, S.-Paulo, Bahia u. a. kamen Zuschriften an die Regierung mit der Erklärung, daß sie bereit seien, Gut und Blut für die Erhaltung der Constitution zu opfern. Die wichtigste war die aus dem Reconcavo von Bahia, mit 3000 Unterschriften von Grundbesitzern. *) Darauf erschien (Anfangs August) ein Gesetz gegen Straßcnläufer und Müßiggänger (ein unerhörtes Beispiel unter den Tropen), und der Minister Feijo hob, zum Theil eigenmächtig, die mit der Constitution unvereinbaren Sicherheitsbriefe (cartas 6e Legnro) **) auf. Um jedoch allen Umtrieben der republikanischen Mulattenpartei entgegenzuarbeiten, wurden von einer Specialcommission der Kammern Verbesserungen der Constitution entworfen, und im „Omrio . 50 306 Braunschweig tivMonarchie sein." Die Kammer der Senatoren aber entschied unter allerdings tristigen Gründen, daß sie jetzt nicht genug Zeit habe, sich über diesen höchst wichtigen Gegenstand auszusprechen, und denselben daher einer folgenden Sitzung vorbehalte. So ward die große Parteifrage wenigstens verschoben, und am 1. Nov. 1831 die diesjährige Sitzung der Kammern von den Regenten geschlossen. Außer der Faction der Anarchisten, als deren obersten geheimen Leiter das Gerücht den Marquis von Barbacena bezeichnet, stehen jetzt in Brasilien zwei Parteien einander schroff gegenüber: Föderalisten und Unitarier. Inmitten dieser feindseligen Stellung ruht Brasiliens Zukunft auf dem Haupte eines Kindes, das allein und verwaist, ohne Europas Reize und Vorurtheile zu kennen, die stolzesten Erinnerungen der Vergangenheit, wo Portugals Helden Brasilien und Indien für den Welthandel eroberten, an den alten erlauchten Namen Braganza knüpft und dabei ein geborener Brasi'lier ist! Wie lange aber wird der Zauber dieses Kindes noch die Provinzen jenes großen Reichs zusammenhalten, in welchen alle Keime der Trennung und des Föderalismus unter einer schwachen Regentschaft fortwuchern? Die einzige Schranke für so viele Ehrgeizige, die allenthalben mit gleich großer Anmaßung als Verderbtheit in Grundsätzen und Sitten sich kühn zu erheben bereit sind, ist ein Knabe von sieben Jahren. (7) *B raunschweig. Auch für dieses Land sollte das Jahr 1830 in der Entwicklung des öffentlichen Lebens Epoche machen. Auf ein kleines, von dem großen Schauplatze ziemlich entferntes Land, wie Braunschweig, hatten die seit der französischen Revolution geweckten Bestrebungen, das Staatsleben von unten herauf zu verbessern, um so weniger gewirkt, als ein weiser und wohlwollender Regent, der unvergessene Karl Wilhelm Ferdinand, die Wunden aus der vorangegangenen verschwenderischen Regierungsperiode durch sorgsame Thätigkeit zu heilen wußte, und die Besorgniß vor einem Misbrauch der höchsten Gewalt durch mehre wesentliche, sich selbst und seinen Nachfolgern auferlegte Beschränkungen für immer zu entfernen schien. Die Zeiten der Fremdherrschaft warfen wie ein tobender Orkan das Alte und Abgelebte nieder, ohne daß die neuen Keime vor der lähmenden Gewalt zu kräftigem Leben gedeihen konnten. Friedrich Wilhelm, der nach der Befreiung Deutschlands in das Land seiner Väter zurückgekehrt war, ordnete in der kurzen Zeit seiner Regierung die Verfassung seines Erblandes nicht, selbst die alten Landstande wurden von ihm nicht hergestellt. Unter der vormundschastlichen Regierung wurde 1820 eine erneuerte Landschaftsordnung bekannt gemacht, die indeß den Bedürfnissen der Zeit nicht entsprach, und das Volk, ohne dessen Mitwirkung sie entstanden war, auch ohne Theilnahme ließ, als sie in das Leben trat, besonders wegen des gänzlichen Mangels an Öffentlichkeit. Am 30. Oct. 1823 trat Herzog Karl nach Vollendung seines neunzehnten Lebensjahres die Negierung an. In Braunschweig hatte man damals kaum noch eine Ahnung von dem Charakter dieses Fürsten, der längere Zeit von dort entfernt gewesen war. Er mischte sich in den ersten Jahren wenig in die Regierungsgeschäfte, zu deren Verwaltung ihm selbst alle Vorkenntnisse fehlten. Der Gang der Verwaltung dauerte unter der Leitung des Geheimraths von Schmidt-Phiseldeck, wie zur Zeit der vormundschastlichen Regierung, ungehindert fort; nur war von einer Berufung der Landstände nicht die Rede. Schmidt drang oft vergebens auf die Anerkennung derselben und bat endlich (Oct. 1826), da er mit dem Herzog überhaupt immer mehr in Misverhälc- nisse gerieth, um seine Entlassung. An die hartnäckige Verweigerung des Abschiedes für den verdienten Mann knüpfte sich der unselige, weltbekannte Zwist mit dem königlichen Pormund, Georg IV., von welchem Herzog Karl seine Regentenrechte gekränkt glaubte. Die Öffentlichkeit, mit welcher der Streit geführt wurde, enthüllte nun vor Aller Augen, von welchen selbstsüchtigen Leidenschaften sich der Herzog leiten ließ. Herrsässucht und Geiz, die jchon früh in ihm ent- K« W Braunschweig 307 wickelt waren, hatten in seiner Seele langst das ungeduldige Verlangen nach dem Augenblicke erweckt, wo er, fremder Leitung entnommen, ungestört jenen Begierden stöhnen könnte. Da aber der Zeitpunkt seiner Mündigkeit nach den bestehenden Hausgesetzen in Vergleich mit den Vorschriften des vaterlichen Testaments zweifelhaft erschien, so hatte er sich gern überreden lassen, daß er befugt sei, nach vollendetem achtzehnten Jahre die Regierung anzutreten, was der königliche Vormund um so weniger gewahren zu dürfen glaubte, als er mit der Sinnesart des Herzogs nicht unbekannt war. Durch Vermittelung des Fürsten Metternich war es jedoch 1823 zum Vergleiche gekommen, und da dieser versicherte, in dem Herzoge Karl „Spuren einer schönen Seele" entdeckt zu haben, so übergab Georg IV. demselben die Regierung nach dem Schlüsse des ersten Landtages, auf welchem noch mehre Verfügungen zum Wohl des Landes zu Stande gebracht wurden. Drei Jahre verhielt sich seitdem der Herzog ruhig, um, wie er nachher erklärte, der Welt zu zeigen, daß er nicht zu früh für mündig erklart worden fei. Dann aber offenbarte sich, welcher verhaltene Groll sein Herz erfüllte, weil man seiner Herrschsucht Schranken zu setzen gesucht hatte. Als die ihm misfalligste Bestimmung in der erneuerten Landschaftsordnung bezeichnete er ohne Scheu die Festsetzung der Contrasignatur der herzoglichen Verordnungen durch einen Minister. Er verfolgte nun mit der kleinlichsten und zugleich boshaftesten Rache den Geheimrath Schmidt, dem er, als sich derselbe drohenden Gewaltthätigkeiten durch die Flucht entzogen hatte (April 1827), Steckbriefe nachsandte, und er vergaß sich so weit, durch ein Patent vom 10. Mai 1827 den wahrend der vormundschaftlichen Negierung erlassenen Verordnungen nur eine bedingte Gültigkeit zuzugestehen, indem er von der Beeinträchtigung wohlerworbener Regenten- und Eigcn- thumsrechte sprach, und die Verlängerung der Vormundschaft über sein achtzehntes Lebensjahr hinaus für widerrechtlich erklärte, obgleich er seine Zustimmung dazu gegeben hatte. Ja er griff den Vormund selbst durch Schmähschriften an, und ließ den Grafen Münster, welcher dieselben im Auftrage seines Monarchen erwiderte, durch einen braunschweigischen Staatsdiener zum Zweikampfe fodern. Der Starrsinn des Herzogs machte ihn bei diesem Streite für alle Vorstellungen feiner Diener, der fremden Höfe und selbst der wohlwollendsten Freundschaft unempfänglich, und er trat nicht nur mit Abenteurern, sondern selbst mit den verworfensten Menschen in Verbindung, sobald er dieselben für fähig hielt, sein vermeintes Recht durch Sophismen zu vertheidigen und seinen Gegnern auf die gemeinste Weise empfindlich wehe zu thun. Der Unglückliche quälte sich selbst Tag und Nacht, um Mittel zur Befriedigung seiner Rache zu ersinnen. Seine Erheiterung suchte er in Niedern Lüsten, die ihn schon früh entnervt hatten, und unter denen feine ganze Mannskraft zu Grunde ging. Der Despotismus griff indeß immer weiter um sich. Schon seit dem Austritte des Geheimraths Schmidt wurden nur solche Männer in die Nähe des Herzogs gezogen und an die Spitze der Regierung gestellt, von welchen er unbedingte Fügsamkeit erwarten durfte, ebensowol weil seine Herrschsucht schon keinen Widerspruch mehr ertrug, als weil jetzt ohne Rücksicht jede Sorge für das Wohl des Staates der selbstsüchtigsten Privatbereicherung nachgesetzt werden sollte. Beamtenstellen blieben unbesetzt, um die Besoldungen zu ersparen; der Sold der auf Wartegeld stehenden Offiziere wurde, wenn man sie zum Dienst berief, nicht erhöht; Witwen und Waisen sahen ihre Pensionen geschmälert. Zugleich ward Jeder, welcher dem höchsten Willen zu widerstreben wagte, auch wo es Ehre und Selbstachtung federten, mit einem nie vergessenden Grolle verfolgt, der endlich selbst die Ausübung der Pflichten der Menschlichkeit gegen die Verhaßten, ja gegen Alle, die mit ihnen in Verbindung standen, zu verbieten wagte. So ward den Ärzten untersagt, der Gemahlin des freisinnigen Herrn von Eramm bei ilwer bevorstehenden Niederkunft Beistand zu leisten! 20 5 308 Braunschwcig Ja, unter den spater an das Licht gekommenen geheimen Papieren des Herzogs fand sich unter den Ehikanen, die man gegen misfallige Personen anwenden könne, auch die Rubrik: „Fodern lassen, durch einen Dritten, bis sie erschossen", was freilich nie zur Ausführung gekommen zu sein scheint. Aber auch der Gedanke sollte sich der Machtvollkommenheit des souverainen Fürsten, wie er sich fortan bei jeder Veranlassung nannte, nicht entziehen können, und darum wurde eine geheime Polizei, die vielleicht schon früher eingerichtet war, weiter ausgebildet, ja das Briefgeheimnis; angetastet, um Jeden, der ihn nur mit einer Äußerung verletzt hatte, mit Zerstörung oder Verkümmerung seines ganzen Lcbensglückes zu bestrafen. Auch die Unabhängigkeit der richterlichen Aussprüche ward spater verletzt, und das Urtheil des Landesgerichts aufgehoben, als diese Behörde, ihrer Pflicht gemäß, den Herrn von Sierstorpss freisprach, der wegen der Protestation gegen eine, ihm von dem Herzoge widerfahrene Rechtsverletzung mit Landesverweisung bestraft war. Diese Handlungen erzeugten in der bessern Elaste eine sittliche Entrüstung, zu welcher sich die Besorgniß vor der Kränkung der eignen heiligsten Rechte gesellte; doch regten sich Freisinnigkeit und Muth, je mehr die Freiheit und das Recht bedroht waren, und wenn auch die Presse in den schmählichsten Fesseln lag, so nährte doch in hundert kleinern Kreisen und im täglichen Gespräch das Wort den Geist, der einst auch zu Thaten heranreifen mußte. Die Landstände, welchen es allein möglich gewesen wäre, der Willkür des Fürsten auf gesetzlichem Wege entgegenzutreten, waren noch immer nicht anerkannt. Nachdem sie endlich, wie es ihnen verfassungsmäßig zustand, im Mai 1829 sich selbst berufen hatten, suchten sie bei dem Bundestage um Aufrechthaltung der bestehenden Verfassung nach. Das Volk nahm indeß hieran nur noch geringen Antheil. Auch blieb man lange in Ungewißheit, welchen Schutz die braunschweigische Verfassung von Seiten des Bundestags erwarten dürfe. Eifriger nahm sich der Fürstenbund der von dein Könige von England erhobenen Klage wegen der, ihm von dem Herzoge widerfahrenen persönlichen Beleidigungen an. Obgleich aber, statt der bereits verfügten Exemtion, bei einer scheinbaren Nachgiebigkeit des Herzogs, neue diplomatische Unterhandlungen eintraten, so scheint doch die Besorgniß des Letztem, daß er sich endlich den Aussprüchen des Rechts werde fügen müssen, den größten Einfluß aufsein ferneres Benehmen gehabt zu haben. Gewiß erfüllte ihn aber auch ein dunkles Gefühl, daß die begonnene Negierungsweise nicht von langer Dauer sein könne, und daß er darauf bedacht sein müsse, sein persönliches Schicksal anderweit zu sichern. Nur so erklärt sich die fast plötzlich bis zum Unsinn gesteigerte Sucht, seine baaren Geldschätze, selbst auf Kosten des künftigen Ertrages seines Landes, immer mehr anzuhäufen. Die Forstculturen wurden eingestellt, Domai- uen ausgeboten und die Ablösung von Diensten, Zehnten und Gefällen durch ver- hältnißmäßig billige Abkaufsgelder zum Besten der fürstlichen Privatcasse in der größten Eile verfügt. Diese Maßregeln wurden zwar nur von Denjenigen, welche die Staatsverhältnisse im Zusammenhange übersahen, in ihrer ganzen Bedeutung erkannt; doch theilte sich natürlich ihr Urtheil den übrigen Elasten mit, und die Überzeugung von der Umvürdigkeit des Regenten ward immer allgemeiner, besonders in der Hauptstadt. Hier fanden sich noch viele andere Keime der Unzufriedenheit. Aus verschiedenen Ursachen, besonders durch die Prohibitivsysteme in den Nachbarstaaten, die Entfernung vieler angesehenen Familien aus der e^tadt, hatte die Nahrlosigkeit furchtbar zugenommen, und dennoch wurden gerade jetzt die früher bedeutenden öffentlichen Arbeiten fast ganz eingestellt; dazu trat 1829 ein sehr strenger Winter ein. Bei dieser Lage der Dinge verließ der Herzog zu Anfange des Jahres 1839 die Residenz, um in Sicherheit vor den etwaigen Maßregeln des Bundes einen Theil seiner Schatze im Auslande zu verschwelgen. Bei ^ ^ k> Braunschweig 309 !>»«rSl^ ;Mchss WziSs«- »dB--- j seinem ?tufenthalte in Paris schämte er sich nicht der elendesten Künste zu den kleinlichsten Ersparungen. Die Heimath schien er fast zu vergessen, als ihn das Schicksal plötzlich dahin zurückschreckte. Der Tyrann glaubte sich nicht sicher, wo das Panker der Freiheit wehte; vor dem Sturme der Juliustage entfloh er in wilder Eile aus Paris, wanderte, den weichlichen Bcttwagcn vergessend, nechre Stunden zu Fuß und hielt sich erst in Brüssel geborgen. Doch als ob die Furien ihm folgten, verjagte ihn auch aus Belgien der Ruf der Freiheit.' So wandte er sich, mit innerm Widerstreben, nach der Heimath. Mit einem neuen Günstling, dem Franzosen Alloard, stahl er sich fast heimlich in die Stadt (13. Aug. 1830). Die Stimmung der Braunfchweiger gegen den Herzog war indeß noch erbitterter geworden. Das Land litt im Laufe des Sommers 1830 in mehren Gegenden durch Wasserfluten, Miswachs und Hagclschlag; doch vergebens erwartete man eine Handlung der Milde. Dagegen war neuerlich mehren der verdientesten Männer, namentlich Mitgliedern des Landesgerichts, in Folge einer eigens erlassenen despotischen Urlaubsverordnung, die Erlaubnis zu Bade- und Erholungsreisen verweigert worden. Die Geschäfte waren wahrend der Abwesenheit des Herzogs fast ganz in den Händen eines aus der Schreibstube erhobenen Günstlings, des Kanzleidirectors Vitter, gewesen. Man hatte Einrichtungen getroffen, die Gerichte von der Laune des Herrschers abhangig zu machen und das Staatsvermögen seiner unbeschrankten Verfügung zu unterwerfen. Der Herzog schien geglaubt zu haben, in seiner Abwesenheit das Gebäude des Despotismus ungestraft vollenden zu können. Jetzt konnte er, auch ohne die Vorgänge in Paris, seinen gekrankten Unterthancn nur mit Furcht sein Antlitz zeigen. Er hatte Niemand für sich gewonnen; seine Leidenschaften hatten ihn selbst über jedes Mittel, ihre Befriedigung zu sichern, verblendet. Vergebens bemühte sich Bitter, zur Feier der Rückkehr des Herzogs eine Erleuchtung der Stadt zu Stande zu bringen. Die Furcht vor einem nahen Aufruhr verließ den Herzog nicht mehr. Ängstlich und wiederholt wurde die Polizei befragt, ob nicht bedenkliche Vorzeichen sich kundgäben. Und daran fehlte es nicht; hausig fand mar; drohende Mahnungen in niedriger und in edler Sprache ausgestreut, und die Späher des Herzogs mochten manches kecke Wort hinterbringen. Bei dem Herzog erhöhte die Furcht den Anschein der Gefahr; das zufällige Ablaufen eines Rades seines Wagens, welches den Warnungsruf: Halt! veranlaßte, ließ ihn einen Mordversuch besorgen. Unter den Mittlern Standen der Gesellschaft, welchen der Aufruhr als etwas Ungeheures erscheint, dachte man noch nicht an den nahen Ausbruch des gährenden Vulkans. Was in den höhern Kreisen, die sich mehr zu der Leitung des Ganzen berufen glauben, schon jetzt vorbereitet werden mochte, liegt im Dunkel. Die Drohungen der untersten Classe konnten für Ausbrüche eines machtlosen Unwillens gelten. Noch war es Zeit, dem nahen Sturme auszuweichen, ja selbst ihn zu beschwören. Aber in der Seele des Herzogs fehlten alle Bedingungen zu einer Umwandlung, wie sie die Lage der Dinge foderte. Die Lehren, welche ihm das Schicksal in schreckender Nähe vorhielt, hatten ihn nur noch mehr verhärtet. Er überredete sich selbst, daß maßlose Gewalt den Aufruhr in die Schranken zurückweisen müsse, und schalt den König Karl einen Thoren, weil er das Volk nicht zu zwingen gewußt habe. Als er von einem Fackelzuge hörte, durch welchen man die bevorstehende Rückkehr des Herrn von Sierstorpff feiern wolle, gab er Befehl, die etwa zusammenlaufende Menge mit Kartätschen auseinanderzusprengen. Um den fremden Günstling ohne neue Kosten zu versorgen, beschleunigte er den Tod des Viceoberstallmcisters von Oeynhausen durch die ausgesuchtesten Quälereien, die er bis kurz vor dem Abscheiden desselben fortsetzte, eilte dann in wilder Hast zu dem kaum erkalteten Leichnam, und stieß hier, unter Verhöhnung des Tobten, die Worte aus: „Ich muß mich an Leichen gewöhnen!" Dieser Vorfall zeigte den Charakter des Herzogs in 310 Braunschweig seinem schrecklichsten Lichte. Er konnte den Eindruck auf die Menge nicht verfehlen. Jede That schien gegen Den gerechtfertigt, der die Fülle der Macht benutzte, um ungestört den Frevel zu üben; die graßliche Verheißung, welche in jenen bei dem Leichnam gesprochenen Worten lag, reizte nur zu höherer Wuth. Dazu kam der Entschluß des Herzogs zu einer neuen Reise in das Ausland. Die Sorge für den Winter erwachte lebhaft, und wer für Andere, wer für sich selber sorgte/glaubte die kurze Zeit, wo noch gehandelt werden konnte, benutzen zu müssen. Am 1. Sept. stellte eine Deputation von Bürgern dem Herzoge die Notwendigkeit vor, der bedrängten Lage des Volkes, die sich in lauten Beschwerden kundgebe, abzuhelfen; zugleich sprach sie die Bitte um Berufung der Landstande aus. Der Herzog antwortete ausweichend, und bald wurden scharfe Patronen an die Besatzung vertheilt, und Befehl gegeben, die Beurlaubten einzuberufen. Dieses Verfahren schien indeß den meisten Bewohnern Braunschweigs noch so wenig begründet, daß man es ebenso lacherlich als verabschcuungswürdig fand. Die Einberufung der Beurlaubten verbreitete namentlich die Gahrung durch das ganze Land. Ähnliche Eindrücke machte es, als Montags den 6. Sept. 16 Kanonen auf einem öffentlichen Platze aufgefahren wurden. Eine große Menge Menschen sammelte sich um das Geschütz und betrachtete halb lächelnd das ungewohnte Schauspiel. Zugleich aber kochte es in den Gemüthern, und die thatliche Drohung rief den Sturm herbei, den sie zerstreuen sollte, ehe er noch zum Ausbruche reif war. Am Montag Abend sammelte sich eine ansehnliche Menschenmenge vor dem Theater, und man will hier auch wohlgekleidete Masken gesehen haben. Bei der Nachricht davon verließ der Herzog plötzlich seine Loge und eilte in den Wagen. Sein Begleiter Alloard, der nach ihm einsteigen sollte, wurde von mehren starken Mannern, die eilends herzusprangen, zurückgerissen. Der Herzog fuhr rasch davon, die Volksmasse stürmte ihm nach. „Nieder mit dem Herzog!" rief man von vielen Seiten. Geschrei und gellendes Pfeifen erscholl; Steine flogen durch die Fenster des Wagens. Die Raschheit der Pferde entriß ihn den Verfolgern, die vergeblich versucht hatten, die Strange abzuschneiden. Die unbefriedigte Wuth wandte sich dann gegen einige Laternen und die Fenster mehrer öffentlichen Gebäude. Der Schloßhof ward indeß mit Soldaten besetzt, und man sperrte die Zugänge; dichte Menschenhaufen drängten sich an das Gitter. Der Herzog zeigte sich zu Pferde mit gezogenem Degen; er wollte die Truppen gegen sein Volk anführen, doch sandte er erst den General von Herzberg an das eine Gitterthor, um die versammelte Volksmenge zu beruhigen. „Es lebe Herzog Wilhelm! Es lebe der General von Herzberg!" scholl es ihm entgegen. ' Das allgemeine Verlangen gab sich in abgebrochenem Ausruf kund: „Arbeit! — Erlaß der Personalsteuer! — Landstände!" Dazwischen ließen sich wüthende Drohungen wider den Herzog vernehmen. Durch den General Herzberg ward dann Anweisung von Arbeit versprochen, über die Berufung der Landstände aber sollten die Behörden sich berathen. Doch konnte der General den Herzog nicht ohne Mühe von dem Vorsatze zurückbringen, mit Kartätschen unter die Menge feuern zu lassen. Darauf wurde der Magistratsdirector Bode mit dem Polizeidirector Gravenhorst dem Herzoge gemeldet, welche die dringendsten Vorstellungen machten, die Stadt durch Aufstellung einer Bürgergarde vor dem aufgeregten Pöbel zu sichern. Erst auf wiederholten Antrag bewilligte der Herzog die Bewaffnung der Bürger mit Säbeln und Piken, unter der ausdrücklichen Bedingung aber, daß Niemand Schießgewehre führen und kein bewaffneter Bürger in die Nähe des Schlosses kommen sollte. So wenig wagte er es, den bessern Bürgern zu vertrauen! Um Mitternacht wurde indeß die vor dem Schlosse versammelte Menge durch Husaren ohne Anwendung von Gewalt zerstreut. Der Herzog war auf Sicherung seiner Schätze bedacht, die er m ein festes Gewölbe des Schlosses bringen ließ. Wer bei den Vorgangen diesem Braunschweig 3!! tichn >MdaS Abends öffentlich und insgeheim thätig gewesen sei, ist schwer zu sagen. Durch die gedrohte Gewaltthat waren Alle entrüstet; der langverhaltenc Grimm der Niedern Elassen wurde dadurch plötzlich zur Wuth gesteigert; das Beisammensein der Gleichgestimmten ermuthigte, und die rasche Leidenschaft konnte auch zu nie geahmten Thaten fortreißen. Andererseits mochte diese Stimmung von Denen, die sich dazu berufen glaubten, benutzt und geleitet worden sein. Nie hätten sie allein dieselbe hervorrufen können, doch setzen es mehre Spuren außer Zweifel, daß hier etwas vorbereitet war. Die große Mehrzahl der Bewohner Braunschweigs war von den Ereignissen auf das höchste überrascht. Am andern Morgen war die Aufregung allgemein. Der Herzog hatte im Laufe der verflossenen Nacht den Befehl gegeben, aus dem Pulvermagazine über 5000 Pfund Pulver in eine der Stadtkirchen zu schaffen. Ein entschlossener Bürger begab sich in das Schloß, sobald man zur Vollziehung jenes Befehles schritt, und der anfänglichen Zurückweisung nicht achtend, trat er in des Herzogs Zimmer, um im Namen der Bewohner des bedrohten Stadttheils zu erklären, daß sie ihr Leben und Eigenthum nicht aufs Spiel setzen lassen wollten. Es erfolgte sogleich der Befehl, das Pulver in das Magazin zurückzubringen. Bis um 1 Uhr zögerte indeß der Herzog, ehe er den Magistratsdirector mit sechs Stadtdeputirten vorließ, dann aber, auf die dringenden Vorstellungen von der herrschenden Gährung, bewilligte er, daß die Kanonen in das Zeughaus zurückgeführt werden sollten, und es wurden 5000 Thlr. zur Unterstützung der Armen und mehre Beschäftigungen für die Tagelöhnerclasse versprochen. Der Wunsch wegen Berufung der Landstände wurde nicht berücksichtigt; zugleich erklärte der Herzog, er werde das Schloß selbst zu beschützen wissen und keineswegs halbe Maßregeln nehmen. Die Kanonen, mit Ausnahme derer, welche das Schloß beschützen sollten, wurden nun zwar unter dem Jubel des Volks fortgeschafft; aber die Verspechungen des Herzogs, welche sogleich durch eine Proklamation bekannt gemacht wurden, erschienen ungenügend und fanden kein Vertrauen. Der Herzog war schon zur Abreise entschlossen; in düsterer Stimmung erwartete er die Dunkelheit. Am Abend bewaffneten sich die Bürger; gern sahen sie sich der Pflicht das Schloß zu beschützen überhoben. Der Herzog ließ dasselbe um 7 Uhr von dem gesummten Militair besetzen und wiederholte noch mehrmals den Befehl, bei den ersten Unruhen auf das Volk zu schießen, obgleich der brave General von Herzberg vor Vergießung von Bürgerblut dringend warnte, und endlich erklärte, er würde nur dann zum Angrisse commandiren, wenn der Herzog, neben ihm stehend, den Befehl dazu ertheilte. Die Gitterthore waren gesperrt. Es sammelten sich immer zahlreichere Haufen vor dem Schlosse. Sie tobten, pfiffen und schrien; bald brachen sie den Namenszug des Herzogs aus dem Eisengitter und griffen dann das mit dem Schlosse in Verbindung stehende Kanzleigebäude und den Thorweg des Schloßgartens an. Unter wüthendem Geschrei zerschlug die Menge diesen und die Fenster des Kanzleigebäudes; der Eingang zum Innern des Schlosses war eröffnet; der Herzog glaubte sich nicht mehr sicher und suchte sein Heil in eiliger Flucht, von einem Theile der Truppen begleitet. Das weitere Verfahren gegen das Volk hatte der Herzog dem General von Herzberg zur Anordnung und Verantwortung überlassen; den unmittelbaren Befehl zum Feuern ertheilte er nicht, vielleicht aus Furcht vor der Wuth der Menge. So entkam er aus dem Thore. Die Haufen, welche in das Schloß eingedrungen waren, wollten indeß ihrem Grimme Luft machen; unter furchtbarem Geschrei wurden die kostbarsten Gerathschaften zertrümmert, Niemand dachte noch an Bereicherung; Alles, was an den Verhaßten erinnerte, sollte vernichtet werden. Die Zerslörungswuth rief die Elemente zu Hülfe; der Ruf nach Feuer erscholl, und bald loderte die Flamme aus den Fenstern des Archivs, wo die seltensten Urkunden der erste Raub des Feuers wurden. Jetzt ward die Verwirrung grenzenlos; Neugierige und Ret- 3!2 Braunschweig tende strömten in das Schloß. Wer mochte sie vertreiben? Ein Angriff des Militairs mußte zu dem entsetzlichsten Blutbade führen, und die Rettung des Schlosses nur noch schwieriger machen, als sie es schon durch die vom Herzoge unmittelbar verfügte ganz fehlerhaste Aufstellung der Truppen war. Der General von Herzberg Handelteso umsichtig als menschlich, indem er das Militair zurückzog. Jn- deß eilten immer mehr Pöbelhaufen zur Plünderung herbei; die Bürgerpatrouillen versuchten vergebens, die zügellose Menge zu Paaren zu treiben; ihre unzureichenden Waffen wurden zerbrochen; in ein Handgemenge konnten sie sich nicht einlassen. Mit Schnelligkeit verbreitete sich der Brand aus der Kanzlei zu den nahen Zimmern des Herzogs. Die geängfteten Bewohner der Nachbarhauser riefen nach Hülfe. Doch vergebens brachte man Spritzen zur Löschung des brennenden Schlosses herbei; die Wüthenden gestatteten keinen Rettungsversuch, nur die gegenüberliegenden Bürgerhauser, an welchen schon die Flamme leckte, durften vor der Glut gesichert werden. Immer weiter breitete sich der Brand über den langedehnten" rechten Flügel des Schlosses aus; selbst als mitten in der Nacht das herrliche Mittelgebäude, ein Denkmal des verehrten Karl Wilhelm Ferdinand, von der Glut ergrissen wurde, wies der tobende Haufen die Vorstellungen besonnener Männer mit wilden Drohungen, ja mit Gewaltthaten zurück; auch die anstoßenden Zimmer des linken Flügels, hieß es, müßten noch nieder, in denen der Schändliche geboren sei. Unaufhaltsam fraß die Glut an dem trockenen Holzwerke des Schlosses weiter, aber wie durch ein Wunder blieb jedes andere Gebäude verschont. Als gegen Morgen nur noch ein Theil des linken Flügels übrig war, durch dessen Brand den anstoßenden Häusern Gefahr drohte, lagen die Werkzeuge der Greucl- that in Trunkenheit begraben, manche unter den Trümmern des Schlosses, und Niemand hinderte mehr am Löschen. Jetzt übersah man den Greuel der Verwüstung ! Furchtbar hatte die Leidenschaft getobt, und wer mochte rechtfertigen, was geschehen war? Aber in seinem Ursprung erschien auch der wildeste Haß gerecht, und in dem Erfolge erkannte die aufgeregte Stimmung der Bessern ein Gottesgericht. Nur den Einen hatte die Rache getroffen, weil das Maß seines Frevels voll war. Der Pöbel war das Werkzeug seines Falles gewesen; aber was er in seiner Weise durch rohe Gewaltthat vollführte, das entsprang aus demselben Gefühle, das Alle beherrschte. Niemand weiß, was voraus beabsichtigt war, auch nicht wer den Sturm geleitet haben mag; der Mordbrand ging aus der Wuth des Pöbels hervor *), die instinktmäßig zum geahnten Ziele führte. Denn durch solche Thaten mußte sich zeigen, daß das Band zwischen dem Gewalthaber auf dem Thron und seinem Volke für immer zerrissen war. Zugleich wurden auf eine ans Wunderbare grenzende Weise geheime Papiere des Herzogs durch den Brand des Schlosses, der sie so leicht vernichten konnte, zu allgemeiner Kunde gebracht und gaben die unzweideutigsten Beweise von der sittlichen Verderbtheit des Tyrannen! Den Flüchtling jagte das Gewissen über die Grenzen seines Landes hinaus, in dessen übrigen Städten er sich wol noch hätte halten können. Mit dumpfer Gleichgültigkeit sah er eine Stunde von Braunschweig die Flammen des väterlichen Schlosses; nur auf die Rettung seiner Person bedacht, glaubte er sich erst jenieit des Meeres sicher. Auch hoffte er, durch den Beistand feines königlichen Verwandten, Wilhelm IV. von England, auf den angeerbten Thron zurückgeführt zu werden. In Braunschweig war indeß in dem Drange der Gefahr der Volksgeist erwacht. Die Bürger der Hauptstadt erkannten die Nothwendigkeit, Ordnung und Gesetz wider den losgelassenen Pöbel, der nur dem Zwange gehorcht, durch eigne Kraft zu sichern. Bereits am 8. Sept. ward die Bürgergarde förmlich organistrt, wählte *) Auffallend ist es übrigens, daß das Gerücht von dem Schloßbrande in mehre Meilen weit von Braunschweig entfernten Orten dem Ercigniß selbst voranging. Braunschweig 313 id. 5'^!» ^ Wdie Wch Er« c.üe/lA . einen Anführer, den Kaufmann Ludwig Löbbecke, und bekam Schießgewehre aus: d>em Zeughaufe. Sie trat mit dem Militair in die engste Verbindung, und beide c xh leiten in der musterhaftesten Eintracht durch ununterbrochene Anstrengung die O rd- nung aufrecht. Man fragte, wie die wiedergewonnene Ruhe befestigt werden solle. Der Ausschuß der Landstande war auch schon am 8. Sept. zufammengetret en und versprach die baldige Berufung des Landtages. Aller Hoffnungen aber ri chte- ten sich auf den Herzog Wilhelm, welcher, in preußischen Kriegsdiensten, dama.ls in Berlin stand. Entschlossene Manner beriethen eine Adresse, durch welche derselbe eingeladen wurde, einstweilen die Zügel der Negierung zu übernehmen. Arm 9. ward sie mit zahlreichen Unterschriften versehen. Doch wahrend man noch zwischen Sorge und Hoffnung schwankte, wie sich Alles entwickeln werde, erscholl am 10. Sept. Mittags die Kunde: Herzog Wilhelm ist in Richmond! Man lnelt dies Anfangs für eine der vielen Erfindungen der aufgeregten Stimmung; doch bald durfte man nicht mehr zweifeln, und Alt und Jung eilte nach dem Strande von der Stadt liegenden Lustfchlosse, um sich von der Wahrheit des ungehossUen Glückes zu überzeugen. Schon der rasche Entschluß und das Vertrauen, von welchem er Zeugniß gab, gewannen dem jungen Fürsten alle Herzen. Jubelnd erwartete man ihn an der Treppe des Schlosses, und als er hervortrat, knüpfte ein unaufhaltsames Lebehoch den Bund zwischen dem neuen Fürsten und dem begeisterten Volke. Bald zog der Herzog, von den Behörden der Stadt über den Zustand' der Dinge unterrichtet, von dem General von Herzberg, dem Commandantcn der Bürgergarde, begleitet, durch die Straßen der Stadt, welche allgemeiner Jubel erfüllte. Nur Ein Stoff zur Unzufriedenheit war noch vorhanden, das Fortbestehen des bisherigen Staatsministeriums. Der unverholene Ausdruck der öffentlichen Meinung gegen die Mitglieder desselben veranlaßte den Herzog Wilhelm schon in den ersten Tagen, ihnen zwei rechtliche und geschäftskundige Männer, von Schleinitz und Schulz, zuzugesellen und bald das frühere Ministerium aufzulösen, worauf der Graf von Veltheim an die Spitze der neuen Verwaltung trat. Es war damals eine schöne Zeit! Ein öffentliches Leben war erwacht, wie es Braunschweig feit Jahrhunderten nicht kannte, wie es in solcher Gestalt erst in dem Zeitalter gesetzlicher Freiheit und humaner Bildung erscheinen konnte. Auf Einen großen Zweck waren alle Bestrebungen gerichtet, und Jeder im Volke, der die Kraft dazu fühlte, war berufen mitzuwirken; einem geliebten Fürsten den Thron zu sichern, damit die Freiheit gedeihe, war die gemeinsame Aufgabe Aller. Nur einzelne Besorgnisse traten dazwischen; aber die entfernte Gefahr diente nur dazu, die Einigkeit zu befestigen, das Gefühl der Kraft zu erwecken und das schöne Bewußtsein froher Bereitwilligkeit, für das Vaterland auch das Höchste zu opfern, lebendig zu erhalten. Durch gemeinsame Linderung des Elends, welches die Schrecknisse der Natur über das Land verbreitet hatten, sollte sich zuerst der Bund zwischen dem Fürsten und dem Volke enger schließen. Bald gaben Liebe und Achtung gegen den Fürsten, bald Manner, die sich in den Tagen der Gefahr höhere Verdienste erworben, Veranlassung zu frohen Festen. Erst jetzt empfand man, wie wichtig die Volksvertretung fei, und zollte Denen, die für die Erhaltung derselben furchtlos gekämpft hatten, die froheste Anerkennung. Der reinste Enthusiasmus beseelte Alles ; das ganze Volk schien verbrüdert, der Unterschied der Stande verschwunden. Jede Nachricht, jedes drohende Gerücht ward ohne Rückhalt mitge- theilt, Bekannten und Unbekannten, meistens in freier Versammlung in öffentlichen Garten, die das erst jetzt eingetretene ununterbrochen schöne Wetter begünstigte, sodaß Herzog Wilhelm auch dem Landmanne, dessen Arbeiten lange ge- H Vergl. (Koch) „Der Aufstand der Braunschweiger am 6. und 7. September, seine Veranlassungen und seine nächsten Folgen" (Braunschweig 18Z0). 314 Braunschweig hemmt waren, als ein segnender Genius erschien. Der Aufschwung der Gemüther, welchen die bedeutungsvolle Zeit herbeiführte, riß das schlummernde Talent zu dichterischen Erzeugnissen fort, welche die Stimmung nährten und erhöhten. Am meisten beförderte der Waffenbund das neuerwachte öffentliche Leben und eine gesellige Gleichstellung aller Staatsangehörigen, wie sie nur aus einem volkstümlichen Sinne hervorgehen kann. Auch in den übrigen Städten des Landes wurden im Laufe der nächsten Monate zum Schutze der errungenen Freiheit Bürgergarden errichtet, die sich bald bei dem Drohen der Gefahr zum engern Verein an einander schließen sollten. Die nächste Sorge, welche die Braunschweiger beschäftigte, war die Frage, welche Ansicht die auswärtigen Höfe über ihr Beginnen aussprechen würden. Doch wer es wußte, wie sich bereits die Stimme der Fürsten über den Charakter des Herzogs Karl ausgesprochen hatte, wer erwog, welchen Eindruck die Erhebung Frankreichs für die Freiheit und bald auch die Aufstände in Deutschland hervorbrachten, den konnte kein Zweifel an dem endlichen Siege der guten Sache erschüttern. Es wurden indeß auch die nöthigcn Unterhandlungen nicht versäumt; zugleich aber enthüllten jetzt die Landstände vor dem tief ergriffenen Fürsten, unter welchen Freveln seit Jahren das unglückliche Volk gelitten hatte *); und Herzog Wilhelm erklärte schon am folgenden Tage (28. Sept.), daß er auf ihren dringenden Wunsch die Regierung bis auf Weiteres übernehme, fügte indeß hinzu, daß er sich eifrig bemühen werde, durch eine mit seinem Bruder anzuknüpfende Unterhandlung dessen Zustimmung zu erlangen. Zugleich überließ er den Land- ftänden, den König von England um Vermittelung und Schutz zu bitten. Dieser sagte zwar Beides zu, hatte auch gegen den an ihn abgeordneten Grafen Oberg die biedern Braunschweiger belobt, versuchte aber vergebens den Herzog Karl wahrend seines Aufenthalts in London durch das Lockmittel bedeutender Jahrgelder zur Verzichtleistung auf den verlorenen Thron zu bestimmen. Mit neuer Erbitterung verließ der unstäte Flüchtling zu Anfange des Novembers das freie Insel- reich, wo ihn überall der Hohn des Volks verfolgte, zunächst um den Erfolg der indessen bei dem Bundestage angeknüpften Unterhandlungen zu beschleunigen. Doch wurde gerade jetzt (19. Nov.) von dem Bundestage die so lange vergebens von den Braunschweigern ersehnte Anerkennung der landständischen Verfassung, die sich nun bereits factisch geltend gemacht hatte, ausgesprochen, und der Herzog verließ Frankfurt sehr schnell. Die Nachricht von seiner 'Ankunft in Deutschland hatte in Braunschwcig den größten Eindruck gemacht; am 22. Nov. veranlaßte das bloße Gerücht, er sei in Richmond eingetroffen, eine Ausammenberufung der Bürgergarde, welche nun unter freiem Himmel das feierliche Gelübde aussprach, Gut und Blut wider die Rückkehr des Herzogs Karl und gegen jeden Versuch der Verdrängung des Herzogs Wilhelm einzusetzen. Herzog Karl hatte wirklich den Plan zu einer Contrerevolu- tion gemacht, der aber nur das ohnmächtige Sträuben des nun von Allen verlassenen Verbannten war. Seine Erklärung, die Negierung selbst wieder übernehmen zu wollen, bestimmte jetzt den Herzog Wilhelm zu der Bekanntmachung, daß, da der Herzog Karl sich gegenwärtig außer Stande befinde, die Regierungsgewalt auszuüben, er nun auch ohne dessen Zustimmung, auf die Aussoderung des Königs von England, die Administration fortführen werde, bis des Landes endliches Schicksal entschieden sei. Von dem Herzog Karl war indeß ein anderer Abenteurer, dem er sich angeschlossen hatte, zum Generalstatthalter des Landes ernannt worden, der für diesen Preis versuchen sollte, eine Volksbewegung zu Gunsten des Herzogs zu veranstalten. Der selbst Betrogene wurde jedoch an den südlichen Grenzen des Herzogthums ergriffen. Man fand bei ihm mehre zum Theil im Na- *) Die ständische Darstellung ist in Koch's Schrift abgedruckt. Braunschweig 315 men des Herzogs Wilhelm erlassene Proclamationen und von Seiten des Herzogs Karl Verheißungen der liberalsten Institutionen, Steuererleichterung u. s. rv. Am Morgen des 29. Nov. erhielt man dann in der Residenz durch eirren Eilboten die Nachricht, daß der Herzog selbst in der erwähnten Gegend erschienen sei und ohne Zweifel einen Einbruch in das Land beabsichtige. Man fürchtete nichts; doch sollte auch nichts versäumt werden, und sogleich wurden Freiwillige der braunschweigischen Bürgergarde zum Zuge nach dem 10 Meilen entfernten Has- selselde, in dessen Nähe der Herzog sich aufhielt, entboten. Man drängte sich zu diesem Abenteuer, erfuhr aber bei der Ankunft in Hasselfelde, daß der Herzog bereits durch eine dortstehende Militairabtheilung von der Grenze zurückgewiesen wäre. Er war von einem Haufen erkauften Gesindels begleitet gewesen, hatte, nach ver- geblichen Unterhandlungen mit den gegen ihn commandirenden Offizieren, den Ver- such angedroht, die Grenze gewaltsam zu überschreiten, war aber sogleich, als er die ' ^ Soldaten nebst den Grenzbewohnern zum Widerstände entschlossen sah, unter dem Verwände, kein Blut vergießen zu wollen, zurückgekehrt. Er nahm dann seinen Weg nach den westlichsten Theilen des Harzes, vielleicht in der Hoffnung, unter der armen Bevölkerung des braunschweigischen Weserbezirkes Anhänger zu finden, ward aber in der hanöverischen Stadt Osterode durch einen Volkstumult, den sein dortiger Aufenthalt veranlaßte, in solche Todesangst gejagt, daß er in der Nacht aus einem Fenster sprang, mit Zurücklassung seines Wagens zu Fuß durch die Felder irrte, und in dem kläglichsten Zustande, verwundet und mit zerrissener Kreidung, in Gotha ankam, wo er von Neuem das Staunen der Menge erregte. Diese Vorgänge hatten auch dem Herzoge Wilhelm auf das deutlichste bewiesen, wohin es mit seinem Bruder gekommen fei; sie hatten selbst den Bundestag von der Nothwendigkeit überzeugt, zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung in dem damals schon mehrfach aufgeregten nördlichen Theile Deutschlands wirksame Maßregeln zu treffen, und derselbe erließ am 2. Dec. den Beschluß, Herzog Wilhelm solle von Seiten des Bundes ersucht werden, die Regierung des Herzogthums Braunschweig bis auf Weiteres zu führen. Die definitive Anordnung der Verhältnisse des Herzogthums aber sei an die Agnaten des Hauses zu verweisen und die von denselben getroffene Feststellung baldigst dem deutschen Bunde zur Anerkennung mitzutheilen. So hatte der Bund das factisch bereits Bestehende durch seine Anerkennung genehmigt, und da der Herzog Karl in der öffentlichen Meinung unrettbar gesunken war, so hielt man sich in Braunschweig gegen jede von ihm ausgehende Gefahr sicher. Damit schien für jetzt noch den Meisten der Zweck der gewaltsamen Umwälzung erreicht, die den Namen des kleinen Landes weltkundig machen sollte. Nur die M.? Einsichtsvollem empfanden tief, daß das Ende noch nicht gekommen sei. Mußte es nicht nach solchen Lehren des Schicksals als die heiligste Pflicht erscheinen, jeder Ais," Möglichkeit vorzubauen, die erlebten Greuel zurückkehren zu sehen? Und war sD es nicht an dem Volke, das sich im Drange der Noth zum Handeln erhoben hatte, ^ jetzt auch das Bedürfniß, das unter den entsetzlichsten Erfahrungen in ihm erwacht war, lebendig und kräftig auszusprechen? Dennoch fanden sich anfangs nur Wenige, welche die Menge auf der unbekannten Bahn des Volkslebens fortzuführen wagten. Von einer Anzahl von Männern aus den gebildeten Ständen wurde zuerst eine Adresse abgefaßt, welche einige der Hauptmängel der bisherigen Verfassung darlegte und die Landstände um Mitwirkung zur Abstellung derselben auffoderte. Das Volk aber begriff bald, worauf es hier ankam; die einfachen Wahrheiten, welche schon in dem Begriff einer Volksvertretung liegen, wurden ihm bei dem ersten Blicke, der darauf hingelenkt wurde, klar, und Taufende von Unterschriften aus dem ganzen Lande bewiesen, daß die Petition nur Dasjenige aussprach, worauf die dunkle Sehnsucht des Volkes gerichtet war. Doch waren 316 Braunschweig es vorzüglich erst die Vorgange in Kurhessen und die Bekanntwerdung des dortigen Staatsgrundgesetzes, im Anfange des Jahres 1831., welche wie ein elektrischer Schlag auf die Menge wirkten, und sie crmuthigten, auch ihre Wünsche über ^ ^uernder Staatseinrichtungen zu erklären. Man war indes; bei Abfassung der Adresse noch sehr behutsam zu Werke gegangen und hatte selbst noch nicht gewagt, auf eine Veränderung der höchst mangelhaften Repräsentation anzutragen; vielmehr wurde das Verlangen, die Stände in ihrer bisherigen Form baldigst versammelt zu sehen, immer lebhafter. Man empfand es daher auch bald mit ungeduldigem Misbehagen, daß sich die definitive Anerkennung des Herzogs Wilhelm so lange verzögerte, um so mehr, da man von dem Fortschreiten der Verhandlungen, wenigstens aus amtlichem Wege, nichts erfuhr. Der Anstoß zu der endlichen Erledigung mußte wieder von dem Volke ausgehen. Schon längst sah dieses den herannahenden Geburtstag des Herzogs Wilhelm als das äußerste Ziel an, bis zu welchem die Erfüllung seiner heißesten Wünsche hinausgesetzt werden dürfe; wie aber die Braunschweiger von dem Augenblicke an, da der erste Sturm vorüber war, stets nur auf dem gesetzlichen Wege fortschreiten wollten, so wählte die öffentliche Meinung wieder die Form einer Petition, worin der Wunsch ausgesprochen wurde, daß der 25. April, der dem Herzog einst das Leben geschenkt habe, jetzt die Braunschwciger unauflöslich mit ihm verbinden möge. Dies beschleunigte die Unterhandlungen, und obgleich die Anerkennung des Bundes nicht erfolgt war, erklärte doch der Herzog Wilhelm durch ein Patent vom 20. April 1831, die berechtigten Agnaten hätten bisher alle Mühe angewendet, um der Nothwendigkeit überhoben zu werden, die durch notorische Thatsachen gewonnene Uberzeugung einer absoluten Negierungs- unfähigkeit des Herzogs Karl öffentlich auszusprechen; da aber ihre Bemühungen ohne Erfolg geblieben seien, so hätten sie sich nun nachgedrungen dahin vereinigt, daß die Regierung im Herzogthum als erledigt anzunehmen, und daher, nach den bestehenden Verträgen, auf den Herzog Wilhelm übergegangen sei. Der deutsche Blind hielt es dieses Mal, wie es scheint, für überflüssig, seine Zustimmung zu Dem, was doch geschah, zuerklaren, oder er zog es vor, durch sein Stillschweigen die verfängliche Frage über die Absetzbarkeit eines legitimen Herrschers zu umgehen. So erfolgte denn am 25. April 1831, nachdem der Herzog Wilhelm zuvor die ReVersalien zur Aufrechthaltung der Verfassung unterzeichnet hatte, die feierliche Huldigung, welche von den Bürgergarden des Landes im Corps und unter den Waffen geleistet ward. Kurz vorher hatte in Braunschwcig die Weihe der Fahnen der Bürgergarde in Gegenwart des Herzogs stattgesunden, und sie gaben als ein Geschenk der Frauen und Töchter einen Beweis, wie sehr das ncucrwachte Volksleben alle Gemüther durchdrungen hatte. Auch fortan fand dieses in den Bürgergarden seinen sichersten Stützpunkt. Sie selbst wurden wieder die Veranlassung zur Bildung von Vereinen unter den Bürgern. In diesen suchte man sich zuvörderst über die wichtigsten Gegenstände des Staatslebens aufzuklären, da über diese bisher bei dem Mangel aller unmittelbaren Theilnahme des Volks an denselben eine be- dauernswerthe Unkunde, selbst unter den gebildeten Classen, geherrscht hatte. Die Geselligkeit gewann dadurch einen edlern Zweck; die müßigen, zeittödtenden Unterhaltungen verschwanden mehr und mehr vor den Besprechungen der wichtigsten Angelegenheiten des Menschen und Bürgers, und die Sorge für das Gemeinwohl wurde nicht mehr als die besondere Pflicht Derer betrachtet, die der Staat dafür besoldete, oder als eine Last, der man sich Ehrenhalber nicht wohl entziehen könne, sondern sie ward der Gegenstand der gemeinsamen Begeisterung; indem sich Alle in demselben Streben begegneten, lernten sich Alle auf gleiche Weise schätzen, und die grelle Verschiedenheit der Stände verschwand mehr und mehr im geselligen Leben. Auch " M».' hielt man sich bei den ungewohnten Bestrebungen stets in den Schranken der hoch- Braunschweig 317 «AK sten Besonnenheit und Gesetzlichkeit, indem man in echtdeutschec Weise bemüht war, sich stufenweise, aber unermüdlich in der Ausbildung des constitutionnellen Lebens zu vervollkommnen. Leider schien man indeß bald von Seiten der Regierung dieses schone Aufkeimen eines volkstümlichen Sinnes mit Mistrauen zu betrachten. Das Volk verkannte nach so schrecklichen Ersahrungen die Wohlthat einer rechtlichen Regierung nicht; doch glaubte es sich mit der Sicherheit des bestehenden Rechtszustandes nicht begnügen zu dürfen. Auch erklarte Herzog Wilhelm öffentlich, ein geregeltes Fortschreiten zun? Bessern werde die Richtschnur seines Strebens sei??, und die Negierung bewies durch ihre Handlungsweise, daß sie es mit der Ausführung dieses Versprechens aufrichtig meine. Nur zeigte sich bald, daß sie dasselbe in viel beschrankter??? Sinne verstehe als die öffentliche Meinung; und indem manche wichtige Dinge lange verzögert wurden, glaubten darin Viele die Absicht zu erkenne??, bei veränderten Zeitumstanden neue Concessionen zu verweigern. Vielleicht hatte es andere Gründe, daß die Versammlung der Landsiande, welche bereits in der bei der Regie- rungsübcrnahme erlassenen Bekanntmachung ein dringendes Bedürfniß genannt war, bis zu??? 30. Sept. 1831 aufgeschoben wurde. Wenn dagegen sehr eilig eine Commission niedergesetzt ward, um den Sold für das Offiziercorps neu zu bestimmen, so konnte dieses freilich in Einer Beziehung als eine Handlung der Gerechtigkeit und Großmuth erscheinen, doch erregte es nicht ohne Grund die erste Verstimmung, als a??fdiese Weise, noch ohne Zuziehung der Stände, der Militairetat für die nächste Folgezeit auf die, für das kleine Land ungeheure Summe von mehr als 350,000 Thalern festgestellt wurde. Die Rede des Herzogs bei Eröffnung des Landtages machte einen wohlthuenden Eindruck, da in derselben die Erfüllung mehcer laut ausgesprochenen Volkswünsche verheißen wurde. Der den Landständen vorgelegte Entwurf einer revidirten Landschaftsordnung enthielt einen nicht zu verkennenden Fortschritt in der Ausbildung der Verfassung, war aber keineswegs entschieden auf die Entwickelung eines echt constitutionnellen Volkslebens berechnet, und verdiente nur dann das ihm vielfältig gespendete Lob, wenn man hoffen durfte, durch die Einreden der Stände die offenliegendcn Lücken und Mängel desselben ausgefüllt und beseitigt zu sehen. Kam man auf der einen Seite dem Verlangen der öffentlichen Meinung nach einer Veränderung der Repräsentation entgegen, das sich erst neuerlich bei allmälig gewonnener Einsicht in das Wesen der bisherigen Verfassung durch eine Adresse zu äußern gewagt hatte, so trat es damit in Widerspruch, daß man den Ständen in ihrer bisherige??, für völlig unangemessen erklärten Zusammensetzung noch die Berathung der ganzen Landschaftsordnung übertrug, sowie sich eine ängstliche Scheu vor dem Anschein jeder Neuerung darin zeigte, daß man kein vollständiges Staatsgrundgesetz ertheilt wissen wollte. Unmittelbar daraus empfand es das Publicum schmerzlich, daß die Landstände selbst das in der Thronrede anerkannte Bedürfniß, die ständischen Verhandlungen zu veröffentlichen, nicht auf die gewünschte Weise befriedigten. Sie verwandelten sich nach wenigen Sitzungen in einen Ausschuß, der mit der Regierung in Unterhandlungen trat, und dabei so viele Schwierigkeiten fand, daß man lange kein Ende derselben absah. Dieses war auch bis Ostern 1832 noch nicht herbeigeführt, so dringend auch mehre Angelegenheiten, die erst mit den neuen Ständen verhandelt werden konnten (z. B. Zehnt- und Dienstablösung), die baldige Zusammenberufung chcrselben foderten. Von den bereits zu Stande gekommenen, vorläufigen Übereinkünften war bis dahin noch nichts amtlich bekannt geworden; indeß näherten sich die Verhandlungen einem erwünschten Ausgange. Von dein Herzoge rühmte man die persönliche Nachgiebigkeit in den ihn selbst näher berührenden Angelegenheiten, und die Negierung ging innner mehr auf die freisinnigen Anträge der ständischen Co???mission ein, sodaß man die Hoffnung hegen durste, die Regie- 31S Braunschweig rung sowot als die Landstände werden sich durch den zu erwartenden Landtagsab- schied das so höchst wünschenswerthe allgemeine Vertrauen sichern. Zu jenen Antragen gehörte dem Vernehmen nach auch ein Gesetz über die Volksbewaffnung, das um so mehr ersehnt ward, da bisher noch nicht einmal die Ertheilung eines vollständigen Reglements für die Bürgergarden zu erzielen war. In dieser wichtigen Angelegenheit hatte man auf eine unbegreifliche Weise temporisirt, und dadurch vielfältiges Mißtrauen erweckt. Jedenfalls ist es beklagenswerth, daß man dieses wichtige Institut von Seiten der Regierung nirgend mit Eifer unterstützt hat, sodaß es in einigen Landstädten fast völlig wieder zu Grunde gegangen ist. In den meisten Städten jedoch und vor Allem in Braunschweig und Wolfenbüttel hat sich dasselbe, obgleich es fortdauernd rein freiwillig ist, nicht nur aufs schönste erhalten, sondern auch allmälig, obgleich bei Weitem nicht genügend, immer mehr ausgebildet. Am meisten und erst späterhin haben die Einschränkungen der Preßfreiheit die Gemüther verletzt. Der erwachende Volksgeist erzeugte bald das Bedürfnis; eines freisinnigen Zeitblattes, und Braunschweig, das dessen so lange entbehrt hatte, bekam ein solches in der seit dem September 1831 erscheinenden „Deutschen Nationalzeitung". Auch nahm in dieser Zeit die periodische Presse überhaupt auf gleiche Weise, wie es damals in den meisten deutschen Landern geschah, einen freiem Aufschwung. Doch als schon gegen das Ende des Jahres 1831 die deutsche Censur wieder in strengerer Gestalt erschien, glaubte man sich den Ansichten des Bundes und einiger Großmächte auch in Braunschweig unterordnen zu müssen; und dieses Land, dessen Name bestimmt schien, vor andern deutschen Ländern groß zu werden durch Freisinnigkeit, sah in dem Verbote fremder Blätter eine größere Beschränkung eintreten, als selbst die Bestimmungen des Bundestages foderten. Jndeß vermochten alle diese Ereignisse nicht, dein Fürsten die Liebe des Volkes zu entziehen, und wie sehr diese Stimmung in Braunschweig alle Classen beherrscht, zeigte sich bei einem Ereignis; der neuesten Zeit. Auf die Nachricht, daß mehre Personen, welche mit dem vertriebenen Fürsten in Verbindung standen, wegen aufrührischer Umtriebe verhaftet seien, beeilten sich die Bewohner Braun- schweigs und vor Allen die Bürgergarde, den Herzog ihrer unveränderten Liebe und Anhänglichkeit zu versichern. Noch ruhet im Dunkel, welche Absichten der unheilsinnende Flüchtling hegte, der, seit er Deutschland wieder verlassen hatte, selbst vom spanischen Hofe, nach kurzem Aufenthalte in Madrid, verwiesen wurde und jetzt in Nizza lebt; doch redet ein amtlicher Erlaß der Negierung von den boshaftesten Planen, die freilich, sofern sie sich auf eine Restauration bezogen, niemals gelingen können. Diese Thatsache ist indeß ein neuer Beweis, daß unsere Charakterzeichnung des Herzogs Karl, die sich außerdem durchaus auf Thatsachen stützt, nicht übertreibt, und daß in diesem Gemüthe jedes bessere Gefühl vordem Getriebe der selbstsüchtigsten Leidenschaften zu Grunde gegangen ist. Während nun die Braunschweiger von lebhaftem Danke bewegt werden, wenn sie die furchtbare Vergangenheit mit der erheiterten Gegenwart vergleichen, finden sie doch Anlaß, die wahren oder vorgeblichen Rücksichten zu beklagen, nach welchen sich ein selbständiger, obgleich seinem Umfange nach kleiner Staat auch in seinem eigensten, innern Angelegenheiten vor der Übermacht der Gewaltigen beugen soll! Wehe über die Menschen/welche, um sich selbst höher zu stellen,' die Fürsten überreden möchten, die größte Macht der Staaten und die höchste Würde des Regenten beruhe auf stolzer Erhebung des Thrones allein, und nicht, wie es in der That und Wahrheit ist, auf der Unterstützung eines kräftigen Volkslebens! Wehe über Diejenigen, welche es versuchen, den'Fürsten mit einer irrigen Vorstellung von dem Geiste eines Volkes zu erfüllen, das gesetzmäßig, treu und verständig, zu denselben Institutionen reif ist, die jenes deutsche Land besitzt, dessen Fürst und Volk oen «"KM Bravo Z!9 M t» K schönen Bund der Freiheit mit innigem Vertrauen und zu Beider Glücke geschlossen haben! (39) Bravo (Don Nicholas), General der Republik Mexico. In der Geschichte des mexikanischen Unabhängigkeitskampfes gebührt dem Namen Bravo eine glanzende Stelle. Als der Pfarrer Morelos von Nocupetejo nach der Unterdrückung des kühnen Hidalgo, der zuerst für die Freiheit ins Feld zog, aufs Neue die Fahne des Aufstandes 1811 gegen Spanien erhob und in einem kühnen Zuge sich der wichtigen Hafenstadt Acapulco am stillen Meere bemächtigte, waren unter den ersten, welche dem Banner der Freiheit zueilten, der Brigadegeneral Don Leonardo Bravo, ein angesehener und in der allgemeinsten Achtung stehender Mann, Don Manuel, sein Bruder, und Don Nicholas, sein Sohn, der nachmalige berühmte General und Vicepräsident des Freistaates. Don Leonardo war unter den 1'7 Gefangenen, welche in die Hände der Spanier fielen, als der entschlossene Morelos sich mir seiner Schar von Quantla Amilpas durch das zahlreiche Belagerungsheer durchschlug. Don Leonardo B. wurde auf den Befehl des Vicekönigs Calleja zum Tode verurtheilt; sein Sohn bot zur Auswechselung für den Vater 31)9 spanische Gefangene, aber umsonst, Don Leonardo wurde erschossen. Da entließ der Sohn die Gefangenen unter der Bedingung, daß sie, wenn Kämpfer für die Freiheit das Unglück der Gefangenschaft treffe, Menschlichkeit gegen diese üben möchten. Dieser großartige Zug von Edelmuth ist um so bewundernswürdiger, wenn man die allgemeine Erbitterung der kämpfenden Parteien, den Haß der Creolen gegen die Spanier und die tief eingewurzelte Nachsucht des mexicanischen Volkes kennt. Edelmuthund Menschlichkeit sind in B.'s Charakter hervorstechende Züge, die ihm neben seiner außerordentlichen Tapferkeit und dem unermüdeten Eifer für die Sache des Freistaats nicht nur die Liebe und Achtung des Volkes, sondern selbst die Anerkennung seiner Gegner erworben haben. Auch sein Oheim, Don Manuel B., gerieth 1814 in spanische Gefangenschaft und starb durch Henkershand. B. selbst aber ergab sich, nachdem Morelos gefangen und erschossen, der von diesem zusammenberufene Con- grcß zerstreut, die meisten Anführer der Independenten geschlagen und Amnestie bewilligt worden, den Spaniern und schmachtete lange in einem Gefängnisse der Hauptstadt. Als 1821 die Revolution in Mexico zum zweiten Mal ausbrach, war B., der sich zu Jguala mit Jturbide und Guerrero verband, einer ihrer eifrigsten Beförderer. Nachdem aber Iturbide sich durch die Soldaten zum Kaiser des mexicanischen Reiches hatte ausrufen lassen, und der Congreß ihn in dieser Würde aus Furcht vor einem Bürgerkriege bestätigte, wurde der freimüthige B., nebst 23 andern Congreßmitgliedcrn, die dem Usurpator wegen ihres republikanischen Sinnes verdächtig waren, am 22. Aug. 1822 verhaftet, und der Congreß mit Waffengewalt auseinandergejagt. Vier Monate später machte Santana's Aufstand der Regierung Jturbide's ein Ende; es wurde eine Föderativrepublik von 19 Staaten gebildet, eine oberste Behörde, die aus Vittoria, Bravo und Ne- grette bestand, eingesetzt, und den 4. Oct. 1824 die noch jetzt gültige Constitution eingeführt. Nachdem im September 1823 Vittoria zum alleinigen Präsidenten ernannt worden, führte B. den Oberbefehl über das Heer. Er hielt zu der Partei der Lscnseces (Schotten), die den gegenübersteht. (Uber beide Parteien vergl. den Art. Mexico.) Als einer der angesehensten und edelsten Männer des Landes, das Haupt seiner Partei, wurde er allgemein für den Nachfolger Vit- toria's in der Präsidentur bezeichnet. Da es aber den Porkinos unter Vittoria und Guerrero gelang, den Beschluß zur Vertreibung sämmtlicher Spanier durchzusetzen, zog B. an der Spitze eines ihm ergebenen Corps aus der Hauptstadt Mexico, um diesem Beschlüsse bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen, und erwartete in der Ebene von Apan die Ankunft des Generals Guerrero, den der 320 Brehm Cowgreß gegen ihn gesendet. Er hatte das Unglück, mit seinem ganzen Stabe im Z)e cember 1827 gefangen zu werden. So groß war jedoch sein Ruhm und die -llöytung vor seiner Rechtschaffenheit, daß er, obgleich man ihm vorwarf, er he ibc den Plan gehabt, eine Centralrepublik zu gründen und dann zur Monarchie über zv.gehen, nicht zum Tode, sondern nur zur Verbannung aus dem Freistaate veruwt heilt wurde. Er begab sich nach der ostlichen Küste des Staates Hondur. rs in Centralamerika, und schiffte sich von dort nach Philadelphia ein. Als aber im' Sommer 1.829 die Spanier einen neuen Angriff auf Mexico wagten, verließ B. seinen Aufenthaltsort und eilte mit seinen Gefährten nach feinem Vaterlande zurrncL, um diesem seine Dienste anzubieten. Er langte in Vera Cruz an und wur de mit großer Freude empfangen. Die Landung der Spanier hatte auf kurze Zeit alle Parteien gegen den gemeinschaftlichen Feind vereinigt; nach dessen schneller Überwindung begann aufs Neue innere Zwietracht. Der Vicepräsidcnt Anastasia Bustamente erklärte sich gegen Guerrero, der ein Jahr zuvor durch Gewalt die h/öchste Magistratur an sich gebracht hatte, und wurde von den Bundesstaaten, ! HB nach,de m er die Macht feines Gegners gänzlich beseitigt hatte, zum Präsidenten erwählt. B., der die Trümmer der Rcvolutionsarmee des Guerrero, welcher selbst gesamten, vor ein Kriegsgericht g,stellt und erschossen wurde, gänzlich geschlagen hatte, wurde zum Vicepräsidenten ernannt. Unter der Regierung dieser beiden Memner, die von einsichtsvollen und thätigen Vaterlandsfreunden unterstützt wurden, genießt Mexico einer langentbehrten Ruhe und fängt an aller Vortheile und Wohlthaten seiner Befreiung theilhaft zu werden. B. aber, der alle Eigenschaften eines redlichen Volksführers besitzt, und welchen Ehrgeiz ebenso wenig als Herrschsucht zu gefährlichen Planen gegen die Freiheit seines Landes verführen würden, wird seinem Vaterlande, wie einst als General, so jetzt als Magistratsperson noch wesentliche Dienste leisten. (29) Brehm (Christian Ludwig), Pfarrer zu Renthendorf bei Neustadt an der Orla, wurde am 24. Jan. 178 / zu Schönau im Fürstenthum Gotha, wo sein Vater Pfarrer war, geboren, und ging, nachdem er seit 1890 auf dem Gymnasium zu Gotha tüchtige Schulkenntnifse erworben hatte, 1897 nach Jena, um Theologie zu siudiren. Er hatte einige Jahre eine Hauslehrerstelle versehen, als er 1812 Pfarrer zu Drakendorf bei Jena wurde. Im folgenden Jahre erhielt er seine jetzige Stelle. Früh erwachte in ihm die Neigung zur Naturgeschichte, und schon als sechsjähriger Knabe legte er Sammlungen an, die ihn-vorzüglich auf die Beschäftigung mit der Vögelkunde leiteten, für welche die reizenden Umgebungen seiner Heimath am Fuße des Thüringerwaldes reiche Ausbeute lieferten. Eine ansehnliche Vögelsammlung, die er schon als Schüler angelegt hatte, mußte er verkaufen, um studiren zu können, da sein Vater nicht im Stande war, ihm Unterstützung zu geben; er legte aber in Jena alsbald eine neue an, die sich schnell vermehrte. Von dem Werthe eigner Beobachtung in der Natur überzeugt, stellte er seine Beobachtungen mit dem größten Fleiße an, und verglich sie dann mit den Werken der vorzüglichsten Orm'thologen, vorzüglich Naumann's, dessen Abbildungen ihn zuerst mit den deutschen Vögeln genau bekannt machten. Später trat er mit mehren Naturforschern in Verbindungen, welche seiner Vögelsammlung ansehnliche Bereicherungen verschafften. Die Reisen des jetzigen Eonservators des Museums zu Greifswalb, Or. Schilling, verschafften ihm viele Seevögel, und seine Verbindung mitdem Museum inKopenhagen und mehren Ornithologen gaben ihm Gelegenheit, für seine Sammlung viele hochnordische Vögel zu gewinnen, an welchen sie vorzüglich reich ist. Sie zählt jetzt über 5999 Stück meist europäischer Vögel, und hinsichtlich der deutschen Vögel möchte ihr keine andere sich vergleichen lassen; sie besitzt nicht nur mehre sonst nicht vorkommende Exemplare, sondern auch eine Reihe gepaarter und zusamm.n geschossener Vogel, welche wegen der 'ü. ?, Breithaupt (Johann August Friedrich) 32l :im KchchMGch. !!!N Hl MW im MhM, M llch^ ' M HMlchkck MM M< K ^HriechdinÄis MÄkOr^ Ms genauen Untersuchungen über Art und Gattung einen außerordentlichen Werth hat. Diese schatzbaren Erwerbungen setzten B. in den Stand, seine „Beitrage zur Vögelkunde" (.3 Bde., Neustadt a. d. Orla 1821 —22) herauszugeben. Darauf folgte fein „Lehrbuch der Naturgeschichte aller europäischen Vögel" (2 Bde., Jena 18Z3—24). In Verbindung mit seinen Freunden gab er die naturhistorische Zeitschrift „Ornis" (Jena 1824—27) heraus, die aber mit dem dritten Hefte aufhörte. Durch seine Beobachtungen überzeugt, daß die Arten bis jetzt noch nicht richtig bestimmt und geschieden sind, brachte er in Oken's „Isis" diesen Gegenstand zur Sprache, und von der Ansicht ausgehend, daß die ganze Ornithologie eine andere Behandlung erfodere, wenn Consequenz in derselben herrschen soll, bearbeitete er sein „Handbuch der Naturgeschichte aller Vögel Deutschlands" (Ilmenau 1831). Zu seiner neuesten Schrift: „Über die Stuben-, Haus- und alle der Zähmung werthe Vögel" (Ilmenau 1832), lieferte der östreichische Kammerberr, Graf von Gourcy-Droitaumont in Wien, ihm viele Beitrage. Breit Haupt (Johann August Friedrich), erster Professor der Orykto- gnosie an der Bergakademie zu Freiberg, geb. den 18. Mai 1791 zu Probstzella im Fürstenthum Saalfeld. Früh wurde in ihm die Liebe für Naturwissenschaften, zumal für Gesteinkunde, erweckt, und als 1802 fein Vater nach Saalfeld übersiedelte, machte B. Bekanntschaft mit dem Bergbau, für welchen er sich sofort bestimmte. Von 1808 an, wo er das Gymnasium zu Saalfeld verließ, widmete er sich ganz diesem Fache und unterzog sich den anstrengendsten Beschäftigungen des gemeinsten Berg- und Hüttenmannes, ohne doch seine Lieblingsstudien, Mineralogie und Mathematik zu versäumen. Von 1809 — 11 studirte er in Jena Kameralistik und Naturwissenschaften, und ging dann nach Freiberg, um sich auf der dortigen Akademie vollends für den Bergwerksdienft auszubilden. Er erwarb sich bald das Wohlwollen Werner's, und dieser große Mann, der B.'s vorzügliches Talent für Mineralogie erkannte, sorgte väterlich für dessen weitere Ausbildung. Durch Werner wurde B., dessen Plane nach Nordamerika gerichtet waren, in Freiberg festgehalten und 1813 zu der durch Hoffmann's Tod erledigten Stelle eines Edelsteininspectors und Hülfslehrers bei der Bergakademie vorgeschlagen, welche er auch erhielt und einer sich ihm in der Heimath darbietenden Anstellung vorzog. B. hatte jetzt die schönste Gelegenheit, seine Kenntnisse im ganzen Umfange der Wissenschaft zu erweitern. Er wurde, nach Werner's eignem Willen, der Fortsetzer des größern Hossmann'schen „Handbuches der Mineralogie", zu dessen ersten drei Abtheilungen er noch fünf hinzufügte. Seine ersten Bestimmungen von Mi- neralspecien, wie die des Amblygonites, Skorodites, Kupfermanganerzes u. s. w. fanden allgemeinen Beifall. Gleichzeitig trat er als selbständiger Forscher in der kleinen Schrift: „Über die Echtheit der Kryftalle" (Freiberg 1810) auf. Eine Umarbeitung seiner (Freiberg 1820) herausgekommenen „Charaktertstik des Mineralsystems" erschien (Dresden 1823) unter dem Titel: „Vollständige Charakteristik des Mineralsyftems", und es wird eine neue Ausgabe erwartet. Er führte in die krystallographische Nomenclatur viele zweckmäßige Ausdrücke ein, die immer allgemeiner werden, und versuchte in seiner Progressionstheorie aus tesse- ralen Gestalten alle andere monoaxe Primairformen abzuleiten. Sein Hauptverdienst aber ist, fast alle Mineralien fleißig untersucht zu haben, und es hat sich bei diesen Untersuchungen nicht nur eine größere Mannichfaltigkeit von Kry- stallisationsgefetze, sondern auch eine viel größere Menge von Mineralfpecien ergeben, die zwar zum Theil subtile, aber doch bestimmte Grenzen haben. Die meisten und wichtigsten feiner Abhandlungen stehen in Schweigger-Seidel's „Neuem Jahrbuch", doch kommen auch einige in von Leonhards „Zeitschrift" und Poggendorff's „Annalen", sowie in den Schriften der dresdner mineralogischen Gesellschaft vor. Seine Schrift: „Die Bergstadt Freiberg" (Freiberg Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. 21 ^22 Bretschneider 1825), ist eine der besten Topographien sächsischer Städte. Er ist schon lange mit einem größern Handbuche der Mineralogie beschäftigt. Seit 1827 bekleidet er die, vc-rher von Mohs eingenommene Professur für Oryktognosi'e an der Bergakademie, eine Stelle, die ihm schon nach Werner's Tode zugedacht wurde und damals nur in Berücksichtigung seiner Jugend entging. Bei dem letzten Jubiläum der Universität Marburg erhielt er die philosophische Doctorwürde, und es haben ihn bereits 1k gelehrte Gesellschaften zu ihrem Mitglieds ernannt. Breit!)aupt (Ludwig von), Oberstlieutenant und Commandant des würtembergischen Fußartilleriebataillons, und einer der verdientesten Offiziere dieses Corps, wurde zu Kassel geboren, wo er seine erste Bildung erhielt. Auf der Bergakademie zu Freiberg beschäftigte er sich insbesondere mit dem Studium der Hüttenkunde. Nach der Vereinigung des Kurfürstenthums Hessen-Kassel mit dem Königreich Westfalen trat er als Cadet in die würtembergische Artillerie und machte den Feldzug gegen Ostreich 1809 als Adjutant mit. In den Feldzügen 1812 — 15 befehligte er als Hauptmann eine reitende Batterie und zeichnete sich bei mehren Gelegenheiten rühmlichst aus, wofür er den würtembergischen Militairverdienstorden, das Kreuz der Ehrenlegion und den Wladimirorden erhielt. Er wurde 1816 Major und 1822 Oberstlieutenant. Die Zeit des Friedens ward von ihm zur Nachholung Desjenigen benutzt, was während der Kriegsjahre versäumt worden war. Außer seinem literarischen Wirken, hat er sich durch vielfache Versuche um die Fabrikation der metallenen und eisernen Geschützröhren in Würtemberg mannichfache Verdienste erworben. Er wurde 1823 nach Sayn und Lüttich geschickt, um die entgegengesetzten Ansichten über gußeiserne Geschütze in Beziehung auf die, in den würtembergischen Eisenwerken angestellten Versuche berichtigen zu können. Gleiche Anerkennung verdient sein fortgesetztes Streben, die Manoevrirfähigkeit der Artillerie zu erhöhen, in welcher Hinsicht die würtembergische Artillerie keiner europäischen nachsteht. Er wurde 1828 nach Mainz gesendet, um den von dem Bundestage angeordneten Artillerieversuchen beizuwohnen und darüber Bericht zu erstatten. Die schriftstellerische Lausbahn betrat er 1819, wo er in Gemeinschaft mit andern süddeutschen Offizieren die „Zeitschrift für Kriegswissenschaft" herausgab. Zu seinen übrigen Schriften gehören i „Technisches Handbuch für angehende Artilleristen" (2 Thle., Stuttgart i .823); „Gedanken über die Vervollkommnung der Artillerie" (Ludwigsburg 1824); „Materialien für ein neues Svstem der 'Artillerie" (Ludwigsburg 1826); „Allgemeiner Umriß für eine neue Organisation der Artillerie" (Ludwigsburg 1828); „Die Artillerie für Offiziere aller^ Waffen" (3 Bde., Ludwigsburg 1831 — 32). , (40) Bretschneider (Karl Gottlieb), der Theologie und Philosophie Doc- tor, Oberconsistorialrath und Generalsuperintendent zu Gotha ?c., einer der ausgezeichnetsten neuern Theologen, wurde den 11. Febr. 1776 zu Gersdorf im Schönburgischen, wo damals sein Vater Pfarrer war, geboren. Anfangs von seinem Vater selbst unterrichtet, wurde er nach dessen Tode (1789) von seinem Oheim, der in Hohenstein Cantor war, aufgenommen und besuchte die dortige Stadtschule, machte jedoch hier mehr in der Musik als in den Wissenschaften Fortschritte. Die Vollendung seiner Schulbildung erhielt er auf dem Gymnasium zu Chemnitz, und fand hier an Tzschirner, Winzer, Kreysi'g, Neander, Pölitz Mitschüler, die ihn zu edlem Wetteifer anspornten. Er bezog 1794 die Universität Leipzig, war nach Beendigung seiner theologischen Studien einige Zeit Hauslehrer, wählte aber nach überstandener Candidatenprüsung die akademische Laufbahn, die er 1804 zu Wittenberg als Privatdocent durch philosophische und theologische Vorlesungen begann. Der Krieg von 1806 und die bald daraus folgende Zerstörung der Universität zu Wittenberg veranlaßte ihn, diese mit Glück begonnene Bahn zu verlassen, Bretschneider 323 und durch Reinhard's Gunst wurde er 1807 Oberpfarrer zu Schneeberg, schon im folgenden Jahre aber zum Superintendenten in Annaberg gewählt, erhielt ein Jahr spater einen Ruf als Professor der Theologie nach Königsberg, den er ausschlug, wurde 1812 in Wittenberg nach Vertheidigung einer Dissertation über die Theologie des Josephus Doctor der Theologie und ward endlich 1818 an Lössler's Stelle als Generalsuperintendent nach Gotha berufen. — Gründliche und umfassende Gelehrsamkeit zeichnen diesen Theologen ebenso sehr aus als klares und scharfes Denken. Das System des sogenannten rationalen Su- pernaturalismus, zu welchem er sich bekennt, hat zwar, besonders unter den sachsischen Theologen, nach Reinhard's Borgang eine nicht geringe Anzahl von Verehrern, und unter ihnen ausgezeichnete Namen, ist aber in seinem wissenschaftlichen Grunde wankend und kann nur praktisch einige Bedeutung haben. Bei seinem Bemühen, die orthodoxe Dogmatik zum Theil noch festzuhalten, hat sich jedoch B. von absichtlicher Verdrehung und Verdunkelung der Wahrheit durchaus unbefleckt erhalten, und treue Wahrheitsliebe und freies Denken leuchten bei ihm überall hervor. Er ist einer der fleißigsten und fruchtbarsten Schriftsteller, und als solcher besonders in der Exegese, Dogmatik, praktischen Theologie und in zahlreichen Flugschriften über die Angelegenheiten der Zeit rühmlich thatig gewesen. Für die Exegese und Hermeneutik sind außer seiner Habilitationsdissertation („Oo iibri sapientiae parte priere cap. I — IX", Wittenberg 1804) und mehren andern kleinern Schriften, sein treffliches Werk: „Die historisch-dogmatische Auslegung des Neuen Testaments" (Leipzig 1808), seine Ausgabe des Jesus Sirach si,1über.lesu Hiraciüae", Regensburg 1808), seine berühmten „Urodxchilmaw LvanAelii et epistolarmu loannis ^postoli mckole et ori^ine" (Leipzig 1820), welche durch ihre scharfsinnigen Zweifel an der Echtheit der Johanneischen Schriften neue Untersuchungen kraftig anregten, und sein „Griechisch-lateinisches Lexikon zu den Büchern des Neuen Testaments" (2 Bde., Leipzig 1828 und 1829) auszuzeichnen. Die Dogmatik bearbeitete er in doppelter Gestalt, in wissenschaftlicher Form, nämlich in dem „Versuch einer systematischen Entwicklung aller in der Dogmatik vorkommenden Begriffe nach den symbolischen Büchern der evangelisch-lutherischen Kirche" (Leipzig 1805, dritte Aufl. 1824), und in dem „Handbuch der Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche" (2 Bde., Leipzig 1814 —18, dritte Aufl. 1828), worin er die kirchlich-symbolische Lehre mit der Vernunft zu vereinigen strebte. Für praktische Theologie und populaire Religionslehre sind, außer einer großen Anzahl einzeln gedruckte Gelegenheitspredigten und seiner „Predigten an Sonn- und Festtagen" (2 Bde., Leipzig 1828), das „Lehrbuch der Religion und der Geschichte der christlichen Kirche" (Gotha 1824 und 1827), „Heinrich und Antonio, oder die Proselyten der römischen und evangelischen Kirche" (Gotha 1828, vierte Auflage 1831, mehrfach übersetzt) bemerkens- werth. In seinen zahlreichen Flugschriften berührt er die meisten bedeutungsvollen Ereignisse auf dem Gebiete der Theologie und Kirche, und immer erscheint er als kräftiger Kämpfer für Freiheit des Denkens und Lehrens. So erhob er sich auch gegen Harms in der anonymen Schrift: „Beleuchtung der 95 reformatorischen Streitsätze, welche Herr Klaus Harms herausgegeben hat" (Leipzig 1818), so sprach er für die Union der beiden evangelischen Kirchen in den „Aphorismen über die Union der beiden evangelischen Kirchen in Deutschland" (Gotha 1818), so übernahm er die Rechtfertigung der deutschen freiforschenden Theologie gegen die Anklagen des Engländers Rose in der auch ins Englische übersetzten „Apologie der neuern Theologie des evangelischen Deutschlands" (Halle 1828), und so stritt er kräftig gegen die von der „Evangelischen Kirchenzeitung" ausgegangenen Eingriffe in die protestantische Lehrfreiheit und die Verketzerung des Rationalismus, in zwei „Sendschreiben an einen Staatsmann über die Frage: ob evangelische Regierun- 2Z * 324 Breuer gen gegen den Rationalismus einzuschreiten haben" (Leipzig 1830), und in demselben Sinne sprach er über mehre andere Angelegenheiten der Zeit in einzelnen Abhandlungen, vorzüglich in der „Oppositionsschrist für Christenthum und Got- tesgelahrtheit", und mehren andern Zeitschriften („Hermes", Pölitz's „Jahrbücher" und im „Reformationsalmanach"). Wenn er in seiner zeitgemäßen Schrift: „Über die Unkirchlichkeit dieser Zeit im protestantischen Deutschland" (Gotha 1820 und 1822), ein zum Theil aus der protestantischen Denkfreiheit durch Misbrauch hervorgegangenes Gebrechen unserer Zeit mit fester Hand angriff, so wird kein Vorurtheilsfreier darin einen Widerspruch mit seiner sonst bewiesenen Freisinnigkeit in religiösen Angelegenheiten erblicken. Auch als politischer Schriftsteller ist B. in mehren Schriften aufgetreten, wie in der wahrend des französischen Drucks 1806 anonym erschienenen und von den Franzosen in Berlin confiscirten Schrift: „Deutschland und Preußen, oder das Interesse Deutschlands am preußischen Staate", dann in der „Darstellung des vierjährigen Krieges der Verbündeten mit Napoleon Bonaparte in den Jahren 1812 —15" (2 Bde., Annaberg 1816). Seine neueste Flugschrift ist: „Der Simonismus und das Christenthum" (Leipzig 1832). (21) Breuer (Friedrich Ludwig), geboren zu Dresden am 28. Februar 1786, Doctor der Philosophie, sächsischer geheimer Legationsrath und ordentliches Mitglied des Staatsraths. Nachdem er von 1801 — 6 in Leipzig und Göttingen Philosophie, Rechts- und Staatswissenschaften ftudirt hatte, erhielt er 1807 die Zulassung zur juristischen Praxis, wurde darauf 1808 als Legationssecretair in München und 1810 in gleicher Eigenschaft am westfälischen Hofe angestellt, im Frühjahr 1813 aber als Legationsrath in das Departement der auswärtigen Verhältnisse gezogen. Von da an bis 1815 war er auf den Reisen und während der Gefangenschaft des Königs Friedrich August in dessen Gefolge, zum Theil mit diplomatischen Aufträgen im Hauptquartier der verbündeten Mächte und auf dem Congresse zu Wien. Er stand von 1815 —17 der sächsischen Gesandtschaft am preußischen Hofe als Geschäftsträger vor und ward im letztgenannten Jahre in das Cabinet zurückberufen, wo er seit 1822 die Stelle eines ersten vortragenden Cabi- netsrathes bei dem Departement der auswärtigen Verhältnisse bekleidete. Seine erste schriftstellerische Arbeit war seine 1805 zu Leipzig erschienene Dissertation: „ve bonis Avitis". In den verhängnißvollen Jahren 1814 und 1815, wo Sachsens Selbständigkeit ein Hauptgegenstand der Unterhandlungen der verbündeten Mächte auf dem Congresse zu Wien war, schrieb er einige amtliche und halbamtliche Denkschriften. Unter diesen ist die wichtigste das „Lxpose de ta marcke poiiticpte du roi de Siixe" (deutsch unter dem Titel: „Der König von Sachsen und sein Benehmen in den neuesten Zeiten", Leipzig 1815), welches im Jul. 1814 allen europäischen Mächten mitgetheilt und dem Congresse gleich nach der Eröffnung desselben gleichfalls vorgelegt wurde. Diese Denkschrift entwickelte alle von der sächsischen Regierung seit 1807 gethanen Schritte und zog daraus das endliche Ergebniß, daß der König und sein Volk sowol wegen der, von den Verbündeten gegebenen Versprechungen als wegen des wohlverstandenen politischen Interesse aller Staaten berechtigt wären, die unverkürzte Erhaltung Sachsens und seines rechtmäßigen Fürstenstammes zu erwarten. Darauf folgten einige andere Schriften, welche durch eine wahrhafte Darstellung der Verhältnisse auf die vielfach irregeführte öffentliche Meinung zu wirken suchten: „Ein Wort über die Zukunft Sachsens und seines Königshauses" (1814); „Zuruf an Sachsens Patrioten" (1814) und die für die Geschichte jener Zeit besonders schätzbare: „Wie wurden wir, was wir sind?" (1815). Im „Literarischen Conversationsblatt" und andern Zeitschriften stehen mehre politische und linguistische Aufsätze von ihm, und zu dem, zur Unterstützung des Waisenhauses in Pirna bestimmten „Waisenfreund" Bridgewater 325 (Leipzig 1822 — 25), zu Kind's „Harfe" (1818), dessen „Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" und den „Statistischen Mittheilungen für Sachsen" (Leipzig 1832) lieferte er Beitrage. Seine „Britischen Dichterproben" (3 Bde., Leipzig 1819 — 27) geben von einigen Dichtungen Byron's, Moore's und Erabbe's Ubersetzungen, die sich vor vielen ahnlichen Nachbildungen auszeichnen. Bridgewater (Francis Henry Egerton, Graf von), geb. 11. Nov. 1756, ein Abkömmling des ruhmwürdigen Kanzlers Thomas Egerton, unter Jakob I., wurde von seinem Vater, dem Bischofvon Durham, dem geistlichen Stande bestimmt und erhielt, nachdem er in Eton und Oxford den Grund zu seiner wissenschaftlichen Bildung gelegt hatte, eine Pfründe in Durham, und spater durch den Einfluß seiner Verwandten noch zwei Pfarrstellen, die er nach dem in der englischen Kirche herrschenden Gebrauche bis an seinen Tod behielt, ohne sie zu verwalten. Er trat 1796 mit einer Ausgabe des „Hippolyt" von Euripides als Schriftsteller auf, und gab spater die Fragmente zweier Oden der Sappho heraus. Eine zuerst (1793) in der bi-iwnnicu" mitgetheilte Lebensgeschichte des Kanzlers Egerton ließ er 1798 besonders abdrucken, und 1807 in einer neuen, blos zur Vertheilung an Freunde bestimmten Ausgabe, welcher er eine Denkschrift auf seinen 1803 verstorbenen Verwandten, den durch seine großartigen Canalanlagen derühmten Herzog von Bridgewater, hinzufügte. In einem Schreiben an die Pariser und die französische Nation über dis^ innere Schissfahrt, das er 1819 und 1820 in Paris, wo er seit einer langen Reihe von Jahren seinen Wohnsitz hatte, drucken ließ, gab er eine Vertheidigung des Herzogs und biograph. Nachrichten über den Baumeister Brindley, der den Bau des berühmten Bri dgewater- Canals (s. Bd. 2) geleitet hatte. Nach dem Tode des Herzogs von Bridgewater erbte dessen Vetter, der General Egerton, die Adelswürde desselben als Graf von Bridgewater, da der Herzogstitel mit jenem erloschen war, und die sehr ansehnlichen Familiengüter; als dieser aber 1823 ohne Kinder gestorben war, kamen Adelstitel und Güter auf seinen jungem Bruder, der auch seitdem in Paris blieb. Er fuhr fort, sich mit der Biographie seiner Familie zu beschäftigen, und ließ 1826 aus seinen Vorrathen eine Sammlung historischer Züge unter dem Titel: vuscckotes", in einem prachtigen Foliobande, blos für Freunde in wenigen Exemplaren, drucken. Seltsam war seine Lebensweise. Fast sein ganzes Haus war mit Hunden und Katzen angefüllt, die er überall ^aufgelesen hatte. Von seinen 15 Hunden aßen zwei an seinem Tische, alle waren oft wie Menschen gekleidet, und zuweilen sah man ihrer ein halbes Dutzend in einem schönen, mit vier Pferden bespannten Wagen, von zwei Dienern begleitet, in den Straßen von Paris spazieren fahren. Als Altersschwache die Vergnügungen der Jagd ihm verbot, ließ er im Garten an seinem Hause einige hundert Kaninchen und ebenso viele Tauben und Rebhühner mit verschnittenen Flügeln sammeln, von welchen er, auf seinen Diener sich stützend, einige schoß, die er dann als Jagdbeute auf seine Tafel bringen ließ. Er starb 1829 zu Paris. Sein letzter Wille hat ebenso viel Launenhaftes als seine Lebensweise. Seine gesammte Dienerschaft und einige Privatpersonen erhielten Vermachtnisse, mit der Bestimmung aber, daß die Vermachtnisse null und nichtig sein sollten, wenn er ermordet oder vergiftet würde. Ungegründet ist es, daß er seine Hunde in seinem Testamente bedacht habe. Er wies eine Summe von 8000 Pfund Sterling an, welche unter der Aufsicht des Präsidenten der königlichen Gefellschaft der Wissenschaften zu London als Preis für ein in 1000 Exemplaren abzudruckendes Werk über die, in der Schöpfung sich offenbarende Macht, Weisheit und Güte Gottes verwendet und unter Verfasser und Verleger vertheilt werden sollten. Der Graf hatte nicht lange vor seinem Tode ein Werk über denselben Gegenstand geschrieben und in wenigen Exemplaren prächtig drucken lassen. Seine Hand- 3215 Brocchi « schristen vermachte er dem britischen Museum, wies die Zinsen eines Eapitals s. von 7000 Pfund St. zur Besoldung der Bibliothekare für die Aufsicht über diesen Schatz an, und bestimmte 5000 Pf. zur Vermehrung der Handschriften des Museums. Brocchi (Giovanni Battifta), zu Bassano 1772 geboren, gehört zu den vielen Opfern, welche europaische Wißbegierde dem mörderischen Klima von Afrika gebracht hat. Von frühester Jugend an war seine Neigung den Naturwissenschaften zugewandt, die ihn auch dem Studium der Rechte untreu machten, welchem er in Padua obliegen sollte. Als die Zeit der akademischen Prüfung heranrückte, ging B. heimlich nach Rom, und suchte nach seiner baldigen Rückkehr in die Lombardei durch literarische Arbeiten die getroffene Wahl vor dem lesenden Publicum zu rechtfertigen. Als ihm 1801 der Lehrstuhl der Naturgeschichte zu Brescia über- ^ tragen wurde, sah er sich in sein wahres Element versetzt. Mannichfache, mit ebenso viel Genauigkeit als Kenntniß angestellte Untersuchungen über die Mineralien und die Pflanzen der benachbarten Gegenden, in einzelnen kleinen Schriften dem Publicum vorgelegt, sicherten ihm seinen Platz unter den bedeutendsten Kennern der Naturgeschichte des damaligen Italiens und wurden 1809 Veranlassung zu seiner Anstellung im Bergdepartement des Königreichs Italien. Vorzüglich war dabei auf seine genauere Erforschung der, bisher noch nicht hinreichend gewürdigten Mineralschatze in den Thalern der obern Etsch gerechnet, und die gemeinschaftlich mit dem Professor Malacarne im Fassathale vorgenommenen Untersuchungen (1810) bestätigten sowol die günstige Meinung von der glücklichen Wahl, die man getroffen, als von dem Reichthum des noch so wenig erkannten Bodens. Die gehaltreichen Berichte, die er darüber bekannt machte, verschafften ihm die Mitgliedschaft des italienischen Instituts (1811). Sammlungen von Conchylien, die in fossilem Zustande in der Nahe von Piacenza zu Tage gekommen waren, und ahnliche Erzeugnisse einer praadamitischen Zeit lenkten von nun an seinen Scharfsinn auf die fossile Conchyliologie der Alpenthaler und der zum Becken des Mittelmeeres zu rechnenden Lander. Um diesen Gegenstand erschöpfender kennen zu lernen, unternahm er eine Reise, die ihn bis Rom, Neapel und Pastum führte, und ihm im Jan. 1812 den Anblick eines bedeutendem Ausbruchs des Vesuvs verschaffte. Er besuchte 1813 auch Genua und das westliche Italien, und mit dem reichsten Vorrathe und der vollständigsten Anschauung ging er dann an die Ausarbeitung seines elastischen Werks: „Dimttuto üi conclüliulo^ia lossile subuppeu- niim" (2 Bde., 4., Mailand 1814), das am längsten seinen Ruhm sichern möchte. Die Umgestaltung des Königreichs Italien in ein lombardisches führte die Aufhebung des Bergdepartements herbei; und B. wandte nun mit desto größerm Eifer sich den Wissenschaften zu, für die er bei den wiederholten Reifen in Italien den reichsten Stoff fand. Thatig teilnehmend an der damals begründeten „Ilillli"- Mcii iwlianu", die er mit sehr interessanten Beitragen schmückte, blieb ihm doch noch Muße zu zwei größern Werken, dem „(mwIoFo R uns tii roece tkisposto coit orcüiie 8ervire ZIIu AevAnosig, ü'ltAllct" (1817) und zu seiner ,Mem0i-m ckello stato Usico ckel sunlc» üi Rom^" (Rom 1820), einer auf viermalige Selbstanschauung begründeten Untersuchung voll der interessantesten Thatsachen über die physische Beschaffenheit der Umgegend von Rom. Der Besuch des südlichen Theiles der Halbinsel und Siciliens, worüber die einzelnen Aufsatze in der „IZililiotecu iwliunu" das Nähere berichten, erweckte bei B. den Wunsch, die Kraft der schassenden Natur in tropischen Ländern kennen zu lernen. Durch einen aus Ägypten zurückkehrenden Lombarden erhielt er den Antrag, die Aufsicht über die Bergwerke des Vicekönigs zu übernehmen. Er verließ im Inn. 1822 Italien, war im December in Kahira und wurde bald darauf entsendet, die Metall- und Smaragdgruben in Anbau zu setzen. Dieser Auftrag ver- Brom Brongniart (Alexandre — Adolphe) 327 schaffte ihm eine genauere Kenntniß der Wüste bis Syene, der Smaragdgruben bei Sayd in Oberägypten, und der Berge der Thebaide. Doch waren die Versuche, die Metallminen wieder aufzunehmen, wegen des Mangels an Feuerungsmitteln vergeblich. Um diese auszusinden, entsendete ihn der Vicekönig 1823 nach dem Libanon; doch sind die Nachrichten über den Erfolg und die Ausdehnung dieser Reise noch ungenau. Einen neuen Antrag des Vicekönigs, die seiner Macht unterworfenen Theilo von Nubien und Abyfsi'nien naturwissenschaftlich zu untersuchen, nahm B. gleichfalls an, und obgleich seine frühere Verbindlichkeit mit dem I. 1825 ablief, unterzog er sich doch dieser neuen Anstrengung, die leider seine Wißbegierde nicht belohnte. Im Mai 1825 hatte er Kahira verlassen, mit der Hoffnung, viel für die Wissenschaft dort zu entdecken. Zwischen Chartum und Sennaar seinen Aufenthalt wechselnd, litt er an beiden Orten von der Ungunst des Klimas, dem er am 23. Sept. 1826 zu Chartum erlag. Sein Reisegefährte Bonavilla, der treue Pfleger seiner letzten Stunden, starb bald darauf zu Theben. B.'s literarischer Nachlaß befindet sich, zufolge feines Testaments vom 1.1822, zu Bassano; doch sollen nur seine Handschriften gerettet, seine naturhistorischen Sammlungen aber in Tuest untergegangen sein. (14) Brom ist ein von einem Franzosen Balacd 1826 entdeckter einfacher, allen seinen physischen und chemischen Eigenschaften nach zwischen Chlor und Jod mitteninne stehender Stoff, welcher nicht nur im Meerwasser und in Seepstanzen, sowie einigen Seethieren (inntllinn violncen, Meerschwamm) vorkommt, sondern auch in sehr vielen andern salzigen Wassern, ja selbst in Zink- und Cadmiumerzen gefunden worden ist. Sein Name Brom ist von (Gestank) wegen des Übeln Geruchs, den es verbreitet, entlehnt worden. Seine charakteristischen Eigenschaften sind folgende: Es stellt bei gewöhnlicher Temperatur eine dunkelrothe tropfbare Flüssigkeit von sehr unangenehmem Gerüche und sehr starkem Geschmacke dar, färbt die Haut stark gelb, röchet nicht Lackmustinctur, aber entfärbt dieselbe schnell, wirkt giftig auf Thiers, hat ein fpec. Gewicht 2,966/ erstarrt zwischen —18° und —25° (7, verflüchtigt sich leicht, bildet mit Sauerstoff und mit Wasserstoff Säuren (Bromsäure und Bromwasserstoffsäure), die sich den entsprechenden Chlor- oder Jodverbindungen analog verhalten, geht auch mit andern einfachen nicht metallischen und metallischen Körpern sehr ähnliche Verbindungen wie Chlor und Jod ein. Sein Atomgewicht ist nach Berzelius 489,15 gegen Sauerstoff gleich 100. Die meisten Verdienste um die Kenntniß der Eigenschaften des Broms haben sich fein Entdecker Balard und Löwig, welcher Letztere eine Monographie darüber nach eignen Versuchen geschrieben hat, erworben. Aus jedem neuern Lehrbuche der Chemie kann man sich näher über, die Verhältnisse dieses Stoffs belehren. (11) Brongniart (Alexandre), Akademiker zu Paris, Professor der Mineralogie am lui-äi» du roi und Director der Porzellanfabrik zu Sevres, gehört zu den seltenen Menschen, deren wunderbare Thätigkeit vielfache Gegenstände mit Scharfsinn und Ausdauer behandelt, die immer fortschreiten, nie altern, nicht mit gewissen Ideen gleichsam verwachsen sind. Er leitet seit langer Zeit eine ausgedehnte und berühmte Porzellanfabrik, deren schöne Formen und Farben sich immer neu entfalten, ist ein rastloser Lehrer der Mineralogie, zugleich auch ein vielgereister Geognost, dem die Literatur des Auslandes wohlbekannt ist. Eine Menge seiner Werke und Abhandlungen, die im Laufe von 35 Jahren erschienen, haben wesentlich zur Förderung der Wissenschaft beigetragen. Schon 179? lieferte B. im „lournnl des Ulmes" einen geognostischen Aufsatz: „8nr In eolline de (iliniu- lÜAn/J und 1812 einen andern, technischen: „8ur les enuleurs «Menne» des ox^des rnetslli^ues et dxees zinr In lusion sur les diüerentes ccn;)» vitreux"; 1805 folgte seine „(MssMention des reptiles". Im Fache der 328 Brongniart (Alexandre — Adolphe) eigentlichen Mineralogie erschienen: „Iraite elementare de Mineralogie avec des apz >lications aux arts" (Paris 1807); „Introductiou a In Mineralogie" und „Vableau metlroditgie et cliaracteristic^ue des ^rincipales especes mi- nerales" (Paris 1824), wo ein chemisches, dem Stande der Wissenschast gemäßes System durchgeführt wird. Das Fach der Geognoste erfreute sich der ausgezeichnetsten Leistungen, und vor Allem glänzt hier die speciellste geognostische Beschreibung der Umgegend von Paris. Bis zu jener Zeit waren die jungem Gebilde der Erdrinde höchst vernachlässigt; was über der Kreide lag, zählte man zu den aufgeschwemmten Massen und beachtete es fast gar nicht; als nun Cuvier, bei Ausarbeitung seines großen Werkes über die fossilen Thiere, dringend wünschte, die geognostischen Beziehungen der Gebirgschichten über der Kreide zu ermitteln, die ihm vorzugsweise Knochen ausgestorbener Thiere geliefert hatten, so unterzog sich B. dieser Arbeit und zeigte, daß im Becken von Paris, oberhalb der Kreide, eine sehr mächtige Reihe von Gebirgschichten in mehrfachen Abtheilungen liege, deren jede einen eigentümlichen Charakter hinsichtlich der Gesteine und Petrefacte trage. Es wurde nun eine neue Formationsgruppe — die tertiairen Gebilde — ausgestellt, und die Gegend von Paris gab ein genau bestimmtes Maß, auf welches man die analogen Bildungen beziehen konnte, die sich bald an sehr vielen Punkten vorfanden. Diese wichtige Arbeit erschien unter den gemeinschaftlichen Namen von Cuvier und B.: „Lssai Sur la geograplne mineralogiczue des environs de l?aris", mit einer schönen geognostischen Karte, zuerst in den Mnnales du Nuseum d'tiis- toire naturelle" (1808), dann als eignes Werk (Paris 1811), und wurde zugleich Cuvier's großem Werke „8ur les ossemens fossiles" einverleibt. Obgleich in dem Laufe von 25 Jahren jene vielbesuchte Gegend mehrmals und mit Genauigkeit untersucht wurde, so blieb doch der von B. festgestellte Befund unangefochten, wiewol gegen die Theorie der Bildung andere Ansichten aufgestellt worden sind. Auf einer Reise durch Oberitalien bot sich B. eine große Reihe höchst werthvollcr geognostischer Beobachtungen über den Bau der Apenninen und Alpen dar, die Veranlassung gaben zu dem , Memoire Sur le gisement ou Position relative des oplnolitlies, eu;iliotides, zaspes etc., dans ^uelcsues parties des Apennins" („Zonales des mines", 1821) und dem , Memoire Zur les terrains calcaren- ira.j)j>eeimes au Vicentin", welches 1822 in den Mnuales des mines" und 1823 als besondere Schrift erschien. Auf einer Reise nach Schweden richtete B. ein vorzügliches Augenmerk auf die skandinavischen Felsblöcke, welche sich über die norddeutsche Ebene verbreiten, und lieferte über diesen Gegenstand eine sehr interessante Abhandlung in den Mnnales des scieuces naturelles" (1828). Jeder Ausflug in seinem Vaterlande gab einem so scharfen Beobachter Ausbeute, und vielfache Belehrung gewähren die Abhandlungen über die Bildung der Süßwasserstraten (1810), über die Geognosi'e des Cotentin, im „lournal des mines" (1823), und über eine neuaufgefundene Gebirgsart — die Arkose — in den Mnnales des sciences naturelles" (1826). Die früher sehr vernachlässigten Beziehungen der Petrefacte zu bestimmten Formationen setzte B. in den Mnnales des mines" (1825) in Helles Licht, und lieferte, gemeinschaftlich mit Desmarest, ein wichtiges petrefacto- logisches Werk über die Trilobiten. In der systematischen Geognosi'e verfolgte B. stets einen doppelten Gesichtspunkt; er gruppirte die Gesteine, welche unsere Erdrinde bilden, einestheils blos mineralogisch, ganz abgesehen von ihren Lagerungsbeziehungen, dann aber wieder blos in Hinsicht ihrer Lagerungsverhältnisse, oder in der Art, wie sie Formationen bilden. In der ersten Hinsicht erschien 1813 sein „Lssai d'une classikcation minera!ogiHii>» ^j^Wsmchm lckMs- M.«ZL «»Am ^.'1 «»E nern und geradem Wege erstrebte, indem er, wie selten ein Anderer, die öffentliche Wohlfahrt innig mit seinem Interesse verband. Auf diese rühmliche Laufbahn einen Blick zu werfen und den merkwürdigen Mann in den bedeutendsten Erscheinungen seines öffentlichen Lebens zu betrachten, wird zu einem Ergebnisse führen, das eine bestimmtere Bezeichnung seiner Eigenthümlichkeit gewahrt, als ein englisches Zeitblatt (1830) fand, welches in einer Charakteristik der neuen Minister nach ihren politischen Farben ihn mit dem einzigen Worte „unaussprechlich" bezeichnete. Aus einem alten und achtbaren Geschlecht in Westmoreland abstammend, ward B. 17?9 zu London geboren, und erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung auf der tresslichen Gelehrtenschule (lügU scUc>oI) zu Edinburg unter den Augen seines mütterlichen Oheims, des berühmten Geschichtschreibers Robertson. Schon als Knabe zeigte er deutliche Spuren des Talents, das sich spater so glänzend entwickelte, und faßte mit schnellem Blicke Alles, was seinem Geiste sich darbot. Lebhaft, dem Genüsse des Vergnügens ergeben, widmete er sich oft nur mit plötzlicher Aufregung dem Lernen, und lernte immer mit mehr Erfolg als Andere, wenn er fleißig war, weil seine geistige Thätigkeit auf einen bestimmten Gegenstand sich richtete, dessen Erforschung in der kürzesten Zeit vollendet werden sollte. Früh erwarb er sich jene Geläufigkeit und Leichtigkeit des Ausdrucks, welche nur durch Übung im öffentlichen Sprechen gewonnen wird, nach der Sitte der jungen Briten, die sich zu Staatsämtern bilden, in einem berühmten Privatverein, dem 8peculmive cl»d, wo er vor seinen jugendlichen Mitbewerbern, zu welchen unter Andern der verstorbene Horner, der Dichter Southey, und Robert Grant, der Generaladvokat, gehörten, sich stets auszeichnete. Diese Vorbereitungen zum öffentlichen Leben aber hielten B. nicht ab, sich wissenschaftlichen Forschungen zu widmen, die man gewöhnlich mit jenen Bestrebungen unvereinbar findet. Oft zog er sich aus den lebendigen Verhandlungen des Rednerclubs in sein einsames Studirzimmer zurück, um sich in die Tiefen der Mathematik zu verlieren. Eine der Früchte dieser Arbeiten war ein berühmtes Schreiben des achtzehnjährigen Jünglings an die königliche Gesellschaft der Wissenschaften, und mehre der ausgezeichnetsten europäischen Gelehrten, mit welchen er lange einen lateinischen Briefwechsel führte, ahneten nicht, daß Derjenige, dem sie die höchsten Lobsprüche er- theilten, kaum aus der Schule gekommen war. Als er Edinburg verlassen hatte, machte er in Gesellschaft des Lords Stuart de Rothsay, des ehemaligen Gesandten in Paris, eine Reise durch das nördliche Europa. Nach seiner Rückkehr trat er zuerst als Schriftsteller auf. Sein Werk über die Colonialpolitik der europäischen Mächte („1Ae colonial polic^ c>f tlle european powers", 2 Bde., London 1803) enthält zwar manche Behauptungen, besonders auch in Beziehung auf Englands westindische Colonien, die B. später nicht mehr vertheidigen mochte, und welche die Zeit zum Theil widerlegt hat, aber eine treffliche Darstellung, eine tief eindringende Untersuchung, welche die umfassendsten Kenntnisse darlegt, und eine durch scharfen und praktischen Blick geleitete Prüfung verschiedener Theorien zeichneten die erste Schrift eines Mannes aus, der, in Staatsgeschäfte noch nicht eingeweiht, einen so schwierigen Gegenstand mit so viel Erfolg zu bewältigen verstand. Es gehört zu B.'s Eigenthümlichkeit, daß eine Leistung, die Andern hohe Auszeichnung gegeben haben würde, auf seiner großartigen Laufbahn und bei seiner weitgreifenden Kraftäußerung nur als ein vorübergehender Lichtpunkt erscheint. Um dieselbe Zeit trat B. in Verbindung mit dem 1802 entstandenen „^llinburAti revievv", welchem er fast bis in die neueste Zeit viele Beiträge lieferte. B. wurde 1810 für den verfallenen Flecken Winchelsea ins Parlament gewählt. Der Ruhm, den er bereits als Sachwalter durch kräftige Beredtsamkeit in den Gerichtshöfen und durch seine Schriften erworben hatte, und sein bekanntes Talent im geselligen Verkehr, erregten große Erwartungen; als er aber seine erste Rede hielt, wieder- 334 Brougham and Vaux holte sich die in' England oft gemachte Erfahrung, daß ein glänzender Beifall bei dem ersten Auftreten eines Redners nicht immer eine vollgültige Bürgschaft künftiger Größe ist; B. machte wenig Eindruck, vielleicht weil er noch nicht wußte, wie er auf seine Zuhörer mit allen ihm zu Gebote stehenden geistigen Waffen zu wirken hatte. Er nahm indeß bald einen lebhaften An- theil an allen wichtigen Verhandlungen und hielt 1812 eine seines spätem Ruhmes würdige Rede, worin er die Nachtheile der thörigen, den Handel der Neutralen vernichtenden sogenannten Geheimrathsverordnungen von 1807 mit siegreichen Gründen darlegte. Immer glänzender entfaltete sich die Kraft seines Geistes; besonders wußte er 1818 in seiner Rede über den Gesetzentwurf zur Verbesserung der Armenerziehung seine Zuhörer hinzureißen und selbst Castlereagh, seinen politischen Gegner, zu aufrichtigen Belobungen zu bewegen. Sein Einfluß im Parlamente, nach welchem er so lange gerungen hatte, war nun entschieden, und seine geistige Überlegenheit ward anerkannt und empfunden. War B., wie man sagt, gegen die Wünsche Georgs IV. ins Parlament gekommen, so wurde die Abneigung des Königs 1820 bis zur leidenschaftlichen Erbitterung gegen den beredten Sachwalter der Königin Karoline gesteigert. Auch bei seinem thatigen An- theil an den Arbeiten des Parlaments blieb B. ein vielbeschäftigter Sachwalter, und unter vielen ausgezeichneten Leistungen auf diesem Gebiete wird in den Jahrbüchern der britischen Rechtspflege seine Vertheidigung eines Schriftstellers, der mehre Geistliche des bischöflichen Sprengels Durham bei Gelegenheit des, von diesen unterlassenen Trauergeläutes für die Königin Karoline heftig angegriffen hatte, als ein Meisterstück gerichtlicher Beredtsamkeit gepriesen, worin der Redner, siegreich in kräftiger Darstellung und schneidender Ironie, sich auch im Allgemeinen über die Verhältnisse der englischen Kirche verbreitete. Die Preßfreiheit fand in ihm stets einen treuen Wortführer vor dem Parlament. An den Verhandlungen über die Emancipation der Katholiken (1828 und 1829) nahm er den lebhaften Antheil, mit welchem die Whigpartei, zu deren kräftigsten Stützen er gehörte, stets für diese große Maßregel gesprochen hatte. Der letzte Triumph seines Talents im Haufe der Gemeinen war seine siebenstündige Rede über den Antrag zur Verbesserung der englischen Gesetzgebung und des Gerichtsverfahrens am 7. Februar 1828, worin er seine Anklage der empörenden Gebrechen der englischen Rechtspflege durch Urkunden und Thatsachen bewies. Schon unter Wellingtons Verwaltung hatte man einige Versuche gemacht, den vielgeltenden Mann für die Regierung zu gewinnen, doch mochten sowol seine Grundsätze als die Gesinnungen Georgs IV. unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzen; was aber die geistreiche Tory-Zeitschrift, Blackwood's „LclmdurAÜ muAu^me", 1828, in einer ironischen Vision als das Entsetzlichste aufstellte: „Harry Brougham auf dem Wollsack", trat in die Wirklichkeit, als Wilhelm IV. den Grafen Grey an die Spitze der Verwaltung berief, der, wenn er eine feste Stellung gewinnen wollte, mit diesem Manne sich innig verbinden mußte. B. wurde zum Baron Brougham and Vaux erhoben, und am 23. Nov. 1830 saß er auf dem Wollfack. An demselben Tage erhoben sich einige Widersacher im Hause der Gemeinen und gründeten auf B.'s frühere Äußerungen, die einen Entschluß, an der neuen Verwaltung nicht Theil zu nehmen, verrathen haben sollten, bittere Vorwürfe; aber kräftig vertheidigten seine Freunde den Abwesenden, und mit spottender Anspielung aus Wellington sagte Einer von ihnen, B. habe wenigstens nie gesagt, er sei nicht toll genug, die Kanzlerwürde anzunehmen. In seinem neuen Verhältnisse zeigte B. bei den wichtigen, mit seinem Amte verbundenen richterlichen Geschäften den scharfen Geistesblick und die unermüdliche Thätigkeit, die ihm eigen sind, und hob manche verjährte Misbräuche im Kanzleigerichte (<^ourt ot' cüancer)) auf, die seine nächsten Vorgänger, aller Klagen ungeachtet, nicht angetastet hatten. Brougham and Vaux 335 in de» ,R Wenn er nach der Verfassung des Oberhauses auch nicht die eigentliche Leitung der Verhandlungen hat, so zeigte er doch bei mehren Gelegenheiten, be- sonders aber in der denkwürdigen Sitzung am 7. Oct. 1831, in seiner trefflichen Rede über die Parlamentsreform, daß er seinen Bogen noch mit der gewohnten Kraft zu spannen weiß. — Bei dem Uberblick seines öffentlichen Lebens treten zwei Bestrebungen hervor, die B.'s Ruhm sichern, seine Bemühungen für die Verbesserung des Volksunterrichts und der Rechtspflege. Er wollte Bildung unter der arbeitenden Volksclasse verbreiten, wie er seit 1816 mit aller ihm eignen Tätigkeit und Kraft bewiesen hat, er wollte, wie er am 7. Februar 1828 sagte, das Gesetz aus einem verschlossenen Buche zu einem lebendigen Buchstaben, aus einem Eigenthum der Reichen zu einem Erbe der Armen, aus einem zweischneidigen Schwerte in der Hand der Arglist und der Bedrückung zu einem Stabe für den Redlichen und einem Schilde für den Bedrängten machen. Zwei große Gebrechen des gesellschaftlichen Auslandes seines Vaterlandes hatte sein scharfer Blick erkannt, aber aus die Volkserziehung, als die einzige feste Grundlage einer guten Staatsverwaltung, war zuerst seine Aufmerksamkeit gerichtet. Im Mai 1816 machte er im Parlament den Antrag zur Ernennung eines Ausschusses für die Untersuchung des Austandes der Erziehung der Niedern Elassen in London. Die Nachforschungen wohlwollender Manner hatten das Ergebniß geliefert, daß 120,600 Kinder in der Hauptstadt ohne allen Unterricht waren; und es sollten nach B.'s Plan zuerst in London versuchsweise unter dem Beistande des Parlaments Anstalten zur Beförderung der Armenerziehung gemacht werden. Der Ausschuß, der unter B.'s Vorsitz bis 1818 seine Arbeiten fortsetzte, erweiterte nach und nach seine Untersuchungen über den Zustand des gesammten öffentlichen Unterrichts in England, dessen Mangel in seinen fünf Berichten aufgedeckt wurden, welche die faule Wurzel des Übels entblößten. Die unglückliche Lage der Niedern Volksclasse in der Hauptstadt kam zur Sprache; es wurde gefragt, ob es angemessen sei oder nicht, die Staatsreligion mit der Volkserziehung in Verbindung zu bringen; die Natur und der Austand aller milden Stiftungen, als Mittel zur Beförderung der Volksbildung, wurden einer sorgfaltigen Untersuchung bedürftig erklart; und endlich glaubte man, auch die Verhaltnisse und die Verwaltung der großen öffentlichen Schulen und der beiden Landesuniversitaten einer strengen Beaufsichtigung unterwerfen zu müssen. Je mehr diese, von B. ohne Rücksicht geleiteten Untersuchungen die bei der Verwaltung der höhern Lehranstalten und Stiftungen betheiligten Privatinteressen bedrohten, desto lebhafter war der Widerstand, der sich gegen ihn erhob. Zwar wurde nach dem Antrage des Ausschusses eine Commission zur Untersuchung der wichtigen Angelegenheit ernannt, aber ihre Vollmacht wurde durch das Oberhaus auf die Stiftungen für Armenerziehung beschrankt, und B., der Urheber des Planes, nicht den Mitgliedern derselben zugesellt, deren Ernennung die Regierung als ein Vorrecht der Krone in Anspruch nahm. Mochte auch B.'s Plan in einigen Punkten, z. B. in der Zulassung namenloser Ankla- gen, bedenklich erscheinen, mochte er auch bei der Leitung der Untersuchung zuweilen die Klugheit vergessen haben, sein Antrag auf strenge Untersuchung der öffentlichen Lehranstalten war doch im Ganzen so wohlthatig, daß, wie er in seinem Schreiben an Romilly („Detter to 8ir 8ninnel upon tüe nünse c>1 clln- nties", zehnte Aufl., London 1810) sagt der Widerstand gegen denselben nur aus dem Entschlüsse hervorgehen konnte, Vergehungen zu beschützen, Vernachlässigungen zu verewigen und Unterschleife zu ehren. Bei der entschiedenen Überlegenheit, welche die bisherige Verfassung gerade der Partei gibt, deren Interesse der Verbesserungsentwurf berührte, ließ sich ein günstiger Erfolg kaum erwarten. Nicht abgeschreckt, brachte B. 1820 seinen umfassenden Erziehungsplan ins Parlament, dessen Hauptgrundlage eine durchgangige Einführung von Kirchspielschu- U MW 336 Brougham and Vaux len in England war, deren wohlthätiger Einfluß in Schottland sich seit dem 17. Jahrhundert erprobt hatte, und die als ein dringendes Bedürfnis in einem Lande erschienen, wo nur der vierzehnte Theil der Bevölkerung Unterricht erhielt. Auch dieser, allerdings in manchen Theilen gegründeten Einwürfen ausgesetzte Entwurf blieb erfolglos; die Regierung unterstützte ihn nicht, und da B., vermuthlich um die machtige Kirchenpartei zu gewinnen, die Kirchfpielfchulen der bischöflichen Aufsicht unterwerfen wollte, so erhoben sich auch die zahlreichen AnHanger anderer Glaubensparteien gegen seine Vorschlage. B. war desto thatiger, außerhalb des Parlaments seine wohlthätigen Absichten auszuführen, und war er bei der Enthüllung derMisbräuche in den öffentlichen Anstalten nicht frei von politischen Parteieinflüssen, so ward er hier nur von dem Antriebe reiner Menschenliebe geleitet. Er hatte schon 1816 Fellenberg's Landgut in Hofwyl besucht, er kannte die Grundsatze, auf welche Robert Owen's Anstalt in Lanark gebaut war, und hatte sich überzeugt, daß die von jenen Männern gegründeten Einrichtungen auch für die Armen einer großen Stadt eine Wohlthat sein würden. In Verbindung mit Lord Lansdown, Macauley und andern achtbaren Mannern, gründete er 1819 eine Kleinkinderschule (Inlaut scRool) in Westminster, die durch Owen einen in seiner Anstalt gebildeten Lehrer erhielt und ebenso glücklichen Fortgang als schnelle Nachahmung fand. Er that noch mehr, sein berühmtes Wort: „Der Schulmeister ist überall", wahr zu machen. Das glückliche Beispiel, welches I)r. Birkbeck schon 1800 durch seine Vorlesungen über angewandte Naturlehre für Handwerker gegeben, und das spater'in Edinburg und andern Städten Schottlands erfolgreiche Nachahmung gefunden hatte, erweckte B.'s lebendige Theilnahme, und er war einer der eifrigsten Beförderer einer Bildungsanstalt für Handwerker (Necllanics' mstiwticm), welche, seit 1824 von einem Privatverein gegründet, in London besteht. B. erläuterte die Zwecke dieser Anstalt und entwickelte die allgemeinen Grundsätze, von welchen die Beförderung der Volkserziehung ausgehen muß, in seinen trefflichen „?i-acticai observations upnn tlle eckucation oktlie people" (London 1825), von welchen in rascher Folge 19 Auflagen erschienen und über 50,000 Abdrücke verbreitet wurden. Vom Volke selbst, sagt er, müsse die Beförderung seiner Bildung ausgehen, aber es sei der Beruf der Verständigen im Volke, welche das Bedürfniß und die Vortheile geistiger Ausbildung zuerst erkannt, das Werk anzugreifen. Als Bildungsmittel empfiehlt er die Herausgabe wohlfeiler belehrender Schriften, die Stiftung geselliger Vereine zu geistbildender Unterhaltung und faßliche Vorträge über gemeinnützige Wissenschaften. Mit diesen erfolgreichen Bemühungen stand die Stiftung einer Gesellschaft zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse in Verbindung, die B. eifrig beförderte; aber so gut der Plan der von ihr seit 1825 herausgegebenen Sammlung von Volksschriften war und so geistreich B. die Reihe eröffnete, so ist doch die von Andern geleitete Wahl der Gegenstände später nicht durchaus glücklich gewesen. Wie jene Anstalten auf die geistige Erhebung der arbeitenden Volksclasse berechnet waren, so wurde bei den ossenlie- genden Gebrechen der beiden Landesuniversitäten die Stiftung einer großen Lehranstalt zur Verbesserung der Erziehung der höhern Classen als ein Zeitbedürfniß erkannt, das durch die von B. eifrig beförderte Gründung der Londoner'Uni- versität (f. d.) befriedigt werden sollte. — B.'s Antrag zur Verbesserung der bürgerlichen Gesetzgebung geht von dem Grundsatze aus, daß die englische Rechtspflege, als das Erzeugniß eines untergegangenen gesellschaftlichen Zustandes, dem dringend mahnenden Aeitbedürfnisse angepaßt werden und das verzögernde und kostspielige Gerichtsverfahren, welches nur durch seine innige Verbindung mit andern Staatseinrichtungen und durch den Eigennutz der Rechtsgelehrten so lange aufrecht erhalten werden konnte, einer wirksamem Handhabung der Gerechtigkeit weichen muß. Das wesentlichste Mittel, den Hauptgebrechen des bisherigen Zu- Broussais 33? standes abzuhelfen, findet er in der Einsetzung von Localgerichtshöfen unter der Beaufsichtigung der drei Obergerichte in Westminster, vorzüglich aber auch in der Einführung von Friedensgerichten (Eourts ol reconcileinont), vor welchen die Parteien ohne Zulassung von Anwälten gehört werden sollen. *) B.'s Antrag hat bis jetzt die Folge gehabt, daß zwei Commifsionen zur Berathung dieser Angelegenheit ernannt worden sind, die ihre Arbeiten noch nicht geendigt haben, auf welche aber die Entscheidung der großen Lebensfrage über die Reform gewiß auch einen fördernden Einfluß haben wird. Es war seither B.'s Schicksal, daß, wenn von ihm ein Entwurf zu wahren Verbesserungen im Staatsleben ausging, der Widerstand aller Vertheidiger des Bestehenden nur desto heftiger und hartnäckiger wurde. Wie viel auch die Beforgniß, die politischen Interessen der Partei, zu welcher er gehörte, durch seinen Sieg befördert zu sehen, auf seine Gegner gewirkt haben mag, so hat doch auch die schonungslose Weise, wie B. bei den Erörterungen im Parlamente seine geistige Überlegenheit geltend machte, nicht selten dazu beigetragen, seine Gegner zu reizen und bei den Erwägungen der öffentlichen Angelegenheiten die Leidenschaften auf den Kampfplatz zu bringen. B. ist jetzt in einer Stellung, wo er seine Kraft in vollem Umfange zu entwickeln, und auf das Ziel, das ihm vorschwebt, das Wohl seines Vaterlandes, zu richten vermag; frei von der entmutigenden Überzeugung des Führers der Opposition im Unterhause, daß alle seine Anstrengungen an dem Widerstande einer mächtigen Partei scheitern mußten, und er hat gezeigt, daß er die Vortheile dieser Stellung zu benutzen weiß. Er ist als Redner erster Größe anerkannt und besitzt alle dazu ersoderlichen Eigenschaften, Fülle der Sprache, Kraft und Biegsamkeit der Stimme, körperliche Beredtsamkeit; aber so umfassende Kenntnisse ihm zu Gebote stehen, so glänzend sein Vortrag, so treffend sein Witz, so schlagend sein Spott — seine furchtbarste Waffe—, so mächtig seine Überlegenheit im Wettkampfe der Erörterung ist, so ermangelt doch seine Darstellung nicht selten der Correctheit und Einfachheit, und es ist etwas in seinem Vortrage, das die Rede und den Redner zu sehr in den Vorgrund bringt. Seine Reden sind nicht ganz unvorbereitet; seine Darstellung verräth es, und er selber behauptete einst die Nothwendigkeit, diejenigen Theile einer Rede, welche die kräftigste Wirkung machen sollen, sorgfältig auszuarbeiten. Vielleicht gerade darum, weil er einzelnen Theilen viel Sorgfalt widmet, aber zu wenig auf ihre innige Verschmelzung in ein Ganzes sieht, machen seine Reden zuweilen nicht den tiefen Eindruck, der sie zu Mustern erheben würde. Broussais. Das seit ungefähr zwei Decennien in Frankreich berühmt gewordene, von da aus durch zahlreiche Schüler auch im Ausland, selbst in außereuropäischen Gegenden verbreitete System dieses Arztes verdient um so eher eine kurze Betrachtung, als dasselbe in Deutschland, seinen Extravaganzen entkleidet, zu einer sehr fruchtbaren Lehre geworden ist; es hat sich nämlich bei uns daraus die noch so mangelhaft gewesene Kenntniß der chronischen Darmentzündungen und der Darmgeschwüre entwickelt. Der Urheber dieses Systems ist der am 17. December 177zu St.-Malo geborene Arzt Franoo is I oseph Victor B., welcher, nachdem er sechs Jahre als Schissswundarzt in der französischen Marine gedient hatte, seine medicinischen Studien in Paris vollendete, den Doctortitel erwarb und bis 18s)ü daselbst prakticirte. Zu dieser Zeit trat er wieder in Militärdienste bei den Landtruppen und wurde 1814 am Hospitale Val-de- Grace angestellt, welchem er jetzt noch als erster Arzt vorsteht. Es sind insbesondere zwei seiner Werke, welche als die Grundlagen seines neuen Systems anzu- B.'s Rede zur Begründung seines Antrages ward unter dem Titel: State tde law" (London 18L3) gedruckt. Eonv.-Lcx. der neuesten Zeit und Literatur. I. Broussais sehen sind und das meiste Aufsehen erregten, nämlich die „Histoire lies ptlleF- masies ou mgammutious cinouiciues" (2 Bde., Paris 1808 und 1816), und das „Lxameu 6e lu eloctriue mesticale Aenerulement acloptee et ües s^stemes mnciernes 6e Nosologie" (Paris 1816 und 1821); von diesen Werken zeichnet sich das erste durch umfassende Kenntniß und gesundes Urtheil, das letzte durch Kühnheit der Ansichten, Paradoxensucht und Rechthaberei aus. Eine große Menge Schüler vervielfältigten bald die Literatur des Gegenstandes, und gewichtige Gegner veranlagen eine Anzahl mehr oder weniger bedeutender Streitschriften. Wenden wir uns zu dem Systeme selbst, so bemerken wir zuerst, daß die französische praktisch-medicinische Schule bisher vorzüglich den Ansichten Pinel's gefolgt war, welcher auf die Wichtigkeit der verschiedenen Gewebe des Körpers in Krankheiten aufmerksam machend, einen aufmerksamen Nachfolger und Vervollkommnet dieser Lehre an dem unvergeßlichen Bichat (s. d.) gefunden hatte. Broussais wendete nun Bichat's Lehren vom Leben der verschiedenen Gewebe auf das Erkranken derselben und namentlich auf die Entzündungen an, indem er zugleich diesen letztern Begriff um ein Bedeutendes erweiterte und dadurch den ersten Grund zu der spatern Haltungslosigkeit seiner Lehre legte. Diese nähert sich nämlich in dem „lTxawen" ganz den Brown'schen Ansichten, so sehr sich B. auch gegen eine Vergleichung mit diesem Schotten verwahrt; durch Reformationssucht und Herabwürdigung alles Frühern stellt sich aber B. selbst Jenem an die Seite und wird sich wol immer mit ihm müssen vergleichen lassen. Das Leben besteht nach B. in der Möglichkeit und dem Bedürfnisse, erregt zu werden, und erbalt sich nur durch das gehörige Maß dieser Erregung. Diese kann bald zu stark, bald zu schwach sein, bald eine surexcltatioi,, bald eine Acl^numie, doch ist jene bei weitem häusiger vorkommend als diese. Es gibt aber keine allgemeine Zustände dieser Art, wenigstens keine ursprünglich allgemeinen, da der Körper aus einer Anzahl verschiedener Organe und Gewebe besteht, welche mit sehr verschiedener Empfänglichkeit begabt sind, und daher auf sehr verschiedene Weise von denselben Außendingen afsi'cirt werden. Alle gehen in drei Hauptsysteme zusammen, in das sanguinische, das lymphatische und das nervöse. Daher ist immer nur ein bestimmtes Organ des Körpers erkrankt, von welchem aus die andern Organe durch die sogenannten Sympathien mit afsi'cirt werden, und zwar jedes auf eigenthümliche Weise, nach Maßgabe seines Gewebes und seiner specisischen Empfänglichkeit. Allgemeine Krankheiten ohne primäres Leiden einzelner Organe sind Undinge; man muß vielmehr bei solchen Krankheiten dasjenige Organ aufsuchen, welches als das zuerst leidende anzusehen sei. Daß die Krankheit von einzelnen Organen aus sich verbreitet, geschieht besonders durch die Sympathien, welche dadurch vermittelt werden, daß das sanguinische und nervöse System sich in ihren feinsten Verzweigungen auf das innigste berühren. Diese krankhaften Sympathien sind theils organische, innerhalb des Blutlaufes, der Ab- und Aussonderung, überhaupt im bildenden Leben sich haltende, theils relative Sympathien (srmpmtlües tlo reiation), welche sich in der Sphäre der willkürlichen Bewegung, der Empfindung und der geistigen Tätigkeiten zeigen. Aus diesen Sympathien erklären sich auch die Krisen und Metastasen, welche beide zufällige, nicht nochwendige Erscheinungen sind, die erstem heilsame, die zweiten nachtheilige Sympathien. Am meisten sind den sympathischen Reizungen der Magen und obere Darmcanal, das Herz und das Gehirn ausgesetzt; im erstem Falle entsteht die Gastroenteritis, im zweiten das Fieber, im dritten die Nevrosen; alle ursprünglichen Fehler der Säfte, Dyskrasien und dergl. sind ersonnene Wesenheiten (entites lüctices), deren Vertheidiger man daher Ontologisten nennen muß. Diesen Titel erhalten auch von B. alle Ärzte der alten Schule. Die Gastroenteritis hat ebenso, wie jede andere entzündliche Reizung eines Organs, sympathische Reizung des Herzens Browns ALomenbewegungen 339 -"M". >,z -?>x zur Folge, ist daher bei den meisten Fiebern vorhanden und zieht ebenso leicht sympathische Gehirnreizung nach sich; sie ist, da sie ebenso oft primär entsteht als aus sympathische Weise, die häufigste Krankheit von allen, und nach B.'s eignem Ausspruche: la bsse cle 1a patKolvAie. Die Vcrfahrungsweise oder der therapeutische Theil dieses Systems ist im hohen Grade einfach, und dabei höchst actio, der Naturheilkraft nichts vertrauend, wie er denn auch die Krisen abzuwarten für etwas Unnützes, ja Schädliches hält, weil dadurch der Krankheit verstautet werde, sich auszubilden und festzusetzen. Da in den allermeisten Krankheiten entzündliche Reizung eines bestimmten Organes primär oder secundär vorhanden ist, so wird örtliche Antiphlc^gosis die am ersten zusagende Heilmethode sein. Da man den Krisen zuvorkommen und rasch wirken muß, so wird ein starker Grad der Antiphlogosis das Nathsamste sein; da endlich die Gastroenteritis das am häufigsten, ja fast bei allen Krankheiten vorkommende Leiden ist, so wird die Anwendung einer großen Menge von Blutegeln an die Oberbauchgegend sich am öftersten nothwendig machen. Schmale Diät, verdünnende (Aela^ctittes) Getränke, Limonade, in seltenern Fällen allgemeine Aderlässe unterstützen diese Heilmethode. Nächst ihr kommt auch die ableitende Methode, bisweilen selbst die tonische und erregende zur Anwendung, aber dann wird meistens die antiphlogistische vorausgehen müssen, weil die andern Methoden das Übel jedesmal verdoppeln, wenn sie es nicht zu heilen vermögen. Daher kommt außer der antiphlogistischen Heilmethode selten eine andere an die Reihe, weil reine und allgemeine Schwäche höchst selten ist, ja der Schwächezustand meistens ebenfalls von Reizungen abhängt oder mit solchen in Verbindung ist. — Diese Lehre, welche wir hier nur in ihren allgemeinsten Grundzügen darlegen konnten, hat in Frankreich ein nicht unbedeutendes Aufsehen gemacht, obgleich ihr Urheber nicht eben als glücklicher Spitalarzt bekannt ist. Die Persönlichkeit B.'s, die Wahrheit mancher einzelnen Behauptungen in seinem Systeme, die Unzulänglichkeit der bisher geltenden medicinischen Theorien und der jetzt eben herrschende entzündliche Krankheitscharakter, scheinen hierzu das Meiste beigetragen zu haben; sonst würde es schwer begreiflich sein, wie eine Anzahl sehr gefeierter Namen sich unter den Anhängern B.'s finden könne. Dazu kommt, daß das neue System ein allgemein umgestaltendes war und noch dazu sich als mötlecine zcki^8i<>Ic>Figue ankündigte, zwei kräftige Anlockungsschilder für die medicinifche Jugend, die gern radical reformirt und meistentheils des Glaubens ist, unsere Physiologie, wie wir sie jetzt besitzen, könne die Grundlage der praktischen Medicin werden, ein Irrthun?, den der aufmerksame Arzt am Krankenbette bald ablegen lernt. Es ist daher auch im besten Falle B.'s Lehren keine lange Dauer vorauszusagen, wenn auch einiges Gute durch sie erkannt und gewirkt worden ist. Kaum möchte B.'s System die Dauer und Ausbreitung des Brown'schen erhalten, welchem es so sehr ähnelt. Für deutsche Ärzte besitzen wir als Erläuterung und Kritik dieses Systems Spitta's „Kovue Uocti-ilme pntlu,- IvKieae ccuctnie Lroussais epiwme" (Güttingen 182.2) und Eonradi's „Kritik der Vorlesungen Broussais' über die gastrischen Entzündungen" (Heidelberg 1821). Die Unzahl französischer Schriften für und wider die neue Lehre muß hier übergangen werden. (42) Brown 's Atomenbewegungen. Robert Brown machte die Beobachtung, daß, wenn man einen beliebigen organischen oder unorganischen Körper (z. B. Pflanzentheile, Gummiharze, Staub, Ruß, Glas, Lava, Metalle u. s. w.), den man fein genug pulvern kann, sodaß der Staub davon einige Zeit im Wasser schweben bleibt, in diesem zertheilten Zustande in einein Wassertropfen unter dem Mikroskope betrachtet, sich viele dieser Theilchen, oder selbst (namentlich beim Ruße) alle, in unregelmäßigen Bewegungen zeigen, welche einige Ähnlichkeit mit den Bewegungen von Infusorien haben, wodurch B veranlaßt 340 Brulliot ward, ihnen den Namen aetives molecules beizulegen, womit er ihnen jedoch nicht, wie man zum Theil misverstanden hat, wirkliches Leben hat beilegen wollen. B, machte diese Beobachtungen in einer eignen Schrift („Brown s mikroskopische Beobachtungen, übersetzt von Beilschmied", Nürnberg 1829) bekannt, und die Thatsache derselben wurde nachher von mehren andern Beobachtern bestätigt. Erläuternd wird in dieser Beziehung folgende Beschreibung eines Versuches von Muncke sein. Wenn man ein Stückchen Fiimmi Fiittae von der Größe einer Stecknadelspitze in einem großen Wassertropfen auf einem Glasscheibchen zerreibt, von dieser Lösung einen Theil, so viel an einem Stecknadelknopfe hangen bleibt, abermals mit einem Tropfen Wasser verdünnt, und hiervon mit dem Stecknadelknopfe so viel als etwa ein halbes Hirsekorn betragt, unter das Mikroskop bringt, so zeigen sich in der Flüssigkeit kleine braungelbe, meist runde, aber auch anders geformte Pünktchen von der Größe eines Schießpulverkörnchens in Abstanden von ss bis 1 Linie von einander und in verschiedener gegenseitiger Lage. Diese Pünktchen sind sämmtlich in steter mehr oder minder schneller Bewegung, sodaß sie einen scheinbaren Raum von einer Linie in 4 bis 2 oder 4 Sekunden durchlaufen, willkürlich bald nach der einen, bald nach der andern Seite abwechselnd stillstehend, umkehrend u. s. w. Nimmt man feines Mandelöl statt Wasser, so findet gar keine Bewegung statt; aber in Weingeist ist sie so schnell, daß man sie kaum mit dem Auge verfolgen kann. Was die Erklärung dieser Bewegungen anlangt, so scheinen sie von einer mechanischen Ursache abhangig zu sein, und das Aussehen, das sie anfangs gemacht haben, schwerlich zu verdienen. In der That leuchtet ein, daß die geringste Ungleichheit in der Temperatur des stark erleuchteten Wassers, ungleichförmige Verdampfung mstw. Störungen im Tröpfchen erregen können, welche fähig sind, so leichte Theilchen in Bewegung zu setzen. Wirklich ist dies die Erklärung, welche die Physiker gegenwartig von diesem Phänomen geben. (11) Brulliot (Franz), am 16. Febr. 1786 in Düsseldorf geboren, wo sein Vater, Joseph Brulliot, Professor an der Akademie der bildenden Künste und Inspektor der Bildergalerie war. Er widmete sich früher der bildenden Kunst in seiner Vaterstadt unter der Leitung des Direktors Langer, folgte später seinem Vater, welcher mit der Bildergalerie von Düsseldorf nach Holstein geflüchtet war, und begleitete ihn 1866 nach München, wo die düsseldorfer Galerie der Münchner einverleibt wurde. Hier ward er 1868 als Gehülfe des Direktors Schmidt bei der königlichen Kupferstichsammlung angestellt, und widmete sich nun ganz der Kupfer- siichkunde sowie der Kunstgeschichte, wozu ihm seine frühern Studien sehr behülf- lich waren. Er suchte sich später durch seine Reisen und einen längern Aufenthalt in den größten Städten Deutschlands, Frankreichs, Hollands und Italiens so viel möglich in seinem Fache zu vervollkommnen, und gab 1817 sein „viotionnaire «es INONOAI-Ämmes" heraus, schon in seiner ersten Gestalt, mit seinen 3769 Nummern, das reichhaltigste Werk über diesen Gegenstand. Seitdem hat er unablässig gesammelt und gesichtet, und nach fleißiger Vorbereitung die neue Bearbeitung vollendet, die unter dem Titel: „Dictioimair« ües inonngrammes, mar- rpies ligurees, lettres initiales et nnins abre^es, smis lesguels les pemties, Graveurs, tlessinatenrs et sculpteurs ont üesiAne lenrs noms" (Stuttgart 1832, 4.) erschien. Sie enthalt 16,666 Nummern und umfaßt die Künstler aller Nationen und Zeiten. B. erhielt bereits 1822 die Stelle eines Conservators der Kupferstichsammlung, und hat sich um dieselbe große Verdienste erworben, da er sie nicht nur nach Schulen und Malern zweckmäßiger geordnet und trotz den beschränkten Mitteln sie um ein Drittel vermehrt, sondern auch über den jetzt aus 366,666 Blattern bestehenden Vorrath ein Inventarium entworfen und einen Realkatalog verfertigt hat, welcher dem Kunstliebhaber eine leichte Übersicht ^aller vorhandenen Gegenstände gewahrt. Buchner Bührlen 341 Buchner (Andreas), bairischer Collcgienrath, ordentlicher Professor der Median und Vorstand des pharmaceun'schen Instituts an der Universttat zu München, einer der ausgezeichnetsten jetzt lebenden Pharmaceuten Deutschlands, wuroe 1783 zu München geboren, wo er im dortigen Gymnasium und Lyceum seine erste wissenschaftliche Bildung erhielt und sich zur Theologie vorbereitete; allein seine vorherrschende Neigung und feine verwandtschaftlichen Verhältnisse bestimmten ihn später, in einem Alter von bereits 20 Jahren sich der Pharmacie zu widmen. Er ging 1805, um sich gründlich in den Naturwissenschaften auszubilden, nach Erfurt zu Trommsdorss, in dessen Institut er zwei Jahre verweilte, erhielt 1800 die Stelle eines Oberapothekers bei der damals neuerrichteten Eentralstiftungsapotheke in München, und betrieb dabei, durch dienstliche Verhältnisse mit der Median häusig in Berührung kommend, im Stillen eifrig das Studium derselben. Inzwischen hatte er viele Gelegenheiten, durch chemische Untersuchungen, wovon jedoch nur Weniges! im Druck erschienen ist, sich geltend zu inachen; auch hielt er in den Jahren 1814 und 1817 chemische Vorlesungen vor einer zahlreichen Versammlung gebildeter Männer aus verschiedenen Classen. Er enrwarf 1814 die Satzungen des pharmaceutischen Vereins in Baiern, zu dessen Stiftung er mitwirkte. Einige Monate später (1815) war er auch unter den Stiftern des polytechnischen Vereins für Baiern, dessen Zeitschrift („Kunst- und Gewerbeblatt") er bis 1818 herausgab. Darauf ward er 1817 zum Assessor bei dem Medicinalcomite, und 1818 zum Abjunct der Akademie der Wissenschaften in München, und noch in demselben Jahre zum außerordentlichen Professor der Pharmacie zu Landshut ernannt. Für wissenschaftliche Zwecke machte er eine Reise nach Paris. Die Universität in Bonn ertheilte ihm aus freiem Antriebe die Würde eines Doctors der Meinem und Pharmacie, und 1822 ernannte ihn die bairische Regierung zum ordentlichen Professor der Medicin zu Landshut, was ihn bewog, einen sehr ehrenvollen Ruf nach Freiburg auszuschlagen. Bei Verlegung der landshuter Universität nach München (1826) war er einer der Wenigen, welche dahin berufen wurden, jedoch, in Ermangelung gehöriger öffentlicher Anstalten, genöthigt, sich 1830 aus eignen Mitteln ein Laboratorium einzurichten, um einen praktischen Unterricht in der pharmaceutischen und analytischen Chemie möglich zu machen und ein pharmaceutisches Privatinstitut zu errichten, welches einen so glücklichen Fortgang nahm, daß V. 1831 schon gegen 200 Zuhörer um sich hatte. So- wol in theoretischer als praktischer Beziehung hat er sich um die Fortschritte der Pharmacie sehr verdient gemacht, und wird als einer ihrer Koryphäen betrachtet. Die vorzüglichsten Producte seiner literarischen Thätigkeit sind: das „Repertorium für Pharmacie", das von 1815 — 32 (Nürnberg) zu 41 Bänden angewachsen ist, und worin auch B.'s neueste chemische Arbeiten, die mannichfaltigsten Gegenstände betreffend, niedergelegt sind; und sein „Vollständiger Inbegriff der Pharmacie" (8 Bde., Nürnberg 1821 — 31), wovon einzelne Theile mehre Auflagen erlebt haben. (11) Buenos Ayres, s. Plata, La, die Staaten am. Bührlen (Friedrich Ludwig), geboren zu Ulm am 10. Sept. 1777, war der Erstgeborene von zehn Kindern; sein Vater war Gewerbsmann, Musikus, endlich Eigenthümer eines Gasthofs. Entreprisen bei dkm Festungsbau waren auch für ihn eine ziemliche Erwerbsquelle und verschafften dem geschästführenden Sohne Studiengeld. Ein Bruder seiner Mutter, in der Mathematik tiefer gebildet, flößte B.Liebe zu diesem Studium ein; ein Vatersbruder, Landpsarrer, war wie die übrigen Brüder Freund der Musik; auch er diente dem Jünglinge zum Vorbilde. Ulm hatte in seinem öffentlichen Leben, als Reichsstadt, manches Charakteristische; auch das bürg«iiche und politische Geschick der Stadt wirkte auf Sinn und Geist ihrer Söhne bedeutend ein; selbst das Räumliche derselben als Reichsfesiung, ihre 342 Bulgarin Lage auf einer gegen die Alpen offenen Ebene und an einem schiffbaren Strome, das ehrwürdige Münster u. A. mußten, zumal bei einem Dichtergeiste, als Erziehungsmittel wirken. B. besuchte das ulmcr Gymnasium 20 Jahre hindurch, denn das Warten aufStipendien machte dort alte Stipendien. Er genoß den Unterricht des wackernSchmid, nachherigenPrälaten, der in sich classische und reale Bildung in schönem Gleichgewichte trug und sehr anregend auf das Studium der neuesten Geschichte wirkte. Neben den Classikern sah sich B. fleißig in Reisebeschreibungen, naturhiftorischen und geschichtlichen Werken um; Philosophie zog ihn frühzeitig an; von Romanen las er nur die sogenannten klassischen, von Rittergeschichten nur ein paar. In Jean Paul war er verliebt; Schiller stellte er weit über Göthe, den er erst auf der Akademie begriff, um ihm von nun an alle Gewalt über sich einzuräumen. Auf seine Ansicht der menschlichen Institute hatte Moser viel Einfluß. Musik nahm ihm viel Zeit, und die frühe Liebe zur bildenden Kunst wurde mit vorrückenden Jahren leidenschaftlich, und Veranlassung zum Erwerb einer kleinen Sammlung. B. ging mit schnellem Entschluß von der Theologie zur Rechtswissenschaft über, die er in Landshut und dem heitern Würzburg seit 1804 studirte. In diese Studienzeit fallt eine Reise zu Jean Paul und ins Fichtelgebirge. Er besuchte 1806 Wien, prakticirte spater in Augsburg, wurde 1809 Landgerichtsas- sessoc im Eichstadtischen, kam als solcher 1810 nach Söflingen bei Ulm und lebt seit 1811 als Registrator in Stuttgart. Die Gewohnheit, mit der Feder in der Hand zu lesen, führte ihn endlich in die Reihe der Schriftsteller. Seine Erstlinge erschienen in den „Süddeutschen Miscellen" von Rehfues, dann in Zeitschriften und Almanachen zerstreute Abhandlungen, Skizzen, launige Aufsage, Erzählungen. Einzeln erschienen: „Lebensansichten" (Stuttgart 1814); „Erzählungen und Miscellen" (Tübingen 1818 und 1820); „Bilder aus dem Schwarzwalde" (2 Bde., Stuttgart 1828 — 31); „Ansichten von höhern Dingen" (Stuttgart 1829); „Neueste Erzählungen" (Stuttgart 1830). (43) Bulgarin (Thaddäus), wurde 1789 in Lithauen geboren. Sein Vater, welcher, wie mehre seiner 'Angehörigen, unter Kosciuszko focht, gerieth nach dem unglücklichen 'Ausgange des Kampfes in eine so bedrängte Lage, daß seine Gattin sich nach Petersburg begab, wo ihr Sohn 1798 in das Cadettenhaus aufgenommen wurde. Der Knabe vergaß hier bald seine Muttersprache, und unter der theilnehmenden Sorgfalt seiner Lehrer, die sein früherwachtes Talent pflegten, machte er schnelle Fortschritte. Als er 1803 das Cadettenhaus verließ, ward er in dem Uhlanenregimente des Großfürsten Konstantin angestellt und diente in dem Feldzuge gegen Frankreich mit so viel Auszeichnung, daß er nach der Schlacht bei Friedland den Annenorden erhielt. Nach dem tilsiter Frieden lebte er kurze Zeit in Petersburg, bis der Krieg gegen Schweden ihn nach Finnland führte, wo er mit dem Vortrab unter Kamenski bis nach Tornco kam. Durch unangenehme Verhältnisse veranlaßt, verließ er nach seiner Rückkehr den russischen Kriegsdienst und begab sich nach Warschau, wo mehre seiner Verwandtem lebten. Spater ging er nach Frankreich, trat in französische Dienste und kam 1810 zur Armee in Spanien. Die Ereignisse, welche er dort erlebte, hat er in einer Schrift, die 1823 unter dem Titel: „Erinnerungen aus Spanien", erschien und später in die Sammlung seiner vermischten Schriften aufgenommen wurde, sehr anziehend dargestellt. Zu Anfange des Feldzugs von 18! 4 gerieth er in preußische Gefangenschaft, erhielt aber nach einiger Zeit seine Freiheit wieder und begab sich in Napoleons Hauptquartier, der ihm den Befehl über eine Abtheilung von Freiwilligen übergab. Mit Napoleons Fall endigte seine kriegerische Laufbahn. Er ging nach Warschau und schrieb verschiedene humoristische und poetische Arbeiten in polnischer Sprache, mit welcher er sich in Spanien wieder vertraut gemacht hatte. Als seine Verwandten ihn nach Petersburg schickten, um gewisse Rechts- Bülow (Heinrich, Freiherr v.) 343 angelegenheiten auszugleichen, fand er einige Jugendfreunde und Mitschüler wieder, die ihn bewogen in Rußland zu bleiben. Er faßte den Entschluß, seine Talente als Schriftsteller zu nutzen, und widmete sich eifrig dem Studium der russischen Sprache, von seinem Freunde Gretsch unterstützt, in dessen Zeitschrift seine ersten Arbeiten erschienen. Mit dem Jahre 1823 begann er eine eigne Zeitschrift: „Nordisches Archiv", die anfanglich ausschließend der Geschichte, Geographie und Statistik gewidmet war, bald aber auch unterhaltende Aufsatze aufnahm. Seine humoristischen und satyrischen Darstellungen fanden lebhaften Beifall, und er wurde bald einer der beliebtesten Schriftsteller. In Verbindung mit Gretsch begann er 1825 eine andere Zeitschrift: „Die nordische Biene", und in demselben Jahre gab er das erste dramatische Taschenbuch in russischer Sprache: „Uusk-stn lAIsin", heraus, das zwar nicht fortgesetzt ward, aber später Nachahmer fand. Die 1827 begonnene Sammlung seiner vermischten Schriften enthält die besten seiner früher in Zeitschriften zerstreuten 'Aufsatze, meist fatyrische Sittenschilderungen. Diese Skizzen sind zwar oft glücklich aus dem Leben gegriffen und im Ganzen das Beste dieser Art, das die russische Literatur darbietet; aber B.'s Sa- tyre hat ein etwas veraltetes Ansehen, seine Facbengebung ist oft mehr blendend als kraftig, die Schilderungen, die er uns gibt, sind nicht selten etwas manierirt, und es fehlt seinen Charakterbildern an Individualität. Nach diesen Versuchen betrat er 1829 mit seinem „Iwan Wuishigin, der russische Gilblas" (deutsch von Oldekop; 4 Bände, Petersburg 1839) ein weiteres Gebiet, wo er sein Talent in umfassendem Schilderungen des Charakters und der Sitten des russischen Volkes zeigen konnte, wiewol dieses Werk nicht, wie man behauptet hat, die erste russische Nachahmung des oft nachgeahmten französischen Vorbildes war. So anziehend dieser Roman als eine Reihe von Schilderungen ist, so kann man ihn doch schwerlich als ein ganz treues Gemälde des russischen Lebens bettachten, da B., obgleich er Einzelnheiten richtig aufgefaßt und manche Züge wahr gezeichnet hat, zu sehr übertreibt und überladet, um die Wirkung zu erhöhen, und da überhaupt die Geschichte eines vom Zufall umhergeschleuderten Abenteurers vielleicht nicht die beste Form einer Schilderung des gesellschaftlichen Auslandes ist. Eine Fortsetzung dieses Romans ist die 1839 erschienene „Geschichte des Peter Jwanowitsch Wuishigin", in welche die Ereignisse des Jahres 1812 anstehend verflochten sind. Auch im Gebiete des historischen Romans, das V. mit seinem „Demetrius" betrat, war Fedorow, den Walter Scott angeregt hatte, sein Vorgänger gewesen. Die Charakterzeichnung ist hier natürlicher und freier von Manier als in B.'s andern Romanen, und einige Charakterbilder sind vortrefflich; er hat den historischen Stoff geschickt benutzt, und der Hintergrund, oder das Stillleben seines Gemäldes ist mit Sorgfalt und mit vieler Kenntniß der Vorzeit ausgeführt, wenn auch zuweilen diese historische Kunde zu freigebig sich darlegt, und er weiß das Interesse stets lebendig zu erhalten. B.'s neuester Roman ist: „Rostavlew, oder Rußland im Jahre 1812". Bülow (Heinrich, Freiherr von), preußischer Gesandter in London, wurde 1799 in Mecklenburg-Schwerin geboren, wo sein Vater am großherzoglichen Hofe eins der ersten Äemter bekleidet. Nachdem er durch Hauslehrer und den Besuch vaterländischer Anstalten gehörig vorbereitet worden, bezog er die Universität zu Heidelberg und studirte daselbst 1813, als in Norddeutschland gegen die Franzosen allgemein der Ruf zu den Waffen erging. Er eilte ins Vaterland und trat als Lieutenant in die Reihen der Truppen, die an der Niederelbe unter der Leitung des Generals Grafen von Wallmoden errichtet oder gesammelt wurden. Als Adjutant des russischen Obersten (jetzigen Generallieutensnts) von Nosti; half er einige kühne Streifzüge und Uderfälle dieses tapfern und klugen Parteigängers auf dem linken Elbufer ausführen, sowie er auch bei den spätem Bewegungen und Gefechten des / 5 344 Bülow (Gottfried Philipp v.) Wallmoden'schen Truppencorps sich rühmlich auszeichnete und unter andern den ^t.-Wladimirorden erwarb. Als 1814 der Friede zu Paris geschlossen war, ging B., um seine Studien zu vollenden, nach Heidelberg zurück. Gleich im nächsten Jahre aber zogen die Weltereignisse ihn abermals aus der Studienruhe, und in Paris, wo der zweite pariser Friede unterhandelt wurde, und B. sich bei dem Ttaatskanzler Fürsten von Hardenberg für den preußischen Staatsdienst und für das diplomatische Fach gemeldet hatte, erhielt er die Bestimmung, in dem wichtigen Geschäftskreise, den der Staatsminister Freiherr von Humboldt für die noch zu erledigenden deutschen Gebietsvcrhandlungen in Frankfurt am Main antreten sollte, unter der Leitung dieses hochverdienten, scharfsinnigen und gewandten Staatsmannes beschäftigt zu werden. Konnte dies Verhältnis schon an sich als ein seltenes Glück betrachtet werden, so entwickelte sich daraus doch bald nachher noch ein höheres. Die liebenswürdige Familie des Ministers von Humboldt kam aus Italien nach Frankfurt am Main, und nach kurzer Zeit knüpften sich die Bande, durch welche B. als Gatte der jüngsten Tochter Humboldt's für immer ein Mitglied dieses edlen Familienkreises wurde. Humboldt begab sich 1817 als preußischer Gesandter nach London, wohin der nunmehrige Legationsrath von B. ihn als Gesandtschaftsecretair begleitete. Im folgenden Jahre trat Humboldt wieder eine Ministerstelle in Berlin an, und B. blieb mit den Geschäften der Gesandtschast beaustragt in London zurück. Hier erwarb er den Ruhm eines so thätigen als gewandten und umsichtigen Geschäftsführers, sowie eine genaue und Liefe Kenntnis; des gesammten englischen Staatslebens, eine politische Schule, die sich gewiß Niemand besser zu wünschen vermag! Durch die Familienverhältnisse angezogen, verließ er nach einigen Jahren diesen bedeutenden Posten und trat in Berlin als geheimer Legationsrath in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten. Hier nahm er an den wichtigsten Geschäften dieses Departements Theil, und insbesondere waren ihm alle Arbeiten und Verhandlungen zugewiesen, die sich auf commerzielle Verhältnisse bezogen. Er wurde 1824 Kammerherr, Ritter des rothen Adlerordens, sowie Commandern des polnischen Stanislausordens und des weimarischen Falkenordens, und 1827 erhielt er den erledigten Gesandtschaftsposten in London, deiner seitdem mit Ansehen und Erfolg rühmlich vorgestanden. Der wichtige Antheil, den B. in der neuesten Zeit als Bevollmächtigter Preußens an den londoner Conferenzen über die holländisch-belgische Frage genommen hat, ist allgemein bekannt, aber noch zu neu, um ein Gegenstand näherer Erörterung sein zu dürfen. Man rühmt an ihm unter vielen vorzüglichen Eigenschaften sein gefälliges und gehaltenes Benehmen und seinen muntern, bei einigem Hange zur spöttischen Laune doch gutmüthigen Sinn, der stets Vertrauen einflößt. Seine Ansichten gelten für frei und scharf, über Personen und Sachen sich leicht erhebend, in Geschäften klar und sicher. Seine loyale Denkart und patriotische Gesinnung verbürgen in ihm unter allen Umständen einen der würdigsten Staatsdiener. Bülow (Gottfried Philipp von), ehemaliger braunschweigischer Kammer- director, Commandern des Guelsenordens, geb. zu Braunschweig den 29. Sept. 1770, hat unter der Regierung des Herzogs Kar! von Braunschweig durch die eigen- thümliche Stellung, in welche sein Dienstverhältnis im Ministerium dieses Fürsten ihn gebracht hatte, die Blicke seines Vaterlandes sowol als des Auslandes auf sich gezogen. Nach gründlicher Vorbildung studirte er 1789 — 92 die Rechte aus der Universität zu Helmstädt, durchlief, von 1793 an, unter der heimischen und der fremden Regierung, in verschiedenen Ämtern bei den höhern Justizbehörden, unter der ehrenvollsten 'Anerkennung seines Wirkens, die Bahn des öffentlichen Dienstes, bis er, seit 1819 zweiter Kammerdicector zu Braunschweig, nach dem Ausscheiden des Geheimraths von Schmidt aus dem herzoglichen Ministerium 1826 von dem Herzog wl^« ^'',!">Ä>«A ÄlH^., A^-ttkN ^ ^ !A>! "-TlKW^ö t ^^AwKchM^ ' A ÄNÄtWl» ZüAchGM- t v MM!!i!>mck. waWckWz SMmflM --ÄkMW .-M-wuM ^ Sw! MnM--"'' l^SB»ch 7Ä-E Bülow (Gottfried Philipp v.) 345 dk als stimmführendes Mitglied dieser Behörde angestellt wurde. Es schien anfangs, als ob der Fürst, nach der Entfernung des ihm persönlich verhaßten Schmidt, der obersten Verwaltungsbehörde das seit einiger Zeit ihr entzogene Vertrauen wieder zuwenden wolle; allein der unselige Streit, der sich aus der Verfolgung des Geheimraths von Schmidt mit der hanöverischen Regierung entspann, zog den Fürsten mehr und mehr von der Theilnahme an den Regierungsgeschäften in dem seither beobachteten verfassungsmäßigen Gange ab; die wichtigsten derselben wurden im herzoglichen Cabinete unter dem Beirath von Männern, welche das öffentliche Vertrauen weder besaßen noch dessen würdig waren, unabhängig vom Staatsministerium entschieden, und dieses sank allmälig zu einer blos vollziehenden Behörde des Cabinets herab. B., sei es, daß der Herzog die Überlegenheit seines Geistes und die bisher bewiesene Ehrenhaftigkeit seiner Gesinnung fürchtete, sei es ein gewisser Gefühlsinstinkt, welcher nicht selten im ersten Augenblicke über seine Neigung oder Abneigung entschied, genoß — und dieses erweckt ein günstiges Vorurtheil für ihn — vccki Anfange seiner Berufung in das Ministerium an, das Vertrauen des Fürsten nicht; nur die Überzeugung von seiner augenblicklichen Un- entbehrlichkeit zur Ausfüllung der durch Schmidt's Abgang entstandenen Lücke hatte seine Wahl bestimmt. Von Tage zu Tage ward seine Stellung peinlicher. Ohne zum ersten Minister wirklich ernannt zu sein, provisorisch mit den Geschäften desselben beauftragt, bald sogar vom Vortrage bei dem Fürsten ausgeschlossen, ward er in seiner Thätigkeit endlich im Allgemeinen auf die Leitung des Geschäftsganges beim Ministerium in den der Entscheidung desselben überlassenen, minder wichtigen Angelegenheiten, und auf die formelle Beglaubigung der Cabinetsverfügungen in den wichtigern Sachen beschrankt. So geneigt man, nach B.'s geachteter Persönlichkeit, auch sein mag, die von ihm nachmals gegebene Versicherung, daß seine innige, aus der Prüfung der Landesgesetze und Einrichtungen gewonnene Ueberzeugung von den Obliegenheiten seines Amtes der Leitstern gewesen sei, der ihn bei jeder seiner öffentlichen Handlungen geführt habe, für aufrichtig zu halten, und daher anzunehmen, daß er keine der letztern im Widerspruche mit vollkommenen Rechtsvcrbindlichkeitcn gefunden habe: so wird man doch unwillkürlich zu der Ansicht geführt, daß einem Manne von B.'s Hellem Blicke nicht habe entgehen können, wie zweideutig jedenfalls seine Stellung der öffentlichen Betrachtung erscheinen und wie gefährlich und unausbleiblich unheilvoll in ihrem Ausgange die von ihm betretene Bahn sein müsse; daß sein feineres sittliches Gefühl sich dagegen habe empören müssen, so manchen vor dem Nichterstuhle des Gesetzes wie der Moral gleich verwerflichen Maßregeln der höchsten Staatsgewalt, wenn auch nicht immer ohne vorgängigen eifrigen Widerspruch, gleichsam den Stempel der Gesetzlichkeit aufzudrücken, und daß die Nothwendigkeit eines männlichen Entschlusses, des einzigen, der ihm zu ergreisen übrig blieb, nämlich um jeden Preis aus seiner Stellung zurückzutreten, von ihm klar habe erkannt werden müssen. Nach der im Herbste 1830 stattgehabM/llegierungsveränderung wurde B. auf sein Ansuchen seiner Geschäfte im Ministerlüm enthoben, und bald darauf reichte er auch seine Entlassung von der seither bekleideten Stelle eines ständischen Rathes im Landessteuer- collegium ein, sodaß ihm nur seine Stellen als Kammerdirector und Propst zu St.-Laurentii blieben. Von Seiten des engern Ausschusses der Landschaft wurde jedoch bei. der Regierung die Einleitung einer Untersuchung wider B. wegen der ihm aus seinem Dienstverhältnisse im Ministerium zur Last fallenden Pstichtwidrigkei- ten, welche an sich zu groß und scheinbar zu begründet seien, um nicht die Fortsetzung seiner Functionen, ohne vorgängige Rechtfertigung, als nachtheilig für den Staatsdienst zu betrachten, in Antrag gebracht, und dabei als besondere Anklagepunkte Verletzungen der von ihm in seiner Eigenschaft als standischer Propst, sowie früher als Mitglied der Zustizkanzlei und als Kammerdirector übernommenen eidlichen ' -pi , ' 's 5 5 K A4 6 Bnlwer Verpflichtungen, in verschiedener Beziehung herausgehoben. Die Regierung theilte diese Anklage zuvor B. zur Rechtfertigung mit, welche derselbe übergab und auch im Druck erschienen ließ, und wodurch weiterhin noch einige Wechselschriften veranlaßt wurden. Die Sache blieb nun bis zur Versammlung der Stände im nächsten Jahre auf sich beruhen, wo die Regierung jenen den Wunsch zu erkennen gab, die Anklage gegen B., da derselbe inzwischen aus dem Staatsdienste gänzlich ausgeschieden sei, nicht weiter zu verfolgen, womit die Stände sich einverstanden erklärten. B. lebt seitdem, im Genuß eines anständigen Ruhegehalts, in ländlicher Aurückgezogenheit auf einem Familiengute, und es ist aufrichtig zu beklagen, daß ein Mann von so viel Talent, Geschäftskenntniß und Erfahrung dem Lande hat verloren gehen müssen. B. ist, außer einigen früher erschienenen Schriften über französische Gesetzgebung, besonders durch geschätzte „Abhandlungen über einzelne Materien des römischen bürgerlichen Rechts" (2 Bde., Braunschweig 181?—19) und „Beiträge zur Geschichte der braunschweigisch-lüneburgischen Lande und zur Kenntniß ihrer Verfassung und Verwaltung" (Braunschweig 1829), als gelehrter und geistvoller Schriftsteller bekannt geworden. Bulwer (Eduard Carle Lytton), der Sohn des 1806 verstorbenen Generals Bulwer, geb. 1803, stammt aus einer alten und reichen Familie in der Grafschaft Norfolk und erhielt von seiner Mutter, der Erbin des nicht minder angesehenen Hauses Lytton, den Beinamen, den er und seine Brüder führen, von welchen einer, Henry B., mit welchem er oft verwechselt worden ist, bereits seit längerer Zeit im Parlamente sitzt. Nach dem frühen Tode seines Vaters ward er unter dem Augen seiner Mutter erzogen, ehe er nach Cambridge ging, wo sein Gedicht über die Bildhauerkunst, das zuerst einzeln und später in einer Sammlung kleiner Gedichte gedruckt wurde, einen Preis gewann. Er hatte früh viel gc-lesen, und früh in das gesellige Leben eingeführt, bildete er jenen scharfen Beobachtungsgeist in sich aus, den er in seinen spätem Werken zeigt. Er hatte bereits in einigen metrischen Arbeiten: „^Veeds and nddlüiners" (1826), ,,0'Kedl, nr tüe i-edel" (1827), in seinem ersten prosaischen Werke, dem Roman „?idllland" (1827), seinen vielbegabten Geist erprobt, als er in dem Roman „?elüa,n" (1828) einen glücklichen Versuch machte, das gesellschaftliche Leben in den höhern Kreisen der englischen Hauptstadt zu schildern. Diesem Werke, das seinen Ruhm gründete, folgte 1829 „1Ae disonned" und „Oevci-eux", ein historischer Roman, unter dessen Charakteren sich die treffliche Schilderung des Lords Bolingbroke auszeichnet. „?aul dllilZard" (1830) ist ganz verschieden von seinen Vorgängern, eine politische Satyre, ein Roman aus dem Leben der mittlem Volksclasse, der die Sache des Volkes mit Kraft und Eifer führt. Die siamesischen Zwillinge, die in London gezeigt wurden, veranlaßten den Titel der witzigen metrischen Satyre: „1Ae siamesa tnins" (1831), die aber zeigte, daß B. in der ernsten Satyre glücklicher ist als in der muntern, die der Stimmung seines Gemüthes weniger verwandt ist. Sein neuester Roman: (1832), theilt die Vorzüge seiner Vorgänger. Richard hat von „0elünin" und B.'s spätem Romanen gute Verdeutschungen geliefert. Als B.'s Hauptverdienst erscheint in diesen Werken eine kräftige, wenn auch nicht immer scharf individualisi'rende Charakterschilderung, und so feine Menschenkenntniß, daß man mit Recht bemerkt hat, es finde sich in seinen Romanen der Stoff zu einem trefflichen englischen Rochefoucauld, nur von edlcrm Gefühl, woran es dem Franzosen fehlt. Seit 1832 ist B. der Herausgeber des früher von Thomas Campbell besorgten „Ken inc)r>tül)' ma^2Ü»e", und er hat dieser Zeitschrift bereits ein erhöhtes Interesse gegeben. Schon 1830 wurde B. dringend aufgcfodert, bei der Wahl eines Parlamentsgliedes für ^eouth- wark unter die Bewerber zu treten. Er wollte sich dem frühern Repräsentanten Calvert nicht entgegenstellen, und äußerte bei dieser Gelegenheit seine Theilnahme Bunsen Burdach 347 D'N. M->d, .'?U- Ä-'. lS?« . ^, ß! an der Sache des Volks so würdig, daß sich auch auf der Laufbahn des öffentlichen Lebens, die er später als Repräsentant des Fleckens St.-Pves betrat, Ausgezeichnetes von ihm erwarten läßt. Bunsen (Christian Karl Josias), gegenwärtig preußischer geh. Legationsrath und Ministerresident zu Rom, ist zu Korbach im Waldeckischen am 25. Aug. 1791 geboren. In Gottingen gebildet, widmete er sich den klassischen Studien mit dem glücklichsten Eifer, sodaß ihm die Collaboratur am gottinger Gnmnasium übertragen werden konnte, die er jedoch bald wieder aufgab. Eine Reise nach Rom war entscheidend für sein Schicksal. Dorthin war B.'s Freund, Brandis, gegenwärtig Professor in Bonn, dem Staatsrath Niebuhr gefolgt, der 1819 die Stelle eines preußischen Gesandten am päpstlichen Hofe angenommen hatte. B.'s Reise hatte mit zur Absicht, auf elastischem Boden ein Wiedersehen der Freundschaft zu feiern; aber noch Höheres sollte seiner dort warten. Die Liebe bereitete ihm in Rom die schönste Häuslichkeit, und da Brandis sich dem Professor Bekker zu den Vorarbeiten für Aristoteles anschloß, so wählte Hc'iebuhr, dessen Studien B. durch seine Abhandlung „De jure ^.tiiemensnim llaeretüterio" (Görtingen 1818, 4.) langst befreundet war, ihn zu seinen Gesandtschaftssecretair, und vielfach fand er nun Gelegenheit, in des allumfassenden Mannes Forschungen mitwirkend einzugreifen. Seit dem Winter 1817 — 18, wo Cotta in Rom war, wandte B. jedoch seine gelehrte Thätigkeit vorzugsweise den Untersuchungen über die Stadt Rom zu. Damals hatte Cotta den Plan eines Werkes über Rom gefaßt, das den Federungen der jetzigen Zeit entspräche; denn dahin änderte sich der ursprüngliche Gedanke eines umgearbeiteten Volkmann sehr bald ab. Von Niebuhr berathen, übertrug Cotta die Ausführung dieses Werkes dem jetzigen sächsischen Geschäftsträger, Ed. Platner, der bei diesem umfassenden Werke gleich von vorn herein sich mit B. zu verbinden wünschte. Bei dem 1829 erschienenen ersten Theile der „Beschreibung der Stadt Rom" hat denn nun auch B. den wesentlichsten Antheil. Leider droht nur von diesem, vielleicht zu weit angelegten Werke dieser erste Theil der einzige bleiben zu wollen; denn seit Niebuhr's Abgange aus Rom (Frühjahr 1823) scheint dem Werke der belebende Anstoß zu fehlen. Der Grund davon ist vielleicht in den gehäuftem diplomatischen Geschäften zu suchen, die B. seitdem zu besorgen hatte, indem er die Ministerresidentenstelle seit mehren Jahren definitiv übertragen bekam. Auf dem Capitole, im Palaste Cassarelli, lebt er in erfreulicher Vertrautheit mit allen ausgezeichneten Erscheinungen, welche die große Weltstadt jährlich herbeizieht, gastlich in der gastlichen Stadt, besonders den Deutschen entgegenkommend und in ihren Zwecken sie fördernd, wenn diese Zwecke der Wissenschaft und Kunst Ersprießliches versprechen. (14) Burdach (Karl Friedrich), Medicinalrath und Professor zu Königsberg, wurde 1776 zu Leipzig geboren und erhielt dort 1796 die medicinische Doktorwürde. Nachdem er daselbst eine Zeitlang als praktischer Arzt gelebt, auch als Privatdocent mit Beifall aufgetreten war, finden wir ihn um 1812 als Professor der Anatomie in Dorpat. Diese Universität vertauschte er 1815 mit Königsberg, zu deren Zierden er noch jetzt gehört. Zu wissenschaftlichen Zwecken hatte er schon während seines Aufenthaltes in Leipzig eine Reise nach Wien, später nach Paris unternommen. B. gehört unstreitig zu den fruchtbarsten und selbständigsten Schriftstellern im Gebiete der Medicin. Anfangs nahmen die verschiedenartigsten Disciplinen seine Thätigkeit in Anspruch, was seine Handbücher über die medicinische Encyklopädie und Methodologie, Diätetik, Physiologie, Pathologie, das System der Arzneimittellehre und die Literatur der Heilwissenschaft bewiesen. Später wandte er sich jedoch ausschließlich der Anatomie und Physiologie zu und hat in diesen Fächern Ausgezeichnetes geleistet. Wir machen hier nur aufsein großes Werk: „Vom Baue und Leben des Gehirns und Rückenmarks" (2 Bde., Leipzig 1819—22, 348 Burdett 4.), und auf seine letzte Arbeit: „Die Physiologie als Erfahrungswissenschast", aufmerksam, von welchem Meisterwerke von —30 drei Bande in Leipzig erschienen sind (die beiden ersten mit Beitragen von v. Baer, Rathke und Meyer), und wenigstens noch eben so viele erwartet werden. Was durch die umfassendste Kenntniß, gründlichste Sichtung und Verarbeitung des empirischen Materials, durch streng logische Anordnung und die geistvollste Ableitung aus, oder das besonnenste Aufsteigen zu allgemeinen Principien für die Feststellung einer Wissenschast geschehen kann, ist hier mit unvergleichlichem Geschicke geleistet. Überhaupt zeichnen sich alle Arbeiten B.'s durch eine meisterhafte Architektonik und systematische Abgeschlossenheit aus, welche der strengen Form ungeachtet doch keineswegs eine heitere und anziehende Eleganz entbehrt. Konnten wir auch über das äußere Leben B.'s nur wenig mittheilen, so sind wir doch, seinen Werken nach, vollkommen von dem Reichthume seines innern Lebens überzeugt, und dürfen von demselben noch herrliche Früchte für die Wissenschaft, und namentlich für die Wissenschaft vom Leben, erwarten. Burdett (Sir Francis), geb. am 25. Jan. 1770, stammt aus einem sehr alten Geschlechte, das seit Wilhelm dem Eroberer in der Grasschaft Derby ansässig war und schon lange die BaroUetwürde besitzt. Als er in der Schule zu Westminster seine erste Bildung erhalten und einige Jahre in Oxford gelebt hatte, macht? er unter derLeitung des gelehrten Chevalier, der durch seine Schriften über Troja bekannt ist, eine Reise durch Europa, die in die erste Zeit der französischen Revolution siel. B. war Zeuge der merkwürdigen Austritte, welche dieses Ereigniß begleiteten, und an den europäischen Höfen, die er besuchte, hatte er Gelegenheit, die Ansichten und Beweggründe der Männer, welche in jenen unruhigen Zeiten die Angelegenheiten der Staaten leiteten, kennen zu lernen. Nach seiner Rückkehr erhöhte er durch seine Verbindung mit der Tochter des reichen Banquiers Eoutts sein eignes ansehnliches Vermögen und setzte sich dadurch in den Stand, die Nslle zu spielen, die ihn in den frühern Jahren seines öffentlichen Lebens zu einem Manne des Volkes machte. Er wurde 1796 für den Flecken Boroughbridge, der dem Herzoge von Newcastle, dem bekannten Wahlfleckenkrämer (b, Süd ed-Wozestzthäflli MkHUÜiU« Mw^MW lliUS- 'iiüW^ Mit, M»!» WWW. .-AM :.-zA^ tstV') !,Hl^ ^>M. D d°t^. /s-B^ Burdett 349 Tode stimmte er mit den Ministern, während der kurzen Zeit, wo Fox an der Spitze der Staatsverwaltung stand, und als B. 1807 für Westminster gewählt wurde, stieg der Much und der Ehrgeiz des gefeierten Volksführers, der immer lauter für die Nothwendigkeit einer wahren und gleichmäßigen Repräsentation sprach. Allgemeines Stimmrecht und jährliche Parlamente waren die Grundlage seines Reformplans. Als 1810 ein unbedeutender Schriftsteller wegen eines Aufsatzes, den das Haus der Gemeinen für eine grobe Verletzung feiner Vorrechte erklärte, mit Gefängniß bestraft wurde, ergriff B. die Gelegenheit, sich in der Gunst des Volks zu befestigen, und ließ ein Schreiben an seine Wähler drucken, das einem AnHanger der Ministerialpartei Veranlassung gab, auch gegen ihn die Anklage einer Verletzung der Würde und der Vorrechte des Hauses zu erheben. Es ward, trotz allen Anstrengungen der Opposition, ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlassen; B, aber widerstand, von einem Volksausstande beschützt, drei Tage lang der Vollziehung des Befehls, bis er endlich, nachdem die Gerichtsbeamten in sein Haus gedrungen waren, mit Gewalt in den Tower gebracht wurde, wo er zwei Monate, bis zur Prorogation des Parlaments, gefangen saß. Er blieb seitdem seinen Ansichten treu und sprach oft gegen die Ausschreitungen der Minister. Für die Abschaffung der im britischen Heere üblichen grausamen körperlichen Züchtigungen kämpfte er 1812 mit Kraft und Wärme, aber so fruchtlos als Andere bis in die neueste Zeit dafür gesprochen haben. Nach Napoleons Rückkehr von Elba drang er auf Frieden mit Frankreich, und beschuldigte die Minister einer Verletzung der Vertrage, wodurch sie den Sturz des Kaisers herbeigeführt und die Bourboniden, deren Name mitTreulosi'gkeit gleichbedeutend sei, wieder aufdcn französischen Thron gesetzt hatten. Erbrachte 1818benAntragaufdieVerbesserungderverderbtenParlamentsverfassung von Neuem ins Unterhaus und verfocht die früher von ihm aufgestellten Grundsatze einer radicalen Reform. Gegen die Maßregeln, durch welche Castle- reagh (1819) aus Furcht vor Verschwörungen die Freiheit der Presse beschränkte, erhob er sich wie Andere ohne Erfolg. Er trat indeß allmälig aus der ersten Reihe der heftigen Wortführer der Volkspartei, theils weil mit vorrückendem Alter die ihm natürliche Indolenz zunahm und das jugendliche Feuer seines Ehrgeizes dampfte, theils weil das Interesse der Güteraristokratie ihm nicht fremd war, wie er besonders bei den Verhandlungen über die Korneinfuhrgesetze zeigte. Er behielt jedoch stets das Vertrauen seiner Wahler und unterließ nie, für die großen Zwecke der Whigpartei zu kämpfen. Als Canning überwiegenden Einfluß gewann, näherte er sich mit seinen politischen Freunden dem Ministerium. Er sprach seitdem besonders auch für die Rechte der Katholiken in Irland und brachte 1827 den Antrag zur Erleichterung derselben ins Parlament, indem er durch den versöhnenden Geist seiner Vorschläge die starren Gegner zu gewinnen suchte; aber obgleich von Canning unterstützt, siel sein Antrag, jedoch nur mit einer sehr geringen Mehrheit, durch. Als er 1828 seinen Antrag wiederholte und durch eine kräftige, seiner besten Zeit würdige Rede unterstützte, entschied das Unterhaus für die Nothwendigkeit, den Katholiken in Großbritannien und Irland politische Rechte zu gewähren, und dieser Sieg trug wesentlich dazu bei, die lange bestrittenen Maßregeln im nächsten Jahre zur Vollziehung zu bringen. (S. Emancipation derKatholike n.) Bei den Verhandlungen über die Parlamentsreform 1831 und 1832 stritt auch er unter der alten Fahne, sowol im Unterhause als in den zur Beförderung derselben gestifteten Volksversammlungen. Die politische Nationalunion in London erwählte ihn zu ihrem Vorsitzer; als aber in einer ihrer Verhandlungen die Aristokratie angegriffen wurde, verrieth B. abermals, daß ihm das Interesse derselben nahe lag, und verließ unmu- thig die stürmische Versammlung. Ohne sich durch gründliche Studien zu dem Berufe eines Staatsmannes vorbereitet zu haben, hat sich B., durch natürliche Anlagen unterstützt, während eines langen parlamentarischen Lebens viel Gewandtheit rr- 350 Burg Burger worben und das Talent leichter Auffassung und klarer Darstellung ausgebildet. Er ist besonders glücklich bei der Behandlung von Gegenstanden, die einer faßlichen Erläuterung fähig sind, und er erläutert sie auf eine Art, die sein Publicum empfänglich für dieselben macht. Als Redner zeichnet er sich durch belebte Einfachheit, einen einschmeichelnden Ton, einen natürlichen Nachdruck aus, und besitzt alle Eigenschaften, die ihn zu einem nützlichen Anhänger einer parlamentarischen Partei machen. Burg (Joseph Vitus), geboren am 27. Aug. 1768 zu Offenburg im G roßherzogthum Baden, trat in den Minoritenorden und wurde 1791 zum Priester geweiht, worauf er sieben Jahre Professor am Gymnasium zu Überlingen, dann Kaplan zu Owingen und Hofkaplan in der Deutsch-Ordens-Komthurei Mei- nau war. Er wurde 1801 Pfarrer zu Harten im Capitel Wiesenthal, bischöflicher Deputat, erzherzoglich östreichischer Schulcommissair, und hernach Dekan; 1869 Pfarrer zu Kappel am Rhein, bischöflicher geistlicher Rath und Commissair über den diesseit des Rheins gelegenen, ehemals strasburgischen Bisthumsantheil; 1810 badischer Dechant im Bezirksamte Ettenheim; späterhin Bischof von Rho- diopolis und Domdechant in Freiburg, wnd 1899, auf vorgängige Präsentation des Großherzogs von Hessen und erfolgte päpstliche Bestätigung, zum Antritte der Würde als Bischof von Mainz ermächtigt. In dieser letzten Eigenschaft, nach der Verfassungsurkunde des Großherzogthums Hessen, Mitglied der ersten Kammer der hessischen Landstände, trat er in dieselbe am 31. Jul. 1830. Hier sprach er gegen den Antrag der zweiten Kammer, wegen der Aufhebung des Cölibats die Verwendung der Staatsregierung nachzusuchen, und hielt eine Rede gegen deren Antrag auf Verwandlung Hmmtlicher Cult- oder Pfarrschulen in Gemeindeschulen. Beim Antritte seines Bischofamts erließ er übrigens einen sehr christlichen und annähernd in Wessenberg's Geiste abgefaßten Hirtenbrief, wie man ihn überhaupt als aufgeklärten und keineswegs den Interessen der römischen Curie unbedingt ergebenen Prälaten schildert, der auch deshalb schon Zwistigkeiten mit ihr zu bestehen hatte. Im Drucke sind mehre Predigten und Gedichte von ihm erschienen. (16) Burg er (Johann), der Heilkunde Doctor, östreichischer Regierungsrath, wurde den 5. Aug. 1773 zu Wolfsberg in Kärnthen geboren. Nach einem noth- dürftigen Schulunterrichte in seiner Vaterstadt kam er auf das Lyceum in Klagenfurt, und von da nach Wien, die Arzneikunst zu studiren. Er begab sich 1797 nach Freiburg im Breisgau, seine Studien zu vollenden, machte dann eine wissenschaftliche Reise durch die nördliche Schweiz, das Elsaß und einen großen Theil von Deutschland, und kehrte endlich in feine Vaterstadt zurück, um daselbst die Arzneikunst auszuüben. Ein Freund der Blumen, beschäftigte er sich mit der Gärtnerei und lernte dabei auch die Landwirthschafr kennen; zu deren eigentlichem Studium ward er jedoch erst durch das Lesen von Thaer's Meisterwerk über die englische Landwirrh- schaft angeregt. Er fand nun so viel Geschmack an dem Landbau, daß er ein kleines Grundstück kaufte, um ihn selbst betreiben zu können; da dieses aber zu klein war, um dabei Vortheil zu haben, so pachtete er 1804 noch mehr Land von 90 Joch (41 Magdeburger Morgen) Flächeninhalt hinzu, und bewirthschaftete dasselbe, mit seinem Besitzthum vereint, bis zu seinem Abgange von Wolfsberg.^ Jetzt trat er auch als landwirthschaftlicher Schriftsteller auf, und zwar mit einer Übersetzung von Sismondi's ,/17rb!euu de I'u^ricidture de l'escnue", die unter dem Titel: „Gemälde der toscanischen Landwirtschaft", mit Anmerkungen (Tübingen 1805) erschien. Viele Verdienste erwarb er sich um die Bekanntmachung des Exstirpators, der Pferdehacken und mehrer bessern Ackergeräthe in seiner Gegend. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er dem Mais, welchem er, um ihn in allen Beziehungen kennen zu lernen, ein mehrjähriges sorgfältiges Studium widmete. Die Frucht KS Burger 35! M., "«G . / "Z> ^!l, '"^^chÄchzKMH, -?ÄG«r«hH !kch^l»K :: !N Äill. R M MiUli '2.:Ä. A,«h 5IAW« l!.^ ^ ,r''Ä.i».' ---5zDWj ^Äi-5 ö-Ä» ? ' -< ,,»k, ' ,i»'° . »>' seiner mannichfachen Bemühungen, Forschungen, Versuche und Reisen in dieser Hinsicht ist die Schrift: „Vollständige Abhandlung über die Naturgeschichte, Cul- tur und Benutzung des Mais oder türkischen Weizens" (Wien 1808), die als Muster einer landwirthfchaftlichen Monographie gelten kann. In demselben Jahre wurde er, da man auf feine ausgezeichneten Leistungen als Landrvirth aufmerksam geworden war, zum Professor der Landwirthfchaft am Lyceum zu Klagenfurt ernannt. Seine Vorlesungen wurden aber im nächsten Jahre durch den Krieg unterbrochen, der die Franzofen in das Land zog, und die Zerstörung des Hauses, welches B. sammt den dazu gehörigen Feldern gemiethct hatte, herbeiführte. Nachdem wieder Ruhe geworden war, sah er sich, um die theoretischen Lehren in der Landwirthfchaft praktisch gehörig nachweisen zu können, genöthigt, ein Landgut zu kaufen, denn das von der Staatsverwaltung erthcilte Versprechen, zu diesem Zwecke eine Musterwirtschaft unter seine Aufsicht zu stellen, ward nicht erfüllt. Er wählte das eine halbe Stunde von Klagenfurt entfernte Gut Harbach, das zwar nur 80 Joch oder 164 Magdeburger Morgen Land hatte, aber übrigens seinen Absichten genügte. Hier widmete er sich, neben treuer Erfüllung feiner Berufspflichten, als Lehrer der Landwirthfchaft und Vieharzneikunde ausschließend dem fortgefetzten Studium und Selbstbetrieb der Landwirthfchaft, den er durch eine genaue und sorgfältige Rechnungsführung sich vorzüglich lehrreich zu machen suchte. Er schrieb in dieser Zeit mehre landwirtschaftliche Aufsätze, die in verschiedenen Zeitschriften erschienen, und außerdem noch mehre größere Abhandlungen, z. B.: „Geschichte der Entstehung und des Verlaufes der Löferdürre bei dem Schlachtvieh? der Armeen in Körnchen im Jahre 1813"; „Versuche über die Darstellung des Zuckers aus dem Safte inländischer Pflanzen" (Wien 1812); „Über die Theilung der Gemein- deweiden, eine gekrönte Preisfchrift" (Pesth 1816). Selbst die Arzneikunst ging nicht leer aus. Er mußte 1814, als die östreichifchen Truppen gegen Jllyrien und Italien vorrückten, die Direction eines Militairhofpitals übernehmen, und erhielt dadurch Gelegenheit, den Tpphus in diesen Hospitälern in seiner schauderhaftesten Gestalt kennen zu lernen. Dies veranlaßt? ihn, eine Geschichte desselben zu schreiben, die in den „Medicinischen Jahrbüchern des östreich. Staats" 1824 abgedruckt ist und besonders lehrreich für den Feldherrn und Staatsmann seyn dürste. Gleich bei dem Beginn feiner Laufbahn als Lehrer hatte er den Mangel eines seinem Zwecke vollkommen entsprechenden Lehrbuches der Landwirthfchaft empfunden, und daher den Entschluß gefaßt, einen Versuch zur Abhülfe dieses Mangels zu machen. Wir verdanken diesem Entschluß sein mit unendlichem Fleiß ausgearbeitetes „Lehrbuch der Landwirthfchaft", das in den Jahren 1819 und 1820 in Wien zum ersten Mal erschien und bis 1829 drei Auflagen erlebt hat. Dieses Werk zeichnet sich durch logische Anordnung, Gründlichkeit, Deutlichkeit, Präcision im Ausdruck. Vollständigkeit und Reichthum an zusammengestellten eignen und fremden Erfahrungen höchst vortheilhaft aus. Es eignet sich jedoch mehr zur Selbstbelehrung und zur Vervollständigung des bereits Gelernten als zu einem bloßen Leitfaden bei dem Unterricht, wozu es zu voluminös, zu reichhaltig, auch theilweife zu einseitig ist. B. wurde 1820 mit dein Range eines Gubernialrathes nach Triest gesendet, um in dem östreichifchen Küstenlande die Grundabschätzungen zum BeHufe des Steuerkatasters zu leiten. Mit schmerzlichen Gefühlen verließ er Klagen- furt, wo er 12 Jahre als Lehrer gewirkt und über 300 Schüler gebildet hatte. Sein neuer Wirkungskreis war jedoch nicht ohne Reiz für ihn, weil er ihm Gelegenheit gab, seine Kenntnisse auf mannichfaltige Weise zu erweitern. Er wurde (825 nach Grätz geschickt, um in Steiermark die Katastralabschätzungen ebenfalls einzuleiten. Bisher hatte er fein Gut in Harbach noch immer behalten, da er es aber nicht mebr selbst bewirthschaften konnte, so war dabei kein Vortheil mehr. Er verkaufte es daher im letztgenannten Jahr und kehrte 1826 nach Triest zurück, das 352 Bürgcrgarden in Deutschland Burke ihm aufgetragene Geschäft zu beendigen. Ehe er aber noch dazu gelangen konnte ward ihm 1828 ein neues übertragen, indem er nach dem lombardisch-venetiani- schen Königreiche geschickt wurde, um in Mailand die Constru'rung des alten mai- ländischen Katasters und seine gegenwärtige Einrichtung zu studiren, sowie den Gang der in den alten venetianischen Provinzen stattfindenden Katastralabschätzun- gen zu inspiciren. B. reiste demzufolge im Mai 1828 von Triest nach Venedig, von da nach Mailand und wieder zurück. Er hatte dabei Gelegenheit, das ganze lombardisch-venetianische Königreich in landwirtschaftlicher Hinsicht genau kennen zu lernen, und erstattet uns davon in einem eignen Werke: „Reise durch Oberitalien, mit vorzüglicher Rücksicht auf den gegenwärtigen Zustand der Landwirtschaft" (Wien 1831), einen vollständigen interessanten Bericht, der vorzüglich über dieWie- sencultur, den Seidenbau, die Käsebereitung und die Besteuerung in jenem gesegneten Lande genaue Auskunft gibt. Er kehrte 1829 nach Triest zurück und brachte die Schätzungen im Küstenlande 1839 endlich zu Stande. Da man seine Gegenwart bei den Verhandlungen über die Reclamationen gegen diese Schätzung nicht für nothwendig erachtete, ward er beauftragt, auch die Katastraloperationen in Niederöstreich zu Ende zu bringen, und deshalb nach Wien verfetzt, wo er sich gegenwärtig (Mai 1832) noch befindet. (44) Bürgergarden in Deutschland, s. Deutschland und Volksbewaffnung. Burke. Burken. In Großbritannien herrscht ein altes Vorurtheil gegen die Zergliederung von Leichen, ebenso hartnäckig als bei den alten Ägyptern und den Mohammedanern. Nach dem bestehenden Gesetze werden nur die Leichname Hingerichteter Mörder den anatomischen Schulen übergeben, und gerade dies hat dazu beigetragen, das Vorurtheil zu nähren. Die Vorsteher der medici- nischen Lehranstalten und junge Wundärzte konnten daher nur mit großen Schwierigkeiten Leichen zu ihren wissenschaftlichen Übungen und zu anatomischen Präparaten erhalten, und der Bedarf ward um so mehr erhöht, da man rechnet, daß in England neun Zehntheile des ärztlichen Publicums sowol innere als äußere Heilkunde ausüben, und allein nach London jährlich über 899 junge Leute kommen, um die Heilkunde zu erlernen. Von den 3—499 Leichen, die jährlich den Studirenden in London zu anatomischen Übungen geliefert werden, erhalten sie auf dem, von dem Gesetze erlaubten Wege oft kaum eine, und wenn auch zuweilen Arme bei ihrem Leben ihren Leib einem Anatomen verkaufen, so mußten doch unerlaubte Mittel versucht werden, das Bedürfnis nothdürftig zu befriedigen. Ähnliche Verhältnisse zeigten sich auf den vielbesuchten schottischen Universitäten Edoburg und Glasgow. Eine Folge davon war, daß sowol von London als von Edinburg viele junge Leute nach Paris gingen, wo die in den Hospitälern und Armenhäusern Verstorbenen den anatomischen Sälen Leichen genug liefern; eine andere Folge aber war der hohe Preis der Leichen, der in neuern Zeiten von 2 Pfund Sterling bis zu 19 und 19 Pfund stieg. Dies ward eine mächtige Lockung für die Gewinnsucht, die in den größern britischen Städten einen eignen Industriezweig hervorrief, das Gewerbe der Auferstehungsmänner (i-esiiri-ectwll-men), welche, oft mit den Todtengräbern einverstanden, die Tobten ausgraben und verkaufen. Gewöhnlich stehlen sie Tobte, die in Armenhäusern gestorben sind, wobei sie weniger Schwierigkeiten finden, da die Gräber der Reichen tiefer lind, und überdies auf jedem Kirchhose in London während der Nacht Bewaffnete sich verbergen, um die ihrer Bewachung übergebenen Grabhügel gegen Störungen zu schützen. Wird ein Auferstehungsmann ertappt, so erhebt das Kirchjpiel Klage gegen ihn, und er muß 9 — 12 Monate im Gefängnisse büßen. Nicht selten gelingt es ihnen auch, die Leichen der in Armenhäusern Verstorbenen als angebliche Verwandte in Anspruch zu nehmen. Die mit solchen Unternehmungen verbunde- tz»? , "Ml 5KK Ax>'«!«» Z?M ' cÄit'I, iSüz^ Ad z-.-' "''.T Ä KHssjxM -?.'>NM«kMßiM s» ii^ü -Ü^OwchW-ü ...is^WwWf Uk »j'l! B- ch^dil ..z,k.'^^M I» Äst!-^ O«l Burke 353 nen Beschwerden und Gefahren aber trugen dazu bei, die Preise der Leichen zu steigern. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß schon vor den, in der neuesten Zeit durch gerichtliche Untersuchung entdeckten Fällen die Gewinnsucht auch zu Mord- thaten verleitet hat, da nach glaubwürdigen Zeugnissen bereits früher unter sehr verdächtigen Umständen den Ärzten Leichen zum Verkaufe angeboten wurden, und junge Ärzte Gelegenheit fanden, sogar einzelne Glieder von frischen Leichen zu ihren Privatübungen zu kaufen. Der nachtheilige Einfluß dieser Umstände auf die Sittlichkeit und auf das ärztliche Studium gab endlich !827 Veranlassung, einen Gesetzvorschlag in das Parlament zu bringen, nach welchem die nicht von Angehörigen abgefoderten Leichen der in den Armenhäusern, Spitälern und Gefängnissen Verstorbenen an die anatomischen Säle abgegeben werden sollten, und das Einschreiteil der Gesetzgebung war um so nöthiger, da nach einer neuern Verfügung Niemand zur Ausübung der Wundarzneikunst zugelassen werden konnte, der nicht bei der Prüfung dargethan, daß er in den öffentlichen anatomischen Schulen einem doppelten Cur- sus in der praktischen Zergliederung beigewohnt habe. Man berechnete, daß von den, 1827 in sämmtlichen Armenhäusern Londons gestorbenen 3744 Personen 3103 auf öffentliche Kosten beerdigt, und darunter nur 1108 von Verwandten zu Grabe begleitet worden waren, woraus der Schluß gezogen wurde, daß durch die Annahme des Vorschlags die anatomischen Schulen in London reichlich mit Leichen versehen werden könnten. Der Gcsetzantrag enthielt jedoch eine Bedingung, welche ebenso widersinnig als dem anatomischen Studium hinderlich war, da sie bestimmte, daß die Anatomen den zergliederten Leib bei .50 Pfund Sterling Strafe begraben lassen sollten. Die Universitäten zu Edinburg und Glasgow wandten überdies gegen den Vorschlag ein, daß durch die Ausführung desselben die anatomischen Schulen in London ein für die schottischen Lehranstalten nachtheiliges Übergewicht erhalten würden, da namentlich in Edinburg die Zahl der nicht abgefoderten Leichen weit geringer als in London sei und jährlich nicht 100 betrage, weshalb wenigstens die Ausfuhr der Leichen von London und Dublin nach Edinburg und Glasgow gestattet werden müsse. Es ward ein Ausschuß des Parlaments ernannt, dessen Untersuchungen merkwürdige Thatsachen über das Leichenstehlen lieferten. (S. „Report of tlleseZectcommitteeof anutom^", 1828.) Der Antrag wurde vom Hause der Gemeinen angenommen, vom Oberhause aber verworfen. Um dieselbe Zeit bestätigten empörende Vorfälle in Edinburg die schon lange gehegte Vermuthung, daß die Seltenheit und Theurung der Leichen zu Verbrechen verleitet hatte, wie es später ähnliche Entdeckungen in London, Kinderraub und Mordthaten, gleichfalls bewiesen. Im December 1828 ward ein seit mehren Jahren in Edinburg wohnender Schuhmacher, William Burke, ein katholischer Jrländer, verhaftet und dreier Mordthaten beschuldigt, die in demselben Jahre waren begangen worden, um die Leichname an Anatomen zu verkaufen. Die im October an einer ältlichen Frau in B.'s Wohnung verübte Mordthat hatte die Polizei zur Entdeckung geführt. B.'s Nachbar, Namens Hare, ward als Mitschuldiger verhaftet. Beide leugneten; B. ward jedoch durch Zeugenaussagen der letzten Mordthat völlig überwiesen und als die Geschwornen das Schuldig ausgesprochen, zum Tode verurtheilt. Kurz vor semer Hinrichtung legte er im Gefängnisse vor obrigkeitlichen Personen ein offenes Bekenntniß seiner Schuld ab, das er wenige Tage vor seiner Hinrichtung in Gegenwart derselben Beamten und eines katholischen Geistlichen bestätigte. Es ging daraus hervor, daß seit dem Anfange des Jahres 1828 vor der entdeckten Mordthat 15 Personen erstickt und die Leichname derselben an einen Arzt in Edinburg, vi-. Knox, verkauft worden waren. Ein alter Mann, der zu Ende des Jahres 1827 in Hare's Wohnung an einer Krankheit starb, führte die Versuchung zu der langen Reihe von Verbrechen herbei. Hare, dem der Verstorbene eine kleine Summe schuldig ge- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur- 1. ^3 354 Burnouf Büsching blieben war, erbrach mit B.'s Hülfe den bereits verschlossenen Sarg, sie füllten ihn mit Gerberrinde und verkauften die Leiche an Knox, dessen Famulus dafür 7 Pfund Sterling und 10 Schilling auszahlte. Beide theilten sich in den Preis. Der erste Mord ward bald nachher an einer fremden Frau begangen welche bei Hare, der mehre Gastbetten in feiner Wohnung hielt, ein Nachtlager erhalten hatte. Als sie im Rausche lag, schlug Hare vor, sie zu ersticken, um ihren Leichnam zu verkaufen. Die Ermordete ward alsbald zu Knox gebracht, der sich über die frische Leiche freute, aber ohne weitere Erkundigungen einzuziehen. Auf ahnliche Weife wurden die übrigen ermordet; in den meisten Fallen wurde mit Berauschung der unglücklichen Opfer der Anfang gemacht, worauf Hare, indem er ihnen Mund und Nase zuhielt, sie erstickte, wahrend B. ihnen Arme und Beine festhielt. Die Ermordeten wurden in Kisten gelegt, wo sie steif und kalt genug wurden, ehe man dieselben öffnete. Der Arzt und seine Gehülst« äußerten nie Argwohn, so verdachtig auch oft die Umstände waren, und begnügten sich mit der Angabe der Verkäufer, daß sie die Leichen von Angehörigen der Verstorbenen erhalten hätten. (S. die Gerichtsverhandlungen in „Vlle -mmud ro- gistor tor 1828".) Die eigmthümliche, in B.'s Aussagen beschriebene Ermordungsart hat zu dem Ausdruck Burken Anlaß gegeben. Burnouf (Eugene), Orientalist zu Paris und Secretair der dortigen asiatischen Gesellschaft. Er beschäftigt sich vorzüglich mit dem Studium der indischen Sprachen und des Altpersifchen, und hat sich darin als einen gründlichen und umsichtigen Gelehrten bewährt. Zuerst machte er sich bekannt durch eine Schrift, welche er mit dem jetzigen Professor Lassen zu Bonn gemeinschaftlich herausgab: „Cssm snr le IKdi, nu longue suci-oo de la jmesgu'üe mi-delu du dan^e" (Paris 1828), worin er die bis dahin noch fast ganz unbekannt gewesene Palifprache, einen Zweig des Sanskrit, schildert, in welchem die heiligen Bücher der Buddhisten auf Ceylon und im birmanischen Reiche abgefaßt sind. In dem „lommd asiatigoe" lieferte B. manche interessante Aufsätze und Recensionen, z. B. über das tamulische Alphabet (April 1828); über einige geographische Benennungen im tamulischm Gebiete (October 1828); über die siamesische Sprache (September 1829), und Auszüge aus mehren Puranas. Sein wichtigstes Unternehmen ist die Herausgabe des „VVeudidud-Sude", eines Haupttheiles des „Send- /Levestu", in der Amtssprache: „Vendidud-Ludch i'un des livres de Toroustre, d'apres le m-muscilt 2end de in bikdiotllegue du roi, uvec un common- tickre, uue trudnetion uouvelle et im memoire Zur In lungue 2ende cousideree dems ses rupports nvec le snuslerit et !es aucieus idiomes de l'Kurope." Es sind acht Lieserungen des Aendtexts (Fol.) lithographckt bis Mai 1832 erschienen. Die Übersetzung und der Commentar werden nachfolgen. Eine treffliche Probe des letzten hatB. im „lom-md 3siotigue"(Mai 1829) gegeben. Mittlerweile hat auch Bopp schon in den ^Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik" manche wichtige Bemerkungen über die Amtssprache vorgetragen, da der von B. gelieferte Zendtext uns das Studium dieser Sprache jetzt möglich macht. Die nahe Verwandtschaft des Aend mit dem Sanskrit, zugleich aber auch die Selbständigkeit des Zend treten jetzt immer deutlicher hervor. B. ward 1832 zum Mitglieds der ^cudemie des iuscriptions gewählt. (39) Büsching (Johann Gustav), geb. zu Berlin dm 19. Sept. 1783, ein Sohn des rühmlichst bekannten Geographen. Er legte den ersten Grund zu seiner gelehrten Bildung in seiner Vaterstadt, wo er auch nach Beendigung seiner akademischen Laufbahn (1809) als Regnrungsreferendar angestellt ward. Seinem regen Geiste mochten jedoch die Geschäfte seines Berufs keineswegs zusagen; die Vorwelt war es, die ihn mächtig anzog, ihm allerdings auch mehr Befriedigung verhieß, und ihr wiomete er demnach seine ganze Liebe und später Ä?^d -Z:H '!>"«!!- '»-!» -z>» Vilich -?A>" '-MiWi ' «W ^5»eick«^is !« . !» c.: M'W . I '- WlWzP«' it.Bßch'M K» d'M» -»«K --'S- -V i»! >' s.'k^ ..xlM ' - ^i i i!^ er auf die Seite der Gemahlin Alfons VI, und des Infanten Don Pedro, nahm jedoch an der Thronentsetzung des Königs Alfons 1667 nicht unmittelbar Theil. —- In der neuesten Zeit stand der Herzog von C. als Staatsrath Jobanns VI, dann als Präsident der Pairskammer Don Pedros und als erster Minister des Usurpators Don Miguel in eimm ahnlichen Verhältnisse zu dem Haufe Braganza. Der Kaiser von Vrasil.än war seinem Vater (gest. 16. Marz 1826) als König von Portugal gefolgt. In dieser Eigenschaft hatte er dem Königreiche die constitutionnelle Charte vom 33. April 1826 gegeben, und durch das Decret aus Rio Janeiro vom 36. April 1826 die Wahlen zu den allgemeinen Cortes nach Vorschrift dieser Charte vorzunehmen befohlen. Er selbst ernannte, in Gemäßheit derselben Charte, die erblichen Mitglieder der Pairskammer, und unter diesen den Herzog von C. zum Präsidenten derselben. Dieser war bereits Mitglied des von dem Könige Johann VI., durch das Decret vom 6. März 1826 ernannten Regentfchaftsraths des Königreichs; der Monarch hatte seine Gemahlin von der Regentschaft ausgeschlossen und diese seiner dritten Tochter, Jsabella Maria, übertragen. Der Thronfolger Don Pedro, Kaiser von Brasilien, bestätigte die von seinem Vater eingesetzte Regentschast. Di-eses Decret und die daraus folgenden : die (Artet, ei; die Berufung der Wahlen zu den Cortes; die Ernennung der erblichen Pairs, und das wichtige Decret vom 2. Mai 1826, durch welches er unter gewissen Bedingungen der Krone von Portugal zu Gunsten seiner Tochter Maria da Gloria entsagte, brachte der britische Gesandte Charles Stuart am 7. Jul. nach Lissabon. Die Jnfantin-Regentin beschwor zuerst die Constitution am 31. Jul., dann die Glieder der Regentschaft, also auch der Herzog von C., die Minister u. s. w. Aber bald zeigte sich der Widerstand der Absolutisten: der Aufstand zum Umstürze der Constitution ward vorbereitet, und Don Miguel sollte zum absoluten Könige ausgerufen werden. Jndeß erfolgte die feierliche Eröffnung der Sitzungen der Cortes am 36. Ott., wo der Herzog von C., als Präsident der Paittkammer, rechts vom Throne saß. Nach der von der Regentin gehaltenen Eröffnungsrede begab er sich, das offene Evangelienbuch in der Hand, auf die Stufen des Thrones und empfing von der Regentin dcn Eid, den sie in Folge des 97. Art. der Charte auf die Constitution zu leisten hatte. Am 31. Ott. ernannte die Regentin, in Vollziehung des 167. Art. der Charte, die lebenslänglichen Staatsräthe, darunter auch den Herzog von C. Dieser eröffnete hierauf am I. Nov. die erste Sitzung der Pairskammer und ernannte die Secretairs derselben. Auch ward die von ihm vorgeschlagene Formel des von den Pairs auf die Charte zu leistenden Eides ohne Widerrede angenommen. Bei dieser Gelegenheit hielt der Herzog einen Vortrag, die sich aber weder durch Ideen noch durch Beredt- samkeit auszeichnete. Von dieser Zeit an wurde Portugal in den Strudel politischer Zerwürfnisse hinabgezogen. Schon längst standen zwei Parteien einander gegenüber: die der verwitweten Königin und der Absolutisten mit wilder Erbitterung, durch Spanien unterstützt, und die der Constitutionnellen, schwach und planlos, einzig auf Englands Schutz vertrauend. Beide suchten die Abwesenheit des erblichen Königs zu benutzen: jene, um sich der Regierung zu bemächtigen; diese, um sich im Besitz derselben zu erhalten. Don Miguel war damals in Wien. Der Herzog von C. galt beiden Parteien viel durch seinen Rang und Einfluß auf den Adel; allein er selbst, schwankend, ohne Kraft und entschiedenen Charakter, neigte sich allmälig von dem constitutionnellen System der Jnfantin-Regentin zu dem der Gegenpartei hin. Da jedoch jene durch talentvolle Minister und britische Unterstützung das Werk ihres Bruders behauptete, so hielt sich der Herzog in einer gewissen neutralen Ruhe und begnügte sich mit seiner Repräsentation. Er stimmte in der Kammer meistens mit der Mehrheit. Bald zeigten sich auch unter den Pairs geheime Feinde des constitutionnellen Systems, V 3.) 8 Cadaval selbst Feinde der königlichen Familie. Eine kleine Zahl von Pairs würde sogar oie Übertragung der Krone auf den Herzog von C. gern gesehen haben. Auch in der Deputirtenkammer war eine große Zahl der Mitglieder für diesen Plan, den sie aber nur als den Übergang zu einer Republik, die sie beabsichtigten, betrachteten. Unterdessen waren einige miguelistische Jnsurgentenhaufen nach Spanien gejagt worden, und an demselben Tage, an welchem der Bischof von Viseu die Sitzung der Cortes geschlossen hatte, am 23. Dec., englische Hülfstruppen in dem Hafen von Oporto angekommen. Hierauf landete am 1. Jan. 1827 in Lissabon das englische Hülfscorps unter General Clinton. Dies gab den Consti- rutionnellen wol neue Hoffnung, aber nicht mehr Muth und Kraft. Am 2. Jan. versammelten sich die ordentlichen Cortes, und ihre Sitzung wurde am 31. Mai 1327 geschlossen, ohne daß ein bedeutendes Gesetz gegeben worden war. In der Pairskammcr fehlte es zwar nicht an unterrichteten und gutgesinnten Mannern; allein jene passive Haltung des Herzogs von C. und die Einflüsse der absolutistischen Partei lähmten den Willen zu handeln. Da nun auch die kränkliche Regentin, von Intriganten umgeben und durch Pöbelunruhen geängstigt, falsche Maßregeln ergriff, so nahm die Verwirrung immer mehr überhand. Dies bewog den Kaiser Don Pedro (2. Jul. 1827), seinen Bruder Don Miguel zu seinem Stellvertreter zu ernennen. Der Infant erklärte sich dazu (19. Ott.) bereit, und die Negentin verkündigte, bei Eröffnung der Sitzung der Cortes am 2. Jan. 1828, dessen nahe Ankunft, als Regent des Königreichs. Jetzt erhob sich die Partei der Insurgenten kühner als je, und die Königin Mutter vervielfachte ihre Hülfsmittel, um die Constitution zu stürzen. Zwar schlug der Herzog von C., von den Constitutionnellcn gedrängt, den Cortes vor, eine Commission zur scharfen Untersuchung, ob Einbrüche oder Verletzungen der Constitution gewagt worden, niederzusetzen; allein es ward nichts ausgemacht, und 41 Pairs zogen sich, in Erwartung der Ereignisse, von den Sitzungen und Beschlüssen der Kammer zurück. In dieser Zeit scheint sich auch der Herzog von C. der Partei der verwitweten Königin mehr genähert zu haben. Als nämlich Don Miguel am 22. Febr. 1828 in Lissabon gelandet war und am 26. vor den versammelten Cortes den Eid auf die eonftitutionnelle Charte abgelegt hatte, stellte der nunmehrige Regent, zur großen Zufriedenheit seiner Mutter, auf deren dringende Empfehlung, den Herzog von C. an die Spitze seines Ministeriums. Nun sah man bald, daß der Herzog der apostolischen Partei anhing. Er folgte ganz der Leitung des fanatischen Paters Joze Agostinho Macedo, und bewog sogar den Regenten, der über seine Eidesleistung aufgebrachten Königin vorzulügen: er habe nicht ordentlich auf das Evangelium geschworen und sei also an Don Pedros Charte gar nicht gebunden! Damit begann die Willkür der Neaction. Die Cortes wurden aufgelöst, alle constitutionnell gesinnte Beamte abgesetzt, und Unterschriften für Don Miguel als absoluten König gesammelt. Das bei dem Herzoge von C. für den Adel eröffnete Register erhielt zahlreiche Unterschriften. Hieraufberief der Regent (3. Mai) die drei Stände des Reichs zum 2. Jun. nach Lissabon, damit sie in dieser Angelegenheit entschieden, was Rechtens sei. Am 23. Jum ward die Versammlung eröffnet. Der Prinz-Regent bestieg den Thron, der Perzog von C. versah das Amt des Connetable, und der Bischof von Viseu schlug den Cortes vor, den Infanten als gesetzlichen Beherrscher der portugiesischen Monarchie zu erklären. Dies geschah. Seitdem begann der Terrorismus des treuloicn und grausamen Don Miguel sein blutiges Regiment. (S. Portugal.) C. blieb in seiner passiven Stellung an der Spitze des Ministeriums, um in neuen Verwickelungen wiederum hin und herzu schwanken. Als nämlich der Usurpator am Ende des Jahres 1828 in Folge einer gefährlichen Verletzung mehre Wochen lang unfähig war, sich mit Staatssachen zu beschäftigen, führte seine Mut- ! °'IG, auJ' )' ^ ZV' ^>l ud... ^tz.',i ' >, - ' ^ü til -S '«A Ät§ '.^ ' "Ä de- .. W ""^-^WkOzN '-^ÄSWtt» -?WNSKD/ j W Mlj Äi Dxl ^ tÄ.Ul!iich«w ! M.MwÄO^ ,iMchm5, l : Mz. WkOch c ZÄtZ^ >W SJ^ HEL! SX >8 ?^W> I.- Ü'^ >^>!^ in p '.M '^5- Caittiaud 359 ter die Regierung. Sie soll damals auf den Fall des Todes des Infanten mit ihren Getreuen, unter denen jetzt der von Miguel beleidigte Marquis von Charz es (s.d.) ihr Vertrauen besaß, den Plan entworfen haben, den Infanten Don Sebastian aus Spanien zu berufen, um ihn zum Nachfolger Don Miguels zu ernennen, sich selbst aber zur Regentin des Reichs zu proclamiren. Dagegen erhob sich eine mächtige Partei, an deren Spitze der Herzog von C. sich befand, geleitet von dem Grafen Lafoens und dem Marquis von Taueos, welche den Vorschlag unterstützten, daß im Falle der NichtWiederherstellung Miguels die Jn- fantin Jsabella Maria als Regcntin im Namen der Königin Donna Maria anerkannt werden sollte. Allein der Usurpator genas, und C. schloß sich jetzt an den Kriegsminifter an, welcher die königlichen Freiwilligen, als die Stütze des absoluten Thrones, zur Unterdrückung jedes Versuchs, die Constitution herzustellen, wozu die Linientcuppen sehr geneigt zu sein schienen, vermehren und ausrüsten wollte. Um das Volk gegen die constitutionnell gesinnten Offiziere zu fanatisiren, wirkte vorzüglich C.'s Vertrauter, der Pater Macedo. Dadurch ward der vom General Moreiro geleitete Plan einer Contrerevolution vereitelt, und die Hinrichtung dieses Generals und seiner Mitverschworenen (6. März 1829) befestigte den wankenden Thron des Tyrannen. Jetzt herrschte aber, unter Miguels Namen, eigentlich die apostolische Partei, an deren Spitze die Königin stand, die wiederum von dem alten, stets die heftigsten Maßregeln fördernden, vierundachtzigjährigen Minister des Innern, Leitao Grafen von Bastos, geleitet wurde. Endlich schien die Partei der Gemäßigten sich dem Terrorismus der Apostolischen widersetzen zu wollen; zu ihr gehörte der größere Theil des Adels, an dessen Spitze, seiner Geburt nach, der Herzog von C. zu stehen schien; allein die Apostolischen triumphirten, und selbst nach dem Tode der alten Königin (6. Jan. 1830) dauerte das Schreckenssystem fort. Der Herzog von C. wurde dadurch dem Usurpator verdächtig und trat zun Ende des Jahres in den Hintergrund. Dagegen leitete nunmehr der alte Minister Bastos mit eiserner Hand das Innere, und der Vicomte de Santarcm mit vieler Klugheit die auswärtigen Angelegenheiten. Den Herzog von C. und sein ohnmächtiges Leben bedeckt jetzt derselbe schwarze Schleier, der Portugals neueste Geschichte verhüllt. (7) Cailliaud (Frederic), wurde 1787 zu Nantes geboren, kam 1809 nach Paris, wo er Mineralogie studirte, durchreiste dann Holland, Italien, Sicilien und einen Theil von Griechenland, Kleinasien und der europäischen Türkei, ging 1815 nach Konstantinopel und im Mai desselben Jahres nach Ägypten. Nachdem er in Gesellschaft Drovetti's bis zum Wasserfall Wady Halfah in Nubien vorgedrungen, erhielt er auf des Consuls Empfehlung vom Pascha Mohammed Ali den Auftrag, die Wüsten zu beiden Seiten des Stromes zu bereisen, um Minen zu entdecken. C. begab sich nun von Edfu in Oberägypten nach dem rothen Meere, entdeckte unterwegs einen ägyptischen Tempel und endlich sieben Stunden von der See ungeheure Steinbrüche, aus welchen die Alten Smaragde gegraben hatten; noch waren in den 400 Fuß tiefen Schachten die antiken Arbeitswerk- zeuge zu sehen. Dem Pascha von Ägypten sowol als dem pariser Museum war diese Entdeckung von großem Nutzen. Auf seiner weitern Reise fand C. den alten Handelsweg von Koptos nach Berenice wieder; darauf besuchte er im Inn. 13 78 die schon von Browne und Hornemann gesehene große Oasis, wo er die Trümmer von sieben griechisch-ägyptischen Tempeln entdeckte und einige merkwürdige griechische Inschriften abschrieb, unter andern zwei Decrete aus der Römerzeit, voll neuer Andeutungen über die altägyptische Staatsverwaltung. Nach Frankreich zurückgekehrt, machte er die Ergebnisse seiner vierjährigen ägyptischen Reise bekannt. Die günstige Aufnahme, welche sein handschristliches Werk bei der Akademie fand, ermuthigte ihü, eine zweite Reise nach dem Orient zu unternehmen, M v, MI 360 Caillie die er am 7. Sept. 1819 antrat. Er drang unter dem Geleite einiger Bewaffneten nach der Oasis von Sywah und dem Ammonstcmpel vor, bestimmte dessen geographische Breite und zeichnete den Grundriß des Denkmals. Auf einer andern Reise, nach Elwah, untersuchte er römische Kunstreste, besuchte dann die Oasis Falafre, die noch von keinem europaischen Reisenden durchforscht war, und kehrte über Dakel und Charg nach Ägypten zurück. Der Pascha ließ ihm nicht Zeit, die gesammelten Naturalien- und Kunstschatze zu ordnen und die ausgezeichneten Notizen zu überarbeiten. Er hoffte, daß ihm E. noch andere Smaragdgruben und besonders Goldminen entdecken werde, und schickte ihn daher 1821 mit seinem Sohne Ismail nach Nubien. So bot, wie dies im Alterthum und in neuerer Zeit oft vorkam, wie noch spater bei Denham's Reise, ein Feldzug dem Europaer Gelegenheit, unerforschte Gegenden zu durchwandern. Der Vorganger C.'s, der Deutsche Gau, war nur bis Wadi Halfa an dem zweiten Wasserfall vorgedrungen, und Kobbe in Dar-Fur unter 16 °N. B. ist der südlichste Punkt, bis wohin der Englander Browne 1793 vordrang; Bruce gelangte bis zu 131°. C. dagegen erreichte den zehnten Grad, und beschützt durch das Heer des Paschas, konnte er inmitten einer rohen Bevölkerung seinen gelehrten Zwecken ungestört nachgehen, astronomische Beobachtungen anstellen, die Richtung der Wege, die Entfernungen bemerken, die Landschaften und Denkmaler zeichnen, und so mußten denn die Forschungen dieses Gelehrten von hoher Wichtigkeit für die Erdkunde, die Kunst und die Kenntniß des Altcrthums werden. Nach vierjähriger Abwesenheit am 19. Dec. 1822 wieder in Frankreich angelangt, ließ sich C. in Paris nieder, und ordnete eine Sammlung von mehr als 599 aufgefundenen Gegenständen, welche dann in die öffentlichen Museen kamen. Eine von C. mitgebrachte Mumie, welche neben Hieroglyphen eine griechische Ubersetzung trägt, soll Ehampollion von großem Nutzen bei seiner Forschung über die phonetischen Zeichen der alten Ägypter gewesen sein. C.'s großes Werk führt den Titel: „V<>)'ÄAe ü lVle- i et uil tleiive lilune -uu-clelü cke l'usutsi dems !e midi du rn^uuine de Leunäi- u 8vuuidi et dun.'? eine; untre5 nusis, üiit pendunt 1e8 nnnees 1819, 1329, 1821 et 1822" (4 Bde., Paris 1823 fg., Fol.). Es bildet, wie die'Werke des Deutschen Gau, eine Fortsetzung der vom ägyptischen Institute herausgegebenen „Des- eriptinn de i'L^pte". In diesem Augenblicke gibt C. ein „llecueil de mmm- inents I elcdils uux inoeurs et uux usu^es de I'LFvpte" (2 Bde., 4.) heraus. Er ist Conscrvator des naturhistorischen Museums in Nantes. (15) Caillie /Rene), aus dem westlichen Küstenlande gebürtig, schiffte sich in seinem sechzehnten Jahre mit einem französischen Schiffe, welches 1816 eine Gesellschaft von Reiselustigen nach dem Senegal begleiten sollte, wo sie eine Colonie anzulegen gedachten, nach Afrika ein. Die Gesellschaft litt Schiffbruch und ward unsäglichem Elende ausgesetzt; das sie begleitende Schiff kam indessen ohne andere widrige Zufäll-e in der französischen Besitzung am Senegal an. E., den die Lust nach Abenteuern anwandelte, schloß sich der Gesellschaft des englischen Majors Gray an, welche ins Innere Afrikas eindringen wollte; da diese aber bald ein unglückliches Ende nahm, kam er wieder nach dem Senegal zurück, vcrmuth- lich in der Absicht, selbst eine Entdeckungsreise zu unternehmen, falls er die Mittel dazu bekommen könnte. Baron Royer, Gouverneur am Senegal, verschaffte iom einige Waaren; mit diesen begab sich C. 1824 zu den Braknas, einem maurischen Volke, nicht allein um etwas zu gewinnen, sondern auch sich mit der Sprache und den Gebräuchen der Mauren vertraut zu machen. Ungefähr zwei Jahre nachher erschien er wieder am Senegal und hatte einige tausend Francs gewonnen. Baron Royer zeigte ihm das Programm der pariser geographischen Gesellschaft, welche dem ersten Reisenden, der Timbuktu erreichen würde, einen ansehnlichen Preis versprach. E. entschloß sich, diesen Preis zu verdic- W '-^Rch^ ^Wki -!^>»»» »W -'">'7Ä'/ffWzI .-.: ÄkMisw . H.^illA lÄtÄ. 'ÄÄt^W^ ktkMMW N'K.WiitMÄ»-' .^issk-ich^ .-»..ZiU^ ---'23-^ "f hA'' ,. Äl!!^ ^ >^ > 'AK v 4^'"" Cailliv 3(i neu. Er versah sich mit neuen Waaren und trat den 22. Marz 1827 von Sierra Leone die Reise zuerst nach Kakontt) an: Nunezflussc an. Er hatte die nöthigen Erkundigungen eingezogen und gebrauchte die Vorsicht, sich überall für einen in Ägypten geborenen Araber auszugeben, den die Franzosen in seiner Kindheit von dorther mitgenommen hätten, und der nun, von seinem Herrn in Freiheit gesetzt und nach dem Senegal geführt, in sein Vaterland zurückkehren und seine alterliche Religion ausüben wolle. Ein französischer Handelsmann hatte ihn an einige Kaufleute vom Mandingostamm empfohlen. Diese traf er auch zu Kakondy an und begab sich mit ihrer Karavane zum Nigerflufse. Er zog mit derselben durch die Gebirge von Senegambien und Futadjallon, durch die Länder Kankan, Nassoalo und andere, und langte ohne Unfall zu Time, einem Dorfe der Man- dingoneger, im südlichen Vambara an. Hier siel er in eine schwere Krankheit und mußte fünf Monate daselbst verweilen. Auf seiner ganzen Reise konnte er nur vcrstohlencrweisc seine Bemerkungen aufzeichnen. Am 9. Januar 1828 setzte er seine Reise fort, besuchte die Insel und Stadt Ienne und schiffte sich hier auf dem Nigerflufse in einen: nach Timbuktu bestimmten Schiffe ein. Die Fahrt ging langsam vor sich, und erst nach Verlauf eines Monats erreichte er das Ziel seiner Wünsche. Zu Timbuktu hielt er sich nur 1.4 Tage auf und benutzte diese, um so viel Ausschlüsse als möglich über die Lage uno den Handel der großen Kaufstadt zu sammeln. Seine Maaren hatte er abgesetzt und das dadurch gewonnene Geld war meistens aufgegangen; er mußte sich von nun an mit Betteln durchhelfen. Er wandte sich nördlich nach El-Arawan, fünfTagreisen von Timbuktu, und von da über den Brunnen von Teligue in die nordwestliche große Wüste von Sahara. Er wanderte mit Karavanen zwei Monate lang in dieser brennenden Sandebene und gelangte endlich wieder in die bewohnten maroccanischen Länder Tafsi- üt, Fez, Mequinez; von da begab er sich nach Tanger, wo der französische Vice- consul Delaporte eines Tages m'cht wenig erstaunt war, als ihn ein vermeintlicher wandernder Derwisch mit einem schmutzigen ledernen Sacke auf dem Rücken und in lumpigen Kleidern französisch ansprach und sich als einen von Timbuktu kommenden französischen Reisenden, von dein man übrigens nirgends das Geringringsie wußte, zu erkennen gab. Delaporte verschaffte ihm im September 1828 eine freie Uberfahrt auf einem nach Toulon segelnden französischen Schiffe und meldete die sonderbare Erscheinung an die geographische Gesellschaft in Paris. Hier erstaunte man nicht wenig, daß einem Reisenden ohne Ruf, ohne Unterstützung ein Unternehmen, worin so viele angesehene englische Reisende, aller Hülfe und Unterstützung ungeachtet, gescheitert waren, so wohl gelungen war. Man sandte ihm sogleich Geld nach Toulon, und bald kam er in Paris an und bestätigte mündlich die bereits verbreitete Sage seiner Reise. In einer öffentlichen Sitzung der Gesellschaft ward ihm der ausgesetzte Preis zuerkannt. Die Regierung gab ihm das Kreuz der Ehrenlegion und ließ ihn: noch sonstige Hülfe angedeihen. Seine zerstreuten Bemerkungen übergab er dem bekannten Geographen Jomard, welcher sie in Ordnung brachte und mit eignen beträchtlichen Anmerkungen unter dem Tittl: „MurnA ü'im ü 'lemdouctou et ü .mime <1ans j'R'riepae centrale etc." (Paris 1832), in 8 Bänden mit einer Reisekarte herausgab. C. ist ein Reisender ohne Vorkenntnisse, ohne Phantasie, ohne Gelehrsamkeit, aber auch ohne Vomrtheil und vorgefaßte Meinungen. Er hat schlicht und einfach aufgezeichnet, was er gesehen, oder von Andern vernommen hat, obne allen Schmuck und eigne Zuthat. Ein gelebrter Beobachter würde gewiß die weite und schwierige Reise besser benutzt und einen reichhaltigen: Schatz von Ausschlüssen mitgebracht, auch eine weit anziehendere Beschreibung seiner Reise geliefert haben. Bei der großen Lesewelt erregte seine Neisebeschreibung wenig Aussehen; die Gelehrten fanden darin aber Manches bestätigt oder berich- 362 Calomarde tigt; Einiges blieb ihnen jedoch noch zweifelhaft. In England wurden Zweifel gegen die Echtheit dieser Reise erhoben. Im „Huarterl? review" erschien ein sehr heftiger Aufsatz, worin weder C. noch Jomard geschont wurde, und der zum Zweck hatte, einiger Widersprüche und falschen Nachrichten wegen die ganze Reise als eine französische Erfindung verdachtig zu machen. C. vertheidigtc sich selbst im „Nomteur" und ward auch von französischen Gelehrten gegen diese ungegründeten Angriffe in Schutz genommen. Man hatte den Wunsch geäußert, C. möchte mit Unterstützung der Regierung eine zweite Reise ins Innere Afrikas unternehmen; aber wahrscheinlich sah man ein, daß er nicht hinlängliche wissenschaftliche Bildung besäße, um der Erdkunde große Resultate aus diesem gewagten Unternehmen zu verschassen, und so ist es unterblieben. C. ist bisher der einzige Franzose, welcher zu Timbuktu gewesen und glücklich von5 dort zurückgekommen ist. ' (25) Calomarde, eigentlich Calomarda (Don Francisco Tadeo), spanischer Justizminister. Dieser Staatsmann, die Seele der Politik Spaniens seit der Restauration des Absolutismus, hat sich bei vielfachem Wechsel der Minister in den übrigen Departements, vom Anfange des Jahres 1824 an bis jetzt (Ende Mai 1832) nebst dem Finanzminister Ballesteros allein behauptet: ein Beweis, daß er klug und fest genug ist, um die mächtige apostolische Partei für den Thron Zugewinnen, ohne ihr zu viel Gewalt einzuräumen, daß er ferner den Charakter des einflußreichsten Theiles derNation genau kennt, um den Gang der Regierung im Geiste desselben zu leiten, indem er zugleich den Einfluß der Camarilla ebensowol zu benutzen als auch zu beschränken versteht. Hierdurch hat er sich dem Könige Ferdinand Vll. gewissermaßen unentbehrlich gemacht. Bekanntlich wurde in Spanien durch das königliche Decret vom 19. Nov. 1823 ein Ministerrath errichtet, welcher alle Angelegenheiten von allgemeinem Interesse verhandelt, in welchem jeder Minister über die Gegenstände seines besondern Departements berichtet, der König aber die Entscheidung selbst ausspricht, die sammt den Beweggründen in ein Protokoll eingetragen wird. Wenn der König dem Ministerrathe nicht in Person beiwohnt, so führt der erste Staatssecretair in demselben den Vorsitz, dem Justizminister ist die Führung des Protokolls übergeben. Damals wurde Don Victor Saez zum ersten Staatssecretair, und Don Garcia de la Torre zum Justizminister ernannt. Aber schon am 2. Dec. 1823 trat der Marquis von Casa-Jrujo an die Stelle des Don Victor Saez, als erster Staatssecretair und Minister des Auswärtigen; Don Heredia, Graf von Ofalia, wurde Staatssecretair der Gnaden und Gerechtigkeit, oder Justizminister, und Ballesteros (s. d.) Finanzminifter. Gleichzeitig wurde der Staatsrath wiederhergestellt, zu dessen Mitgliedern auch die Minister gehören. Dieses Ministerium erklärte am folgenden Tage (3. Dec.) einmüthig, daß die Anleihen der Cortes nicht anerkannt werden könnten; mithin hat C. an diesem Beschlüsse keinen Antheil. Nach dem Tode des Marquis von Casa- Jrujo (18. Jan. 1824) trat an dessen Stelle Don Heredia, und diesen ersetzte vorläufig Don Tadeo Calomarde, bisher Secretair beim hohen Rache von Casti- lien, im Justizministerium. Don Tadeo war ein vertrauter Freund Lardizabal's, den der König nach seiner Rückkehr aus Frankreich zum Minister von Indien ernannt hatte. C. erhielt damals die Stelle seines ersten Secretairs. Als der ehrgeizige Lardizabal abgesetzt und nach Biscaya verwiesen wurde, wo er starb, mußte ,auch C. sich nach Pampeluna entfernen. Jetzt verschaffte ihm, als Justizminister, seine in dem Secretariat des hohen Raths von Castilien erlangte Geschäftskennt- niß einen bedeutenden Einfluß. Bei der Verhandlung über die zu erlaffende Amnestie trat er, als entschiedener Absoluta st, sofort mit dem gemäßigten Heredia, Grafen von Ofalia, in Opposition; bald erregte auch der Secretair des Staatsraths, Don Antonio Ugarte (s. Bd. 11), der anfangs gegen Ofalia an ihn sich ange- stA ^b,» ?"«?»,,/- '^ch5S!°! '"^ ^!>izi>W M)>'rch.',M.«, «chmDW ''MÄWS«ftss ü?. ZA UPiHl isl^ c AyMrÄiZMNP zMMum«. Bü fchMMÄAÜt^!! MWWdtzHb 2 ^.WirO^iiW! >. W' n KßWMst. -"'2 >?. ,,<Ä-'.O 'd-??L»» s-^-?-M Ndil^ ,,' '' I z«!^ ,j ^ c^-"' Calomarde 363 schlössen hatte und jetzt in der Gunst des Königs sehr gestiegen war, seine Ei- ittsuckk. C. verband sich daher mit der Partei der Apostolischen, zu welcher die einflußreichsten Mitglieder des Ruthes von (Kastilien gehörten, ohne jedoch die gefährlichen Entwürfe der apostolischen Junta zu unterstützen; seitdem herrschte -n der Verwaltung der Justiz das strenge System des Absolutismus mit conse- quenter, spanisch-nationaler Härte vor. Diese zeigte sich unter Anderm bei dem so- "iAt genannten Purisicationsverfahren, und in der Handhabung des seit 1823 eingeführten Polizcisystems. Hierdurch führten Polizcisystems. Hierdurch gelangte C. allmälig an die Spitze der Partei, welche dem ersten Minister entgegenwirkte. Ugarte verfolgte seinerseits an der Spitze der Eamarilla denselben Zweck. Endlich entschied das in Aran- juez, wo sich von allen Ministern nur Ofalia und C. in dem Gefolge des Königs befanden, entworfene und von Ofalia unterstützte Amnestiedecret vom 1. Mai 1824 den Sturz der gemäßigten Partei. Nach langem Streite über dessen Publicicung und Anwendung sank der Credit des Grafen von Ofalia bei dem Könige, sodaß dieser, als der König Anfangs Jul. 1824 in die Bäder von Sace- don ging, in Madrid zurückbleiben mußte, C. aber den König dahin begleitete. Von diesem unterzeichnet, erschien am 5. Jul. ein königl. Decret, durch welches die Processe gegen Diejenigen, welche aus Haß gegen die vorgebliche constitution- n. ile Regierung sich Gewalttätigkeiten erlaubt hatten, niedergeschlagen, die Verhafteten in Freiheit gefetzt und der auf ihre Güter gelegte Beschlag aufgehoben wurde. Nun sollte selbst der General Capape, welcher Karl V. (den Infanten Don Carlos, f. d.) in Aragonien proclamirt hatte, seine Freiheit erhalten. Bald nachher (1.1. Jul.) ward dem Grafen von Ofalia das Staatsministerium genommen; doch schrieb man seine Entlassung weniger C. als vorzüglich Ugarte zu. Seine Stelle erhielt durch Ugarte's Einfluß Zea (f. Bd. 12), spanischer Gesandter in London, der diesen hohen Posten im Sept. 1824 antrat. Allein die Carlistas und C. warm ihm entgegen; zuletzt auch Ugarte, der sich wieder C. näherte, und die Eamarilla. Zea gehörte nämlich -in den Augen der Abfolutisten zu der Partei der Gemäßigten. Zwar wurde Ugarte vom Hofe entfernt; auch gab Zea zu dem sirengen Verfahren gegen die Freimaurer, welche am 9. Sept. 1825 zu Granada hingerichtet wurden, seine Zustimmung; allein die Hofpartei bewirkte dennoch seine Entlassung (25. Ott. 1825). Nun trat der Herzog von Jnfantado an Zea's Stelle, der aber ebenfalls im Oct. 1826 entlassen wurde, und Salinen interimistisch in der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten zum Nachfolger hatte, bis nach dessen Tode am 10. Jan. 1832 der Graf von Alcudia als erster Staatsfecretair von Genua her, wo er sich aufhielt, in das Ministerium berufen wurde. Während dieser Veränderungen behauptete sich C. fortwahrend auf feinem Posten und in dem Vertrauen des Königs, weil er klug genug war, nie selbst an die Spitze treten zu wollen, fondern auf die Apostolischen und die Eamarilla gestützt, dennoch seine Selbständigkeit und feine Treue gegen den König trotz der Anmaßungen der Carlistas zu bewähren verstand. Nach Sal- mon's Tode leitete er eine Zeitlang die auswärtigen Angelegenheiten ; allein der französischen Sprache nicht mächtig, konnte er mit dem diplomatischen Corps nicht verhandeln, daber räumte er dein Grafen von Alcudia (13. Febr..1832) diesen hohen Posten ein und zog sich in sein Justizministerium zurück, das er noch gegenwärtig verwaltet; zufrieden, daß er eigentlich das ganze Ministerium leitet, indem der Minister der auswärtigen Angelegenheiten bisher nur dem Range nach die erste Stelle einnahm. C 'S Verwaltungspolitik ist nicht unbedingt apostolisch, wol aber unbedingt absolut monarchisch zu nennen. In diesem Sinne hat er, um Recht und Ordnung zu befestigen, selbst die Leidenschaften der anticonstitution- ncllcn Partei zu zügeln verstanden. Dies bewiesen unter Anderm zwei Rundschreiben, die er am 26. Sept. 1825 erließ. Jza dem einen empfahl er den Prälaten und 364 Calomarde Geistlichen, statt Haß und Zwietracht zu unterhalten, von der Kanzel nur Werte der Versöhnung und des Friedens hören zu lassen. In dem zweiten befahl er den Obergerichten, alle Proceduren wegen politischer Verbrechen einzustellen und die deshalb Angeklagten in Freiheit zu setzen. Dagegen wurden wichtige Decrete, die eigentlich von dem Ministerium der Justiz ausgingen, wenn sie die Interessen vieler Betheiligten verletzten, von dem Staatsrathe zuvor begutachtet, und dann von dem Könige in seinem vollen Raths gegeben ; so z. B. das auffallende Decret vom 16. Jan. 1826, welches alle wahrend der Constitutionszeit erfolgte Loskaufe der regelmäßigen Orden ungehörigen Kirchenzinsen für ungültig erklärte, und die Zins- Pflichtigen zur Nachzahlung aller verfallenen oder noch rückständigen Censussum- men verurtheilte! Alle Klagen der Grundbesitzer richteten sich gegen den Staatsrath, nicht gegen den Minister. Nur die Apostolischen griffen ihn, den Günstling des Königs, unmittelbar an. Er sei, sagten sie, den alten geheimen Gesellschaften ergeben. Der wahre Grund ihres Hasses aber war E.'s selbständige Stellung und seine Festigkeit, durch die er ihre kühnen earlistischen Entwürfe vereitelte. Dennoch brachten sie es wirklich dahin, daß der König ihn am 10. Sept. 1827 entließ, und das Ministerium der Gnaden und der Justiz dem Secminisier Salazar provisorisch übertrug. Allein diese Ungnade dauerte nur einige Stunden; denn noch an demselben Tage nahm der König, auf die Bitte des Don Carlos, seiner Gemahlin, der Prinzessin von Veira, und seines Beichtvaters, das Entlassungsdecret wieder zurück. Als bald nachher (am 22. Sept.) der König selbst, tun die Ursachen der Unruhen in Catalonien, wo die Carlisten (Agraviados genannt) eine „römische Centralregierungsjunta" zu Manresa errichtet hatten, zu untersuchen, nach Catalonien sich begab, war E. der einzige Minister, der ihn begleitete, und die übrigen Minister wurden angewiesen, ihre Berichte an ihn einzuschicken. Der von dem Könige zu Tarragona am 28. Sept. 1827 an die Insurgenten erlassene, von C. gegengezeichnete 'Aufruf und die kräftigen Maßregeln des Generals Grasin Espana trugen bekanntlich zur schnellen Unterdrückung des Aufstandes viel bei; C. erhielt daher am 30. Nov. Befehl, in allen Kirchen des Königreichs ein Tedeum singen zu lassen. Seitdem besaß er fortwahrend das Vertrauen des Königs. Die Verschwörung der Agraviados war jedoch so weit verzweigt, daß C. nunmehr selbst, seiner früher geäußerten Meinung entgegen, eine allgemeine 'Amnestie zu erlassen empfahl; auch dauerten die Ausbrüche der Unzufriedenheit der Absolutismen in mehren Provinzen fort. Der König selbst ward auf seiner Rückreise von Barcelona (im April 1828) in Saragossa von keinem Volksjubel begrüßt, und dem Minister E. ward sogar ein Pereat gebracht. Den:? der von Mönche?? ff- natisirte Pöbel konnte es ihm nicht vergeben, daß er den Aufrührern die Wiederherstellung der Inquisition zu bewilligen widerrathen hatte. Eine Stütze des absoluten Throns im Volke waren die königlichen Freiwilligen, die aber, durch Begünstigungen übcrmüthig geworden, viele Ausschweifungen begingen. Weil sie nun auch doppelt so viel kosteten als das übrige Heer, so verlangte der Kriegsminister die Aushebung derselben. Hierüber entstanden im Ministerrathe vielfache Reibungen; C. setzte jedoch seine Ansicht von ihrer Unentbehrlichkeit durch. Jndeß beabsichtigte er selbst auch manche nöthige Reform, vorzüglich in der Beamtenwelt, wo Unordnungen aller Art eingerissen waren, und in der Organisation Kr Gerichtshöfe. Eine Commission sollte ein neues peinliches Gesetzbuch ausarbeiten, und ein neues Handelsgesetzbuch ward 1820 vollendet. Die Straff usli; war und blieb jedoch in? Allgemeinen furchtbar, besonders in den Provinze??, wo die Militairgewalt politische Verbrecher vor ihren Richterstuhl zog, und C. ließ es geschehen, daß in Catalonien der General Espaua die Constitutionnellen (Josesinos, Freimaurer, Negros) unter dem Vorwande, sie hätten den Aufstand der 'Agraviados verschuldet oder befördert, willkürlich proftribirte, die Liberalen einkerkerte und die Flüchtigen (unter »z, »Z-A» M?°», i. Camarilla 365 ."! ?.^ W ».! " K,, ^ U! -diLKwm .-A ^.WÄÄ, ittÄ).M»iM ',^ z 'L ltiil ü>^ Andern den siebzigjährigen General Milans) aus Frankreich durch Lift nach Spanien lockte, um sie vor-ein Blutgericht zu stellen. So bewachte der Terrorismus den Thron des katholischen Monarchen; allein dem Straßenraube, der in ganz Spanien die Wege unsicher machte und der Frechheit der Diebe in Madrid konnte nicht gesteuert werden; am wenigsten durch die Verfügung vom 21. Jan. 1830, welche den übermüthigen Banden der königlichen Freiwilligen für jeden eingelieferten Verbrecher eine Unze Golo bewilligte. Auch zu der Abschaffung des salischen Gesetzes, welches bisher die Jnfantinnen von der Thronfolge ausschloß (31. Marz 1830), hat C. mitgewirkt, dadurch aber der apostolischen Partei sich aufs Neue ausfällig gemacht. Da er jedoch mehr der Vollzieher des königlichen Willens ist, und sein Einfluß auf die Beschlüsse des Staatsraths wenigstens sichtbar nicht hervortritt, so kann wegen Alles, was ein Justizminister in Spanien thut oder nicht thut, von. unmittelbarer Verantwortlichkeit nicht die Rede sein. Genug, die innere, von Parteien und Räubern gestö.rte Ruhe, sowie die äußere, von Landungen der Eonstitutionnellen bedrohte Sicherheit des Staats laßt eine feste und geordnete Rechtspflege nicht aufkommen; die Amnestie wird daher in C.'s Gnadenministerium von einer Zeit zur andern verschoben, und die Militairgewalt durchkreuzt den Gang der Polizei und der Gerechtigkeit. Die am Geburtstage der Königin (2'7. April 1832) decretirte Milderung der Galgenstrafe für Bürgerliche, die nicht mehr gehangt, sondern (wie bisher blos die Adeligen) erdrosselt werden sollen, ist der jüngste Act von C.'s Ministerium der Gnaden und Justiz! Bei Gelegenheit der Vermählung des Infanten Don Sebastian mit der neapolitanischen Prinzessin im März 1832 erhielt der Minister C. von dem Könige von Neapel den Herzogstitel. Da der Minister seinen bürgerlichen Namen nicht andern wollte, so wird er sich nun Herzog von Calomarde nennen, und wahrscheinlich von seinem Monarchen in Kurzem zum Grande von Spanien erhoben werden. (7) Camarilla. Dieses Wort ist in neuem Zeiten auch außer Spanien, wo es zuerst gebraucht wurde, häusig zur Bezeichnung eines die Wirksamkeit der verfassungsmäßigen Organe der Staatsverwaltung beschränkenden oder hemmenden geheimen Einflusses in Anwendung gekommen. Als Ferdinand VII. 1814 nach Spanien zurückkehrte, drängten sich Schmeichler um ihn, welche, von Eigennutz oder Vorurtheilen geleitet, die von ihm eingesetzten höchsten Staatsbeamten anfeindeten und ihn abhielten von der Erfüllung des wenige Tage nach feinem Einzüge in Madrid ertheilten feierlichen Versprechens, dein Volke, im Einverstandnisse mit den Cortes, eine zeitgemäße Verfassung zu geben. Sie gehörten zu dem für des Königs persönlichen Dienst bestimmten Hofstaate, und wurden entweder von dem Gemach in der Nähe der königlichen Zimmer, wo sie die Befehle ihres Gebieters erwarteten, oder mit spottender Anspielung auf den Rath von Castilien (si'mnuru cie (lustillu), der nach der alten Verfassung eine Regierungsbehörde war, tAinariüu (Kammerchen) genannt. Die Günstlinge, die bald entscheidenden Einfluß auf die öffentlichen Angelegenheiten gewannen, bestanden bis zur Revolution von 1820, die ihre Macht auf kurze Zeit erschütterte, meist aus Menschen ohne Verdienst und Talent, die leidenschaftlich verblendet, den Einflüssen auswärtiger Politik unterworfen waren, von einheimischen Absolutisten unterstützt wurden, der Neigung des Königs zu unbeschrankter Herrschaft schmeichelten und seinen Leidenschaften dienten. Als der König 1823 seine Gewalt wiedererlangt hatte, konnten sie ihren Einfluß von Neuem geltend machen, und sie haben seitdem fortgefahren, die Minister, die abwechselnd zur Verwaltung des Staats berufen wurden, durch ihre Willkür und Launen zu hindern, wenn diese nicht geschmeidig sich ihnen unterwerfen wollten. Die Sache selbst ist, nach dem Zeugnisse der Geschichte, alt genug. Günstlinge aller Art, in Priesterkleioern, in Waffenröcken und Frauenge- wandern, haben in allen Staaten, wo nicht feste Grundgesetze die Ausübung der 366 Cancrin höchsten Gewalt bestimmt und die Freiheit des Volkes verbürgt hatten, das Ohr des Machthabers zu gewinnen gewußt, und selbst in Staaten, die sich constitution- nelle nennen, ist ein solcher Einfluß wirksam gewesen, wenn eine mangelhaste Verfassung die Verantwortlichkeit der höchsten Staatsbeamten nicht sicherte. Diese Geheimgewalt — wie man das Fremdwort verdeutschen möchte, da die ausheimische Pflanze leider auch in Deutschland angebaut worden ist — reizt darum überall, wo sie neben den verfassungsmäßigen Inhabern der höchsten Gewalt wirken kann, das Volk zu gerechten Beschwerden oder zu stillem Unmutbe, weil es die Notwendigkeit erkennt oder instinktmäßig fühlt, daß seine wichtigsten Angelegenheiten nur in den Händen Derjenigen sicher ruhen, die durch unwandelbare Gesetze verpflichtet, nicht Diener der Willkür sind, und wirksam zu verfassungsmäßiger Verantwortlichkeit gezogen werden können. Cancrin (Graf), General der Infanterie und Finanzminister des russischen Reichs, ward 1773 zu Hanau geboren. Sein Vater, als technologischer Schriftsteller in der deutschen Literatur rühmlich bekannt, stand damals in hessischen Diensten als Director der Berg- und Salzwerke dieses Landes, verließ dieselben aber später, um in russische Dienste zu treten, wo ihm die oberste Leitung der Salzwerke zu Staraja Russa im Gouvernement Nowgorod übertragen wurde. Der junge C. erhielt seine erste wissenschaftliche Bildung auf dem Gymnasium zu Hanau und bezog 1790 die Universität Gießen, wo er sich dem Studium der Nechtsgelehrsamkeit widmete, dem er hier und späterhin zu Marburg bis 1794 oblag. Nach vollendeten Universitätsjahren kam C. nach Gießen zurück, wo er ein glänzendes Examen bestand, jedoch in seinen Bemühungen, eine Anstellung im hessendarmstädtischen Staatsdienste als Regierungsassessor zu erhalten, scheiterte. Er begab sich daher 179k nach Rußland zu seinem Vater, wo er schneller eine große Laufbahn bei der Militärverwaltung machte. Er wurde 1812 vom Kaiser Alexander mit der höchst wichtigen Stelle eines Generalintendanten der Armee bekleidet, was ihm denn nach einer langen Trennung Gelegenheit gab, seine alten Freunde in Deutschland zu besuchen. Nach dem Tode des Generalcontroleurs der Finanzen, Baron von Campenhausen, wurde C. an die Spitze der Finanzen des russischen Reichs berufen, die er seitdem mit noch ausgedehntem Vollmachten als sein Vorganger und unter dem Titel eines Finanzministers mit großem Ruhme verwaltet hat. Diesem kurzen Abriß von C.'s Lebensumständen fügen wir noch einige flüchtige Notizen über den Charakter und die individuellen Tendenzen dieses Staatsmannes bei, sowie sich solche vornehmlich in seinen frühern Jahren offenbarten, Notizen, deren Echtheit wir um so eher verbürgen zu können glauben, da wir solche den Mitteilungen seiner Jugendfreunde und Zeitgenossen auf der Hochschule verdanken, deren gegenwärtige Stellung aber jeden Verdacht absichtlicher Schmeichelei von ihnen entfernt. Ein glühender Eifer für das Gute, gepaart mit einem energischen Charakter und einem scharfen Überblicke der Verhältnisse zeichnete den jetzigen Finanzmini- fter Rußlands in seiner Jugend aus. Bei einer reichen Fülle allgemeiner wissenschaftlicher Bildung besaß er einen viel zu umfassenden Geist, um sich auf das juristische Studium, dem er sich widmete, allein zu beschränken e neben diesem Studium betrieb er zugleich das der Staatswissenschaften und blieb auch selbst in der schönen Literatur kein Fremdling. Im Bereiche dieser ledern trat C. sogar in frühester Jugend schon als Schriftsteller auf. Außer mehren kleinen Anhand- lungen nennt man ihn als den Verfasser eines Romans, betitett ^ „ Dagobert, eine Geschichte aus dem jetzigen Freiheitskriege" (Altona k, 9/>. Nac? diesem Roman zu schließen, huldigte C. damals mit wahrem Feuereifer den i heits- und Gleichheitsideen der ersten französischen Revolution, die bekanntlich amo in Deutschland viele Anhänger und Freunde fanden. Während seiner Univeryt^- jähre zu Gießen stiftete C. in Gemeinschaft mit einigen andern studirenden , ' litt« Canitz 367 ">KZK ^c--..^i^^^ singen, welche die Bande engerer Freundschaft umschlangen, und wozu auch der kürzlich verstorbene Prälat Schmidt gehörte, einem wissenschaftlichen Verein, der zunächst den Zweck hatte, das edle Feuer der Wißbegierde zu unterhalten. Zudem Ende bestanden die Beschäftigungen des Vereins nicht blos in Unterredungen über wissenschaftliche Gegenstände, sondern es wurden auch Aufsätze und Abhandlungen darin vorgelesen, die das eine oder andere Mitglied verfaßt hatte. Dieser schöne Verein, ähnlich dem, den einst die Stolberg, Voß, Miller, Hölty n. zu Göttingen während ihrer Universitätsjahre gebildet hatten, dauerte jedoch nicht viel länger als ein Jahr, wo mehre Theilnehmer daran ihre akademische Laufbahn vollendet hatten. Bei dem Allen war die Welt und nicht die Schule, Handeln und nicht Grübeln, von frühester Jugend an C.'s Ziel. Darum strebte er in einen weitem Raum seines Wirkens hinaus. Eine Frucht seiner reichen Erfahrungen ist das Werk: „Über die Militair-Ökonomie im Frieden und im Kriege, und ihr Wechsel- verhältniß zu den Operationen" (3 Bde., Petersburg 1822—23). Was C.'s Pri- vatcharakter betrifft, so haben alle seine Freunde Festigkeit und Treue in der Freundschaft stets an ihm erkannt, und noch schwebt es in ihrer lebhaften Erinnerung, wie er als Generalintendant der russischen Armee die Napoleonische Zwingherrschaft mit dem verbundenen Deutschland bekämpfte und niederwarf, 1813 nach Gießen kam, seine alten Freunde aufsuchte und sich mit Herzlichkeit dem Ergüsse der gegenseitigen Empfindungen hingab. Dieses Verffältniß ist durch alle Wandlungen des Schicksals, das in dem engen Cirkel seiner vertrautern Jugendgenossen gewaltet hat, unverändert dasselbe geblieben. (37) Canitz (Freiherr von), preußischer Oberst, aus einem alten, in der Diplomatie und Literatur Deutschlands mit Nuhm bekannten freiherrlichen, in einer andern Linie auch gräflichen Geschlecht, ward 1787 zu Kassel geboren und empfing seine erste Bildung daselbst in dem vorzüglichen Carolinum. Seine Geistesgaben und Fortschritte waren so ausgezeichnet und glücklich, daß er die wissenschaftlichen Studien weiter zu verfolgen gedrungen war und eine Zeitlang auf der Universität zu Marburg die Rechte studirte. Dann trat er aber in kurhessffchen Kriegsdienst, den er jedoch bald nachher, als durch die Ereignisse des Jahres 1800 die hessischen Truppen ausgelöst waren, mit dem preußischen vertauschte. Im Feldzuge von 1807 zeichnete er sich zuerst in Schlesien und dann in Preußen bei mehren Gefechten aus, und erwarb den militairischen Verdienstorden. Er gehörte 1812 als Generalstabsofsizier dem preußischen Truppencorps an, welchem das schwere Loos auferlegt war, verbündet mit den Franzosen an dem Zuge gegen Rußland Theil zu nehmen und nach Kurland vorzurücken. Bei der entscheidenden Umkehr der damaligen politischen Verhaltnisse durch die berühmte Convention des Generals von Uork war C. einer der eifrigsten und entschlossensten Theilnehmer dieser neuen Richtung, und weil die preußischen Waffen doch fürerst noch unthätig bleiben mußten, so suchte und erhielt er die Erlaubniß, einstweilen einem russischen Corps sich anzuschließen, und machte unter dem General von Tettenborn die kühnen und raschen Kriegszüge nach Berlin und Hamburg mit. , Am letztern Orte wirkte er thätig eingreifend bei der Organisi'rung der dortigen Bewaffnungen, und mit Much und Einsicht zur Vertheidigung der Stadt und Umgegend, die mit schwachen Mitteln dem überlegenen Feinde lange streitig gemacht wurden. Während des Waffenstillstandes im Sommer 1813 kehrte er zur preußischen Armee nach Schlesien zurück, und im Generalstabe des Pork'schen Armeecorps angestellt, gewann er in allen Gefechten und Schlachten, an denen diese Kerntruppen in den Feldzügen 1813 — 15 Antheil hatten, die größte Auszeichnung. Er erwarb nebst andern Orden auch das eiserne Kreuz erster Classe. Nach dem zweiten pariser Frieden finden wir ihn als Major im Generalstabe zu Breslau angestellt. Von hier wurde er aber bald nach Berlin versetzt, zum Adjutanten des Prinzen Wil- ''7 G:tt, Srtzß W ÄKmjKHMMkM ,2 ch AWl M M ru mMt AM!« chlßMl W' 368 Cannabich Helm, Bruders des Königs, ernannt, und außerdem mit einem wichtigen Lehramt an der Kriegsschule beaustragt. Als eins der Ergebnisse seiner erfolgreichen und höchst geschätzten Lehrvortrage ist das treffliche Werk zu betrachten, das er 1823 — 24 unter dem Titel: „Nachrichten und Betrachtungen über die Theten und Schicksale der Reiterei" (2 Bande, Berlin), herausgab. Andere mi- litairische Arbeiten, sowie verschiedene in Geschäften und Auftragen des Dienstes gemachte Reisen, können wir nicht einzeln aufzählen. Als die Verwickelung der russisch-türkischen Verhaltnisse der Stellung Preußens in Konstantinopel eine erhöhte Wichtigkeit gab, und diese einen ebenso umsichtigen als entschlossenen und zuverlässigen Mann erfoderte, erhielt C. die ehrenvolle Bestimmung, als außerordentlicher Gesandter bei der Pforte aufzutreten und die preußischen Interessen dort auf neuen Fuß zu ordnen. Seine Wirksamkeit während eines mehr als jährigen Aufenthalts in Konstantinopel wahrhaft zu würdigen, bedürfte es der Einsicht in Verhandlungen und Schrftren, die noch zur Zeit dem Geheimniß angehören. Seine Rückkehr, durch eignen Wunsch beschleunigt, ersolgte 1829, und die Ernennung zum Obersten war eins der Aeichen der Zufriedenheit des Königs, die ihm zu Theil wurden. Als Commandern' eines Husarenregiments in Danzig wurde er bald wieder zu neuen Austragen abgerufen, indem er die Bestimmung erhielt, als preußischer Militairabgeordneter im russischen Hauptquartier des Feldmarschalls Diebitsch dem Feldzuge gegen Polen beizuwohnen. Später hatte er die schwierigen Verhaltnisse zu ordnen, die sich aus dem Übertritt ganzer Corps von polnischen Truppen auf das preußische Gebiet für die Staatsbehörden ergaben. Seine tüchtigen und edeln Eigenschaften haben sich in allen diesen Lagen immer mehr bewährt, und seine Verdienste zu vollkommener Anerkennung gehoben. Strenge Rechtlichkeit und selbständig kraftvolle Gesinnung, von gründlichen Kenntnissen und lebhaftem Geiste begleitet, machen ihn zu einem der achtungswürdigsten Männer der preußischen Armee. Den sogenannten Liberalen darf man ihn nicht beizahlen; aber Niemand ist in edelm Gefühl und Bewußtsein der Bedeutung seines Standes und Berufs entfernter von jedem Servilismus. Cannabich (Johann Gottfried Friedrich), geb. zu Sondershausen 1786, erhielt seine früheste Bildung theils durch seinen Vater, der als Kanzelredner und Schriftsteller sehr geachtet und als Consistorialrath und Superintendenten daselbst, angestellt war, theils durch Hauslehrer und in der Schule seiner Vaterstadt, und wurde frühzeitig zum geistlichen Stande bestimmt. Nach vollendeten Universi'täts- studien erhielt er die Stelle eines Rectors an der Stadtschule zu Greußen im Schwarz- burg-Sondershäusischen, und ist jetzt Prediger zu Niederbösa. Als nach dem verhängnisvollen Jahre 1815 in den Gebietsverhältnissen mehrer Staaten bedeutende Veränderungen eingetreten und einige gänzlich verschwunden waren, wurde das Bedürfnis allgemein gefühlt, ein nach den Beschlüssen des wiener Congresses verfaßtes Handbuch der Erdbeschreibung für Schule und Haus zu besitzen. C. war nebst Stein der Erste, der sich dieser Arbeit unterzog. Schon 1816 erschien (Sonders- hausen) die erste Ausgabe seines „Lehrbuchs der Geographie nach den neuesten Friedensbestimmungen", dessen übersichtliche Methode so allgemeinen Beifall fand, daß es bis 1829 12 Auflagen erlebte. Dies Werk brachte ihn mit den bedeutendsten Geographen unserer Zeit in Verbindung. Vereint mitGaspari, Guts- Muths, Hasset und Ukert gab er das „Vollständige Hauobuch der Erdbeschreibung" heraus, ein Werk für diese in Deutschland zuerst durch Büsching und später durch Ritter und Berghaus neugeschaffene Wissenschaft, wie es keine andere Nation in solcher Vollkommenheit besitzt, selbst Großbritannien nicht ausgenommen, das doch den Schlüssel zu beiden Hemisphären hat. Um seine Forschungen auch für jüngere Schüler zugänglich zu machen, verfaßte er eine „Kleine Schulgeographie" (Gondershausen 1818, zehnte Aufl. 183 l). Außerdem schrieb er: „Neueste Kunde von; M.O>ü' V-I>- M- "'ch»„ Ach, A>' N.i°dA ^ dtZ P '^»tz, !?«wS' MK»«W«e Äl jeiMwWmiiS. Wsi ikW^ Mich, WO>^ ?.zZ-i,'ckh< M^°- .-5 Caiunng 369 Königreiche der Niederlande" (Weimar 1821); „Neuesie Kunde von Jonien und Krakau" (Ebend. 1821); „Neueste Kunde von Baden, Nassau, Hohenzollern, Lippe, Waldeck" (Weimar 1827); „Statistisch-geographische Beschreibung des Königreichs Preußen" (6 Bandchen, Dresden 1827 — 28); „Statistische Beschreibung des Königreichs Würtemberg" (2 Bandchen, Dresden 1628). Seit 1821 gab er mit dem Major F. W. Streit die zu Erfurt erscheinende geographische Zeitschrift: „Der Globus", heraus. C. ist einer der verdienstvollsten Geographen der neuesten Zeit, dessen Handbücher, überall mit entschiedenem Beifall aufgenommen, auf gründliche Schulbildung in einem früher nurzu sehr vernachlässigten Fache schon jetzt den wohlthatigsten Nutzen wahrnehmen lassen. Wird er auch von einem Ritter an großartiger wissenschaftlicher Auffassung und von Volger hinsichtlich der Auswahl und Darstellungsart übertroffen, so bleibt ihm doch das Verdienst unbestritten, zuerst die Erdkunde vergeistigt in Schule und Haus eingeführt zu haben. (8) *Canning (George), geboren 1770 in Irland, Parlamentsglied im 28. Jahre, im 26. Jahre erster Secretair (vortragender Rath, Divisionschef) im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten; 1807 Minister dieses Departements, bis 1809; 1813 Gesandter in Lissabon; 1817 Minister für die ostindischen Angelegenheiten ; 1822 nach Castlereagh's Selbstentleibung Minister der auswärtigen Angelegenheiten, und als Graf Liverpool (17. Febr. 1827) vom Schlage getroffen wände, nach mancherlei Parteikämpfen erster Minister, starb am 8. August 1827. Kein Todesfall seit dem des berühmten ältern Pitt, Grafen von Chatham (1778), erregte so großes Bedauern in und außerhalb England, und man kann wol einige Verwunderung nicht unterdrücken, wie der Mann, welcher früher an allen Einseitigkeiten des jüngern Pitt und seiner Verwaltung einen so leidenschaftlichen Antheil nahm, welcher nichts als eine blinde Feindschaft gegen Frankreich zu athmen schien, auf einmal in der öffentlichen Meinung eine so hohe Stelle einnehmen konnte. Allein das Räthsel erklärt sich, wenn man den Geist seiner eignen Staatsverwaltung näher betrachtet und sich überzeugt, daß Gerechtigkeit nach allen Seiten die feste Regel seines politischen Lebens war, und er im Innern mit größerm Ernst, als je ein Minister vor ihm, auf die Abschaffung alter Misbräuche und auf die Erleichterung des Volkes hinarbeitete. Vernünftige Freiheit für die ganze Welt war der Grundzug seiner Politik, und obgleich er auch dabei das Wohl Englands als das erste Ziel seines Strebens betrachtete, so war doch in seiner Uberzeugung beides von einander unzertrennlich, und die Größe und das Glück seines Vaterlandes nur durch Gerechtigkeit gegen andere Staaten zu begründen, und durch den Wohlstand derselben zu befördern. So lange C. noch den Grafen Liverpool zur Seite hatte, und dieser den Namen des ersten Ministers führte, ward er durch diesen weniger genialen, aber höchst redlichen Staatsmann so unterstützt, daß er sich nicht in seinen großen Zwecken gehemmt sah. Zwar war der Graf bei einem der wichtigsten Punkte, der Emancipation der Katholiken, der entgegengesetzten Meinung (wie der Minister Peel), allein man war übereingekommen, diese Sache nicht als eine gemeinschaftliche Angelegenheit der Regierung zu betreiben, sondern sie der Entscheidung des Parlaments zu überlassen, wobei dann alle Mitglieder des Ministeriums nach ihrer persönlichen Uberzeugung stimmen konnten. In dieser Sache gab C. einen Beweis, wie geneigt er selbst war, sich den Gesetzen zu unterwerfen. Als Brougham aus der Rede, welche C. zu Liverpool gehalten hatte, beweisen wollte, daß derselbe die Angelegenheit der Katholiken aufgegeben habe, und ihm den Vorwurf politischen Wankelmuths machte, erhob sich C. im gereizten Ehrgefühl mit Heftigkeit und rief dem Redner zu: „Ich darf sagen, daß dies eine Unwahrheit ist!" Es entstand bei diesen Worten eine außerordentliche Bewegung; der Sprecher befahl, beide, sowol Canning als Brougham zu verhaften, wenn diese Worte nicht Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. 21 Canning zurückgenommen würden, und auf die edelste Weise erklärte C. sein Unrecht. Die Opposition war in den ersten Zeiten des Canning'schen Ministeriums nicht sowol gegen sein System an sich als dagegen gerichtet, daß dieses System nicht rasch und kräftig genug durchgeführt werde, daß England den Griechen nicht zu Hülfe komme, daß es nicht Spanien 1823 kräftigen Beistand geleistet habe. Diese Opposition verschwand aber immer mehr, und zuletzt gewährte C.'s Verwaltung das erhebende Schauspiel einer Regierung, welche mit den verfassungsmäßigen Organen der Volksstimmung vollkommen einig war und ihr ganzes Vertrauen besaß. Man sah ein, daß C.'s Versahren in der auswärtigen Politik von ebenso großer Klugheit als Gerechtigkeit geleitet worden war. Auch für das Publicum wurde der Beweis davon in einem, zum Theil aus hinterlassenen Papieren von Granville Stapleton bearbeiteten Werke: „Mm ^ivlitical Iiis «5 tlie Ii. Lon. tleoi-Ae OanniliF, irom Ins scceptance c>s ttie seuls c>5 tke tvrei^n clepsrtewent in sept. 1822 to llle perivd of Iiis deeM in MiF. 182?" (3 Bde., London 1831), geliefert. Zwar war schon vor seinem Eintritt in das Ministerium und noch unter Castlereagh's Namen von England am 19. Januar 1822 eine Erklärung auf die Circularnote der Höfe von Petersburg, Wien und Berlin vom 8.Dec. 1821 gegeben worden, worin der Befugniß, in die innern Verhältnisse anderer Staaten einzuschreiten, widersprochen wurde, und C. lehnte es daher immer ab, wenn man ihn wegen eines von ihm zuerst aufgestellten Systems preisen wollte; allein er war es doch zuerst, welcher den Grundsatz der Unabhängigkeit aller Staaten wirklich handelnd durchführte, und wenn sich auch England mit andern Machten zu gemeinschaftlicher Erhaltung oder Wiederherstellung des Friedens verband, geschah dies doch immer mit dem Vorbehalt, daß es sich weder selbst einer Weltre- gierung anmaßen, noch eine solche den übrigen verbündeten Mächten gestatten wolle. Bis zum Februar 182? war es nur die unermeßliche Menge der Geschäfte und die Anstrengung, welche sie ersoderte, unter welchen E.'s physische Kräfte zuweilen zu erliegen schienen. Es ist zum Bewundern, was in diesen fünf Jahren geschehen, durch C.'s Hände gegangen und von ihm im Parlamente entwickelt und vertheidigt worden ist. Der Congreß zu Verona hatte die Vernichtung der spanischen Verfassung durch französische Waffen beschlossen, und obgleich England daran keinen Theil nehmen wollte, so hatte es doch auch keinen Beruf gesunden, einen Krieg zu Verteidigung einer Sache zu unternehmen, deren innere Haltbarkeit so zweifelhaft war. Der Erfolg erwies auch, wie richtig dies gewesen, und daß die Constitution von 1812 in dem Charakter und der Stimmung des Volkes durchaus keine Grundlage fand. Dagegen hielt England fest daraus, daß zwar Spanien nicht gehindert werden dürfe, seine abtrünnigen Colonien in Amerika wieder zur Unterwerfung zu nöthigen, daß aber keine andere Macht ihm dazu bewaffneten Beistand leisten dürfe, und der Congreß der heiligen Allianz, welcher 1824 deshalb zu Paris gehalten wurde, ^lieb opne Folgen. Vielmehr entwickelte sich aus den Verhältnissen, in welche Spanien durch den französischen Feldzug von 1823 gesetzt wurde, die Anerkennung der neuen amerikanischen Staaten. Beinahe auf gleiche Weise haben die Griechen die Erlangung ihrer völligen Unabhängigkeit größtentheils dem englischen Ministerium zu verdanken. Der Congreß zu Verona wies sie zurück, weil Hde Revolution, unter welchen Umständen und unter welcher Form sie auch erschiene, verwerflich und zu bekämpfen sei. Auch der Plan des russischen Ministeriums vom Januar 1824 ging nicht weiter, als den Griechen, in drei Fürstcnthümer vcr- theilt, eine ähnliche halbe und traurige Existenz wie die der Moldau und Walachei unter türkischer Oberhcrrlichkeit zu verschassen, und da sowol die türkische Regierung als die Griechen diese Ausgleichung verwarfen, so trat England von aller Theilnahme wieder ab. Als aber Ibrahim Pascha in Morea die ganze BevolU- -Hz " ''M ''>2^ °^tzi,„.' 7»«, N^7-'Ä '.^«»Ai ?!^>ch>>.!^ '"^-'WickS,. MUWKh! -MichKyjtrW 7Zli!iP.!rI.iM»U u lill» die VcrilichNz im chn.ÄWW^ >1 MiW^M, i>NM MN N! M dl!l k»K»MÄkbs ÜW p dff B l!Pl> d'-l^' ^ ls .KiAl IO '?: ' MMiB >«-^ .KP' i.'t^"',ii.üO.'« KP 7"' Canning 37! rung in die Sklaverei nach Afrika abzuführen anfing, war England die erste Macht, welche unverzüglich nachdrückliche Maßregeln ergriff; es schloß mit Rußland den Vertrag vom 4. April 1826, woraus der Vertrag vom 6. Jul. 1827 zwischen England, Rußland und Frankreich hervorging, dessen weitere Folgen noch nach C.'s Tode die Schlacht bei Navarin am 20. Oct. herbeiführten, die von dem Herzog von Wellington zwar ein beklagenswertes (untowaiA) Ereigniß genannt wurde, aber doch den Grund zur Freiheit Griechenlands legte und nach Jahrhunderten noch gesegnet werden wird. Auch die Unabhängigkeit von Brasilien und die Auseinandersetzung mit Portugal ging durch C.'s Hände, welcher sie, ohne irgend einen Vortheil für England zu bedingen, mit großer Mühe durchführte. Nur im allgemeinen Interesse der Menschheit wurde den Brasiliern die Abschaffung des Negerhandels zur Pflicht gemacht. Uberhaupt ließ der hochherzige C. keine Gelegenheit, für dieses letztere Ziel zu wirken, unbenutzt. Er war kaum eine Woche im Amte, als er sich deshalb an den Congreß zu Verona wendete, wo jedoch nichts ausgerichtet wurde; aber die sämmtlichen neuen Staaten in Amerika mußten bei ihrer Anerkennung versprechen, dieses schändliche Gewerbe zu unterdrücken. Mit Nordamerika wurde, nachdem durch eine Parlamentsacte vom 31. März 1824 der Sklavenhandel für ein Verbrechen erklärt und der Seeräuberei gleichgesetzt worden war, ein Vertrag geschlossen, jedoch vom Senat nicht genehmigt. Allein obgleich noch jetzt dieser Handel mit Menschen nicht unterdrückt ist, so haben doch C.'s menschenfreundliche Bemühungen noch nach seinem Tode Früchte getragen. Durch ein brasilisches Gesetz vom 17. August 1827 ist der Sklavenhandel vom Jahre 1830 an gänzlich verboten worden, und auch mit Portugal sind deshalb neuere Verträge geschlossen. Mit gleichem Eifer nahm sich C. auch der in den englischen Colonien noch vorhandenen Sklaven an, um sie gegen die Grausamkeiten ihrer Herren zu beschützen, ein Gegenstand, welcher für einen englischen Minister noch delicater war als der Sklavenhandel, weil er hier die mächtige Partei der Plantagenbesi'tzer sowol in den Colonien als im Mutterlande gegen sich hatte, und weil wirklich von einer unvorbereiteten und unvorsichtigen Veränderung in den Verhältnissen der Sklaven in Westindien große Erschütterungen und Gefahren für die Herren der Sklaven zu besorgen sind. C. ging daher auch mit der größten Vorsicht zu Werke und mäßigte einen von Buxton im Mai 1823 an das Parlament gebrachten Vorschlag, daß die Sklaverei in den britischen Colonien baldmöglichst abgeschafft werden solle, dahin, daß der Zustand und Charakter der Sklaven verbessert werden möge, um sie der Rechte anderer Unterthanen fähig und theilhast zu machen; aber auch dieses wurde in den Colonien mit solchem Widerwillen ausgenommen, daß man von Lostrennung derselben zu sprechen anfing. (S. Sklaverei.) In den innern Angelegenheiten des Landes fängt sich mit C., ebenso wie in demSystem der auswärtigen Politik, eine neue Periode an, und wenn er auch hierin die Einzelnheiten der Ausführung den mit ihm verbundenen Ministern überlassen mußte, so geschah dies doch nicht, ohne daß er sich selbst mit dem System im ganzen Zusammenhange vertraut gemacht hatte, und er machte mehre Reisen durch das Land, um überall nach eigner Kenntniß und Einsicht handeln zu können. Auch hier, in den Angelegenheiten des Handels, huldigte er durchgehende demPrin- cip der größern Freiheit und Gegenseitigkeit. Die alten Navigationsgesetze waren schon 1821 gemildert worden, indem man gestattete, daß die Erzeugnisse der drei Welttheile, Asien, Afrika und Amerika, nicht blos (wie vorher) direct aus dem Lande ihres Ursprungs, sondern aus was immer für einem Orte nach England eingeführt werden konnten, und indem das Verbot, europäische Waaren auf andern als auf britischen oder Schiffen ihres Ursprungs nach England einzuführen, von gewissen Artikeln aufgehoben wurde. Diese Freiheit wurde noch durch das Lagerhausgesetz von 1821 weiter ausgedehnt, nicht ohne große Widersprüche der 24 5 Canning Manufacturisten, indem erlaubt wurde, alle Arten von Maaren in England für fremde Rechnung zu lagern, selbst solche, welche in England gar nicht verkauft werden dürfen, zum Behuf der Wiederausführung. Unter C.'s Ministerium kamen doch zwei sehr bedeutende Erweiterungen der Handelsfreiheit für die englischen Colonien in Amerika hinzu, nämlich die Erlaubniß, gewisse Güter, die vorher nur von England und nur auf englischen Schissen dahin gebracht werden durften, nun auck aus andern Landern dahin zu bringen und die Erzeugnisse aus andern Theilen von Amerika direct und auf fremden Schissen dahin zu führen. Zugleich wurden die Zölle von manchen Maaren, vorzüglich von der Seide, herabgesetzt, und ein großes Verdienst erwarb sich der damalige Zolldirector James Hume, indem er das Ehaos der englischen Zollgesetze durch 11 verschiedene Gefetze in ein sehr wohlgeordnetes und klares Ganzes (ein neues Aollgefetzbuch) brachte. Wir können natürlich nicht die Details dieser neuen Handelsgefetzgebung auseinandersetzen und ebenso wenig die Streitigkeiten darstellen, welche ungeachtet dieser Befreiung des Handels von alten Beschrankungen noch mit Nordamerika stattgefunden haben, sowie wir auch die große Handelskrisis des Jahres 1825 übergehen müssen; allein bemerkt muß noch werden, daß schon damals bei allen diesen Gegenstanden die Wortführer der bisherigen Opposition, und vor Allen der machtige Brougham, den Minister mit aller Kraft ihres Geistes, ihrer Kenntnisse und ihrer Beredtfamkeit unterstützten. So standen die Sachen, als am 16. Februar 1827 der von allen Parteien hochgeehrte und vom Könige mit unbeschränktem Vertrauen ausgezeichnete erste Minister, Graf Liverpool, im 58. Jahre seines Alters (ein Jahr älter als C.), zu einer Zeit, wo E. selbst durch Anstrengung erschöpft und krank in Brighton war, vom Schlage getroffen wurde. Liverpool hatte mit seinem außerordentlichen Ansehen das Ministerium mit dem Hofe, den Vornehmen und Neichen in Verbindung und gutem Vernehmen erhalten, und ihm gleichsam zum Schilde gedient. Ihn hatte Niemand aus der ersten Stelle zu verdrängen gesucht, aber sowie es entschieden war, daß Liverpool für immer für die Geschäfte verloren fei, und man ihm als erstem Minister einen Nachfolger geben müßte, regte sich die Eifersucht und der Neid Derer, die bisher keine Ansprüche auf die erste Stelle machen konnten. Zwar wurde E., der im Vertrauen des Königs und der Nation zu hoch stand, als daß man ihn hätte entbehren können, nach manchen Ränken doch an die Spitze des Ministeriums gestellt, aber der Minister des Innern, Robert Peel, trat aus, als er eben den Anfang eines sehr verdienstlichen aber auch sehr schwierigen Unternehmens gemachthatte, die höchst verworrenen, harten und zum Theil völlig ungereimten Eriminalgefetze Englands in ein Ganzes zu bringen und theilweife wenigstens zu verbessern. Auch der Herzog von Wellington trat aus dem Ministerium, zu welchem er bisher als Generalseldzeugmeister gehört hatte. Von da an war E.'s Leben ein ununterbrochener Kampf mit dem stolzen Adel des Landes und Denen, die seinen Ruhm und Einfluß beneideten. Zwei Gegenstände waren es vorzüglich, auf welche alle Anstrengungen des neuen Ministeriums gerichtet sein mußten, die Beruhigung Irlands durch die Aufhebung der Gesetze gegen die Katholiken und die Gleichstellung derselben in den bürgerlichen Rechten (s. Emancipatipn der Katholiken), und sodann die Milderung der Noth, in welche die arbeitenden Elassen durch die außerordentliche Theurung des Brotes versetzt waren. Die Eman- cipation der Katholiken scheiterte zuletzt an dem Widerspruche des Ministers Peel kurz vor dessen Austritt aus dem Ministerium, und die Verbesserung der Korngesetze, welche glücklich durch das Unterhaus gegangen war, an einem Zusätze, welchen der Herzog von Wellington im Oberhause unter dem unrichtigen Vorgeben zu Stande brachte, daß der Handelsminister Huskisson damit einverstanden sei. Diese Korngesetze verschleiern das tiefste Übel, den eigentlichen Krebsschaden Gropbritan- Capece-Latro 373 niens. Sie verbieten die Einfuhr des fremden Getreides so lange, als das inländische einen gewissen Preis nicht übersteigt, und halten also den Preis desselben aus einer Höhe, welche für die arbeitenden Elasten fast unerschwinglich ist. Dieser bebe Preis kommt aber auch den eigentlichen Landwirthen, wovon die wenigsten Eigenthümer sind, nicht zu Gute, sondern er wird dazu benutzt, die Pachtgelder in die Höhe zu treiben, und fallt demzufolge theils den großen Grundbesitzern, theils der Geistlichkeit zu, welche ihre Zehnten desto höher verkaufen und verpachten kann. Kein Ministerium kann in der jetzigen Lage der Dinge etwas Großes für das Land ausrichten, wenn es nicht vor allen Dingen das Volk von der Sklaverei befreit, in welcher es von den großen Grundeigenthümern gehalten wird. Nach diesen Niederlagen sah C. wohl, daß auch fein Wirken den Wend-epunkt erreicht habe. Der edle Hirsch, sagte einer feiner Freunde, war zu Tode gehetzt. Am 29. Zun. 1827 trat C. noch einmal im Parlamente auf, am 2. Jul. ward das Parlament prorogirt, am 8. August starb der größte Minister, den England je gehabt hat. Der König Georg IV. fühlte, was er und die Nation verloren. Er bot der Witwe die Pairswürde an; sie schlug sie aus. C. wurde in Westminster begraben. (3) Capece-Latro, Erzbifchof von Tarent, ein jetzt beinahe neunzigjähriger Greis, aus einer der ältesten und vornehmsten Familien des Königreichs Neapel stemmend, gehört zu den interessantesten Erscheinungen unfers Zeitalters und verlebt jetzt in stiller Zurückgezogenheit zu Neapel den Abend seines bewegten und thatcnreichen Lebens. Bei feinen glücklichen Anlagen, seiner glühenden Liebe für die Wissenschaften und für die Kunst, seinem immer regen Fleiß, würde er auch ohne die Vorcheile seiner hohen Geburt sich den Weg zu den bedeutendsten Ehrenstellen gebahnt haben. Schon in früher Jugend ward ihm das Erzbisthum von Tarent verliehen, mit welchem der Titel und die Vorrechte eines Primas des Königreichs verbunden sind. Doch weder diese Würde noch seine Stellung konnten ihn bewegen, die Sache der Wahrheit und die Grundsätze einer reinen, gesunden Philosophie zu verlassen. Mit Feuereifer kämpfte er gegen veraltete Ideen, gegen Aberglauben und gegen die Anmaßungen des römischen Stuhls, doch verletzte er nie die Pflichten eines Dieners der Kirche. Sein erstes jugendliches Werk, in welchem er mit ebenso viel Scharfsinn als Gewandtheit die Unrechtmäßigkeit des Tributs, welchen Neapel an den römischen Hof entrichtete, bewies, erregte große Aufmerksamkeit und begründete seinen Ruf; nachdem er aber bald darauf in einer zweiten Schrift den Cölibat der Priester als ein Verbrechen gegen die Natur und Moral dargestellt, und mit hinreißender Beredtfamkeit durchgeführt hatte, daß nur dieser alle Laster befördernden Institution allein der Abscheu, die Verachtung, welche auf dem Katholicismus lasteten, ja selbst die Herbeiführung der Reformation zuzuschreiben wären, da richteten sich Aller Augen nach diesem muthi- gm Kämpfer für Wahrheit und Recht. Als der Geist der Umwälzung auch Italien zu berühren ansing, führte er am Hofe eine ebenso männliche als muthige Sprache und erklärte der Königin Karoline, welche oft seinen Rath foderte, aber selten befolgte, daß die verwerfliche Staatsverwaltung, die Verbrechen der Mini- ßer, welche das Volk in das tiefste Elend gestürzt hatten, nothwendig eine Revolution herbeiführen müßten. Er predigte tauben Ohren. Hatte Italien bereits in ihm den Mann von edler Freimütigkeit, von unerschütterlich^..': Muthe verehren gelernt, so fand es bald Gelegenheit in ihm auch den Helden, der dem Tode zu trotzen wußte, zu bewundern. Als die Revolution ausgebrochen war, wurde er durch den allgemeinen Wunsch des Volks zu einem Staatsamte berufne, und seiiu Ernennung war erfolgt, bevor er es selbst noch wußte. Er nahm den Ruf an, weil er sein Vaterland im Augenblick der Noth nicht verlassen wollte. Als die königliche Familie zurückkehrte, bezeichnete ihn der bekannte Rufso als eins der ersten 374 Capelle Schlachtopfer, welche der Rachsucht fallen sollten. Ohne irgend ein gesetzliches Verfahren wurde er in den Kerker geworfen, und auf dem Blutgerüste sollte seine Vaterlandsliebe den Lohn finden. Der Blutdurst wich der reifern Überlegung; man wußte, daß alle Parteien sich vereinigen wollten, um den Edelsten der Nation zu retten, und deshalb kündigte man ihm feine Freiheit als eine königliche Gnade an. Er verweigerte jedoch als Gnade anzunehmen, was die Gerechtigkeit ihm zugestehen sollte. Muthig erklarte er, daß er sein Gefängniß nur dann verlassen könne, wenn seine Unschuld anerkannt und die ihm widerrechtlich geraubte Freiheit als ein Resultat der Gerechtigkeit, nicht aber als ein Act der Gnade zuerkannt werden würde. Der König, von seinem Gewissen und von des Volkes Stimme geleitet, erfüllte das Begehren und machte über die ungerechte Verhaftung noch Entschuldigungen. Als die Napoleoniden die Throne Europas bestiegen hatten, wurde C.-L. 1808 zum Minister des Innern ernannt, und beinahe alles Gute und Große, das unter Joachims Negierung ausgeführt wurde, geschah auf seine Veranlassung, auf seinen Rath. Nach der Restauration erhielt das Erzbisthum Tarent ein Anderer und C.-L. zog sich für immer von allen öffentlichen Angelegenheiten zurück, doch lebt er stets mit jugendlichem Feuer den Künsten und Wissenschaften. Sein Haus ist der Sammelplatz allet durch Rang und Kenntnisse ausgezeichneten Manner und Frauen. Seine letzte im Druck erschienene literarische Arbeit ist: „LIoAio 6i ?e6erigo II. Ve 61 15'ussiii", welche Dorow 1832 in Berlin drucken ließ. Der Herausgeber erhielt das Manuscript von dem Erzbischof zu diesem Behuf in Neapel. Das Werk verdient nicht allein durch die würdige Behandlung des Stoffs volle Aufmerksamkeit, sondern ist auch durch schönen Styl ausgezeichnet. C.-L. hat ein Werk von hoher Wichtigkeit über Religion geschrieben, das noch in der Handschrift ist, vielleicht aber auf Dorow's Veranlassung der Öffentlichkeit wird übergeben werden. Der Kanonicus an der Domkirche zu Tarent, Angelo Sgura, hat einen interessanten Theil der Lebensgeschichte des Erzbischofs beschrieben, der 1826 in Genf unter dem Titel: „Rel ^iono 6eIIa eon6ottÄ 6eII' ard- vescovo 61 Vuranto Nonsi^nor (Ziuseppe Cnpeee-i6cltro nelle famose vicencke llel re^no 61 !>mpoIi nel 1799", erschien. (45) Capelle (Guillaume Antoine Benoit, Baron), AnHanger der Republik, des Kaisers und der Restauration, Exminister Karls X. Er wurde am 9. Sept. 1775 zu Sales Cuvan im Departement de l'Aveyron geboren, wo sein Vater Richter war. Als die Revolution ausbrach, schloß sich der junge C. mit Enthusiasmus an die neue Ordnung der Dinge an. Der District Milhaud ernannte ihn 1790 zum Mitglieds der südlichen Föderation; zwei Jahre spater trat er in den Kriegsdienst und ward Lieutenant der Grenadiere im zweiten Bataillon der östlichen Pyrenäen. 1794 setzte man ihn ab, weil er Neffe eines Emi- grirten war; er begab sich in seine Heimath, wurde zu Rhodez verhaftet, aber nach dem 9. Thrrmidor wieder befreit, befehligte einige Jahre hindurch die Nationalgarde von Milhaud und erhielt nach dem 18. Bru'maire eine Mission zu der neuen Regierung. Bei seiner Ankunft in Paris wurde er dem Minister Chaptal empfohlen, der ihm eine Anstellung in seinen Bureaux gab, und bald nachher zum Generalftcretair in den Departements der Seealpen und Stura ernannt. Dieses Amt behielt C. nicht lange, er kam nach Paris und bat um Beförderung. Nach zweijährigem Warten schickte ihn die Regierung nach Livorno als Prafect des Mittelmeerdepartements. Hier lebte er in der Nachbarschaft der souverainen Fürstin von Lucca und Piombino, Elisa Bonaparte, und setzte sich mit ihr in so vertraute Bekanntschaft, daß ihn der Kaiser fast verabschiedet hätte. Am Ende zog aber Napoleon vor, ihm die Präfectur du Leman zu geben, die er vom December 1810 an verwaltete. Als sich Genf am 30. December 1813 durch Capitulation ergab, entfernte sich C., der die Stadt schon am 28. verlassen hatte, am 3 . Capodiftrias Carlisle 375 -us seinem Departement. Der Kaiser stellte ihn vor ein Kriegsgericht, welch^ ihn nicht verurtheilte. Doch erst im Augenblicke der Restauration erhielt ttseine Freiheit. Ludwig XVIII. ernannte ihn zum Prafecten des Departements W> Er verwaltete seine Präfectur seit zehn Monaten, als Napoleon von Elba -urückkehrte und am 12. Marz 1815 die Besatzung und Bevölkerung von Boing sich für den Kaiser erklärte. C. verließ am 13. die Stadt, suchte den m Lons le Saulnier befehligenden Marschall Ney auf, der ihn vergebens aufstöberte, dem Beispiele der ganzen Bevölkerung zu folgen. Er flüchtete sich nach der Schweiz, wurde dort verdachtig, mußte das Land verlassen, eilte nach Gent, wo Ludwig XVIII. eben angekommen war, und erhielt von ihm diplomatische und andere Auftrage. Nach der zweiten Restauration ward C. Präfect des Departements Doubs, wo er bis Ende 1815 blieb, man berief ihn darauf nach Pa^ ris, um Zeugniß gegen den Marschall Ney abzulegen, und machte ihn zum Lohne dafür am 1. Januar 1816 zum Staatsrath. Er war von nun an Oberhaupt der geheimen Polizei des Pavillon Marfan. Am 24. Aug. desselben Jahres erhielt er den Auftrag, im Verein mit den Abgeordneten der heiligen Allianz den Betrag der in Folge der Übereinkunft vom 20. November von Frankreich zu leistenden Zahlungen zu ordnen. Spater gab ihm die Regierung das Generalsecretariat im Ministerium des Innern; von dieser Stelle wurde er durch Martignac entfernt, erhielt aber durch besondere Verwendung Karls X. die Präfectur von Versailles, ward dann als Minister der öffentlichen Arbeiten Mitglied der Polignac'schen Verwaltung, leitete vorzüglich die Wahlangelegenheiten, unterschrieb die Ordonnanzen vom 25. Jul. und ist jetzt in Holyrood bei Karl X. (15) Capodistrias, s. Kapodistrias. Carlisle (George Howard, Grafvon), stammt von einem Zweige des alten herzoglichen Hauses Norfolk, der in der Mitte des 17. Jahrhunderts den Grafentitel erhielt. Sein 1825 verstorbener Vater, Frederik, Grafvon Carlisle, war der Mitschüler von Fox und andern berühmten Mannern in Eton, und zeichnete sich früh durch jene Kunstliebe aus, die ihm so große Auszeichnung verschaffte. Er ließ seine Jugendgedichte 1801 drucken und schrieb spater zwei Trauerspiele: illtlleüs reveuge" und,,1'lle stepmotllel-". Lord Byron, sein Verwandter, der früh gegen ihn eingenommen, spater eine Beleidigung von ihm empfangen zu haben glaubte, griff in seiner literarischen Satyre: d-ri-cks anck saotcü revieners", ihn mit ungerechter Bitterkeit an und suchte ihn lacherlich zu machen, wiewol er spater diese Kränkung einigermaßen wieder ausglich. Graf George von C. ward an; 17 Sept. 1773 geboren und in Eton und Oxford erzogen. Sein Vater, der von 1780 — 82 Vicekönig von Irland war und in allen politischen Angelegenheiten seines Vaterlandes seit der französischen Revolution als eifriger Anhänger des Ministeriums eine Rolle spielte, bestimmte ihn zum Staatsmann und verschaffte ihm eine Anstellung im Gefolge der Gesandtschaft, die Lord Malmes- bury 1795 — 96 auf dem Festlande beschäftigte. Nach seiner Rückkehr kam C. m das Parlament und widmete sich mit Eifer dem Staatsleben. Bei den Verhandlungen über die 'Angelegenheiten Indiens hielt er eine gründliche Rede, die in einer Flugschrift gedruckt ward und außer einem lateinischen Gedichte in der „Äntijakobinischen Zeitschrift" die einzige seinerLeistungen ist, die zur Oessentlichkeit gelangte. Während der Herrschaft Napoleons führte ihn eine geheime diplomatische Sendung nach Berlin. Als sein Freund Canning 1827 ein neues Ministerium bildete, trat er ins Cabinct und war bis 1828 Siegelbewahrer. Er hat im öffentlichen ^eben stets sich durch Reinheit der Grundsatze, Vaterlandsliebe und Rechtlichkeit ^»gezeichnet. Sein Sohn ist der als Mitglied des Parlaments bekannte Lord Aorpeth. Sein Stammschloß Howard in der Grafschaft York enthalt eine der Wichsten Sammlungen alterer und neuerer Maler, in welcher sich außer meh- 376 Carlos ren Werken der englischen Kunst, deren freigebiger Beschützer C. ist, einige Meisterstücke befinden, z. B. die Anbetung der Weisen von Mabuse (worin Albrecht Dürer's und des Künstlers Bildnisse) und die drei Marien von Annibale Carracci, ein berühmtes Bild dieses Meisters, das früher in der Galerie des Herzogs von Orleans war und während der französischen Revölution nach England uyd in den Besitz des verstorbenen Grafen kam. Carlos (Don Maria Jsidro), Infant von Spanien, zweiter Sohn Karls IV., Bruder Ferdinands VII., geboren am 29. März 1?88, Generalissimus der spanischen Land- und Seemacht, vermählt persönlich zu Madrid am 3. Ott. 1816 mit Maria Francisca d'Assi'si, Tochter Königs Johann VI. von Portugal (geb. 22. April 1800), hat drei Söhne: Carlos, geb. 1818; Juan, geb. 1822, und Fernando, geb. 1824. DiesestPrinz theilte mit seinen Brüdern Ferdinand und Francisco de Paula die Art von Gefangenschaft zu Valen?ay in Frankreich, nachdem er in Folge der Verhandlungen zu Bayonne (5. und 10. Me.i 1808) die Entsagungsacte auf den spanischen Thron nebst seinen Brüdern unterzeichnet hatte. Im März 1814 kehrte er mit dem, von Napoleon durch den Friedens- tractat von Valen^ay (11. Dec. 1813) als König von Spanien anerkannten Ferdinand und seinem Bruder, dem Infanten Don Francisco, nach Spanien zurück. Seitdem befand er sich stets an dem Hoflager feines Bruders und folgte ihm zur Zeit der Cortes im Jahre 1823 nach Cadiz. Aber erst nach der Herstellung des absoluten Königs (1. Ott. 1823) begann er die öffentliche Aufmerksamkeit zu beschästigen. Seine strengen Ansichten von Königthum, Kirche und Inquisition, sein Haß gegen Freimaurer und Liberale, sein unbedingter Absolutismus, und der Umstand, daß bei der Kränklichkeit des Königs, der keine Kinder hatte, die Krone auf ihn bald übergehen könne, sowie seine große Popularität bei den realistischen Truppen machten ihn, ohne daß er vielleicht es selbst beabsichtigte, zum Stutzpunkte einer Partei der heftigsten Re- action, der sogenannten apostolischen Junta, welche Spanien seit 1824 in fortwährender revolutionnairer Bewegung erhalten und Ferdinands VII. Thron mehrmals bedroht hat. Dies» fanatische Partei verlangte nämlich die Vernichtung aller Liberalen und Freimaurer, die Wiederherstellung der Inquisition und einen absoluten König — unter der Leitung des hohen Klerus. Da Ferdinand VII. ihnen dazu nicht entschlossen genug schien, vielmehr auf den Rath der fremden Minister hörte und sich zum Theil mit gemäßigt denkenden Ministern umgab, so war er in ihren Augen ein Gefangener seiner Umgebungen, der nicht frei handeln könne; endlich suchten sie ihn ganz vom Throne zu verdrängen und den Infanten Dm Carlos auf denselben zu erheben. Zugleich traten sie mir den Absolutisien in Portugal, welche daselbst für Don Miguel denselben Zweck verfolgten, zu gemein- «schaftlicher Mitwirkung in Verbindung. Mehrmals mit Gewalt unterdrückt, erhob sich diese furchtbare Junta, der Hydra gleich, immer wieder von Neuem und hörte nie auf, im Geheimen thätig zu sein. Die Obern, welche die Fäden des ultramontanen, absolutistischen Gewebes spannen und lenkten, wurden nicht entdeckt, oder die Untersuchung wagte nicht, den letzten Schleier zu U Öffentliche Blätter behaupteten jedoch, daß die Spur jener Verzweigung . n die Ca- marilla Ferdinands VII. und in die unmittelbare Nähe seiner S. . der verwitweten Königin Carlota von Portugal, geführt habe. Auch naw dem Tode dieser Fürstin hat das Dasein der apostolischen Junta sich, vor und naen der ggu- liusrevolution in Frankreich, welche man als ihr Werk mit ansehen kann^dicsseit und jenseit der pyrenäischen Halbinsel in unheilvollen Erscheinungen offenbart. Wir nennen in Beziehung auf Spanien die wichtigsten Ausbrüche^ jener unvcr- tilgbaren Verschwörung, der, vielleicht ohne Mitschuld noch Mitwisscn von sieiner Seite, der Infant Don Carlos als Stülwunkt gedient hat. Folgende Werkzeuge Carlos 377 jener Partei und ehemalige Anführer der Glaubensarms«: der aus seinem Kloster entwischte Trappist, Antonio Maragnon, bei Tarragona, der bekannte Merino in Altcastilien, der General Bessieres in Estremadura und der berüchtigte Justo Pastor Pen', mit vier Domherren und acht Mönchen, wurden 1824 als Urheber ultra- rcyalisiischer Bewegungen verhastet. Der furchtbare Capape, el Rojo, genannt, welcher Karl V. zu proclamiren gewagt hatte, ward in Aragonien von den französischen Truppen geschlagen und gesangen. Einige und dreißig Mitglieder der apostolischen Junta, die sich des Hochverraths oder Aufruhrs weniger verdachtig gemacht hatten, unter diesen sogar der gewesene Premierminister Ferdinands VII., Don Victor Saez, und der Pater Cyrills Almeyda, wurden um die Mitte Mais 1824 theils aus Madrid verbannt, theils an verschiedenen Orten verhastet. Da ein großer Theil der Apostolischen im Ministerium des Königs selbst Schutzredner und an dem Kriegsminister Aymerich einen treuen Verbündeten fand (f. Ca- lomarde), und die revolutionnairen Unternehmungen der Conftitutionnellen gewissermaßen den Beistand der Apostolischen wünschenswerth machten, so bestraste man blos den zu weit getriebenen Eifer. Capape, Bessieres und der Trappist wurden sogar wieder in Freiheit gesetzt. Sie erkühnten sich jetzt, einige Minister,- unter Andern den gewesenen Kriegsminister Cruz und viele Offiziere der Garde, auch Zea, als heimliche Anhänger des liberalen Systems anzugeben. Pa- terMartinez und der Pater-Provinzial der Jesuiten entschieden in einer deshalb angeordneten Commission, daß von Seiten der Anhänger der Apostolischen keine Gefahr für die Krone vorhanden sei. Der König selbst ward im Theater und von den realistischen Freiwilligen mit dem Geschrei: Es lebe der absoluteste König! Fort mit den Ncgros! empfangen; das Ministerium endlich konnte blos von dem Klerus die nöthigen Geldmittel erhalten: dies Alles erklart die straflose Sicherheit der apostolischen Partei. Zwar behaupteten sich Zea, Zambrano, Infant«-) und andere Gemäßigte 1825 in Ihren hohen Staatsämtern; auch wußte der Polizeiintendant Recacho die ausschweifenden Entwürfe der Apostolischen eine Zeitlang zu vereiteln; allein dennoch pflanzten in Navarra Santos Ladron und der bekannte Trappist die Fahne der Empörung auf mit dem Rufe: Viva ei absolute) Don Oailos V, ^ innera la nasion! Auch in Valencia, Granada u. f. w. wehte die Fahne Karls V. Die Hauptzwecke der zweiten Restauration, welche den Infanten Don Carlos auf den Thron heben sollte, waren die Wiederherstellung der Inquisition und die Einziehung der Güter aller Negros. Nach allen Anzeichen, die Recacho gesammelt hatte, geschah es auf Befehl der Apostolischen, daß jetzt auch Bessieres einen Aufstand organisi'rte, angeblich um den König aus der Gefangenschaft zu befreien, in der ihn sein Ministerium halte. Allein ehe sein Plan ganz zur Ausführung kam, ward er geächtet, vom General Grafen d'Espana mit Truppen umstellt, gefangen genommen und nebst sieben Offizieren erschossen (26. Aug. 1826). Dessenungeachtet wagten es einige Guerilla- sührer in Cervera, der General Chambo in Valencia und die Domherren zu Tolosa, Karl V. als absoluten König auszurufen. Diese und mehre ahnliche Bewegungen wurden zwar unterdrückt; aber nie erreichte der Arm des Richters die Urheber aller dieser Aufstände. Vielmehr gelang es den Apostolischen, den Po- lizciintendanten Recacho zu stürzen, welcher kaum der Wuth des Volks entzogen werden konnte. Unterdessen brach in Catalonien (September 1827) der völlige Ausstand aus. Das Feldgefchrei von-14,666 Rebellen, die sich Agraviados nannten, war abermals: Tod Ferdinand VII.! Es lebe Karl5.! Es lebe die Inquisition! Man schlug Münzsorten mit dem Bildnisse des Infanten und der Umschrift: Karl V., König von Spanien! Eine Junta ward errichtet und eine förmliche Verwaltung im Namen Karls V. organisi'rt. Nach großen Anstrengungen gelang es der Regierung, diesen Sturm zu beschwören. General Espana, 378 Carlyle Carovv an der Spitze von 20,000 Mann Linientruppen, übersiel, trennte und schlug die Aufrührer. Das Meiste bewirkten die persönliche Gegenwart des Königs, der sich zunächst in die Festung Tarragona begeben hatte, eine Amnestie und eine Militair- commission gegen die Widerspenstigen und Gefangenen. Die Amnestie war noch- wendig, weil die tiefere Untersuchung zeigte, daß die Faden des Complotts bis nach Madrid liefen. Jndeß entzweiten sich darüber die beiden Brüder Don Carlos und Don Francisco, wie deren Gemahlinnen, unter sich aufs heftigste. Endlich verließ Ferdinand im April 1828 die Hauptstadt Cataloniens, und der Generalcapi- tain Graf d'Espana unterdrückte mit eiserner Strenge die letzten Zuckungen des karlistischen Aufstandes. Doch kamen hier, in Aragonien und in Navarra noch öfter kleine Banden zum Vorschein, welche Karl V. proclamirten. Nach und nach bezwang der Schrecken die Meuterer, und die Apostolischen, durch Calomarde gewonnen, schlössen sich wieder dem Thron an, zumal da Graf d'Espana nun auch mit blutigem Haß die Constitutionnellen, als angebliche Mitschuldige der Unruhen, verfolgte, und das spanische Cabinet sich späterhin für die Anerkennung des Don Miguel als König von Portugal entschied. Daß der König, den unaufhörlich die Umtriebe der Parteien, der Apostolischen, der Camarilla, der Jesuiten und der Constitutionnellen beunruhigten, selbst gegen seinen Bruder, den Infanten, einiges Mistrauen haben mußte, ist natürlich; es soll sogar ein heftiger Zwiespalt zwischen beiden Brüdern entstanden sein, als der kinderlose, krankliche König im Jahre 1829, bald nach dem Tode seiner Gemahlin Maria Josepha Amalia(17. Mai), den Entschluß faßte, sich wieder (zum vierten Male) zu vermählen, wodurch die Aussicht des Infanten Don Carlos auf die Krone sehr ungewiß wurde. Die Vermählung Ferdinands VII. mit Donna Maria Christiane von Neapel ward am 10. Dec. 1829 zu Aranjuez und am 11. zu Madrid mit großer Pracht gefeiert. Noch während der Anwesenheit der königlichen Altern seiner jungen Gemahlin in Madrid (bis 14. April 1830) ließ der König Ferdinand VII. eine pragmatische Sanktion vom 29. März 1830, die schon Karl IV. auf das Verlangen der Cortes im Jahre 1789 decretirt hatte, am 31. März mit Gesetzeskraft publiciren, durch welche die Hoffnung der Apostolischen und des Infanten hinsichtlich der Thronfolge noch weiter entfernt, wo nicht ganz vernichtet wurde. Diese Sanction hob nämlich das von dem Hause Bourbon in Spanien eingeführte salische Gesetz, welches bisher die Jnfantinnen von der spanischen Thronfolge ausschloß, gänzlich auf und stellte die alte castilische cognatische Linealerbfolge wieder her. Der König von Neapel soll dadurch sehr überrascht worden sein, und die Häuser Orleans, Neapel und Lucca dagegen protestirt habe». Um so weniger fehlte es seitdem an karlistischen oder absolutistischen Bewegungen, selbst in Madrid, wo in der Nacht vom 25. zum 26. Sept. 1830 in der Nahe des königlichen Palastes ein Aufstand ausbrechen sollte, der auf die Gesundheit der hochschwangern Königin einen höchst nachtheiligen Einfluß haben konnte. Die Entdeckung dieses höllischen Planes hatte zahlreiche Verhaftungen zur Folge; allein die Urheber desselben wurden nicht bekannt. Bald darauf, am 12. Oct., ward die Königin von einer Prinzessin entbunden, die als Thronfolgerin den Namen einer Prinzessin von Asturien erhielt, und im Januar 1832 ward dem König eine zweite Jnfantin geboren. Die Plane der Apostolischen für Don Carlos scheinen jetzt für eine Zeitlang in den Hintergrund getreten zu sein. (7) Carlyle, s. Deutsche Literatur im Auslande. Carove (Friedrich Wilhelm), 1769 zu Trier von katholischen Altern geboren, studirte zuerst in Koblenz, wo er schon 1809 Licentiat der Rechte ward. Er erhielt 1811 die Stelle eines Oonseilier-rmlliteur beim Appellationhofe zu Trier, nachher andere Ämter, nahm aber 1816 seine Entlassung, um in Heidelberg Philosophie zu studiren. Kurz darauf ging er mit Hegel nach Berlin, Carrel 379 gabilitirte sich 1819 in Breslau, gab aber schon im folgenden Jahre auch diese Stelle auf. Seitdem lebt er theils zu Heidelberg, theils zu Frankfurt M Main, und hier setzt er seine verdienstliche Wirksamkeit als ausgezeichneter Schriftsteller fort, vorzugsweise auf dem theologischen Gebiete. Von seinen Schriften sind vorzüglich bemerkenswert!): „Religion und Philosophie in Frankreich" (Göttingen 1827); eine Reihe gehaltvoller französischer Abhandlungen, welche die Kunde der religiösen Bestrebungen in Frankreich unter den Jeutschen zu verbreiten geeignet sind und durch C.'s gediegene Anmerkungen und Zusätze einen höhern Werth erhalten haben. „Über alleinseligmachende Kirche" sLTHeile, Frankfurt 1826 und Göttingen 1827). „Was heißt römisch-katholische Kirche? Aus kirchlichen Autoritäten zu beantworten versucht" (Altenburg 1828). In diesen beiden Schriften wird die römisch-katholische Kirche im Verhältnisse zu Wissenschaft, Recht, Kunst, Wohlthätigkeit, Reformation und Geschichte nach vernünftigen Begriffen über Religion und Kirchenthum und nach dm Ergebnissen der Kirchengeschichte richtiger als je vorher beurtheilt, und das Phantom einer alleinseligmachenden Kirche in nichts aufgelöst. Sie zeichnen sich vorzüglich durch eine tiefe, von allem Dualismus entfernte Philosophie aus, wodurch es einzig möglich wird, das System der alleinseligmachenden Kirche von Grund aus zu zerstören. Zwar gehört C. der katholischen Kirche an, er hat es aber aufgegeben, veralteten Kirchenlchren und Erfindungen der Väter durch geschickte Täuschung den Schein des Lebens und der Wahrheit zu erhalten, und es ist ihm vielmehr ein Ernst und gilt ihm als seines Wirkens und Lebens heilige Aufgabe, frei von den Fesseln fremder Autorität, und nur seiner eignen wohlerworbenen Überzeugung folgend, das Reich der Wahrheit und der Liebe immer fester zu gründen. Er gehört daher, wie er sich selbst ausdrückt, der römisch -katholischen Kirche als Einer, die sich für unfehlbar und alleinseligmachend ausgibt, nicht mehr an, seit er die Unmöglichkeit in sich vorgefunden, dieselbe als unfehlbare Lehrerin der Wahrheit anzuerkennen. Diesem erleuchteten Katholiken ist die Katholicität nur jene Bereitwilligkeit, der Wahrheit sich ganz hinzugeben, sobald man derselben, durch wen es immer sei, ansichtig geworden sein möge. Den Protestantismus aber setzt er nur allein in jene Selbständigkeit des Geistes, welche gegen stde von Menschen ausgesprochene Behauptung protestirt, zufolge welcher irgend ein menschliches Individuum, oder eine Kaste, oder selbst eine Kirche, als bevorzugtes, unverbrüchliches Organ der Wahrheit für alle Zeiten angesehen werden soll. In dieser Auffassung sind ihm wahre Katholicität und wahrhafter Protestantismus nur die explicirten Momente der Einen Humanität. Diese Idee einer reinen, freien und allgemein christlichen Kirche, rein von allem menschlichen Ausatz, frei von aller Hierarchie, nur auf Anerkennung der allgemeinen Grundsätze des Chri- ftenthums dringend, nicht lutherisch, nicht zwinglisch, nicht calvinisch, nicht römisch, nicht griechisch, sondern allein christlich, hat C. ausgesprochen und erörtert in der Schrift: „Kosmorama. Eine Reihe von Studien zur Orientirung in Natur, Geschichte, Staat, Philosophie und Religion" (Frankfurt am M. 1831). Seine Schrift: „Der Saint-Simonismus und die neuere französische Philosophie" (Leipzig 1831), ist ein interessanter Beitrag zur Geschichte dieser Partei. Seine neuesten Leistungen sind: „Die letzten Dinge des römischen Katholicismus in Deutschland" (Leipzig 1832) und „Über das Cölibatgesetz des römisch-katholischen Klerus" (Frankfurt am M. 1832), worin er die Ansichten, welche er bereits in der Beurtheilung der drei Hauptschriften über diesen Gegenstand (f. Cölibat) in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kri- tü" (1829) dargelegt hat, weiter entwickelt. (46) Carrel (Armand), aus einer Kaufmannsfamilie stammend, ward um 1800 geboren. In dem feurigen Knaben erwachte früh die Neigung zum / s, 380 Carro Krkegsleben, und gegen seines Vaters Wünsche ließ er sich 1816 als gemeiner Soldat bei einem Regiment anwerben, dessen Oberst den Vater bewog, den Schritt des jungen Mannes zu genehmigen. C. kam in die Kriegsschule zu St.-Cyr, wo er zwei Jahre blieb, und wurde dann zum 29. Infanterieregimente versetzt, das 1820 zu Befort und Beubreisach in Besatzung lag. Als 1820 mehre Offiziere dieses Regiments in die damals angezettelte Verschwörung sich einließen, nahm auch C. Theil, aber so eifrig er die Sache ergriff, so ward er doch nicht so sehr darein verwickelt, daß er sich einer Gefahr ausgesetzt hatte; er blieb bei seinem Regimente, das nach Marseille geschickt wurde. So lange die geheimen Gesellschaften Frankreich gegen das bourbonische Haus aufzuregen hofften, blieb C. in Diensten; als aber alle Hoffnung verloren zu sein schien, nahm er seinen Abschied und trat in das Corps von französischen und italienischen Flüchtlingen, das sich unter Mina in Barcelona bildete. Er nahm anfänglich Theil an dem lebhaften Kampfe gegen die Scharen der Glaubensarmee, und machte darauf mit Mina den beschwerlichen Feldzug in Catalonien. Er theilte das Schicksal der Flüchtlinge, die in Figueras die Waffen strecken mußten, und ward als Gefangener nach Toulouse geführt. Die von Damas unterzeichnete Capitulation wurde gegen C. nicht beobachtet, den man vor ejn Kriegsgericht stellte und zum Tode verurtheilte. Das Urtheil wurde wegen eines Mangels in der Form aufgehoben, und Dasselbe fand bei drei andern Urteilssprüchen statt, bis endlich C. durch die Bemühungen eines beredten Sachwalters seine völlige Lossprechung erlangte. Er ging darauf nach Paris und widmete sich mit Eifer historischen und politischen Studien. Sein erster Versuch war eine Übersicht der Geschichte Schottlands (1825), die zu den historischen re- sumes gehört, aber obgleich leicht erzahlt, aller Kritik ermangelt. Seine „Histoire tle lu. ooiitrerevolution eu ^n^Ieterie sons Oliai-jes II et laohues II" (Paris 183?) gewann besonders wegen der unglücklichen Ähnlichkeit der französischen Austande mit der Lage Englands vor der Revolution, eine lebhafte Theilnahme. C. wurde 1830 einer der Hauptredacteurs des „Nation»!" neben Thiers und Mig- net. Er konnte sich mit seinen Mitarbeitern nicht ganz verstehen, und es wurde beschlossen, daß jeder von ihnen die Hauptredaction ein Jahrlang führen sollte. Gegen Polignac's System focht diese Zeitschrift in der ersten Reihe, nach der Erscheinung der Ordonnanzen gab sie die Losung zum Widerstande, und bei C. wurde die berühmte Protestation der Zeitungsredactoren unterzeichnet; Thiers und Mignet aber, die den Ausgang des bevorstehenden Kampfes nicht voraussahen, unterzeichneten nicht, sondern verbargen sich. C. setzte die Zeitung fort, deren Blatter in den Straßen angeschlagen und auf den öffentlichen Platzen vertM wurden. Nach dem Siege wurden Thiers und Mignet angestellt, C. aber schlug eine Prafectur aus und ward alleiniger Hauptredacteur des „Nation»!". Diese Zeitschrift gerieth bald in Zwiespalt mit den Grundsätzen der öffentlichen Gewalt, indem sie immer entschiedener die Partei der Bewegung nahm, bis sie endlich der Herrschaft des justo milien feindselig entgegentrat. C. hielt es gegen sein Gewissen, dem Könige einen Eid zu leisten, und wollte weder die unter der Nationalgarde ihm bestimmte Ofsizicrstelle noch die Juliusdecoration annehmen. Er erklarte die vor einem gerichtlichen Ausspruche erfolgte Verhaftung der Herausgeber öffentlicher Blatter für gesetzwidrig, und behauptete, daß ein wackerer Mann sich solchen Schritten mit Gewalt widersetzen müsse. Die Juliusrevolution, sagt er, begreife zwei Resultate, die er gegen Alle und Jede vertheidigen wolle: die dreifarbige Fahne als Sinnbild der Mission Frankreichs im Auslande, und die Preßfreiheit als Inbegriff aller Freiheiten im Jnlande, unter jeglicher Regierungsform. Carro (Johann de), der erste Verbreiter von Jenner's wohlthatiger Schutzimpfung auf dem europaischen Continente, ist am 8. August 1770 zu Carro ' - ^ G»nf geboren. Er erhielt dort die ersten Grundlagen seiner Bildung, die er in Edinburg fortsetzte, wo er auch 1793 die medicinische Doctorwürde annahm. Bei seiner Rückkehr fand er seine Vaterstadt in einer den ruhigen Studien nicht günstigen Bewegung, und wandte sich daher 1794 nach Wien, zunächst in der Absicht/ dort durch Benutzung der öffentlichen Heilanstalten den Umfang feiner Kenntnisse zu vermehren, ehe er selbst in das praktische Leben einträte. Die großen Umwälzungen, die in Genf durch den Einfluß nachbarlicher Revolutionen sich begaben, glückliche Erfolge gleich im Anfange seiner selbständigen arztlichen Wirksamkeit, seine Verheirathung mit einer Wienerin aus edelm Geschlechte, bestimmten jedoch C., Wien zu seinem bleibenden Aufenthalte zu wählen, wo er 1796 der Universität förmlich zugeschrieben wurde. Durch gelehrte Verbindungen in Schottland frühzeitig von der Entdeckung des wirksamen Schutzmittels gegen die Ansteckung der Blattern unterrichtet, gab er sich mit vollem Vertrauen der Lehre Ienner's hin, verschaffte sich Impfstoff und seine eignen Söhne waren die ersten, an welchen am 10. Mai 1799 das neue Impf- und Schutzmittel versucht wurde. Der Erfolg war der erwünschteste; die später versuchte wiederholte Impfung mit Menschenblatternstoss blieb ohne Wirkung, und durch einen so glänzenden Beweis überzeugt, bot nun der nie rastende enthusiastische Arzt Alles auf, die neue Sicherung gegen eine der gefährlichsten Pesten recht allgemein zu verbreiten. Alle Staatsbehörden kamen seinem menschenfreundlichen Bemühen entgegen; in der ganzen östreichischen Monarchie erhielten seine „Bemerkungen über die Kuhpockenimpfung" (1803) ofsicielle Empfehlung und bis Indien hin suchte er einer Segnung Eingang zu verschaffen, die an den mannichfachen Entwicklungen des menschlichen Geschlechts in den letzten Decennienso wesentlichen Antheil gehabt hat. Seinem auf Verbesserungen des Jmpfversahrens stets gerichteten Nachfinnen gelang es, ein Mittel zu entdecken, wodurch der Impfstoff flüssig zu Lande bis nach Goa, Ceylon und Sumatra gebracht werden könnte, der bisher zu Wasser nur verdorben dort eingetroffen war. Es gelang, und werthvolle Geschenke des englischen Gouverneurs von Bombay sowie der englisch-ostindischen Compagni? wurden ihm als erfreuliche Anerkennungen für sein Bemühen zu Theil. Am schmeichelhaftesten war ihm eine einfache silberne Dose mit der Aufschrift: lüdevmd lenner to IRin de (Vi-ro, ein Pfand der Freundschaft, wodurch der Entdecker der Vaccine „seinen würdigsten Jünger" ehrte. Mit gleich anerkennenswerthem Eifer verschaffte er sich vom Staatsrath Rehmann, der damals die russische Gesandtschaft nach China begleitete, Sämen vom trockenen oder Bergreis (or^Ä mutica), dessen Acclimatifirung zu den philanthropischen Traumen gehörte, mit denen C. sich trug. Die genaue Kenntniß der französischen Sprache wurde fürC. späterhin Anlaß, an mehren schriftstellerischen Arbeiten theilzunehmen, welche in dem ersten Decennium dieses Jahrs in der östreichischen Monarchie er- Ichienen. Von ihm stammt die französische Übersetzung des „Ostreichischen Plutarchs" und auch dem französischen Theile der „Fundgruben des Orients" blieb er nicht fremd. Besonders lebhaften Antheil nahm er an der zu Genf erscheinenden „Libliotliöcgue britunnchue". Seit 1825 siedelte C. sich nach Prag über und besucht von dort aus regelmäßig während der Badezeit Karlsbad. Auf feinen Antrag wurden dort jene so wohlthatigen Dampfbäder eingerichtet, die in der Nähe der Hygeaquelle ih- wn Platz, fanden. Aufmerksam auf den ersten Brunnenarzt Karlsbads, Wenzel Beyer, erneuerte er sein Andenken durch die Bekanntmachung der Ode von Bolus- laus Hassenstein zu Ehren der Quellen, welche jetzt auf marmorner Tafel am Gebäude des Mühlbrunnens prangt, und durch eine Polyglottenausgabe derselben, die wmer so reichhaltigen Schrift über Karlsbads ältere Geschichte: 1'ode ds in tllermns 0mc>!i IV.", Prag 1829) beigegeben ist. Von C.'s nie 382 ^ Carus rastender Thatigkeit für die allgemeinsten Zwecke laßt sich noch manches sehr Nützliche erwarten. (14) Carus (Karl Gustav), Dr., Hof- und Medicinalrath, Leibarzt des Königs von Sachsen, als Gelehrter, Arzt und bildender Künstler einer unserer bedeutendsten Zeitgenossen, wurde den Z.Jan. 1789 in Leipzig geboren, wo sein Vater die größte und am besten eingerichtete Farberei besaß. Im fünften Jahre wurde er in sein großälterliches Haus mütterlicher Seite nach der damaligen freien Reichsstadt Mühlhausengegeben, wo sein Oheim, der durch mehre chemische Abhandlungen und Übersetzungen bekannt gewordene vr. Jager, mit vieler Liebe seine erste Erziehung wahrnahm. Derselbe begleitete den Knaben im sechsten Jahre nach Leipzig zurück und leitete auch dort noch nebst mehren Hauslehrern seine weitere Ausbildung. Die Umgebung einer großen Farberei mit ihren mannichfachen chemischen Vorrichtungen, die Leitung durch einen Gelehrten, welchen er immer von „ chemischen Apparaten umgeben fand, und dann die hausigen Berührungen mit einem ausgezeichneten Naturforscher, dem jetzigen russischen Hofrath Tilesi'us, welcher noch vor und nach seiner größern Reise nach Portugal in dem Hause seiner Altern als naher Verwandter wohnte, regten mannichfaltig in dem Knaben die Luft an Betrachtung und Erforschung der Natur an. Zumal als Tilest'us von seiner portugiesischen Reise zurückgekommen war, als der Knabe öfters die wunderlichen Seeproducte sah, als seine früh erwachte Liebe zum Zeichnen durch Unterricht und Ermunterung von diesem Naturforscher selbst gefördert wurde, that sich eine solche Neigung immer bestimmter hervor. Zugleich wurden ihm mancherlei anatomische Präparate bekannt, selbst sonderbare Krankheiten lernte er kennen, wie er denn mit Tilest'us die Stachelschweinmcnschen, welche dieser beschrieben und abgebildet hat, besuchte und an dem Jlluminiren der Tafeln zuweilen Antheil nahm. Während er nun die dargebotenen Unterrichtsmittel nach Kräften benutzte, fand sich vorzüglich sein Talent zum Zeichnen durch einen ihm stets die Natur zum Vorbilde anweisenden Lehrer, Namens Julius Dietz, wesentlich gefördert. Da es anfangs der Plan war, der Knabe möchte einst, als einziges Kind, das Geschäft des Vaters fortsetzen, so wollte man ihm die Gelegenheit verschaffen, durch Benutzung einiger Vorlesungen auf der Universität zu Leipzig sich besser auf ein ganz auf chemischen Grundsätzen ruhendes Geschäft vorzubereiten. Man ließ ihn deshalb noch einige Jahre den Unterricht der Thomasschule benutzen, und 1804 wurde er dann in die Zahl der akademischen Bürger aufgenommen. Anfangs hörte er nur Naturgeschichte, Chemie, Physik, Mathematik u. s. w., allein nach einigen Jahren zogen ihn Anatomie und Medicin so unbedingt an, daß der Vater einwilligte, seinem frühern Plane zu entsagen, und den Sohn seit 1800 seinen me- dicinischen Studien überließ. 1811 habilitirte er sich als maxister le^ens, las auch sogleich über vergleichende Anatomie, welche bis dahin auf der Universität noch nicht in besondern Vorlesungen vorgetragen worden war, und setzte diese Vorlesungen fort, als er in demselben Jahre die medicinische Doctorwürde erhalten und mit einer Verwandten mütterlicher Seits sich verheirathet hatte. Überdies war er seit 1810 Assistent des Professor Jörg in dem neuerrichteten Entbindungsinstitute geworden, und da er diese Stelle auch ferner beibehielt, so erweckte dies sein Interesse für Studium der Entbindungskunst und Geschichte und Behandlung der Frauenkrankheiten mehr und mehr. So lebte er seinen zootomischen und gynäkologischen Studien bei einer kleinen ärztlichen Praxis und als Armenarzt eines Stadtviertels, bei seinen Vorlesungen und bei nie aufgegebener Beschäftigung mit der Kunst, in welcher er als Autodidakt seit 1811 sich auch mit der Ölmalerei vertraut gemacht hatte, bis zu dem denkwürdigen Jahre 1818 in seiner Vaterstadt. In dieser Zeit übernahmerein französisches Spital in Pfassendorf, einem Voi- werk bei Leipzig, welches späterhin bei der leipziger Schlacht in Brand geschossen Carus 383 - Mi!« , M W d^ilN' wurde. Er verwaltete dies fünf Monate, ohne selbst zu erkrgnken, erlag aber spä- wr der nach der Schlacht in der Stadt ausbrechenden fürchterlichen Nerven- sirberepidemie, und erstand erst nach fechswöchentlichem schweren Krankenlager, um nun sein schon langer vorbereitetes erstes anatomisches Werk: „Versuch einer Durstellung des Nervensystems und insbesondere des Gehirns" (Leipzig 1814,4.), herauszugeben und mit sechs von ihm selbst gezeichneten und gestochenen Kupfer- lastln zu begleiten. Um diese Zeit erhielt er den Antrag einer Professur in Dor- mt; als aber diese Unterhandlung sich zerschlug, folgte er im Spatherbst 1814 einem Rufe nach Dresden an die daselbst neuorganisirte chirurgisch-medicinische Akademie als Professor der Entbindungskunst und Director der geburtshülflichen Klinik. Zn Dresden, wo die heitere Natur und die reichen Kunstschatze, sowie mancher gelehrte oder kunsterfahrene Freund belebend und anregend einwirkten, entstanden nach und nach mehre bedeutende Werke. Zuerst erschien 1818 sein „Lehrbuch der Zootomie", mit 20 von ihm selbst radirten Tafeln; dann fein „Lehrbuch der Gynäkologie" (2 Bande, Leipzig 1820 u. 1828);, 1824 (Leipzig, 4.) seine von der Akademie zu Kopenhagen gekrönte Preisschrift: „Von den äußern Lebensbedingungen derweiß- und kaltblütigen Thiere"; nicht minder die „Sammlung kleiner geburtshülflichen Abhandlungen (2 Bandchen, 1826); das erste Heft seiner großen, von den besten Künstlern gestochenen „Erläuterungstafeln zur vergleichenden Anatomie", welchen spater noch zwei Hefte gefolgt sind; und 1827 (Leipzig, 4.) machte er feine Entdeckungen „Über den Blutkreislauf der Insekten" bekannt. In diesem Jahre erhielt er die ehrenvolle Ernennung zum Leibarzt bei dem Könige von Sachsen, welche Stelle er, entbunden von der 13 Jahre mit Ehren geführten Professur der Geburtshülse, mit dem Range eines Hof- und Medicinalrarhes annahm. Bei Gelegenheit der Ablehnung eines sehr ehrenvollen und vortheilhaften Rufes nach Berlin ward ihm (1828) der Civilverdienstorden zu Theil, und in demselben Jahre, nachdem er zuvor die Herausgabe der „Grundzüge zur vergleichenden Anatomie und Physiologie" (Z Bandchen, Dresden 1828), wie seines großen Werkes „Über die Ur- Theile des Knochen- und Schalengerüstes" (Leipzig 1828, Fol.), die Frucht zehn- jahrigerForschungen, beendigt hatte, durfte er den Prinzen Friedrich auf dessen Reise nach Italien und der Schweiz begleiten, von welcher Reise er die wissenschaftliche Ausbeute in seinen „Analekten zur Natur- und Heilkunde" (Dresden 1829) bekannt gemacht hat. Obwol seine jetzige Stellung ihm die Verpflichtung zu öffentlichen Vortragen nicht auflegt, so veranlaßte ihn doch der Wunsch eines zahlreichen Kreises von Staatsmannern, Gelehrten und Künstlern, schon im Winter 1827 — 28 Vortrage über Anthropologie, und 1829—30 über Psychologie zu halten. Letztere Vortrage erschienen (Leipzig 1831) im Druck. Außerdem daß nun in diesen Zeiträumen ihn mannichfaltige einzelne naturwissenschaftliche Arbeiten beschäftigten, wn welchen z. B. die der leopoldinischen Akademie" und die „Zeitschrift für Natur-und Heilkunde" mehre enthalten, war auch der Aufenthalt in Dresden seinen künstlerischen Bestrebungen förderlich gewesen. Mehre seinerGemalde befinden sich t Besitze von Gliedern der Regentenhäuser zu Dresden, München, Berlin und Petersburg, und über den höhern Sinn, in welchem ihm die Kunst der Landschaftsmalerei immer erschienen war, sprach er sich in den wahrend der Jahre 1816 — 24 getriebenen und 1831 (Leipzig) herausgegebenen „Briefen über Landschaftsmalerei" ütis. Nur eine ausgedehnte arztliche Praxis unter den höhcrn Standen Dresdens und den vielen dort lebenden Fremden, sowie die Geschäfte der höhern Medicinal- verwaltung, haben in den letzten Jahren seine Thätigkeit nach andern Richtungen engere Schranken gezogen. Wir erkennen in dieser flüchtigen Skizze das reich ausgestattete Leben eines seltenen Mannes, der es in unserer nach Universalität strebenden, aber auch die Oberflächlichkeit begünstigenden Zeit durch die vollstän- 'gste und gründlichste Ausbildung des Geistes zur Virtuosität in mehr als einer 384 Casper Sphäre des menschlichen Wissens und Könnens gebracht hat. Als ein Ehrenbürger und wohl angesessener Grundherr in dem Wiche der Natur und Kunst faßt C. die Natur mit künstlerischem Genius und philosophischem Tiefsinn auf, die Kunst mit aller Liebe eines von der seelenvollen Wahrheit und schöpferischen Fülle der Natur durchdrungenen Gemüthes, und so sehen wir durch eine in unserer Zeit fast beispiellose Begünstigung des Musengottes denselben Mann bald mit dem anatomischen Messer, bald heilbringend am Krankenbette und im Dienste Lucinas, bald mit der Radirnadel, bald mit Pinsel und Palette, bald auf dem Lehrkatheder, bald am Schreibtische dem Geheimniß der Psyche nachforschend und ihren Schleier lüftend gleich vollkommen und immer geistreich und anziehend dastehen. Wenn wir uns erinnern, daß C. sich noch im frischesten Mannesalter befindet, so dürfen wir von seinen herrlichen Talenten noch viele Aufschlüsse über das Leben vom Niedrigsten bis zum Höchsten der Natur, und noch manche sinnige Kunstschöpfung namentlich im Gebiete der von ihm so glücklich behandelten Landschaftsmalerei erwarten, wobei wir nur wünschen, daß es ihm vergönnt sein und gefallen möge, seine glückliche Stellung mehr zu schriftstellerischer und künstlerischer Thatigkeit als zu arztlicher Praxis zu benutzen. (23) Casper (Johann Ludwig), Professor zu Berlin, wurde daselbst am 11. Marz 1796 geboren. Nach vollendetem Gymnasialbcsuch studirte er in Berlin, Göttingen und Halle, und erlangte an letzterm Orte 1619 die Doctorwürde der Medicin und Chirurgie. Nach einer 1820 nach Frankreich und England gemachten wissenschaftlichen Reise habilitirte er sich bei der Universität zu Berlin, wo er seit 1826 als außerordentlicher Professor In der medicinischen Facultät und zugleich als Medicinalrath und Mitglied des Medieinalcollegiums für die Provinz Brandenburg angestellt ist. Außer seinen von vielen Zuhörern besuchten Vorlesungen, namentlich über gerichtliche Medicin und Kinderkrankheiten, wird C.'s Thatigkeit durch eine ausgebreitete arztliche Praxis und durch schriftstellerische Arbeiten in Anspruch genommen, für welche er ein nicht gewöhnliches Geschick besitzt. Schon durch seine Jnauguralschrift: „!)e pklegmMi-i :ckl>a llolente" (Halle 1819), die j erste Monographie dieser Krankheit, zeichnete er sich vorteilhaft aus, jedoch bei ' weitem mehr durch seine „Charakteristik der französischen Medicin, mit vcrglei- s chendem Hinblick auf die englische" (Leipzig 1822), die ihn als einen geistvollen Beobachter kennen lehrte. Spater erschienen von ihm eine Monographie.' „Über die Verletzungen des Rückenmarks in Hinsicht auf ihr Lethalitatsver- haltniß" (Berlin 1823), und die sehr interessanten „Beitrage zur medicinischen Statistik und Staatsarzneikunde" (Berlin 1825), der erste Versuch einer Begründung der medicinischen Statistik, für welche C. noch in spatern kleinen Abhandlungen gewirkt hat. Auch wird das bekannte „Kritische Repertorium der gesamnv ^en Heilkunde" (bis jetzt 30 Bande) von ihm herausgegeben. Nicht minder verdanken ihm frühere Jahrgange der „Allgemeinen Literaturzeitung", der Huft- land'schen „Bibliothek der Heilkunde" und das „Conversations-Lexikon" viele Beitrage. Alles was C. schreibt, zeichnet sich durch eine gewandte, klare, angenehm belebte Darstellung und eine ebenso correcte als leichte Handhabung der Muttersprache aus. Zu Anfang seiner literarischen Laufbahn ließ C., jedoch ohne sick zu nennen, selbst manche schönwissenschaftliche Arbeit im Druck erscheinen, und würde, bei seinem Talent für das Humoristische und Feinkomische, gewiß auch >n dieser Sphäre verdienten Beifall gefunden haben, hatte er es nicht vorgezogen, sie ganz und gar zu verlassen. Wahrend der Choleraepoche gab C. die „Berliner Cholerazeitung" mit Benutzung amtlicher Quellen heraus und war Dirigent eines der größten Cholerahospitaler in Berlin. Auch hier entwickelte er eine grope crsprie^ liehe Thatigkeit, die hauptsachlich gegen die allgemein angewandte Methode d>r Dampfapparate, warmen Bader und heftigen Reizmittel gerichtet war, und da,ur Castiglioni Cean-Bermudez 385 die ausgedehnteste Anwendung der Kälte mit Erfolg in Aufnahme brachte. We- ' U!? nigstens hat sich diefelbe auch andern Ärzten in vielen Fallen bewahrt. Seine Er- ^ " ^^Mrungen über dieft Methode hat E. in seiner neuesten Schrift: „Die Behandlung der asiatischen Cholera durch Anwendung der Kalte" (Berlin 1832), niedergelegt. C.'s jugendliches Alter, Eifer und vielseitige Bildung berechtigen noch zu manchen schönen Erwartungen. (23) Castiglioni (Carlo Ottaviano, Graf)^ gehört zu den namhaftesten Linguisten des neuern Italiens. Aus einem vornehmen mailandischen Geschlechts abstammend, wandte er sich sehr jung einem Kreise von Studien zu, die jetzt in Italien nur allzu lehr daniederliegen, und schon seine ersten Arbeiten gaben dm Beweis von seiner gründlichen Kennerschaft. Durch die Beschreibung der kufischen Münzen im Cabinete der Brera zu Mailand („lVInnete culicbe ckell' I. k. Uuseo <1i lMano", Mailand 1819, 4.) bewahrte er eine Kenntniß der orientalischen Sprachen und Geschichte, die bei dem Mangel vieler Hülfsmittel doppelt zu bewundern ist. Ein betriebsamer Italiener sah zuerst ein, welche Schatze des Wissens in der auch äußerlich so wohl ausgestatteten Beschreibung niedergelegt waren, und schrieb sie nur zu wörtlich in einer „vescri-ione cki alcune mo- nete culiclle ckel Nuseo cki Stefano Nainoni" (Mailand 1829, 4.) ab. C. sah sich zu einer Zurückfoderung seines Eigenthums veranlaßt („Osserva-ioni suII' opera intitolata: vescr. etc.", Mailand 1821), und benutzte diese Gelegenheit, einige dunkle Stellen der orientalischen Münzkunde gelegentlich zu erhellen. Durch gelehrte Arbeiten dieses Werthes war er mit dem literarischen Cook des heutigen Italiens, mit Angelo Mazo, in Beziehung getreten, und wurde daher von ihm zur Mitherausgabe der Fragmente des Ulphilas aufgefodert, die Majo 1817 unter den Palimpfesten der ambrosianischen Bibliothek entdeckt hatte. Mit der Jahrzahl 1819 erschienen sie („IKpbiia partium ineckitarum in ^mbroziams?alimpsestis ab ^NF. Nago repsrtarum consimctis curis ejnsckem Uchi et 9ar. Octav. (lastilionaei eckitum", Mailand 1819, 4.), kamen aber erst spater in die Hände der Sprachforscher, die über ihren Werth sich mit einstimmiger Anerkennung ausgesprochen haben. Die beigegebenen meist von C. herstammenden Excurse vermehren den Werth dieser Ausgabe, die darthat, wie heimisch er auch auf diesem Gebiete der Gelehrsamkeit war. Leider ist diese Arbeit mit Ausnahme der Erklärung eines zu Mantua gefundenen Grabcippus mit Urschkiinschrift, der jetzt sich im Besitze des Marchese Guerrieri Gonzaga befindet („Libl. ital.", April 1825), seine letzte geblieben, denn Kränklichkeit verkümmerte schon damals ein Leben, das der Wissenschaft noch so reiche Aufschlüsse versprach. (14) Cean - Bermudez (Juan Augustin), ein ausgezeichneter spanischer Kunsthistoriker, wurde 1749 zu Gizon, einer kleinen Hafenstadt Asturiens, von armen Altern geboren. Bis zu seinem sechzehnten Jahre ward er in dem Jesuiten- rollegium zu Oviedo erzogen. Der berühmte freisinnige Jovellanos war sein vertrauter Freund und Beschützer. Mit diesem lebte er zwei Jahre zu Alcala und Sevilla den Wissenschaften und ging 1778 mit ihm nach Madrid, wo Jovella- aos eine Zeitlang die Stelle eines Oberrichters verwaltete. Die beiden Freunde °Mben sich spater nach Sevilla zurück, und die herrlichen Denkmäler dieser Gstadt lenkten C.'s Geistauf die Studien, in welchen er sich später so sehr auszeichnete. Er nahm Unterricht im Zeichnen, in der Baukunst und Anatomie, und >rut Hülfe einiger Lehrer gelang es ihm, eine Kunstakademie zu gründen, die später om Könige ausgestattet wurde. Von Jovellanos ermuntert, ging er nach Madrid, w sich von Rafael Mengs unterrichten zu lassen, genoß aber nur kurze Zeit die narl!^ Meisters, der bald wieder nach Rom zurückkehrte. Als Jovellanos ' ch der Hauptstadt berufen wurde, verschaffte er feinem Freunde eine Stelle bei 6°nv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 25 liD'i 386 Celles der Karlsbank; 1790 aber erhielt C. den Austrag, das Archiv für die indischen Angelegenheiten zu Sevilla zu ordnen. Er brachte sieben Jahre damit zu und erhielt als Beweis der Zufriedenheit mir seinem Fleiß und Talent eine Secretairftelle bei dem Rathe von Indien zu Madrid. Als Jovellanos durch den Einfluß der Obscu- ranten verbannt wurde, verlor auch C. seine Stelle und lebte von nun an zu Sevilla seinen frühern Arbeiten am Archiv, bis er sich zuletzt mit einer kleinen Pension in den Ruhestand zurückzog und nun ganz den Wissenschaften weihte. Er gab 1800 zu Madrid sein „Diccicmario kistorico cke los inas illustres prot'essores las Kellas artes eu Lspana" in 6 Banden heraus. Darauf erschienen zwei für die Geschichte der Baukunst wichtige Werke, die Beschreibungen der Domkirche zu Sevilla („Descripcion artistica tle!a cateckral tle Sevilla", Sevilla 1894) und des Hospitals del Sang're („Descripcicm artistica ar Nelckor cke llovellanos" (Madrid 1814) ein Denkmal. In seinem „Dialo^o sobre ei arte cke la piutura" (Sevilla 1819) laßt er Murillo und Mengs ihre Ansichten über den Unterricht in der Kunst entwickeln. Er beschloß seine Laufbahn mit der Herausgabe einer Geschichte der Baukunst in Spanien („l>loticia tle los arguitectos arguiteetura tle Vspana", 4 Bde., Madrid 1829, 4.), worin er eine von Llaguno y Amicola hinterlassene Handschrift, die mit den Jahren 1734 schloß, umgearbeitet, vervollständigt und ergänzt hat. Er starb in demselben Jahre, und hinterließ außer andern handschristlichen Werken eine Geschichte der römischen Alterthümer in Spanien, die unter der Aufsicht der historischen Akademie auf königliche Kosten gedruckt wird. Celles (A. C.Fiacre Visher, Graf de), ist aus einem der ältesten und angesehensten Hauser Brabants entsprossen und wurde zu Brüssel 1789 geboren. Er erhielt eine sorgfältige Erziehung, und den höhern wissenschaftlichen Unterricht auf Universitäten Deutschlands und Italiens. Seine Jugend verfloß unter mancherlei Zerstreuungen in dem Leben großer Städte. Obgleich C. mehr Werth darauf setzte, ein liebenswürdiger und feiner Weltmann zu heißen, und seine Richtung eine oberflächliche, belletristische war, so hatte er doch, als einer der Magnaten Belgiens zu wichtigen Stellen berufen, sich einigermaßen auf Rechtsgelehrsamkeit und Regierungskunst gelegt. Die vornehinen Verbindungen, in welche er wahrend der Kaiserzeit kam, namentlich das Verhalcniß zum General Gerard, weicher sein Schwager wruoe, verschafften ihm zu Paris Einfluß, und er hatte als Mitglied der ersten Deputation, welche die Provinz Brabant an den Kaiser Napoleon gesandt, die Augen defsilden^auf sich gezogen. Gleich nachher warb er Mitglied des Municipalcons.ils zu Brüssel, und einige Zeit später mir derOrgansia- tion des Hospitiums der Greise, des Zuchtdauses zu Vilvorde, der Vaccinationspropa- ganoa u,s. w. beauftragt, wooei.rThatigkeirund Kenntniß entwickelte. Darauf trat er 1.806 als Auditor des Staatsrates und Requ tenmeister in des Kaisers unmittelbare Dienste uno erhielt die Würde eines Prafecten der untern Loire. Er erwarb sich auf diesem schwierigen Posten Verdienste durch seine Bemühungen für Straßem und Brückenbau, für Herstellung von Kirchen in der verheerten Vendee, durch Gründung des Lyceums, der Börse, des Bibliothekgebäudes, des Naturaliencadi- nets, des botanischen Gartens und der zahlreichen Quais zu Nantes. Zu Ende des Jahres 1810 war ihm die Stelle eines Präfecten der Zuydersee anvertraut, und in dieser setzte er sich Denkmale von einer ganz verschiedenen Natur. Wenn wir die vielen Hindernisse auch in Rechnung bringen wollen, mit welchen er in ei- nem, französisches und belgisches Wesen hassenden, eroberten Lande voll starar Celles 387 Mionalvorurtheile und stolz auf alten Ruhm und alte Erinnerungen, zu käm- vlen hatte, so muß doch Mch von dem blindesten Gegner der Hollander und ihres Charakters zugegeben werden, daß C. Alles gethan hat, um das Volk, selbst wenn es das geduldigste von der Welt gewesen wäre, gegen sich zu erbittern und aufzureizen. Er waltete mit unbeschrankter Willkür, übertrieb die Instructionen seines Herrn und vollzog alle Gesetze und Verordnungen mit der feindseligsten Auslegung. Weit entfernt von der seinem Posten so natürlichen und durch die besondern Localverhältnisse doppelt gebotenen Politik, den Franzosen hei den Eingeborenen vergessen zu machen, verrieth er ohne allen Rückhalt bei jedem Änlaß seine innerste Gemüthsstimmung der schneidendsten Verachtung und Verhöhnung der Hottandischen Nationalsitten und Nationaleigenthümlichkeiten. Wenn der Haß der Einwohner in spatern Tagen, wo sein Regiment nicht mehr zu fürchten war, mit Anklagen der fürchterlichsten Art wider ihn auch allzu weit gegangen ist, so gibt es doch eine große Zahl constatirter Thatsachen, welche man ihm als Prafecten von Südholland vorwerfen kann. Am empörendsten war seine Härte bei dem Rccrutirungswcsen. Als der Volksaufstand in Amsterdam mit unvorsichtiger Übereilung ausgebrochen, schwebte sein Leben in großer Gefahr; bereits war er jedoch, als die Bewegung eine Zeitlang ins Stocken gerieth und eine Reaction von Seite der herannahenden französischen Truppenmassen stattzufinden drohte, im Begriff, sich an den Holländern zu rächen, als die ersten russischen Tmppenabtheilungen den Besorgnissen des Landes ein Ende machten. C. eilte nach Frankreich. Hier schienen sich ihm, dem Vielerprobten, neue Bahnen zu energischer Thätigkeit öffnen zu wollen, als der Sturz Napoleons auch seiner Wirksamkeit ein Ziel fetzte. Nach der Bildung des Königreichs der Niederlande wurde er Mitglied der Provinzialstaaten von Brabant, auf welche er alsbald großen Einfluß gewann; dann trat er als Abgeordneter in die zweite Kammer der Generalstaaten und erschien in dieser Eigenschaft meist in den Reihen der Opposition, ohne ein besonderes und festes System, je nach Interesse oder Leidenschaft bald den Philosophen, bald den Priesterfreund vorzugsweise herauskehrend. Diese Rolle setzte er bis zu der Zeit fort, wo die Concordarfrage einen der Hauptgegenstände des Tages zu bilden begann. Er wußte sich hierbei so bedeutend zu machen und seine diplomatischen Fertigkeiten so geschickt ans Licht treten zu lassen, daß der König, den Warnungen seiner getreuesten Räche zum Trotz, ihn nach Rom schickte, um die streitige Sache mit dem Papste zu einem ehrenvollen Vergleich zu bringen. C. täuschte die Regierung und ließ sich, von den Apostolischen Belgiens bereits früher gewonnen, wie man behauptet, durch eine Summe von einer halben Million Francs besteche^ um das aller- nachtheiligste Concordat, welches die neuere Zeit in der Geschichte der Unterhandlungen mit Rom gesehen, mit einer scheinbaren Unvorsicht abzuschließen, welche sich, der eigenthümlichen Verwickelungen, Incidenzien und Clauseln willen, und weil der König, durch geheime Versprechungen der Curie verlockt, persönlich durchgegriffen und hinter dem Rücken seines Staatsrates voreilig unterschrieben hatte, auch einen geheimen Artikel eingegangen war, durch alle spätem Verfügungen und Auslegungen nicht wieder gutmachen ließ. Der allgemeinste Unwille sowol der liberalen als der ministeriellen Partei empfing den Verräther der kirchlichen Nationalfreiheiten bei feiner Wiederkehr nach den Niederlanden; nichtsdestoweniger wußte er, nachdem die berüchtigte Union sich gebildet, das öffentliche llrtheil der Opposition nach und nach in solchem Grade zu verwirren und zu seinen Gunsten, besonders mit Hülfe der katholischen Abtheilung, umzustimmen, daß es plötzlich als einer der Koryphäen der belgischen Freiheitsanwalte angesehen wurde, und seinem Monarchen allen nur ersinnlichen Schaden zufügen konnte. Und den- nock wagte er es, nach allem Vorangegangenen, 1829 Unterhandlungen mit der 25^ ''st 383 Censur Chalmers (Thomas) Regierung anzuknüpfen, und für eine Minlstersrelle, verbunden mit Lehon und de Brouckere, derselben seinen Beistand zu Schwächung der übrigen Opposition anzutragen. Das Triumvirat scheiterte, wie bekannt, an van Maanen's loyaler Starrheit und C. setzte darauf alle Hebel in Bewegung, welche bei seinen geheimen Verbindungen mit Paris und mit den Hauptern der Apostolischen ihm zu Gebote standen. Beim Ausbruche der Revolution erklärte er sich früh genug für dieselbe, lavirte jedoch gleichwol noch einige Zeit, bis der Ausgang der letzten gemeinschaft- , liehen Generalstaatensitzung im September ihn bestimmte, ganz und entschieden Partei für jene zu ergreifen. Als C. von dem gleich verhaßten Staffart, seinem Freunde und ehemaligen Collegen in der Satrapie, begleitet, aus dem Wagen stieg, um in die Halle der Nationalrepräsentanten zu treten, konnte der allgemeine Volksunwille kaum von Gewaltthätigkeiten abgehalten werden. Die erste Periode der Revolution ließ ihn ohne ostensible Thätigkeit und ohne besondere Auszeichnung, da das jüngere Geschlecht mit seiner gewaltsamen Begeisterung sich so hastig vordrängte und den alten Meistern die für sie bereit gehaltenen Plätze wegnahm. Allein nach den vier Tagen in Brüssel suchte man geübtere diplomatische Talente, wie das seinige, und C. erhielt, nicht ohne geheimen Verdruß, die zweideutige Auszeichnung, unter Van de Weyer, dessen Feinheit größer als sein Much gewesen, als Präsidenten, das diplomatische Comite zu zieren. Von dieser Zeit an ward er meistens zu Missionen nach Paris gebracht, in welchen er seine ganze alte Fertigkeit wieder zu bewähren verstand und für den neugebildeten Staat und dessen Revolution unter den vorwaltenden Umständen alles Mögliche leistete. (33) Censur, s. Preßfreiheit. Chalmers (Georg), geb. 1742 zu Fochabers in der schottischen Grafschaft Moray, studirte zuerst in Aberdeen unter dem berühmten Reib, und später die Rechte in Edinburg. Er ging darauf nach Nordamerika, wo er bis zum Ausbruche der Revolution als praktischer Rechtsgelehrter lebte. Nach seiner Rückkehr ließ er sich in London nieder, und seine ausgebreiteten Kenntnisse der Handels- und Colo- nialverhältnisse verschafften ihm eine Stelle bei dem Handelsministerium (Board ol trade), die er 39 Jahre lang bekleidete. Er starb 1825. Er schrieb unter andern statistischen Werken: „Bolitical annals ol tlle united colonies" (London 1789,4.) und „Orr tlie compatlve stren^tli ok (lreat Britain duririF tlle ^iresent and tour 1>recedinF rei^us" (London 1782 und 1786). Sein Hauptwerk aber ist „(Ale- donia, or a topograjAneal tnstor^ ol Nortli IZritain" (4 Bände, Edinburg 1897,4.). Es enthält gründliche Untersuchungen über die ältere Geschichte Schottlands, besonders auch in Beziehung aufPinkerton'sHypothesen über den Ursprung der Pikten, und ist reich an vielfältiger Belehrung Er gab 1799 in zwei Bänden eine „Oollection of treaties iietvveen <7reat Britaiu and otller powers" heraus. Unter seinen biographischen Werken ist die Lebensgeschichte des berühmten Verfassers des Robinson Crusoe, Daniel de Foe (London 1799) auszuzeichnen, und seine in demselben Jahre erschienene Biographie des Thomas Paine machte viel Aufsehen. Die Werke des schottischen Dichters Allan Ramsay gab er 1899 mit einer Biographie desselben heraus, und 1896 die Gedichte des Schottländers Sir David Lyndsay. An dem Streite über den von Jreland bekannt gemachten angeblichen Nachlaß Shakspeare's (1796) nahm er lebhaften Antheil und vertheidigte dessen Echtheit. Chalmers (Thomas), einer der geachtetsten Theologen der presbytc- rianischen Kirche und der berühmteste Prediger Schottlands, wurde 1779 geboren. Er erhielt nach Vollendung seiner akademischen Studien ein Pfarramt, und sein Rednertalent wurde bald so bekannt, daß man ihn nach Edinburg berief, bis ihm endlich eine einträgliche Predigerstelle in Glasgow verliehen ward. Als er 1823 eine Reise nach London machte, predigte er mehrmals vor einer unermeßlichen An- Charte, französische, von 1830 389 zahl von ZuHörem. Als eine Anerkennung seiner Talente erhielt er die Professur derMoralphilosophie inSt.-Andrews. Gedankentiefe und kraftige Beweisführung, Fülle der Beredtsamkeit, eindringende Sprache und ein reicher Fluß der Rede sind die Eigenschaften, welche ihn als Prediger auszeichnen. Wie sehr auch der innere Gehalt seiner Reden den Beisall erklaren mag, den seine Predigten in London fanden, so hat doch nicht weniger der Umstand dazu beigetragen, daß der in der presby- terianischen Kirche herrschende Gebrauch freier Vortrage, der seine glanzende Rednergabe so glücklich unterstützte, gegen die Vorschrift der bischöflichen Kirche, die Predigten abzulesen, vortheilhaft abstach und das in neuerer Zeit lebhafter erwachte religiöse Bedürfniß mehr befriedigte als der eintönige Vortrag der anglikanischen Geistlichen. Er folgt jedoch nicht dem Gebrauche der methodistischen Prediger, die, nach Whitesield's Beispiel, ihre Reden gar nicht aufschreiben, sondern predigt gewöhnlich nach einem Manuscripte. Unter seinen theologischen Schriften hat ihm besonders seine Schrift: ,,4tre evickence und nutlrorit^ ok tlre clrristinn reve- Ut !ou "(Edinburg 1817), einen Namen gemacht. Einige seiner Predigten erschienen unter dem Titelt „Lermons preaciieck nt tlre IVon clrurclr". Er ist ein strenger Versechter der presbyterianischen Lehre und der Verfassung feiner Kirchengemeinde. Ergab auch verschiedene politische Schriften, z. B. ,/Lir in^uir^ into tlre extent uull swbilit^ vi national revenne", heraus, und vertheidigte die in Schottland übliche, von den Kirchspielältestcn geleitete Armenpflege gegen die vorgeschlagene Einführung der Armensteuer, deren Nachtheile er aufzuzeigen suchte. Charte, französische, von 1830. Die sogenannte consiitutionnelle Charte, die Ludwig XVIII. nach seinerRückkehc dem französischen Reiche am4.Jun. 1814 gab, hatte ein Grundgebrechen, das die Freunde der Volksfreiheit nie mit ihr versöhnen konnte; sie war nicht durch Übereinkunft entstanden, nicht auf den Grundsatz der ursprünglich vom Volke ausgegangenen Obergewalt gebaut, sondern die Volksrechte wurden nur als eine von der Fürstengnade „in freier Ausübung der königlichen Gewalt" gewahrte Bewilligung ertheilt, nach dem Sinne der Anhänger des Alten abhangig von dem Willen des Herrschers. Nachdem Ludwig das von dem französischen Senate übergebene Grundgesetz H, nach welchem das französische Volk den Prinzen frei auf den Thron berief, am 2. Mai 1814 zurückgewiesen, aber ausdrücklich eine repräsentative Verfassung verheißen hatte, erklarte er, der König von Frankreich und Navarra, „im neunzehnten Jahre seiner Regierung", daß er, „im vollen Besitze aller ihm auf das Königreich angestammten Rechte", der „ihm von Gott und seinen Vätern verliehenen Macht" selbst Grenzen setzen und auf den „geheiligten Grundlagen der alten Monarchie" ein dauerhaftes Staats- gebaude errichten wolle. So sollten sich alle Rechtsgvwährungen, die nach dem Gebote der Zeit nun einmal nicht zurückgehalten werden konnten, an den Grundsatz des göttlichen Herrscherrechts knüpfen, den la-nge vor der Revolution schon die geläuterten Grundsätze des öffentlichen Rechts umgestürzt hatten, aber eben dadurch auch nur eine schwankende Grundlage erhalten. Lag in diesem Gebrechen allein schon der Grund, daß das französische Volk, wie bald genug offenbar wurde, Vicht zum vollen Genüsse einer repräsentativen Verfassung gelangen, daß die Charte nicht eine Wahrheit werden konnte, so knüpften sich an ihren Ursprung noch andere schmerzliche Erinnerungen: die Wiege der neuen Verfassung war von fremden Bayonnetten umgeben gewesen, Ludwig, hatte den Stolz der Franzosen durch die Erklärung verletzt, daß er nächst Gott EnglandchBeherrscher seine Krone verdanke, und das ruhmvolle Banner, das den Sieg in alle Länder Europas und in fremde Welttheile getragen hatte, ward in demselben Jahre zertreten, wo die Lilien wieder ausblühten. Die 15 Jahre der Restauration waren ein steter, heimlicher oder ') S. „Europäische Constitutionen j / Leipzig 1817) Bd.1, S.W fa. 39V Charte, französische, von 1830 ' offener Kampf der Machthaber wie des Volkes gegen die 1814 eingeführte Staatsordnung. Der zurückgekehrte Fürstenstamm war nicht fähig, sich mit den Grundsätzen der Verfassung und der Verwaltung, deren Anerkennung das Zeit- bedürfniß gebieterisch vorschrieb, zu versöhnen und sich mit dem Volke aufrichtig zu verständigen. Der Urheber der Charte selbst hatte zu wenig Festigkeit, seiner Einsicht und seinen Gesinnungen gegen die Ansichten und Vorurtheile einiger Glieder seiner Familie und gegen die ungeduldige Zudringlichkeit des Hofadels und der Priester standhaft treu zu bleiben, und er wurde bald auf die Seite der Partei gedrängt, die selbst das Scheinbild einer Repräsentativverfassung, das man hingestellt hatte, nicht dulden wollte. Kaum hatte die Charte die Grundsätze der neuen Staatsordnung ausgesprochen, als es sich in beunruhigenden Erscheinungen ver- rieth, daß die heimgekehrten Freunde der alten Willkürherrschaft, die Verfechter aufgehobener Vorrechte, verbunden mit den im Lande gebliebenen Freunden des Adelthums und der Prieftermacht, Alles aufbieten wollten, die feit 1789 gegründeten Staatseinrichtungen, welche die Charte als öffentliches Recht anerkannt hatte, zu erschüttern. Das neue Grundgesetz, in den meisten Fällen unbestimmt und der Willkür Raum gebend, wurde durch Ausnahmegesetze entkräftet, die Freiheit der Gedankenmittheilung, welche die Charte feierlich zu den Rechten der Franzosen rechnete, durch die Anordnung einer drückenden Censur aufgehoben; noch, wendige, durch die Grundsätze einer Repräfentativverfassung gefederte Einrichtungen, Gemeindeordnungen und gesetzliche Sicherung der Verantwortlichkeit der Minister, wurden nicht gegeben, und endlich verletzte die siebenjährige Erneuerung der Wahlkammer noch mehr das Wesen der Repräfentativverfassung. Diese drohenden Versuche vereinigten immer mehr die verschiedenen Parteien, welche einig in dem Grundsatze waren, die Freiheit des Volkes durch Grundgesetze zu sichern, so sehr sie in ihren Ansichten über den Umfang der Beschränkungen der Gewalt des Monarchen abwichen, und zu ihnen gesellte sich die Partei, welche aller monarchischen Gewalt abhold war. Als nun die Verordnungen vom 55. Jul. zu einem Widerstande gereizt hatten, der in seinem glücklichen Fortgange ein Kampf gegen den Herrscherstamm werden mußte, war nach dem Siege (f. Frankreich) die erste Angelegenheit, der Volksfreiheit eine sichere Grundlage zu geben. Die Männer, welche die Leitung der Bewegung in die Hand genommen hatten, fühlten das Bedürfniß, die erschütterte Staatsgewalt schnell zu befestigen und einen Damm gegen die Gesetzlosigkeit zu errichten. Am erreichten Ziele wurden zwar mehre Stimmen laut, welche durch kräftige Gründe den Zweifel unterstützten, ob die Wahlkammer die Vollmacht habe, ein anderesHerrschergeschlecht auf den Thron zu setzen und ein neues Grundgesetz einzuführen, indem sie ihr bloß die Besugniß zuschrieben, ein einstweiliges Wahlgesetz anzunehmen, um die Erwählung neuer Abgeordneten herbeizuführen, die umfassende Vollmachten zur Neugestaltung des Staats erhielten; es siegte aber die Meinung Derjenigen, welche die Freiheit des Volkes hinlänglich zu sichern glaubten, wenn die Charte von 1814 durch einige Veränderungen den Charakter einer Gnadenbewilligung verlöre, und diejenigen Satzungen derselben, welche die gewährten Rechte den Eingriffen der Willkür bloßstellten oder mit dem Grundsatze des ursprünglichen Volksrechts im Widerspruch standen, aufgehoben und die Rechte der Kammern klar bestimmt und kraftig verbürgt würden. Von diesen Ansichten gingen die Berathungen über die Veränderungen der Verfassungsurkunde aus, welche am 6. Aug. in der Deputirten- kammer eröffnet wurden. Die Charte von 1814 sprach schon in ihrem Eingange den ihr eigenthümlichen Charakter aus, indem sie die ertheilten Bewilligungen ausdrücklich auf die „ehrwürdigen Denkmäler der vergangenen Jahrhunderte" gründen zu wollen erklärte, und den Grundsatz aufstellte, daß in Frankreich alle Gewalt guf der Person des Königs beruhe, obgleich die Könige aus Capet's Geschlecht oft Charte, französische, von 1830 391 Veranlassung gefunden, die Ausübung derselben nach den Bedürfnissen der Zeit zu bestimmen, wie denn Ludwig XIV. durch mehre Verordnungen, deren Weisheit noch unübertroffen sei, fast alle Zweige der Staatsverwaltung geordnet habe. Die wesentlichen Bestimmungen der Charte, die mit den Grundsätzen, auf welche hie neue Staatsordnung gebaut werden sollte, in Widerspruch standen, waren die Festsetzung einer Staatsreligion, die ungenügende Bürgschaft der freien Gedankenmittheilung, der ausschließend dem Konige zugesprochene Vorschlag zu Gesetzen, hie Heimlichkeit der Verhandlungen der Pairskammec, die dem Könige vorbehaltet Befugniß, außerordentliche Gerichte (Prevotalhöse) einzusetzen, im Widerspruch mit dem erklarten Grundsatze, daß Niemand seinem ordentlichen Richter entzogen werden solle, und endlich die, in ihrer Unbestimmtheit gefahrliche Satzung (Art. 14), auf welche die Gesetzmäßigkeit der verhängnisvollen Ordonnanzen ausdrücklich war gegründet w-orden, daß es zu den Rechten des Königs gehöre, die zur Vollziehung der Gesetze und zur Sicherheit des Staats nöthigen Verfügungen zu geben. Am 7. Aug. wurden die Berathungen über die Veränderungen der Charte geschlossen und in einer Erklärung der Deputirtenkammer zusammengestellt, welcher die Pairskammec an demselben Tage beitrat. Diese Erklärung, die das neue Staatsgrundgesetz bildet, wurde von dem zum Thron berufenen Herzog von Orleans am 9. Aug. als Vereinigungsvertrag (siucte ck'ulliunce) mit dem Volke feierlich angenommen und dadurch die Staatsordnung gegründet.— Die neue Charte vom 7. Aug. unterscheidet sich von der frühern, deren Eingang sie ganzlich wegschnitt, durch folgende Bestimmungen. Der sechste Artikel der alten Charte, welcher den römisch-katholischen Glauben zur Religion des Staats erklärte, wurde unterdrückt, dagegen aber wird im siebenten Artikel, der von den aus dem öffentlichen Schatze zu empfangenden Gehalten der Diener der christlichen Con- Monen spricht, nur beiläufig angeführt, daß die Mehrheit der Franzosen der katholischen Religion zugethan sei. Die Freiheit der Presse wird durch die ausdrückliche Satzung gesichert, daß die Censur nie wieder eingeführt werden soll. Der König kann zwar die zur Vollziehung der Gesetze nöthigen Anordnungen erlassen, doch ohne je weder die Gesetze selbst außer Kraft setzen, noch von der Vollziehung derselben befreien zu können, und es wird zugleich ausdrücklich festgesetzt, daß fremde Truppen auf keinen Fall anders als kraft eines Gesetzes, folglich nur mit Zustimmung der Kammern, in den Dienst des Staats aufgenommen werden können. Das Recht, Gesetze vorzuschlagen, wird dem Könige, der Pairskammec und der Wahlkammer gleichmäßig beigelegt, wählend der Kammer früher nur das Recht zustand, den König um den Vorschlag zu einem Gesetze zu bitten. Die Sitzungen der Pairskammec sind öffentlich. Die ursprüngliche, später aufgehobene Verfügung der Charte, nach welcher die Deputirten auf fünf Jahre gewählt werden sollten, wurde wieder hergestellt. Das zum Eintritt in die Deputirtenkammer erfoderliche Alter wurde von 40 Jahren auf 30 herabgesetzt, während für die Ausübung des Wahlrechts ein Alter von 75 Jahren bestimmt ward. Die Präsidenten der Wahlcollegien, deren Ernennung früher dem Könige zustand, werden von den Wählern ernannt, und der Präsident der Wahlkammer, den der König ^ früher aus fünf vorgeschlagenen Mitgliedern wählte, wird durch Stimmenmehrheit erwählt. Die Verantwortlichkeit der Minister sichert bestimmter die Verfügung, welche der Wahlkammer das Recht gibt, sie vor der Pairskammec anzuklagen, ohne den Grund der Anklage, wie früher, blos auf Vcrrath und Erpressungen zu beschränken. Die Errichtung außerordentlicher Gerichtshöfe, unter welchem Namen es auch sein möge, wird für gefetzwidrig erklart. Bei den Bera- thungen über die Veränderungen der Verfassung hatten mehre Stimmen in und außer der Kammer die Aufhebung der Erblichkeit der Pairswürde als einer mit der neuen Ordnung der Dinge unverträglichen Einrichtung gefodert, die überwiegende 392 Chass« Mehrheit aber wollte nicht neue Zwietracht aufregen, und gewahrte jenen Stimmen nur eine Hoffnung, indem sie entschied, daß der Artikel der Charte (23), welcher über die Ernennung der Pairs sprach, 1331 einer neuen Prüfung unterworfen werden sollte, deren für die Widersacher der Erblichkeit günstiges Ergebnis denn auch die alte Charte noch mehr verändert hatt (S. Frankreich.) Chasle (David Heinrich, Baron von). Dieser merkwürdige Mann, welcher durch seine Entschlossenheit und Beharrlichkeit in einer der schwierigsten und gefahrvollsten Zeitlagen seinem Vaterlande das wichtigste Bollwerk erhielt und den niedergesunkenen Much der holländischen Nation neu erhob , sowie den Angelegenheiten derselben eine unvermuthet günstige Wendung gab, ist der Sohn eines Majors in münsterschen Diensten und ward 1765 zu Thiel in Geldern geboren. Früh schon folgte er der Fahne und trat als Cadet in niederländischen Kriegsdienst. Ein feuriger Jüngling mit keck anstrebendem Sinn und nur dein Zuge eines begeisterten Gemüthes sich hingebend, schlug er sich in den Wirren, welche sein Vaterland zerrütteten, zur Partei der Patrioten und flüchtete sich nach.der Niederlage derselben, in Folge der preußischen Dazwischenkamst, nach Frankreich, wo er bald daraus Dienste nahm. Die Revolution gab ihm Gelegenheit genug, sich auszuzeichnen, und schon 1793 ward er zum Oberstlieutenant befördert. Mouqueron, Stade und Hooglede waren Zeugen seiner Tapferkeit. Mit Pichegru's Lager kehrte er, noch in demselben Jahre, nach seinem Vaterlande zurück und machte im folgenden den Feldzug in Deutschland unter General Daendels mit. Drei Jahre später, bei dem Einfall der Engländer in Nordholland, leistete -er an der Spitze einer Abtheilung Jäger mehre Stunden lang einer überlegenen Anzahl Feinde hartnäckigen Widerstand. Nach dem Abzüge der Briten wurde er noch einige Male bei der Armee in Deutschland angestellt. In den Jahren 1395 und 1806 stritt er, gemeinschaftlich mit Dumonceau, gegen die Preußen. Seinen Hauptruhm jedoch erwarb er m dem spanischen Kriege, durch seine große Gewandtheit und den ungewöhnlichen Muth, den er in den Bayonnetgesechten zu entwickeln wußte. Aus dieser Ursache erhielt er denn auch den Zunamen des „Bayonnetgenerals", wie es heißt, von Napoleon selbst. K. Ludwig Napoleon hatte C. den Oberbefehl über die holländischen Truppen in Spanien aufgetragen, welche 1803 nach diesem Lande gesendet wurden. Trotz den größten Mühseligkeiten, auf ungangbaren oder zerstörten Straßen, über unzugängliche Berge, steinige Wildnisse, steile Felsen und schauerliche Klüfte, aller Lebensmittel beraubt, der Wuth erbitterter Insurgenten täglich bloßgestellt und von Gefahren aller Art umringt, bahnte er sich, nachdem die verzweiflungsvolle Gegenwehr der Provinz Biscaya gebrochen worden, den Weg nach Madrid. Der 15. März bei Almanarez und Metos de Jvoy, sowie der 27. und 28. bei Eiudad Real lieferten die Haupttrophäen von C.'s Ruhm. Die Schlacht bei Ocana verschaffte ihm den Titel eines Barons, den Besitz einer Domains mit 5000 Fl. jährlicher Einkünfte und das Commandeurkreuz des Ordens der Union. Diese Beweise von Anerkennung spornten ihn zu noch Tüchtigerm. In einer Bergschlucht der Pyrenäen rettete er durch seine Entschlossenheit das Armeecorps des Generals Erlon; hierauf verlieh ihm Napoleon das Ofsizierkreuz der Ehrenlegion. Während des ersten Feldzugs der Alliirten leistete er in seiner Lage Alles, was zu leisten war, schlug in der Gegend von Paris sich tapfer herum und ward in einem Scharmützel mit den Preußen schwer verwundet. Er fuhr fort den alten Ruhm in den Bayonnetgesechten zu bewähren, oft auf wirklich wunderbare Weise. Als endlich die Truppen seines alten und eigentlichen Vaterlandes, nach der Rückberufung der oranischen Familie, mit für die Unabhängigkeit der Völker stritten, gewann C. noch glänzendem Ruhm, und gemeinsam mit Van der Smissen befehligte er eine Heerabtheilung in der Schlacht bei Waterloo. Es gelang ihm, gegenüber einer großen Übermacht, ein.e englische Batterie zu retten, welches nicht wenig zum glücklichen Chateaubriand 393 Ausgange des Ganzen beitrug. König Wilhelm, sein neuer Monarch, beförderte ihn zum Generallieutenant und gab ihm von 1815 — 30 mehr als ein Merkmal besondern Vertrauens und aufrichtiger Achtung. Als endlich nach langer Ruhe mid den Segnungen einer weisen und freisinnigen Regierung die Revolution vom August 1830 ausbrach, erhielt C. neue Gelegenheit, seine Treue, seinen Much und seine geprüfte Einsicht im schönsten Lichte zu zeigen. Gleich zu Anfang der traurigen Ereignisse hatte er sich mit großer Freimüthigkeit über das System erklart, welches die kritischen Umstände gebieterisch erheischten; aber seine Stimme konnte damals nicht durch die hemmenden Rache einer militairischen Camarilla durchdringen, und er betrachtete mit Unwillen und Betrübnis zugleich die Reihe der fehlerhaften Operationen und schimpflichen Halbheiten gegen die energisch so- wol als systematisch auftretende Jnsurrrection, welche er, an die Spitze gestellt, mit einem kraftigen Schlage erdrückt haben würde. Mehrmals wurden dem General bedeutende Functionen angetragen; aber er schlug sie sammtlich aus, da man ihm nicht, wie er begehrt, unbeschrankte Vollmacht geben wollte. Das unbeholfene Benehmen des Generals Byllandt, welcher im entscheidenden Momente die von C. zugeschickte Verstärkung zurückwies und lieber eine entehrende Capitulation mit den Machthabern Her ersten Tage zu Brüssel schloß, hatte ihn empört. Seine Sprache und Stellung, dem Prinzen von Oranien gegenüber, als dieser die bekannte zweideutige Vermittlerrolle zu Brüssel und Antwerpen noch gespielt, war der schönsten Zeiten Altniederlands würdig; nur König und Vaterland im Auge, hatte er sogar den Prinzen verhaften zu lassen gedroht, wenn er auf der Citadelle erscheinen würde. Die allgemeine Meinung in Holland ist noch jetzt darin einstimmig, daß der Zug nach Brüssel im September ihm, und nicht dem Prinzen Friedrich hätte übertragen, oder doch wenigstens im Einverständnis mit E. und unterstützt von ihm, ausgeführt werden sollen. In Antwerpen, welches der Monarch C.'s Sorge anvertraut, hielt er sich, vom Feinde gefürchtet und von den Einwohnern, welche ihn gewöhnlich nur den „Papa Chasse" nannten, und welche er gegen innere und äußere Ungebühr kräftig schützte, geliebt, einige Zeit mit der ihm eignen wachsamen Festigkeit. Als nun endlich eine Faction, durch bestochene und fanatisirte.Pöbelhaufen den Brand auch in diese letzte, dem König und der Verfassung treugebliebene Stadt zu schleudern und ein Corps Belgier, von Mellitus Kessels, Herenweghen und andern Parteigängern angeführt, in die Mauern derselben einzuschwärzen gewußt hatte, schloß er, um Blut zu schonen, einen für beide Theile ehrenhaften und nützlichen Vergleich, welcher jedoch schlecht gehalten und auf die treuloseste Weise gebrochen ward. Erst nachdem alle Aussicht auf besonneneres und loyaleres Benehmen der Eingedrungenen, sowie eines Theils der mitverschworenen Bevölkerung verschwunden war, gab C. Befehl zum Rückzug in die Festung, und da zu exemplarischer Züchtigung der Verrätherei. Leute, welche naher unterrichtet zu sein sich Miene gaben, behaupteten, der Genecallieutenant habe damals krank in der Citadelle niedergelegen, und der Herzog von Sachsen- Weimar, welcher unter ihm befehligt, habe das Bombardement von Antwerpen veranlaßt. Der Name C. wurde von diesem Tage an der gefeiertste unter den tapfern Männern Hollands in neuester Zeit; König und Volk bemühten sich um die Wette ihn auszuzeichnen, er ward in Prosa und in Versen durch das ganze Land verherrlicht, und sein zugleich festes und humanes Auftreten sichert ihm bei allen Parteien ein Andenken, wie es wenig Kriegsmännern in einem so leidenschaftlichen Kampfe zu Theil geworden. Bei vieler Gutmüthigkeit und Humanität ist ihm soldatisches Feuer und unbeugsame Strenge in Allem eigen, was Dienstund Pflicht anbelangt. ' (33) ^Chateaubriand. Unter der Regierung Karls X. spielte dieser berühmte Staatsmann und Schriftsteller eine nicht weniger glänzende Rolle als diejenige, 394 Chateaubriand die er unter Ludwig X^III. gespielt hatte, obschon er nicht mehr im Ministerium saß. Der Feldzug nach Spanien, den er auf eine romantische Art vor den Kam, mern zu vertheidigen gesucht, und den besonders er betrieben hatte, war ganz anders ausgefallen, als er es vorhergesehen, und hatte die traurigsten Folgen. Frankreich hatte viele Millionen verschwendet, um Spanien wieder unter das Joch des Despotismus und des Aberglaubens zu stürzen, obgleich C. vorher verkündigte, Ferdinand VII. werde seinem Volke eine zweckmäßige Verfassung geben. Canning konnte sich nicht enthalten, im Parlament auf eine verächtliche Weise auf das Resultat der französischen Expedition in Spanien anzuspielen, und zwar bei Gelegenheit des Vorschlags, ein englisches Heer nach Portugal zu senden. Die treffenden Worte Canning's beleidigten den französischen Staatsmann ungemein, und in einer Rede, die er 1826 bei der Erörterung des Vorschlages einer 'Antwort auf die Thronrede zur Eröffnung der Session hielt, konnte er nicht umhin, dem englischen Staatsmanns, den er doch seinen Freund nannte, zu antworten. Zwar hütete er sich wohl, tief in die Folgen der sogenannten Intervention zu Gunsten Ferdinands einzugehen; er gestand sogar, daß das Dasein eines freien Volkes eine Gewahrleistung für ein anderes freies Volk sei. „Ich glaube", sagte er, „daß man nirgends auf diesem Erdboden eine gute Staatsverfassung umstößt, ohne zugleich das ganze menschliche Geschlecht zu treffen." In eben diesem Jahre widersetzte C. sich mit Nachdruck dem Gesetzvorschlage in Betreff der Herabsetzung der Rente der Staatsschuld von 5 zu 3 Procent. Er hatte das Gesetz, welches den Emigrirten eine Milliarde zur Entschädigung für die eingezogenen Güter bewilligte, mit wenigen Einschränkungen gutgeheißen, so unpopulair es auch in Frankreich war; der Herabsetzung der Rente widersetzte er sich zum Theil aus dem Grunde, weil die Nation nicht ermangeln würde darüber zu murren, daß man die Emigrirten auf Kosten der Staatsgläubiger entschädige, da man diesen entziehen wolle, was man jenen zugesagt habe. Der eigentliche Grund seines Widerspruchs war aber sein Groll auf Villele. Im folgenden Jahre wollte das Ministerium versuchen, durch Gewaltstreiche zu regieren, und sobald die Session der gesetzgebenden Kammern zu Ende war, führte es mittels einer bloßen königlichen Ordonnanz die Censur wieder ein. Jetzt trat C. mit aller Kraft seines Geistes auf und schrieb mehre Flugschriften, welche in Tausenden von Exemplaren verbreitet wurden. Einige Wochen zuvor hatte er auch in der Pairskammer mit vielem Nachdrucke zu Gunsten der Preßfreiheit gesprochen. Er hatte sich in die Schweiz zurückgezogen, um von da aus die Sammlung seiner Schriften zu besorgen, welche in Paris erscheinen sollte. Sobald er von der Unterdrückung der Preßfreiheit hörte, und seine Freunde, besonders die Herausgeber des „louim-A gen zurückkehrte und daher den „Käoie cku cknstlsnisme" schrieb. Die „Lwckes triswri^ues", welche den dritten, vierten und fünften Band der Sammlung füllen, sind ein bedeutendes Werk, das C. in den letzten Jahren geschrieben hatte, und welches beurkundet, wie er die großen Begebenheiten der Weltgeschichte auffaßt. Mj^stst.^ Die Vorrede, die er im März 1831 dazu schrieb, zeugt noch von der durch die Julius- -' revolution bei diesem phantasiereichen Manne hervorgebrachten Geistesrichtung. -W^ld^sst,. - 5 Fragmente aus der Geschichte Frankreichs nehmen einen bedeutenden Theil dieser stst... - Studien ein. Aus der Vorrede zu der Dichtung „Ces die der vierzehnte Band enthalt, erfahrt man, daß C. in seiner Jugend den Vorsatz hatte, das Leben st Djstst, - der wilden Völker Amerikas episch zu beschreiben, und daß dies die erste Veranlas- ' sung zu seiner Reise nach Amerika wurde, die er durch das Aufsuchen des Nordwest- st" . lichen Durchganges auch nützlich machen wollte. Unter den in der Pairskammer AKA- c' gehaltenen Reden, welche der siebzehnte Band liefert, gibt es einige, die C. eine Stelle unter den großen Staatsrednern Frankreichs sichern. Die Reihe der politi- " ^ßiK ^ "st schen Flugschriften, die den achtzehnten und neunzehnten Band füllen, beginnt mit 'st st im ' - der berühmten Schrift: „De Louspurte et 6es Ronrkons", welche beim Einrücken All der verbündeten Machte eine so große Wirkung hervorbrachte, daß Ludwig XVIll. ^ sagte, sie sei für ihn eine Armee werth gewesen. C. gesteht in der Vorrede, er habe damals nur die böse Seite Napoleons ins Auge gefaßt, weil es darauf angekom- ststst wen sei, den Despoten zu stürzen, nichtsdestoweniger aber den großen Eigenschaf- st ststststst' temdes Kaisers Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie denn auch Napoleon auf St.-Helena vortheilhaft von C. sprach. Die polemischen Aufsätze, die C. für die s - aristokratische Oppositionszeitschrift: „He cenvei-sateur", während der Verwaltung Mllzstd Ms!5s- - des Herzogs von Decazes, und das „louina! 3es ckebats" unter Villele's Mini- - sterium schrieb, sind im zwanzigsten Bande gesammelt. Decazes hatte ihm den Ti- tel eines Staatsministers, und Villele das Amt eines wirklichen Ministers genom- men. Gegen Beide führte er einen heftigen und lebhaften Krieg, jedoch mit dem Unterschiede, daß er unter Decazes noch ganz mit der alten Aristokratie zusammen- wHiiUW- hielt, unter Villele's Ministerium aber weit freisinniger und constitutionneller gesinnt ^ war; gegen Villele würde er mit seinen alten aristokratischen Gesinnungen wenig z.stst., Eingang im Publicum gefunden haben. Au seiner Entschuldigung sagt er, in der st Zlich jy ^ stststst ersten Epoche habe er die Bonaparte'sche Faction bekämpfen, den Royalisten consti- Ä, ^ tutionnelle Ideen beibringen und die Regierungen bei der Hinneigung zum Demo- ystststst kratismus aufhalten wollen. In der zweiten Periode hingegen, als keine Bonapar- listen mehr vorhanden, und die Royalisten siegreich gewesen wären, habe er die Re- st P l gierungen vor dem Absolutismus in der Ausübung der Gewalt warnen müssen. Al- st' ^ st: lein im Grunde waren des Verfassers Meinungen durch die Ereignisse der Zeit und RdezN.>.' ^ ^ durch den Jdeengang seiner Nation unvermerkt modificirt worden. Die Bourbons, st ^ welche C. so sentimental geschildert hatte, begingen grobe Fehler und behandelten den tzst., Verfasser selbst nicht immer mit gebührender Achtung. Er sah ein,, daß es in einem 'Hhst. Ä s constitutionnellen Staate einen festern Anker gebe als die Person des Fürsten, näm- stst st' lich die Verfassung. In dem Supplementhefte zu der Sammlung seiner Werke ist ist,st .stst sein einziges Trauerspiel „Moses" enthalten, welches, mit Chören und schönen st" Decorationen ausgestattet, 1828 auf der Bühne des 'lAeätre il-em^nis aufge- st führt werden sollte, aber auf Vorstellung mehrer angesehenen Personen vom Ver- ki ^ . fasser zurückgenommen wurde. — Seitdem sind mehre andere Ausgaben der sämmt- sttz lichen Schriften C.'s theils begonnen, theils auch vollendet worden; eine neue schöne ^ ' c: Ausgabe hat man 1832 unternommen. Der Verfasser soll jetzt an den Memoiren seines Lebens oder seiner Zeit arbeiten. Sein Vermögen ist aufaezebrt, die Einkünf- Chatel 399 lnMU t.' die er vom Staate bezog, sind eingegangen; er sagt in seinen Schriften, dref Mal ftibe er Alles wegen seiner Anhänglichkeit an das Königthum verloren. Diese Äußerung ist nicht ganz richtig; wahrend der Restauration verlor er die Gunst des Höfts weil seine überspannten Ideen mit denjenigen seiner etwas praktischem Colle- aen nicht zusammenstimmten. Nach der Juliusrevolution verlor er seine Gehalte, >veil er dem von der Nation erwählten Könige den Eid der Treue zu leisten meierte. Als Staatsmann hat er seine Rolle wahrscheinlich ausgespielt. Daß er sich mit der ganzen Kraft seines Geistes zu Gunsten der Unabhängigkeit der Griechen verwendete, ist das größte Lob, das er sich als Minister erworben hat. Leider wird dieser Glanz durch den Krieg gegen die spanischen Cortes verdunkelt, wozu er sich auf dem Congrefse zu Verona bereden ließ, und dessen traurige Folgen Spanien jetzt schon beinahe seit zehn Jahren empfindet. Freilich hatte er geglaubt, Ferdinand VIl. werde selbst eine Verfassung geben; allein ein mehr praktischer Staatsmannwürde sich wahrscheinlich durch einen solchen Wahn nicht haben verführen lassen. ^ .... (^5) Chatel (Ferdinand Francis), Abbe, Stifter der e^ise cutdoli^iie ii-an- ^sise. Er wurde am 9. Januar 1795 zu Jannat (Departement Allier) geboren, im Lyceum und dem kleinen Seminar von Clermont im Departement Puy de Döme erzogen, studirte im großen Seminar von Montferrand Theologie, wurde Vicar der Kathedrale von Moulins, darauf Pfarrer in Morretap im Departement Allier, Almofenier des zwanzigsten Infanterieregiments der Linie, und endlich 1823 Almofenier des zweiten berittenen Grenadierregiments der königlichen Garde. Schon unter Karl X. predigte er in vielen pariser Kirchen Glaubensfreiheit. Kurz vor der Juliusrevolution gab er die religiöse Oppositionszeitschrift: relaimu- teur, vi» 1'edio de 1u religion et du siede", heraus, behielt indeß seine Anstellung, bis endlich in Folge des 29. Jul. die königliche Garde, also auch die Almofenierstelle des Abbe C. aufgehoben ward. Im August 1839 konnte er endlich den Plan einer Reform, den er seit Jahren ausgebildet hatte, zur Ausführung bringen, und eröffnete einen Betfaal in seiner Wohnung, nahe dem Pantheon. Im Januar 1831 war die Anzahl seiner Proselyten so sehr angewachsen, daß er die neue Kirche in einem geräumigem Local, Straße la Sourdiere, ausschlug, im folgenden Jun. in der Straße Clery; im November endlich wurde ein sehr großes Local, Straße Faubourg St.-Martin, der Hauptsi'tz der französisch-katholischen Kirche. Auch in einem Theile der Provinzen hat die neue Lehre um sich gegriffen. Der Papst erließ eine Art Bannfluch gegen sie; der Abt oder Bischof und Primas, wie er sich jetzt nennt, las aber die Worte des Papstes selber öffentlich vor, die Journale vertheidigten den neuen Glauben gegen den römischen Hof, und so ist denn C.'s Glaube sehr volksthümlich geworden, und die französische Opposition, an ihrer Spitze Dupont de l'Eure, ist im' Begriff, E. die Leitung des Religionsunterrichts in einer von ihr gegründeten Lehranstalt zu übertragen. Das Glaubensbekenntnis! der französisch-katholischen Kirche ist im Wesentlichen Folgendes. Sic schwört die Unfehlbarkeit des Papstes und der Concilien ab, betrachtet jene Eigenschaft als unvereinbar mit der bürgerlichen und religiösen Freiheit, und behauptet, daß sie von Christus nicht an Petrus oder an die andern Apostel übertragen wurde. Sie erkennt kein anderes göttliches Recht als die Stimme des Volkes, von welchem alle Macht ausgehe. Sie unterscheidet scharf zwischen der weltlichen und geistlichen Macht, leugnet das Supremat des römischen Bischofs und erkennt ihn nur als bloßen poidite an. Sie will keine andern Hindernisse gegen die Ehe als die vom Civilgesetze festgestellten, und nimmt als unbestreitbare Wahrheit an, daß der Priestercölibat dem Worte und Geiste des Evangeliums ebenso sehr als der Sittlichkeit zuwider ist. Es steht Jedem frei, sich der Ohrenbeichte zu enthalten, welche nicht zu den göttlichen Vor- /I v, 400 Chaves schriften gehört. Die Vernunft eines Jeden soll die Grundregel seines Glau bens sein und das Evangelium allein bei dem Glauben als Richtschnur die nen. Die französische katholische Kirche glaubt ferner, daß man in jeder Re ligion selig werden könne, wenn man anders das erkannte Gute befolgt und das Böse meidet. Ihre kanonischen Bücher sind die der altchristlichen Kirche. Sie schafft die von der römischen Kirche gegebenen Dispensationen in Ehesachen, im Fasten und der Enthaltsamkeit ab, hebt die Enthaltsamkeit auf und schreibt das Fasten nicht vor. Sie halt den Gottesdienst in der Landessprache. Ihre Verehrung der Heiligen beschrankt sich auf den Dank zu Gott für den ihnen verliehenen Beistand. Sie laßt sieben Sacramente zu. In allen diesen Punkten weicht also die französisch-katholische Kirche von der römischen ab, und stimmt in denselben mit der anglikanischen, lutherischen und calviniftischen Kirche überein. Doch unterscheidet sie sich von den beiden letztern dadurch, daß sie, wie die Anglikaner und die Römischkatholischen, die Hierarchie beibehalt. Zur nahern Kenntniß der neuen Religion dient die „Profession de foi de 1'eglise catboliyue fron^mse" (Paris 1831). Das papstliche Breve ist im ,,^nii de 1a religio«" übersetzt; einen Auszug daraus mit Bemerkungen findet man im „lournal des debats" vom 9. und im „lüonstitutioimel" vom 16. Dec. 1831. Die erwähnte Profession de foi ist unterzeichnet: „Vu noin (In eoncile soiiveram-apostoliljue-patriarcal et du patriarcbe, 1e primat-coadju- teur des (Gaules, Zferdinand-kron^ois Hüntel. ?ar inondement de i>I. I'evecpie, primat, 1'abbe V«20U." Bei der in einem großen Theile Frankreichs herrschenden Abneigung gegen den römischen Stuhl scheint sich für die französisch-katholische Kirche Dauer versprechen zu lassen, um so mehr als sie die Sympathien der französischen Nation mit Liebe umfaßt, wie sie denn namentlich mehr als einmal beredte Worte zu Gunsten der Polen vernehmen ließ. Die Regierung befolgt gegen sie, anders als gegen die Saint-Simonisten, den Artikel 5 der Charte, welcher die Freiheit des Cultus zusagt: „Obacun protesse sa religio« avec une egale liberte, et ob- tient pour so« culte la meme protection". (15) Chaves (Emanuel, Marquis von), früher Silveyra, Graf von Amarante, war das Haupt der migueliftischen Insurgenten, durch welche die Constitution der Cortes gestürzt und Don Miguel auf den Thron von Portugal erhoben wurde. Aristokraten, Klerus und Mönche haßten die von dem Könige Johann VI. am 1. Ott. 1822 beschworene Constitution der Cortes. An ihrer Spitze stand die Königin, Donna Carlota, die Schwester Ferdinands VII. von Spanien; der Infant Don Miguel, ihr Sohn, bot mit ritterlichem Much und jugendlichem Feuer zu jedem Gewaltmittel seinen Arm, um das Werk der Freimaurer — wie man die Constitution nannte— zu vernichten und die absolute Gewalt herzustellen. Die apostolische und ultraroyalistische Faction bereitete im Stillen Alles vor, um den Aufstand auf der ganzen Halbinsel zu organisiren. Die Beschlüsse des Con- gresses zu Verona und die Nachricht, daß ein französisches Heer nach Spanien marschiren werde, beschleunigten den Ausbruch der Gegenrevolution. Ein Hauptwerkzeug der Faction war der eitle und fanatische Graf von Amarante. Einverstanden mit seinen Freunden in Lissabon und angeregt von seiner Molzen und kampflustigen Gemahlin, pflanzte er, nebst seinem Vertrauten Texeira, umgeben von Soldaten und Bauern, am 23. Febr. 1823 zu Villa Real in der Provinz Tra; os Montes die Fahne der Jnsurrection auf. Bald vereinigte er drei Regimenter. Nun erließ er am 1. März eine Proclamation, durch die er alle Portugiesen zu den Waffen rief: „Nieder mit der Constitution! Auf, befreit das Land von den gottesräuberischen Despoten, die es unterdrücken!" Als aber Amarante über den Duero gehen, Braga besetzen und die Provinz Entre Minho e Duero in- surgiren wollte, kam ihm der constitutionnelle General Luiz do Rego zuvor und er> »ms-' not K Ti jP d!N E W«, Mtzik Aich W.« Chavcs . drängte ihn in die Gebirge von Traz os Montes zurück. Der König berief sich auf seinen Eio, und entsetzte am 4. Marz den Grafen Amarante als Hochverräther aller seiner Ehren und Titel. Allein Rego benutzte den erhaltenen Vortheil nicht. Amarante verstärkte sich durch die Bergbewohner, welche treffliche Schützen sind, und überfiel Chaves, eine feste Villa in Traz os Montes an Galiziens Grenze. *) Dieser Art wurde sein Waffenplatz. Er errichtete daselbst eine Regentschaft, welche De- crete erließ. Nun stand auch Braganza auf, und einzelne Regimenter gingen zu Amarante über. Hierauf überfiel er am 13. März in der Ebene von Chaves ein Corps unter dem Brigadier Pampluna und warf auch Rego's Corps bis über den Duero zurück. Bald nahmen die Generale Antonio de Silveira, Ayres Tinto und Souza seine Partei; allein Rego erhielt jetzt so ansehnliche Verstärkungen (7138 Mann Hinientruppen und 5300 Milizen), daß er Amarante am 23. Mär; schlug und ihn bis auf das spanische Gebiet verfolgte. Hier (im Königreiche Leon) behaupteten sich noch die spanischen Constitutionnellen unter Mo- rillo und Quiroga. Daher zerstreute sich Amarante's Corps, und er selbst zog mit einer kleinen Schar bis nach Burgos. Aber auch Rego mußte sich von Leon nach Portugal zurückziehen, weil der Herzog von Angouleme, Oberbefehlshaber des französischen Heeres in Spanien, erklärte, daß Frankreich keine Verletzung des Friedens mit Portugal gestatte. Dessenungeachtet näherte sich Amarante von Be- naventa her der portugiesischen Grenze, wo mehre tausend aufgewiegelte Bauern zu ihm stießen, und die portugiesische Regentschaft, welche den aus Lissabon vertriebenen Patriarchen zu ihrem Präsidenten ernannt hatte, nahm ihren Sitz zu Valla- dolid. In Lissabon herrschte jetzt die heftige constitutionnelle Partei des Deputaten Moura. Sic setzte den General Rego ab. Auch ihr übriges Verfahren vermehrte die Zahl der Unzufriedenen. Da schien der Königin der Augenblick gekommen zu sein, wo Don Miguel sich an die Spitze der Reftaurationsrevolution stellenkönne. Dies geschah am 27. Mai. (S. Portugal Bd. 8.) Die Constitution ward vernichtet und der absolute König proclamirt. Als der erste Held dieser Gegenrevolution zog nun Graf Amarante mit 3000 Mann seiner Truppen im Triumphe zu Coimbra und am 24. Jun. zu Lissabon ein. Der König ernannte ihn jetzt zum Marquis von Chaves, mit einer Dotation von 0000 Crusade«. Zugleich stiftete er für alle Truppen, welche in Traz os Montes unter der königlichen Fahne der Legitimität zuerst gekämpft hatten, ein goldenes und silbernes Ehrenzeichen, mit des Königs Bildniß und der Inschrift: Ileroica llUeliUac!« tl-ÄllsmoiiwnA. Zwischen die beiden Parteien, der jetzt unter dem Schutze der Königin und des Infanten herrschenden Absolutismen und der unterdrückten Constitutionnellen, trat nun eine dritte, die der Pacisicatoren, welche der neue Minister Palmela begünstigte. Der Marquis von C. schloß sich ganz an die erstere an; allein Soldaten und Offiziere verließen ihn. Sie sahen sich in ihren Erwartungen getäuscht. Die den Truppen vom Grafen Amarante verheißene dreifache Löhnung ward wieder auf den frühern Sold herabgesetzt. Bald gab es blutige Händel, und die Offiziere sprachen laut von Wiederherstellung der Constitution. C. selbst war unzufrieden, weil man die von ihm vorgenommenen Offizierbeförderungen nicht bestätigte. Dagegen ertheilte ihm der König von Frankreich, Ludwig XVIII., das Großkreuz des heiligen Ludwig. Bei den 1824 und 1825 zu Lissabon und im Lande selbst gegen den Absolutismus gerichteten Bewegungen scheint E. sich ruhig verhalten zu haben. Palmela's Partei siegte. Don Miguel ward nach Ostreich geschickt; die Königin lebte unter Aufsicht zu Queluz. Allein nach dem Tode des Königs (10. März 1826) erhob sich die Partei der Absolutisten *) Diese Villa liegt am Tamcga, in einer fruchtbaren Gegend, hat 5200 Einwohner, und ist wegen ihrer warmen Bäder (»mm« Illaviae bei den Römern) bekannt. Conv.-'Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. T6 402 Chaves aufs Neue, um die von Don Pedro dem Königreiche gegebene Constitution (vom 23. April 1826) zu vernichten, die Regentschaft zu stürzen und den Infanten Don Miguel auf den Thron zu erheben. Priester und Mönche schürten im Geheimen das Feuer des Aufruhrs an, und Don Miguels Bertraute, C, und der Marquis von Abrantes, machten sich gefaßt, für ihn an die Spitze der Insurrection zu treten. Sie kannten Don Miguels wahre Gesinnung und standen mit der Königin in Verbindung^ Nun ward ein Aufruhrsmanifest unter Don Miguels Namen in ganz Portugal verbreitet, angeblich aus Wien vom 9. Iul. 1826 datirt. Zwar wurden die ersten Unruhen in Traz os Montes bald unterdrückt; aber die fanatisirten Bauern scharten sich aufs Neue in der Gegend von Chaves zusammen. Ihr Feldgefchrei war: „Hoch lebe Spanien! Es gebe uns einen absoluten König! Tod den Engländern! Tod Allen, welche die Charte beschworen!" Nun pflanzte E. zu Villa Real das Panier der Empörung auf und proclamirte Miguel l. als Portugals absoluten König. Dasselbe that der Marquis von Abrantes in'Algarbien. Er rief die Königin Mutter zur Regentin aus und errichtete eine Regierungsjunta zu Tavira. Der Aufstand in Algarbien ward zwar unterdrückt und C. flüchtete sich nach Galicien; allein bald sammelte er zu Toro, im spanischen Königreiche Leon, portugiesische Flüchtlinge, wobei sein Oheim, der General Silveira, vorzüglich thatig war. Durch die apostolische Junta in Spanien mit Waffen, Munition, Geld und Transportmitteln reichlich versehen, ging er wieder über die Grenze zurück (im November 1826) und proclamirte aufs Neue Don Miguel I., und dessen Mutter als Regentin; auch berief er eine Regierungsjunta, zu deren Präsidenten er ernannt wurde, nach Braganza. Diese Junta verlegte ihren Sitz nach Lamego. Mitglieder derselben waren der Vicomte Montalegro, der Vicomte Villa Garcia, der Baron Eartano de Mello und vr. Agostenho. Darauf besetzte eine Schar Royalisten die Stadt Chaves; eine andere, unter dem Befehl des Generals Silveira, die Stadt Miranda. Die Besatzungstruppen erklärten sich für die Insurgenten. So sielen Villaviciosa (33 Stunden von Lissabon), Braganza lam 22. Nov.) und Lamego (2. Dec.) in ihre Gewalt. Schon zog E. im Anfange 182? gegen Oporto, als es den consriturionnellen Generalen Mello, Claudino, Villaflor und Angeja gelang, ihn zu umgehen und die Linie des Duero zu behaupten. Der General Stubbs deckte Oporto, wo endlich englische Schisse mit Truppen am 23. Dec. in den Hafen einliefen. Doch ehe das britische Hülfscorps von Lissabon her vorrückte, waren bereits die Insurgenten zowol in Alemtcjo als im nördlichen Portugal unter C. (am 9. Jan. von Villaflor bei Pcnnaverde) geschlagen, zerstreut und nach Spanien zurückgeworfen worden. C. verlor das Vertrauen seiner Partei; er mußte den Oberbefehl an den Vicomte Montalegro abtreten, und an Silveira's Stelle trat Molellos. Das constitutionnelle Heer unter dem Marquis d'Andeja stand jetzt an der spanischen Grenze,- einer spanischen Obfervationsarmee gegenüber. Jndeß unternahm fortwährend von Spanien aus der berüchtigte Telles Jordao Streifzüge über die portugiesische Grenze. Bei ihm befand sich C., während seine heroische Gemahlin nach Madrid eilte, um neue Unterstützungen für die portugiesischen Insurgenten bei der apostolischen Junta zu bewirken. Bald drang C. mit mehren vereinigten Guerillas, .nebst andern Bandenführern, wieder in Portugal ein. Er stand bereits nur noch vier Stunden von Oporto, und bedrohte Braga; allein General Stubbs vereinigte sich mit Villaflor bei Penaful, und beide schlugen die Insurgenten am 5. Febr. unweit der Brücken von Prado und Porto. C. entfloh mit wenigen seiner Getreuen nach dem Hafen Guardia und rettete sich abermals auf das spanische Gebiet. Hier wurden die Insurgenten auf Befehl der spanischen Regierung entwaffnet, denn England er- *) Das britische Cabinet war nämlich damals die Stütze der Coustitutionnellcn .-'M Q.IÄW . - -.MM'' ^ ' ..,7 Alt."" > > ... ^ ^ . j TM PM s KÄiit1 >>ts«i lqn ?>!e. M>»<- Chelius 403 l!U» klarte, daß es jede Intervention von Seiten Spaniens zu Gunsten der portugiesischen Rebellen als eine feindselige Handlung ansehen würde. Indessen vollzogen die spanischen Generalcapitaine (Eguia, Monnet u. A.) die erhaltenen Entwaffnungsbefehle nur zum Schein, und C. blieb mit seiner Reiterei bis um die Mitte des Marz in der Gegend von Aamora stehen. Spater ward er, um der portugiesischen Regierung allen Verdacht zu nehmen, nebst seiner Gemahlin nach Jrun verwiesen, von wo er sich nach Bayonne begab. *) Die constitutionnelle Regierung ward"aber durch Intrigucn im Ministerium selbst geschwächt, und die Konigin Mutter unterhielt fortwährend die Hoffnungen der absolutistischen Partei. Um nun kräftiger sein Werk, den conftitutionnellen Thron seiner Tochter, zu beschützen, ernannte Don Pedro seinen Bruder Don Miguel zu seinem Stellvertreter (5. Iul. 1827). Obgleich nun der Infant die Acte seines Bruders annahm, so verbreitete dennoch der Marquis von E. durch die Apostolischen eine Art von Manifest, worin jede Beschränkung der absoluten Machtvollkommenheit Don Miguels als Hochverrath an der Majestät des Throns bezeichnet war. Er selbst war mit der Königin und dem Infanten in beständigem Briefwechsel geblieben. In Portugal ward Alles vorbereitet, um Don Miguel zum absoluten König zu erheben. (S. Portugal Bd. 8, und Cadaval.) C. wirkte hierbei mit von Spanien aus. Als endlich Don Miguels Generale die letzten Anstrengungen der Constitutionnellen unter Palmela, Saldanha und Villaflor (2. und 3. Iul. 1828) an der Vouga vereitelt und die Überreste derselben nach Spanien geworfen hatten, rief Don Miguel die Banden des Marquis vonE., unter Tellez Jordao"), 900 Mann stark, nach Portugal zurück. C. ward in Lissabon mit Auszeichnung aufgenommen; allein er erfuhr bald den Undank des Usurpators. Don Miguel ertheilte keinem von seinen Offizieren die verheißenen Belohnungen; er entzog sogar denselben die Grade, die C. ihnen ertheilt hatte. Der stolze Marquis selbst konnte von Don Miguel nur eine einzige kurze Audienz erhalten und ward in derselben sehr gleichgültig behandelt. Er fühlte, daß man seine Dienste nicht mehr brauche; man gab ihm zu verstehen, daß man von ihm Rechnung über die zu seiner Verfügung gestellt gewesenen Summen fo- dern, und daß er des Hochverraths angeklagt werden könne, weil, er thöricht genug zugegeben, daß ihn einst seine Banden unter dem Namen Emanuel II. als Portugals König ausgerufen hätten. C. zog sich jetzt zurück; alle seine Hoffnungen waren vernichtet; er sah sich an Don Miguels Hose verachtet und verhöhnt. Darüber verfiel er in Melancholie. Jndeß blieb die Königin Mutter feine Beschützerin. Als nun der Infant in Folge eines Sturzes (im Nov. 1828) gefährlich krank war, hielt sie mit dem Marquis Verathungen, wie der Infant Sebastian in Spanien zun, Nachfolger Don Miguels, sie selbst aber zur Negentin erklärt werden könne. Allein Don Miguel genas, der Marquis von C. blieb in Ungnade, und man sprach nicht mehr von ihm. Die Königin Mutter starb den 6. Jan. 183t), und C. — das weggeworfene Werkzeug der apostolischen Faction — zu Lissabon den '7. März 1830. (7) Chelius (Maximilian Joseph), ward 1794 zu Manheim geboren, wo sein Vater Vorsieher des Entbindungsinstituts war. C. kam sehr früh auf das dortige Gymnasium, und als 1805 die Entbindungsanstalt nach Heidelberg verlegt, *) In englischen Blättern findet man die Angabe, daß Don Miguel, um siine ^lane zu verbergen, von Wien aus an den König von Spanien geschrieben und Um gebeten habe, so viel als möglich den aufrührerische!: Unternehmungen des Markts von C. und seiner portugiesischen Genossen Einhalt zu thun. /) Dieser Tellez wurde in der Folge, da er mehre Verschwörungen gegen Don « zum Gouverneur und Oberkerkcrmeister des Staatsgefang- üsi'ö «san-Juliao ernannt, wo er durch Härte, Grausamkeit und Habsucht die gefangenen Klalk-Gu» (Constitutionnelle) noch jetzt mishandelt. 20 5 / s, 404 Chemie und C.'s Vater dahin versetzt ward, vollendete er seine Schulstudien auf dem Gymnasium zu Heidelberg, das er im noch nicht vollendeten fünfzehnten Jahre, mit einer gründlichen Schulbildung ausgerüstet, verließ. Memlos — denn um diese Zeit starb sein Vater, und seine Mutter hatte erschon als Kind verloren — und mit sehr geringem Vermögen war er nun sich selbst überlassen. So ungünstig die Aussichten waren, so groß war C.'s Hang zum Studium der Medicin, dem er sich mit großer Anstrengung von 1808 — 12 zu Heidelberg widmete. Seine Schrift über die Anwendung der kalten und warmen Fomentationen bei Kopfverletzungen wurde 1811 von der medicinischen Facultät gekrönt; 1812 promovirte er. Darauf wendete er sich nach München, wo er unter Harz und Haberl das Militair- und Civilhospital besuchte. C. ward mit Harz sehr bald befreundet, und ihm so manche Gelegenheit, sich praktisch auszubilden. Im Winter 1812 — 18 besuchte C. Landshut, wo damals Walther lehrte, kehrte jedoch nach München zurück, und übernahm im November die Stelle eines Hospitalarztes in Ingolstadt, wo ein verheerender Typhus unter den zahlreichen französischen Gefangenen herrschte. C. ward selbst von der genannten Krankheit befallen, und begab sich zu seiner völligen Wiederherstellung nach München, wo ihm von dem großherzoglich badischen Kriegsministerium die Stelle eines Regimentsarztes angetragen ward, die er unter der Bedingung annahm, nach geendigtem Feldzuge mit Beibehaltung dieser Stelle seine literarische Bildungsreise fortsetzen zu dürfen. Er folgte den badischen Truppen nach Frankreich; nach dem Frieden kehrte er mit diesen nach Karlsruhe zurück, wo er kurze Zeit im Garnisonhospitale den ärztlichen Dienst besorgte. Sehr bald ging er jedoch nach Wien, wo er die Kliniken von Hildenbrand, Zang, Beer, Rust, Kern besuchte, und nach neunmonatlichem Aufenthalt bei dem Ausbruche des zweiten französischen Krieges wiederum den Truppen nach Frankreich folgte. Nach beendigtem Kriege ging C. nach Göttingen, und nach einem fünfmonatlichen Aufenthalte daselbst über Dresden nach Berlin, wo er sechs Monate blieb; von da über Halle, Leipzig, Jena, Würzburg nach Paris. Hier erhielt er 1817 den Ruf als außerordentlicher Professor der Chirurgie nach Heidelberg. Dort angelangt, errichtete er die chirurgisch-ophthal- miatrische Klinik, und eröffnete seinen Hörsaal, aus dem seit jener Zeit eine große Menge ausgezeichneter Ärzte hervorgegangen ist. C. gehört zu den ersten deutschen Lehrern der Chirurgie und hat in Bezug auf das Wissenschaftliche und Praktisch-Nützliche seiner Lehrmethode eine Meisterschaft erreicht, die ihm kein deutscher Lehrer dieser Disciplin streitig machen kann. Er ist ein ebenso großer Arzt als Wundarzt, und das beredteste Beispiel, daß nur auf wissenschaftlichem Wege die wahre chirurgische Ausbildung erreicht werden kann. C. hat sich um die Aufklärung der schwierigsten Lehren der Chirurgie, Augenheilkunde und der Meoi- cin wahres und bleibendes Verdienst erworben. Ein Meisterwerk hat er in seinem „Handbuche der Chirurgie" (2 Bde., vierte Aufl. Heidelberg 1832) geliefert, das in Bezug auf Styl, Darstellung, Anordnung, Deutlichkeit und Ausführung von keinem Werke des In- und Auslandes übertroffen wird, und das trotz Nachdruck und Lehrerkabale im ganzen gebildeten Europa verbreitet worden ist. Außerdem hat C. andere und große schriftstellerische Verdienste. Er ward 1819 ordentlicher Professor, 1821 Hofrath, 1826 geheimer Hofrath, 1827 Ritter des Ordens vom zähringer Löwen und 1831 Ritter des großherzoglich darmstädtischen Hausund Verdienstordens. (2) * Chemie. Unter den Wissenschaften, welche in der neuesten Zeit die raschesten Fortschritte gemacht haben, verdient vielleicht die Chemie obenan zu stehen, und auch jetzt ist noch kein Stillstand in ihr sichtbar, vielmehr bringt jedes Jahr eine so große Masse neuer Thatsachen im Gebiete derselben zum Vorschein, daß es schwer fällt, ihren Fortschritten zu folgen und eine Übersicht i? Fl' M" ZO--- Ä M, kK h!- AM»»«- Ali llN k!l> Chemie 405 ""um iM darüber zu behalten. Sie hat in dieser Hinsicht selbst den Vorrang vor der Physik gewonnen, die, wenngleich nicht vernachlässigt, doch im Ganzen von viel Wenigem bearbeitet wird, und in der sich Entdeckungen von einiger Bedeutung viel langsamer folgen als in der Chemie. Der Grund dieses, im Verhält- niß zu frühern Zeiten und zurPhysik so raschen Fortschreitens der Chemie kann füglich in folgenden Gründen gesucht werden: 1) Man hat in neuern Zeiten den nützlichen Einfluß, den chemische Kenntnisse auf die Vervollkommnung von Künsten und Gewerben und auf die Fortschritte anderer Zweige der Naturwissenschaften äußern, immer mehr kennen und schätzen lernen, das Bedürfniß nach diesen Kenntnissen und das Interesse daran hat demgemäß immer mehr zugenommen, sodaß selbst Viele, die die Chemie nicht als ausschließliches Fach betreiben, doch wegen der Beziehung derselben zu dem Gegenstande ihrer Tbätigkeit zu Untersuchungen im Bereiche derselben veranlaßt werden. Es wird hinreichen, in dieser Hinsicht an den Einfluß zu erinnern, den die Chemie in neuern Zeiten aufPharmacie, Mineralogie, Hüttenwesen, Färberei u. s. w. gewonnen hat. 2) Die frühern, wenngleich langsamem Fortschritte der Chemie haben doch die jetzigen schnellem dadurch vorbereitet und zum Theil hervorgerufen, daß sie allmälig zu Apparaten und Methoden geführt haben, mittels deren sich chemische Operationen viel leichter und sicherer anstellen lassen, als dies früher der Fall war. Entdeckungen, die mit den früher zu Gebote stehenden unvollkommenen Mitteln nicht gemacht werden konnten, sind dadurch in den neuem Zeiten möglich geworden. 3) Wiewol die Chemie bei ihren Operationen eine ebenso große Genauigkeit erfodert als die Physik, um zu sichern Resultaten zu führen, mithin nur von Denjenigen, welche sich einer solchen Genauigkeit befleißigen, ein Fortschritt derselben zu hoffen steht, so ist doch die Bearbeitung derselben deshalb Mehren zugänglich als die der Physik, weil man dabei mit sehr wenig mathematischen Kenntnissen ausreicht, während die Physik, namentlich in neuem Zeiten, sich immer mehr an die Mathematik angeschlossen hat uns in vielen Zweigen nicht anders als mit Zuziehung derselben fruchtbar bearbeitet werden kann. — Es sind jedoch nur einige Länder, in denen die Chemie mit so großem Eifer betrieben wird. Am meisten zeichnen sich in dieser Hinsicht Deutschland und Frankreich aus, die auf gleicher Stufe stehen dürften; zunächst, und zwar hauptsächlich wegen der quantitativ und qualitativ ungeheuer zu nennenden Tbätigkeit Eines Mannes (Berzelius), dürfte Schweden stehen, ja man kann vielleicht bloß deshalb diesem den ersten Platz einräumen; auch in England fehlt es nicht an fleißigen und zum Theil ausgezeichneten Chemikern, doch können sich ihre Leistungen an Wichtigkeit im Allgemeinen nicht mit denen der vorzüglichem Chemiker aus den vorgenannten Landern messen; Rußland, Dänemark und die Schweiz bieten nur wenige Namen von Bedeutung dar, und was in den übrigen Landern geleistet wird, dürste nicht sehr der Erwähnung Werth sein. Es mögen hier die Namen der bekanntesten Chemiker folgen, welche letzt am meisten durch eigne Untersuchungen zur Förderung ihrer Wissenschaft beitragen. In Deutschland am wichtigsten für Chemie im Allgemeinen: Döbereiner, Gmelin, Liebig, Mitscherlich, Rose, Stromeyer, Möhler; für technische und ökonomische Chemie: Döbereiner, Erdmann, Fuchs, Hermbstädt, Lam- padius, Sprengel, Zenneck; für hüttenmännische und mineralogische Chemie: außer Fuchs, Lampadius, Mitscherlich, Stromeyer und Rose folgende: Karsten, Kersten, Kobell, Zinken; für pharmaceutische Chemie: Bley, Brandes, Buchner, Döbereiner, Dingler, Dulk, Fischer, Geiger, Herberger, Liebig, Martius, Psaff, Schweigger-Seidel, Trommsdorff, Mackenrode?, Winkler, Wittstock; außerdem noch im Allgemeinen nennenswert!) (wiewol von sehr ungleicher Bedeutung): Bischof, Buss, Dingler d.I., Dumenil, Heeren, Hünefeld, Kastner, Kühn, Löwig, Magnus, Oppermann, Osann, Reichenbach, Runge, Schindler, Tünnermann, Un- ff ^ - 406 Chemie W» verdorben, Vogel, Wach, Wetzlar, Wurzer. In Frankreich für allgemeine Chemie am wichtigsten: Braconnot, Chevreul, Dumas, Gay-Lussac, Laugier (kürzlich gestorben), Pelletier, Soubeiran, Serulla, The'nard (jetzt ziemlich unthätig)-, für technische und mineralische Chemie: Darcet, Berthier, Kuhlmann und einige der Vorgenannten; für medicinisch-pharmaceutische Chemie: Barruel, Boullay, Boutron- Charlard, Bussy, Cailliot, Caventou, Chevallier, Colin, Donne, Guibourt, Lafsaigne, Lecanu, Orsila, Payen, Pelouze, Plisson, Robinet, Robiquet und einige der Vorgenannten; außerdem im Allgemeinen nennenswerth: Berthemot, Desfosses, Des- prez, Gaultier de Claubry,Houton-Labillardiere, Perfoz, Quesneville. In Schweden vor Allen Berzelius, ohne Widerrede der größte der jetzt lebenden Chemiker, ausgezeichnet in allen Zweigen der Chemie, der allein fast soviel für die Fortschritte der neuern Chemie geleistet hat als die Übrigen zusammengenommen, und daher selbst scherzweise von den Englandern mit dem Namen des chemischen Napoleon belegt worden ist; außerdem verdienstvoll Bredberg und Sefström. In England am bekanntesten Brande, Bostock, I. Davy, Faraday, Graham, Johnston, Phillips, Prideaux, Turner, Ure; in Danemark Zeise; in der Schweiz (Genf) Macaire, Marcet, Morin, Peschier (kürzlich gestorben), Rive, Saussure (sämmt- lich als Chemiker nicht von großer Bedeutung); in Nußland: Bonsdorss, Gö- bel, Herrmann, Heß; in Holland allenfalls zu nennen: Van Möns, Mey- link und Stratingh; in Italien: Bizio, Matteucci; in Amerika: Boussingault, Hare. Als Orte, welche gegenwartig Centralpunkte der Fortschritte der Chemie, wegen Vereinigung einer größern Anzahl ausgezeichneter Chemiker daselbst, bilden, lassen sich füglich Berlin und Paris ansehen, außerdem werden aber auch Stockholm wegen Berzelius, Göttingen wegen Stromeyer, Gießen wegen Liebig von Denen, welche sich mit dem praktischen Studium der Chemie beschäftigen wollen, gern besucht. Derjenige, welchem darum zu thun ist, einen fortlaufenden Uberblick über die wichtigsten jahrlichen Fortschritte der Chemie zu behalten, kann nicht besser thun, als den jahrlich erscheinenden „Jahresbericht über die Fortschritte der physischen Wissenschaften" von Berzelius (übersetzt von Möhler) nachzulesen; wer jedoch eine vollständige Zusammenfassung des Details aller neuen Entdeckungen in der Chemie zu haben wünscht, wird sich durch das in zweijährigen Lieferungen erscheinende „Re- pertorium der neuen Entdeckungen in der Chemie" von Fechner befriedigt finden. Hier mag es genügen, von der großen Masse der erwähnenswerthen Fortschritte der Chemie in den letzten Jahren einige wenige, welche von hauptfächlicher Wichtigkeit sind, kurz zu bezeichnen: 1) Die Classification und Nomenklatur der chemischen Verbindungen hat durch Berzelius neuerdings einen Fortschritt erfahren, worüber wir wegen der besondern Wichtigkeit dieses Gegenstandes in Bezug auf das Verständniß aller neuern chemischen Schriften weiter unten das Nähere mittheilen werden. 2) Man hat die merkwürdige Entdeckung von Körpern gemacht oder gesichert und erweitert, welche ungeachtet gleicher chemischer Zusammensetzung doch verschiedene chemische und physische Eigenschaften besitzen, Körper, welche Berzelius isomerische nennt. Eins der interessantesten Beispiele hiervon ist die Phosphorsäure, die in ungeglühtem Zustande das Eiweiß niederschlägt und mit Natron ein das salpeterfaure Silber gelb fällendes Salz gibt, wahrend sie in geglühtem Zustande (wo sie den Namen Pyrophosphorsäure erhält), ungeachtet sie nichts von Bestandtheilen gewonnen oder verloren hat, das Eiweiß nicht niederschlägt und mit Natron ein das salpetersaure Silber weiß fällendes Salz liefert. Andere isomerische Modifikationen bieten die Weinsäure und Traubensäure, das knallsaure Silber und cyansaure Silber, das selbstentzündliche und nicht selbstentzündliche Phosphorwasserstoffgas, das Zinnoxyd in verschiedenen Zuständen u. s. w. dar Wahrscheinlich gründen sich die verschiedenen Eigenschaften isomerischcr Kör- - MM'5' tzzchMHMiuh:." Um, Wi, W" ^ Mt, Wl 5. biss». WchchÄVH: Kr» '7 z ji. ^ v: s - kl!, Chemie 407 per auf verschiedene Anordnung derselben Bestandteile. (Vergl. eine Zusammenstellung der isomerischen Verbindungen in Fechner's „Repertorium der Physik", 1, S. 23.) 3) Von neuen einfachen Stoffen sind seit der in das Jahr 1826 fallenden Auffindung des Brom (f. d.), eines dem Chlor analogen Stoffs, durch Ba- lard, bloß dasVanadin und dasThorium (s. d.), zwei neue Metalle, entdeckt worden, mindestens hat das von Osann im uralschen Platinerz angekündigte neue Metall, Pluran, seitdem keine neue Bestätigungen erhalten. 4) Große Reihen neuer eigenthümlicher salzartiger Verbindungen sind neuerdings entdeckt oder zuerst genau untersucht worden, so die Schwefelsalze, Selensalze, Telluvsalze durch Berzclius; die Chlorquecksilbersalze, Chlorpalladiumsalze, Chlorplatinsalze u. s. w. (in welchen Quecksilberchlorid, Palladiumchlorid, Platinchlorid u. s. w. nach Art einer Saure, mit einen, Basi'sstelle dagegen vertretenden Chlormetalle verbunden ist) durch Bonsdorff; die Verbindungen von wasserfreien Oxyden und Chlormetallen mit Ammoniak und Phosphorwasserstoffgas durch Rose und Persoz; die sogenannten entzündlichen Platinsalze durch Zeise. 5) Die Platinerzmetalle, Rhodium, Iridium, Palladium und Osmium sind von Berzelius einer neuen durchgreifenden Untersuchung theils ihrer Scheidung, theils ihren Eigenschaften nach unterworfen worden. 6) Die Atomgewichte mehrer einfachen Stoffe sind, besonders durch Berzclius, berichtigt oder zuerst bestimmt worden, so diederPlatin- erzmctalle und des Platins selbst, des Broms, Jods, Mangans, Thoriums, Lithiums, Titans (letzteres durch Rose). 7) Im Bereiche der organischen Chemie sind eine sehr große Menge neuer eigenthümlicher Substanzen, zum Theil von sehr merkwürdigen Eigenschaften, entdeckt worden, so, um nur einige der interessantesten zu nennen: das Amygdalin, Arlhanitin, die Caincasaure, das Columbin, Coniin, Elaterin, Erythem, Eupion, Granadin, Jmperatorin, Liriodendrin, Orcin, Oxa- mid, Paraffin, Plumbagin, Populin, Salicin, Santonin, Variolarin, Vulpu- lin u. s. w. Ferner ist die Zusammensetzung mehrer wichtigen organischen Bestand- theile genauer als bisher bestimmt worden, in welchem Bezüge vor allen Liebig's Bestimmung der Zusammensetzung der Alkaloide erwähnt zu werden verdient. Die Erörterung der neuen chemischen Classification und Nomenklatur durch Berzelius knüpft sich am natürlichsten an den Begriff der Salze. Früher hielc man es als wesentlich für den Begriff eines Salzes, daß ein zusammengesetzter Körper electronegativer Beschaffenheit (Säure) mit einem andern zusammengesetzten Körper elcktropositiver Beschaffenheit (Oxyde) verbunden, und daß der letztere eine Verbindung aus einem Metalle mit Sauerstoff sei. Nach Berzelius' neuer Ansicht dagegen heißt jede Verbindung eines Metalls, in »reicher eine Neutralisation der verbundenen Bestandteile stattfindet, Salz, unangesehen die Verbindungsstuse, auf der sich das Metall befindet, und er stellt demgemäß folgende Classen und Ordnungen von Salzen auf: n) Sauerstosssalze, d. i. die gewöhnlichsten Salze, welche entstehen, »venu eine Sauerstoff haltende Saure, wie Schwefelsäure,' Salpetersäure u. s. w., sich mit einem Oxyde, wie Kali, Kupferoxyd u. s w., verbindet. K) Schwefelsalze, d. i. eine von Berzelius erst neuerdings aufgestellte, und großenteils auch erst entdeckte Classe von Verbindungen, »reiche entsteht, wenn ein elektropositives Schwefelmetall, wie Schweselkalium, Schwefelnatrium, Schwcfelzink u. s. w., sich als Basis mit einer elektronegativen Schwcfelvcrbindung, die Säurestelle dagegen vertritt, verbindet; sodaß also die Schwefelsalze den Sauerstosssalzen ganz analog sind, nur daß so- »vol in der Säure als Basis der Sauerstoff durch Schwefel vertreten wird. Die Schwefelverbindungen, welche als Säuren gegen elektropositive Schwefelmetalle auftreten, sind die höhern Schwefelungsstufen des Antimons, Arseniks, Molybdäns, Tellurs, Wolframs, der Schwefelwasserstoff, Schwefelkohlenstoff, und man unterscheidet demgemäß Arsenikschwefelsalze, Molybdänschwefelsalze u. s. w, e 403 Chemie c) Selensalze und Tellursalze; diese sind den Sauerstoffsalzen und Schwefelsalzen analog, nur daß in ihnen der Sauerstoff oder Schwefel der Basis sowol als der Saure durch Selen oder Tellur ersetzt wird. — In allen vorgenannten Salzen findet eine Verbindung eines binaren Korpers mit einem andern binaren Körper, die einen gemeinsamen Bestandtheil haben, statsi und sie werden sammtlich von Berzelius unter dem Namen Amphidsalze vereinigt; es gibt aber auch Salze, in denen ein einfaches Metall durch einen andern einfachen oder einen organischen zusammengesetzten Körper neutralisirt wird, wohin unter andern das Kochsalz, welches Berzelius selbst das charakteristischste aller Salze nennt, gehört, indem dies nichts anders als eine einfache Verbindung von Natrium mit Chlor ist. Die ganze Clafse solcher Salze wird von Berzelius unter dem Namen Haloidsalze begriffen, und sie enthalt unter sich als einzelne Ordnungen: die Chlsrmetalle, Jodmetalle, Brommetalle, Fluormetalle, Cyanmetalle und Schwefelcyanmetalle. Da es solchergestalt Chlor, Jod, Brom, Fluor, Cyan und Schwefelcyan sind, welche die Metalle zu Salzen zu Neutralismen vermögen, so faßt Berzelius diese Stoffe unter dem Namen Salzbilder (corpai-u lnlloFenia) zusammen, wahrend er die einfachen Stoffe (Sauerstoff, Schwefel, Selen und Tellur), welche die Metalle nicht neutralisi- ren, sondern mit ihnen elektropositive oder elektronegative Verbindungen (Basen oder Säuren) hervorbringen, die erst durch wechselseitige Verbindung Salze zu bilden vermögen, Basen- oder Saurebilder, oder der Kürze halber blos Basenbilder (cvrpora nmpKiFenin) nennt. Anlangend die Benennungen der verschiedenen Verbindungsstufen, mit welchen es sehr wichtig ist vertraut zu sein, da eine mangelnde Kenntniß derselben häufig Veranlassung zu unrichtigen Ausdrücken und Misverstandnissen gibt, so sind sie folgende: Wenn ein Metall zwei Oxydationsstufen hat, die beide als Basen gegen Sauren austreten können, so wird die niedere Oxydul, die höhere Oxyd genannt (z. B. Eisinoxydul, Eisenoxyd), ist bloß eine vorhanden, so heißt sie ebenfalls Oxyd (z. B. Zinkoxyd). Eine Oxydationsstufe, die zu wenig Sauerstoff enthalt, um Basisstelle vertreten zu können, heißt Suboxyd, und solche Oxydationsstufen, welche mehr Sauerstoff enthalten, als sie in ihre Verbindungen mit Sauren hinübernehmen können, werden Superoxyd genannt, oder, wenn ihrer zwei, eine niedere und höhere Stufe, vorhanden sind, re- spective durch die Namen Superoxydul und Superoxyd unterschieden. Zur Unterscheidung der verschiedenen Schwefelnngsstufen eines Metalls, z. B. des Kaliums, bedient man sich der Ausdrücke: erstes, zweites, drittes Schwefelkalium u. s. f. Sind bloß zwei Schwefelungsstufen vorhanden, z. B. dein: Eisen, so heißt die niedrigere Schwefeleisen, die höhere Eisenschwefel. Die Verbindungen der Metalle mit Chlor anlangend, so nennt Berzelius Chlorür die niedere Verbindungsstufe (welche dem Oxydul entspricht), Chlorid die höhere Verbindungsstufe (welche dem Oxyde entspricht) mit Chlor, wie denn z. B. das Calomel Quecksilberchlorür, der Ätzsublimat Quecksilberchlorid ist. Für noch höhere oder niedrigere Verbindungsstufen mit Chlor, als dem Oxyd und Oxydul entsprechen, braucht Berzelius die Vorzeichnungen Sub und Super, wie bei den Oxyden, z. B. Subchlorür, Superchlorid. Auf ganz analoge Weise sind die Benennungen Jodür und Jodid, Bromür und Bromid u. s. w. bei den andern Haloidsalzen zu verstehen. Die Haloidsalze können gleich den Amphidsalzen sowol basische als saure Salze bilden. Die basischen bestehen aus der Verbindung eines Metalls mit dem Haloidsalze desselben Metalls, sodaß z. B. basisches Chlorcalcmm eine Verbindung von Chlorcal- cium mit Calciumoxyd (Kalk) ist. Die Benennung basisch bezeichnet also richtig die Verbindung eines Salzes mit einer Basis. In Fallen? wo es mehre Verbindungstufen mit Basen gibt, gebraucht Berzelius die Worte: einfach basisch, doppelt basisch, dreifach basisch u. s. w., je nachdem das Oxyd entweder gleich viel oder zwei Mal oder drei Mal so viel Metall enthalt als das Haloidsalz. Auf analoge ,^AI. SAN MM, MWyMick-:: IMWdich«i?s- 'WtWMMWk: GWlimny Gilt«! Msi? st? ^ HAG A, dir Chemie 409 Weise sagt Berzelius z.B. saures Goldchlorid, saures Fluorkalium, wenn Goldchlorid chemisch mit Chlorwasserstosssäure (Salzsaure), Fluorkalium mit Fluorwasserstoff- saure (Flußsaure), u. s. w. verbunden ist. Was die Bezeichnung der Verbindungsstu- fcn der Schweselsalze, Selensalze, Tellursalze, beispielsweise der Arscnikschwefelsalze anlaugt, so nennt Berzelius arsenikgeschwefelte oder arsenikschweflige Salze die Salze, welche entstehen, wenn in den arseniksauren Salzen die Sauerstossatome der Saure und Basis durch eine gleiche Anzahl Schwefclatome ersetzt werden; arse- nichtgesthwefelte Salze, wenn dasselbe in Bezug auf die arsenichtsauren Salze stattfindet; ebenso kann man arsenikgeselente und arsenichtgeselente, arseniktellurte und arscnichttellurte Salze unterscheiden. Noch ausführlicher über diese Literatur kann man sich aus Berzelius' „Jahresbericht", Vl, 185, oder Fechner's „Reperto- rium der neuen Entdeckungen der unorg. Chemie", I, 577, belehren. Der kleinern Lehrbücher der Chemie, welche eine gedrängte Darstellung der Chemie enthalten, gibt es eine große Anzahl, unter welchen eine hauptsachliche Empfehlung das von Mitscherlich heftweise herausgegebene, wovon indeß erst wenige Lieferungen erschienen sind, verdienen dürfte; außerdem können die Lehrbücher von Döbereiner (1831), Ficinus (1830), Geiger (erster Theil seines „Handbuchs für Pharmaceuten", 1830), Nunge (1830), Scholz (zweite Aufl. 1829 — 31), Schubarth (fünfte Aufl. 1832), Vogel (1831), Möhler (1831), Zenneck (1829), und die Ubersetzungen der Lehrbücher von Payen (1829) und Turner (1829) angeführt werden. Neuere Werke, welche das ganze Detail der Wissenschaft enthalten, sind: das „Lehrbuch der Chemie" von Berzelius, aus dem Schwedischen übersetzt von Möhler, in vier Banden (von mehren Abteilungen), 1825 — 31; das „Repertorium der Chemie als Kunst und Wissenschaft" von Brandes (alphabetisch, bis jetzt bis zu Berzelit), seit 1825; das „Handbuch der theoretischen Chemie" von Gmelin, in zwei starken Banden (dritte Aufl. 1829); das „Handbuch der allgemeinen und technischen Chemie" von Meißner, in fünf Banden (der letzte 1834); das „Lehrbuch der theoretischen und praktischen Chemie"von Thenard, nach der fünften und sechsten Aufl. übersetzt von Fechner, in sechs Bdn., 1825—28, fortgesetzt durch das „Repertorium der neuen Entdeckungen in der Chemie" von Fechner. In Vc- gUg auf technische Chemie insbesondere sind namentlich zu erwähnen: das Lehrbuch von Dumas, in zwei deutschen Übersetzungen erscheinend, das von Schubarth und die große „Technologische Encyklopädie von Prechtl"; in Bezug aufpharmaceutische Chemie Geiger's „Handbuch", Bucholz' „Pharmaceutische Praxis", Dulk's „Com- mentar zur preußischen Pharmakopoe, und Andere; in Bezug auf analytische Chemie Rose's „Handbuch der analytischen Chemie" (zweite Auflage 1831); in Bezug auf chemische Manipulationen und Apparate eine Übersetzung von Faraday's Werk über diesen Gegenstand, und das in Heften zu Weimar erscheinende „Laboratorium". — Die Journale, durch welche die neuen Entdeckungen in der Chemie verbreitet werden, sind folgende: In Deutschland für allgemeine Chemie (und Physik): Poggendorff's „Annalen" (mit dem Jahre .1832 den 23. Band beginnend, Fortsetzung der ehemaligen Gilbert'schen), welche wegen der ausgezeichneten Mitarbeiter, die daran Theil nehmen, und der fast durchgangigen Wichtigkeit der darin aufgenommenen Abhandlungen, für die Fortschritte der Chemie den ersten Nang einnehmen; ferner das sehr sorgfältig redigirte, durch reichhaltige Zusammenstellungen, Literatur und ebenfalls wichtige eigenthümliche Abhandlungen sich auszeichnende ehemals Schweig- ger'sche, jetzt von Schweigger'S Adoptivsohn Schwcigger - Seidel in Verbindung mit Duflos redigirte „Jahrbuch der Physik und Chemie" (mit 1832 den 54. Band beginnend); fernerKastner's „Archiv für Chemie u. Meteorologie" (mit dem Jahre 1832 den vierten Band beginnend); für mineralogische und technische Chemie: Erdmann's „Journal", Karsten's „Neues Archiv", Dinglcr's „Polytechni^ 410 Chile sches Journal"; für pharmaceutische Chemie: die pharmaceutischen Journale von Buchner, von Trommsdorss, die „A»nalen der Pharmacie" von Brandes, Geiger und Liebig (Fortsetzung des seit 1832 vereinigten Brandes'schen Archivs und Gei- ger'schm Magazins), das „Berlinische Jahrbuch" von Lindes, das „Pharma- ceutische Centralblatt" (ohne Nennung der Redaction), die „Pharmaceutische Zeitung des Apothekervereins im nordlichen Deutschland". In Frankreich sind für allgemeine Chemie (mit Physik) blos die ,,.4nmdes de cliimie et de ply'sigue" unter der Redaction von Gay-Lussac und Arago vorhanden (l832 der 49. Band beginnend), für technische und mineralogische Chemie die „^nmdes des mines", das „Lidietin de in societe industrielle de lVluIlrausen", die „^nnnles de I'in- dustrie", das „Inurnnl des cermmss-mcgs usuelles"; für pharmaceutisch-medici- Nl 'sche Chemie das „lournul de ^üuriuacie" und das „lournul de cliimie medi- cule". In Schweden, so viel uns bekannt, bloß die „XoiiFl. Vetenslcups-kcnd. Hundiin^tti", und die „lern Oentvi ets Kimedec". In England: ,/13ie jitiilnso- jiliical maFuxine und unnuls uk plii!nscg)!i)" von Taylor und Phillips, das „lbldintjurgch ^liilosnjillicüi sinn iinl^ von Brewster und das „Ldindur^k nevv i»l,i- ioso^üierd )nurnul" von Jameson, das „lnurnul nf tlre r,»)'ul institutinn"; ,,3'lie cjuurterl )')0 »rnul of seience"; diese englischen Journale enthalten aber auch außerdem noch viele andere heterogene Gegenstände. (11) * Chile, südamerikanischer Freistaat, dessen Name, alter als die Entdeckung des Landes durch die Europaer, von einer Drosselart herrühren soll, bildet einen großen Theil der Westküste Südamerikas und liegt, ohne die Inseln Chiloe, welche zum Freistaate gehören, zwischen 24° 5" und 4l° 55" S. Br. und 59° 29" und 58° 39" W. L. von Ferro. Von Norden nach Süden dehnt es sich, als ein langer schmaler Streif, 2974 geographische M. und mitChiloe 295 M. aus. SeineNach- barlander sind im Norden Bolivia, im Osten die Staaten von la Plata; südlich und westlich wird es von dem großen Ozean begrenzt. Der Flachenraum des Landes, früher beinahe um das Doppelte zu hoch berechnet, betragt 8952 geographische UlM. und wird etwa von 7 Millionen Menschen bewohnt. Dieses Land gehört zu den schönsten der Erde; es hat ein vortreffliches Klima, einen fruchtbaren Boden, zahlreiche Flüsse, majestätische Berge und eine herrliche Küste; es ist eine Schweiz im südamerikanischen Maßstabe. Auf der Ostgrenze zieht sich die Haupt- kette der Anden hin; ihre Hochgipfel, von denen viele gegen 29,999 Fuß erreichen und alle mit ewigem Schnee bedeckt sind — da die Schneelinie unter 35° Breite auf der Höhe von 19,899 Fuß liegt —, bilden einen wundervollen prachtigen Anblick; unter die höchsten dieser Erdriesen gehören der Mahflas, Tupungato, Descabeza- do, Longavi, Chillan, Guanauca, Coquimbo, Limari, Chiapa w. Man zahlt 21 Vulkane, von denen 14 in bestandiger Eruption sind. Das Land ist sehr häufigen Erdbeben ausgesetzt, eines der heftigsten war 1822, und jährlich rechnet man auf drei bis vier, die aber gewöhnlich leicht vorübergehen. Von den Anden aus ziehen sich mehre Gebirgszweige in verschiedenen Richtungen durch das Land, welches nach der Küste hin bedeutend abfällt; ausgedehnte Ebenen findet man in diesem Gebirgslande nicht. Von dem Gebirge der Anden fließen 129 große Flüsse durch das Land, alle in der Richtung von Osten nach Westen") alle sind Küstenflüsse, und die ausgezeichnetsten folgende: der Guasco, Quillota, Maipo, Maule, Valdivia, Biobio w. Der letztere trennt das Gebiet des Staates von den Besitzungen der tapfern Araucanos, eines freien Jndianerstammes, den die spanischen Waffen nie bezwungen. Unter den zahlreichen Seen sind der Aculeu, Padaguel und Taguatagua die fischreichsten und vorzüglichsten. Die Küste dehnt sich am großen Ozean auf 271 Meilen aus, große und tief ins Land eingreifende Busen sind nur im Süden, wo Ancud zwischen Chiloe und dem Festlande ein prächtiges Jnselmeer bildet. Das Klima Chiles, als eines Gebicgs- und Küstenlandes, ist SÄ, Gl Chile 4!l sehr gemäßigt und äußerst gesund; die stärkste Wärme fällt auf das Mittelland 'wischen dem Gebirge und Meere, doch steigt sie höchstens auf 25° Reaum.; dennoch gedeihen hier tropische Früchte vollkommen. Der Frühling beginnt den 22. September, der Sommer im December; in beiden Jahreszeiten ist die Atmosphäre immer heiter, und Gewitter und Hagelwetter kennt man nicht; der Herbst fangt im Mär; an, im April und Mai ist Weinlese; der Winter tritt im Inn.' ein. Die vorherrschenden Winde sind der Nord- und Nordwest- und der Süd- und Südwestwind; den Ostwind kennt man kaum. Unter den Produeten des Landes sind die. edeln Metalle, Gold, das aus 14 Bergwerken zu Tage gefördert und auch im Flußsande gefunden wird, und Silber von großer Bedeutung; nächst diesen Kupfer, das allein zwischen den Städten Copiapo und Coquimbo in 1000 offenen Gruben gefunden wird, Eisen, Quecksilber und Zinn. Der Betrag der Gold- und Silberminen wird von Humboldt vor der Revolution auf 2,060,000 Piaster angegeben; nach Miers betrugen sie 181'7noch 1,101,282Piasterund 1824nurnoch 138,094 Piaster. Die Ausfuhr des Kupfers wird vor der Revolution auf 20,00l) Cmtner jahrlich angegeben. Chile erfreut sich eines ausgezeichneten Pflanzenreichs; außer seinen einheimischen Gewächsen, der Papa, Quinua, Oca, Bananas, Coco, Tunau., gedeihen alle europaische Getreide- und Obstarten; erstere sind stark im Anbau und wachsen sehr üppig; sie geben die Aussaat 50—lOOfaltig. Getreide wird viel, namentlich nach Peru, ausgeführt; ebenso sind getrocknete Früchte Gegenstand des Handels. Die Viehzucht ist, durch die Lage und das Klima des Landes begünstigt, blühend; das Pferd ist schön und in zahlreichen Heerdcn über das ganze Land verbreitet; Rindviehheerden findet man 10 — 12,000 Stück stark; Fleisch, Talg und Haute bilden daher bedeutende Aussuhrartikel. Schafe und Ziegen besitzt Chile in noch größerer Anzahl als Rindvieh, und die Wolle, vorzüglich der Schafe an den Anden, ist von ausgezeichneter Güte. Der Handel ins Ausland geht aus den Hafen Coquimbo, Valparaiso, La Concepcion und dem Hafen San-Carlos auf Chiloe. Bei befestigter Ordnung und ruhiger Fortentwickelung diefes Freistaats wird sein Handel mit Europa Bedeutung gewinnen. Die Bevölkerung unterscheidet sich der Abstammung nach in Ureinwohner und Ankömmlinge; jene sind freie Jndianerstämme, wie die Araucanos, und gehören zudem Hauptvolke der Molurschen; die Ankömmlinge aber theilen sich in Creolcn, nach den Indianern die stärksten an Zahl, Mischlinge und Neger, welche letztere jedoch blos auf 40,000 geschätzt werden. Zweihundertsechzig Jahre lang war Chile, seit der Eroberung durch Pedro de Valdivia, eine spanische Colonie gewesen, als die Einwohner der Hauptstadt Santiago am 18. Jul. 1810 den Generalcapitain Carrasco absetzten, und an seine Stelle einen Eingeborenen, den Grafen de la Conquista, wählten. Unter diesem wurde der Plan zum Abfall von Spanien entworfen, und auf Betrieb des von Buenos Ayres nach Chile gesendeten Alvarez de Jonte, eines Mannes, der um die Befreiung Südamerikas große Verdienste hat, am 18. Sept. desselben Jahres eine Regicrungsjunta aus sieben der angesehensten Einwohner der Hauptstadt eingesetzt. Die Provinzen bestätigten mir Freuden, was die Hauptstadt begonnen. Leicht und ohne alles Blutvergießen kam die Revolution zu Stande, denn die Zahl der Altspanier war in Chile gering, und Widerstand ihnen unmöglich. Der Versuch eines Spaniers, des Obersten Figuerra, die neuerrichtete Regierung zu stürzen, mislang sl. April 1811), und brachte dem Urheber Verderben. Der erste Eongreß versammelte sich im Jun. 1811, und seine ersten Maßregeln zeugen eben- sowol von gesundem Verstand als von Freisinnigkcit: es wurden viele Misbräuche in der Verwaltung abgeschafft, unnöthige Amter eingezogen, Handelsfreiheit für alle Artikel, die im Lande selbst nicht fabricirt werden, proclamirt; die Besoldung der Geistlichkeit beschränkt und von der Staatskasse übernommen; die allmälige 4?2 Chile Abschaffung der Sklaverei verfügt und selbst Preßfreiheit eingeführt, obschon Chile noch keine Druckerpresse besaß. Die erste langte am 21. Nov. 1811 von Neuyork in Santiago an und druckte mit dem neuen Jahr 1812 die erste Zeitung: „An- rol-Ä cle Odile". 'Aber die schöne Morgenröthe, welche an Chiles Himmel ausging, verdunkelte. Drei Brüder, Jose Miguel, Juan Jose und Luis Carrera, aus einer reichen und angesehenen Familie, jung, unerfahren, ausschweifend, aber nicht ohne Talent und machtig vom Ehrgeiz getrieben, suchten und verschafften sich, unterstützt von ihrer reizenden Schwester Anna, einen Anhang, brachten die neue Regierung in Verwirrung, lösten den Congreß auf und stellten sich selbst an die Spitze des Staats. Ihr ehrgeiziges, übelbcrechnetes Treiben stürzte das Land in Anarchie, und diese wurde von den Spaniern benutzt, um Chile wieder in seine vorige Abhängigkeit zu bringen. General Pareja langte mit spanischen Truppen aus Lima im Anfange des Jahres 1813 an, wurde aber von den Patrioten bei Perbas Beunas, nordwärts vom Maulefluß, geschlagen; sein Nachfolger im Oberbefehl, San- chez, war glücklicher; er behauptete sich in der Stadt Chillan an der Küste, gewann die Araucanos für sich und wiegelte durch die spanischen Missionarien und die Landesgeistlichkeit die Chilenos selbst gegen ihre Regierung auf, was ihm um so leichter gelang, da sich die Gebrüder Carrera durch ihre Zügellosigkeit und Gewaltthaten allgemein verhaßt gemacht. Die Junta in Santiago entsetzte die Brüder ihrer Ämter und foderte sie vor ihre Schranken. Auf dem Wege nach der Hauptstadt wurden Jose Miguel und Luis von spanischen Streiscorps gefangen; den Befehl über die Armee der Patrioten erhielt der Oberst Don Bernardo O'Higgins, ein talentvoller Mann, muthiger Soldat und freisinniger Bürger, dem Chile sehr viel verdankt. Die Spanier in Chile erhielten Verstärkung und an dem General Gainza einen erfahrenen Anführer; sie eroberten die Stadt Talca, am nördlichen Ufer des Maule, und schlössen hier mit dem mittlerweile an die Stelle der Regierungsjunta ernannten Oberdirector Don Francisco Lastra, am 5. Mai 1814 unter englischer Vermittelung einen Vertrag ab. Aber dieser diente den Spaniern nur zu einem listigen Vorwande, sich in Chile so lange zu halten, bis eine neue stärkere Armee im Stande sein würde, die überraschten Chilenos wieder ganzlich zu unterwerfen. Und in der That gelang dieser schändliche Plan vollkommen. Umsonst vereinigten sich die entzweiten Patrioten, umsonst bot O'Higgins Alles auf, was Heldenmut!) und wahre Begeisterung vermögen. Die Ubermacht der Spanier siegte, Chile ergab sich, O'Higgins mit etwa 1400 Personen wanderte aus. In Mendoza fanden sie alle gastfreundliche Aufnahme und entwarfen neue Pläne zur Befreiung ihres Vaterlandes, welches wieder zwei und ein halbes Jahr lang durch die willkürlichsten und greulichsten Thaten der spanischen Anführer-und ihrer Söldlinge zertreten wurde. Kurze Zeit nach dem ewig denkwürdigen Zuge des ausgezeichneten Patrioten und Generals San-Martin aus Buenos Apres mit dem in Mendoza gesammelten Befreiungsheer über die Anden, deren fünf Hauptpässe auf der Ostseite alle 15 — 16,000 Fuß hoch sind,, entschied der Sieg der Patrioten bei Chacabuco, am 12. Febr. 1817, der vorzüglich unter O'Higgins'Mitwirkung erfochten und von Don Manuel Nodriguez, einem kühnen und glücklichen Gue- rillasführer, vorbereitet worden, Chiles Schicksal. O'Higgins wurde von den dankbaren Chilenos, welche sich aufs Neue für unabhängig erklärten, im Januar 1818 zum Oberdirector des Staates ernannt; aber seine Unabhängigkeit wurde erst durch den wichtigen Sieg am Mappu, welchen San-Martin den 5. April 1818 erfocht, fester begründet. Seine ganzliche Befreiung von der Macht der Spanier erzwang sich Chile durch seine neugeschaffene Flotte, die zwar an Zahl der Schisse gering, aber den berühmten Lord Cochrane (s. Dundonald) als Oberbefehlshaber der Seemacht Chiles zum Anführer hatte. Nach der Eroberung der Hafenbucht von Valdivia, im Januar 1820, war das ganze Festland Chile von Spaniern befreit; UM Di» Chinesische Romane 4!3 tt-, ! die Südgrenze des Freistaats sicherte gegen die Anfalle der Araucanos der tapfere Namon Freire, welchem es im Januar 1826 auch gelang, die Insel Chiloe von den Spaniern zu befreien. Seit der Befreiungsschlacht am Maypu war Chile durch keinen Einbruch der Spanier mehr beunruhigt worden. Es blieb ihm also Zeit, feine freie Verfassung auszubilden; aber auch in diesem Lande boten der Ehrgeiz der Militairchefs, der Einfluß der Geistlichkeit, der unter den Spaniern gänzlich verwahrloste niedere Culturzustand des Volkes und die herrschende Fi- n.mznoth große Hindernisse. Vis 1823 stand O'Higgins an der Spitze der Regierung; ihm folgte Ramon Freire, der, als 1826 Encalada die Stelle eines Präsidenten ablegte, zum zweiten Mal gewählt wurde, aber gleiches Schicksal wie sein Vorganger hatte und durch die Reibungen der Parteien und die Gleichgültigkeit des Volkes gegen die Vollziehungsbehörde genöthigt wurde abzudanken. Ihm folgte Pinto. In der neuesten Zeit hat das Volk den verdienstvollen O'Higgins, der sich ins Privatleben zurückgezogen, wieder an die Spitze der Regierung berufen; er scheint auserwählt zu sein, seinem Vaterlande durch eine naturgemäße Verfassung die Freiheit zu sichern, welche er ihm im blutigen Kampfe erfochten. Die Partei der Föderalisten scheint der zahlreichern, von dem natürlichen Sinne des Volkes unterstützten, der Centralisten vollständig gewichen zu sein. Ueber die neueste Organisation des Landes fehlen die Nachrichten. Bis jetzt wurde Chile in folgende acht Provinzen eingetheilt: Coquimbo, Aconcagua, Santiago, Colchagua, Maule, Concepcion, Valdivia und Chiloe. Die Hauptstadt des ganzen Landes ist Santiago mit 48,060 Einwohnern. (29) Chinesische Romane. Die Aufmerksamkeit, welche sich die chinesischen Romane seit kurzem bei der deutschen Lesewelt zu erwerben gewußt, verdanken sie nicht, wie andere Mittheilungen aus der Literatur des Orients, dem linguistischen Interesse, wenigstens bei uns nicht, denn wir besitzen bis jetzt noch keine einzige deutsche Übertragung dieser anziehenden Erzählungen, welche nach dem Original selbst oder irgend mit Rücksicht auf die orientalischen Sprachstudien gearbeitet wäre, sondern mit dem reinen Stoff- und Sachinteresse uns begnügend, haben wirnins bisher nur die französischen und englischen Übersetzungen, die allerdings aus dein chinesischen Original entstanden sind, wieder übersetzen lassen. Jene Übersetzer sind jedoch auch ihrerseits schon dein Plane gefolgt, die chinesischen Romane durch eine populaire Einkleidung dem abendländischen Leser genießbarer zu machen und das Fremdartige derselben, welches unser Interesse an ihnen schwächen könnte, zu vertilgen. Die aus ihnen wiederübersetzten deutschen Übertragungen haben darauf folgerecht auch von ihrer Seite und für ihr Publicum Manches von der ursprünglichen Eigentümlichkeit des Originals weggewischt und abgearbeitet, sodaß sich jetzt kaum noch sagen läßt, inwieweit wir die eigentlich heimathliche Form und Farbe dieser Dichtungen und ihrer Darstellungsmanier aus jenen Übersetzungen kennen gelernt haben. Dieser Gesichtspunkt mag indeß für den Literator und besonders für den Gelehrten vom Fach bedeutend sein, und bei den unablässigen Bestrebungen der deutschen Orientalisten, welche auch die Grenzen des verschlossenen China immer kühner überschreiten, ist gewiß zu erwarten, daß auch wir einmal die zur genauem Charakteristik der Sitten- und Culturgeschichte dieses Volkes nicht nur dienlichen, sondern sogar unentbehrlichen Romane der Chinesen nach der Ursprache übersetzt erhalten werden. Aber auf der andern Seite müssen wir auch bemerken, wie in denselben das Sachinteresse, welches eben in diesen wichtigen Aufschlüssen über die einzelnsten und verborgensten Sittenverhältnisse der Nation beruht, so sehr das Überwiegende und einzig Bedeutende gegen die Dichtungsform ist, daß wir Das, was sich aus diesen Produkten für die allgemein gebildete Lesewelt gewinnen läßt, allerdings wol aus den bisher uns dargebotenen Übersetzungen genügend aufnehmen können. Die Chinesen, die so angstlich jeden Blick des Fremden von dem Innern ihres 414 Chinesische Romane Staatshaushalts abwehren, führen uns in ihren Romanen selbst von freien Stücken in die verborgensten Eigenthümlichkeiten ihres Haus- und Familienlebens ein, und wenn der nationale Grund und Boden, welchen diese Erzählungen keinen Augenblick verlassen, dem poetischen Werthe derselben Eintrag thut, so gewinnen wir dagegen an dem Interesse der treuesten Wirklichkeit, welche sich darin bis in die zufälligsten Details hinein abspiegelt. Denn so arm an eigentlicher poetischer Erfindung sind die Chinesen, daß Abel Remusat in seiner „?uru!Iä!e Aes romms Ae lu et Ae eeux rmn" in der „Elrnmmuticu 8micu" S. M, 369, Nr. 27 — 35, verzeichnet. Die Romane der Chinesen sind theils in Prosa, theils in Versen, einige selbst in durchgehender dialogischer Form, völlig wie ein Drama abgefaßt, z. B. der Roman des Uah mii. Die Capitel derselben werden Hoeey genannt. Was im Durchschnitt die Zeit der Abfassung betrifft, in welche die uns bekannten chinesischen Romane fallen, so dürfte man wol nicht sehr irren, wenn man ihnen das 13. und 14. Jahrhundert anweist. (47) Eh in est scher Handel, s. Ostindisch-chinesischer Handel. Chlapowski, einer der genanntesten und verunglimpfteften Namen aus dem polnischen Freiheitskriege. Aus einer angesehenen und im Großherzogthume Posen begüterten Familie stammend, zeigte der junge C. schon in frühen Iahren Fähigkeiten und Muth. Man erzählt sich von kühnen Antworten, wodurch er schon als dreizehnjähriger Knabe nach Polens Theilung seinen unerschütterlichen Nationalsinn bekundet habe; auch erhielt er eine sorgsamere Erziehung als bei den polnischen Edelleuten gewöhnlich ist. Die erste Gelegenheit, sich auszuzeichnen, bot ihm, so viel uns bekannt, der russische Feldzug; er wurde Napoleons Flügeladjutant und hatte sich der Gunst des Kaisers zu erfreuen. Nach dem Frieden widmete er sich ganz der Cultur seiner Güter in Posen, und man will behaupten, daß cr aufeine Art die Bewirthfchaftung derselben besorgte, welche ganz von dem Charakter eines polnischen Edelmanns abweicht, insofern man diesen in rücksichtsloser Gastfreiheit und sorgenloser Verschwendung sucht. Seine Gattin, eine allgemein geachtete Dame, geborene Gräfin Grudzinska, ist die Schwester der verstorbenen Fürstin Lowicz, Konstantins Gemahlin. An dem Ausbruche der Revolution hat E. keinen Theil ; ja er ging erst im Januar 1831, als es zum unheilbaren Bruch zwischen Polen und Rußland kam, nach Warschau, nachdem er es nunmehr als Pflicht jedes Polen erkannt, für sein Vaterland den letzten Kampf um seine Unabhängigkeit mit zu ringen. Sein Rath und seine Persönlichkeit waren nicht ohne Einfluß in Warschau. Er aber war unzufrieden mit Chlopicki's Unthatigkeit, und drängte vergebens auf entscheidende Maßregeln, die keinen Rückschritt möglich machten. Auch nach Chlopicki's Abdankung als Dictator erhielt er bei der damaligen Verwirrung keine einflußreichere Stellung. Er commandirte mit in der Schlacht bei Grochow, in der nach seiner Darstellung jeder General für sich befehligte und kein allgemeiner Plan ausgeführt wurde. Spater focht seine Division sufdem linken Flügel der polnischen Armee, uiid, langst bestimmt, den Aufstand m Lithauen zu unterstützen, gelang es ihm, wahrend der Schlacht bei Ostrolenka dahinzubringen. Allein er fand, daß er zu spat gekommen; der eigentliche Aufstand war schon unterdrückt, die Russen hatten alles Material, was einen Bürgerkrieg möglich machte, zerstört, die Lithauer, die ihm zuliefen, brachten nichts als Traume von Siegen mit. Es gelang ihm, sich mit Gielgud, der nach der Schlacht von lchtrolenka vom polnischenHauptheer abgeschnitten worden war, und nach Lithauen Marschiren mußte, zu vereinigen. Der jüngere, gebildetere, unternehmendere Oberst E. mußte sich dem altersschwachen und talentlosen General Gielgud unterwerfen; 4!6 Chlopicki er gehorchte ihm, obgleich er nie seine Anordnungen billigte, um dem schon des- organisirten Heere kein Beispiel von Insubordination zu geben. Der zu spat und planlos aufWilna unternommene Angriff scheiterte, und die Neste des lithauischen Heeres mußten sich nach einer blutigen Schlacht längs der Wilia zurückziehen. Als Subordination, Munition und Vertrauen auf gleiche Weise ausgegangen waren, gingen die polnischen Corps eines nach dem andern vor den verfolgenden Russen über die preußische Grenze und lieferten ihre Waffen und Geschütze aus. C. folgte Gielgud's Beispiel, das er, wenn auch nicht billigen, doch nicht andern konnte. Der Jähzorn eines getäuschten Patrioten erschoß Gielgud, dem man vorwarf, er habe die ganze Expedition den Russen verrathen! Später warf derselbe blinde Fanatismus alle Schuld auf C. Man darf nie einem Polen Glauben beimessen, wenn er einem Landsmanns Verrath vorwirft; ruhig und parteilos abwägende Gerechtigkeit war diesem unglücklichen Volke von je fremd, und nicht der fremden Übermacht, sondern eben diesem blinden Factionsgeiste ist es erlegen. C. hat sich in seiner zu Paris französisch erschienenen Darstellung des Feldzugs („lettre« llu generell (llllcipovvslll 8iir ies evenemens inilltellres en?clloglie et en Illtllmnlle") als ein unterrichteter Militair, als ein gebildeter Geist, als aufrichtiger, aber auch als besonnener Freund seines Vaterlandes bewiesen. Seine Darstellung ist klar und sprechend, und keinem ruhig prüfenden Ausländer ist die Möglichkeit eines Verraths denkbar, aber dennoch hielt sich bei der Quarantäne an der preußischen Grenze das polnische Ossiziercorps von ihm entfernt. *) Er wird nach Posen auf seine Güter zurückkehren. Preußischerseits hatte man mit ungemeiner Schonung und Milde die angedrohte Einziehung derselben verschoben, wohingegen C.'s Gattin mit edlem Stolze den Commissairen Alles freiwillig überlieferte. C. ist noch in seinen besten Mannesjahren. (9) Chlopicki (Joseph), ward im März des denkwürdigen Jahres 1772, in welchem die unheilbringende Theilung des polnischen Reiches begann, zu Warschau geboren. Noch nicht 1.) Jahr alt, trat er schon als Cadet in ein Infanterieregiment. Das letzte Decennium des vorigen Jahrhunderts, welches die Sonne der Freiheit über Frankreich aufgehen sah, war der Zeitpunkt, wo auch in Polen, das in der Unterdrückung seine Kräfte verdoppelt fühlte, der glimmende Funke der Unabhängigkeit zur Flamme aufloderte-, bald aber in der Schlacht von Maciejowice (l(). Oct. 1791) erlöschen mußte. C. that sich 1792 in dem mörderischen Treffen bei Raclawice in Kosciuszko's Nähe so sehr hervor, daß ihn der große Naczelnik vor der Fronte des Heeres umarmte. Bald darauf wählte ihn der General Rymkiewicz zu feinem Adjutanten, und unter der Leitung dieses tapfern Feld- Herrn gewann C. bei aller Heftigkeit eines jugendlich aufbrausenden Wesens die Ruhe und Sicherheit, welche dem Ossizier in der Schlacht so große Vorthekle gewährt, und in dieser Schule hat er ohne Zweifel schon den Grund zu seiner nachmaligen Fertigkeit im Organisiren und Ordnen gelegt, welche nebst seiner Rechtlichkeit und Einsicht ihn in unsern Tagen zu der höchsten Würde im Staate berief. Als nach dem Blutbade vor Praga (5. Nov. 1794) die Blicke aller Polen sich nach Frankreich wendeten, und General Dombrowski (1797) von Mailand aus einen Aufruf an die polnische Nation erließ, auf dem altclassifchen Boden Italiens ein besseres Schicksal für ihr Vaterland abzuwarten, waren alsbald alle Polen unter den Waffen. In den Reihen der ersten Krieger, die sich freiwillig einstellten, war auch C., der nirgends fehlte, wo die Ehre und das Vaterland riefen. C. *) Um indeß ein unparteiliches Urtheil über C.'S Benehmen in ?ithaucn füllen zu Mislingen des Feldzugö zu. D. Red. K- Chlopicki 417 trat in cisalpinksche Dienste. Als die französischen Truppen den Kirchenstaat räumen mußten, um sich zu Civita Vecchia einzuschiffen, und die Polen mit der Dämpfung des hie und da sich regenden Aufruhrs beauftragt wurden, brauchte der Oberbefehlshaber Manner, die sich durch Festigkeit und Milde zu diesem schwierigen Geschäfte eigneten, und auf den Obersten Seydlitz und den damals äußerst wortkargen, aber pflichttreuen C. siel die Wahl. In diesem Kampfe zeichnete sich C. besonders in dem hartnäckigen Gefechte bei Bastardo aus und ward auf dem Schlachtfelde zum Oberstlieutenant befördert. Als bald darauf die Austro-Russen durch die Besetzung der Spezia den Zusammenhang mit der Armee von Italien abzuschneiden drohten, erhielt C. von Dombrowski den Befehl, mit einem Theite der Legion die ?ortn cki Snn-?elle^r!no zu verstärken, um mit verdoppelter Kraft den Engpaß von Modena zu vertheidigen, während der Oberbefehlshaber mit dem Kerne seiner Truppen über Lucca nach Sarsana zog. In den Gefechten zu Pontre- moli, dem Hauptpaffe der Apenninen, und bei Croce, welche eine Folge dieser Bewegungen waren, trug C. viel zu dem glücklichen Erfolge bei, daß die Verbündeten die Stellung räumen und in eiligster Flucht ihre Rettung suchen mußten. In dem Tressen bei Busano (4. Inn. 1799), bei dem Sturme auf Casa Bianca (15. Jan. 1899) und in dem Gefechte bei Ponti gewann er neue Lorbern. Als Dombrowski 1896 auf Napoleons Veranlassung seine Landsleute unter die Waffen rief, gehörte C. nicht zu den Letzten, welche der „?ospolite Rusxenie" (dem Heerbanne) folgten. Er machte als Oberster des ersten Infanterieregiments von der Weichsel den Feldzug des Jahres 1897 mit und focht rühmli-ch bei Friedland und Eylau. Die französischen Adler riefen ihn 1898 nach Spanien, wo er die Weichselbrigade befehligte. Vor Epila, wo Palafox am 23. Jun. von den Polen geschlagen wurde, erhielt er das Kreuz der Ehrenlegion. Bei beiden Stürmen aus Zaragoza that er Wunder der Tapferkeit. Am 4. August drang er mit seinen Polen durch die Sturmlücken ein, warf sich auf die Feuerschlünde, eroberte eine Batterie, wendete sie gegen den Feind und errichtete mitten in der Stadt einen Waffenplatz für die Seinigen. „Gott! wie war es möglich", rief ihm ein alter französischer Grenadier, von der Tapferkeit der Polen begeistert, zu, „daz?Euer Polen untergehen konnte!" Unter Marschall Suchet machte C. den glorreichen Feldzug in Aragonien, Catalonien und Valencia mit, und trug viel zu dem Gewänne der Schlacht bei Sagonta bei. Nach den Gefechten bei Santa-Maria am 15. und bei Belchite am 18. Jun. wurde er zum Brigadegeneral der Division Laval ernannt. Als solcher schlug er am 19. Febr. 1819 die Spanier unter dem General Villacampa auf dem rechten Ufer des Ebro. Als Mina 1811 die Franzosen in Aragonien bedrohte, ließ Suchet den General C. am Ebro zurück, und er gibt ihm in seinen Denkwürdigkeiten bei der Erwähnung dieses Umstandes das rühmlichste Zeugniß. Zu Ende desselben Jahres rief Napoleon die polnischen Truppen zurück, um sie 1812 als Vorkämpfer gegen die Russen zu gebrauchen. In der mörderischen Schlacht bei Smolensk und in dem Haupttreffen bei Mosaisk, wo die Russen eine völlige Niederlage erlitten, wurde C. schwer verwundet von der Wahlstatt getragen. Er folgte Napoleon, trotz des Unsterns bei Leipzig, auch 1814 zu neuen gefahrvollen Thaten, bis endlich der letzte Stral von Hoffnung auf Selbständigkeit für die Polen erlosch. Betrübt kehrten nun die Meisten in ihr Vaterland zurück; allein schon am 11. Decembcr kündigte der Großfürst Konstantin durch einen Tagesbefehl seine Ankunft in Warschau an. Mit diesem Tage war der gute Stern von den Polen gewichen. Obwol C. noch in demselben Jahre zum Divisionsgeneral befördert worden war, fo bewog ihn doch eine Beleidigung des Easarewitsch, sofort sein Entlassungsgesuch einzureichen. Dieser hatte sich nämlich bei einer Heerschau über die polnischen Truppen, als C. feine Division vor- uberführte, bittern Tadel erlaubt. „Nonsei^neur!" gab der Held von Zaragoza ^cnv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. A7 4!8 Chlopicki zur Antwort, „comme ce ne kut ckans la cmir 3u palais 6e Luxe hue ssgi ciieilli mes üniiiers et mes clecoratiens, ce ne sera Dictator über sein Benehmen zur Rechenschaft zu ziehen. Man erblickte in der Mäßigung, die er bei Übernahme der Dictatur gezeigt, nur zaghafte Unschlüssigkeit, in seinen bedachtsam abgemessenen Schritten Schwäche, und in seiner Abneigung gegen jede parteiliche Leidenschaftlichkeit Kaltsinn für die Sache des Vaterlandes. Man warf ihm vor, er habe den geistigen Aufschwung seines Volkes nicht begriffen, bloß kaltblütige Soldatenstrenge geübt, und in seinen Unterhandlungen mit dem Kaiser die Würde Polens zu wenig im Auge behalten. Obgleich ihn würbige Männer öffentlich in Schutz genommen hatten, entschloß er sich jedem Ereignisse zuvorzukommen, und übergab am 13. Jan. 1831 bei dem Reichstage eine Acte, worin er die ihm anvertraute Obergewalt niederlegte, damit die Abgeordneten sich in vollkommener Unabhängigkeit über die Mittel, welche die Erhaltung Polens und seiner Gerechtsame zu sichern im Stande seien, berathen und zur Wahl eines Oberbefehlshabers schreiten könnten. Auf die wiederholten Bitten, wenigstens den Oberbefehl über die Armee anzunehmen, gab er zur Antwort, nur dann würde er sich noch einmal zur Übernahme der höchsten Gewalt verstehen, wenn man ihm eine solche Dictatur einräumte, welche auch noch von der bisherigen Einschränkung befreit wäre. Als man erwiderte, daß man zur Übertragung einer solchen Gewalt nicht bevollmächtigt sei, gab C. die Dictatur unwiderruflich in die Hände der Nation zurück, verließ noch an demselben Tage den Palast des Statthalters und bezog seine frühere Wohnung wieder. Nachdem in der Landtagssitzung vom 25. Jan. auf Antrag des Landboten Roman Soltyk einstimmig der Thron des Königreichs Polen für erledigt erklärt worden, war der große Wurf ge- than. Von diesem Augenblicke konnte man nicht mehr zurücktreten. Die Wahl eines neuen Oberbefehlshabers war mittlerweile aus den Fürsten Michael Rad- 27"" 420 Chlor, Chlorgas, Chlorkalk ziwill gefallen. Jetzt wurden selbst in der Landbotenkammer mehre Stimmen gegen C.'s Benehmen vernommen. Ledochowski verlangte die Ablesung der Correspon- denz des Großfürsten mit C., es regte sich allgemeiner Unwille, und man fand sowol Inhalt als Ausdruck unpassend. Starzynski trug sogar darauf an, den Exdictator für einen Landesverrather zu erklaren. Der Augenblick war gekommen, wo ein Mann wie C. seine Sinnesart auf eine unzweideutige Weise an den Tag legen mußte. Er trat zu Anfang Februar als gemeiner Soldat in die Reihen der Vaterlandsvertheidiger. Mit großem Enthusiasmus der Soldaten aufgenommen, gab er Veranlassung, daß Warschau sogleich in Belagerungszustand erklart und General Sierawski, der die sogenannte goldene Schar oder das Regiment der goldenen Freiheit anführte, zum Befehlshaber der Festung Zamosc ernannt wurde. In der mörderischen Schlacht vom 19. Februar bei Wa.wre und vom 20. bei Grochow trug er durch seine Kriegserfahrung und beispiellose Tapferkeit nicht wenig zum Siege bei. Da die folgenden Tage der Kampf mit den Russen an verschiedenen Punkten und stets mit zweifelhaftem Glücke fortgedauert hatte, so ließ C. mit Genehmhaltung des Generalissimus am 25. Febr. die russischen Schlachtreihen unter Fürst Schachossskoi und Baron Geismar durch Uminski angreifen. Er selbst führte das Regiment des Generals Milberg unterTrom- melgewirbel gegen das von den Russen befetzte Erlengehölz, und jetzt verwandelte sich der Kampf in eine mörderische Schlacht. Schon waren dem alten General drei Pferde unter dem Leibe erschossen; nur um so kühner führte er seine Polen gegen den Feind, bis ihm eine feindliche Granatenkugel Halt gebot. Er wurde dadurch an der rechten Hand und an dem einen Fuße verwundet. An dem andern hatte ihn, ohne daß er es zu achten schien, früher eine Musketenkugel getroffen. Bald zeigten sich die Wunden gefahrlicher als sie anfangs schienen, und noch jetzt soll er, nachdem er am 10. Marz den Aufenthalt von Warschau mit Krakau vertauscht, ununterbrochen daran leiden. Am meisten jedoch mögen dem Helden die Wunden seines Herzens bluten. Sein Vaterland ist gefallen. Ach! wenn dieses nur Heldenmuth und Wunder der Tapferkeit zu seiner Rettung bedürfte, so nähme es noch immer seinen alten Rang unter Europas Staaten ein. (8) Chlor, Chlorgas, Chlorkalk. Wenn man sechs Theile gemeines Kochfalz mit vier Theilen Braunstein genau vermischt und auf diese Mischung gemeine Schwefelsaure (Vitriolöl), die auch mit ebenso viel Wasser verdünnt sein kann, gießt, so entbindet sich eine Luft von erstickendem Geruch und gelber oder gelbgrüner Färbung, welche man der zuletztgenannten Eigenschaft wegen in neuerer Zeit Ehlorgas oder Chlor (von/Xcn^o?, gelbgrün) genannt hat. Diese Entdeckung machte zuerst der schwedische Chemiker Scheele im Jahre 1774 und hielt das Chlorgas, der damaligen Stahl'schen Theorie gemäß, für eine Salzsäure, die ihr Phlogiston (Brennstoff) verloren habe, nannte daher das Gas: dephlogi- ftisirte Salzsäure. Nach dem Lavoisi'er'schen System, welches die dem Mangel des Phlogiston zugeschriebenen Erscheinungen aus einem Uberschusse des Oxygens oder Sauerstoffes erklärte, wurde daher das Chlor ganz folgerecht oxygenirte Salzsäure genannt, daher als gewöhnliche Salzsäure mit überschüssigem Sauerstoff angesehen. Die Untersuchuirgen des Engländers Davy im Jahre 1808 und der Franzosen Gay-Lussac und The'nard in den Jahren 1809 und 1810 zeigten indessen auf das bündigste, daß das Chlor nicht eine Verbindung von Salzsäure und Sauerstoff, sondern ein einfacher, selbständiger Körper fei, daß dagegen die bis jetzt für einfach gehaltene Salzsäure für eine Verbindung von Chlor und Wasserstoff gelten müsse. Diese jetzt allgemein angenommene, von dem französischen Chemiker Berthollet am längsten bestrittene Ansicht verschaffte auch dem neuen Körper, der bis jetzt unter dem Namen de phlogistffirter oder oxygenirter Salzsäure, oder unter ff" .KOlM H dil Mil M ZumW'i b Chlor, ChlorgaS, Chlorkalk 42 l dem neutralen Namen: grüne salzsaure Luft bekannt war, den Namen Chlor. Das reine untermischte Chlor kann sowol in fester und flüssiger, als auch in luftförmi- ger Gestalt (als Chlorgas) dargestellt werden, doch ist die letztere Form die am leichtesten zu erzeugende. Das Chlorgas ist für sich zum Athmen untauglich, ja es beschwert selbst die Athmungsorgane, wenn es in einigermaßen reichlicher Mnge mit der gewöhnlichen Luft eines Zimmers vermischt ist; es hat einen ei- genthümlichen stechenden Geruch und zerstört die meisten Pflanzenfarben, sowie die in der Luft verbreiteten Gerüche und Ausdünstungen. Auf dieser letztern Eigenschaft beruht die desinsicirende oder ansteckungzerstörende Kraft des Chlorgases, durch welches dasselbe in der Typhusepidemie wohlthatig wurde und gewiß auch in der Choleraepidemke dasselbe leisten würde, wenn die Ansteckung der Cholera ebenso bedeutend wäre, als die des Typhus war. Da es aber gegen die allgemeinen epidemischen Einflüsse nichts vermag, sondern nur Krankheitsgifte und thierischc Essluvien zerstören kann, so muß sein Nutzen gegen die Verbreitung der Cholera ein beschränkter sein. Dennoch ist dieser Nutzen unleugbar sehr betrachtlich, nur muß man das Chlorgas als Reinigungsmittel der Luft, und nicht etwa als Specificum gegen die Cholera ansehen; das letztere ist es nicht, das erstere aber unbezwei- silt. Zum BeHufe der Reinigung oder Desinfektion von Zimmern, Kleidungsstücken, Gcräthschasten w. entwickelt man das Chlorgas theils aus dem mit Braunstein vermischten Kochsalze durch Zugießen von Schwefelsaure, oder aus dem Chlorkalk. Die erstere Art der Entwickelung des Chlorgases, die schon im Eingange dieses Artikels gezeigt wurde, nennt man nach dem französischen Chemiker Guyton- Morveau, der sie sehr allgemein zur Luftreinigung empfahl/die Guyton-Morveau'- schen Raucherungen, unter welchem Namen jede gute Apotheke die dazu nörhigen Ingredienzien liefert. Man kann diese Räucherungcn nur in Zimmern anwenden, aus welchen die Menschen sich entfernt haben, und aus welchen man feinere metallische Kunstwerke, gute Gemälde, kostbare gefärbte Zeuche weggebracht hat, denn das entwickelte Gas greift sehr die Lungen an, macht bei reizbaren lungenkranken Personen heftigen Husten und Erstickungsanfälle, und hat auf Metalle, Farben und dergl. eine meist nachtheilige Einwirkung zur Folge. Man breitet das trockene Gemeng des Kochsalzes und Braunsteines aus einer irdenen oder gläsermn Schale aus und tropft die Schwefelsäure in sehr kleinen Portionen darauf, rührt das Ganze oft mit einem hölzernen oder gläsernen (nicht metallenen) Spatel um, und laßt den Apparat in dem leeren und verschlossenen Zimmer stehen, welches erst nach 12 oder L4 Stunden wieder geöffnet und dann gelüftet wird, sodaß der Chlor- gcruch bis auf Weniges verschwindet und eine reine Lust das Zimmer erfüllt. Für ein gewöhnliches, nicht zu kleines Wohnzimmer braucht man etwa vier Loch des trockenen Gemenges und zwei Loch Schwefelsäure. Auch auf Gänge, Abtritte, in Leichenkammern, Vorrathsgewölbe, Keller zc. können solche Schalen gesetzt werden. Für Zimmer, aus welchen die Personen nicht entfernt werden können, bedient man sich zur Entwickelung des Chlorgases der sogenannten Schutzfläschchen, welche dadurch entstehen, daß man kleine Flaschchen von starkem Glase mit dem angegebenen Gemenge aus Braunstein un«d Kochsalz zum dritten Theile anfüllt und mit verdünnter Schwefelsäure befeuchtet; diese Fläschchen behalten ihre Wirksamkeit lange Zeit hindurch und werden offen so lange in das Krankenzimmer gestellt, bis der eigenthümliche Chlorgeruch sich überall hin verbreitet hat; zu Ath- mungsbeklemmung, Husten und ähnlichen Beschwerden darf es aber bei den im Zimmer dabei befindlichen Personen nicht kommen. Das gehörig wieder verschlossene und entfernte Fläschchen kann diese Wirksamkeit vielmal äußern, besonders wenn man das Gemisch darin wieder etwas mit Schwefelsaure befeuchtet. Die zweite Art der Entwickelung des Chlorgases ist die durch Chlorkalk. » !> I^'I v 422 Chodzko Dieser stellt ein leicht feuchtwerdendes gröbliches Pulver dar, welches stark nach Chlorgas riecht, weil es dieses Gas nur locker gebunden enthalt und dasselbe schon bei der Einwirkung der atmosphärischen Luft allmälig ausströmen laßt; starker geschieht dieses Ausströmen von Chlorgas aus dem Chlorkalke, wenn man etwas Saure und Wasser darauf gießt. Es hat der Chlorkalk vor den Guyton-Morveau'- schen Raucherungen den großen Vorzug, daß man die Menge und Heftigkeit des ausströmenden Chlorgases ganz in seiner Gewalt hat, und er eignet sich besonders zur Luftreinigung von solchen Zimmern und Behaltnissen, welche nicht von Menschen verlassen werden können, wie Wohnstuben und Krankenzimmer, die sich nicht durch andere einstweilen ersetzen lassen. Es- reicht dazu hin, den auf flachen Glasschalen, Porzellanuntertassen und irdenen Tellern ausgebreiteten Chlorkalk in das Zimmer zu stellen, von Zeit zu Zeit mit einigen Tropfen Wassers zu besprengen und denselben alle vier oder sechs Tage mit frischem zu vertauschen. Die eigne Empfindung der im Zimmer sich aufhaltenden Personen wird lehren, ob zu viel Chlorgas dabei entwickelt werde oder nicht; es darf auch hierbei niemals zu Ath- mungsbeschwerden oder Husten kommen, in welchem Falle der Chlorkalk sogleich aus dem Zimmer zu entfernen sein würde. Ähnliche Schalen und Teller mit Chlorkalk würden in andere zu reinigende Gemacher gestellt werden können. Will man eine stärkere Entwickelung des Chlorgases haben, so entferne man Personen, feine Metallwaaren und gute Gemälde aus dem Zimmer, breite eine Portion Chlorkalk (zwei bis vier Loch) auf einer Schale oder einem Teller aus, gieße all- mälig einige Loth verdünnte Schwefel- oder Salzsäure darauf und lasse das Gemisch ebenso in dem menschenleeren und verschlossenen Zimmer stehen, wie bei den Guyton-Morveau'schen Räucherungen angegeben wurde. Zu demselben Zwecke kann man den Chlorkalk portionenweise (z. B. zu halben Theelöffeln) in ein Gefäß mit verdünnter Schwefel- oder Salzsäure eintragen, jedoch so, daß man zwischen den einzelnen Portionen eine kurze Zeit (5 — 15 Minuten) vergehen läßt. Löst man den Chlorkalk in Wasser auf, so erhält man eine farbenzerstörende Flüssigkeit (Schnellbleichwasser), mit welcher man aber auch Geräthe des- insi'ciren oder von Krankheitsgiften reinigen kann. Auch hält eine solche Chlorkalklösung die Faulniß der Leichen auf, wenn man diese mit derselben besprengt oder wascht, oder in Tücher einschlägt, welche in Chlorkalklösung getaucht sind und wiederholt mit derselben befeuchtet werden. Nicht weniger dient die Chlorkalklösung zum Reinigen der Hände und des Gesichtes für solche Personen, welche mit ansteckenden Kranken oder Tobten in Berührung gekommen sind. Übrigens ist der Chlorkalk schon seit längerer Zeit als Tennant'sches Bleichpulver bekannt, da der genannte Chemiker dasselbe im Jahre 1798 entdeckte; die Bereitung wird meistens in chemischen Fabriken im Großen vorgenommen, indem man Chlorgas durch zerfallenen Kalk streichen läßt, wobei sehr viel auf die Wahl eines möglichst thon- und eisenfreien Kalkes ankommt. Man bewahrt den Chlorkalk in verschlossenen Gefäßen auf, weil Luft und Licht zersetzend auf ihn wirken. (42) Chodzko (Jakob Leonhard), polnischer Patriot und Gelehrter, wurde zu Dborek im Palatinat Wilna am 6. Nov. 1800 geboren. Er machte seine ersten Studien in den Anstalten zu Molodeczno und wurde dort ein vertrau-ter Freund des nachherigen berühmten Patrioten Thomas Zan. Von Molodeczno begab sich der junge C. nach Wilna und hörte die geschichtlichen Vorlesungen Joachim Lele- vel's. Er begleitete 1819 als Secretair den Senator Fürsten Michael Oginski nach Deutschland, Rußland, Frankreich und England, und diese Reise bot ihm Gelegenheit, mit den ausgezeichnetsten Politikern und Gelehrten der genannten Länder Verbindungen zu knüpfen. Nach seiner Ankunft zu Paris, 1826, beschäftigte er sich mit Herausgabe von Oginski's Memoiren, sammelte darauf Materialien zu xiner neuern Geschichte Polens, stand zugleich an der Spitze des patriotischen pol- Chokier Cholera 423 nischen Vereins zu Paris, und schrieb seine„HistoireclesIeFlonspolonaises enlta- lie, sous le oommauclement clu generalDourdrovcslel", ein Werk, das dem jungen Verfasser einen ehrenvollen Rang unter den Gelehrten verschaffte, und durch dessen patriotischen Sinn der Name Chodzko inPolen wie in Frankreich volksthümlich ward. Am 12. Febr. 1830 versammelten sich die in Paris anwesenden Polen bei C., um dm Geburtstag Kosciuszko's zu feiern; Lafayette und Benjamin Constant wohnten diesem Vereine bei. C. kämpfte wahrend der drei Juliustage. Am 29. wurde er von Lafayette im Stadthaufe mit offenen Armen aufgenommen; der General ernannte ihn zu seinem Adjutanten mit dem Range eines Hauptmanns vom Generalstabe. Anfangs November that C. einen Sturz vom Pferde, brach ein Bein, und wurde dadurch gehindert, seinen Landsleuten zu Hülfe zu eilen. Er trug indeß in Paris zum Bilden des Polencomites bei, das unter Lafayette's Vorsitz die Duldungen des heroischen Landes zu mildern suchte. Seitdem hat C. als Mitglied des von Lelewel prasidirten polnischen Nationalcomitcs zu Paris und als Schriftsteller fortgefahren, das glimmende Feuer des polnischen Nationalsinns zu nähren, und das Ausland mit der Geschichte und Literatur seiner Heimath naher bekannt zu machen. Hier das Verzeichnis der wichtigsten von diesem ausgezeichneten jungen Manne verfaßten oder herausgegebenen Werke: „Odservations sur la ?oloFue et les I>olo- ua!s, pour servir ll'iutrocluetioii aux Nemoires cle Ali ekel OAMslei" (Paris 1827), Auszug aus dem Werke „0ll'ltaliam in Kussia" vom Grafen von Laugier. „Neinoirs sur les Operations cle l'avant-Aarcle 6n 8e corps cl'arwee de In ^raucle armee, forme de troupes polouaises en 1813, pur un temoin oculaire" (General I. N. Uminski; Paris 1829). „Rsyuisse otrronoloFihue 6e 1'llistoire lle 1a litteratnre polouaise par 3arr^ ele Alane^ et I^eonarä (lboclielco", aus dem literarischen Atlas von I. de Mancy, synoptische Tabelle (Paris 1829). „Listoire cles legions polouaises en Italie, sous 1e eommanclement <1u generalDomdrows- Iii" (2 Bande, Paris 1829); der dritte Band wird die Geschichte der polnischen Legionen am Rhein und der Donau unter dem Commando des Generals Kniazie- wicz, zu St.-Domingo unter Jablonowski, und in Ägypten enthalten. „I-es ?olouais en Italie, tableau lristoric^ue, clironolo^i^ue et Aeograplücjue tles tra- vaux cles?olonais en Italie pour 1a reAeneration cle leur patrie", synoptische Tabelle (Paris 1830), mit einer vom Verfasser gezeichneten und von Severin Oles- zcrynski gestochenen Charte. „lAbleau cle lal?oloKue aneienne et moclerne, sous les rapports Aeo^r., statist., Aeol., polit., moranx, Iiistor., le^isl., scient. et litter., 6e Nalte-Lrun" (2 Bande, Paris 1830); im Verein mit Joachim Lelewel, Michael Podczasrynski und Theodor Morawski, auch ins Deutsche und Englische übersetzt. In Gemeinschaft mit Podczasrynski veranstaltete er eine Ausgabe der Gedichte von Adam Mickiewicz (Paris 1828—29) und Krasi'cki's Werken. C. beschäftigt sich jetzt mit einer „Llistoire cle Koscius^Zco", mit der Lebensbeschreibung Poniatowski's und mit einem ausführlichen Werke: „Histoire cle lacleruiere revolution Polonaise cle 1830 et 1831", zu welcher Leistung er durch sein Talent und seine Verbindungen gleichmaßig geeignet ist. (15) Chokier, Surlet de, f. Surlet de Chokier. Cholera oder Brechruhr bezeichnet überhaupt eine solche Krankheit, deren wesentliche Erscheinungen anhaltendes Brechen und Abführen mit sehr schnellem Verfall der Kräfte und krampfhaften Zufallen sind, und welche sich durch plötzliches Entstehen und schnellen Verlauf auszeichnet. Eine solche Brechruhr ist schon seit dm frühesten Zeiten in Europa bekannt, pflegt meistens nur sporadisch zu erscheinen, und dabei zwar sehr rasch und angreifend, aber doch mit baldigem glücklichem 'Ausgange zu verlaufen, seltener sich in etwas bedeutendem Epidemien zu zeigen. Sie stellt sich bei uns am häufigsten in der heißern Jahreszeit ein, besonders wenn kühle Abende und Nächte mitffehr heißen Tagen abwechseln, und ist oft eiue Folge 424 Cholera bedeutender Erkältungen beim kalten Bade, bei ungewohntem Schlafen im Freien und auf feuchtem Grase, oft eine Folge von Diätfehlern, von dem Genüsse des Mostes, junger Weine, schlechter hefiger Diere, unreifen Obstes, mancher Fischeier, mancher Pilze und anderer verdachtiger Speisen und Getränke. Ganz anders sind die Verhältnisse jener Brechruhr, welche, ursprünglich in Ostindien erzeugt, sich seit ungefähr 15 Jahren immer weiter nach Westen verbreitet, einen großen Theil des östlichen Europa bereits durchstrichen hat und selbst bis in die Mitte Deutschlands, nach England und Frankreich schon gedrungen ist. Diese Brechruhr nennt man, zum Unterschiede der bei uns bekannten europäischen Cholera, die ostindische oder asiatische Brechruhr oder Cholera, und nur von dieser wird hier die Rede sein. Die asiatische Cholera hat in den verschiedenen Gegenden, welche sie bis jetzt auf ihrem später zu beschreibenden Wege betreten hat, nicht immer genau dasselbe Krankheitsbild gezeigt, wenngleich ihre Hauptzüge überall diest-lben geblieben sind. Ursachen dieser Verschiedenheit ihrer äußern Form waren theils die verschiedenen klimatischen Verhältnisse selbst, theils die verschieden^ Lebensweise der Erkrankenden, theils die mannichfaltige BeHandlungsweise der Ärzte, theils endlich äußere Verhältnisse zufälliger Art, wie Krieg, Theurung, Miswachs, ungewöhnlich grdße Hitze und Kalte, beunruhigende Spannung der Gemüther u. s. w. So hat die asiatische Cholera m ihrem Vorschreiten bis in unsere Gegenden ihren Charakter sehr verändert und im Ganzen allerdings gemildert, wenn vielleicht auch eine bessere Erkenntniß der Krankheit von Seiten der Ärzte einigen Antheil hat. Abgesehen von dieser mehr allgemeinen Verschiedenheit des Krankheitsbildes der asiatischen Cholera, kommen demselben aber auch alle diejenigen besondern Abänderungen zu, welche jede Krankheit in den einzelnen Individuen zeigt, und welche eben von der besondern Individualität des Kranken und seiner Lebensverhältnisse abhängen. Hiernach ist das hier folgende Krankheitsbild zu beurtheilen, wobei allerdings die uns mehr bekannt gewordenen Formen der Krankheit in Europa vorzugsweise berücksichtigt worden sind. Das früheste Zeichen der asiatischen Cholera pflegt ein eigenthümliches Gefühl von Druck und Schwere in der Herzgrube und den nahgelegenen Seitentheilen des Körpers zu sein, nachdem oft ein gelber Beleg der Zunge, Verdauungsstörungen, unruhiger Schlaf, Kraftemangel u. dgl. Erscheinungen eine Zeitlang vorausgegangen sind: Vorboten der Krankheit, welche aber auch fehlen können. Bald gesellt sich ein Gefühl von Schwache und krampfhaftem Ziehen in den Knien und Waden hinzu, welches wol auch, mit der Empfindung des Starrens in diesen Theilen verbunden, das plötzliche Hinstürzen der Erkrankenden veranlaßt. Das Gesicht ist graugelb, livid, erdfahl anzusehen, fallt namentlich im weitern Verlaufe der Krankheit sehr ein, an den Schlafen und Wangen bilden sich tiefe Gruben, die Augen sind tief in ihre Höhlen zurückgezogen, von den Augenlidern halb bedeckt, bisweilen mit den Pupillen nach oben verdreht, die Lippen und Nasenflügel bekommen ein bleiches, blauliches Ansehen, und die Zahne, von den Lippen nicht gehörig bedeckt, treten sichtbarer hervor. Ehe es aber' zur vollständigen Ausbildung dieses charakteristischen Gesichtsausdruckes (man hat ihn tacies ckoleriea genannt) kommt, treten die anderweitigen Hauptsymptome der Krankheit auf, nämlich Erbrechen und Durchfall. Der letztere stellt sich in der Mehrzahl der Falle früher ein als das crstere; er erfolgt nach vorhergehendem Kollern und Poltern im Unterleibe plötzlich, und entleert anfangs noch Darmkoth, spater eine wcijWlbliche, schleimige, geruchlose Flüssigkeit, wiederholt sich sehr oft, aber ohne Schmerzen und Stuhlzwang. Ebenso entleert das Erbrechen anfänglich noch die in dem Magen enthaltenen Stoffe, Speisereste mit Galle und Schleim, spater ebenfalls nur eine weißliche geruchlose Flüssigkeit; die Entleerung geschieht reichlich und, wenigstens später, ohne vieles Würgen. Die Harnabsonderung ist sparsam, das Athmen ungehindert, das aus der Ader gelassene Blut ist dick und Cholera 425 dunkel gefärbt, der Puls ist unregelmäßig, meistens klein, unterdrückt und im Anfange maßig beschleunigt. Die Sinnesempsindung ist noch ungestört, das Bewußtsein vorhanden, die Stimmung traurig, abgespannt und muthlos. Bei dem weitern Fortschreiten der Krankheit und anhaltend fortdauerndem Erbrechen und Durchfall sinken die Kräfte außerordentlich schnell, das Gesicht verfällt mehr, die Hautfarbe geht mehr in das Blaue über, die Haut wird welk und zeigt Runzeln und Längcnfalten, das Auge wird trübe und trocken, zeigt Blutunterlaufungen und fallt immer tiefer in seine Höhle zurück. Die Zunge wird trocken und kühl, der Durst sehr heftig und peinlich, die Stimme erhält einen eigenthümlichen, klagenden, zitternden Ton (vor ctwlericu), das Sprechen ist erschwert, die Worte werden hastig und gleichsam ungern herausgestoßen, das Athmen ist etwas beklommen und beschränkt. Der Puls wird schwächer, endlich ganz unfühlbar, das Blut fließt nur schwer aus der geöffneten Ader, ist dick, zähe, sehr dunkel gefärbt und trennt sich beim Stehen nicht, wie sonst, in Blutwasser und Blutkuchen. Hierzu kommen noch die bald früher, bald später eintretenden Krämpfe der Gliedmaßen, wodurch dieselben bald steif gestreckt erhalten, bald in furchtbarem Wechselkrampfe bewegt und geworfen werden. Geht die Krankheit in Genesung über, wozu nach Verschiedenheit der Fälle bisweilen nach sechs oder acht Stunden, bisweilen nach 24 Stunden und darüber der Anfang gemacht wird, so fangt die Haut an wieder wärmer und voller zu werden, ihre widernatürliche Färbung zu verlieren, der Puls hebt sich, und es stellen sich allgemeine, warme Schweiße ein, während zugleich der Durchfall und das Erbrechen seltener werden, und diese Ausleerungen eine mehr gallige, gefärbte .Beschaffenheit annehmen. Dabei verliert auch das Gesicht den durch die Krankheit bekommenen Ausdruck, die Zunge wird feucht, der Durst mindert sich, die Sprache wird natürlicher, das Athmen freier. So sind die Kranken oft in fünf bis acht Tagen im Stande, wieder umherzugehen, und bei guten Kräften, wenn sie nicht durch unbedeutende Nachkrankheiten oder Nachwirkungen mancher Mittel daran gehindert sind, denn die Kräfte kehren in solchen Fallen ziemlich schnell zurück. Der tödtliche Ausgang erfolgt theils auf der Höhe der Krankheit selbst, theils durch manche Nachkrankheiten. Auf der Höhe der Krankheit tritt der Tod oft sehr plötzlich und unerwartet, selbst nachdem der Kranke anscheinend sich etwas besser befindet, eben noch gesprochen, getrunken hat und völlig bei Bewußtsein war, ein, oder der Tod zeigt sich bei zunehmender Angst und Brustbeklemmung, immer dunkler sich färbender Haut, schwächer und unsicherer werdendem Pulse, völliger Lähmung und Marmorkälte der Gliedmaßen, unauslöschlichem Durst und größerer Veränderung der Gesichtszüge; das Verscheiden ist ruhig, gleichsam aus Erschöpfung, nur selten unter Irrereden und Verstandesverwirrung; häusig ist der Tod dem beim Schlagflusse ähnlich. An Nachkrankheiten der Cholera sterben besonders Diejenigen, welche in typhöse Fieber (Nervensieber mit schlafsüchtiger Betäubung) verfallen, und hier erfolgt der Tod erst nach mehren Tagen und Wochen; der Tod auf der Höhe der Krankheit kann aber schon nach 8, 12 oder 48 Stunden nach dein Eintritte derselben erfolgen. Das Verhaltniß der Tobten zu den Erkrankten, also die eigentliche Sterblichkeit der Cholera, ist nicht nur an verschiedenen Orten, sondern auch an demselben Orte zu verschiedenen Zeiten verschieden gewesen, und zu sehr von äußern Zufälligkeiten abhängig, als daß sie in ein allgemein bestimmtes Endergebnis gefaßt werden könnte; je weiter sie bis jetzt nach Westen vorgeschritten ist, desto geringer scheint das Verhältniß der Tobten zu den Eckrankten geworden zu fein, wenngleich es in der Regel noch immer ein ziemlich großes ist. In den Leichen zeigte sich unter einer großen Mannich- ^ faltigkeit von Erscheinungen noch am beständigsten die Entmischung des Blutes und die Spuren von ungleicher Blutvertheilung, übrigens weder Entzündung noch Verschwörung im Darmcanale. Das hier gegebene Krankheitsbild läßt 426 Cholera übrigens bald eine mehr mit Aufregung der Körperkräfte und Überwiegen des Blutgefaßsystems verbundene Form bemerken, bald eine solche, die mehr mit Hinfälligkeit, gelähmtem Zustande und mit Übergewicht der Nervenzufälle bezeichnet ist. Auch walten bald diese, bald jene Symptome der Cholera in den einzelnen Fällen derselben vor, ja in manchen Fällen sieht man wol auch eins oder das andere dieser Symptome ganzlich fehlen; am häusigsten ist dieses mit den Krämpfen der Fall, am seltensten mit dem Durchfalle. Deshalb ist die Diagnose des ersten an einem Orte vorkommenden Falles der asiatischen Cholera nicht leicht, erfodert nicht nur theoretisch-medicinische Kenntnisse, sondern auch ein praktisches, am Krankenbette geübtes Talent, welches das Wesentliche von dem Zufälligen zu scheiden vermag und sich nicht von der tauschenden Außenseite blenden läßt. Die Ähnlichkeit mit der bei uns sporadisch vorkommenden Brechruhr ist in einzelnen Fällen oft sehr groß, wenngleich im Ganzen und Allgemeinen die Grenze scharf genug zu bestimmen scheint. Nächstdem hat die asiatische Cholera Ähnlichkeit mit den Zufällen der Vergiftung durch ätzende Mineralgiste und scharfstossige Pflanzen, mit heftigen Ruhren, schnell verlaufenden Magen - und Darmentzündungen, dem Starrkrampfs, den Zufällen bei eingeklemmten Darmbrüchen, wo indeß dem wahrhaft kundigen Arzte, welchemam Krankenbette die nöthige Gegenwart des Geistes nicht verläßt, nicht leicht eine Verwechselung begegnen wird. Auch ist es immer etwas völlig Verschiedenes, eine Krankheit nur aus den Berichten Anderer und aus eigner Anschauung zu kennen. Die asiatische Cholera ist eine ursprünglich in Indien einheimische Krankheit und wird als eine solche schon von Jakob Bontius beschrieben, welcher seit 1627 Arzt der ostindischen Compagnie war und längere Zeit in Java lebte. Vgl. dessen „HleüieinA Indoriiin" (Heyden 1718, 4.), Buch 4, Cap. 6, S. 69, in welchem Buche er die Cholera als eine häufig vorkommende, sehr schnell verlaufende, am öftesten tödtende Krankheit angibt, deren vorzüglichste Ursache die heiße und feuchte Luft und der zu reichliche Genuß roher Früchte sei. Er rühmt gegen dieselbe eine säuerliche gurkenähnliche Frucht, Billinbing genannt, Safran, Limoniensyrup, eine Art Myrobalanen, die auf Java wachse, und udstringirende Mittel. Die Gegend zwischen Vorder- und Hinterindien, Bengalen, das untere Flußgebiet des Ganges und Buramputer, zwischen Monghir und Silhet, werden als die ursprünglichen Hauptsitze der Cholera angesehen, und namentlich gilt Calcutta mit der Umgegend, das Gebiet der Gangesmündungen, als sumpfige, den Überschwemmungen und ihren Folgen ausgesetzte Landschaft auch für den eigentlichen Herd der neuern Verbreitung der Cholera. Denn wenngleich schon mehrmals im Laufe des 18. Jahrhunderts bedeutendere Epidemien der Cholera in verschiedenen Gegenden Vorderindiens angegeben werden (1756, 1770, 1781, 1787, 1790), so waren dieses doch nur in ihrer Ausbreitung sehr beschrankte Ausbrüche, die auch meistens in englischen und französischen Lagern und Heereszügen vorkamen, als Begleiter kriegerischer Ereignisse. Die jetzige Verbreitung der Cholera datirt man vom Jahre 1817, wo im Mai zu Noddia und im August zu Zilla Jessore die Krankheit ausbrach, und von beiden in der Nähe von Calcutta gelegenen Orten sich schon im September 1817 nach Calcutta selbst verbreitet hatte und sich dort mit solcher Heftigkeit zeigte, daß sie wöchentlich 200 Menschen (ungefähr der Bevölkerung) tödtete. Nordöstlich von Calcutta aus geschah die Verbreitung nach Kanton, Peking und einigen andern Orten des sinesischen Reiches, sodaß die Cholera im October 1820 an den Küsten des Meerbusens von Tunkin, am 18. dess. Mon. in Kanton, 1821 zu Peking ausbrach und die zwei folgenden Jahre ax dem letztern Orte sich wiederholt einstellte; im December 1826 erschien sie zu Kuka oder Kuku in der Mongolei, nördlich von der großen Mauer. Ob übrigens die Cholera jetzt wirklich zum ersten Male das sinesische Reich betreten habe, lassen wir ebenso Min! 'M Cholera 427 dahingestellt sein, als wir ans Unkunde der Sprache und der einheimischen Quellen es unentschieden lassen müssen, ob die hier in Rede stehende Krankheit wirklich dieselbe sei, die man in Sina llol-vun und in Ostindien mort de einen und mal de terre nennt. Südöstlich von Calcutta verbreitete sich die Krankheit noch 1819 „.ich der Westküste von Hinterindien und erschien im birmanischen Reiche zu Mamabad oder Chittigong, dann zu Arracan und den beiden südlichem Hafenstädten Rangoon am indischen Meere und Bancock am Ausflusse des Menam im Meerbusen von Siam. Von hieraus verbreitete sie sich theils nach Cochinchina, theils nach der Halbinsel Malakka, wo sie selbst die an der südlichsten Spitze gelegene Insel Sinkapur erreichte. Im Laufe der Jahre 1819 und 1820 erfolgte die Verbreitung auf den Inseln des indischen Archipels; die Cholera erschien auf Pulo Pinang in der Straße von Malakka, auf Sumatra, Java, Borneo, Makassar, Ternate, und war 1823 auf den Amboinen und Bandainseln. Zu Manila auf der Insel Luzon brach die Krankheit am 5. Oct. 1820 aus. Südwestlich von Calcutta, nach der Halbinsel Vorderindien oder dem eigentlichen Hindostan, geschah die Verbreitung sehr schnell, sodaß die Krankheit noch im Verlaufe des Jahres 1817 nicht nur die größern Städte in der Mitte der Halbinsel und das südlichere Dekkan erreichte, sondern auch in Bombay auf der westlichen, wie zu Nellore auf der östlichen Küste ausbrach. Im Januar 1818 erschien die Krankheit zu Madras und verbreitete sich bald auf dem ganzen südlichen Theile der Küste von Koromandel, erreichte Ceylon noch in demselben Jahre, Trivanderam und Calicut auf der mala- barischen Küste aber erst im Jahre 1819. Westlich und nordwestlich von Calcutta geschah die Verbreitung an der Nordseite der Nerbudda und in dem gesammten Stromgebiete der Jumna und des obern Ganges bis nach Delhi und Lahors, an welchem letztern Orte die Krankheit im Marz 1818 erschien. Die Verbreitung nach Persien geschah von den Südküsten aus, und namentlich gibt man an, daß Maskat an der Ostküste der arabischen Halbinsel im Jahre 1821 durch ein aus Zanguebar kommendes Schiff angesteckt worden, von hieraus die Krankheit auf die Insel Kischm verschleppt worden sei, wo sie im Mai und Jun. desselben Jahres heftig wüthete. Von hieraus gelangte sie nach Persien selbst und brach zuerst zu Gamron oder Bender-Abassi, an der der Insel Kischm gegenüberliegenden Küste, aus, erschien im August 1821 zu Abuschar und verbreitete sich nun nördlich über Schiras, Jezd, Kaschan und Kom, ohne jedoch Teheran selbst zu erreichen. Sie wendete sich nach Tauris und verbreitete sich an der Südküfte des kaspischen Meeres, während zugleich vom Nordwestende des persischen Meerbusens die Krankheit sich an den Ufern des Tigris und Euphrat verbreitete und nach einander die Städte Basra, Hilla und selbst Haleb und Antakia, zwischen dem Euphrat und dem Ostrande des Mittelmeeres, befiel, längs des Tigris ansteigend Bagdad und die zwischen dem Euphrat und Tigris liegende Gegend erreichte, was vom August bis Oc- tober 1822 geschah. Im Jul. 1823 erfolgte die Verbreitung der Krankheit an der Westküste des kaspischen Meeres; am 26. August desselben Jahres erreichte sie die russische Stadt Baku an dieser Küste und war 1324 in Astrachan. Vielleicht auf einem andern, mehr nördlichen Wege gelangte die Krankheit unmittelbar aus der großen Mongolei durch die kirgisischen Steppen nach dem Cwuvernement Ottenburg, wo sie am 7. Sept. 1829 im Dorfe Spask begann und am 19. Febr. 1830 im Dorfe Masina aufhörte. Um dieselbe Zeit brach sie zum zweiten Male mit Heftigkeit in Tauris aus, erreichte Tiflis am 8. Aug. 1830, verbreitete sich in den Gegenden des Kaukasus, stieg die Wolga in die Höhe, erreichte Saratow im Som- mer 1830, Moskau am 28. Sept. desselben Jahres, und gelangte bis zum Schlüsse desselben noch bis Wologda, der Hauptstadt im Gouvernement gleiches Namens. So war denn zu Ende des Jahres 1830 die Cholera in diesen nördlichen Gegenden bis über den 59. Grad N. B. und dm 51. Gt>ad Ö. L. 428 Cholera vorgerückt; der nördlichste befallene Punkt war Wolodga, der westlichste Tich- win im Gouvernement Nowgorod. Südlich ging im russischen Reiche die Verbreitung von den Küsten des schwarzen Meeres nicht nur am Dniepr und Dniestr hinauf, sondern selbst bis nach Volhynien, wo zuerst der Ort Berdiczow befallen wurde, und vor dem Schlüsse des Jahres 1830 war die Krankheit in Ga- lizien eingebrochen, sodaß in diesen südlichen Gegenden der 43. Langengrad erreicht wurde. Im Mai 1831 befiel die Cholera Archangel, an der Mündung der Dwina in das weiße Meer, am 9. Jul. Petersburg, und gewann bald eine Verbreitung nach Wiborg, Helsingfors und andern Orten auf der Nordküfte des sinnischen Meerbusens. Polen war mehr als andere Lander durch die Kriegsereignifse von der Krankheit bedroht, da es in der nächsten Berührung mit russischen Heeresmassen stand, und auf keine Weise etwas zum Schutze gegen das Eindringen der Cholera geschehen konnte. Als die beiden Haupteingangspunkte der Krankheit in Polen nennt man südlich Vrzesc-Litewski und nördlich Grodno, zwischen beiden einen dritten, Bialystok, wo sie indessen erst spater, am 1. Mai, ausbrach, wahrend sie am 24. März schon in Biala, am 30. in Siedlce, am 23. April in Augustowo war. Im südlichen Polen erschien die Cholera am 23. Marz in Zamosc, aber erst im Jul- zu Krakau und Czenstochau. Zu Warschau war sie bereits am 21. April, und nun geschah die Verbreitung auf dem linken Ufer der Weichsel nach Sochazew, Lowicz, Kutno, Kolo und Kalisch; die Krankheit berührte demnach zu Ende Inn. 1831 an letztem, Orte die Grenze Deutschlands, wie sie sich denn auch nördlich, Modlin und Plock befallend, durch Pultusk, Ostrolenka und die Umgegend der Südgrenze von Ostpreußen, und von Augustowo aus dem Memel näherte. Am 20. Mai 1831 erschien die Cholera in Riga, bald darauf in Mitau, Reval und andern Orten Kur- und Lieslands; am 27. Mai zeigte sie sich zu Schnakenburg, östlich von Danzig, am 29. in Danzig selbst. Am 27. Jun. erschien sie zu Budweitschen an der polnischen Grenze, am 28. zu Kögsten bei Memel, am z. 1. Jul. zu Schirwindt, am 10. in M,-.rienburg, am 12. in Elbing, am 13. in Posen, welche Stadt am 20. mit einem Militaircordon umzogen wurde. Am 14. Jul. war die Cholera in Grünberg an der Warta, am 17. in der ''«ÄkA Stadt Pillau, am 18. in Stallupöhnen und Memel, am 19. in Neidenburg, am 20. in Tilsit, am 22. in Königsberg, am 24. in Graudenz und Thorn, am 27. in Gollub. Bis jetzt war Schlesien, obschon in seiner ausgedehnten öst- '^wiüchMsj lichen Grenze hart bedroht, noch verschont geblieben, nunmehr aber brach im Re- gierungsbezirk Oppeln am 28. Jul. zu Beuchen und am 29. zu Myslowitz die ^ «Gr eir Krankheit aus, während sie zugleich in der Nähe früher befallener Orte in der Ge- gend von Danzig, Memel und Kalisch sich verbreitete. Am 1. Aug. 1831 erschien 'WettiW- die Cholera in Johannesburg und Bromberg, am 2. in Strasburg an der Grenze -MOech- von Polen und Ostpreußen; trotz des um die Stadt Posen gezogenen Cordons "Gierschs stieg die Krankheit die Warta hinab, war am 8. Aug. in Schwerin, am 10. in Küstrin, am 20. in Garz, am 21. in Frankfurt an der Oder, am 25. in Stettin, und am 31. Aug. war, trotz der schon am 5. dies. Monats längs der Oder und einem Theile der Warta und Obra aufgestellten Militaircordons, die Cholera in Berlin. An demselben Tage brach sie in Gnesen, am 2. Sept. in Neustadt- Eberswalde, Spandau und Fürstenwalde, sowie zu Jnowratzlaw und Gniefkowo an der polnischen Grenze und zu Maltzsch an der Oder aus; am 7. war sie zu Leu- ^ bus, am 10. zu Auras, am 14. zu Krossen, und so war denn die Oder in ziemlicher > Ausdehnung theilS bedroht, theils übersprungen, und man verlegte an dem zuletzt genannten Tage den Militaircordon an die Elbe in ihrem ganzen Verlaufe von der sächsischen bis zur hanöverschen Grenze. Am 19. Sept. war die Cholera bis Ra- ^ thenow an der Havel vorgerückt und am 27. in Potsdam ausgebrochen, während sie zugleich südlich an der Oder vorschritt und am 29. Breslau und Oppeln befiel. d- - '5^" d>t AOlli. HS". WidH KM sjU M hck ilt Ä ipt l!M »Hz mm M in Hm ur ! Cholera 429 ?lm 1. Ott. 183t war die Krankheit in Marienwerder, am 3. Ott. in Magdeburg, am 7. in Hamburg, am 15. in Altona, am 28.- in Lüneburg, am 1. Nov. in Brieg. In England brach die Cholera allmälig von der sporadischen zur wirklichen asiatischen sich steigernd schon im Sommer 1831 an verschiedenen Orten aus, am bestimmtesten wird der Ausbruch zu Sunderland am V. Nov. desselben Jahres angegeben. In London, wo die Cholera am 7. Febr. 1832, und in Edinburg, wo sie in der letzten Halste des Jan. ausbrach, trug sie einen sehr milden Charakter, dagegen wüthete sie in Dublin spater heftiger. Ganz unerwartet und bevor auf irgend einem Punkte Frankreichs sich Spuren gezeigt hatten, brach sie am 26. Marz 1832 in Paris auS, und nahm bald einen bösartigen Charakter an, sodaß bis Ende Mai über 13,000 Menschen starben. Im April und Mai verbreitete sie sich auch in andern Gegenden Frankreichs. Wenden wir uns nach den südlichen Gegenden des europaischen Festlandes, so sehen wir zu Pesch in Ungarn die Cholera schon am 14. Iul. 1831, zu Borowo in Slawonien am 10. Aug., an demselben Tage in Wien, wiewol die öffentliche Ve- kanntwerdung daselbst erst vom 14. Sept. sich datirt; am 9. Sept. erschien die Krankheit zu Presburg, in Mahren und Ostreichisch-Schlesi'en seit der Mitte Septembers, zu Brünn in Mahren seit dem 21. Sept., in Ostreich ob der Enns seit dem 3. Oct., zu Prag am 28. Nov. Das Jahr 1832 sah die Krankheit am H.Jan, in Halle an der Saale, wiewol schon am 19. Dec. 1831 ein Fall von Cholera daselbst vorgekommen sein soll. So hat denn die Cholera binnen 14 Jahren von Calcutta bis Hamburg einen Weg von ungefähr 79 Graden zurückgelegt, immer westlich ziehend, und sich dabei in Asien und den ostindischen Inseln zwischen dem 10. Grade S. und dem 55. Grade N. B., in Europa aber zwischen dem 44. und 64. Grade N. B. gehalten. Eine solche Verbreitung der Krankheit in zwar langsamem, aber sicherm Schritte, läßt schon auf den ersten Anblick Ursachen der Krankheit vermuthen, welche ungewöhnlich und vielvermögend sind; denn die uns gewöhnlich treffenden Schädlichkeiten können eine solche, nur im fernen Osten bekannte und bis jetzt uns fremd gebliebene Krankheit nicht erzeugen, und ebenso wenig vermögen Einflüsse von geringer und beschränkter Wirksamkeit eine so plötzlich befallende, heftig verlaufende und schnell sich beendendeKrankheithervorzubringen. Solcher Ursachen nun, welche die Verbreitung der asiatischen Cholera bedingen, lassen sich besonders drei denken: entweder ein Anfteckungsstoff trägt die Krankheit von einem Individuum zum andern und somit auch von Land zu Land; oder ein Miasma, eine Verderbniß der atmosphärischen Luft, in uns unbekannten Verhaltnissen der Weltkörper zu einander begründet, läßt in den verschiedensten Himmelsstrichen allmälig die Krankheit erscheinen; oder es sind tellurische Verhältnisse, Einwirkungen des Erdkörpers auf den Menschen, welche in gewissen Strecken das Erkranken an der Cholera bedingen, den Menschen ernsthaft an seine Abhängigkeit von der mütterlichen Erde mahnend. Ob ein Ansteckungsstoff die Ursache der Verbreitung bei der asiatischen Cholera sei, ist eine völlig verschiedene Frage von der: ob die Cholera überhaupt eine ansteckende Eigenschaft habe. Man kann die zweite Frage bejahen, ohne damit die erste ebenfalls bejahend zu beantworten, und wir betrachten daher wol mit Recht beide Fragen in gehöriger Absonderung. Daß die asiatische Cholera unter manchen Umständen einen Ansteckungsstoff, ein Contagium entwickele, hat nichts Unwahrscheinliches, da sie eine Krankheit mit materieller Ausscheidung ist; daß dieses Contagium aber von sehr beschränkter Wirksamkeit sei, oder wie man dies in den medicinischen Schulen bezeichnet, eine sehr bestimmte Anlage erfodere, um in einem neuemJndividuum die Krankheit zu erzeugen, ist gewiß. Wer nur der Typhusepidemie in den letzten Jahren des französischen Krieges sich erinnert, wie Alles, was mit dem Kranken in nahe oder entfernte Beruh- 430 Cholera rung gekommen war, auch von dem Typhus befallen wurde, wie nicht nur Kranken- warter und Angehörige, sondern auch Ärzte, Wundarzte und Apotheker der Ansteckung unterlagen, der wird bald gewahr werden, daß der asiatischen Cholera eine solche Ansteckungsfähigkeit nicht zukommen kann. Schon die verhältnismäßig sehr geringe Zahl der an der Cholera erkrankten Ärzte, bei allem Eifer, mit welchem sie sich der Beobachtung und Behandlung der Krankheit gewidmet haben, und bei der großen Anstrengung, welche dabei von ihnen gefodert wurde, spricht dafür, und ebenso sind Ehegatten, Haus - und Stubengenossen der Cholerakranken oft verschont geblieben. Auch darf man es nicht unbedingt dem Contagium zuschreiben, wenn in einem Hause oder einer Familie mehre Personen nach und nach an der Cholera erkrankten, da dieselben ja hinsichtlich der Lebensweise, Kost, Bekleidung u. s. w. denselben Einflüssen ausgesetzt waren. Möge daher auch der Cholera wirklich ein Ansteckungsstoss zukommen, so ist seine Wirksamkeit dennoch eine allzu beschränkte, als daß man ihm allein oder auch nur vorzugsweise die so große Verbreitung dieser Krankheit zuschreiben könnte. Nächstdem stehen einer solchen Meinung noch manche andere Gründe entgegen. Die asiatische Cholera ist in Ostindien schon seit mehr als hundert Jahren bekannt, lebhafter Verkehr mit jenen Landern bestand in dieser ganzen Zeit nicht weniger als jetzt, Vorkehrungen gegen die Verbreitung der Cholera, wie man sie schon seit mehren Jahren unternimmt, hat man damals nicht getroffen: und so ist es schwer einzusehen, warum nicht früher schon eine.Verschleppung nach Europa stattgefunden hat, sondern jetzt erst. Nicht überall läßt sich auch die geschehene Einschleppung der Cholera durch Menschen, die aus insicirten Gegenden kamen, nachweisen-, in vielen Städten (z. B. in Hamburg) hat sich dieselbe selbständig entwickelt, viele kleine Ortschaften in Schlesien und Ostpreußen wurden von der Cholera heimgesucht, während größere Städte mit lebhaftem Verkehre ganz oder wenigstens lange Zeit verschont blieben. Die sorgfältigst gezogenen und geschlossenen Cordons, selbst in ebenen Gegenden und an Flüssen hin, haben das Fortschreiten der Cholera nicht aufzuhalten vermocht, ebenso wenig als in insicirten Städten sich Einzelne durch die sorgfältigste Jsolirung gegen die Krankheit schützen konnten. Wenn man dagegen immer anführt, daß ja doch die Verbreitung der Cholera vorzugsweise den Heereszügen und großen Handelsstraßen gefolgt sei, und hiervon einen vermeintlich sehr starken Beweis für die durch Ansteckung geschehende Verbreitung hernimmt, so wird dabei ganz übersehen, daß bei Heereszügen und auf g-roßen Handelsplätzen gerade diejenigen Bedingungen in reichem Maße vorhanden sind, unter welchen die Cholera bei deu einzelnen Individuen vorzugsweise gern sich einzustellen pflegt: Mangel, schlechte Nahrung, Überfluß, Völlerei, Gemüthsbewegungen aller Art, frühzeitig entnervte, geschwächte, der Natur entfremdete Körper, und daß es demnach nicht Wunder nehmen dürfe, wenn der Weg des Krieges und des Welthandels auch zugleich der der Cholera ist; einer Ansteckung bedarf es dazu nicht so unumgänglich. Diese Betrachtungen und der sehr merkwürdige Umstand, daß man in den bis jetzt befallenen europäischen Orten immer nur so lange von Contagiosttät der Cholera sprach, als diese noch nicht selbst an dem Orte erschienen war, bei dem Ausbruche derselben aber seine Meinung änderte, haben denn der Ansicht von einer epidemisch-miasmatischen Verbreitung ziemlich allgemein den Vorzug verschafft. Diese Ansicht setzt die Ursache der Choleraverbreitung in eine von allgemeinen kosmischen oder tellurischen Verhältnissen abhängige Luftverderbniß, und hat allerdings außer Dem, was gegen die Contagiosttät gesagt werden kann, auch Das für sich, daß die Cholera in ihrer Verbreitung vorzüglich den Flußgebieten gefolgt ist, und daß sie, wie viele andere Epidemien vor ihr, den Zug nach Westen genommen hat. Auch vereinigt sich mit dieser Ansicht sehr leicht das Zugeständnis daß die Cholera unter manchen Umständen wirklich einen Ansteckungsstoff ent- DD. H kliiiru-iun . ' "MNll! Cholera 431 wickeln könne, denn wir wissen, daß diese Eigenschaft vorzugsweise den Epidemien auf ihrer Höhe zukomme. Ebenso sprach dafür das Milderwerden der Krankheit in ihrem Vorwärtsschreiten, wenngleich hier andere Ursachen von nicht geringer Bedeutendheit mitwirkten. Dennoch fehlte es nicht an Einwürfen, welche gegen die Verbreitung der Cholera auf epidemisch-miasmatischem Wege gemacht werden konnten; die wichtigsten darunter waren: das gleichsam eigensinnige Verschonen mancher Landstriche und Ortschaften, und zweitens das Verbreiten der Cholera den Luftströmungen entgegen und die Flußgebiete aufwärts. Beide Erscheinungen ließen sich nicht aus der epidemisch-miasmatischen Natur der Verbreitung erklaren, veranlagten daher theils den Versuch, sie als Beweise für die Contagiosität der Cholera zu benutzen, theils dienten sie einer dritten Meinung zur Hauptstütze: daß nämlich die Krankheit sich nicht nur durch miasmatische Verderbniß der Atmosphäre, sondern zugleich durch tellurische, vom Erdboden selbst ausgehende Einflüsse verbreite. Diese Meinung, in neuerer Zeit von mehren Seiten her geltend gemacht, erklart es an; natürlichsten, wie einzelne Gegenden und Ortschaften verschont werden konnten, und wie der von der Cholera bisher beschritten Weg nicht eine gleichmaßig verbreitete Insertion, sondern gleichsah ein unregelmäßig von mannichfaltigen Linien durchkreuztes Bild darstelle, wie sich die im Innern der Erde wirksamen Kräfte auf der Oberfläche derselben ausprägen. Und in der That kann man nicht leugnen, daß der Mensch ebenso wie Pflanzen und Thiere nicht nur von der Luft, sondern auch vom Erdkörper in der Art abhängig sei, als das organische Leben auf der Erde kein isolirtes, sondern ein mit dem Erdkörper auf das Innigste verbundenes ist. Diese Abhängigkeit des Besondern vom Allgemeinen zeigt sich allerdings im kranken Zustande auffallender und deutlicher als im gesunden, und so möchte wol nicht ohne Grund angenommen werden können, daß die 'große Verbreitung der Cholera zunächst von zwei wichtigen allgemeinen Momenten, den tellurischen und atmosphärischen Verhältnissen, ausgehe, daß diese Verbreitung aber wol auch unterstützt werde durch ein Contagium, welches zwar nicht überall und nicht unter allen Umständen der Cholera zukommt, aber auf der Höhe ihrer Epidemien sich ebenso bilden kann, wie wir dies auf der Höhe anderer Epidemien gewahr werden. Der Einfluß dieser drei Agentien zur Herv orbringung der Krankheit ist aber kein unbeschränkter, und die Beschränkung desselben scheint zuzunehmen, je weiter die Cholera nach Westen vorrückt. Es scheint nämlich das Zusammentreffen mehrer Bedingungen nothwendig zu sein, um ein Individuum für jenen Einfluß empfänglich zu machen, oder, wie man sich ausdrückt, in ihm eine Anlage oder Pradisposi'tlon zur Cholera zu begründen. Diese Bedingungen sind: Schwächung des Körpers überhaupt durch Ausschweifungen, Nachtwachen, Blutverlust, niederdrückende Gemüthsbewegungen, überstandene Krankheiten u.s.w.; ferner kränkliche Beschaffenheit des Magens und Darmcanals durch Völlerei und namentlich durch den Misbrauch des Branntweins und der schweren Rothweine, durch den Genuß schwerverdaulicher oder allzu kühlender und schwächender Nahrungsmittel, wie Fett, Speck, Fische, fettes Fleisch, Käse, Mehlklöse, Melonen, Gurken, unreife Früchte u.s.w., durch den Genuß verdorbener und Ichlechter Nahrungsmittel und durch Überladungen aller Art; ferner der Aufenthalt in sumpfigen Gegenden, in feuchten, dunkeln, dem frischen Luftzuge und dem Sonnenlichtejunzugänglichen, mit Menschen überfüllten und mit unreinen Ausdünnungen behafteten Wohnungen; ferner endlich Unreinlichkeit am eignen Körper und an seiner Bekleidung. Daß diese Bedingungen in der That die Wirksamkeit der allgemeinem Einflüsse zur Hervorbringuug der Cholera unterstützen, geht schon daraus hervor, daß am meisten die Schlemmer und Säufer aus den niedersten so- ssol als aus den höchsten Standen (beide zahlen deren mehr als dst. mittlem), die Geschwächten und Ausschweifenden, die Verzagtesten und sich am meisten vor der 432 Cholera Krankheit Fürchtenden, die in unreinlichen, dumpfigen Wohnungen Zusammen- ^ M ^ ^ gedrängten, an elende Kost Verwiesenen und an UnreinlichkeiL Gewöhnten von der ^ Di Cholera befallen wurden, und daß die nächste Gelegenheit zum Ausbruche der Cho- lera am häufigsten eine Indigestion, eine Erkältung und eine Gemüthsbewegung ^ abgegeben hat. Es fehlt aber nicht an Fällen, wo die Cholera ohne eine solche nähere Veranlassung bei dazu geeigneten Individuen plötzlich ausbrach. ^ Aus dem Bisherigen ist nun unschwer zu entnehmen, welches bei dem jetzigen ^Ds Zustande der Dinge unsere Hoffnungen und Befürchtungen hinsichtlich der Cholera werden sein dürfen. Die früher wol auch gehegte Erwartung, die Cholera werde nicht die Grenzen Asiens, oder von Europa doch wenigstens die Grenzen des slawi- Z schen Sprachstammes nicht überschreiten, ist längst verschwunden, und wir sehen die Krankheit bereits seit längerer Zeit im Herzen Deutschlands vorwärts schreiten. ^ Der noch zurückzulegende Weg bis an die westlichen Küsten von Europa ist ge- ringer als der bisher zurückgelegte, und die in Ostindien und Rußland gemachten Erfahrungen geben keine Gewähr dafür, daß Italien und Skandinavien werde verschont bleiben. Dennoch ist das Vorwärtsschreiten der Cholera bei uns einem Lavastrome zu vergleichen, welcher anfangs reißend und verheerend, später allmälig " erstarrt und nur langsam und unsicher, von jedem Hinderniß aufgehalten und nur stoßweise noch furchtbar und verwüstend sich fortwälzt. Ihre Macht ist gebrochen ^ und bricht sich immer mehr an der mäßigern Lebensweise der mitteleuropäischen »D Völker, an dem mittlem Klima und an der zweckmäßigem Behandlung, welche ihr prophylaktisch und therapeutisch von der deutschen Medicin entgegengesetzt wird, tzWW 5 die sich auch hier wieder sehr zu ihrem Vortheile gegen die englische auszeichnet. So dürfen wir hoffen, daß die Krankheit nirgend mehr in Europa so Hausen werde, Mchm, 4 wie sie in Ostindien und selbst noch zum Theil im europäischen Rußland gehauset U hat, daß sie immer milder werden und sich allmälig der uns schon früher bekann- BckniMi» ten europäischen Cholera verähnlichen werde. Damit freilich ist die Besorgniß ver- GMDM knüpft, es werde die asiatische Cholera, wie andere Krankheiten, welche früher epi- MG»« demisch geherrscht haben, sich bei uns endemisch festsetzen oder in wiederholten klei- Ä Nil/M nern Epidemien uns heimsuchen, oder wenigstens die europäische Cholera zu einer häufiger vorkommenden Krankheit werden, als sie bis jetzt bei uns gewesen ist. Wenn wir auch in einem für Nichtärzte bestimmten Werke billig die Heilme- Ä thode der Cholera übergehen, als welche in arztlichen Schriften hinlänglich durchge- sprechen, nur dem Arzte von Wichtigkeit und nur ihm verständlich sein kann, so wer- ^ den wir doch die für Jedermann so wichtige Prophylaxis der Cholera, das heißt, das Verfahren, sich gegen dieselbe zu schützen, nicht übergehen dürfen. Die Prophylaxis ist theils eine solche, welche jeder Einzelne für sich und die Seinigen M und für seine nächsten Umgebungen auszuführen vermag, theils eine solche, welche ^ nur von Seiten des Staates und einzelner Obrigkeiten veranstaltet werden kann. Der Einzelne vermag viel zu seinem Schutze gegen die Cholera zu thun, nur setze er kein Vertrauen auf Präservative aller Art, welche ihm angerathen werden, sondern halte sich fest überzeugt, daß kein innerlich oder äußerlich anzuwendendes Mittel bis jetzt bekannt ist, welches irgend eine prophylaktische Eigenschaft gegen W die Cholera besitzt. Diese angeblichen Schutzmittel schaden im Gegentheil auf mannichfaltige Weife, und unbezweifelt schon dadurch, daß im Vertrauen auf ihre schützende Eigenschaft die wahren Schutzmittel gegen die Cholera verabsäum^ wer- ^ den. Diese bestehen vorzüglich in Folgendem: 1) Mäßigkeit in allen Genüssen, Daher vermeide man alle schwächenden Ausschweifungen, Trink- und Spiel- gelage, Nachtwachen und heftige Gemüthsbewegungen; ebenso sei man vorsichtig >^>1^ in der Auswahl der Speisen, ohne jedoch übertrieben ängstlich zu sein. Man ver- meide namentlich diejenigen Speisen, die wir bereits oben als schädlich bezeichnet haben, nächst ihnen aber q^ch alle diejenigen, von welchen man aus eigner früherer ^ ' X, Cholera 433 Erfahrung weiß, daß sie nicht zu bekommen pflegen, ein Umstand, der nicht bei allen Personen auf gleiche Weise sich zeigt; blähende, Saure erzeugende, schwerverdauliche, stark kühlende Speisen werden am meisten zu vermeiden sein. Überladung des Magens durch Speise und Trank vermeioe man ganzlich, von den Getränken insbesondere den Branntwein, schlechte, junge, säuerliche Weine, Obstwein, Most, schlechte, unausgegohrene, nicht gehörig gehopste Biere. 2) Reinlichkeit des eignen Körpers und seiner Bekleidung sowol als auch der Wohnung. Dahin gehört öfteres Waschen des ganzen Körpers, Baden, öfterer Wechsel der Leid- und Bettwäsche, schnelle Entfernung aller Unreinlichkeit aus den Wohnstuben, Schlaf- und Kinderstuben, täglich mehrmal wiederholtes Lüften durch Öffnen der Fenster, Rein- und Verschlossenhaltcn der Gossen und Abtritte, Entfernung aller unnützen Hausthiere aus den Stuben, namentlich der für die Gesundheit der Menschen überhaupt so schädlichen Hunde, vorsichtige Anwendung der Chlor - und Essigdämpse. 3) Gleichmut!) und Heiterkeit der Seele. Verbannung aller unnützen Furcht vor der Cholera, Vertrauen und muthige Fassung bei herannahender Gefahr und ein gleich weit von Leichtsinn sowol als von Klein- muth entferntes Betragen muß um so mehr als ein wichtiges Schutzmittel angesehen werden, als die Erfahrung bisher gelehrt hat, daß gerade diejenigen Menschen, welche in kleinlichem Egoismus alle denkbaren Vorkehrungen hervorsuchten, um nur ihre Person bei der allgemeinen Gefahr in Sicherheit zu bringen, die ersten Opfer der Cholera wurden. Auch hier heißt es i Wortes sortuna invut, und eine allzu ängstliche Scheu ist ebenso unwürdig als unnütz, lähmt unsere Thätigkeit für den Nebenmenschen bei herannahender Gefahr, ohne uns selbst einen Schutz zu gewahren. 4) Vermeidung aller Erkältung, insbesondere des Unterleibes und der Fuße. Daher ist möglichste Vorsicht bei dem so nothwendigen Waschen und Baden und bei dem Wechsel der Wäsche anzuempfehlen, und schon aus diesem Grunde ist das übermäßige Einhüllen und Warmhalten schädlich, weil eine so verzärtelte Haut am meisten den Erkältungen ausgesetzt ist. Das Schlafen im Freien, das Niederlegen in das Gras oder auf kühle Steine oder die feuchte Erde, das Wandeln in später, und namentlich feuchter Abendluft, ist wenigstens den nicht daran Gewöhnten zu widerrathen. 5) Hinlängliche, dem Körper, den Kräften und der Gewohnheit angemessene Bewegung in freier Luft ohne übermäßige Ermüdung oder Erhitzung; Sorge für tägliche Leibesössnung; überhaupt eine so wenig als möglich von der gewohnten abweichende, nur die Schädlichkeiten derselben vermeidende und unterlassende Lebensweise. Irgend bedeutende Abweichungen von dem gewöhnlichen Befinden sind bei dem Herannahen der Cholera nicht als gleichgültig zu betrachten und erfodern die Berathung eines Arztes. 6) Endlich ist es wol der Pflicht gegen sich und die Seinigen angemessen, sich den an der Cholera Erkrankten nicht ohne die nöthige Vorsicht zu nahen, so wenig man sich durch eitle Furcht von irgend einer Pflichterfüllung gegen diese der Hülfe und der Zuspräche so bedürftigen Leidenden darf abhalten lassen. Man gehe nicht nüchtern zu dem Kranken, und wo möglich nicht bei dem eignen Gefühle von Unwohlfein oder Erschöpfung, nahe sich demselben aber ohne Furcht, und vermeide nur das allzu lange Verweilen an dem Bette desselben, sowie das Einfchlucken des aus dem gelüfteten Deckbett aufsteigenden Dunstes, der Ausdünstung und des Athems des Kranken. Man vermeide in dem Krankenzimmer das Tabackfchnupfen, weil damit am meisten schädlicher Krankendunst eingesogen wird, auch schlucke man den eignen Speichel nicht hinab. Nach dem Besuche wird es gut sein, sich umzukleiden und wenigstens Gesicht und Hände sorgfältig zu reinigen, wozu allenfalls auch Chlorkalkauflösung oder Essig benutzt werden kann. Von andern früher auch vorgeschlagenen Vorsichtsmaßregeln bei dem Besuchen von Cholerakr.mken, z. V. Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 28 434 Cholera wachsleinwandener Bekleidung, ist man billig ganz zurückgekommen, da sie nichts nutzen können, wol aber unendlich schaden. Von Seiten des Staates und einzelner Ortsobrigkeiten kann und muß manche Vorsichtsmaßregel gegen die Cholera ausgeführt werden, wenngleich in dieser Hinsicht oft auf der einen Seite zu viel, auf der andern zu wenig geschieht. Vor Allem aber darf die Maßreg-el nicht harter sein als die gefürchtete Cholera selbst. Die wichtigsten der hierher gehörigen Dinge möchten sein: 1) Versorgung der Armen mit der nöthigen warmen Bekleidung, Bedeckung, Heizung und mit passenden Nahrungsmitteln; Untersuchung ihrer Wohnungen, Aufsicht auf Reinlichkeit derselben und Vermeidung des Überfüllens allzu kleiner Räume mit Menschen und Thieren; Sorge für hinlänglichen und leicht erreichbaren ärztlichen Beistand für dieselben. 5) Sorge für Reinheit der Luft in den Straßen und Häusern, daher wachsame Aufsicht auf alle Luftverunreinigung durch stehende Wässer, durch faulenden Unrath auf den Straßen, verwesende Thiere, offene Gossen, Kloaken und Düngergruben. Hierher gehört auch die Luftreinigung durch Chlor (s. d.) und Essig. 3) Zweckmäßige Belehrung des Volkes über die gegen die Krankheit zu ergreifenden Schutzmittel, namentlich Ermahnungen zur Nüchternheit, Mäßigkeit und Reinlichkeit. Zerstreuung beunruhigender Gerüchte über die Bösartigkeit der Cholera und über vermeintliche Ursachen derselben; Bekämpfung der allzu ängstlichen Scheu vor der Krankheit und der leichtsinnigen Sicherheit; Aufsicht auf die Ankündigung und den Verkauf von angeblichen Präservativmitteln. 4) Anlegung von Hospitälern für Cholerakranke verschiedenen Standes, von Hülfsstubcn für die plötzlich auf der Straße Erkrankenden, Aussicht auf hinlänglichen Vorrath guter Arzneien in den Apotheken des bedrohten Ortes, Sorge für zweckmäßige Vertheilung des ärztlichen und wundärztlichen Personals, Anstellung und Unterweisung von Krankenwärtern beiderlei Geschlechts; Anordnung einer sachkundig und streng geleiteren Todtenschau. Absperrung, Cordons und Contumazanstalten haben sich dagegen mehr schädlich als nützlich gezeigt, weil sie die Gemüthec beunruhigen, zu Bedrückungen Veranlassung geben, den geselligen Verkehr stören und eine große Anzahl von Menschen brotlos machen. Die epidemische Natur der Krankheit trotzt dabei allen solchen Absperrungsmaßregeln, die nur dann von Wirksamkeit sein könnten, wenn die Verbreitung der Krankheit einzig und allein durch ein fixes Contagium geschähe, was aber, wie wir gesehen haben, bei der Cholera der Fall nicht ist. Man hat daher auch alle diese Anstalten, mit so großem Eiser sie anfangs eingerichtet wurden und so kostspielig sie auch gewesen sind, fast überall wieder aufgegeben. Das Verhältniß der Cholera zur Medicin unsererZeit, zur arztlichen Wissenschaft und Kunst, wie sie jetzt besteht, ist ein solches, dessen die Ärzte sich keineswegs zu schämen haben, und wol vermögen sie sich gegen alle Beschuldigungen hinlänglich zu vertheidigen, welche bei Gelegenheit dieser Weltseuche, wie so oft schon, erhoben worden sind. Man hat ihnen zum Vorwurfe gemacht, eine allzu große Menge von Heilmitteln und Heilmethoden gegen die Cholera gesucht und empfohlen, und dadurch bewiesen zu haben, daß die Natur und Behandlung der Cholera ihnen noch fremd sei. Darauf ist zu antworten, daß menschliche Kräfte, solchen Seuchen gegenüber, ebenso gering sind als gegen Ungewitter und Erdbeben, und daß auch die ärztliche Kunst solchen Mächten, wie sie hier ihr gegenüberstehen, nur wenig abzugewinnen vermöge; daß sie aber ihnen gar nichts abgewonnen habe, ist unwahr und streitet gegen die Erfahrung. Das aber, was der arztlichen Kunst gegen eine solche Seuche zu Gebote sieht, ist nicht ein einziges Mittel, nicht eine einzige Heilmethode, sondern ein möglichst sorgfaltiges Anschließen oer Kunst an die jedesmalige individuelle Gestalt der Krankheit in allen ihren Abänderungen; daß daher die Ärzte nicht auf Einem und demselben Mittel beharr- Choris 435 tm sondern sich, wie bei andern Krankheiten, von dem jedesmaligen Charakter der Krankheit, überhaupt von dem Erfunde am Krankenbette leiten ließen, verdient Lob, nicht Tadel; wer den letztern gegen dieses Verfahren richtet, hat keinen Begriff von arztlicher Kunst, sondern hangt an dem Wahne des Volkes, daß gegen jede Krankheit ein besonderes Mittel helfen müsse, und mit solcher Meinung ist denn kein wissenschaftlicher Streit zu führen. Die Erkenntniß der Krankheit und das nochwendige Heilverfahren in derselben ist, trotz aller gehässigen Gegenrede, dennoch bedeutend gefördert worden, und schon der Umstand spricht dafür, daß man nicht mehr, wie früher, Specisica gegen die Cholera sucht. Ein anderer Vorwurf ist den Ärzten über die Verschiedenheit ihrer Meinungen vom Sitze und von der Natur der Krankheit gemacht worden; aber abgesehen davon, daß diese Kenntniß für die Ausübung der Kunst keineswegs so wesentlich ist, als der Nichtarzt glaubt, so gehört die Erörterung dieser Gegenstande gewiß zu den schwierigsten Aufgaben bei einer Krankheit, welche beinahe urplötzlich sich in allen drei Hauptspstemen des Körpers zugleich äußert, wo denn freilich der individuellen Meinung überlassen bleibt, über die Priorität des Erkrankens in einem oder dem andern Systeme die mißliche Entscheidung zu fällen. Zudem sind diese Meinungen nicht als entschiedene und für immer bestimmte Aussprüche geltend gemacht worden, sondern für Materialien zu einer künftigen Pathologie der Cholera, und da mag man der im menschlichen Wissen unvermeidlichen Verschiedenheit der Ansicht wol den nöthigen Spielraum gönnen. Daß nun bei Gelegenheit der Choleraepidemie, wo Jeder mitsprechen zu müssen glaubt, dem eigentlich keine Stimme in wissenschaftlichen Verhandlungen zukäme, gar manches Unreife, Schiefe, Absurde und wahrhaft Lächerliche zu Tage gefördert worden ist, wer wollte dies leugnen, und wer wollte, bei der vielleicht schon ins vierte Hundert angeschwollenen Flut der Choleraschriften, es anders erwarten ? Aber die Gahrung läutert auch hier den trüben Most, wirft alles Unreine und Untaugliche auf die Oberfläche, und wird auch hier den hellen Wein der Erkenntniß fördern, wie ja sonst auch in andern Gegenständen und zu andern Zeiten. Und so wird auch diese Weltseuche vorüberziehen, wie andere vor ihr, unabwendbar freilich durch Menschenkräfte, aber gemildert durch sie, soviel sie es vermochten; auch sie wird, wie andere große Seuchen, eine neue Entwicklungsstufe der ärztlichen Kunst begründen, indem sie der Denk- und Handlungsweise der Ärzte eine veränderte Richtung ertheilt; welche Epoche in der Geschichte der Medicin sie bezeichnen werde, vermag erst eine späte Folgezeit zu entscheiden, die keiner der jetzt Lebenden mehr sehen wird. (42) Choris (Ludwig), zu Pekaterinoslaw in Kleinrußland am 22. Marz 1795 von deutschen Altern geboren, erhielt seine erste Bildung auf dem Gymnasium zu Charkow. Von der zartesten Kindheit an verrieth er ein ungewöhnliches Talent zum Zeichnen, und überhaupt große Liebe zur Kunst. Bald sah er sich von einem durchreisenden Portraitmaler besonders angezogen; nun sollte ihm alle Welt sitzen, auch er wollte Bildnißmaler werden; doch sein vielgestaltender Geist begnügte sich nicht mit Einförmigem. Das Studium der Naturgeschichte führte ihn zur Landschaftsmalerei, und diese flößte ihm frühzeitig einen unwiderstehlichen Hang zum Reisen ein. Seine Geschicklichkeit verschaffte ihm den Northeil, 1813 den berühmten Pflanzenkenner Marschall von Biberstein auf seiner Reise nach dem Kaukasus begleiten zu dürfen. Fast alle Blumen der „?lara Caucasüma" sind von C. gezeichnet. Er begab sich 1814 nach Petersburg, um dort die Kunstakademie zu besuchen. Hier zeichnete er sich bald so sehr aus, daß er von dem Reichskanzler Grafen Numjänzoff gewählt wurde, als Maler das auf dessen Kosten ausgerüstete Schiff Aurik bei seiner Fahrt um die Erde unter dem Befehle des Lieutenants Otto von Kotzebue zu begleiten. Auf dieser . 28 * 486 Choris z / Reise zeichnete er Alles, was uns einen deutlichen Begriff von den Eingeborenen Nordamerikas und den Südseeinsulanern verschassen konnte. Nach einer fast vierjährigen Seefahrt kam C. 1819 nach Frankreich, wo er besonders in Paris von den ersten Gelehrten mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen, und ermuntert wurde, auf Stein zeichnen zu lernen, damit feine herrlichen Skizzen nichts von ihrer Eigenthümlichkeit verlieren möchten. Hier gab er seine Beobachtungen und Studien in einem Werke heraus, welches den Titel führt: „Vo)^e pittnres- tpie antom- clu mcmcke, oLrant ckes portraits c!e saava^es ck'^mei icpie, ck'^sie, tl'^lritjue et ckes!Ies cku Franck ocean, leurs armes, leurs kabiiiemelis, pariere--, «stensiles, canots, pirnAues, waisons, Ganses, elivertissemens, music^ue et ins- trumens tie music^ue, ckes pa^sa^es et ckes vues maritimes, plusieurs objets (i'leistnire naturelle, tels <^ue mammiieres et oiseaux, accnmpa^nes üe i mont Osucase et de ses environs", und aus 18 Lieferungen bestehen wird. (8) Chotek (Karl, Graf von), Herr aufChotkowa undWoynin, bisherOberst- burggraf in Böhmen, wurde zuerst im Hause und unter der unmittelbaren Leitung seines Vaters, des Staatsministers Grafen Johann Rudolf C., erzogen, begann dann seine Rechtsstudien in Wien und vollendete sie in Prag 1803, als sein Vater Oberstburggraf in Böhmen war. In demselben Jahre trat er auch bei dem böhmischen Gubernium in den Staatsdienst, wurde 1806 nach Wien zu der Hofkammer berufen und dort schon 180? als Hofsecretair angestellt. Da er die Bestimmung hatte, sich für das höhere Finanzwesen zu bilden, legte er sich mit Eifer und Liebe auf das Studium der Staatswirthschaft und bereiste zu diesem Zwecke auf kaiserlichen Befehl in den Jahren von 180? —10 sowol die interessantesten Theile der östreichischen Monarchie als auch die wichtigsten Lander des Continents, um deren Finanzverwaltung im Detail kennen zu lernen. Als die Reise nach England fortgesetzt werden sollte, erlitt das östreichische Finanzwesen unter dem Minister Grafen Wallis eine solche Änderung, daß auch Graf E. von der Finanzverwaltung entfernt und in der politischen verwendet wurde. Er ward 1811 zum Gubcrnialrath in Brünn ernannt, und da er sich nach größerer persönlicher Thätigkeit sehnte, seinem Wunsche gemäß 1812 Kreishauptmann zu Prerau in Mahren. In diesem Dienstverhaltnisse, dessen größte Wichtigkeit im Verwaltungsorganismus der östreichischen Monarchie er stets erkannte, fand er Gelegenheit, indem denkwürdigen Kriegsjahre 1813 sich durch Thatigkeit, za durch erschöpfende persönliche Anstrengung so auszuzeichnen, daß er, der einzige von acht Kreishauptleuten, das für jene Epoche gestiftete silberne Eivilehrenzeichen erhielt. Graf Saurau wurde dadurch auf ihn aufmerksam, schenkte ihm seine Freundschaft und berief, als bevollmächtigter Einrichtungscommissair der wiedererworbcnen illyrischen Provinzen, ihn zu sich nach Triest, um das nachmalige triester Kreisamt zu organisiren. Graf C. begann mit der genauen Bereisung aller diesem Kreise zugewiesenen höchst heterogenen Bestandtheile, lernte dadurch die eigenchümlichen Bedürfnisse dieser interessanten aber verwahrlosten Gebiete kennen, sorgte vor Allem für geistige und physische Communicationsmittel, für Schulen und Straßen, und für ein dort noch unbekanntes Radicalmittcl gegen die, in Folge trockener Jahre oder großer Stürme häufig eintretende Hungersnoth, für den Kartoffelbau. Auch der Ausgrabung und Erhaltung antiker Denkmäler in Pola und Aquileja widmete er vorzügliche Aufmerksamkeit. Als 1815 eine östreichische Expeditionsarmee unter dem Feldmarschalllieutenant Bianchi gegen Neapel gesendet wurde, und man eine provisorische Verwaltung der besetzten Landestheile einführen wollte, wurde er zum Generalgouverneur des Königreichs Neapel mit den ausgedehntesten Vollmachten ernannt. Bianchi's schneller Siegeszug und die bald darauf erfolgte Rückkehr des Königs Ferdinand aus Sicilien machten diese Maßregel überflüssig, und er folgte nun der Armee Bianchi's als Generalintendant nach Südfrankreich. Nach Triest zurückgekehrt, wurde er 1810 zum Hofrath bei der dortigen Regierung ernannt, deren gesammte Leitung er auch nach dem bald erfolgten Tode des Gouverneurs, Freiherrn von Nosetti, übernahm und bis zumJul. 1818 führte. Die Einführung eines Armeninstituts zur Abstellung des, in Triest bis zum höchsten Misbrauch getriebenen Gassenbettelns; die Gründung eines Frei- und Zwangsarbeitshauses-, die in einem Jahre entworfene und ausgeführte Erbauung eines schon lange gewünschten großen Leuchtturmes an der Küste von Jstrien, ohne alle Belastung der Staatskasse; die Ordnung des sehr verwirrten städtischen Vermögenszustandes; die Tilgung einer großen alten Schuldenlast; die Einrichtung einer neuen Wasserleitung zur Steuerung des oft eintretenden Wassermangels; die Anlegung zweier neuen Spaziergänge und -Fahrten, an welchen es in Triest ganz fehlte, an >> /I v, 433 Choulant den beiden entgegengesetzten Punkten der Stadt; die Einrichtung eines Dampf- bsotes zwischen Trieft und Venedig — des ersten in der östreichischen Monarchie—, die Errichtung eines neuen Strafhauses in Capo d'Jstria; die Einleitungen zum Bau der großen und wichtigen Straße von Optschina, bezeichneten seine dortige kurze Verwaltung, wahrend welcher Trieft zwei Mal vom Kaiser besucht wurde. Bei der zweiten Anwesenheit desselben wurde Graf C. 1818 zum Geheimrath und Vicepräsidenten in Tirol ernannt, wo damals die Landesverwaltung unter der schwachen Leitung des alten Grafen Bissingen so herabgekommen und des Vertrauens im Lande selbst so gänzlich beraubt war, daß eine Umgestaltung derselben nothwendig wurde. Sein Großoheim und sein Großvater hatten in diesem Lande ein rühmliches Andenken hinterlassen. Nachdem Graf C. ein Jghr lang als Vicepräsident gedient und das ganze Land bereist hatte, wurde er zum Gouverneur von Tirol und Vorarlberg ernannt und bekleidete diese Stelle bis 1825. Seiner Thätigkeit und Einsicht gelang hier manches schwierige, wichtige und wohlthatige Werk. So führte er die bis dahin für unmöglich gehaltene Rekru- tirung eines Jagerregiments ein und organisirte es nach dem Geiste der Nation, sicherte der Provinz eine bewaffnete Landwehr von 20,000 Mann, regulirte die Landesschuld und traf Anstalten zur Tilgung der frühern Kriegsschuld. Dies und die Errichtung eines tiroler Nationalmuseums, die Erhebung des innsbrucker Ly- ceums zu einer Universität, die Stiftung eines geregelten Armeninstituts, einer Sparcasse in Innsbruck und einer öffentlichen Heilanstalt für die Irren in Hall, die Einführung einer Feuerschadenassecuranz, die Herstellung wichtiger Straßenstrecken und Umbauung der Straße über den Arlberg, die Regulirung der Etsch und dadurch bewirkte Austrocknung sehr bedeutender versumpfter Landesstrecken, die Verbesserung der Pferdezucht und viele andere wohlthätige Anstalten mehr, sicherten auch ihm ein dankbares Andenken in diesem Lande. Der Kaiser berief ihn 1825 als Hofkanzler und Präsidenten der Studienhofcommission nach Wien und vertraute ihm anderthalb Jahre später, im Herbste 1826, die oberste Verwaltung des Königreichs Böhmen an, die er aus den Händen des ausgezeichneten Grafen Ko- lowrat übernahm. Was der geniale und energische Staatsmann seit dieser Zeit zum Besten des Landes und des Staats gethan hat, kann hier nicht Alles berührt werden. Es genüge nur, an die Maßregeln zur Hebung der böhmischen Industrie, an die pilsener Eisenbahn, an die zahlreichen Verbesserungen und Anstalten in den böhmischen Badeörtern, an die neuen Anlagen und Verschönerungen in und bei Prag, an die Organisirung des Armeninstituts und die Gründung des Arbeitshauses daselbst, an die zweckmäßige Einrichtung des allgemeinen Krankenhauses zu Prag, die Errichtung eines anatomischen Theaters u. s. w. zu erinnern. Seine Alles umfassende rastlose Thätigkeit erwies sich vorzüglich wohlthuend, seitdem Böhmen von der verheerenden Choleraepidemie heimgesucht wurde. Er wurde 1832 zum Präsidenten der vereinigten böhmisch-mährisch-schlesischen Hofkammer und Conferenzminister in Wien ernannt. (32) Choulant (Ludwig), geboren zu Dresden am 12. Nov. 1791, erlernte die Apothekerkunst in der Hofapotheke daselbst vom Sept. 1807 bis Sept. 1811, begann 5ann die medicinischen Studien auf dem damaligen Ovüegio meüico-clli- 1'lUAlco zu Neustadt-Dresden unter Koberwein, Tobias, Raschig, Ohle u. s. w., bezog die Universität Leipzig 1813, wo er in den Jahren 1814 und 1815 die physikalische Famulatur bei Gilbert versah, sowie in den Jahren 1815 — 17 die ob- stetricische bei Jörg und als Amanuensis am Entbindungsinstitute. Im November 1817 ging er auf Einladung des Hoftaths Pierer nach Altenburg als Gehülfe bei dessen literarischen Arbeiten und ward später praktischer Arzt daselbst. Er promovirte zu Leipzig 1818 und schrieb seine Dissertation: „vecas pel- viinu knilmruinHue ckekorwatalum cum uunvteitioiiilius nonnüllis", zu der Chrmiansa 43s) später eine „Decos secumla pelriun!" (Leipzig l 8?0, 4.) kam. In Altenburg sing C. an eine literarische Thätigkeit zu entwickeln, welche die schönsten Früchte im Verlaufe des nächsten Decenniums trug. Er ward Mitcedacteur des „Anato- nüsch-physiologischenNealwörterouchs", in welchem er viele gründliche Artikel bearbeitete; auch trat er derRedaction der PLerer'schen „Allgemeinen medicinischen Anna- len" bei, und prakticirte dabei fleißig. Im Iun. 1821 zog E. nach Dresden, wohin er als Arzt des königlichen Krankenstistes in Fciedrichstadt berufen worden war. Diese Stelle versah er bis 1827, wo er sie, in die Professur der praktischen Heilkunde und in das Directorat der innern Klinik aufrückend, wegen Mangels an Zeit niederlegte. C.'s stilles, geräuschloses praktisches Wirren blieb hier nicht ohne Segen, denn mancher junge Arzt folgte C.'s Krankenbesuchen mit großem Vortheil, und das kleine, aber reinliche Spital war oft zu eng für den Andrang der Kranken, die hier und in keinem andern Krankenhause behandelt werden wollten. Schade, daß C. die glücklichen Resultate seiner klinischen Beschäftigungen nicht öffentlich mitgetheilt hat. Im Jan. 1822 erhielt er den ehrenvollen Auftrag, Vorlesungen über allgemeine Pathologie und Therapie an der medicinifch-chirurgischen Akademie zu halten, wozu spater noch Vortrage über inutoria meckicu und Re- ceptirkunst kamen. Zu Ende des Jahres 1828 rückte er in die erledigte Professur der theoretischen Heilkunde ein. Die Antrittsrede, die er hielt, und die auch im Drucke den verdienten Beifall erhielt, behandelte den „Einfluß der Medicin auf die Cultur des Menschengeschlechts" (Leipzig 1824). Im Januar 1828 übernahm C. die Professur der praktischen Heilkunde und die Direktion der stehenden therapeutischen Klinik. Als Lehrer ist C. der Gründlichkeit und Faßlichkeit seiner Vortrage wegen hochgeschätzt, und als Führer am Krankenbette wirkt er auf eine große Anzahl von Schülern durch Bestimmtheit der Diagnose, durch sichere Feststellung und einfache Erfüllung der Indikationen, durch gründlichen klinischen Unterricht wie durch wahre Humanität. Dabei ist er ein ausgezeichneter Schriftsteller in vielen Fächern der gelehrten und praktischen Medicin, ein gründlicher Bibliograph, ein tiefer Geschichtsforscher, und Kenner und Beurtheiler fast aller Theile des menschlichen Wissens. Verliert Deutschland seinen Sprengel — Choulant kann ihn ersetzen. Die Zahl seiner Schriften ist wie der Werth derselben bedeutend; sie sind alle mit großem Fleiße und deutscher Gründlichkeit, sowie im reinsten Style verfaßt. 'Außer den gelehrten Ausgaben, welche C. von Ägidius Corbelicnsis medicinischen Gedichten und von Fracastor's classischer poetischer Arbeit über die Syphilis besorgt hat, und außer vielen größern und kleinern Arbeiten sind seine „Tafeln zur Geschichte der Medicin" (Leipzig 1822, Fol.), sein „Handbuch der Bücherkunde in Bezug auf die Schriften der Ärzte des Alterthums" (Leipzig 1827) und sein „Lehrbuch der speciellen Pathologie und Therapie des Menschen" (Leipzig 1831) zu nennen. (2) Christiania, Universität. Die norwegische oder Friedrichsuniversität, gestiftet im Jahre 1812 von Friedrich VI., König von Dänemark, zählt gegenwärtig 25 Lehrer und 600 Studirende, unter diesen 200 Theologen, 170 Juristen und 73 der Medicin und Chirurgie Beflissene; die übrigen widmen sich der Philologie, Philosophie, Mathematik, Bergwerkskunde und Kameralistik. Mit der Universität ist ein philologisches Seminarium verbunden. Sie hat im Wesentlichen dieselbe Einrichtung wie die kopenhagener. Das Universitätsgebäude enthält über 30 Zimmer, von welchen 6 zu Auditorien benutzt, 10 von dürftigen Studenten bei freiem Licht und freier Feuerung bewohnt und in den übrigen das Natu- raliencabinet, das Münzcabinet von 10,000 Nummern und eine Sammlung nordischer Alterthümer aufbewahrt werden. In andern benachbarten Gebäuden befindet sich das chemische Laboratorium, das anatomische Theater, und die Bibliothek von etwa 130,000 Bänden, zu deren Vermehrung die bisherigen Stor- 440 Chrzanowski thinge beträchtliche Sutnmen auf dem Budget augewiesen haben. Es werden im Durchschnitt jahrlich 13,000 Bande meist an Einwohner Christianias ausgeliehen wie denn überhaupt die Bibliothek auf die liberalste Weise verwaltet wird. Ein unschätzbares Geschenk erhielt dieselbe 1830 vom König von Baiern, welcher ihr eine Sammlung von nordischen Urkunden überließ, die während der Unru- hen bei der Thronentsetzung Christians II. nach den Niederlanden und von da nach Deutschland gekommen waren und über die Geschichte jener Zeit ein neues Licht verbreiten. Der Universität gehört das von ihrem königlichen Stifter geschenkte Gut Toien unweit der «Stadt. Hier ist ein botanisch-ökonomischer Garten mit zwei Treibhausern, welcher wegen seiner heitern Lage auf einem nach Süden geneigten AbHange zu Spaziergangen benutzt wird. Das Vermögen der Universität bestand 1831 aus 148,184 Speciesthalern. Außerdem erhält sie zur Bc» soldung der Lehrer aus der Staatskasse jahrlich etwa 33,000 Speciesthlr. Die Lehrer erhalten kein Honorar von den Studirenden, allein vom Staate, je nach ihrem Dienstalter einen Gehalt von 800—2000 Speciesthlrn. Die Universität hat den ausschließenden Verlag des Kalenders. Eine neue Sternwarte nebst einem Wohngebäude und einem Garten für den Professor der Astronomie, wozu das Stor- thing von 1830 eine Summe von 18,000 Speciesthlrn. bewilligt hat, wird im Westen der Stadt erbaut. Unter den Lehrern haben sich Hansteen (s. d.), Esmark und Keilhau durch ihre Schriften auch im Auslande Ruf erworben/ (1) Chrzanowski (Adalbertvon), geboren um 1788 in der Woiwodschaft Krakau, erhielt seine erste Erziehung in der Stadt Krakau, wo er sich vorzüglich den mathematischen Wissenschaften widmete. Seit seiner ersten Jugend zeigte er viel Vorliebe zu dem Kriegerstande, und eine bürgerliche Anstellung, für welche sein Erzieher, der gelehrte Soltykowicz, ihn bestimmt hatte, wollte ihn nicht ansprechen. Als 1809 das Gebiet von Krakau dem Herzogthume Warschau einverleibt wurde, trat C. in das Corps der Ingenieurs, wo er sich bald die Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erwarb. Er wohnte dem Feldzuge gegen Rußland bei und leistete in der Schlacht bei Leipzig durch die geschickte Leitung eines Theils der Artillerie wichtige Dienste. Seitdem verschwand er auf lange Zeit von der kriegerischen Schaubühne, bis ihn der Feldmarschall Diebitsch, der C.'s militärische Kenntnisse schätzte, 1828 nach der Türkei berief. C. war besonders in der Schlacht bei Varna dem russischen Heere nützlich und trug viel zur Eroberung dieser Festung bei. Zur Belohnung wurde er zum Obersten befördert. Nach dem Ausbruche der Revolution in Warschau ward er in der Generalcommission für die Quartiere angestellt, im Januar 1831 aber zum zweiten Befehlshaber der Festung Modlin ernannt, wo er in dieser Eigenschaft bis zum Februar blieb und während dieser kurzen Zeit das Festungsgeschütz in die beste Ordnung brachte. Nach seiner Rückkehr wurde er als Chef des Generalstabs der Armee angestellt. Man hat ihm den Vorwurf gemacht, daß er während der Verwaltung dieses Amtes den Oberbefehlshaber Skrzynecki bewogen habe, die Rationen für die Pferde zu vermindern. Dies hatte sehr nachtheilige Folgen. Die Pferde der Reiterei und Artillerie mußten fouragiren, da man kein Heu mehr austheilte, sondern nur Hafer. Roggen oder gar Mehl gab. Die Magazine waren zwar leer, es fehlte aber nicht an Geld, um sowol im Lande als in Preußen und Oestreich, da der Verkehr noch frei war,Vorräthe einzukaufen. Die Folge davon war, daß die Pferde bald vor Erschöpfung zu Tausenden niedersielen. C. wurde im April zum Brigadegeneral ernannt, nachdem es ihm gelungen war, die Russen von dem Übergange über den Wieprz abzuhalten. Im Mai besiegte er den General Thiemann bei Kock und trat darauf den Rückzug nach Zamosc an, den er glücklich ausführte. Er stand seitdem mit drei Divisionen in der Woiwodschaft Podlachien und focht mit großer Auszeichnung gegen das Corps des Generals Rüdiger. Am 14. Jul. erkämpfte er einen bedeutenden Sieg bei Minsk. Obgleich diese Kampfe auf das Schicksal Polens keinen Church 44 l entscheidenden Einfluß Huben konnten, so wurden doch die Bewegungen der russischen Hauptarmee dadurch gehemmt. Als die Gefahr naher rückte, brachte C. 25 Geschütze zur Vertheidigung der Hauptstadt aus der Festung Aamosc mitten durch die russischen Stellungen glücklich über die Weichsel und kehrte darauf zurück. Zu Ende des Jul. ward er auf Skrzynecki's Vorschlag Divisionsgeneral. Um dieselbe Zeit hatte er eine Zusammenkunft mit dem russischen General Thiemann, über deren Ergebnisse nichts bekannt geworden ist; man hat ihm jedoch vorgeworfen, daß ec seitdem allen kraftigen Maßregeln entgegengewirkt habe. Nach dem Übergange der Russen auf das linke Weichselufer berief der Oberbefehlshaber sämmtliche Generale, um ihnen seine Befehle zu ertheilen. C, erschien nicht. Um Mitternacht wurden die gegebenen Befehle zum Vorrücken vollzogen, aber in den ersten Morgenstunden erfolgten Gegenbefehle. Man ließ den Feind, der an diesem Tage einen Flankenmarsch ausgeführt hatte, um Lowicz zu besetzen, ruhig vorüberziehen, und so verlor man die letzte Gelegenheit, welche sich den Polen zu einem günstigen Angriffe darbot. Spater erfuhr man, daß C. mit Skrzynecki eine Unterredung gehabt und ihn zu jenen Maßregeln bewogen hatte, welche den Sturz des Oberbefehlshabers und die spatern Unfälle zunächst herbeiführten. Als das Hauptheer eine Stellung bei Bolinow genommen hatte, befehligte E. den rechten Flügel, aber er soll, wie man ihm vorwirft, durch Reden und Handlungen nachtbcilig auf den Geist des Heeres gewirkt, die Befestigung der Vertheidigungolinie vernachlässigt und laut erklärt haben, man könne sich gegen die Russen nicht mehr halten, obgleich zu jener Zeit beide Heere von beinahe gleicher Stärke waren, da sich die einzelnen zerstreuten Eorps noch nicht mit der russischen Hauptmasse vereinigt harten. Nachdem Skrzpnecki den Oberbefehl verloren hatte, wurde E., nach dem Aufstande vom 15. August, Gouverneur von Warschau. Während des Angriffs auf die Stadt verhinderte er jede Mitwirkung der Nationalgarde bei der Vertheidigung. Nach dem Einzüge der Russen blieb er in der Hauptstadt. Church (Sir Richard). Er trat frühzeitig in Kriegsdienste, stand längere Zeit bei den englischen und neapolitanischen Heeren, und erregte zuerst allgemeine Aufmerksamkeit, als ihm in den Jahren 1813 und 1814 das Eommando des leichten griechischen Infanterieregiments übertragen wurde, welches bereits unter russischerund französischerHerrschaftaus denArmatolen und Klephten (s. d.), die das griechische Festland verlassen hatten, gebildet und als Besatzungscorps auf den verschiedenen Inseln vertheilt worden war. Dieses Regiment ward zwar zu Ende des Jahres 1814 aufgelöst, es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß mehre der bedeutendem griechischen Häuptlinge mit C. fortwährend in freundschaftlichem Verkehre blieben, welcher auf seine spätem Verhältnisse zu Griechenland nicht ohne Einfluß gewesen sein mag. Schon war in Hellas sechs Jahre für Freiheit und Selbständigkeit mit Glück und Unglück gekämpft worden, als die Nachricht von C.'s Ankunft auf dem griechischen Festlande im März 182? die von Ibrahim Paschas Übermacht eben hart bedrängten Griechen mit neuer Hoffnung stärkte. Die Vereinigung der Nationalversammlung zu Kastri mit den auf Ägina versammelten Deputaten erschien ihm als der erste entscheidende Schritt zur sichern Begründung der Freiheit. Die Verhandlungen führten am 28. März zu dem gewünschten Resultate. Nach einigem Widerstande von Seiten der Freunde des Anführers der irregu- lairen Landmacht, Karaiskakis (s.d.), ward C. zu Anfange des April von der Nationalversammlung zu Damala (Trözene) zum Generalissimus und Comman- danten der gesammten Landtruppen xöck ck/tr^oi'^p) erwählt und erhielt als solcher den Auftrag, die Akropolis zu entsetzen. Athen erlitt bereits die dritte Belagerung seit dem Beginne des Befreiungskrieges im I. 1821. Die Einwohner hatten die untere Stadt geräumt, sich nach Salamis geflüchtet und in der Akropolis eine starke Besatzung zurückgelassen. Durch eine strenge 442 Church Blockade hatte der Feind, dessen Hauptmacht sich in einem befestigten Lager vor Athen befand, in kurzer Zeit alle Communication mit der Akropolis abgeschnitten. Die Noch der Belagerten stieg aufs höchste; bereits in den letzten Tagen des Marz 1827 sah man der Übergabe der Akropolis entgegen. Alle Streitkräfte unter General C. sollten sich zum Entsätze vereinigen, wahrend Lord Cochrane von der Seeseite mit den ihm zu Gebote stehenden Schiffen die Operationen der Landmacht unterstützen wollte. Als C. vor Athen ankam, belief sich die Gesammtmacht der Griechen auf 10,090 Mann; das Belagerungscorps unter Neschid Pascha schätzte man aus 8000 Mann, wovon ein großer Theil Reiterei war und also nur auf der Ebene mit Erfolg wirken konnte: ein Umstand, welchen die Griechen eben nicht zu ihrem Vortheil zu benutzen verstanden. Nach mehren kleinern Gefechten ward der erste Hauptangriss am 25. April auf das von etwa 300 Türken besetzte Kloster St.-Spiridion am Piräos gemacht. Schon hier zeigte sich Zwiespalt. Erst nach einer dreistündigen Beschießung ward man durch eine für die Belagerten höchst ehrenvolle Capitulation Herr dieses wichtigen Postens, den man mit leichter Mühe bei dem ersten entschlossenen Anlauf hätte nehmen können. Am 28. April gestattete General C. den Türken freien Abzug mit Beibehaltung der Waffen. Kaum hatten die wenigen Türken undAlbaneser das Kloster verlassen, um sich im Piräos einzuschiffen, als ein zügelloser Haufe vom Corps des Karaiskakis über sie herfiel und die durch langen Kampf Erschöpften niedermetzelte; nur wenige der Unglücklichen verdankten ihre Rettung der persönlichen Anstrengung des Generals C. Auf die Erklärung desselben, daß er die Armee unverzüglich verlassen würde, wenn die Schuldigen nicht der verdienten Strafe überliefert würden, zog man zwar einige der Rädelsführer zur Verantwortung; allein die Übeln Folgen der Greuelthat offenbarten sich nichtsdestoweniger nur zu bald. Die Stellung des Generals E., welcher im Heere selbst, neben Karaiskakis und den übrigen Griechenhäuptlingen, nur wenig Anerkennung gefunden hatte, ward immer unsicherer; das täglich wachsende Mistrauen unter den Führern erschwerte die Ausführung gemeinschaftlicher Unternehmungen und vernichtete die fast erfüllten Hoffnungen der Besatzung in der Akropolis. Von seinen Gegnern ungerechterweise mit der Schuld des Treubruches belastet, zog sich C. auf seine Goelette im Hafen zurück und beobachtete fast theilnahmlos den Gang der Ereignisse, welchen er, seinem Berufe getreu, hätte leiten sollen. Über allen seinen Unternehmungen, scheint es, waltete ein feindliches Geschick. In der äußersten Be- drängniß sammelte er am 0. Mai noch einmal ungefähr 3000 Mann zum Entsätze der Akropolis, beging aber die Unvorsichtigkeit, diese Truppen ohne Cavalerie und Feldgeschütz auf der weiten Ebene den furchtbaren Angrissen der türkischen Reiterei, unter Reschid Paschas eigner Führung, bloßzustellen, während er selbst aufseiner Goelette zurückblieb. Der unglückliche Ausgang des Gefechtes vollendete das Geschick der Akropolis. Schon Tags darauf erließ C. an die Commandanten der Besatzung den Befehl, die von dem Seraskier angebotene Capitulation anzunehmen; die Belagerten aber wiesen die Capitulation zurück. (S. Iourdain's „Alömoi- res lliswricpies et iiiilltirirosI Bd. 2, S. 354 fg.) Am 8. wurde das Bombardement gegen die Akropolis erneuert; C., welcher nach der Niederlage am 6. Mai mit den Trümmern des Heeres auf den Anhöhen des Phaleros ein verschanztes Lager bezogen hatte, sah sich völlig außer Stand, den Bedrängten Erleichterung zu verschassen; selbst von allen Seiten durch feindliche Truppen beunruhigt, verließ er seine feste Stellung und brachte den Rest der Truppen nach Salamis in Sicherheit. Wenige Tage darauf, am 5. Jun., siel die Akropolis mittels Capitulation in die Gewalt des Feindes. Dieser unglückliche Ausgang der Operationen vor Athen, wovon die Schuld weit mehr in den ungünstigen Verhältnissen lag, unter welchen C. das Commando übernommen hatte, als in seinen persönlichen Leistungen, that dennoch seinem Ansehen großen Eintrag. Je Church 443 mehr ihm die Mittel entgingen, seine weitern Plane mit Erfolg auszuführen, desto strenger und heftiger wurden die Angrisse seiner Feinde. Die Regierung hatte ihm schon vor dem Falle der Akropolis den Oberbefehl über alle Festungen übertragen, aber nirgends leistete man seinen Anordnungen Folge. Auf C.'s etwas voreilige Erklärung, daß er die Unabhängigkeit Griechenlands verbürgen wolle, wenn ihm die, mit der Administration der Lieferungen und Beitrage der Philhellenencomites beauftragte Commission 100,000 Pfd. St. verschaffe, antwortete ihm Maurokordatos durch eine in derben Ausdrücken abgefaßte Schrift, worin er ihm ohne weiteres auseinandersetzte, er habe weder früher noch jetzt etwas gethan, was ihm das Vertrauen der Griechen erwerben könne, und überdies seien nicht einmal seine wahren Gesinnungen beruhigend, da man in ihm einen Mann kenne, welcher nie gewagt habe, eine von den Grundsätzen des vorigen englischen Ministeriums (unter Londonderry) abweichende Meinung zu hegen. Denkt man sich zu diesen Umständen noch hinzu, daß es C. mit völlig demoralisirten, undisciplinirten Truppen zu thun hatte, welche außer ihren Kapitanis keine Macht über sich anerkennen wollten, daß diese Kapitanis selbst jeden Oberbefehl, der ihrer zügellosen Willkür Schranken setzen mußte, verabscheuten, daß dagegen dem Generalissimus der griechischen Landmacht alle Mittel fehlten, die ihm anvertraute Gewalt auf irgend eine Weise geltend zu machen, und daß überhaupt nach den Vorfällen bei Athen der Gang der Ereignisse, namentlich durch das thätliche Einschreiten der Großmächte, eine Wendung nahm, welche größere Kriegs Operationen für die Zukunft entbehrlich machten, so wird es begreiflich, warum C, in Griechenland nicht den Erwartungen entsprechen konnte, zu welchen seine anerkannten Talente und sein wahrhaft redlicher Eifer für das Wohl des griechischen Volkes berechtigt hatten. Er sah sich bald in die Noth- wendigkeit versetzt, seine ganze Thätigkeit einem planlosen kleinen Kriege zu widmen, welcher die ihm noch zu Gebote stehenden Kräfte zersplitterte, ohne daß dadurch wirklich entscheidende Vortheile gewonnen werden konnten. Nachdem er umsonst zu Napoli di Romania eine Vereinigung der streitenden Parteien versucht hatte, begab er sich mit einem Corps Rumelioten nach der Landenge von Korinth, wo er ein befestigtes Lager bildete, um dadurch den türkischen und ägyptischen Truppen in Morca die Zufuhr zu Lande abzuschneiden, und zugleich, durch Lord Cochrane von der Seescite unterstützt, die Eroberungen nach Westen hin so weit als möglich auszudehnen. Während die Aufmerksamkeit vorzüglich auf die Bewegungen der europäischen Geschwader gegen die türkisch-ägyptische Flotte gerichtet war, welche endlich am 20. O"t. die Entscheidungsschlacht bei Navarin herbeiführten, verweilte C. noch am Isthmus, bis er endlich im November die lange vorbereitete Expedition nach dem westlichen Griechenland antrat. Er schiffte sich mit ungefähr 5000Mann ein und landete am 30. zu Dragomestre in Akarnanien. Noch vor Ausgang des Jahres hatte C. den ganzen Landstrich bis in die Gegend von Vrachori und bis zu dem Golf von Acta besetzt. Nur die festen Plätze, welchen von der Seescite die Zufuhr offen stand, blieben noch in der Gewalt des Feindes. Es ließ sich voraussehen, daß die Operationen sich in die Länge ziehen würden, so lange sie nicht von der Seeseite mit Kraft unterstützt werden konnten. C. hatte aber nur fünf unbedeutende Fahrzeuge zu seiner Disposition, und auch seine Landmacht war viel zu schwach, um zu gleicher Zeit einen erfolgreichen Belagerungskrieg zu führen und den Andrang des weit überlegenen Feindes von Außen mit Glück abzuwehren. Schon in den ersten Monaten des Jahres 1828 zog der Seraskier Reschid Pascha seine Streitkräfte nach dem westlichen Griechenland zusammen, und rückte zu Anfang des Marz mit seiner Hauptmacht vor Dragomestre. C. nahm weiter nach dem Ufer hin eine feste Stellung, um sich im Fall der Noch schnell einschiffen zu können. Kapodistrias ließ noch im Marz eine Abtheilung der griechischen Flotte nach dem Meer- /I W> v, > 444 Church Husen von Ambrakia segeln und Prevesa in Blockadezustand versetzen. Zugleich ward mit dieser Flottille ein Verstarkungscorps abgeschickt, welches im April bei Dra- gomestre landete. Dieses, aber noch mehr der Umstand, daß der Abfall einiger Beys und Agas in Albanien Reschid Pascha zum Rückzüge nöthigte, gab den Verhältnissen in Westgriechenland eine günstigere Wendung. Am 24. April nahm C. die kleine Felseninsel Poro, einen Vorposten von Missolunghi. Im Zun. langte Reschid Pascha selbst mit 3000 Mann wieder vor Missolunghi an; C. konnte nichts gegen ihn unternehmen, da sein Heer überhaupt sehr geschmolzen war und der Rest der Truppen sich geradezu gegen ihn auflehnte, als er ihrem ungestümen Verlangen nach Erhöhung und Auszahlung des rückstandigen Soldes nicht in vollem Maße genügen konnte. Gegen Ende des Jahres wirkte das thatliche Einschreiten der Großmachte zu Gunsten der Griechen auch vortheilhaft auf die Verhaltnisse des am meisten verlassenen Westgriechenlands. Schon im December erhielt Reschid Pascha gemessene Befehle, alle disponibel» Truppen aus Akarn-anien nach der Hauptstadt zu schicken. Da jedoch die Armee des Generals C., selbst unter diesen Umstanden, völlig außer Stand war, ernsthaftere offensive Bewegungen zu machen, so verzögerte sich die endliche Einnahme der von den Feinden besetzten Platze noch bis gegen die Mitte des Jahres 1829. Schon im December war C. Herr des Golfs von Prevesa. Schnell nach einander wurden fast alle Punkte südlich am Golfe von Ambrakia von den Griechen besetzt. Nur Prevesa, welches im Laufe des Aprils blockirt wurde, hielt sich standhaft, bis endlich die am 17. Mai erfolgte Ca- pitulation von Anatoliko und Missolunghi das Schicksal des westlichen Griechenlands vollendete C. ging nach Ägina, um sich über seine fernem Verhaltnisse zur Regierung Gewißheit zu verschassen. Kapodistrias hatte gleich nach seinem Erscheinen in Griechenland dadurch, daß er C. nur den Titel eines Oberbefehlshabers in Westgriechenland beilegte, deutlich zu erkennen gegeben, daß er ihn nicht als Generalissimus der gesummten Landmacht anerkenne. Dagegen bekam schon im April 1828 der Bruder des Präsidenten, Viaro Kapodistrias, als Mitglied des Phrontisterions (Verwaltungscommission) die oberste Aufsicht und Leitung alles Dessen, was sich auf die Truppen bezog, und kurz darauf erhielt der zweite Bruder des Präsidenten, Augustin, als dessen bevollmächtigter Stellvertreter für das griechische Festland, auch den Oberbefehl über die Truppen in Ost- und Westgriechenland. Kapodistrias schickte im August eine Commission nach Westgriechenland, deren Anordnungen sich C. fortan fügen sollte, und bei der neuen Organisation der Truppen im folgenden Jahre, bei welcher Oberst Heidegger zum Generaldirector der Administration, der General Denzel aber zum Befehlshaber der regulairen Truppen ernannt wurden, blieb C. völlig unberücksichtigt. Der Präsident, welcher damals vorzüglich englischen Einfluß fürchtete, suchte absichtlich alle Engländer zu entfernen. Im August bat C. bei der Nationalversammlung zu Argos in einem ausführlichen Schreiben, seine Stelle als Generalissimus und Direktor der gesammten Landmacht niederlegen zu dürfen. Er erklarte darin mit großer Freimüthigkeit, daß er es für seine Pflicht gehalten, das ihm von der Nationalversammlung übertragene Amt nicht eher niederzulegen, bis er seine Aufgabe, die Befreiung des westlichen Griechenlands, gelöst habe, daß es aber durchaus nicht seine Absicht sein könne, unter einer Negierung, deren System weder mit seinem Gewissen noch mit seinen Ansichten im Einklänge stehe, ferner noch Dienste zu thun. (S. „Allg. Zeitung", 1829, Nr. 278, Beilage.) Die Nationalversammlung, völlig unter dem Einflüsse des Präsidenten und seiner Creaturen, gestattete nicht einmal die Lesung der Zuschrift, sondern überwies sie an die Commission der Bittschriften, welche dem General seine Entlassung mit der Bemerkung zufertigte, daß seine Function als Director der Landmacht gesetzmäßig sogleich heim Erscheinen des Präsidenten beendigt gewesen, und daß ihm über das Civiale Clam-Martinitz (Gottlicb — Karl, Grafen) 445 System der Regierung, welches nach dem Wunsche der Nation von der Versammlung angenommen worden sei, keine weitere Entscheidung zustehe. Also beschloß C. für jetzt seine Laufbahn in griechischen Diensten. Allein sein Sinn blieb dem Volke zugethan, dessen Heil und Rettung er den besten Theil seines Lebens gewidmet hatte. Er lebte fortan zu Argos in scheinbarer Theilnahmlofigkeit, geliebt von Denen, welchen er einst Führer war, gefürchtet von der Regierung, und schloß sich Denjenigen an, welche sich nach und nach zu einer systematischen Opposition gegen die Gewaltherrschaft des Präsidenten vereinten. Im Mai 183(1 erschien zu London seine Denkschrift über die Grenzen des neuen griechischen Staats („Observa- ticms o( an eli^ible iine c>( (rontier Cor <7reece as an incle^enllent state"). In Epidauros verfaßt, wurde sie zu London durch seinen Schwager Wilmot Horton bekannt gemacht. C. suchte darin mit einer auf lange Beobachtung und Erfahrung gegründeten Genauigkeit nachzuweisen, daß Griechenland nur dann militärisch gesichert sein könne, wenn ihm Ätolien und Akarnanien so einverleibt würden, daß auf der einen Seite die Thermopylen, auf der andern der Makrinoros, und zwar mit Einschluß der starken Positionen von Patradschik, Karpenissa und des Districts Agrapha, die Grenzen bilden würden. Doch Alles, was C. that, reizte den unversöhnlichen Haß des Präsidenten, der ihm im Jul., freilich ohne Erfolg, sogar andeuten ließ, das Gebiet des griechischen Staats zu verlassen. C. war zu aufmerksamer Beobachter, als daß ihm die Entwickelung der Ereignisse nicht vor der Seele hätte stehen sollen, welche die unglückliche Katastrophe von 1831 herbeiführte. Sein Entschluß war schnell und bestimmt. Seiner Gesinnung treu, schloß er sich nach der Ermordung des Präsidenten an die Gegner der Regierung, welche das System der verhaßten Zwingherrschaft, unter der Leitung des unfähigen Augustin Kapodistrias, von Neuem zu pflegen gedachte. C. trat an die Spitze des Heeres der Opposition, welche zu Megara ihren Hauptsitz hatte. (18) Civiale (Jean), Doctor derMedicin und seit 1829 Ritter der Ehrenlegion, ist zu Thiezac im Departement Cantal im Jun. 1792 geboren. Er gehört zu den wenigen Ärzten, denen das Glück zu Theil ward, durch eine Erfindung der leidenden Menschheit wahren Vortheil zu schaffen und Unsterblichkeit seines Namens zu erringen. Diese einzige Erfindung ist: den in der Blase erzeugten Stein, ohne diese durch eine Operation zu öffnen, durch dorthin zu führende Instrumente zu zerstückeln und so den Steinkranken zu heilen. Dieser schon früher von Aerzten, z. B. Gruithuisen in München, geltend gemachte Gedanke ward 1817 durch C.'s Erfindung, die er Lithotritie nannte, zur Wirklichkeit. C. erhielt für seine Erfindung im Jahre 1826 von dem königl. Institute zu Paris eine Belohnung von 6000 Francs, und 1827 wurde ihm von der Akademie der Wissenschaften der vom Baron von Monthvon ausgesetzte jährliche Preis von 10,000 Francs zuerkannt. C. hat durch seine Lithotritie sehr viele Steinkranke in Frankreich und im Auslande geheilt; selbst Ärzte, die am Stein litten, haben sich feiner Behandlung mit Glück anvertraut. C.'s Schrift über feine Erfindung führt den Titel: „Do ja jitliotritie, cm brviement cle ja Pierre ckans ja vessie" (Paris 1827). (S. Steinzer- malmung.) Clam - Martinitz (Gottlieb, Graf), oberöstreichischer Regierungspräsident, geb. 1760 zu Linz, vermählte sich 1791 mit der Grasin Marianne Martinitz, der Letzten ihres altberühmten Hauses, und wurde der Stammvater der Linie der Grafen Clam-Martinitz in Böhmen. Er war ein durch Geist und Herzensgüte ausgezeichneter Mann, dem das Wohlthun ein Be- dürfniß geworden; erstand an der Spitze der meisten wohlthätigen Anstalten für Arme und Verunglückte, für Witwen und Waisen, welche in Prag, zum Theil auf seinen Antrieb, gestiftet wurden. 1820 — 24 bekleidete er die Würde eines Oberstlandkammerers in Böhmen, die er jedoch wegen zerrütteter Gesundheit 446 Clapperton niederlegte, und starb am 26. Sept. 1826. — Sein Sohn, Graf Karl, geboren 23. Mai 1792 in Prag, trat schon 1809 aus den Rechtsstudien in das Freicorps des Fürsten Kinsky ein; der Brief, worin er diesen Schritt seinem Vater eröffnete, wurde seines patriotischen Inhalts wegen in die Zeitungen ausgenommen. Er rückte bald vor, wurde dem Feldmarschall Fürsten Schwarzenberg in dem Feldzuge 1812 — 14 zugetheilt, brachte die erste Siegesnachricht von Kulm dem Kaiser in das Hauptquartier nach Laun, begleitete spater mit dem Feldmarschalllieutenant Koller den Kaiser Napoleon nach der Insel Elba, wurde schon wahrend des wiener Congresses zu diplomatischen Verhandlungen gezogen und erwarb sich die Gunst der versammelten Monarchen. Als Major schrieb er auch ein Werk über die Dienstpflicht eines Offiziers der Cavalerie. Er vermahlte sich 1821 mit einer Tochter des Lords Guilford, und hatte, als Oberst eines Kürassierregiments zu St.-Georgen in Ungarn ftationirt, einige wegen Rekrutirung dort entstandene Unruhen beizulegen. Als er 1824 mit einer diplomatischen Mission nach Petersburg geschickt wurde, begleitete er den ihm sehr gewogenen Kaiser Alexander auf der Reise durch einige russische Provinzen; 1826 brachte er dem Kaiser Nikolaus die Glückwünsche des östreichischen Hofes zu seiner Thronbesteigung, sowie auch früher dem Könige Ludwig von Baiern. Im Dec. 1830 zum Generalmajor und Hofkriegsrath ernannt, erfüllte er bald darauf, in dem vielbewegten Jahre 1831, wichtige politische Sendungen nach Mailand, Olmütz u. a., und spater besorgte er gleiche Austrage am preußischen Hofe. (32) Clapperton (Hugh), geb. 1788 zu Annan, einem Flecken in der schottischen Grafschaft Dumfries, wo sein Vater und selbst schon sein Großvater mit vielein Erfolge die Arzneiwissenschaft ausgeübt haben. Nach der Altern Wunsch sollte auch der Sohn diesen Erwerbszweig ergreifen, allein C. entschied sich frühzeitig für das Seewesen und diente von seinem neunzehnten Jahre an auf verschiedenen Schiffen bald in Europa, bald in Amerika und am längsten in Westindien, wo er sich, noch als Seecadet, durch Berufstreue und Unerschrockenheit auszeichnete. Zum Schiffslieutenant befördert, kreuzte er 1815 in den canadischen Gewässern, kam 18.17 nach Europa zurück, wurde aus halben Sold gesetzt und brachte einige Zeit in Edinburg zu, von wo er sich später zu einer Tante begab, die in Loch- maben lebte. Auf einer zweiten Reise nach Schottlands Hauptstadt machte er die Bekanntschaft des vr. Oudney, welcher von den Vorschlägen sprach, die ihm von der afrikanischen Gesellschaft zu London in Betreff einer nach Timbuktu bestimmten Expedition gemacht worden waren. C., voll Jugendkraft, Much und Unternehmungsgeist, brannte vor Begierde, die Fesseln so langer Unthätigkeit abzustreifen, und hatte von nun an keinen heißern Wunsch, als vr. Oudney begleiten zu dürfen, was ihm auch gestattet wurde. Seit Marco Polo, vielleicht den einzigen Mungo Park ausgenommen, ist durch keine Expedition so viel neues Land entdeckt und bekannt gemacht worden. Oudney, C. und der Major Denham traten im Februar 1822 von Tripolis aus ihre Reise nach dem innern Afrika an und trafen im April in Murzuk, der Hauptstadt von Fezzan, ein. Im November ging die Reise über Tegherry durch öde Wüsteneien bis Lari, der nördlichen Grenzstadt des Königreichs Burnu, welche man am 4. Februar 1823 erreichte, und in deren Nähe sich der See Tsaad befindet, von da nach Ruka, dem Hoflager des Beherrschers von Burnu, Scheich Schumin-El-Kalmi, eines gemeinen Arabers, der sich vom Fighi (Schulmeister) zum unumschränkten Monarchen emporgeschwungen hatte. Während Denham sich an den Kriegszug anschloß, den ein Feldherr des Sultans gegen die Fellahtahs, die etwa 230 M. südlicher wohnen, unternommen, untersuchte C. den Tsaad und den von S. kommenden Fluß Shary, und setzte die Reise über die verödeten Städte Birnie (ehemals Hauptstadt von Burnu), Gam- barron, Kuhtscharra, Biskur und Surgun bis Belley fort, welche von Kano, der Clapperton 447 liiiii Ach volkreichen Hauptstadt von Haussa, nur acht Tagereisen entfernt liegt. Im Januar 1824 erkrankte Oudney auf dem Wege nach Nyffe und starb am 12. dess. Monats zu Murmur. Nachdem C. seinem Freunde nach englischer Sitte die letzte Ehre erwiesen und ihn zur Erde bestattet hatte, setzte er seine Reise nach Kano fort, wo ihn der Beherrscher von Haussa nicht nur wohlwollend aufnahm, sondern bis Sakkatuh zum Sultan Bello geleiten ließ. Dieser energische Beherrscher der Fellahtahs, der seinem Scepter den ganzen Süden von Djenne bis zum See Tsaad unterworfen hat, ward gar bald C.'s Freund. Durch den unterrichteten Bello erhielt C. wichtige Aufschlüsse über diesen Theil von Afrika und sogar eine — wenn auch höchst unvollkommen gezeichnete — Karte aller Flüsse und Ortschaften des Reichs, wogegen er nicht versäumte, den Sultan auf die Vortheile aufmerksam zu machen, welche für ihn aus Handelsverbindungen mit den Englandern, die mehre Niederlassungen an der Küste von Benin besaßen, entspringen könnten. Der Sultan nahm die Vorschlage gütig auf und war nicht abgeneigt, sie zu verwirklichen. Was aber C. zur größten Ehre gereicht, ist, daß er bei allem Eifer, seinem Vaterlande zu nützen, die heiligste Sache der Menschheit nicht vergaß. Als ihn Bello fragte, womit er des Königs von England Geschenke erwidern könne, gab ihm C. zur Antwort: Durch Abschaffung des Sklavenhandels und durch strenge Verbote, daß kein einziger dieser Unglücklichen mehr in feinen Staaten aufgekauft werden dürfe, um nach Amerika geführt zu werden. Der Sultan verstand diese Bitte und versprach die Menschenrechte zu schützen. Endlich kehrte C. fast auf demselben Wege, auf welchem er gekommen war, nach Kuka zurück, und wahrend man in Europa begierig auf neue Berichte der Reisenden Denham und C. wartete, trafen diese im April 1825 unver- muthet über Tripolis, Italien und Frankreich wieder in England ein. Durch diese Reise in das Innere von Afrika, so viele sonst unbekannte Lander auch erforscht und so manche Orte geographisch bestimmt wurden, ist indeß der wahre Lauf des Niger, diesis großen Problems aller Jahrhunderte, noch nicht mit Gewißheit ausgemit- telt worden. Dem Diener C.'s, Richard Lander, und dessen Bruder John war die Lösung der Frage aufbehalten. C. hat jedoch ermittelt, daß der bei Timbuktu vorbeifließende Strom, der Dscholiba, von dieser Stadt südöstl. in der Richtung nach Nyffe laufe, sich dann nach S. und SW. wende und endlich in den Meerbusen von Benin ausmünde. Die Flüsse Paou und Sharp aber stehen weder mit dem Dscholiba, noch mit dem Kolla, noch mit dem Nil in Verbindung. In London angekommen, wurde C. zur Belohnung für seine Verdienste zum Capitain ernannt, und erhielt noch im August dess. Jahres (1825) den Befehl über die Corvette MmLru-en, mit dem Auftrage, noch einmal seine Kräfte zu versuchen und die begonnenen Entdeckungen in Afrikas Binnenlande fortzusetzen und wo möglich zu vollenden. Am 28. August 1825 ging er zu Parmouth unter Segel und steuerte nach der Küste von Benin, wo er drei Monate darauf an das Land stieg; der unerschrockene Mann wollte sich diesmal von dem Busen von Benin aus auf einem jener Flüsse, die man schon damals für die Mündungen des Niger hielt, ins Innere des Landes begeben und gerade auf Timbuktu, den Zielpunkt alles Strebens, losgehen. Seine Begleiter waren vr. Dickson, Cap. Pearce und vr. Morrison. Ersterer wendete sich nach Osten, um wo möglich bis nach Abyssinien vorzudringen, soll aber endlich, in ununterbrochenem Kampfe mit unglaublichen Beschwerden, in Begleitung des Portugiesen de Souza und eines Agenten der afrikanischen Missionsgesellschaft, James, nach Dahome aufgebrochen sein, wo ihn der König sehr gut aufgenommen. Doch wird von Einigen dieser Nachricht widersprochen. Nur die Nachricht von seinem Tode ist gewiß, sowie auch Morrison zu Jennah und Pearce zu Engua (27. Dec. 1825) ein Opfer des Klimas gewordeil sind. Selbst der gegen jede Unbill der Witterung abgehärtete C. sollte das unglückliche Schicksal fast aller im Innern von Afrika reisenden Forscher theilen und sich einem Mungo Park, Rönt- / 448 Clapperton gen, Hornemann, Belzoni und Bowdich u. A. anreihen. Sein Weg hatte ihn von Badagry aus durch die bisher unbekannten Königreiche Puriba, Borgu und Bussa, ferner durch die Landschaften Nysse, Yuri, Kotongra undZegzeg nach Kano geführt^ wo er schon 1824 gewesen war. Im Begriffe, nach Sakkatuh zu gehen, traf er unterwegs den Wessir des Sultans Bello, welcher ihm von dieser Reise abrieth, weil der Sultan mit dem Herrscher von Guber im Kriege begriffen, und die Gegend daher unsicher sei. Auf diesem Wege nach Sakkatuh wurde C. am 11. October 1826 ausgeplündert, und ihm nebst Allem, was er bei sich trug, auch sein Tage- und Notizenbuch, sein Schreibezeug gestohlen, welches Alles er, trotz den angestrengtesten Bemühungen, nicht wieder erhalten konnte: ein um so größerer Verlust für die Wissenschaft, als wegen seiner bald darauf erfolgten Krankheit die Lücke in dem Reiseberichte nicht wieder auszufüllen war. Im Lager des Sultans hatte er Gelegenheit, einen Angriff auf Kunia, die Hauptstadt von Guber, mit anzusehen, wo er die Erlaubniß erhielt, nach Sakkatuh zu gehen. Von hier folgte er einer Einladung des Sultans, nach Magaria zukommen; allein so erfreut Bello anfangs über die ihm von C. im Namen des Königs von England überreichten Geschenke gewesen zu sein schien, war sein Benehmen doch plötzlich wie umgewandelt. Er ließ ihn durch seinen Leibarzt Sidi Scheikh zur Rückkehr nach England ausfodern. Bei einer Unterredung, die C. daraus mit dem Sultan selbst hatte, wiederholte Bello diese Ausfoderung, wahrscheinlich aus Furcht, der Reisende möchte das Innere von Afrika nur darum auskundschaften, um die Kriegsmacht der Briten dahin zu führen und diesem Volke den Weg zu großen Eroberungen, wie in Indien, zu bahnen. Er verlangte schlechterdings, daß C. den Brief des Königs von England, welchen er für den Scheikh von Burnu, El-Kanemi, hatte, in seiner Gegenwart öffne. So sehr sich der treue C. auch weigerte, Bello machte von dem Rechte des Starkem Gebrauch und nahm zugleich noch die für den Scheikh bestimmten Geschenke weg. C.'s Gemüth war durch diese Behandlung so angegriffen und sein Körper durch die Beschwerden der Reise so ermattet, daß er in eine schwere Krankheit siel. Die Folgen einer bösartigen Ruhr und Darmentzündung machten am 13. April 1827 nach 32tägi- gem Leiden dem Leben dieses Ehrenmannes zu Sakkatuh ein Ende. Er starb in den Armen seines treuen Dieners Richard Lander in einer kreisrunden Lehmhütte, welche, dem Bruder des Sultans zugehörend, ihm fünf Monate lang zum 'Aufenthalte gedient hatte. Lander brachte den entseelten Körper, in Leinwand gehüllt, auf einem Kameele nach dem schönen Dorfe Djangany, fünf M. südöstlich von Sakkatuh (15 Tagereisen von dein vorgesteckten Zielpunkte Timbuktu), grub mit Hülse der Neger ein Grad in einem Garten, senkte nach den Gebräuchen der englischen Kirche den Leichnam hinein, sprach ein Gebet und schied von dem geliebten Herrn, nachdem er zuvor durch Anhäufung von Steinen mit einem darübergesetzten viereckigen Lehmhause dessen Ruhestätte bezeichnet hatte. Obschon diese zweite Reise C.'s nicht die Ergebnisse gewährte, die man davon erwartete, so wurde dennoch die Kennt- niß von Afrika dadurch bedeutend erweitert. C. hat uns den fast sechs Breitengrade langen Raum von Badagry bis Kam), der auf den frühern Karten so gut wie leer war, mit einer Menge fest bestimmter Punkte bekannt gemacht. Er war bei Bussa selbst an der Stelle, wo Mungo Park sein Leben verlor, er hat sich also von der Gewißheit des Laufes des Quorra (Niger oder Dscholiba) durch eine große Landftrecke, über welche man bisher nur Vermuthungen hatte, mit eignen Augen überzeugt. Seine Beschreibung der Königreiche Puriba und Borgu ist eine wahre Eroberung für die Erdkunde. Lander stieg am 1. Mai 1828 zu Portsmouth ans Land, nachdem er auf der Sklavenküste wie durch ein Wunder vom Vergiftungstode gerettet worden war. Der gelehrte Barrow, an den alle Briefe C'.s gerichtet waren, hat die Herausgabe derselben, sowie auch der von Lander mitgebrachten Papiere besorgt: „l^arrative vitravels null (liscoveries in uortllern anck central ^iriea in tlle )ears 1822,1823 Clarus 449 nnü 1824, Nn)or Denkam, Oz^t. (?Inpportc»n, nnck tüe late Dr. Onklnev" « London 1826,4.), wovon Eyries und Larenaudiere eine Übersetzung veranstalte- «?n, welche 1826 zu Paris in drei Banden mit einem Atlas in 4. erschienen ist, ^onrnnl ok n seconck expectitiou into ttie interior «f ^iricu Irom tüs bigcht Uenin to Saecntno" (London 1886). Diesem Berichte ist Richard Lander's Tagebuch angehängt. — Über C. und den früher mit ihm befreundeten, aber plötzlich veränderten Bello hat Narrow im „HunrteiH'revierv" (Nr. 7? und 78 «anziehende Berichte geliefert, und sogar zwei Briefe des Sultans, an „Abdallah Clapperton" geschrieben, als dieser in Kano angekommen war, bekannt gemacht, aus welchen bervorgeht, daß C.'s durch Kränklichkeit und Mühsal gereizte Stimmung wol viel zu der nachmaligen Sinnesänderung des afrikanischen Fürsten beigetragen haben mag. (8) Clarus (Johann Christian August), königlich sächsischer Hof-und Me- dicinalrath und ordentlicher Professor der Klinik an der Universität Leipzig, ward am 5. Nov. 1774 zu Buch am Forst im Herzogthum Koburg, wo sein Bater Prediger war, geboren. Er besuchte seit 1788 das Gymnasium zu Koburg, stu- dirte seit 1795 Medicin zu Leipzig, ward 1799 daselbst Doctor der Philosophie und erhielt ebendaselbst 1861 die medicinische Doctorwürde. Nachdem cr bis 1893 Privatvorlesungen über verschiedene Zweige der Medicin gehalten und sich als praktischer Arzt- und Anatom gründlich ausgebildet hatte, erhielt er in dem genannten Jahre eine außerordentliche Professur der Anatomie und Chirurgie und ward Prosector. Er verfolgte in dieser Stelle die von Bichat (s. d.) gegründete neue anatomische Lehre mit großem Eifer und mit steter Selbstprüfung, und es ist zu bedauern, daß C. aus dem Schatze seiner anatomischen Forschungen die Wissenschaft zu bereichern unterlassen hat. Von großem Einfluß war dieses tiefere Studium der Anatomie und Physiologie auf seine Ausbildung als Arzt und klinischer Lehrer, wie dieses sich aus den von ihm herausgegebenen „Annalen des klinischen Instituts am Jakobshospitale zu- Leipzig" (Leipzig 1816) ergibt; C. zeigte vielleicht zuerst unter den deutschen Klinikern den großen Einfluß von Bichat's allgemeiner Anatomie auf die allgemeine und specielle Pathologie in den genannten Annalen, die ohne Zweifel seme gelungenste klinische Leistung genannt werden können. Er verband, seinen Landsleuten voraneilend, die allgemeine Pathologie mit der allgemeinen Anatomie. Ein Mann von solchen Ansichten mußte sehr bald als klinischer Lehrer einen großen Ruf erwerben, und dieses geschah um so schneller, je eleganter sich C. in der lateinischen Sprache auszudrücken verstand, und je gründlicher und faßlicher er sich als Lehrer am Krankenbette zu zeigen wußte. C. ist jetzt ohne Zweifel einer der ersten klinischen Lehrer Deutschlands; den vielleicht nicht ganz ungerechten Vorwurf, er sei ein zu großer Anhänger des Alten, kann sich C. um so mehr gefallen lassen, als kein klinischer Lehrer Deutschlands, nach Brehme's und Grossi's Tod, ihm in Kenntniß und Interpretation der alten griechischen Ärzte gleichkommt, und je bestimmter er dargethan hat, daß er im Wissen und in der Beurtheilung mit gleicher Fertigkeit die älteste wie die neueste Zeit versteht. Vielfache Amtsgeschafte, welche die Übernahme des Phy- sikats des Kreisamtes, der Universität und der Stadt herbeiführten, sowie eine ausgebreitete Praxis haben C. bis jetzt abgehalten, der Literatur durch ein großes umfassendes Werk die Fülle seiner Kenntnisse und Erfahrungen und die Schärfe seines Urtheils im glänzendsten Lichte zu zeigen, und sie tragen wol die Schuld, daß Manches, was Großes versprach, bis jetzt Fragment geblieben ist, z. B. sein begonnenes Werk: „Der Krampf in pathologischer und therapeutischer Hinsicht" (erster Theil, Leipzig 1822). Aber die langjährige Führung jenes Amtes zeigte C. als einen ausgezeichneten meckicus t'oreusis, in der Praxis wie in der Theorie, und er hat durch die Bearbeitung vieler höchst wichtigen Gegenstände in der ge- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. 1. 29 /I I d 450 Clary und Albungen richtlichen Arzneiwissenschaft sehr viel dazu beigetragen, daß diese Tochter der Me- dicin und Jurisprudenz in Deutschland den jetzigen Höhepunkt der Ausbildung erreicht hat. Hier wird C.'s Name noch nach Jahrhunderten genannt werden, denn seine „Beitrage zur Erkenntniß und Beurtheilung zweifelhafter Seelenzu- stände" (Leipzig 1828), sowie seine Schrift: „Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders I. C. Woyzeck nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde actenmäßig erwiesen" (Leipzig 1824), sind und bleiben klassische Leistungen. C., eine Zierde der Universität Leipzig, hat viele glanzende Antrage auf auswärtige Hochschulen, ;. B. auf die Universität Berlin, abgelehnt, und außer seinen Verdiensten um die Universität und um die klinische Bildung vieler hundert junger Ärzte, große Ansprüche auf den Dank seiner Mitbürger und der Stadt Leipzig sich erworben. Er ist vielfach von seinen Behörden ausgezeichnet worden, wurde 1814 Ritter des russischen Wladimirordens und erhielt 1818 das Ritterkreuz des sächsischen Civilverdienstordens. Seine neueste Leistung ist ein Studienplan der Medicia für junge Ärzte. Die Meinungen über denselben sind sehr getheilt. Mit Recht vermißt man darin die Berücksichtigung der großen Wahrheit, daß der Arzt wie der Naturforscher gebildet werden muß, und wirft demselben deshalb, vielleicht nicht ohne alle Gründe, eine zu große Anhänglichkeit an das Alte vor. (2) Clary und Aldringen (KarlJoseph, Fürst von), östreichischer Kämmerer, geboren zu Wien den 2. Dec. 1777, hatte das Glück, daselbst in einem der edelsten und gebildetsten Kreise der Welt seine Kindheit und Jugend zu verleben. Als Haupt dieses Kreises ist der berühmte Fürst von Ligne zu nennen, ein Mann, dessen Gleichen sobald nicht wiederkehren wird. Alle Feinheit und Anmuth des vornehmen Lebens, aller Geist und Witz der französischen Bildung im 18. Jahrhundert, aller Ruhm und Glanz der größten Verbindungen, der Auszeichnung in Feldzügen und Kriegsthaten, die Fülle der schönsten geselligen Talente — all Dieses war in der liebenswürdigsten Persönlichkeit, in dem gutmüthigsten Charakter und freundlichsten Wohlwollen harmonisch vereint und unerschöpflich wirksam. In dem weitesten Umfange stralten diese Eigenschaften; auf die Mitglieder der Familie schienen sie gleichsam vererbt. Die Tochter des Fürsten von Ligne, dem Fürsten von Clary vermahlt, sah den verehrten Vater ihr Haus zu dem seinigen machen, zu ganzen Zeiten lebte er in diesem Familienkreise, besonders in Teplitz, der schönen Clary'schen Herrschast in Böhmen, wo der gewöhnliche Sommeraufenthalt genommen wurde. C. war von jeher ein Liebling des Großvaters, dem er an liebenswürdiger Sinnesart und feiner Geistesbildung ähnlich war. Nachdem seine Erziehung durch die gewähltesten Privatlehrer beendet und seine Kenntnisse durch den Besuch von Vorlesungen an der Universität zu Wien noch besonders vermehrt worden, ging er auf Reisen und besuchte Paris, die Schweiz und Italien. Nach seiner Rückkehr vermählte er sich mit einer Gräsin von Chotek, Tochter des Oberstburggrafen von Böhmen. Seine Neigung führte ihn nicht zu den Staatsgeschaf- ten und der Laufbahn des Kriegsdienstes, sondern zum ruhigen Leben im Kreise der Seinigen, zu wohlthuender Entwicklung geselliger Eigenschaften, zu schöner Ausbildung einer mannichfachen künstlerischen Thätigkeit. Dennoch arbeitete er, um das Wesen der öffentlichen Verwaltung kennen zu lernen, nach der Rückkehr von seinen Reisen zwei Jahre lang bei der niederöstreichischen Regierung, und später berief ihn feine Stellung mehrmals in das öffentliche Leben. Er wurde zum kaiserlichen Kammerherrn ernannt und zu mehren Ehrensendungen an fremde Höfe gebraucht. Im Kriege 1809 führte er als Major und Commandant ein Landwehrbataillon, das größtentheils aus Unterthanen der Familienherrschaften Teplitz, Graupen und Binsdorf gebildet war, und er machte diesen denkwürdigen Feldzug als ein ausgezeichneter Offizier mit. Er befand sich 1810, nach der Vermählung der Erzherzogin Marie Louise, auf einige Zeit am Hofe Napoleons und besuchte >>" s. Clauzel 451 P > M Äckll, ^«UiS tZ t« > von hier aus wieder die Schweiz. Nach den Befreiungskriegen von 1813—15, an denen seine sehr leidende Gesundheit ihn verhindert hatte thätigcn Antheil zu nehmen, mußte er zu seiner Herstellung ein südliches Klima aufsuchen, und nachdem er bereits 1816 Italien besucht hatte, ging er 1818 mit seiner Familie dahin und verlebte zwei Winter in Neapel. Nicht völlig genesen, kam er nach Deutschland zurück, wo theils in Wien, theils in Teplitz das gesellige Leben so vieler Einheimischen und Fremden das theuerste Andenken von ihm bewahrt. Der Fürst von Ligne war 1815 gestorben, und eine große und wichtige literarische Hinterlassenschaft durfte die Welt aus den Händen des Enkels zu empfangen hoffen, allein politische Rücksichten hemmten die Herausgabe. C. hat aber auch selbst sehr Vieles geschrieben, dessen Mittheilung der Welt angenehm und bedeutend sein würde: Tagebücher und Denkwürdigkeiten von seinen Reisen, worin die anmuthigste, leichteste französische Schreibart geistreich und freimüthig die wichtigsten Tagesgegenstände behandelt, und worin Vieles aufgezeichnet ist, was man nirgend anderswo mitgetheilt findet. Es ist nie etwas davon gedruckt worden, aber es ist zu hoffen, daß von diesen reichen Papieren nichts verloren gehe. Er hat eine der erlesensten Privatbibliotheken in Wien gesammelt, welcher sich eine reiche Sammlung von Handzeichnungen, Kupferstichen und Steindrücken anschließt. Auch ein schönes Talent im Landschaftzeichnen lieferte manches schatzbare Blatt, und geistreiche Federzeichnungen zu Fouque's „Undine" sind gestochen worden. Er verlor 1826 seinen Vater, einen würdigen, trefflichen Mann, dessen schöne Sorgfalt für die teplitzer Garten und Anlagen nicht leicht ersetzt werden konnte, und 1830 seine Mutter. Leider kränkelte auch er selbst immer mehr und starb zu Wien am 31. Mai 1831 an einer Bruftkrankheit, einem großen Kreise von Angehörigen und Freunden ein schmerzlicher Verlust, dessen Andenken sich noch lange lebendig erhalten wird. In der kurzen Zeit von fünf Iahren hat er auch auf seinen Besitzungen woblthätig gewirkt, und eins der schönsten Denkmale, das er sich nicht lange vor seinem Tode gestiftet hat, ist ein Geschenk von 14,000 Gulden zur festern Begründung der Armenanstalt für seine Unterthanen. Clauzel (Bertrand, Graf), französischer Marschall, zu Mirepoix im Departement Arriege am 12. Dec. 1772 geboren, Neffe des gleichnamigen Deputaten im Nationalconvent, trat frühzeitig in den Kriegsdienst, wurde Adjutant Pe- rignon's, machte mit diesem General die Feldzüge von 1794 und 1795 in den Pyrenäen, ging dann nach Italien, wo er 1799 eine Brigade befehligte, folgte 1802 dem General Leclerc nach St.-Domingo, kam, in Folge eines Streites mit General Rochambeau, nach Frankreich zurück und ward 1804 Commandant der Ehrenlegion. Er ging nun als Divisionsgeneral nach dem Nordheere, kurz daraufnach Italien, und zeichnete sich 1809 im Kriege gegen Ostreich aus. Spanien warder Schauplatz seiner glänzendsten Thaten; während der Feldzüge von 1810 und 1811 schlug er die Spanier zu wiederholten Malen und erhielt nach dem glorreichen Kampfe am Duero (22. Jul. 1812) den Oberbefehl des Heeres, welches der schwer verwundete Marschall von Ragusa nicht mehr führen konnte. An der Spitze dieser Armee machte er den schwierigen portugiesischen Rückzug, führte ihn unter täglichen hartnäckigen Gefechten aus und ward in einem dieser Kämpfe verwundet. Er kämpfte 1813 so lange wie möglich gegen die verbündeten Heere. Nach der Restauration nahm er den Ludwigsorden an, und Ludwig XVIIs. ernannte ihn auch zum Generalinspector der Infanterie. Als Napoleon zurückkehrte, ergriff C. dessen Partei, wurde Pair und erhielt im Süden das Commando eines Heeres, mit welchem er den von Neuem wiederkehrenden Bourbons den kräftigsten Widerstand leistete. „So lange ich in Bordeaux bin", sprach C., „wird Niemand die weiße Fahne aufpflanzen, und wäre der König in der Gi- ronde anwesend." In der Ordonnanz vom 24. Jul. 1815 mitbegriffen, zum 29* /"I I ^ 452 Clay Verräther an König und Vaterland erklart, entging er den Verfolgungen der Bourbons durch seine Flucht nach Nordamerika und gab eine Rechtfertigung seines politischen Lebens heraus. Er wurde am 11. Sept. 1816 durch ein Kriegsgericht in contumaciam zum Tode verurtheilt. Den Aussagen der Zeugen zufolge hatte er zu den Verschwörern vom 20. Marz gehört, welche die Absicht hegten, dem Herzoge von Orleans die Krone anzutragen, und auf die abschlägige Antwort dieses Prinzen den Kaiser zurückriefen. In den Jahren 1827 und 1830 wurde E. zum Abgeordneten erwählt. Nach der Juliusrevolution schickte ihn die neue Regierung nach Algier, wo er Bourmont im Commando ablöste, und er pflanzte die dreifarbige Fahne auf dem Atlas auf. Zum Lohne für diesen gelungenen Feldzug ernannte ihn die Regierung zum Marschall, rief ihn aber von Algier zurück und machte den Herzog von Rovigo zum Statthalter in der Colonie. Er verfaßte seitdem eine Vertheidigungsschrift gegen die Anklagen, die sich wegen seiner Verwaltung Algiers erhoben: „Observations 6u General Oinu^el sur huelgues acte-? sie son Gouvernement ü ^IZer" (Paris 1831) (f. Algier), und gehörte zu den eifrigsten und beredtesten Widersachern des Perier'schen Systems. (15) Clay (Henry), einer der ausgezeichnetsten nordamerikanifchen Staatsmanner, stammt aus dem Staate Kentucky. Er begann feine Laufbahn als Rechtsgelehrter, wie seit 50 Jahren überhaupt der Advokatenstand in den Vereinigren Staaten die sichersten Mittel zur leichtern Erwerbung des Lebensunterhaltes wie zur Erlangung von Ehrenstellen dargeboten hat, obgleich die Rechtsgelehrsamkeit in frühern Zeiten nicht wissenschaftlich studirt wurde, da erst seit etwa einem Jahrzehend auf einigen amerikanischen Universitäten, besonders auf der Harvarduniversität zu Cambridge in Massachusetts, rechtswissenschaftliche Vorlesungen gehalten werden. Nach der gewöhnlichen, die allgemeinen wissenschaftlichen Kenntnisse umfassenden Vorbildung, trat C. in die Schule des praktischen Staatslebens und wurde bald von dem Staate Kentucky zum Mitglieds des Haufes der Repräsentanten erwählt. Ein Rednertalent, das sich durch ungemeine Lebhaftigkeit und große Gewandtheit der Darstellung auszeichnet, und seine umfassenden Kenntnisse fanden bald Anerkennung, und bahnten ihm den Weg zu dem Amte eines Sprechers, welches er, ununterbrochen wiedererwählt, viele Jahre bekleidete, und er benutzte den großen Einfluß, den diese Stelle gewährt, sein Ansehen immer fester zu gründen. Seine Verbindung mit dem geistreichen John Quincy Adams, der seit 1801 wichtige Gesandtschaftsposten bekleidet und die politischen Verhältnisse Europas genau kennen gelernt hatte, führte ihn 1814 nach Gent, wo er neben jenem die Friedensunterhandlungen mit Großbritannien führte, und als Adams darauf nach London ging, um einen Handelsvertrag mit der englischen Regierung abzuschließen, war C. sein Begleiter und erprobte fein ausgezeichnetes Unterhandlungstalent. Während Adams unter Monroe's Präsidentschaft (1817 — 25) als Staatsfecretaic die auswärtigen 'Angelegenheiten leitete, befestigte C. seinen Einfluß im Hause der Repräsentanten. Als nach der Herstellung der unbeschränkten Königsgewalt in Spanien neue Entwürfe zur Wiedereroberung der abgefallenen spanischen Colonien gemacht wurden, foderte er im Januar 18Z4 den Congreß auf, die Erklärung auszusprechen, daß die Vereinigten Staaten nicht ohne lebhafte Unruhe eine bewaffnete Einmischung der europäischen Mächte zu Gunsten Spaniens betrachten würden, deren Zweck wäre, diejenigen Theile des amerikanischen Festlandes, die sich zu unabhängigen Staaten erklärt hätten und als solche von der amerikanischen Regierung anerkannt worden wären, in ihren alten Zustand zurückzuführen. Die Regierung der Vereinigten Staaten blieb seitdem auch dem Grundsatze treu, jeden Versuch der verbündeten europäischen Mächte, ihr politisches System auf einen Theil der westlichen Halbkugel auszudehnen, als gefährlich Clay 453 für ihren Frieden und ihre Sicherheit zu betrachten. Bei den Vorbereitungen zu der Präsidentenwahl am Ende des Jahres 1824 konnte auch C. als Mitbewerber auftreten, da er jedoch nicht die Hoffnung hatte, in den einzelnen Staaten eine überwiegende Unterstützung zu erhalten, sondern die Stimmen zwischen dem General Jackson (s.d.), Adams und Crawfurd sich theilten, so begünstigte er seinen Gönner Adams durch das ganze Gewicht seines Einflusses, als nach den Bestimmungen der Verfassung dem Hause der Repräsentanten das Wahlrecht zufiel, weil keinem der übrigen Bewerber bei den Abstimmungen in den Staaten die absolute Mehrheit zu Theil geworden war. Hatte C. das Ziel seines Ehrgeizes auch nicht erreicht, so erstieg er doch eine Stufe, die ihm den Weg dazu offnen konnte, als Adams ihm (1825) das Amt eines Staatssecretairs übertrug, wie man sagte, der Lohn seiner nützlichen Dienste bei der Präsidentenwahl. In diesem umfassenden amtlichen Wirkungskreise nahmen die Aeitverhältnisse sein Ge- schäftstalent vielfach in Anspruch. Das Staatssecrctariat für die auswärtigen Verhältnisse ist ein um so schwierigeres Amt, da seit der Einrichtung des neuen Staats das Ministerium des Innern damit verbunden war, weil die Gründer der Union und der Constitution das schnelle Wachsthum des Staates und die damit nothwendig verknüpfte Vermehrung der Geschäfte nicht voraussahen, daher auch schon seit 1826 der Antrag gemacht worden ist, die Verantwortlichkeit für zwei der wichtigsten Verwaltungszweige zwischen zwei Staatsbeamten zu theilen. C. zeigte sich indeß den umfassenden Arbeiten und der anstrengenden Thätigkeit, die sein Amt foderte, vollkommen gewachsen. Die Verwaltung des Innern ward auch durch die Opposition schwierig, welche die politischen Gegner des Präsidenten besonders in dem Senate erhoben, und die Leidenschaftlichkeit der Angriffe wurde vorzüglich bei den Verhandlungen über die Dauer der Präsidentschaft zuweilen so heftig, daß C. mit dem virginischen Repräsentanten John Randolph, der den Staatssekretäre in Beziehung auf die letzte Präsidentenwahl in einer öffentlichen Sitzung des Senats einen Falschspieler genannt hatte, im April 1826 am Ufer des Potowmak einen unblutigen Zweikampf ausfocht. Eine der wichtigsten und folgenreichsten Verwaltungsmaßregeln war der zur Beschützung der einheimischen Gewerbsamkeit endlich 1828 eingeführte Zolltarif, den C. schon 1824 im Hause der Repräsentanten wider kräftige Gegner zu vertheidigcn gesucht hatte; aber obgleich besonders die Repräsentanten der südlichen Staaten den Grundsatz des Prohibitivsystems, auf welchen jene Maßregel gebaut war, fortdauernd mit Nachdruck und mit triftigen Gründen bekämpften, so siegte doch die Partei des Präsidenten, der eben dadurch in den nördlichen Staaten, deren Vortheil der neue Tarif beförderte, seinen Anhang vermehrte. Auf die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten hatten besonders auch die Verhältnisse der neuen südamerikanischen Staaten einen wichtigen Einfluß. Bald nach dem Antritte seines Amtes verwendete sich C. in Petersburg zu Gunsten der neuen Republiken, und führte 1825 in seiner dem Gesandten Middleton gegebenen Instruction als entscheidenden Grund für die Anerkennung jener Staaten an, daß nicht ein einziges Bayonnet mehr für Spaniens Sache in Amerika kämpfe, und die Hoffnung auf Spaltungen in den südamerikanischen Republiken eitel sei. Antwortete die russische Regierung auf diese Eröffnungen mis- weichend, so erklarte dagegen das spanische Cabinet auf die Verwendung des amerikanischen Gesandten Everett entscheidend, daß es seine Rechte auf die abgefallenen Colonien nie aufgeben werde. Schwieriger und verwickelter, aber im Ganzen erfolglos waren C.'s Unterhandlungen mit Frankreich, Danemark, Neapel und Holland über die Entschädigungen für die Verluste, welche das Eigenthum uordamerikanischer Bürger während des Revolutionskrieges erlitten hatte; und seine Bemühungen hatten nur hinsichtlich der aus dem letzten Kriege mit Eng- 454 Clercq land herrührenden Entschädigungsansprüche einen günstigen Erfolg, wogegen das von der britischen Eifersucht ausgesprochene Verbot des amerikanischen Handels nach den englischen Colonien (1826) Anlaß zu neuer Erbitterung gab. Als die Zeit der Präsidentenwahl heranrückte, begann der Kampf mit gegenseitigen Anfeindungen. Jackson und Adams waren die Hauptbewerber, aber auch C. hatte eine nicht unbedeutende Partei gewonnen, die der Hand des erfahrenen Mannes das Ruder des Staats zu übergeben wünschte. Als Jackson, vorzüglich durch die Stimmen der südlichen Staaten, gesiegt hatte, verlor C., sein entschiedener Gegner, seine Stelle, die Van Buren erhielt. Bei einem Gastmahle, das im März 1829 seine Freunde in Washington ihm zu Ehren gaben, erklärte er, daß er sich der Wahl des neuen Präsidenten widersetzt habe, weil er demselben die erfoderlichen Eigenschaften für die erste Magistratur des Landes nicht zutraue, und weil die Erhebung des Generals nur die Frucht des Dankes für dessen militairische Dienste sei, wobei er auf den Umstand aufmerksam machte, daß in den neun unabhängigen Staaten Amerikas acht Heerführer an die Spitze der Verwaltung gelangt wären. Doch, setzte er hinzu, die Entscheidung des amerikanischen Volkes habe sein Verhältniß zu dem General verändert, und obgleich sein ehrgeiziger Gegner während des Wahlkampfes sich ungerechte Beschuldigungen gegen ihn erlaubt habe, so sei es doch die Pflicht eines Patrioten, den Präsidenten mit der seinem Range gebührenden Achtung zu behandeln; sein Vertrauen sei zwar erschüttert, aber er werde sich stets unerschütterlich in seinen Grundsätzen und bereit zeigen, die Sache der Freiheit zu verfechten. C., seit seiner Dienstentlassung Mitglied des Senats für Kentucky, trat mit Webster an die Spitze der Opposition und erhob besonders bei Gelegenheit der wiederangeknüpften Unterhandlung mit Großbritannien wegen des Handels nach den englischen Colonien, seine nicht ganz unbefangene Stimme gegen die Regierung, welche die von dem britischen Cabinet angebotenen Bedingungen, die von der frühern Verwaltung waren abgelehnt worden, anzunehmen sich geneigt zeigte. Bei der bevorstehenden Präsidentenwahl scheint C. eine kräftige Unterstützung erwarten zu dürfen. Die öffentliche Meinung spricht immer lauter gegen die unmittelbare Wiedererwählung des Präsidenten, und selbst Jackson, der die gegen ihn ausgesprochenen Besorgnisse rühmlich zu widerlegen wußte, hat den Wunsch erklart, daß die Amtsdauer der obersten Staatsbeamten gesetzlich auf vier Jahre beschränkt werden möge. Die besonnenen Freunde des Vaterlandes erinnern sich bei der bevorstehenden Ausübung des großen Volksrechts an die ernsten Worte des Kanzlers Kent („Commentaries on umerican luve", Newyork .1820), der lange vor den letzten Wahlkämpfen warnend auf die Gefahren deutete, die aus zwiespältigen, durch Parteiungen geleiteten Wahlen für den Bestand der Union hervorgehen könnten. Dieser Punkt) sagte er, sei der Prüfstein der Vor- züglichkcit der amerikanischen Verfassung, und wenn nach 50 Jahren bei der Wahl des Präsidenten Umsicht, Mäßigung und Redlichkeit den Vorsitz führten, werde der Nationalcharakter sich würdig bewähren, und die republikanische Verfassung sich die Achtung des aufgeklärtesten Theiles der Menschheit sichern. Clercq (Willem de), hollandischer Improvisator. Dieser merkwürdige Holländer ist im Jahre 1793 zu Amsterdam geboren und in sehr glücklichen Familienverhältnissen, zunächst für den Handelsstand, erzogen worden, wie er denn auch bis jetzt noch an der Spitze des wichtigen Handlungshauses S. und P. de Clercq steht und durch eine 1822 verfaßte Schrift über den Getreidehandel seine tiefen Einsichten und Kenntnisse in seinem eigentlichen Fache beurkundet hat. Kaum 30 Jahre alt, war er auch schon Mitglied des Schulausschusses in Amsterdam und des Kirchenvorstandes der Mennonitengemeinde, zu der seine Familie sich bekennt. Obschon nicht eigentlicher Literator, hat er doch seinen Geist mit den reichsten Schätzen der altern und neuern Sprachkunde, der Ge? Clercq 455 schichte und der Philosophie genährt, und verbindet damit eine echte und warme Religiosität. Das Erste, wodurch er sich von den gewöhnlichen Improvisatoren unterscheidet, ist, daß er nie öffentlich austritt oder den Eindruck seiner Poesie durck ein glänzendes Äußere zu erhöhen strebt. Aber in geselligen Kreisen, wo er auf Bitten seiner Freunde oder durch die Macht irgend eines Eindrucks veranlaßt (man sehe das „Morgenblatt", 1823, Nr. 89 — 92) austritt, zeigt er, wie seine Improvisationen aus dem Bedürfniß des Herzens entspringen, wie schnell und reich die Folge seiner Ideen ist, wie harmonisch seine Sprache, wie gut ge- wählt seine Bilder, und wie dies Alles durch eine vollkommene Einheit in jedem dkrZ^ seiner Vorträge zusammengehalten wird. Eine zweite Eigenthümlichkeit C.'s ist, ^ Eiztz daß seine Improvisationen sich nicht wie die derItaliener hauptsachlich auf römische ßrh^. und griechische Mythologie und Geschichte beschränken, sondern daß er die mitt- lere Geschichte ebensowol als die neue und neueste zum Stoffe seiner Poesien wählt. So behandelte er bei verschiedenen Gelegenheiten: den Tod des Sokra- tes, den Glauben an Gott, das Ideal, Noah, Luther, Ossian, Tasso, Voltaire, Racine, Wilhelm Tell, die Blumensprache, die Buchdruckerkunst, die Universität Göttingen (in Gegenwart Boutcrwek's), den Brand Konftantinopels, aber auch die Reise des Königs von Neapel zum Congresse nach Laibach. Als man ihn bei einem Abendessen darum ersuchte, stand er sogleich auf und entwarf in Versen voll Energie und Feuer ein Gemälde des schönen Italiens und des reizenden Neapels, der den politischen Zustand des Landes gefährdenden Revolutionen, die nicht minder furchtbar sind als jene Naturkatastrophen, welche die Hauptstadt unterminiren; ferner der Römer, Gothen, Byzantiner, Sarace- nen, Normänner, der ungarischen, aragonischen und französischen Prinzen, von denen es wechselsweise erobert wurde, dann der fruchtlosen Anstrengungen des Landes, seine Freiheit von fremden Usurpatoren zu erkämpfen, und zuletzt der Ereignisse von 1820 und der Gefahren, mit denen sich der classische Boden Italiens von Neuem bedroht sieht. Dies ist ein ausführlicheres Beispiel. So ging er im Winter 1822 — 23 nach der Vorlesung seiner vortrefflichen Abhandlung über die Romanze des Cid (die in der „Hollunclscke Aluutsclmp^ van Xuusten en äVetenseüappen" gedruckt ist), in Gegenwart zweier Theologen aus Berlin nach einem lebhasten Gespräche gleich auf die Bitte ein, über den Faust in Beziehung auf Goethe zu improvisiren, und wußte damit eine lebendige und preisende Charakteristik der wichtigsten Werke Goethe's zu vereinigen, mit Ausnahme der „Wahlverwandtschaften", worin er eine Verletzung der Sittlichkeit fand, die ihn empörte. Auf eine ähnliche Weife beklagte er es in Boutcrwek's Gegenwart, daß er in seiner so verdienstlichen „Geschichte der Poesie und Beredsamkeit" die literarische Geschichte der Niederlande ganz übergangen habe, und dies geschah in einem so rührenden Tone, daß Bouterwek, wiewol er nicht Alles verstand, dadurch tief ergrissen wurde. Denn C. ist ein begeisterter Freund der vaterländischen Dichtkunst und Literatur, wie er dies auch in einzelnen gedruckten Abhandlungen und namentlich in der von dem königlich niederländischen Institute 1822 gekrönten Preisfchrist: „Über den Einfluß der ausländischen Literatur auf unsere vaterländische", dargethan hat. Von feinen Improvisationen sind nur zwei gedruckt worden, die eine an seinen Freund, den bekannten holländischen Literator da Costa, und die andere an Bowring in London. Eine dritte Eigenthümlichkeit C.'s ist, daß er auch in Prosa zu improvisiren im Stande ist. So setzte er vor mehren Iahren eine Gesellschaft von Gelehrten in Leyden in Erstaunen, da er länger als eine halbe Stunde in einem fließenden Styl mit gründlicher Sachkenntniß und mit ungemeinem Scharfsinn über die Jesuiten Hrach. Mit diesem seltenen Talente verbindet C. einen liebenswerthen Charakter, einfache und sanfte Sitten und eine edle, fromme Denkungsart. (48) ^1 456 Closen Clossius (Familie) Closen (Karl Heinrich Ferdinand Friedrich von), geboren 1786 zu Zwei- brücken, studwte zu Wien und Landshut, begann 1805 in Baiern seine Dienstlaufbahn, wurde 1814 zum Regierungsrath, 1819 zum Ministerialrath befordert und 1825 in den Ruhestand versetzt. Er widmete sich mit besonderer Vorliebe der Landwirthschaft und gründete für dieses Fach auf seinem Gute auf eigne Kosten eine Bildungsanstalt, nahm an Begründung des landwirthschaftlichen Vereins in Baiern besonders thätigen Antheil und gab 1819 eine kritische Zusammenstellung der bairischen Landesculturgesetze heraus. Schon bei dem ersten bairischen Landtage, 1819, trat er als Abgeordneter des schriftsässi'gen Adels in die Deputirten- kammer und wohnte in dieser Eigenschaft seitdem allen Ständeversammlungen bei. Seit 1825 reihte er sich entschieden der Opposition an, und zog sich wahrscheinlich dadurch seine Pensionirung im Staatsdienste zu. Bei der Erneuerung der Wahl- kammer zum Landtage von 1831, wozu er von seiner Standesclasse wieder gewählt worden war, befand er sich unter Denjenigen, welchen, auf den Grund ihrer Staatsdienerverhältnisse, die Regierung die Erlaubnis zum Eintritt in die Kammer verweigert hatte. C. räumte jedoch, durch Aufgsbung seiner nicht unbedeutenden Pension, das Hinderniß hinweg und nahm in der Versammlung Platz, wo sein patriotisches Opfer ehrenvolle, dankbare Anerkennung fand. Talentvoll und mit mannichfalti- gen Kenntnissen und Erfahrungen ausgerüstet, zeichnete er sich bei diesem Landtag abermals durch freimüthigen und populairen Vortrag aus. Sein Antrag auf bessere Sicherstellung der personlichen Freiheit, besonders gegen die Übergriffe des Linienmilitairs, erhielt die Zustimmung der Versammlung, blieb aber. wegen abweichender Ansichten der Adelskammer, ohne Erfolg. Auch an den Erörterungen über Preßfreiheit und Censur, Freiheit der Wahlen, ministerielle Verantwortlichkeit, Staatshaushalt w., nahm er den lebhaftesten Antheil. Nicht ohne allen Grund tadelt man an ihm einen allzu heftigen Drang, viel und lange zu sprechen, wodurch er häufig den Eindruck feiner Darstellungen selbst schwächt; auch vermißt man, bei amsigem Haschen nach Witz, Gründlichkeit, Tiefe und Mangel an Geistesgegenwart, um unerwarteten Angriffen oder Erwiderungen zu begegnen, wobei er in Verlegenheit geräth und die parlamentarische Fassung verliert. (24) Clossius (Walther Friedrich) ist der Abkömmling einer Familie, die in drei Geschlechtsfolgen der Literatur Deutschlands, Hollands und Rußlands angehört. SeinGroßvater, JohannFriedrichCloß, geb.173H zu Marbach in Wür- temberg, ging von Tübingen, wo er sich dem Studium der Arzneiwissenschaft gewidmet hatte, als praktischer Arzt nach Honsholredyk unweit Haag, und veränderte seinen Familiennamen in Clossius. Später ließ er sich als Hausarzt der Mar- quise du Chasteler in Hanau nieder, wo er bis zu seinem Tode (1787) als berathender Arzt einen ausgebreiteten Briefwechsel führte. Ein vielseitig gebildeter Gelehrter, schrieb er unter Andern auch ein lateinisches Gedicht über die Chinarinde (Leyden 1765), und machte sich um die praktische Heilkunde besonders durch seine Schrift über die Heilung der Blattern verdient. Sein Sohn, Karl Friedrich, geb. zu Honsholredyk 1768, erhielt von frühester Jugend an seine Bildung in Deutschland und starb 1797 als Professor der Anatomie und Chirurgie zu Tübingen. Auch er hat sich durch mehre geschätzte Schriften, z. B. über den Steinschnitt, über die Lustseuche, über die Krankheiten der Knochen, bekannt gemacht. — Walther Friedrich wurde 1796 zu Tübingen geboren, wo er bis 1817 die Rechte studirte und im folgenden Jahre als Privatdocent auftrat. Nachdem er 1819 und 1820 eine Reife durch Deutschland, Frankreich und Italien gemacht hatte, ward er 1821 Professor der Rechte zu Tübingen, nahm aber 1824 einen Ruf als Hofrath und Professor in Dorpat an, wo er noch lebt. Er entdeckte 1820 in der ambrosi'anischen Bibliothek zu Mailand bedeutende, bisher unbekannte Stücke des theodosianischen Coder, die er (Tübingen 1824) heraps? Cochrane Codrington 457 ^b. Als Mitherausgeber eines kritisch-exegetischen Corpus juris civilis suchte er vorzüglich die Kritik auf feste Grundlagen zu bauen durch möglichst vollständige Sammlung aller Handschriften des Oorz>us juris, die er theils auf feinen Reisen,. thcils durch ausgebreitete Verbindungen aus allen Theilen von Europa planmäßig zusammenbrachte. Überhaupt beschäftigte er sich viel mit dem historischen und literarischen Theile des römischen Rechts. Von seiner engern Verbindung mit dem verstorbenen Jourdan in Paris wird in Savigny's Zeitschrift (Bd. 7, H. 1) gesprochen. C. lieferte auch Beiträge zur „'lAemis, ou lliüliotücgue du juris- cnnsulte". Seinen Aufenthalt in Rußland benutzte er 1827 zu einer Reise, um die Klosterbibliotheken in den Eparchien zu Moskau und Nowgorod zu untersuchen. In seinen Bemühungen um Aufsindung von Quellen des klassischen Alterthums in Rußland ward er vyn der kaiserlichen Regierung sehr unterstützt. In Moskau namentlich untersuchte er die durch Matthäi berühmt gewordene Synodalbibliothek. Er dehnte 1829 seine Reisen über Weißrußland und Kiew — die Wiege der christlichen Religion in Rußland— bis nach Odessa und die an Naturschönheiten und Überresten des Alterthums so reiche Krim aus^ In Kiew ward er besonders von einem der gelehrtesten russischen Geistlichen, dem Metropoliten Eugenius, sehr wohlwollend aufgenommen. Die Ergebnisse dieser Reisen wird C. in einem „Iter rossicum", nach Art von Blume's „lter itcdicum", bekannt machen. Ein Programm (1827) zur Feier des 25jährigen Jubiläums der Universität Dorpat gibt davon einen vorläufigen Bericht. Auf jene Reise folgte 1830 eine fast neunmonatliche wissenschaftliche Reise nach Deutschland. Außer den genannten Schriften kennt man seine „Dissertatio sisteus specimcu descrip- liouis codicum munuscrffduruiu digesti vetcris" (Tübingen 1817), seine „dum- menwtio sisteus codicum czuoruudam munuscrPtorum digesti veteris... uccuru- Norem descriptioucm etc." (Weimar 1818), ferner das schon erwähnte Programm „De vetustis nonuullis membrauis in bidüotllecis rossicis aliisgue vicinis extuu- titzu« proimdsis" (Dorpat 1827, Fol.). Seine „Hermeneutik des römischen Rechts" erschien zu Leipzig 1831 und seine „Einleitung in das Corpus juris civilis im Grundriß; mit einer Chrestomathie von Quellen" (Riga und Dorpat 1829) ist einer der ersten Ver'uche, diesen Gegenstand in einem größern Umfange als bisher auf den Universitäten einheimisch zu machen. Nachrichten über ihn findet man in Eisen- bach's „Geschichte der Universität Tübingen" und in Recke's und Napiersky's „Schriftsteller- und Gelehrtenlexikon der Provinzen Liefland, Efthland und Kurland". Noch bemerken wir, daß C. im Jahre 1827 zum Ehrenmitgliede der Universität Wilna, 1830 zum Mitglieds der kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst, und 1831 zum kaiserlich russischen Collegienrath ernannt worden ist. Cochrane (Alexander Thomas, Lord), s. Dundonald (Graf). Codrington (Sir Edward), stammt aus einem alten Geschlechte, das in der englischen Geschichte einige geehrte Namen zählt. Sein Ahnherr war Standartcnträger des heldenmüthigen Heinrich V„ und ein anderer seiner Vorsahren stiftete die nach ihm genannte ausgezeichnete Büchersammlung im Col- legium.411 sovils zu Oxford. Die Familie erlangte unter Georg I. die Baronet- würde, und der altere Bruder des Admirals ist jetzt das Haupt des Geschlechts. Nicht lange vor dem Ausbruche der französischen Revolution trat C. in den Seedienst und erhielt nach rühmlichen Anstrengungen 1802 als Capitain den Befehl über das Linienschiff Orion von 74 Kanonen, mit welchem er an der glorreichen Schlacht bei Trafalgar ehrenvollen Antheil nahm. Bei der Beschießung von Vliessingen 1809 führte er das Flaggenschiff des Admirals Gardner, welches den Batterien ausgesetzt, mehr als einmal in Feuer gerieth, aber seine Stelle bis zuletzt behauptete und großen Antheil an dem Ruhme des Tages gewann. Er wurde 1814 Contreadmiral, im folgenden Jahre Ritter des Bathordens und 1825 Viceadmirasi 458 Codrington In demselben Jahre erhielt er den Befehl über die Flotte im mittelländischen Meere und zog seine Flagge auf dem Linienschiffe Asi'a auf.. Das gespannte Verhältnis zwischen Rußland und der Pforte, das nur in einem Kampfe sich lösen zu können schien, der Krieg in Griechentand und die Seeräubers! der Griechen, die besonders auch dem Handel der Englander im Archipel großen Nachtheil zufügten, gaben dem ihm ertheilten Auftrage eine hohe Bedeutung und Wichtigkeit. C. ergriff die strengsten Maßregeln zur Unterdrückung der Seeraubereien, und erklarte der griechischen Regierungscommission, er werde keinem griechischen Fahrzeuge gestatten auf Kaperei auszugehen, von welcher Behörde es auch ermächtigt sein möge. Als der Vertrag zwischen Großbritannien, Frankreich und Rußland vom 6. Jul. 4827, Canning's letztes Werk, den Entschluß befestigt hatte, die Ruhe in Griechenland durch gemeinschaftliches Zusammenwirken wiederherzustellen, sammelte sich auch das Geschwader Frankreichs unter dem Admiral Rigny in dem mittelländischen Meere. Bei einer Zusammenkunft mit Ibrahim Pascha, dem Befehlshaber der ägyptisch-türkischen Kriegsmacht in Morea, am 25. Sept. 1827, willigte dieser in einen Waffenstillstand, durch welchen sämmtliche Land- und Seetruppen im Hafen von Navarin von feindseligen Unternehmungen abgehalten werden sollten. C. ergriff diese Maßregel nach dem Inhalte geheimer Instructionen vom 12. Jul. 1827, welche ihm auftrugen, einen Waffenstillstand zur See zu erzwingen und die Landung frischer Kriegsvölker aus Asien oder Afrika auf dem griechischen Festlande und den benachbarten Inseln zu verhindern, und eine spätere, von den Gesandten der drei verbündeten Machte zu Konstantinopel geschlossene Übereinkunft ermächtigte überdies die vereinigten Flotten, allen ägyptischen oder türkischen Schiffen, welche Griechenland verlassen wollten, sicheres Geleit zu geben. Nach dem Abschlüsse des Waffenstillstandes mit Ibrahim segelte C. nach Zante, aber schon in den ersten Tagen des Octobers verließen mehre ägyptische Schisse den Hafen zu Navarin, nordwärts steuernd, und kaum hatten diese durch die Drohungen des englischen Admirals sich bewegen lassen, unter dem Geleite britischer Schisse zurückzukehren, als Ibrahim selbst mit einem ansehnlichen Geschwader erschien. C.'s Entschlossenheit vereitelte auch dieses Unternehmen und zwang den ägyptischen Befehlshaber, seinen dreisten Versuch zum Bruche des Waffenstillstandes aufzugeben und eilig wieder nach Navarin zu steuern. Während Ibrahim nach seiner Rückkehr die grausamsten Verheerungen in Morea anrichtete, erschien auch die russische Seemacht (13. Oct.) unter dem Admiral Heyden im Archipel, und als die englischen Verstärkungen von Malta angekommen waren, bildete die verbündete Flotte eine überlegene Macht. C. übernahm als der älteste Admiral den Oberbefehl. Man hat, wie es scheint, nicht ohne Grund behauptet, der Herzog von Clarence, als damaliger Großadmiral, habe den amtlichen Instructionen mit eigner Hand die Worte hinzugefügt: „Darauf los, Eduard!" (Llo on, Neck) und dadurch den Admiral ermächtigt, das Äußerste zu wagen. Die drei Admirale beschlossen, in Schlachtordnung in den Hasen von Navarin zu dringen, um Ibrahim, der nach dem Abschlüsse des Vertrags Verstärkungen aus Ägypten erhalten hatte, zur Beobachtung des Waffenstillstands zu nöthigen, und wie C. ziemlich unbestimmt in seinem amtlichen Berichte sagte, ihm Vorschlage im eignen Interesse der Pforte zu machen, die aber, wie später sich ergeben hat, auf die Abfahrt der osmanischen Flotte nach Ägypten und nach den Dardanellen gerichtet waren. Die ägyptisch-türkische Flotte war zum Widerstande gerüstet, sie begann die Feindseligkeiten, und der blutige Vernichtungskampf (20. Oct. 1827) wurde gefochten. Während der mörderischen Schlacht stand C. auf dem Verdeck seines Admiralschiffs, und die Tapfern, die ihn umgaben, zum Kamps ermunternd, leitete er besonnen und unerschrocken die Bewegungen der verbündeten Geschwader. Die Nachricht von dem glorreichen Siege wurde von dem englischen Volke mit Begeisterung empfangen, aber Wellington stand an der Spitze der Ver: Colburn 459 waltung, und Canning's Politik heimlich abgeneigt, dampfte er die Freude der Briten, als er die glanzende Waffenthat in der Thronrede bei der Eröffnung des Parlaments ein unwillkommenes (uutonarck) Ereigniß nannte, das „Englands ältestem Verbündeten" nachtheilig werden könne. C. erhielt zwar das Großkreuz des Bathordens, aber währendman ihm auch für mehre seiner Offiziere Orden sandte, legte man ihm zugleich eine Reihe von Fragen vor, welche einen versteckten Tadel feiner Unternehmung enthielten. Bald fand die Ungunst der Machthaber auch einen Vorwand, ihm den Oberbefehl zu nehmen. Ibrahim sammelte nach der Schlacht den Überrest seiner Schiffe, um seine Kranken und Verwundeten nach Ägypten bringen zu lassen, ließ aber zugleich viele zu Sklaven gemachte Griechen einschiffen, die in dem traurigsten Zustande in Alexandria ankamen. C. meldete diesen Vorfall und bat um Verhaltungsbefehle, erhielt aber die unfreundliche Antwort, er hatte die Hafen einschließen und die Abfahrt der Gefangenen verhindern sollen. Vergebens erwiderte er, daß seine früher erhaltenen Vorschriften ihn weder zur Einschließung der Hafen noch zu einer Durchsuchung der absegelnden ägyptischen Fahrzeuge ermächtigt hätten, um aus- zumitteln, ob die weggeführten griechischen Männer und Weiber freiwillig oder gezwungen den Ägyptern gefolgt wären; vergebens bezeugt n der französische und russische Admiral, auch sie hätten keine Verhaltungsbefehle über diesen Punkt erhalten. E. wiederholte seine Bitte um bestimmte Vorschriften und erhielt endlich die Antwort, der König habe ihm einen Nachfolger gegeben. Ehe er diese Nachricht empfing, erschien er nach einer Unterredung mit den Admirälen Rigny und Heyden im Iul. 1828 mit mehren Schissen vor Alexandria und führte die Unterhandlung mit dem Pascha so geschickt und nachdrücklich, daß Mohammed Ali seinem Sohne den Befehl schickte, Morea alsbald zu räumen. Am 22. August übergab C. seinem Nachfolger den Oberbefehl und ging nach England. Die Verhandlungen des Kriegsgerichts, das 1829 über den Capitain Dickenfon wegen seines Betragens in der Schlacht bei Navarin gehalten wurde, enthüllten zwar nicht ganz das Geheimnis, das über jenem Ereignisse schwebte, bestätigten aber die Meinung, daß E. zweierlei Verhaltungsbefehle, amtliche und geheime, gehabt hatte, und die Schlacht eine im voraus beschlossene und vorbereitete Begebenheit gewesen war. Spater reifte er nach Petersburg und Paris, und fand in beiden Städten die ehrenvollste Aufnahme. Als der Herzog von Clarence auf den Thron gelangt war, empfing C. die verspätete Belohnung seiner Tapferkeit, welche die Stimme des Volks ihm längst zuerkannt hatte, und befehligte 1831 eine Flotte, die vor Lissabon kreuzte. Colburn (Henry), einer der angesehensten Buchhändler in London, hat sich seit ungefähr 20 Jahren durch zahlreiche und zum Theil glückliche Unternehmungen ausgezeichnet. Der Erfolg seiner Bemühungen wurde besonders auch durch das von ihm 1814 im erklärten Gegensatze mit dem, von Phillips „dem Jakobiner" besorgten begonnene „^evvinoutlll^maAazäne", das von 1821 — 31 von Thomas Campbell herausgegeben ward, und noch mehr durch die 181? angefangene, von Jcrdan geleitete „läterai-^ Anette", deren Stifter C. war, begünstigt, da beide Zeitschriften ihn nicht nur in vortheilhafte literarische Verbindungen brachten, sondern ihm auch Gelegenheit gaben, sein merkantilisches Interesse zu befördern. Nicht ohne Grund hat man der „I^iterar^ Anette" auch in Hinsicht auf dieses Interesse Parteilichkeit vorgeworfen, noch auffallender aber war die Hinneigung derselben zu den Änsichten der Torypartei, die hier oft in ihrer ganzen Schroffheit hervortraten, wie denn überhaupt C. in seinen Verlagsunternehmungen früher jener Partei sich gewogen zeigte, welcher er auch indem don ihm herausgegebenen „Öourt Journal" huldigte. Das „New inontbl^ marine" aber trat unter der Leitung des freisinnigen und unabhängigen Campbell in einen auffallenden Widerspruch mit jenen Richtungen, von welchen indeß 460 Colebrooke Cölibat C .'s Unternehmungen in neuern Zeiten, wo die entgegengesetzten politischen Ansichten immer mehr Gunst bei der öffentlichen Meinung fanden, sich merklich abgewendet haben. Gegen die frühere Sitte der englischen Buchhändler, in ihren Verlagsunternehmungen sich auf gewisse Fächer zu beschränken, hat C. sich schon lange durch die Mannichfaltigkeit der von ihm herausgegebenen Werke ausgezeichnet, doch besteht die Mehrzahl nicht sowol aus bedeutenden wissenschaftlichen Werken als aus historischen Memoiren, Reisebeschreibungen, unter welchen mehre vorzügliche sind, obgleich C. in dieser Hinsicht mit Murray (s. d.) nicht wetteifern kann, besonders aber aus Romanen, worin er die fruchtbare Wuei-va xres» überflügelt. Seit 1829 hat er sich mit dem Buchdrucker Richard Bent- ley verbunden. Colebrooke (Henry Thomas), ehemals Richter zu Mirsapor in Ostindien und englischer Resident am Hofe von Berar, gegenwärtig Director der asiatischen Gesellschaft zu London. Er ist der gründlichste Kenner der Sanskritsprache und der thätigste Bearbeiter der indischen Literatur, welchen es bis jetzt gegeben hat. Zuvörderst sind zu bemerken seine in den „Asiatic researclios" abgedruckten, höchst schätzbaren Abhandlungen: über das Sanskrit und das Pra- krit, über die Metrik der Sanskritdichtungen, über die religiösen Gebräuche der Jndier, über die Wedas, über die Erklärung alter indischer Inschriften. Diese Abhandlungen haben zuerst richtige Kenntnisse über die genannten Gegenstände verbreitet, und zeigen ebenso viel nüchterne Kritik als tiefe Sachkenntniß. C.'s Richtecamt führte ihn dazu, manche alte Rechtsbücher der Jndier herauszugeben, z. B. „Nitalcseliara clliarina sastra" (Calcutta 1813); „Da.vu dlraga, a sanscrit treatise on iiilieritance" (Calcutta 1814); „Vira mltrocla^a, tlie le- Aal worll of Älitra Alislira" (Kizurpur 1815). Auch arbeitete er Übersetzungen einzelner indischer Rechtsbücher aus, z. V. cli^est of Ilinclit law mochte das von ihm aufgeführte Staatsgebaude nicht zu erhalten; schon im No- ^ vember 1829 sagte sich Venezuela los, und auch nach Bolivar s Tode kam keine Bereinigung zu Stande. Ncugranada und Quito bilden ebenfalls wieder eigne Staaten, und so hat sich die Republik Colombia jetzt wieder in ihre alten politischen Bestandtheile aufgelöst. Nach den neuesten Nachrichten haben diese drei Staaten im Mai 1832 eine Union geschlossen. Sie bilden ein politisches Ganzes, und so oft von dem Abschlüsse eines Vertrags mit Spanien die Rede sein sollte, kann kein Staat ohne Zustimmung der beiden andern unterhandeln. Die Staatsschuld der bisherigen Republik wird gleichmaßig zwischen den drei Staaten verteilt. Bei Zwistigkeiten darf nie zu Feindseligkeiten oder Waffengewalt geschritten werden, sondern es soll ein gemeinschaftlich erwählter Schiedsrichter alle Streitigkeiten entscheiden. Keiner der drei Staaten kann mit einer auswärtigen Regierung über die Abtretung eines Gebietsteils unterhandeln, ohne sich mit den andern darüber zu verstandigen. Die drei Staaten machen gemeinschaftliche Sache zur Vertheidigung ihrer Unabhängigkeit und der Unverletzlichkeit ihres Gebiets oder jedes wichtigen Rechts gegen Beleidigungen oder Angriffe auswärtiger Machte. Keiner der drei Staaten darf Eingangszeile auf fremde Erzeugnisse und Fabrikate legen, die in seine Hafen kommen, um in einen der beiden andern Staaten geführt zu werden. Der Sklavenhandel ist gänzlich und für immer in den drei Staaten aufgehoben. Es wird eine republikanische, repräsentative, aufVolkswobl beruhende und verantwortliche Regierung in jedem der drei Staaten bestehen, als die beste Bürgschaft ihrer gemeinsamen Wohlfahrt und der Fortdauer ihrer Eintracht. Eine Centralregierung soll zwar nicht eingeführt werden, die Staaten können sich jedoch über ein Föderativsystem vereinigen, das durch eine Versammlung von Abgeordneten der verschiedenen Staaten, die nach Verhaltniß der Bevölkerung gewählt werden, vorbereitet werden soll. — Die Hauptstadt von Venezuela ist Caracas mit 50,000 Einwohnern, in einer reizenden Gegend mit einer gesunden und milden Luft; von Neugranada Bogota mit 30,000 Einwohnern — während der Centralifation von ganz Colombia die Hauptstadt der Republik—, und von Quito die Stadt gleiches Namens mit 70,(XX) Einwohnern. *) (29) Colonien, Colonisation. Die Geschichte der Colonien ist eins der wichtigsten Blätter aus der Geschichte der Menschheit. Dadurch, daß sich ein Theil eines Volkes von dem andern trennte oder durch irgend ein Ereigniß unfreiwillig von ihm getrennt wurde und in entferntem Gegenden eine neue Heimath suchte, ist nicht nur die Erde bevölkert, sondern auch höhere Cultur überall verbreitet und geweckt, der Handel erzeugt und mit ihm die Thatigkeit der Menschen angeregt worden. Das politische Leben der Griechen und der Römer in den ersten Zeiträumen war mit dem Begriffe der Stadt unzertrennlich vereint, und das Wesen eines Staats, in welchem die einzelne Gemeinheit des städtisch vereinten Volkes sich *) Läßt sich auch bei dem schnellen Wechsel der innern Verhältnisse der südamerikanischen Republiken schwerlich ein festes Bild derselben entwerfen, so muß doch ein Werk, das die Gestaltungen der Gegenwart auffassen sott, diese in ihrem unruhigen Bildungsprocesse begriffenen Staaten, wie es bis jetzt geschehen, auch künftig aufführen, obgleich vielleicht der nächste Augenblick die gegebenen Umrisse verwischen oder verändern kann. D. Red. !> /I 472 Colonien, Colonisation gänzlich auflöst, und nur nach und nach mit sehr veränderten Verhältnissen und Zwecken wieder emporsteigt, war ihnen etwas Fremdartiges. In diesem an sich schon beschränktem Kreise, welcher dadurch noch mehr eingeengt wurde, daß auf dem Räume, welchen die Völker verwandter Abkunft und Bildung einnahmen, schon vom ersten Beginn an eine Menge von einander unabhängiger Gemeinwesen entstand, mußte sehr bald die Bevölkerung so zunehmen, daß schon dadurch allein die Notwendigkeit herbeigeführt wurde, für einen Theil derselben neue Wohnsitze zu suchen, welche, eben weil der benachbarte Boden schon von andern besetzt war, meist nur in der Ferne gefunden werden konnten. Innere Spaltungen waren auf keine bessere Weise zu lösen, als wenn ein Theil der Unzufriedenen ausschied oder mit günstigen Bedingungen für ihren häuslichen Wohlstand, mit ansehnlichem Grundbesitz in einer fruchtbaren Gegend, und mit der Aussicht, in der neuen Niederlassung den Ursachen der Unzufriedenheit in der Mutterstadt zu entgehen, zu Gründung eines eignen Gemeinwesens ausgeführt wurde. Untergeordnet sollte freilich auch die Colonie bleiben und alle politischen Verhaltnisse der Mutterstadt annehmen, selbst ihren innern Einrichtungen getreu bleiben. Allein die griechischen Staaten vermochten nicht dies durchzuführen, und nur Rom behauptete, wiewol auch nicht ohne große und blutige Kämpfe, eine Oberherrschaft, welche sich zuletzt in einen strengen Despotismus eines Einzigen umgestaltete. Von einer andern Art waren die Niederlassungen der handelnden und seefahrenden Volker, welche zum Theil die ersten Bewohner nach völlig menschenleeren Gegenden gebracht haben, wie nach der Sage durch Phönizier und Karthager Spanien und Irland zuerst bevölkert worden sind. Die Eroberungen, welche Rom außerhalb Italien machte, können auch unter den Gesichtspunkt der Colonien gestellt werden; denn während ein Volk der römischen Herrschaft unterworfen wurde, ging nicht nur die ganze Verwaltung in die Hände der Römer über, und es zog ein Heer von Beamten dahin, sondern die militairische Besetzung führte zu einer festern häuslichen Niederlassung einer großen Zahl, und andere Römer benutzten die Gelegenheit zu Erwerbung von Grundeigenthum, zuweilen von sehr großer Ausdehnung, womit auch wol Handelsspecula- tionen verbunden waren. Ob durch diese Art der Colonisation die Nationalität der altern Einwohner und in wie weit sie unterdrückt wurde, oder ob umgekehrt die alten Einwohner sich in jener Nationalität behaupteten, hing wol nicht allein von der Zahl der neuen Ankömmlinge ab, sondern am meisten von dem Culturzustande der Völker. Nordafrika, Britannien, Gallien und Spanien wurden fast ganz römisch, während im Osten die ältere Cultur die Herrschaft behauptete. Die sogenannte Völkerwanderung ist doch auch in ihren größten und wichtigsten Erscheinungen nichts Anderes als Colonisation, welche nun die umgekehrte Richtung nahm, nicht geographisch — denn der ganze Zug geht unveränderlich von Osten nach Westen—, sondern insofern, daß nicht die größere Cultur, sondern die größere, wenn auch rohere Kraft den Sieg davontrug. Bei vieler Grausamkeit und Barbarei war doch weniger sittliches Verderben mit derselben verbunden, als sich in der römischen Welt großentheils durch das Misverhältniß zwischen Armuth und Reichthum und durch das Übermaß von Sklaven entwickelt hatte. Auch bei dem Besetzen der römischen Provinzen durch die germanischen Stamme bestand die Hauptsache (die wenigen Fälle ausgenommen, wo Verwüstung, Mord und Verkauf als Sklaven den größten Theil der alten Bevölkerung hinwegnahm) darin, daß die öffentliche Gewalt in die Hände der Fremden kam, die Reichen ihre Güter und Sklaven mit den Gästen thei- len mußten, die Armen aber in ein Verhaltniß von Zins- und Dienstpflicht traten, welches ungleich milder war als die römische Sklaverei. Nur in der Hinsicht kann man freilich die neu gestifteten Reiche den Colonien nicht völlig gleichstellen, daß eine Spur der Abhängigkeit von dem Hauptstamme sich nirgend zeigt, sondern der Führer, welcher mit seinem Gefolge eine neue Herrschaft gründete, sogleich in Colonien, Colonisation 473 völliger Unabhängigkeit austrat. So zogen die Sachsen nach Britannien, ohne daß eine Spur von politischer Verbindung mit Msachsen geblieben wäre. Auf eine ahnliche Weise wurden die Raubzüge der Danen und Normannen endlich in ein System der Colonisation umgestaltet, wobei zum Theil, wie in England und Irland, allerdings eine Verbindung mit dem Mutterlande blieb, zum Theil aber, wie in der Normandie und im südlichen Italien die Colonie von Anbeginn an selbständig war. Nach gleichen Grundsätzen der Colonisation verfuhr Karl der Große in Sachsen, und späterhin das neuere Europa gegen Amerika, Ostindien und Afrika. Diese Verpflanzungen europaischer Cultur in andere Weltgegenden und unter Völker, welche entweder noch auf der ersten Bildungsstufe stehen oder einen ganz andern Weg gegangen sind, müssen als das kraftigste Mittel, die vielseitigste Entwicklung der Menschheit zu fördern, betrachtet werden. Wenn auch unter den Colonisten selbst ein leicht und durch sehr unsittliche Mittel erworbener Reichthum zu großem Sittenverderbniß geführt hat, so ist doch auch dadurch der erste Anfang zu außerordentlichen Fortschritten gemacht worden, und es ist mit Gewißheit vorauszusehen, daß endlich von diesen Punkten aus das Licht der Religion und die Wohl- that einer rechtlichen Ordnung sich unter Völker verbreiten werde, deren gegenwarti- gerZustand ein höchst beklagenswerther ist. Die Erziehung des Menschengeschlechts rückt sehr langsam vorwärts, aber sie bleibt doch bei keinem Volke ganz zurück, und für jedes kommt endlich eine Zeit des höhern Lichtes. Die Grausamkeiten der Pizarro «nd Cortez sind vorüber, und wenn heutzutage an Colonisation in fremden Welttheilen gedacht wird, so wird wenigstens die menschliche Behandlung der Eingeborenen gleichsam als ein Ehrenpunkt der Regierung festgehalten, und wenn auch nicht die Verbesserung ihres Zustandes der Hauptzweck einer solchen Unternehmung ist, so wird er doch auch bei keiner mehr ganz aus den Augen gesetzt, wie es in altern Zeiten geschah. In dieser Hinsicht haben sich die Grundsätze der Regierungen seit 50 Iahren außerordentlich verändert. Ein wichtiger Punkt des Völkerrechts wird auch nach und nach von einer ganz andern Seite betrachtet, als bisher. Es wurde in der ältern Zeit ohne weitere Untersuchung vorausgesetzt, daß alle Völker, die man mit dem Beinamen der Wilden bezeichnete, obgleich manche derselben einen hohen Grad von Cultur erreicht hatten, gegen die Europäer gar keine Rechte hätten, und daß es nur einer einseitigen Erklärung, einer Besitzergreifung bedürfe, um solche Völker zu Unterthanen der europaischen Mächte zu machen. Man siedelte sich an, man nahm das Land in Besitz, man unterjochte und vertrieb die Eingeborenen oder rottete sie aus, wie in Westindien, ohne ein anderes Recht als das des Stärkern für sich anzuführen. Wo schon eingeborene, zuweilen mächtige Fürsten herrschten, mußte freilich von ihnen die Erlaubniß zur Niederlassung erbeten werden, aber europäische Klugheit und Kriegskunst hat auch hier die freilich zum Theil noch jetzt mit Unwillen ertragene Herrschaft den neuen Ankömmlingen verschafft. So haben die Briten ihr Reich in Ostindien gegründet, welches doch seinen Bestand und seine Größe hauptsächlich dem Umstände zu danken hat, daß, wenn auch nicht Alles geschieht, was möglich wäre, um den Eingeborenen eine größere Sicherheit des Rechts zu gewähren und sie zur bürgerlichen wie zur moralischen Freiheit zu erziehen, doch das Bestreben der Regierung auf dieses hohe Ziel gerichtet ist. Dabei geht sie von dem sehr richtigen Grundsatze aus, den Eingeborenen keine fremdartige Cultur aufzudringen, sondern sie sucht dieselben auf ihrem eignen Wege weiter zu führen und das bereits Bestehende aus sich selbst zur höhern Vernunstmäßigkeit auszubilden, während sie auf andern Punkten, z. B. in Neuholland, die Cultur und die Institutionen Ältenglands zur Grundlage macht und machen kann, weil die Bevölkerung selbst aus Engländern besteht. Wenn man mit dieser Colonialpolitik Englands das von Andern befolgte System vergleicht, vornehmlich der Holländer in Java und andern Niederlassungen, wie diese ebenso wenig ein friedliches Ver- 474 Colonien, Colonisation M haltniß mit den Eingeborenen als eine feste Herrschast über sie gründen können, so zeigt sich jene in großer Ueberlegenheit, und auch hier scheint die Hauptsache darin zu liegen, daß England in der neuern Zeit auch in seinen Colonien eine wahre Regierung aufstellt, deren Zweck auf die Förderung der eignen nationalen Interessen der Colonie gerichtet ist, andere Völker hingegen nur eine Herrschaft behaupten wollen, welche allein den Vortheil des Mutterlandes beabsichtigt. In diese Verhältnisse hat sich bis jetzt die europaische Politik noch nicht eingemischt. Während in Europa keiner Macht gestattet wird, auf Kosten ihrer Nachbarn ihr Gebiet zu vergrößern, besteht eine stillschweigende Übereinkunft wenigstens zwischen den größern Machten, wodurch sie in dieser Hinsicht außer Europa völlig freie Hand behalten. So hat keine Macht den asiatischen Eroberungen Rußlands oder Englands widersprochen, und auch in der Hinsicht wurde dieser Grundsatz von England festgehalten, daß Spanien nicht gehindert werden sollte, seine amerikanischen Colonien wieder zu unterwerfen, wenn es dies mir eignen Schiffen und Truppen vermöchte. Aber eben bei dieser Veranlassung erklarte England, es werde nicht zugeben, daß andere europaische Machte Streitkräfte nach Amerika sendeten, und noch bestimmter sprachen die Vereinigten Staaten von Nordamerika diesen Grundsatz aus, sodaß also Amerika in seinem ganzen Umfange nicht allein in Beziehung auf die neuen aus spanischen Colonien entstandenen Staaten, sondern auch auf die Colonisation überhaupt, den europaischen Mächten ganzlich geschlossen zu sein scheint. Denn auch von den unermeßlichen Landern, welche im Westen der Vereinigten Staaten noch völlig unbewohnt sind und nur von unbeträchtlichen Stämmen der Urbewohner durchstreift werden, behauptet doch Nordamerika schon, daß ihm eine Oberherrschaft und das ausschließende Recht der Colonisation zustehe, und es widerspricht auch einer weitern Ausbreitung russischer Niederlassungen, welche auf der Westküste von Kamtschatka aus gemacht werden könnten. So ist das Ende der europäischen Colonisation in Amerika fast abzusehen,und diesewird wenigstens aufunbedeutende Niederlassungen beschränkt werden, sowie die neuen Staaten in Südamerika größere politische Consistenz gewinnen, während in Asien und dem indischen Archipelagus England immer mehr alle andern Nationen ausschließen wird, bis auch dort die Verhältnisse zur politischen Unabhängigkeit reif werden. Hingegen ist Afrika von europäischer Cultur und Colonisation nur eben erst berührt worden, und in diesem wundervollen Lande noch ein um so größerer Raum und um so mehr Aufsoderung dazugegeben, als die aus Afrika nach den Inseln und dem festen Lande von Amerika geführten Sklaven in der neuern Zeit der weißen Bevölkerung höchst gefährlich zu werden drohen. Die von Afrikanern abstammende Bevölkerung wächst, ungeachtet der größern Beschränkung des Sklavenhandels (denn von einer Abschaffung ist man trotz allen Bemühungen der englischen Regierung noch weit entfernt), in einem so bedenklichen Verhältnisse, daß, wenn nicht die kräftigsten Maßregeln ergriffen werden, die Schwarzen in wenig Generationen die Herrschaft in dem ganzen östlichen Südamerika erlangen müssen, und also auch hier die Colonisation wieder einen ganz neuen Charakter bekommen wird. Bei der Aussicht auf dieses Schicksal ist die Stimmung der Einwohner derjenigen Staaten von Nordamerika, wo man bisher die Negersklaven noch für unentbehrlich hielt, schnell eine ganz andere geworden. Bisher hatten diese südlichen Staaten von Nordamerika, Maryland, Virginien, Carolina, Georgien, daran so fest gehalten, daß mehrmals eine förmliche Trennung des Staatenbundes zu besorgen schien, indem der Senat bei der Aufnahme neuer Staaten die Bedingung machte, daß sie die Sklaverei nicht dulden sollten, das Haus der Repräsentanten aber jedesmal diese Clause! verwarf und für eine Überschreitung der Befugnisse des Congresses erklärte. Allein jetzt suchen sie, gewarnt durch das Beispiel von Haiti, von Südamerika und durch Das, was sich mehr in ihrer Nahe, in Jamaica vorbereitet, in Schrecken gesetzt, sich iilli ^ Communalgarden in Deutschland Componisten 475 so eilig als möglich von ihren Sklaven zu befreien. Was anfangs nur ein Werk der Menschenliebe war, höhere Cultur nach Afrika zu verpflanzen, die Gründung von Colonien für Ackerbau und Erziehung freier Neger in Sierra Leone, wird jetzt ein Werk der eignen Noch und Vorsorge für eigne Sicherheit. Es hat sich nach dem Muster der afrikanischen Association in England auch eine amerikanische Gesellschaft gebildet, welche am Cap Mefurado, etwa 30 Meilen südlich von Sierra Leone, eine ahnliche Colonie, Liberia (f. d.), angelegt hat. Dieser Gesellschaft haben alle südlichen Staaten von Nordamerika, nur Südcarolina ausgenommen, ihre sämmt- lichen Sklaven angeboten, um sie nach Afrika überzuschiffen, und da die Gesellschaft dies nicht auf einmal auszuführen im Stande war, so haben die Sklavenbesitzer in Virginien und Kentucky geeilt, ihr wenigstens die jüngsten und kraftigsten ihrer Sklaven zu überlassen, um sich ihrer zu entledigen. Ob aber Liberia wirklich ein Brennpunkt werden wird, von welchem Stralen höherer Cultur Afrika durchdringen können, möchte wol zweifelhafter fein, da Sierra Leone in dieser Hinsicht nur sehr langsame Fortschritte macht. Dem aber sei wie ihm wolle, so ist doch nicht nur der Zweck dieser Colonisation ein ganz anderer, als bei frühern bloß auf Gewinn und Herrschaft berechneten Unternehmungen, sondern die Rechte der altern Einwohner werden auch bei Anlegung derselben mehr geachtet. Der Boden wird den Häuptlingen abgekauft, und also gleich von vorn herein ein gerechteres Verhältniß gegründet. Dabei kommt allerdings auch zur Sprache, inwiefern Völker, welche auf einem ausgedehnten Lande bloß von Jagd und Viehzucht leben, mit Recht gezwungen werden können, neuen Ansiedlern Platz zu machen. Sollte wirklich bei einem Volke eine wahre Uebervölkerung eingetreten sein, sodaß der Boden zur Ernährung seiner Bewohner nicht mehr zureicht, so scheint es nicht ungerecht zu sein, solche Gegenden in Besitz zu nehmen, welche noch nicht angebaut sind; denn die Erde ist im Allgemeinen zur Ernährung des Menschengeschlechts bestimmt, und ein Volk hat nicht das Recht, andere Völker von einem Boden auszuschließen, den es selbst nicht braucht, wenigstens dann nicht, wenn es sich nicht selbst zu dem Fortschritte bequemt, welcher im Uebergange zum Ackerbau liegt. Nur der eigne Anbau des Bodens gibt auf denselben ein bleibendes Recht, und daher scheint es mit der Idee der Gerechtigkeit wohl vereinbar, wenn neben den Urbewohnern Neuhollands sich eine Bevölkerung niederläßt, mit welcher sie doch früher oder später selbst verschmolzen werden müssen. Dasselbe gilt von Afrika, dessen Urbewohner sich aus eigner Kraft auch nicht zu einer höhern Bildungsstufe erheben können, sondern selbst in Dürftigkeit und Mangel vergehen, bis sie durch europäische Colonisation weiter geführt werden. Selbst Strafcolonien (f.d.) haben in dieser Hinsicht, gegen Erwarten, nur wohlthätige Wirkung hervorgebracht, wovon Nordamerika selbst der glänzendste Beweis ist. (3) Communalgarden in Deuschland,s. Deutschland und Volksbewaffnung. Componisten, die bedeutendsten der neuesten Zeit. Indem wir diesen Artikel beginnen, liegt es uns zuerst ob, den allgemeinen Standpunkt, aus welchem derselbe gearbeitet worden, anzugeben. Zuvörderst mußten wir eine gewisse mittlere Linie der Bedeutsamkeit ziehen, die wir theils nach dem Werthe der Leistungen, theils nach der Verbreitung, die sie gefunden, bestimmten; nur denjenigen Componisten, welche diese Linie weit überragen, ist ein besonderer Artikel in diesem Werke gewidmet, auf welchen wir verweisen. Man wird daher unter den Nachstehenden manchen Namen finden, der, wenn er auch der Kunst wenig gilt, doch dem Publicum viel gelten muß, und umgekehrt. Zweitens haben wir den Grundsatz ins Auge gefaßt, uns weniger an die äußern, meist sehr unwichtigen Lebensumstände der Componi- . sten, als vielmehr an ihre Leistungen zu halten, und, wo nicht Ausnahmen es fo- dern, mehr eine Charakteristik dieser zu geben als uns auf umständliche biographi- 476 Componiften sche Angaben einzulassen, die oft nicht vielmehr bedeuten, als die Lebensereignisse des Greises in der Gellert'schen Fabel. Der Verfasser des Artikels ist durch seine Verhaltnisse in den Stand gesetzt, gute Musiker oft früher kennen zu lernen als das Publicum; mancher Name in den nachfolgenden Zeilen wird sich daher vielleicht erst nach längerer Zeit rechtfertigen. Erfreulich wird es uns fein, wenn diese Blatter dazu dienen können, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen. Adam (Ludwig), ist als der Begründer der neuern pariser Clavierschule zu betrachten. Er ist geboren im Jahr 1760 zu Mittersholz am Niederrhein. Schon frühzeitig ging er nach Paris, wo er fast fein ganzes Leben zugebracht hat. Durch Gossec und Cherubini besonders begünstigt, die, obwol seine Zeitgenossen, ihm an Ruf und der Erstere auch an Alter bedeutend voraus waren, wurde er Professor des Fortepianos am (lonservntoire, und hat eine große Anzahl von mehr oder minder talentvollen Schülern gezogen. Als Componist ist er durch eine nicht unbedeutende Anzahl von Claviersonaten und etudes bekannt geworden. Auch hat er unter dem Titel: „? ten Instrumentenmachers), nicht vertragen konnte, diesen Aufenthalt aufzugeben. Er hat seitdem in Berlin seinen Aufenthalt genommen. Als Componist vereint er glückliche Erfindung mit gründlicher Kenntniß der Harmonie. Er hat viele zum Theil sehr schwierige Clavierstücke, Concerte, Sonaten, ein treffliches Sextett und mehres dergleichen geschrieben. Eine große Oper, „Telephus", ist noch Manuscript, wird aber im Kurzen auf der berliner Bühne gegeben werden. Sie enthalt vortreffliche Stücke im ernsten Styl. — Bellini (Vincenzo), f. d. — Benedict (Julius), geb. 1805 zu Dresden, ein junger Componist von vielem Talent. Er war auf dem Fortepiano ein Schüler Hummel's, in der Compofition ein Schüler Maria von Weber's. Später ging er nach Wien, wo er eine Zeitlang privatistrte, einige Cla^ viercompofitionen herausgab und sich als Virtuos Ruf erwarb. Als sich die italienische Oper in Wien auflöste, ging er mit Barbaja nach Neapel, wo er eine Zeitlang die Oper dirigirte und auch eine eigne Oper: „(Ziacmtu eck Lä-nesto", auf die Bühne brachte, die jedoch wenig Beifall fand. Er hat noch zu wenig herausgegeben, als daß man in feinen Arbeiten einen entschiedenen Styl erkennen könnte. Eine Sonate z. B., die er Karl Maria von Weber dedicirt hat, verrath schönes Talent, doch scheint es ihm an Ernst zu fehlen, dasselbe geltend zu machen.—.Berger (Ludwig), f. d. — Berner (Friedrich Wilhelm), geboren zu Breslau am 16. Mai 1/780, gestorben am 9. Mai 1827. Er war ein ausgezeichneter Ela- vierspieler und Organist und hat sich namentlich auch durch Compositionen berühmt gemacht. Den größten Theil seines Lebens brachte er zu Breslau zu, wo er Organist an der Elifabethkirche und Universitäts-Musikdirector war, doch hat er auch mehre Reisen durch Deutschland gemacht und sich vielfach öffentlich hören lassen. Mehre Kirchencompositionen, als ein Tedeum, der 150. Psalm und andere, verdienen rühmliche Erwähnung. Auch als wissenschaftlicher Musiker war B. nicht ohne Verdienst. Eine schöne Zeit seines Lebens ist die, wo Maria von Weber, fein naher Freund, Capellmeister am Theater zu Breslau war, und wo er in gemeinsamem Streben mit ihm, Schnabel und andern Zeitgenossen die Kunst rüstig förderte. Er hat einen Schüler, Adolf Hesse, gezogen, auf den sich der Ruhm des Lehrers vererben wird. — Bö hn er (I. Louis), lebt jetzt, wie wir hören, zu Gotha. Er ist ausgezeichnet als Orgelspieler, Cla- viervirtuos und als Componist. Der höchst wunderbare, seltsame Charakter dieses Mannes, der sich oft ganz in seinen künstlerischen Phantasien und Träumen zu vergessen pflegt, soll dem berühmten Hossmann das Vorbild zu feinem Capellmeister Kreißler geliefert haben. Der innere Zwiespalt, auf den man aus dieser Notiz schließen kann, ist vielleicht das einzige Hinderniß, daß B. nicht an Ruf die meisten feiner Zeitgenossen weit überboten hat. — Chelard wurde um 1790 geboren und ist ein Zögling des (/onserviUmre zu Paris. In seinerJugend gewann er den großen Preis der Akademie und brachte später eine Opera buffa mit Beifall auf die Bühne. Dieser Componist hat sich eigentlich nur durch ein einziges größeres Werk, die Oper „Macbeth", welche in München, wo derselbe Capellmeister ist, vielen Beifall gefunden hat, bekannt gemacht. In Paris wurde diese Oper früher nur einige Male gegeben, wozu der Umstand beigetragen haben soll, daß Rouget de l'Jsle, der Verfasser der Marseillaise, den Text dazu geschrieben hatte, was zu einer Kabale gegen das Werk Anlaß gab. Dieses Werk ist in einer Mischung des neuern französischen großen Opernstyls mit dem der deutschen romantischen Oper geschrieben, und verrath viel Talent, wiewol ein zu starkes Streben nach grellen, wilden Effecten, sowol in der Composition selbst als in der Instrumentation, in dem Werke vorherrscht. Im Jahr 1831 wurde C. als berühmter Tonsetzer zur Mitdirection des von dem Musikdirektor Naue zu Halle in Erfurt veranstalteten sogenannten thüringischen Musikfestes berufen, wo er ein Kirchenstück von seiner Composition aufführte, das dieselbe Richtung, wiewol in einem andern Gebiete, be- 478 Componisten kündete. Cherubini(s. Bd. 2). Die letzten Leistungen dieses Meisters, der bereits 72 Jahre alt ist, haben nicht mehr die Frische der Phantasie. Er beschäftigt sich nur noch mit Kirchencompositionen, die noch immer sehr gediegen und nicht entblöst von erfindender Kraft sind. Als Lehrer wirkt C. noch jetzt sehr thätig auf bereits ausgebildete Künstler, die seinen erfahrenen Rath gern hören (z. B. Meyerbeer, Herold, Auber u. A.). — Elafing (Johann Hermann), ist 1779 zu Hamburg geboren; er hat sich befonders als Theoretiker und Lehrer, weniger als Komponist hervorgethan. Namentlich hat er sich durch gute Auszüge und Bearbeitungen der Handel'schen Oratorien verdient gemacht; sein Clavierauszug vom „Messias" ist der beste, den man hat. Auch hat er sich um die Instrumentation dieses Werkes, wie die Fortschritte der Kunst dieselben bedingen, Verdienste erworben. Die eignen Oratorien C.'s sind ehrenwerthe Arbeiten, zeugen aber nicht von bedeutender Erfindung und sind daher auch wenig bekannt geworden. Er ist am 7. Febr. 1829 gestorben. — Clement» (s. Bd. 2). Dieser Vater und Begründer des schönen Clavierspiels ist am 9. Marz 1832 zu London gestorben, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens mit geringer Unterbrechung zugebracht hat. Es wurde ihm eine große musikalische Gedächtnisfeier gehalten und seiner Leiche folgten alle angesehenen Künstler Londons. — Czerny (Karl), berühmter Clavierspieler und Claviercomponist zu Wien, geboren um das Jahr 1790 (nach Einigen ein Un« gar, nach Andern ein Böhme), darf nicht verwechselt werden mit dem 1831 verstorbenen Jose pH Czerny, der gleichfalls einige Claviercompositionen, allein von geringer Zahl und Bedeutung, herausgegeben hat, Musikhändler in Wien, und nicht der Bruder Karl Czerny's, ja nicht einmal mit ihm verwandt war. Karl C. ist, »venn nicht der beste, doch wenigstens bei weitem der beliebteste neuere Claviercomponist, wenigstens bis jetzt gewesen; nachgerade da Viele seine Bahn betreten haben, läßt die Vorliebe für ihn nach. Man kann ihn den Gelinek dieses Jahrzehends, ja gewissermaßen den Rossini der Clavierspieler nennen. Er hat gegen 240 Werke herausgegeben, meist Bearbeitungen beliebter Themata zu Rondeaus, Variationen, Divertissements u. dergl. Unter dieser Masse oberflächlicher, aber angenehmer Compositionen finden sich jedoch hier und da einige gründlichere, zu denen es dem Componisten nicht an Talent fehlt. Er ist ein ausschließlicher Verehrer des großen Beethovei», was man jedoch aus seinen Arbeiten nicht vermuthen sollte. Als Clavierspieler ist C. tüchtig, wiewol nicht ausgezeichnet zu nennen; als Lehrer hat er sich viele Verdienste erworben. — D eso rm ery ist ein unstreitig sehr talentvoller und gebildeter, muthmaßlich noch junger Componist zu Paris, der aber, wenn er viele ahnliche Werke herausgibt, wie seine im Nachstich zu Leipzig erschienenen etulles fürs Fortepiano, sich unstreitig einen berühmten Namen erwerben wird. — Doni- zetti, einer der neuern italienischen Componisten, der mehre Opern geschrieben hat, die zum Theil auf den Theatern Italiens, einige auch in Paris und Dresden, aufgeführt worden sind. Mehre derselben haben Glück gemacht, als „II governo üella casa", „üllvicla", „Otto Fiorm in Une vre" u. a. Seine neueste Oper, die viel Aufsehen erregt hat, ist ,Anna Lolena". D. wird mit Bellini gleichen Alters, also etwa um das Jahr 1800 geboren sein. Im Styl seiner Compositionen halt er sich, nach Dem, was uns bis jetzt davon bekannt geworden ist, an die neuere italienische Schule, und nimmt etwa einen Mittelweg zwischen Paer und Rossini. — Dorn (Heinrich), geboren zu Königsberg am 4. Nov. 1804, jetzt Musikdirector zu Leipzig. Er zeigte schon früh bedeutende musikalische Anlagen, die durch eine sorgfältige Erziehung ausgebildet wurden. In Berlin bildete er sich mehr durch den belehrenden Umgang mit Männern wie Bernhard Klein, Ludwig Berger u. A. als durch strenge Benutzung ihres Unterrichts aus. Seine erste Oper: „Die Rolandsknappen", wurde daselbst auf dem königftädter Theater mit Beifall gegeben. Späterhin wurde er Musikdirector am Theater zu Königsberg und schrieb für Componisten 479 dasselbe eine Oper von Holter: „Die Bettlerin". Außerdem hat er eine Oper von L. Bechstein: „Abu Kara", die Oper „Artaxerxes" und mehre Instrumentalftücke componirt. Alle verrathen sehr viel Talent, jedoch um wirklich bedeutend zu sein, müßte der Verfasser einen großem Ernst auf seine Arbeiten verwenden. Wenn er sich dazu entschlösse, so zweifeln wir nicht, daß er dereinst einer der ausgezeichnetem Musiker Deutschlands sein würde. — Dotzauer, als Componist für das Cello bekannt. — Ey bler (Joseph), geboren um 1790, ist erster Hof- capellmeister zu Wien und hat sich besonders durch dieCompositionenvielerKirchen- ftücke in gediegenem Styl, namentlich vieler Messen ausgezeichnet, die eine sehr gründliche Schule verrathen, sich jedoch dem Charakter der Messen von Joseph Haydn fast zu sehr annähern. Jndeß hat er auch mehre Jnstrumentalcomposi- tionen herausgegeben. So viel wir wissen, hat er in früherer Zeit den gediegenen Unterricht Salieri's benutzt. — Fesca (Friedrich Ernst), f. d. — Field (John), f d. — Fink (Gottfried Wilhelm), geboren 1781 zu Sulza an der Ilm. Er war vormals Prediger, widmete sich aber vorzüglich dem pädagogischen Fach und war längere Zeit Vorsteher einer Erziehungsanstalt in Leipzig. Der musikalischen Welt wurde er um das Jahr 1810 zuerst durch seine vortrefflichen geselligen Lieder bekannt, die bald in aller Munde waren. Jndeß beschäftigte er sich mehr mit der Theorie, wozu ihn fein Verhältniß als Nedacteur der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" im Verlag von Breitkopf und Härtel auch noch besonders anregen mußte. Auch als Verfasser gelehrter musikalischer Schriften hat sich F. rühmlichst ausgezeichnet, und noch jüngst ein interessantes Werk: „Erste Wanderung der ältesten Tonkunst" (Essen 1831), herausgegeben. — Gansbacher (Johann), ungefähr 1785 zu Sterzing in Tirol geboren, war ein Kunst- und Studiengenosse Karl Maria von Weber's und Meyerbeer's, mit denen er gemeinschaftlich, besonders zu Darmstadt, Vogler's Unterricht genoß. Weber schätzte dessen Talent sehr hoch, indes hat es doch G. nicht sehr geltend zu machen gewußt. Es sind Sonaten fürs Fortepiano, Lieder, größere Gesangftücke, auch Kirchencompositionen von ihm erschienen, die man schätzbar nennen darf, welche jedoch nichts Ausgezeichnetes haben. Gegenwärtig lebt er zu Innsbruck als Capellmeister an der dortigen Hauptkirche. — Gläser (Franz), geboren 1792, war früher Musikdirektor am leopoldstädterTheater in Wien, und ist seit 1830 Capellmeister am königstädtischen Theater in Berlin. Er hat eine große Menge von Localopern componirt, wosür er ein gefälliges Talent besitzt. Dahin gehören: „Heliodor", „Die steinerne Jungfrau", „Peter Stieglitz", „Staberle als Physiker" u. dergl. m., die jedoch für die Kunst keine Bedeutung haben, fondern nur auf den Augenblick und die Verhältnisse berechnet sind. — Go s- se c (s. Bd. 4), der Altvater der französischen Componisten. Er ist 1829 zu Passy bei Paris gestorben. — Guhr (Karl Wilhelm Heinrich), Capellmeister zu Frankfurt am Main. Ist mehr als gewandter Musiker überhaupt, als vortrefflicher Orchesterdirigent, weniger aber als Componist und Virtuos zu schätzen, wiewol er auch in letzten beiden Beziehungen Vieles geleistet hat. Man muß ihn einen guten Fortepiano- und Violinspieler nennen, in einem Grade, wie beides äußerst selten vereinigt ist. Vielleicht, hätte er sich entschließen können, sich einem dieser Instrumente ausschließend zu widmen, würde er darin ein vorzüglicher Meister gewor- den sein. Er besitzt große Fertigkeit im Partiturlescn, ein äußerst sicheres Ohr und ein vortreffliches musikalisches Gedächtnis. So wurde es ihm möglich, die meisten Stücke, die Paganini spielte, selbst seine verwickeltsten und schwierigsten Passagen, nach dem Gehör ziemlich treu nachzuschreiben. Dieses benutzte er zur Herausgabe einer Violinschule, worin er Paganini's mechanische Hülfsmittel sehr glücklich ent- rathselte. Auch versuchte er selbst sich in einem Conccrte ü !a?a^anmi hören zu lassen, was jedoch misglückte, indem er zwar dieselben Dinge ausführte, durch welche Paganini in Erstaunen setzte, aber so unvollkommen und unrein, daß nirgend 48V Componiften mehr als hier das Sprüchwort eintrat: 8i (Zuofaciunticlem, nov estiüem. Nichtsdestoweniger bleibt seine Violinschule ein sehr schätzbares, und bedenkt man die Art, wie sie entstand, wahrhaft erstaunenswerthes Werk. G. hat einige Opern compo- nirt, die jedoch wenig Glück gemacht haben und deshalb unerwähnt bleiben können. — Gyrowetz (Adalbert), geb. um 1755 zu Budweis, Capellmeister zu Wien. Er war eine Zeitlang ein sehr beliebter Componist im leichtern Styl, den er besonders nach den Italienern, die zu seiner Zeit den größten Einfluß hatten, z. B. Ci- marosa, gebildet hat. Er componirte viele Opern, unter denen: „I! Knw 8temis- las", „Agnes Sorel", „Der Augenarzt", „Der blinde Harfner", „Aladdin" u. a. Auch Göthe, den er in Neapel kennen lernte, wollte sich zu einem gemeinschaftlichen Werke mit ihm vereinigen, welches jedoch nicht zu Stande kam. In neuerer Zeit hat die Musik zu mehren Ballets, welche G. geliefert, gleichfalls großen Beifall gesunden. Seine zahlreichen Claviercompositionen, Quartetts, Trios u. s. w. werden noch immer geschätzt; minder seine Symphonien, die zu bedeutend überragt worden sind. — Herold, geboren ungefähr 1785—90, ein Schüler des pariser (!onservatoire, ward in der Composition besonders von Cherubini unterrichtet. Es läßt sich in ihm ein glänzendes Talent nicht verkennen; man versprach sich aber anfangs mehr als er jetzt halten zu wollen scheint. Seine Oper „Marie, oder verborgene Liebe", wurde überall mit gerechtem Beifall aufgenommen. Sie zeichnet sich durch natürliche Behandlung, Unschuld und Freiheit der Melodie, wie auch durch eine geschickte Führung der Stücke im Ganzen aus. Auch seine Musik zu dem Ballet: „Die Nachtwandlerin", ist zu loben. Auber's glänzender Erfolg aber, so scheint es, bestimmte ihn, ein Nachahmer desselben zu werden und diesen Künstler durch verstärkte Effecte zu überbieten: eine Täuschung, in welche so Viele leicht versallen. Der verdorbene Geschmack des pariser Publicums, dem mittlere Talente freilich nicht einzeln steuern können, sondern, wenn sie bemerkt sein wollen, zu folgen gezwungen sind, that auch das Seinige dazu. So ist er in seinen neuern Produkten, z. B. „Die Täuschung", sehr verderbten Grundsätzen gefolgt; Alles erscheint erzwungen, affectirt, verrenkt. Noch mehr ist dies in seiner letzten Oper „Zampa", die 1830 zu Paris, 1831 zu Berlin gegeben wurde, der Fall, wo das crasse, der schlechten Gattung der Melodramen angehörende Sujet diese Fehler noch potenzirt hat. Dennoch läßt sich erfindendes Talent ihm nicht absprechen, und man darf glauben, daß er, falls er eine richtigere Bahn einschlägt, dereinst noch sehr Schätzenswerthes leisten kann. — H e sse (Adolf), geboren im Jahre 1809 zu Breslau, wo sein Vater ein äußerst geschickter Orgelbauer ist. Da der Knabe frühzeitig bedeutendes Talent entwickelte, nahm sich der berühmte Berner seiner an und gab ihm Unterricht in der Composition wie im Orgelspiel. Diese Bemühungen trugen reichliche Früchte, denn jetzt ist H. unstreitig einer der ausgezeichnetsten, vielleicht der ausgezeichnetste Orgelspieler in Deutschland. Im Jahr 1829 machte er, durch das Ministerium unterstützt, eine große Kunstreise durch Deutschland und Holland, besichtigte und spielte die berühmtesten Orgeln und erntete überall den größten Beifall ein. Er befindet sich 1832 auf einer ähnlichen Reise. H. ist zugleich so gründlich gebildet und fertig im Satz, daß er über jedes gegebene Thema sofort eine gute Fuge extemporirt. Als Componist hat er bis jetzt noch wenige, aber sehr schätzbare Sachen geliefert, z. B. Orgelvorspiele und Orgelstudien. Auch ein Quatuor von gründlicher Arbeit ist im Stich erschienen. Ein eigner Styl offenbart sich in diesen Compositionen noch nicht; vielmehr tritt eine fast zu große Vorliebe für Spohr darin hervor; doch gelingt es auch nur den ausgezeichnetsten Genien, in so jungen Jahren eine Individualität des Schaffens auszuprägen. Es steht zu hoffen, daß H. dereinst ein sehr wackerer Componist werden wird; nur würde ihm dszu allerdings ein Posten förderlich sein, wo er mehr und vielseitigere Musik zu hören Gelegenheit hatte Componisten 481 als in seiner Stellung als Organist der Elisabethkirche zu Breslau.— Hiller, ein junger deutscher Componist zu Paris, Schüler Hummel's auf dem Pianoforte ^ts^. und in der Composition, der dem in der Geschichte der Musik so berühmt geworde- nen Namen Hiller einen neuen Glanz zu verleihen bestimmt scheint. Es sind uns bis jetzt nur ewtles für das Pianoforte und ein Quartett für Pianoforte, Violine, Bratsche und Cello zu Gesichte gekommen, die jedoch beide ein reiches, gründ- lich gebildetes Talent verrathen. Im Januar 1882 gab er zu Paris ein Concore, in welchem er sich mit Kalkbrenner zugleich hören ließ und mehre Jnstrumental- Hfltz,, compositionen von seiner Arbeit aufführte, die die allgemeine Anerkennung der Z» itz„. Kritik gefunden haben. Unter andern war eine Ouvertüre zum „Faust" von Göthe sch darunter. — Hunte n (Franz), einer der neuesten Claviereomponisten, der eine Anzahl von Rondeaus, Divertissements, Variationen u. s. w. geschrieben hat, die fast alle zu Mainz erschienen sind. Da diese Produktionen nur Modewerth und nur ein Modepublicum haben, so können wir uns eines nahern Eingehens auf dieselben überheben. — Hu m m e l (Johann Nepomuk), s. Bd. 5. — Kal - liwoda (Johann Wilhelm), Capellmeister des Fürsten von Fürstenberg, ein Zögling des Conservatoriums zu Prag. Er ist um das Jahr 1795 geboren. Erst seit einigen Jahren ist sein Name in der musikalischen Welt viel genannt, indem er zu den sogenannten modernen Componisten gehört und namentlich für Violine und Fortepiano sehr brillante Concertstücke in großer Anzahl geschrieben hat. Es verräth sich in denselben viel eigenthümliches Talent, womit er gewiß Gründlicheres und Besseres zu leisten vermöchte, wenn er sich nicht ausschließend dem Geschmacke des Tages unterordnete. Seine Concerte haben neben der Eigenschaft, glänzend und dankbar zu sein, auch eine sehr effektvolle Instrumentation. — Klein (Bernhard), s. d. — Klengel (August Alexander), Hoforganist zu Dresden, geboren 1784, Sohn des berühmten Landschaftsmalers daselbst. Er ist ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Pianoforte und vortrefflicher Organist. In Beziehung auf das erstere Instrument ist er Clementi's Schüler, mit dem er im Jahr 1804, zugleich mit Ludwig Berger (s. d.), nach Rußland und insbesondere nach Petersburg ging, wo er lange Zeit als Virtuos und geachteter Lehrer lebte. Spaterhin veranlaßten ihn Familienverhältnisse, nach seiner Vaterstadt Dresden zurückzukehren. Bis dahin hatte er nur achtungswerthe Compositionen für das Pianoforte herausgegeben; jetzt aber warf er sich, durch seine Stellung als Organist zunächst veranlaßt, mit ganzem Eifer auf den Contrapunkt, und brachte es darin zu einer erstaunenswürdigen Höhe. Kenner, die seine große Sammlung von Fugen gesehen haben, setzen sie den Arbeiten Sebastian Bach's an die Seite. Dem äußerlichen, weiter verbreiteten heitern Wirken der Kunst haben Eigenthümlichkeit des Charakters und der Ernst dieser Studien den talentvollen Mann seit den letzten Jahren fast ganz entzogen. — Kreutzer (Konradin), j. Bd. 6, Capellmeister zu Wien, vormals zu Stuttgart und Donaueschingen, geboren um 1790. Obwol man nicht leugnen kann, daß dieser Componist viel angenehmes Talent besitzt, so hat er doch in einer gewissen Zeit einen größern Ruhm erlangt, als seinem Verdienste zukam. Seine Compositionen der Uhland schen Lieder nämlich waren es, die sich ungemeinen Beifall erwarben und in ganz Deutschland verbreitet und gesungen wurden. Allein auch Uhland's Gedichte wur- den dadurch erst bekannt, und ihnen verdankt der Componist unbezweifelt einen großen Theil des entschiedenen Erfolgs, den er noch vermehrte, als er zu jener Zeit eine Kunstreise durch ganz Deutschland unternahm, wo er sich in vielen Städten öffentlich als Clavierspieler hören ließ, und in allen Privarcirkeln, zu denen er eingeladen ward, jene Lieder mit angenehmer Stimme und gefälligem Vortrag ^ lang. Sie gefielen durch manche Neuheit der Wendungen, durch leichtfließende Me- ^i>! ^ lodie, zumal aber durch die reizenden, bis dahin gar nicht gekannten Gedichte, wie Eonv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. ZI 482 Compomsten denn bei der Composi'tkon des Lieds der Text höchst wesentlich ist; eine tiefere poetische Auffassung vermögen wir nicht darin zu entdecken. Spaterhin gab K. eine große Anzahl von Liedern, Clavierstücken u. f. w. heraus, componirte auch mehre Opern, als „Orestes", „Äfop", „Cordelia" (ein ganz kraftloses, verkehrtes Werk), „Die Alpenhütte" (von Kotzebue), „Libussa", „Der Taucher" (nach Schiller) u. a. m. Alle diese Composi'tionen kamen ins Publicum, da der einmal berühmt gewordene Name des Compomsten sie einführte, doch keine einzige hat sich selbständig geltend gemacht, wiewol die meisten an Werth jenen frühern Arbeiten nicht nachstehen. Als Claviervirtuos ist K. nur den mittlem Talenten beizuzählen. Sein neuerfundencs Instrument, Panmelodion genannt, ist von einem sanften, flötenartigen Ton und ahmt die Wirkung entfernter Blasinstrumente oft sehr glücklich nach. K. lebt gegenwartig zu Wien und ist fortwahrend als Compo- nistthätig.— Kreutz er (Rudolf), f. Bd. 6, einer der größten Violinspieler und schatzbarer Componist, geboren 1767 zu Versailles, gestorben im Herbste 1831 zu Genf. — Kuhlau (Friedrich»), geboren um 1786, ein geschätzter Virtuos auf der Flöte, mehr aber noch bekannt durch seine sehr zahlreichen Compositionen mancherlei Gattung. Er lebte zu Kopenhagen, wo er 1832 im März starb. Seine Sonaten mit Begleitung der Flöte, Duetts für Violine und Flöte, Quartetts, Solos u. f. w. sind sammtlich in einem reinen, leichten und doch nicht ungründlichen Styl geschrieben. Er besitzt das Talent, seine Stücke gut zu formen, Theil und Ganzes in zweckmäßige Ubereinstimmung zu bringen. Darum ist er einer der beliebtesten Tonsetzer für das Publicum, wiewol man ihm bedeutende Erfindungsgabe nicht zusprechen kann. Im Fache des Gesanges ist er weniger glücklich, weil es ihm an der feinern Auffassung des Liedes fehlt. Auch eine Oper von Ahlenschläger: „Die Räuberburg", hat er geschrieben und in Kopenhagen auf die Bühne gebracht. In Deutschland ist dieselbe jedoch wenig bekannt geworden. K. machte 1829 eine Reise durch Deutschland, weniger um sich hören zu lassen als um Manches zu hören, und den Austand der Musik in verschiedenen Städten kennen zu lernen. — Lindpaintner (P.), geboren um 1790, Hofcapellmeister zu Stuttgart, einer der geschätztesten jetzt lebenden Compomsten. Er war ein Mitgenosse und Freund Karl Maria von Webcr's, und beide haben sich gegenseitig gewiß Manches zu verdanken. L. hat eine große Anzahl von Opern, Symphonien, Entreacts, Ballets u. s. w. geschrieben. Sein Talent neigt sich vorzugsweise zum angenehm Melodischen, doch besitzt er auch Feuer und Kraft. Von seinen Opern werden die „Pflegekinder", „Sulmona", „Alexander in Ephesus", „Der Bergkönig" und „Der Vampyr" genannt. In letzterer wetteifert er mit Marschner, dessen Oper im Allgemeinen jedoch den Vorzug erhalten zu haben scheint. Besonders verdient hat sich L. um die deutschen Orchester gemacht, indem er ihnen eine große Anzahl von kürzern Stücken geliefert hat, die nicht zu schwer auszuführen und dabei wohlklingend und effectreich als Entreacts von der besten Wirkung sind.— Lob e(I. C.), Flötist in der Capelle zu Weimar, geboren 1798, zeigte viel Talent und ward daher von dem verstorbenen Großherzoge unterstützt, fodaß er mit mehren Kunstgenossen 1821 eine Reise nach Wien machen konnte. Er componirte 1822 die Oper „Wittckind", deren Text gleichfalls sein Werk ist; sie wurde als erster Versuch eines jungen Mannes günstig aufgenommen. Talent, besonders zum Tragischen, ließ sich vielfach darin wahrnehmen; doch fehlte es noch an Gewandtheit in der Behandlung der Singstimmen, und an Gestaltung der Stücke. In einer spatem Oper: „Die Flibustier", nach Vandervelde's Erzählung von Gehe, waren diese Fehler schon sehr ausgeglichen. L. hat auch mehre Inftrumentalftücke herausgegeben, die sammtlich von einem ernsten, gediegenen Talent zeugen. — Löwe (Karl), geboren etwa 1796, ist gegenwärtig Musik- director zu Stettin. Sein Lehrer war Türk in Halle, wo er auf der Universität Componisten 483 ^>s>w, U ckch. ?l. B. Marx, den spätem Redacteur der „Berliner allgemeinen musikalischen Zeitung" kennen lernte. Dieser machte zuerst auf L.'s in der That erfindungsreiches Talent aufmerksam, nachdem das erste Heft seiner Balladen, darunter „Der Erlkönig" von Göthe, erschienen war. Obgleich Marx den Werth dieser Composi'tionen wohl überschätzte, indem sie aus ästhetischem Standpunkte schwer zu vertheidigen sind, so ist doch das musikalische Talent darin unverkennbar, und sie wurden mit Beifall aufgenommen. L. ließ hierauf mehre ahnliche Arbeiten folgen und gab auch Lieder, Sonaten, Jnstrumentalstücke heraus, die alle von Werth sind. Sein Vorbild ist vorzüglich Beethoven, wie sich derselbe in seiner letzten Kunstperiode zeigte. Daß ein solches Vorbild, wo das Genie sich mehr im Verachten als im Befolgen der Gesetze groß zeigt, ein minder kühnes Talent irre leiten müsse, darf kaum bezweifelt werden. Es wäre sehr zu bedauern, wenn L., indem er dieser falschen Bahn folgt, verloren ginge. Seit Jahren hat er eine große Oper geschrieben und der Bühne in Berlin eingereicht; doch die schlechte Verwaltung derselben in Hinsicht auf das Musikalische ist dem Aufkommen jüngerer Talente durchaus im Wege. Im Mai 1832 wurde in Berlin am Bußtage ein großes Oratorium von L. gegeben, „Die Zerstörung Jerusalems" betitelt. Es rechtfertigte das obige Urtheil. Jndeß würde das Werk doch nicht ohne Wirkung gewesen sein, wenn das Gedicht (von Nicolai) nicht so absolut abgeschmackt und unsinnig gewesen wäre. — Marschner (Heinrich), s. d. —- Ma rx (Adolf Bernhard), geboren 1795 zu Halle, studirte Composition unter Türk's Leitung daselbst. Der musikalischen Welt wurde er zuerst durch seine thätige, eifrige, geistreiche Leitung der oben erwähnten musikalischen Zeitung bekannt; indessen kann man die eignen Ansichten des Redacteurs oft für nichts Anderes, als für geistreiche Verirrun- gen halten, und auch die Unparteilichkeit derselben läßt sich in starke Zweifel ziehen. Wahrend dieser fortlaufenden Thätigkeit, die vom Jahre 1824 — 31 anhielt, versuchte M. sich auch als Eomponist geltend zu machen. Er schrieb eine kleine Oper.' „Jery und Bätely", die jedoch völlig verunglückte, eben so eine andere, zu der Fouque die Dichtung geliefert. Zugleich gab er eine umfassende Gesangslehre heraus, die jedoch neben manchem Geistvollen sehr viel Verkehrtes enthält. Verdient machte er sich durch den Clavierauszug der großen Passionsmusik von Sebastian Bach. Einige im Stich erschienene Composi'tionen streifen durch das«zu gewaltsame Bestreben nach Genialität an das Lächerliche. Seit dem Jahr 1830 ist M. Professor der Musik an der berliner Universität; ob er dieser Stellung genügen kann, muß die Zeit lehren. Jedenfalls hat er das Verdienst, in der Musik sehr Vieles angeregt zu haben, und wird, wenn er zu einer richtigem Würdigung seines eignen Standpunktes gelangen kann, vielleicht einmal selbst noch Tüchtiges leisten. — Maurer (Ludwig), f. d. — Mayseder, f. d. — Mendelssohn- Bart hold y, s. d. — Mercadante, s. d. — M ethfessel (Albert Gottlieb), geboren im Jahr 1788 zu Stadt-Ilm, sechs Stunden von Erfurt, vormals Musikdirektor in Rudolstadt, dann geschätzter Gesanglehrer in Hamburg, und jetzt Ca- pellmeister in Braunschweig, hat sich mehr dem Publicum der Musikliebhaber als der eigentlichen Musiker, sehr vortheilhaft durch angenehme Gesangscompositionen bekannt gemacht. Größere Werke desselben, wie z. B. eine Oper i „Der Prinz von Basra", ein Oratorium u. dgl., haben weniger Erfolg gehabt. Allein die Lieder mit Pianoforte- und Guitarrenbegleitung, sowie seine vierstimmigen Gesänge für Manner und ahnliche kleinere Composi'tionen sind in ihrer Gattung sehr werthvoll. Er besitzt ein schätzbares Talent, frei auf dem Pianoforte zu phantasiren und Gesänge, wozu er bekannte Gedichte wählt, dabei zu extem- poriren. — Meyer beer (f. Bd. 7), hat in der neuesten Zeit durch die Composition der Oper: „Rodert le vi-rdle", von Scribe, großes Aufsehen in Paris erregt. Nach zwei Monaten war die Oper bereits 30 Mal bei überfülltem Hause 3? * !> / 484 Componisten gegeben. Ob der Erfolg dem äußern Glänze der Ausstattung, der Aufführung und andern Zufälligkeiten oder dem intensiven Werths der Arbeit zu danken sei, läßt sich vor der Hand, da dieselbe in Deutschland noch nicht bekannt geworden, nicht entscheiden. — Morlacchi (Francesco), Capellmeister zu Dresden, ist zu Perugia im Kirchenstaate im Jahr 1784 geboren. Er hat zwar viele Opern compo- nkrt, keine ist jedoch weit über den Bereich des dresdener italienischen Theaters hinaus gelangt. Früher war er ein guter Sänger. Von seinen Opern werden genannt -. „Ovlombo", „Ruteinlo 61 Älesslna", „1 8araceni in Licllia", „Iltla 6'tlvanellv", „I.a gsioventu 61 Lnrlco V." „'I'ebaldo e6 Isolina" brachte er auch in Paris auf die Scene, jedoch ohne irgend einen Erfolg. Auch einige angenehme Lieder und mehre Messen für die katholische Kirche in Dresden hat M. componirt. Diese letztern aber sind, da die für jene Kirche componirten Musiken das Eigenthum derselben bleiben, nicht weiter bekannt geworden. — Moscheles (Jgnaz), s. Bd. 7. — Mosel (Jgnaz Friedrich von), im Jahr 1829 zu Wien verstorben, darf als Musikgelehrter und als trefflicher Bearbeiter und Übersetzer mehrer Händel'schen Oratorien nicht vergessen werden. Seine Compositionen sind nicht bedeutend. Von seinen Schriften ist seine Biographie Salieri's, und die gelehrt bearbeitete Übersetzung von Castil-Blaze's „Geschichte der Musik" bemerkenswerth. — Mosevius (Johann Theodor), geboren 1788 zu Königsberg in Preußen, ist als ein wackerer Theoretiker, und praktisch als Lehrer wirkend, der Tonkunst sehr förderlich gewesen. Er war vormals Sänger und Schauspieler, verließ jedoch diese Laufbahn und widmete sich ganz den strengern musikalischen Studien. Jetzt ist er Musikdirector an der Universität zu Breslau, wo er seit Jahren eine allgemeine Achtung wegen seines vielfach fördernden Wirkens genießt. Auch als musikalischer Schriftsteller ist M. besonders durch gehaltvolle journalistische Arbeiten bekannt. — Mozart (Wolfgang Amadeus), Sohn des großen Mozart, ist geboren zu Wien im Jahr 1792. Er widmete sich der Musik und würde mit einem andern Namen als Componist und als Clavierspieler mehr beachtet worden sein, da er in beiden Fachern achtungswerth ist, wiewol er nur wenige Compositionen (Lieder, Clavier- sachcn) herausgegeben hat. Er lebt in Lemberg als Musiklehrer; auch hat er daselbst einen Gesangsverein gegründet, den er als Vorsteher leitet. — Müller (Wenzel), ist Musikdirector zu Prag, und besonders als Componist des „Neuen Sonntagskindes" berühmt geworden. Er hat eine große Menge ähnlicher Opern geschrieben, welche für die Kunst zwar nicht bedeutend, aber der Volksbühne sehr wichtig geworden sind. Dahin gehören: „Die Schwestern von Prag", „Das Sonnenfest der Brammen", „Die travestirte Zauberflöte", „Der Fagottist, oder die Zauberritter" u.dgl.m. — Müller (W. Christian), Doctor der Philosophie und ehemaliger Dommusikdirector und Professor am Lyceum zu Bremen, geb. 1752 im Meiningischen, hat sich durch viele kleinere Compositionen, mehr aber noch als musikalischer Schriftsteller von Geist und als Reisebeschreiber (indem er Deutschland, Frankreich und zumal Italien auf höchst eigcnthümliche Art durchwanderte) berühmt gemacht. Sein neuestes Werk: „Ästhetisch-historische Einleitung in die Wissenschaft der Tonkunst" (2 Bde., Leipzig 1830) ist sehr beachtenswert!). — Neukomm (Sigismund von), lebt fortwährend zu Paris (s. Bd. 7). — Onslow (Georg), s. Bd. 8. — Paccini (Giovanni), einer der neuern italienischen Componisten, die, indem sie auf der Bahn Rossini's fortschreiten oder dessen Wendungen und Hülfsmittcl glücklich reproduciren, manchen Erfolg erreicht haben. Er ist um 1795 geboren und jetzt Capellmeister bei der Herzogin von Lucca. Seine Opern : „lba Vestale", „Isabella e6 Lni-ico", „lAemlstocle", „Dltlmo Awr- no 61 ?ompe1", „?aIeFname 61 I^ivema" und besonders „<311 ^rabl nelle <3al!ie" sind aus vielen italienischen Theatern und auch durch die italienische Truppe in Paris mit Beifall gegeben worden. — P a c r (Ferdinand), s. Bd. 8.— Paga- Componisten 485 nini (Nicolo), s. d. — Panny, s. d. — P anseron (Heinrich), Tonkünftler zu Paris, zeichnet sich besonders durch beliebte Romanzen aus, in welchen er den Geschmack der Pariser zu treffen weiß. Was wir in Deutschland von seinen Com- posi'tionen gesehen haben, würde ihn nicht berühmt machen. Wir fanden wenig natürliche Melodien, dagegen viele gesucht pikante Wendungen, bisweilen aber auch geistreich witzige Züge. Er bequemt sich sehr dem modernen Salonstyl, was den Gesang anlangt, und schreibt namentlich wahre Violincadcnzen für die Singftimme, indem er dieselben nicht auf einer Tonart beruhen laßt, sondern sie wechselt, und bisweilen sogar enharmonische Verwechselungen dabei fodert. — Pleyel (Jgnaz), s. Bd. 8. Dieser zu seiner Zeit so berühmte Componist, starb im November 1831 zu Paris, wo eine von ihm gegründete Musikhandlung noch jetzt besteht. Er hat ein Alter von 74 Iahren erreicht. — Poißl (Freiherr von), Intendant des Münchner Theaters. Ein Mann von gediegener musikalischer Kenntniß, ein Schüler des Abts Vogler, jedoch von mehr gutem Willen und Eifer als von erfinderischer Kraft. Er hat mehre Opern geschrieben, die meist im ernsten Styl gehalten sind; doch hat keine einzige Erfolg gehabt und sich viel weiter verbreitet, als der Einfluß des Componisten, vermöge seiner Stellung, reichte. Er schrieb: „Ottuviunc, in Siciliu", „Hu repressugliu", „Die Prinzessin von Provence" (wozu er auch den Text geliefert hat), „Nitetis, der Wettkampf von Olympia", „Atha- lia", und neuerlich „Der Untersberg" von Ed. von Schenk. Die Oper „Athalia" brachte er auch in Berlin zur Aufführung, wo sie jedoch kalt aufgenommen wurde. Dennoch könnte P.'s Wirken für die Kunst, da er als ein so kunstgebildeter Mann eine so einflußreiche Stellung hat, bedeutender sein, als wenn er selbst mit einem reichern Talcnt begabt wäre; indeß scheint er diese Wirksamkeit nicht zu besitzen, da wenigstens die Welt nicht erfahrt, daß von München aus der Musik ein edlerer Schwung gegeben würde. Ob eigner Wille oder besondere Verhältnisse diese Lahmung erzeugen, ist hier nicht der Ort zu entscheiden.— P ortogallo (Marco), ein talentvoller Componist, der früher in Lissabon als Capellmeister des Königs in Diensten stand und noch jetzt dort leben soll. Er war besonders vor etwa einem Iahrzehend sehr beliebt als Concertcomponist für den Gesang. Die Catalani sang fast stets eine von seinen Arün in ihren Concerten. Viele seiner frühern, insbesondere komische Opern wurden in Deutschland uno Frankreich mit Beifall gegeben, sind jedoch jetzt ziemlich vergessen, z. B. „U lnoliuuro" wurde schon 1793 zu Breslau gegeben, „1ü>u svwiFlinn/n vssiu i Foddi" 1793 zu Dresden, „1-e lloime cuiukiute", im Deutschen „Der Teufel ist los", ebendaselbst 1799, „Noui» rlwr 1e lloune" 1801 zu Paris u. a. m. Die komischen Opern schließen sich in der Behandlungsart den Arbeiten Cimarosa's an, die glänzendem Concertstücke denen von Paer. — Reissig er (Karl Gottlieb), s.d. — Ri es (Ferdinand), s. d. — Rink (Christian Heinrich), Organist an der Stadtkirche und Schullehrer zu Gießen, einer der vortrefflichsten Orgelspieler (Schüler Kittel's) und sehr gründlicher Kirchencomponist. Er ist etwa um 1780 geboren. Sein erstes Werk, sechs leichte Orgelvorspiele, erschien 1795. Er hat seitdem mit ausdauernder Thätigkeit Compositionen theils für die Orgel, theils für den Kirchengesang geliefert, und namentlich ist er in neuerer Zeit besonders fleißig gewesen. Ein ernster Styl, Strenge des Satzes, ohne Pedanterei, freier Fluß der Melodie und wirksame Harmonie finden sich in seinen Arbeiten beisammen und machen sie zu nachahmenswerthen Vorbildern für jüngere Componisten. — Rode (Pierre), s. Bd. 9. Dieser große Virtuos und höchst schätzbare Componist für sein Instrument ist leider 1830 zu Bordeaux im Wahnsinn gestorben. — Romberg (Andreas und Bernhard), s. Bd. 9. — Rossini (Giacomo), s. d. — Schmitt (Aloys), geboren um 1785, lebt zu Frankfurt am Main. Er ist einer der ausgezeichnetsten lebenden Clavierspieler und auch als Componist für das Instrument, namentlich durch seine Concerte und ew- 486 Componisten ciez, sehr bekannt und mit Recht beliebt. Seine Compositionen haben trotz der modernen Leichtigkeit eine Gediegenheit, die den gründlichen Schüler Andre's bekunder. Der spät erlangte Besitz eines großen Vermögens macht, daß er sich jetztterst recht mit voller Muße der Composition widmet. Eine komische Oper: „Der Doppel- pcoceß", Text von Elsholz, die in Hanover zur Aufführung kam, machte hauptsachlich wegen des verfehlten Textes kein Glück. Jetzt arbeitet der Componist an verschiedenen größern Werken, deren Gediegenheit Kenner, die die Manuscripte gesehen, sehr rühmen. *) — Schmitt (Jakob), jüngerer Bruder des Vorigen, ist gleichfalls ein vortrefflicher Clavierfpieler und lebte früher ebenfalls zu Frankfurt am Main, jetzt zu Hamburg. — Schnabel (Joseph Jgnaz), geboren 1767 zu Naumburg am Queis, war Capellmeifter am Dome zu Breslau, wo er sich durch eine fortdauernde Wirksamkeit zum Besten der Kunst sehr verdient gemacht hat. Seine Kirchencompositionen ließen den gründlich gebildeten Meister nicht verkennen. Er ist am 16. Inn. 1831 zu Breslau gestorben. Sein Sohn, Joseph Schnabel, ist Organist zu Glogau und ein wackerer Elavierspieler und Violinist. — Schneider (Johann Christian Friedrich), s. Bd. 9. — Schubert (Franz), s. d. — Spohr (Ludwig), s. Bd. 16. Spontini (Gasparo), s. Bd. 10.— Stadler (Max), Äbbate zu Wien, geboren um 1760, ist ein sehr schätzbarer Kir- chencomponist. Er war Schüler und Freund Haydn's und Mozart's. Von seinen Kirchencompositionen sind besonders die geistlichen Gesänge, namentlich einige Psalmen, ungemein fromm und innig aufgefaßt. Vor einigen Jahren trat er auch zur Ehrenrettung seines Freundes Mozart als Schriftsteller auf, da Gottfried Weber den berühmten Streit über das Requiem angeregt hatte. — Taubert (Wilhelm), geboren 1811 zu Berlin. Da er früh Anlage zur Musik verrieth, ließ ihn der General v. Witzleben für diese Kunst erziehen. Ludwig Berger ward sein Lehrer auf dem Pianoforte, Bernhard Klein in der Composition. Schon als vierzehnjähriger Knabe ließ er sich öffentlich mit großem Beifall hören. Jetzt ist er, was Kraft, Feuer und Ausdruck anlangt, der erste Clavierfpieler Berlins; nur mehr Leichtigkeit und Schnelligkeit müßte er sich noch erwerben, um einer der größten Virtuosen überhaupt zu sein. Jedoch scheint ihn sein Talent zur Composition davon abzuziehen. Seine bisher öffentlich gewordenen Arbeiten sind sehr lobenswerth. Eine im Januar 1832 zu Berlin aufgeführte kleine Oper: „Die Kirmeß", Text von E. Devrient, fand viel Beifall. Bei fortgesetzt ernstem Streben kann er ein ausgezeichneter Com- ponist werden. — Weber (Gottfried), s. Bd. 12. — Weigl (Joseph), s. Bd. 12. — Wolfram (Joseph), geboren 1789 zu Dobrzan in Böhmen, Bürgermeister in Töplitz, ein geschätzter Operncomponist. Derselbe wurde zuerst allgemeiner bekannt durch die nach Ernst Schulze's zartem Gedicht von Gehe gearbeitete Oper: „Du bezauberte Rose", die zwar viel Werthvolles hat, aber nicht überall die Erwartung befriedigte. Spaterhin schrieb Wolfram noch die Opern: „DerNormann" und „Der Bergmönch"; letztere, von Karl Borromäus von Miltitz gedichtet, ist in Dresden gut aufgenommen worden und wird jetzt in Berlin einstudirt. — Zelter (Karl Friedrich), f. Bd. 12. Dieser um die Tonkunst so höchst verdiente Mann ist am 15. Mai 1832 zu Berlin gestorben. Seine Lebensgeschichte findet sich, von ihm selbst verfaßt, in seinem Nachlasse, und wird, wie seine vieljährige Correspon- denz mit Göthe, im Druck erscheinen. Indem wir diesen Artikel über die neuesten Componisten beschließen, fügen wir mit Stolz die Bemerkung hinzu, daß kein Land so reich an Talenten ist als Deutschland, keins so berufen, die wunderbarste und veredelndste aller Künste, die *) In Raßmann's „Pantheon" ist ein W- Arn. Schmitt als Virtuos in Berlin und Componist des „Doppelprocesses" aufgeführt. Dies ist ein Irrthum; ein solcher Schmitt existirt nicht, aber Aloys Schmitt hat eine Zeitlang in Berlin gelebt, daher die Verwechselung. ConcordaLc der neuern Zeit 487 Musik, einer immer höhern Stufe der Vollkommenheit entgegenzuführen. Mögen sich Diejenigen, die dazu geweiht sind, nur nicht verlocken lassen, dem zweifelhaften Glücke eines äußern Glanzes und Ruhmes den Vorzug vor dem wahrhaften des innern Werthes, des stolzen Bewußtseins echter Würde, zu geben. Mögen sie die Starke haben, eine Zeitlang des glänzenden aber seichten Beifalls der Welt zu entbehren, um späterhin des echtem der Kunstverständigen, und damit zugleich des Beifalls der Welt, desto gewisser zu sein. Aber die echten Perlen werden nur aus der Tiefe des Meeres gewonnen; nur der flüchtige Schaum treibt auf der Oberflache der Wellen. (Vgl. die Art. Sänger und Sängerinnen, und Virtuosen.) (20) Concordate der neuern Zeit. Bald nach Auflösung des deutschen Reichsverbandes begann der päpstliche Hof zunächst mit den mächtigen Fürsten des Rheinbundes durch Particulareinverständnisse, welche entweder unter dem Namen von Concordaten oder in irgend einer andern Form angeknüpft wurden, wegen einer neuen Ordnung der Kirchenangelegenheiten in Deutschland in Unterhandlung zu treten. Die vertragsmäßigen Bestimmungen, welche nicht nur das Verhältnis zwischen den Bundesstaaten und der katholischen Kirche, fondern auch die Stellung des Papstes zu der letztern selbst so begründen sollten, wie es dem vernünftigen Geiste der Zeit und dem wesentlichen Bedürfniß beider Theile gemäß war, wurden damals in einer großen Anzahl von Schriften zur Sprache gebracht. Aber man ging auf beiden Seiten von zu gesteigerten Erwartungen aus, und besonders war man von Rom aus zu wenig geneigt, Zugeständnisse zu machen, als daß man zu einem erwünschten Ziele hätte kommen können. Schon 1807 hatte Pius VII. an die Höfe von Bakern und Würtemberg in der Person des Erzbischofs von Tyrus, della Genga, einen Nuntius gesendet, der jedoch München bald wieder verließ, sobald ihm klar geworden war, daß gewissen Federungen des Papstes nicht Genüge geleistet werde. Er begab sich darauf nach Stuttgart und erwirkte bei dem Könige die Niedersetzung einer Commission, welche den Zweck haben sollte, mit ihm in Verhandlungen zu treten. Kaum waren aber diese im Gange, als sie auch schon wieder abgebrochen wurden, indem der papstliche Abgesandte plötzlich den Hof verließ. Noch ungünstiger wurden darauf die Verhältnisse in jener Periode, wo der Papst, vom Cardinalcollegium getrennt, nicht viel mehr als ein Gefangener Napoleons war. Die katholische Kirche und ihre Geistlichkeit mußte sich nun entweder in Geduld fassen, oder sich zu helfen suchen, so gut sie vermochte. Jndeß erfolgte der Sturz des Kaiserreichs in Frankreich und die Wiedereinsetzung des Papstes im Jahre 1814, an welcher sogar protestantische Fürsten Antheil hatten. Der Papst glaubte nun ernsthafter auftreten zu müssen und fand für nöthig, die Wiederherstellung des Jesuitenordens zur Befestigung des Altars und der Throne zu beschließen. Unter diesen Umständen war zu erwarten, daß an den Congreß zu Wien zu Gunsten der katholischen Kirche in Deutschland dringende Anträge gerichtet wurden. Die ausgedehntesten waren die, welche der Papst unmittelbar durch seinen Legaten, Cardinal Confalvi, machte. Er foderte geradezu Wiederaufrichtung des heiligen römischen Reichs, als eines Mittelpunktes der politischen Einheit aller christlichen Staaten; Wiederherstellung der säcularisirten Länder; Herausgabe der Güter und Einkünfte der Geistlichkeit, sowol der Weltgeistlichen, als auch der regulairen beiderlei Geschlechts, und ftistungsmäßige Verwendung derselben. Alle diese Wünsche und die Bemühungen der noch später auf dem Congreß für die deutsche katholische Kirche aufgetretenen drei Oratoren wurden jedoch ohne Erfolg aufgewandt. Am Ende unterblieb sogar, nach auffallendem Hin- und Herwanken, auf Baierns Antrag die schon beschlossene Einrückung eines Artikels in die deutsche Bundesacte, in welchem der katholischen Kirche in Deutschland, unter der Garantie des Bundes , eine ihre Institutionen sichernde 488 Concordatt der neuem Zeit und zugleich die zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse nothwendigen Mittel gewährende Verfassung verheißen, und die Rechte der Evangelischen in jedem Bundesstaat in Gemäßheit der Friedensschlüsse, Grundgesetze oder anderer gültigen Vertrage wahrgenommen werden sollten. *) Daher übergab am Schlüsse des Con- gresses der Cardinallegat eine feierliche Protestation wider alle Verfügungen und Unterlassungen desselben, welche die römische Curie sowol der römisch-katholischen Kirche überhaupt als auch dem Interesse der katholischen Kirche in Deutschland und den Territorialansprüchen und Gerechtsamen des heiligen Stuhls insbesondere für nachtheilig hielt. Obgleich der Congreß sich hinsichtlich der katholisch-kirchlichen Angelegenheiten leidend verhalten zu müssen glaubte, so war doch einleuchtend, daß diese in dem Zustande, worin sie sich befanden, ohne wesentlichen Nachthcil der Kirche und ohne Beunruhigung vieler Gewissen nicht lange mehr verharren konnten. Die kirchlichen Stistungsgüter, die Güter der Domcapitel und so viele andere Fonds für den Cultus waren theils veräußert, theils mit den Staatsdomänen vereinigt, ohne daß etwas davon der Kirche zugetheilt wurde. Viele Bischofssitze waren unbesetzt, und dabei fehlten die Capitel, welche die erledigten Diäresen hatten administriren können. Diese und andere politische Gründe, besonders aber ein unbefangener Rückblick auf die durch den Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803, tz. 35, ausgesprochene Verbindlichkeit der Landesherren, als Surrogat für das stattgefundene Secularisationssystem dereinst die feste und bleibende Ausstattung der Domkirchen, deren Beibehaltung dort zugesichert war, ins Werk zu setzen, und endlich die durch den Artikel 16 der deutschen Bundesacte ausgesprochene Gleichstellung der christlichen Confessionen in den deutschen Staaten, veranlaßt?» viele derselben, wegen Regulirung der Kirchenangelegenheiten ihrer katholischen Unterthanen mit Rom in Unterhandlungen zu treten. Das Land, in welchem noch die stärkste Anhänglichkeit an den Altglattben und an dessen sichtbares Oberhaupt in Rom herrschte, Baiern lieferte hierin das erste Beispiel eines Particulareinverständnisses. Unter Leitung des als bai- rischer Gesandten in Rom befindlichen Titularbischofs von Cherson, Freiherrn von Haffelin, wurde das Concordat unter Maximilian Joseph II. am 5. Jun. Z81'7 abgeschlossen. Die königliche Bestätigung dieses Concordats ist vom 24. Oktober 181?. Es ward als Anhang beigefügt dem zu Tit. IV, tz. 9, der Verfassungsurkunde des Königreichs gehörenden Edict vom 26. Mai 1818, betreffend die äußern Verhältnisse der Einwohner in Beziehung auf Religion lind kirchliche Gesellschaft, welches sie selbst für ein allgemeines Staatsgrundgesetz, die darin festgestellten Majestatsrechte des Königs für unveräußerlich, und nur in Ansehung der übrigen innern Kirchenangelegenheiten die weitern Bestimmungen des Concordats für anwendbar erklärt. Wie sehr auch dieses Concordat so manchen Bestimmungen der Constitution und des obigen Edicts entgegenstand, so erfolgte dennoch eine Bekanntmachung am 15. Sept. 1821, worin der König das Concordat für vollziehbar und für ein Staatsgesetz erklärte. Die päpstliche Bulle vom 1. April 1818: I)ei uc lloinim nostri >1. O, welche die Grenzen der Bisthümer bestimmte, wurde durch ein Decret des apostolischen Nuntius, Franz Serra, Erzbischoss von Nicäa, vom 8. Sept. 1821 in Vollzug gesetzt. Dieses bairische Concordat hat auf das ganze katholische Deutschland nicht zu berechnende nachtheilige Rückwirkungen gehabt und erscheint für Baiern, weil es als ein eigentliches Concordat, d. h. als eine Übereinkunft mit dem päpstlichen Stuhle über das Verhältniß des Papstes in Hinsicht gewisser Reservatrechte und Verhalt- ') Vergl. Klüber, ,,Übersicht der diplomatischen Verhandlungen des wiener Con- .wcsses", Abtheil 01, S. 397 — 603. Concordate der neuern Zeit 489 nisse der Kirche im Staate zu betrachten ist, als eine wahre Verkümmerung der gesetzgebenden, aussehenden und vollziehenden Gewalt des Staates hinsichtlich aller von ihm dem römischen Stuhle vertragsmäßig zugestandenen Rechte, welche nun einmal vermöge dieser Vertragsnatur von den contrahirenden Theilen nicht einseitig aufgehoben oder interpretirt werden können. Nach diesem Concordate bestehen in dem Königreiche Baiern zwei Erzbisthümer und sechs Bisthümer, alle von dem Staate mit Grundeigenthum zur Selbstverwaltung ausgestattet ; oder zwei kirchliche Provinzen und acht Diöcesen. In jeder der letztern befinden sich ein bischöfliches Seminarium, Versorgungshauser für sieche und alte Geistliche, und einige vom Staate angemessen ausgestattete Klöster für Mönchsorden beiderlei Geschlechts. Dem König wird darin das Ernennungsrecht zu den erledigten Stühlen der Metropolitan- und' Kathedralkirchen, zu den Domdechaneien und zu denjenigen Kanonicaten, die in den sogenannten apostolischen Monaten erledigt werden, zugestanden, zu dessen Ausübung er ein papstliches Indult vom 17. Nov. 1817 empfing. Dagegen steht den Erzbischösen und Bischöfen das Ernennungsrecht zu den, in den drei andern der übrigen Monate erledigten Kanonicate zu, der Papst aber besetzt die Dompropsteien. Baiern übertragt darin außerdem noch die Ernennung der bischöflichen Vicarien, Rathsglieder und Coadjutoren, wie auch die Erhebung in den geistlichen Stand, den Bischöfen frei und ohne Beschrankung. Es wird verboten, mehr als eine geistliche Pfründe zu besitzen. Annaten und Kanz- leitaxcn werden von Neuem, nach Verhältnis des Einkommens der Erzbischöfe und Bischöfe, festgesetzt. Die Patronats- und andere dahin gehörige Rechte sind beibehalten worden. Dem Könige hingegen verbleibt die Präsentation zu allen Be- neficien, worauf Beuerns Herzoge und Kurfürsten Patronatsrechte besaßen; so auch zu solchen, aufweiche jetzt nicht mehr bestehende Kirchencorporationen früher Anspruch machen konnten. Auch die Unterthancn behalten ihre Patronatsrechte. Das Concordat erklärt ferner die bairische Kirche für befugt, neue Besitzungen mit Eigenthumsrecht zu erwerben, bei denen Suppression oder Union ohne Zustimmung des apostolischen Stuhles nicht stattfindet, doch mit dem Vorbehalt der bischöflichen Facultaten nach dem tridentinischen Concilium. Es bestimmt bei geistlichen Verrichtungen, besonders in der Messe und bei Spendung der Sacra- mente, den Gebrauch der üblichen Kirchensormeln in lateinischer Sprache. Nach ihm gehören geistliche Angelegenheiten, besonders alle die Ehe betreffenden, nach Vorschrift der tridentinischen Kirchenversammlung vor geistliche Richter, rein bürgerliche Rechtshandel der Geistlichen aber vor die weltlichen Gerichte. Es gestattet den Bischöfen, ihre Instructionen und Verordnungen über Kirchensachen öffentlich bekannt zu machen, und frei zu verkehren mit dem päpstlichen Stuhle. Überhaupt erstreckt es die Rechte und Wirksamkeit der Bischöfe im Allgemeinen auf alle kirchlichen und kanonischen Vorschriften, auf die Erkennung von Strafen für Geistliche und Laien, auf die Anordnung von Gebeten und andern frommen Werken; ja die Staatsregierung wird sogar verpflichtet, die Verbreitung solcher Bücher zu hindern, welche die Bischöfe als unvereinbar mit dem katholischen Glauben, den guten Sitten oder der Kirchenzucht bezeichnen. Preußen. Das berliner Cabinet, durch die bisherigen Erfahrungen überzeugt, daß mit der römischen Curie eine gemeinschaftliche Übereinkunft für eine eigentlich deutsch-katholische Kirchenverfassung nicht zu Stande zu bringen sei, knüpfte ebenfalls, wie Baiecn, gleich nach geschlossenem Frieden besondere Unterhandlungen mit Rom an, um die Verhältnisse der katholischen Kirche des Königreichs zu ordnen. Man war für diesen Zweck um so thätiger, als die damalige Stimmung der Rheinprovinzen, in welchen die Gemüther durch die geschäftigen Jntriguen der Romanisten immer mehr und mehr verwirrt und verblendet wur- 7 4Li> Concordate der neuern Zeit den *), eine schnelle Übereinkunft mit Rom räthlich machte. Der geheime Staatsrath Niebuhr, welcher als Unterhändler in diesen Angelegenheiten zu Rom auftrat, wußte durch seine persönlichen Eigenschaften bald das Zutrauen des Papstes zu gewinnen, und sein besonnenes und zweckmäßiges Benehmen trug vielleicht nicht wenig dazu bei, daß Pius VII. gegen keine Regierung sich so höflich und nachgiebig bewiesen, als gegen die preußische. Diese entwickelte ihrerseits bereits im Lause der Unterhandlungen im Ott. 1818 in Festsetzung einiger Maßregeln hinsichtlich der Verhältnisse des Staats zur Kirche eine rühmliche Thätigkeit, indem sie eine würdevolle Verwahrung ihrer Rechte gegen römische Eingriffsversuche bezweckte. Hierher gehört 1) die Verfügung hinsichtlich des von katholischen Unter- thanen der westlichen Provinzen an den päpstlichen Stuhl zu nehmenden Recurses vom Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten; 2) die mit Genehmigung des Papstes gleich zu Anfang des Jahres 1819 erfolgte Trennung der katholischen Bevölkerung Erfurts und der Umgegend und der des Eichsfeldes von der regens- burger Diöcese, indem beide dem Sprengel des Fürstbischofs von Corvei zugetheilt wurden, sowie auch mehre Bezirke, die bisher zu polnischen Bisthümern von Rom aus waren geschlagen worden, einstweilen unter die Verwaltung eines apostolischen Vicars zu Danzig kamen; endlich 3) das Cabinetsschreiben vom 6. April 1820, wodurch eine vorläufige Diöcesanumschreibung, die der künftigen definitiven Übereinkunft als Formular dienen sollte, von dem Könige gutgeheißen wurde. Vielen Vedenklichkeiten, welche dennoch in Rom zu besiegen waren, machte eine Reise, die der Staatskanzler, Fürst von Hardenberg, gleich nach dem laibacher Congresse nach Rom unternahm, ein Ende. Unter seinem unmittelbaren Einflüsse und wahrend seiller kurzen Anwesenheit zu Rom (im März 1821) kam das große Werk schon am 25. desselben Monats ohne förmlichen Vertrag und bloß durch gegenseitige Erklärung in gewechselten Noten zu Stande. Die das Ganze umfassende päpstliche Bulle De sulute unimurnm erschien am 16. Jul. 1821. Der König verlieh ihr durch Cabinetsordre vom 23. August desselben Jahres seine staatsoberhauptliche Genehmigung, indem er sie als ein bindendes Statut der katholischen Kirche im Königreiche Preußen insoweit bestätigt und deren Vollziehung befiehlt, als sie die Einrichtung, Ausstattung und Begrenzung der Bisthümer und aller darauf sich beziehenden Gegenstände betrifft und die Majestätsrechte der Krone, sowie die Rechte der Unterthanen evangelischer Religion und der evangelischen Kirche nicht gefährdet. Es ist eine Lichtseite der preußischen Unterhandlung mit Rom, daß sie den Namen eines Concordats vermied und statt der sonst gewöhnlichen Form eines Vertrags nur durch eine Bulle die allgemeinsten Bestimmungen über die geographisch-statistische Vertheilung, die Regierung und Verwaltung der unter preußischer Landeshoheit stehenden katholischen Kirchen mit Rücksicht auf die damit verbundenen Geldangelegenheiten festsetzen und ordnen ließ. Indem die preußische Regierung jede kirchlich-politische Bestimmung von dem päpstlichen Regulativ sorgfältig ausschloß, gab sie dadurch zugleich den übrigen Regierungen ein Beispiel, auf welche Weise, nach welchen Grundsätzen und in welcher Sprache mit der papstlichen Curie am unschädlichsten zu unterhandeln sei. Daher ist auch die Bulle für Preußen keine Urkunde, aus welcher der römische Stuhl ein ihm von diesem Staate vertragsmäßig zugestandenes Recht ableiten kann. Sie ist als ein mit Genehmigung des Staats publicirtes Kirchengesetz zu betrachten, welches seine Wirksamkeit neben dem preußischen Landrecht äußert. Hierbei darf nicht übersehen werden, daß in der preußischen Rheinprovin; außerdem das französische Concordat vom 15. Jul. 1801 und die auf dieses sich beziehende Umschreibungs- *) Vergl. Alexander Müller, ,,Preußen und Baiern im Concordate mit Rom", E. 137 fg. Concordate der neuern Zeit 49l --«M 1""°« WM.!!. ssiüdi A-H't ls ,K»' bulle noch insoweit anwendbar ist, als die Bulle De salnte ummarum die Verfü- qungen nicht aufgehoben hat, sowie auch das zu dem französischen Concordate gehörige lmlultum pro relluctione testorum vom 9. April 1892 in den preußischen Rheinprovinzen noch zur Zeit Gültigkeit hat. Nach der Diöcesanumschreibung, welche die Bulle für Preußen enthält, bestehen im Ganzen für das katholische Preußen zwei erzbischöfliche Sprengel: Köln und Gnefen-Posen, und sieben bischöfliche: die Bisthümer Gnesen und Posen, die zwei excmten: Breslau und Ermeland, sodann Trier, Münster und Paderborn. Als eine Eigenthümlichkeit der Bulle verdient bemerkt zu werden, daß sie einen Unterschied zwischen der deutschen und polnischen Kirche macht. In den frühern polnischen Bisthümern Gnefen-Posen und Culm-Ermeland bleibt Alles der Wahl der Capitel unter Mitwirkung des Königs überlassen, welcher sein früheres Recht und feinen Einfluß auf die Wahlen behält. In den deutschen Kirchen zu Köln, Trier, Breslau, Paderborn und Münster stellt der Papst die alte kanonische Weise der Ernennung wieder her, welche in den genannten Bisthümern im Jahre 1801 aufgehoben wurde, und wonach bei eingetretener Vacanz: 1) das Capitel sich drei Monate nachher versammelt und, den kanonischen Einrichtungen gemäß, passende Geistliche aus dem Königreiche Preußen zu Bischöfen erwählt, bei welcher Wahl auch die Ehrenkanonici zugelassen werden. 2) Das Protokoll über die Wahl sowol in den polnischen als deutschen Bisthümern wird, den Vorschriften Urbans VIII. gemäß, authentisch an den Papst gesandt, dem das Recht der Prüfung und Bekräftigung hinsichtlich der kanonischen Wahl hierdurch wieder eingeräumt wurde. Über den Einfluß, welchen der König dabei ausübt, wird in der Bulle nichts gesagt. Indessen schreibt ein mit derselben zugleich erlassenes, aber öffentlich nicht bekannt gemachtes Breve den Domcapiteln vor, nur solche Geistliche zu Bischöfen und Erzbifchöfen zu wählen, die dem König angenehm sind, und weist sie zugleich an, sich dessen vor der feierlichen Wahl zu versichern. Hanover. Die hanöverfche Regierung unterhandelte schon seit 1816 durch eine nach Rom abgeordnete Gesandtschaft über ein mit dem Papste abzuschließendes Concordat. Der Abgesandte, der Freiherr von Ompteda, sollte den Erfolg seines muthigen Widerstandes gegen curialistische Umtriebe nicht erleben. Er erkrankte plötzlich zu Rom und starb dort. Seine Stelle ersetzte der Baron Reden. Ader so fleißig auch dieser mit Cardinal Consalvi unterhandelte, so wenig günstig gestalteten sich gleichwol die Ergebnisse. Die römische Curie wollte nichts zugestehen, was ihr bei den süddeutschen Negierungen, mit welchen sie zu gleicher Zeit in Unterhandlungen begriffen war, je zum Nachtheil gereichen konnte. So suchte sie den hanöverschen Gesandten durch künstliche Operationen zu ermüden, um ihn dadurch wo möglich nachgiebiger zu machen, aber endlich siegte dennoch die Beharrlichkeit desselben, der in seinen Unterhandlungen mit einem steten Hinblick auf die Bulle für Preußen zu Werke ging. Durch die verabredete päpstliche Bulle Im- peusa romuuorum poiNzücltin vom 26. März 1824, welche auf einer bereits im Iul. 1823, vor dem Absterben des Papstes Pius VII., mit dem Cardinal Staats- secretair Confalvi getroffenen Vereinbarung beruhen foll, wurden die Verhältnisse der katholischen Kirche im Königreiche Hanover organisch bestimmt und durch ein königliches Patent Georgs IV. vom 29. Mai 1824 zur Publication gebracht; die Genehmigung aber nicht anders ertheilt als unbeschadet der königlichen Maje- stätsrechte, sowie der Rechte der Unterthanen evangelischer Religion und der evangelischen Kirche. Es stimmt diese Bulle im Wesentlichen mit der für Preußen gegebenen überein. Die deutschen Bundesstaaten, deren katholischer Theil die oberrheinische Kirchenprovinz bildet, als da sind: Würtemberg, Baden, Hessendarmstadt, Kurhessen, Nassau, Oldenburg, Mecklenburg, die Herzoge von Sachsen, Schwarz- 492 ConcordaLe der neuern Zeit bürg, Anhalt, Waldeck, Lippe, Schaumburg-Lippe, die beiden Hohenzollem und Reuß, sowie die freien Städte Frankfurt, Lübeck und Bremen unterhandelten schon ziemlich früh und seit dem Jahre 1817 wegen Regulirung der katho. lisch-kirchlichen Angelegenheiten in ihren Gebieten. Die aus den Abgeordneten vorbenannter Staaten zu Frankfurt gebildete Commission kam in ihrer ersten Sitzung am 24. Marz 1818 wegen der Grundsatze überein, nach welchen in deutschen Staaten ein Concordat abgeschlossen werden dürfte. In der Geschichte dieser Unterhandlungen ragen vornehmlich die Verdienste des würtembergischen Staatsministers, Freiherrn von Wangenheim, bedeutend hervor, welcher in einer trefflichen Rede bei Eröffnung der Beratschlagungen dieses evangelischen Negentenver- eins auf den günstigen Zeitpunkt hinzuweisen suchte, der jetzt für eine erfolgreiche Bestimmung des Verhältnisses der Staatsregierung zu dem Oberhaupte der katholischen Kirche und zu den verschiedenen christlichen Glaubensverwandten gekommen sei. Aber die Bemühungen der bald darauf nach Rom abgegangenen Gesandten, von Türkheim und Schmitz-Grollenburg, scheiterten an der schlauen Politik des römischen Hofes. Der Papst wollte Alles nur vorläufig ordnen, und genehmigte bloß eine neue Begrenzung der Diöcesen. Die gemeinschaftliche Gesandtschaft wurde zurückberufen, und die Thätigkeit der frankfurter Commission im Frühjahre 1820 erneuert. Ein neuer provisorischer Organisationsentwurf für die Einrichtung der bischöflichen Sitze, Diöcesen und Domcapitel, sowie in Betreff der Verhältnisse der Kirche zu deren Oberhaupte und den weltlichen Negierungen, der nach Rom gesendet wurde, kam von dorther mit Andeutung abermaliger Veränderungen zurück. Fortgesetzte Verabredungen hatten endlich die von Pius VII. unterm 16. Aug. 1821 erlassene bekannte Bulle: I^rnvilla solcrsc^ie etc. zur Folge, die, obgleich weder verlangt noch gewünscht, doch als eine Grundlage für die Zukunft, durch den Vertrag vom 9. Febr. 1822 angenommen ward. Sie blieb jedoch noch lange außer Kraft, und der würtembergische Generalvicar zu Rotenburg, an den sie gerichtet war, und der den Auftrag ihrer Vollziehung cum iuculwte 5ull- lleleAemlli erhalten hatte, konnte seine Thätigkeit vor der Hand nur auf die einzuleitende Wahl der Bischöfe beschränken. Indessen kam es unter Leo XII. zu einer zweiten Bulle (vom 11. April 1824) All llomiiüci Areals custclliam, die zu der erstem Zusätze und nähere Bestimmungen wegen der Wahl der Bischöse und Mitglieder des Capitels liefert und die Angelegenheiten der Seminarien rcgulirt. Diese beiden Bullen wurden von den Staatsregierungen im October des Jahres 1827 landesherrlich bestätigt, ohne daß jedoch aus denselben aufirgend eine Weise etwas abgeleitet werden könnte, was den landesherrlichen Hoheitsrechten Eintrag thun möchte oder den Landesgesetzen und Regierungsverordnungen, den erzbischöflichen und bischöflichen Rechten, wie den Rechten der evangelischen Confession und Kirche entgegen wäre. Dem zufolge ist der katholische Theil der jetzt noch in dem Verein begriffenen sechs Bundesstaaten Württemberg, Baden, Kurhessen, Großherzogthum Hessen, Nassau und Frankfurt vereinigt zu einer kirchlichen Provinz, der oberrheinischen, bestehend aus fünf bischöflichen Sprengeln mit einem Metropolitanerzbischof und vier Bischöfen. An der Spitze derselben steht als Metropolitan der neuverordnete Erzbischof zu Freiburg im Breisgau, zugleich bischöflicher Vorsteher der freiburger Diöcese. Außer dieser sind demselben als Sussragankirchen vier bischöfliche Kirchen untergeordnet, die zu Mainz, Fulda, Rotenburg am Neckar und Limburg an der Lahn, zu welcher letzten auch die katholische Pfarrei zu Frankfurt gehört, mit einer gleichen Anzahl von Diöcesen. In Folge dieser Bullen werden das Bisthum Konstanz und die exemte Propste! St.-Viti zu Ellwangen aufgehoben, und die bischöflichen Kirchen zu Mainz und Fulda von den seit 1801 nach der Bulle dAristl I)«miin vom 29. Nov. 1801 bestandenen Metropolitangerechtsamen des Erzbischofs von Mecheln befreit. Für jedes Capitel, das erzbischöfliche und die Concordate der neuern Zeit 493 vier bischöflichen, wird eineDechantei und eine verhältnismäßige Anzahl von Capi- tularen und Dompfründnern oder Vicaren, sowie ein Priesterseminarium verordnet. Erledigte Stühle des Erzbischofs und der Bischöfe werden Denjenigen, die auf kanonisch gültige Art dazu bestellt sind, nach vorausgegangenem Informationspro- ttß, welchen der Papst in jedem einzelnen Falle nach der Vorschrift Urbans VM. ;u veranstalten hat, zuerkannt. In Gemäßheit der von den Staatsregierungen gegebenen Zusagen wird der Aufwand für den Unterhalt der genannten Personen und Anstalten, für die erzbischöflichen und bischöflichen Kanzleien, für die Baufonds und geistlichen Versorgungshäuser, sowie die Ausstattung mit Grundbesitz und Grundrenten bestimmt. Die apostolische Kammertaxe für die verschiedenen Me- tropolitankathedralkirchen wird in Goldgulden des römischen Kammersatzes, deren jeden die Curie zu 4 Gulden 50 Kreuzer Rheinisch rechnet, festgesetzt. Alles Übrige wird stillschweigend den theils schon bestandenen oder noch bevorstehenden Verabredungen der vereinigten Staatsregierungen mit einander oder mit dem römischen Hofe, theils der Anordnung einer jeden von ihnen überlassen. Um die Verhaltnisse der oberrheinischen Kirchenprovinz in Rücksicht auf die Beschrankung des Verkehrs mit dem römischen Hofe und den auf die Verfassungsurkunde zu leistenden Eid der Geistlichkeit noch naher und gleichförmiger zu bestimmen, verabredeten sämmtliche dabei betheiligte Staatsregierungen einen in 59 § K. abgefaßten gemeinschaftlichen Beschluß, worin folgende Hauptbestimmungen vorkommen, ß. 4: „Die von dem Erzbischof, dem Bischof und den übrigen kirchlichen Behörden ausgehenden allgemeinen Anordnungen, Kreisschreiben an die Geistlichkeit und Diöcesanen, durch welche dieselben zu etwas verbunden werden sollen, sowie auch besondere Verfügungen von Wichtigkeit, unterliegen der Genehmigung des Staates und können nur mit der ausdrücklichen Bemerkung der Staatsgenehmigung (?Iacet) kund gemacht oder erlassen werden. Auch solche allgemeine kirchliche Anordnungen und öffentliche Erlasse, welche rein geistliche Gegenstande betreffen, sind den Staatsbehörden zur Einsicht vorzulegen, und es kann deren Kundmachung erst alsdann erfolgen, wenn dazu die Staatsbewilligung ertheilt worden ist." tz. 5: „Alle römischen Bullen, Breven und sonstigen Erlasse müssen, ehe sie kund gemacht und in Anwendung gebracht werden, die landesherrliche Genehmigung erhalten, und selbst für angenommene Bullen dauert ihre verbindende Kraft und ihre Gültigkeit nur so lange, als nicht im Staate durch neuere Verordnungen etwas Anderes eingeführt wird. Die Staatsgenehmigung ist aber nicht nur für alle neu erscheinenden papstlichen Bullen und Constitutionen, sondern auch für alle frühern päpstlichen Anordnungen noth- wendig, sobald man davon Gebrauch machen will." ß. 6: „Ebenso wie die weltlichen Mitglieder der katholischen Kirche, stehen auch die geistlichen als Staatsgenossen unter den Gesetzen und der Gerichtsbarkeit des Staats." §. 9 - „Provin- zialsynoden können nur mit Genehmigung der vereinten Staaten, welche denselben Commissaire beiordnen, gehalten werden. Zu den abzuhaltenden Synodalcon- ferenzen wird der Erzbischof, sowie jeder Bischof, mit Genehmigung der Regierung einen Bevollmächtigten absenden." §. 10: „In keinem Falle können kirchliche Streitsachen der Katholiken außerhalb der Provinz und vor auswärtigen Richtern verhandelt werden. Es wird daher in dieser Beziehung in der Provinz die nöthige Einrichtung getroffen werden." §. 18: „Diöcesansynoden können vom Bischof, wenn sie nöthig erachtet werden, nur mit Genehmigung des Landesherrn berufen und im Beisein landesherrlicher Commissarien gehalten werden. Die darin gefaßten Beschlüsse unterliegen der Staatsgenehmigung, nach Maßgabe der in den tzß. 4 und 5 festgesetzten Bestimmungen." §. 19: „Nur der Erzbischof, Bhchof und Bisthumsverwefer stehen, in allen die kirchliche Verwaltung betreffenden Gegenständen, in freier Verbindung mit dem Oberhaupte der Kirche; jedoch müssen dieselben die aus dem Metropolitanverbande hervorgehenden Verhältnisse 494 Concordate d?r neuern Zeit Z jederzeit berücksichtigen. ?llle übrigen Diöcesangeistlichen haben sich in allen kirchlichen Angelegenheiten nur an ihren Bischof (Erzbischof) zu wenden." tz. 2?: „Taxen oder Abgaben, von welcher Art sie auch seien und wie sie auch Namen haben mögen, dürfen weder von inlandischen noch auslandischen geistlichen Behörden erhoben werden. Die Erhebung von Expeditionsgebühren hangt in jedem Staate von der landesherrlichen Bestimmung ab." ß. 23: „Die Decanate werden unter gemeinschaftlichem Einverständnisse der Regierungs- und bischöflichen Behörden mit würdigen Pfarrern, welche auch in Verwaltungsgeschäften geübt sind, besetzt." §. 34: „Jeder Geistliche wird, bevor er die kirchliche Institution erhalt, dem Oberhaupte des Staates den Eid der Treue ablegen, dem Bischof aber den kanonischen Gehorsam angeloben." ß. 39: „Den Geistlichen sowie den Weltlichen bleibt, wo immer ein Misbrauch der geistlichen Gewalt gegen sie stattfindet, der Recurs an die Landesbehörden." Wie wenig Pius Vlll. mit diesem in dem landesherrlichen Schutz- und Aussichtsrechte so sehr begründeten Beschluß und der Anwendung desselben zufrieden war, geht aus seinem an den Erzbischof von Freiburg und die Bischöfe von Mainz, Rotenburg, Limburg und Fulda (vom 30. Jun. 1830) erlassenen misbilligenden Schreiben hervor. Die landesherrlichen Genehmigungsedicte und die Verhandlungen, welch? ihnen vorausgingen, setzen außer Zweifel, daß die vereinigten evangelischen Fürsten, so wenig wie Preußen und Hanover, mit Rom ein Concordat in Form eines Staatsvertrags abschließen wollten. Dennoch wird es stets ein auffallendes Ereigniß bleiben, daß evangelische Fürsten durch die stattgefundene Vereinigung über die Herstellung der Bisthümer in ihren Staaten dem römischen Stuhle einen Einfluß auf dieselben zuzugestehen und so mittelbar den altherkömmlichen Primat des Papstes anzuerkennen vermochten. Die Niederlande. Von jeher bildete die Mehrzahl der belgischen Priester eine Opposition gegen die weltliche Macht. Der Haß, von dem die Hollander, Flamander und Wallonen, besonders seit der sogenannten Restaurationsperiode, gegen einander angefüllt sind, ist das Werk des über Belgien und Frankreich sich weit verzweigenden Jesuitismus und Ultramontanismus, welcher, gegen die politischen Interessen des Königreichs sich richtend, zuletzt das Triebrad der Umwälzung der bestehenden Verhältnisse wurde. Bei den unaufhörlichen Einwirkungen dieser jesuitischen Richtungen und bei dem höchst ungünstigen Verhältnis der Regierung zum römischen Stuhl, war es eine schwer zu lösende Aufgabe für die erstere, die verworrenen kirchlichen Angelegenheiten des Königreichs durch den Abschluß einer billigen Übereinkunft mit Rom zu ordnen. Es wurden zuerst durch den niederländischen Gesandten in Rom, Grafen Reinhold, und dann mit dem päpstlichen Nuntius Nasalli, Erzbischof von Tyrus, im Haag (1822) Unterhandlungen angeknüpft, ohne daß sie jedoch zum Ziele führten. Es verlangte dieser Cardinal auf den Grund seiner geheimen Instructionen die Wiederherstellung der geistlichen Gerichtsbarkeit, sowie die Dotation der Bisthümer durch Staatsdomänen. Die Abgeneigtheit des Königs Wilhelm, auf eine Liste der Besitzungen einzugehen, welche die belgische Geistlichkeit wünschte und die der Cardinal übergab, war die Ursache seiner plötzlichen Abreise im Jahre 1824. Von jetzt an war für das Königreich eine glückliche Kri- sis eingetreten. Der König, gut berathen, hatte die Neigung zum Concordiren verloren und erließ zur Freude aller Unbefangenen im Lande die berühmten Verfügungen vom Jun. 1825, vermöge welcher die kleinen Seminarien geschlossen wurden, und die Errichtung eines philosophischen Collegiums zu Löwen für die Bildung künftiger Priester angeordnet ward. Eine so ausgezeichnete Institution, wodurch die kirchliche Wissenschaft aus der Verkümmerung des Treibhauses dumpfer Klostermauern in den befruchtenden Sonnenschein des Lebens versetzt wurde, war für Alle im Lande, in deren Augen Humanität und Aufklärung kein? bedeutungslosen Worte aVii MM MI ick'ckzKl- W isichmtw Concordate der neuern Zeit 495 sind, ein Denkmal königlicher Weisheit. Nur das Papstthum, das darin eine dem libermuthe und der Unduldsamkeit seiner stolzen Priester entgegenwirkende Anstalt zu befürchten hatte, konnte sich damit nicht befreunden, sondern suchte vielmehr diese in rasch fortschreitender Entwickelung begriffene Institution als der Religion gefahrlich zu bezeichnen. Von nun an wütheten die französischen Ultrajournale, die damalige ,Moi1e" und nachmalige „6k>2ette cIe?'runLe", auf die frechste Weise gegen das ^ Gouvernement, und man klagte den Minister des Cultus und Unterrichts in leidenschaftlichen Anschuldigungen wegen der Tendenz an, daß er Belgien protestantisiren wolle. Intoleranz, Unwissenheit, Proselytenmacherei, Alles vereinigte sich, um die Söhne einflußreicher Staatsbeamten gegen die Regierung aufzuwiegeln. Bei diesem Kampfe hatte die letztere ihren festen Weg fortgehen sollen, allein unglücklicherweise kam die unterbrochene Concordatsfrage jetzt wieder zur Sprache. Die Unterhandlungen wurden 1826 durch den außerordentlichen Gesandten zu Rom, Grafen Fiacre Visher de Celles (s. d.), wieder angeknüpft, und dieser Diplomat brachte das M? schwierige Geschäft leider bald ins Reine. Die Convention wurde (18. Jun. 1827) zu Rom unterzeichnet, und vom Könige (25. Jul.) im Cabinet ratisicirt. Der Papst bekräftigte sie durch die Bulle: imon ziullÜHue sur lu inurt I^ouis Henri losezill de öourbvn" drucken, worin die Personen, welche er des Mordes beschuldigte, namentlich die Baronin von Feucheres, angedeutet wurden. Die Baronin drang nun gleichfalls auf die Fortsetzung der Untersuchung, welcher, wie sie sagte, sie als Vermächtnißerbin des Prinzen und als Gegenstand seiner Wohlthaten nicht fremd bleiben könne. Ihre Gegner benutzten indeß alle Mittel, auf die öffentliche Meinung zu wirken, und die Redlichkeit der drei Ärzte, welche den Leichnam des Prinzen untersucht hatten, wurde durch die Behauptung angegriffen, daß jeder derselben 100,000 Francs erhalten habe. Der königliche Gerichtshof zu Paris übernahm die Untersuchung der Sache, und nachdem über 150 Zeugen waren abgehört worden, erfolgte der Ausspruch, der Prinz von Conde sei nicht ermordet worden. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß die Mehrheit der Mitglieder des königlichen Gerichtshofes zu den Anhängern der alten Ordnung der Dinge gehörte, welche an die Ermordung des Prinzen zu glauben schienen, und von der Meinung ausgingen, daß der letzte Sprößling des berühmten Hauses Conde nicht durch Selbstmord umgekommen sein könne. Die Prinzen von Rohan hatten, während sie die Criminaluntersuchung betrieben, auch in einer Civil- klage die Gültigkeit des Testaments angegriffen, und den Beweis übernommen, daß es erschlichen, eingegeben, ja abgedrungen sei. Die Sache wurde seit dem 9. December 1831 vor dem Tribunal erster Instanz zu Paris unter Debelleyme's Vorsitz verhandelt. Für die Kläger sprach Hcnnequin, für die Baronin von Feucheres Lavaux, für den Herzog von Aumale Dupin der Jüngere, und besonders die ersten 55)2 Congregation Beiden führten ihre Sache mit glänzender Beredsamkeit. Hennequin, der karli- stischen Partei ergeben, suchte in seiner Begründung der Klage mit der feinsten Dialektik darzuthun, Frau von Feucheres habe, um sich den Schutz des Hauses Orleans zu sichern, den Prinzen, dessen Absicht eine ganz andere gewesen sei, durch den Misbrauch ihres Einflusses auf den altersschwachen Mann zu einem Testamente nach ihrem Sinne gezwungen; er behauptete, der Prinz habe kurz vor seinem Tode entfliehen und jenes Testament zurücknehmen wollen; er suchte die Ermordung des Prinzen durch eine nicht immer redliche Benutzung und Deutung der Zeugenaussagen und der Thatumstande wahrscheinlich zu machen, und bei einer scheinbar achtungsvollen Schonung des Herzogs von Orleans, die mitten unter boshaften Winken wie Ironie lautete, war es offenbar der Zweck seiner ganzen Beweisführung, auf die Familie Orleans den Vorwurf gehässiger Erbschleicherei zu wälzen und sie eines heimlichen Bundes mit der Baronin zu beschuldigen. So gewandt und siegreich sein Gegner Lavaux mehre Anklagen abwehrte und, auf erwiesene Thatsachen sich stützend, manche Deutung in ihrer Nichtigkeit zeigte, so wurde doch nicht jede Dunkelheit aufgehellt, und wenn auch der unbefangenen Prüfung die Ermordung des Prinzen als ganz unerwiesen und als unvereinbar mit mehren Thatumständen erscheint, so geht doch aus Allem hervor, daß die Baronin ihre Gewalt über den Prinzen selbstsüchtig benutzt, und die Familie Orleans, hätte sie sich auch aller unmittelbaren Mitwirkung enthalten, wenigstens vergessen hat, daß es unverträglich mit den Rücksichten des Zartgefühls war, dem zweideutigen Einflüsse einer solchen Frau etwas zu verdanken. Am 9. Februar 1832 erfolgte der Ausspruch des Gerichts, welcher die gegen die Gültigkeit des Testaments erhobene Klage abwies, da es nicht gesetzwidrig sei, einem Erblasser den Gedanken eines letzten Willens einzugeben und selbst einen Einfluß auf sein Gemüth auszuüben, um seine Entschließungen zu leiten, und aus den Umständen hervorgehe, daß der Prinz von Conde die angegriffene Erbeinsetzung freiwillig angenommen und ausgeführt habe. Als die Prinzen von Rohan eine Berufung gegen dieses Urtheil einlegten, wurde die erste Entscheidung bestätigt. Die Baronin von Feucheres erhob darauf in Verbindung mit dem Abbe Briant, dem Erzieher ihrer Neffen, den ihre Gegner als Mitschuldigen des Verbrechens bezeichnet hatten, wider den Prinzen Louis von Rohan, wegen der von ihm zum Drucke beförderten Schrift, eine Schmähungsklage, und das Zuchtpolizeigericht verurtheilte den Prinzen am 8. Zun. 1832 zu dreimonatlicher Haft und 1009 Francs Geldbuße. — Dieser Rechtsstreit hat, außer dem angeführten „^ppel a I'upiniou publice", viele Parteischriften veranlaßt. Es sind nicht weniger als 20 Flugschristen erschienen, welche die Ermordung des Prinzen zu beweisen suchen, und nur Marc, einer der Ärzte, die an der Section Theil nahmen, hat die entgegengesetzte Meinung öffentlich vertheidigt. Die„0bser- vatious sur l'instructiou relative alainort duckuede Lourkon, ^riucede(auide" (Paris 1831), von der Partei der Prinzen von Rohan herausgegeben, enthalten eine Zusammenstellung, Vergleichung und Prüfung der Zeugenaussagen. Die „Histoire eornplete etimpartiale du proces relatil a 1a iuc>rt et au testament du duc deLourbun, prince de Oonde" (Paris 1832) ist zwar nicht ganz unparteilich, da sie die Vertheidigung der Baronin von Feucheres und der Familie Orleans führt, aber sie gibt die Aktenstücke in genügender Vollständigkeit, um ein unbefangenes Urtheil möglich zu machen. Congregation. Als Napoleon zur Begründung seiner Herrschaft es für nöthig hielt, die während der Revolution zerrissene Verbindung mit dem römischen Stuhle wieder anzuknüpfen, duldete er auch die Ansiedelung geistlicher Genossenschaften, indem man ihn listig für den Gedanken gewann, die öffentliche Erziehung einer geistlichen Gesellschaft zu überlassen. Unter dem Schutze des Cardinals Fesch bildete sich die ursprünglich jesuitische Stiftung St.-Sulpice, welche unter Congregation 503 dem Vorwand frommer Erbauung Versammlungen hielt, und der unter dem Namen der kleinen Kirche AnHanger der Jesuiten, die sogenannten Vater des Glaubens, und die dem Concordate mit dem Papste abgeneigten Bischöfe sich anschlössen. Die mit dem bourbonischen Hause zurückgekehrten Freunde des Ultramontanismus fanden den Boden vorbereitet, und die seit 1814 eingeleitete, durch die politischen Zeitverhaltnisse begünstigte Reaction zu neuer Befestigung der Gewalt des Papstes beförderte auch die Bestrebungen der Verfechter und Beschützer der Priestermacht in Frankreich. Ludwig XVIII. unterstützte die Jesuiten seit ihrer Wiederherstellung freigebig, und es gelang ihnen um so leichter, sich heimlich über ganz Frankreich zu verbreiten, da sie in dem Thronfolger und in der bigotten Herzogin von Angouleme heimliche Stützen fanden, wenn die seit 1764 bestehenden Gesetze. Wiijli die Ausschließung des Ordens offene Begünstigungen noch nicht erlaubten. Ts ^ Sie bemächtigten sich indeß unter verschleiernden Namen des Jugendunterrichts, und gründeten mehre Collegien und Seminarien, z. B. zu Paris, Montrouge, Dole, St.-Acheul, die mit den Jesuiten in der Schweiz, Italien und Spanien und dem Ordensgeneral in Rom in genauer Verbindung standen. Der Schutz der königlichen Familie erleichterte den Hauptern der Priefterpartei, deren heimliche Verbindungen das ganze Reich umfaßten, eine wirksame Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten, und als Ludwig XVIll. in den letzten Jahren seiner Negierung sich fremden Einflüssen immer mehr hingab, und eine Geheimregierung (Kemver- nement occulte) unter der Leitung des Thronsolgers und der Herzogin von Angouleme immer mächtiger wurde, durften die Römlinge dreistere Versuche wagen. Einer ihrer eifrigsten Freunde war der Beichtvater des Grafen von Artois, Abbe Latil. Es gelang ihnen, selbst die pariser Polizei in die Hände eines Eingeweihten zu bringen, und in der Deputirtenkammcr hatte die Congregation, wie man die Partei nannte, bereits zahlreiche Anhänger. Die Jesuiten waren die wirksamsten Mitglieder dieses theokratischen Vereins, der Frankreich unter das alte Joch römischer Hierarchie zu bringen, und die einst so eifersüchtig bewachten Freiheiten der gallicauischcn Kirche zu vernichten strebte, und als Karl X. den Thron bestiegen hatte, traten sie, trotz dem bestehenden Gesetze, immer kühner aus ihrer Verschleierung hervor. Der Minister der Kirchenangelegenheiten, der Bischof Frapssinous, mußte 1826 in der Deputirtenkammer gestchen, daß viele der neugestifteten geistlichen Lehranstalten, die sogenannten kleinen Seminarien, selbst von den Bischöfen der Leitung der Jesuiten wären anvertraut worden. Mit dem steigenden Einflüsse der Priesterpartei wurden die alten Anmaßungen der Hierarchie gegen die Staatsgewalt immer dreister in bischöflichen Hirtenbriefen, in Reden vor den Kammern und in Adressen an den König ausgesprochen. Ein Beweis des mächtigen Einflusses der hierarchischen Partei war der Umstand, daß neben dem Herzog von Ri- viere der Bischof Tharin von Strasburg, ein erklärter Freund des Ultramontanismus und der Jesuiten, zum Erzieher des Herzogs von Bordeaux gewählt wurde, und zu gleicher Zeit zwei Parteihäupter, der zum Erzbischof von Rhe. , ->s erhobene Abbe Latil und der Erzbischof von Toulouse, Clermont-Tonnere, in den geheimen Rath des Königs traten. Einer der eifrigsten Verfechter des Ultramontanismus, der Abbe Lamennais (f. d.), sprach zu gleicher Zeit in seiner Schrift: „De üe reli-stem Uans ses ra^^iorts ovec l'orckre civil et politihue" (Paris 1826), die Grundsätze der Partei unumwunden aus, indem er der Regierung alle Rechte gegen die unmittelbar von Gott eingesetzten Priester absprach, die Erziehung des Volkes als ein Recht für die Priester foderte, und die Charte verdammte, weil sie Glaubensfreiheit verkünde. Diese kühnen Umtriebe bewogen 1826 einen alten Anhänger des Royalismus und der Aristokratie, den Grafen von Montlosier (s. Bd. 7) M fl'inem.Memoire ü consulter sur im Systeme reli^ieux et^olitic^ue, tenelant -r renverser la religio«, la societe et le trone", die Geschichte des neuen Ultra- > 594 Congregation montanismus in Frankreich zu enthüllen und eine kräftige Anklage gegen die Bestrebungen der Priesterpartei und die Schritte der Geheimregierung zu erheben. Er zeigte, daß diese gefahrliche Reaction aus dem machtigen Einflüsse hervorgegangen sei, den die wiedererstandenen Jesuiten und die Römlinge durch zahlreiche Congre- gationen und Missionsanstalten auf die Staatsbehörden und auf einen großen Theil der vornehmern Stände wie der untersten Volksclassen gewonnen hatten. Eine große Anzahl von Rechtsgelehrten versammelte sich auf Montlosi'er'H Auffo- derung zu Paris, und sprach das Ergebnis ihrer Berathungen in dem Beschlüsse aus, daß das Bestehen nicht genehmigter geistlicher Genossenschaften strafbar, die Existenz der Jesuiten gesetzwidrig sei, und Derjenige ein Verbrechen begehe, der wider die 1682 von der französischen Geistlichkeit gegen die Gewalt des Papstes in weltlichen Dingen ausgesprochene und durch Staatsgesetze bekräftigte Erklärung der französischen Geistlichkeit öffentlich lehre. DieseSchritte regten die Vertheidiger der Priesterpartei aus. Der Deputirte Clausel de Coussergues und Bonald traten gegen Montlosier in die Schranken, während man durch Vertheilung mystisch-fanatischer Schriften, durch Stiftung frömmelnder Vereine, durch Missionen aus die untersten Volksclassen zu wirken suchte, und wenn der gesunde Sinn des Volkes, wie in Rouen, gegen das Gaukelspiel der Missionen sich empörte, mußte die Regierung den frevelnd erregten Aufstand mit Waffengewalt dämpfen. Ein großer Theil der französischen Bischöfe, deren Vorgänger so standhaft die Freiheit der Landeskirche ver- theidigt hatten, war von den Banden der Reactionspartei umstrickt, und überließ sich dem Wahne, durch solche Verbündete die im Sturme der Revolution verlorenen Vorrechte wiederzuerlangen. In einer dem König im April 1826 übergebe- nen Erklärung sagten 45 Bischöfe, daß sie zwar dem Papste nicht das Recht beilegten, Königen ihre Kronen zu nehmen oder die Unterthanen des Eides der Treue zu entbinden, aber Jeden verdammten, der, unter dem Vorwande der gallicanischen Kirchenfreiheiten, dem von Christus eingesetzten Primat der Nachfolger des heiligen Petrus den unbedingten Gehorsam in Beziehung auf den alleinseligmachenden Glauben und die kirchliche Einheit zu verweigern wage. Montlosier's Anklage war indeß nicht ohne Wirkung geblieben, es ward 1827 in beiden Kammern über die Duldung der Jesuiten lebhaft gekämpft, und endlich in der Pairskammer beschlossen, über das Wirken der Jesuiten in Frankreich sorgfältige Nachforschungen anzustellen. Der Einfluß der hierarchischen Partei und ihrer materiellen Hülfs- mittel mußte um so gefährlicher erscheinen, da selbst ihre Vertheidiger gestanden, daß man seit einer Reihe von Jahren wöchentliche Beiträge von Handwerkern und Taglöhnern, und zwar schon 1826 von 560,000 Personen ein Sous für jede Woche, erhoben habe. Endlich wurde 1828 auf Betrieb des Siegelbewahrers Portalis und des neuen Ministers des öffentlichen Unterrichts, des verständigen Vatismenil, die laute Stimme der Volksmeinung gehört. Eine Verordnung vom 16. Jun, unterwarf die geistlichen Secundairschulen der Aufsicht des Ministers des Unterrichts, und verfügte, daß jeder Lehrer an diesen Anstalten schriftlich erklären solle, er gehöre zu keiner gefetzwidrig bestehenden geistlichen Genossenschaft. Die Bischöfe, an ihrer Spitze Clermont-Tonnere und Latil, boten Alles auf, die Vollziehung dieser Verordnung zu vereiteln; aber auf einen Wink des Papstes, der den Rath gab, sich in die Zeit zu fügen, ließ der Widerstand nach. Die Jesuiten verloren die Leitung des öffentlichen Unterrichts, und viele Mitglieder ihres Ordens gingen nach der Schweiz, Belgien und Savoyen, um günstigere Zeiten abzuwarten; aber ihr heimlicher Einfluß, und selbst einige ihrer Lehranstalten, dauerten trotz der königlichen Verordnung fort, da sie in den Bischöfen Beschützer fanden, und wohl wußten, daß Martignac's Ministerium durch Rücksichten auf den Hof gehindert wurde, das Gefetz strenge zu vollziehen. Polignac's Verwaltung hatte neue Hoffnungen begründet und frischen Much geweckt, als die Juliustage und die Charte Congreve's Farbendruck Constitutionen der letzten fünf Jahre 505 von 1830 die hierarchische Partei wie ihre Stütze, den Thron der altern bour- bonischen Linie, vernichteten. Congreve's Farbendruck. Um die verschiedenen, sonst nöthigen Formen und den mehrmaligen Druck eines Bogens zu vermeiden, wenn ein solcher mit zwei oder mehren Farben gedruckt werden soll, hat der durch vielfache Erfindungen, besonders die nach ihm genannten Raketen, bekannte William Congreve (s. Bd. 2) eine sehr sinnreiche Verfahrungsweise erdacht. Es wird nämlich mittels einer Schnellpresse die Form, welche aus eben so vielen einzelnen Theilen besteht, als Farben verlangt werden, gefärbt, und wenn dies geschehen ist, schieben die einzelnen Theile durch einen einfachen Mechanismus sich wieder zu einem Ganzen zusammen, warauf dann die Form abgedruckt wird und einen buntgefärbten Druck liefert. Eine nähere Beschreibung dieses Verfahrens und der Maschine selbst ist ohne Zeichnung unthunlich; nur verdient noch bemerkt zu werden, daß auch von mehren Künstlern ein, dieser Druckart entnommenes Verfahren auf gewöhnliche Pressen angewendet worden ist, welches nur in Hinsicht auf Schnelligkeit hinter dem Drucke der Congreve'schen Maschine bleibt, in der Schönheit und Genauigkeit aber mit demselben vollkommen wetteifert; vorzüglich hat Prof. Gubitz in Berlin durch mehre Arbeiten den Beweis davon geliefert. Anwendbar ist dies Druckverfahren im Großen freilich nur bei Banknoten, Waarenetiquets u. dgl., doch werden auch schöne typographische Arbeiten geliefert, wie solches in Deutschland durch das Vaterunser bei Schäffer in Frankfurt a. M. geschehen ist. Conrad! (Johann Wilhelm Heinrich), königl. hanöverscher Hofrath, Professor der Medicin zu Göttingen und Director der Polyklinik daselbst, ist geboren zu Marburg den 22. Sept. 1780, Sohn des ehemaligen Professors der Rechte daselbst, Johann Ludwig Conradi. Er studirte von Ostern 1797 bis zum Januar 1802 zu Marburg, wo er promovirte und gleich Ostern desselben Jahres als Privatdocent auftrat. Schon am 17. August 1803 ward er außerordentlicher und 1805 ordentlicher Professor der Medicin auf der genannten Universität. Im Herbste 1814 folgte er einem Rufe nach Heidelberg, wo er 1820 geheimer Hofrath ward und bis 1823 blieb. Um diese Zeit ging er nach Göttingen und wurde bald nach seiner Ankunft Mitglied der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften. C. gehört zu den gelehrten Ärzten und öffentlichen Lehrern, die durch Verbreitung und durch Verteidigung mehrer me- dicinischer Ansichten sich um die Bildung junger Ärzte großes Verdienst erworben haben, eine Eigenschaft, die auch seinem „Handbuch deri allgemeinen Pathologie" (Marburg 1811; vierte Auflage 1826) und „Grundriß der spe- ciellcn Pathologie und Therapie" (2 Theile, Marburg 1811; vierte Auflage 1831) günstige Aufnahme erworben hat. Dagegen entbehrt dieser Gelehrte aller Originalität, denn auch seine Schriften siM nur gelungene Nachahmungen großer Muster, z. B. eines Gaubius, und die Art und Weise, wie er junge aufkeimende Talente oder bereits bewährte Meister in der Medicin in seinen zum Theil in den „Heidelberger Jahrbüchern", zum Then in den „Göttinger gelehrten Anzeigen" geschriebenen Kritiken beurkheilte, hat seinem wohlerworbenen Rufe I bereits vielfach geschadet. Hätte C. Originalität der Ansicht, und mehr Anerkennung fremder Verdienste, so würden die von ihm in den letzten Decennien ehchienenen gelehrten kritischen Abhandlungen über wichtige Gegenstände der me- bicinhchen Praxis und der meclicinn koiensis in den göttinger Societätsschriften wehr beachtet geblieben sein. (2) Constitutionen der letzten fünfJahre. Der allgemeine Charakter der Zeit war, zumal seit Canning's Tode, der Ausbildung der ältern und dem Entlehen neuer Verfassungsurkunden nicht günstig. Selbst redlich gesinnte Staatsmänner fürchteten das unter dem Boden glimmende Feuer und hielten es für weiser, die 506 Constitutionen der letzten fünf Jahre Welt nach und nach wieder an das Alte zu gewöhnen, als durch Verbesserungen, welchen sie an sich vielleicht gern die Hand geboten hatten, der Neigung zu Veränderungen neue Nahrung zu geben. Die Ansicht hatte sich hierin seit 1815 gerade der entgegengesetzten Seite zugewendet. Damals wurden von den Gesandten der beiden Hauptmachte Deutschlands Entwürfe der Berechtigungen vorgelegt, welche als das Mindeste den Standen deutscher Lander eingeräumt werden müßten, und unter diesen war besonders der preußische durch liberale Bestimmungen ausgezeichnet; nun aber ward in der Schlußacte der wiener Ministerialconserenzen von 1820 nur die Sorge ausgesprochen, daß den Standen nicht zu viel bewilligt, und dadurch die gemeinschaftliche monarchische Grundlage aller deutschen Staatsverfassungen geschwächt werde. Nach Canning's Tode rückte diese Ansicht noch um einen großen Schritt weiter. Spanien war zu seiner alten Regierungsweise zurückgekehrt, in Portugal und in Italien die ruhige Unterwerfung hergestellt; die unbedeutenden Versuche der Constitutionnellen in Neapel wurden ohne Mühe unterdrückt und bestraft. In England schien die Landaristokratie ihrer Herrschaft viel zu sicher, als daß man sich nicht hätte getrauen sollen, mit einigen Concessi'onen zu Gunsten der arbeitenden eigenthumlosen Classen des Volks auszukommen, indem einige Sorge für wohlfeileres Brot, einige geringe und mehr scheinbare als wirkliche Ersparnisse im Staatshaushalt, einige Milderung der harten Strafgesetze, einige Verbesserung der Justiz, die auch die Reichen etwas anging, schon hinreichend zu sein schienen, das Volk in seinem alten Glauben an die Vortrefflichkeit seiner Verfassung aufs Neue zu befestigen und alle kühnern und weiter gehenden Wünsche zu beschwichtigen. Nur in Irland regte sich ein stärkerer Geist der Unzufriedenheit, welchen man aber auch mit einer zwar großen, jedoch sehr einzeln stehenden Maßregel, der Emancipati on d er Kath oliken (s. d.), zu bannen glaubte, daß er nicht mit seinen Anfoderungen über dieses Ziel hinausschreite; und so blieb nur Frankreich übrig, welches als der ursprüngliche Feuerherd constitutionneller Bemühungen, womit in der Sprache der Parteien das Nevolutionnaire völlig gleichbedeutend war, die Nachbarstaaten unaufhörlich bedrohte, und verhinderte, zu einer völligen und festgegründeten Restauration zu gelangen. Daher mußten die vereinten Anstrengungen der europaischen restaurirenden und reagirenden Politik auf diesen Punkt gerichtet sein, und erst wenn sie hier das Feuer völlig ausgetilgt hatte, konnte sie hoffen, auch in dem übrigen Europa Alles zu ersticken, was der dauerhaften Beruhigung entgegenstand. Es ist gewiß, daß auch auf dieses Ziel mit großem Ernst hingearbeitet wurde, und sehr richtig hatte man erkannt, daß dazu zweierlei unumgänglich nöthig sei: von der einen Seite eine Erziehung des Volkes, welche die Gemüther zu gänzlicher Hingebung an die Autorität geneigt machte, und von der andern die Umwan^ung der beiden Kammern in bloße Werkzeuge der Negierung. Das Erste suchte man durch ganzliche Vernachlässigung der Volksschulen und durch Überlassung der höhern Unterrichtsanstalten an die Geistlichkeit, und zwar nicht den aufgeklärtem Theil derselben, zu erreichen (s. Congregati on); zu dem Aweiten hoffte man zu gelangen, indem man den Wahlen mehr in die Hände der Reichen und Vornehmen brachte, den Einfluß der Negierungsbeamten bei denselben verstärkte und sich dadurch eine so nachgiebige Kammer bereitete, daß alle Discusflen in derselben aufhörte, und man nach und nach aus der Deputirtenkammer ein bloßes Steuercollegium, aus den Pairs aber eine Assemblce von Hofleuten machen konnte. So lange dieses Ziel nicht erreicht war, konnte auch die Presse nicht beherrscht werden; denn in den Kammern bildete sich durch die Öffentlichkeit ihrer Verhandlungen immer wieder eine öffentliche Meinung, deren Verbreitung nicht gehemmt werden konnte; aber wenn jene Quelle verstopft, und der Schutz, welchen die Preßfreiheit in den Kammern fand, vernichtet war, so war c-s ohne gro!>e Schwierigkeit wieder dahin zu bringen, wohin es Napoleon gebracht hatte, daß in MIM Constitutionen der letzten fünf Jahre 507 i Wh IM .B'D ganz Frankreich weder in den Kammern noch durch die Druckerpresse eine freie Stimme mehr zu hören war. Die Opposition in der Deputirtenkammer war schon bis aus wenige Mitglieder herabgesunken, und man glaubte die Mittel zu besitzen, sie nicht wieder auskommen zu lassen. Das Ministerium Martignac (4. Jan. 1328 — 8. Aug. 1830) nahm zwar eine etwas veränderte Richtung, indem es den Umgriffen der geistlichen Macht entgegenarbeitete und der liberalen Opposition Einigesnachzugeben schien; allein desto entschiedener war der rückgangige Charakter des MinisteriumsPolignac,welches am 3.Aug. 1830 an die Spitze der Geschäfte trat. Es ist nicht bekannt, welche Veränderungen es in der Ferne noch vorbereitete, aber so viel läßt sich mit Gewißheit erkennen, daß sehr bedeutende Schritte gegen das con- stitutionnelle und repräsentative System im Werke waren, und daß die königlichen Ordonnanzen vom 25. Jul. 1830 nur der Anfang, nicht die Hauptsache einer gänzlichen Umgestaltung sein sollten; auch daß die Wirkungen dieser Umgestaltung nicht bloß auf Frankreich berechnet, sondern sich über ganz Europa zu verbreiten bestimmt waren. In diese Zeit fällt daher auch nur eine einzige neue Verfassung eines deutschen Staates, die des Herzogthums Sachsen-Meiningen vom 23. August 1829. Sie war nicht die Folge eines ungewöhnlichen aufgeregten Strebens im Volke, sondern ganz einfach dadurch herbeigeführt, daß durch die Theilung der Länder der ausgestorbenen sachsen-gothaischen Linie das Herzogthum nun aus fünf verschiedenen Landestheilen bestand, deren jeder eine besondere Verfassung gehabt hatte. Es war durchaus nothwendig, alle diese Theile in ein Ganzes mit gemeinschaftlicher Verfassung zu vereinigen, und die Abfassung des neuen Grundgesetzes wurde dem ehemaligen Hildburghäusischen Geheimrathe Schmid zu Jena, der auch jetzt noch als Professor der Landesuniversität und Mitglied des Oberappellationsgerichts meiningischer Staatsdicner war, übertragen. Die Aufgabe war, die alten Grundlagen der Verfassungen so viel möglich beizubehalten und zusammenzuschmelzen. Wie viel von Schmid's Entwürfe in den Conserenzen mit dem Ministerium, durch eigne Entscheidungen des Herzogs und zuletzt in den Berathungerr mit einem Ausschuß der Stände abgeändert worden ist, können wir nicht angeben; das Grundgesetz selbst ist im Ganzen dem Charakter treu geblieben, welchen alle seit 1815 entstandenen deutschen Verfassungen haben: monarchische Grundform, Repräsentation der Rittergüter, des Bürgerstandes und der kleinen Grundbesitzer zu gleichen Theilen. Wesentliche Theilnahme der Stände an der Gesetzgebung, doch mit einem überwiegenden Einflüsse der Regierung, Steuerbewilligung, Trennung des Domainengutes von den Staatskassen, Controle der Stände über die Erhaltung des Domainengutes, Recht der Anträge auf neue Gesetze, der Beschwerden und Anklagen gegen Staatsdiener: auf diesen Grundlagen ruht das Ganze. Daneben sind manche Bestimmungen über das Vechältniß zwischen dem Staat und dem Einzelnen, über die Rechte der Kirchen und Gemeinden aufgenommen worden welche beweisen, daß man durch das Grundgesetz zugleich die Bahn zu manchen andern wichtigen Einrichtungen ebnen wollte, von welchen bis jetzt nichts tveiter zum Vorschein gekommen ist. Dahin gehört insbesondere eine sehr weit auszudehnende Anlage der Gemeindeversassung und überhaupt der korporativen Rechte der Unterthanen, denen auch nicht verwehrt sein soll, zu jedem beliebigen Zwecke, wenn er nur nicht gesetzwidrig ist, Gesellschaften zu stiften. Die kirchlichen Verhaltnisse sind mit wenigen Sätzen so bestimmt, daß der Kirche ihre Freiheit im Innern bleibt, in ihren äußern Verhältnissen hingegen dem Staate die Mittel nicht entzogen werden, die Harmonie zwischen beiden ausrecht zu halten. Daher ist auch das Kirchenvermögen nicht so unbedingt der Disposition des Staats durch Gesetze entzogen worden, als in andern Verfassungen, wo man übersehen hat, daß eine übermäßige Dotation der Kirche muß reducirt werden können, und daß die 508 Constitutionen der letzten fünf Jahre Dotation einer Geistlichkeit, welche nicht der Religion des Volkes angehört, ihrem Zwecke nicht mehr entspricht. Wenn diese Bestimmung auch für das Herzogthum Meiningen weniger nothwendig erscheint, so ist doch der Grundsatz selbst von großer Wichtigkeit. Mit der Versasfungsurkunde selbst stehen manche landesherrliche Edicte in einem ergänzenden und erklärenden Zusammenhange, vorzüglich das vom 16. Jun. 1829, durch welches die Grenzen zwischen der Regierung und den Gerichten gezogen sind. Es ist dies gewiß einer der wichtigsten Gegenstände des con- stitutionnellen Systems, indem hier die Aufgabe gelöst werden muß, einerseits die individuelle Freiheit gegen willkürliche Eingriffe der Regierungsbeamten, die so oft vorkommen, mit Erfolg zu sichern, andererseits aber die Thatigkeit der Regierung nicht durch die Gerichte lähmen zu lasten, wozu die Versuchung nicht weniger groß ist. Eine sogenannte Verwaltungsjustiz ist etwas in sich Widersprechendes und Monströses, und Frankreichs Beispiel, wo sie durch Napoleon die höchste Ausdehnung erhalten hat, aber auch noch jetzt der Gegenstand allgemeiner Beschwerden ist, hätte mehr zur Warnung als zur Nachahmung gebraucht werden sollen. Eine der ersten Bedingungen ist dabei die ganzliche Trennung der Verwaltung von dcr Rechtspflege, welche auch in der kurhessischen Verfassung (tz. 11?) unbedingt ausgesprochen und in der königlich sachsischen (H. 49) anerkannt worden ist („Jedem, der sich durch einen Act der Staatsverwaltung in seinen Rechten verletzt glaubt, steht der Rechtsweg offen"); aber es muß nun sogleich der Codex der Negierungs- besugnisse und der individuellen Freiheit hinzugefügt werden, um die Regel auch anwendbar zu machen. Wichtig und gewiß für die bürgerliche Freiheit sehr heilsam ist auch der Satz des meiningischen Grundgesetzes, daß die Verantwortlichkeit der Staatsbeamten gegen jeden einzelnen Beamten geltend gemacht werden kann, und nicht durch höhere Befehle — außer wenn diese in gehöriger Form von einer competenten Behörde erlassen sind — gedeckt werden kann. Die Verantwortlichkeit und die dadurch bezweckte Rechtssicherheit sinkt in der That aus Null herab, wenn der Verletzte nur auf den Weg der Beschwerde bei den höhern Instanzen gewiesen ist und sich so stets einem mächtigen Minister gegenübersteht, der ihn am Ende mit unerfreulicher Ironie zur Beschwerde wegen Justizverweigerung an die hohe deutsche Bundesversammlung verweift. Bald nach dem Erscheinen der meiningischen Verfassung trat das große Er- eigniß des Julius 1830 in Frankreich ein, welches wie ein elektrischer Schlag durch ganz Europa gewirkt hat. Wir setzen hier die rechtlichen Gesichtspunkte ganz bei Seite und halten uns nur an die Thatsache, wie laut und allgemein sich das Verlangen der Völker nach urkundlicher Befestigung eines öffentlichen Rechts ausgesprochen hat, und wie unzulänglich gegen einen sich selbst klar gewordenen wahren Volkswillen die gewöhnlichen Mittel der öffentlichen Macht sich bewiesen haben. Durch dieses Erwachen der Völker — sei es nun zum Bewußtsein ihres Rechts, wie die Einen, oder nur einer gesetzlosen Kraft, wie die Andern sagen — sind alle Berechnungen der restaurirenden Politik unterbrochen worden; die schon vorhandenen Constitutionen haben einen ganz andern Charakter erhalten, und neue sind ins Dasein gerufen worden. Zuerst hat die Versassungsurkunde Frankreichs einige Veränderungen erfahren, nicht sowol um das Wesen derselben umzuschassen, als um den Charakter einer constitutionnellen Monarchie, welcher im Grunde doch die Bedingung der Restauration von 1815 war, bestimmter auszudrücken und zu befestigen. (S. Charte, französische, von 1830.) Bei weitem wichtigere Veränderungen der französischen Verfassung sind jedoch in mehren einzelnen Gesetzen, über die Nationalgarde, die Wahlen, die Verfassung und Verwaltung der Gemeinden, über die Revision des Strafgesetzbuches und der Criminalproceßordnung, über das Avancement in der Armee und andere Gegenstände enthalten. (S. Frankrei ch.) Vieles wird aber noch vermißt, vornehmlich eine Umgestaltung des Staatsraths, Constitutionen der letzten fünf Jahre 509 ^ welcher noch viel zu große richterliche Attribute hat, und durch seine Verwaltungs- jusiiz zu tief in die Rechte der Einzelnen eingreift, und eine bessere Kreis- und Gemeindeverfassung, wodurch die Verwaltung der Provinzen — wie wir mit ! Bedacht sagen, statt der Departements — größere Selbständigkeit erhalten, und das allzu große Übergewicht der Hauptstadt vermindert werden möchte. Darin scheinen unsere deutschen Einrichtungen höher zu stehen, und eine Befreiung der Provinzen von der maschinenmäßigen Centralregierung möchte ein sehr zweckmäßi- ges, viellei'Z)t das einzige Mittel sein, die Verwaltung von einer sehr nachtheiligen > Langsamkeit und einer bloß äußern Übereinstimmung zu befreien, dadurch aber in den Provinzen selbst der Regierung größeres Vertrauen, mehr wahre Kraft und ^ ' eine größere Popularität zu verschaffen. Eine große Bedenklichkeit wurde durch ^ die Art erregt, wie diese Staatsveränderung sanctionirt wurde, indem sie nur von ^ Veränderung des Grundgesetzes schwerlich berechtigten Kammer beschlos- ' ^ von der Pairskammer genehmigt und von einem König angenommen wurde, !c!tz, ^ welcher selbst erst durch sie auf den Thron berufen war. Es wurde von Vielen verlangt, daß man die Nation selbst über die Annahme des veränderten Grund- zuz. gftetzes befragen solle, wie dies in den Jahren 1800, 1802 und 1604 wirklich ge- schehen war. Die Besorgnis, daß die Stimmen dagegen oder doch die Mehrheit ^ Atz zu gering ausfallen möchte, hätte davon nicht abhalten dürfen, weil ja die rechtliche Gültigkeit der neuen Verfassung nach ihrem eignen Princip nur aus der Annahme derselben von Seiten des Volkes hergeleitet werden konnte, und die Negierung Lud- ÄWitzP-. wig Philipps durch dieselbe eine sehr große Befestigung erhalten haben würde. dilVmwM Drei neue Constitutionen deutscher Länder: des Kurfürstenthums Hessen MchtvM», (5. Jan. 1831), des Herzogthums Alten bürg (29. April 1831) und des Kö- Uchm Mm nigreichs Sachsen (4. Sept. 1831) und die Constitution des neuen Königreichs MMmch Belgien (7. Febr. 1331) sind nun der Zeit nach auf die französische Staats- jMsWÄ, Veränderung gefolgt, jedoch ohne daß man bei dem Inhalte selbst einen Einfluß hmWtzM ! französischer publicistischer Principien wahrnehmen könnte. Die Ereignisse, welche M khnm in Kassel, Dresden und Altenburg die nächste äußere Veranlassung der Verfassungs- WPMz MÄ Urkunden gaben, werden am gehörigen Orte dargestellt werden. (S. Kur Hessen, Sachsen und Sachsen - Altenburg.) Die Sache selbst aber war auch in kMMb I d'ch" drei Ländern längst als nothwendig erkannt, und der Inhalt der Urkunden schließt sich oft wörtlich den altern Constitutionen von Baiern, Baden, Hessen- Darmstadt u. s. w. an. In der sächsischen und kurhessischen wird das Princip der ilntheilbarkeit und der Erbfolge nach dem Rechte der Erstgeburt ausgesprochen, und dadurch eine Frage entschieden, welche in Ansehung des sächsischen Hauses bisher sehr bestritten wurde. Im Königreiche Sachsen soll bei gänzlicher Erledigung des Mannsstammes die Regierung auf die Prinzessin übergehen, welche mit dem letzten König am nächsten verwandt ist; aber dann wieder der Vorzug des Mannsstammes eintreten. Die Domainen werden in beiden Verfassungen für Staatsgut, unveräußerlich und von dem Lande unzertrennlich erklärt, und der Ausdruck in der Verfassung des Königreichs Sachsen (§.20): „Das Haussideicommiß ist Eigenthum des königlichen Hauses", ist also nur mit Einschränkung zu verstehen, indem dasselbe nie von der Krone getrennt werden kann. Folge dieses Satzes ist eine Civil- iiste. In die innern Volksverhältnisse geht die hessische Verfassung bestimmter und tiefer ein als die sächsische, welche Vieles auf künftige besondere Gesetze verweist, wo sich die erste unumwunden erklärt und feste durchgreifende Grundsätze aufstellt. Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit des Gewissens und der Religions- ubung, Ablöslichkeit der gemessenen und Verwandlung der ungemessenen Frohnen ftn gemessene, Ablöslichkeit aller Grundzinsen und Zehnten, volle Preßfreiheit, mit alleiniger Beschrankung der Censur auf die in den Bundesgesetzen bestimmten Fälle, i'nverletzlichkeit des Briefgeheimnisses, feste Stellung der Staatsdiener, sodaß kein tzMOick! AK A»? >D°' «HM ex- äw Constitutionen der letzten fünf Jahre Staatsdkener ohne Urtheil und Recht entlassen werden kann, Trennung der Justiz von der Verwaltung, zeichnen die hessische Verfassung vorteilhaft aus. Daß Abgaben ohne standische Bewilligung nicht erhoben werden können, wird in beiden Urkunden anerkannt. Die hessischen Stande haben nur Eine Kammer, welche aus 48 Mitgliedern besteht. Die sächsischen Stände sind in zwei Kammern getheilt, wovon die erste außer den volljährigen Prinzen des königlichen Hauses 40, die zweite 75 Mitglieder zählt. Sowol die hessische als die sächsische Verfassung machen Öffentlichkeit der Verhandlungen zur Regel. Die Stände können Antrage auf neue Gesetze machen, nur dürfen sie in Sachsen dem Könige nicht vollständige Gesetzentwürfe vorlegen. Die Bewilligung der Steuern soll in Sachsen nur dann ffür abgelehnt angesehen werden, wenn in einer der beiden Kammern wenigstens zwei Drittheile der Anwesenden dagegen gestimmt haben, und einmal bewilligte Steuern können auch nach Ablauf der Verwilligungszeit und bei Weigerung der Stände, sie ferner zu verwilligen, noch ein Jahr lang erhoben werden. Die altenburgische Verfassungsurkunde geht von denselben Grundlagen aus, ist aber in einigen Theilen weiter ausgeführt, wie sich schon daraus abneh men läßt, daß sie ohne ihre Beilagen 266 HZ. entyält, während die sächsische nu 154, und die kurhessische 160 zählt. Sie hat Manches aus der meiningischen auf genommen, z. B. die Bestimmung, daß ein minderjähriger Regent nach zurück gelegtem achtzehnten Lebensjahre von dem regierenden Senior des sächsischen Ge sammthauses für großjährig erklärt werden kann; die sächsische und hessische Verfassung lassen die Großjährigkcit des Regenten schon mit erfülltem achtzehnten Jahr eintreten. Die Domainen, wozu, abweichend von den gewöhnlichen Ansichten, auch die Regalien gerechnet werden, sind Eigenthum des landesherrlichen Hauses, jedoch wird auch hier für den Souverain eine Civilliste bestimmt und die Do- mainenverwaltung mit der Finanzverwaltung des Landes vereinigt. In den Bestimmungen über die Rechtssicherheit der Unterthanen und die Garantie der bürgerlichen Freiheit findet sich Manches, wodurch die allgemein gegebenen Gewährungen wieder zurückgenommen werden, wie der Satz, daß Niemand seinem ordentlichen Richter entzogen werden könne, durch die Verfügung: daß die Staats- rcgierung außerordentliche Eriminalgerichte und Standgerichte, auch für andere als Militairpersonen, in Fällen eines „thätigen Anstrebens gegen die Staatsgewalt", ohne Weiteres niedersetzen kann; die Freiheit, Thatsachen und Meinungen mitzuteilen, wtrd durch den Ausatz vernichtet, daß Alles, was der Ehrfurcht gegen den Landesherrn, der öffentlichen Ruhe, der Religiosität und Sittlichkeit zuwider ist, vor dem Druck entfernt werden sott, wodurch also die Censur auch größerer Werke grundgesetzlich wird. Manche Bestimmungen sind sehr allgemein, wie Z. 47: „Keinem neuen Gesetze darf rückwirkende Kraft beigelegt werden." Also auch nicht dem, welches allzu harte Strafen mildert oder unnöthige Formalitäten aushebt? Ausländer sollen, wenn sie auswärts ein Verbrechen begangen haben, jedesmal ausgeliefert werden, es wäre denn, daß sie sich auch im Lande eines Verbrechens schuldig gemacht hätten. Also gewährt das Herzogthum Altenburg keinem Verfolgten den Schutz, welchen heutzutage fast kein Staat mehr verweigert, und nur durch ein neues wirkliches Verbrechen soll derselbe erworben werden können. Keine gesetzliche Bestimmung sichert wenigstens dagegen, daß ein Fremder nicht wegen einer bloßen ungegründeten Anschuldigung oder wegen einer Handlung, die nach den Landesgesetzen gar kein Verbrechen ist, ausgeliefert werde. Die Landstände bestehen aus 25 Mitgliedern, nämlich einem vom Herzog aus den Abgeordneten der Rittergutsbesitzer ernannten Präsidenten, und aus den Abgeordneten der Rittergutsbesitzer, Bürger und Bauern, die immer auf zwölf Jahre erwählt werden, die längste Periode, welche uns vorgekommen ist, und in welcher das Vertrauen der Wähler sich wol mehrmals ändern könnte. Die Rechte der Stände sind die ge- A« Constitutionen der letzten fünf Jahre SN wohnlichen; ohne ihre Verwillkgung können keine neue Steuern ausgeschrieben, wol aber, wenn sie sich mit der Regierung über den Staatsbedarf und dessen Aufbringung nicht vereinigen, die bisherigen Steuern noch ein Jahr lang erhoben werden; in Ansehung der Gefetze, welche nicht die Freiheit und das Eigenthum der Unterthanen betreffen, scheint ihre Zustimmung nicht schlechterdings erfoderlich zu sein. Die belgische Constitution, welche am 7. Febr. 1831 definitiv angenommen wurde, ruht auf ganz andern Grundlagen, indem ihr oberster Grundsatz ist: alle Gewalten gehen von der Nation aus (Art. 25). Sie kennt keinen Unterschied der Stande; Adelstitel kann der König zwar verleihen, aber sie geben keinen politischen Vorzug. Der König repräsentirt den Staat, stellt die Beamten an und hat den obersten Befehl der bewaffneten Macht; die Gesetze werden von ihm genehmigt und bekannt gemacht, wobei er ein uneingeschränktes Veto hat; er hat das Recht, die Kammern aufzulösen, und daö Begnadigungsrecht. Er hat allerdings einen großen Einfluß auf die Kammern, und ein Fürst von Talent und Charakter wird auch in dieser Stellung einen Wirkungskreis von unendlicher Wichtigkeit finden. Aber die eigentliche Kraft der Regierung liegt doch in den beiden Kammern, welche beiderseits unmittelbar von der wohlhabendem Clafse des Volkes gewählt werden, da der Wahlcensus nicht über 100 und nicht unter 20 Gulden jährlicher Steuern sein soll, nur mit dem Unterschiede, daß die eigentliche Repräsentantenkammer der Zahl nach noch einmal so stark ist als der Senat; daß die Repräsentanten immer auf vier, die Senatoren auf acht Jahre gewählt werden; daß man, um zum Repräsentanten wahlfähig zu sein, nur geborener oder naturalisirtcr Belgier, im Besitz der bürgerlichen und politischen Rechte, in Belgien wohnhaft und 25 Jahre alt sein muß; um Senator zu werden aber 40 Jahre alt und ein reicher Mann sein muß, welcher wenigstens 1000 Gulden jahrliche Steuern bezahlt. Dagegen bekommen die Repräsentanten einen monatlichen Gehalt von 200 Gulden, die Senatoren nichts. Die Normalzahl solcher reichen Leute wird zu 1 auf 6000 Seelen der Bevölkerung angenommen, was für ganz Belgien eine Zahl von etwa 700 gäbe, aus welcher die Senatoren erwählt werden können. Es scheint aber diese Zahl in den großen Städten doch größer zu sein; darüber, welchem Stande sie vorzüglich angehören, ob den Grundbesitzern, den Fabrikherren, dem Handelsstande, wissen wir nichts zu sagen. Die allgemeinen Freiheiten des Volkes sind dagegen sehr groß; Unverletzlichkeit der Wohnung, volle Religionsfreiheit, auch der öffentlichen Ausübung, Freiheit des Unterrichts, volle Preßfreiheit, Befugniß, sich, jedoch unbewaffnet, zu versammeln, Vereine zu stiften, Adressen zu übergeben. Merkwürdig ist die ganzliche Unabhängigkeit aller Kirchen. Die Regierung darf sich schlechterdings nicht in die Ernennung und Einsetzung der kirchlichen Beamten mischen; sie darf ihnen die Correspondenz mit ihren Obern (also auch nicht mit dem Papste) nicht verbieten und die Bekanntmachung der kirchlichen Verordnungen nicht hindern. Das Urtheil durch Geschworene findet in allen Criminalsachen statt, auch bei Preßvergehen; die Rechtspflege ist öffentlich; die Nichter werden auf Lebenszeit ernannt, und zwar vom König, aber bei den höhern Stellen aus doppelten Verzeichnissen, welche von den Gerichtshöfen und den Provinzialcollegien (bei dem Cassationshofe von dem Senate) vorgelegt werden. Die belgische Verfassung nähert sich demnach sehr der nordamerikanischen, nur daß die neun Provinzen Belgiens nicht die selbständige Verwaltung und Gesetzgebung der Staaten von Nordamerika haben. Sie geht in dieser Hinsicht sehr viel weiter als die französische. Von den Verfassungsarbeiten anderer Staaten laßt sich in diesem Augenblicke noch nichts sagen, und die nächste Zukunft wird es zeigen, welchen Gang diese große üngelegenheit in Braunschweig, Hanover und Holstein nehmen wird. 5l2 Constitutionnelles System Überhaupt aber laßt sich nicht verkennen, daß auch für Frankreich und für manche andere Constitution die Tage der Prüfung angebrochen sind oder schnell herannahen, in welchen es sich bewahren wird, was von allen diesen Bestrebungen der Völker eine wahre, tiefe und kraftige Grundlage habe oder nur auf den Sand wandelbarer Aufregung gebaut sei. (Z) Constitutionnelles System. Unendlich reich sind die letzten fünf Jahre wieder an Ereignissen gewesen, welche, aus dem Streben der Völker nach gesetzlicher Ordnung der öffentlichen Gewalt hervorgehend, sowol die weite Verbreitung als die Starke dieses Strebens beweisen, und die Uberzeugung hervorbringen müssen, daß das westliche (romanisch-germanische) Europa in seiner innern Ent- wickelung auf einen Punkt gekommen ist, auf welchem das Volksleben nicht mehr von bloßer fremder Autorität geleitet werden kann, und weder ein blinder Glaube noch ein leidender Gehorsam der Kirche und der Staatsregierung entgegenkommen. Die Völker verlangen keine Anarchie, keine Herrschaft der Menge, welche nur ein vorübergehendes äußerstes Mittel ist, wol aber wollen oder können sie nur durch Gründe regiert werden, welche aus den zu größerer Klarheit gelangenden Begriffen von Recht und Pflicht abgeleitet werden. Mußte man in der ältern Zeit manche zufällige Vorurtheile und Nationalgefühle schonen, so müssen nun die Anfoderungen berücksichtigt werden, welche aus der mehr in das Volk eingedrungenen Einsicht über den Rechtsgrund und den höchsten Zweck der Staatsgewalt entspringen, und gerade durch das Bemühen, sie zurückzuweisen, um so schneller verbreitet und lebhafter aufgefaßt werden. Denn gerade Das, wogegen mit einer Art von Leidenschaft gekämpft wird, bekommt eben dadurch selbst in den Gemüthern Derjenigen eine große Bedeutung, welche sonst kaum eine Ahnung davon gehabt hätten, aber nun meinen, daß es doch einen großen Werth für sie haben müsse, weil es mit so großer Wichtigkeit und Anstrengung abgewehrr wird. Mit diesem Streben der Zeit nach gesetzlicher Bestimmung der öffentlichen Gewalt ist es innig verwandt und eine unausbleibliche Äußerung desselben, daß für den Werth der Menschen und für den Antheil eines jeden an den Vortheilen und Lasten der Staatsgesellschaft ein ganz anderer Maßstab gesucht wird als der bisherige, welcher von den Zufälligkeiten der Geburt entlehnt ist. Denn wenn das Geistige herrschen soll, so kann nur die moralische Eigenschaft der Individuen in Betracht kommen, welche sich nicht vererben läßt, und das gesunde Urtheil über die Vernunftwidrigkeit des Vorgebens, daß eine Kaste von Geburt klüger und besser sein könne als die andere, läßt sich durch keine Sophismen, sie mögen der Geschichte oder der Naturlehre abgeborgt werden, irre leiten. Der Anspruch auf ein gleiches Verhältniß zwischen den Lasten und Vortheilen des Staats, und die Foderung, daß gleiche Verdienste gleichen Lohn erhalten, kein Verdienst ohne Belohnung bleibe, keine Belohnung ohne Verdienst ertheilt werde, ist in der neuern Zeit nicht durch größern Ehrgeiz des einen Theiles, sondern am meisten dadurch gesteigert und dringender geworden, daß auch die Anfoderungen an den Staat unendlich ausgedehnt worden sind; daß dadurch die Aufmerksamkeit der Steuerbaren auf die Zwecke, für welche ihre Beitrage verwendet werden, geschärft worden ist; und daß fast Jeder berechnet, wie viel von einer un- nöthigen Ausgabe der Regierung ihn selbst trifft. Von dieser Seite vornehmlich hat nun die Öffentlichkeit in allen Zweigen des Staatslebens selbst für den schlichten Sinn des Bürgers eine Bedeutung bekommen, von welcher man vor wenigen Jahren noch keine Ahnung hatte, und die Verfassungsurkunden, über deren pa- pierne Vergänglichkeit so viel gespottet worden ist, sind zwar noch nicht überall eine Wahrheit, allein allenthalben eine Realität geworden. Man weiß aus Erfahrung, daß, wie'Archimedes nur einen noch so kleinen, aber festen Punkt verlangte, um von diesem aus die Welt zu bewegen, fast jede, auch eine unvollkommene Verfassung, einen solchen festen Punkt gewährt, und daß, wenn auch damit noch nicht die Mit- Ä l WllH ''i'd.fchl ^!!!I Coustitutionnelles System 51; ! AMAN i>l^^ iW psÄL tel e'ner praktischen Nöthigung unmittelbar gegeben sind, doch schon außerordentlich viel gewonnen ist, wenn nur ein sicheres und eines Beweises fähiges Urtheil über Recht und Unrecht einer Staatshandlung möglich geworden ist. Aus diesem Urtheil entspringt eine Richtschnur und eine unberechenbare Kraft für die öffentliche Meinung, in welcher zuletzt doch die Quelle der Macht liegt. Man hat sich nun viel Mühe gegeben, Ursachen dieser Emancipation der Völker aufzusuchen, welche nicht in der natürlichen Entwickelung des menschlichen Geistes liegen, sondern als willkürliche Erzeugnisse der Thorheit oder der Bosheit angesehen werden können, damit man sich von der Nothwendigkeit und der Pflicht lossprechen könne, auf die Fortschritte derselben Rücksicht zu nehmen. Bald sollen es misverstandene Theorien, unausführbare Schwärmereien müßiger Köpfe, bald vorsätzliche Verbreitung gefahrlicher Jrrthümer sein, durch welche Völker in ihrem Vertrauen zu der Regierung irre gemacht, zur Unzufriedenheit und Widerspenstigkeit aufgewiegelt werden. Es ist leicht einzusehen, welche Gründe diese Täuschung herbeiführen, indem man die Schuld entstandener Spaltungen und Schwierigkeiten lieber in andern als in seinen eignen Fehlern sucht, und wol auch seine Eitelkeit beleidigt findet, wenn man immer die Gründe seines Handelns angeben soll. Allein man sollte doch einmal die leere Schmeichelei und die unreinen Absichten Derer erkennen lernen, welche immer nur bemüht sind, jede ernste Prüfung des öffentlichen Handelns abzuweisen, Mis- brauche zu rechtfertigen oder doch zu verheimlichen, und das Streben nach Reformen und Abstellung alter oder neuer Ungerechtigkeiten mit dem bequemen Verdam- mungsurtheil des Revolutionnairen zurückzuweisen. Über die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der Theorie kann nur Derjenige urtheilen, welcher durch ein gründliches Studium derselben in ihrem ganzen wissenschaftlichen Umfange sich mit ihr vertraut gemacht hat; in dem Munde eines Andern ist ein solches Urtheil nur ein Bekenntnis der Unkenntniß. Es gibt neben mehren andern zwei Merkmale des eigentlichen revolutionnairen Strebens, welche man in unserer vielbewegten Zeit ganz besonders zu vermeiden suchen muß. Das eine ist das gewaltsame Umstürzen des Bestehenden, welches niemals, weder durch Gründe des Rechts noch der Nothwendigkeit gerechtfertigt werden kann, und nur dann zu entschuldigen ist, wenn ein Volk durch die Gebrechen der Verfassung und Verwaltung in Gefahr gesetzt wird, seine theuerften Güter, sein physischesDasein, das Glück der Familien, seine moralische Würde und seine Religion aufopfern zu sollen. Das zweite aber ist die Herrschaft der Menge, welche ihre Vorurtheile, ihre Leidenschaft und ihre Unwissenheit auf den Thron erhebt. Diese revolutionnairen Gewaltthätigkeiten sind nie nothwen- dig, d.h. aber nur, wie Ancillon in seinen politischen Schriften wiederholt auseinandergesetzt hat, sie können durch zeitgemäße Reformen, und besonders durch strenge Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit der Regierungen stets vermieden werden. Die Volksherrschaft ist dem echt constitutionnellen System, d. h. dem Gesetzesstaat, ebensosehr entgegen als die Tyrannei eines Einzigen und der Despotismus einer Geburts-, Reichthums- oder Beamten-Aristokratie; aber auch sie wird am häufigsten dadurch herbeigeführt, daß die Misbräuche irgend einer andern Verfassung unerträglich geworden sind, und doch die Abhülfe und die constitutionnellen Modifikationen der Verfassung, sowie die Garantien derselben mit blinder Hartnäckigkeit und übermüthigem Stolz verweigert werden. Der wissenschaftlichen Bildung gebührt der Natur der Sacke nach und von Rechtswegen der größere Antheil an der Leitung der Völker, und der gelehrte Stand in allen seinen Theilen ist der Klerus im altern umfassendem Sinne des Wortes, wo er weder mit Priesterschaft noch mit dem einseitig gebildeten Stande der Legksten gleichbedeutend ist. Aber gerade der gelehrte Stand ist, freilich nicht ohne eigne Schuld, in der neuern Zeit um einen großen Theil des Ansehens und Vertrauens gekommen, dessen er früher genoß, und sowol die Menge als die Aristokratie setzt gerade ihm fast überall ein wirklich feindseliges Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 554 Constitutionnelles System Mistrauen entgegen und läßt die Gewalt lieber geradezu in die Hände der Gegner übergehen, als daß sie der schulgerechten gelehrten Bildung einen unmittelbaren Einfluß einräumte. Alle Verfassungen seit 1815 bis in die letzten Jahre sind von diesem Vorurtheile durchdrungen. Sie haben zwar der Geistlichkeit, den Universitäten hier und da einige Stimmen bei der Landesverrretung eingeräumt, aber z. B. Weimar der Landesuniversität nur wegen des zufälligen Besitzes einiger Dotalgüter, also unter den Rittergütern, und sie haben außerdem desto mehr dafür zu sorgen gesucht, daß nur Besitz und Gewerbe, also materielle Interessen, nicht aber die höhern allgemein menschlichen Interessen der Erziehung, der Kirche, der Gerechtigkeit mit Einsicht und Kenntniß der Sache vertreten werden. Gleichwol liegt eben darin, daß auch die nöthige technische Kenntniß in der Mitte der Landstände anzutreffen sei, und daß die gelehrte Bildung Zutritt und Einfluß habe, das vorzüglichste, ja das einzige Mittel, den Zweck aller landständischen Einrichtungen zu erreichen, welcher doch zuletzt darin gesucht werden muß, die Verwaltung und die Gesetzgebung dergestalt in Aufsicht zu halten, daß sie dem Wohle des Ganzen gemäß sind, nicht aber Werkzeuge einer willkürlichen Herrschaft werden. Es werden daher auch allenthalben Stimmen vernommen, welche auf Verbesserung der Wahlgesetze und eine größere Wahlfreiheit dringen, und man kann sagen, daß darin kein unbedeutender Fortschritt der Ausbildung des constitutionnellen Systems zu erkennen ist. Man hat in Frankreich den Wahlcensus herabgesetzt, und eine gleiche Herabsetzung ist ein Hauptbestandtheil der englischen Parlamentsreform. (S. Wahlgesetze und Parlamentsreform.) Wenn wir nun die Vorgänge der letzten fünf Jahre in Beziehung auf das constitutionnelle Leben der Völker betrachten, so ist freilich dabei nicht aus den Augen zu setzen, daß nicht alles Neue auch für das Bessere angesehen werden darf. Zwar kann kein denkender Geist, kein religiös gestimmtes Gemüth den Glauben an eine höhere Erziehung des Menschengeschlechts entbehren oder verleugnen, und dieser Glaube führt unvermeidlich zu der Überzeugung, daß der spätere Zustand besser sein müsse als der frühere, und daß die Welt nicht zum Verderben fortgerissen, sondern im Ganzen zu höherer Vollkommenheit erzogen werde. Allein es sind dabei die Worte: im Ganzen, sehr wesentlich; denn daß bei den einzelnen Völkern jederzeit und unbedingt die Gegenwart der Vergangenheit vorzuziehen sei, läßt sich durchaus nicht behaupten, sondern nur, daß jeder Zeitabschnitt ohne Ausnahme eine Übergangs- oder Entwickelungsperiode ist, und also, wo nicht die Resultate wirklicher Verbesserung, doch entweder die noch unvollkommenen Versuche oder die entferntem Vorbereitungen dazu enthält. Damit das Schlechte ausgestoßen werde, muß es sich zuweilen erst recht entwickeln, in seiner vollen Schlechtigkeit hervortreten und von dem Guten absondern; daraus entstehen Zustände bei einem Volke, welche als Krankheit, aber als Entwickelungskrankheit, betrachtet werden müssen, Erschlaffung, in welcher die Kräfte zu neuem Aufschwung gesammelt werden, und Gährungen, welche, für sich allein betrachtet, Abscheu erregen, aber zu einer neuen vollkommenem Gestaltung des Volkslebens führen. Schlechterdings verwerflich ist aber die entgegengesetzte Ansicht, daß das Menschengeschlecht vom Bessern zum Schüchtern herabsteige, so weit sie auch verbreitet und so nahe ihre Quelle ist. Denn diese hat einen doppelten Grund, welcher aber auch nur auf einer Täuschung beruht, nämlich auf der individuellen, daß man in den spätem Perioden des Lebens mit der Gegenwart unzufriedener wird, und die Zeit der Kraft und reichlichere Befriedigungen in der Vergangenheit liegen sieht, und auf der allgemeinem, daß auch im Leben der Völker eine Glanzperiode der Jugend anzutreffen ist, welche großartige und in die fernste Nachwelt hineinstralende Erscheinungen hervorbringt. Aber wenn man die Pyramiden und andere Denkmäler ungeheurer menschlicher Anstrengung dewundert, so darf man nicht vergessen, wie viel Blut und Schweiß sie gekostet Constitutionnelles System 5l5 AK ?« K.., «chRgk isAdeim g^lbe Hanl ,'W?' haben, und welche tiefe Rohheit neben denThaten und Leistungen der Vorzeit stand. So viel Kurzsichtigkeit es verrath, wenn man jede Neuerung verdammt, weil sie neu ist, ebenso schwach zeigt sich das Urtheil Derer, welche nur Lobredner einer alten guten Zeit sind. Nicht Alles, was auch der denkende Mann als einen Fortschritt zum Bessern erkennt, ist aber ein wirklicher dauernder oder definitiver Gewinn, sondern häufig nur ein Versuch, deren oft viele nothig sind, um nach mannichsaltigen Kämpfen und anscheinenden Rückschritten (Lauterungen durch die Erfahrung) feste Wurzeln zu schlagen und ein neues Leben hervorzurufen. Aber wenn hier oft die Hoffnung des Bessern voreilig ergriffen wird, so ist auch auf der andern Seite der Irrthum nicht minder gewöhnlich, welcher in dem Mislingen der ersten Versuche sogleich eine definitive Entscheidung des Schicksals erkennt. Die größten Veränderungen kommen aus geringen Anfangen und tragen in ihrem Beginne gar oft das Gewand der Thorheit, nicht bloß weil sie von der Welt misverstanden werden, sondern weil sie sich selbst nicht recht klar find und von den Schlacken der Übertreibung und der Selbsttäuschung reinigen müssen. Auch bei der Betrachtung der Begebenheiten, welche in das constitutionnelle Leben der Staaten seit den letzten fünf Jahren so außerordentlich tief eingegriffen haben, dürfen diese Gesichtspunkte von keiner Seite aus den Augen verloren werden, und zwar um so weniger, je noth- wendiger es fein dürfte, den heutigen Zustand der bürgerlichen Gesellschaft einer sehr ernsten und gründlichen Untersuchung zu unterwerfen. Der Raum gestattet hier nur Umrisse und Aufstellung der wichtigsten Thatsachen, nicht aber ein tieferes Eindringen in die entfernter liegenden Ursachen der Erscheinungen. Aber schon die einfachen Thatsachen mahnen zum reiflichsten Nachdenken vornehmlich darüber, in- wieweit Widerstand gegen die große Bewegung der Zeit noch möglich, oder kluge Nachgiebigkeit, bei welcher man die Zügel in der Hand behält, sowol von der Gerechtigkeit gefedert werde als auch das einzige Mittel sei, das Bestehende wenigstens nicht gewaltsam zusammenstürzen zu lassen. Von diesen Thatsachen ist die erste der Zusammenhang, welcher sich in dem constitutionnellen Leben der westlichen europäischen Völker offenbart und ebenso wenig ein Werk der Cabinete ist, die mit großer und ruhmwürdigcr Anstrengung jeder Ursache der Friedensstörung entgegenarbeiten, als in den untern Regionen Propaganden und geheime Verbindungen für die Urheber dieses allgemeinen Zusammenhanges angesehen werden können. Man frage sich nur ernstlich, ob der Ruf des Beifalls oder des Schmerzes, welcher bei jedem wichtigen Ereigniß in dem Leben irgend eines Volkes durch ganz Europa widerhallt, nur von Verschworenen ausgehen könne. Die Völker fühlen aber, daß sie wirklich sind, was Napoleon so oft sagte, eine große eng verbundene Völkerfamilie, in welcher sich nichts Wichtiges begeben kann, ohne daß es feine Wirkungen durch das Ganze verbreite, und daß, was auch jetzt so oft von oben herab gesagt wird, jedes Glied dieser großen Völkerfamilie für die Gefammtheit nothwendig ist, wenigstens nicht ohne große Gefahr seines politischen Daseins beraubt werden kann. Man fühlte, daß es kein leeres Wort war, als der unsterbliche Canning in der höhern Weihe politischer Weisheit, zu welcher er sich in dem letzten Abschnitte seiner Laufbahn erhoben hatte, den Grundcharakter seines Systems damit bezeichnete: „Vernünftige Freiheit über die ganze Welt!" Die Erfahrung zeigt, daß jeder Gewinn an wahrer Freiheit, welcher einem Volke zu Theil wird, allen zu Gute kommt, und jede Unterdrückung allen gefährlich wird, weil die vernünftige Freiheit durch ihr bloßes Bestehen der lauteste Vorwurf für ihre Unterdrücker wird. Die zweite große Thatfache ist die in den Völkern erwachte und schnell erstarkte Liebe einer vernünftigen Freiheit, welche mit dem erhöhten Ehrgefühl selbst Derer, denen man sonst kaum eine Ehre zugestehen wollte (wie lange ist es her, daß man die Versicherung: „auf Ehre", in dem Munde eines Menschen, der keinen Degen an der Seite trägt, lächerlich zu finden sich erlaubte?), eins und dasselbe ist. Fragt 33* 5 v, j 5!6 Conftitutionnelles System nicht, seit wann und wodurch der Sinn für Freiheit und Ehre erweckt worden ist. Er lebt in jeder menschlichen Brust und erwacht, wenn es Zeit ist, von selbst. Will man aber ja einen Anstoß von Außen suchen, so findet er sich von selbst in dem Aufruf an die Masse, mit freien Anstrengungen herbeizueilen, als der blinde Gehorsam unzureichend geworden war, und in dem Zuziehen der Volksclassen, denen man bisher nicht die mindeste Äußerung einer Meinung gegen die Staatsbehörden gestattet hatte, zu den Berathungen über die wichtigsten und schwierigsten Angelegenheiten des Staats. Von da an mußte die Handhabung der Staatsgewalt in jeder Hinsicht einen andern Charakter annehmen; alle verächtliche Behandlung, Schlage und andere Verletzungen der menschlichen Würde, mußten aufhören; die Standetafel setzte die bisher von einander Geschiedenen vollkommen gleich, und fast ebenso demüthig steht jetzt der Beamte vor ihren Schranken, als er den an der Tafel sitzenden Landmann sonst vor den seinigen gesehen hatte. Es sei fern, über diese glückliche Veränderung der Dinge, wod-urch ein Jeder zu dem Gefühl seines menschlichen Werths erhoben wird, irgend einen Tadel andeuten zu wollen; aber nachdem man dies Eine gethan hat (nicht ohne einige Nebenabsicht gegen den Beamten- und Gelehrtenftand), muß man auch über die Folgen sich nicht wundern, und die Erbschaft mit allen ihren Vortheilen und Lasten annehmen. Zu den letzten gehört aber, daß durch die Herrschaft des Rechtsbegriffs die bloße factische Autorität ihre Macht verloren hat, denn indem der Mensch ansangt auf sein Recht zu halten, wird er auch zur Kenntniß desselben geleitet, und lernt es endlich als sein höchstes Gut erkennen, welchem er jedes andere unterordnet und aufopfert. Der Begriff der Gerechtigkeit erweitert sich aber immer mehr und nimmt auch die Gleichheit vor dem Gesetze, die Gleichheit der Beiträge zu den Staatsbedürfnissen, die Verwendung der Staatseinkünfte zu keinem andern Zweck als dem wahren gemeinen Wohl, die Fähigkeit Atter zu Ämtern und Würden, mit in sich auf; während sich zu gleicher Zeit — und dies ist eine dritte Thatsache — unter allen Classen des Volkes die Kenntniß und Würdigung der Mittel mehr verbreitet, durch welche die Handhabung jenes Rechtsbegrisses am kräftigsten gesichert werden kann. Diese Kenntniß kommt gleichsam von selbst durch das Gefühl, daß das Licht durch seine eigne und alleinige Kraft die Werke der Finsterniß verhindert, daß Ungerechtigkeit, Pflichtversäumniß, Trägheit und Unwissenheit schon durch die Öffentlichkeit verscheucht werden, und die Rechenschaft, zu welcher die Verwaltung genöthigt wird, den ganzen Geist derselben verändert. Von der Öffentlichkeit zur Preßfreiheit ist nur ein kleiner Schritt, oder vielmehr beide sind ihrem Wesen nach eins, und das Gefühl, die Wahrheit sagen zu dürfen, hat einen so großen Reiz, daß es sehr schnell zu einem allgemeinen Bedürfniß wird. Nicht immer beruht all Dies aufklaren Vorstellungen, und es mag Mancher nicht genau wissen, welche Heilige er anruft, wenn er sein Scherflein in den Opferstock für die Preßfreiheit legt. Allein im Erfolg ändert das nichts, und die Unwissenheit des Volkes ist auch in diesen Dingen lange nicht so groß, als man glaubt oder zu glauben wünscht; und mit Begierde greift es nach jeder wahren oder vermeintlichen Belehrung, wenn sie, was tief in der Natur begründet ist, nur nicht den Verdacht der Parteilichkeit gegen sich hat, weil sie von der Autorität ausgeht. Wenn das Lob oder die Vertheidigung Werth haben und Eingang finden soll, muß auch der Tadel frei sein, und die Sache ist auf einen Punkt gekommen, wo die größte Zügellosigkeit der Presse nicht so viel Schaden thun kann als das gezwungene Schweigen gemäßigter, Recht und Wahrheit liebender Männer, welche weder als Schmeichler erscheinen, noch die bestehenden Gesetze umgehen wollen, und weil sie nicht frei sprechen können, lieber gar nicht sprechen. Die wichtigste und entscheidendste unter allen Thatsachen des constitutionnellen Lebens ist aber viertens die, daß die Völker sich der Macht bewußt geworden sind, welche sie besitzen; das ist der große Fehler, welchen die altere Linie der Bourbons begangen hat, daß sie nach und ?j^. 5»»Ltz ?'?-.!« »»Ä ^lllchlüNdkM ««> Ädmtztn ^HeAukrilsi Conftitutisnnclles System 5!7 «.DA ! Ms°^? «fl'i !«O° ^ kllsi' P'd^ nach das französische Volk zu einer förmlichen Organisation des Widerstandes, man möchte sagen, genöthigt hat. Die von Ludwig XVI ll. gegebene Verfassung hatte, wäre sie mit Redlichkeit und Mäßigung, aber auch mit fftachdruck gehand- habt worden, den größten Theil des französischen Volkes befriedigt, und nach und nach allen Widerwillen entwaffnet. Es ist aber statt dessen die Nation unaufhörlich gereizt und die öffentliche Meinung beleidigt worden, indem man zugleich die Kräfte des Staats auf eine unwürdige Weise vergeudete. So wurde die Nation zu einem Widerstande getrieben, welcher sich in den verfassungsmäßigen Grenzen hielt und dadurch die Regierung nöthigte, der angreifende Theil zu werden. Es ist eine sehr merkwürdige Erscheinung, wie ungeachtet eines höchst ungünstigen Wahlgesetzes und der siebenjährigen Dauer der Deputirtenkammer dennoch zuerst in der Pairskammer eine zwar sehr gemäßigte, aber doch in den wichtigsten Fällen sehr feste Opposition auftrat, an welcher die Versuche des Ministeriums, aus allem Grundeigenthum Majorate zu machen (eine unglückliche Nachahmung Englands) und die Jury in Criminalsachen zu einem willenlosen Werkzeug der Gewalt herabzuwürdigen, völlig scheiterten, und wie sich späterhin in der Wahlkammer eine Mehrzahl von liberalen Deputirten zusammenfand, deren Beharrlichkeit die Katastrophe des Jul. 1830 herbeiführte. Der dreitägige Kampf in der Hauptstadt ist dabei nicht das Wichtigste; er würde nichts haben entscheiden können, wenn nicht die Sache der altern Linie schon in dem übrigen Frankreich verloren gewesen wäre. Mir Hülfe der Armee und der Provinzen würde eine rebellische Hauptstadt wol noch zur Unterwerfung gebracht worden fein. Bei weitem mehr Aufmerksamkeit muß es erregen, daß mit jahrelanger Bemühung der Einfluß der Krone bei den Wahlen, welche sie durch die Ernennung der Präsidenten, durch die doppelte Wahlberechtigung der Reichen in den Departementsversammlungen, wo sie allein, und in den Bezirken, wo sie noch einmal mit den Uebrigen wählten, durch die Nöthigung aller Staatsbeamten, für die Regierungscandidaten zu stimmen, ganz in der Hand zu haben schien, so geschwächt wurde, daß die Zahl der Opposition, die aufFünfherabgekommen war, wieder bis auf 221 stieg, und jede neue Wahl ihr nur Verstärkungen zuführte. Dies Beispiel ist nicht umsonst gegeben worden. Auf eine ahnliche Weise sind in England gegen die machtigste aller Aristokratien, angeführt von einem Manne, dem wenigstens der Ruhm großer Unerschrockenheit nicht fehlt, Reformen zu Stande gebracht worden, welche man vor 50 Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Am 2. Jun. 1780 erregte eine Bill, wodurch den Katholiken geringe Erleichterungen zugestanden wurden, einen achttägigen Tumult in London, und jetzt gelang es einigen Männern, mit Hülfe der öffentlichen Meinung die Em anci pation der Katholiken (f. d.) durch die Parlamentsacte vom 13. April 1829 durchzusetzen. Noch bedeutender ist der Sieg, den die öffentliche Meinung in diesem Augenblicke in der Angelegenheit der Parlamentsreform errungen hat, welche als der Anfang zu noch weit größern und tiefer eindringenden Reformen betrachtet werden muß. Was darauf in Belgien, Polen, Italien und in mehren deutschen Ländern versucht und wirklich ausgeführt worden ist, sind alles nur Ausbrüche, zum Theil traurige und strafbare Verirrungen ebendesselben Gefühls, daß in den Massen eine Macht liegt, welche, wenn auch unfähig, sich auf die Dauer zu behaupten, doch für den Augenblick leicht stärker ist als Alles, was ihr entgegengesetzt werden kann. Diese hier aufgeführten Thatsachen, welche wir nur als solche geben, ohne uns in die Rechtsfrage einzulassen, sind die Grundlagen des constitutionnellen Systems in Europa und werden es wenigstens in Frankreich und England unfehlbar bleiben. Was in andern Ländern geschehen kann oder geschehen wird, liegt freilich im Schoost der Zukunft, allein die größere Wahrscheinlichkeit ist doch dafür, daß sie nicht wieder weggeräumt werden können, sondern überall an Umfang und Festigkeit zunehmen werden. Die Folgerungen ergeben sich von selbst. Aber eine andere Seite des con- !> »ff g ^ 513 Contagium und Miasma stitutionnellen Systems hebt sich bei dem großen Uebergewicht, welches die Massen aufs Neue erlangt haben, hervor, und dies ist die Frage, wie dabei dennoch irgend eine Regierung bestehen und eine öffentliche Ordnung aufrecht erhalten werden könne. Auch hier ist das Beispiel Frankreichs belehrend und warnend. Alle Parteien sind darin einverstanden, daß die Regierung — wenigstens bis zur neuesten Katastrophe im Jun. 1832 — dort noch lange nicht die gehörig v.r .si entwickelt hat, entweder weil sie selbst nicht Entschlossenheit und Festigkeit genug oesaß, oder weil es schwer ist, etwas zu entwickeln, was man nicht zu haben sich hinlänglich bewußtist. Damit, daß die „öffentliche Ordnung" der Freiheit gleichsam als Gegengift und Antithese angehängt wird, ist ebenso wenig gethan, als damit, daß man eine richtige Mitte zur Regel nimmt, bei welcher man aber an nichts denkt als an das Vermeiden jedes entschiedenen und kräftigen Schrittes. Bis aufjene Katastrophe haben die unzähligen Volksaufstände in Paris, Lyon, Strasburg, Grenoble u. s. w. freilich keine weitern Folgen gehabt; allein daß sie ein Beweis von der Kraft der Regierung seien, wird man auch nicht behaupten mögen. Es fehlt daher augenscheinlich an irgend Einem, wodurch die Nation beschäftigt, und zwar mit einem allgemeinen Interesse beschäftigt, und zugleich die arbeitenden Classen ernährt werden könnten; auf der andern Seite aber steht die Regierung in ihren obersten Organen zu sehr den Massen unmittelbar gegenüber. Eine Unzufriedenheit in der Hauptstadt bringt eine Bewegung gegen die obersten Staatsautoritäten, die Minister und die Kammern, oder gegen den König selbst hervor; eine Unzufriedenheit in den Provinzen und größern Städten muß in ihren Ausbrüchen ebenfalls gegen das System der Regierung, gegen Verfassung und Dynastie gerichtet sein. Es fehlt an selbständigen Zwischenbehörden, welche den Beschwerden abhelfen, durch locale Anstalten und Maßregeln abhelfen könnten. Daher ist es von den bessern Köpfen Frankreichs öfters schon bemerkt worden, daß dieses Übel eigentlich in dem Übertreiben der Eentrali- sation der Regierung, oder in dem Mangel einer wohlgeordneten, selbständigen Provinzialverwaltung und Gemeindeverfassung liege, durch welche provinzielle und locale Interessen mehr gefördert, aber auch die unermeßliche Verantwortlichkeit der höhern Regierungsbehörden (die fast ganz auf die Minister zurückfällt) getheilt und vermindert würde. Dies ist ein Zweig des constitutionnellen Systems, in welchem man in Deutschland wenigstens viel weiter gekommen ist als in Frankreich, obgleich auch unsere Gemeindeverfassungen (s.d.) noch großer Vervollkommnung fähig sein möchten. (3) Contagium und Miasma. Zwei Ausdrücke der medicinischen Kunstspra che, welche jetzt mehr als je im Munde des Nichtarztes sind, häusig falsch angewendet, mit einander verwechselt oder wol auch für gleichbedeutend gehalten werden. Ihr wahres Verhältniß gegen einander ergibt sich sehr leicht aus folgender Betrachtung. Übersieht man die mancherlei krankmachenden Einflüsse, welche auf den Menschen einwirken und als Ursachen seiner Krankheiten gelten, wie Hitze, Kälte, Gifte, schädliche Nahrungsmittel u. f. w., und hält man sie mit den durch die Erfahrung bekannt gewordenen Entstehungen der wirklichen Krankheiten zusammen, so gelangt man bald zu der Überzeugung, daß alle diese Schädlichkeiten nicht ausreichen, die große Verbreitung mancher Krankheiten und die große Ähnlichkeit, welche die einzelnen Fälle derselben unter einander haben, befriedigend zu erklären. Weitere Forschung hat gelehrt, daß 1) manche Krankheiten die Eigenschaft haben, in einem andern dazu geeigneten Individuum dieselbe Krankheit wiederzuerzeugen, und den zu dieser Fortpflanzung geeigneten Stoff nennt man Ansteckungsstoff (coutaFÜim); daß 2) es manche Luftverderbnisse gebe, welche unsere jetzige Chemie nicht zu erforschen vermag und die nur dadurch zu erkennen sind, daß die meisten in einer solchen Luft lebenden Individuen, von einer bestimmten Krankheitsform befal- Contagium und Miasma 519 len werden; ein solches Lustverderbniß nennt man Miasma (/fto-o/t«), gleichsam eine Verunreinigung oder Befleckung. Man sieht leicht, daß beide Ausdrücke, Contagium und Miasma, etwas durchaus Verschiedenes bezeichnen und nicht verwechselt werden dürfen, aber die bezeichneten Sachen selbst treten oft mit einander in Gemeinschaft. Eine miasmatische Krankheit kann zugleich einen Ansteckungsstoff erzeugen, wie Typhus, Faulsieber, Ruhr, Pest, gelbes Fieber, Influenza und andere mehr, und sie verbreitet sich dann auf die noch gesunden Individuen durch beide Wege zugleich; aber sie kann auch von allem Ansteckenden frei bleiben und daher bloß als Epidemie und Endemie Hausen, wie Wechselsi'eber, Keuchhusten, Croup, und die einfachen Nervensieber. Ebenso gibt es Anfteckungsftoffe, welche nie miasmatisch sind, nie die Luft verunreinigen, weil ihnen die Verbreitungsfähigkeit durch die Luft abgeht, so das Contagium der Syphilis, der Kratze, des Kopfgrindes, der Hundswuth, der Kuhpocken, der Gicht und anderer; auf der andern Seite aber gibt es ansteckende Krankheiten, welche sich nicht nur durch den im Körper erzeugten Stoff (Schleim, Eiter:c.) fortpflanzen, sondern auch durch die Luft; man nennt sie flüchtige Contagien, und von ihnen ist es schwer zu sagen, ob man sie als ursprünglich miasmatische Krankheiten anzusehen habe, in welchen sich ein Ansteckungsstoff erzeugt hat, oder ob man sie für ursprünglich ansteckende Krankheiten halten solle, welche durch die Flüchtigkeit ihres Contagiums immer ein Lustverderbniß, ein Miasma, dort hervorbringen, wo sie sich ausbreiten; dahin gehört der Scharlach, die Masern, die Pocken, die epidemischen Katarrhe. Das Contagium also, der Trager der ansteckenden Eigenschaft, ist nach Verschiedenheit der Krankheiten bald luftförmig, bald flüssig oder fest, bald erscheint es unter mehren dieser Formen zugleich; immer aber ist es das Erzeugniß einer bestimmten Krankheit und vermag nur dieselbe Krankheit, aus welcher es entstand, wieder zu erzeugen; es laßt sich daher mit dem Samen der Pflanzen und Thiers vergleichen und bedarf wie dieser einer gewissen Zeit zu seiner Reife und Ausbildung (daher die ansteckenden Krankheiten nur in einem gewissen Zeitraum ihres Verlaufs diese Eigenschaft überkommen) und eines empfänglichen Bodens zu seiner Aufnahme, daher nicht Jeder, welchen ein Contagium trifft, auch davon erkrankt, sondern nur die dafür Empfanglichen, ja manche Contagien heben durch das gehörige Zustandekommen ihrer Krankheit die Empfänglichkeit für sich in diesem Individuum für immer auf, so das Contagium der Pocken, des Scharlachs und andere; der Mensch bekommt solche Krankheiten nur ein Mal im Leben, wahrend er manche andere ansteckende Krankheiten öfters überstehen kann, wobei es viele Grade und Zwischenstufen gibt. Die Ansteckungsstoffe haben als thierische Producte, welche unter gegebenen Umstanden eine bestimmte Krankheit einzuleiten vermögen, auch die Aerstörbar- keit thierischer Körper; heftige Kalte und Hitze, starke chemische Agentien, wie concentrirte Sauren, Chlor und dergl., vernichten sie selbst oder wenigstens ihre Fähigkeit anzustecken; woraus folgt, daß es allerdings Schutzmittel gegen die Wirkung der Contagien geben könne. Ganz verschieden hiervon ist das Miasma immer etwas Allgemeines, in der Luft Verbreitetes, vielleicht selbst Unwägbares, und vermag nie eine flüssige oder feste Gestalt anzunehmen; und erzeugt zwar ebenfalls hauptsächlich eine bestimmte Krankheitsform, aber von viel mehr wandelbarer, in den einzelnen Individuen sehr verschieden sich ausprägender Gestalt, und kann bald ansteckende, bald nicht ansteckende Krankheiten hervorrufen. Das Miasma ist nicht ein bloß thierisches Erzeugniß, sondern meistens ein kosmisches oder tellurisches; es erkranken davon aber ebenfalls nur die Dis- ponirten, wie bei den Contagien; oft so, daß in derselben Epidemie dasselbe Individuum nur ein Mal befallen wird; keineswegs aber ist dies bei allen MiaS- 520 Oontemporaine, Convertiten men der Fall. Die Zerstörbarkeit der Contagien kommt den Miasmen nicht zu, und unsere gegen die Contagien wirksamen Schutzmittel vermögen gegen die Miasmen wenig oder nichts. (42) (Hontem poralne, s. Saint-Elme. Convertiten. In katholischen Ländern, besonders in Ostreich und Ungarn, werden die zur römisch-katholischen Kirche übergetretenen Protestanten und die durch die Taufe in dieselbe aufgenommenen bekehrten Israeliten Convertiten genannt. Des Ausdrucks ccmversio bediente sich zuerst M. A. Cassiodorus und nach ihm Beda, um damit den Übergang in den Mönchsstand zu bezeichnen, weil das Verlassen des weltlichen Lebens als eine Bekehrung des Menschen (conversio morum) betrachtet wurde. Conversl hießen seit dem k. Jahrhundert solche Mönche, die als Erwachsene durch feierliche Gelübde sich zum unbedingten Gehorsam gegen die Obern und zum beständigen Bleiben im Kloster verpflichteten, im Gegensatz der Nutriten, die seit ihrer Kindheit in den Klöstern zum Mönchsleben erzogen waren. Seit Gregors VII. Zeiten versteht man unter Oonversi Laienbrüder, Conversbrüder des Klosters. Oonversse bezeichnet die Laienschwestern oder Diejenigen, welche als Diener und Dienerinnen durch ihre Dienst- und Handarbeiten für die Bedürfnisse der Mönche sorgten, und ihnen aufwarteten. Dahingegen werden heutzutage mit dem Ausdruck Convertiten Diejenigen belegt, welche von einer Religionspartci zur andern übergehen. Da der Staat verpflichtet ist, die Gewissensfreiheit, die Selbständigkeit der moralischen Urtheilskraft, auch in religiöser Beziehung nicht nur anzuerkennen, sondern auch zu schützen, und da überhaupt alle religiösen Dogmen und Maximen der freien Überzeugung der Individuen überlassen bleiben, so ist deren Freiheit, ihre Religion zu ändern, eine nothwendige Folge. Die Staatsgewalt kann und muß Maßregeln wider Proselytenmacherei ergreifen, damit kirchliche Obern und Mitglieder sich nicht Verführungskünsten und einem unnatürlichen, mit der sittlichen Würde des Menschen und der Religion unvereinbaren Streben nach Glaubenseinheit hingeben, aber sie darf die Freiheit ihrer Staatseinwohner, die Confession zu wechseln, weder verhindern noch erschweren. Diese Freiheit ist in neuern Zeiten beinahe allgemein in allen deutschen Staaten verfassungsmäßig anerkannt worden. Aber gesetzlich wurde der freie Übergang von einer Confession zur andern zuerst im preußischen Staate Jedem gesichert (Allg. Landrecht, II, 11, ß. 41). Dabei hängt es jedoch von den Regierungen ab, gewisse Vorschriften zu geben, welche den unbedachtsamen Übertritt verhindern sollen, der überhaupt nur den Erwachsenen oder Solchen, welche die Unterscheidungsjahre erreicht haben, gestattet ist. Das preußische Recht (s. Landrecht, Anhang, §. 104) bestimmt als Termin das zurückgelegte vierzehnte Jahr; vorher darf Niemand, selbst mit Bewilligung der Altern, zu einem öffentlichen Bekenntnisse seines Glaubens gelassen werden. Das bairische Recht läßt das Unterscheidungsalter mit der erlangten Volljährigkeit zusammenfallen, während dagegen nach dem königlich sächsischen Mandat (vom 20. Febr. 1827) zur Übertrittsfreiheit von einer christlichen Confession zur andern das erfüllte einundzwanzigste Jahr er- fodert wird. Unter den deutschen Staaten, die dem Übertritte von einer christlichen Confession zur andern die meiste Aufmerksamkeit gewidmet und das dabei von den Seelsorgern und der weltlichen Obrigkeit zu beobachtende Verfahren am strengsten und mit zu großer Rücksicht auf die kirchlichen Grundsätze der katholischen Geistlichkeit geregelt haben, zeichnet sich besonders Ostreich aus; hier gelten sehr umständliche Vorschriften. Die Geschichte der Religionsübertritte bietet unleugbar eine Galerie nicht selten höchst ausgezeichneter Männer und Frauen dar, die theils durch Würde und Rang, theils durch Geist und Talent unter der Zahl der Convertiten hervorragen. Wir lassen hier zunächst eine Reihe derjenigen deutschen fürstlichen oder gräflichen Convertiten 521 Personen folgen, welche bis jetzt von der evangelischen Kirche abgefallen und zur katholischen Kirche übergegangen sind: 1) Wilhelm, regierender Herzog von Jülich- Kleve-Berg, geb. 1546, der zuerst zur protestantischen, dann wieder zur katholischen Kirche trat. Der Tod endete seinen sechsundzwanzigjahrigen Wahnsinn. 2) Eduard Fortunatus, regierender Markgraf zu Baden-Baden, geb. 1565, st. 1606. 3) Philipp II., Markgraf von Baden-Baden, geb. 1559, st. 1588, wurde zum Abfall durch seine Mutter verführt. 4) Jakob, reg. Markgraf von Baden-Hochberg, geb. 1562, st. 1590; I)r. Pistorius brachte ihn 1589 zum Übertritt. 5) Karl, Maximilian und Gundaccar v. Liechtenstein gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Zur Belohnung wurden alle drei in den Fürstenstand erhoben. Das Haus besteht noch fort. 6) Wolfgang Wilhelm, reg. Herzog von Pfalz-Neuburg, geb. 1578, ward 1614 katholisch. 7) Johann, reg. Graf zu Nassau-Siegen, geb. 1583. 8) Albrecht, Graf von Waldstein, geb. 1583, stürzte als Edelknabe des Markgrafen Karl zu Innsbruck aus dem dritten Stockwerke des Schlosses herab, ohne beschädigt zu werden, und trat theils deshalb, theils aber auch um andere ehrgeizige Plane auszuführen, zur katholischen Kirche über. 9) Bruno III., Graf von Martfeld, geb. 1576, st. 1644, ward katholisch auf Veranlassung seiner Vermahlung mit der Maria Mauriguez de Lara aus Spanien. 10) Johann Dietrich, Graf von Löwenstein-Werthheim zu Rochefort, geb. 1584, ward katholisch 1691, st. 1644. Er ist der Stammvater des noch jetzt blühenden Haufes Löwenstein-Werth- Heim-Rochefort. 11) Johann Ludwig, reg. Fürst von Nassau-Hadamar, geb. 1590, ward katholisch 1629 und darum in den Fürstenftand erhoben. 12) Julius Heinrich, reg. Herzog von Sachsen-Lauenbürg, geb. 1586, st. 1665. 13) Sein Bruder, seit 1665 reg. Herzog Franz Karl, geb. 1594, st. 1669. 14) Sein Bruder, Herzog Rudolf Maximilian, geb. 1595, st. 1647. 15) Alexander Heinrich, Prinz von Holstein-Sonderburg, geb. 1608, st. 1667. 16) Christian Wilhelm, Markgraf von Brandenburg, geb. 1587, wurde 1632 katholisch. 17) Christian Aribert, ein Sohn des Prinzen Georg Aribert von Dessau, st. 1677. 18) Friedrich, Prinz von Hessen-Darmstadt, geb. 1616, ward 1636 in Italien katholisch, st. 1682. Er war Cardinal und Bischof von Breslau. 19) Ferdinand Franz, Graf von Wied, geb. 1641, wurde Domherr zu Strasburg, Köln und Lüttich, und 1670 auf der Jagd erschossen. 20) Johann Friedrich, reg. Herzog von j Braunschweig-Hanover, geb. 1625, wurde 1651 katholisch, st. 1679. 21) Ernst, Landgraf zu Hessen-Rheinfels-Rothenburg, geb. 1623, wurde katholisch 1652, st. 1693. 22) Gustav Adolf, Graf zu Nassau-Idstein, geb. 1632, wurde katholisch 1653, st. 1664. 23) Christian August, reg. Pfalzgrafv. Sulzbach, geb. 1622, wurde katholisch 1655, st. 1708. 24) Eduard, Bruder des Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz, geb. 1625, st. 1663. 25) Christian Ludwig, reg. Herzog v. Mecklenburg- Schwerin, geb. 1623, wurde katholisch 1663, st. 1692. 26) Gustav Adolf, Markgraf v. Baden-Durlach, geb. 1631, früher heimlich, feit 1663 öffentlich katholisch, st. als Abt zu Kempten und Cardinal 1677. 27) Ernst Wilhelm, Graf von Bentheim, geb. 1623, 1668 durch den Bischof zu Münster, welcher den Grafen mit seiner Gemahlin, Gertrud von Zelst, zu Koesfeld gefangen hielt, zum Abfall bewogen; Letztere entging der Rcligionsveranderung, indem sie in Bauerkleidern entfloh; er starb 1693. Seine Nachkommenschaft, das jetzige Haus Bentheim-Stein- furt, ist reformirt. 28) Friedrich Magnus, Grafv. Castell zu Remlingen, geb. 1646, st. 1718. 29) Johann Heinrich Christian, Grafv. Solms-Lich, geb. 1644, st. 1668. 30) Georg Christian, Prinz von Hessen-Homburg, geb. 1626, st. 1677. 31) Karl Friedrich, Markgraf von Baden-Durlach, geb. 1651, st. 1676, wurde durch seine Mutter, eine Gräfin von Hohenlohe, im Jahr 1670 zum Abfall verführt. 32) Ludwig Eberhard, Graf von Leiningen-Westerburg zu Rixingen, st. 1688. 33) Sein Sohn Philipp Ludwig, Graf von Leiningen-Westerburg, geb. 522 Convertiten 1652, wurde 1671 katholisch. 34) Philipp Albrecht, Graf von Limpurg, geb. 1648, st. 1682. 35) Joachim Ernst, Prinz von Holstein-Plön zu Rethwisch, geb. 1637, wurde mit seinem einzigen Sohne Johann Ernst Ferdinand im I. 1673 katholisch, st. 1700. 36) Karl Florentin, Wild- und Rheingraf zu Neuf-Ville, hollandischer General, st. 1676; er ist der Stammvater der fürstlichen Hauser Salm-Salm und Salm-Kyrburg. Bekanntlich ist der Fürst Konstantin von Salm-Salm vor einigen Jahren zur evangelischen Kirche zurückgekehrt. 37) Ludwig Gustav, Graf von Hohenlohe-Schillingsfürst, geb. 1634, st. 1697. 38) Christian, Graf von Hohenlohe-Bartenstein, geb. 1627, st. 1675. 39) Johann Ludwig, Graf von Kriechingen-Püttingen, wurde 1681 katholisch. 40) Albrecht, Herzog von Sachsen-Weißenfels, geb. 1659, st. 1692. 41) Arnold Moritz Wilhelm, Graf von Bentheim zu Bentheim, geb. 1663, wurde 1692 katholisch, st. 1701. 42) Christian August, Herzog zu Sachsen-Zeitz, trat zum Katholicismus über 1692, und wurde Bischof zu Raab 1696, Cardinal 1706, Erzbischof zu Gran und Primas von Ungarn 1707, kaiserlicher Principalcom- mifsarius zu Regensburg 1716, und starb, ein eifriger Freund seiner neuen Kirche, 1725. 43) Georg, Prinz von Hessen-Darmstadt, geb. 1669, Vicekönig von Ca- talonien, st. 1705. 44) Friedrich, Prinz von Hessen-Darmstadt, geb. 1677, wurde katholisch 1697, st. 1708. 45) Philipp, Prinz von Hessen-Darmstadt, Bruder des Vorigen, geb. 1671, wurde katholisch 1693, st. 1714. 46) Heinrich, Prinz von Hessen-Darmstadt, geb. 1674, Bruder der vorigen drei Prinzen. 47) Gustav Samuel Leopold, regierender Herzog von Pfalz-Zweibrücken, geb. 1670, wurde katholisch 1696, st. 1731. 48) Ernst August, Prinz von Holstein-Son- derburg-Augustenburg, geb. 1660, st. 1731, kehrte, nachdem er katholisch geworden, wieder zur evangelischen Kirche zurück. 49) Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, wurde im Jahr 1697 katholisch; ebenso der Kurprinz Friedrich August im J. 1717. *) 50) Anton Ulrich, regierender Herzog zu Braunschweig-Wol- fenbüttel, geb. 1633, ging 1710,76 Jahr alt, zur katholischen Kirche über. Merkwürdig ist, daß er wenige Jahre vorher evangelische Kirchenlieder, die seine Mutter in Musik setzte, dichtete; er starb 1714. Seine Söhne blieben der evangelischen Kirche treu. 51) Friedrich, Herzog von Holstein-Sonderburg zu Wiesenburg, geb. 1652, st. 1724. Sein einziger Sohn Leopold, geb. 1674, wurde ebenfalls katholisch. 52) Friedrich Wilhelm, Prinz von Holstein-Sonderburg-Beck, geb. 1682, st. 1719. 53) Karl Alexander, seit 1733 reg. Herzog von Würtemberg-Stutt- gart, geb. 1684, st. 1737. Die Jesuiten gingen schon früher mit dem Plane um, das herzogliche Haus Würtemberg katholisch zu machen, doch gelang ihnen dies nur bei dem Vorgenannten 1712. Sein dritter Sohn, Herzog Friedrich, mit einer preußischen Prinzessin vermahlt, ließ seine Söhne in der evangelischen Religion erziehen, und so erhielt Würtemberg seit 1797 wieder evangelische Fürsten. 54) Moritz Adolf Karl, Herzog von Sachsen-Zeitz zu Neustadt, geb. 1702, wurde nach seines Vaters, des Herzogs Friedrich Heinrich von Zeitz-Pegau, Tode von seinem Vormunde Moritz Wilhelm in Zeitz in der evangelischen Religion erzogen und 1715 consirmirt. Als kurz darauf der Cardinal von Sachsen mit seinem Bruder, dem ebengenannten Moritz Wilhelm, eine Zusammenkunst an der böhmischen Grenze hatte, wünschte er diesen Prinzen Moritz Adolf zu sehen; seine Mutter verhinderte es und nahm ihn mit sich nach Neustadt, wo er bis zum 18. Jan. 1716 blieb. An diesem Tage begab er sich auf die Jagd und wurde nach Böhmen entführt; ungeachtet aller Bemühungen seiner Mutter brachte man ihn darauf nach Wien, wo er am Sonntag Jubilate 1716 katholisch wurde. Er starb 1759 als *) Vgl. über diesen Confessionswechsel die merkwürdigen Urkunden, welche der „Canonische Wächter", 1331, Nr. 15 und 16, mitgetheilt. Convertiten 523 Bischof von Königsgratz undLeitmeritz, und mit ihm erlosch die Linie Sachsen-Zeitz. 55) Moritz Wilhelm, reg. Herzog zu Sachsen-Zeitz, geb. 1664, bekannte sich öffentlich zu Leipzig 1717 zur katholischen Religion, ft. 1718. Eine Unterredung mit August Hermann Franke in Halle bewirkte, daß er 1718 wieder evangelisch wurde. Er ließ die zu Weida erbaute katholische Kirche niederreißen und verabschiedete Alle, die ihn zum Abfall verleitet hatten. 56) Johann Wilhelm, Graf von Wurmbrand-Stuppach, geb. 1670, wurde katholisch 1722, st. 1750. Sein Bruder, Kasimir Heinrich, wurde katholisch 1726, st. 1749. 57) Karl Ludwig, Prinz von Holstein-Beck, geb. 1690, wurde im I. 1723 katholisch, st. 1774. 58) Christian Ulrich, Herzog von Würtemberg-Öls, geb. 1691, wurde im 1.1723 zu Rom katholisch, st. 1734. 59) Friedrich Eberhard, Graf von Solms- Sonnenwalde, geb. 1691, wurde katholisch 1729, st. 1752. 60) Joseph Friedrich Wilhelm, Herzog von Sachsen-Hildburghausen, geb. 1702, wurde katholisch 1727, ft. 1787. 61) Ernst, Graf von Metternich, preuß. Reichstagsgesandter zu Regensburg, ward am 24. Dec. 1727, 71 Jahr alt, drei Tage vor seinem Tode katholisch. 62) Christian Heinrich, Graf von Schönburg-Waldenburg, geb. 1682, wurde im I. 1729 zu Wien katholisch, st. 1753. 63) Georg Leopold, Graf von Sponeck, Sohn des Herzogs Leopold Eberhard von Würtemberg, geb. 1697, wurde katholisch 1731, ft. 1749. 64) Karl Ludwig, Graf von Leiningen-Har- denburg zu Bockenheim, geb. 1704, wurde katholisch 1736, st. 1747. 65) Friedrich, Prinz von Pfalz-Zweibrücken, geb. 1724, wurde katholisch 1746, ft. 1767. 66) Friedrich, Erbprinz, seit 1760 regierender Landgraf von Hessen-Kassel, geb. 1720, wurde katholisch 1749. Er erklarte seinen Übertritt öffentlich 1754 und versprach, seine männlichen Nachkommen in der evangelischen Kirche erziehen zu lasten. Friedrich II. von Preußen schickte die Söhne des Erbprinzen nach Hol- ! land, um sie vor Verführung zu wahren. Der Prinz hielt treu an seinen Versicherungen, auch nachdem er die Regierung angetreten hatte. 67) Johann Friedrich Ferdinand, reg. Graf von Pappenheim, geb. 1727, wurde katholisch 1773, st. 1792. 68) Christian, reg. Graf von Erbach-Schönberg, geb. 1728, st. 1799. 69) Christian IV., reg. Herzog von Pfalz-Aweibrücken, geb. 1722, wurde katholisch 1758, ft. 1775. 70) Georg Ernst Ludwig, Graf zu Leiningen-Mesterburg, geb. 1718, st. 1765. 71) Albert Christian Ernst, Graf von Schönburg zu Hin- terglauchau, geb. 1722, wurde 1780 in Wien katholisch, st. 1799. 72) Wilhelm, Prinz von Pfalz-Birkenfeld, Herzog von Baiern, geb. 1752, wurde katholisch 1769. 73) Friedrich Leopold, Graf von Stolberg-Stolberg, geb. 1750, ward mit 12 Kindern, worunter 7 Söhne, im Jahre 1800 katholisch, ft. 1819. 74) Eduard Heinrich, Fürst von Schönburg-Waldenburg, geb. 1787. 75) Friedrich IV., reg. Herzog zu Sachsen-Gotha-Altenburg, geb. 1774, st. 1825. Er wurde im I. 1807 katholisch, begab sich jedoch, als er 1822 zur Regierung gelangte, aller ftaatsoberherrlicheu Wirksamkeit in evangelischen Kirchensachen. Er war der einzige regierende Herzog zu Sachsen, der seine Religion änderte. 76) Adolf Friedrich, Prinz von Mecklenburg-Schwerin, geb. 1785, wurde im 1.1818 zu Freiburg im Breisgau katholisch. 77) Ferdinand, reg. Herzog von Anhalt-Kothen, wurde katholisch 1825, st. 1830. — Von diesen 77 Confessionswechseln haben jetzt nur noch 13 fortdauernde Wirkung; die Hauser der 64 andern unter den Übergetretenen sind erloschen. Von Gelehrten, Künstlern und Staatsmannern, die zur katholischen Kirche übergingen, mögen folgende genannt werden: Karl Franz Abro de Naconis; Vitus Ammerbach; Baronius Santenne; Peter Berg; Jsmael Bouilland; Victor Bro- deau; Prinz von Conde; Christoph Besold; David Augustin Bruges; Gottfried von Bukisch; Peter Cajet; Philipp Canaye (Herr zu Frene); Peter Caroli; August Casaubon; Coccius; Hugo Cressey; Andre Dacier; Desmahis; Johann 524 Convertiten Eckardt; Jeremias Ferner; Kaspar Frank; Theodor Godefroy; Gudenus; Jo- Hann Hoffer; Lucas Holstenius; Ludolf Küster; Peter Lombez; Justus Lipsius- Johann Morin; Daniel Nessel; Barthold Nibus; Ulrich Obrecht; JsaakPapin; Johann Pastor; Wilhelm Rainold; Heinrich Sponde; Johann Wasleb; Georg Wizel; I. I. Winckelmann; Zach. Werner; die beiden Söhne des preußischen Geheimraths Goßlar in Köln; Ludwig von Halter; Friedrich von Schlegel (mit seiner Gattin, geb. Mendelssohn; auch die beiden Söhne der letztern, aus ihrer ersten Ehe mit einem Juden, Veit, sind katholisch geworden); Adam Müller und dessen Stiefsohn, Albert von Haza; Friedrich Christian Schlosser; Freudenfeld (Professor in Bonn); der ehemalige sachsische Minister Senft von Pilsach (mit seiner Gattin); Nathaniel Thayer (Prediger bei den Puritanern in Boston in Nordamerika); Ferdinand Neumann (Sohn eines protestantischen Pastors aus Pommern); der Rabbiner Drach in Paris; de Joux (protestantischer Prediger und Professor); Latour und Laval (protestantischeGeistliche in Frankreich); Jarcke und Phillips (Professoren in Berlin); Balthasar von Kastelberg (Dekan und Mitglied des Kirchenraths in Graubündten); Joh. Jak. Bachmann (Professor in Heidelberg) ; vr. Baldamus; Joh. Till (ehemaliger Pfarrer an der Allerheiligenkirche in London); Joh. Peter d'Aldebert (Richter am hohen Gerichtshofe zu Nismes); Ludolf Beckedorf; Freiherr Karl von Hardenberg; Freiherr von Guttenhofen; Karl Biester; Ed. von Schenk; von Klinkowström; vr. Bramston; Professor Fronsi'das; Prediger Volz in Karlsruhe; von Eckstein; der Notar Le Sage ten Broeke (Redacteur eines hollandischen theologischen Journals); Professor Konrad Köhler zu Neustadt an der Aisch, mit zwei Brüdern; Professor Durst in Düsseldorf; Goldmann (1827 Herausgeber des „Unparteiischen Literatur- und Kirchen- correspondenten"); Regierungsrath Riedel in Erfurt; Graf Wilhelm Bernhard zu Limburg-Stirum; Professor Probst zu Basel; Friederike Charlotte Freifrau von Richthofen, geb. Prinzessin von Holstein-Beck-Glücksburg; George Spencer (Sohn des Lords Spencer und Bruder des Lords Althorp; Gräfin von Görz; Gräfin Elise von Salis-Soglio; Präsident von Schardt in Weimar; V. F. Scha- . dow; Karl Vogel (Professor in Dresden); v. Schnorr (Louis und Eduard) u. A. In vieler Hinsicht beziehungsreich wird die Betrachtung der bisher namhaft gemachten Religionsübertritte, wenn man damit ein vorurtheilsfreies Studium der Lebensgeschichte dieser Convertiten verbindet, die uns überhaupt manches Dokument liefert, das für die Erkenntniß und Ergründung des menschlichen Herzens ebenso lehrreich ist als für die Enthüllung der Geschichte unserer Zeit, in welcher die Kräfte des Lichts und der Finsterniß die Grundfesten des Staats und der Kirche erschüttern. Weniger reichhaltig ist die Liste Derjenigen, welche die katholische Kirche verlassen und zu der evangelischen förmlich übergetreten sind. Bei dem regen Streben so vieler wahren, nicht römischen Katholiken nach Reformen in ihrer Kirche, wie sie gewünscht und bezweckt werden und nicht ausbleiben können, wird der Übertritt zu einer andern Kirche nicht als Bedürfniß erkannt. Jndeß fehlt es nicht an berühmten Männern, die durch ihren Übertritt von der katholischen zur protestantischen Kirche die Aufmerksamkeit des Publicums in der neuesten Zeit auf sich gezogen haben. Von ihnen nennen wir hier nur den ehemaligen Hofprediger zu Sevilla, Joseph Blanco White (s. d.), in England; den ehemaligen ersten Vicar an der Kathedrale zu Paris, O'Egger; den Pfarrer Henhöfer zu Mühlhausen; den Fürsten zu Salm-Salm; den Professor Fischer zu Landshut; die Grafen von Benzel-Sternau; den Schuldkrector Fell zu Frankfurt am Main; den Gymnasialprofessor Eisenschmid zu Schweinfurt; den Professor von Reichlin-Mcldegg; den Pfarrvicar I. Schütz zu Wieblingen bei Heidelberg und den Pfarrer Güth zu Kirchöhr im nassauischen Amte Montabaur, welche letztere Beide im Februar 1832 zur evangelischen Kirche übertraten. Eine der merkwürdigsten Erscheinun- Co »per Corbiere 525 gen in der Geschichte des Confessionswechsels ist aber der, ebenfalls der neuesten Zeit angehörige Übertritt des katholischen Pfarrvicars I. E. Georg Lutz, sammt der Gemeinde Karlshuld im Donaumoose bei Neuburg und Ingolstadt, der er als Seelsorger vorstand. Sie erregte um so größeres Aufsehen, als der zur evangelischen Kirche Übergetretene von dem katholischen Bischöfe zu Augsburg bis auf die letzte Zeit sehr begünstigt worden war, auch erst einige Monate vor seinem Übertritte den bairischen Civilverdienstorden erhalten hatte. Aufschluß über diese Verhaltnisse findet sich in der Schrift: „Geschichtliche Notizen über die bürgerlichen und religiösen Verhaltnisse der Colonisten-Pfarrgemeinde Karlshuld auf dem Donaumoose" (erstes Heft, Augsburg 1832), und „Bekenntniß der christlichen Wahrheit, wie solche in der Pfarrei Karlshuld erbaut und geglaubt wird" (Neuburg 1832). Übertritte von Seite der Katholiken werden überhaupt mehr bei dem geistlichen Stande vorkommen, da derselbe in seinen Verhaltnissen nicht so ungehemmt seiner Überzeugung leben kann als der Laie. Will er das, so ist freilich für ihn der Confessionswechsel das bequemste Mittel. Wenn jedem austretenden katholischen Priester die Aussicht gegeben würde, sein Glück fortan so gut machen zu können als bei der Konfession, die er verläßt, so würden mindestens unter der jüngern Classe nur Wenige der Versuchung zu einem Confessionstausche widerstehen, bei dem sie den Verfolgungen ihrer Obern entgehen und Vieles zu gewinnen, aber nur Wenig zu verlieren dachten. (46) Cooper (Sir Astley, eigentlich Astley Paston), Baronet, seit 1829 erster Wundarzt des Königs von England, Mitglied vieler gelehrten Vereine, war anfänglich am Thomashospitale zu London Lehrer der Chirurgie und Assistent der Anatomie, dann Wundarzt am Hayshospital, und erwarb sich großes Verdienst um die Vereinigung der Wundärzte des Hays- und Thomashospitals zu einer gemeinschaftlichen chirurgischen Lehranstalt, Lellnol of tlle umteü lwsiütkils genannt, wo er am Unterrichte thätigen Antheil nahm. Er schenkte ihr später seine herrliche pathologische Sammlung. Es ist kein Theil der Chirurgie, um welchen sich C. nicht wesentlich verdient gemacht, und über den er nicht seine Ansichten öffentlich mitgetheilt hätte, daher denn auch die Zahl seiner rein praktischen Schriften sehr groß ist. Sie sind fast alle in das Deutsche und Französische übersetzt. Sowol von seinen Landsleuten als von den Ärzten des Auslandes wird C. als der größte Wundarzt Englands und als einer der ersten Chirurgen der Welt anerkannt. Er hat sich vorzüglich durch ein genaueres Studium der kranken Natur und durch ein tiefes Forschen in der Physiologie gebildet, und er konnte es daher denn wol wagen, was kein Wundarzt vor ihm gethan hatte, und wol schwerlich sobald ein anderer ihm nachmachen wird, bei einem Kranken, welcher an einer Pulsadergeschwulst des Unterleibes litt, die jeden Augenblick den Tod drohte, nicht sehr weit vom Herzen entfernt, die utzciominuliz zu unterbinden, ein Unternehmen, das nicht weniger C.'s Much beweist, als es die Geschicklichkeit desselben beurkundet. Diese Operation würde schon allein dem Namen C.'s Unsterblichkeit in den Annalen der operativen Chirurgie sichern, wenn das nicht noch mehr durch seine elastischen Arbeiten über die Hernien, die Fracturen und Luxationen ge- ichähe. Vergleiche Cooper's „Denkschrift über die Unterbindung der uü- üomülulis", übersetzt von August Carus (Leipzig 1824). (2) Corbiere (Jacques Joseph Guillaume Pierre, Graf), wurde um das Jahr 1?66 zu Amanlis bei Rennes geboren. Sein Vater, ein Ackerbauer, wollte ihn zum Priester bilden, der junge C. hatte aber mehr Neigung zum Advokaten- siande, besuchte die Vorlesungen von Duparc, Poullain, Lanjuinais, Touillier, verfocht seine Thesen mit ausgezeichneter Gewandtheit, und wurde darauf Advokat in Lennes. Durch seine Vermählung mit der Witwe Lechapelier's, Präsidenten der V, 526 Cormenin constituirenden Versammlung, erhielt er Vermögen und Ruf und das Präsidium des Generalconseils in seinem Departement. Das Departement Jlle et Villaine ernannte ihn 1815 zum Abgeordneten. Er schloß sich in der Kammer an Villele, und verlangte vom Ministerium die Stelle eines Generalprocurators am königlichen Gerichtshofe zu Reimes, erhielt aber, weil er kurz vorher ein Journal ver- theidigt hatte, eine abschlagige Antwort. Von nun an wurde C. eins der heftio- sten Mitglieder der Opposition und trug bei jeder Gelegenheit auf Sparsamkeit im Staatshaushalt und auf Preßfreiheit an. Indem er aber das Ministerium angriff, suchte er sich zugleich gut mit dem Hofe zu stellen; er sprach daher für Ausschließung des freisinnigen Gregoire aus der Kammer, nannte diesen Ehrenmann einen „Repräsentanten des Verbrechens", verlangte die Aufhebung der individuellen Freiheit, und zuletzt, als sich das Ministerium für die Presse wohlgesinnt zeigte, die Wiedereinführung der Censur. „Um gute Deputirte zu bekommen", sagte E, „muß man ein monarchisches Ministerium und censirte Blätter haben." Zum Dank für diese Grundsätze machte ihn der Hof 1820 zum Mitglieds des Ministeriums Villele. Als Unterrichtsminister entzog C. allen freisinnigen Lehrern ihre Stellen, und richtete seinen Eifer besonders gegen die Anstalten des gegenseitigen Unterrichts. Darauf, an die Spitze des Ministeriums des Innern gestellt, suchte C. dadurch Aufsehen zu erregen, daß er den Schriftsteller Magallon an der Seite eines Galeerensklaven nach dem Kerker von Poissy schleppen ließ. Er trat zugleich mit Villele aus dem Ministerium. Die Regierung ertheilte ihm im Januar 1828 die Pairswürde, die er in Folge der Juliusrevolution verlor. (15) Cormenin (Louis Marke de Lahaye, Vicomte de), französischer Depu- tirter und politischer Schriftsteller, geb. zu Paris am 6. Jan. 1788. Sein Vater und Großvater waren Generallieutenants der Admiralität. Er selbst studirte die Rechte, ließ sich als Advokat aufnehmen, trat aber nicht vor Gericht auf, und wurde 1810 Auditor im Staatsrathe. Zu Ende des Jahres 1813 schickte man ihn mit dem Regierungscommissair de l'Apparent in die Provinz, um Maßregeln gegen den feindlichen Einfall zu treffen. Im folgenden Jahre ward er Requeten- meifter; in den hundert Tagen aber dankte er ab, schickte dem Kriegsminister 500 Francs zur Ausrüstung der Nationalgarde, ging als Freiwilliger nach Lille und blieb dort bis nach der Schlacht bei Waterloo. Wieder zu Paris angelangt, trat er im Aug. 1815 von Neuem in den Staatsrath, wurde aber, da er bort stets zur Opposition gehörte, nicht befördert. Er schrieb während dieser Zeit mehre ausgezeichnete Werke über Verwaltungsgegenstande. Im Januar 1828 wurde C. Mitglied und Secretair der Eommission, welche dem Conflicte des Staatsraths mit den Gerichten abhelfen sollte; sein Bericht ist in Tailliandier's „(lom- inenwire Sur I'lircknnriÄlice tles conllits" (Paris 1828) gedruckt. Kaum hatte C. das Alter der Wählbarkeit erreicht, so bewarb er sich um den Eintritt in die Deputirtenkammer, und Orleans ernannte ihn am 1. Mai 1828 zum Abgeordneten. Er gehörte zu den 221, welche die Adresse gegen Polignac unterzeichneten. Schon damals erhob sich C. besonders gegen die Vereinigung verschiedener Anstellungen in einer und derselben Person und gegen die bedeutenden Auflagen. Im Jun. 1830 von der Stadt Orleans wieder erwählt, eilte er nach Paris, legte seine Staatsrathsstelle nieder, wollte aber dem neugewählten Könige nicht den Eid leisten, und nahm am 12. Aug. seine Entlassung als Abgeordneter. ZurVer- theidigung dieses Schrittes ließ er zwei Briefe im „loui-nell ele I^oiret" drucken, worin er nachweist, daß die Deputirten keine Vollmacht zur Erwählung eines Königs gehabt hätten, die dem in UrVersammlungen berathschlagenden Volke zu überlassen wäre. Diesen Grundsätzen treu, schlug C. alle Anstellungen aus, die ihm Guizot's Ministerium anbot. Als ihn aber die Wähler des Departements Ain im October 1830 zum Abgeordneten ernannten, erschien er in der Kammer, setzte sei- Cormenin 527 nen Vorschlag gegen das Cumuliren der Anstellungen durch, sprach eifrig und beredt für Municipal- und Wahlfreiheit, und wirkte zugleich durch seine meisterhaften Journalartikel rastlos für das Fortschreiten der Freiheit. Er war der Erste, der auf Abschaffung der Erblichkeit der Pairie antrug. Als er nach beendigter Sitzung das Departement de l'Ain besuchte, nahmen ihn die Bewohner mit Enthusiasmus auf, und er fand hier Gelegenheit, sich über seine politischen Gesinnungen naher zu erklaren. „Ich will den Thron erblich", sprach er zu den Wahlmännern, „allein nicht die Erblichkeit der Pairs; ich war der Erste, der auf der französischen Rednerbühne diesen Wunsch lautwerden ließ. Keine Privilegien mehr, keine Monopole, kein Cumuliren mehr, keine Sinecuren, keine Hindernisse gegen den Handel, keine drückende Centralisation, keine Ausschließung geistiger Fähigkeiten, kein Census der Wahl- barkeit mehr, keine unverantwortlichen Minister und Agenten, und nicht mehr jene Ungeheuern Budgets, welche das Volk niederdrücken ; Freiheit des Glaubens, des Unterrichts, der Tribüne, der Presse, der Wohnungen und Personen; keine Anarchie, aber auch kein Despotismus; kein Krieg, aber auch kein Makel ander Fahne des Vaterlandes! Die Juliusrevolution, aber mit ihren Consequenzen; die Verfassung vom 7. August, aber fruchtbar durch die Einheit der drei Staatsgewalten; der Thron Louis Philipps auf volksthümlichen Institutionen beruhend; Weisheit in den Gesetzen, Kraft in der Regierung, Sparsamkeit in den Ausgaben, Freiheit in der Nation — das sind meine Doctrinen, das ist die Charte von 1830, wie ich sie verstehe, wie ich sie vertheidigen werde, wie Ihr Alle sie wünschet!" Vom Triumphzuge durch das Departement Am als Abgeordneter nach Paris zurückgekehrt, hat C. seine Zusicherungen nicht vergessen; kein Anderer trug so gewissenhaft als er auf Verringerung der Abgaben an, er stimmte gegen die Erblichkeit der Pairs, er besonders hat durch berühmte Journalartikel bewirkt, daß die Civilliste der Regierung nicht allzu bedeutend wurde, jeder Angriff gegen die Freiheit des Glaubens und der Personen fand in ihm einen eifrigen Gegner. In der Sitzung von 1831 — 32 betrat er zwar selten die Rednerbühne, gehörte aber zu den gefürchtetsten Gegnern Perier's und der Doctrinairs und ersetzte die Tribunenreden durch fast tägliche, zum Theil anonyme Artikel in den Journalen. Als junger Mann schrieb C. in den Jahren 1811 — 13 lyrische Gedichte: „Olles nationales". Er wandte sich aber bald zu ernstern Beschäftigungen. Seine erste Schrift erschien anonym. In der Schrift: „Du conseil ll'etat, envi- sa^e comme conseil et commezurislliction, llans notre monarctne Constitution- nelle" (Paris 1818), verlangte er, daß ein administrativer Gerichtshof mit Un- absetzbarkeit der Mitglieder und Öffentlichkeit der Verhandlungen geschaffen werde; in der zweiten: „I )e ia responsadilite lles a^ens llu Gouvernement, et lles Aa- ranties lles cito^ens contre les llecisions lles ministres et llu conseil ll'etat" (Paris 1819 und Orleans 1828), besteht er darauf, daß die Verantwortlichkeit der Negierungsbeamten kein leeres Wort mehr sein solle. Die „Huestions lle llroit allministratif" (Paris 1822, dritte Ausg. .1826) gehören zu den trefflichsten juristischen Werken Frankreichs. C. arbeitet jetzt an dem dritten Bande dieses Werks, und ein Theil seiner Materialien ging in die Schrift seines Secretairs Petit Rochettes über: „Lsprit lle la zurisprullence inellite llu conseil ll'etat, sous le consulat et I'empire, en matiere ll'emiFration, lle lleportation, lle remooursement, lle llomaines nationaux etc." (Paris 1827). Spater schrieb C.: „Opiuion sur ja necessite llu retablissement llu )ur^ pour les llelits lle la presse" (Paris 1828); und verschiedene Flugschriften über Ämteranhäufung und das Wahlgesetz. Er lieferte früher Artikel für das „lournal lles llebats", dann für die „Odette lles trilmnaux", später für den „Oourrier lran^ais". Viel Aufsehen machten seine mehrmals unter dem Titel: „l'rois?Ililippiczues", besonders gedruckten Briefe über die Civilliste, eine mächtige Waffe gegen das 528 Cornelius Ministerium. Im Mai 1832 erschienen sie zu Paris mit andern politischen Schriften wieder in der sechsten Auflage der „lettre« sur ellarte, la pairie et la liste civüe, suivies cle reponses ü Zl^l. cke Sckonen et Casimir ?erier" Seine neueste Schrift ist ein Brief über die Sitzung der Kammern von 1831, unter dem Titel: „^icke-toi, ie eiei t'siüer-z", die im Mai 1832 zu Paris erschien und Frankreichs gegenwartige Lage mit bitterm Tone schildert. C. nahm Theilan der Herausgabe der,/IAemis ou bibliotde^ueckesjuriscoiisultes". Die vielen Angrisse, welche in den ministeriellen Blattern gegen C. gerichtet werden, tragen nur dazu bei, ihn in der Gunst des Volks zu heben. » (15) ^Cornelius (Petervon), Maler, eines Malers Sohn, geb. zu Düsseldorf im October 1787, seit 1825 Director der königlichen Akademie der bildenden Künste zu München. Aus der Bewegung der Zeit hervorgegangen, begabt mit seltener schöpferischer Fülle und Kraft, von Anfang an unverrückt die eingeschlagene Bahn verfolgend und gebildet durch die Werke einer reichen, beglückten Vorzeit, außerdem vom Schicksal begünstigt durch die Berufung zu Arbeiten von größter Ausdehnung, repräsentirt er mehr als seine gleichgesi'nnten Freunde, die Bestrebungen der neuern Kunst. C. war der Erste, welcher in den Formen der Malerei wieder Seele und Inhalt zu erwecken suchte und die bloße Vollendung der Technik als etwas Todtes von seinen Leistungen zurückwies. Diese eigenthümliche Richtung, die er mit einigen verwandten Mitstrebenden verfolgte, und welche ihn besonders die Religion als Aufgabe seiner Kunst erkennen ließ, führte ihn auf das Studium der vorrafaelischen Zeit, auf die florentinischen Meister des 14. Jahrhunderts zurück, von denen aus er sich dann inniger und genauer mit dem derselben Schule entwachsenen Geist und Styl eines Rafael und Michel Angelo befreundete. Schon von Beginn seiner Laufbahn an schlug C. einen sehr glücklichen Weg ein, indem er sich stets davor hütete, seine künstlerischen Kräfte an einzelnen Skizzen zu zersplittern, sondern seinen Geist immer mit irgend einem Gegenstande ganz erfüllte und dann in einer Reihefolge mehrer unter sich zusammenhangender Bilder ein Ganzes darstellte, wodurch er nicht nur für seine künstlerische Anschauung Stetigkeit gewann, sondern vor Allemdie Emancipation der Kunst herbeiführte, sie des Nachcomponirens, des bloßen Scenendarstellens enthob und in ihre ursprünglichen Rechte einer freien selbständigen Production wieder einsetzte. In diesem Sinne sind seine Bearbeitungen des Göthe'schen „Faust" und der „Nibelungen" zu nehmen; und deutlicher als diese würde sein Dante das Gesagte betätigen, hätte er ihn vollenden können. Bekanntlich aber rief ihn, als er gerade mit den Cartons dazu beschäftigt war, die er für die Villa Massimi in Rom ausführen wollte, der damalige Kronprinz, jetzige König von Baiern, nach München, um die Glyptothek mit einer Darstellung der Götter- und Heroenwelt der alten Griechen zu schmücken. Ein großes, reiches Feld war nun vor ihm aufgethan, und es bewährte sich hier vor Allem sein dichterischer Sinn, der aus dem Vielerlei des Stoffs das Verwandte heraushob und ein zusammenhängendes Ganzes aufbaute. Noch in Rom zeichnete er einige Cartons, und im Frühjahr 1830 begann er die Ausführung dieses großen Werkes mit Eros, als Bezwinger der Elemente. Diese Darstellung enthält den leitenden Gedanken für den ganzen Göttersaal: Gemeinschaft der Götter und Menschen, Sieg der Liebe wie über die rohe Natur, so über die Götter, und Triumph des Geistes selbst über die seligen Herrscher des Olympos. Die Decke theilt sich nach den vier Bogen des Kreuzgewölbes in ebenso viele Haupttheile; in der Mitte sieht man den Eros, in Verbindung mit den Elementen, in vier Feldern; weiterhin die Jahreszeiten, dann die Tageszeiten, oder die sie repräsentirenden Gottheiten: Aurora, Phöbus, Luna und die Nacht. Jedes dieser Bilder ist von zwei kleinern eingeschlossen, in denen der Mythus der betreffenden Gottheit näher ausgeführt wird; so zeigt sich bei Cornelius 52« lM ! ?turora Tithon und Memnon; bei Apoll seine Lieblinge Hyacinth, Aftraa, Daphne:c.; bei Luna Endymion und der bestrafte Frevler Aktäon; bei der Nacht die Schicksalsgöttinnen und Parzen, die einzigen, die sich durch keine Liebe und kein Leiden in Menschennahe gezogen fühlen. Die senkrechten Mauern unter dem Gewölbe bieten bloß drei Räume, da sich im vierten das Fenster befindet; hier herrscht die griechische Dreieinigkeit: Pluto, Neptun und Jupiter, jeder in seinem geschiedenen Reiche. Aber der Künstler hat sie uns nicht in ihrer einsamen Abgeschlossenheit vorgeführt, sondern sie durch uns verwandte Gestalten zu beleben und zu beherrschen verstanden; der Unterwelt unerbittlicher Gebieter weicht der Gewalt der Töne und gibt dem Orpheus seine Eurydice zurück; Neptun folgt mit seinem ganzen Reiche dem Arion und seinem Saitenspiel, und Jupiter bewillkommt mit goldgefüllter Schale den Heros, dessen kühne Thaten selbst den Olympos zur Bewunderung zwingen. So schließt sich das Werk mit dem Gedanken, mit welchem es begonnen, nur in erweiterter Form; immer tritt die neue jugendliche Kraft siegend dem Alter entgegen. Auch in Hinsicht der künstlerischen Ausführung ist die Auffassung durchaus neu zu nennen und gehört dem Meister ganz allein an. Der Styl dieses Saales unterscheidet sich übrigens wesentlich von dem der Heroen so- wol im Colorit als in der Zeichnung. Hier ist bei aller Großartigkeit der Gedanken noch eine zarte Feinheit der Contouren und Formen, sowie eine sanftere Färbung unverkennbar vorherrschend, mit Ausnahme der Wasserwelt, die als das zuletzt gemalte Bild in die Übergangsperiode fällt. Im zweiten. Saale erscheint nun die großartige Auffassung auch in der äußern Form abgeprägt, und in der Färbung ist der Meister so tief gegangen, als die ihm zu Gebote stehenden Mittel erlaubten, und es je irgendwo in Fresco erreicht worden. Dieser zweite oder Heroensaal gibt die Geschichte des trojanischen Krieges. Eine symbolische Darstellung der Vermählung von Peleus und Thetis in der Mitte der Decke eröffnet die Reihenfolge: in vier sich darum schließenden Bildern sind die nähern Veranlassungen und der Anfang des Kriegs angedeutet, durch die Hochzeit des Menelaus und der Helena, das Urtheil des Paris, die Entführung der Helena und das Opfer der Jphigenia. Die vier größern nun folgenden Felder zerfallen je in zwei, und sind den einzelnen Helden der Jliade gewidmet, sodaß z. B. Odysseus dargestellt ist, wie er den Achilleus ausfindig macht, Diomedes, wie er die Götter verwundet u. s. w. Auf den drei Hauptwänden endlich ist erstlich der Zorn des Achilleus, dann der Kampf um den Leichnam des Patroklos und endlich die Zerstörung Trojas dargestellt. C.'s eigen- thümlichfte Natur hat sich hier mit gesteigerter Kraft geoffenbart; die kämpfenden Helden, der Tod auf so manchem Angesicht, die Siegeslust, Alles ist mit den lebendigsten Farben ausgesprochen, sowie bei der Zerstörung das hereingebrochene Unglück mit der Gewalt eines Äschylos dargestellt ist. Das letztere Bild erschließt außerdem in der Vereinigung scharfer Gegensätze eine wunderbare Gewalt darstellender Kunst, so in der von Menelaos ergriffenen Polyxena Zorn und Flehen, in Andromache Leben und Tod, in Priamos Tod und Kraftanstrengung, in Hekabe Schmerz und Wahnsinn, in Kassandra Gegenwart und Zukunft. Vor diesem Bilde auch war es, wo König Ludwig im Januar 1826 den Meister desselben im Angesichte seiner Schüler zum Ritter des Civilverdienstordens der bairischen Krone machte. Zwischen beiden Sälen befindet sich noch eine Vorhalle, die C. mit dem Mythus des Prometheus, als der schönsten Symbolik der Kunstentwickelung, geschmückt hat. — Im Frühsommer 1830 hatte C. seine Arbeiten für die Glyptothek beendigt. Er ging auf ein Jahr nach Rom und entwarf daselbst den ersten Carton zu neuen Frescomalereien, mit denen er das Innere der neuen Ludwigskirche verzieren wird. Dieser Carton ward im September 1831 in München auf der Akademie ausgestellt, und zeigt uns nun den Bildner heidnischer Geschichten auf christlichem Felde. Nicht nur der Ort der Bestimmung dieser neuen Gemälde, Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 34 530 Cornelius die Kirche, führte ihn zu symbolischer Auffassung seines Gegenstandes, sondern auch die Erkenntniß, daß nur in dieser die größere Freiheit der Gedankenentwickelung liege. So ist es ihm also —und dies charakterisier überhaupt seine Werke— nicht darum zu thun, dem Auge die Begebenheit vorzuführen, wie sie etwa wirklich sich ereignet haben könnte, sondern die geistige Bedeutung im Auge behaltend, gerade Das herauszuheben, was eine Gedankenreihe im Beschauer selbst erwecken muß. So zeigte der ausgestellte Carton, die Kreuzigung Christi, nicht irgend eine Scene, einen Moment jener erschütternden Katastrophe, sondern war eine ausführliche, man kann sagen, dichterische Behandlung dieses Themas. Um das Kreuz stehen die Frauen und Johannes, die erste Gemeinde der Heiligen, links die jüdischen Spötter, Hohenpriester u. s. w., rechts die heidnischen Ungläubigen, an beide Gruppen aber schließen sich zuletzt Freunde Christi oder Bekehrte an, sodaß, wie vom Kreuz herab, in die Zukunft der Heiden und Juden das Licht des Evangeliums und der ersten Kirche scheint; im Vordergrunde links stehen die unbußfertigen jüdischen Sectirer, Pharisäer und Sadducäer, mit frechem Hohn, und rechts die gleichgültigen Kriegsknechte, die das Loos werfen um die Kleider Christi. Der Heiland selbst ist im Verscheiden begriffen, zu beiden Seiten hängen die Schacher, und um auszusprechen die Gewalt über Seligkeit und Verdammniß, die er noch am Kreuz ausübte, wird der eine von jenen von einem Engel in Empfang genommen, der andere dem Teufel anheimgegeben. — Blickt man auf des Künstlers frühere Werke zurück, so ist schon ein deutlicher Unterschied des Styls zwischen dem Faust und den Nibelungen sichtbar; aber etwas durchaus Neues tritt in der Glyptothek hervor, und man sieht, daß der jedesmalige Stoff die veränderte Form bedingt hat. Im neuesten Werke nun macht sich kein besonderer Übergang bemerklich, und es scheint, daß ihm namentlich für Charakterzeichnung Gesetze gelten, die nicht die Jndividualisirung des Portraits verlangen und die zunächst in der Mythologie ihre Begründung finden, die man aber bei christlichen Gegenständen sonst nicht gern anwendet. Der Styl der Gewänder und des Nackten ist im Wesentlichen der von den Wandgemälden des zweiten Saales der Glyptothek und erinnert zunächst an die großartigen Formen Michel Angelo's. Gegenwärtig zeichnet C. an den Evangelisten, welche die Decke des Seitenschiffs schmücken werden, wo das eben beschriebene Bild die Hauptwand einnimmt. Das Maß der dargestellten Gestalten erreicht fast doppelte Lebensgröße. Außerdem ist er noch damit beschäftigt, die Zeichnungen für die 25 Logen der Pinakothek zu entwerfen, in denen das Leben der Kunst und Künstler in reicher und schöner Entwicklung gegeben wird. Es bleibt uns jetzt noch übrig, die Wirksamkeit dieses Künstlers, als des Begründers einer Malerschule, zu erwähnen. Als er im Winter 1819 nach Deutschland zurückkehrte, wurde er von der preußischen Regierung zum Director der Kunstakademie zu Düsseldorf ernannt. Wie wenig Anstalten der Art es auch zulassen mögen, daß sich das Verhältniß einer Schule bilde, so war es doch dort in der That der Fall. Der Name des Meisters, der durch ganz Deutschland klang, und der mit Allem, was die Zeit Herrliches und Erhebendes hervorgebracht, zugleich genannt wurde, zog eine ziemliche Anzahl junger Künstler ihm nach, die, da sie nur um seinetwillen gekommen, sich auch nur an ihn anschlössen. Die übrigen Lehrer an der Akademie, unbeschadet ihrer persönlichen Vorzüge, kamen neben ihm in keinen Betracht. Ja, viele dieser Kunstjünger machten die Wechselreise zwischen Düsseldorf und München jährlich mit, in der Absicht, immer um den Meister zu sein und zugleich die Frescomalerei zu erlernen, wozu anfangs nur in München Gelegenheit war. Bald aber bewirkte C. bei der preußischen Regierung, daß diese sich für Entstehen neuer umfassender Kunstwerke im Nheinkreise interessirte; es wurden für deü Assisensaal in Koblenz, dann für die Aula der Universität Bonn Fresco- gemälde bestellte Privatleute, wie der GrasSpee, ein Baron von Plessen u. A., Cotta von Cottendorf 53! MM Mi^' >5 wünschten Frescogemälde zum Schmuck ihrer Landsitze, und wandten sich deshalb an C. Dieser nahm für seine Schüler die Arbeit an, stellte Jeden an den passenden Ort, sodaß Viele zugleich Beschäftigung fanden und die Lehren ihres Meisters unmittelbar zur That werden lassen konnten. Als im Jahr 1825 C. als Direktor nach München ging, folgten ihm die meisten seiner Schüler nach, obschon vorauszusehen war, daß bei den umfassendem Verhaltnissen der Münchner Akademie auch das Verhältnis der Schule ein durchaus anderes werden mußte. Jndeß gelang es C. doch, einen großen Auftrag für seine Schüler zu erhalten, und die Arkaden des Hofgartens in München geben in ihren Freskomalereien Aeugniß von der Richtung, welche diese Schule in München genommen hat. Nach Beendigung dieser Leistungen konnte, da nicht unmittelbar eine neue zusammenhängende Arbeit vorhanden war, der Geist der Schule sich nur in einzelnen Schöpfungen, wie in den Deckengemälden des Odeons, einzelnen Wandgemälden im Palais des Prinzen Max u. s. w. offenbaren, wird aber nun bei den Darstellungen zur deutschen Dichterwelt im neuen Königsbau wieder eine umfassendere Tharigkeit gewinnen. (13) Cotta von Cottendorf (Johann Friedrich, Freiherr), geb. zu Stuttgart den 27. April 1764, stammt aus einem italienischen Adelsgeschlechte, von welchem ein Zweig nach Sachsen kam und zur Reformationszeit in Eisenach, spater zum Theil in Dresden blühte. Aus Sachsen zog Johann Georg C. ums Jahr 1640 nach Tübingen und gründete die I. G. Cotta'sche Buchhandlung, die schon zu Anfang des 18. Jahrhunderts 20 Pressen beschäftigte. Johann Friedrich C. bereitete sich auf dem stuttgarter Gymnasium zum Studium der Theologie vor, seine Neigung entschied jedoch für das Studium der Kriegswissenschaften (der Vater hatte unter Laudon gedient), und als Pfleiderer, der berühmte Mathematiker, aus Warschau in die Heimath zurückkam, bezog C. die Universität Tübingen und wurde sein Schüler (1782). Nach drei Jahren sollte er eine Erzieherstelle bei dem Fürsten Lubomirski in Warschau antreten; er studirte noch mit äußerster Anstrengung die Rechtswissenschaft und ging sodann mit Johann Gottfried Müller nach Paris, wo er sich im Französischen und den Naturwissenschaften vervollkommnete und im Umgange der berühmtesten Gelehrten lebte. Jener Lebensplan zerschlug sich jedoch, wie darauf auch ein anderer ähnlicher, und C., nachdem er einige Zeit als Hofgerichtsadvokat practi- cirt hatte, übernahm, dem Willen des Vaters gehorsam, die lange durch Faktoren geführte und sehr herabgekommene Handlung zu Tübingen, die nicht mehr für 3000 Gulden jährlichen Absatz hatte. Vom 1. Dec. 1787chis zur Abreise auf die leipziger Ostermesse 1788 arbeitete er nun von Morgens 4 Uhr bis Nachts 11 Uhr, um sich die nöthigen Kenntnisse in seinem Fache zu erwerben. Eine wichtige Hülfe für den sorgenbelasteten Mann waren 300 Dukaten, welche er von der Fürstin Lubomirska als Entschädigung erhielt. Mit Mühe trieb er 500 Gulden auf, um seine erste glückliche Spekulation zu decken. Er verband sich 178-9 mit einem sehr redlichen und geschickten, aber ängstlichen Manne; daher sich denn dieses Band bald wieder auflöste. Jetzt nahm die Buchhandlung ihren glücklichsten Schwung, und C. entwickelte fortan selbständig sein großartiges Talent. Er faßte den Plan zur „Allgemeinen Zeitung" (1793) und gewann für einen Augenblick Schiller, der gerade in der alten Heimath war, für dieses Unternehmen. Schiller trat zwar seiner Gesundheit wegen wieder zurück, gründete aber mit C. die „Hören" und blieb seitdem aufs genaueste mit ihm verbunden. Die „Allgemeine Zeitung" trat jetzt zu Tübingen erst unter Posselt's, dann unter Huber's Redaktion ans Licht; nur mit der größten Vorsicht und Redlichkeit ließ sich in jener politisch gefährlichen Zeit ein solches Unternehmen begründen; jene Zeitung ist aber auch zu einem Werke geworden, das künftigen Zeiten für die Geschichte unserer Zeit so unentbehrlich sein 34* 5^ 8 532 Courier wird, als dessen Einfluß auf die Mitlebenden selbst umfassend gewesen ist. C. verlegte 1798 die Redaction nach Stuttgart und 1803 nach Baiern. Im Nov. 1799 nahm C. zum ersten Male Antheil an den allgemeinen Angelegenheiten seines Vaterlandes und machte in Austrag der würtembergischen Landstande eine Reise nach Paris, die ihm die Bekanntschaft der interessantesten Manner, wie Moreau's und Kosciusczko's, verschaffte, und nicht durch seine Schuld dem Vaterlande die gehofften Vortheile nicht zu Wege brachte. Auch knüpfte er bei dieser Gelegenheit sehr vortheilhafte Verbindungen für die „Allgemeine Zeitung" an. Er machte 1801 im Interesse eines benachbarten Fürsten eine zweite Reise nach Paris, chat dort manchen Blick in die sich damals entwickelnde Politik Napoleons, und gewann dort Ansichten, die für seine Unternehmungen förderlich wurden. Bei aUedem widmete er seiner Buchhandlung die äußerste Sorgfalt, und wahrend einer langen Reihe von Jahren war auch nicht eine Note, die nicht von seinerHand in das Hauptbuch eingetragen wäre. Bei so überwältigender Arbeit war ihm der freilich meist nur vorüber, gehende Umgang mit Schriftstellern, die zugleich seine Freunde waren, namentlich mit Göthe und Schiller, wahrer Lebensbalsam. Auch Huber und Pfeffel rechnete er zu seinen liebsten Freunden und kam mit Herder, Fichte, Schölling, Jean Paul, Tt'eck, Voß, Hebel, Ther. Huber, Matthisson, mit den Brüdern Humboldt, Joh. Müller, Spittler und andern Schriftstellern, deren Werke er ganz oder theilweise verlegte, in nähere Verhältnisse. Die Jahre 1805 und 1810 brachten ihn in unmittelbare Berührung mit Napoleon. Von größern periodischen Werken entstanden 1795 die „Hören", die „Politischen Annalen", die „Jahrbücher der Baukunde", der „Damenalmanach" (1798) und mehre Taschenbücher, die „Flora", die große Karte von Schwaben von Amman und Bohnenberger (1799), das „Morgenblatt" (1807). C. zog 1810 nach Stuttgart und kaufte sich 1811 in seinem Vaterlande an. Ständische Angelegenheiten und ein ehrender Auftrag der deutschen Buchhändlerführten ihn auf den wiener Congreß. Er erschien 1815 aufdem würtembergischen Landtage als gewählter Deputirter und war mit Graf Waldeck der Erste, der die alten Rechte des Stammlandes reclamirte. Seit 1819 bis auf die neueste Zeit saß er als ritterschaftlicher Abgeordneter und bald als Ausschußmitglied, seit 1824 als Vizepräsident in der würtembergischen zweiten Kammer. In dieser Zeit hat er Gunst und Ungunst von Volk und Fürsten reichlich erfahren. Er ward preußischer geheimer Hofrath, bairischer Kammerherr und Ritter des würtembergischen Kronordens. Sein Verlag dehnte sich inzwischen immer weiter aus, und in der neuern Zeit schlössen sich unter andern Gelehrten Boissere'e, Bröndsted, E. Gerhard, Rotteck, Uhland, Robert, Schwab, Platen, Zedlitz ihm an. Von Zeitschriften entstanden ferner das „Polytechnische Journal" (von Dingler), der fortgesetzte „Hesperus" (von Andre), die „Würtembergischen Jahrbücher" (von Memminger), die „Hertha", das „Inland", das „Ausland", das „Kunstblatt" (von Schorn),' das erneute „Literaturblatt" (von Menzel). In Unterstützung junger Talente durch Reisegeld und dergl. war und ist C. unermüdlich. Er errichtete 1824 eine Dampfschnellpresse zu Augsburg, die erste in Baiern. Bald darauf gründete er das literarisch-artistische Comptoirin München, wo ersieh auch häusig aufhält. Er machte 1825 einen Versuch mit der Dampfschiffahrt auf dem Bodensee und regulirte dieselbe 1826 mit den betreffenden Regierungen auf dem gesamm- ten Rhein. Baiern und Würtemberg gaben ihm 1828 den Auftrag, zu Berlin den Handels- und Zollvertrag mit Preußen abzuschließen, und er wurde von den drei Königen mit Orden belohnt. Er genießt bei einem rastlosen Leben einer kräftigen Gesundheit, arbeitet in den verschiedensten Fächern mit jugendlicher Thätigkeit und nimmt an der Zeit und Allem, was sie bringt, den lebendigsten Antheil. (43) Courier (Paul Louis), geb. in Paris am 4. Jan. 1772. Seine Studien, die sich vorzugsweise und mit bedeutendem Erfolge dem Griechischen und der Courier 533 Mathematik zuwandten, leitete bis zu seinem fünfzehnten Jahre ganz allein sein Vater, Jean Paul (gest. 1795), Herr des Lehnguts Mere in Touraine, ein Mann von hoher geistiger und sittlicher Bildung, der vor Allem darauf bedacht war, das kräftige Gemüth des Sohnes, welcher mit inniger Liebe und freiem Vertrauen an ihm hing, zu fester Beharrlichkeit zu stahlen. Hierauf in Paris und in der Artillerieschule zu Chalons, wohin er feinem Lehrer Labbey folgte, weiter ausgebildet, trat C. 1792 unter die reitende Artillerie und zeichnete sich durch Kenntnisse und Tapferkeit so sehr aus, daß er schon 1795 zum Escadronchef ernannt wurde. Die italienischen Feldzüge (1798, 1805 fg.) gaben ihm ferner reiche Gelegenheit, seine Berufstüchtigkeit zu bewahren. Beschwerden und Gefahren, an denen es zumal in Calabrien nicht gebrach, trat er mit rüstigem Muthe entgegen, aber den Beschrankungen strengen Dienstzwanges konnteer sich nicht fügen, unfähig, freier Selbständigkeit in blindem Gehorsam zu entsagen. Sobald nicht die Nähe des Feindes seine Anwesenheit beim Regiment erfoderte, begegnete es ihm wol, sich ohne Urlaub wochenlang zu entfernen, um in irgend einer Bibliothek griechische Handschriften zu untersuchen. Denn seiner lebendigen Liebe zum hellenischen Alterthume blieb er, immer wenigstens einige Bände griechischer Schriftsteller mit sich führend, fortwährend treu, ohne dadurch gehindert zu werden, sich der Gegenwart mit heiterm Lebensmuthe zu bemächtigen. Geachtet von seinen Kriegsgefährten, deren Freuden und Beschwerden er getreulich theilte, und von seinen Vorgesetzten, die seinem Verdienste manche Übertretung militärischer Dienstregeln nachsahen, mußte er doch den letztern durch die rücksichtslose Freimüthigkeit, mit der er seine Überzeugungen verteidigte und jedes Verwerfliche, wo er es fand, unbedenklich rügte, allmälig unbequem werden. Man erzählt z. B., daß C. nach einem Gefechte, in welchem ihm Cäsar Berthier nicht eben altrömische Tapferkeit bewiesen zu haben schien, dem Packwagen desselben begegnet sei, der mit dem Namen seines Besitzers in großen Buchstaben prangte. Erbittert hielt C. ihn an, tilgte mit seinem Degen den Vornamen aus und befahl dem Wagenführer, seinem Herrn zu sagen, Berthier möge er sich immerhin nennen, aber nicht Cäsar, das untersage er ihm. So wurde es ihm leicht, den Abschied zu erhalten, den er 1808 in Italien nachsuchte, müde dem selbstsüchtigen Ehrgeize Napoleons, dessen Wesen sein ungeblendeter Scharfblick frühzeitig durchschaut hatte, mit widerstrebendem Gemüthe zu dienen. Nachdem er noch an der Schlacht von Wagram (6. Jül. 1809) freiwillig Theil genommen, verließ er den Kriegsdienst, dem er sich, als Feindeseinfall sein Vaterland gefährdete, mit begeistertem Eifer gewidmet hatte. Nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz lebte er bis 1812 in Italien, seit 1810 in Rom und in Tivoli, seinen geliebten Griechen, dem Genüsse der Natur und geistreichem Umgange, z. B. mit der Gräsin Albany, sich widmend. Die Freude, aus einer florentinischen Handschrift eine beträchtliche Lücke des griechischen Erotikers Longus auszufüllen, verbitterte ihm ein famos gewordener Dintenfleck, durch den er unvorsichtig eine Stelle des neuentdeckten Stückes unlesbar machte, und der, böswilliger Absicht zugeschrieben, ihn vielfältigen Verunglimpfungen, selbst politischer Art, preisgab, was ihn zu dem witzigen Brief an den Bibliographen Renouard veranlaßt?. Der Text des Longus erschien in wenigen Exemplaren zu Rom 1810 (neue Auflage durch Sinner, Paris 1830), seine französische Übersetzung Paris 1813 (neue Auflagen 1821, 1825). Im Sommer 1812 ging C. nach Paris, wo er 1813 seine mit kritischem Scharfsinn und großer Sachkunde bearbeitete Ausgabe und Übersetzung der „Reitkunst" des Xenophon erscheinen ließ. Im März 1814 heirathete er eine Tochter des ihm befreundeten Rechtsgelehrten Clavier. Bald nach seiner Vermählung durchstreifte er, übermannt von dem Gefühle verlorener Freiheit, einige Monate lang Nordfrankreich, bis ihn der Geist und die Anmuth, die aus den Briefen seiner jungen Frau sprachen, immer inniger ergrissen, und er sich freudig in die Beschränkungen der Ehe fügte, die ihm 534 Courier wenigstens mehre Jahre hindurch ein friedliches Glück gewährt zu haben scheint. Er lebte von nun an, mit seinen Studien und mit der Bewirthschastung eines ansehnlichen Grundbesitzes beschäftigt, im Departement Jndre und Loire, zuerst inLuynes einem kleinen Orte an der Loire, dann in dem Dorfe Veretz. Die Entthronung Napoleons und die Erscheinung der Charte erfüllten ihn mit lebendiger Hoffnung einer verfassungsmäßigen Regierung. Bald enttäuschte ihn die beginnende Rc- action, die besonders in dem Departement, wo er ansässig war, mit gewaltthatigem Ungestüm ins Werk gesetzt wurde. C. verfaßte eine wirksame Bittschrift an die Kammern, worin er den despotischen Unfug, den man in Luhnes trieb, mit beredtem Unwillen schilderte. Die Verfolgungen hörten auf, und C. schwieg. Eine treffliche Frucht seiner Studien, die kritische Ausgabe und Übersetzung von Lucian's „Esel",den er mitUnrechtdem Lucian absprach, erschien 1818 und fand allgemeine Anerkennung, ohne jedoch seiner Bewerbung um eine Stelle in der Akademie der Inschriften iin Geringsten zu nützen. Man fürchtete durch seine Wahl den Macht- habern zu mißfallen und besetzte die drei Stellen, die eben (eine durch Clavier's Tod) erledigt waren, mit ziemlich unbedeutenden, aber eifrig royalistifchen Edelleuten. In der Erbitterung verletzten Selbstgefühls, mehr noch im Verdrusse, gegen feinen Grundsatz, sich nie um eine Stelle zu bewerben, den Bitten seiner Freunde nachgegeben zu haben, und im Unwillen über die unwürdigen Motive, durch welche die akademischen Wahlen bestimmt wurden, erließ C. seinen Brief an die Mitglieder der Akademie, worin sich sein Ärger in bitterer und persönlicher Satyre Lust machte. Bald darauf begann "er durch feine beiden „I^ettres pm-twulleres" und durch die kurzen Aufsätze, die er im „Censenr" abdrucken ließ (1819,1829), directen Kampf gegen psäfsische Verfinsterung und die wachsende Macht des herrschsüchtigen Adels, und erwarb sich dadurch allmälig bedeutende Popularität, unbekümmert um den Haß der Höflinge. Er widersetzte sich 1824. durch seinen „Kimjde disconr« mix mewbres du eonseil de lu eonnnuue de Veret?", ein Meisterstück klarer und eindringlicher Rede, dem schmählichen Antrage, den Landfitz Chambord für den Herzog von Bordeaux auf Kosten des Departements anzukaufen. Als deshalb der Proceß gegen ihn eingeleitet wurde, richtete er eine sarkastische Zuschrift an die frommen Seelen seines Kirchspiels, sich ihrem Gebete empfehlend. Er ward zu einer Geldbuße und zweimonatlicher Gefängnisstrafe verurtheilt. Fortan wuchs seine Thätigkeit. Er gab eine Erzählung seines Verhörs heraus, voll schneidenden Spottes und männlicher Beredsamkeit; vertheidigte das Recht der Landleute, denen dumpfe Bigotterie verbieten wollte Sonntags zu tanzen; lieferte kleine Beiträge zu Zeitschriften; erließ seine beiden Antworten an anonyme Briefsteller, sein „Ickvret de Umd-ImuiZ, vi^neron" (wie er sich von nun an nannte) und andere Flugschriften (zuletzt 1824 sein „?mn?!det jimvpldets"), die, in geheimer Presse gedruckt und begierig gelesen, um so allgemeinere Wirkung machten, je weniger C. in egoistischer Parteisucht oder in doctrinairer Abstraktion befangen war. Mit mächtigen Waffen geistiger Überlegenheit vertheidigt er das Wohl des Volks gegen die Unterdrücker gesetzmäßiger Freiheit. Tiefer sittlicher Ernst, behagliche Laune, einschneidende Ironie, logische Schärfe der Polemik bewegen sich frei in der trefflichsten Sprache, dem Ergebnisse selbständiger Aneignung, antiker Schönheit und Einfachheit und tiefen Studiums der französischen Prosa vor ihrer Erstarrung durch höfische Convenienz. Dieses Studium bewährte schon im Jahre 1819 die Ergänzung der Amyot'schen Übersetzung des L^ngus, mehr noch 1822 die Probe einer Übersetzung desHerodot, worin C. die naive EinfachheitHerodot's mit überraschendem Erfolge zu erreichen strebte. Ihr folgte 1828 seine Übersetzung der Äthiopika des Erotikers Heliodor. Noch andere Werke bereitete er vor, mit vorzüglicher Sorgfalt eine kritisch berichtigte Ausgabe der „Cent nouveües nouvelles", mit Erläuterun- gen, worin er die Sitten, welche jene alten Erzählungen schildern, mit den heutigen Courvoisicr 535 vergleichen wollte. Diese Plane und den Entschluß, sein policisches Wirken zu ununterbrochener Thatigkeit zu steigern, unterbrach der Tod. Am 10. April 1825 sand man seinen Leichnam von drei Kugeln durchbohrt nahe bei seinem Wohnorte Veretz. Die eingeleiteten Untersuchungen führten zu keinem Resultate, da die Brüder Symphorien und Pierre Dubois, die man verhaftet hatte, und von welchen der Letztere einige Zeit in C.'s Diensten gestanden, bald bei dem Mangel genügenden Verdachts freigelassen, und C.'s Forstwart, Frement, von den Assisen zu Tours freigesprochen werden mußte. Tiefes Dunkel lag auf der Begebenheit, bis gegen das Ende des Jahres 1829 eine Magd, die, mit ihrem Liebhaber in einem nahen Gebüsche versteckt, unfreiwillige Zuschauerin des Mordes gewesen war, durch das Scheuen ihres Pferdes vor dem Denkmale, das man an der Mordstatte errichtet hatte, zur Entdeckung bewogen, Fremont und Symphorien Dubois als die Morder, Pierre Dubois und einige Andere als Micwissende bezeichnete. Symphorien war unterdessen gestorben; Fremonc, durch seine frühere Freisprechung der Strafe überhoben, gestand die That, zu welcher er durch Symphorien gezwungen zu sein behauptete, und unterlag bald den Qualen seines Gemüths. Die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen. Obgleich der verwickelte Proceß das Ereigniß keineswegs völlig aufklarte, so beschwichtigte er doch die allgemein gehegte Vermuthung, daß C. ein Opfer politischer Uberzeugung geworden oder, wie er sich selbst prophezeit hatte, von den Scheinheiligen (cuxots) umgebracht worden sei. Dagegen fiel ein unsicherer Verdacht, die That angestiftet zu haben, auf C.'s Witwe, die, zur Zeugschaft geladen, sich aus Frankreich entfernte, und von deren Lebenswandel ärgerliche Dinge zur Sprache kamen. — C.'s Schriften sind enthalten in den,Memoire«, corresponllouee et opiiscule« ineclits Ue / 536 Cousin sein Antrag wurde jedoch verworfen. Um diese Zeit machte das Ministerium, geschreckt durch Louvel s That, der Kammer einen Vorschlag zur Aufhebung der individuellen Freiheit. Man wandte gegen diese Maßregel ein, die Vorkehrungen des Strafgesetzbuches seien hinreichend, um Verschwörungen zuvorzukommen. C., dec diesen Gedanken entwickelte, wies die Unwirksamkeit und das Unnütze des neuen Vorschlags nach, und ohne die Absichten des Ministeriums anzugreifen und die vorgebliche Nothwendigkeit der Willkür beklagend, stimmte er mit der Commission dahin, daß der erste Artikel auf die Verschwörungen gegen die königliche Familie beschrankt werde. Dieser Artikel gab den Ministern die Befugniß, Jeden, der als Teilnehmer an einer Verschwörung gegen den König und die Sicherheit des Staates oder gegen die Mitglieder der königlichen Familie verdachtig wäre, ohne vorheriges gerichtliches Urtheil verhaften zu lassen. Bei der Erörterung des Wahlgesetzes, durch welche das doppelte Votum eingeführt ward (1820), erhob sich C. gegen diese neue Aristokratie. Seine Bemühungen waren fruchtlos, und der Charte zuwider ward das doppelte Votum zum Gefetz. Dieser Triumph des Ultraroyalismus war von beklagenswerthen Auftritten begleitet; die ihrem Mandate getreuen Abgeordneten wurden von Gardes du Corps, die in Bürgertracht vermummt waren, mit Beschimpfungen überhäuft. Sie brachten ihre Klagen in der Kammer vor, und als man ihnen die verlangte Untersuchung abschlug, sprach C. mit gerechtem Unwillen gegen die Excesse der Partei, welche Frankreich bedrohe, und rief aus, die Berathschlagung, welche man hemmen wolle, müsse fortdauern, und würden auch Dolche gegen die unabhängigen Abgeordneten gezückt. Nach Auslösung der Kammer 1824 ward er nicht wiedererwählt, allein seine politische Laufbahn war noch nicht zu Ende. Am 3. Aug. 1829 ward er Justizminister und Mitglied des Ministeriums Polignac. Er, Montbel und Chabrol sind die Mitglieder dieser Verwaltung, mit welchen die öffentliche Meinung verhältnißmäßig am wenigsten unzufrieden war. Man beschuldigte ihn nur der Bigoterie und sah ungern, daß ein Emigrirter Minister wurde. Am 19. Mai 1830, zehn Monate nach seiner Ernennung, legte er, um das Unterzeichnen der Ordonnanzen zu vermeiden, das Portefeuille in die Hände von Chantelauze nieder, und eine Ordonnanz desselben Tages ernannte ihn zum Staatsminister und Mitglied? des geheimen Raths. Glücklicher als seine Collegen, lebt C. jetzt in ungestörter Zurückgezogenheit. Er ist auch als Schriftsteller bekannt. Von seiner anonym erschienenen „Dissertation sur le ckroit naturel, l'etat cte nature, !e clroit civil et le ch oit lles ^ens" (2 Bde., Besan^on 1804) ist die zweite Hälfte noch nicht herausgekommen. Sein ,/1'ruite Sur ies odÜAations Uivisidles et ilickivisiüles, Selon l'ancienne et lu neuvelle loi" (Besaneon 1807, 12.) blieb gleichfalls unvollendet. (15) Cousin (Victor), wurde 1792 zu Paris geboren, und entwickelte schon früh seinen sehr bedeutenden wissenschaftlichen und philosophischen Beruf, der sich bei ihm mit einem seltenen Talente mündlicher und' improvisi'render Veredtsam- keit vereinigte. Er erhielt seine erste Anstellung als Repetent für die griechische Literatur an der Lcole normale ckes protessenrs zu Paris, an der ihm bald darauf die Professur der Philosophie zu Theil wurde. Die ausgezeichnete Weise, in der er hier wirkte, erregte die Aufmerksamkeit des berühmten Royer-Collard, welcher ihn 1815 an die beulte lles lettre« der königlichen Universität berief, um ihn im Fache der Geschichte der Philosophie zu vertreten, da ihn selbst die Staatsgeschäfte zu sehr in Anspruch nahmen, als daß er sich dem ihni bestimmten Vortrage derselben hätte widmen können. Hier begann für C. eine weitgreifende Laufbahn, und er suchte seinen Zuhörern jetzt zunächst die Ideen seines Lieblingsphilosophen Plato zu entwickeln, an dem er mit großer Begeisterung hing, und dessen Werke er auch später in einer vollständigen französischen Übertragung (Paris 1822 fg.) lie- Cousin 537 fette. Außerdem ging er auch auf die Auseinandersetzung einiger Systeme neuerer schottischer Philosophen ein, schien aber von der Kenntnißnahme deutscher Philosophen damals noch sehr entfernt zu sein. Als Napoleon 1815 in der Provence gelandet war, ließ sich C. unter die royalistischen Volontairs aufnehmen, um für die Verfassung gegen den Despotismus zu kämpfen. Spater jedoch, als auch die Bourbons ihre Macht misbrauchten und der Aufklarung entgegenwirkten, konnte es nicht fehlen, daß er sich jetzt auch gegen die bestehenden Verhaltnisse aufgeregt fühlte. In seiner lebhaften Freimüthigkeit suchte er seine Gesinnung selbst vom ^ Katheder aus mitzutheilen und sprach in seinen Vortragen über Moralphilo- ^ sophie mit einem solchen Enthusiasmus über den Begriff der Freiheit, daß die Regierung in der Besorgniß, der Professor wolle aus seinen Schülern ebenso viele Parteiganger der Republik bilden, im Jahre 1820 den Befehl an ihn ergehen ließ, seine Vorlesungen einzustellen. C. gehorchte und beschäftigte sich darauf mit philologischen und philosophischen Studien, indem er außer der genannten Übersetzung des Plato die bisher noch unedirten Handschriften des Alexandriners Proklus in 5 Bänden (Paris 1820 — 21) griechisch und lateinisch herausgab und eine vollständige Ausgabe des Descactes in 6 Bänden (Paris 1824) veranstaltete. Er war damals zu gleicher Zeit auch mit der Leitung und Erziehung der Sohne des Marschalls Lannes, Herzogs von Montebello, beschäftigt gewesen, und unternahm in dieser Beziehung 1824 mit einem seiner Zöglinge eine Reise nach Deutschland. C. besuchte hier viele berühmte Männer des Landes, und sprach nach seiner heimischen Sitte besonders freimüthig über politische Gegenstände. Man hatte gerade damals in Deutschland viel mit demagogischen Umtrieben zu thun, die, sie mochten nun wirkliche oder eingebildete sein, überall gefürchtet und aufgespürt wurden. So kam es, daß C., durch seine rücksichtslosen Äußerungen, die er an mehren Orten gewagt, verdächtigt, sich eines Tages plötzlich in Dresden, und zwar auf Antrieb der preußischen Regierung, verhastet sah, indem man der Meinung war, daß er sich mit der deutschen akademischen Jugend zu einem Verschwörungsplane gegen die deutschen Machthaber vereinigt hätte. Er wurde wie ein Staatsverbrecher nach Berlin geführt und sollte hier seine geheimen Verbindungen mit den deutschen Demagogen bekennen. Diese ausfallende Verhaftung erregte in Frankreich allgemeinen Unwillen, und die freisinnigen Blätter drangen auf das unverzügliche Einschreiten der französischen Regierung, die sogar beschuldigt wurde, aus persönlichem Haß gegen C. heimlich der preußischen Polizei Verdacht gegen ihn eingeflößt zu haben. Durch Vermittlung der französischen Gesandtschaft in Berlin wurde C. darauf der eigentlichen Haft entlassen, und bald nachher, nachdem man sich überzeugt hatte, daß seine Angeber mit ihm in keiner engern Verbindung gestanden, erhielt er seine völlige Freiheit. Jndeß war dieser unfreiwillige Aufenthalt in Berlin in wissenschaftlicher Hinsicht für C. sehr bedeutsam und gewissermaßen Epoche machend geworden. Er gab ihm Gelegenheit, sich milder deutschen Philosophie und besonders dem Hegel'schen System, welches zu dieser Zeit in Berlin die Stufe seiner ausgebreitetsten Popularität zu erreichen angefangen, näher zu befreunden. Vornehmlich war es aber der ihm zu Theil gewordene persönliche Umgang sowol des Stifters jener Philosophie selbst als ihrer in Berlin lebenden Anhänger, wodurch eö ihm in Weise mündlicher Mittheilung und eifriger Discussion möglich gemacht wurde, in das Eigenthümliche der neuesten deutschen Spekulation einzudringen, und über Das, was ihm vermöge der Differenz der Sprache und einer dem französischen Idiom ganz fremdartigen Terminologie in Dunkel gehüllt bleiben mußte, Aufschluß zu erhalten, da man sich natürlich sehr bemühte, aus dem geistreichen Franzosen einen Anhänger der Schule zu bilden. Von der neuen Richtung begeistert, der er fortan seine eignen philosophischen Bestrebungen anzuschließen be- 538 Cousin gann, kehrte C. darauf wieder nach Paris zurück, wo er als ein unschuldig Verfolgter mit allgemeiner Theilnahme aufgenommen wurde. Der unterdeß in Frankreich eingetretene Ministerwechfel verstattete ihm jetzt, seine philosophischen Vortrage wieder zu eröffnen, zu denen eine so große Anzahl von Zuhörern unter welchen sich die ausgezeichnetsten Staatsmanner befanden, herzuströmte, daß der Hörsaal sie kaum zu fassen vermochte. Gehen wir jedoch jetzt naher auf sein Verhältnis zur deutschen Philosophie und aufsein eignes System ein, das er sich nach Abstraktionen aus derselben gebildet, und das er selbst mit den Worten: „Ilolectisme impurtml upplchuö -cux lnits cke couscience", bezeichnet hat, so laßt sich nicht leugnen, daß der heutige Standpunkt der deutschen Speculation nur unvoll- standig und oberflächlich in fein Bewußtsein übergegangen ist. Jene Kategorie des Eklekticismus, die an sich schon für eine ganz unphilosophische gelten muß, und über die er sich besonders in der Vorrede zu seiner Ubersetzung derTennemann'schen „Geschichte der Philosophie" öffentlich ausgesprochen, ist bei ihm allerdings zunächst aus einer aneignenden Ansicht der neuesten deutschen Schule hergeflossen, welche sich zur historischen Vergangenheit der Speculation die Stellung gibt, eine dialektische Vereinigung aller frühern Systeme in sich darzustellen und gewissermaßen das System derSysteme zu sein, zu dem sich die vorangegangenen Entwickelungsstufen nur wie Knospenzustände verhalten, die in der ausgewachsenen Blüte theils widerlegt, theils aufgenommen erscheinen. Diesen systematisch-dialektischen Standpunkt der Hegel'schen Philosophie hat C. nun offenbar zu äußerlich und abstract aufgefaßt, indem er sich daraus die Ansicht gebildet, daß jedes System in der Geschichte der Philosophie an sich nicht falsch sei, sondern nur unvollständig, und man deshalb durch eine vereinigende Auswahl (eeloctisme) des Wesentlichen aller unvollständigen Systeme eine vollständige Philosophie erlange, welche die Gesammt- heit des Bewußtseins ausspreche, und dies sei das wahre historische System, allgemein und präcis zugleich, das sich in der ganzen Geschichte der Philosophie nachweisen lasse, und durch welches diese erläutert werde. In dieser Entwickelungs- weise, der C. folgt, und die durchaus von keiner Einheit des logischen Gedankens ausgeht, kann aber in der That nie ein wirkliches philosophisches System, sondern nur ein buntes Repertorium gemischter Ansichten und Meinungen entstehen. Was er sich außerdem von der heutigen deutschen Philosophie angeeignet, ist, daß er, wie sie, die Methode für-ein wesentliches Mittel der Speculation hält, aber freilich ist es ihm nicht gelungen, sich der logischen Meisterschaft derselben bemächtigt zu haben. Sonst schlägt C. in seinem eignen Philosophiren Wege ein, die sich zwar oft den Resultaten der deutschen Schule annähern, aber in ihrer Deduction keinen besonders geistreichen Charakter an sich tragen. So theilt er die sogenannten Tatsachen des Bewußtseins in drei Classen, welche er als die Phänomene der Freiheit, der Vernunft und der Empfindung bezeichnet. Er nimmt nur zwei Grundgesetze an, das der Causalität und das der Substanz, aus denen er alle übrigen ableitet, und die, ihrem Wesen nach identisch, ihn zu einer absoluten Ursache hinführen. Diese Thatsachen bilden die Grundlage seiner Ontologie, die zugleich ein psychologisches Element in sich hat und die drei Begriffe der Wissenschaft, den Menschen, die Natur und Gott, entwickelt. Welchen Werth aber auch C.'s Bestrebungen an sich haben mögen, so istihnen doch das unleugbare Verdienst nicht abzusprechen, daß sie den Sinn für deutsche Philosophie, und somit das philosophische Interesse überhaupt, zuerst in Frankreich belebten. Seine in verschiedenen Zeitschriften, besonders im „Imu-u-U tles savuns", dessen Mitredacteur er ist, und den „^rcki- ves püilosopüchues" erschienenen philosophischen Abhandlungen sammelte er unter dem Titel: „?ru^mens püilosopüi^ues" (Paris 1826), denen er im Jahre 1829 die „i^ouveaux krsFmens" folgen ließ, worin er mehre Gegenstände aus der Geschichte der alten Philosophie mit Rücksicht auf die neuern Arbeiten der Deut- Cramer Crawfurd (John) 539 schm und die noch unedirten Manuscripte der pariser Bibliothek abhandelt. Auch wurde ein Theil seiner mündlichen Vortrage von Stenographen nachgeschrieben und auf diese Weise durch den Druck bekannt gemacht. Die Acuäemie i'rmlhmse erwählte ihn 1830 zu ihrem Mitglieds, und als nach den Vorgangen der Juliusrevolution sein Freund Guizot ans Staatsruder gekommen war, wurde (5. zum Generalinspector der Universität ernannt. Im Mai 1831 unternahm er darauf im Auftrage des Ministers des öffentlichen Unterrichts, Grafen vonMon- talivet, die bekannte Reise nach Deutschland, die den Zweck hatte, das Unterrichtswesen, vornehmlich im Königreich Preußen, „diesem elastischen Lande der Schulen und Casernen", kennen zu lernen und authentische Documente darüber zu sammeln. Sein Bericht über seine diesfalls gemachten Erfahrungen, in Briefen an den Minister, erschien im Jahr 1832 zu Paris, nachdem er schon früher in der „Uevue de einzelne derselben mitgetheilt hatte, und es ist kein Zweifel, daß die daraus für Frankreich entnommenen Resultate für das so sehr einer Reform bedürfende französische Schul- und Universitatenwesen Epoche machen werden. Spater ward er Mitglied des Staatsraths. (47) Cramer (Johann Friedrich), Doctor der Rechte, geboren 1780 zu Quedlinburg, wo er auf dem Gymnasium seine erste Bildung erhielt. Er studirte darauf seit 1798 in Helmstadt und Halle die Rechte und wurde 1801 in Berlin als Referendar angestellt. Nachdem Erfurt zum preußischen Staate gekommen war, erhielt C. die Stelle eines Auditeurs in dem dort errichteten Infanterieregimente Wartensleben. Nach den unglücklichen Ereignissen des Jahres 1800 sah er sich wegen seiner Verbindung mit vielen preußischen Offizieren in den von den Franzosen eroberten Provinzen genöthigt, seine Vaterstadt zu verlassen und er ging nach Wien, um von dort nach Tilsit zu gelangen, da er dem Minister Stein empfohlen war. Der Friede störte diesen Plan. C. mußte in seine Heimath zurückkehren, die zu dem neuen Königreich Westfalen gehörte, und fand in Johannes von Müller und dem Grafen von Bülow wohlwollende Gönner. Er kam 1808 als Jnspector der indirecten Steuern nach Halberstadt. Nach der Wiederherstellung der preußischen Herrschaft sah er sich veranlaßt, verschiedene Aussichten zu günstigen Ansteltungen im Staatsdienst aufzugeben und selbst einen Ruf ins Ausland abzulehnen, um sich ungestört literarischen Beschäftigungen zu widmen. Seine „Andeutungen zur Kritik der neuesten preußischen Zoll- und Verbrauchssteuergesetzgebung", die zuerst in der „Jenaischen Literaturzeitung" und spater einzeln (Leipzig 1819) erschienen, und seine nur zu lobpreisende Denkschrift auf den Grafen von Bülow (in den „Zeitgenossen") gaben Zeugniß von seiner genauen Kenntniß der preußischen Staatsverwaltung. Das Vertrauen, welches einige einflußreiche preußische Staatsbeamte ihm schenkten, gab ihm Veranlassung, manche seiner Ansichten geltend zu machen, ohne daß ihn dies bewogen hatte, aus seiner Zurückgezogenheit zu treten. Als Schriftsteller hat er sich in neuern Zeiten besonders biographischen Arbeiten mit Vorliebe gewidmet, und die „Zeitgenossen", deren Herausgeber er einige Jahre war, enthalten viele Beitrage von ihm. Seine „Geschichte des Königreichs Westfalen" (Magdeburg 18l-i9 blieb unvollendet. Von seiner „Geschichte des Chriftenthums und der Kssche" sind erst zwei Abtheilungen (Halberstadt 1828 — 30) erschienen. Er besitzt reichhaltige Sammlungen zur Würdigung der preußischen Staatsverwaltung und zur Lebensgeschichte bedeutender Zeitgenossen, die der öffentlichen Bekanntmachung entgegenreifen. Crawfurd (John) kam als junger Mann in die Dienste der oftindi- ichen Compagnie, anfanglich als Arzt, betrat aber schon 1809 die politische Laufbahn. Er gewann das Vertrauen der Regierung, die ihn zu verschiedenen Ver- waltungsgeschaften benutzte, und ihn in den wahrend des Kriegs von den Briten besetzten holländischen Colonien auf Java anstellte. Nach dem Frieden war er Ne- ? 8 ^1 s, 540 Crawfurd (William Henry) sident am Hofe des Sultans von Java. Er sammelte auf diesen Reisen den Stoff zu seiner „Uistorx «k tüe Indian ^rcüizielaFo" (3 Bde., Edindurg 1820), einem Werke, das bei vielen gewagten Hypothesen und unkritischen Angaben doch eine brauchbare Übersicht des großen indischen Jnselmeeres gibt. Sein Hauptzweck war, die Wichtigkeit eines freien Handels mit den östlichen Völkern zu zeigen, den er besonders durch neue Ansiedelungen im indischen Archipel befördern wollte, und schon damals schonte er das Monopolsystem der Handelscompagnien nicht. Er wußte den Generalgouverneur Marquis von Hastings (Lord Moira) für die Ansicht zu gewinnen, daß sich mit den Völkern jenseit des Ganges ein vortheilhafter Handel anknüpfen lasse, und er bewog denselben, ihn zur Beförderung eines solchen Verkehrs als Gesandten an die Könige von Siam und Cochinchina zu schicken. Seine Begleiter waren der gelehrte Capitain Dangersield, der Naturforscher Finlayson und ein Lieutenant mit 12 Seapoys. Er nahm seinen Weg über Penang, Malakka, Singapur, Siam nach Hue, der Hauptstadt von Cochinchina. Der Zweck dieser Sendung wurde zwar gar nicht erreicht, aber die Reise lieferte schatzbaren Ertrag für die Erd- und Völkerkunde in C.'s „lournal ot «m emüas?x trom tüe ^overnor Aeneral ot India to tüe eourts ot 8iam and (lo- eüiucüina" (London 1828, 4.), und in Finlayfon's Bericht: ,,3'üe inission to 8iarn and Hue, tüe capital ot Oocüineüina", den Sir Thomas Stamford Raffles (s. d.) bereits früher (London 1825) herausgegeben hatte. Nach dem Frieden mit den Birmanen wurde C., der seit seiner Rückkehr aus Siam andere eintragliche Verwaltungsstellen bekleidet hatte, an den Hof von Ava geschickt, um den Handelsvertrag abzuschließen, der bei dem Frieden mit den Birmanen (1826) war bedungen worden. Wallich, der Oberaufseher des botanischen Gartens zu Calcutta, und der amerikanische Missionar Judson, der ihm als Dolmetscher diente, waren seine Begleiter. Die Unterhandlung „mit dem glorreichsten Oberherrn des Landes und Meeres, dem Obergebieter des gegenwartigen Daseins, dem großen Könige der Gerechtigkeit", hatte bei der Falschheit und Arglist seiner Bevollmächtigten große Schwierigkeiten und nur theilweise den erwarteten Erfolg. Der Oberstlieutenant Symes, der 1795 als Gesandter am Hofe des Birmanenkönigs war, hatte Europa die letzte Kunde von dem merkwürdigen Volke gegeben, und um so größer war das Verdienst, das sich C. durch seinen reichhaltigen Reisebericht: „lournat vi au einüassx 6 tüe ^overnoi- neral ot India tu tüe eourt ot ^va" (London 1829), erworben hat. Er wurde von der Regierung ernannt, die neue Ansiedelung zu gründen, welche sich in dem von den Birmanen den Briten abgetretenen Gebiet an dem großen Meerbusen Martaban bildete, wo die Stadt Amherst am Grenzflüsse Saluen entstand, die bald von vielen eingewanderten birmanischen Familien bevölkert ward, und durch die von ihm ergriffenen verstandigen Maßregeln ein schnelles Gedeihen zu hoffen hat und ein wichtiger Handelsplatz zu werden verspricht. Spater wurde C. der ostindischen Regierung entfremdet, und er übernahm 1828 den Auftrag, die Beschwerden der in Calcutta angesiedelten britischen Kaufleute gegen das drückende Monopolsystem der ostindischen Compagnie persönlich vor das Parlament zu bringen, und vor der nahen Erlöschung des Freibriefs der allgewaltigen Handelsgesellschaft die Rechte der nicht im Dienste der Compagnie siehenden Briten in Calcutta zu vertheidigen. Er schrieb zu diesem Zwecke: vien «5 tüe ziresent state null tutare zirosziects ot tüe tree trade am! eolonisation ot India" (London 1828), das von H. Fick (Leipzig und Brüssel 1830) verdeutscht ward. Crawfurd (William Henry), einer der geachtesten nordamerikanischen Staatsmanner, war in seiner Jugend Schullehrer und wurde spater als reicher Grundbesitzer in Virginien von diesem Staate zum Abgeordneten im Hause der Repräsentanten gewählt, wo er bald Einfluß gewann. Unter Monroe's Präsi- B» I Crelinger 54? deutschest wer er Vorstend des Finanzministeriums (Schatzsecretair) und hatte großen ?ßntheil en den rühmlichen Erfolgen dieser Verwaltung. Als die Zeit heranrückte, wo der zwei Mal erwählte Monroe seine Würde niederlegen mußte, trat auch C. mit Adams, Jackson, Clay (s. d.) und dem Kriegsminister Ealhoun bei dem sogenannten Canvas, der Bewerbung um AnHanger, mit glücklichen Aussichten in die Schranken. Bei der Abstimmung der einzelnen Staaten im November 1824 hatte er anfanglich von den 261, nach dem Verhältniß der Bevölkerung unter den einzelnen Staaten sehr ungleich (von 3 bis 36) vertheilten und durch Wahlmänner geführten Stimmen 48, nach John Quincy Adams die Mehrheit, und wurde besonders von Virginien begünstigt. Wahrend Clay und Calhoun spater zurücktraten, als die Entscheidung der Wahl, weil keiner der Bewerber die absolute Stimmenmehcheit hatte, dem Hause der Repräsentanten anheimfiel, blieb C. auf ^ dem Kampfplatze und erhielt vier Stimmen von den 24, die sich zwischen ihm, Adams und Jackson theilten, aber man glaubte, daß er den Sieg davongetragen haben würde, wenn nicht zur Zeit der Entscheidung eine schwere Krankheit ihn vom Schauplatze entfernt hätte C. zog sich in das Privatleben zurück, und Rush, vorher Gesandter in London, erhielt das Finanzministerium unter dem neuen Präsidenten Adams. Vier Jahre später hatte Jackson's Partei sich in mehren Staaten so sehr verstärkt, daß lange vor der neuen Wahl sein Sieg wahrscheinlich war, und es trat daher außer Adams kein anderer Bewerber auf. C. gehört mit Adams und Clay zu den ausgezeichnetsten Geschäftsmännern der Vereinigten Staaten, und bei der ihm eignen Gewandtheit wird er die Verdienste, die er sich auf seiner politischen Laufbahn erworben hat, geltend zu machen wissen, wenn er bei der nächsten Präsidentenwahl wieder unter den Bewerbern erscheinen sollte. Crelinger (Auguste), geborene Düring, verwitwete Stich, jetzt eine der vollkommensten Erscheinungen auf der deutschen Bühne. Geboren in Berlin und unter Jffland's Leitung aus die Bühne gebracht, zeichnete sie sich mehre Jahre lang durch wenig mehr als durch eine schöne Gestalt und eine umfangreiche Stimme aus. Die Prüfungen des Lebens entwickelten in ihr die Künstlerin ersten Ranges. Was sonst auf der bunten Bühnenwelt, wo sie das Leben be- ! rührt, flüchtig und leicht wie ein Traum dahinzieht, berührte sie ernst, schwer tragisch. Sie war schon eine Künstlerin von Ruf, als ihr Gatte, der Schauspieler Stich, durch einen Dolchstoß des jungen Grafen Blücher verwundet wurde. An den fürchterlichen Kämpfen, welche die junge Künstlerin darauf am Wundbette des Gatten, mit der Familie, dem irritirten Publicum zu kämpfen hatte, bildete sich die tragische Schauspielerin. Was sie damals bei ihrem Wiederauftreten verheißen, ganz ihrer Kunst zu leben, hat sie gehalten. Zu ihrer Bildung unternahm sie eine Reise nach Paris, ohne von daher, wie es wol andern deutschen Schauspielerinnen ergangen, eine unserer Tragik fremde Manier mitzubringen. Auf mehren Reisen durch Deutschland, auch später bis Petersburg, hat sie überall, zumeist in Wien, Bewunderung ihrer ungewöhnlichen Kraft und Kunst eingeerntet. Nach dem später erfolgten Tode Stich's verheirathete sie sich zum zweiten Male mit dem Banquier Crelinger und ist jetzt, in einem glücklichen Familienkreise lebend, die Hauptstütze des berliner Hoftheaters, oder vielmehr die einzige, die noch mit vollem Eifer für die Sache den Kothurn der Tragödie an diesem Theater repräsentirt. Ihr Hauptfach ist das Heroische. Sie hat den Adel, die Würde einer bessern Theaterzeit ererbt und paart sie mit einer Feinheit des Spiels, die ebenso viel Lebenskenntniß als bewußte Empfindung verräth. Uber alle ihre Mittel waltet die höchst mögliche Sicherheit, daß sie in jedem Momente und unter allen Umständen ihres Erfolgs gewiß sein kann und es auch ist. Sie bedarf keiner sonderlich poetischen Studien, um ihre Kunst geltend zu machen; selbst in Novitäten, die im Ganzen misfallen, erringt sie in ihrer Par- 542 Crimmalgesetzgebung tie den gewohnten Beifall, und das poetisch Unbedeutende macht sie scenisch bedeutend. Kommt ihr indeß die Poesie zu Hülfe, so ist sie hinreißend; sie feiert gleichsam einen Triumph der Gewalt ihrer Kunst. Aber die Poesie muß ihr Gelegenheit geben, diese äußerste Kraft in Anwendung zu bringen, wie dies in heroischen Rollen sich von selbst versteht. Minder ausgezeichnet ist sie im Fache jugendlicher Liebhaberinnen. Die zärtlichen oder naiven Charaktere, wo diese Kraft gemildert und in Weiblichkeit und Jugend modisicirt werden soll, gerathen ihr nicht ganz. Ihre imposante Heldinnengestalt, ihr sprechendes, stolzes Auge, die Fülle ihres Organs weisen ihr eine Sphäre an, die mit jener fast unvereinbar ist. Wiervol sie im Lustspiel neuerdings mit Glück aufgetreten ist, und die Versuche darin nur gedient haben, die wilde Kraft der Tragikerin abzuschleifen, so ist und bleibt doch das Heroische ihr eigentliches Gebiet. Hier kann und wird sie noch viel leisten. Man kann sie mit Vergnügen auch in der Ruhe sehen; hinreißend aber wird sie, wenn eine dämonische Kraft sie bewältigt, wenn die Leidenschaft wüthen und auswüthen darf Ihre Hauptrollen hierin sind: die Statira in „Alexander und Darius" von Fr. v. Uichtritz, und die Königin Sibylle in Raupach's „Heinrich VI." Mehre Stücke des letztern Autors scheinen nur mit Bezugnahme auf die physische Kraft und Kunst der C. geschrieben. (9) Criminalgesetzgebung. Inden Ansichten über Crimknalrecht hat sich seit fünf Jahren eine große Veränderung zugetragen und wird, wenn sich dieselbe noch mehr befestigt, auch in der Gesetzgebung und den Gerichtshöfen eine tief eindringende Umwandlung hervorbringen, denn obgleich noch viele namhafte deutsche Rechtslehrerund Schriftsteller den sogenannten relativen Theorien des Strafrechts huldigen, d. h. den Ansichten, nach welchen die Strafe als bloßes Mittel zu dem Zwecke der Sicherheit des Staats und der Einzelnen gerechtfertigt wird (punitur im peccetui'), wie Martin in seiner Theorie von einer Nothwehr des Staats, Feuet- bach in seiner Abschreckung durch die Furcht vor der in einem Gesetze angedrohten Strafe: so dringen doch endlich die Lehren der Philosophie auch hier wieder durch und verschaffen der absoluten Theorie, welche keinen andern Grund der Strafe annimmt als die innere Gerechtigkeit derselben, und die nothwendige Ausgleichung und Aufhebung nicht bloß des gestifteten materiellen Schadens, sondern des Unrechts selbst (punitur, gmn peecatum est), einen immer zunehmenden Eingang. Diese Theorie, welche immer dieselbe ist, ob man sie Wiedervergeltung, oder Abbüßung, oder Theorie der Gerechtigkeit nenne, wie Mittermaier („Neues Archiv des Criminalrechts", Xl, 528 fg. und „Kritische Zeitschrift für Rechtswissenschaft u. s. w. des Auslandes", II, 328) erkennt die Strafe für eine reine Foderung der Idee des Rechts, es möge aus derselben entstehen was da wolle, ind^m der materielle Schaden für den Staat, welcher die Strafe nach sich zieht, zuweilen größer sein kann, als der, welchen das Verbrechen gestiftet hat, z. B. ein Mord von einem ausgezeichneten, um sein Vaterland höchst verdienten Manne an einem körperlich und moralisch verkrüppelten Menschen, an einem gefährlichen Bösewichte verübt. Dieses Hinneigen der Gelehrten zu dem höhern und wichtigern Gerechtigkeitsprincip kommt uns zu gleicher Zeit vom Auslande und in Deutschland entgegen. Zwar hat die Theorie der Nothwehr des Staats noch einen ausgezeichneten Vertheidiger an Romagnosi (s.d.) in seiner zuerst 1791 —1823 in drei Ausgaben erschienenen „(üleuesi stel stirstto zw- nnle" (3 Bde.), und von einer andern Seite her stehen die zahlreichen Anhänger des Bentham'schen Utilitätssystems noch entgegen. Aber schon im „LüindurAlirnview" wurde bemerkt, daß ein System wie das Bentham'sche, durch welches die Wissenschaft zu Jrrthümern (und zu einer roh materialistischen Ansicht) zurückgeführt werde, welche sie seit mehr als einem Menschenalter erkannt und verlassen habe, unmöglich auf die Dauer zu Ansehen und Einfluß gelangen könne. In Frankreich hat ein erneuertes tieferes Studium der Philosophie die Bahn gebrochen, und man darf KB BS' << „. Criminalgesetzgebung 543 hierbei das Verdienst Cousin's nicht unerwähnt lassen; in England ist durch die Schottlander, besonders Craig in seinem Werke über Politik, der Weg dazu gebahnt worden. Am entschiedensten tritt für die reine Gerechtigkeit Professor R o s si (s. d.) zu Genf in feinem wichtigen Werke: „Truite ckuckrvitpenul" (3Bde., 18W) auf, indem er Grund und Zweck der Strafe richtig unterscheidet, und jenen bloß aus der Idee des Rechts ableitet, diesen aber zwar auch darein setzt, daß die rechtliche Ordnung und das Dasein des Staats selbst durch die Strafen beschützt werde, jedoch nicht um dieses Zwecks willen straft, sondern die an sich schon rechtlich begründete Strafe für diesen Zweck wirken laßt. Dieser Zweck ist gleichsam das Motiv, von dem an sich vorhandenen Rechte des Strafens Gebrauch zu machen. Durch dieses Zurückführen des Strafrechts auf das reine Princip der Gerechtigkeit bekommt die Wissenschaft eine viel festere Grundlage, innern Zusammenhang und eine höhere Würde, aber es wird auch eine ganz andere Behandlung derselben nöthig. Sie muß gänzlich von philosophischen Principien ausgehen, und obgleich der positiven Satzung ihre Gültigkeit nicht entzogen werden kann, so bekommt doch sowol die Gesetzgebung eine bestimmte und nicht leicht zu verlassende Regel, als auch die Anwendung der Gesetze eine Richtschnur für die Erklärung, welche sie über das jetzt fast herrschend gewordene bequeme, aber höchst dürftige Kleben an dem Buchstaben erheben kann. Besonders für die Fälle, in welchen die positive Satzung gar keine Bestimmung enthält, nämlich für die völkerrechtliche Seite der Criminalrechtspflege, wird ganz allein durch diese Ansicht ein konsequentes und durchgreifendes Princip gewonnen. Der natürliche Begriff des Verbrechens tritt in seiner Schärfe hervor, und der Gegensatz zwischen dem gemeinen Verbrechen fmuluin in se, ckelictmn juris gentium) und dem durch positive Satzung geschaffenen Verbrechen finulum prolübitum, tielit'lluin juris positivi) wird praktisch wichtig; denn ohne dem positiven Gesetze dem Gehorsam zu verweigern, treten doch bei der Beurtheilung ganz verschiedene Gesichtspunkte ein. Die Gesetzgebung bekommt auch für die Strafe einen Maßstab, welcher nicht leicht überschritten werden kann, und welcher nicht allein die Abschaffung der positiven Gesetze, die bisher so unüberwindliche Schwierigkeiten gefunden hat, sehr erleichtert, sondern auch gestattet, der richterlichen Beurtheilung einen Spielraum zu lassen, ohne zu besorgen, daß sie wirklich in das Willkürliche übergehe. Aber auch in der wissenschaftlichen Behandlung gibt es keine Lehre, welche sich nicht durchaus anders gestaltete, wenn man von dem Gerechtig keits- princip dabei ausgeht. Es ist dies um so erfreulicher, je größer ohnehin taglich die Zahl und die Wichtigkeit der streitigen Punkte wird, sowol derer, welche aus den obersten wissenschaftlichen Grundsätzen entschieden werden müssen, als auch derer, welche sich bloß um die Erklärung positiver Gesetze drehen. Bei den ersten, wobei wir hier nur an die Fragen über Strafbarkeit des Versuchs und der Gehülfen, über Zurechnung, Voraussetzung des Vorsatzes, Concurrenz mehrer Verbrechen, Rückfall, über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe (f. d.) u. s. w. erinnern, kann es nicht eher zu einer Vereinigung der Meinungen kommen, als bis man über das Princip selbst einig geworden ist; von den letztern aber werden die meisten ihre Wichtigkeit verlieren, we^n man einsieht, daß menschliche Satzungen gerade in diesem Kreise am wenigsten eine schassende Gewalt besitzen, sondern auch die Erklärung der Gesetze von einem höhern Gesichtspunkte geleitet werden muß. Freilich Das, was man historische Jurisprudenz nennt, welches nicht in dem Anerkennen des großen Werths geschichtlicher Untersuchungen über die Ausbildung der positiven Rechtsverfassung — den kein denkender Rechtsgelehrter leugnet —, sondern in dem Verleugnen aller tiefern Grundlagen des Rechts und in dem Abweisen aller Anfoderungen und aller Einwirkung der Philosophie in der Rechtswissenschaft und Gesetzgebung besteht, diese geschichtliche Jurisprudenz, welche meint, daß man nur aus historischer Empirie erkennen könne, was Recht fei und sein solle, wird durch das Gerechtig- 544 Criminalgesetzgebung keitsprinckp aus einem großen Theile des Raumes, welchen sie behaupten möchte, verdrangt. Allein sie war auch gerade im Criminalrecht, dessen wichtigste Lehren wesentlich philosophisch und einer positiven Bestimmung nicht fähig sind, ohnehin am wenigsten an ihrem Platze. Das Princip der bloßen Gerechtigkeit vertheidigt auch Richter in seiner erwahnungswerthen Schrift: „Das philosophische Criminalrecht, begründet auf die Idee der Gerechtigkeit" (Leipzig 1829). Das Schwanken, welches in der Theorie des Criminalrechts bemerkbar ist, hat sich nothwendig auch der Criminalgesetzgebung mitgetheilt, und ihm muß es hauptsachlich zugeschrieben werden, daß die vielfachen Bemühungen der Staaten, ihre Strafgesetze nach den Anfoderungen der Zeit zu verbessern, bis jetzt durchaus erfolglos gewesen sind. Seit ungefähr 50 Jahren ist dieses Bestreben so allgemein geworden, daß fast kein etwas größerer civilisirter Staat zu finden ist, welcher nicht mehre Male seine Strafgesetze umgeändert hätte oder doch mit Umänderung derselben beschäftigt wäre. Die Entwürfe zu Strafgesetzbüchern von dem Quistorp'schen (1782) an bis auf die neuesten machen eine kleine Bibliothek aus und sind noch immer im Zunehmen. Das Verdienst, diese große Thätigkeit angeregt zu haben, läßt sich Beccaria und Voltaire nicht abstreiten, wie man auch sonst über ihre Ansichten und Leistungen urtheilen möge, und daß es verdienstlich war, die Nothwendigkeit einer Umgestaltung der Criminalgesetze zur Sprache zu bringen, beweist sich schon daraus, daß man eben noch jetzt überall das Wort der Weisheit sucht, welches, wenn man die verschiedenen Wege der Suchenden und die lange Zeit des vergeblichen Suchens betrachtet, gänzlich verloren zu sein scheint. Die erste Frage, die dabei aufgeworsen werden muß, ist die, ob man die Reform der Strafgesetze durch ein Gesetzbuch oder durch einzelne Gefetze über einzelne Punkte und Gattungen von Verbrechen und einzelne Theile des Processes vornehmen solle, und es läßt sich allerdings Manches für das Eine und das Andere anführen. Aber die Hauptsache möchte dabei wol die fein, ob der Staat in feiner gegenwärtigen Gesetzgebung eine Grundlage besitze, welche im Ganzen den Anfoderungen der Zeit, das ist, der Vernunft genügt, und welcher also durch einzelne gesetzliche Bestimmungen nachgeholfen werden kann, oder ob der Charakter der bisherigen Gesetze von der Art sei, daß man ihn, weil er von unrichtigen Gründen ausgegangen ist, völlig umgestalten müsse. In dem letztern Falle bleibt nichts übrig als ein neues Gesetzbuch, und in diesem Falle mochten sich wol die meisten, und namentlich sämmtliche deutsche Staaten, welche noch nichts Anderes haben als die Reichscriminalordnung von 1532, bei dem Anfange der allgemeinen Reform der Strafgesetze befunden haben. Denn so große Verdienste auch diese Carolina für ihre Zeit hatte (doch mehr in Hinsicht auf das Criminalverfahren als auf die Strafbestimmung), so geht sie doch von Grundsätzen aus, welche man jetzt nicht mehr befolgen kann. Wie wenig aber die Fortbildung durch einzelne Gesetze zum Ziele führt, kann vor Allen Englands Beispiel beweisen, dessen Strafgesetzgebung ein warnendes Muster von Jnconsequenz, Härte, Principlosigkeit und Verworrenheit ist, und auch die Gesetzgebung der deutschen Länder liefert den Beweis, wie schwer es ist, bei der Abfassung einzelner Gesetze dem verderblichen Einflüsse besonderer, der reinen Gerechtigkeit fremder Zwecke, vorübergehender Umstände und irriger Ansichten einzelner Männer zu entgehen. Wenn man die von dem Verhütungsprincip (durch Abschreckung, psychologischen Zwang, Prävention, Staatsnothwehr u. s. w.) eingegebenen Gesetze gegen Kindermord, Duelle, Bankerutte, Diebstahl, Veruntreuung, revolutionnaire Umtriebe u. s. w. genauer prüft, so werden sehr wenige diese Prüfung aushalten; die meisten verfehlen ihren Zweck gerade dadurch, daß sie zuviel für denselben thun, und tragen den Rost ihrer Zeit, welcher sie sehr bald völlig unbrauchbar macht.— Eine Geschichte der neuern Versuche einer Reform der Criminalgesetze haben wir noch nicht; doch hat Mittermaier dazu sehr schätzbare Vorar- Criminalgesetzgebung 545 beiten durch mehre Abhandlungen im „Neuen Archiv des Criminalrechts" und der Kritischen Zeitschrift für Rechtswissenschaft des Auslandes" geliefert. Sie würde ein sehr interessantes Blatt aus der Geschichte der Menschheit sein, besonders wenn sie dm Zusammenhang darstellte, welcher in diesen Bemühungen der Staaten unter einander stattfindet, und die Herrschaft, welche die Philosophie in diesem Zweige des Rechts ausgeübt hat, gehörig würdigte. Das Ganze der noch jetzt zu ihrem Ziele strebenden Reform ging von zwei Punkten aus, der Harte der alten Gesetze, insbesondere der hausigen Anwendung der Todesstrafen, und der Willkür des Verfahrens, vorzüglich der Tortur, welche außer England noch allgemein in den Gesetzbüchern befohlen (im Criminalgesetz der Kaiserin Maria Theresia von 1769 werden noch sehr deutliche Anweisungen zur Folter in ihren drei Graden mit einer Menge von Abbildungen gegeben) und auch in den Gerichten immer noch angewendet wurde. In Frankreich schaffte Ludwig XVI. zwar einen Fall der Tortur, die yueZtion iirepurutoü-e, ab, welche als Erpressungsmittel der Gestandnisse gebraucht wurde (durch eine Verordnung vom 24. August 1780), allein die Tortur vor der Hinrichtung, um den Verbrecher zu Angabe der Mitschuldigen und anderer bisher verschwiegenen Umstände geneigt zu machen,blieb noch stehen. Was vonKatha- rina II. in Rußland geschah, ist kaum zu erwähnen, da ihre berühmte Instruction von 1767, in welcher viel von politischer Freiheit gesprochen, und die Abschaffung der Todesstrafen verlangt wird, nie eine Wahrheit geworden ist. Der Großherzog Peter Leopold von Toscana war der erste Fürst, welcher in dem Gesetz vom 30. November 1786 eine wahrhafte und gründliche Criminalreform vornahm, indem zwar der Untersuchungsproceß beibehalten, aber die Todesstrafe und die Folter ganzlich abgeschafft wurden. Diesem folgte Joseph II. mit dem Gesetz über Verbrechen und deren Bestrafung (Wien, 13. Januar 1787), worin zwar die Todesstrafe, die Fälle des Standrechts ausgenommen, auch für aufgehoben erklärt wurde, aber beinahe nur zum Schein, indem die an die Stelle derselben gesetzten Strafen des schwersten Kerkers (Anschmiedung an einem angewiesenen Orte) und öffentliche Arbeit (Schiffsziehen) kaum etwas Anderes genannt werden konnten als eine nur langsamere Todesstrafe. Das toscanische Gesetzbuch besteht noch, nur daß durch ein Gesetz vom 20. August 1795 die Todesstrafe wieder eingeführt wurde; das östreichische ist durch das neue Gesetzbuch über Verbrechen und schwere Polizeiübertretungen vom 3. September 1803 ersetzt worden. In Preußen war durch das Allgemeine Landrecht (Theil II, Tit. 20) im Jahre 1794 ein neues Strafgesetzbuch und in der Criminalordnung vom 5. September 1805 eine Proceßordnung aufgestellt, welche beide von dem bisherigen Standpunkte, nur mit Milderung der Strafen und gänzlicher Abschaffung der Tortur, ausgingen. Schon 1805 wurde eine Revision des Strafgesetzes angekündigt, die aber bis jetzt noch nicht beendigt worden ist. Eine Verordnung vom 16. Februar 1799 führte bei Diebstählen körperliche Züchtigungen ein. Ein Versuch, gefahrliche Verbrecher, Diebe, Räuber, Verfalscher von Staatspapieren nach dem asiatischen Rußland zu deportiren, ist ganzlich mislungen und nicht wiederholt worden. Die Meisten entflohen auf dem Wege. Baiern war sehr lange mit einer Revision der Criminalgefetze beschäftigt; Kleinschrodt hatte einen Entwurf verfaßt, welcher durch eine scharfe Kritik Feuer- bach's beseitigt wurde; es erhielt 1813 ein von diesem berühmten Eriminalisten entworfenes Gesetzbuch, welches auch gleich nachher in Oldenburg eingeführt und in andern Staaten wenigstens zum Grunde gelegt wurde; aber nicht genug, daß man eine Menge von Zusätzen und Abänderungen nöthig gesunden hat, so liegt seit 1822 wieder ein neuer, von dem verstorbenen Gönner ausgearbeiteter Entwurf vor, an welchem sich die Kritik bereits vielfach versucht hat. Nach demselben wurde auch für Würtemberg ein Entwurf von Weber bearbeitet. In Sachsen sind Entwürfe von Erhard, Tittmann und Stübel ausgearbeitet worden, ohne daß bis jetzt Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 35 !> / 546 Criminalgesetzgebung einer zur wirklichen Annahme gekommen ist. Für Hanover ist ein Entwurf von dein Professor Bauer verfaßt (Hanover 1825), umgearbeitet, aber noch nicht beendigt worden. Ein ähnliches Schicksal hat der für das Großherzogthum Weimar redigirte Entwurf (von Martin) gehabt, wovon nur der allgemeine Theil gedruckt ist. Wahrend man für Deutschland wünschen möchte, daß die verschiedenen Staaten sich wenigstens über die Hauptsatze eines gemeinschaftlichen Strafsystems vereinigen möchten, haben nicht einmal die Cantone der Schweiz eine gemeinschaftliche Gesetzgebung unternommen. Mehre haben eigne Gesetzbücher bekannt gemacht, der CantonTes- sin, St.-Gailen (1819), Aargau (dem östreichischen Gesetzbuche nachgebildet), Basel (1821), andere haben Entwürfe bearbeiten lassen, wie Graubündten (1825 und 1829), Genf(1827), von dem nun verstorbenen Dumont, sowie auch Zürich einen Entwurf bearbeiten ließ, auf dessen Abfassung Escher vorzüglich Einfluß gehabt hat. Auch in Basel hat sich das Gesetzbuch von 1821 so wenig in der Erfahrung bewahrt, daß schon wieder eine Umarbeitung beabsichtigt und entworfen ist. Neapel hat 1819 und Parma 1820 ein neues Gesetzbuch erhalten, welchen beiden die französischen Gesetze zum Grunde liegen. In Frankreich wurde gleich in den ersten Jahren der Revolution die Criminalgesetzgebung ganzlich umgestaltet und am 25. Sept. 1791 das erste neue Strafgesetzbuch publicirt, welches 1795 (3. Brum. I. IV) wenig verändert wurde. Der noch jetzt geltende Omle penul Napoleons vom Jahre 1810 war eine ganz neue Nedaction und ist viel härter als der frühere. Er wurde (28. April 1832) abermals revidirt, einige Strafen, das Brandmarken, die öffentliche Ausstellung, die Vermögensconsiscation sind aufgehoben und viele Bestimmungen neuerlich sehr gemildert worden. Das Strafgesetzbuch von 1810 gehörte zu dem Gefolge der Siege Napoleons. Es wurde in den sammt- lichen Landen der französischen Oberherrschaft entweder geradezu oder doch in wenig abweich'uden Umarbeitungen eingeführt — so in Holland, in Italien, in Neapel—, und hat in den meisten seinen Urheber geraume Zeit überlebt. Neapel hat in der neuesten Gesetzgebung doch die Grundlagen beibehalten, in den Niederlanden wurde das französische Gesetzbuch nur in einigen Punkten durch eine Verordnung vom 11. Dec. 1813 abgeändert. Ein Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches, welcher 1828 den Generalstaaten vorgelegt wurde, fand keinen Eingang; der Entwurf einer Criminalordnung von 1828 (mit Öffentlichkeit der Verhandlungen, aber ohne Jury) ist durch die Revolution Belgiens, wie es scheint, vorerst beseitigt. Noch ist der Entwurf eines Strafgesetzes für Brasilien (1827) und der von Li- vingston verfaßte für den Staat Louisiana zu erwähnen, welcher schon 1822 vorgelegt wurde, aber, wie es scheint, auch noch nicht angenommen und zur definitiven Redaction reif geworden ist. Endlich hat auch England durch den Minister Peel in verschiedenen Parlamentsacten vom 21. Jun. 1827 und durch Marquis von Lansdown 1828 bedeutende Reformen der Criminalgesetze erhalten. Mit den Strafgesetzen geht auch die Proeeßordnung Hand in Hand, und die Gesetzgebung ist auch in dieser Hinsicht nicht unthätig gewesen. Die Abschaffung der Tortur ließ hier in Deutschland eine große Lücke, indem sie dem hartnackigen Leugnen kein Mittel mehr entgegensetzte. Frankreich hatte schon immer eine Verurtheilung auf bloße Verdachtsgründe zugelassen, und darin lag offenbar eins der größten Gebrechen der alten französischen Criminaljustiz, dessen Milderung durch dik'weisen Richter im Parlement, von welcher Locre spricht, wir nicht zugestehen können. Die Willkür des Parlements erregte vielmehr das lebhafte Verlangen nach Reform, welches durch die Verpflanzung der Jury auf französischen Boden befriedigt werden sollte. Man hat seitdem oft daran geändert; die Criminalordnung von 1808 ist in einer neuen Revision publicirt worden; die Einrichtung der Jury hatte schon durch ein Gesetz vom 2. Mai 1827, welches man der Umarbeitung in der Pairskammer verdankte, viele Verbesserungen erhalten. Da man aber in Deutschland mehr an Crusell 547 dem schon in der Carolina aufgestellten Grundsatze hielt, daß eine Verurteilung nicht aus bloße Verdachtsgründe ohne Geständnisse oder vollen directen Beweis ausgesprochen werden dürfe, so half sich die preußische Criminalordnung mit dem System der außerordentlichen Strafen, d. h. der Verurtheilung bloß Verdachtiger zu gelindern Strafen, obgleich dies außerordentliche Bedenklichkeiten gegen sich hat. Andere Staaten haben einen sogenannten Indicicnbeweis zugelassen, welcher sich nur darin von den außerordentlichen Strafen unterscheidet, daß er genauere Regeln über das Gewicht der Verdachtsgründe aufstellt, dann aber die ordentliche gesetzliche Strafe (doch mit Ausschluß der Todesstrafe) zulaßt, und wenn auch eine Verurtheilung nicht erfolgt, den Verdächtigen mancherlei Polizeimaßregeln unterwirft. Es herrscht aber darüber eine solche Verschiedenheit, daß es hier nicht möglich ist, weiter in das Einzelne zu gehen. Die Richter werden dadurch fast in die Stellung der Geschworenen versetzt. Diese auch in Deutschland einzuführen, scheint jetzt nicht mehr mit solcher Warme von der öffentlichen Meinung gewünscht zu werden als vor einiger Zeit; es sind auch aus England und Frankreich viele Stimmen, wo nicht gegen die Anstalt überhaupt, doch gegen ihre gegenwartige Einrichtung und einzelne Gebrechen derselben laut geworden. (3) Cru scll (Henrik Bernhard), schwedischer Tonsetzer, geboren zu Nystad in Finnland am 15. Oct. 1775. Die früh in ihm erwachte Neigung zur Musik mußte wegen der beschrankten Vermögensumstande seiner Altern und in Ermangelung aller musikalischen Bildungsmittel, die ihm in seiner kleinen Geburtsstadt natürlich nicht zu Gebote stehen konnten, lange ohne die nöthige Nahrung und Unterstützung bleiben. Jndeß folgte er für sich selbst dem in ihn gelegten Triebe, indem er durch eignen Unterricht auf einem alten elenden Clarinet, das er zufallig erhalten, finnische Volkslieder nach dem Gehör blasen lernte. Die Fertigkeit, die er darin bewies, erregte bald Aufsehen, und einige Offiziere in Sveaborg verlangten den damals dreizehnjährigen Knaben zu hören. Er trat auf, und sein Spiel machte einen solchen Eindruck, daß ein Mann von hohem Militairrange den jungen Virtuosen in sein Haus aufnahm und ihm bei feinem Regiment eine Anstellung verschaffte. 1791 begleitete C. seinen Beschützer nach Stockholm, wo sich zuerst Gelegenheit fand, etwas für feine musikalische Ausbildung zu thun. Erst hier lernte er nach No^en spielen, und begann sich allmälig die Meisterschaft auf seinem Instrument zu erwerben, in der er von Wenigen übertroffen wird. Schon zwei Jahre daraus wurde er als erster Clarinettist bei der königlichen Hofcapclle angestellt, in welcher Eigenschaft er sich noch gegenwärtig daselbst befindet. Er fühlte ledoch selbst, daß ihm noch Vieles mangele, weil es ihm bisher immer versagt gewesen, einen kunstgerechten Lehrcursus durchzumachen, und deshalb sehnte er sich lebhaft nach einer Reise ins Ausland, um seine Bildung unter den Augen eines der damals berühmten Clarinettisten vollenden zu können. Im Jahre 1793 erhielt er zu einer solchen Reise, wenn auch nicht die nöthige Unterstützung, doch wenigstens die Erlaubnis. Er begab sich nach Berlin, nahm Unterricht bei Tausch dem Ältern, und kehrte, nachdem er in Berlin und Hamburg mit großem Beifall Concerte gegeben, im Herbste desselben Jahres wieder in sein Vaterland zurück. 1891 wurde er darauf Mitglied der königlichen musikalischen Akademie zu Stockholm. Eine neue Aussicht, sein Talent durch Reisen weiter auszubilden, eröffnete sich ihm 1393 durch das großmüthige Anerbieten des damals in Stockholm lebenden französischen Gesandten Bourgoing, welcher ihn einlud, ihn nach Paris zu begleiten. Auf diese Weise verlebte C. fünf erfolgreiche Monate in der französischen Hauptstadt, wo er fleißig die Tonkunst und besonders die Composition studirte, anfangs von Verton, später von Gossec darin unterrichtet. Auf der Rückreise besuchte er Karlsruhe und erhielt hier die Einladung, sich vor den dort versammelten schwedischen, bairischen und badischen Höfen hören zu lassen. Auch in den spätem 35* 548 Csoma Csaplovics Jahren, von 1811 — 22, unternahm er noch manche andere Reisen ins Ausland, das letzte Mal nach Karlsbad in Gesellschaft des Professors Berzelius. Er wurde 1818 als Director des Musikcorps der beiden königlichen Leibgrenadierregimenter angestellt, und pflegt seitdem in Folge dieser Dienstpflicht die Sommermonate in Linköping zuzubringen. Von C.'s Compositionen sind 12 Werke bei Peters in Leipzig gedruckt, die großentheils aus Concerten, Quartetten und Clarinettensolos bestehen. In Schweden erschienen von ihm zwei Hefte Lieder mit Begleitung desPianoforte; ferner die Musik zu Tegner's Frithiofssaga und zu dessen Gedichten: „NMloAlarue" und „ko^eilekeu". Die meisten dieser Lieder haben einen rauschenden Beifall gefunden und werden im ganzen Lande in allen Kreisen gesungen. Endlich hat er noch die Musik zum Schauspiel „Den lüla LIafvirman" gesetzt, welches oft und mit stetem Beifall gespielt wurde. Auch übersetzte er mehre deutsche, französische und italienische Opern, die er zugleich für die schwedische Bühne einrichtete. (6) Csoma (Alexander), aus Koros, von Geburt ein flebenbürgischer Szek- ler, gehört zu den glücklichsten und muthvollften Reisenden, deren die Sprachkunde sich rühmen kann. Er erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung theils zu Hause, theils in Göttkngen. Schon 1816 verließ er als junger Arzt Siebenbürgen, durchreiste die Walachei, Bulgare! und Rumelien, begab sich dann 1819 zu Schiffe nach Ägypten, besuchte Syrien und gelangte 1820 über Bagdad nach Persien. Nach einem Aufenthalte von mehren Monaten in Teheran wagte er sich tiefer in das Mittelland von Asien. Er durchreiste Khora- san, Bokhara, Kabul, Kaschemir und gelangte 1822 zu Fuße nach Lhadak. Durch Vermittelung des bekannten Englanders Moorcroft, mit dem er zu Him- bad in Tibet zusammentraf, erhielt er die Erlaubniß, sich abwechselnd zu Lhadak und zu Zankla im Gebiete des Lama von Zankar aufzuhalten. Von dem Lama und seinen Ministern unterstützt, brachte er es zu einer genauem Kenntniß der tibetanischen Literatur, die er spater im Kloster von Kanum, am nördlichen Ufer der Setledge, jenseit der schwarzen Berge in der Provinz Kanvar, wo er fast drei Jahre zubrachte, wesentlich vermehrte. Dort war es, wo er mit dem kühnen Engländer Gerard, der um der Verbreitung der Schutzpockenimpfung willen bis zu den höchsten Rücken des Himalayagebirges vordrang (Winter 1828 bis Frühling 1829) zusammentraf, und dieses Engländers Zeugniß gilt für die Gewahr, daß er in seinen wissenschaftlichen Forschungen schon ziemlich glücklich war. Eine Grammatik und ein Wörterbuch der tibetanischen Sprache, welche er für die britisch-ostindische Regierung zu liefern versprochen hatte, war damals beinahe völlig beendigt. Noch war sein Wunsch bei den Lamas von Dschaschi-Hlumba und Hlassa die mongolische Sprache zu erlernen, welche er für den eigentlichen Schlüssel der chinesischen Literatur halt. Er rechnete darauf, durch dieses Hülssmittel in die Mongolei einzudringen, wo er sich wichtige Entdeckungen zu machen versprach; denn nach der Versicherung seines Sprachlehrers, eines Lama, besteht die Lithographie in den alten Städten von Dschaschi-Hlumba und Hlassa seit uralten Zeiten, sodaß man sich ihrer zu einer anatomischen Darstellung des Menschen auf 60 Tafeln bediente, v. Chamo selbst fand eine Encyklopädie in 44 Bänden, die alle Zweige des Wissens ümfaßte; der medicinische Theil davon nahm fünfBände ein. Nach den letzten uns bekannt gewordenen Nachrichten war C., dessen Wanderungen an Marco Polo's Reisen erinnern, am 5. März 1831 zu Wasser durch Kanpur gekommen, in der Absicht sich nach Calcutta zu begeben, wo seine tibetanischen Sprachwerke gedruckt werden sollten. Mag dem so ausdauernden Muthe C.'s auch eine glückliche Heimkehr wie Marco Polo bereitet sein! (14) Csaplovics (Johann) von Jeszenova, geboren den21. Sept. 1780 zu Fclsö-Pribell, im großhonther Comitat, vollendete seine Schul- und Rechtsstudien Cumberland 54S 1797 und ward im December 1799 zum Comitatskanzlisten, und endlich 1808 zum Assessor des zölyer Comitats ernannt. Erst im zwanzigsten Jahre seines Alters sing er an die deutsche Sprache ohne allen grammatischen Unterricht, bloß durch Büchcrlesen, sich anzueignen. Er ging 1808 nach Wien, um die Geschäftsführung bei den Hosstellen kennen zu lernen. Die Kriegsereignisse vertrieben ihn 1809, und er folgte einem Rufe nach Pakracz in Slawonien, wohin er schon früher von dem orientalischen Bischof Putnik eingeladen wurde, als Con- sistorialsiscal und bischöflicher Secretair. Diese Ämter bekleidete er 1812 und lernte wahrend dieser Zeit auch die serbische Sprache. Er wurde 1813 Secretair beim Grafen Franz von Schönborn und erhielt spater die Oberaufsicht über zwei Majoratsherrschaften desselben in Ungarn. Seine landwirthschaftlichen Amtsverhaltnisse führten ihn zu ökonomischen Studien, deren erste Frucht „Die Bienenzucht in Doppelstöcken" (Wien 1814 und 1815) war, die zugleich (Wien 1814) in lateinischer Sprache erschien und ins Ungarische und Slawonische übersetzt wurde. Früher gab er verschiedene praktische Hülfsbücher für die ungarischen Rechtsgelehrten heraus, und in der neuern Zeit hat er sich meist dem geographisch-statistischen Fache gewidmet. So erschien: „Slawonien und zum Theil Kroatien (2 Bde., Pesth 1819), „Topographisch-statistisches Archiv des Königreichs Ungarn" (2 Bde., Wien 1821), „Gemälde von Ungarn" (2 Bde., Pesth 1829), und Kroaten und Wenden in Ungarn" (Presburg 1829). Er wird bald eine systematische Physiographie von Ungarn herausgeben. Auch hat er (Pesth 1822) ,MoneusIee VVersse" (Slowakische Gedichte) drucken lassen. Cumberland (Ernst August, Herzog von), der vierte Sohn Georgs III., geb. am 5.Jun. 1771, hielt sich mit seinen Brüdern Sussex und Cambridge einige Jahre in Göttingen auf und lebte feitdem meist in England. Er trat auf die Seite der Torypartei, wahrend einige seiner Brüder, als sie ihren Sitz im Oberhause einnahmen, die entgegengesetzten Ansichten vertheidigten, und stand auch darum in der Gunst des Volkes nicht hoch. Wahrend der Krkegsjahre 1813 und 1814 hielt er sich im nördlichen Deutschland auf und lernte die Schwester der Königin Louise von Preußen, die Prinzessin Friederike von Mecklenburg-Strelitz, kennen, die zuerst mit dem Prinzen Ludwig von Preußen und dann mit dem Fürsten von Solms-Braunfels vermahlt gewesen war. Der Herzog vermahlte sich 1815 mit ihr, seine Mutter aber war mit dieser Verbindung so unzufrieden, daß sie der Gemahlin ihres Sohnes den Zutritt bei Hofe verweigerte. Dies und der unglückliche Erfolg seiner Bemühungen, eine Erhöhung seines Jahrgeldes von dem Parlament zu erhalten, verleidete ihm den Aufenthalt in England, und nach dem Festlande zurückgekehrt, lebte er seitdem gewöhnlich in Berlin. Bei den Verhandlungen über die Emancipation der Katholiken in den letzten Regierungsjahren Georgs IV. erschien der Herzog auf längere Zeit in seinem Vaterlands; er trat entschieden auf die Seite der Widersacher dieser Maßregel, begünstigte die Vereine, welche sich gegen dieselbe gebildet hatten, die Braunschweig-Clubs, und die öffentliche Stimme beschuldigte ihn einer für die Emancipationssache nachtheiligen Benutzung seines Einflusses auf das Gemüth des Königs. Selbst als sein politischer Freund, der Herzog von Wellington, sich durch die Volksmeinung gezwungen sah, jene Maßregel (1829) vorzuschlagen, sprach derHerzog im Oberhause mit beharrlicher Feindseligkeit dagegen, und als der Herzog von Clarence sich ebenso kraftig dafür erklarte, indem er den Widerstand gegen die Emancipation als ungerecht und schandlich (in- s-unous) bezeichnete, gab der Herzog von C., der in dieser Rüge einen persönlichen Angriff fand, Jenem Gelegenheit zu bemerken, sein Bruder habe so lange auf dem Festlande gelebt, daß er die in England übliche Freiheit der Erörterung vergessen habe. Die Abgunst der öffentlichen Meinung gegen den Herzog zeigte sich auch bei den Parlamentsverhandlungen über den, ihm zur Erziehung seines Sohnes zu ge- SÄ0 Eurmingham währenden jährlichen Zuschuß, der zwar bewilligt, aber an, die Bedingung geknüpft wurde, daß der dem Throne so nahe stehende Prinz in England und zu englischen Gesinnungen erzogen werden sollte. Seitdem lebt der Herzog mit seiner Familie in England. Die ungünstige Stimmung, die er gegen sich erregt hat, griff begierig Alles auf, was ihm in der öffentlichen Meinung schaden konnte, wie denn der Anspruch des Capitains Grant, des Sohnes eines mit der Schwester des Herzogs von C. vermahlten Offiziers, und seine Drohung, einen Briefwechsel bekannt zu machen, der das Geheimniß seiner Geburt aufdecken sollte, alsbald mit ärgerlichen Gerüchten in Verbindung gebracht wurden, über welche sich die öffentlichen Blatter auf eine Art äußerten, die den Schleier nur zu sehr aufhob. Bei den Verhandlungen über die Parlamentsreform bekannte er sich zu den politischen Grundsätzen, die er stets verfochten hatte, wiewol er mit andern Feinden jener Maßregel noch mehr in geheimer Wirksamkeit thätig gewesen sein soll. Cunningham (Allan), geboren um 1?9E in der schottischen Grafschaft Galloway, der Sohn eines Landmanns, verlebte einen großen Theil seiner Jugend als Maurergeselle. In seiner Heimath hat sich der schottische Volksgefang in Balladen und Überlieferungen aus den Zeiten der Grenzkriege zwischen Schottland und England vor andern Gegenden lebendig erhalten, und in frühern Zeiten, ehe der geweckte Gewerbfleiß in Niederschottland die Thätigkeit des Volkes aufregte und manche Sitte der Väter verdrängte, zogen alte Männer von Haus zu Haus, sangen Balladen und erzählten Bruchstücke aus alten Geschichten wahrer oder erdichteter Abenteuer. C. horchte in seiner Jugend am ländlichen Herd auf die anziehenden Lieder und Sagen, wenn die wandernden Sänger viele Zuhörer um sich versammelt hatten, um durch ihre Kunstfertigkeit Nahrung und Kleidung zu erwerben. Seinem treuen Gedächtnisse ging nichts verloren, und während er früh mit der vaterländischen Sage vertraut und seine Phantasie befruchtet ward, erwachte in seiner Seele die inwohnende Dichterkraft. Vor Allem aber gewannen die echt nationalen Gesänge des schottischen Volksdichters BumS, welchen, wie.ihn, der Zauber alter Lieder begeistert hatte, und später Scott's Erzählungen einen entscheidenden Einfluß auffeine Bildung, und feine Werke verrathen es, wie aufmerksam er diese Vorbilder betrachtet hat. Der Beifall, den die ersten Volkslieder und Legenden des Maurergesellen, z. B. die schöne Ballade „Ilomüe ^nne" fanden, gab Veranlassung, ihn aus dem beschrankten Kreise des Handwerkslebens zu ziehen, und er kam in die Werkstätte des berühmten Bildhauers Chantrey, wo er über 12 Jahre lang als Gehülfe des Meisters alle Arbeiten zu besorgen hatte, die nicht in das höhere Kunstgebiet gehörten. Einige seiner ersten Versuche waren bereits in Zeitschriften und Balladensammlungen erschienen, als er eine kleine Sammlung: „8ir Nur- mudulle Älaxvvell, u drumutic poem; 'Elle mermaid os(l V, 558 Dambray fem kriegerisches Talent an den Tag zu legen. Im folgenden Jahre ersetzte er alz Kriegsminister den Herzog von Belluno, fügte sich aber nicht immer den Wünschen Villele's und wollte sich besonders nicht entschließen, die Pensionirung vieler Generale zu unterzeichnen, deren Einfluß auf das Heer man fürchtete. Da ihm jedoch derHof sehr zugethan war, so setzte man ihn nicht ab, sondern gab ihm nach Verdrängung Cha- teaubriand's das Portefeuille des Auswärtigen, während Clermont-Tonnere Kriegsminister ward. Villele leitete übrigens die hauptsächlichen diplomatischen Geschäfte selber. Als Martignac Minister wurde und Ferronays das Portefeuille des Auswärtigen erhielt, wollte Karl X. D. nicht aus seiner Nähe entfernen und mackte ihn zum Erzieher des Herzogs von Bordeaux. Der Unterricht wurde in jesuitischem Sinne geleitet. Die Lehrer, welche in ihren Schriften sich nur einigermaßen zu dm freisinnigen Ideen hinneigten, wurden entlassen. D. war zugleich Mitglied der Camarilla, auf deren Rath Polignac an die Spitze der Verwaltung berufen ward. Seit zwei Jahren leitet nunmehr D. die Erziehung des Herzogs von Bordeaux zu Holyrood in gleichem Sinne wie früher zu Paris. (15) Dambray (Charles), Kanzler Frankreichs und Präsident der Pairs- kammer zur Zeit der Restauration. In der Normandie 1760 geboren, erhielt er durch den Einfluß seiner Familie, welche richterliche Ämter bekleidete, sehr frühzeitig bedeutende Anstellungen in der Magistratur. Schon in seinem zwanzigsten Jahre ersetzte er Seguier als Generaladvokat beim pariser Parlemente. Beim Beginn seiner Laufbahn hatte er den jungen Herault de Sechelles zum Mitbewerber, der nachher zu den eifrigsten Anhängern der Revolution gehörte, wie D. zu ihren heftigen Gegnern; es heißt sogar, die extremen Ansichten der beioen Politiker seien zum Theil durch ihre Rivalität begründet worden. In dem berühmten Kornmann'schen Processe fand D. die erste Gelegenheit, sein Rednertalent und seinen Eifer gegen die neuen Ideen an den Tag zu legen. Als die Revolution ausbrach, war er einer der Ersten, welche Frankreich verließen. Im Begriff über die Grenze zu gehen, ward er von Ludwig XVI. zum Minister ernannt, allein die Flucht des Königs und dessen Verhaftung zu Varennes beschleunigte den Erfolg der Revolution. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland lebte D. einsam und unangefochten auf seinen Gütern in der Normandie. Unter dem Kaiser konnte er, so große Ergebenheit er auch zeigte, gleichwol keine höhere Stufe erreichen als die eines Mitgliedes des Generalconseils im Seinedepartement. Napoleon soll ihn deshalb nicht befördert haben, weil er ihn und seinen Schwiegervater, Herrn von Barentin, als Agenten der Bourbons ansah. Diese Muthmaßung des Kaisers erscheint um so gegründeter, als Beide nach der Restauration mit Gunstbezeigungen überhäuft wurden; Barentin ward Ehrenkanzler, D. Kanzler von Frankreich. Zugleich erhielt er die Leitung des Büchcrwesens und die Oberaufsicht über die Journale, und kurz darauf machte ihn Ludwig XVIII. zum Justizminister, Pair und Commandeur des Heiligengeistordens. D. war es, welcher dem Könige riech, feine 19 im Exil verlebten Jahre als ebenso viele Regierungsjahre anzurechnen, und derselbe soll zuerst auf den Gedanken gerathen sein, den Verkauf der Emigrirtengüter zu annulliren. Am 11. März 1815 benachrichtigte er die Pairskammer von Napoleons Rückkehr aus Elba, und nach Ludwigs XVIII. Abreise begab er sich in die Normandie, am 4. Mai über Dieppe nach England, und von da nach Gent. Bei der zweiten Restauration wollte die Regierung dem unvolksthümlichen D. das Justizministerium nicht mehr anvertrauen und gab es an Pasquier; die Leitung des Bücherwesens und die Oberaufsicht über die Journale kamen an die Polizei, doch blieb er Präsident der Pairskammer. Als solcher leitete er die Debatten beim Processe des Marschalls Ney. Im Anfange des Jahres 1816 wurde er nochmals Justizminister, und in demselben Jahre Mitglied der Vcademie des inscriptions. Er starb 1829. — Sein Sohn, Graf Emanuel D., war 1814 zum Bitt- Dampfbäder 55V bekleidete ,l-!e schriftenmeister ernannt worden, folgte Ludwig XVIII. nach Gent und wurde zum Lohne Pair von Frankreich. Nach der Juliusrevolution legte er die Pairswürde nieder. ^ (1^) Dampfbad er. Es ist eine ausgemachte Thatsache, daß in den griechischen und römischen Badern nicht bloß Vorrichtungen zu kalten, lauen und heißen Wasserbädern vorhanden waren, sondern daß sich in denselben auch Vorrichtungen zu Schwitzbadern befanden. Es ist daher nichts weniger als richtig, wenn man glaubt, der Name: russische Dampfbader, beziehe sich auf die Erfindung derselben durch die Russen; es bezeichnet dieser Name nur die russische Art und Weise ihrer Bereitung und ihres Gebrauchs. Erst nach den Jahren 1813 und 1815, nach dem russischen Feldzuge in Deutschland, wurde der Gebrauch der Dampfbäder bei uns allgemeiner, nachdem er vorher als gefahrlich und der Natur der Deutschen nicht zusagend, von Ärzten und Laien angesehen worden war, zu denen durch Reisebeschreibungen und durch Reisende einzelne Nachrichten über dieselben gelangt waren. Russische Krieger, an den Gebrauch der Dampfbäder von Jugend auf gewöhnt, richteten sich nicht selten während des Feldzugs von 1813 —15 deutsche Bauernstuben mit ihren Kachelöfen zu Dampfbädern ein, und sehr bald baute man in den in Deutschland befindlichen russischen Hospitälern Dampfbader, wodurch es geschah, daß unsere Landsleute den Nutzen derselben gegen mancherlei Beschwerden bald und gründlich erkannten. Nichtsdestoweniger entstand unter der Ägide des geheimen Obersteuerraths Pochhammer in Berlin das erste Dampfbad daselbst nicht eher als 1818. Seit jener Zeit hat sich der Gebrauch der russischen Dampfbäder über ganz Deutschland verbreitet, und es gibt z. B. in Sachsen nur noch wenige Provinzialstädte, welche diese Vorrichtungen nicht hätten; selbst in mehren Badeorten, z. B. in Marienbad, Muskau u. m. a. bestehen jetzt Einrichtungen zu Dampfbädern. Diese wendet man fast überall unter zweierlei Formen an, in der Form russischer Dampfbäder und in der Form von Dampfbädern in verschlossenen Wannen oder Schwitzkasten. Die Art und Weise, sogenannte russische Dampfbäder zu bereiten, ist sehr verschieden, jedoch geschieht dies meistens so, daß auf einem eisernen Roste große Steine durch Feuer bis zum Glühen erhitzt, und dann von Zeit zu Zeit mit Wasser begossen werden, wodurch sich Wasserdämpfe entwickeln. In manchen Anstalten bereitet man dieselben in Kesseln, die hierzu eigenthümlich construirk sind. Die entwickelten Wasserdampfe strömen durch eigne Vorrichtungen in die gewöhnlich von Holz gebaute Badestube, welche die Gestalt eines größern oder kleinern Vierecks hat; hierin befinden sich terrassenförmige, über einander gestellte Bänke, welche den Badenden zum Sitz oder wol auch zum Lager dienen, und die, je nachdem sie höher oder tiefer stehen, auf den Badenden eine größere oder geringere Einwirkung machen. Die terrassenförmigen Bänke sind so angebracht, daß die Öffnung des Ofens sich zur Seite befindet, ihre Zahl beläuft sich aus sechs bis acht; die untersten sind gewöhnlich nur zum Hinaufsteigen auf die obern bestimmt, jedoch kann sich der Badende auf dieselben legen; die obersten dienen gewöhnlich nur zum Sitzen. In gut eingerichteten Anstalten dieser Art findet sich außer dem Versamm- lungszimmer eine Vorstube, welche gewöhnlich eine Temperatur über 20° Rcau- mur hat. In dieser entkleidet sich der Badende, hüllt sich sodann in einen Bademantel und begibt sich von da in das eigentliche Badezimmer. Um allmälig der Einwirkung der großen Hitze sich auszusetzen, verweilt der Badende anfänglich auf den untern Stufen der terrassenförmigen Bänke, und geht dann langsam zur Höhe empor, wo ihn der höchste Hitzegrad erwartet. Man beginnt gewöhnlich mit Dämpfen, die nicht über 36° Neaumur haben und zu 40° R. steigen, und geht später bis zu 45° R. und darüber. Individuen, die leicht erhitzt werden, müssen bisweilen in kaltes Wasser getauchte Tücher auf dem Kopfe tragen oder solche 560 Dampfbäder vor den Mund nehmen. Andere ziehen es vor, von Zeit zu Zeit kaltes Wasser sich auf den Kopf gießen zu lassen, was mittels einer an der Decke angebrachten Verrichtung einer Handbrause, aus welcher das Wasser in Form von Staubregen oder eines dicken Strals auf den Körper herabfallt, zu geschehen pflegt. Die Dauer eines solchen Bades ist sehr verschieden, von einer halben Viertelstunde bis zu einer Stunde. Hat der Badende die von dem Arzte oder von seiner Empfindung bestimmte Zeit in dem Schwitzbads zugebracht, so verlaßt er es nicht schnell, sondern er nimmt den Temperaturwechsel insofern langsam vor, als er von den obersten den heißesten Stufen, auf die Niedern, wo eine geringere Hitze ist, herabsteigt und sich sodann in das Ruhezimmer begibt. Hier angelangt, schnell abgetrocknet und mit einem warmen Bademantel oder mit Tüchern umhüllt, nimmt der aus dem Schwitzbade Zurückgekommene etwas warmes Getränk, z. B. eine Tasse Bouillon oder Thee zu sich, und legt sich auf das mit wollenen Decken versehene Ruhebette, um die noch immer fortdauernde oder manchmal von Neuem wieder hervorbrechende starke Transspiration abzuwarten. Ist dies geschehen, so kleidet sich der Badende nach und nach an, begibt sich hierauf in das Versammlungszimmer und, nach einem kurzen Aufenthalte daselbst eilt er, gehörig bekleidet, nach Hause, um hier zu völliger Ruhe zu gelangen. Die zunächst sich aufdringende Frage: Wie wirken die russischen Dampfbäder auf den Körper ein, und gegen welche Krankheiten ist der Gebrauch derselben heilsam, gegen welche wirkt er schädlich? findet in folgenden Betrachtungen ihre, Ärzten und Laien hoffentlich ganz verständliche, Antwort: Die Dämpfe, denen sich der Badende beim Eintritt in das geschilderte Badezimmer aussetzt, wirken zunächst auf die äußere und innere Haut, oder die Schleimhaut, welche als eine Fortsetzung der äußern Haut, die Nase, den Mund, die Luftwege auskleidet; von hier aus pflanzt sich die Einwirkung auf andere Gebilde des Körpers fort, vorzüglich auf diejenigen Organe, welche zur Blutbewegung und zum Athemholen dienen. Der Badende, welcher schon beim Auskleiden in der Wärme von einigen 20' Reaumur im Vorzimmer eine gewisse wohlthuende Wärme über den Körper empfand, fühlt sich beim Betreten der eigentlichen Vadestube, dcrenWärme in ihren mittlem Räumen immer mehre 30° R. hat und die Blutwärme sonach um ein Bedeutendes übersteigt, etwas beklommen; er holt tiefer und schneller als gewöhnlich Athem, fühlt sein Herz und seine Pulse vorzüglich am Halse heftiger und schneller schlagen. Das dauert aber gewöhnlich nicht lange; denn da nun sehr bald die Haut durch die Dämpfe, aus denen sich Wasser niederschlägt und am Körper hängen bleibt, naß und ihres Krampfs beraubt wird, da die Schleimhaut der Luftwege sich bald an den hohen Wärmegrad gewöhnt, so verbreitet sich sehr bald ein angenehmes Ge- fühl über die ganze Oberfläche des Körpers und das Athmen wird freier und langsamer. Es geschieht nicht selten, daß bei Manchem im Anfange das Blut sich stark nach dem Kopfe drängt, wodurch gewöhnlich eine große Eingenommenheit und Schwere in demselben fühlbar wird; jedoch verschwinden auch diese meistens von selbst, oder werden durch die dann anzuwendenden Begießungen von kaltem Wasser, oder durch die kalten Umschläge, die veranstaltet werden müssen, schnell gehoben. Die ganze Haut schwillt hierauf an und wird roth; das durch den hohen Wärmegrad offenbar erhitzte und ausgedehnte Blut dringt mit erhöhter Tätigkeit in allen Organen durch die großen und kleinen Gefäße, und somit ist die Bedingung gegeben zu einer vermehrten Thätigkeit der Functionen aller Theile des Körpers. Diese werden nun, je nachdem sie unnütz gewordene Stoffe z. B. durch den Schweiß, Urin, Stuhlgang absondern, oder nöthig werdende, als Ruhe, Getränk, Speise u. s. w. aufnehmen, oder, je nachdem sie diesen beiden wichtigen Verrichtungen gleichzeitig vorstehen, qualitative und quantitative Veränderungen erleiden, und so muß man annehmen, daß die Einwirkung der russischen Dampf- Dampfbader 561 bäder auf den gesummten Organismus sich erstrecke und keinen Theil desselben ohne Einwirkung lasse. Sie entziehen dem Körper dadurch einen Theil seiner Stoffe, daß sie diejenigen Theile desselben, welche dazu bestimmt sind, das für die Existenz desselben unbrauchbar Gebliebene oder Gewordene zu entfernen, in ihren Functionen beschleunigen, wodurch direct allerdings schwächend eingewirkt wird; hierbei ist nicht zu übersehen, daß auch das lymphatische System, welches zur Aussaugung im menschlichen Körper bestimmt ist, zu vermehrter Thätigkeit angespornt wird. Diese beiden Hauptwirkungen sind es nun, welche am hausigsten zur Heilung von materiellen Krankheiten von den Ärzten durch den Gebrauch innerer Mittel bezweckt werden, und so sehen wir denn, daß der Nutzen der Dampfbader sich auf das Heilgesetz zurückführen laßt: materielle Krankheiten durch vermehrte Thätigkeit der ab- und aussondernden Organe zu beseirigen, welche andere heilsame secundaire Wirkungen auf den Organismus zur Folge haben. Was hier gesagt worden ist, bestätigt sich auf das Vollkommenste in der Erfahrung, denn russische Dampfbäder sind von großem Nutzen in der Behandlung der meisten Ayskrasien, d. h. in Krankheiten, welche durch eine krankhafte Mischung des Blutes und aller aus dem Blut abgesonderten oder für die Blutbereitung bestimmten Säfte entstehen. Hierher rechnet man Gicht, eingewurzelte Rheumatismen, Skropheln, selbst Venerie und Krätze, endlich Metallvergiftungen durch Blei, Mercur u. s. w. Diese Krankheiten können denn nun, je nachdem sie den einen oder den andern Theil des Körpers befallen, die scheinbar verschiedensten Krankheitsformen hervorrufen, und hierin liegt die Erklärung der großen Wirksamkeit der Dampfbäder in so vielen scheinbar sehr verschiedenen Krankheiten der langwierigsten und peinlichsten Art. Daher denn der Eine rühmt, im Dampfbads von Geschwüren und einem langwierigen Ausschlage geheilt worden zu sein, wahrend der Andere hier sehr bald ein Hüftweh los ward, gegen welches er bis dahin umsonst Vieles gebraucht hatte; der Dritte endlich das in Rede stehende Mittel gegen eine Knochengeschwulst lobt, welche durch heftige Schmerzen die Nächte schlaflos machte und ihm das Leben verbitterte. Außerdem werden aber, im Allgemeinen betrachtet, sehr oft die Dampfbäder mit Glück angewendet gegen Hautkrankheiten aller Art, gegen Leiden der Athmungswerkzeuge, vorzüglich gegen langwierige Katarrhe, Schnupfen und Stockschnupfen, gegen katarrhalische Anginen oder den sogenannten bösen Hals, gegen heftige katarrhalische Heiserkeit. Vorsicht, und zwar große Vorsicht, ersodern die russischen Dampfbäder bei Krankheiten der Luftröhre und der Lungen. Herrliche Wirkungen sehen oft Drüsenkranke von dem in Rede stehenden Mittel, vorzüglich solche, bei denen die Drüsen am Halse, im Nacken, in den Weichen, in den Brüsten, selbst an den Augenlidern angeschwollen sind; aber alle diese Kranke dürfen für eine Entzündung dieser kranken Organe, es sei eine sogenannte acute oder chronische, nichts zu fürchten haben, sonst werden sie ihre Leiden hierdurch nur vermehren. Selbst Hoden- anschwellungen sind nicht selten durch Dampfbäder schnell und radical geheilt worden. Hypochondrische und hysterische Beschwerden, die durch Unthatigkeit der Haut und durch Verstimmung des Nervensystems hervorgebracht worden sind, werden in den Dampfbadern nicht selten erleichtert, bisweilen radical gehoben, und einzelne Fälle sind vorgekommen, wo Krampfßranke, selbst Epileptische, in dem Gebrauche dieses Mittels die sehnlich erwartete Hülfe fanden. Nur mit großer Vorsicht ist der Gebrauch der Dampfbäder bei Krankheiten der Sinnesorgane, vorzüglich der Augen, der Ohren u. s. w., zu gestatten. Vielen Schaden stiften die Dampfbäder nicht selten, wenn sie von Gesunden zum diätetischen Gebrauch angewendet werden. Hiervor muß und wird jeder Arzt warnen! Öl hieße es aber in das Feuer der Krankheit gießen, wollte man Dampfbader bei örtlichen, acuten oder chronischen Entzündungen oder bei allgemeiner entzündlicher Anlage anwen- Conv,-?ex. der neuesten Zeit und Literatur. I. sW 562 Dampfbäder den; ebenso wenig passen dieselben da, wo Fieber vorhanden ist, oder wo fieberhafte Ausschläge sich bilden. Ganz zu verbieten sind sie solchen Individuen, welche Anlage zu Blutflüssen haben, oder wol gar Blutungen aus den Luft- und Nahrungswegen oder aus den innern Geschlechtsteilen bereits erlitten; dasselbe gilt von solchen Kranken, welche organische Fehler der Lungen, des Herzens, größerer Gefaßsysteme, der Leber, Nieren, des Darmcanals haben, oder welche von auszehrenden Leiden oder der Wassersucht befallen sind, oder Anlage zu letzter besitzen. Schlecht vertragen die Dampfbäder solche Individuen, welche an wahrer Schwäche des Nervensystems leiden. Endlich ist es nicht gerathen, Kinder, Greise, Schwangere, Furchtsame in die Dampfbäder zu schicken. Das Gegentheil kann nur sehr ausnahmsweise geschehen. Sehr wichtig sind die Regeln beim Gebrauche der Dampfbäder, die sich im Allgemeinen auf folgende Punkte reduciren, jedoch in besondern Fällen mancherlei Ausätze oder Abänderungen verlangen. Nur wenn man bereits aus Erfahrung den Einfluß der Dampfbäder auf den eignen Körper kennt, kann man ohne ärztliche Berathung Dampfbäder gebrauchen; wer Dampfbader nie gebrauchte und sie gegen irgend eine der genannten Beschwerden in Anwendung bringen will, thue dieses erst, wenn er einen verstandigen Arzt um Rath gefragt hat. Wie viele Kranke haben diese versäumte Regel zu spät bereut! Von dem Arzte wird man erfahren, ob eine Vorbereitung zum Gebrauche des Dampfbades nöthig ist, die dann in einem Aderlasse, in Ansetzen von Blutegeln an den Kopf, in dem Gebrauche von Abführungsmitteln u. f. w. besteht. Dampfbäder können in jeder Jahreszeit und bei jedem Witterungszustand angewendet werden. Die Tageszeit betreffend, so ist hierzu jeder Theil des Tages passend, nur darf es nicht nach der Mahlzeit geschehen. Sodann nehme sich der Kranke Zeit, damit er sich nicht zur Eile zu treiben habe. Zwei Stunden Aeit sind wenigstens zu einem Dampfbade erfoderlich. Schädlich ist es, vor dem Dampfbade Wein, Liqueur, Punsch, Kaffee u. s. w. zu trinken. Am besten ist es, ein Glas Auckerwasser, eine Tasse leichten Thees vor dem Bade zu nehmen. Das Gehen in das Bad muß langsam geschehen; es ist nicht gut, durch schnelles Gehen erhitzt im Dampfbade anzukommen. Im Abkühlungs- und Unterhaltungszimmer der Badeanstalt läßt der Kranke Mantel u. s. w. zurück, zieht sich sodann im Ruhezimmer nach und nach aus und legt seine Kleider so zusammen, daß er sie der Reihe nach, ohne mühsames und dann schädlich wirkendes Suchen, beim Ankleiden finden kann. Ist der Badende entkleidet, so tritt er in hölzernen Pantoffeln nackt in das Dampfzimmer, setzt sich hier auf die unterste Stufe der oben beschriebenen terrassenförmigen Bänke nieder und verweilt hier einige Minuten, um die Atmosphäre, die hier nur 30" Neaumur hat, zu athmen und den Körper zum Ertragen eines höher» Hitzegrades nach und nach vorzubereiten. Sobald er merkt, daß der Körper durch das Niederschlagen der heißen Dämpfe naß wird, besteigt er eine höhere Stufe, badet gleichsam hinauf, und begibt sich so bis in die höchste Region. Selten ist es dienlich oder gar nothwendig, bis zu 45° R. zu steigen. Ist der Badende 10 Minuten in dem Dampfzimmer, so läßt er sich frottiren, und nach dieser Operation setzt er sich den oben beschriebenen kalten Begießungen aus. Manche Badende ziehen es vor, während des Dampfbades ein Wasserbad zu nehmen, wozu in gut eingerichteten Dampfbädern die Vorrichtungen nicht fehlen dürfen. Die Art der Krankheit, die Beschaffenheit der Constitution, die größere oder geringere Empfindlichkeit des Kranken gegen die Einwirkungen des Bades u. s. w., alle diese Umstände bestimmen die Länge der Zeit, welche der Badende im Dampfzimmer zubringen soll, Je eingewurzelter das Leiden, je kräftiger die Constitution, desto länger verweile der Badende in den Dämpfen. Gut ist es, wenn er, bevor er das Dampfzimmer verlaßt, nach und nach sich auf die untern Stufen der Breterte wasse begibt, so Dampfbäder 563 gleichsam herunterbadet, wie er hinaufgebadet hat. Ist dieses geschehen, so geht der Kranke in das Ruhezimmer, wo er mit einem Bademantel oder mit großen Tüchern eingehüllt wird und sich nun auf das Ruhebette begibt, auf welchem er nach Verordnung des Arztes und nach dem Zwecke des Gebrauchs des Dampfbades bald längere, bald kürzere Zeit liegen bleibt, theils um sich abzukühlen, theils um etwa vorhandene Transspiration zu befördern oder sie abzuwarten. Wahrend dieser Zeit kann der Kranke ein Glas überschlagenes Zuckerwasser oder eine Tasse Bouillon genießen. Kalte Getränke wirken schädlich. Ist man völlig abgekühlt, wozu der Eine oft nur eine Viertelstunde Zeit bedarf, während es bei einem Andern wol Stunden lang dauern kann, so beginnt die Bekleidung, und ^ - ist diese angelegt, so begibt sich der Kranke in das Unterhaltungszimmer, verweilt ldery hier eine kurze Zeit und geht oder fährt dann mir einem warmen Mantel oder ^ Pelze verwahrt nach Hause. Hier ist es zweckmäßig, falls nochmals Schweiß 'ew ausbrechen sollte, die Wäsche mit Vorsicht zu wechseln, jedenfalls aber in der nächsten Stunde nach dem Bade sich ruhig zu verhalten. Wer sehr müde ist, kann schlafen, nur nicht zu lange. Der mäßige Genuß verdaulicher, wo möglich warmer Speisen, ist nicht untersagt. Vorsicht ist hinsichtlich der Getränke, nach denen fast immer ein großes Verlangen eintritt, zu empfehlen; jedoch können ein reines auSgegohrcnes Bier, nicht zu kalt getrunken, oder einige Tassen gewöhnlichen grünen Thees nicht schaden. Die Frage: ob eine gewisse Anzahl Dampfbäder zu gewissen Euren nöthig sei, und ob man diese im voraus bestimmen könne? ist schwer zu beantworten. Es gilt hier Dasselbe, was von dem Gebrauche der gewöhnlichen Wasserbader oder der Mineralbäder gelehrt wird, daß sich dieses nämlich nicht bestimmen lasse. Die zweckmäßigste Regel, die jedoch hier gegeben werden kann, ist die: so lange fortzubaden, als der Kranke sich gebessert fühlt, dann aber mit der Fortsetzung der Dampfbäder es nicht zu weit zu treiben und das Gutachten eines Arztes einzuholen. Mehr als Einmal an Einem Tage in das Dampfbad zu gehen, ist schädlich, und nur ausnahmsweise zu gestatten. Wichtig ist es, daß der Badende auf seinen Körper wahrend des Gebrauchs der Dampfbäder achte, Veränderungen, die sich in seinem Befinden zutragen, nicht übersehe, sie wol auch sogar aufschreibe, um seinem Arzt eine genaue Relation abstatten zu können. In einigen Fällen fühlt der Kranke schon in oder nach dem ersten Dampfbade bedeutende Besserung seiner Leiden; bei Andern tritt anfangs Verschlimmerung der Krankheit ein, und erst nach dieser folgt Besserung und dann Heilung. Bei nicht Wenigen endlich beobachtet man förmliche kritische Tage, die durch den Gebrauch der Dampfbäder künstlich herbeigeführt sind, und fast immer als ein gutes Zeichen angesehen werden können. Bergt, über russische Dampfbäder: Hille, „Das Dampfbad, seine Einrichtung, Wirkung, Anwendung" (Dresden 1829); v. Vareg: „Uber die russischen Schwitzbäder, deren Gebrauch und Heilkräfte" (Wien 1828); Mendt, „Uber die Bedeutung und Wirkung der russischen Dampfbäder" (Breslau 1830). Hinsichtlich ihrer Wirkungen sind die Dampfbäder in verschlossenen Wannen und Schwitz kästen den russischen Bädern sehr ahnlich, unterscheiden sich jedoch von diesen dadurch, daß bei ihrer Anwendung die heißen Dämpfe weder mit dem Kopfe noch mit den Lungen in Berührung treten, daß sie weniger reizend und erhitzend auf den Kopf und die Brust wirken, und in zweifelhaften Fallen, wo man wegen Anlage zu Schlagfluß und Blutflüssen russische Bäder nicht anzuwenden wagt, mit weniger Gefahr versucht werden können. Man hat vorzüglich in den letzten Jahren, wo man in dem Dampfbade ein Heil- 6^n die asiatische Cholera gefunden zu haben glaubte, was sich jedoch durchaus nicht bestätigt hat, eine unendliche Menge von Vorrichtungen erfunden, um Dampfbäder in Betten u. f. w. zu geben. Hiervon abgesehen, ist es nicht zu 36* ri« / I !> 5 v 564 Dampfbäder leugnen, daß die in Rede stehenden Dampfbäder von großem Nutzen sind in allen Fallen, in welchen der Gebrauch der russischen Dampfbader als heilsam betrachtet werden kann. . Diese Anwendung der Wasserdampfe ist in der neuern Zeit noch dadurch sehr verbessert worden, daß man nicht nur die Form ihrer Anwendung nach Verschiedenheit der kranken Körpertheile sehr verbessert, sondern auch die Wirkung allgemeiner oder örtlich angeordneter Wasserdampfe durch Beimischung kräftiger Arzneisubstanzen metallischer und vegetabilischer Art ungemein erhöhte, vi-. Rapou in Lyon und Assalini in Neapel haben um diese Verbesserung der Dampfbader in verschlossenen Wannen große Verdienste, und Ersterer hat eine besondere Badeanstalt in Lyon zu diesem Zweck errichtet. In Dresden hat vr. Struve ein Ähnliches gethan. Diese neue Anstalt ist nach dem Muster der von vr. Rapou in Lyon gegründeten eingerichtet, und zunächst und vorzugsweise den Kranken, die sich der Trinkanstalt des vr. Struve bedienen, bestimmt; in derselben werden folgende Heilmittel dargeboten. In einer Abtheilung derselben werden zunächst sogenannte orientalische Bäder gegeben. Der Badende liegt auf einem Rohrbette, durch dessen zahlreiche Öffnungen die Dampfe von einem Wärmegrad ausströmen, wie er dem Austande des Kranken angemessen ist. Sie sind entweder reine Wasserdämpfe, oder sie haben vorher die flüchtigen Stoffe von Arzneimitteln ausgenommen. Der Badende athmet also in diesem Zimmer die reinen mit arzneilichen Stoffen versehenen Dämpfe ein, und es ähneln diese Bader den russischen Dampfbädern gar sehr. Zugleich werden die Haut, die Muskeln, die Gelenke auf die im Orient übliche Weise bearbeitet, oder die Haut wird auf eine angemessene Weise frottirt, oder, wo es nöthig ist, noch starkern Reizungen ausgesetzt, je nachdem die ärztliche Verordnung das eine oder das andere empfiehlt oder untersagt. Diese Behandlung der Haut wird in vielen Fallen noch durch Anwendung dir Dampfdouchen wirksamer gemacht. Diese bestehen aus einem mit einiger Gewalt hervordringenden, in seinem Wärmegrade genau bestimmten Strale von Dämpfen; er wird entweder nach und nach über die gesammte Oberflache des Körpers geführt, oder nur auf einzelne vorzugsweise leidende Theile kürzere oder längere Zeit von 10 — 40 Minuten beschränkt. Wer ohne diese Hülfsmittel sich allein der Einwirkung der Wasserdämpfe aussetzen und die bei orientalischen Bädern üblichen mildern Wärmegrade von 28 — 32° N. überschreiten sott, hat hierzu die erfoderliche Gelegenheit. Sowol in dieser Abtheilung als in den übrigen badet stets nur Eine Person auf einmal. Aus dem angebrachten Thermometer läßt sich jederzeit ersehen, ob der bestimmte Wärmegrad gehalten wird. Ein hinlänglich eingeübter Diener oder eine Dienerin sind dem Badenden behülflich. Ist die Zeit, welche ein Badender in den Dämpfen zubringen wollte, vorüber, so werden die Dämpfe durch eine Vorrichtung schnell entfernt und ihre Stelle nimmt erwärmte Luft ein; dem Badenden wird die erwärmte Wäsche überreicht und in dem Nebenzimmer erwartet ihn ein reinliches Ruhebett. Oft dient diese Art der Bäder nur zur Vorbereitung für die spätere Anwendung kraftigerer Dämpfe, oft genügt sie zur Wiederherstellung der Gesundheit. In zwei andern Abteilungen des Gebäudes befinden sich Apparate, die so eingerichtet sind, daß der darin Badende nichts von den Dämpfen einathmet, mit denen der übrige Körper umgeben ist, und die fortwährend zu - und abströmen. Entweder sind nur der Mund, die Nase und die Augen von der Berührung der Dampfe ausgeschlossen, und der ganze behaarte Kopf, die Stirn und der größte Theil der Wangen werden von denselben umgeben; oder der Badende ist nur bis an den Hals oder bis an den Unterleib in Dämpfe eingetaucht, oder sie wirken allein auf einen oder beide Arme und Beine ein. Diese Apparate können mit Dämpfen der man- nichfaltigsten Art und Zusammensetzung, mir trockenen sowol als mit feuchten, oder mit einer Mischung auS beiden versehen werden, ohne daß selbst bei irrely!- Dampfbäder 565 rabeln und stark riechenden Dämpfen die Lunge oder die Geruchswerkzeuge im geringsten belästigt werden, weder wenn der Badende sich in dem Apparate befindet, noch wenn er denselben verläßt. Feuchte Dampfe können, je nachdem sie mehr erweichend, beruhigend, auflösend oder reizend einwirken sollen, mit den riechbaren und sich verflüchtigenden Theilen vieler Arzneimittel geschwängert werden, z. B. Malvenblüten, Mohnköpft, Hollunder, Camillenblumen, Raute, Mermuth, Pfeffermünze, Krausemünze, Melisse, Rosmarin, Lavendel, Fenchelsamen, Anissamen, Meerrettig, Senf, Citronen, Orangeschalen, Baldrian, virginische Schlan- genwurzel, Wachholderbeeren, Bilsenkraut, Schierling, Opium u. s. w. Diese Dampfe können in bestimmter Zeitfolge und abgemessener Menge mit Essig, Weingeist, ätherischen Ölen u. s. w. verstärkt werden. Die Dampfe sind aber auch trockener Art und werden aus Schwefel, Bernstein, Weihrauch, Benzoe, Kampher, Gewürzen und gewürzhaften Substanzen, Zinnober, andern Q.ueck- silberpräparaten u. s. w. entwickelt. Die schweren und minder flüchtigen dieser Körper werden nach Verhältniß ihrer Natur theils durch gleichzeitig eintretende Wasserdämpfe, theils durch einströmende, bis auf gewisse Grade erwärmte Luft, über die Oberfläche des Körpers des Badenden verbreitet, fodaß derselbe gleichzeitig in trockene und feuchte Dämpfe eingetaucht sein kann. Oder es werden mit den feuchten Dämpfen in geregelten und festen Verhältnissen ker Menge und der Zeit Gasarten, wie Kohlensäure und Schwefelwasserstoffgas, verbunden, von dessen höchst vortheilhafter Einwirkung auf hartnäckige Localübel interessante Erfahrungen vorliegen. Sind endlich einzelne kranke Stellen der Haut, wie bei den zahlreichen Arten der Flechten und Hautflecken, oder hartnäckige Übel innerer Organe, wie der Leber, der Milz, der Luftröhre u. f. w., zu behandeln, so bieten die Dampf- douchen auch in diesen zwei Abtheilungen höchst schätzbare und kräftige Heilmittel dar. Doch müssen ihnen, der Natur der Übel und der Organe nach, sehr oft Blutentziehungen durch Blutegel u. f. w. vorangehen. Der Dampf kann hier in jedem beliebigen Grade der Wärme bis zur schnellen Cauterisation angewendet und seine Einwirkung durch Anschwängerung mit Arzneifubftanzen oder Gasarten erhöht werden, unter denen wieder das kohlensaure und Schweftlwasserstoffgas obenan stehen. Auch für die Anwendung der Dämpfe gegen Krankheiten der Gehörwerkzeuge, der Gebärmutter und des Mastdarms ist durch zweckmäßige Vorrichtungen gesorgt worden. Diese partiellen Douchen gehen meistentheils der Behandlung des Körpers in den geschlossenen Dampfapparaten unmittelbar voran. Und da sowol bei denselben als bei den Dampfbädern überhaupt so sehr viel auf dem Grade der Wärme und der Sättigung der Dämpfe mit Gasarten beruht, so ist nicht nur die sorgfältigste Rücksicht darauf genommen worden, daß diese Abstufungen genau gehalten werden, sondern daß auch der Patient sich jeden Augenblick von der richtigen Beachtung des für ihn passenden Wärmegrades selbst überzeugen kann. Hat endlich ein Badender in dem in jeder Abtheilung befindlichen Ruhebette die Ausdünstung abgewartet, so kann er sich in einem kühlem Wartezimmer noch mehr auf den Ubergang in die atmosphärische Luft vorbereiten. Die Zahl der Krankheiten, welche in Struve's Anstalt bis jetzt bald mit, bald ohne andere Mittel durch mannichfach combinirte Dämpfe geheilt worden sind, ist ziemlich groß. Dieses wird leicht begreiflich, wenn man erwägt, wie mancherlei verschiedene Formen von Krankheiten durch eine und dieselbe Ursache entstellen können, je nachdem des Kranken Individualität die eine oder die andere Form begünstigt; daß aho auch ein und dasselbe Mittel für die Beseitigung sehr verschiedener Krankheits- formen dienen kann, folgt hieraus von selbst und wird durch die Erfahrung vielfach bestätigt. Es wird hier die Wirkung des Dampfbades selbst dem Laien begreiflich, wenn dieser bedenkt, in welcher unmittelbaren und wichtigen Verbindung die äußere Haut mit der die innern Theile bekleidenden, sowie mit den gesummten in- 566 Dampfbader ncrn Organen selbst steht; eine Störung der Verrichtungen der äußern Haut bald auch die Functionen der tiefer liegenden Organe in Unordnung bringt, wie hinwiederum die äußere Haut wechselsweise durch die Leiden tiefer liegender Organe, z. B. der Leber, krankhaft ergriffen wird; wie endlich eine Hautkrankheit, die von dem Leiden eines innern Organs ausging, nicht selten von demselben unabhängig und selbständig wird, sodaß sie auch nach gehobener innerer Ursache fortdauert. In allen diesen Fallen werden innere Mittel für sich allein die Heilung langsamer bewirken, als wenn sie mit äußern, die Krankheit in ihrem Sitz angreifenden, verbunden werden. Zu den kräftigsten Mitteln dieser Art gehören unbezweifelt die Dampfe vr. Rapou beabsichtigt daher bei der Behandlung der Haut mittels der Dämpfe entweder die ursprünglich gestörten Functionen der Haut wiederherzustellen und so die durch diese Störung erzeugten mannichfaltigen Krankheiten zu heben, oder er sucht auf die Haut so lebhaft und eingreifend einzuwirken, daß durch ihre Beziehungen zu den tiefer liegenden Organen die Krankheiten derselben, die sich unabhängig von der äußern Haut gebildet haben, gemildert und gehoben, oder wenigstens die für diesen Zweck angewendeten innern Mittel kräftig unterstützt werden; oder er wendet endlich auf die Haut bei den derselben ekgenthümlichen Krankheiten passende Dämpfe als Mittel an, die vorzüglich geeignet sind, den Normalzustand derselben wieder herbeizuführen. Mit großem Erfolge sind bis jetzt in Stcuve's Anstalt folgende Krankheiten behandelt worden: Chronische Entzündungen des Luftröhrenkopfes und der Luftröhre, der Leber, sowie die davon abhängigen Anschwellungen und Verhärtungen derselben, des Magens, der Milz, und die sie oft begleitenden und ihr folgenden Auftreibungen derselben, der Gedärme, der Gebärmutter, und der davon entsprungene weiße Fluß, der Blase; ferner allgemeine hitzige und chronische Rheumatismen, örtliche Rheumatismen der Bedeckungen des Kopfes, der Lenden (Lendenweh), des Halses, der Hüften (Hüftweh), der Brust, der Fußsohlen, der Wände des Bauches, der Gelenke und die daher entsprungenen Verkürzungen der Muskeln; entzündliche und chronische Gicht und die davon zurückbleibenden Anschwellungen, Steifheiten, Contracturen; viele Hautkrankheiten, als Nesselausschlag, Blasenausschlag, Gürtel, Hautflecken, Leberflecken, Kupferausschlag, Flechten in ihren mannichfaltigen Gestalten und die durch ihre unzeitige Vertreibung entstandenen Übel; veraltete Hautgeschwüre, mancherlei Krankheiten des lymphatischen Systems: Skropheln, Skirrhen der Brust und anderer Theile, wenn sie nicht zu weit vorgerückt sind, weiße Gelenkgeschwulst, Hüftweh von Affection der lymphatischen Gefäße, anfangende Luftröhren - und Lungenschwindsucht von skrovhulöser Ursache, plötzlicher Unterdrückung der Transpiration, zurückgetretener Flechten und Hautkrankheiten; Lungenkatarrh, Blasenkatarrh, Milchschorf, allgemeine und Bauchwassersucht, insofern sie Folge der unterdrückten Hautausdünstung, einer Versetzung einer Hautkrankheit nach Innen, wie nach Scharlach, Masern, ist. Selbst wo sie durch noch heilbare Krankheiten innerer Organe, z. B. der Leber, erzeugt worden war, leisteten Dampfbäder und Dampfdouchen oft vorzügliche Dienste. Auch sind sie wirksam bei mancherlei Nervenkrankheiten, wie Schmerzen des Gesichtes, der Arme, der Kinnbacken, Hüften u. f. w.; Convulsionen, wenn sie nicht von organischen Ursachen und einem krankhaften Zustande des Gehirns abhangen: Veitstanz, krampfhaftes Erbrechen, Krämpfe, Krampfhusten u. f. w., schmerzhafte Menstruation, sogenannte Vapeurs und Nervenübel, Bleichsucht, Hypochondrie, gewisse Arten von Schwerhörigkeit und Taubheit, Hysterie, Lähmungen, Magenkrämpfe) Blei-, Kupfer- und Mercurialkoliken, und das von häufigen Arbeiten in diesen Metallen abhängige Zittern der Glieder und Lähmungen. Vergl. Assalini's „Ricerclle me- dicke sui a vapore e di calorice e sulle fumiAaisioni etc." (2 Bande, Neapel 18L0 — LI); Rapou's „Iraite de In metkode tunÜAatoire etc." (2 Bande, Danpfwagen 567 'ZG Lyon 182? — 24), und Dessen „^rm-ckes cke In mMocks lumi^atoii-e" (erster Bd. Paris 1827). (2) Dampfwagen. Die Idee, Wagen mittels Dampfmaschinen in Bewegung zu setzen, hatte schon Watt, der berühmte Erfinder und Verbesserer der Dampfmaschinen in ihrer jetzigen Gestalt, im Jahre 1759; allein erst 1802 verfolgten Trevithick und Vivian dieses Project, kamen dadurch auf ihre Maschinen mit hohem Druck, und bauten wirklich ein Fuhrwerk, das 51 englische Meile in einer Stunde zurücklegte. Spater baute Blenkinfop für eine Eisenbahn in den Steinkohlenwerken von Middleton bei Leeds einen Dampfwagen, der schon Verbesserungen hatte, die früher von demselben Mechaniker eingerichtete Wagen nicht besaßen, noch jetzt zu Leeds im Gebrauch ist und 1810 auch in Berlin nachgemacht wurde. Dieser Wagen hat folgende Einrichtung: Auf einem hölzernen Gestelle, das selbst auf den beiden Achsen von vier Radern liegt, die sich auf den Schienen der Eisenbahn bewegen, befindet sich ein gußeiserner, an beiden Enden verschlossener Cylinder, der in seinem untern Theil einen zweiten Cy- linder enthält, dessen Durchmesser nicht so groß als der Halbmesser des großen ist. In diesem kleinen Cylinder, der an beiden Enden aus dem großen hervorsteht und am vordem als Kamin in die Höhe ragt, wird am hintern mit Steinkohlen geheizt, um das in dem großen Cylinder befindliche Wasser in Dampfe zu verwandeln. In diesem Cylinder hangen in senkrechter Richtung am vorder» und hintern Ende zwei kleine Cylinder, jeder mit einem Kolben, auf und unter welche man die in dem großen Cylinder entwickelten Dampfe wirken läßt, um sie auf und nieder zu bewegen. Die Elasiicitat dieser Dämpfe muß den Druck der Atmosphäre bedeutend übersteigen, da es der nothwendigen Einfachheit der Maschine wegen nicht möglich ist, die Dämpfe, wie bei den Dampfmaschinen, mit einfachem und mit Hochdruck nebst Condensation, auf der Seite des Kolbens, wohin sich derselbe bewegt, durch eingespritztes Wasser u. s. w. zu verdichten und dadurch auf diese Weise einen luftleeren Raum hervorzubringen, sodaß auf der andern Seite schon Dämpfe von einfachem atmosphärischem Drucke wirken. Alle zur Bewegung von Fuhrwerken angewendete Dampfmaschinen müssen daherHochdruckmaschinen ohne Condensation sein. Die benutzten Dämpfe entweichen in die Luft. Die Kolbenstangen der Dampfcylinder stehen mit Kurbelstangen und diese mit Kurbeln in Verbindung, an denen WeUenzahnrader sitzen, die in ein mittleres Zahnrad greifen, an dessen Welle wieder auf einer Seite des Wagens ein Zahnrad befestigt ist, das in Zähne greift, welche neben der einen Reihe der convexen Straßenschienen angebracht worden sind, und wodurch eigentlich die Bewegung des Wagens geschieht, an welchen die mit Steinkohlen oder Gütern beladenen Wagen, deren Räder ebenfalls auf Schienen laufen, angehängt werden. Da die Bewegung durch ein Stirnrad und eine Zahnstange bewirkt wird, so kann der Dampfwagen natürlich ziemlich steile AbHange hinanfahren. — Nachdem noch mehre andere Maschinen nach verschiedenartigen Principien construirt und auch benutzt worden waren, erhielt der Ingenieur G. Stephenson in Newcastle 1814 ein Patent auf einen neuen Dampfwagen. Die Construction des Kessels, der Heizröhre, der Dampfcylinder u. f. w. ist im Allgemeinen dieselbe wie an dem oben beschriebenen Dampfwagen ; allein Zahnräder und Zahnstange fallen weg und vier Räder des Wagens (er hat zur bessern Benutzung sechs) werden durch die von den beiden Kolbenstangen abgehenden vier Kurbelstangen unmittelbar bewegt, indem dieselben mit ihren untern Enden an gewissen Punkten durch Speichen befestigt sind. Die Fortbewegung des Wagens geschieht lediglich durch die Reibung der Radfelgen an der Oberfläche der Straßenschienen. Von den Steinkohlenwerken zu Killing- worth zog ein solcher Wagen, ohne sein eignes Gewicht, auf den horizontalen oder sehr wenig abfallenden Eisenbahnen acht, mit ungefähr 600 Centnern beladene 568 Dampfwagen Wagen mit der Geschwindigkeit von fast einer deutschen Meile in einer Stunde. Die Kessel und Heizröhren der Stephenson'schen, in neuern Zeiten vielfach verbesserten Maschinen bestehen aus Blech, und der erstere ist mit hölzernen Faßdauben umgeben, um die große Abkühlung des stets einem starken Luftzug ausgesetzten Haupttheils der Maschine zu vermindern. Das Wagengestell besteht ganz aus Gußeisen. Die rasche Verbrennung der Steinkohlen beförderte Stephenson dadurch, daß er die benutzten Dampfe an den tiefsten Punkt des Kamins als einen Strom eintreten laßt, wodurch ein starker Luftzug in demselben bewirkt wird. Die großen Vortheils der Anwendung von Dampfwagen sind demnach langst entschieden. Pferde sind gar nicht im Stande, mit so concentrirter Kraft große Lastembei ausdauernder Geschwindigkeit zu bewegen, als die von den Englandern mit dem Namen Dampfpferde bezeichneten Maschinen, die nur Steinkohlen verzehren und daher nicht den Platz zum Anbau von Getreide, das zum Lebensunterhalt der Menschen dient, rauben. Einen besondren Ausschwung hat aber die Benutzung der Dampfwagen in der neuesten Zeit, nach Vollendung der großen Eisenbahn zwischen Liverpool und Manchester *), und durch den Wettlauf erhalten, den die Directoren dieses großen Werks veranstaltet hatten, indem sie eine Prämie von 500 Pf. St. demjenigen Dampfwagen zahlen wollten, welcher bei einem anzustellenden öffentlichen Versuch auf der Eisenbahn ein gegebenes Gewicht mit der größten Geschwindigkeit und den wenigsten Kosten fortziehen würde. Dieses erregte einen gewaltigen Eifer unter den Mechanikern. Fast in jedem Theile des Landes gingen die Maschinenbauer ans Werk, um den Preis zu gewinnen. Fünf Dampfwagen wurden dargeboten, den Wettlauf einzugehen. Die Bedingungen der Preisbewerbung waren, daß jede Maschine nicht mehr als 120 Centner wiegen und auf einer geraden Ebene ein Gewicht, das ihrem eignen Gewichte drei Mal gleich sei, nicht weniger als 10 englische (24 deutsche) Meilen in der Stunde fortziehe. Es kamen folgende ausgezeichnete Maschinen am 6. Ott. 1829 zur Mitbewerbung: Die Rocket von Stephenson in New- castle, eine große und stark gebaute Maschine, die eine Last von ungefähr 250 Centnern über 2^ deutsche Meilen in der Stunde fortzog, aber den Fehler einer zu ungleichen Geschwindigkeit hatte. Ohne Last durchlief sie fast 4 Meilen in einer Stunde. Die zweite Maschine war die ?velt)' von Braithwaite und Ericsson in London. Sie war sehr schön und leicht gebaut und hatte die eigen- thümliche Einrichtung, daß ein mächtiges Geblase die Wirkung des aus Coaks entwickelten Feuers verstärkte, und daß der Wasserbehälter unter dem Wagen angebracht war, wodurch der Schwerpunkt unter die Linie der Centralbewegung gebracht wurde. Sie durchlief ohne Last, nur ihren Bedarf an Coaks und Wasser mit sich führend, 6 deutsche Meilen in einer Stunde; mit einer Last von 225 Centnern durchlief sie 44 Meilen in einer Stunde. Der 8uuspureil von Hackworth wog freilich mehr als jene beiden Maschinen, zog aber auch eine Last von 860 Cenrnern mit einer Geschwindigkeit von 3 Meilen in der Stunde. Die Zuerkennung des Preises schwankte zwischen der Rocket und der^velt/, letztere wurde aber bei zwei Versuchen schadhaft und zog sich von der Preisbewerbung zurück; der Luuspureil war zu schwer, weshalb Stephenson, dessen Maschine nicht nur allen Foderungen genügt, sondern dieselben übertroffen hatte, der Preis zuerkannt wurde. Er hat seine Maschine später so sehr verbessert, daß er im Stande ist, 400 Centner mit einer Geschwindigkeit von 44 deutschen Meilen in einer Stunde fortzuschaffen. Auch die Erbauer der i^oveltv haben ihren Dampswagen seit der Wettfahrt fehr vervollkommnet. Aber auch zum Herauf- *) Sie wurde angelegt, um die beschwerliche, langwierige und kostbare Fortschaffung von Gütern auf dem Bndgewatercanal oder dem Mersey -Jnvell-Canale zu vermeiden. D. Red. Dampfwagen 569 .,>! !> ziehen der Lasten auf die höchsten Punkte schiefer Ebenen, wozu gewöhnlich station- naire Dampfmaschinen angewendet werden, indem ein Seil an den Wagen gehangt wird, welches sich auf eine von der Maschine bewegte Welle wickelt, sind die Dampfwagen brauchbar, und zwei Maschinen von Stephenson, der ^rrow und der 1)srt, haben diese Aufgabe auf der Livcrpool-Manchester-Eisenbahn mit einer Totallast von mehr als 600 Centnern, bei angemessener Geschwindigkeit, gelöst. Einer der neuesten, schönsten und zweckmäßigsten Dampfwagen auf der gedachten Bahn ist der Kortllumdriun, gleichfalls von Stephenson, über den wir noch einige Worte sagen wollen. Schornstein und Dampfkessel sind von Kupfer") und aus dem Dampfrohre geht eine kleine Röhre nach dem unter dem Feuerrost befindlichen eingeschlossenen Räume. Durch Öffnung eines in dieser Röhre befindlichen Hahns wird, wie schon oben erwähnt wurde, ein Dampfstral durch das Feuer geleitet, welcher die Dienste eines Gebläses vertritt, das zur Verstärkung des Feuers von großer Wichtigkeit ist. Diese Einrichtung ist eine Nachahmung des an Braithwait's Maschinen angebrachten Gebläses, bei welchem aber Wind mittels einer Pumpe durch das Feuer getrieben wird. Der Dampferzeugungsapparat besteht aus dem Ofen, der von einem Mantel umgeben ist, zwischen welchem und den Feuerplattcn sich ein 3 Zoll weiter, unten mit Wasser, oben mit Dampf angefüllter Raum befindet und mit dem Kessel in Verbindung steht. Der Kessel bildet einen langen, hohlen Cylinder, welcher der Länge nach mit einer großen Menge gerader Röhren durchzogen ist, in welchen die vom Ofen kommende Hitze cireulirt, während sie von dem zu verdampfenden Wasser umgeben sind. Wie bei allen neuern, von Stephenson gebauten Maschinen, sind die Dampfcylinder zu beiden Seiten des Ofens in schräger Richtung angebracht, und die von den Kolbenstangen abgehenden Lenkstangen drehen die beiden vordem 5 Fuß hohen, von Schmiedeeisen gemachten Räder (Triebräder) um. Die beiden andern Rader der Maschine, sowie die des mit ihr fest verbundenen Munitionswagens, welcher Wasser- und Coaksvorräthe transportirt, und die der Passagier- wagcn, sind von hartem Gußeisen. An dieser Maschine sind 6 Passagierwagen angehängt, worin zusammen 136 Personen Platz haben, die mit den Wagen und dem Reisegepäck etwa 350 Centner wiegen. Die Kolben der Maschinen machen, je nachdem der Weg ansteigt, horizontal ist oder abfällt, jeder 93—114 Evolutionen in einer Minute, daher der Zug eine engl. Meile oder 5280 Fuß im Durchschnitt in 2 Minuten 45 Sekunden zurücklegt. Jeder der Passagierwagen ist etwa 20 Fuß lang, 8^ Fuß breit und wiegt 25 Centner. Auf jeder Seite befinden sich vier, oben mit Glas versehene Thüren, wovon jede zu zwei Sitzen von vier Personen führt. Das Gepäck liegt unter den Sitzen. Die verschiedenen aufeinander folgenden Wagen sind durch platte Kettengclenkc mit einander verbunden, und damit beim Stillstehen der Maschine durch das Aufeinandcrfahren der Wagen kein zu harter Stoß erfolge, stehen die Stirnenden der Langbäume, aufweichen der Wagen erbaut ist, hinten und vorn etwas vor, sind mit Korkplatten belegt und mit Leder überzogen. Diese Bäume sind bei allen Wagen in gleicher Höhe und Weite angebracht, sodaß sie immer auf einander treffen; der starke Ruck beim Anziehen einer langen Wagenreihe hat aber nicht vermindert werden können. Außer auf Schienenwegen sind die Dampfwagen auch auf gewöhnlichen Kunststraßen versucht und mit mebr oder weniger gutem Erfolg angewendet worden. Die Lösung dieser Aufgabe ist allerdings mit großen Schwierigkeiten verbunden. Man kann dagegen hauptsächlich einwenden, die Maschine habe an sich schon " In neuern Zelten werden die Kessel zu Dampf-ragen gewöhnlich von Kupfer ^cr Schmiedeeisen, nicht von Guß isen gemacht, weil solche Kessel nur Risse bekommen, aber nicht in Stücke zersprengt werden. ' D- Red. 570 Dänemark ein so bedeutendes Gewicht, daß sie ohne Nachtheil der Straße nicht noch mit Gütern belastet werden dürft, die Hitze des im Wagen befindlichen Kessels werde manche Güter beschädigen und im Sommer dem Reisenden unerträglich werden. Die Vertheilung der Last auf mehre hinter einander folgende Wagen ist nicht minder schwierig, indem erstlich die folgenden Wagen nicht wie auf einer Schienenbahn genöthigt sind, dieselbe Spur zu halten, und sie ohne dieses kaum auf geraden, viel weniger auf krummen Strecken die Linie halten, sondern bald vom Wege abkommen-, zweitens auf Chausseen nicht mehr das günstige Ver- hältniß stattfindet, daß die Wagenräder etwa 10 Mal weniger Reibung haben als die Triebräder der Maschine, wodurch es der letztern möglich wird, überhaupt eine Last fortzuziehen. Überdies hat man darauf hingedeutet, daß Dampfwagen auch schon deshalb auf Landstraßen schwierig anzuwenden sind, weil die Pferde vor denselben scheu werden. Alle diese Schwierigkeiten haben indeß dm sinnreichen Gurney in London nicht abgehalten, seit mehren Jahren mit dieser Unternehmung sich zu beschäftigen. Der erste Versuch, den er 1827 machte, war unglücklich; seitdem aber hat er sich durch alle von Gegnern der Erfindung erregten Schwierigkeiten nicht abhalten lassen, an der Vervollkommnung seiner Ma- schine zu arbeiten. Später war die Frage: ob Dampfwagen auf gewöhnlichen Landstraßen gebraucht werden könnten? vor das Parlament gebracht worden, und der im December 1831 gedruckte Bericht des Ausschusses enthält das Ergebniß der angestellten Untersuchungen. Es geht daraus hervor, daß Dampfwagen auf gewöhnlichen Straßen mit vollkommener Sicherheit für die Reisenden und mit der Hälfte der Kosten der jetzigen Art zu reisen, 10 englische Meilen in einer Stunde zurücklegen können. Der schwerste Wagen, den Gurney gebaut hat, wiegt nicht über 35 Centner. Man hat in England vorgeschlagen, die Schwierigkeit, an- einandergehängte Wagen auf gewöhnlichen Straßen fortzuschaffen, dadurch zu heben, daß die Achsen der verschiedenen Wagen und selbst jedes Raderpaarcs von ungleicher Länge gemacht werden, damit die Räderspur jeder Achse eine äußere oder ! innere Straßenlinie bedecken, statt daß die Straße, wie bei gewöhnlichen Wagen, Geleise erhalte. Die parallelen Züge der verschiedenen Räderspuren würden dann j ebenso vortheilhaft sein, als Wagen mit breiten Felgen, und daher der Dampft wagen auf dieselben Begünstigungen Anspruch machen können, welche breitftlgige Räder hinsichtlich des Wegegeldes genießen. Der auch den Dampfwagen gemachte Vorwurf, daß dadurch viele Menschen Beschäftigung und Lebensunterhalt verlieren, ist um so ungcgründeter, da durch diese Anwendung der Maschinenkraft nur Pferde, nicht aber Menschen entbehrlich i gemacht werden. Nach Adam Smith erfodert die Unterhaltung eines Pferdes so viel Land, als zur Ernährung von 8 Menschen erfoderlich ist. Würde der zur Erzeugung des Pftrdefutters erfoderliche Boden mit Pflug und Spaten bearbeitet, so könnten damit leicht so viele Menschen beschäftigt werden, als überhaupt etwa durch die Dampfwagen entbehrlich gemacht würden! Wir verweisen auf folgende Schriften: Cumming's „llliisirettions »5 tbe ori^in unel j,ragress ok roll- oiui tram-roacks, sack steum-carrmAes, or locn-mvtive en^ines" (Denbigh 1824); ^ Wood's „?ructicul treatise an rail-rouäs etc." (zweite Ausg. London 1832, und französische Ubersetzung von Ruolz, Paris 1832); Dingler s „Polytechnisches Journal"; Weber's und Hartmann's „Zeitblatt für Gewerbtreibende und für Freunde der Gewerbe", und „Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbfleißes in Preußen", in welchen Zeitschriften alles Wichtige und Neue über diesen Gegenstand enthalten ist. (^9) ^Dänemark. Unter den neuesten Ereignissen in diesem Staate ist wol die Vorbereitung einer ständischen Verfassung zuerst als das wichtigste zu nennen. Eine königliche Bekanntmachung vom 28. Mai 1831 erklärte, daß die Absicht, Dänemark 571 beruhende Provinzialstande in dem Königreiche, sowie in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, zu errichten (in Lauenburg besteht aus alter Zeit her eine standische Verfassung), jetzt so weit gediehen sei, daß die allgemeinen Besinn- mungen zur öffentlichen Kunde gebracht werden könnten. Alle Grundbesitzer in den Städten und auf dem Lande, sowie diejenigen Erbpachter, welche, den danischen Gesetzen zufolge, gleiche Rechte mit Grundbesitzern haben, sind demnach wahlbe- !i>j 5 rechtigt und wahlfähig; nur können Grundbesitzer, die zugleich königliche Beamte A sind, die Wahl zu Repräsentanten nicht ohne vorhergehende Erlaubniß des Königs annehmen. Jeder Gesetzentwurf, der eine Veränderung der persönlichen oder Eigenthumsrechte der Unterthanen bezweckt, oder auf die Steuern und alle andern öffentlichen Abgaben und Gefälle Beziehung hat, muß den Ständen, die sich in der Regel alle zwei Jahre, und sonst außerordentlich, wenn die Umstände solches erfo- dern, versammeln, zur nähern Erwägung und zum Gutachten vorgelegt werden, ehe derselbe gesetzliche Wirkung erhalten darf. Außerdem können die versammelten Stände aus eignem Antriebe Vorstellungen und Vorschläge thun wegen Veränderung der bestehenden Gesetze und der übrigen Staatseinrichtungcn, wegen eingeschlichener Misbräuche und fehlerhafter Administration; endlich sind sie auch ermächtigt, in die Verwaltung der Communalangelegenhcitcn auf eine näher zu erwägende und festzusetzende Weise thätig einzugreifen. Einsichtsvolle Männer werden aus den verschiedenen Theilen des Reichs zufammenberufen, um die Gegenstande dieses Verfassungswesens, bevor die vollendete Gesetzgebung über dasselbe zur endlichen Ausführung kommt, zu untersuchen und zu prüfen. Diese vorläufige Bekanntmachung von der Grundlage für die Errichtung beruhender Stände in den dänischen Staaten wurde, wie es in Hinsicht allgemeiner Anordnungen für die ge- sammten Theile des Reichs gewöhnlich der Fall ist, in dänischer, deutscher und islandischer Sprache gedruckt und vertheilt. Mehre Schriften, und darunter einige sehr gründliche, haben diese Sache bereits öffentlich besprochen. Der öffentliche sowie der Privatcredit ist in den letzten Jahren in stetem Steigen gewesen, und die Staatspapiere sowie die Bankzettel gehen jetzt meistens ick pari mit Silber. Nach den für das Geldwesen so störenden unabwendbaren Folgen der letzten Kriege (1807 — 14) fand man es angemessener, anstatt die öffentlichen Auflagen zum Behuf des augenblicklichen Bedürfnisses der Finanzen zu vermehren, sich lieber, während man jene Abgaben sogar in gewisser Rücksicht verminderte, mittels Staatsanleihen bis auf bessere Zeiten zu helfen. Erst die Zukunft wird darüber völlig belehren können, inwiefern diese Maßregel in jeder Hinsicht die heilsamste war. Eine Thatsache aber ist, daß die Staatsschuld Dänemarks mittels glücklicher Operationen seit 1825 zu maßigen Zinsen (4 Proc.) und sehr erträglichen Abtragsterminen festgestellt ist. (S. Möftings.) Unter mehren, die Förderung des in-und ausländischen Verkehrs beabsichtigenden Verfügungen sind vorzüglich zu erwähnen: die Anlage einer neuen Landstraße zwischen Kiel und Hamburg, angefangen 1830; die 1829 vollendete Hafenanlage bei Helsingör, eine Unternehmung von der größten Wichtigkeit für die Ostseefahrt aller Nationen; der neue Hafen der kleinen Seestadt Frederiks- havn auf der gefahrvollen Nordoftküste Jütlands (angefangen 1830 und bereits bedeutend vorgeschritten), und die jährliche Unterhaltung eines Leuchtfeuerfchisss seit 1827, zur Warnung vor dem Trindelen, dem gefährlichsten Grunde des Kattegats, welche letztere für die Schissfahrt so wohlthätige Verfügung, die vielen Menschen Leben und Eigenthum gerettet hat, und von einer bedeutenden Anzahl englischer Schissscapitaine unterschriebene Dankadresse an den König von Dänemark veranlaßt hat. Bei der Marine ist vorzüglich der Bau einer neuen Flotte mit Eifer betrieben worden; sie zählt jetzt 0 Linienschiffe (von 84 — 00 Kanonen), 16 Fregatten (von 46 — 20 Kanonen) und mehre Briggs. In Flug- 572 Dänemark schriften und einigen Tageblättern hat man zwar in neuern Zeiten die Entbehrlichkeit einer Flotte von größern Kriegsschiffen darzuthun gesucht, aber dabei nicht beachtet, daß Danemark von dem Sund und den beiden Velten umgeben ist, die für Kriegsschiffe jeder Größe zuganglich sind. Seit der Wiederherstellung des Friedens hat der danische Handel nach den durch einen völlig unerwarteten Krieg erlittenen Verlusten zwar nicht die vorige Blüte erreichen können, da die Mittel, ein? Concurrenz mit den machtigern seefahrenden Nationen auszuhalten, in den Kriegsjahren verloren gingen; die Abnahme des Handels wahrend des allgemeinen Friedens und der Mangel an lebendigerm Verkehr ist aber auf den meisten größcrn Handelsplatzen fühlbar, und in Hinsicht des Ausfuhrhandels mit Landesproducten hat Dänemark unleugbar in den letzten Perioden sehr merkliche Fortschritte gemacht. Der jährlichen ofsiciellen Kundmachung zufolge hat sich die Ausfuhr des Getreides (des Hauptproducts der dänischen Staaten) nach der Fremde in den letzten zehn Jahren verdoppelt, sodaß mehr als zwei Millionen Tonnen Getreides aller Art jährlich ausgeführt worden sind. Bedeutend ist auch der Handel mit Ochsen aus Jütland, Schleswig und Holstein nach Hamburg; die Ausfubr von Butter hat sich, wie die Kornausfuhr, auch meistens zum Doppelten vermehrt. Der Pferdehandel, welcher vor einigen Jahren in bedeutender Abnahme war, steigert sich jetzt wieder einigermaßen, sowie die Bemühungen der Regierung und der Einwohner sich begegnen, um der sehr in Verfall gerathenen Pferdezucht ihre alte Vorzüglichkeit und den vormaligen Ruhm wiederzugeben. Privatvereine in verschiedenen Theilen des Reichs suchen jetzt diesen Zweck mittels Anstellung von jährlicher Pferdeschau, jährlichen Wettrennen und vorzüglich durch Verbreitung der besten und echten Pferderassen zu erreichen. Der patriotisch gesinnte Herzog von Au- guftenburg ist hierin mit einem glänzenden Beispiele vorangegangen und wirkt noch immer thätig für die Sache. Den ofsiciellen Berichten der „Handelszeitung" zufolge macht die Ausfuhr Dänemarks (Getreide, Pferde, Rindvieh, Butter, Käse, gesalzene Heringe :c.) jährlich einen Werth von mehr als 12Mill. Rthlr. in LandeS- münze oderReichsbankthaler Silber aus, wobei jedoch zu bemerken ist, daß diese Berechnung nur nach den Zollverzeichnissen gemacht werden kann, und verschiedene jener Ausfuhrartikel sich öfters, besonders nach den benachbarten Staaten, ohne den Zoll zu erlegen, durchschleichen. Dieses ist wol noch häusiger der Fall in Betreff der Co- lonialwaaren aus West- und Ostindien? sowie der chinesischen Waaren. Der Belauf dieser Ausfuhr ist unter obiger Summe nicht mit berechnet, auch nicht die Ausfuhr der grönländischen, isländischen und faröischen Producte. Die Zollanordnungen Dänemarks sind zwar nicht strenger als die der meisten andern Staaten zu nennen, vielmehr milder als z. B- in England und Schweden, und die Vollziehung derselben ist wol im Ganzen sehr liberal. Allein für den stark wieder auflebenden Handel und zwar unter so günstigen Umständen wie die gegenwärtigen, wäre Herabsetzung der Zollabgaben, und Erleichterung in allen Rücksichten, von außerordentlicher Wichtigkeit. Die unnatürlichen und sehr schädlichen noch bestehenden Zollverhältnisse und Beschränkungen in Hinsicht des Verkehrs zwischen dem Königreich und den Herzogthümern fodern schleunige Verbesserung. Mehrmals ist dieser Gegenstand öffentlich besprochen worden, jedoch bisher ohne Erfolg, und die Zeit muß es hoffentlich bald lehren, inwieweit es einer wegen der dringenden Zollangelegenheiten dieser Art angeordneten Commission gelingen wird, jenen bedeutenden Mängeln abzuhelfen. — Die Colonialverhältnisse Dänemarks betreffend, bemerken wir, daß in com- mercieller Hinsicht die westindischen Besitzungen St.-Croix, St.-Thomas undSt.- Iean (drei der sogenannten caraibischen Inseln) ohne Zweifel die wichtigsten sind. Ältere Statistiker berechneten den reinen Ertrag der dänischen Staatscasse aus der größten dieser Inseln (St.-Croix) zu etwas über 100,000 Rthlr. Cour, jährlich, außer den sehr bedeutenden Zollabgaben; unleugbar ist er aber beträchtlich hö- Danemark 573 her. Aus den gesammten dänisch-westindischen Inseln schlägt man die jährliche > Einnahme zu 250,000 Rthlr. an. Die Inseln treiben mit den übrigen europäischen Eolonien und mit den amerikanischen Staaten einen activcn Handel, mit dem Mutterlande aber nur einen passiven. Die Besitzungen Dänemarks auf der Guineaküste und in Ostindien sind unter den jetzigen Verhaltnissen von geringer Erheblichkeit. In Abschaffung des Negerhandels ist Danemark sowol England als den übrigen europäischen Handelsftaaten vorangegangen. Schon 1792 fingen die Vorbereitungen an, und mit Anfang von 1803, dem festgesetzten Zeitpunkte, ward dieser Handel in allen danischen Eolonien ganzlich aufgehoben. Für die Freiheit der Neger, ihre bessere Behandlung, ihre Unterweisung in der christlichen Religion und ihren sonstigen Unterricht in Volksschulen, geschah zur selbigen Zeit und geschieht noch immer, was nur ein cultivirter Staat seinen Unterthanen, auch den geringsten uno entferntesten, in dieser Rücksicht schuldig ist. Es leben auf den dänisch-westindischen Inseln jetzt viele freie Neger, die bürgerliche Rechte genießen, sowie die Gesetze auch den nicht freien eine menschliche Behandlung gewahren und die Übertreter dieser Gesetze bestrafen. Die Aufmerksamkeit des Mutterstaats auf Grönland, wo bereits seit 1721 danische Ansiedelungen blühten und für den Unterricht der Eingeborenen gesorgt wurde, hat sich in spatern Jahren verdoppelt. Frühere Nachforschungen und Entdeckungen der Spuren der alten norwegischen und islandischen Colonisten, welche Grönland im 10. bis 15. Jahrhundert bewohnten, sind fortgesetzt und die Überbleibsel ihrer Wohnungen ferner untersucht und beschrieben worden. Die neuesten Reisen und Untersuchungen sind in den Jahren 1828 — 29 durch vr. Pingel und Graah (Capitainlieutenant in der königl. Marine) gemacht worden, von denen der Letzte bis zu 65° 18' N. B. und 38° 28' W. L. von Green- wich vordrang. S Schon die ersten Könige oldenburgischen Stammes ließen sich das Schulwesen angelegen sein; Friedrich IV. förderte das von seinen Vorgängern angefangene Werk durch Erbauung noch mehrer Schulen, sodaß unter diesem König allein 240 Dorfschulgcbäude im Jahre 1721 aufgeführt wurden; unter den zwei nächsten Königen sowie unter Christian VII. schritt die Sache noch mehr fort, und Friedrich VI. folgte dem Beispiele seiner Vorganger. Es gibt jetzt in dem danischen Staate keinen Erwachsenen, der nicht lesen, rechnen und schreiben gelernt hätte. Der wechselseitige Unterricht wird zur Förderung dieses Zwecks benutzt; die vom Anfange 1882 zur Normalschule jener Unterrichtsmethode bestimmte Waisenhausschule in Kopenhagen steht, seitdem der Stifter der Methode in Dänemark, Oberstlieutenant Abrahamson (f. d.), seinem Wunsche gemäß, nun gänzlich von der Leitung dieser Angelegenheit entlassen worden, unter der Aufsicht des Bischofs von Seeland und eines Deputirten der danischen Kanzlei. Gymnastische Übungen wurden seit dem letzten Decennium des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen betrieben und sind, nachdem sie schon lange in mehren öffentlichen und privaten, bürgerlichen sowie militairischen Lehranstalten stattfanden, jetzt in allen höhcrn und Niedern Schulen eingeführt worden. Auch in den letzten Jahren wurden gewisse Summen aus dem Fonds uck usus publicus zu gemeinnützigen Zwecken verwendet. Aus dielen, Fonds werden mehre Unternehmungen in Wissenschaft, Kunst und Gewerbe, wenn sie von der Art sind, daß sie ihren Urhebern nicht sogleich die Kosten erstatten, mit angemessenen Summen unterstützt, z. B. die Herausgabe kostbarer Werke, wie die „Vjoru ckanicu" u. m. a. Junge talentvolle Männer, die mit ihren Studien oder in ihrer Kunst so weit vorgerückt sind, daß sie durch Reisen eine freiere oder höhere Bildung gewinnen können, erhalten ebenfalls aus demselben Reisemittel, wenn sie solcher bedürfen, sowie auch Gelehrte und Künstler, deren Lage irren Verdiensten nicht entspricht, hieraus Unterstützungen empfangen. Auch hatte das Reglement für die Civkkausgaben schon von alter Zeit her „für Verbreitung der 574 Danemark Wissenschaften, der Künste und des Geschmacks" eine Rubrik. Ein polytechnisches Institut ward vor einigen Jahren unter der Leitung des berühmten Physikers Orsted gestiftet und erfreut sich eines guten Fortgangs. Für die höhere Bildung der Offiziere der Armee wurde durch Errichtung einer militairischen hohen Schule gesorgt, die auch Seeoffiziere besuchen dürfen; Vorsteher dieses Instituts sind der Generallieutenant Bülow und der Oberstlieutenant Abrahamson. Die vorbereitende Bildung empfangen die Offiziere der beiden Etats auf den für jeden bestehenden Lehranstalten, nämlich der Seecadetten- und der Landcadettenakadenue, Wohlbekannt ist die Sorge, welche für den Unterricht und die Belehrung auch der Niedern Volksclassen in Dänemark von alter Zeit her getragen wurde. Die dänische Literatur ist in den drei letzten Jahren mit bedeutenden Werken bereichert worden. Unter diesen möchten wol als ausschließend national hier vorzüglich zu nennen sein: P. E. Müller, „Critisk Undersögelse af Saxos danske Historie" (Kritische Untersuchung über die dänische Geschichte des Saxo Grammaticus); N. M. Petersen, „Det Dansk-norske og det svenske Sprogs Historie under deres Udvikling af Stamsproget" (Geschichte der dänisch-norwegischen und der schwedischen Sprache in ihrer Entwicklung aus der Ursprache), 3 Theile; „(Zragas, Hin ?orua läögchok IsIenckinAa; (Pollex juris Isianclornm antie^uissi- MUS etc." *); Ohlenschläger, „Hrolf Krake, et Heltedigt" (Hrolf Krake, ein vaterländisches Heldengedicht); Thiele, „Thorwaldscn's Levnet og Becker" **) (Thorwaldsen's Leben und Werke, mit vielen Kupfern). — Was die Preßfreiheit anbetrifft, so muß man, wenn auch die letzt bestehenden desfallsigen Anordnungen in Dänemark (zum Theil wegen politischer Berücksichtigung auswärtiger Verhältnisse) noch Vieles zu wünschen übrig lassen, dennoch billigerweise anerkennen, haß keine Willkür herrscht, und daß namentlich die Vorschriften der Verordnung vom 27. Sept. 1799 zur genauern Bestimmung der Grenzen der Druckfreiheit nur auf sehr liberale Weise erklärt und befolgt werden. Die bekannte Rechtssache z. B., in welcher die Kanzlei (das Justizcollegium) den Magister Lindberg gerichtlich belangen ließ, nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Gesetzmäßigkeit der Herausgabe seiner Flugschrift gegen Clausen, gewann der Verfasser. Dieser unterließ auch keineswegs, nicht nur die von der Regierung angefochtene Schrift sogleich öffentlich bekannt zu machen, sondern, um vollständig zu triumphiren, bald darauf eine andere Schrift herauszugeben unter dem Titel: „Trykkefriheden, eller Jndlaeg, Domme og Bilag i Sagen: Höiesieretsadvocat O. E. Guldberg, som Generalsiskal, contra Magister I. C. Lindberg, Adjunct ved Metropolitanskolen, anlagt af det kongelige danske Cancellie, i Anledning af Skriftet: Er vr. Urof. lAeol. H. N. Clausen en aerlig Laerer i den christne Kirke l" (Die Druckfreiheit, oder Deduktionen, Urteilssprüche und Beilagen der Rechts- fache: Der Advokat des obersten Gerichts O. E. Guldberg, als Generalsiscal, contra den Magister I. C. Lindberg, Adjuncten der Metropolitanschule, eingeleitet von der königlichen dänischen Kanzlei in Veranlassung der Schrift: Ist der Doctor und Professor der Theologie H. N. Clausen ein aufrichtiger Lehrer der christlichen Kirche?) Das jetzt geltende dänische Gesetzbuch, auf die altere Gesetzgebung der Waldemare und ihrer Nachfolger gegründet, schreibt sich aus den Zeiten des Königs Christian V. (1683) her. Von diesen Gesetzen sagt ein aus Wahrem und Unwahrem selt- *) Die unter dem Titel „(Zenits" (Die graue Gans) bekannte Sammlung der ältesten isländischen Gesetze und Rechtsnormen, mit lateinischer Übersetzung, Varianten, Wort- und Sachregister, nebst einem historisch-kritischen Commentar von v- W. Schlegel. ' . . Davon erschien 1332 zu Leipzig bei Brockhaus der erste Band in deutiupr Übersetzung mit den Kupfern des Originals (Preis 20 Thlr.). David 575 B MI' Äi! S»»''K sam gemischter Artikel über Dänemark in der„Rne^c1opae6mLritkmnicÄ", sie seien so concis in der Landessprache geschrieben, daß der ganze Codex in einem Quartbande enthalten ist. Dies ist an und für sich wahr, und die Trefflichkeit dieser Gesetze wird von Kundigen anerkannt, allein die seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts ergangenen Verordnungen, welche dem Ersoderniß der Zeiten gemäß jene erganzen, machen ein betrachtliches Aggregat aus, sodaß es zwar jedem Einwohner Danemarks, wie der angeführte englische Verfasser ferner bemerkt, frei steht, seine eigne Sache vor Gerichte zu führen, ohne Consulenten oder Advokaten, dieses aber jetzt, weil es den meisten Nichtjuristen an Kenntniß der Gesetze in ihrem ganzen Umfange mangelt, nur sehr selten der Fall ist. Wenngleich nun der Proceß in seinen Formeln einfach und, wie jener Autor ganz richtig äußert, kurz, und doch die Rechte der streitenden Parteien in jeder Rücksicht schützend ist, so können wir demselben jedoch darin nicht beipflichten, daß es in Dänemark überhaupt nur einige wenige Advokaten gäbe, um einzelner Individuen willen, die zu eigner Vertheidi- gung nicht reden wollen oder können. Die in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Dänemark hergestellte Bauernfreiheit ist schon zur Genüge kundbar geworden. In Hinsicht der bürgerlichen Freiheit überhaupt können wir auf jene Gesetze sowie auf die Rechtspflege verweisen. Die möglichste Beschleunigung des Rechtsganges in allen Fällen (sodaß kein Individuum in VerHaft genommen werden darf, ohne sogleich oder innerhalb 24 Stunden verhört zu werden), die weise Ordnung der Instanzen, die Öffentlichkeit der Zeugenverhöre sowie der ganzen Gerichtshaltung, dieMittheilung derUrtheilsgründe unter steter Anführung der Belegstellen aus den Gesetzen, die sehr bedeutende Beschränkung der privilegirten Gerichtsstande, sind meistens schon lange bestehende Einrichtungen. Die zur Vorbauung unnöthiger Processi vor einigen zwanzig Jahren errichteten Vergleichscommissionen aber gehören einer neuern Zeit an. Die Freiheit und die Institutionen, andere Zweige der bürgerlichen Verfassung betreffend, stehen im Allgemeinen mit jenen im Einklang. (4) David (Pierre Jean), französischer Bildhauer, ward im Jahre 1789 zu Angers geboren. Er lernte in seiner Vaterstadt zeichnen, wozu er schon von Kindheit an große Anlagen zeigte, und begab sich dann zu seiner weitern Ausbildung nach Paris, obwol es ihm fast ganz an Mitteln zum Unterhalte fehlte. Hier lebte er anfangs sehr kümmerlich, hatte jedoch bald das Glück, die Zuneigung des berühmten Malers David zu gewinnen, der ihn unentgeltlich als Lehrling aufnahm. Auch andere Künstler, sowie die Akademie derKünste selbst, verwendeten sich für den jungen Mann, der ein so vielversprechendes Talent bewies, und dies hatte zur Folge, daß ihm seine Vaterstadt Angers einen Jahrgehalt von 500 Francs bis zum Ende seiner Künstlerlehrjahre aussetzte. Erlegte sich nun mit großem Eifer auf die Bildhauerkunst und erwarb im Jahre 1811 den ersten Preis der Bildhauerei in der Kunstschule, wodurch ihm die Vergünstigung gewährt wurde, sich auf Kosten der Regierung einige Jahre in Italien aufzuhalten. Seine Anwesenheit in Nom benutzte er besonders dazu, die alten Meisterwerke der Kunst zu studiren und fleißig Canova's Atelier zu besuchen. Erst im Jahre 1816 kehrte er wieder nach Paris zurück, von wo er sich bald darauf nach London begab, um die berühmten, von Lord Elgin aus Griechenland mitgebrachten Bildwerke der alten griechischen Meister zu sehen. Wie man erzählt, wurde ihm in England der Antrag gemacht, die Errichtung einer Denksäule mit Basreliefs zu Ehren der Schlacht von Waterloo zu übernehmen, den er jedoch, obwol er sonst noch ganz ohne Aussichten war, mit Verachtung, als seinem Nationalgefühle zuwider, zurückgewiesen haben soll. 'Aach seiner Rückkehr begann er endlich in Paris eine lange Reihe von Arbeiten, die leinen Ruf begründeten und ibn in den Stand setzten, sich eine unabhängige Lage Zu sichern. Er erhielt! 825 den Orden der Ehrenlegion und wurde im folgenden Iah re 576 Davidson Mitglied derXenelemie ckes beaui arts und Professor an der Kunstschule in Paris Unter der großen Anzahl von Büsten, die er gearbeitet hat, nennen wir vornehmlich die von Bentham, Casimir Delavigne, Cooper, Fenelon, Montesquieu und Göthe. Zur Modellirung der letztern unternahm er 1829 eigens eine Reise nach Weimar und führte das Modell nachher im Großen in Paris aus, wo diese Büste auf der öffentlichen Kunstausstellung 1830 allgemeine Bewunderung erregte. Im Sommer 1831 schickte er sie Göthen selbst zu, mit dem nachfolgenden Schreiben, das wir uns nicht enthalten können, zur Charakteristik der gemüthlichen Seite des Dichters hier mitzutheilen: „Paris, 18. Zun. 1831. Mein Herr! Sobald meine jugendlichen Gedanken sich auf die Betrachtung der erhabenen Werke der Natur zu richten vermochten, galt meine Bewunderung den großen Mannern, die ihre schönste Schöpfung sind. Ich widmete mich der Bildhauerkunst als einem dauerhaften Mittel, ihre Züge zu verewigen; ihnen weihte ich mein Leben und alle Empfindungen meiner Seele. Es war mir als ein unverdientes Glück aufbehalten, die Züge des Größten, des Erhabensten nachzubilden. Ich bringe Ihnen diese schwache Darstellung Ihrer Züge dar, nicht als ein Werk, das Ihrer würdig sei, sondern als den Ausdruck eines Herzens, welches richtiger fühlt als das Gefühlte auszudrücken vermag. Sie sind die große poetische Gestalt unseres Zeitalters; es ist Ihnen eine Bildsaule schuldig, aber ich wagte es, ein Fragment davon zu bilden; ein Ihrer würdiger Genius wird sie vollenden." (Vergl. K. W. Müller, „Göthe's letzte literarische Thätigkeit", S. 56.) DieseKolossalbüste, die auf Göthe selbst einen sehr bedeutenden Eindruck gemacht haben soll, wurde nach seinem eignen Wunsch in dem Saale der großherzoglichen Bibliothek aufgestellt, und zuerst am Tage seines letzten Geburtsfestes feierlich von ihrem Schleier enthüllt. Sie ist ohne Zweifel D.'s geistreichste und gelungenste Arbeit, welche durch eine warme und lebendige Auffassung beseelt und charakterisirt wird. Auf Geheiß der Negierung verfertigte D. auch eine der kolossalen Statuen, welche die Brücke Ludwigs XVI. in Paris zieren, nämlich die des Prinzen Conde, wie er seinen Marschallsstab in die feindlichen Linien zu Freiburg wirft; sie gehört zu den schönsten Bildsaulen jener Brücke. Im Auftrage der Regierung arbeitete er ferner eine Statue Racine's, und für das VÜLätre lralu'cüs die Bildsaule des Schauspielers Talma. Auch wurde D. bei Veranlassung des Monuments, welches Foy auf dem Kirchhofe des VäreDucbaiso auf Subscription errichtet ward, beauftragt, die Bildsaule dieses berühmten Redners zu verfertigen. Er arbeitete ferner auch an den Basreliefs, mit welchen der Triumphbogen auf dem Carousselplatze in Paris nach dem Feldzuge des Herzogs von Angouleme im Jahre 1823 verziert wurde, die aber nach der Iuliusrevolution im Jahre 1830 den alten napoleonischen Basreliefs, die sonst diese Stelle einnahmen, wieder weichen mußten. D. ist jetzt einer der geschätztesten französischen Bildhauer in Paris-, er besitzt ein tiefes Gefühl des Erhabenen und Schönen und hat die Antike auf eine geistreiche Weise in sich aufgenommen. Davidsvn (Lucretia Maria). Es gibt kaum eine Individualitat, deren Leben selbst so entschieden den Eindruck des rührendsten Gedichts darböte, als die der jungen nordamerikanischen Sängerin D., deren Name erst öffentlich bekannt geworden, nachdem ein früher Tod bereits die herrlichste, von einem wahrhaft poetischen Geiste beseelte Blüte zerstört hatte. Lucretia war am 2'7. September 1868 in Plattsburg in den Vereinigten Staaten geboren, von unbemittelten, aber gebildeten Altern, denen es nicht an Sinn und Gefühl gemangelt zu haben schien, das fast übergeistig zu nennende Streben ihres wunderbar begabten Kindes mit Theilnahme zu begünstigen. Schon in ihrem vierten Jahre suchte das kleine Madchen, die gewöhnlichen Kinderspiele fliehend, einer schwärmerischen Einsamkeit sich hinzugeben, wo sie sich insgeheim Skizzenbücher ganz eigner Art anfertigte, indem sie mehre Blatter Papier zusammennähte und die eine Seite derselben mit Zeichne« kt ein Davis 577 ^iW«sihi^ nungen anfüllte, die andere aber mit einer den gedruckten Buchstaben nachgebildeten und unleserlich ohne Abtheilungen aneinandergereihten Schrift bemalte, hinter welchen Hieroglyphen man jedoch nach mühsamer Entrathfelung Verse entdeckte, die mit den gegenüberstehend gezeichneten Figuren in Verbindung standen. Lucretia wollte in Thränen vergehen, da sie ihr Geheimniß von der Mutter, welche diese Studien ausgefunden hatte, entdeckt sah, und als sie ihre Skizzenbücher wieder zurückerhalten, wurden sie sammtlich von ihr selbst dem Feuer überantwortet. Dieser Gewohnheit folgte sie auch in spatern Jahren noch oft, daß sie ihre Poesien, besonders wenn dieselben vor der Zeit und unvollendet ihrer Umgebung bekannt geworden waren, selbst wieder vernichtete. Die erste bedeutende Anerkennung ihres Talents erlebte die elfjährige Dichterin, als sie bei Gelegenheit der öffentlichen Geburtstagsfeier Washingtons, zu welcher sie der Vater mitgenommen, so von dem innigsten Gefühl der Verehrung für den Helden, dessen Leben ihr früher schon ein Gegenstand der Betrachtung geworden, hingerissen wurde, daß sie, sobald sie wieder nach Hause gekommen, sich niedersetzte, um ihm eine Todtenurne zu zeichnen, zu der sie einige tief empfundene Verse hinzufügte. Diese letztern waren ihr so gelungen, daß ihre Tante sie nicht der eignen Produttion des Madchens zuschreiben zu dürfen glaubte, sondern sie für entlehnt ansehen wollte, gegen welchen Argwohn sich Lucretia in einem neuen Gedichte so siegreich vertheidigte, daß ihr unverkennbarer Dichterberuf jetzt keinem Zweifel mehr unterliegen konnte. Leider ging diese wahrhaft schöne Natur durch eben Das unter, wodurch sie sich vor Allen ihres Alters und Geschlechts auszeichnete, nämlich durch das unaufhörlich regsame, geistige Feuer ihres Wesens, das ihr Dasein in seinem Werth erhöhte, aber auch schnell dieses unendlich innerliche, in Sehnsucht und Poesie ganz aufgelöste Gemüth verzehrte. Die Erregbarkeit und Hingerissenheit ihres Geistes war so groß, daß sie beim Anhören eines Liedes, eines Gesanges bis zur Ohnmacht erschüttert zu werden vermochte. In einem Alter von 16 Jahren und 11 Monaten unterlag dieses liebliche, auch durch seltene äußere Schönheit ansprechende Dichtermädchen den Folgen ihrer zu tief ergriffenen geistigen Beschäftigungen am 27. August 1825, als sie eben zur umfassendem Entwickelung ihrer reichen Anlagen in eine der höhern Bildungsanstalten des Landes gesendet worden war. Sie betrieb das Dichten und Sinnen mit einer Glut und Leidenschaft, wie sie nur bei dem wirklich himmelgeborenen Genius angetroffen wird, aber die zarte Jungfrauenhülle war zu zerbrechlich, um die volle Stärke des erscheinenden Gottes in sich ertragen zu können, und sie verging vor seiner Allgewalt. Obwol Lucretia mehr als den dritten Theil ihrer Arbeiten selbst vernichtet hat, beläuft sich dennoch die Zahl ihrer hinterlassenen Gedichte aus 278. Man findet dieselben gesammelt und mit einem Lebensabriß der Dichterin begleitet, unter dem Titel: „t^mir Xbem anck otster : ttie remain» nt'Imcretüi Uariu Vavickson. VVitk u bio^ru^üical sketcti. 8. ?. ö. Aloise." (Neuyork 1829.) Diese Gedichte, nicht selten ungenügend in der Form, sind doch alle von einem Funken der Weihe beseelt, die sie weit über die Gewöhnlichkeit hinaushebt. Darunter sind fünf größere Gedichte, die sich zu mehren Gesängen ausdehnen. Drei Romane hinterließ Lucretia unvollendet. Eine Tragödie hatte sie bereits in ihrem dreizehnten Jahre gedichtet. , (47) Davis (John Francis), Sohn des Directors der ostindischen Compagnie zu Kanton in China. Er hat sich vorzüglich verdient gemacht durch Übersetzungen aus der, bisher in Europa sehr vernachlässigten schönen Literatur der Chinesen. Zuerst erschien von ihm die Übersetzung eines kleinen chinesischen Romans: „8»n m leou" (Kanton 1815), welcher in Europa Beifall fand. Hierauf lieferte er ein chinesisches Drama: „I^aou seiiAurst, or: an stein in bis olck aZe" (London 1817). Vorangestellt ist eine Abhandlung über das chinesische Drama und die theatralischen Vorstellungen in China. Die chinesischen Dramen sind Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. Z7 578 Decaux Decker mit häufigen Arien oder Gesangstücken untermischt; von diesen hat D. in der Übersetzung manche weggelassen. Sodann erschien von ihm: „^tnnese novelz tran-Iated from tke oriFinats; ta rvkick are uckckeck proverbs and worgl maxims" (London 1822) Die erste Novelle ist: „Der Schatten im Wasser"; die zweite: „Die beiden Zwillinge"; die dritte das schon erwähnte „8an iu leo», oder die drei heiligen Stockwerke". Ferner erschien von D.: „Kien nun «boo, ckinese mnral maxiins" (Macao 1823). Ein zweites chinesisches Drama lieferte D. in dem Buche: „kan IcoonA tsevr, or ttie sorrorvs olkan, a ciiinese tra^ed^" (London 1829); beurtheilt von Klaproth im „lournal asistiyne" (Jul. 1839). Dann erschien: „3Ae Fortunate nnion, a romance, trsnsiateck irom tlle cdinese original >v>tti notss and illnstrations; to vvkicll is added a ctiinese tra^ed^" (London 1830). Mehre Abhandlungen von D. über chinesische Literatur und Poesie stehen auch in den „Verhandlungen" der asiatischen Gesellschaft zu London. Uber den Werth des von Klaproth sehr getadelten chinesischen Wörterbuchs von Morrison, gerieth D. in einen heftigen Streit mit jenem Orientalisten. Decaux (Louis Victor Blacquetot, Vicomte), Generallieutenant beim Ge- niewesen, Kriegsminister während der Martignac'schen Verwaltung. Er ward 1775 zu Douai geboren; sein Urgroßvater, Großvater, Vater und seine Oheime waren, wie er, Generallieutenants beim Geniewesen. Der junge D. trat 1793 in den Militärdienst, nahm an den Feldzügen in den Ardennen, am Rhein und der Mosel Theil, zeichnete sich bei mehren Gefechten in Deutschland aus, und besonders beim Übergang über die Donau, ward 1799 als Bataillonschef vom Oberfeldherrn Mo- reau beaustragt, mit dem östreichischen Commissair, Grafen von Bubna, einen Waffenstillstand abzuschließen, und endlich 1807 in den Bureaux des Kriegsministe- riums angestellt. Zur Zeit der englischen Expedition nach Walcheren war er einer der obern Offiziere, durch deren Gewandtheit die Unternehmung des Lord Chatham und des Admirals Strachau mislang. Nach diesem Feldzuge trat er wieder ins Kriegsministerium, wurde Oberst und Baron. Zur Jnvasionszeit unterhandelte er in Auftrag des Herzogs von Richelieu die Vertheilung der fremden Truppen auf französischem Gebiet und soll es durch seine Bemühungen dahin gebracht haben, daß der französischen Nation nicht weniger als 20 Mill. Francs erspart wurden. Um den Ungehörigkeiten, welche die Sieger sich erlaubten, ein Ende zu machen, setzte er es durch, daß französische Oberoffiziere neben den Anführern des Occupationsheeres angestellt wurden. Die Regierung ernannte 1817 den Vicomte D. zum Staatsrath. Er verließ 1821 das Kriegsministerium, trat 1823 wieder ein und wurde in demselben Jahre Generaldirector der Verwaltung des Kriegswesens. Im Jul. 1823 ward er Generallieutenant, 1827 Großoffizier der Ehrenlegion und Abgeordneter, 1828 Kriegsminifter. Am 8. August 1829 wurde er jedoch durch Bourmont ersetzt. Nach der Juliusrevolution ergriff er in der Deputirtenkammer das Wort, um zu beweisen, daß die Festungen während der Restaurationszeit gehörig mit Munition versehen gewesen waren. Seine Rede war gegen den Marschall Soult gerichtet; im Übrigen war er Anhänger des stiste onlieu. D. ist Großkreuz des Ferdinands-, des Jsabellen-, Commandeur des östreichischen Leopolds-, des sächsischen Heinrichs-, des hanövrischen Guelphen- und Ritter des russischen Annenordens erster Classe. Decker (Karl von), geb. 1784 zu Berlin, Sohn eines preußischen Generals, widmete sich 1797 der militairischen Laufbahn, ward 1800 Secondlieute- nant bei der reitenden Artillerie und machte 1807 den Feldzug in Ostpreußen mit, wo er sich in der Schlacht bei Eylau auszeichnete und den Orden paar 1e umritt' erhielt. Später nahm er jedoch seinen Abschied und folgte dem Corps des Herzogs von Braunschweig 1809 nach England. Hier ward er als Rittmeister angestellt, konnte jedoch, durch Dienstverhältnisse in England zurückgehalten den Krieg am Deinhardstein 579 der pyrenäischen Halbinsel nicht mitmachen. 181?, als er die Rüstungen seines Vaterlandes vernahm, kehrte er nach dem Continent zurück und trat, als Hauptmann beim Generalstabe, wieder in vaterlandische Dienste. Er focht in den Schlachten bei Dresden, Kulm, Leipzig, in den Gefechten 1814 in Frankreich, bei Ligny und Belle Alliance, und erhielt den Wladimirorden vierter Elaste und das eiserne Kreuz. Er wurde 1816, noch immer im Generalstabe, Dirigent einer Vermessungsabtheilung beim topographischen Bureau, 1817 Major im großen Generalstabe in Berlin, 1818 Lehrer bei der allgemeinen Kriegsschule, sowie bei der Artillerie- und Ingenieurschule in Berlin, legte aber letztere Stelle 1830 wieder nieder. Eine von D. verfaßte Recension verwickelte ihn in einen Streit mit dem Hauptmann von Nonhoff; ein Pistolenduell war die Folge hiervon, und D. hatte das Unglück, seinen Gegner zu tobten. In Folge der hierdurch verwirkten Strafe erlitt er einen Festungsarrest zu Spandau. 1838 verließ er den Generalstab, und ward bei der Artillerie angestellt, wo er den Befehl über die achte, spater über die erste Artilleriebrigade erhielt. D. ist als einer der thätigsten Offiziere des preußischen Heeres bekannt. Vorzüglich zeichnete er sich als Schriftsteller aus. Seine Schrift: „Das militairische Aufnehmen" (Berlin 1816), enthalt neue Ansichten und Methoden, wie auch besonders Anweisungen zum Gebrauch der Patentboussole und des Reflectors; seine „Artillerie für alle Waffen" (3 Bde., ebendaselbst 1817) ist eins der brauchbarsten Lehrbücher für Nichtartilleristen. Außerdem schrieb er- „Theorie des Reflectors" (Berlin 1817); „Gefechtslehre der Cavalerie und reitenden Artillerie" (ebendaselbst 1819); „Lesebuch für Unteroffiziere und Soldaten" (ebendaselbst 1830; dritte Aufl. 1831); „Geschichte des Geschützwesens" (ebendaselbff1830; zweite Aufl. 1833); „Bonaparte's Feldzug in Italien" (ebendaselbst 1835). Er gab 1834 in Berlin eine militairisch-topographische Karte des Landes zwischen dem Rhein und der Maas heraus; auch war er Redacteur des berliner „Militairwochenblatts", der „Militairliteraturzeitung" und der „Zeitschrift für Kunst, Wissenschaft und Geschichte des Kriegs". Als belletristischer Schriftsteller, unter dem Namen Adalbert vom Thale, schrieb er: „Freie Handzeichnungen" (Berlin 1818); „Geburtstagsspiele und andere kleine dramatische Dichtungen" (3 Bde., ebendaselbst 1831 — 33), und zahlreiche Aufsatze im „Gesellschafter", der „Abendzeitung" u. s. w.; doch erhebt sich keiner seiner belletristischen Aufsatze über die Mittelmäßigkeit. Bedauerlich ist, daß D. auch als militärischer Schriftsteller ein gewisses Bestehen auf seinen Ansichten und eine Schroffheit des Urtheils nicht vermeidet, die verwundet ohne zu bessern, pole- misirt, ohne zu belehren. Besonders zeigte sich dies in seinem Ankämpfen gegen den verstorbenen sächsischen Major Lehmann, dem er das Verdienst, zuerst eine klare Ansicht der Terrainzeichnung aufgestellt zu haben, vergebens zu entrei, ßen strebt. Deinhardstein (Ludwig Franz), ein bekannter östreichischer Theaterdichter und Kritiker, wurde 1789 zu Wien geboren. Er machte seine Studien an der dortigen Hochschule und soll in seinen frühern Jahren durch eine sehr scharfe und satyrische Beweglichkeit des Geistes, die ihm damals eigen gewesen und welche er besonders in geistreichen Privatcirkeln unbesorgt spielen ließ, nicht selten den Verfolgungen der wiener Polizei anheimgefallen sein, während er dagegen später, zu einem höchst loyalen Gegensatz sich bekehrend, selbst als Censor seine frühere Richtung mit großem Beifall der obernBehörden bekämpft zu haben scheint. D.'s literarische Wirksamkeit ist besonders in seinem Lehramte der Ästhetik, das er nach dem Abgange seines tresslichen Freundes, des Lyrikers Haschka, an der therestani- schen Ritterakademie erhielt und auch eine Zeitlang an der wiener Universität verwaltete, mit ehrender Anerkennung zu nennen. Eine weniger unbedingte Aufnahme ist seinen im Druck erschienenen poetischen und kritischen Arbeiten selbst zu 37* 580 Deinhardstem Theil geworden. Unter seinen poetischen Versuchen scheinen ihm Lieder und lyrische Ergüsse am besten zu gelingen, und er offenbart hier, besonders in seinen Sonetten, nicht selten viel Gewandtheit der Form. Seine Theaterstücke, unter denen er mehre frühere Jugendarbeiten ungedruckt liegen ließ, haben eine sehr ungleiche Anerkennung gefunden; sein „Hans Sachs", der ohne Zweifel mit Bühnenkennt- niß gearbeitet ist, machte auf mehren Theatern großen Effect, wahrend er auf andern ein ungünstiges Schicksal erfuhr. „Maximilians Brautzug" scheint dagegen nirgends angesprochen zu haben. Uberhaupt ist D. im Lustspiel glücklicher als in seinen tragischen Produktionen, und im erstgenannten Gebiete dürfte sein „Egoist" keine ganz werthlose Leistung sein, sowie auch sein neuestes Lustspiel: „Garrick in Bristol", das zum ersten Mal im Jun. 1832 in Wien auf die Bühne kam, vielBeifall fand. Die Celebritat seines Namens als Schriftsteller verdankt D.eigent- lich erst der Übernahme der Redaction der wiener „Jahrbücher der Literatur", zu der er nach Kopitar's Abgange 1829 gelangte. Dieses durch die Fürsorge des Fürsten Metternich so reichlich dotirte Institut, das seinen festen und von allen Zufälligkeiten unabhängigen Mitteln nach eine ausgezeichnete Rolle in der deutschen Literatur spielen könnte, hatte seit seiner 1818 in gutem Geiste unternommenen Gründung mancherlei seltsame Schicksale erfahren, die auf sein wissenschaftliches Gedeihen nicht wohlthätig einwirken konnten. Die Redaction sah sich bald in ihrem Wirkungskreise gehemmt; ihre Richtung auf Theologie, Philosophie, Geschichte und Politik wurde nicht nur durch engherzige Vorschriften beschränkt und wol ganz gelähmt, sondern ihr Urtheil wurde auch selbst in den einzelnsten Fällen durch eine solche Controle eingezwängt, daß sie sich sogar Anweisungen von oben in Bezug auf die Art und Weise der Äußerung über dieses oder jenes literarische Werk, das man ofsi'cieller Zwecke halber entweder vernichten oder ausbringen wollte, gefallen lassen mußte. So kam es, daß Collin, der seit 1818 Herausgeber war, von dem Institut ausschied, und Hr. von Bucholtz an seiner Stelle die Redaktion übernahm. Dieser verwaltete sie jedoch so sehr im Sinne des Obskurantismus, daß sich die Stimme des Publicums laut dagegen erhob. Der verdienstliche Philologe Ko- pitar ersetzte endlich auf Veranlassung des Fürsten Metternich selbst, der sich einzuschreiten bewogen fühlte, den bisherigen Redacteur, aber auch Kopitar vermochte den ununterbrochenen Druck der Censur, die sich immer tyrannischer geltend machte, nicht lange auszuhalten und schied ebenfalls bald aus. Nach ihm trat nun D. ans Ruder, der inzwischen selbst Censor geworden war und Schmiegsamkeit genug zu besitzen scheint, um seine Censorgrundsätze mit seinen Redaktionsbestrebungen glücklich vereinigen zu können. Das Verdienst, sich um die Emporbringung des Journals wenigstens sehr bemüht zu haben, ist ihm nicht abzusprechen, denn er unternahm 1830 lediglich in der Absicht eine Reise durch Deutschland, um geeignete Mitarbeiter für die ihm anvertraute Zeitschrift anzuwerben und die Interessen derselben an allen Orten zu fördern. Als Frucht dieser Reise ließ er seine „Reiseskizzen" drucken, die ihrer Flüchtigkeit und Inhaltslosigkeit wegen nicht mit Unrecht von der Kritik viele Anfeindungen zu erdulden gehabt haben. In wie gutem Vernehmen D.'s Gesinnung als Schriftsteller und öffentlicher Beamter mit dem östreichischen Princip steht, bewies erst kürzlich seine im Jun. 1832 stattgefundene Berufung an die Stelle des rühmlichst bekannten Hoftheatersecretairs und Dramaturgen, Karl Thomas Schreyvogel (C. A. West), welcher ohne sein Ansuchen plötzlich in den Ruhestand versetzt worden war.^ Das Burgtheater in Wien verdankt seine ausgezeichnete Blüte seit mehr als 20 Jahren lediglich der unermüdeten Thätigkeit Schreyvogel's, der nicht nur durch praktischen Blick, seltene Ausdauer und eine höchst umfassende Bühnenkenntniß, sondern auch durch Heranbildung und Berufung der bedeutendsten Talente, wie durch Wiedereinführung Shakspeare's, Calderon's und vieler englischen und spanischen Meister- Delbrück (Johann Friedrich Gottlieb) 58 l 7^ MdUjjU- MiWIli werke, zum Theil in eignen Bearbeitungen, auf das Anerkennenswertheste wirkte, sodaß es seinem Nachfolger schwer fallen wird, den jetzt noch durch die allgemeine Verstimmung des Publicums gereizten Anfoderungen in der Bühnenleitung mit gleichem Erfolg zu entsprechen. Delbrück (Johann Friedrich Gottlieb), ältester Sohn eines trefflichen Vaters, welcher in Magdeburg Rathmann, d. h. Mitglied des damals zugleich die stadtische Gerichtsbarkeit verwaltenden Magistrats war, wurde den 22. Äug. 1768 zu Magdeburg geboren. Nach dem frühen Tode des Vaters, der unfern D. in seinem fünfzehnten Jahre verwaiste, unterzog sich die edle Mutter, eine der seltenem Frauen, der Erziehung ihrer acht Kinder, von welchen der Erstgeborene, schon auf der Domschule seiner Vaterstadt unter Funk's Leitung ausgezeichnet und hier, aufBasedow's Rath, noch ein Jahr langer verweilend, als sonst zu geschehen pflegt, 1787 die Universität Halle bezog, sich dem Studium der Theologie zu widmen. Hierzu fand er in dem seiner Mutter befreundeten Niemeyer'schen Haufe die freundlichste Unterstützung, aber durch F. A. Wolf und I. A. Eberhard auch Aufmunterung zu humanistischen Studien. Nachdem er 1790 die philosophische Doctorwürde erlangt, kehrte er nach Magdeburg zurück, wo er eine ihm vom Magistrat übertragene Lehrerstelle an der altstädter Schule, die damals noch ein Gymnasium war, übernahm. Bald wurde hier sein Werth vom Propst Rötger erkannt, der kein Bedenken trug, dem jungen Manne 1792 die erledigte Rectorstelle am Pädagogium des Klosters Unserer lieben Frauen zu Magdeburg anzuvertrauen. Es konnte nicht fehlen, daß D. in dieser Stellung mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die hauptsächlich aus dem Widerstreben älterer Lehrer, sich den Anordnungen eines jüngern zu fügen, hervorgingen, die aber später durch die Anerkennung seines redlichen, treuen Bestrebens, seines lautern Sinnes und durch die dankbare Verehrung zahlreicher Schüler ihm vergolten wurden. Im Jul. 1800 ward D. zu dem nach Magdeburg gekommenen Minister und Generalcontroleur der Finanzen, Grafen von der Schulenburg-Kehnert, gerufen, der ihm eröffnete, daß der König von Preußen ihn zum Erzieher des Kronprinzen, damals im fünften Jahre seines Alters, ausersehen habe. Schnell mußte sich D. zur Annahme dieses hochwichtigen und ehrenvollen Berufs entschließen, und schon nach drei Tagen eilte er seiner neuen Bestimmung entgegen. Bald wurde ihm auch dieErziehung des zweiten königlichenSoh- nes, des Prinzen Wilhelm, anvertraut, und so verlebte D. neun denkwürdige Jahre in diesem ihn sehr beglückenden Verhältnisse. Das Vertrauen des Königs und der verewigten Königin gewahrte ihm die in ähnlicher Lage gewiß seltene Gunst, in dem seinen Händen anvertrauten Werke frei nach eigner 'Ansicht zu handeln und die schönen Änlagen seiner Zöglinge ungestört entwickeln zu dürfen; er stand ihnen treu zur Seite, als das Unglück des Vaterlandes hereinbrach, und übte freudig den hohen Beruf, die jungen Fürsten nicht bloß auf das Beispiel zu verweisen, welches die Seelengröße des Königspaares in jener verhängnißvollen Zeit darbot, sondern auch in den jungen Gemüthern die Eindrücke sich entwickeln und die Wirkungen sich befestigen zu helfen, welche von dem Anschauen großer Geschicke und dem Durchleben harter Prüfungszeit unzertrennlich sind. Gegen Ende 1809 wurde D., da der König das Ziel, zu welchem D. die Prinzen führen sollte, für erreicht hielt, seines Verhältnisses entbunden und mit dem Titel eines Geheimenraths entlassen; doch behielt der Kronprinz, welchem die Trennung von dem geliebten Führer sehr schwer ward, D. bis gegen Ende 1810 viel um sich. Um die Mitte 1811 trat D. von Magdeburg aus eine auf zwei Jahre berechnete Reife durch einen Theil von Frankreich, die Schweiz, Italien und das südliche Deutschland an, zu welcher ihm der König, außer der ihm bei seiner Entlassung bewilligten, bedeutenden lebenslänglichen Pension, eine nach königlicher Munificenz abgemessene Summe angewiesen hatte. Aber schon im Frühjahr 1813 kehrte er ^ ' 582 Delbrück (Johann Friedrich Ferdinand) nach Deutschland zurück, zunächst nach Prag, dann nach Berlin, wo er seine Thä- tigkeit vorzugsweise der Louisenstistung als einer ihrer Vorsteher widmete. Hier gewann eine in dieser Anstalt gebildete junge Erzieherin, Louise Meyenburg, sein Herz, und 1815, wo D. bereits im siebenundvierzigsten Jahre stand, wurde eintrotz der Verschiedenheit des Alters sehr glückliches Ehebündniß geknüpft, aber schon 1823 durch den Tod der Gattin gelöst. Die wieder rege gewordene Neigung zum Predigeramte bewog D., nach Ablehnung mancher Antrage zum Eintritt in den Staatsdienst, 1817 das Pastorat an der Michaeliskirche zu Zeitz und die damit verbundene Superintendentur anzunehmen. Auch in diesem Wirkungskreise, der für D. manche aus seinem gewissenhaften Eifer entsprungene Kampfe herbeiführte, erwarb er sich volle Anerkennung und Liebe, bis zum Ende seines Lebens, den 4. Jul. 1830. Nie hatte die königliche Familie aufgehört, ihn durch zahlreiche Beweise der Huld zu beglücken, aber die wahrhast rührende Zuneigung des Kronprinzen bewahrte sich nicht nur bei der unerwarteten Todesnachricht durch die Äußerungen des lebhaftesten Schmerzes, sondern noch fortdauernd in der groß- müthigsten Sorge für die Kinder des Verstorbenen, einen Sohn und eine Tochter. Als Schriftsteller ist D. nicht besonders thätig gewesen. Vielleicht war hierbei die große Regsamkeit seines Geistes der Ausdauer hinderlich, welche zur Hervorbringung größerer Werke unentbehrlich ist. Glücklicher wirkte er durch die Zunge als durch die Feder, und am meisten durch seine gediegene Persönlichkeit. Wir besitzen von ihm außer einigen kleinern Schriften: „Ansichten der Gemüthswelt" (Magdeburg 1811). (23) Delbrück (Johann Friedrich Ferdinand), Bruder des Vorigen, geboren den 12. April 1772 zu Magdeburg, verlebte eine durch körperliche Leiden sehr getrübte Kindheit, in welcher allein die treueste Mutterpflege ihn erhielt. Als er endlich genesen das Domgymnasium besuchen konnte, erfreute er sich in einem noch höhern Grade als sein alterer Bruder der regsten Einwirkung Funk's auf seine I Ausbildung. Zu Ostern 1790 bezog er die Universität Halle und widmete sich dort bis Ostern 1794 fast ausschließlich den humanistischen Studien. Im Niemeyer'- scken Hause, wo er nicht bloß wohnte, sondern auch als Familienglied betrachtet wurde, durste er den ersten Docentcn der Universität und vielen geistreichen Personen naher treten, zu welchen auch Johannes Falk gehörte, mit dem sich ein vertrauter Umgang entspann. Nachdem D. Halle verlassen, übernahm er die Stelle eines Erziehers der Kinder des damals zu Eutin lebenden Grafen Friedrich Leopold zu Stolberg und kam eben hierdurch auch in eine Verbindung mit I. H. Voß, die wol noch bedeutender geworden sein würde, wenn D.'s Verhältniß zu dem Stolberg'schen Hause nicht durch gegenseitige Übereinkunft, großer Verschiedenheit in den religiösen Ansichten wegen, sehr bald wäre aufgehoben worden. Nach einem kurzen Aufenthalt in Kiel ging D. nach Hamburg als Erzieher der Kinder des dortigen Senators Meyer und verlebte in der gebildeten Familie desselben einige sehr glückliche Jahre; höchst einflußreich auf ihn ward aber fein Aufenthalt in Hamburg durch den Umgang mit Klopstock. D. sehnte sich indeß nach einem größern Wirkungskreise und mehrer persönlicher Unabhängigkeit; erfolgte daher 1797 gern einem Rufe nach Berlin, wo er als Lehrer beim grauen Kloster angestellt wurde. Noch jetzt rühmen seine damaligen Schüler dankbar das ungemein Anregende seiner Unrerrichtsweise; aber auch er selbst ward des heilsam Anregenden und Bildenden inne, welches Berlin mit der Fülle seiner wissenschaftlichen und Kunstmittel und den Reizen angenehmer Geselligkeit dem Empfänglichen darbeut. Diese Reize vermochten jedoch nicht ihn seinen angestrengten wissenschaftlichen Forschungen zu entziehen, und er vergaß sie oft geraume Zeit hindurch in der Einsamkeit seines Arbeitszimmers. Er wurde 1809 als Regierungs- und Schulrath bei der Regierung zu Königsberg in Preußen und zugleich bei der dortigen Universität als Delbrück (Gottlieb) 583 WM Professor der Beredsamkeit angestellt. Von hier, wo sein ohnehin schwächlicher Körper sich an das rauhere Klima nicht gewöhnen konnte, wurde er 1816 an die Regierung zu Düsseldorf versetzt. Da jedoch das Geschäftsleben seiner Eigenthüm- lichkeit weniger zusagte als das bloß wissenschaftliche Wirken, so wurde er seiner eigentlichen Bestimmung naher geführt, als er 1818 dem akademischen Berufe ausschließlich zugewiesen und als Professor bei der neuecrichteten Universität zu Bonn angestellt wurde, wo seine Vorlesungen sich einer lebhasten Theilnahme der Studirenden zu erfreuen haben. Als Schriftsteller hat'si'ch D. einen sehr geachteten Namen durch die ernste Richtung seines reichen Geistes, durch die Strenge und Gründlichkeit seiner Forschungen und den aus die schöne Form verwendeten Fleiß erworben. Alle seine Werke vercathen den klaren und tiefen Denker und beziehen sich vorzüglich auf Ästhetik, aber auch aus andere Gebiete der Philosophie. Ohne sie einzeln alle herzählen zu wollen, erinnern wir hier bloß an folgende: „Lyrische Gedichte mit erklärenden Anmerkungen, nebst einer Untersuchung über das Schöne" (Berlin 1860); „Ein Gastmahl" (ebendaselbst 1809); „Sokrates" (Köln 1816); „Platon" (Bonn 1819); „Tenophon" (ebendaselbst 1829). Die Erscheinung der Schleiermacher'schen Dogmatik veranlaßte ihn auch zur theologischen Polemik und erzeugte seine, nicht ohne Widerspruch aufgenommene Schrift: „Christen- thum; Betrachtungen und Untersuchungen" (3 Theile, Bonn 1822 — 27). Neuerdings sind seine sehr ausgezeichneten Reden gesammelt in zwei Bänden erschienen. (23) Delbrück (Gottlieb), Bruder der Vorigen, geboren zu Magdeburg den 2- September 1777, begann nach vollendeten Studien der Rechtswissenschaften zu Halle dort auch seine juristische Laufbahn als Auscultator bei den damaligen Universitätsgerichten. Seine Vorbildung wurde demnächst bei dem Obergerichte der Provinz zu Magdeburg vollendet, bei welchem er 1800 als Justizcommissarius, und 1802 zugleich als Criminalrath angestellt wurde. Während der westfälischen Zwischenregierung fungirte er als Rechtsanwalt bei dem Civiltribunal erster Instanz in Magdeburg, war aber zugleich seit 1807 Syndicus des Domcapitels daselbst bis zu des letztern Aufhebung. Von da an wurde ihm die Verwaltung der Güter der sämmtlichen aufgehobenen Stifter zu Magdeburg übertragen, und er war Rechtskonsulent der Domainendirection daselbst. Er wurde 1816 bei der damals neuecrichteten magdeburgischen Regierung als Regierungsrath und als Justitiarius der Abtheilungen des Innern und für die Kirchenverwaltung und das Schulwesen angestellt; 1826 ward er daneben auch Mitglied und Justitiarius des Consisto- riums und Provinzialschulcollegiums der Provinz Sachsen, und seit dieser Zeit auch mehrfach bei dem Oberpräsidium der Provinz in dessen Rechtsangelegenheiten beschäftigt. In eben diesem Jahre erhielt er die Würde eines Geheimen Regierungs- rathes. Während dieser Amtsverhältnisse empfing er oftmals auch unmittelbare Aufträge der königlichen Ministerien. Zu diesen gehören unter andern die in den Jahren 1820 und 1821 ihm unmittelbar von dem Staatskanzler Fürsten von Hardenberg übertragenen Verhandlungen mit dem damaligen Erbgrafen zu Stol- derg-Wernigerode, als Bevollmächtigten seines Herrn Vaters, wegen Regulirung der Verhältnisse der Grafschaft zum preußischen Staate, und die 1830 und 1831 ihm von dem Ministerium der geistlichen Angelegenheiten ertheilten, die Universität Halle betreffenden Commissorien. In letzterm Jahre wurde er endlich zum außerordentlichen Regierungsbevollmächtigten und Curator eben dieser Universität ernannt und mit dem rothen Adlerorden dritter Classe geschmückt. Das ganze Leben dieses ebenso fein gebildeten, gewandten als streng rechtlichen Geschäftsmannes rechtfertigt das allgemeine Vertrauen, welches ihm von jeher zu Theil wurde. Die Milde seines freundlichen, durch die edelste Humanität bezeichneten Charakters, welche verbunden mit unerschütterlichem Festhalten an dem Wahren S, 584 Delessert Dembinski und Rechten alle seine Schritte leitet, der feine Takt, die Umsicht und Gerechtiq- keitsliebe, welche aus allen seinen Handlungen hervorleuchtet, haben ihm auch in seinem neuen Wirkungskreise hohe Ächtung erworben, und gewiß ist die Hoffnuna der Universität, von seiner Thätigkeit und Einsicht noch vielen Nutzen zu ziehen wohlbegründet. (23) Delessert (Benjamin, Baron), französischer Banquier und Abgeordneter. Zu Genf 1703 geboren, diente er im Anfange der Revolution bei der Artillerie, mußte nach dem ,10. August als Lafayettist das Heer verlassen, ging nach. Paris und ward Banquier. Beim Entstehen der pariser Bank wurde er zum ke- geut derselben ernannt. Wahrend des Kriegs mit England legte er Runkelrüben- zuckersiedereien an, und noch jetzt sind die Zuckerfabriken D.'s die besten in Frankreich. Der Kaiser machte ihn zum Mitgliede der Ehrenlegion und gab ihm 1813 das Commando einer Legion der pariser Nationalgarde. Als man sich im folgenden Jahre bemühte, die Einrichtung der französischen Gefangnisse zu verbessern, unternahm er in Gesellschaft des Herzogs Larochefoucauld-Liancourt den Bau eines Gefängnisses in der Vorstadt St.-Antoine, der aber nicht vollendet wurde. Von Ludwig XVIII. zum Ossizier der Ehrenlegion ernannt, gehörte D. dennoch zu Denen, welche sich am stärksten gegen die Invasion erklärten; er unterzeichnete am 6. Jul. 1815 die Deklaration der Legionchefs und Majors der Nationalgarde. Nach der zweiten bourbonischen Restauration wurde er abgesetzt. Das Seine- departement ernannte ihn 1817 zum Abgeordneten; er wählte seinen Sitz im linken Centrum. D. sprach nun besonders gegen unnöthige Ausgaben, unter Andern; gegen den Bau des Finanzministerhotels in der Straße Rivoli, stimmte 1819 gegen die von der Regierung in Antrag gebrachten willkürlichen Maßregeln und erklärte sich mit Unwillen gegen die Ausnahmegesetze und das neue Wahlsystem. Als Banquier stand D. fortwährend im besten Rufe und Credit. Sein Reichthum kam der Kunst und Wissenschast oft zu statten. Besonders interessirt er sich für das Studium der Botanik und besitzt eine der besten botanischen Sammlungen Europas. Unter seinen Auspicken erschien das Prachtwerk: „Icones selec- tue plantsrum in s^stemute umversulj, ex berbarüs purisiensibus, prueser- tun ex I^essertiuno ckescrPsit Decunckolle, ex urcbetiepis specimiuibus s?. 1. Nurpin ckelineatae" (Paris 1820—23, 2 Bde., 4.). Seit der Juliusrevolution gehört D. als Abgeordneter und Vicepräsident der Kammer zu den hauptsächlichen Anhängern des Widerstandsystems. (15) Dembinski (Heinrich), polnischer General, berühmt durch seinen unter zahllosen Gefahren ausgeführten Rückzug aus Lithauen nach Warschau, wurde 1791 geboren. Sein Vater, Jgnaz D., war Landbote auf dem „großen" Reichstage (1788— 91), welcher dem Staate durch Verwandlung der Wahlmonarchie in ein Erbreich eine neue Verfassung gab. Er überlebte nur acht Jahre die unglückliche Theilung des Landes, welche die benachbarten Mächte, jene heilsame Umwandlung zum willkommenen Vorwand nehmend, ausführten, und bei der frommen Verehrung, die er einem Werke weihte, welches er als das einzige Unterpfand der Erhaltung des Vaterlandes betrachtete, legte er in seinem letzten Willen seinen Söhnen die Pflicht auf, jederzeit aus allen Kräften die Constitution vom 3. Mai 1791 zu unterstützen und ihre Arme der Vertheidigung des Vaterlandes zu widmen. Diese feierliche Ermahnung hatte großen Einfluß auf die spätere Laufbahn seiner Söhne und besonders auf Heinrich D., und ihre Mutter, eine Tochter des sächsischen Obersthofmeifters, Grafen Moszynski, trug durch die von ihr geleitete Erziehung ungemein viel zur physischen und geistigen Entwicklung derselben bei. Heinrich D. zeichnete sich früh durch Gewandtheit in körperlichen Übungen sowol als in seinen Studien aus, und besonders zog die Geschichte ihn an, welche ihm Hannibal als ein Vorbild aufstellte. Er kam 1807 mit zwei Brüdern in die In- Dembmski 585 genieurakademie zu Wien. Als bei dem Anfange des Feldzugs von 1809 die östrei- chische Regierung den polnischen Zöglingen Ofsizierstellen in ihrem Heerr anbot, schlug D. diese Einladung unter dem Vorwande aus, daß er nicht ohne Einwilligung seiner Mutter seine Laufbahn wählen könnte, aber sein heimlicher Wunsch war, seinem Vaterlande Beistand zu leisten Sobald sich ihm Gelegenheit darbot, führte er seinen Vorsatz aus. Seine Brüder und zehn seiner Landsleute folgten seinem Beispiel. Als es bekannt wurde, daß Warschau den Östreichern unter dem Erzherzog Ferdinand die Thore geöffnet hatte, rief er seinen Gefährten zu: „Gibt es kein Polen mehr, so machen wir eins." Bei semer Ankunft in Krakau erfuhr er mit Freuden den Sieg der Polen unter ihrem trefflichen Anführer Joseph Ponia- towski. Die ersten polnischen Krieger, welche er traf, sah er in dem fünften reitenden Jägerregiment unter dem Obersten Tyrno, und in diesem Regiments nahm D. als gemeiner Soldat Dienste, indem er den Ofsiziergrad ausschlug, den man ihm anbot und den er nur auf dem Schlachtfelde verdienen wollte. Er durfte nicht lange warten und war Lieutenant bei der Eröffnung des Feldzugs gegen Rußland. In der Schlacht bei Smolensk zeichnete er sich durch seine Tapferkeit so sehr aus, daß Napoleon selbst ihn zum Hauptmann ernannte. Zwei seiner Brüder sielen in jenem unglücklichen Feldzuge, aber dieser schmerzliche Verlust verdoppelte nur seinen Eifer, die Kriegslaufbahn zu verfolgen und die Ermahnung seines Vaters treulich zu erfüllen. In Deutschland erhielt er das Kresiz der Ehrenlegion, eine Auszeichnung, welche ihm bis dahin, wie man sagt, durch Neid und Vergessenheit war vorenthalten worden. Er gehörte glücklicherweise zu der Brigade, welche unter die Befehle des Generals Sokolnicki kam, und in der Schule dieses, durch seine Kriegskunde ausgezeichneten Offiziers lernte er eine schwache Heerabtheilung mit Vortheil gegen überlegene Streitkräfte gebrauchen, und die wichtige Kunst, das Terrain zu benutzen. Während des Feldzugs in Deutschland verlor er noch einen Bruder, und bald nachher ward er dem General Wielhorski beigegeben, der zu jener Zeit die Geschäfte eines Kriegsministers des Herzogthums Warschau zu Paris, bis zu Napoleons Abdankung, besorgte. Das neue Loos, das der Kaiser Alexander den Polen bereitete, erweckte in D. keine tröstlichen Erwartungen; er entschloß sich, seinen Abschied zu nehmen, wollte durchaus nicht unter den Befehlen des Großfürsten Konstantin dienen und kehrte in sein Vaterland zurück, um seine Mutter über den Verlust ihrer drei Söhne zu trösten. Bald nachher verheirathete er sich und verlebte fünf Jahre in gänzlicher Zurückgezogenheit auf einem kleinen Landgute, das er von seinem Vater geerbt hatte. Seine geringen Vermögensumstände regten ihn zu einer Thätigkeit anderer Art auf, und er verdankte es unermüdeten Anstrengungen und ehrenvollen, aber gewagten Unternehmungen, daß er, bloß durch einen unbegrenzten Credit unterstützt, aus einer fast dürftigen Lage zum Besitze eines Vermögens gelangte, welches sich auf eine Mill. poln. Gulden belief. In diesen Umständen fand ihn 1830 die Revolution. Er zögerte nicht einen Augenblick, sich für die Sache der Unabhängigkeit Polens zu erklären, und die Annehmlichkeiten eines ruhigen und gemächlichen Lebens vergessend, eilte er mit allem Eifer eines Patrioten und mit allem Feuer eines erfahrenen Kriegers, seinem Vaterlande beizustehen. Er wurde Major eines Regiments, das sich in seinem Palatinat bildete; bald nachher aber erhielt er den Oberbefehl über die mobile Nationalgarde und widmete sich der Einrichtung und Ausbildung derselben mit so großer Thätigkeit, daß die Nationalgarde des Palatinats Krakau sich vor allen andern auszeichnete. Als die neu ausgehobenen Regimenter Befehl zum Aufbruch erhielten, stellte D. sich an ihre Spitze und kam gerade an dem Tage der Schlacht bei Grochow in Warschau an. Bald nachher übergab der neue Oberfeldherr Skrzynecki, der D.'s Verdienste zu würdigen wußte, ihm den Befehl über eine Cavaleriebrigade, mit welcher er in dem denkwürdigen Gefechte bei Kuftew dem ganzen Heere des Feldmarschalls Diebitsch sich ent? 586 Dembinski gegenftellte und an der Spitze von ungefähr 4000 Mann einen ganzen Tag lang eine Macht von 60,000 Mann aufhielt. Diese glanzende Waffenthat verschaffte ihm die Würde eines Brigadegenerals. Als Skrzynecki gegen die russischen Garden vorrückte, erhielt D. den Befehl, die Brücke bei Ostrolenka anzugreifen, die von den Russen besetzt war und die man bis dahin für eine unbezwingliche Stellung gehalten hatte. Er begann den Angriff in der Nacht an der Spitze neu ausgehobener Kriegsvölker, und nach einem vierzehnstündigen hartnackigen Kampfe vertrieb er die Feinde. Darauf kam er mit seinem Corps zu der Heerabtheilung des Generals Gielgud, die Lomza besetzt hielt, und nahm nicht Theil an der mörderischen Schlacht bei Ostrolenka, die bald nachher zwischen den beiden Hauptarmeen gefochten ward. Der Ausgang dieses Kampfes verurtheilte D. fortan das Schicksal der Division Gielgud zu theilen, welche, nachdem sie unter den schönsten Hoffnungen in Lithauen eingedrungen war, bloß durch die Unerfahrenheit ihres Anführers ihren Zweck auf eine so unselige Weise verfehlte. Unter allen zu jener Heerabtheilung gehörenden Generalen konnte allein D. mit dem Gedanken, auf das preußische Gebiet überzugehen, um die Waffen niederzulegen, sich nicht versöhnen, als die Übrigen bereits zu diesem letzten Mittel entschlossen waren. Durch Much und durch Verzweiflung stark, wollte er lieber ehrenvoll fallen als ohne Schwertstreich die Vertheidigung seines Vaterlandes aufgeben, und faßte den kühnsten, vielleicht verwegensten Plan, mitten durch ein Land, das von einem, seinen Streitkräften zwanzigfach überlegenen Heere überschwemmt war, vorzudringen, um sich mit seinen Waffenbrüdern zu vereinigen, die unter Warschaus Mauern kämpften. Unvermögend, mit dem furchtbaren Feinde sich zu messen und auf dem geraden Wege den Niemen zu erreichen, mußte er über 100 Stunden weit ins Innere des Landes vordringen und einen Umweg von 300 Stunden machen, um zu den Quellen der Wilia und des Niemen hinaufzugehen. Dieser unerwartete Marsch vereitelte gänzlich die Plane des Feindes, der trotz allen seinen Streitkräften D.'s Corps nie angreifem konnte. Am Ende des Jul. 1831 erschien D. plötzlich mit der kleinen Schar seiner Tapfern vor Warschaus Thoren. Seine Ankunft glich einem Triumphe; er wurde mit dem frohen Zurufe eines Volkes empfangen, das hinauszog, ihn zu bewillkommnen, und dieses letzten Trostes in dem Augenblicke bedurfte, wo sich Alles zu seinem Verderben verschworen zu haben schien. Er ward alsbald zum Gouverneur der Stadt ernannt und erhielt darauf die Oberbefehlshaberwürdc, die er jedoch nur wenige Tage besaß. Man behauptet, er habe am Tage nach derMord- nacht vom 15. August den kühnen Plan gefaßt, sich zum Dictator zu erheben und die gesammte öffentliche Gewalt in sich zu vereinigen, um alle Kräfte gegen den gemeinschaftlichen Feind zu richten. Ob durch vorlaute Mittheilungen, durch Mangel an dem nöthigen Beistande, oder durch zu langsame Ausführung, genug, jener Entschluß wurde vereitelt, der Polens Unabhängigkeit vielleicht noch einmal gerettet haben würde. D. ging mit Rybinski's Corps nach Preußen, und das Schicksal aller Ausgewanderten theilend, lebt er jetzt in Frankreich. Er hat ein aufgeregtes Wesen und spricht mit lebendigem Ausdruck. Eine zuweilen bis zur Heftigkeit gesteigerte Offenheit, eine unermüdliche Beharrlichkeit in der Ausführung seiner Unternehmungen, Kaltblütigkeit in der Stunde der Gefahr, eine unbegrenzte Vaterlandsliebe, dies sind die hervortretenden Züge seines Charakters. Bei einem ungemein glücklichen Gedächtnisse ist er mehrer Sprachen mächtig, die er ebenso gut schreibt als spricht. Er beschäftigt sich jetzt mit der Anordnung seiner Denkwürdigkeiten, welche bei dem bedeutenden Antheil, den er an den Ereignissen der letzten Jahre genommen hat, viel Licht auf die Geschichte jener wichtigen Zeit werfen müssen. Ein Bruchstück derselben erschien, nach D.'s mündlichen Dictaten von R. O. Spazier herausgegeben, unter dem Titel: „Mein Feldzug nach und in Lithauen und mein Rückzug von KurSzany nach Warschau" (Leipzig 1832). Denham 587 Denham (Dixon), geb. 1785, großbritannischer Oberst, einer der unerschrockensten Reisenden der neuern Zeit, dem die Erdkunde von Afrika große Aufschlüsse verdankt, war von frühester Jugend an zur militairischen Laufbahn bestimmt, erhielt seine Bildung in der königlichen Kriegsschule zu London, und diente in der Folge, der britischen Armee beigeordnet, in dem spanischen Kriege mit großer Auszeichnung gegen Napoleon. Er war noch Lieutenant, als er 1821 den Entschluß faßte, seinen langst gehegten Wunsch, irgend eine ungewöhnliche, für die Menschheit nützliche Reise zu unternehmen, endlich ins Werk zu setzen. Timbuktu sollte das Ziel seines Strebens sein. Mit Geist entwarf er einen Plan, der nur mit wenig Abänderungen späterhin dem Major Gordon Laing (f. d.) zum Wegweiser diente, und von ebenso großer Kühnheit als Ortskenntniß und- geographischer Vorbereitung zeugte. Hierauf bot er der Regierung seine Dienste an, indem er seinen Plan dem Minister Grafen von Bathurst vorlegte. Als ihm eröffnet wurde, daß man schon einen andern Plan entworfen und dessen Ausführung dem gelehrten Oudney und dem Lieutenant Clapperton übertragen habe, bat er um die Erlaubniß, sich diesen Mannern anzuschließen. Dies wurde gewahrt, und schon am 21. Nov. 1821 traf D. mit feinen Reisegefährten zu Tripolis zusammen, wo er das Majorspatent mit mehren Empfehlungsschreiben an die afrikanischen Scheikhs vorfand. Im Februar brach er mit Oudney und Clapperton nach Mur- zuk auf und erreichte bereits im April 1822 diese Hauptstadt von Fezzan. Nachdem er sich sieben Monate daselbst aufgehalten und diese Zeit zu Ausflügen in die verschiedenen Thcile des Landes, zu naturhistorischen Beobachtungen und geographischen Arbeiten benutzt hatte, ging die Reise weiter nach Süden, und zwar unter einer Bedeckung von 300 arabischen Reitern. Von Tegharry aus, an der südlichsten Grenze von Fezzan, führte der Weg durch eine öde Wüste. Am 4. Nov. erreichte D. Lari, die nördlichste Grenzstadt des Königreichs Burnu. Von hier besuchte er den See Tfaad, bestimmte dessen geographische Lage, setzte dann ungefähr 60 Meilen südlich von Lari über den Fluß Paou, und erreichte endlich Kuka, das Hoflager des Scheikhs Schumin-El-Kalmi, des mächtigen Beherrschers von Burnu. Hier fand D. Gelegenheit, einem Kriegszuge beizuwohnen, welchen der Feldherr des Scheikhs gegen das mächtige Volk der Fellahtahs unternahm. Das Unternehmen mislang. D. ward verwundet, ausgeplündert und gefangen fortgeschleppt. Mit großer Geistesgegenwart wußte er den Zeitpunkt zu ergreifen, als die Feinde wegen der Beute sich zankten, um sich unter dem Bauch eines Pferdes zu verstecken, und endlich nach namenlosem Ungemach mit den Trümmern des Heeres Burnu wieder zu erreichen. Er war auf diesem Zuge nicht weiter als etwa 300 englische Meilen von Alt-Calabar, im Winkel des Meerbusens von Guinea. Aus seinen Forschungen geht hervor, daß das Reich Burnu um 3—400 Meilen südlicher und 5 — 600 Meilen westlicher liegt, als es bisher seit Danville auf allen Karten Afrikas angegeben worden ist. Dagegen scheint der See Tfaad den Raum jener angeblichen Moräste von Wangara einzunehmen, von welchem Namen D. ebenso wenig als Burckhardt, Ritchie, Lyon u. A. etwas erfahren konnte. D. hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, dieses Binnenmeer in seiner ganzen Ausdehnung zu umwandern, allein das Mistrauen und die Wildheit der Anwohner vereitelten seine Versuche. Nichtsdestoweniger gelang es seiner Ausdauer, drei Viertheile desselben kennen zu lernen und die Gewißheit zu ermitteln, daß aus seinem Becken kein einziger Strom sich ergieße, der des ägyptischen Nils Ursprung sein könnte. Zu Anfang des Jahres 1824 gesellte sich ein hoffnungsvoller junger Brite, Lieutenant Tools, zu D. Er hatte, ohne einen einzigen Europäer bei sich zu haben, von Tripolis aus die Wüste in hundert Tagen durch- Ichnitten, ward aber leider schon zu Angola (kaum 22 Jahre alt) ein Opfer der seine Kräfte übersteigenden Anstrengungen, nachdem er mit D. eine Reise, den 588 Deutsche Kunst Fluß Shary aufwärts, vollendet hatte. Bald darauf fand der allem Ungemach trotzende D. einen neuen Begleiter an dem Jrländer Tyrwhit. Wahrend ganz Europa begierig auf neue Berichte von Denham und Elapperton wartete, trafen diese im April 1825 über Tripolis, Italien und Frankreich in ihrem Vaterlande unvermuthet wieder ein. Noch war nicht viel über ein Jahr seit seiner Heimkehr verflossen, als D., der unterdessen zum Oberftlieutenant befördert worden war zu Ende des Jahres 1826 schon wieder auf dem Schisse Kadmus nach der englischen Niederlassung Sierra Leone reiste, um den Austand der dortigen Colonie freier Neger zu untersuchen und eine Verbindung mit dem innern Afrika zu eröffnen. Die im Meerbusen von Benin liegende Insel Fernando Po wurde jetzt, als ein weit vortheilhafterer Platz für Handelsanfiedelungen, das Hauptaugenmerk der britischen Regierung. Nach dem Tode des durch seine Entdeckungsreife an der Oftküste von Afrika bekannten Capitain Owen wurde Oberst D. zum Statthalter der Ansiedelung ernannt. Mit diesem einflußreichen Wirkungskreise schienen mehr als sonst Mittel und Wege zu neuen Entdeckungen im Innern von Afrika sich zu eröffnen; allein auch D., der durch seinen kraftigen Wuchs ganz besonders j zum Reisen geschaffen schien, wurde im Jun. 1828 auf Sierra Leone plötzlich von einem Fieber befallen, welches seinem thatigen Leben ein Ende machte. Noch vor seinem Tode erschien sein Reisebericht in dem von Narrow herausgegebenen Werke: „Karrative ol travels anck cliscoveries in nortllern anck central ^irica in tüe^ears 1822, 1823 anck 1824 etc." (London 1826, 4.; französisch von Eyries und Larenaudiere, 3 Bde., Paris 1826). Außer den Wanderungen, welche unter D.'s Namen in diesem Buche geschildert werden, ist sowol die Beschreibung der Reise von Murzuk bis Kuka als das geistreich entworfene Gemälde von Burnu, ausschließend das Werk seiner Feder. (8) Deutsche Kunst in der neucrn Zeit. Bei den Engländern, j Franzosen und Italienern bewegen sich die bildenden Künste nun seit mehr als 40 Jahren ohne erhebliche Abweichungen in demselben längst abgemessenen Kreise. Im Allgemeinen freilich darf den Engländern in der Malerei mehr Palette, den Franzosen mehr wissenschaftliche Strenge der Zeichnung, den Italienern ein feinerer Formengeschmack eingeräumt werden. Übrigens zeigt sich in Wahl, Anordnung und Vortrag bei den Künstlern dieser Nationen ohne Ausnahme eine gewisse anspruchsvolle Absichtlichkeit als Symptom, nicht individueller Hossahrt, sondern ängstlicher Unterordnung unter dominirende Begriffe und Tendenzen. Hingegen sind in demselben Zeiträume bei den Deutschen, in Folge ihres Eigen- thümlichen (Verbreitung der Kunde, Mannichfaltigkeit der äußern Beziehungen, Innigkeit des Gefühls und Tiefe, bei einiger Unentschiedenheit des Willens und vieler praktischen Unanstelligkeit), die verschiedensten Kunstrichtungen hervorgetreten, unter welchen, sowie die Sachen nun einmal stehen, jede den Anspruch hat, aus ihrem eignen Gesichtspunkte beurtheilt zu werden. 1) Archäologisch-ästhetische Richtung. Sie entstand aus der Fortwirkung von Anregungen, welche Mengs, Winckelmann und Lessing ihrer Zeit unter den Künstlern verbreitet haben. In der Malerei weicht sie allmälig theils dem Romanticismus, theils dem Naturalismus, von welcher Classification weiter unten. Dagegen beherrscht sie dieBild- nerei durchaus (Friedrich Tieck, Thorwaldsen, Rauch, Rudolf Schadow, die Wichmann, Dannecker, Schwanthaler und andere jüngere Bildner von schönen Hoffnungen zu München, Dresden und Wien), die Architektur zum Theil (Schinkel, Thürmer, Klenze u. s. w.). Eine Nebenrichtung, welche man die gelehrte oder historische nennen könnte, setzte die Herausgeber archäologischer Werke seit etwa 15 Jahren in den Stand, die Denkmale mit ungleich mehr Strenge und in besserm Geschmacke herauszugeben, als noch vor Kurzem ihnen möglich war. Wir nennen nur den Baron von Stackelberg. 2) Die romantische Richtung. Deutsche Kunst 589 „Ä--W .M« B .diiZi Nach dem Vorgange jener Classification poetischer Manieren und Style, welche gegenwartig zwar unter uns kaum mehr üblich, doch bisher noch in Erinnerung ist, wird man diejenige Richtung der neuern Kunst, welche vorzugsweise in den Kunsttraditionen des Mittelalters Anknüpfungspunkte ihres Bestrebens findet oder doch zu finden glaubt, die romantische nennen dürfen. Jndeß liegt ihr Unterscheidendes eigentlich in einer strengem Auffassung von christlichen Ideen, Gefühlen und Vorstellungsarten, bei freierer Auffassung alles Übrigen, besonders des rein Poetischen. Denn die entgegengefetzte archäologisch-ästhetische Richtung wollte und will umgekehrt eben jenes Christliche frei und abgelöst von den Traditionen des Mittelalters, nach antiken und ganz modernen Vorbildern ummodeln, hingegen in jeder andern Beziehung, z. B. im Mythologischen, eine gewisse historisch-gelehrte Strenge und Gebundenheit einführen. Welche von beiden Richtungen der Kunst, als solcher, günstiger sei, wird und muß die Zeit lehren. Übrigens fehlt es der christlichen Typologie der neuern Maler bis jetzt an sichern, historisch begründeten Anknüpfungspunkten. Die phantastischen Abweichungen vieler Künstler des vorgerücktem Mittelalters haben dem streng-christlichen Maler häusig sein wahres Vorbild (das höhere christliche Alterthum) aus den Augen entrückt. Gewiß hat seit Rafael kein neuerer Maler je mit Demjenigen, was in dieser Beziehung allein als Richtschnur anzunehmen wäre, sich ernstlich bekannt gemacht. Reinere Vorbilder des Typischen, als Giotto und dessen phantasiereiche Nachfolger, gewähren die uralten Musive zu Rom, Ravenna, im äußern Bogengänge der Marcuskirche zu Venedig, im Domschatze zu Florenz, in den neugriechischen Miniaturen des 8. bis 12. Jahrhunderts, vorausgesetzt, daß man in diesen das Hochalterthümliche vom häufig eingemischten Wüste der barbarisirten Zeiten gehörig unterscheide. Je mehr auch im Übrigen wohlausgerüstete Künstler mit diesen Typen sich bekannt machen, je leichter wird es ihnen fallen, ihren christlichen Darstellungen jenen festen, Ehrfurcht gebietenden Charakter zu geben, den wir in Rafael's Werken bewundern. Ein Anderes freilich, wo dem Künstler die Gelegenheit sich zeigt, auch im Gebiete neuerer, mönchischer Traditionen sich zu verbreiten; denn in Beziehung auf diese tritt Giotto mit seinen zahllosen Nachfolgern offenbar in dasselbe Recht der Präcedenz ein, welches in allgemein christlicher eben nur dem Hochalterthümlichen zugestanden ward. Kürzlich hat Friedrich Overbeck in der Kirche degli Angeli unweit Assisi bei Darstellung eines Wunders aus der Legende des heil. Franciscus gezeigt, welchen Gewinn es bringe, ganz mittelalterliche Vorstellungen auch ganz in dem Charakter auszuprägen, den die Kunst von Anbeginn denselben beigelegt hatte. Hingegen gibt es im Gebiete des rein Poetischen aus dem Gesichtspunkte der Romantiker überall keine Beschränkung auf ein historisch Gegebenes. Denn in der Bekleidung, Charakteristik, Anordnung von Darstellungen dieser Art gestattet sich diese Richtung die ungebundenste Freiheit der Erfindung. Wenn es ihr nun auch gelingen sollte, die Ansprüche der Gelehrsamkeit, welche allerdings nicht selten kleinlich und von wenigem Belang sind, ganz zu beseitigen oder zu beschwichtigen, so möchte sie doch mit dem allgemeinern Geschmacks nicht so leicht sich abfinden können. Kleidungen und Waffenstücke, welche gar zu bizarr erscheinen, der Gestalt und Bewegung auch gar nicht sich anpassen wollen, übertriebene Charakteristik, ungelenke Bewegung, unnöthige Häßlichkeit, werden auch dieser freiem Richtung kaum gestattet sein, wenigstens sie nicht empfehlen können. 3) Naturalismus. So nennt man ausschließlich diejenige Richtung, welche nicht allein ihre Formen, sondern selbst die Gegenstände ihrer begeisterten Auffassung und Darstellung in den gewöhnlichem Erscheinungen der Natur aufsucht. Unter dem Namen von Genrebildern unterscheidet man die Beziehungen des Naturalismus auf Vorgänge des menschlichen Lebens von den Landschaften, Frucht- und Blumenstücken, Stillleben. Die deutschen Arbeiten aller dieser Arten des Naturalismus werden stark gesucht, 5! ö - 590 Deutsche Kunst R » was dafür zeugt, daß in ihnen etwas Befriedigendes und Erweckliches enthalten sein müsse. Im Genre genießen Peter Heß in München, Catel zu Rom einen vorzüglichen Ruhm; gleich Diesen haben zu Nürnberg der schon verstorbene Ehrhardt und der noch lebende Klein die wohlgehaltene Landschaft bald in den Hintergrund gedrangt, bald wiederum sie vorwalten lassen. Dietrich Lindau in Rom, Meyer aus Altona, scheinen hingegen ihr Absehen mehr auf die Handlung zu richten, das Physiognomische vorwalten zu lassen. Jndeß drohen die Holländer in der Harmonie, im Ton, in der Pinselführung noch ein Mal den übrigen Zeitgenossen den Rang abzugewinnen. Es fragt sich, ob bei schwächerm Interesse des Gegenstandes diese Kunstart des technisch-malerischen Reizes in dem Maße werde entbehren können, als man in Deutschland anzunehmen scheint. In der Landschaftsmalerei beschäftigt die Künstler häufiger eine umständliche Ausführung bestimmter Prospekte (veckuta) als jene allgemeinere Auffassung, welche in der großen Epoche des 17. Jahrhunderts vorherrschend war. Die geschickten Prospectmaler sind gegenwärtig fast zahllos. Hingegen neigen sich Wenige zu jener Unterordnung des Loca- len, jenem Hervorheben des Allgemeinern, welches die besten Arbeiten Joseph Koch's, Dahl's, Fries', Nerly's, Richter's und einiger Andern günstig auszeichnet. Dies sind die drei Hauptrichtungen der deutschen Künstler unsere Tage. Doch würde man fehlen, wollte man nur annehmen, daß unter Denen, welche zusammen die eine oder die andere Classe bilden, jene ermüdende Gleichförmigkeit der übrigen europäischen Kunstschulen sich in kleinerm Maße wiederholte. Im Gegen- theil kann nichts eigenthümlicher sein als die Bestrebungen, die wir z. B. bei Overbeck, Cornelius, Julius Schnorr, Heinrich Heß und andern in der romantischen Richtung sich auszeichnendenKünstlern finden, als Tieck's, Rauch's undThorwaldsen's Manier und Absehen. Dem oberflächlichen Blicke möchte diese Vielfältigkeit der Richtungen als eine zwecklose Zersplitterung der Kräfte sich darstellen können. Auch mag in der That manch schönes Bestreben sein Ziel verfehlen, weil die obwaltenden Umstände die Möglichkeit abschneiden, daß es zugleich von Vielen und fortgesetzt durch verschiedene Generationen verfolgt werde. „Vieler bedarfder Wetteifer um das Vortreffliche." Doch auf der andern Seite ist es beruhigend zu sehen, daß ein unsichtbares, geistiges Band so viel scheinbare Zerstörung und Verworrenheit umschließt: die Ernstlichkeit, mit welcher ein Jeder will, was ihm wahrhaft ums Herz ist. (50) An diese Skizze knüpfen wir eine statistisch-biographische Übersicht des neuesten Austandes deutscher Kunst. Gerade in den letzten vier Decennien hat sich ein so viel größeres Regen und ernsteres Streben in der Kunstwelt gezeigt, daß dieses lange vernachlässigte und — denn die ältern Akademien haben in der Regel mehr Nachtheil als Nutzen gebracht — nur von wenigen Eingeweihten gepflegte Heiligthum nun wieder mit Kraft und Würde hervortritt und zugleich einen immer merklichem Einfluß auf das Leben und die geselligen Verhältnisse ausübt. Mag ein großer Theil der neuen Kunstförderung auf Rechnung der deutschen Fürsten, namentlich von Baiern und Preußen, kommen, so ist auch das lebendige Interesse des Publikums, der deutschen Volksstämme, nicht zu verkennen, wie solches in der Unterstützung von Unternehmungen für öffentliche Denkmale, vorzüglich in der Entstehung und Einrichtung der deutschen Kunstvereine erscheint. Wenn dieses allgemeinere Interesse für die Kunst mit dem religiösen Aufschwungs der Zeit und mit den Äußerungen des politischen Selbstbewußtseins in Verwandtschaft steht, so kommt ihm der eigenthümliche Geist, die gemüthliche, volksthümliche, von Innen heraus und nach Innen zu wirkende Tendenz der neuern Kunst, vornehmlich deutscher Malerkunst im 19. Jahrhundert, weckend und nährend entgegen. Von den ältern Meistern ragen immer noch Einige in die neue Zeit herüber, und von Mehren ist es zu rühmen, daß sie noch immer die schöne Übergangsperiode aus der alten zur i.«7 Osch ' ckillLM ')! l'iis i Deutsche Kunst 59l neuen Zeit darstellen. Wir werden jedesmal von den Alten zu den Jüngern fortschreiten und, an das Frühere anknüpfend, die Gegenwart dadurch in ihrer Eigentümlichkeit klarer und kraftiger herauszustellen vermögen. *) I. Architektur. Wir beginnen mit Friedrich Weinbrenner, weil er eine Epoche in der Geschichte der deutschen Baukunst bezeichnet. So wenig er selbst Vollkommenes geleistet haben mag, wie denn seinen Bauten eine gewisse Schwerfälligkeit, ein Übermaß von Masse, eine nicht immer glückliche Wahl und oft unreine Anwendung antiker Vorbilder vorgeworfen wird, so bleiben sie doch würdige Zeugnisse eines mit den Denkmalen der Vorwelt vertrauten Geistes, und durch den Verkehr, den W. in den neunziger Jahren als der hervorragendste und gebildetste Kopf mit andern Deutschen in Italien gepflogen, noch mehr durch die Bauschule, die er spater in Karlsruhe gestiftet hat und aus welcher über hundert meist tüchtige Architekten hervorgegangen und durch ganz Deutschland vertheilt worden sind, haben sich seine durch die Muster des Alterthums gebildeten Grundsatze weithin verbreitet. Geboren zu Karlsruhe 1766, ist er am 1. Marz 1826 daselbst als Ober- baudirector gestorben. Unter seinen Schülern nennen wir Moller in Darmftadt, Burnitz in Frankfurt, Arnold in Freiburg und Karlsruhe, Knapp in Rom, Hübsch in Karlsruhe, Haller in Bern, Chateauneuf in Hamburg. Den bedeutendsten Namen hat sich unter Diesen Georg Moller, Oberbaurath in Darmstadt, geb. um 1780, gemacht. Ihm verdankt diese Residenz das Theater, die katholische Kirche in Form einer Rotonde und Anderes mehr. Man hat gegen seine Bauten öfters den Einwurf der Unzweckmaßigkeit, z. B. der starken Säulen, die das kleine Hallendach des Theaters tragen, ferner der Rundform, womit sich eher die Foderungen des protestantischen als des katholischen Cultus vereinigen ließen, u. s. w. vorgebracht. Indessen hat sich M. sein größtes und ein allgemein anerkanntes Verdienst durch seine treffliche Aufnahme und Beschreibung alter deutscher Bauwerke, die „Denkmaler der deutschen Baukunst", erworben, wovon seit 1815 bis jetzt schon über20 Hefte erschienen sind. Zeitgenosse oder wol schon Vorgänger Weinbrenner's ist der in Kopenhagen lebende EtatsrathH a nsen. Er zeichnet sich durch vielseitigere und feinsinnigere Auffassung jeglicher Art antiker Verzierung und Empfänglichkeit für den Charakter der Bauwerke des 16. Jahrhunderts aus, und in der Anwendung auf das Praktische erkennt man die akademische oder ästhetische Tendenz. Seine Fanden, seine Schmucktheile sind überall früher entstanden als die Grundrisse, Austheilungen des Raums und alles übrige dem eigentlichen Zwecke des jedesmaligen Bauwerks Angehörende. Unter seinen Bauwerken sind auszuzeichnen: die Villen der Brüder Godefrov zu Dockenhude bei Hamburg — wol das reifste —, die Schlösser zu Raftorfund Pardoel in Holstein, der Neubau im Schlosse Chriftiansburg zu Kopenhagen, wiewol hier Widersprüche in der Zusammenstellung vorkommen H. hat unstreitig, was Kritik und Wahl der Vorbilder in rein verzierenden Theilen betrifft, die Bahn gebrochen, und dieses freilich einseitige Bestreben weiter ausgeführt als Weinbrenner. Auf demselben Wege entwickelte sich Karl von Fischer, Professor der Architektur an der Kunstakademie in München, Stifter einer zahlreichen Schule, welcher, wie das vortreffliche Hoftheater daselbst beweist, mehr geleistet haben würde, wenn ihn nicht der Tod zu früh der Kunst entrissen hätte. Mit Weinbrenner stand schon in Rom der würtembergische Hofbaumeister, Vorstand der Kunstschule zu Stuttgart, Professor Nikolaus von Thouret, in Verbindung. Geboren in Ludwigsburg 1776 und in der Karlsschule zu Stuttgart erzogen, hatte er sich zum Maler bestimmt, spater Paris besucht und an der französischen Revolution als Nationalgardist Theil genommen; Neigung *) Wir bemerken hier, daß mehre der nachstehend angeführten Künstler theils bereits im Conversarions-Lexikon eine Stelle erhalten haben, theils auch im vorliegenden Werke in besondern Artikeln betrachtet werden. D. Red. 592 Deutsche Kunst zog ihn jedoch mehr zur Architektur als zur Malerei, und in Italien reifte im Anschauen der alten Monumente und im Umgange mit Weinbrenner der Entschluß, der Baukunst sich zu widmen. Er war es, dem spater Göthe den Ausbau des weimarischen Schlosses übertrug, und der nach eignem Risse das vor einigen Jahren abgebrannte Theater zu Weimar aufführte. In Stuttgart als Hofarchitekt angestellt fand er unter der Regierung König Friedrichs keine Gelegenheit, größere Bauwerke zu unternehmen. Um so mehr aber ward seine Thätigkeit für die immer wechselnden Feste an jenem glanzenden Hof in Anspruch genommen, und hier entwickelte T. sein außerordentliches Talent für die poetische und malerische Seite der Architektur. Davon hat er auch 1828 bei Veranlassung des in Stuttgart begangenen Jubelfestes der Geburt des Herzogs Karl Eugen von Würtemberg, des Gründers der vormaligen Hochschule seines Namens, ein bewundertes Zeugniß gegeben, und gibt es alljährlich in der immer neuen und originellen, geschmackvollen Decoration der Säule, die bei dem Volksfeste zu Kanstadt am Neckar mit Blumen und Früchten des Landes behängt wird. Unter König Wilhelm hat er das Katharinenhospital in Stuttgart gebaut und den Kursaal in Kanstadt aufzuführen angefangen, und nach seinen Planen soll ein Palast für die Prinzessinnen Töchter des Königs und der Königin Katharina, geb. Großfürstin von Rußland, auch ein neues Theater an der Stelle des alten, dessen innere Einrichtung gleichfalls von T. herrührt, zur Ausführung kommen. — In einer größern Sphäre, zugleich als Vorgänger und Repräsentanten der jüngsten Richtungen deutscher Architektur, wirken Karl Friedrich Schinkel, preußischer Geheimer Oberbaurath, geboren 1781 zu Neuruppin, und Leo von Klenze, dänischer Geheimer Oberbaurath, Hofbauintendant und seit 1830 Vorstand der neuorganisirten obersten Baubehörde in München, geb. 1784 im Fürstenthum Hildesheim. Wenn Weinbrenner mehr Studium als Genie, und auch bei jenem eine beschränktere und gemischte Aneignung klassischer Formen der Vorzeit besaß, wozu auch die damals noch beschränktere Kenntniß des Alterthums beitrug, so entwickeln diese neuern Meister in dem ihnen aufgeschlossenen Spielräume eine sowol intensiv als extensiv bedeutendere Kraft, jedoch beide in deutlicher Divergenz ihrer Individualitäten, wobei Klenze mehr durch historische Treue, Schinkel durch Originalität und freies Walten im Gebiete der architektonischen Mittel sich auszeichnet. Klenze liefert in seinen Bauwerken den Beweis eines gründlichen und geistreichen historischen Studiums, sofern z. B. die Glyptothek den ionischen, der neue Königsbau den florentinischen, die damit verbundene Allerheiligencapelle den byzantinischen, das Münchner Kaufhaus den venetianischen Baustyl repräsentiren. Sein jüngst vollendetes Werk ist das prächtige Palais des Herzogs von Birkenseld. Der neue Königsbau und die Pinakothek zu München und die Walhalla, auf dem Berge Donaustauf bei Regensburg, sind gegenwärtig im Bau begriffen. Diese letztere besteht in ihrem obersten Theil aus einem altdorischen, ganz aus weißem Marmor construirten Tempel, mit 8 Säulen in der Fronte und 17 Säulen aus der Nebenseite, auf drei Stufen sich erhebend, zu welchen breite Treppen, von cy- klopischen Mauern getragen, den Berg hinanführen. Das Giebelfeld der Vorderseite werden Bildwerke schmücken, Deutschlands Ruhm und Befreiung in kolossalen Figuren darstellend. Hinter den 8 Säulen, welche die Fronte bilden, wird eine zweite Reihe von 6 Säulen die Eingangshalle stützen, durchweiche eine große Thür in das Innere des Tempels führt. Hier werden, in drei Abtheilungen gesondert, 150 Büsten großer Deutschen aufgestellt; die Wände sind von röthlichem Marmor, der Fries (von I. M. Wagner) stellt verdeutschen Ureinwohner Einwanderung, Sitten und Gebräuche, Krieg und Verkehr bis auf die Taufe der Sachsen durch Karl den Großen dar. Ebenso sind die Glyptothek und Pinakothek durch plastische Werke und durch Frescogemalde, dort der alten Mythe und Geschichte, Deutsche Kunst 593 hier einer Verherrlichung der neuem Kunstgeschichte, geschmückt; die Säle des Königsbaues bedecken ähnliche Malereien aus dem Liede der Nibelungen (von I. Schnorr) und andern altdeutschen Dichtungen, und die Capelle desselben wird gleichfalls -ck iresco, im byzantinischen Charakter auf Goldgrund, mit heiligen Bildern (von H. Heß) ausgemalt. Unter den Schülern Fifcher's ist besonders Friedrich Gärtner, geb. 1792 zu Koblenz, auszuzeichnen, welcher mit seinem Vater, der gleichfalls Architekt war, 1804 nach München kam, und nachdem er feit 1812 Frankreich, Italien, Sicilien und England besucht hatte, 1820 als Professor der Baukunst an der Kunstakademie in München angestellt wurde und die artistische Leitung der königlichen Porzellanmanufactur erhielt, die durch ihn eine höhere Richtung empfing. Eine Frucht seiner italienischen Reise waren die „Ansichten der am meisten erhaltenen griechischen Monumente Großgriechenlands", welchen er einen erläuternden Text beifügte. Er erhielt 1829 den Auftrag, den Plan der neuen Ludwigskirche in München zu entwerfen. Diese Kirche wird in einem eignen Style, im Sinne byzantinischer Vorbilder, doch ohne sklavische Nachahmung, erbaut, und ihre innern Räume werden in umfangreichen Frescobildern (von Cornelius), unter welchen eins größer als das Weltgericht von Michel Angelo sein wird, das ganze Gebiet göttlicher Offenbarung darstellen. In der Nähe dieser Kirche baut G. auch das neue große Bibliothek- und Archivgebäude, dessen Styl sich dem der Kirche annähern wird. Ein anderer Schüler Fischer's ist Daniel Joseph Ohlmüller, königlicherHofbauconducteurin München, geb. 1790 zu Bamberg, in der Münchner Akademie und durch eine Reise in Italien und Sicilien gebildet, und dann zum Bau der Glyptothek als Jnspector berufen. Seine „Ideen zu Grabdenkmalern in griechischem Style" (3 Hefte) fanden Beifall; er wurde Mitglied des Baukunstausfchusses in München, und erhielt den Auftrag, das Monument zu Wittelsbach, dem Stammorte des dänischen Regentenhauses, und ein Schulhaus daselbst, beide in altdeutschem Style, zu entwerfen.— Erbauer der neuen protestantischen Kirche zu München ist der königliche Oberbaurath P ertsch; sie bildet ein in die Breite gestelltes Oval mit einer Vorhalle von drei Arkaden als Eingang, und gegenüber einem halbcirkelsörmigen Chor zur Aufnahme des Altars. Die Decke stellt ul lresco die Himmelfahrt Jesu dar (von Herrmann).— Dies die historische Bauschule; denn, etwa die neue protestantische Kirche ausgenommen, welche indeß, gleichfalls historisch genommen, sich in einem eigenthümlichen neuen Charakter, angemessen den Zwecken der protestantischen Kirche, gestalten mußte, schließen sich die neuen Münchner Bauwerke an geschichtliche Vorbilder durch fleißiges Studium und geschmackvolle Anwendung auf die gegenwärtigen Verhältnisse und Foderungen an. Auch hat sich diese Richtung anderwärts gezeigt: die Restauration von Marienburg und Ähnliches am Rheine war vorangegangen. Der preußische Bauinspector von Lafsaulx zu Koblenz hat die dortige Florinuskirche in gothifchem Style hergestellt und zu Treis an der Mosel eine neue Kirche in demselben Style erbaut. Das Werk über die römischen Basiliken von Guttensohn und Knapp, Moller's „Denkmaler der deutschen Baukunst", das Prachtwerk von Sulpkz B oisseree über den kölner Dom u. a. m. beweisen gleichfalls die Hinneigung zum historischen Studium und eine, der romantischen Schule in Poesie und Malerei verwandte Richtung der Architektur.— Freier und eigenthümlicher waltet Schinkel in seinem Gebiet. Er entlehnt wol auch bisweilen antike und mittelalterliche Ideen, wie bei der berliner Hauptwache, bei dem Monument auf dem Kreuzberge; aber es ist ein freies Aneignen der Vorbilder, ähnlich dem in Thorwaldsen's Plastik. S., der, wie Thouret, früher Maler war und noch jetzt in Mußestunden geistreiche Bilder mit dem Pinsel entwirft, verbindet mit einem aufs zweckmäßigste ordnenden Verstand eine schöpferische Phantasie, die sowol in der Conception des Ganzen seiner Werke, Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 38 594 Deutsche Kunst als in der Einrichtung, Vercheilung und Verzierung der Einzeltheile originell und glücklich ist. Zu seinen jüngsten Bauten sind vornehmlich zurechnen: die neue werdersche Kirche, die Singakademie, das Museum in Berlin.—Iussow's Schule in Kassel, aus welcher Ruhl in Kassel und Müller in Göttingen hervorgingen, verdient neben Weinbrenner's Schule genannt zu werden. Erfreulich erscheint auch das Aufstreben der Baukunst in Hamburg, wo dieselbe seit Hansen nicht vorgeschritten, sondern zurückgegangen war. Chateauneuf und Ludolf, Beide aus Weinbrenner's Schule, gaben hier den ersten Anstoß. Jener machte den ausgezeich. neten Entwurf zu einer bis jetzt nicht ausgeführten neuen Börse, und baute außer andern Privathäusern die Villa des Syndicus Sieveking. Ludolf baute das treffliche Bankgebäude. Unter den jungen Baumeistern zeichnet Vorstmann sich aus, der die prachtige Villa des Senators Jenisch in Flottbeck baut. <— Professor Thürmer in Dresden, der lange in Rom lebte und Griechenland bereiste, hat sich als Baumeister durch den Bau des neuen Posthauses in Dresden und als technischer Künstler durch die musterhafte Ausführung der neuen Hauptwache daselbst nach Schinkels Entwurf ausgezeichnet. In Gemeinschaft mit Fries radirte er den Vogelblick vom Capitol über die verödeten Theile Roms, und gab „Ansichten von Athen" und in Verbindung mit Guttensohn Zeichnungen nach den Arabesken in den Loggie des Vaticans und in der Villa Madama in Rom heraus. Ungeachtet seiner Reise nach Griechenland neigt er sich doch mehr zum römisch- cinquecentistischcn Geschmacke. — Hittorf und Zanth machten sich durch ihre Darstellungen der Bauwerke Siciliens, Gau aus Köln durch sein ausgezeichnetes Werk über Nubien bekannt. Auch Klenze und Gärtner haben bildliche Darstellungen südlicher Bauwerke und Ornamente herausgegeben. Uberall, wo. Mittel zur Ausführung vorhanden waren, zeigte sich in diesem Zeitraum ein ernstliches Streben, die Baukunst über die Oberflächlichkeit der Grundansi'cht, über die matte und rohe Technik, über die Unkunde zu erheben, welche vom amerikanischen Kriege bis zur französischen Revolution in den deutschen Bauschulen vorwaltete. II. Skulptur. Von den ältern berühmten Meistern leben noch Johann Heinrich vonDannecker, würtembergischer Hofrath und Galeriedirector zu Stuttgart, geb. daselbst 1758; Johann Gottfried Schadow, Director der Akademie der Künste zu Berlin, geb. daselbst 1764, und Landolin Ohmacht, Professor zu Strasburg, geb. bei Rotweil in Oberschwaben 1768. Dannecker hat in einer zweiten Christusstatue, einer freien Wiederholung der in Petersburg befindlichen, dem Ideale sich dadurch noch mehr genähert, daß er dem Angesichte mehr Kraft und Würde, sowie dem ganzen Körper mehr Rundung und Fülle zu verleihen wußte. Eine kniende weibliche Figur, den betenden Glauben vorstellend, ist zum Grabmonument der Erbprinzessin Ida von Oldenburg bestimmt. Für die griechische Capelle auf dem Rothenberge bei Stuttgart hat D. eine Statue des Evangelisten Johannes gefertigt, die sich durch kräftige Gestalt und männliche Würde — erinnernd an den Beinamen Donnerskind — auszeichnet. Außer der Marmorbüste des jüngst verstorbenen Bruders des Fürsten von Thum und Taxis, dessen Mutter die zweite Christusstatue für die Kirche zu Neresheim bei Dischingen bestellt hat, ist von D. unlängst ein christlicher Todesengel in dem heitern Sinne componirt worden, mit welchem nach kaum überstandenem Leiden, das ihn an den Rand des Grabes geführt hatte, der sechsundsiebzigjährige Greis seiner Zukunft entgegensieht. Mit dieser, wie D. zu sagen pflegt, letzten Arbeit, deren Ausführung er seinem vertrauten Schüler Wagner überlassen dürste, steht in rührendem Gegensatze die erste, die er nach der Rückkehr aus Italien vor 40 Jahren modellirt hatte und nun erst in Marmor ausführen läßt, ein um ihren todten Vogel trauerndes Madchen. Unter D.'s Schülern nennen wir: Friedrich Distelbarth, würtembergischer Hofbildhauer und Lehrer an der Kunstschule zu Stuttgart, geb. um Deutsche Kunst 595 in Rom hizidi^ MI cht A' 1780 (Basreliefs im östlichen Fronton des Landhauses Nofenstem, Sandstein» vase von kolossaler Höhe nach dem Vorbilde der mediceischen); Johann Nepomuk Zwerger, Professor der Bildhauerkunst an der Kunstschule des Stadel'schen Instituts in Frankfurt am Main, geb. 1796 zu Donaueschingen (Statue des Evangelisten Marcus, Ganymed, Büste von Joh. Hcinr. Voß); Theodor Wagner in Stuttgart, geb. daselbst 1800 (Statue des Evangelisten Lucas, Ariadne und Bacchus, Telephus von der Hirschkuh gesaugt, Basreliefs; Büste des Herzogs Eberhard im Bart von Würtemberg, für die Walhalla); Heinrich Im Hoff in Rom, geb. zu Bürglen im Canton Uri, um 1800 (Basrelief: Amor und Psyche, Statue des David). — Oh macht ist seit geraumer Zeit kranklich, und dadurch an der Arbeit verhindert, die bei ihm gewöhnlich im freien Heraushauen der Figuren aus dem Steine besteht. Doch hat er 1828 eine neue Büste Klopstock's für den Herzog von Oldenburg gefertigt und im Jun. 1831 in die strasburger Kunstausstellung, die dem Besuche des Königs Ludwig Philipp zu Ehren veranstaltet worden war, eine Hebe in cararischem Marmor gegeben. Seine Monumente in der Thomaskirche daselbst werden, neben dem von Pigalle auf den Marschall von Sachsen, der Nachwelt beweisen, auf welcher Stufe die Plastik unserer Tage stand, wie einfach, würdig und charaktervoll O. in Marmor und Sandstein darzustellen wußte, wahrend seine Schnitzwerke in Holz u.-d Elfenbein dankbare Aufbewahrung und Bewunderung verdienen. — Von dem verdienten I. G. Schadow sind in neuerer Zeit vorzüglich die zwei ehernen Standsaulen, Luther in Wittenberg und Blücher in Rostock, ausgegangen. Unter seinen vielen Schülern, zu welchen auch Friedrich Tieck gehört, hat er den theuersten früh in seinem Sohne Rudolf verloren, der sich durch treffliche Arbeiten, namentlich die Sandalenbinderin, die Spinnerin, die Gruppe Achill und Penthesilea, die tanzende Bacchantin, berühmt gemacht hat und am 31. Januar 1822 in einem Alter von 36 Jahren zu Rom gestorben ist, wo fein Vetter, Emil Wolfs aus Berlin, geb. um 1800, die noch unvollendeten Werke ausgeführt und diese durch eigne sinnreiche Compositionen von gefalliger Darstellung vermehrt hat.— Den großenAlbertThorwaldsen, geb. 1772, ihn, den anerkannt genialsten Bildhauer, welchem Vertrautheit mit der Natur und Studium der Antike nur dazu gedient haben, die eigne schöpferische Kraft um so freier, bewußter und entschiedener zu entwickeln, und bei welchem man in der That auch nicht weiß, ob man mehr die Tiefe des Gedankens und die Vollendung der Form an jedem einzelnen Meisterwerke, oder den Reichthum und die Mannichfaltigkeit aller bewundern soll, dürfen wir wegen Volks- und Geistesverwandtschaft wol zu den Deutschen rechnen und machen daher auf seine neuesten Werke aufmerksam. Im Mai 1830 ist sein Standbild des Kopernicus, sitzend im Costume seiner Zeit und von dem weiten Doctormantel umschlungen, zu Warschau, wo man es in Bronze gegossen hatte, aufgedeckt worden. Ebenso ward im Marz desselben Jahres in der St.-Michaels- hofkirche zu München das Monument des Fürsten von Leuchtenberg, und Ostern 1831 in der Peterskirche zu Rom das von Consalvi bestellte Denkmal Pius VI!, enthüllt. Dieses letztere, durch die erhabene Würde in dem Haupte und in der Haltung des segnenden Papstes, und durch die geniale Symbolik des Costumes und der Seitensiguren vielleicht das größte Werk des Meisters, hat an dem Orte seiner Bestimmung ein gutes Licht, und wird daselbst, wenn auch die nordische Kunst im Süden erlöschen sollte, den Römern am besten zeigen, wie groß sie gewesen. Im Campo Santo von Pisa ist ein Denkmal von T.'s Hand auf den Professor der Chirurgie, Andrea Vacca Berlinghieri, aufgestellt, dessen Vorderseite in Basrelief die Heilung des alten Tobias enthalt. Dem Schillersverein in Stuttgart hat T. das Modell einer kolossalen Bildfaule Schiller's zugesagt, die, in Bronze ausgegossen, einen öffentlichen Platz schmücken soll. T.'s Lands- 38* 536 Deutsche Kunst mann, der gelehrte und kunstsinnige Professor Thiele in Kopenhagen, hat ein biographisches Werk begonnen, das eine genaue Aufzahlung und gründliche Dar- stellung sämmtlicher Werke des Künstlers gibt, die zugleich dem Auge durch Umrisse vorgeführt werden. Von der Verdeutschung des danischen Textes, mit den Abbildungen der Originalausgabe, ist der erste Theil unter dem Titel: „Thorwaldsen's Leben und Werke" (Leipzig 1832, Fol.), erschienen. Von T.'s deutschen Schülern nennen wir: VonderLaunitz aus Kurland (Mercur, Venus, die ihre Leier stimmende Muse, lebensvolle Büsten); Freund, aus dem Herzogthume Bremen gebürtig und zu Kopenhagen in der Akademie gebildet (Mercur, Kopf einer Flora, Entwurf eines Frieses mit vortrefflich ersundenen Darstellungen aus der nordischen Göttersage); Joseph Herrmann, geb. zu Dresden um 1800 (zwei schöne Basreliefs: Medea, dem Jason den Weg zum goldenen Vließe zeigend; Theseus, den Stein umwälzend, unter welchem er die Pfander seiner Geburt findet; Büste des Bischofs Dalberg von Worms für die Walhalla; eine kolossale Statue des Jupiter Custos für die Spitze des Frontons eines neuen Landschaftshauses zu Schwerin, in Sandstein ausgeführt; Büste des Königs Friedrich August). — Als Professor der Bildhauerkunst lebt in Neapel Schweikle, geb. zu Stuttgart um 1780; unter Dannecker und Scheffauer gebildet, ging er nach Paris und dann nach Italien, wo 1805 fein Amor in Lebensgröße, jetzt im Besitze des Königs von Würtemberg, allgemeines Aufsehen erregte. In Neapel hat er später zwei kolossale Marmorstatuen, der Religion und des heiligen Ludwig, für die neuerbaute Kirche des heiligen Franz von Paula ausgeführt. Anhaltende Kränklichkeit hat diesen ausgezeichneten Bildhauer Jahre lang an der Ausführung der ihm gegebenen Aufträge verhindert. — In Deutschland war bisher eigentlich nur Eine große Bildhauerschule, in Berlin, an deren Spitze, nächst Schadow, Rauch und Tieck stehen. Christian Rauch, Professor der Bildhauerkunst an der Akademie, geb. zu Arolsen im Fürstenthume Waldeck 1777, hat in allen seinen frühern Leistungen reinen Natursinn, scharfsinniges Durchdenken und poetische Behandlung der Gegenstände gezeigt. Wahrheit, Kraft und Anmuth sind seinen Bildern eigen. Mit besonderm Glücke hat er das moderne Costume, z.B. bei den preußischen Feldherren, bei dem Prediger Franke u. s. w. beizubehalten, den Soldatenmantel um die Generalunisorm zu werfen, die Falten des Predigerrocks schön zu legen, und seine Werke dadurch in zeit- und kunstgemäßer Form auszuführen verstanden. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehören außer mehren Büsten, z. B. Zelter's und Schleiermacher's, die kolossale Statue des Königs Friedrich Wilhelm I. zu Gumbinnen und das Monument für August Hermann Franke, den Stifter des hallischen Waisenhauses, in einem Hofe desselben, beide in Erz gegossen. In Marmor hat R. sein Denkmal der Königin Louise von Preußen wiederholt, worin der Meister sich selbst übertroffen zu haben gerühmt wird. Er ist jetzt mit Ausführung des von der Stadt München bestellten Monuments auf den König Maximilian Joseph von Baiern beschäftigt, welcher, im Königsmantel, vom Throne herab, sein Volk segnet und von den symbolischen Figuren der Lnvnria und ^eiicitas pudücn umgeben ist. Unübertrefflich wahr ist sein kleines Standbild Göthe's im Hausrock. R. hat ferner die Modelle zu Denkmälern des heiligen Bonifatius für die Stadt Fulda, der polnischen Glaubenshelden Nieczislaus und Boleslaus, und Albrecht Dürer's für Nürnberg gefertigt. Der größte und glänzendste Auftrag ist ihm jedoch vom Könige von Preußen im Jahre 1830 gegeben, nämlich zu einer mit Reliefs geschmückten Säule, der trajanischen ähnlich, auf welche die Statue Friedrichs des Großen zu stehen käme, Vorschlage zu machen.— Christian Friedrich Tieck, Professor der Bildhauerkunst an der berliner Akademie der bildenden Künste, geb. zu Berlin 1776, hat die Natur und die Alten gründlich studirt, und feine Arbeiten sind mit seltener Vollkommenheit aus- ?Ä!; Deutsche Kunst 597 MW -ii!- »?.»ü geführt. Unter die großen plastischen Werke, womit er früher das neue Schauspielhaus in Berlin geschmückt hat, gehören die Karyatiden unter dem Hauptgesimse, leider nur in Gyps, unstreitig zu den genialsten Erfindungen des Künstlers wie der gesammten Zeit; der Ganymed, der Hirt, beide so unabhängig von Vorbildern, sind ganz im Geiste der alten Kunst gedacht. Dazu ist zuletzt die sitzende Statue Jssland's, in antikem Costume, von Marmor, gekommen. Ferner hat T. die spater in Erz gegossene Bildsaule des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen für die Stadt Ruppin modellirt, und die Modelle der 10 Fuß- hohen Pferde- bandiger, welche über der FMade des berliner Museums stehen, gearbeitet. Für die Zimmer der Kronprinzessin von Preußen hat er eine Reihe von Gestalten aus der griechischen Mythe in verjüngtem Maßstabe componirt, welche in Haltung und Ausdruck den Geist des Alterthums verkündigen. Zu seinen neuesten Büsten gehören die der Kronprinzessin, Niemeyer's und der Sängerin Milder. — Zwei ausgezeichnete Schüler der berliner Akademie sind die Brüder Wichman n. Professor Karl W., geb. zu Potsdam um 1778, hat durch seine sitzende Statue der Kaiserin Alexandra von Rußland großes Aufsehen gemacht. Das zu Charlottenburg befindliche Original ist für den Gemahl der Kaiserin in Marmor wiederholt worden. Professor Ludwig W., sein jüngerer Bruder, hat sich durch eine verdienstliche Gruppe, Amor und Psyche, und durch die wohlgelungenen Büsten Theodor Körner's, des großen Kurfürsten und Hegel's bekannt gemacht. Unter Rauch's jungem Schülern ist besonders Ernst Rietschel aus Pulsnitz in der sächsischen Lausitz, geb. 1804, zu nennen, welcher, nachdem er den ersten Preis bei der Kunstakademie in Berlin gewonnen, von der sächsischen Regierung nach Italien geschickt ward. Er hat sich ausgezeichnet durch ein schönes Basrelief: Abschied der Penelope vom Vaterhause, durchweine Basreliefzeichnung, das Wiedersehen Josephs und seines Vaters Jakob in Ägypten darstellend, und durch den Beistand, den er seinem Meister bei dessen größern Unternehmungen zu leisten gewürdigt ist. In München sind ihm Arbeiten für die Glyptothek übertragen, und er hat das Modell zu dem in Dresden dem König Friedrich August zu errichtenden Denkmale geliefert. — Schon der Umstand, daß Rauch und sein Schüler nach München gezogen werden, mag zum Beweise dienen, daß daselbst bisher noch keine plastische Schule sich gebildet hatte, welche zur Ausführung der vielen Bedürfnisse der von dem Könige Ludwig unternommenen großartigen Kunstwerke hinreichend wäre. Jndeß sind die Namen Eberhard, Wagner und Schwanthaler viel genannt und mit Recht gepriesen. Konrad Eberhard (s. d.) wurde 1819 Professor der Bildhauerkunst an der Akademie in München. Seine vielen Compositionen bewegen sich am liebsten in der christlichen Glaubenswelt, die er voll Ernst und Innigkeit mit poetischem Sinn aufzufassen weiß; dahingehört namentlich sein Monument für die Prinzessin Karoline in München. Doch hat er mit Geist und Geschick auch andere Darstellungen erfunden, darunter einen für die Villa Massimi in Rom entworfenen Fries mit Homerischen Scenen, der leider nicht zur Ausführung kam, weil man den ohnehin schon großen Aufwand für die künstlerische Ausschmückung nicht noch vermehren wollte; eine Muse mit dem Amor, runde Gruppe in der Glyptothek; ein Faun mit dem kleinen Bacchus; Leda; Diana und Endymion: diese im nymphenburger Schloßgarten. E.'s religiösem Kunstsinn ist die innere Anordnung und Verzierung der wiederhergestellten alten Kirche zu Wittelsbach übertragen worden. In der Arbeit sind gegenwärtig begriffen: ein Relief, Christus aus einem von den Symbolen der Evangelisten gebildeten Throne sitzend, daneben Maria und der Täufer Johannes kniend; die Statuen der Apostel Petrus und Paulus. Diese Werke werden für das Portal der Allerheiligencapelle an der Residenz zu München in Sandstein ausgeführt, und sprechen schon in den Modellen die Hoheit und Anmuth des Erlösers, die schlichte Natürlichkeit 598 Deutsche Kunst und andächtige Haltung der ihn umgebenden Personen aus. Auch hat E. aus eignem Antrieb eine durch Wahrheit des Charakters und Würde der Darstellung gleich anziehende Statue Albrecht Dürer's verfertigt. — Zu den Münchner Künstlern ist Johann Martin Wagner zu rechnen, Generalsecretair der Akademie der bildenden Künste zu München, jedoch in Rom wohnhaft, geb. zu Würzburg 1778, wo sein Vater Hofbildhauer war. Durch Verwendung des Coadjutors Dalberg kam W. in die Akademie zu Wien, wo er unter Füger sich der Malerei widmete, bald aber bei Eberhard Wächter, welchen die Revolution aus Rom nach Wien vertrieben hatte, den reinen und grandiosen Geist, die einfach edle Darstellung der römischen Meister kennen lernte. Sein erstes Bild war die Rückkehr Marias mit den Frauen und Johannes vom heiligen Grabe. Er erhielt 1803 in Wien den ersten Preis für ein Gemälde: Äneas, der die Venus um den Weg nach Karthago befragt, und in demselben Jahre erfuhr er noch in Paris, daß seine Zeichnung, Ulysses, der den Polyphem berauscht, den von den wcimarischen Kunstfreunden ausgesetzten Preis gewonnen habe. Er kam 1805 nach Rom und malte dort sein berühmtes Bild: die griechischen Helden vor Troja, nach dem zehnten Gesänge der Jlias; spater den Homerischen Götterrath für den jetzigen König von Baiern. Unter seinen Zeichnungen sind vornehmlich die von Ruschewcyh gestochenen Blatter über das eleusische Fest von Schiller zu nennen. Spater entschied er sich ganz für die Plastik, nachdem er in seinen Zeichnungen und Gemälden gezeigt hatte, daß er für diese Kunst die Weihe empfangen. In der Ausübung beschränkt er sich jedoch auf Composi'tion und Modell, die Ausführung Andern überlassend, neuerlich besonders dem in Rom lebenden Schüler Thorwaldsen's, Ferdinand Pettrich, geb. zu Dresden 1798, dervor achtJahrcn unter andern eine mit vielem Beifall aufgenommene Fischerin, runde Figur, componirt hat. In der von Klenze erbauten neuen Reitbahn zu München werden W.'s Reliefs bewundert, welche den Kampf der Centauren und Lapithen darstellen, ein Werk von ungeheurer Kraft und Lebendigkeit. Eine noch umfassendere Arbeit W.'s ist der Fries für das Innere der Walhalla, das Leben und die Geschichte der alten Deutschen darstellend; hier hat der Meister seinen Gegenstand in unendlicher Mannigfaltigkeit, mit lebensvoller Wahrheit und geistreichem Humor wiedergegeben. Seine Reisen nach Griechenland, das er zum zweiten Mal 1815 besuchte, haben die Sammlung der Glyptothek mit kostbaren Schätzen bereichert. W. ist nicht nur einer der genialsten, sondern auch gebildetsten, und gewiß der gelehrteste Künstler unserer Zeit, wofür er sich besonders durch seinen „Bericht über die äginetlschenBildwerke" (Tübingen 1817) u.a.m. ausgewiesen hat. —Ludwig Schw anth aler, Bildhauer in München, geboren daselbst 1802, war zu gelehrten Studien bestimmt, entschied sich aber für die Kunst, besuchte die Akademie in seiner Vaterstadt, und empfahl sich schon durch seine erste Arbeit, eine Composi'tion zu Reliefs für ein silbernes Plateau, den Aufzug der Götter durch den Thierkreis und andere mythologische Scenen in fortlaufender Verbindung darstellend. Nach kurzem Aufenthalt in Rom, das er krank verlassen mußte, machte er in Stucco Reliefs nach Zeichnungen von Cornelius für die Glyptothek, componirte einen Fries aus der bacchischen Mythe für den Speisesaal im neuen Palast des Herzogs Maximilian in Baiern, mehre Reliefs in Gyps für die Reitbahn des Fürsten von Taxis in Negensburg, andere für die neue Residenz in München, diese nach Pindar. Für den Königsbau hat er Scenen erfunden, welche im Hesi'od- und Orpheussaale von mehren Malern im etrurischen Styl ausgeführt werden sollen. Er arbeitet gegenwärtig an einer der Figuren, die für das Giebelfeld der Glyptothek bestimmt sind. Fülle der Phantasie, Lebendigkeit und Anmuth der Darstellung, Verständigkeit in Anordnung der Gruppen und eine durch das Studium des Altcrthums gebildete Reinheit des Styls lassen von dem, zumal auch wissenschaftlich gebildeten jungen Künstler noch Ausgezeichnetes für die Münchner Deutsche Kunst 599 OB Schule und für die deutsche Bildhauerkunst überhaupt erwarten. — Johann Baptist Stiglmaier, der Sohn eines Schmieds zu Fürstenfeldbruck in Baiern, geb.' 1791, sing als Goldschmied an zu zeichnen und zu modelliren, wurde 1814 Münzgraveur in München und war spater, um die Bronzeskulptur zu studiren, vier Jahre in Italien, worauf er auch Berlin und Paris in gleicher Absicht besuchte. Als in München eine Erzgießerei errichtet ward, erhielt er die Leitung derselben. Von 1826 an gingen aus dieser Anstalt mehre Büsten, Reliefs, Brunnen, Grabdenkmale, mehre Theile des vom Münchner Magistrate dem König Maximilian bestimmten kolossalen Denkmals, der größte Theil des vom König Ludwig für die in Rußland gefallenen Baiern bestimmten, 100 Fuß hohen Obelisken, das Thor der Glyptothek, der Candelaber zu der vom Grafen von Schönborn in Gaibach errichteten Constitutionssaule und andere wohlgelungene Werke hervor. Daneben hat S.auch in Marmor gearbeitet und unter andern die Büste des Königs Maximilian gefertigt. Nächst ihm sind für die großen Bauwerke des Königs Ludwig beschäftigt: Ernst Mayer aus Ludwigsburg, geb. 1796, Lehrer an der polytechnischen Schule in München, Schüler von Jsopi in Ludwigsburg, später von Thorwaldsen, seit 1826 in München, wo er die Antiken der Glyptothek zu restauriren hatte, und ein Basrelief: Agamemnon, Menelaus und Palamed bei Ulysses, und mehre Büsten, auch für die Walhalla, lieferte; Johann Laabaus Memmingen, geb. um 1795 (Statue des Evangelisten Matthäus nach Thorwaldsen; Knabe mit dem Schwane, runde Gruppe in Marmor; Büste von Boerhave für Walhalla); Ernst Bändel aus Ansbach, zuerst in Langer's Schule in München, dann in Italien gebildet, der ein vorzügliches Talent für die Bearbeitung des Marmors entwickelte. Noch ist des 1826 gestorbenen Bildhauers Johann Haller zu gedenken, der, eines Krämers Sohn, 1792 zu Innsbruck geboren, 1810 nach München kam, bei dem Bildhauer Schöpf arbeitete und später in die Akademie eintrat, wo er nach drei Jahren den ersten Preis und eine Pension erhielt. Mit Aufträgen für die Glyptothek kam er 1819 nach Rom, mußte es aber Krankheitshalber schon 1823 verlassen, von wo an er siechte, bis ihn im dreiunddreißigsten Lebensjahr eine tödliche Krankheit hinraffte. — In Wien hatte Franz Zauner, geb. um 1748, frei vom Zwange der Schule, sich seinen-eignen Weg gebahnt und seine ausgezeichneten Anlagen in Italien entwickelt, worauf er seit 1781 als Professor in der Kunstakademie viele Werke hervorbrachte, die von genialer Meisterschaft zeugen, und unter welchen die in Bronze gegossene, 1807 vollendete kolossale Statue Josephs II. die größte Aufmerksamkeit verdient. Neben ihm, gleichfalls als Professor an der Akademie, übte Martin Fischer, geb. 1741, die Bildhauerkunst mit rastlosem Eifer aus, und zeigte in seinen vielen Werken (bis gegen 1820) ein tiefes Studium der Natur und Kenntniß der schönen Formen der Antiken. Nach achtjährigem Aufenthalte in Italien ist seit 1823 Professor Schaller an der Akademie thätig. Sein ausgezeichnetes Talent neigt sich zur romantischen Schule. Dafür zeugen seine Com- position eines Denkmals für den Sandwirth Hofer, seine Entwürfe zu Basreliefs aus der biblischen Geschichte. In griechischem Geiste, mit tresslicher Anordnung und ausdrucksvoll componirt sind seine Gruppe des Bellerophon, seine Amorin und Venus u. a. — Tüchtige jüngere Bildhauer sind Nußbaum er und Käßmann aus Wien, Beide Schüler der wiener Akademie, die sich später als Pen- sionnairs in Rom aufhielten. In Mainz hat Karl S ch oll, ein praktisch fertiger Bildhauer, ein Standbild Guttenberg's, in Karlsruhe Raufer aus Konstanz die Statue des Großherzogs Ludwig von Baden in Sandstein ausgeführt. Zuletzt erwähnen wir Konrad Weitbrecht, geb. 1796 zu Eresbach bei Ohringen in Hohenlohe, einen geistreichen Genrebildhauer, dessen Talent sich auf ländliche und häusliche Sccncn aus dem Volksleben zu beschränken scheint, aber in diesem engern Kreise mannichfaltige und sinnvolle Darstellungen erfindet, verständig 6V0 Deutsche Kunst und geschmackvoll anordnet und sich besonders auch durch eine schöne Behandlung der modernen Costume auszeichnet. Zuerst zum Maler bestimmt, ging er nach Mailand und Florenz mit Unterstützung des Barons von Üxküll in Ludwigsburg, der ihn jedoch bald wieder zurückrief und bei Bruckmann in Heilbronn zum (Ziseleur bilden ließ. Von da kam W. als Modelleur zur würtembergischen Eisengießerei in Wasseralfingen, wo er die schönen Zeichnungen entwarf, ländliche Beschäftigungen in den vier Jahreszeiten darstellend, welche er spater als Fries in der Galerie des Landhauses Rosenstein bei Stuttgart in Stucco ausführte. Nachdem er seit 1828 in Rom gelebt hatte, ward er 1830 als Lehrer bei der Kunstschule in Stuttgart angestellt. Als Medailleurs sind zu nennen: ProfessorF. Brand in Berlin, welcher eine große Anzahl ebenso rein und scharf als schön geschnittener Medaillen und erhobener Arbeiten, besonders nach Rauch's Werken, gefertigt hat; Stiglmaier in München; Franz Xaver Joseph Losch, geb. 1770 zu Amberg, gest. 1826in München; Karl Reinhard Krüger, Münzgraveur in Dresden, der eine treffliche Medaille zur Jubelfeier der augsburgischen Confession, Medaillen aufHahnemann, Böttiger u. A. geliefert hat; I. Böhm, k. Medailleur in Wien; Karl Reich, geb. in Wien 1791; Anton Friedrich König, Münzgraveur in Dresden, geb. 1793 zu Breslau; Voigt, Hofmedailleur in München; PeterBruckmann in Heilbronn; C. P osch, L. Pfeuffer, Jachtmann, Gube in Berlin,Letztere bei der Loos'schen Anstalt beschäftigt, die, einzig in ihrer Art, eine Sammln«g von Medaillen auf verdiente Manner und edle Frauen Deutschlands herauszugeben begonnen hat, wovon Friedrich II. Humboldt, Hegel u. A. bereits erschienen sind. Die neuere Plastik hat sich auf eine Höhe geschwungen, die sie, wenn auch noch nicht der Antike gleich, doch über alle frühern Leistungen seit dem Wiederaufleben der Künste stellt. Die Naturgemäßhcit und ausdrucksvolle Wahrheit, das Studium des Nackten, die Schönheit des Faltenwurfes, die Harmonie, Kraft und Anmuth der Darstellung und eine meisterhafte Behandlung des Stoffes sind nicht zu verkennen. Besonders merkwürdig ist die religiöse Weihe, welche die Skulptur nicht bloß durch christliche Aufgaben, sondern auch durch die eigenthüm- liche Art und Weise der Lösung derselben, durch die ernste Tradition und Typik, wie durch das Innige, Seelenvolle, Wehmüthig-Heitere der Individualität der Darstellenden und des Dargestellten erhalten hat. Die Christus- und Apostelbilder von Thorwaldsen, Dannecker, Eberhard sind eine großartige Bekehrung desjenigen Zweiges der Kunst, welcher durch seinen Stoff und durch frühere Gewohnheit am meisten in den griechischen Mythus verflochten ist. Es bleibt der Skulptur noch übrig, nach Sicherheit des Styles zu ringen. Häufig gelingt es zwar in beglücktem Stunden den größern Meistern, auch in dieser Beziehung ganz zu genügen; aber noch immer unterbricht und stört den Eindruck vieler, und häusig eben der besten Werke irgend ein leichter Verstoß gegen jene, in der Natur tief gegründeten Gesetze plastischer Darstellung, welche den Alten stets gegenwärtig geblieben, ja selbst dem Mittelalter mehr angefühlt waren, als den modernen Jahrhunderten und unserer gegenwärtigen Zeit. III. Malerei. Rafael Mengs, Friedrich Heinrich Füg er und An- gelica Kaufmann strebten nach einem Ziele, welches verfehlt bleiben mußte, weil sie nicht bei der Natur, der uns gegebenen sinnlichen Offenbarung, sondern in Formen, welche diese überbieten sollten, suchten, was sie das Ideal nannten. As- mus Jakob Carstens eignete sich auf der, von Winckelmann gebrochenen Bahn die Reinheit antiker Formen an, und es gelang ihm, den Geist griechischer Kunst und Mythe in sich aufzunehmen und in großartigen und edeln Schöpfungen seiner reichen Phantasie walten zu lassen. Er starb leider schon 1798. Heinrich Wilhelm Tischbein, gest. 1829 zu Eutin, hätte Ähnliches erreichen mögen, doch war Deutsche Kunst 601 sein ursprüngliches Streben dem Holländischen näher verwandt, und es fehlte ihm für Beides an echt künstlerischem Ernst. Er betrieb die Kunst, bei angeborenem Talent, mit der Lässigkeit eines Liebhabers. Die Umstände, unter welchen er geblüht, die Gunst berühmter Schriftsteller und andere Umstände verhalfen ihm in früherer Zeit zu einem Ansehen, das er nicht behaupten konnte. Dagegen hatte Carstens, lange bevor ihm die alte Kunstwelt aufgeschlossen wurde, durch ämst'gcs Studium auch minder ansprechender Gestaltungen der Natur (seine Bildnisse in Röthel und Silberstift kommen in seinem Naterlande noch immer vor) einen malerischen Boden erworben, auf welchem spater auch das Nachgeahmte und Angeeignete mit eigenthümlicher Lebenskraft wurzelte und sproßte. — Joseph Koch, geb. 1770 in Tirol, auf der Karlsschule in Stuttgart erzogen und noch jetzt in Rom lebend, führte die noch unvollendeten Blätter von Carstens mit seiner, freilich etwas derbem Individualität aus und hat in eignen Compositionen, darunter die Zeichnungen nach Dante, ein Genie beurkundet, das reiche und charaktervolle Gebilde ins Leben ruft und den grandiosen Entwurf durch eine kecke Zeichnung vollendet. Sein vaterländisches Bild, Andreas Hofer, wie er als Heerführer auszieht, ist ein in gleicher Kraft empfangenes und ausgeführtes Gemälde. In der Villa Massimi zu Rom hat er 1825 die Scenen aus der Holle des Dante gemalt, und durch Originalität der Composition, Kühnheit der Zeichnung und eine ans Grelle grenzende Kraft der Farbe den Ort des Schreckens und die Zustände der Verdammten überraschend wahr und schauerlich ernst dargestellt. Von seinen Landschaften weiter unten. Weniger charakteristisch, mehr phantastisch sind die Werke von Friedrich Müller, dem Dichter des „Faust" und anderer Werke, in der poetischen Welt als Maler Müller bekannt, der zu Kreuznach 1750 geboren, 1825 zu Rom starb. — Philipp Friedrich von Hetsch, geboren 1758 zu Stuttgart, hat sich von der Manier und dem Farbenessect der französischen Schule nicht frei erhalten, ist übügens durch Gewandtheit des Pinsels und in manchem Bilde durch edlen Styl, einfache Composition und schönen Ausdruck unter die vorzüglichem Historienmaler zu rechnen. Seit geraumer Zeit hat er sich von der Welt zurückgezogen, und es ist zu bedauern, daß auch sein Pinsel ruht. — Innige Verwandtschaft mit der Antike ist von Carstens auf Eberhard von Wächter in Stuttgart übergegangen, der in Originalität der Erfindung, in echt classischem Gefühl und Jdeenfülle, sowie in erhabener Einfalt der Darstellung wol von keinem Jüngern erreicht worden ist. Geboren zu Balingen unweit Tübingen 1762, wurde er lange Zeit durch die Ungunst der für jeden andern Lebenszweck günstigen Verhaltnisse verhindert, feiner Neigung zur Kunst zu folgen. Da sein Vater herzoglich würtembergischer Geheimrath war, hielt es der, sonst den Künsten ergebene Herzog Karl für unanständig, daß der Sohn eines angesehenen Staatsmannes Maler werde, und W. mußte sich einem vollständigen Cursus derKameralwissenschasten auf der Karlsschule zu Stuttgart widmen. In seinem neunzehnten Lebensjahre jedoch brach die Macht des Genies durch alle Hemmnisse, nachdem ihn der Anblick von Volpato's Stichen nach den Rafael'schen Stanzen im Tiefsten bewegt hatte. Nach erhaltener Genehmigung nahm er Unterricht im Zeichnen, ging nach Manheim und bald darauf nach Paris, wo er erst malte. Mit dem Ausbruch der französischen Revolution eilte er nach Rom, kurz vor Carstens' Tode, verließ aber Italien schon nach acht Jahren und flüchtete sich mit seiner römischen Gattin vor den Kriegsunruhen nach Wien, wo er auf mehre Schüler Füger's, auf Overbeck, Wagner, Ley- bold, unabsichtlich und ohne Lehrer zu sein, einen bedeutenden Einfluß gewann. Der Krieg zwischen Napoleon und Ostreich trieb ihn in seine Heimath, von wo er nach Rom zurückkehren wollte; allein dieser Plan ging nicht in Erfüllung. Die Verspätung der technischen Ausbildung trug freilich dazu bei, daß W.'s Bilder als Gemälde nicht den Grad der Vollkommenheit erreichen, welcher ihnen durch Idee, 602 Deutsche Kunst Entwurf und Zeichnung zukommt. Dennoch eignete sich W. ein wahres und kraftiges Colorit an, und ein feiner Sinn für Bedeutung und Harmonie der Farben gibt seinen Bildern stets einen befriedigenden Ausdruck. Einzelne, wie Hiob, die Sirenen, sind sogar mit seltener Meisterschaft im Fleischton und in den übrigen Theilen ausgeführt. In seinen Hervorbringungen unerschöpflich reich und immer geistvoll, edel und gemüthanregend, hat er sich durch Beschäftigung mit den Alten immer dem Vaterlande der Kunst nahe und mit dem Geiste des Alterthums vertraut erhalten. Von dem antiken Geiste beseelt, in einer griechischen Form gehalten, sind auch seine Darstellungen biblischer und christlicher Gegenstande, und hierin repräsentirt er am deutlichsten die altere römische Schule deutscher Maler, der jungem romantischen gegenüber. Au seinen frühern Werken gehören vornehmlich: Hiob, das einzige große Ölbild von W., um 1820 neu übermalt; die Aussetzung der Psyche; der sterbende Sokrates; Alcibiades, in der Schule des Sokrates; Be- lisar; Casar auf dem Felde von Pharsalus; Grablegung Christi. Zu den neuern: Cimon, der für seinen todten Vater in den Kerker geht; Homer und die Muse der Geschichte.— Ein Genosse jener Zeit, zuerst Schüler von Hetsch, Ferdinand Hartmann, Director der Akademie der bildenden Künste zu Dresden, geb. zu Stuttgart 1770, hat 1828 die dritte Reise, als Begleiter des Prinzen Friedrich von Sachsen, nach Italien gemacht. Ein genialer und ruhig ordnender Sinn und ein inniges Gemüth beseelen seine Compositionen, die er kräftig und in wahrem Colorit auszuführen pflegt. Zu seinen frühern Gemälden kamen in der neuesten Zeit: Hercules, eine Pieck. Seine Bildnisse sind ausdrucksvoll und von warmem Leben. In dieselbe Periode siel der Kalmücke Feodor, den wir um seines ganzen Bildungsganges und seines nachmaligen Aufenthaltes willen — er wurde Hofmaler in Karlsruhe — zu den Deutschen rechnen können. Man zählte ihn zu den tüchtigsten Zeichnern; zu Ölgemälden nahm er sich ungern Zeit und Mühe, aber seine Compositionen in Crayon und mit der Feder sind reich an Phantasie und charakteristisch gehalten. Für die lutherische Kirche in Karlsruhe hat er Scenen aus der Geschichte Jesu entworfen, deren Ausführung dem Professor Zoll übertragen wurde.— Johann und Franz Riepenhausen aus Göttingen wichen von der strengern Richtung der Vorgenannten durch ein Streben nach gefälligen Formen und zierlicher Ausführung ab. Ihre Composition ist ansprechend, ihre Gruppirung schön; sie haben sich vornehmlich nach Rafael'schen Mustern zu bilden versucht, daher sie auch dieses Ideal gern zum Gegenstand ihrer Darstellungen wählten, so in dem großen Ölgemälde, Rafael's Verklärung, und in einer Folge von Compositionen aus Rafael's Leben, deren Stich sie selbst besorgt haben. Ihr neuestes großes Ölgemälde war für den Guelfenordenssaal in Hanover bestellt: Wie Heinrich der Löwe den Kaiser Friedrich beim Ausgang aus der Peterskirche gegen den meuchlerischen Anfall der Gibellinen schützt. Eine neue Bearbeitung der polygnotischen Bilder, die nach Pausanias in der Lesche zu Delphi standen, haben sie 1829 in 18 Kupfertafeln herausgegeben. — Ein anderer Deutscher, welcher eine kurze, aber unsterbliche Erscheinung in der Geschichte deutscher Kunst sein sollte, kam 1804 nach Rom, Gottlieb Schick, geb. 1779 zu Stuttgart, Hetsch's und Dannecker's Schüler, der früher sich in Paris gebildet hatte; erst aber in Rom ging ihm völlig der innere Sinn für wahre Künstlerbestimmung auf. Von Keinem wird es gerühmt, daß er wie S. die schönen Formen der Antike mit einer innern Noth- wendigkeit und zugleich mit höchster Leichtigkeit gezeichnet habe. Sein Opfer Noah's, sein Apollo unter den Hirten, sein Christus, seine Portraits, namentlich der Humboldt'schen Familie, sind in Hinsicht aus Innigkeit der Empfindung, Wahrheit des Ausdruckes, Schönheit der Anordnung mit Vorzügen ausgestattet, welche, je mehr man sie erkennt, nur um so schmerzlicher den frühen Verlust des Künstlers bedauern lassen. Er war 1811, durch Kränklichkeit geschwächt, mit seiner Familie Deutsche Kunst 603 nach Stuttgart gereist um sich dort zu erholen; am Himmelfahrtsfeste 1812 aber flog seine Seele zum Lande der ewigen Schönheit auf. Ein Nebenbuhler Schick'S war Abel, aus der Gegend von Linz und auf der wiener Akademie gebildet; er ging jedoch weniger tief und war überhaupt weniger bedeutend in Idee und Darstellung, obgleich er ein gewandtes Talent befaß. Mehre feiner Bilder, zum Theil aus der griechischen Fabel entnommen, haben in Rom und Wien, wo man fast allein seine Werke zu sehen Gelegenheit hat, großen Beifall gefunden. Er starb in Wien 1818. Karl Leybold, Sohn des Professors der Kupferstecherkunst in Wien, geb. 1786 zu Stuttgart, auf der Akademie zu Wien unterrichtet und durch Wächter's Umgang geleitet, kam 1867 nach Rom. Bon seinem historischen Talente zeugt ein sigurenreiches Bild, Cimon's Wohlthatigkeit. Nach seiner Jurückkunft 1814 wurde er so sehr für das Portraitfach in Anspruch genommen, daß außer seiner von Göthe des ersten Preises würdig erkannten Zeichnung, Eharon, kein historisches Bild von ihm ausgegangen ist wiewol seine geistvolle Behandlung des Portcaits (z. B. der Königin Pauline von Würtemberg, Cotta's, Gustav Schwab's) im Ausdruck des Gesichtes, in Haltung und Handlung der Figuren, in Anordnung des Beiwerks und der Landschaft eine echt historische zu nennen ist. Seit 16 Iahren halt er sich in Stuttgart auf und ist 1828 als Lehrer an der neuerrichteten Kunstschule angestellt worden. — Von der Schule, zu welcher die vorgenannten Künstler gehören, blieben folgende mehr oder weniger unberührt, die entweder die alte akademische Regel befolgten, oder einen eigenthümlichen Weg einschlugen: Johann Friedrich Matthai, Professor an der dresdner Akademie, geb. zu Meißen 1777; zu seinen jüngsten Werken gehören, mit akademischem Fleiße entworfen und ausgeführt: der sterbende Kodrus, der Apostel Paulus, dem zum Behüfe kirchlicher Verwendung noch andere Apostclbilder folgen werden. Johann Karl Rösler, Professor in Dresden, ge5. 1775 zu Görlitz, durch sinnreiche und lebendige Darstellungen aus der sachsischen Geschichte, auch aus der Bibel und Legende (z. B. das große Bild: Lasset die Kindlein zu mir kommen) empfohlen. I. Grassi, seit 1806 Professor an der dresdner Akademie, und Traugott Leberecht Pochmann, geb. 1762 zu Dresden, gest. 1830, Professor an der dresdner Akademie, Beide hauptsachlich durch Portraits, derLetztere aber auch durch historische Bilder bekannt. Johann Peter von Langer, Director der Akademie der bildenden Künste zu München, geb. 1759 zu Calkum, gest. 1824 zu München, und dessen Sohn, Professor Robert von L., welcher den ihm neuerlich übertragenen Frescogemalden in dem Palast des Herzogs Maximilian eine lebendige Composition zu geben wußte. Anton Petter, seit 1829 Director der Malerei und Bildhauerei bei der wiener Akademie, geb. 1783 zu Wien, zeichnet sich besonders durch effectvolle und harmonische Beleuchtung seiner wohlgeordneten Bilder aus, z. B. der Vermahlung Maximilians I.; dessen Zusammenkunft mit seiner Braut, Maria von Burgund, in Gent; Rudolf von Habsburg an der Leiche Ottokars von Böhmen. Karl Ruß, Eustos der Galerie im Bcl- vedere, geb. 1779 zu Wien, unerschöpflich in patriotischen Bildern, denen er Ausdruck und Leben verleiht. Peter Krafft, Professor an der Akademie in Wien, geb. 1780 zu Hanau. Als ein armer Jüngling malte er in Wien Portraits in Miniatur und Ol, machte aber zugleich in freien Stunden höhere Studien. Er ging 1800 auf vier Jahre nach Paris, 1808 nach Rom, wo er aber nicht lange blieb. In seinen historischen Bildern wirkt er durch einfache Mittel und gibt den figurenrcichsten Darstellungen eine verständige Anordnung. Seine berühmtesten großen Ölgemälde sind: der Abschied und die Rückkehr des Landwehrmanns, im Belvedere ; die Schlachten bei Aspern und bei Leipzig, imInvalidenhause zu Wien. In den letzten Iahren gab er drei große Bilder, reiche Darstellungen aus dem Leben des Kaisers Franz, in der kais. Burg. Seins Zeichnung ist gut, sein Colorit kräf- /I v KV4 Deutsche Kunst tig, der Ausdruck seiner Köpfe lebendig. Im Portrait hat er Ausgezeichnetes geleistet; doch ist in seinen Bildern hier und da ein Anflug französischer Manier und Haschen nach Effect nicht zu verkennen. Mit Overbecks Ankunft in Rom 1810 entwickelte sich daselbst die ekgen- thümliche Art und Tendenz der neuern Schule. Mit ihm verbanden sich der Veteran Koch, Cornelius, die Brüder Veit, Wilhelm Schadow, Eggers, Julius Schnorr Scheffer u. A. Es war ein richtiger Trieb, der diese Meister zu den Erzeugnissen einer frühern christlichen Kunsiwelt leitete und sie an den, das geistige und Ge- müthsleben in höchster Einfalt und Anspruchlosigkeit und oft mit Verleugnung der schönen sinnlichen Form und Fülle darstellenden Werken der altitalienischen und altdeutschen Kunst das größte Wohlgefallen finden, in der Aneignung solcher Geistigkeit, in der Verherrlichung des Glaubens, der Kirche und frommer, natürlicher Sitte, in der Anschließung an traditionelle Vorbilder den höchsten Preis des Kunststrebens suchen ließ. Zu diesem gemeinschaftlichen innern Anziehungspunkte kam 1815 ein äußeres Band, nämlich die Aufgabe, mit einander die fast untergegangene Frescomalerei wieder zu beleben. Cornelius, Overbeck, Schadow und Philipp Veit malten die Geschichte Josephs in der Wohnung des preußischen Generalkonsuls Bartholdy zu Rom. Spater verband die Villa Massimi durch den Auftrag, Scenen aus Dante, Ariosto und Tasso in Fresco zu malen, mit Cornelius, Overbeck und Veit die Brüder Schnorr und Führig, sowie den Meister Koch. Veit und Eggers wurden auf Canova's Antrag mit Frescobildern im Vatican beschäftigt. Seitdem hat sich diese Schule nach allen Seiten erweitert und diesseits der Alpen durch die Anstellung von Cornelius, Schadow, Schnorr, Wach, Vogel, H.Heß U.A., als Direktoren und Professoren deutscher Kunstakademien, großen Einfluß und allmälig auch unter dem Publicum Beifall gefunden. Es ist ihr nämlich nicht mit Unrecht oft und gleich anfangs der Vorwurfgemacht worden, sie verwechsele das Zufällige mit dem Wesentlichen, sie greife nach allerlei Formen des Mittelalters und lasse den reinen Geist, das wahre innerliche Leben, dahinten; sie hasche sogar nach Armuth an sinnlichem Reiz, nach Magerkeit der Glieder, Steifheit der Figuren, Andächtigkeit der Gesichter, kleinlicher Ausführung der Nebensachen; aber der gesunde Sinn eines Overbeck, Cornelius und Anderer, und das reine Streben nach der Wahrheit, konnte sie nicht lange im Jrrthum lassen. Auch durch neue mythologische Aufgaben legte sich ihnen das Bedürfnis runder Form und sinnlicher Schönheit nahe, sodaß durch das romantische Element auch eine phantastischere Auffassung und freiere Behandlung gerade des klassischen Alterthums verstattet war. — Friedrich Overbeck, geb. 1789 zu Lübeck, Füger's Schüler, ward schon durch die Berührung mit Wächter zu einem strengern und edlern Styl geleitet, bald aber von dem Geiste, der in Dürer's und älterer Meister Werken lebt, mächtig angezogen. Ein in diesem Geiste entworfenes Bild brachte er 1810 mit nach Rom, wo sich seine Richtung immer mehr ausbildete. Er hat mit Wächter gemein, daß, wie dieser in der ältern archäologischen Schule, O. inderjüngern romantischen durchaus originell ist, und feine Compositionen an nichts Fremdes und Früheres erinnern, sondern ihm selbst eigen und durchaus neu sind. Nicht aber sowol das Großartige und Gewaltige, worin es ihm Cornelius zuvorthut, als das Zarte, Innige, Fromme, in Ernst oder Lieblichkeit, mit freiem Geiste in eigen- thümlicher Weife darzustellen, ist ihm verliehen. Bei den Frescobildern in Bar- tholdy's Wohnung hat er den Verkauf Josephs und die sieben magern Kühe, in der Villa Massimi den Tassofaal gemalt. Sein großes Altarbild in Öl, der Einzug Christi in Jerusalem, nach zehn Jahren auf Rumohr's Betrieb vollendet, ist seit 1824 in Lübeck aufgestellt. O. hat 1829 in der Kirche degli Angeli bei Assisi für die kleine Capelle des heiligen Franz ein Frescobild aus der Legende der Maria gemalt. Für einen Franzosen, Raulin, hat er eine Reihe von Darstellungen aus ! Deutsche Kunst KV5 der heiligen Geschichte gezeichnet, wovon zwei Blätter von Nuscheweyh in Rom chl' ....... ^ . gestochen worden sind. Einzelne Ölbilder und Zeichnungen besitzen Quandt in Dresden und Andere. Dahin gehören die herrliche Composition, wie Christus die Kinder i- segnet; die Wiederbelebung der Tochter des Iairus; Johannis Predigt in der Wüste, tz? O. hat sich in Rom hauslich niedergelassen, und nur erst 1831 hat er eine Reise nach ^ Süddeutschland unternommen, wo ihn die Münchner Künstler und Kunstfreunde mit gerechtem Jubel aufnahmen. — Peter von Cornelius (f. d.) hatte schon, als er ? bis 1825 Director der Akademie zu Düsseldorf war, einen Kreis hoffnungsvoller Schüler um sich versammelt. Stürmer und Stilke aus Berlin und Anschütz aus Koblenz malten das jüngste Gericht im Assisensaale zu Koblenz; Herrmann aus Dresden, Gözenberger aus Heidelberg und Ernst Försteraus Altenburg die Aula in Bonn; sowie der Baron von Plcssen bei Düsseldorf, Minister von Stein aufKappenberg,GrafSpee aufHelldorfam Rhein und andere reiche und kunstsinnige Gutsbesitzer ihre Schlösser von Zöglingen der Cornelius'schen Schule mit Fresco- bildern schmücken ließen. Das größte Feld war dem Meister selbst in München eröffnet. In der Glyptothek standen ihm seine Schüler Schlotthauer und Zimmermann zur Seite, um seine Entwürfe auszuführen. Mehre feiner Schüler, außer den obengenannten, Wilhelm Nöckel aus Schleißheim, Georg Hiltensperger aus Haldenwang, W. Lindenschmitt aus Mainz, PH. Schil- gen aus Osnabrück, G. Gassen aus Koblenz, A. Eberle aus Düsseldorf, D. Monten aus Düsseldorf, PH. Foltz aus Bingen, W. Kaulbach und C. Schorn aus Düsseldorf, Chr. Rüben aus Trier, haben die Arcaden des Hofgartens in München mit Bildern aus der bairischen Geschichte geschmückt, die bei mancher Unvollkommenheit doch im Ganzen höchst erfreuliche Zeugnisse von dem Streben und den Fortschritten der Schule liefern; die dabei befindlichen Arabesken sind von C. Sich mann und E. Neureuther, die Landschaften in den Arcaden von Rottmann gemalt. Unter die tüchtigsten Schüler von Cornelius gehört Karl Heinrich Herr mann aus Dresden, geb. 1801, der unter Hartmann in Dresden seine ersten Studien machte. Er malte 1828 in den Münchner Arcaden die Schlacht Ludwigs des Baiers bei Ampsi'ng und 1829, nach einer kurzen Reise nach Rom, die Himmelfahrt Christi in der protestantischen Kirche zu München, ein großes ideenreiches Bild; auch ist ihm bereits ein Zimmer der neuen Hofburg in München zugewiesen, das er mit Bildern aus dem heiligen Graal oder Parcifal von Wolfram von Eschenbach ausfüllen soll. — Neben Cornelius sind jetzt als Lehrer an der Münchner Akademie Zimmermann, Julius Schnorr, Heinrich Heß und Joseph Schlotthauer thatig. Clemens Zimmermann, seit 1825 Professor der Historienmalerei an der Akademie in München, hat nach seiner Rückkehr aus Italien 181? zwei große Ölbilder, eine heilige Familie und einen TäuferJohan- nes, und 1819 für die Stadt Augsburg das Bildniß des Königs Maximilian in natürlicher Größe und im vollen Schmucke des Königsornats gemalt. Seit 1820 ist er in der Glyptothek, seit 182? für die Pinakothek mit Ausführung von Entwürfen nach Cornelius beschäftigt; in den Arcaden des Hofgartens hat er die Belehnung Ottos des Großen mit dem Herzogthum Baiern dargestellt. Diesem ausgezeichneten Frescomaler wurde 1821 die Ausmalung des großen Speisesaales der neuen Residenz mit Frescobildern von eigner Erfindung aus Anakreon's Liedern über- Mchi' tragen. Auch hat er 1831 die Verzierung der Decke des Tanzsaales in dem neuen . ^!>jch Palaste des Herzogs Maximilian in Baiern hergestellt und in der Capelle dieses Pa- eß lastes al iresco ein Altarbild: die Krönung der Maria, ausgeführt. — Veit Julius tK'Mü ^ S ch norrvon Karolsfeld, geb. 1?94 zu Leipzig, seines VatersSchüler, der erst 1814 nach Rom gekommen war, hat in der Villa Massimi den Ariostofaal mit ausgezeichnet schönen Darstellungen voll Kraft, Leben und Mannichfaltigkeit al tresco gemalt; einzelne Ölbilder und Zeichnungen, darunter neuerlich Nausikaa im Wa- 606 Deutsche Kunst gen mit ihren Gespielinnen, die Geschichte der Angelica nach Ariosto in 10 Blattern, sind Compositionen in wahrhaft schönem Styl und naturtreuec Darstel, lung. In München, wo er seit 1827 als Professor angestellt ist, ward ihm ein« Reihe von fünf Sälen der neuen königlichen Residenz anvertraut, um sie mit Bil- dem aus dem Nibelungenliede zu schmücken, wozu auch bereits Cartons gezeichnet sind; das ganze Werk soll aber 1840 vollendet sein. — Professor Heinrich Heß geb. 1798 zu Düsseldorf, hat das große Ölgemälde, Apollo und die Musen, ausgeführt, und darin ein hohes Talent sowol der Composition als der Zeichnung und besonders auch des Colorits bewährt. Sein Portrait Thorwaldsen's wird von Vielen für das charaktervollste erklärt. Als er 1827 aus Rom zurückkehrte, von wo er ein schön erfundenes und tresslich gemaltes Genrebild, römische Bäuerinnen auf der Pilgerfahrt, mitbrachte, erhielt er seine Anstellung bei der Münchner Akademie. Seit 1828 arbeitete H. die in Farbe ausgeführten Cartons, 'Apostel und Heilige darstellend, für die neuen Glasmalereien in dem regensburger Dom. Nun aber ist ihm in noch weiterm Maße vergönnt, seine Kunst dem religiösen Gebiete zu weihen; die Cartons, die er bereits für die von ihm allein u! ttesco auszumalende Allerheiligencapelle gezeichnet hat, sind in großartigem Styl entworfen. In geistreicher Auswahl und Anordnung umfassen diese Darstellungen die Hauptsymbole der alt- testamentlichen und christlichen Dogmen nach dem Typus der römischen Kirche. — Joseph Schlott hau er, früher Tischler und Soldat, wurde auf das Gebiet der Kunst gezogen, wo er sich bald einheimisch fand und seine schöne Eigenthümlichkeit in reinen Zügen auszusprechen wußte. Seit Cornelius die Frescomalerei in der Glyptothek begann, unterstützte D. ihn als treuer Mitarbeiter und erwarb sich durch die Ausführung der ihm anvertrauten Gemälde einen ehrenvollen Namen. Seitdem besuchte er Italien zwei Mal auf kurze Zeit und wurde 1830 Jnspector und Professor der Kunstakademie zu München. — Aus der Münchner Akademie unter Langer und Cornelius sind tüchtige Künstler hervorgegangen, die sowol in Fresco- bildern als Ölgemälden Erfreuliches geleistet haben, wie außerH e ß, Laver Glink aus München, Romberg, Stadler, Anton Gegenbauer aus Wangen am Bodensee, Emil Jacobs aus Gotha, Johann Michael Wittmer, Karl Bruckmann aus Heilbronn, Erwin Speckt er aus Hamburg, Näher aus Biberach, die Letztern gegenwärtig in Rom. Ein ausgezeichnetes Talent für schöne Composition, wahren Ausdruck, warmes und kräftiges Colorit beurkunden die Ölgemälde der Baronin vonFreyberg in München. — Mit einer bestimmten Eigenthümlichkeit ist die neue düsseldorfer Schule unter Schadow's Direktion der Ölmalerei zugewendet. Wilhelm Friedrich Schadow, Sohn des Directors und Bildhauers in Berlin, geb. 1789 zu Berlin, kam 1810 mit seinem ältern Bruder Rudolf nach Italien, und traf bald nach Overbeck und Vogel in Rom ein. Er zeigte schon damals mehr Talent zu gemüthvoller Auffassung und vollendeter Darstellung mittels Farbe und Helldunkel, als zu reicher und imposanter Composition; dies ist denn auch jetzt der eigenthümliche Charakter und Vorzug seiner Werke und der Leistungen seiner Schüler, und gibt auch von dieser Seite den erfreulichen Beweis, daß die romantische Kunst sich nicht bei dem frühern Hasse gegen den Reiz sinnlicher Form und gegen den Schmelz der Farbe erhalten konnte. Nicht daß bei S. nur das technische Verdienst sich geltend machte, auch seine Erfindung ist ebenso einfach als innig; es herrscht in der Wahl der Gegenstände das Zarte, Weiche, Liebliche vor, was die Behandlung durch sinnlichschöne Form, Schmelz der Farbe und Zauber des Helldunkels am ehesten zuläßt. Von S.'s neuern Werken sind zu nennen: die Poesie, eine tresslich gedachte Allegorie; Mignon nach Goethe, Christus und die Apostel, Christus zwischen Johannes und einem Pharisäer, Caritas; die kolossalen Evangelisten Matthäus und Lucas, in der neuen werderschen Kirche zu Berlin. Ausgezeichnete Schüler stehen ihm zur Seite: Deutsche Kunst 607 ^°sihiG °°KZ»^ «M sN Julius Hübner (Goethe's Fischerknabe); Theodor Hildebrandt (Cordella an Lear's Leiche, Judith, Clorindens Tauft, Romeos Abschied von Julia); Karl Sohn (Rinaldo und Armida, Hylas mit den Nymphen); Karl Lessing (Felsenschloß, eine geistvolle historische Landschaft; das trauernde Königspaar, nach Uh- land); Heinrich Mücke (Narciß, Genoftva), und Andere mehr. — Johann und Philipp Veit, geb. 1791 und 1793 zu Berlin, Söhne eines dortigen jüdischen Vanquiers und nachmals zum Christenthume katholischer Conftsston übergetreten, kamen bald nach Overbeck in Rom an und entschieden sich für die Richtung des Studiums auf das innigere und frömmere Mittelalter. Philipp nahm an den Frescobildern in Bartholdy's Wohnung Antheil. Im Vatican wurde von ihm die Religion im Colosseum sitzend ausgeführt. Als Cornelius Rom verlassen hatte, übernahm er die Darstellungen aus dem „Paradies" des Dante, die er in geistreicher Auswahl und Anordnung componirt und in reinem Colorit überaus lieblich und ansprechend gemalt hat. Auch in seinen Ölbildern, Judith, Leas domo, Jesus in Gethsemane u. s. f., zeigt er tiefes Gefühl und eine tressliche klare Färbung. Seit mehren Jahren ist er als Direktor der Kunstschule des Stadel'schen Instituts in Frankfurt a. M. angestellt. Sein Bruder lebt noch in Rom. Neben Philipp V. ist in Frankfurt der erfinderische Oppenheimer aus Hanau, geb. um 1800, dessen Talent um 1823 in Rom, namentlich bei Thorwaldsen, Anerkennung und Ermuthigung fand. Er wählt am liebsten alt- testamentliche Gegenstande; David vor Saul, Scenen aus dem Buche Tobias, Susanna im Bade, und die vielen kleinen Skizzen seiner rastlos bildenden Phantasie zeugen von einem so verstandigen Sinn und tiefen Gemüthe, dem allmalig auch die Schwierigkeiten der Zeichnung und Farbe sich unterwerfen müssen. — Genosse Overbecks war der talentvolle P fo rr, der mit ihm und L. Vogel von Zürich 1810 nach Rom kam und noch vor Vollendung seines größern Bildes, Kaiser Rudolfs von Habsburg Einzug in Basel darstellend, 1812 in Albano starb. In jene Zeit des ersten Strebens der romantischen Schule reicht auch noch der Frankfurter I. D. Passavant hinauf, welcher früher in Paris studirt hatte, dann aber nach Rom ging und durch sinnige Composition, vornehmlich religiöser Gegenstande, sich auszeichnet. Er hat eine größere Kunstreise für ein über Rafael herauszugebendes Werk unternommen. Zu den ersten Frescomalern in Rom gehört Eggers in Neustrelitz, der mit Veit im Vatican beschäftigt war und hier, zur Erinnerung an die Bereicherung der vaticanischen Bibliothek mit einer Münzsammlung, die alte Roma, wie vor ihr Münzen ausgeschüttet werden, darstellte; dieses Bild und noch mehr seine Ölgemälde, die er öfters nur zu sehr im Dunkeln hält, sind von tiefer Bedeutung im Entwurf, von glänzender Ausführung und namentlich von kräftiger Wahrheit des Colorits: Amor mit dem Köcher kniend, Nater ckolorosa, Christus bei Martha und Maria. — In Berlin hat sich unter Wach eine minder entschiedene, aber desto mehr die Eigenthümlichkeit des einzelnen Talentes fördernde Schule gebildet. Wilhelm Karl Wach, geb. 1788 zu Berlin, Professor an der dortigen Akademie der bildenden Künste, verbindet mit dem Streben nach reiner Form und harmonischer Anordnung einen lebendigen Ausdruck und eine treffliche Ausführung; außer mehren ausgezeichnet schönen Bildnissen hat W. in der neuesten Zeit die allegorischen Figuren, Glaube, Liebe, Hoffnung, für die neue werdersche Kirche in Berlin gemalt. Seine Schüler: Eduard Däge (vier Jahreszeiten und Lebensalter); Adolf Henning (das Kind und sein Schutzengel, Rebekka am Brunnen); Hopfgarten (Maria und Martha) und Andere eifern dem Meister in richtiger Zeichnung und kräftigem Colorit nach. — Professor Karl Begasse, geb. 1794 zu Heinsberg bei Köln, hat in neuerer Zeit eine Kreuzabnahme für den berliner Dom, eine Auferstehung Christi für die neue werdersche Kirche gemalt, auch eine Reihe 603 Deutsche Kunst von Darstellungen aus der Geschichte des Tobias begonnen. Eine bedeutsame Idee und ausdrucksvolle Vollendung ist in seinen wohlgruppirten Bildern nicht zu verkennen, wiewol die französische Schule, in welcher B. seine Studien gemacht, ihren eigenthümlichen Einfluß auf Composition und Ausführung immer noch behauptet.— Professor Kolbehat durch viele historische Gemälde, namentlich aus der vaterlandischen Vorzeit, durch Cartons für die Glasbilder in Marienburg, besonders aber durch eine Art von mittelalterlichem Genre, sich als einen gemächlichen und verständigen Künstler, dem eine kräftige und wahre Darstellung zu Gebote steht, empfohlen. — Wilhelm Hensel, Hofmaler und Professor der Historiennnr, lerei zu Berlin, geb. 1794 zu Trebbin, ging von dem Studium der Bergbaukunde zur Kunst über und bildete sich in der Akademie der Künste zu Berlin. Er malte Scenen aus berühmten Tragikern im Vorsaale des Schauspielhauses zu Berlin. In Rom, wohin er 1825 ging, beschäftigte er sich, außer einer tresslichen Copie derTrans- siguration von Rafael, mit einem großen Ölgemälde: Christus und die Samariterin. Er arbeitet jetzt an einem großen Bilde: Christus vor Pilatus. — In Dresden sind als Jünger der romantischen Schule vorzüglich Vogel und Näke zu bezeichnen. Professor Karl Vogel von Vogelstein, geb. 1788, wurde nach siebenjährigen Studien in Italien 1820 bei der Akademie angestellt. Von ihm sind die ul kresco gemalten Plafonds in dem Schloß und der Capelle zu Pillnitz. Jene frühern Bilder umfassen allegorisch die gesammte Kunstwelt in sinnreicher und schön entworfener Composition; die spätem das Leben der heiligen Maria, wozu noch als Altarblatt in Ol die Offenbarung der Jungfrau an die Gläubigen gehört. Unter seinen Ölgemälden aus der neuern Zeit ist ein Altarbild des heiligen Antonius in der Capelle der katholischen Freischule zu Dresden auszuzeichnen. Auch seine neuesten Bildnisse, worunter die Minister Nostitz und Lindenau, empfehlen sich durch geistreiche Charakterauffassung und vollendete Ausführung. Professor Gustav Heinrich Näke, geb. 1785 zu Dresden, lebte von 1817—24 in Rom. Seine Bilder, Christus mit dem Zinsgroschen, die heilige Elisabeth im Hofe der Wartburg Almosen spendend, sind vortrefflich gemalt und haben das Verdienst eines wahren und lebendigen Ausdrucks. — Karl Peschel in Dresden componirte mit Gefühl Darstellungen aus dem Buche Tobias und erwarb sich durch seine neuesten historischen Gemälde rühmliche Anerkennung. August Richter, geb. daselbst um 1800, wurde nach längerm Aufenthalt in Italien, wo er sich besonders Rafael zum Muster nahm, als Professor an der Akademie zu Dresden angestellt und ist jetzt mit einem großen Bilde, Christus unter seinen Jüngern, beschäftigt. Auch müssen hier genannt werden: Karl Schumacher aus Mecklenburg und Hennig aus Dresden, welche sich in Italien von 1820—25 zu tüchtigen Künstlern bildeten, wohin H. nach mehrjährigem Aufenthalte in Leipzig 1832 zurückkehrte, während S. feit 1830 beschäftigt ist, ein öffentliches Gebäude in Schwerin mit Frescobildern zu zieren. — In Schwaben und der Schweiz begegnen uns Vogel aus Zürich, Dietrich in Stuttgart, und Marie Ellenriedec in Karlsruhe. Ludwig Vogel, geb. 1788 in Zürich, hatte bis in sein sechszehntes Jahr eine wissenschaftliche Erziehung genossen und trat dann in den väterlichen Beruf eines Zuckerbäckers ein, faßte aber 1806 den Entschluß, ganz für die Kunst zu leben. Sein früh erwachtes Talent für Composition schöpfte aus der vaterländischen Umgebung charakteristische Gestalten und Gruppen. In Wien, wohin er 1808 ging, würde ihn die akademische Methode muthlos gemacht haben, wäre nicht zwischen ihm und zwei andern genialen Jünglingen, Overbeck und Pforr, ein Freundschaftsbund geknüpft und dieser Bund zugleich auf ein zweckmäßigeres Studium und eine innigere Anschauung der Kunst geleitet worden. Sie gingen 1810 vereint nach Rom, V. brachte den Carton zu seinem großen Bilde, die Rückkehr der Schweizer aus der Schlacht bei Morgarten darstellend, Deutsche Kunst 609 >»>.. !!«. ^ ^>1 Id^ Uch^ -iÜIlM .li'Äi'Il W^llztllhlltll. «W eHÄkind«, -W M WrH, ^ 'chkKDjwDK helinMnmM ^mn^WlSW AMAGM^i'! »W. A . ... ,I> WW' >» A« >?'' «i' i- :'-?F mit und untermalte es in Rom; wozu noch Entwürfe und Studien zu Darstellungen aus der Geschichte W. Tell's und Niklaus von der Flüe, und eine Allegorie des Alpenlandes kamen. Nach Pforr's Tode kehrte V. 1813 in die Heimath zurück und lebt hier in unermüdeter künstlerischer Thätigkeit. Vaterlandische Historien und Volksscenen aus der Schweiz sind der Lieblingsgegenstand seines Pinsels, und es gelingen ihm solche Darstellungen mit unübertrefflicher Wahrheit. Seine Heimkehr der Schweizer aus Morgarten, Wilhelm Tell, wie er Geßlern den Pfeil zeigt, Zwingli's Abschied von den Seinigen vor der cappeler Schlacht und andere Bilder dieses Meisters zeigen M ausgezeichnetes Talent des Ausdrucks und der Gruppirung der sigurenreichsten und verwickeltsten Scenen, verbunden mit kühner Zeichnung und kraftigem Colorit, wiewol sie in Ausdruck, Bewegung und Färbung nicht selten ans Übertriebene streifen. — Dieterich, geb. um 1790 zu Biberach, ging um 1820 nach Italien, wo er sein großes Ölgemälde vollendete: Abrahams Einzug in Kanaan, ein reiches Ganzes mit natürlichen Gruppen und ausdrucksvollen Köpfen, bis ins Einzelnste mit großem Fleiß ausgeführt und von einem schönen kräftigen Colorit, in Idee und Darstellung ein erfreulicher Beweis von der, wiewol eigenthümlichen Anschließung an die tiefere Kunstrichtung der romischen Meister. Im Bildnisse verbindet D. mit individueller Wahrheit eine treffliche Färbung. — Marie Ellen rieder, aus Konstanz, zeichnete sich in ihren frühesten Versuchen durch inniges Gefühl wie durch ein glückliches Talent für die Kunst aus. Um 1820 ging sie nach Italien, wo sie bis 1825 lebte und sich besonders im Vortrag und Ausdruck vervollkommnete. Ihre lesende Maria im Kindesalter, ihre Anbetung der heiligen Jungfrau, Maria mit Jesus, die heilige Victoria und Anatokia und andere mehr sind eigne Motive in einer lieblichen und tief empfundenen Darstellung. Mehre Altarblätter hat sie für vaterlandische Kirchen gemalt, so die Verklarung des heiligen Bartholomaus für die Kirche zu Ortenberg bei Ossenburg, die Marter des heiligen Stepha- nus für die katholische Kirche zu Karlsruhe. — Eine talentvolle Künstlerin im Historienfache ist Sophie Reinhartin Karlsruhe; ein tüchtiger Schüler von Ruß in Wien, besonders mit Darstellungen vaterlandischer Geschichten aus dem Mittelalter beschäftigt, Ernst Bar in Durlach. — In Wien hat die romantische Schule im Stillen einst ihre Geburtsstunde gefeiert, und obgleich fremde Meister sie stifteten, haben sich doch in der Folge auch einheimische ihr angeschlossen; vor Allen der frühvollendete Johann Scheffer. Geboren 1795 in Wien, der Sohn eines Bedienten, verlebte er seine früheste Jugend unter mannichfaltigem drückenden Mangel und trat bei einem Maler in Dienste, dem er Farben reiben und andere Geschäfte für das Haus verrichten mußte. In diesem Zustande nahm sich des talentvollen Jünglings der Cardinalbischof von Gurk, Fürst von Salm-Rcisserscheid, an. Er reiste nach Italien und Sicilien. Durch Empfehlungen gelangte er bis zum Papste Pius VI!., der sich von ihm malen ließ. Nachdem er 1818 zurückgekehrt war, zeigte er 1820 in Wien feine orgelfpielende Cäcilia, die der Herzog Albert von Sachsen-Teschen kaufte. Bald nachher ging er wieder nach Rom, wo ihn ein inniges Verhältniß mit andern frommen Meistern verband, besonders mit Overbeck, mit welchem er nicht nur in der Gemüthsrichtung, sondern auch im Äußern eine auffallende Ähnlichkeit hatte. Hier vollendete er mit glücklichem Fleiße sein letztes und bestes Werk, die sterbende Cäcilia, welche der Kaiser für Belvedere ankaufte. Er eilte im Sommer 1821 mit geschwächter Gesundheit nach Haufe, die zu rasche Entwicke- lung seines körperlichen Wachsthums zog eine Auszehrung nach sich, welcher der junge Künstler 1822 erlag. Ein inniges, reines, glaubensseliges Gemüth lebt in allen Werken S.'s. Einfache, zarte und bedeutsame Erfindung charakterisirt seine Bilder, deren technisches Hauptverdienst in dem Zauber eines lebendigen und wahren Colorits besteht; er besaß Geschmack in der Anordnung und Drapirung, aber in der Wahl und Conn.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 39 610 Deutsche Kunst dem Gebrauch der Farbe suchte er seines Gleichen. Dagegen hat man den Vorzug einer richtigen Zeichnung und eines harmonischen Entwurfs auch größerer Darstellungen zu derselben Zeit schon in Rom dem Maler Joseph Sutter aus Wien zuerkannt (Herodias, Scenen aus der Geschichte des östreichischen Kaiserhauses). Friedrich Olivierin Rom, früher längere Zeit in Wien, gebürtig von Dessau, hat mit frommer Innigkeit die alte deutsche Weise sich angeeignet, ohne jedoch von den Einseitigkeiten derselben freizubleiben. Ludwig Schnorrist gleichfalls hier zu nennen ; fein Faust nach Göthe ist eine seiner vorzüglichsten Leistungen. Auch haben Joseph vonHempel, D unne r und K uppelwieser nach mehrjährigem Stu- ! oium in Italien die Kunst in reinster Würde erfaßt und leben seit 1824 als anerkannte Künstler in Wien. Ein ausgezeichnetes Talent für malerische Ausfassung und glänzende sowol als sorgfältige Ausführung besitzt Johann En der, seit 1829 Professor an der Akademie in Wien; seine Judith ist in einer großartigen Manier gemalt. — Unter den jüngern Meistern, die sich in Rom gebildet habm, ist vorzüglich Joseph Führig zu nennen, geb. 1800 zu Gratzau in Böhmen. Ihm war ein guter Name nach Rom vorausgegangen, als er 1827 ankam, um die letzte Arbeit an den Frescobildern in der Villa Masstmi im Saale des Dante zu übernehmen, eine Aufgabe, welche er nach allgemeinem Zeugniß sowol in Com- position als Ausführung meisterhaft gelöst hat. Ein Zögling der prager Kunstschule, hatte er entschiedene Anlagen durch seine frühesten Leistungen verrathen, einige Altarblätter mit eigenthümlicher Tiefe der Empfindung entworfen und mit Fleiß und Gewandtheit gemalt, und feine Darstellungen zur Legende der heiligen Genofeva, seine Composition des Vaterunsers u. a. m. zu großer Freude des Kunstpublicums verbreitet. Er ist jetzt wieder in sein Vaterland zurückgekehrt, und seine Phantasie ruft durch die in der Zeichnung und im Gebrauch der Farben fertige Hand kleine (die prager Neujahrsblätter des Grafen Choker) und größere Werke hervor, die den originellen Geist, das fromme Gemüth und i den lebendigen Schönheitssinn ihres Urhebers beurkunden. — In Rom haben wir als Historienmaler noch zu bezeichnen: Catel aus Berlin, der, wie er im Genre treffende Gruppen aus dem italienischen Volksleben herausgreift, auch in geschichtlichen Bildern sich mit Glück versucht hat, z. B. Kaiser Rudolf von Habsburg nach Schillers Romanze, und andere mehr. Gen elli aus Berlin, seit ungefähr 10 Jahren in Rom, mehr durch Zeichnungen von tiefer Erfindung und lebensreicher, höchst genialer Phantasie, als durch Ausführung größerer Werke bekannt, begab sich 1832 nach Sachsen und wird Frescobilder in Leipzig ausführen. An ton Gegen bauer, geb. 1799 in Wangen am Bodensee, ein Schüler Langer's, der mit eigenthümlichen Talente, vornehmlich in der Technik der Kunst, schon während seines frühern Aufenthalts in Rom (1823—20) durch ein figurenreiches und schön angeordnetes Bild, Moses den Quell aus dem Felsen schlagend, und noch mehr durch sein Frescogemälde, Hercules und Omphale, großes 'Aufsehen erregt hat. Er schmückte 1827 und 1828 die Galerie des königlichen Landhauses Rosenstein bei Stuttgart mit eignen Darstellungen aus der Fabel von 'Amor uno Psyche, und das Vibliothekzimmer der Königin daselbst mit den vier Jahreszeiten aus: Bilder, welche nicht nur sinnreich erfunden, sondern mit Reinheit und Kraft des Colorits, mit lebendigem und richtigem Ausdrucke vollendet worden sind. Seit 1829 ist G. wieder in Rom und beschäftigt sich vorzugsweise mit derneuerfundenen Freskomalerei auf Leinwand. Remy aus Stettin (Madonna, Auferstehung Christi); Dräger aus Trier, seit mehren Jahren in Rom (Schäfer und Schäferin, Dame mit der Laute); Rambaux aus Trier (Christus im Nachen schlafend, Ugolino), gehören zu den ausgezeichneten jüngern Künstlern. — In Eompositio- . nen mit der Feder oder Kreide ist Professor F. A. Moritz Retzsch in Dresden, geb. daselbst 1 779, anerkannter Meister; Reichthum der Motive, Wahrheit des vsK Deutsche Kunst «II «ß !-.> lZ°'"» ?( 5>PZWst Zwhm.I "^Siil MiURtttzi-.! -»> ^ M,M WW NllsiillZMOB^ ÄMzMSimU«. -ÄA Aich Uyl s ^ Mi KM MS ^ M-AAmD/l ^UkiM M hsrMtzeifl, Mch m z B, AR kNUÄWRMS chwzppilÄick^ M»W^ M>»d>! .HwcheM^ Mln'l M»s»' 'K'K Z..M> 'S' ?,< !-sl"°.',i,»>ls M Lebens, Individualität der Charaktere, Mannichfaltigkeit der Gruppen, und ein tiefer bedeutsamer Sinn des Ganzen gehen durch seine berühmten Zeichnungen nach Schiller's, Goethe's, Shakspeare's Dichtungen und durch seine in Ol ausgeführten eignen Dichtungen, z. B. den Cyclus des menschlichen Lebens, hindurch. Auch haben Ludwig Sigismund Nuhl in Hanau, Professor Österley in Gottingen, Diftelli in Aarau Umrisse und Zeichnungen geliefert. Eugen Neureuth er in München, geb. daselbst 1806, wurde durch das Studium der Pflanzenwelt und die darin herrschende Architektonik in ein Kunstgebiet geführt, in welchem sich in neuerer Zeit kein Künstler mit gleichem Glücke bewegt hatte. Nachdem er lange unter Cornelius an den Arabesken in der Glyptothek gearbeitet hatte, gab er eine Sammlung Göthe'scher Lieder mit Randzeichnungen (Stuttgart 1829) heraus, und lieferte spater Darstellungen aus der Juliusrevolution zu französischen Rcvolutionsliedern („Souvenir du 29, 30 et 31 stüllet") in ahnlicher Manier. Als Schlachtenmaler ist, nächst Peter Krafft in Wien, PetcrHeß in München, geb. 1792 zu Düsseldorf, durch seine vielen Darstellungen militairi- scher Scenen und Gefechte, besonders durch die nun vollendete Reihe großer Schlachtend.lder aus der Geschichte des dänischen Heeres, rühmlich bekannt. Eine ähnliche Aufgabe hat der würtembergische Hofmaler, Joseph von Schnitzer in Stuttgart, geb. um 1790 zu Ravensburg und früher Offizier, große Schlacht- scenen aus den Feldzügen des Königs von Würtemberg, mit schöner Anwendung des Einzelnen und harmonischer Unterordnung unter das Ganze, gelöst. Heß in München besitzt ungemeines Talent für die Auffassung des richtigen Moments, Kraft und Lebendigkeit des Ausdrucks und eine pünktliche Ausführung. Von großem Verdienste sind die Kriegsscenen des Obersten von Heideck, genannt Heidegger, in München, welcher, geb. 1788 zu Saaralben in Lothringen, nach früher erhaltener wissenschaftlicher Bildung und technischer Anleitung zur Kunst, durch den Beruf des Soldaten noch mehr befähigt worden ist, zugleich die Künstlerbestimmung zu entwickeln; der Aufenthalt in Tirol, die Feldzüge in Spanien und Frankreich, die jüngste Reise nach Griechenland, boten seinem geistreichen Auge einen unermeßlichen Stoff zu Darstellungen der Natur und des Menschenlebens, besonders in den Verhältnissen des Krieges, dar, und der tiefere Sinn, womit Heß und Heidegger die Begebenheiten und Zustände auffassen, der feine Humor, der sie dabei begleitet, die individuelle Wahrheit und der nationale Charakter, worin ihre Bilder erscheinen, gibt ihnen, z. B. in den griechischen Palikaren von Heß, in den spanischen und griechischen Scenen von Heidegger, das Gepräge wahrer Historienmalerei. Dietrich Monten aus Düsseldorf entwickelte zu München sein vorzügliches Talent für Schlachten und ähnliche Darstellungen, sowie auch seine Staffeleibilder und seine Frescogemälde in den Arcaden durch Phantasie und Ge- wandheit des Pinsels sich auszeichnen. Auch ist zu erwähnen Schub au er, Lieutenant bei der sächsischen leichten Infanterie, der in mehren Schlachtscenen eine treue Auffassung und technische Fertigkeit gezeigt hat. In charaktervollen Gruppen zeichnen sich der Hofmaler des Fürsten von Leuchtenberg, Albrecht Adam in München (Scenen aus dem russischen Feldzuge), Fr. Krü- g e r und C. S ch ultzin Berlin aus. — Unter den Genremalern, zu welchen auch Heß und Heidegger zu rechnen sind, ist als einer der ältesten Catel in Rom zu nennen, der mit ungemein viel Kraft und Natürlichkeit seine Landschaften mit Scenen des italienischen Volkslebens stafsirt und oft die Landschaft gegen dieses Genre zurücktreten läßt. Johann Christian Erhard, geb. zu Nürnberg 1796, gest. zu Rom 1822, Johann Adam Klein, geb. 1792 zu Nürnberg, Lorenz Quaglio in München, Max Joseph Wagenbauer, geb. 1771 zu Gräsing im Jsarkrcise, Galerieinspector zu München, u.A.m. stellen mit mehr oder weniger Geist und Geschick die Natur und den Charakter der 39 5 612 Deutsche Kunst Bewohner des bairischen Oberlandes, im Vorarlberg und Tirol dar, dagegen zeigen uns in ihren Genrebildern die Art und Sitte der Italiener aus verschiedenen Standen Dietrich Lindau, geb. 1799, und nachdem er in der Akademie zu Dresden unter Hartmann sich gebildet hatte, seit 1821 in Rom (Thorwaldsen mit seinen Schülern in einer Osteria, der Auszug römischer Landleute gegen die Insurgenten 1831; ein landliches Fest in einer Vigne, alle^nu 6'ottobre); Michael Näher in München, Weller u.A. Auch Pistorius in Düsseldorf, Kolbe, C.Schultz und Blechen in Berlin, Simon Wagner (starb 1829 in Dresden) undHantzsch in Dresden, P. Fendi und F. G. Waidmüller in Wien gehören zu den bessern Genremalern. Noch verdient erwähnt zu werden Pflug in Biberach, ausgezeichnet durch malerische Auffassung des Charakteristischen in Volksgruppen und durch seltene Wahrheit und Lebendigkeit des physiogno- mischenAusdrucks.— Im Thierfache waren der ProfessorWenceslaus Peter an der Akademie San-Luca in Rom, geb. zu Karlsbad 1742, gest. 1829 zu Rom; Hofmaler Johann Friedrich Stein köpf in Stuttgart, gest. 1825; der Katzenmaler Gottfried Mind, geb. 1768, gest. 1814 in Bern, und der Hofmaler und Galeriedirector zu Karlsruhe, Karl Kuntz, geb. zu Manheim 1770, gest. zu Karlsruhe 1830, sowie dessen noch lebender Sohn ausgezeichnet. Auch Klein in Nürnberg, A. Adam und Joseph Schnitzler in München, Fr. Krüger in Berlin, F. Gauermann und Rauch in Wien sind mit dem Anatomischen der Thiers innigst vertraut und stellen sie mit vorzüglicher Wahrheit in Zeichnung und Farbe dar. — Stillleben- und Blumenmaler: A. Senfs aus Halle, in Rom; Johann Knapp, Kammermaler des Erzherzogs Johann von Ostreich, in Wien; Danner, Galerieinspector in Ludwigsburg; Meyerhofer, Nachtmann, Mattenheimer und Lebschee in München; Teitelbach in Dresden; Wentzel aus Wien. In derLandschaftmalereiist noch früher als im Historienfache die Bahn zum Ziel aus den Dämmen der Manier gebrochen worden. Während die deutschen Meister in Rom, Carstens u. 21., die Wahrheit zunächst bei der Antike suchten und erst allmälig die Kunst auf dieser Seite zum innigem Anschauen und zur Nachahmung der Natur gelangte, wandten sich die Landschafter Hackert, Kock), Reinhart, Mechau, Dies, unmittelbar zur Natur und erfaßten mit der äußern Erscheinung zugleich mehr oder weniger lebendig ihren Geist, das Ideale, Ewige, Göttliche in den Formen der Erscheinung. In Dieterich's Schule zu Dresden hatte sich wol eine anmuthige charakteristische Behandlung der Landschaft, ihrer Formen, ihrer Beleuchtung u. s. w., doch nicht ohne Manier, erhalten, und weder Johann Christian Klengel (geb. 1751, gest. 1825) noch Adrian Zingg (geb. zu St.-Gallen), Beide Professoren der dortigen Akademie, haben sich durchaus streng an die Natur gehalten. Ebenso wenig verließen M. Molitor und Schönberger in Wien einen einseitig manierirten Styl, bei großen Verdiensten für malerische Naturauffassung und meisterhafte Ausführung. — Koch in Rom hat die Natur, zwar auch die südliche, aber doch besonders die tirolische und schweizerische in ihrer ganzen Kraft und heroischen Größe aufgefaßt und dies durch eine Nachbildung ernster und imposanter Scenen mit höchster Klarheit und einer Bestimmtheit, welche nicht kleinlich wird, vielmehr das Grandiose erst recht hervortreten und wirken läßt, bewährt. Diese Vorzüge wurden auf der Münchner Kunstausstellung 1829 an seinem Fall des Schmadribaches in der Schweiz bewundert, dem vielleicht ausgezeichnetsten Landschaftgemälde K.'s, worin er die Natur in der höchsten Schärfe ihrer Formen und in der Kraft und Abstufung ihrer Farben und Lichter an einer der großartigsten Scenen der Zerstörung vergegenwärtigt. — Christian Rein hart, geb. 1761 zu Hof, ursprünglich zum Berufe des evangelischen Geistlichen bestimmt, aber von entschiedenem Sinne zur Kunst getrieben, bildete sich unter Oser in Leip- Deutsche Kunst 613 'WMlAW ^W1 mWiM;!' üw Ssi!>ttmM- ^ W h! lki kl M schn chkmW«ÄzM MtsiMM- MzdnwG^s ^HM .kch-W.Wv S?ö es? '.,K zig, später in der dresdner Akademie und Galerie, und ging 1789 mit Unterstützung seines Landesherrn, des Markgrafen von Baireuth, nach Italien. Er ist einer der ältesten deutschen Maler in Rom. Gründliches, tiefes Studium der Natur im Kleinen und im Großen ist die Grundlage seines künstlerischen Verdienstes. Er hat durch Ölbilder, Zeichnungen und radirte Blatter (namentlich die 12 Hefte, die er mit Dies und Mechau herausgegeben) ein tüchtiges Erfassen der Naturwahrheit, besonders auch in einzelnen Studien, Baumgruppen u. f. w. gezeigt. Wenn er, zumal früher, mit dem größten Fleiße das Detail, auch der Formen, ausführte, so hat er doch stets gewußt, die Erscheinung des Einzelnen in die Masse des Ganzen zu begreifen. Sein Vortrag ist kraftig und genial; seine Staffage verstandig und gut gezeichnet. Mit R. verbunden waren Albert Christoph Dies aus Hanover, der besonders in Aquarell mit freiem Pinsel, doch minder geistreich und kraftig malte, und Jakob Wilhelm Mechau, geb. 1745 zu Leipzig, gest. 1898 zu Dresden, welcher mit einem heitern, lieblichen Colorit die Natur in treuer Bestimmtheit darzustellen suchte. — Martin von Rohden, geb. um 1775 zu Kassel, kam in früher Zeit nach Italien und hat sich daselbst viele Jahre aufgehalten, in der jüngsten Zeit aber in seiner Vaterstadt sich niedergelassen. Unter seinen Zeitgenossen hat keiner sich wie R. beflissen, die Natur in allen, auch den kleinsten Details wiederzugeben, doch hat er darum nicht auf eine poetische Auffassung und harmonische Darstellung des Großen und Ganzen verzichtet. Die so überaus pünktliche Zeichnung und zart nuancirte Ausführung der verschiedenen Pflanzenarten u. s. w. hindert indeß Manchen am Verständnis und wahren Genüsse des Ganzen. Seine Landschaften aus der Umgebung von Tivoli, l'Ariccia und andere geben ein treues Bild von der Mannichfaltigkeit und Fülle südlicher Vegetation, von der Pracht und dem Glänze, womit die bewunderten Formen der italischen Natur bekleidet sind.— Joseph Rebell, geb. 1783 zu Wien, der Sohn eines dortigen Schneiders, ward Schüler der Akademie und widmete sich zuerst der Baukunst, bald aber ausschließend dem Landschaftfache. Er ging 1899 in die Schweiz und nach Oberitalien, spater nach Rom und 1811 nach Neapel, dem eigentlichen Herde seiner herrlichsten Kunstschöpfungen. Hier bildete sich jene großartige Naturansicht aus, welche mit keckem und glänzendem Pinsel die gewaltigen Kräfte und Erscheinungen von Land und Meer darstellen konnte. Er besaß ein vorzügliches Talent in der Klarheit der Lüfte, und besonders des Wassers; nie angstlich ausführend, war er namentlich in Schilderungen der ernsten und wilden Momente des Naturlebens, der Meerstürme, glücklich, wiewol er auch ruhige Scenen, Gegenden am Ätna, um Neapel, Salerno und Rom, mit einem tiefen Schönheitssinn und mit großer Wahrheit in der Ausführung behandelt hat. Nach fünfzehnjährigem Aufenthalt in Italien kehrte R. in die Heimath zurück und erhielt die Stelle des längst verstorbenen Füger als Galeriedirector und Schloßhauptmann im Belvedere. Er malte seitdem für den Kaiser von Ostreich eine Reihe großer Bilder der schönsten Gegenden von Ober- und Niederöstreich, welche er in ihrer Eigenthümlichkeit mit lebendiger Wahrheit wiedergab. Auf einer Reife, die er durch Sachsen nach Berlin und München machen wollte, starb er im Dec. 1828 in Dresden.— Gottlob Steinkopf, geb. 1789 zu Stuttgart, wollte sich unter Leybold zum Kupferstecher bilden und zog mit diesem nach Wien; nach einigen Jahren aber ergriff er die Landschaftmalerei. Von Cotta freigebig unterstützt, hielt er sich von 1897—14 in Italien auf, besonders in Rom, und schon seine ersten Bilder zeichneten sich durch außerordentlichen Reichthum und Idealität der Composition aus. Dazu kommt eine Kraft und Schönheit der Ausführung, welche die Naturformen, den Luftton, den Wechsel und die Glut südlicher Farbenpracht mit Kraft, Anmuth und Wärme darstellt, sowie der poetische Sinn dieses Meisters durch weise Auswahl und verständige Anordnung 614 Deutsche Kunst der einzelnen Theile, durch die klar empfundene Harmonie des Ganzen und durch eine bedeutsame charakteristische Staffage beurkundet, daß er in den Geist der Natur, in die verschiedenen Charaktere und Stimmungen des Naturlebens eingedrungen ist. Ausgezeichnet sind besonders: Abraham mit den drei Engeln; Nausikaa' Achill und Chiron auf der Löwenjagd; Rückkehr von der Löwenjagd; Waldcapelle (in Berlin); Morgen- und Abendlandschaften (in Cotta's Sammlung). S. nahm 1832 seinen bleibenden Aufenthalt in Stuttgart, wo er seit 1838 auch als Lehrer an der Kunstschule wirkt. Für den König von Würtemberg hat er drei große Veduten gemalt: der rothe Berg mit der Grabcapelle der Königin Katharina bei Sonnenuntergang, und die königlichen Landhauser Rosenstein bei Kallstadt und Weil im Neckarthale bei Eßlingen. Treffliche Wahl der Standpunkte, schöne Vertheilung der größern Flachen des Wiesengrundes durch den belebenden Wechsel der Beleuchtung, sinnreiche Staffage und eine ebenso kraftige als klare Ausführung, geben diesen Bildern auch neben S.'s Compositionen einen großen Werth. — Schick hat sich auch durch ausgezeichnet schöne Landschaften im heroischen Charakter, die zum Theil im Besitze der Familie Humboldt in Berlin sind, allgemeinen Beifall erworben. — Catel besitzt poetischen Sinn und eine gefällige Auswahl; dabei ist er in seiner Zeichnung und Färbung treu, reinlich und warm, seine Staffage ist lebendig und schön gruppirt, seine Luft durchsichtig, l sein Himmel tief, seine Beleuchtung wirkungsvoll, wie in unzähligen größern und kleinern Bildern von italienischen Gegenden; doch sind wegen der Eile, womit er oft arbeitet, seine Werke von ungleichem Werthe. — Heinrich Reinh old, geb. 1789 zu Gera, ward in Dresden auf der Akademie gebildet und ging 1806 nach Wien, wo sein älterer Bruder, Fried richPhilipp, geb. 1779, früher Historien-, dann Landschaftmaler, sich aufhielt. Nachdem er sich hier im Radiren geübt hatte, ward er 1809 von Denon für das Werk über die Feldzüge Napoleons gewonnen, und arbeitete mehre Jahre in Paris. Daraus kehrte er nach Wien zurück, wo er bis 1819 mehre Gegenden in Kärnthen und Salzburg malte. Er reiste 1830 nach Rom, Neapel und Sicilien, und componirte Vieles, was die Innigkeit seiner Naturaussassung, ein poetisches Gemüth und die Vorliebe für eine zarte, leichte und doch bestimmte Ausführung beurkundet, wie Hagar in der Wüste, der barmherzige Samariter in waldiger Umgebung. Dieser ausgezeichnete Künstler starb 1835 zu Rom; seine kleinsten Studien sind Denkmale eines hochbegabten poetischen Geistes. — A. Helmsdorf, geb. um 1795 zu Strasburg, kehrte nach mehrjährigem Aufenthalt in Italien 1820 in seine Vaterstadt zurück und ist jetzt als Hofmaler in Karlsruhe angestellt. In der zartesten Ausführung mit Ol- und Wasserfarben ist er Meister. Er gibt seinen Darstellungen eine so edle poetische Haltung und behandelt das Ganze so harmonisch, daß die bewundernswürdige Ausführung nie kleinlich und störend wird. Zu seinen Arbeiten, die in Deutschland, Frankreich, Nußland verbreitet sind, kamen in der letzten Zeit: Ansicht Roms von S.-Onofrio, Gebirgsgegend zwischen Rom und Neapel, Seestück an der sicilischen Küste.— Als geistreiche Landschafter von poetischer Auffassung werden die berühmten Architekten Schinkel und Klenze geachtet, Jener besonders wegen seiner Darstellungen des griechischen Volkslebens in der herrlichen Natur des Südens. Unter den jüngern Künstlern, die dieser Richtung folgen, sind vorzugsweise zu nennen: Ernst Fries von Heidelberg, gegenwärtig in Karlsruhe (Landschaft bei Massa di Carrara, Civitella, Wasserfall bei Tivoli); Schilbach aus Darmstadt (Aussicht von den Kaiserpalästen nach dem Colosseum und dem Bogen des Conftantin); Adrian Ludwig Richter aus Dresden, nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Italien als Lehrer an der Kunstschule zu Meißen angestellt (Gegend bei Palestrina, Olevano); Ernst Ohme in Dresden, wo er seit seiner Rückkehr aus Italien lebt (Aussicht von Camaldoli, Deutsche Kunst 6l5 Durchsicht durch die Cypressen der Villa Mittini auf Rom); Wilhelm Schirmer in Berlin (Villa d'Este). Preller aus Weimar, seit Kurzem aus Italien in seine Vaterstadt zurückgekehrt, zeigt eine geniale Kraft in der Auffassung und idealen Behandlung einer großartigen Natur. Eine poetische Auffassung und verstandige Wahl der Standpunkte, sowie fleißige Ausführung, bezeichnen die Werke dieser Künstler. Richter und Ohme haben auch wahre und kraftige Bilder der Alpennatur geliefert.— Mehr dem nordischen Charakter der Natur zugewendet ist Joh. Christian Dahl, Professor an der Akademie zu Dresden, geb. 1768 zu Bergen in Norwegen. Ein gründliches Studium und eine poetische Anschauung tritt überall in feinen Werken hervor, auf deren glanzende und kraftige Ausführung er großen Fleiß verwendet. Italien hat zwar viele Studien in fein Portefeuille gebracht; aber Gc- müthsart und Stimmung eignen ihn mehr für die Darstellung der rauhen Küsten, nackten Felsen, jähen Wasserstürze feiner Heimath. Bei seiner letzten Reise nach Norwegen (182k) hat D. sich neu bereichert; die Winterlandschaft auf Seeland (im königlichen Schlosse zu Kopenhagen), die Küstenansicht unweit Bergen, der Sturz der Tintertarre in Obertellmarken u. a. m. sind ebenso viele Zeugen seiner genialen und treuen Beobachtung der Natur und seines glücklichen Eindringens in die Eigenthümlichkeit ihrer Formen und Lichter. Krause in Berlin, früher Sanger beim königftadter Theater, neigt sich gleichfalls zu dem düstern Charakter der nordischen Natur; öde Seegestade, Sturm, grauen Himmel weiß er mit Kraft und Wahrheit wiederzugeben. — Ferdinand Olivierin Wien, geb. zu Dessau um 1785, hatte bereits die diplomatische Laufbahn betreten, als er sich ausschließend der Kunst zuwendete. Ein tiefes Gefühl für Naturfchönheit und sinnige Beobachtung der Erscheinungen hoben ihn bald zu den besten Landschaftern der idealen Schule, wiewol er nie den italischen Himmel gesehen hat. Seine ge- müthvolle Auffassung wird durch eine ausgezeichnete technische Reinheit und Pünktlichkeit unterstützt. Alles hat eine bestimmte und schöne Form, der Ton ist klar und warm, die Harmonie des Ganzen überaus ansprechend. Am bekanntesten sind seine Ansichten von sieben Gegenden bei Salzburg und Berchtesgaden, die er selbst im Steindruck herausgegeben hat, und worin sich, wie in seinen Ölgemälden, auch die gut erfundene Staffage auszeichnet. — Karl Goldstein in Dresden, aus Warschau, bildete sich im Kampfe gegen die Ungunst seiner äußern Lage mit regem Streben in Berlin, Dresden und später in Italien, und hat außer mehren Oelbildern, die besonders durch fleißige Behandlung der Architektur ausgezeichnet sind (Dom zu Mailand), auch Compositionen geliefert, die den Charakter der südlichen Natur darstellen. R i st aus Stuttgart, geb. um 1795, Schüler der wiener Akademie, und um 1823 in Italien, hat sich bis jetzt vorzüglich als idyllischer Landschafter gezeigt, der die Natur in ihren stillen und gemüthlichen Momenten auffaßt und mit ausgezeichneter Behandlung des Baumfchlags und der Luft darstellt. Eine Schülerin Steinkopss, Emilie Reinbeck, geb. Hartmann, Gattin des Hofraths R. in Stuttgart, verbindet mit technischem Geschick und treuer Auffassung eine ungewöhnliche poetische Gabe in sinnreicher Composition.— Eine mehr mystische Richtung zeigen die Landschaften von Kaspar David Friedrich, Professor an der Akademie zu Dresden, geb. 1774 zu Greifswald. Er faßt die Natur in großen Scenen oder einzelnen Momenten auf, aber immer als Reflex einer individuellen Gemüthsstimmung. Seine Bilder erscheinen als Hieroglyphen der Natur, deren eigenthümliche Zustände der Künstler bedeutsam hervorhebt, indem er zugleich seine eignen Gedanken und Zustände auf entsprechende Darstellungen des Naturlebens überträgt. Vorzugsweise ist es der Charakter des Ernstes, der Wehmuth, des stillen Ahnens oder innern Kampfes, den seine Meernebel, feine Nachtscenen, seine ^eestürme, einzeln in die öde Wildniß verlorene Lichtstralen, Streifen vom Mondschein, die den Gipfel der Baume berühren, und dergl. andeuten. Solche 616 Deutsche Kunst ganz einfache Darstellungen sind übrigens mit dem tceuesten Studium der Natur und mit dem höchsten Fleiße der Ausführung vollendet. Von gleicher Gesinnuna sind die Bilder des als Arzt und Naturforscher bekannten C. G. Carus (s. o.) in Dresden, der in Deutschland und Italien Studien gesammelt und in seinen Neun Briefen über Landschaftmalerei" (Leipzig 1831) den Grundsatz ausgesprochen hat daß der Landschafter in einem moralischen Wechselverhältniß zu der Natur stehen seine Stimmungen in ihr aufsuchen, ihre Stimmungen beobachten und deuten und so die Landschafrmalerei zu einer Kunst, die, mit der Naturwissenschast vertraut, die Formen, die Töne und Lichter der Natur in ihren Wechseln und Abstufungen, in ihrem Charakter und ihrer innern geschichtlichen Beziehung darstellt, zu einer Erdlebenbildkunst erheben solle. Entgegengesetzt dieser mystischen und jener idealen, freien Behandlung der Natur, wie sie hauptsachlich in der altern römischen Schule und den einzelnen dresdner Künstlern erscheint, hat sich in München und überhaupt in Süddeutschland eine Schule gebildet, welche mit dem Unterschiede, den eine mehr oder minder geistige Individualität begründet, auf strenge und scharfe Naturnachbildung ausgeht und sich dafür besonders an den eigenthümlichen Charakteren der süddeutschen landschaftlichen Natur gebildet hat. Dahin gehören die Gegenden am Oberrhein und im Schwarzwalde, die Schweizer- und Tiroleralpen, der Vorarlberg, die karnthner und steiermarkischen Gebirgszüge, die Donau - und Neckarufer. Besonders ist es aber der entschiedene und derbe Charakter der Gebirgsgegenden, welcher die eigenthümliche Art und Sitte der Bewohner, Menschen und Vieh, die Staffage gibt, und die auch zu besonderer Darstellung veranlagen, weshalb jene Künstler sich großentheils ebenso in Genrebildern als in Landschaften auszeichnen; wie wir denn mehre derselben schon oben aufgeführt haben, Peter Heß, Heidegger, Wagenbauer, Adam Klein, Karl Kuntz, Lorenz Quaglio, wozu noch Wilhelm v. Kobell, Georg und Cantius Dillis, Dorner, Bürkel, Warenberger, Karl Heinzmann, Ludwig Meyeru. A. kommen. Frei von willkürlichem Vortrage, geben diese Künstler die frische, großartige und anmuthige Seite der Natur in ihrer individuellen Wahrheit wieder, und ohne eine andere Poesie, als die des richtigen Verständnisses wahrer und bedeutsamer Standpunkte hinzuzubringen, wird ihre Darstellung durch den Gegenstand selbst ein Kunstwerk in höherm Sinne, welches poetische Wirkung macht.— Zur holländischen Schule gehört Joseph Karl Cogels, geb. 1785 zu Brüssel, wo er auch seine erste Kunstbildung erhielt, die er später in Düsseldorf und Paris fortsetzte. Er wurde 1824 Mitglied der Akademie zu München, wo er 1831 starb. Die Vorliebe für die Gegenden seiner Heimath zeigt sich fast immer in seinen Landschaften, welche sich besonders durch die Darstellung klarer spiegelnder Gewässer empfehlen. — Naturkünstler in jedem Sinne ist Jakob Gauermann in Wien, welcher, geb. 1773 zu Ö (singen, einem Dorfe unweit Stuttgart, als Maurergeselle in Hohenheim die Aufmerksamkeit des Herzogs Karl von Würtemberg erregte und von ihm gezwungen wurde, in die Karlsakademie einzutreten, die er aber nach drei Jahren wieder verließ, worauf er nach mancherlei ungünstigen Schicksalen in Wien sich niederließ, nachdem er Molitor's Unterricht genossen hatte. Mit ungemeinem Geiste faßt G. die Natur auf, und seine Aquarellbilder und -Zeichnungen (in Öl hat er nur Weniges gemalt) haben eine geniale Treue. Seit 1811 ist er für den Erzherzog Johann beschäftigt, und hat mit demselben oder für ihn Reisen, besonders in Steiermark, gemacht. In Erfindung idyllischer Scenen ist er unerschöpflich, doch so, daß Alles unmittelbar aus der Natur und dem Leben gegriffen erscheint.— Eine eigenthümliche Bahn hat ein junger Künstler, der sich jedoch bereits eines vielgenannten Namens erfreut, Karl Rottmann in München, eingeschlagen. Geboren 1798 zu Handschuhheim bei Heidelberg, neigte er sich unter der Leitung eines kunstsinnigen Vaters, und später im Anblicke der Na- Deutsche Kunst V17 'ch°A »>^s lro ?^'-!i°»z' '^ü lA-HNj WUd« SWÄ^sSe/i,GMj^ zKlMA^B G!dd-ll!ldW!^^ zEmil^ dech-lis^' jelin tur um Heidelberg, wo er den Studien oblag, zur Landschaftmalerei. Er kam 1821 nach München, und ging von da bald in das dänische Hochgebirge. War sein Kunststudium in den Umgebungen von Heidelberg mehr auf das Einzelne beschrankt gewesen, so waren es nun die gewaltigen Formen des Gebirges, welche ihn begeisterten. Zwei Mal war er seitdem auch in Italien, wo er besonders einige Mische Gegenden aufnahm, welche zugleich mehr Eindringen des Künstlers in die individuelle Wahrheit der Form und Localfarbe zeigen, wiewol R. den eigen- thümlichen poetischen, und man mochte sagen philosophischen, Charakter seiner Kunstdarstellung nicht verlaßt, bei welchem er zwar die Natur in ihrer gewöhnlichen Erscheinung, die das individuell Bestimmte darbietet, nie mit völliger Treue wiedergeben, aber ihre höhern Feierstunden darstellen, und immer ein Geistiges, Ideales aus dem Reiche ihrer Erscheinungen hervorheben wird. In den Arcaden des Münchner Schloßgartens hat R. 28 Gemälde nach Skizzen aus seiner Reifemappe ul li-ksco ausgeführt.— Als Architekturmaler hat Domenico Quaglio in Deutschland den ersten Namen. Die bedeutendsten gothischen Kirchen, Palaste und andere alterthümliche Gebäude im altdeutschen Styl in Deutschland, Frankreich und Italien sind durch seinen ebenso gewandten als klaren und kräftigen Pinsel ausgeführt, oder in Zeichnungen durch Steindruck vervielfältigt worden. Sein Bruder Simon Q. in München, I. C. Schultz in Berlin, gebürtig von Danzig, Georg Christian Wilder aus Nürnberg, Otto Wagner in Dresden, zeichnen sich gleichfalls durch wohlgelungene Architekturbilder aus. Wie die Frescomalerei, hat auch die Glasmalerei ihre Auferstehung gefeiert. Versuche, an verschiedenen Orten von Künstlern und tüchtigen Technikern unternommen, haben demselben Resultate näher geführt. Die frühern Bemühungen von Michael Sigmund Frank aus Nürnberg, der seit 1818 als Glasmaler bei der Porzellanmanufactur in München Tingestellt ist, von Jakob Müller aus Schaffhausen, der 1813 die ersten Versuche machte, von den Brüdern Helmen zu Freiburg, welche den dortigen Münster, die Kirche zu Sigmaringen und a. mit ihren Glasmalereien zierten, wurden durch die großartigere Unternehmung der preußischen Regierung zur Herstellung des Schlosses Marienburg überboten, wo nach Kolbe's Zeichnungen die Maler Müller von Berlin und Höcker aus Breslau die Fenstermalereien besorgten. In München dagegen hat sich unter der Leitung des Professors Gärtner in der Porzellanmanufactur eine Glasmalerschule gebildet, welche eine Reihe von Glasbildern für den regensburgec Dom nach Cartons von Heinrich Heß und zwei ssmgern Malern , Rüben und Schorn, mit immer glücklicherm Erfolg ausführt. Dahin gehören außer Frank noch die Maler Max Ainmiller, Joseph Hämmerl, Nikolaus Wehrstorffer, Joseph Kirchmair, sowie Viertel und Scheine r t bei der Porzellanmanufactur in Meißen. Auch die Porzellanmalerei hat besonders in München dadurch einen Aufschwung erhalten, daß der König von Beuern die bedeutendsten Bilder seiner Galerie in kleinem Format von tüchtigen Künstlern auf Porzellan copiren läßt. IV. Kupferstechkunst. Von den Veteranen des historischen Faches, welche 1815 ihren Liebling in Friedrich Müller verloren hat, sind in den letzten Jahren der Vater, Johann Gotthard von Müller, 83 Jahre alt (1830), und noch früher (1828) Karl Ernst Christoph Heß gestorben. Müller hatte im dreiundsiebzig- sten Jahre mit der Bluter sunota, nach Lionello Spada, den Grabstichel niedergelegt und nur noch die Platte des Johannes restaurirt. Sein Ludwig XVI., die Schlacht bei Bunkershill und die Madonna della Sedia sichern ihm unsterblichen Ruhm. Heß, dem es erst im Greisenalter vergönnt worden war, größere Werke zu unternehmen, begann im fünfundsechszigsten Jahre den Stich der drei Könige nach van Eyck. Nach Deutsche Kunst dieser trefflichen Arbeit und kaum von einer Krankheit hergestellt, stach er das Bild- niß des Königs Max nach Sticler, und eben hatte er im zweiundsiebzigsten Jahre seines Lebens dieses mühevolle Unternehmen vollendet, als auch der überspannte Körper den allzu langen Anstrengungen erlag. Von den ältern historischen Kupferstechern lebt noch Johann Friedrich Leybold, geb. 1760 in Stuttgart, Zögling der Karlsschule und unter Müller gebildet, spater Professor der Kupferstecherkunst an der Akademie zu Wien. Von ihm sind die berühmten Blätter nach Füger's Darstellungen zu Klopsiock's „Messtade". Sein Sohn und Schüler, Gustav Ley- bold in Wien, geb. 1792 zu Stuttgart, hat, wie der Vater, am wiener Galeriewerk Antheil, und zuletzt die betende Frau nach Holbein mit Kraft und Zartheit in einer edeln Manier gestochen. — Karl Rahl in Wien, geb. um 1780 in Heilbronn am Neckar, war zuerst Silberarbeiter, weil seine unbemittelten Altem ihm bei dem Künstlerberuf ein trauriges Loos verhießen. Er ging 1799 nach Wien, arbeitete dort ohne Meister für sich um Geld in der Punktirmanier, kam aber durch innern Trieb und Studium weiter, führte die Radicnadel mit immer freierer Hand und ging zum Grabstichel über, worin er allgemein bekannte gelungene Werke lieferte. Reinheit, Zartheit und Kraft sind Eigenschaften seiner Blätter, dahin wir vorzüglich die heil. Margaretha von Rafael, Christi Darstellung im Tempel von Fra Bartolomeo, die Schlacht bei Aspern von Krafft, Sta.-Justina nach Pordenone, rechnen. Sein jüngstes und größtes Werk ist die Nacht von Correggio. Seine radirten Blätter sind vortrefflich, weil R. ein tüchtiger Zeichner ist und nicht den Effect, sondern die Wahrheit sucht. — Blasius Hosel in Wien führt den Grabstichel neben tresslicher Zeichnung mit besonderm Geschick für malerische Wirkung; C. Agricola in Wien gab treffliche Blätter in Stich und Na cl nach Rafael, Holbein u. A. Albert Rein del, Director der Akademie in Nürnberg, ist durch seinen Stich des Grabmals des heil. Sebald in Nürnberg und andere Arbeiten rühmlich bekannt. Christian Schuler in Karlsruhe hat unter Anderm die Himmelfahrt der Maria von Guido Rem rein und kräftig gestochen. In der Schweiz sind aus älterer Zeit schon Lip s und Eßlinger bekannt, von welchen der Letztere einen Theil der Kolbe'schen Zeichnungen zu Göthe's „Hermann und Dorothea" gestochen hat; ebenso Schwerdgeburth, Hofkupferstecher in Weimar, Metten leitner und Lutz in München, Fleischmann in München, Axmann, Eisner, Beyer, Stöber in Wien, u. A. m. In Berlin leben Buchhorn, Berg er, Caspar u. A., und die gemeinschaftliche Herausgabe von Rauch's Werken ist ein erfreuliches Zeichen der dortigen Kupferstecherschule. Einen neuen, eigentlich den alten einfachen Weg der frühern italienischen und altdeutschen Kupferstecher, den der engen Linien und einer lichten Schrafsi'rung, haben mehre Meister wieder eingeschlagen. Unter ihnen ist vorzüglich Samuel Amsler (f. d.) zu nennen. Reinheit der Zeichnung und des ganzen Vortrags ruhig kräftige Wirkung, die nicht der Effect und Glanz, sondern die einfache schön mo- dellirte Form hervorbringt, sind hohe Vorzüge seines Grabstichels. Anton Krüger, Professor an der Akademie zu Dresden, hat ein tressliches Blatt, die Rafael'- sche Madonna cke! oarüellin«, in der Tribüne der Galerie zu Florenz, gestochen, das, gleichfalls in der ältern Manier gehalten, bei einzelnen Mängeln der Zeichnung sich besonders durch wahren und innig tremn Ausdruck im Kopfe der Maria auszeichnet. Barth von Hildburghausen hat früher in Rom mit Amsler die Nibelungen von Cornelius und später Holbein's Christuskopf rein und kräftig gestochen. Von Ferdinand Ruscheweyh aus Mecklenburg, seit langen Jahren in Rom, ist vieles Tressliche ausgegangen, Blätter nach Overbeck's Zeichnungen, Michel Angelos Propheten und Sibyllen. Moritz Stein la, geb. 1790 zu Steinla, einem Dorfe bei Weimar (sein eigentlicher Name ist Müller), ein tüchtiger Zeichner, hat in Florenz eine Grablegung nach Fra Bartolemeo gestochen, und HK Deutsche Kunst 6l9 SG. 'M^, 'US'» ^"'-ÄwNch^M )^wCMG. ^ ^»-UsiOch^ ^lLflllMchiU^ >5k!!hÄK!iHHl s.:wüMch,ftM ichtMÄWöW M, MNilchüidilkiM v ^MÄmAidhtti Me MchW. ^ Ä^dersäkM'lÄ > B M "' i jiUIl jsl s«s sKi -?K«? >:t ü< beschäftigt sich jetzt mit einer sehr großen Platte nach einem Bilde von Fra Barto- lomeo im Palaste Pitti zu Florenz. Christian Ernst Stölzel, geboren 1'792 zu Dresden, der die erste Anleitung zu seiner Kunst von seinem Vater, einem geschickten Kupferstecher, erhielt, und nachdem er sich in der Akademie zu Dresden zu einem vorzüglichen Zeichner gebildet hatte, einige Jahre in Rom lebte, hat dort den heil. Johannes nach Fiesole vollendet und ist seit der Rückkehr in seine Vaterstadt mit dem in Rom angefangenen Stiche nach Rafael's Krönung der Maria (im Vatican) beschäftigt, welcher nach den bereits ausgestellten Probeabdrücken Ausgezeichnetes erwarten läßt. Ludwig Gruner, geb. 1801 zu Dresden, lebte seit 1825 in Italien und setzte unter Longhi und Anderloni die in Dresden begonnenen Studien fort, deren erfreuliche Ergebnisse in mehren Sti-- chen nach Velasquez, Mengs und in der neuesten Zeit nach Vogel (Anbetung oer Hirten) zu erkennen sind. Er reiste Z 832 nach England. Ein genialer Zögling der Münchner Akademie ist Eugen Schäfser, welcher in einem Blatte die Unterwelt von Cornelius in der Glyptothek mit Kraft und Geist dargestellt hat. Nicht zu übersehen sind auch Joseph Koch, der den Argonautenzug von Carstens, und Marie Ellenriede r, die ihre Bilder selbst radirt hat.— Im landschaftlichen und Genrefache sind Adam Bartsch, Hosrath und Directoc der Hofbibliorhek zu Wien, geb. 1757, gest. 1821; Wilhelm Friedrich Gmelin in Rom, geb. 1745 zu Badenwciler im Breisgau, gest. 1821, und nun auch Christian Haldenwang, geb. 1770 zu Durlach und gest. 1831 zu Karlsruhe, der Kunst entrissen. H.'s letztes Werk, ein Wasserfall nach Ruisdael, war bei seinem Tode noch nicht ganz vollendet. So brav seine vier Blätter nach den Tageszeiten von Claude sind, so eignete sich doch sein Grabstichel besonders für eine kräftige, die Natur in ihren großen und schwierigen Momenten erfassende Darstellung, und kaum wird man einen Kupferstecher finden, der das Fließen, Stürzen, Branden und Schäumen des Wassers getreuer und lebendiger nachgeahmt hätte als H.— Als ältere Meister der Nadirnadel sind Reinhard, Mechau, Dies zu nennen ; ebenso Reinholdim Grabstichel. Kolbein Dessau ist durch herrliche Blätter, Studien im Großen und Kleinen, bekannt. Rahl in Wien hat für das wiener Galcriewerk auch brave Landschaften geliefert, ebenso Döbler in Prag.— Als ausgezeichneter Stecher ist namentlich im Auslande geschätzt Christian Friedrich Duttenhofer, geb. 1778 zu Gronau in Würtemberg, und in Heilbronn erzogen, wo sein Vater evangelischer Prälat war. Nach kurzem Aufenthalt in Stuttgart begab er sich nach Dresden, wo die Galerie und Klengels Unterricht ihn für die Landschaft gewannen. Er setzte seine Studien auf der wiener Akademie fort, wo er denn auch bald ein größeres Blatt, eine Gebirgslandschaft nach Annibale Carracci, stach. Nach seiner Ankunft in Paris (1803) bekam er durch Wille Aufträge, für das Museum Napoleon Blätter nach Dominichino, C. Poussin, Voth, Wynants und Paul Brill zu stechen. Er reiste dann nach Italien, und begann nach seiner Rückkehr in Stuttgart das große Blatt für Boisseree's Werk über den kölner Dom (wozu auch Ulm er, Geis ler in Nürnberg, Guttenb erg, Darn- städt in Dresden treffliche Arbeiten lieferten), den ersten in solchem Umfang ausgeführten Stich gothischer Architektur und wol auch unter D.'s Arbeiten in jeder Hinsicht die bedeutendste. Seine neuesten größern Blatter sind der Apollo - und der Dianentempel nach Claude, worin er den milden Zauber und herrlichen Glanz der Landschaft jenes Meisters, besonders im Mittel- und Hintergrunde, mit unge- fälschter Treue wiedergibt. — August Seyffer, Custos der Kupserstichsamm- lung in Stuttgart, zugleich Lehrer der Kupserstecherkunst an der dortigen Kunstschule, geb. 1774 in Lauffen am Neckar, begann seine eigentliche Künstlerlaufbahn erst 1802, wo er nach Wien reiste und seine Fortschritte durch radirte Blatter und durch den Stich von sechs Landschaften nach Molitor's Zeichnungen be- K2V Deutsche Kunstvereine Ml währte. In sein Vaterland zurückgekehrt, stach er die zwei großen, mit Kraft und Wahrheit behandelten Landschaften: das Stammschloß Würtemberg und Hohenstaufen. Er arbeitet jetzt an einem Gewittersturm nach C. Poussin. Neben dem Stiche beschäftigt er sich auch mit colorirten Zeichnungen von freier Ersinduna und mit Ölmalerei. — Karl Frommel, Professor in Karlsruhe, hat fowol kleinere Veduten nach eignen Zeichnungen und nach Catel gestochen, als auch größere Bilder, Ansichten von Ariccia, Tivoli, dem Ätna und Vesuv, nach eigner Skizze. Seine Prospekte sind mit poetischem Sinne gewählt, der Stich ist kräftig, in der Beleuchtung und dem warmen italischen Luftton wahr; weniger gm ist seine Staffage gezeichnet.— Veith in Dresden ist als Landschaftstecher ausgezeichnet; Joh. Gottlob Abraham Frenzel, Inspektor des königlichen Kupfer- stichcabinets in Dresden, geb. 1782, hat radirte Blätter, z. B. nach Rohden, und unlängst einen Nachstich des Holbein'schen Todtentanzes herausgegeben. Meno Haasin Berlin ist durch seine Thierstücke bekannt. Auch die Maler Adam Klein und Erhardaus Nürnberg, der in Rom starb, Richterin Meißen, wie früher Reinhart in Rom, Gauermann in Wien, F. und W. von Kobell in München, Klengel in Dresden u. A. haben sich durch geistvolle Radirungen bekannt gemacht. — In Schwarzkunst und Aquatinta blättern zeichnen sich Karl Kuntz, Piringer, Pichler, Schlotterb eck und Halden wang am meisten aus. (Vgl. Stahlstechkunst.) V. Lithographie. Die schnellen und glänzenden Fortschritte der Lithographie gehören zwar großentheils den Franzosen an, aber die lithographischen Anstalten in München, Wien, Karlsruhe, Hamburg u. s. w. haben sie gleichfalls zu hoher Vollkommenheit gefördert. Die trefflichsten Bilder im historischen, Landschaft- und Genrefache, aus italienischen und deutschen Schulen, sind nunmehr durch den Steindruck vervielfältigt, und Strixner, Piloty, Flachenecker, Winterhalder, Hahn, Hohe, Öry, Steingrübel, Hanfstängl, Thönning, Olivier, Zöllner, Heinzmann u. A. m. gehören zu den besten Lithographen unserer Zeit. Größere Werke sind das Galeriewerk von München und Schleißheim, das Werk über die Leuchtenberg'sche Sammlung, das Bois- seree'sche Werk altdeutscher Bilder. Zöllner in Dresden bat früher in Madrid an einem lithographischen Werke zur Herausgabe spanischer Bilder Theil genommen. Derselbe beginnt nun auch die Linienmanier des Grabstichels auf die Steinplatte anzuwenden. Schlotthauer in München hat durch junge Lithographen eine Nachbildung des Todtentanzes von Holbein besorgt, welche in Zeichnung, Ton und Schrasft'rung sich treu an die alten Holzschnitte anschließt. Übrigens wird auch die Holzschneidekunst in unfern Tagen wieder mehr als früher gefördert durch Gubitz in Berlin und durch den Professor Höfel in Wien (81) Deutsche Kunstvereine. Seit ihrem Ursprünge haben diese Verbindungen das allgemeine Interesse und die vielseitigste Unterstützung so sehr in Anspruch genommen, daß eben darin schon ein Zeichen für ihre Zeitgemaßheit und für denVorthcil liegt, welchen sie fowol den Künstlern als der Kunst und dem Publicum bringen. Ihre erste Entstehung verdanken sie dem Zusammentritte von Künstlern und Kunstfreunden zu München, die 1823 unter dem Namen: Der Künstlerverein, sich verbanden, wobei die Einleitung getroffen wurde, daß nicht nur die Künstler unter sich in nähere Berührung kommen, sondern auch eine größere Annäherung derselben an Kunstfreunde, namentlich an Kunstbesi'tzer, sich ergeben möchte, damit einerseits diese ihr Kunsteigenthum jenen zur Ansicht und zum Studium gewährten, andererseits die Künstler Raum und Gelegenheit fänden, ihre jüngsten Arbeiten öffentlich auszustellen. In den Statuten dieses Künstlervereins befand sich bereits . ^ der Grundsatz, daß, im Fall der Vermehrung der Gesellschaftsmitglieder, ausge- ' zeichnete Kunstwerke angekauft und unter die Mitglieder vcrloost werden sollten. H chtldl U>. mV "N l>.i W ^ü»ti l»li>dli>!ixx ABiV-riüihisUischt^U 5chliS, D MMt tt, Pi/Si?, ^^Alkü^ Zl d KS GslMckm NM'' rü'ideSai Ä»WV ''VN Deutsche Kunstvereine 62 Aus dieser Verbindung erwuchs bald der Kunstverein in München, nach dessen Muster sich ähnliche Vereinigungen von Künstlern und Kunstfreunden in Berlin, Dresden, Stuttgart, Hamburg, Bremen, Frankfurt a. M., Düsseldorf, Breslau, Nürnberg, Bamberg, Mainz und andern Orten gebildet haben. Man darf daher auch den Münchner Kunstverein als Typus der übrigen ansehen, obgleich mannichfache Abweichung der verschiedenen Gesellschaften von einander in Hinsicht auf Erweiterung oder Beschrankung ihrer Zwecke und der Mittel zu deren Erreichung, in Hinsicht auf Form und Umfang ihrer Wirksamkeit, stattfindet. Jener nennt sich in seinen Satzungen (zweite Auflage, München 1825) gleich anfangs „eine freiwillige Verbindung von gebildeten Mannern zur Aufnahme und Beförderung der verschiedenen Zweige der bildenden Künste". Diesen Zweck sucht er zu erreichen durch Annäherung der Künstler und Kunstfreunde unter einander, durch mündliche und schriftliche Mittheilungen, durch die Circulation der von Künstlern und Kunstfreunden dargebotenen Kunstwerke. Ein Ausschuß wird gewählt, der die Angelegenheiten des Vereins verwaltet; ein Schiedsgericht, aus Künstlern und Kunstfreunden bestehend, welches die Käufe besorgt. Zweckmäßige Verhandlungen der ganzen Gesellschaft sollen gehalten, neuere Werke der theilnehmenden Künstler und Liebhaber aufgestellt, Kunstschriften und merkwürdige neue Kunsterscheinungen angeschafft werden, sowie das Vereinslocal nicht bloß zur Beschauung der aufgestellten Werke und zum Austausch der Ideen, sondern auch zu weitern gesellschaftlichen Zwecken eröffnet wird. Die Hauptrücksicht ist jedoch immer auf die Erwerbung ausgezeichneter Kunstleistungen genommen worden, und man hat überall den Einfluß bemerkt, welchen eine zweckmäßige Thätigkeit der damit beauftragten Ausschüsse oder Schiedsgerichte auf den Fleiß der Künstler, auf Wahl und Behandlung ihrer Gegenstände übt. Denn wie sehr auch die Protection anerkannt werden muß, unter welche die Großen unserer Zeit die Kunst und den Künstler nehmen; wie sehr der Aufschwung, welchen die Kunst im Ganzen, vorzüglich aber einzelne Zweige derselben, B. die Fresco- malerei, erhalten haben, der Kunstliebe deutscher Fürsten zum großen Theile verdankt wird: so hat es sich doch auf der andern Seite nicht verhehlen können, daß diese Existenz der Kunst aus Gnaden nur zufällig und unsicher sei, und es ist, wie in allem Andern, so auch hier, jetzt gerade Bedürfniß und Gebot der Zeit geworden, die Theilnahme des Volkes anzusprechen, aus ihm einen festen Grundstock für die Entwickelungen des Hunststrebens zu gewinnen, in ihm eine sichere Stätte und einen warmen heimathlichen Boden für alles Schöne, zumal in seinen nationalen Beziehungen und in seiner religiösen Weihe, zu legen. Durch den unmittelbaren lebendigen Antheil, den jeder Einzelne mittels eines, seiner ökonomischen Lage angemessenen Geldbeitrags an dem Gedeihen der Kunst und ihrer Priester, wie an dem Genüsse der bessern Kunstwerke, nimmt,^wird die allgemeine Liebe zur Kunst erhöht, der Kunstsinn gebildet, und es h)mmt zu den bisherigen Mitteln der Kunstförderung nicht nur das Dauerhafteste und Stärkste, nämlich die Mitwirkung der Gesammtheit oder doch der gebildeten Mittelclasse, sondern auch das Reinste hinzu, welches die Bildung des Künstlers nicht mehr von der einseitigen Individualität und dem oft verderbten Kunstgeschmack einzelner Liebhaber und Gönner abhängig werden laßt. Man hat freilich die Anwendung und Ausführung des obersten Grundsatzes, die Hervorbringungen bedeutender Kunstwerke zu erleichtern und den Kunstsinn zu bilden, auf verschiedene Weise versucht. Gewöhnlich bleiben die von dem Ausschuß oder Schiedsgericht eines Kunstvereins angekauften Kunstwerke in dem Vereinslocal so lange aufgestellt, bis deren Verloosung unter die Mitglieder der Gesellschaft erfolgt ist. Die Statuten des breslauer Kunstvereins dagegen erklaren die durch Ankauf gewonnene Sammlung für unveräußerliches Eigenthum Aller, über dessen Erhaltung zu wachen jedem einzelnen Mitglieds als solchem das Recht zustehe, und für so unzertrennlich, daß, wenn je der Verein sich auflösen sollte, 622 Deutsche Kunstvereine die ganze Sammlung der Stadt Breslau anheimfiele. Diese Anordnung, die auch der Kunsrverein zu Bremen gemacht hat, ist vornehmlich da zu loben, wo es an andern größern und für das Publicum zuganglichen Kunstsammlungen fehlt Bei den meisten Vereinen jedoch werden die Bilder verloost, was um so mehr für sich hat, weil dadurch die Kunstwerke überall hin verbreitet und auch in den Besitz Derer gebracht werden, die sie sich sonst nicht hatten verschaffen können. Denn es liegt in dem Umstände, daß ein Bild zu Hause, also immer wieder und in den verschiedensten Stimmungen, und auch hier nach und nach von vielen Menschen gesehen wird, etwas noch unmittelbarer und kraftiger auf die Wirkung, Nährung und Läuterung des Kunstsinnes im Volke Wirkendes, als wenn man sich erst in besondern Kunstsammlungen und an öffentliche Orte begeben muß, um das Schöne aufzusuchen. Einen großartigem Wirkungskreis hat sich jedoch unstreitig der, 18ZY entstandene düfseldorfer Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen gezogen, wenn er, neben dem Grundsatze der Verloosung solcher Bilder, welche sich durch Inhalt und Form mehr für den Privatbesitz eignen, eine zweite Richtung verfolgt, nämlich durch seine Kräfte die Entstehung öffentlicher Kunstdenkmale, die Ausbesserung und Herstellung alter bedeutender Kunstwerke zu vermitteln. Zu dieser schönen Idee, die sich auch in dem Beschlüsse des mainzer Kunstvereins, ein Monument für Guttenberg aufzurichten, verwirklicht hat, müssen sich die Kunstvereine überall erheben, um ihrer Bestimmung und den Federungen der Zeit wahrhaft und völlig zu genügen; um so mehr auch insofern, als bei der bloßen Bilderverloosung ein eigennütziger Kunstdilettantismus und oberflächlicher Geschmack leicht die Oberhand gewinnen, den wahren Standpunkt verrücken, die reine und große Tendenz des Ganzen untergraben, wovon man auch schon Zeichen gefunden haben will, und zwar gerade bei solchen größern Vereinen, die einseitig dem System der Verloosung huldigen. Wahrend die größern Kunstvereine, der berliner, Münchner, wiener, stuttgarter, sich auf den Ankauf von Werken inlandischer Meister — oder, wie der dresdner, nur solcher Auslander, deren Heimath sich dem Verein angeschlossen hat — beschranken, haben andere, namentlich der düfseldorfer, die Arbeiten fremder Künstler, wenn sie den einheimischen an Kunstwerth vorzuziehen waren, mit gleicher Liebe erworben. Besonders ist zu beachten, daß der berliner Kunstverein seine erste Unterstützung für solche preußische Künstler bestimmt hatte, die sich zum Behuf ihrer Studien in Italien aufhalten, daß er daher vor Allem von unten herauf das keimende Talent belohnen, heben und bilden zu müssen glaubte. Es liegt indeß am Tage, wie sehr auch altere Meister durch die Kunstvereine Gelegenheit und Aussoderung erhalten, größere Werke zu unternehmen, die sonst nicht wären bei ihnen bestellt, oder an deren Stelle ihre Zeit und Kraft mit unangenehmen und unpassenden Austrägen wäre ausgefüllt worden. Überall jedoch stehen die Vereins- ^ locale zur Aufnahme von Kunstwerken der Meister und der Jünger, der auslän- dischen wie der inlandischen Künstler offen; und sofern mit der Zeit in allen Thei- len von Deutschland sich Kunstvereine gebildet haben, bei welchen immer kleinere Gebiete sich an größere anschließen, wie Weimar, Dessau, Oldenburg an Sachsen, und die hohenzollernschen Lande an Württemberg, so laßt sich kaum eine Gegend, kaum ein Künstler denken, die von dem Wirkungskreise der deutschen Kunstvereine ^ ausgeschlossen waren, wenn auch jeder einzelne Verein nur innerhalb seines nächsten eignen Bezirks den Künstlern Unterstützung, ihren Werken Umlauf verschafft. Zugleich hat aber auch eine Verbindung und Wechselwirkung zwischen den sämmt- lichen Kunftvereinen im Norden und Süden von Deutschland sich entsponnen, und ist mit Idee und That solcher brüderlichen Annäherung der sächsische Kunstverein zu Dresden unter dem Vorsitze Quandt's vorangeschritten. Es kann nicht fehlen, daß eine solche noch mehr befestigte Vereinigung sowol den Grundsätzen als der Verwaltung der Vereine durch wechselseitige Verständigung Gewinn schassen, die W «u Z,^ "lu'' "M diiMOchM DmgMknh>idMill,rr MÄMdMch« M, » >r, hikZlrdttlmMcklliiß ii KO-rM!' MI>^>! s°^ > ew?2»D» Mw » -1?>S UW IWN"'- Deutsche Literatur 623 Kunstwerke und Künstler aus allen Theilen Deutschlands in nähere Berührung bringen, ihnen unter den Kunstfreunden und dem immer mehr kunstbefreundelen Volke größere Anerkennung bereiten und deutsche Kunst als eine große nationale Angelegenheit behandeln und fördern werde. In seinem besondern Kreise wirkt jeder Kunstverein vornehmlich durch die Vertheilung gestochener oder lithographirter Blatter unter seine Mitglieder. Die süddeutschen Vereine beobachten hierin ein anderes Versahren als die norddeutschen. In München, Stuttgart und anderwärts werden ausgeführte Kupferstiche, Lithographien, radirte Blätter vertheilt, und zwar mit der Bedingung, daß Original oder Nachbild von der Hand eines vaterländischen Künstlers herrühre. In Berlin, Dresden, Breslau, Düsseldorf und anderwärts werden sammtliche, von dem Verein erworbene und verlooste Bilder in ausgeführten Umrissen gezeichnet, durch Kupfer- oder Steindrücke vervielfältigt und als Übersicht der jüngsten Einkäufe jährlich allen Mitgliedern zugetheilt. Doch hat man in Berlin auch schon mit ausgeführten Werken des Grabstichels den Ansang gemacht. Ob sich Preisaufgaben für die Kunstvereine eignen, war eine Zeitlang Gegenstand der Debatte. Der berliner Verein hatte indeß seine Wirksamkeit mit Preisaufgaben begonnen, und auch der sächsische hat unlängst eine Preisbewerbung eröffnet. Besonders für den Zweck, öffentliche Denkmale der Kunst zu stiften und dazu die ruhmwürdigsten Werke zu gewinnen, ist die Begünstigung dieser Einrichtung, jedoch unter Bedingungen, die dem Misbrauch und dem Verderben vorbeugen, ernstlich zu empfehlen. Man vergleiche über alles diesen Gegenstand Betreffende die fünf Briefe über die deutschen Kunstvereine nach Princip, Zweck und Nutzen aufgefaßt, im „Kunstblatt", 1832, Nr. 14 —18.— In Berlin hat sich 1827 ein wissenschaftlicher Kunstverein unter Gelehrten und Künstlern gebildet, welche sich zu regelmäßigen Versammlungen verbunden haben, wobei jedes Mitglied von der Gelehrtenclasse zu einem jährlichen Vortrag, jeder Künstler entweder gleichfalls dazu oder zu einer künstlerischen Mittheilung verpflichtet ist. Ebenso ist in Berlin ein jüngerer Künstlerverein zusammengetreten, dessen Zweck, wie es in den Statuten desselben heißt, Beförderung eines allgemeinen, regen Kunststrebens ist. Er sucht denselben zu erreichen durch eine innigere Verbindung der verschiedenen bildenden Künste, durch freie Mittheilung der Ideen, sowol in Bildwerken, als in ernster Unterhaltung, durch frisches und heiteres Zusammenleben, durch Lieder und frohe Feste. Zwei Mitglieder desselben, vi-. Kugler in Berlin und der nunmehr in Düsseldorf befindliche Maler R. Reinick, haben die Herausgabe eines Liederbuches für deutsche Künstler angekündigt. Alle Bemühungen, der Kunst durch gemeinsame Thätigkeit einen erweiterten Wirkungskreis zu verschaffen und sie mehr in das Volksleben einzuführen, sind dem Zeitbedürfnisse so angemessen, daß sich auch für jene auf beschränktere Zwecke gerichtete Verbindungen ein fröhliches Gedeihen hoffen läßt. Es ist zu wünschen, daß sich unter Kunstfreunden immer mehr Vereinigungen bilden mögen, um zur Beförderung der Kunst und zur Ausbildung des Kunstgeschmacks beizutragen, auch wenn sie nicht, wie die nach dem Vorbilde des Münchner Vereins entstandenen Vereine, Ankauf und Sammlung oder Vertheilung von Kunstwerken zu einem Hauptzwecke machen. Ein solcher Kunstverein besteht seit 1828 in Leipzig, welcher unter der Leitung gewählter Vorsteher, bis jetzt nur in den Wintermonaten, wöchentlich eine Ausstellung von Kunstwerken veranstaltet, zu welcher Mitglieder, die im Besitz von Kunstschätzen sind, Beiträge liefern, und die auch von Künstlern benutzt wird, ihre Werke zur Beschattung zu bringen. (31) Deutsche Literatur. Daß die Literatur eines Volkes nie und nirgend als etwas Abgesondertes, außer ihrer Zeit Stehendes, anzusehen sei, daß sich vielmehr das literarische Leben der Völker überall auf das Innigste an ihr äußeres 624 Deutsche Literatur politisches Sein anschließe, und aus demselben, als eine nothwendige Frucht, hervorgehe, hat sich vielleicht zu keiner Zeit augenfälliger dargethan als in der unsrigen Es ist dies unter Erscheinungen geschehen, die zu sehr den Ubergang zu einer neuen Ära bezeichnen, als daß die Betrachtung derselben in ihrer Beziehung auf den Entwicklungsgang der vaterlandischen Literatur an dieser Stelle zurückgewiesen werden könnte. Dem aufmerksamen Beobachter konnten die Anzeichen nicht entgehen, mit denen sich, was in den letzten Jahren eingetreten ist, voraus ankündigte, und wir selbst haben in einem der Mehrzahl unserer Leser nicht unbekann- ^ ten Aufsatze in der 1822 erschienenen Neuen Folge des Conversations-Lexikons früher darauf hingewiesen. Als das deutsche Volk nach Napoleons Falle seine Unabhängigkeit nach Außen auf lange hinaus gesichert und sich im Besitze von Verheißungen sah, die auch für die innere Freiheit, deren Bedürfniß zu keiner Zeit sich vielstimmiger und lauter angekündigt hatte, die ausreichendste Gewahr zu leisten schienen, da war es, als ginge durch alles Volk ein Wonnegefühl erneuerten Daseins, ein Jubel der Hoffnung. Die Erkenntniß und Anschauung des in- nern Lebens, in das sich die Betrachtung, des äußern Treibens müde, zurückgezogen hatte, wollte nun nicht mehr genügen; die Augen öffneten sich nach Außen, und an die Stelle empfindsamer Beschaulichkeit und thatloser, mit einem dunkeln Sehnen nach einer untergegangenen Herrlichkeit verbundenen Trauer über das Seiende, trat der Hinblick auf das Äußere und die Freude am Werdenden und Geschichtlichen. Der elegisch-subjective Charakter der frühern Zeit — wenn wir so sagen sollen — ging allmälig, aber für Alle, die da sehen wollten, sichtbar genug, in dem plaftisch-objectiven einer neuen unter; das lyrische Element der Poesie, das der oben erwähnte Aufsatz noch als vorherrschend betrachten durfte, trat mehr und mehr hinter das epische zurück; die Vorliebe der Schriftsteller wie der Lesir wendete sich der Geschichte zu, und auch andere Disciplinen, die früher von dersel- , ben nur beiläufig, als einer für manche Fälle brauchbaren Gehülfin, Kunde gc- ss nommen, suchten sich auf geschichtlichem Grunde zeitgemäßer und fester zu bauen. Die Philosophie selbst, lange Zeit hindurch die Hauptführerin in allen wissenschaftlichen Bestrebungen, mußte, nachdem sie wol zuweilen durch unbesonnene Machtsprüche ihr hergebrachtes Recht gemisbraucht und mit unverantwortlichen Hirngespinsten selbst auf dem Boden des tatsächlich Gegebenen dem gesunden Menschenverstände Hohn gesprochen hatte, dem realen Interesse weichen, und vermochte höchstens noch durch ihre Opposition gegen den auftauchenden Geist der Zeit Aufsehen, nie aber durch sich selbst die ihr als Wissenschaft gebührende allgemeine Theilnahme zu erwecken. Schien sich in dieser Richtung ein immer gefahrlicher, am wenigsten dem deutschen Sinne ziemender gänzlicher Abfall vom Idealen anzukündigen, so war doch, so lange derselbe noch nicht wirklich eingetreten war, für den Augenblick Manches gewonnen. Die großen politischen Lebensfragen wurden immer schärfer ins Auge gefaßt und immer vielseitiger, theilweise auch gründlicher erörtert, die materiellen Interessen der Gesellschaft mit minderer Zurückhaltung erwogen, die Sache der religiösen und bürgerlichen Freiheit, selbst unter noch fortwaltender Censurbeschränkung, kühner verfochten. Auch in der Poesie ward Das, woran die Einsichtsvollem nie gezweifelt hatten, allgemeiner erkannt, daß es in aller Kunst keine größere Verirrung gebe als die Absonderung des sich selbst genügenden Dünkels von der Natur, und daß nur aus der Rückkehr zu dieser der Poesie hinfort einiges Heil erwachsen könne. Wenn diese Einsicht alsbald zahlreiche neue Verirrungen zur Folge hatte, so lag es nicht an ihr, sondern an der einseitigen Anwendung des Grundsatzes, die in der Kunst jedes Mal zur Ca- ricatur führt. Gefährlicher ward ihr der immer stärker hervortretende Gegensatz der Meinungen, der, längst aus der Schule in das Leben übergegangen, Befugte und Unbefugte, Befähigte und Unbefähigte auf den Kampfplatz rief, und auch die Poesie ihrer '' > Deutsche Literatur 625 "l, deren N .7"'°'»»«° ^wTrMrÄerdi! ^ ' Mi N Wchnden Uli «t- delrchndch,WO ^ tit WWer nie ier ^ ch«MMMW,' wMrem in.illen n»P- iMillMhMMM r^ÄMMwW u^d chlld !I>.^ auf ein Gebiet hindrängte, auf dem sie nur an der Hand der genialen Kraft nicht untergehen konnte, bis endlich in der letzten Zeit, unter dem leidenschaftlichen Geschrei der Parteien, die Stimme der echten Kunst, wenn auch nicht ganz verstummte, doch nur von Wenigen noch vernommen ward, und die poesielosesten Erzeugnisse, in denen politische Parteiansicht mit aufgeblasener Pomphaftigkeit sich breit machte, als Ergüsse ungemeiner dichterischer Kraft gegeben und von den Angehörigen der Faction glaubig dahingenommen wurden. So war im Guten und Schlimmen, nicht ohne Mitwirkung äußerer Ereignisse, die Richtung gegeben, und wie Alles, was seit den Juliustagen 1830 das europaische Staatenleben von Innen und Außen umgestaltete, in einem Frühern seinen Grund hat und nur darin seine Erklärung findet, so stellen sich auch die literarischen Erscheinungen der beiden letztverflossenen Jahre nicht als etwas einzeln Stehendes und erst durch die Stürme der neuesten Zeit Hervorgerufenes, sondern lediglich als die Fortentwickelung Dessen heraus, was ihnen vorausgegangen war. Freilich konnte die Einseitigkeit, die, wo die Leidenschaft ein Neues ergreift und verficht, nie ausbleibt und, wie die Erfahrung der letzten Jahre zur Genüge bewiesen hat, in politisch bewegter Zeit mehr als äußere Gewalt die freie Entwickelung gefährdet, nicht ohne Einfluß auf das deutsche Schriftenwesen bleiben. Der Anklang, den die pariser Ereignisse in einem großen Theile unsers Vaterlandes gefunden hatten, bewahrte sich alsbald in dem Geiste allgemeiner Aufregung, der sich fast überall in mehr oder weniger gewaltsamen Ausbrüchen kund that. Es war, als sollten sich die Ergebnisse ganzer Jahrhunderte mit den Keimen neuer, für die fernste Folgezeit berechneter Schöpfungen in den Zeitraum weniger Monde zusammendrängen. Nun fehlte es auch nicht an Schriftstellern, die sich zu Sprechern des Volks aufwarfen, und, die Stimmung des Augenblicks benutzend, durch williges Eingehen in die Ansichten, Wünsche und Denkweise des großen Haufens einen vorübergehenden Ruhm, oder, was den Meisten als das Höhere gelten mochte, einen nicht sicherern Geldgewinn suchten. Die Sprache der ruhigen Prüfung ward fast nicht mehr gehört, und wie von der einen Seite die billigsten und in fester und ruhiger Fassung ausgesprochenen Federungen der Völker an ihre Fürsten, als keckesHervor- treten jakobinischen Übermuthes gescholten wurden, so fehlte es von der andern noch weniger an Solchen, die jedes Wort der Beruhigung als Äußerung feiler Knechtsgesinnung verhöhnten, dagegen jeden Ausfall auf das Bestehende, jedes Wort des Hohnes und der Verachtung gegen Fürsten und Machthaber mit unverhohlenem Jubel hinnahmen, und um so höher priesen, je bitterer die Sprache war, je schonungsloser und persönlicher der Kampf gegen alle Diejenigen sich richtete, welche nicht geneigt waren, auf jene Autoritäten hin die eben gültigen politischen Glaubenssatze zu den ihrigen zu machen, oder welche zwar, die Unzulänglichkeit des Bisherigen erkennend, den Wünschen der Zeit nicht fremd waren, aber ein gemessenes, ruhiges Fortschreiten auf dem Wege der Reformen dem von der Leidenschast gefoderten plötzlichen Umstürze des Alten vorzogen. Hierzu gesellte sich als zweites unausbleibliches Übel eine hier und da bis zum Äußersten getriebene Verwirrung der Begriffe und Grundsatze. Wie zwei leidenschaftliche Fechter ihren Standpunkt nicht zu behaupten wissen, und es sich leicht ereignen kann, daß der Eine zuletzt an der Stelle steht, die zu Anfang des Kampfes sein Gegner inne hatte, so geschah es auch hier, und Menschen, die kurz zuvor noch in der Geschichte ihren Trost und ihren Halt gefunden hatten, ließen den geschichtlichen Boden unter sich schwinden, klammerten sich an Ideen fest, die ihnen die Fremde als zeitgemäß empfohlen hatte, und foderten deren augenblickliche Verwirklichung, wahrend Andere, die in der Idee ihr eigenthümliches Gebiet gefunden hatten, durch den Sturm der Zeit erschreckt, ihr entflohen und auf geschichtlichem Boden ihre Anker auswarfen. Welches arge Spiel zu gleicher Zeit mit den Begriffen von Volkssouverainetät, Conv .-Ler. der neuesten Zeit und Literatur, l 40 626 Deutsche Literatur Volksvertretung, Preßfreiheit unter andern getrieben wurde, darauf brauchen wir bloß hinzuweisen. Konnte es doch zuletzt besorglichen Gemüthern fast scheinen, als ob die düstern Vermächtnißworte eines edeln Deutschen (Niebuhr's in der Vorrede zur neuen Ausgabe der „Römischen Geschichte") in Erfüllung gehen sollten, zumal seitdem selbst bessere Köpfe sich nicht entblödeten, das deutsche Streben in Kunst und Wissenschaft zu verhöhnen und in den Augen des Auslandes, das kaum angefangen hatte, ihm die verdiente Achtung zu zollen, herabzusetzen. In der That brachten zwar unsere jahrlich erscheinenden literarischen Meßverzeichnisse nach hergebrachter Weise immer noch ihre 3 — 4000 Nummern; aber wie Weniges blieb darin, nach Abzug Dessen, was lediglich dem Interesse des Augenblicks diente, übrig, was einer ernstern und bleibendem Beachtung würdig gewesen wäre! Es würde uns hier zu weit führen, wollten wir ausführlicher untersuchen, wieviel davon den Schriftstellern, wie viel der Lesewelt selbst zur Last falle. Wohl mag diese einen großen Theil der Schuld tragen. Die Freude an dem Besitz eines guten Buches und der Genuß eines langen und oft wiederholten Verkehrs mit demselben scheint verschwunden; ein eiliges Durchlaufen ist an die Stelle des ernsten Lesens getreten, und daher auch der Willkommenste Derjenige, der die flüchtige Lecture durch die geringsten Zumuthungen am meisten erleichtert und den Ansichten, Neigungen und Leidenschaften seiner Leser so weit entgegenkommt, daß es für diese nicht eben eines tiefen Forschens bedarf, um in dem Gegebenen sich selbst mit ihrer ganzen Einseitigkeit wiederzufinden. Daß in solcher Zeit denn doch der wissenschaftliche ernstere Sinn des Deutschen sich nicht ganz verleugnete, und daß selbst auf dem Gebiete der Kunst, unangefochten von der Mißachtung und dem Hohne der Menge, einzelnes Tressliche sich hervorthat, muß uns über die trüben Verkündigungen Einzelner beruhigen, und eine Ubersicht der bedeutendem Erscheinungen der letzten fünf bis sechs Jahre in den Feldern der Sprache, Poesie, Geschichtschreibung, Philosophie und Staatskunde Deutschlands dürste schon in dieser Beziehung ihr Erfreuliches haben. Was zunächst die Sprache betrifft, so blieben ihr auch in dieser letzten Zeit einzelne tüchtige Kräfte zugewendet, und wahrend Mehre, wie Fr. Schmitthen- ner, H. Bauer, Herling und K. F. Becker, zunächst ihren gegenwärtigen Zustand ins Auge faßten, führte der treffliche I. Grimm seine tiefgründlichen geschichtlich-vergleichenden Forschungen weiter fort, deren reiche Ergebnisse in dem zweiten und dem jüngst erschienenen dritten Bande seiner Grammatik nun vorliegen. An sie schlössen sich in gleicher Richtung die fleißigen Arbeiten E. G. Grass's an, der theils in seiner „Diutiska", der Frucht einer dreijährigen Reise durch Frankreich, Italien und Deutschland, eine Menge bis dahin unbekannter Denkmäler altdeutschen Schriftenthums aus dem Staube der Bibliotheken ans Licht zog, theils durch die Herausgabe des ältesten noch vorhandenen hochdeutschen Gedichts, des Otfrid'schen „Krist", sich um die Sache der deutschen Sprachforschung ein abermaliges großes Verdienst erwarb, und durch das Versprechen einer Otftid'jchen Grammatik uns eine neue Aussicht auf fortgesetzte Erweiterung des Gebiets der vaterlandischen Sprachkunde eröffnete. Wie Vieles in dieser Beziehung von dem gründlichsten Kenner des Sanskrit, Franz Bopp, durch tieferes Zurückgehen auf die ersten Wurzeln des deutschen Sprachensystems bereits geleistet worden, ist von Urtheilsfähigen anerkannt, und reichere Ausbeute noch laßt ein für die nächste Zeit angekündigtes größeres Werk, seine „Vergleichende Grammatik des indo-germam- sehen Sprachstammes", erwarten. Es mag hierbei nicht übergangen werden, daß, wenn die erste Begeisterun g für den neuen, von Grimm eingeschlagenen Weg aus nichts Geringeres ausging, als auf den Umsturz der ganzen bisherigen sprachlichen Unterrichtsmethode, es einer besonnenem Prüfung endlich gelungen zu sein scheint, den Unterschied zwischen emer wissenschaftlichen Behandlung des gesummten lu'uo Deutsche Literatur 627 -?m'chl AÄ W dhch d«. ^ AMMschunzM ?:As MjusÄclkck 'ÄSli ÄqS K«!> »! I.-Il^ - risch gegebenen Sprachgebiets und dem zum freien Gebrauche der Sprache in ihrer jetzigen Gestalt befähigenden Schulunterricht ins Licht zu stellen. Mit diesen dankenswerthen Leistungen für die Sprache gingen die Bemühungen um die Entdeckung und Erläuterung alter sprachlicher Denkmäler Hand in Hand. Wie oben schon Graff's Verdienst in dieser Beziehung hervorgehoben worden ist, so müssen wir vor Allem noch des von Wilhelm Grimm (1828) herausgegebenen Bruchstücks des „Grave Ruodolf", als eines der interessantesten Überbleibsel des 12. Jahrhunderts, gedenken. Es versteht sich, daß daneben die seit längerer Zeit zu Tage geförderten, in ihrer Form vollendetem Werke mittelhochdeutscher Poesie nicht in Vergessenheit geriethen, ja der Eifer Derer, die durch Neigung und Kennt- niß zu Bewahrern und Auslegern dieser ehrwürdigen Schätze berufen waren, schien in demselben Verhältnisse zu wachsen, in welchem sich die Theilnahme des größern Publicums daran verminderte. Zwar drängen sich die Erscheinungen auf diesem Felde nicht mehr wie sonst; dafür bemühen sie sich aber auch, in kritischer Genauigkeit und sprachlicher Gründlichkeit den durch tüchtige Vorarbeiten gesteigerten Federungen zu genügen. Was Benecke und Lachmann in dieser Hinsicht geleistet haben, ist bekannt, und liegt auch in neuern Arbeiten, wie dem von Beiden bearbeiteten „Jwein" (1828), vor. Freilich ist auch Vieles noch zurück, sowie manche alte, mit vorausgespendetem Danke dahingenommene Zusage nur auf einen günstigem Zeitpunkt zu warten scheint, um in Erfüllung zu gehen. Wir rechnen dahin vor Allem die von von der Hagen verheißene neue Ausgabe des Manessischen Codex altdeutscher Minnelieder. In einer Zeit, wo die Interessen der Gegenwart jedes Andere verschlingen, kann die zunehmende Gleichgültigkeit gegen die dichterischen Überbleibsel früherer Jahrhunderte nicht Wunder nehmen. Wer diese genießen wollte, müßte ja während der Beschäftigung mit ihnen seine Zeit vergessen: eine Zumuthung, der in unfern Tagen Wenige sich zu fügen geneigt sein möchten. Aber leider scheint es auch, als ob die Verstimmung der Zeit nicht bloß dem Genüsse des Alten, sondern auch der freien, nach allen Seiten hin selbständigen Entwicklung der Poesie der Gegenwart hemmend entgegenträte. Mag die Übersättigung durch früheres Übermaß mitgewirkt haben: dennoch liegt die Wurzel des Übels wol tiefer und in einem wesentlichen Grundzuge unserer Zeit. Wir verkennen in dieser die Keime des Segens nicht, den die Zukunft, wenn unsere Hoffnung uns nicht täuscht, zur Reife bringen wird; aber die immer stärker hervortretende Richtung auf materielle Gewinne mußte nothwendig, für den Augenblick wenigstens, den Geist des Egoismus entfesseln, der um die fremde Subjektivität sich wenig kümmert, und schon darum der Poesie, vor Allem aber der subjektivsten aller Darstellungsformen, der Lyrik, sich feindselig erweist. Ohne ein allzu großes Gewicht auf die Thatfache zu legen, daß unsere Taschenbücher, um ihr Leben zu fristen, sich in den letzten Jahren von lyrischen Aurhaten so weit als möglich lossagen mußten, oder auf die kühle, fast gleichgültige Aufnahme, die zwei von ehren- werthen Teilnehmern.unterstützte Musenalmanache fanden, so gibt es unleugbar eine Partei — und sie ist zahlreich genug —, die sich bestimmt und laut gegen alle Poesie, als eine Tochter des Müssiggangs und als eine eitle, der Zeit unwürdige Unterhaltung, ebenso wie gegen das ernstere Studium der Philosophie und der alten Sprachen, als einen werthlosen, für unsere Tage nicht mehr tauglichen Pedantismus, erklärt. Vielleicht aber gleicht der Deutsche von heute auch nur Einem, der, nachdem er ein umgebautes Haus bezogen, mit der ersten notwendigen Einrichtung beschäftigt, noch nicht dazu gekommen ist, an die heitere Ausschmückung seiner Wände und den behaglichen Genuß des Lebens zu denken. Wird er einmal beimisch geworden sein in den neuen Gemächern, dann wird sich wol auch die Freud? an den heitern Musenkünsten und die Begeisterung wieder einfinden, die 40 * 628 Deutsche Literatur Mancher, der frühern Zeiten gedenkend, jetzt schmerzlich vermißt. Unterdeß muffen wir mit Dank annehmen, was, trotz der Ungunst des Augenblicks und mit Verzichtung auf das liebevolle Entgegenkommen der Mitwelt, von Einzelnen geboten wird. Als ein günstiges Vorzeichen, daß das Geschrei der Mode und die erkünstelte Begeisterung einiger Lieblingsschriftsteller der Zeit die Rückkehr zur Natur, wo sie Noch thut, nicht hindern werde, mag uns die Liebe gelten, mit der in den letzten Jahren die poetischen Stimmen der Völker gesammelt und durch treue Übertragungen Allen, die dafür Sinn haben, zuganglich gemacht worden sind. Gleichzeitig mit W. Müller's neugriechischen Volksliedern erschienen rie zuerst von Wuk Stephanowitsch uns zugeführten serbischen, in Übersetzungen von Fraulein Therese von Jakob (Talvj), denen spater die von v. Götze (1827) und Gerhard (1828) folgten. Zu anziehender Vergleichung schlössen sich ihnen neue derartige Sammlungen in schneller Aufeinanderfolge an. Stimmen des russischen Volks gab v. Götze, mit magyarischen Volksliedern erfreute GrafMailäth, mit böhmischen, lithauischen und schottischen beschenkten uns Andere, nachdem früher schon die Brüder Grimm durch ihre „Irischen Elfenmärchen" uns einen Blick in das an poetischen Gestaltungen reiche Aauberleben nordischen Geisterglaubens hatten thun lassen. So wurden von vielen Seiten Quellen aufgethan, aus denen die heimische Poesie sich verjüngen und kraftigen konnte. Kein Dichter vielleicht hatte in neuerer Zeit den Reichthum der Sage und des Volksglaubens mit freierer Selbständigkeit zu dem seinigen gemacht, als der treffliche Uhland, und so mag es immerhin als ein gutes Zeichen gelten, daß seine G edichte — nicht in Folge erschlichener Lobreden — ganz zuletzt noch in der fünften Auflage erschienen sind. Werden seine patriotischen Lieder jetzt besser durch ganz Deutschland verstanden werden, seitdem die Interessen, die zur Zeit ihrer ersten Erscheinung (1815) nur in einzelnen erleuchtetem und kräftigem Seelen volle Würdigung fanden, die Interessen der Gesammtheit des deutschen Volks geworden sind, so wird ihre weitere Verbreitung auch dazu beitragen, den Zeitgeschmack von der Richtung, die er genommen hat, auf den bessern Weg zurückzulenken. Wenn früher eine von dem äußern Leben fast abgeschiedene Innerlichkeit die Poesie in Gefahr brachte, in mystischen Nebel zu verfließen, so war es später, als wollte sich das Gemüth ganz und gar an die Erscheinungen der Außenwelt dahingehen und in dem zerstreuenden Wechsel flüchtig vorübereilender Bilder sich berauschen. Daß ein wandernd Leben der freien Dichterbrust gefalle, war oft gedacht und ausgesprochen worden; aber nun galt jede Reise, ob nach den Bergen Tirols oder dem Sande der Marken, für eine Reise zum Parnaß, und jeder Wanderstab für einen Moses- ftab, der das kahlste Gestein nur zu berühren brauche, um den vollsten Springqucll der echten Naturpoesi'e hervorzulocken. Wir erinnern hiermit an die zahlreichen Wanderlieder, welche die letzten Jahre hervorgebracht haben, und die mit der zunehmenden Wanderluft unserer jungen poetischen Welt zusammentrafen. Niemand zweifelt an dem Poetischen des freien Reiselebens, und manche schöne Blüte des deutschen Minnegesangs verdanken wir — wer weiß es nicht? — eben nur ihm. In unfern Tagen gaben Uhland's köstliche Wanderlieder den Ton an; ihm folgten im deutschen Süden der kräftig-frische Juftinus Kerner, der 1825 mit einer Sammlung seiner früher einzeln erschienenen Dichtungen hervortrat, und im Norden der klare, sinnvoll-ernste, in mannichfaltigen Verkleidungen wandernde, zu stuk verstorbene W. Müller. Die einfache Anmuth ihrer Lieder und das innige Anschließen derselben an die Natur erwarben ihnen überall Freunde, erweckten aber auch zahllose Nachahmungen, die alle die Natur zur Zwiesprach auffodern unö mU Bäumen und Nachtigallen und Bergen verkehren, denen aber nur allzu häufig bm frische, naturkräftige Leben ihrer Vorbilder abgeht. Vor Allem ist es Pflicht, um somit auch hier an der Stelle, laut vor jener Einseitigkeit zu warnen, die durm >1,1 ge^^/ Deutsche Literatur 629 ^^A,Mzd«dilh« ^^MchhMkTyie i-zmMnoWiß« !'!'j'-'y kick Ddifftl durch zr WP, dieffDPrch M B öiW Äm 'MM MDDMili» A> WZMWbW^ i '... gdd'is^ Z^'I..W^' °^,-v'k / . !»> .>' -IFk solche kleine Schildereien der Natur und des Menschenlebens sich ebenso mit der Poesie abzufinden meint, wie ein großer Theil unserer Maler mit kleinen Genrebildchen die höchsten Aufgaben der bildenden Kunst gelöst zu haben sich einredet. Mit reicherer Mannichfaltigkeit stattete freilich H. Heine seine „Reifebilder" aus; aber eine pikante Persönlichkeit, großes Talent, Phantasie und Witz konnten nicht hinlänglich für die innere Zerrissenheit des Sinnes und die herbe Ironie entschädigen, in der er allem Heiligen den Krieg erklart, und die über seine dichterischen Gestaltungen einen oft recht widrigen Schatten wirft. Und dies führt uns auf eine andere beachtenswerthe Seite des heutigen poetischen Treibens. Es ist dies die Neigung zu ironisch-satyrischer Auffassung des Zeitlebens. Die Erkenntniß des Bessern bei fortdauernder Herrschaft des Gegentheils erzeugt die Satyre, der Kampf gegen das Unabänderliche die Ironie. Unsere Literatur hat ihre satyrischen Jahrhunderte durchlebt; das Recht aber, das wir diesen zugestehen, dürfen wir am wenigsten unserer Zeit absprechen, wie sehr auch die mehr gegen Personen als Sachen gerichtete Kampflust der Letztern gegen die friedliche, nur von Zeit zu Zeit durch den kleinen Krieg eines leichten Witzes oder gutmüthigen Zornes unterbrochene Ruhe des 18. Jahrhunderts absteche. In der That ist die Art, wie die Waffen geführt werden, nicht immer die erfreulichste, und die leidenschaftliche Persönlichkeit, die meist nicht ausgeblieben, wie sehr sie auf Augenblicke angesprochen haben mag, hat überall, wie sie pflegt, die Aufmerksamkeit mehr von der Sache auf die Personen gelenkt und so sich selbst um ihre Früchte gebracht. Wie wenig Ersprießliches ist doch aus dem vielbesprochenen, nun hoffentlich abgethanen Streite zwischen Jmmermann und Graf von Platen herausgekommen! Bethätigte der Letztere in feinem „Romantischen Ödipus" aufs Neue seine Herrschaft über die Form, so konnte er doch mit ihm dem wohlverdienten Ruhme, den seine 1828 erschienenen Gedichte ihm erworben hatten, nichts hinzufügen. Wenn sich in diesen ein edler Geist in vollendeter Form kund gab, so nahm in jenem die meisterliche Nachbildung schwieriger Versmaße die Bewunderung fast allein für sich in Anspruch: ein Übelstand, dem auch Fr. Rückert in seinen kunstreichen Bearbeitungen arabischer und indischer Dichtungen nicht entging. Darum weisen wir noch einmal auf Uhland zurück und gedenken mit verdientem Lobe Derer, die auf dem von ihm gewiesenen Wege, ohne jenes einseitige polemische oder formelle Streben, und doch mit freier Selbständigkeit Würdiges schufen. Wir rechnen dahin vor Allem den wackern Balladen- und Romanzensänger Gustav Schwab, dessen 1829 erschienene Gedichte einen Reichthum schöner Lieder und volksthümlicher epischer Dichtungen nach einheimischen Sagen enthalten. Mit Recht fand auch Egon Ebert's jugendliches Talent, wie es in seinen „Liedern, Balladen und Romanzen" (1828) sich ankündigte, nicht bloß in seinem östreichischen Vaterlande Anerkennung und freundliches Entgegenkommen, und mit richtigem Gefühl für das bleibend Schöne hieß das ganze poesieliebende Deutschland des Freiherrn von Zedlitz aus geistreicher Lebensanschauung hervorgegangene „Todtenkränze" (1828) willkommen, obgleich wir nicht leugnen wollen, daß auch bei ihrer Aufnahme im Publicum das in der Richtung der Zeit vorhandene historische Interesse mitgewirkt haben möge. So werden auch die jüngst erschienenen beachtenswerthen Werke eines jüngern hoffnungsvollen Dichters, Gustav Pfizer, die Anerkennung finden, die sie verdienen. Ohne aus der Zeit herauszugehen, bewegen sie sich innerhalb derselben mit sinnigem Ernst in eigenthümlichen Bahnen. Gleiches darf von den Dichtungen des schon langst in mehrfacher Hinsicht dem gebildeten deutschen Publicum befreundeten Adelb. v. Chamisso gesagt werden („Gedichte", 1831). So treibt denn im Garten der deutschen Poesie trotz der Ungunst der Zeit ein Rest des alten Lebens noch fort und fort seine Blüten und Sprossen, wie Viele es auch geben mag, die den Garten lieber heute noch umgerodet und in ergiebiges Acker- t)30 Deutsche Literatur land verwandelt sahen. Minder Erfreuliches boten die letzten Jahre im Gebiete du dramatischen Literatur. Die Frage über den Grund dieser Erscheinung, ob Mangel an hervorragenden Talenten, ob Publicum, Kritik oder Bühne, oder ob wie glaublich ist, alle insgesammt die Schuld tragen, kann hier, wo nur von dem etwa Geleisteten Kunde zu geben ist, nicht ausführlich erörtert werden. Keine Gattung der dichterischen Darstellung übt einen mächtigern Einfluß auf ihre Zeit aus, keine aber auch ist, wie es jetzt steht, abhangiger von dem Geschmacke der Zeit, als eben die dramatische. Das entschiedenste Talent, wenn es die Mittel verschmäht, wodurch die Menge angezogen wird, hat von Glück zu sagen, wenn seiner Gabe nicht Schlimmeres begegnet, als völlige Theilnahmlosigkeit und Nichtbeachtung, und leider beweist nur zu oft gerade der Beifall, den ein dramatisches Werk auf der Bühne findet, gegen seinen dichterischen Werth. Aber auch die glücklichern können ihrem Schicksale nicht entgehen, und von den zahlreichen Bühnenstücken, die ein Jahr hervorbringt, möchten nur wenige in ein anderes hinüberleben. Nur die Fruchtbarkeit einzelner Autoren, wie v. Auffenberg's, Raupach's, Jmmermann's und einiger Andern erhält ihre Namen in den Bühnenrepertorien und im Gedächtnisse des Publicums. Der immer mehr hervortretende Zwiespalt zwischen Poesie und Bühne ist so tief in der Richtung der Zeit begründet, daß die Tresslichsten sich für den Augenblick umsonst bemühen würden, das natürliche Verhältnis wiederherzustellen. So ist es gekommen, daß, während die Einen ihr Talent und ihren Ruhm dem Beisalle der Menge zum Opfer bringen, Andere auf alle Bühnendarstellung verzichten, und es darf nicht Wunder nehmen, wenn neben den meist im Manuskript verhandelten, auf pecuniaire Bortheile berechneten eigentlichen Theaterstücken sich in der letzten Zeit, freilich auch nicht ohne Vorgang, eine von ihnen ganz abgesonderte Gattung dramatischer Dichtungen herausgestellt hat, deren Verfasser vor denen der erstem mindest dies voraus haben, daß ihr Streben auf etwas Höheres gerichtet ist, als auf den zweideutigen Beifallruf eines flüchtig aufgeregten Parterre. Doch konnten unter diesen Grabbe's excentrisch-regellofe Versuche, wie sein „Don Juan und Faust", nur kurze Zeit Aufmerksamkeit erregen; willkommen mußten die anPoesi'e reichen „MorgenländischenDichtungen"öhlenschläger's (1831) Denen sein, welchen es um wahren Kunstgenuß zu thun ist. Das größere Publicum wird allerdings auch von ihnen wenig Kunde nehmen; seiner Scheu vor nachhaltigen Eindrücken, mit denen sich das Bedürfniß einer bloß flüchtigen, möglichst oberflächlichen Unterhaltung nicht vertragen würde, sagen Übertragungen französischer leicht hingeworfener Stücke ungleich mehr zu, und die Thätigkeit einiger Schriftsteller, die ihr Publicum und die Bühne kennen, hat es auch in der neuesten Zeit daran nicht fehlen lassen. Daß von Poesie dabei nicht viel die Rede sei, versteht sich von selbst, und so sind wir vielleicht nahe daran, es zu erleben, was noch vor 1ö Jahren als unglaublich verlacht worden wäre, daß die verschrienen Zeiten Kotzebue'scher und Jffland'scher Stücke, als höchst poetische, zurückgewünscht werden. Wenn so die Unpoesie im Gebiete des Dramas von Tage zu Tage mehr Raum gewinnt, erschöpft sich die poetische Kraft erfolglos auf einem andern Felde, dem des Epos. Die in mancher Beziehung ehrenwerthen Arbeiten Pyrker's („Tunisias" und andere) und Furchau's („Arkona") bewiesen aufs Neue, daß die mis- glückten Bestrebungen älterer Dichter, die Form des Kunstepos unter uns zu verjüngen, von wiederholten Versuchen nicht abzuschrecken vermögen. Noch will man nicht erkennen, daß das Epos wesentlich auf der Volkssage beruhe, und daß somit eine Zeit wie die unsere, die des wahren Volkslebens und Volksglaubens entbehrt, das Epos in ihrem Schooße nicht tragen könne. An seine Stelle sind vorlängsi Roman und Novelle getreten, zwei Gattungen, die auch in der jüngst verflossenen Zeit zahlreiche mehr oder minder glückliche Bearbeiter — darunter einige gusgezeichnete — gefunden haben. Bei der Vorneigung der Lesewelt für diese Art ««siz "^iU« ^ ' ikM^;wVGrUi> DD^LMMßlM 'W ,MW «NGH' ^WplwO?^^ ^Mchlchl '.M ",1K . Os" ^Z-llck F «<»?5 Deutsche Literatur der Darstellung und bei der Verschiedenheit der zu befriedigenden Bedürfnisse und Foderungen kann es nicht befremden, wenn auf diesem Gebiete mehr, als auf irgend einem andern jede schriftstellerische Individualität ihren Leserkreis findet, und neben den trefflichsten Leistungen auch das armselige Product der schwächsten Kraft sich auf den Listen der Leselustigen und in den Verzeichnissen der Leihbibliotheken, dieser literarischen Armensuppenanftalten, eine Zeitlang behauptet. Noch dauern die Nachwirkungen des Scott'schen Einflusses fort, und scheint auch Das, was an diesem begabten britischen Dichter lediglich Manier ist, nachdem es bis zum Uberdrusse nachgebildet worden, kein sonderliches Glück mehr zu machen, so genießt dennoch die Erzählung mit historischer Grundlage immer noch die alte Gunst. Daneben bildete sich aber auch eine eigenthümliche deutsche Novelle mit tieferer Weltanschauung und poetischerer Auffassung des Menschenlebens heraus. Ihr Schöpfer und Meister war Ludwig Tieck. Sein leider noch unvollendeter „Aufruhr in den Cevennen" (1826) und zahlreiche kleinere Erzählungen in dem Taschenbuche „Urania" und dem von ihm herausgegebenen „Novellenkranze", wie das köstliche „Dichterleben" und viele andere, die der jüngst begonnenen Gesammtaus- gabe seiner Werke einst zum Schmucke dienen werden, sind willkommene Gaben des echten Genius, die meist Alles, was von Andern in ähnlicher Form gegeben worden, weit hinter sich lassen. Und wie Viele haben neben ihm nach dem Kranze gerungen! Hauffs schönes Talent ließ ein frühzeitiger Tod leider nicht zur vollen Reife gelangen; Zschokke's Erzählungen, wie fein „Addrich im Moos" (1826), erwarben sich durch psychologische Haltung und naturgetreue Charakteristik sowie durch eine gewisse Popularität der Verstandesanschauung zahlreiche Leser, entbehrten aber der philosophischen und poetischen Tiefe, die wir anTieck's Cevennen und mehren seiner Novellen bewundern. C. Spindler gewann sich durch jugendliche Frische, lebendige, phantasievolle Darstellung und eine ernste Betrachtung des Lebens in umfangreichen Dichtungen, wie dem „Bastard", dem „Juden" und dem „Jesuiten", Freunde; doch scheinen die Folgen mehr der fremden als eignen Überschätzung auch hier nicht ausbleiben zu wollen. Ein glückliches Erzählertalent bewährte auch Leopold Schefer und Andere, wie Friedrich Jacobs, Häring sWilibald Alexis), von Witzleben (Tromlitz), und die Frauen: von Pichler, Schopenhauer, Friederike Lohmann und Therese Huber („Die Ehelosen", 1829), waren mehr oder weniger thätig, sich bei ihren Lesern in frischem Andenken zu erhalten. Vor Allem aber müssen wir die Romane des geistreichen Steffens („Walseth und Leith", „Die vier Norweger" und „Malcolm"), Spätfrüchte eines der Wissenschaft gewidmeten Lebens, hervorheben, die als bedeutsame Erscheinungen der letzten Jahre die Aufmerksamkeit auf sich zogen und sie verdienten. Nennen wir dazu noch die „Liebesgeschichten" von Posgaru, einem geistreichen Pseudonymen Dichter, so glauben wir an die beachtenswerthesten Erzeugnisse der letzten Zeit im Fache der Erzählung erinnert zu haben. Die polemisch-didaktische Tendenz in des Letztern und in Stessens' Werken thut der Kunstform weniger Eintrag, als dies in den theologischen Romanen zweier in jeder andern Beziehung hochgeschätzter Schriftsteller, Bretschneider's und de Wette's, der Fall sein möchte. Wenn der in unfern Tagen stärker als früher erwachte geschichtliche Trieb in dem Beifalle seine Bestätigung fand, mit welchem Werke der erzählenden Poesie, wenn sie auf historischem Grunde ruhen, noch immer dahingenommen werden, so zeugen dafür auch die mit gleicher Theilnahme unterstützten man- nichfachen Unternehmungen zur Befriedigung eines fast durch alle Stände verbreiteten Bedürfnisses geschichtlicher Belehrung. Werke, wie die, zu Dresden erschienene „Historische Taschenbibliothek" und die zur Befriedigung höherer Ansprüche in einem engern Kreise von Heeren und Ukert herausgegebene „Geschichte der europäischen Staaten", beide durch die Theilnahme tüchtiger Mitar- /I V, 632 Deutsche Literatur beiter gefördert, gehören insofern zu den beachtenswerthern und keineswegs unerfreulichen Zeichen der Zeit und dürfen in einer Ubersicht der jüngsten vaterländischen Nationalliteratur nicht ungenannt bleiben. Unter den Darstellern der allgemeinen Geschichte gelang es vorzüglich dem freisinnigen von Rotteck durch Klarheit des Blicks und einen in die Ansichten der Zeit eingehenden Muth der Gesinnung, Leser und Schüler zu gewinnen. Die Ansprüche auf tiefere wissenschaftliche Forschung, die dieser Schriftsteller von sich wies und weisen mußte, fanden in Andern, die einzelnen Geschichtspartien ihren Fleiß zuwendeten, gewichtvolle Vertreter. Mehre dieser Forschungen fallen der Geschichte der Wissenschaft anHeim. Hier genüge es, aus Vielem nur das Bedeutendere herauszuheben. K. Hock setzte seine wichtigen Untersuchungen über das alte „Kreta" fort (1828); ein neues Verdienst um einen noch wenig aufgeklarten Theil der alten Historie erwarb sich Otfried Müller durch seine aus sorgfaltigem Quellenstudium hervorgegangenen „Etrusker" (1828); Nie- buhr's zweite Ausgabe seiner „Römischen Geschichte" gab vielfache neue Ergebnisse und vergrößerte den Schmerz über das Hinscheiden des Meisters vor der Vollendung seines kühnen Werks, das nun als großartige Ruine seinen Namen zur Nachwelk zu tragen bestimmt ist. Sein Vorgang hatte früher schon Wachsmuth zu verwandten Untersuchungen angeregt, und derselbe machte in seiner „Hellenischen Alterthumskunde" (1826 — 29) allen Freunden altgriechischer Zeit ein willkommenes Geschenk. Auch der Archäologie erwuchs manche neue Ausbeute aus Völliger's, dieses Veteranen der Wissenschaft, „Ideen zur Kunstmythologie" (1826), aus Otfried Müller's „Handbuch der Archäologie" und aus den theils fortgeführten, theils neubegonnenen Reisewerken Bröndsted's und von Stackelberg's. Daß die deutsche Geschichte endlich nach einem andern Zuschnitte zu behandeln sei, als in den ältern Kaiser- und Reichshistorien geschehen war, war längst erkannt worden; eine Geschichte des deutschen Volkes zu schreiben, war die schwierige Aufgabe, deren Lösung H. Luden, ausgerüstet mit gründlichem Wissen und hoher Begeisterung, als ein vaterländisches Werk (1825) unternahm (bis jetzt sechs Bände). Während er mit Ausdauer seinen Plan fortführt, und neben ihm I. C. Psister's „Geschichte der Deutschen" (4 Bde.) rühmlich der Vollendung sich nähert, verweilen Einzelne prüfend bei wichtigen, von ihm bereits beleuchteten Punkten, wie der tiefgründliche Forscher Jakob Grimm in seinen „Deutschen Rechtsalterthümern"(1828)und von Wersebe in Bezug auf die „Völker und Völkerbündnisse des alten Deutschlands" s1826) und die „Gaue des alten Sachsens und Thüringens" (1829) gethan hat; Andere bahnen ihm vorauseilend den Weg. So schrieb Stenzel mit kritischer Umsicht und in würdiger Darstellung seine „Geschichte Deutschlands unter den fränkischen Kaisern" (1828), Leo seine auch nach tresslichen Vorarbeiten noch willkommene und an neuen Blicken reiche „Geschichte des Mittelalters" (1830); so gab Hüllmann Städtewesen des Mittelalters" (1826 — 29) höchst wichtige und in unsern im Tagen zwiefach dankenswerthe Aufklärungen über die durch Handel und Gewerbfleiß herbeigeführte Erhebung des Bürgerstandes neben dem mittelalterlichen Adel, und der hochverdiente Wilken führte seine durch ernsten, von tiefer Sprachkenntniß unterstützten Forschergeist und leidenschaftlos besonnene Darstellung hervorragende „Geschichte der Kreuzzüge" ein mit deutschem Sinne begonnenes und fortgeführtes Musterwerk, seiner Vollendung entgegen. Durch Fallmerayer's „Geschichte des Kaiserthums Trapezunt" (1827) trat ein interessanter Punkt der mittelalterlichen Geschichte zum ersten Male aus der Dämmerung der Sage hervor, während Johannes Voigt in seiner (noch unvollendeten) „Geschichte Preußens" sich den Reihen unserer tüchtigsten Forscher würdig anschloß. Zugleich erhielten die Geschichte der Westgothen und bald daraufdie der Ommaijaden in Spanien an Joseph Aschbach, die Geschichte Aragons an Schmidt kundige Erläuterer, sowie die des osmanischen Reichs an Joseph von Hammer einen beredten und durch tiefe Kunde orientalischer ^ Deutsche Literatur 663 !'.> ^rsj^. Sprache und Sitte vor Allen dazu befähigten Bearbeiter fand (8 Bde., 1837—33), ^ Treben welchem GrafJohann vonMailäth mit den fünfBänden seinerMagyaren- ' ^ ^ gefchichte (1838 — 31) nicht unerwähnt bleiben darf. — Werke von solchem Um- ^nge nichtIedermanns Sache; sie würden aber nicht gelingen, wenn nicht An- dere durch gründliche Darstellung kleinerer Zeiträume den Weg voraus erhellten und die entgegenstehenden Hindernisse beseitigten. Und wie viele dunkle Partien, Kie i den gesammelten Fleiß der besten Kräfte ersodern, sind noch übrig ! Da tritt denn -n, / 7^. Hiiitz" höchst verdienstlich die historische Monographie ein. Die letzten Jahre haben uns sij^ mit einzelnem Trefflichen auch in dieser Gattung beschenkt. Wir rechnen dahin, außer Kortüm's „Entstehungsgeschichte der freistadtischen Bünde" (1838), vor ^ ! Allem L. Ranke's seit 1834 mit gewissenhafter Kritik auf selbstgebahntem Wege fortgesetzte Forschungen, namentlich seine „Fürsten und Völker von Südeuropa im ^ 18. und 17. Jahrh." (1838), die „Serbische Revolution" (1839) und die „Ver- .schwörung gegen Venedig im Jahre 1618" (1831). Zählen wir dazu noch mehre ^ werthvolle biographische Arbeiten,!wie Varnhagen von Ense's biographifcheDenkma- löse's Herzog Bernhard, Falkenstein's Kosciuszko, Pölitz's Friedrich August, mchchsM. Münch's König Enzius, u. A., und einzelnes in den historischen Archiven und Ta- schenbüchern von Schlosser, H ormayr und von Raumer Zerstreute, so sehen wir schon i aus dieser flüchtigen Übersicht, wie Deutschland auch in dem letzten kurzen Zeiträume, der uns hier beschäftigt, auf dem Felde der Geschichte seinen alten Ruhm zu behaup- ten gewußt hat. Und doch haben wir, auf die eigentliche Nationalliteratur uns be- schränkend, die gelehrten Arbeiten von Heinrich Pertz, Johann Friedrich Böhmer, ^ von Lang und Andern hier unberührt lassen müssen. Auch für die Geschichte der jll sliii Kunst und Literatur, wie der Bildung überhaupt, waren die ehrenwerthesten Kräfte chätig. Wir erinnern zunächst an die, so weit sie bis jetzt vorliegt, durch Unbefan- genheit und Scharfsinn ausgezeichnete „Geschichte der Philosophie" von Ritter (1839 fg.) und das von A. Mendt aufs Neue herausgegebene größere Tenne- mann'sche Werk, an die langsam vorschreitende, aber durch Wahrheitsstnn, Milde des Urtheils und einen echt christlichen Geist den gediegensten Darstellungen der Art sich anreihende „Geschichte der christlichen Religion und Kirche" von Neander (seit 1835), an Gieseler's die gründlichste Quellenforschung beurkundendes „Lehrbuch der Kirchengeschichte" (seit 1838), an Marheinecke's jetzt vollendete „Geschichte der deutschen Reformation" (1831 — 33), an Heinroth's anziehende „Geschichte des Mysticismus" (1830) und an Wachsmuth's jüngst begonnene „Europäische Sittengeschichte". Dankenswerthe Erwerbungen machte ferner die Geschichte der Kunst an dem von A. Wagner verdeutschten und durch v. Quandt's Zusätze zu einem deutschen Eigenthume gewordenen Lanzi, an Stieglitz's „Geschichte der Baukunst" l 1837) — beide vielfach ergänzt durchRumohr's kunstgeschichtliche„Jtalienische Forschungen" (1837 fg.) — und an A. Wendt's neuestem gedankenreichen Werke„Uber die Hauptperioden der schönen Kunst" (1831). Endlich fehlte es auch nicht an will- kommcnen, über den Gang der literarischen und Kunstbildung manche neue An- -ficht und Berichtigung verbreitenden biographischen Mittheilungen, nicht bloß in . eigens für diesen Zweig des historischen Studiums bestimmten Sammlungen, wie die .,/Zeitgenossen", sondern auch in selbständigen Lebensbeschreibungen, wie des jüngern Holbein von Ulrich Hegner, Spener's von Hösbach, Fichte's von dessen Sohne, " Schiller's von Frau v. Wolzogen und I. P. Fr. Richter's in „Wahrheit aus Jean Paul's Leben". — So ist denn, wir dürfen es dreist behaupten, der ernste hi- ^ storische Geist der Deutschen sich in den letzten Jahren treu geblieben. Daraus '""3 es sich denn auch erklären, daß die bis zum Übermaße gesteigerte und vielfach ^ gemisbrauchte Vorliebe der Franzosen für Memoiren bis auf heute wenig Anklang unter uns gefunden hat. Die Erzählungen einiger jungen Abenteurer von sich ' ^'lbst, die nichts als die kecke Anmaßung und Eigenliebigkeit einer verirrten Zu- 634 Deutsche Literatur gend bethatigten, konnten höchstens bei dem großen Leserhaufen auf kurzen Beifall rechnen; von einem Einflüsse derselben auf den Gang der Literatur im Großen ' kann begreiflicherweife nicht die Rede sein. Dagegen gehören zu den erfreulichsten Erscheinungen der letzten Jahre mehre Sammlungen von Briefen ausgezeichneter Manner, die zwiefach wohlthun in unfern Tagen, wo die Freude an Mittheilungen über Selbsterlebtes sich lieber in bezahlten Correspondenzartikeln leichter Zeitblatter als in traulichen Herzensergießungen an Freunde Luft macht. Nicht nur, daß sie viele Auge aus dem äußern und innern Leben bedeutender Menschen aufbewahren, so vertreten sie auch für die Zeitgeschichte die Stelle eben jener unter uns nun einmal weniger geliebten Memoiren, und mögen in der That für glaubwürdigere Zeugen gelten als jene, in denen Eitelkeit und absichtliche Tauschung nur allzu oft die Wahrheit entstellen. Als willkommene Gaben der Art bemerken wir unter Andern Fr. H. Jacobi's von Roth Herausgebenen Briefwechsel, die Briefe von Joh. H. Voß an Miller, Wolf, Gleim und Andere, Solger's nachgelassene Schriften und Briefwechsel, Forster's Briefwechsel und den zwischen Schiller und von Humboldt. Wie das geistige Leben aller dieser Manner in den Gang unserer Literatur entscheidend eingriff, so sind diese Briefsammlungen zugleich auch das lebendigste Gemälde der wissenschaftlichen und Kunstbestrebungen ihrer Zeit, und manches diesen Angehörige ist erst durch sie in sein volles Licht gestellt worden. Vor Allem aber muß der von Göthe mitgetheilte Briefwechsel zwischen ihm und Schiller hervorgehoben werden, der einen längst ersehnten Aufschluß über das gegenseitig fördernde Verhältniß zweier Genien gab, die der Stolz und die Freude Deutschlands sind und bleiben werden. Es gab eine Zeit, wo die Hoffnung auf endliche Vereinigung der Geschichte und Philosophie ziemlich allgemein war; mislungene Versuche führten zum Tatsächlichen, als dem allein Sichern, zurück, und so wandeln beide, Geschichte und Philosophie, wieder, wie seit Jahrhunderten, aus gesonderten Wegen und suchen einander wie zwei verirrte Schwestern. Wird aber je die Zeit kommen, wo die erforschten Gesetze des Geistes, wie Schölling sagt, und die äußern Wahrnehmungen in die gesuchte höhere Einheit zusammenfallen ? Ob die Aufgabe ihrer Lösung durch die neueste Philosophie näher gebracht worden sei, wollen wir unentschieden lassen. Der große Stifter der letztern ist hinaufgegangen zum Lichte, dem sein Auge seit Jahren unausgesetzt zugewendet gewesen war, und kaum möchte einer seiner Schüler den Muth haben, das von ihm begonnene Werk zu Ende zu führen. Wie man auch über die von dieser Philosophie auf dialektischem Wege versuchte Rechtfertigung des Bestehenden oder, was uns hier ebenso nahe liegt, über die Ergebnisse ihrer Lehren für Kunst und Religion denken möge, so bleibt ihr gewiß das große Verdienst, das von frühern Systemen allzu schnöde hintangesetzte Positive und geschichtlich Gegebene wieder zu Ehren gebracht zu haben. Erwarb ihr dies neben den Freunden, die dem Geiste ihres Begründers huldigten, auch eine einflußreiche äußere Stellung, so fehlte es doch auch nicht an Solchen, die, wie sehr sie gegen den dogmatischen Idealismus einer ältern Schule eingenommen sein mochten, sich mit der neuen philosophischen Richtung, die, wie sie behaupten, „dem absoluten Geiste Schranken setzt, das Weiterschreiten der Geschichte abschneidet und das einzelne Lebendige in dem kalten abstracten Begriffe rettungslos untergehen läßt", keineswegs zu befreunden vermochten, und der Geist unserer Tage möchte am wenigsten geneigt sein, sich auf eine vorurtheilsfreie Würdigung und Anerkennung des von Hegel unleugbar Geleisteten einzulassen. Seine Werke, deren Gesammtausgabe von geachteten, dem Verfasser einst näher gestandenen Männern soeben vorbereitet wird, werden der Folgezeit von den Forschungen des tiefsinnigsten Denkers unserer Tage Aeugniß geben, wenn auch die Gegenwart von ihnen wenige Kunde nehmen und die nächste Zeit sich, wie öfter geschehen, vor dem Andränge widerstrei- d,, ^ dkl Deutsche Literatur V35 V?S 'Än dir v..? Lv. '^kiibtidNziMßrdrE 2--.-MdiwWsÄr M^üiKMcheDMjWh Mtch Kts« MÄWII. dir ß diiSÄM«, M^ii W »bdiiWdeM ^»l- zM',«»>'/. tender Systeme hinter das Bollwerk einer behaglichen skeptischen Weltansicht zurückziehen sollte. Die Annahme, daß alle Speculation zu nichts führe und für das Leben keinen Gewinn abwerfe, gewinnt taglich mehr Boden, und den Gegnern Hegel's, einem Herbart, Troxler und Andern würde es, auch wenn ihnen die Lösung ihrer Aufgabe vollständig gelange, kaum besser ergehen, als Dem, den sie bekämpfen. Wenn in dem „Anthroposophismus" des Letztern (siehe „Naturlehre des menschlichen Erkennens", 1828), mehr noch in Franz Baader's Schriften, der philosophirende Geist sich in die dunkeln Tiefen des Myfticismus versenkt, und wenn diese Geistesrichtung, wie die vielbesprochene Geschichte der Seherin von Prevorst beweist, nach wie vor ihre Verehrer und Lobredner gefunden, so darf Solches unter so vielen andern Gegensätzen der Zeit nicht Wunder nehmen, so sehr wir auch in dieser immer wieder von Neuem versuchten Rückkehr zu mystischer Weltansicht ein bedauerliches Zeichen eben dieser Zeit sehen. Als eine um so erfreulichere Thatsache dürfen wir dagegen die überhandnehmende Hinneigung zu psychologischer Forschung betrachten. Hatte man dabei früher, in Folge des Einflusses Kant'scher Principien, der Erfahrung zu wenig, später von Seiten des durch den Gegensatz hervorgerufenen Empirismus zu viel eingeräumt, so scheint es jetzt all- mälig zu einer Vermittelung zwischen empirischer Beobachtung und metaphysischer Speculation zu kommen, zu der bereits früher Herbart in seiner „Psychologie" die Hand geboten hatte. Insbesondere ist hier das Verdienst einiger philosophisch gebildeten Ärzte und denkenden Naturforscher um die vordem mit auffallender Mis- achtung behandelte Seelenheilkunde hervorzuheben, sowie die Bemühungen mit Dank zu erkennen sind, durch welche Männer wie Fr. Groos, G. E. Schulze, Fr. Beneke, Heinroth, C. G. Carus und Andere die Geheimnisse des Seelenlebens im Ganzen und Einzelnen zu enthüllen versuchten Möge die besonnene Betrachtung auf dem eingeschlagenen Wege fortschreiten und sich durch die etwaigen kleinen Siege des Mysticismus und einer trüben Ascetik, die seit Kurzem wieder auch in diesem Felde auf Eroberungen ausgehen, nicht irren lassen! Keine philosophische Disciplin von allen sah sich weniger begünstigt als die Ethik, und so blieb es auch in der Politik bei einem gefahrvollen Hin-und Herschwanken zwischen zwei Extremen, deren Vermittelung Ancillon vergebens unternahm. Als nun aber die Ereignisse der letzten Zeit lauter als je die nicht mehr ganz zurückzuweisende Anfoderung der Völker auf eine von der Wurzel aus vorzunehmende Neugestaltung des Staatslebens aussprachen, da ward das Feld der politischen Literatur zu einem Tummelplatze der verschiedenartigsten Grundsatze und Ansichten, und kaum war es noch möglich, in dem wilden Durcheinanderdrängen der freigelassenen Meinungen den leitenden wissenschaftlichen Faden festzuhalten. Ist ja doch, auch abgesehen von den selbständigen, der Politik angehörigen Werken, die Zahl der ihr zufallenden Zeit- und Flugblätter eine fast unübersehbare, und ihr Vertrieb auf dem literarischen Markte der einzige, der, von einer regern Theilnahme des Publicums gefördert, einigen Gewinn noch abwirft! Kein Wunder, wenn sich unter solchen Umständen alle Kräfte, von den tüchtigsten bis zu den allerschwäch- sten herab, vorzugsweise diesem Kreise schriftstellerischer Thätigkeit zuwendeten; kein Wunder aber auch, wenn sich dann neben den beachtungswerthesten Stimmen Einzelner das seichteste Wissen, der beklagenswürdigste Aberwitz laut machte, und wenn dieselben — wie ja jede Thorheit immer eine größere findet, die sich von ihr gefangen nehmen und leiten läßt — Triumphe feierten, auf welche das edlere Streben verzichten mußte. Die verwickeltsten Aufgaben der Politik, denen seit Jahrhunderten die Erfahrensten und Weisesten unter den gebildeten Völkern ihre Kräfte gewidmet hatten, wurden in dieser Zeit und werden leider wol auch noch nach einigen stehenden, in allen Kreisen der Gesellschaft wiederhallenden, halbbegriffenen oder gänzlich misverstandenen, aber prächtig tönenden Formeln mit einer Keckheit beanft 636 Deutsche Literatur wortet, daß man glauben sollte, es gebe nichts Leichteres, als auf den Trümmern des Alten ein allen Bedürfnissen zusagendes, den Rechten Aller entsprechendes Neue mit einem Schlage hervorzuzaubern. Zwiefach willkommen müssen, solcher Dünkelhaftigkeit gegenüber, die Bemühungen Derer sein, die es sich zum Geschäft machen, die großen Fragen der Zeit an der Hand der Geschichte und der ernstern Forschung mit Unbefangenheit und geistiger Freiheit zu lösen. Wir rechnen hierher außer mehrem dahin Einschlagenden von Friedrich von Raumer, insbesondre sein durch historischen Geist und gründliches Urtheil ausgezeichnetes Buch: „Uber die geschichtliche Entwicklung der Begriffe von Recht, Staat und Politik" (zweite Auflage 1832), die staatswissenschaftlichen, aus besonnenster Kritik hervorgegangenen Werke des fleißigen Pölitz um so mehr, da sein System der Reformen, wie er es wissenschaftlich in den „Staatswissenschaften im Lichte unserer Zeit" (1827), und gemcinfaßlicher dargestellt in seinen „Staatswissenschaftlichen Vorlesungen" (1832) niedergelegt hat, auf die Belebung des constitutionnellen Geistes in Deutschland unleugbar von dem fruchtbarsten Einflüsse gewesen ist. Daneben sollen jedoch auch die Verdienste Anderer, hauptsachlich einiger süddeutschen Gelehrten, wie Aacharia's (dessen „Vierzig Bücher vom Staate" mit dem fünften Bande nun zu Ende geführt worden sind), Rotteck's, Weitzel's (sein neuestes Werk: „Geschichte der Staatswissenschaft", 1832) und Anderer nicht verkannt werden. Auch die große Frage über den öffentlichen Unterricht, vornehmlich den in gelehrten Schulen, eine Frage, die mit den Interessen der Gegenwart auf das Innigste zusammenhängt, ward aufs Neue, hauptsachlich durch Thiersch, angeregt. Noch sind die Acten nicht geschlossen, sondern nur unter dem Andränge machtigerer Interessen auf die Seite gelegt; aber der gesunde Sinn der Derschen läßt hoffen, daß er nicht ferner, wie freilich hie und da schon geschehen ist, das Kind mit dem Bade ausschütte, sondern auch hier die rechte Mitte finden werde. Der Politik gleich that es auch die Kunst; auch sie fragte wenig nach der Philosophie und ihrer Führung, und diese selbst schien eben nicht geneigt, ihr die verschmähten Grundsätze aufzudringen. Die Männer der Schule, denen es Bedürfniß war, Poesie und Philosophie in ihrer Einheit zu erfassen, begnügten sich, die Lehren ihm Meister in bereits vorhandenen poetischen Geisteswerken nachzuweisen, gleichsam als Probe zu dem Exempel der Schule, und es ist bekannt, wie weit namentlich einige Schüler Hegel's darin gingen. Insbesondere waren es die Werke Göthe's, vorzüglich die geheimnißvollste und großartigste seiner Dichtungen, der „Faust", an denen der philosophisch-grübelnde Scharfsinn, oft wunderlich genug, sich übte. Die mystische Schule mochte nicht zurückbleiben, und mit Erstaunen sah man, wie sogar der Versuch gemacht wurde, in dem ebengenannten Gedichte die Lehrsätze einer düstern pietistischen Ansicht mittels allegorischer Ausdeutung aufzuzeigen. Alle diese Versuche indessen, selbst wenn sie gelungener ausgefallen wären, vermochten der Charakterlosigkeit nicht zu steuern, in der sich die ausübende Kunst mehr und mehr zu verlieren schien. Überzeugt, wie wir sind, daß dieser nur von dem schassenden Genius, nicht aus den Lehrbüchern speculativer Ästhetiker ein neues Heil kommen könne, müssen wir uns doch der Versuche freuen, die in neuester Zeit von Mehren, wie von Chr. H. Weiße, Griepenkerl, v. Quandt und Andern gemacht worden sind, auf wissenschaftlichem Wege die Idee der Schönheit zu erörtern oder tiefer zu begründen. Wie sehr es an leitenden Grundsätzen gebricht, beweist unter Anderm sonnenklar der gegenwärtige Austand der deutschen Kritik. Wir wagen es zu behaupten, daß dieselbe seit Bodmer's „Malerdiscursen", denen mindest ein reges Interesse für die Sache und eine Ahnung von Principien nicht abgesprochen werden kann, wenige Ausnahmen abgerechnet, nie trostlos behandelt worden ist als in den letzten 10—15 Jahren. Wir müßten wen über die uns gesteckten Grenzen zurückgehen, um die Anfänge des eingerisienen Deutsche Literatur 637 "" ^lAenskr ?>' -ß, M ^ckWeSWGMi --!i''!"1^<'>»'^ --i!-l°'^ ,>>^' i:' ..iB''" >d!l^ l. ?^chi i'5?! Kl "5 Verderbens nachzuweisen. Kotzebue hat sich schwer versündigt, mehr vielleicht noch Müllner durch ein usurpirtes kritisches Ansehen geschadet. Nachdem dieser die Kritik zu einer Dienerin der gehässigsten Persönlichkeit und einer beschrankten Parteiansicht gemacht und durch mehr als zweideutige Mittel sich ein Publicum gewonnen hatte, glaubte kein Tageblatt ohne einen recensirenden Anhang bestehen zu können, und es bildete sich schnell eine Flugblatterkritik, die, je vorlauter und oberflächlicher sie über die wichtigsten Gegenstände der Kunst, der Wissenschaft und des Lebens aburtheilte, je kecker sie die Gesinnung der Beurtheilten angriff, je frecher sie die heiligsten Verhältnisse, selbst des Fami-' lienlebens, an den Tag brachte, um so sicherer auf den Beifall der Menge rechnen durfte und ebenso entsittlichend wirkte, als vielleicht die allzu fromme und farblose Weise anderer Blätter einen entkräftigenden Einfluß ausübte. Leiderwaraber auch den eigentlich kritischen Instituten keineswegs immer die Bedeutung ihres Berufs gegenwartig, und einigen derselben schien mehr der dem Amte und dem Alter erwiesene Respect als die Anerkennung ihres innern Werths das Leben zu fristen. Wenn der „Hermes" in seinem ernstwissenschaftlichen Streben davon eine löbliche Ausnahme machte, so war er doch in feiner Gründlichkeit auf einen zu kleinen Leserkreis berechnet, als daß er sich, ungeachtet der von dem Unternehmer ihm gebrachten Opfer, lange hätte behaupten können. Es ist mit ihm ein Blatt zu Grabe gegangen, das der deutschen Wissenschaft auch im Auslande Ehre brachte und das durch die unter Deinhardstein's Leitung noch fortdauernden, im Einzelnen trefflichen, aber durch ängstliche Obhut von Oben wol oft beschränkten wiener „Jahrbücher der Literatur" kaum vollständig ersetzt werden möchte. Schon früher war der Wunsch, die Ehre deutscher wissenschaftlicher Kritik durch ein umfassenderes, auf die Dauer berechnetes Unternehmen gerettet zu sehen, in Vielen aufgestiegen, und mit den frohesten Erwartungen ward zu Anfange des Jahres 182? die Nachricht von der Vereinigung einer Anzahl berliner Gelehrten zur Herausgabe der „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik" vernommen. Freilich mußte der Umstand, daß diese Blätter sich sogleich bei ihrem Entstehen vorzugsweise als das Organ einer Schule ankündigten, ihre Wirksamkeit beschränken; indessen trugen sie gewiß, auch abgesehen von den durch sie verbreiteten neuen Ideen, Ansichten und Kenntnissen, dazu bei, daß ältere Blätter, durch sie zum Wetteifer angespornt, mit richtigerer Schätzung ihres hohen Berufs die Ansprüche ihrer Leser gründlicher zu befriedigen Anstalt trafen. Daneben erhielten sich die „Blätter für literarische Unterhaltung", indem sie ihrem ursprünglichen Zwecke, dem gebildeten Deutschen zu einem freien, jeder Ansicht offenen Sprachsaale zu dienen, getreu blieben, in der durch Vollständigkeit innerhalb der freiwillig gewählten Schranken, durch Geist der Behandlung und würdevolle Haltung erworbenen Achtung des Publicums. Das Cotta'sche „Literaturblatt" gewann an W. Menzel, der früher sich in seiner „Deutschen Literatur" (1828) als geistreicher Beurtheiler bewährt, aber auch manchen wohlbegründeten Widerspruch erfahren hatte, einen rüstigen Ordner, der auch da, wo er mit Waffen ficht, die ein strenger Kampfrichter nicht gutheißen würde, sie mindest fast immer mit Geschick, nicht selten siegreich zu führen weiß. Fragen wir nun aber nach dem Erfolge dieser bessern Bestrebungen, so überzeugen wir uns leicht, daß dieselben fast wirkungslos vorübergehen und daß, wenn ja einmal die eine oder die andere kritische Erscheinung eine mehr als augenblickliche Wirkung hervorzubringen scheint, dies in den meisten Fällen nicht in der Wahrheit, Sicherheit und Tiefe des Urtheils, sondern in dem kecken Hervortreten des Autors, in dem höhnisch absprechenden Verwerfen des bisher Gültigen, in dem Pikanten des Ausdrucks und, was das Schlimmste ist, nur allzu oft in den schonungslosesten Angriffen auf die Persönlichkeit Einzelner seinen Grund hat. In der That scheinen in unsern Tagen, wo Jeder sich berufen glaubt, das Richterschwert zu führen, Sinn und Theilnahme 638 Deutsche Literatur im Auslände für wahrhafte, ernste Kritik verloren gegangen. Wie wäre es sonst möglich, das Leistungen, wie Tieck's meisterhaste Vorrede zu Lenz, die zu jeder andern Zeit ein lebhaftes Für und Wider hervorgerufen haben würde, fast ganz unbeachtet und unbesprochen bleiben konnte? Und doch gibt in der genannten Vorrede ein Geist, der selbst auf der Höhe der Kunst steht, vielleicht das Gründlichste, was in neuerer Zeit über Göthe, dessen Hintritt Deutschland betrauert, gesagt worden ist, die Frucht eines langen und liebevollen Studiums des Meisters! — Wir haben Göthe genannt, und so kann diese flüchtige Übersicht wol nicht würdiger schließen, als indem sie in den Klageruf einstimmt, der bei der Kunde von Göthe's Tode von einem Ende des deutschen Vaterlandes zum andern ging. Denn, wie Tausende es erkannten, daß der Gedanke, der größte der neuern Dichter wandle noch, ein Lebender, unter uns, selbst in der Zerrissenheit noch einen Halt- und Mittelpunkt bot, so müssen auch wir nun, da er geschieden, fragen: Wer wird den Dahingeschiedenen ersetzen? in wessen Namen und um wessen Fahnen sollen die Bessern sich sammeln? oder steht unsere Literatur daran, in dieser Zeit des Kampfes und des Umsturzes anarchisch in sich zu zerfallen, um bei der vorherrschenden materiellen Ansicht der Dinge, vielleicht ganz andern Bestrebungen Raum zu geben? oder werden sich aus diesem Zustande, wie aus politischen Revolutionen zuweilen, neue hervorragende Geister erheben, denen die Völker zu dienen willig sein werden? -- Wervermag diese Fragen voraus zu beantworten! Doch vielleicht gilt mehr, als in der Sprache der irdischen Throne, im Reiche der Geister der bekannte Spruch: Der König stirbt nicht! Und dieser Spruch, der, auf die Literatur angewendet und recht verstanden, unstreitig eine große Wahrheit enthalt, soll unser Trost und unsere Hoffnung sein. (51) Deutsche Literatur im Auslande. Die gegenseitige Annäherung der verschiedenen Völkerliteraturen, die sich seit den letzten Jahren als Zeichen der Verheißung eines neuen Weltliteratursystems immer entschiedener angekündigt hat, scheint ebenso aus der Mitte und Tiefe deutscher Kunst und Wissenschaft heraus ihren Ausgangspunkt genommen zu haben, als die politischen Bestrebungen und Aufregungen der Gegenwart aus der überall wiederempfundenen Bewegung Frankreichs sich allgemein in Europa mittheilten, und wenn französische Politik und Revolution dem bekannten Worte nach die Reise um die Welt zu machen bestimmt sind, so ist hinsichtlich der intellektuellen und geistigen Interessen des Geschlechts für die deutsche Literatur die Zeit eines gleichen Ausdehnungs- und Wirkungskreises, einer gleichen europaischen Universalitat gekommen. Es hat zwar, so lange es Nationalliteraturen gibt, immer ein mehr oder weniger lebhafter Li- teraturverkehr zwischen den gebildeten Völkern Europas stattgehabt, und man hat sich Vieles nachübersetzt, in Inhalt oder Form glücklich oder erfolglos angeeignet und auf eine oder die andere Weise Sprache, Idiom, Sitte und Eigenthümlichkeit an einander geübt und geprüft; aber diese Literaturannaherungen waren nur noch mehr individuelle Versuche oder Bestrebungen der Industrie, die einzeln blieben und nicht in die Nationalitat als nachwirkende Stoffe eindringen konnten. Was englische Poesie weder in Frankreich, noch französische in England in der neuesten Zeit gewirkt hat, geschah jedoch durch den Einfluß der deutschen Literatur seit den letzten zehn Jahren vornehmlich in den beiden genannten Landern, indem diese, ihrem innersten Wesen nach geistig und metaphysisch und mit den ergreifendsten Interessen des menschlichen Denkens und Empfindens sich beschäftigend, nothwendig auch die Gewalt des Geistes, dessen Natur es ist, fortzeugend neue Richtungen hervorzurufen, immer bedeutsamer ins Ausland hinübertragen mußte, je mehr sie von Franzosen und Englandern ihrem wahren Umfang und Werthe nach aufgenommen, anerkannt und durchdrungen wurde. Deutsche Literatur hat daher in England und Frankreich nicht nur Epoche gemacht, sondern auch auf dem beim'schen ch d,../ "I VA'K '^b»?,'K'ö "!«z s» ^ «M«, " «!« Deutsche Literatur im Auslande 6^9 5ch^!lsl!N >ch lvte 5 ÄMMAmiW WM KsSx Ä-Ä Grund und Boden dieser Völker selbst in der Art Wurzel geschlagen, daß sie, durch die Erhebung zu einem allgemeinern literarischen und wissenschaftlichen Standpunkt, die bisherige nationelle Abgeschlossenheit dieser Literaturen auch innerhalb ihrer produktiven Entwickelung selbst je mehr und mehr aufzuheben und zu erweitern scheint, und dadurch das Aneinanderrücken, ja vielleicht ein endliches Jnein- anderschmelzen der europäischen Literaturwelt und ihres Geistes vorbereiten hilft. Es ist daher bemerkenswert!), daß der Begriff und Name einer „Weltliteratur" zuerst in Deutschland geahnet und ausgesprochen worden, und zwar von dem größten Dichter der Deutschen, dessen Werke selbst am vielfältigsten das Ausland zu Ubersetzungen und Aneignungen angeregt haben, nämlich von Göthe, in einem seiner Hefte über „Kunst und Alterthum". Was man sich aber auch untep dieser Zukunft einer Weltliteratur vorstellen, und ob man von diesen Ubergängen der Nationalitäten in einander Gewinn oder Verlust für die literarische Eultur und Produktion, Auflösung oder neuen Aufbau des modernen Literaturzustandes überhaupt erwarten möge: für die nächste tägliche Gegenwart, in der wir leben, stellt sich dieses Verhältniß nur als ein heiteres, frisches und in vieler Hinsicht anregendes dar, und es gewährt einen erfreulichen Anblick, diese allgemeine Betriebsamkeit zu sehen, durch welche die gebildetsten Völker ihre Grenzen erweitern, die Räume, welche sie von einander trennen, geistig überwinden und die fremden Idiome ihrer Zungen mit immer größerer Leichtigkeit an einander austauschen. Dieser großartige Literaturverkehr zwischen den Deutschen und dem Auslande hat sich jedoch vorzugsweise mit Engländern und Franzosen entwickelt, die am planmäßigsten und umfassendsten die deutsche Literatur aufzunehmen angefangen haben, während die Italiener, obwol sich neuerdings auch bei ihnen manche schätzbare Bestrebungen gezeigt, doch mehr nur einzelne und zerstreute Aneignungen versucht haben, ohne sie, wie jene, in ihr Fleisch und Blut übergehen zu lassen. Auch nach den nördlichen, besonders den skandinavischen Ländern Europas, ferner nach Spanien, Holland, Rußland, Polen u. a. ist Manches von deutscher Literatur verpflanzt worden, aber ebenfalls nur als Einzelnheit und mehr oder weniger zufallige Acquisition, und wir werden deshalb unsere Literatur im Auslande hauptsachlich bei Engländern und Franzosen, den Völkern, die überhaupt vor den andern genannten am entschiedensten der Weltgeschichte angehören und den innern und äußern Weltverkehr der Zukunft entgegenbilden helfen, zu verfolgen haben. Zwar werden auch in Frankreich und England noch hin und wieder seltsame Meinungen und Vorurtheile über deutsche Literatur und Sprache laut, die theils aus einer noch nicht ganz gewichenen »rationellen Befangenheit gegen den Geist, theils aus Unkunde hinsichtlich der Form und Localität entstehen, und selbst Walter Scott spricht z. B. noch in seinen „Briefen Paul's" von Proklamationen, die theils in deutscher, theils in p reu ß i scher Sprache verfaßt wären, von manchen andern Sonderbarkeiten zu schweigen, welche französische Tagesblätter in dieser Hinsicht ans Licht gefördert haben. Im Ganzen und Großen aber nimmt die Kenntniß und Erkenntnis; immer bedeutender zu, und bei beiden Nationen haben sich seit Jahren Journale gebildet, welche dem eigenthümlichen Zwecke der Verbreitung der fremden Literaturen, unter denen hauptsächlich die deutsche die begünstigte ist, gewidmet sind. Die französischen Institute dieser Art sind hier die weniger ausgezeichneten. Die in Strasburg erscheinende „i^ouvelle revua Foi-manilzne" liefert in monatlichen Heften Auszüge aus deutschen Zeitschriften und Büchern, wodurch sie eine Übersicht aller Erscheinungen der Wissenschaft und Kunst in Deutschland zu geben sucht, aber meist ohne Geist und Kritik in der Auswahl und Anordnung. Auch die Beurtheilungen deutscher Bücher, welche die „lievue unter einer stehenden Rubrik zu liefern pflegt, sind nicht immer aus selbständiger Auffassung hervorgegangen, sondern oft flüchtig nach Recensionen deutscher Blätter über- 640 Deutsche Literatur im Auslande setzt. Dagegen theilte der ehemalige „<3Iobe" in seiner frühern wissenschaftlichen Tendenz bis zum Jahre 1829 treffliche und geistreiche Originalaussätze über deutsche Schriftsteller mit, unter denen viele, besonders über Göthe, Hoffmann u. A, dem um Ausbreitung deutscher Literatur in Frankreich überhaupt verdienten I. I. Ampere als Verfasser angehören. Am reichsten ist aber die englische Journalistik in dieser Beziehung; besonders sind es das „?oreiAu czuurterl^ reviem" (sttzr mit dem „?orei^n review, unck continenwl miscellanv" vereinigt), das „Huar- terl? revievv", das „LäilldurAÜ revierv", das von Professor Wilson herausgegebene „LämburAÜ muFa2ine", Frazer's ,Magazine kor tovvu nnck countr^" und auch wol das „Nortü ^mericun revierv", welche nicht nur die ausführlichsten und gründlichsten Charakteristiken deutscher Schriftsteller mitgetheilt und in diesen Artikeln selbst gelungene Übersetzungen vieler einzelner Stücke geliefert haben, sondern die auch für uns den besten Leitfaden und Gradmesser abgeben, um beurtheilen zu können, wie weit deutsche Literatur in England bisher zu einem geistigen Eigenthum und Gewinn geworden. Viele dieser wahrhast tiefeingehenden Aussatze sind jedoch ohne Zweifel von Deutschen selbst geschrieben, oder wenigstens von Mannern, die lange in Deutschland gelebt und sich mit deutscher Art, Kunst und Gesinnung mannichfach vertraut zu machen Gelegenheit gehabt. Unter ahnlichen Instituten zur Verbreitung unserer Literatur im Auslande nennen wir noch die von den Italienern Ridolfi, Santini und Configliacchi herausgegebene „Liblioteorr germanica", die seit 1822 zu Padua erschien und mehre Übersetzungen geliefert hat. Die Übersetzung und Beurtheilung deutscher Literatur im Auslande ist erst ungefähr seit den letzten zehn Jahren in der Richtung eines bestimmten und sich fortentwickelnden Interesses betrieben und zu einem Gegenstande des intellektuellen Strebens der Völker geworden, während früher nur Einzelnes als Curiosität aus unserer Literatur herausgerissen und auch wol der Sonderbarkeit oder der Neugierde, selten der Bedeutsamkeit halber, übertragen wurde. Bis zur Zeit Les- sing's war deutsche Literatur nicht einmal dem Namen nach im Auslande bekannt. Von der Antipathie, die im vorigen Jahrhundert besonders in Frankreich gegen deutsches Wesen herrschte, machte nur seltsamerweise der Jdyllendichter Geßner schon früh eine glanzende Ausnahme, der, zuerst von Huber ins Französische übertragen und sodann anderweitig mehrmals in Frankreich übersetzt und nachgeahmt, hier mit seiner in der That sehr französischen Sentimentalität ein ungemeines Glück machte, dem er seinen eigentlichen literarischen Ruf auch bei seinen Landsleutm erst verdankte; und diese Theilnahme für ihn scheint noch heutzutage so wenig bei den Franzosen abgenommen zu haben, daß erst kürzlich sein „Tod Abel's" in einer neuen Übersetzung (Paris 1832) erschien. Eine lebendigere Kunde von dem literarischen und wissenschaftlichen Leben Deutschlands kam jedoch den Franzosen, die bis dahin noch in allem Ernst die Frage aufgestellt hatten: „8i un ^llemanc! peut uvoir cz?«.W ^7MMMÄ5wDl^. vi^5MM^ikrNc WilM, WffDö MM MWÄ ^UchlüiD in 'MrW^ '°A-:L ja ^ sjflilh« sskj den Sprachen und selbst die größere Übereinstimmung zwischen deutscher und englischer Gesinnungsweise ohne Zweifel nicht wenig beigetragen. Schon vor 20t) Iahren waren Luther's „Tischgespräche" und selbst Schriften von Jakob Böhme in mehren Übersetzungen in England verbreitet, welche wol für die ältesten englischen Übertragungen aus dem Deutschen gelten können, obwol unter dem vernichtenden Einflüsse des dreißigjährigen Krieges, welcher auch die Fortentwickelung der deutschen Kunst und Wissenschaft selbst auf lange Zeit zerstörte, das literarische Verhältniß zwischen England und Deutschland bald wieder aufhörte, sodaß es Niemanden mehr einfiel, aus deutscher Literatur, die wieder untergegangen zu sein schien, Aneignungen zu machen. Nachdem aber unsere Poesie allmälig ihre Wiedergeburt errungen und zu einem vollen, in alle Nachbarländer hinüberragenden Blütenbaum herangewachsen, hat sich auch die alte literarische Sympathie zwischen England und Deutschland so umfassend wiederhergestellt, daß jetzt nicht nur in London ein eignes Lehramt der deutschen Literatur errichtet worden (in der Person des Professors Mühlenfels, der auch 1830 zu London eine „Introckuction w a course c>5 German iiteruwre" herausgegeben), sondern auch, außer vielen Übersetzungen deutscher Originalwerke, bereits selbst literarhistorische Darstellungen der deutschen Literatur versucht werden. So erschien 1830 in London ein Buch von Taylor in drei Bänden: „Historie surve^ of ^ermun poetr^, intersjiersell witll vclrious trunslations", dessen Verfasser heutzutage einer der eifrigsten Beförderer der deutschen Poesie in England ist, obwol nicht zu leugnen, daß seine Arbeit, um ihrem Zwecke nützlicher zu werden, bei weitem besser hätte ausfallen können. Sein Buch ist nichts als eine ziemlich zufällig aufgegriffene Sammelei von lauter Notizen und Einzelnheiten, und gibt durchaus keine übersichtliche oder irgend geistig zusammenhängende Entwickelung deutscher Literatur. Um der zahllosen Irrthümer zu geschweigen, die in den literarischen Angaben Taylor's enthalten sind, so werden auch Jean Paul und Tieck in seiner historischen Übersicht der deutschen Poesie nicht einmal dem Namen nach aufgeführt, während dagegen fast den zehnten Theil des Werkes eine auffallend weitschweifige Biographie Kotzebue's einnimmt, der auch sonst von dem Verfasser als ein wahrer Gott verehrt wird. Es ist überhaupt merkwürdig, zu sehen, wie es gerade der leichtbeflügelte Kotzebue war, der am vielfältigsten und zum Theil auch am frühesten unter allen deutschen Schriftstellern ins Ausland überging, und mehr als die meisten unserer Classirer in fremde Sprachen, selbst ins Neugriechische und Türkische, übersetzt wurde, wie- wol sich neuerdings, besonders in den englischen Reviews, auch einige sehr scharfe kritische Stimmen gegen ihn erhoben haben. Der beste Theil der genannten Arbeit von Taylor sind aber die vielen darin mitgetheilten Übersetzungen theils einzelner, und freilich nicht immer sehr glücklich ausgewählter Stücke aus deutschen Autoren, theils ganzer Kunstwerke, wie Göthe's „Jphigenia", Lessi'ng's „Nathan der Weise" u. a. Was an ihnen zu loben, ist die Treue und Genauigkeit, mit der sie sich ans Original halten; auch verräth der Übersetzer ohne Zweifel viel Kenntniß der deutschen Sprache. Unter den Übertragungen, die nicht von Taylor selbst herrühren, finden sich auch einzelne von Shelley übersetzte Scenen aus Göthe's „Faust", von welchen wir später sprechen werden, und die der Herausgeber hier aufgenommen, obwol er sich sonst, wie er selbst gesteht, eigentlich nicht viel aus dem „Faust" macht. Das Urtheil des englischen Literarhistorikers erscheint überhaupt sehr dürftig und einseitig; er verräth abgeschmackte Ansichten von Kunst und Philosophie im Allgemeinen und hat seine kritischen Ideen über unsere Literatur aus veralteten deutschen Büchern des vorigen Jahrhunderts, vornehmlich aus Sulzer's „Theorie der schönen Künste" geschöpft, sodaß der neuere Standpunkt der deutschen Literatur durchaus nicht für die Engländer daraus gewonnen werden kann. Zu diesem letztern Zwecke vermag aber ein ausge- Conv.-Lex. der neuesten Aeit und Literatur. I. 41 642 Deutsche Literatur im Auslande zeichnetet Aufsatz im „Lckmbm-Fb revievv", 1827, Nr. 92, vortrefflich zu dienen der, zunächst als eine Beurtheilung von Franz Horns „Poesie und Beredtsamkeü der Deutschen" sich gebend, doch zugleich, wie die meisten Artikel dieser Zeitschrift selbständige Erörterungen über den Gegenstand unternimmt, und unter der allgemeinen Rubrik: „8tate of German literature", die deutsche Literatur im Ver- hältniß ihrer eignen Entwicklung sowol als in dem ihrer Ausbreitung, Anerkennung und Vorurtheile, die sie in England gefunden, betrachtet. Nachdem der Verf. zuerst ein sehr gutes und treffendes Urtheil überHorn's Schriftstellercharakter selbst und die Eigenthümlichkeit seiner Kritik abgegeben, geht er sogleich allgemeinerauf die Vorwürfe über, die den Deutschen und ihrer Literatur am häufigsten in England gemacht zu werden pflegen, und die er vornehmlich unter zwei Hauptpunkten, der Geschmacklosigkeit (back taste) und dem Mysticismus zusammenfaßt. Bei der Rechtfertigung gegen den ersten Vorwurf, die er darauf mit vieler Gründlichkeit und Sachkenntniß unternimmt, und worin sich besonders eine begeisterte Anerkennung Lessing's als des ersten Repräsentanten der Reinheit des deutschen Geschmacks ausspricht, entwirft er zugleich eine Übersicht und Charakteristik der deutschen Literaturgeschichte und ihrer bedeutendsten Gestalten, in einer selbst für den deutschen Leser nicht selten höchst interessanten Weise der Auffassung. Unter einzelnen Werken greift er vorzugsweise den „Wilhelm Meister" und „Faust" heraus, um sie von dem auf ihnen hastenden und von englischen Kritikern früher gegen sie geltend gemachten Vorurtheil des back taste zu befreien, und fügt hinzu, daß zwei Nationen, welche in der Verehrung Shakspeare's als des größten aller Dichter übereingekommen sind, unmöglich in den wesentlichsten Interessen der Poesie überhaupt von einander abweichen können, wenn sie sich nur die Mühe nehmen wollen, sich gegenseitig ganz und recht zu verstehen. Als Grund dieses back taste pflegt man nicht selten die gedrückte Lage der deutschen Autoren anzuführen, von der man in England überhaupt noch immer abenteuerliche Vorstellungen hat, indem in allem Ernste geglaubt wird, daß die Schriftsteller Deutschlands, wegen ihrer gewissermaßen zunftgemäßen Armuth, aller höhern Ausbildung entzogen, durch ein ceremcmia! Ia>v at tbe cmmti-^ von jeder feinern Gesellschaft bei uns ausgeschlossen sind, und deshalb, in niedrigen Häusern und Verhältnissen lebend, aus diesem Grunde auch in a mean st>Ia schreiben und denken. Diese lächerlichen Behauptungen, welche der Verf. des hier in Rede stehenden englischen Journalartikels so bündig widerlegt, daß jeder Deutsche damit zufrieden sein kann, wurdm jedoch erst kürzlich im Märzheste des „Huarter!^ revien" für 1832, bei Beurtheilung einer Schrift des Grafen von Munster (eines Sohnes Wilhelms IV.), mit neuen und wirklich bittern Bemerkungen wieder zur Sprache gebracht, indem der Referent sich mit dem weltmännischen Charakter seiner vaterländischen Literatur brüstet und einen großen Werth darauf^legt, daß in England selbst hochgestellte Personen von öffentlichem Range sich der Feder befleißigen, und so einen Stoff neuer Wörter, Rcdeverbindungen, Bilder und Gedankenwendungen aus dem eigenthümlichen Standpunkt ihrer Lebensverhältnisse heraus erzeugen, was einen sehr wichtigen Einfluß auf die feinere und freiere Formgestaltung der Literatur ausübe, dagegen aber bemerkt: „Bei einem deu tschen Autor werden wir sogleich gewahr, daß er einem Volk angehört, dessen Literatur ausschließlich nur eine Literatur der Gelehrten ist; jede Zeile erinnert bei ihm an die Classe pedantischer Sonderlinge, welche selten das Mundstück ihrer gewichtigen Meerschaumpfeise von den Lippen bringen, außer wenn sie das Katheder besteigen, um gähnende junge Leute mit metaphysischem Qualm heimzusuchen, der ungefähr ebenso erquickend ist als der ihres Tabacks. Kein Übersetzertalent würde eb- Handlungen von Friedrich Schlegel oder Novellen von Ludwig Tieck den ^'rn m London und Paris mundrccht zu machen im Stande sein; ihr Inhalt, so koj a tSI >>» "^Vv>>«..^->, N!?. ...'.^^'?w dttZi ...7^ °'^.^WW ^"s^^As-KW '"'-vvzcchUisdkSjii! ^'iiid-nchGliB si«, »»estzMdii! 'tjllmch. N KM K ick, ^'tiiGWK ' klilmlh, Mls VR jül! M'> ..^diM B»!»>^ ,»!» -- UilA » ^^DlII>! ss, M SSL s''. .-iill ß^!.. .^ «!->'"Ä^ ^iS -B W> Deutsche Literatur im Auslande 643 er auch an sich selbst sein mag, müßte völlig umgegossen werden, um zu der festen, sichern Klarheit der Anordnung, zu der Gedrungenheit der Form und dem Leben und der Elasticität der Bewegung zu gelangen, ohne welche in einem Lande wie England, dessen Literatur ihre Richtung und Färbung vorzugsweise von Welt- und Staatsmannern (men af tke warlck aucl of busiuess) erhalten, nichts eine allgemeine Aufmerksamkeit zu gewinnen vermag." Dieser Spleen des englischen Reviewers steht jedoch selbst unter seinen eignen Landsleuten jetzt zu einzeln und abgesondert da, als daß wir uns durch seine Ansicht, die nur aus individueller Un- kunde hervorgegangen, irre machen lassen könnten; denn daß auch die deutsche Literatur keine Professorenliteratur mehr ist und ihre Emancipation aus dem Schulstaube langst erlebt hat, daß auch wir heutzutage sogar in einer gewissen Salonsliteratur mehr, als uns selbst wünschenswerth sein muß, Fortschritte gemacht haben, kann dem Englander aus den unzahligen Anzeigen und Auszügen, die von den „Briefen eines Verstorbenen" fast in allen englischen Blattern gemacht worden sind, kaum entgangen sein. An diesen Briefen (,,'^our iu Lnxlanci, Irelauck anc! k>ance, in tlle ^ears 1828 anck 1829 etc., t>^ a German jirince", 2 Bde., London 1831) haben die Englander, die ihnen einen so rauschenden Beifall gespendet, nun ohne Zweifel etwas, das ihren Begriffen von Weltmannsliteratur gemäß sein dürste, obwol freilich das „IVestminster review" Miene gemacht, den Deutschen dies Buch abzusprechen, indem es in einem Artikel darüber seltsamerweise behauptete, aber nicht bewies, daß der Verf. der „Briefe eines Verstorbenen" nicht der Fürst Pückler von Muskau, sondern ein junger Jrländer sei, der sie im Auslande geschrieben und ins Deutsche habe übersetzen lassen. Daß man der deutschen Literatur keinen Weltton im Auslande zutrauen möchte, wurzelt aber besonders in dem allverbreiteten Vorurtheil von unseren träumerischen und mystischen Charakter, das dann auch vornehmlich die Engländer noch vielfach gegen uns hegen mögen, und welches der hellblickende Verf. des Aufsatzes: „State af Aeriuan literature" (im „IZllintzui-^ll l -eview"), von dem wir oben ausgingen, als den zweiten Hauptpunkt der von seinen Landsleuten uns widerfahrenden Vorwürfe aufzufassen und zu berichtigen sucht. Er kann wol selbst nicht umhin, eine grundthümliche Hinneigung der Deutschen zum Mysticismus zuzugestehen, und mit Recht; aber er weiß zugleich die vielen gemischten Bestandteile, die man in den Begriff des Mysticismus je nach den verschiedenen Standpunkten zu legen pflegt, von einander zu sichten und ihn in seinem Zusammenhange mit wahrhaft wissenschaftlicher Tiefe richtig zu verstehen. Die Bemerkungen aber, die er von diesem Gesichtspunkt aus über deutsche Philosophie, namentlich über Kant, Fichte und Schelling, daran knüpft, sind an sich ungenügend, obwol gut gemeint, und beweisen auch hier wieder an dem Beispiel eines sonst höchst geistreichen Mannes, wie ungeeignet die praktischen Engländer, die gegenwärtig gar keine nationale Philosophie haben, noch immer für alle Auffassung metaphysischer Spekulation sind. Einer der thätigsten Übersetzer und Verbreiter der deutschen Literatur in England ist gegenwartig Thomas Carlyle, der theils durch seine, freilich sehr dürftig ausgefallene Biographie Schillcr's („3"ke Iiis «s Sclliller, an examination af Iiis vvarlcs", London 1825; ins Deutfche übersetzt mit einer Einleitung von Göthe, Frankfurt a. M. 1830), theils durch sein Verhältniß zu Göthe, mit dem er über die gegenseitige Annäherung ihrer beiderseitigen Nationalliteraturen einen lebhaften Briefwechsel unterhalten, seit einigen Jahren auch bei uns bekannter geworden und in dem die Idee einer planmäßigen Aneignung der deutschen Literatur am meisten zum Bewußtsein gekommen zu sein scheint. Früher in Edinburg lebend, zog er sich darauf in die ländliche Einsamkeit einer schottischen Gebirgsgegend zurück, um sich lediglich durch Studien der deutschen Literatur auszubilden. Außer den vielen und oft sehr eindringlichen 4l* 644 Deutsche Literatur im Auslande Beurtheilungen deutscher Bücher und Schriftsteller, namentlich Jean Paul's des Briefwechsels zwischen Schiller und Göthe u. a., die er in den englischen Reviews gegeben, übersetzte er schon 1824 Göthe's „Wilhelm Meister" ins Englische („^illlelm Neister's apprenticeslüp", 3 Bde., Edinburg), die, an sich wohlgelungen, dennoch eine merkwürdige Polemik gegen unser deutsches Meisterwerk selbst bei der englischen Kritik hervorrief. Die Beurtheilung der Ubersetzung und des Originals im „Lckmbui-gk revien" (1825, Nr. 84) ist gewissermaßen unterrichtend, insofern sie die herrschenden Anfoderungen der Englander an den deutschen Roman und an den Roman überhaupt kennen lehrt. Der scharfzüngige edin- burger Kritikus findet z. B. durchaus keinen festen Grund und Boden, keine reelle Gestaltung in dem Göthe'schen Roman; Alles scheint ihm in der Luft zu schweben und der eigentlichen Wirklichkeit der Erscheinung zu entbehren, die freilich den derben und groben Körperzügen, mit denen Walter Scott malt, an Materialität nachstehen muß, eben weil sie poetischer ist. Nach der Ubersetzung des „Wilhelm Meister" ließ Carlyle 182? seine „(Wrinan romances" (4 Bde., Edinburg) folgen, worin er Erzählungen von Göthe, Tieck, Jean Paul, Fouque, Musäus und Hoffmann gab, und zugleich über jeden der genannten Schriftsteller angemessene biographische und kritische Notizen mittheilte. In seinem bereits genannten Leben Schiller's hat er besonders größere Stücke aus „Wilhelm Tel!" und der „Jungfrau von Orleans" ins Englische übersetzt. Auch stand er nebst seinem Bruder an der Spitze der 19 Göthe-Freunde in England, welche dem Dichter zur Feier seines letzten Geburtstages (1831) ein goldenes, mit sinnreichen Emblemen geziertes Petschaft nebst einer englischen Glück- wünschungsadresse (mitgetheilt in Müller's Schrift: „Göthe's letzte literarische Thätigkeit", S. 43 fg.) übersandten, die unter Andern von W. Fräser, Magine, Heraud, G. Moir (Verfasser einer englischen Übersetzung von Schiller's „Wallenstein"), Churchill (der eine treffliche Übertragung von „Wallenstein's Lager" in Fraser's „lVIagnaine" lieferte), Lord Levison Gower (von dessen Übersetzungen wir später sprechen werden), Walter Scott u. A. unterzeichnet war, und auf welche Göthe in zwei dankenden Versen erwiderte. Auch setzte Carlyle dem Dichter noch in neuester Zeit ein Denkmal seiner Verehrung, indem er dem Bildnisse Göthe's, das dem Marzheft 1832 von Fraser's „Nazzai-iim", nach dem kleinen Standbild? von Rauch, beigegeben wurde, einige begeisterte Worte zugesellte. Um nun Göthe's literarisches Verhältniß zum Ausland an dieser Stelle sogleich umfassender anzudeuten, lassen wir noch einige Bemerkungen über Beurtheilung, Anerkennung und Übertragungen, die unserm Dichter von verschiedenen Individualitäten und Nationalitäten widerfahren, folgen. Hier zeigt es sich, daß Göthe am frühesten in Frankreich richtig gewürdigt und aufgefaßt wurde, wo schon 1309 der geistreiche Benjamin Constant in den seiner Übersetzung des Schiller'schen „Wallcnstein" hinzugefügten „I1etlexion8 8ur le tbeatre alle- manck" (S. 1?) ein treffliches Urtheil über „Götz von Berlichingen" abgab, und bald darauf Frau von Stael in ihrem Buch über Deutschland ihren Landsleuten den lebhaftesten Enthusiasmus für Göthe an den Tag legte, während dagegen in England früher sehr schlechte und verstümmelnde Übersetzungen von „Werther", „Hermann und Dorothea" und einigen Dramen des Meisters seinem Rufe beträchtlichen Schaden thaten. „Werther" wurde schon früh fast in alle lebende Sprachen übersetzt, am häufigsten aber ins Französische, und sogar Napoleon liebte ihn bekanntlich so sehr, daß er ihn in den Büchervorrath mit ausnahm, welcher ihn auf der Expedition nach Ägypten begleiten mußte. Weniger sprachen, nach dem Urtheile der Frau von Stael selbst (a. a. O.), die „Wahlverwandtschaften" in Frankreich an, die unter dem Titel: astimtes cke ctwix , ebenfalls gleich nach ihrem Erscheinen überfetzt wurden und damals ohne Beach- »M, ^--.^ ZiSÄk M'k A>. überjtzl n-ß kiHil MAE ",','st,' „WhiS ltztelkiß .'ÄANWKGWx. -^ch^«5Ms'^Mk ^ W,MM tiP ' StMsmjWÄM'« Eli? i'itzii W dm DM -^ZckM «wNH Deutsche Literatur im Auslande 645 , iMrb» ' IeB^ '!',»Nl''-'5 -°Ä>O -- üd!>^ ..!»«^s tung vorübergingen. „Wilhelm Meister" fand erst kürzlich seinen gewachst- nen Übersetzer in Frankreich. Göthe's dramatische Schriften wurden zuerst 1821 ins Französische übertragen; darauf folgten gelungene Übersetzungen seiner lyrischen Gedichte, unter Andern von Melanie Waldor und Emile Deschamps, von denen dem Erstem besonders der „Fischer" und der „König von Thüle", dem Letztern die „Braut von Korinth" meisterhaft gelangen. Auch Göthe's Selbstbiographie und viele andere seiner Schriften haben Übersetzer, Bearbeiter und Leser in Frankreich gefunden. Am beziehungsreichsten und vertrautesten gestaltete sich aber sein Verhältniß zu den französischen Naturforschern Cuvier, Geossroy de St.-Hilaire und Edwards, mit denen er vielfach durch Briefe und Zusendungen über seine naturwissenschaftlichen Studien, vornehmlich über die Metamorphosen- lehre der Pflanzen, verkehrte, welche letztere er noch im Sommer 1831 in der neuen, mit einer französischen Übersetzung von Soret versehenen Bearbeitung an Geossroy de St.-Hilaire und durch diesen an die pariser Akademie übersandte, die ihm durch ihren Secretair Cuvier dankte. — Zu den namhaftem englischen Übersetzungen Göthe'scher Werke aus früherer Zeit gehört die bekannte (in Blackwood's „LdilldurAk maga-ime" unlängst wieder abgedruckte) Übersetzung des „Götz von B-wlichingen" von Walter Scott, der überhaupt seine literarische Laufbahn mir Nachbildungen deutscher Dichterwerke begann und schon 1797 unter dem Titel: „William und Heller", die Bürger'sche „Lenore" wiedergab. Die größte Aufmerksamkeit erregte jedoch Göthe's „Faust" in England, der zuerst von dem thatigen Philogermanen, Lord Francis Levison Gower, ins Englische übersetzt wurde (zweite Aufl. London 1825, 2 Bde.). Der Übersetzer, bei vielen einzelnen Misgriffen nicht ohne Gewandtheit, ermangelt aber, wenigstens zu einer Übersetzung des „Faust", zu sehr der eignen poetischen Begeisterung und Fülle, und seine Arbeit ist daher etwas nüchtern ausgefallen. Auch hat er viele wichtige Stetten der Tragödie, unter andern eine sehr wesentliche im Prolog im Himmel, in seiner Übersetzung ganz ausgelassen und dadurch das Original nicht wenig entstellt. Bedeutender istShelley's Übersetzung mehrer Fragmente aus dem „Faust", besonders des Prologs im Himmel und der Blocksbergsscenen, welche sich in seinen „?ostüu- inous poems" (London 1824) mitgetheilt findet. Shelley (s.d.) verstand zwar nur unvollkommen Deutsch, ersetzte diesen Mangel aber durch einen sehr feinen und geistreichen Takt, der ihm viele Schwierigkeiten glücklich besiegen half. Er hatte diese Übersetzung indeß nicht für den Druck bestimmt, und sie wurde durch ungeschickte Hände, in die sein Nachlaß gerieth, ziemlich fehlerhaft abgedruckt. Von einzelnen englischen Übersetzungen Göthe's ist außerdem noch die Übertragung vieler lyrischen Gedichte von dem Jrländer Anster, dessen Nachbildung der „Braut von Korinth" besonders gerühmt wird, sowie die des „Tasso" von Des Voeux (Edinburg 1827) zu nennen. Auch Göthe's Leben erschien englisch. Eine treffliche Gesammtbeurtheilung Göthe's gab aber das „l^ortü American review" schon 1824, in der besonders die vielen eingestreuten Übersetzungen der schönsten lyrischen Poesien unsers Dichters wahrhaft ausgezeichnet und geschmackvoll sind und ihrer sinnreichen Aneignung wegen auch von jedem des Englischen kundigen Deutschen mit Vergnügen gelesen werden dürften. Auch stellt der Verf. dieses Aufsatzes einige interessante Bemerkungen darüber an, warum Göthe'sche Poesie in Amerika keinen innigem Anklang finden könne, indem er meint, daß der Dichter immer nur solche Gemüths- und Gefühlszustände male, in die nur der Leser einzugehen im Stande wäre, welcher selbst unter gleichen Verhältnissen der Civilisation und Gefühlsverfeinerung lebe, die aber dem Bewußtsein des praktischen Amerikaners noch gänzlich fremd geblieben seien. — Ins Italienische wurde bisher nur wenig von Göthe übersetzt. Außer einer frühern Übertragung des „Tasso" von Sorelli (Floren; 1820) erschien kürzlich von der sehr 5.' »« Deutsche Literatur im Auslände ü. ^ fleißigen und verdienstlichen Freundin und Verpflanzen« deutscher Poesie, Eduige de Scolari (s. d.) in Verona, die „Ikterus in luuriäe" (Verona 1833), die Treue und genaues Studium des Originals mit Feinheit und Geschmack des Ausdrucks vereinigt. Ihr schließt sich als Anhang die schon früher auf einem Flugblatte gedruckte cke! krav'uomo, llallata cki Limmer" an, welche, obwol im Ganzen etwas zu breit ausgefallen, doch in manchem Einzelnen nicht minder verdienstlich ist. Eine neue Poesie wird sich auch in Italien an der deutschen anzuzünden beginnen, und daß die italienischen Dichter in dieser Hinsicht auf dem richtigen Wege sind, beweist ihr vorzugsweises 'Anschließen an die deutsche Romantik, der sie sich gegenwartig immer lebhafter zuwenden. — Nach Spanien ist, so viel uns bekannt geworden, nur der „Faust" durch eine Übersetzung übergegangen, die, seltsam genug, in Amerika durch einen Creolen aus Havanna angefertigt wurde. Der „Faust" wurde auch ins Schwedische übertragen, sowie die „Iphigenie:" ins Neugriechische, letztere durch Johannes Papadopulos. Wir übergehen die namentliche Anführung von Übersetzungen Göthe'scher Werke in andere Sprachen. Göthe's Wort und Name ist fast zu allen Völkern gedrungen, und selbst die Chinesen sollen Scenen aus „Werther's Leiden" auf ihren Glasgemalden darstellen. Auch der Tod unsers Meisters hallte im Auslande bedeutsam wieder, und die Fremden stellten tiefsinnige Betrachtungen über das Dahinscheiden eines Mannes an, dem nicht nur die Seinigen aus seinem Volke, sondern auch die durch Nationalitat und Sprache von ihm Getrennten einen unschätzbaren Theil ihrer Bildung verdanken. Wir nennen hier nur den Aufsatz von St.-Marc Girardin über Gothe's Tod im „lourna! ckes ckebats". Neben Göthe nennen wir hier, wie billig, sogleich auch Schiller in seinem literarischen Verhältniß zum Auslande. Auch ihm sind von vielen Seiten her Übersetzungen zu Theil geworden, am tiefsten haben jedoch seine Schriften ohne Zweifel in die französische Literatur eingegriffen, und es laßt sich nicht verkennen, daß die neueste romantische Schule der Franzosen ihren Anhalt und Ausgangspunkt, ja ihre eigentlichste geistige Nahrung aus ihrem enthusiastischen Studium der Schiller'schen Dramatik entnommen. Schon lange vor dieser Periode widerfuhr seinem „Wallenstein" eine in manchem Betracht geistreiche Bearbeitung, in Frankreich durch Benjamin Constant de Rebecque, unter dem Titel: „Wall-Nein, trageckie en eilig nctes et en vers, prececkee cke guelgues rellexinns sui le tlleatre allemanck, et suivie cke uotes llistorigues" (Paris 18B9). Der Übersetzer nahm sich jedoch zu viel Freiheiten mit dem Original, das er wol zu sehr nach fran- zösisch-classischer Theaterregel ansah, obwol man den Änderungen, die er damit vorgenommen, durchaus nicht nachsagen kann, daß sie des deutschen Dichters Geist und Charakter als solchen gefährdet hatten. Dies muß aber von der neuesten, völlig verunglückten Bearbeitung des „Wallenstein" von P. Ch. Liadieres (Paris 1829) gelten, in der von Schiller selbst keine Spur wahrzunehmen ist. Der Übersetzer ging nämlich von der Meinung aus, daß die „Nacktheit des Hauptcharakters" einer eigentlichen „dramatischen Färbung" entbehre, und entschloß sich deshalb aus christlicher Barmherzigkeit, sich der Blöße Wallenstein's anzunehmen und ihn „mit einem wenig mehr ritterlicher Physiognomie" zu bekleiden, wie er sich selbst darüber offen ausspricht. Er machte den Schiller'schen Wallenstein daher nicht nur zu einem re- nommirenden französischen Theaterhelden, sondern zog auch die ganze Tragödie einfach in fünf Akte zusammen, aus dem Grunde, weil sie als Trilogie, sowie sie da sei, nur dem deutschen Phlegma erträglich scheinen dürfe. Mit diesem abgeschmackten Verfahren des Franzosen kann nur das treffliche Urtheil aussöhnen, das andere geistreiche Männer in Frankreich über den „Wallenstein" haben laut werden lassen, besonders auch Benjamin Constant selbst in seinen „Nelariges cke litteratme et «.?> ^d,!. ;KK r ^ 7".»^ >l!ll «ssK: »Ss KKHOU/M «iwWM^chO !^MmhßßschinSÄ» ,.«M Ü»«W S-L 5O:: -M «»«''..MI.»! - . W'' .^7 > hil" gibt. Ins Englische wurde der „Wallenstein" von Eoleridge übersetzt, der aber nur die beiden Haupttheile der Trilogie übertrug und „Walünstein's Lager" ausließ. Diesen Mangel ersetzte und ergänzte jedoch Levison Gower (London 1830). Bei den Italienern fanden Schiller's Theaterstücke ebenfalls mehre Bearbeiter. Schont 819 erschien zu Mailand Schiller's,,'peutrr» sceitr>"vonPompeo Ferrario in sechs Banden; Massei übersetzte 1827 die „Braut von Messina" und neuerdings auch „Maria Stuart", hinsichtlich der letztern er an Eduige de Scolari fast gleichzeitig eine Mitbewerberin um den Übersetzungslorber erhielt, der ihr auch von der Kritik, welche ihre Arbeit als die gelungenere anerkannte, zugesprochen wurde. Von Schiller's lyrischen Gedichten erschien erst kürzlich in italienischer Übersetzung eine Auswahl in dem Buche: di Poesie uleinnune rennte in versi itulinni ein Antonio Lelluti" (Mailand 1832). Der Verf. gibt darin auch eine gelungene Übersetzung einiger Gedichte von Theodor Körner und anderer neuern Dichter, und versieht jeden Abschnitt mit zweckmäßigen kritischen und biographischen Notizen. Von Schiller's prosaischen Schriften wurde seine „Geschichte des dreißigjährigen Krieges" durch Antonio Benci (Florenz 1822, 2 Bde.) ins Italienische übertragen. Holland, Dänemark, Schweden, haben sich gleichfalls von ihm, wie von Göthe, Mehres angeeignet. Jean Paul ist im Auslande bisher mehr angestaunt als begriffen worden, wenigstens hat man sich noch kaum daran gewagt, ein ganzes Werk von ihm vollständig zu übersetzen. Vielmehr scheint er auch im Auslande ganz besonders das Schicksal zu haben, das ihm bei seinen deutschen Lesern nur zu oft widerfahren ist, daß er nämlich nur stellenweise genossen und an einzelnen seiner Gedanken ergrissen wird. So erschienen 1829 in Paris die „Pensees de lesn ?uul, extraits de tnns ses nuvrnFks". Zu seiner Beurtheilung aber lieferte das„?nreiFn revi08itwn", worin er besonders auf Erörterungen über Hossmann's Leben und Werke einging, auch nach Frankreich zuerst mit größerer Allgemeinheit verbreitete, wahrend hier früher noch der Übersetzer der „Elixire des Teufels" es für besser gehalten hatte, diesem Buche nicht den Namen seines wirklichen Verfassers, sondern den Spindler's, von dem damals eben mit großem Beifall Einiges übertragen worden war, vorzustellen. Nachdem aber einmal Walter Scott auf jene Weise die Bahn zur Anerkennung Hossmann's gebrochen, erschienen bald darauf auch von Loeve-Veimars, dem Übersetzer van der Velde's, Hossmann's „(üontes iuntusti ^ der Wissenschaft versucht, und das nach Hegel'schen Principien gearbeitete „Erb- recht" von Gans, das in Frankreich viele Anhangergefunden, hat daselbst eine rechtsphilosophische Schule zu entwickeln angefangen, der die ausgezeichnetsten Manner angehören. Unter den selbständigem Bearbeitern dieser Richtung ist be- sonders Lerminier zu nennen, der in seiner kürzlich herausgekommenen KMKMelc Sophie (Iii 3-oit" (Paris 1832) einen eigenthümlichen Weg einzuschlagen ver- sucht hat. Die französische Übersetzung von Kant's Werken, welche Cousin 'e'l.i, früher angekündigt, ist, so viel wir wissen, bis jetzt noch nicht herausgekommen i.Ue? Fcch dis Dn lG und scheint durch das überwiegende Interesse Cousin's an der Hegel'schen Philoso- 'Äl W M p^e wieder verdrängt worden zu sein. Außer der letztgenannten haben neuerdings ?,ÄW üMidjM auch die philosophischen Schriften von K. Chr. F. Krause eine besondere Auf- merksamkeit zu erregen angefangen, welche, seltsam genug, eine tiefe Überein- stimmung der Krause'lchen Philosopheme mit der St.-Simonistischen Doctrin hat entdecken wollen, wie neulich in der St.-Simonistischen „Revue ene)-c!ope' zu geben. Eine genaue EntWickelung der Baader'schen Philosophie erschien - ^ vor Kurzem in der „Revue europeenne". Die Engländer haben, außer einer Übersetzung einiger Kant'schen Schriften von Wirgman und der neulich erschie- nenen Übersetzung der kleinern Tennemann'schen Geschichte der Philosophie von . .. Arthur Johnson (Oxford 1832), sonst fast gar keine Aneignungen aus der deut- schen Literatur in diesem Felde versucht. Bedeutendere Aufmerksamkeit wandten sie ^l)er l>en geschichtlichen, kritischen und antiquarischen Forschungen deutscher Gelehrten zu, unter denen namentlich Niebuhr's „Römische Geschichte" eine große und vielfache Theilnahme erregte. Die zu Cambridge erschienene englische Übersetzung derselben von Hare und Thirlwall (Bd. 1,1828, Bd. 2, 1832), ist jedoch nach der ersten Ausgabe des berühmten Geschichtswerks gemacht. Die Urtheile, welche sich in England über Niebuhr's Ansichten und Hypothesen äußerten, haben sich bei aller Verehrung, die sie der unermeßlichen Gelehrsamkeit des Deutschen widerfahren , lassen, und worin sie ihm selbst den Vorrang vor allen englischen Forschern in die- ' sem Gebiete zugestehen, doch größtentheils sehr unbefangen gezeigt, indem sie die l . " ' üirpre" selbst, bei Gelegenheit einer Beurtheilung von Daumer's „Andeutung eines Systems speculativer Philosophie", mit vieler Bestimmtheit behauptet wurde. Das genannte Journal verhußt eine vollständige Analyse der Krause'schen Philosophie 650 Deutsche Musik- und Liederfeste Licht- und Schattenseite der Niebuhr'schen Kritik mit Scharfe und Gerechtigkeit prüfen. Die zweite, in vielem Wesentlichen zu berücksichtigende Ausgabe des Niebuhr'schen Werks fand im „?oreiAn Charakter „stehender Wasser" angenommen und sind zum Theil darauf und daran, durch „wohlthätige Pensionsanstalten" zu „theatralischen Jnvalidenhäusern" zu werden. Nur „das Natürlichkeitsprincip", was damals herrschte, möchte zeither einen Stoß erhalten haben, wenn unser Vorgänger damit den „dunkeln Nachahmungstrieb" verstanden hat. Einestheils gibt man sich jetzt nicht mehr die Mühe, das Leben zu copiren, wie es erscheint. Der Schauspieler, aufgenommen in die Gesellschaft, ist zu vornehm, Denen, die nicht zur Gesellschaft gehören, abzulauschen, wie sie sich räuspern und spucken, und die Manieren der höhern und höchsten Stände zu imitiren, ist er zu bequem. Er hält es für überflüssig ckspeuu-bsü zu kommen und für genial in Stiefeln zu spielen; daher ist gerade das Conversa- tionsftück (mit Ausnahme des wiener Burgtheaters und zum Theil der Hamburger Bühne) gesunken. Andererseits haben Raupach's Trauerspiele einen neuen Kothurn auf die deutschen Breter gebracht; er ist auf dem bequemsten Leisten zurecht geschlagen. Seine tönenden Verse sprechen sich von selbst, und indeß der Schauspieler glaubt, auf den Flügeln der Poesie in die Tiefe der Empfindung und in Wolkenräume der Phantasie zu fliegen, hat er eben nicht mehr als einen gutgemessenen Jambus declamirt. Dieser neue Declamationston hat dem angedeuteten Natürlichkeitsprincip ebenso Abbruch gethan als der rohe Empirismus unserer Anfänger, die weder vom Leben noch in der Schule studiren mögen, nur bei sich, höchstens bei einem bewunderten und beklatschten Meister, und ihn sklavisch copirend, glauben sie ein Recht zu erwerben, auch so beklatscht zu werden. Vielversprechende Ansanger gingen so unter. Auch das Gastspielen bringt nicht mehr frisches Blut in die stagnirende Bühnenwelt, denn theils ist dieses Herkommen ausgeartet, indem nicht mehr Meister allein, sondern wer auf der Bühne nur stehen, gehen und sprechen Deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen 653 kann, herumgastirt, theils fehlt es an Rollen, in denen der Schauspieler seine Kunst zeigen kann. Die deutschen Theater haben sich isolirt, ohne daß eins darum in sich etwas organisch Vollendetes wurde. Was in Wien Eclat macht, misfallt in Berlin, gefallt in Hamburg, wird in Leipzig ausgepocht und umgekehrt. Sowie ">m, ^ an einem allgemein gültigen Princip fehlt, fehlt es den Gastireni-en an allge- ^ mein spielbaren Charakterrollen, wenn sie nicht immer wieder auf die aus altern Dramen zurückkehren wollen, wie z. B. Eßlair. Seit Raupach's „Isidor und Olga" ist kein bedeutenderes Drama auf allen deutschen Bühnen durchgedrungen. Seine historischen Stücke bleiben fast allein auf Berlin, Grillparzer's neuere Tra- 5 gödien auf Wien, Uichtritz' auf Dresden beschrankt; so fehlt der deutschen Schauspielkunst ein freies Wirken, und so weit sie Kunst ist, sieht sie sich immer genöthigt auf das Alte, elastisch oder nicht elastisch, zurückzugehen. Wo sie nicht Kunst ist, kann sie freilich mit Schubkastenstücken, den Angely'schen und Birch-Pfeiffer'schen Volks- und Spektakelstücken von Petersburg bis Trier und von Kiel bis Bötzen ziehen. Das Dictum: als der Deutsche noch schlechte Originalstücke hatte, sei seine Schauspielkunst auf dem Culminationspunkte gewesen, und darauf gesunken, als er elastische dramatische Dichter erhielt, laßt sich doch nicht als Regel weiter verfolgen. Denn jetzt ist der Verfall zwischen der dramatischen Dichtung und der Schauspielkunst wechselseitig, und Dichter und Mimen gingen Schritt für Schritt und Hand in Hand bergab. Wer mehr, wer zuerst Schuld, ob sie nickt vielmehr beim Publicum, bei den Höfen, in der veränderten Zeit zu suchen, sind für diesen Ort zu weitläufige Untersuchungen. Die vielen Hemmungen von Seiten einer immer ängstlicher gewordenen Hofcensur, die das alte deutsche Theater nicht kannte, die überwiegende Neigung für die Oper, die Verschwendung für Ballette, die frivole Einwirkung von oben haben gewiß geschadet; andererseits ist aber auch nicht zu übersehen, wie das Publicum ein so ganz anderes jetzt ist als zu den Zeiten der Eckhof, Schröder, Iffland. Damals sah und richtete ein bestimmter kleiner Kreis Gebildeter, an wenigen Abenden der Woche ziemlich regelmäßig versammelt, die Künstler; heute will ein, jeder Abend anderer, Kreis reicher Müsfiggänger, Roues und Gelangweilter, Unterhaltung, Überraschung und alles Andere eher als die Kunst. Der gebildete Mittelstand, der Kern der Theatergänger von sonst, hat sich, nicht allein, mit Ausnahme Wiens, in den Residenzen, sondern auch schon in den Pro- vinzialstädten fast ganz vom Theater zurückgezogen (er findet in der kunstreicher gepflegten Oper Entschädigung), und die reich gewordenen aus dem gewerbtreiben- den Bürgerstande, die jetzt die Theater stützen, verlangen zur Zeit noch nicht mehr als Vergnügen und Befriedigung der Neugier. Was dem Schauspieler heute beklatscht wird, läßt morgen kalt; noch mehr zu seiner Entmuthigung trägt die De- gradirung des Parterre bei, ehemals der Sammelplatz der gebildeten Kunstfreunde, jetzt meist ein entlegener, beschränkter Ort mit Beisitzern und Ständen, zu denen man nicht leise reden darf, wenn sie es verstehen sollen. Wer nach äußerm Beifall hascht, schreit zu ihnen über die Sperrsitze hinweg, deren Inhabern das Decorum zu klatschen verbieten will. Die deutsche Schauspielkunst, irre an sich selbst, weil ihr ein Princip, Vorbilder, Richter, Gönner, fehlen, schwankt zwischen Übermuts) und Entmuthigung. Denn stiefbrüderlich zwischen den Geschwistern Ballet und Oper ernährt, daß sie nicht sterbe, unbeaufsi'chtet, daher verzogen und ungezogen, schwelgt sie doch noch zuweilen, trunken vom Jubel des Pöbels, und es war eine Zeit — 15 Jahre des Friedens — wo sie, um ihrer hübschen Geschwister willen, auch von Fürsten und Höfen gehätschelt wurde, und das Zuckerbrot gefiel ihr besser als das saure Ringen um die Kunst. Diese Schlaraffenzeit ist mit den drei Juliustagen zu Grabe getragen. Fürsten und Völker haben an ernstere Dinge zu denken, schon haben mehre deutsche Theater dem Drange der Noch weichen müssen, und es steht zu erwarten, ob der Umschwung der Zeit das deutsche Theater vollends verderben oder aus seiner Erschlaffung aufwecken wird. > ,II >D 654 Deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen Seit dem Druck des vorigen Artikels sind mehre glänzende Namen verloschen, wenig neue dagegen aufgetaucht. Da vielfache Reklamationen gegen die Namenliste daselbst laut geworden, ist es nicht unsere Absicht, dieselbe hier fortzusetzen. Es ist nicht mehr die Zeit der Individualitäten, die Einzelkraft verschwindet unter dem Ganzen. Bei den einzelnen Bühnen wollen wir dagegen die seit den letzten zehn Jahren neuaufgetauchten oder namhaft gewordenen Mimen nennen oder beispielsweise kurz charakterisiren, nur insofern eine Controle gestattend, als wir nichts Ausgezeichnetes übergangen zu haben hoffen. Die Wenigen, welche damals „den innern Drang fühlten, die von der Poesie geschaffenen Charaktere äußerlich zu vergegenwärtigen und die ihnen von der Natur verliehenen Mittel mit poetischem Geiste ausbildeten", sind fast Alle dahin. Wolff starb und ruht in Weimar, wo seine junge Kunst sich wiegte; seine Gattin zieht sich mehr und mehr von der Bühne zurück; Devrient, an genialer Schöpfungskraft noch von keinem Künstler überboten, kämpft mit körperlicher Schwäche; Eßlair zahlt dem Alter seinen Tribut, ist jedoch noch rüstig; die Schröder will die Foderungen des Alters noch nicht anerkennen, verlor aber an Kunst und Gunst durch ein zu jugendliches Umherschweifen (jetzt in München). Die Poesie mit der Kunst vermählt wählte vorzugsweise Damen zu ihrer Verkörperung. Drei Sterne glänzten in den zehn Jahren, von denen der eine schon erloschen (Sophie Müller, in der Neuen Folge des Conv.-Lex. noch nicht einmal mit Namen erwähnt), der andere nahe der Mittage- Höhe seines Glanzes (Madame Crelinger), und der dritte im schönsten Aufgehen ist (Demoiselle Gley). Uber diese drei Notabilitäten des deutschen Theaters siehe die besondern Artikel.— JnHamburg, wiewol unter einsichtsvoller Direktion von Künstlern wie Schmidt und Lebrun, scheint das deutsche Schauspiel, das Hiersein zweites Bollwerk so lange fand, mit der Überwanderung in ein neues prachtvolles Haus der Oper zu erliegen. Reste alter Kunst; Neues von Bedeutung ging nicht hervor.— Auf dem königlichen Theater in Berlin wird die Schauspielkunst zu stiefmütterlich behandelt, um sich auf der Höhe von sonst zu halten. Neben Ballet und Oper beeinträchtigt die französische Truppe. Das Trauerspiel nur durch Madame Crelinger gehalten, Lemm herausgebildet für ruhig tragische Väter, Krüger für Charakterrollen, Rebenstein (dessen Lyrik einzig dasteht) schwankt noch zwischen Jung und Alt. Eduard Devrient, tressliche Schule in gewissen Charakterrollen; Crüsemann, ein guter Bonvivant geworden; Gern (der Jüngere) beliebt im barock Komischen; Rüthling, jetzt entwickelter für charakteristische Komik. Demoiselle Fournier hat Talent, forcirt es nur zu sehr; in launigen Zofenrollen durch anmuthig keckes und lebendiges Spiel an bessere Zeiten erinnernd. Es fehlt an versprechendem Aufwuchs, namentlich im Liebhaberfach. Im königstädtischen Theater ist das Schauspiel, das einst durch Schmelka und mehre junge Talente viel versprach, jetzt nur noch eine Zubuße der Oper. Spitzeder (viele Mittel, wenig benutzt) und Beckmann (jetzt Volksliebling durch seinen Witz) gehören ihm zur Hälfte an. — In Breslau, lange die Wiege der ersten Talente Deutschlands, ist es still und todt. — InPrag hat sich Moriz als Liebhaber im bürgerlichen Schauspiel herausgebildet, Feistmantel bleibt einer der originellsten Localkomiker.— In Wien (Burgtheater) hat Anschütz durch seinen Lear, eine geniale Schöpfung, sich einen dauernden Namen in der deutschen Künstlerwelt erworben; seine neuen Rollen erreichen nicht gleiche Höhe selbstschöpferischer Kraft und Vollendung. Er ist, unterstützt durch eins der sonorsten Organe, unbedenklich der erste deutsche Deklamator. Ludwig Löwe, jetzt vielleicht der ausgezeichnetste Darsteller jüngerer Helden und Liebhaber; hinreißend durch die Fülle seines Gemüthes, durch höchste Natürlichkeit und Wahrheit; viel Feuer, ungezwungenster Anstand. Hätte er Reben- stein's (unbewußte) Lyrik, wäre er der Erste seines Faches. Fichtner, jugendlicher ihre ^Mler.vorj^^ d MIM, al '-Berckniiker Schal? MrkopoWl,: I-ZnAnchenv Mr Ungeheuern gmö ch von schöner Tesull MderKnsmddr zuchibt,lD sich viel rwspieler verloren, ni ein w^erer Avi AevrienlstzentzieZ »Endliche üHiim ''ODlis ersetzen ü'v t> Test cen ieler. Di..?'" wir 'K " ltr vi,. ^ Äeori». crene? Deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen 655 Liebhaber; seine Erscheinung reicht hin, für ihn einzunehmen. Er folgt stets der Eingebung eines genialen Temperaments, das ihn richtig leitet, aber seine Leistung ist mehr das Werk einer glücklichen Phantasie als der sich bewußten Vollkommenheit der Begeisterung. Das Gefällige ist seine Sphäre; er erheitert, reißt auch wol hin, weckt aber nicht Begeisterung. Für das Lustspiel und bürgerliche Drama wie geboren, vermißt man in der romantischen und Reflectionstragödie an ihm Ernst und Erhabenheit. Unter den Damen, außer Demoiselle Gley (s.d.), erlangten neuerdings Ruf Demoiselle Peche (durch A. W. v. Schlegel's Empfehlungsbrief), schöne, zarte Gestalt, durch ihre Mittel auf das sanft Rührende jetzt hingewiesen, und Demoiselle Müller, vorzügliche Toilettenkünstlerin, gut in Lebedamenrollen. Ausschließung von Oper und Ballet, Einsicht und Fleiß des Dramaturgen Schreyvogel hielten bisher das Burgtheater aufalter Höhe; vorzügliche Noblesse und Feinheit im Conversationsspiel sind ihm eigen. Überkommene veraltete Begriffe von einer noth- wendigen Trennung der Genres und Beschränkungen durch die Theatercensur thun der fortwirkenden Lebenskraft dieser Bühne Eintrag. Auf den andern Bühnen Wiens sind bis auf den Komiker Scholtz im Theater an der Wien keine neuen Talente aufgegangen ; das der Leopoldstadt, Raimund' s (s. d.) beraubt (die Krones starb), ist im Verfall.—In München verliert sich das Schauspiel unter dem politischen Hader und in der Ungeheuern gewölbten Opernhalle. Fräulein von Hagn, jugendliche Liebhaberin, von schöner Gestalt, spielt mit einer kecken Naivetät, freilich oftaufKo- sten des Adels der Kunst und der weiblichen Milde. Wenn sie die Einseitigkeit ihrer Richtung aufgibt, läßt sich viel von ihr erwarten.— Dresdens Hosbühne hält sich, trotz der verwickelten Directionsverhältnisse und obgleich es schon mehrmals seine besten Schauspieler verloren, auf einer gewissen Höhe der Kunst. Tieck, wenn er auch nicht viel handelt, hält doch das ganz Schlechte ab und muntert junge Kräfte aus; Pauli ist ein wackerer Komiker im Charakteristischen und ein tüchtiger Regisseur. Emil Devrient, den die Bühne jüngst gewonnen, ist als Darsteller für Helden- und jugendliche Liebhaberrollen jetzt der einzige Schauspieler Deutschlands, der uns gerade Das ersetzen könnte, was Wolff einst gewesen. Die Natur hat ihn günstig ausgestattet; Gestalt und Aüge ebenso schön als edel, sein Organ ebenso biegsam als wohltönend. Fleiß und glückliches Studium verrieth er in jeder bedeutenden Rolle. Sein Orest ist ein Studium für Maler und Bildhauer wie für den Schauspieler. Der Reflectionstragödie zugewiesen, wirkt er minder im bürgerlichen Schau- und Lustspiel, weil hier seine Naturgaben nicht ins gehörige Licht treten. Seine Gattin, wackere Künstlerin im feinern Lustspiele, sein Bruder Karl, mit schönen Mitteln ausgestattet, bekannt schon von früher. Madame Mevius, eine mit einer sonoren Stimme ausgestattete Tragikerin. — Aus der mLeipzig bestandenen Gesellschaft seit der Auflösung des Küstner'schen Etablissements erwarb sich neuerdings Rott (jetzt in Berlin) einen Namen; von großen Mitteln, wol noch höher als er steht von seinen Freunden gestellt, neuerdings aber auf dem Wege, durch gewaltige Anstrengungen frühere Vorwürfe zu tilgen und ein ausgezeichneter Tragiker zu werden. Rosalie Wagner, erfreuliches Talmi im Lustspiel und in sentimental tragischen Rollen. — Auf den mitteldeutschen Bühnen, außer den schon von unserm Vorgänger genannten Laroche und Genast in Weimar, haben sich nur Rettich (edle Gestalt, Feuer, versprechend im jugendlichen Heldenfach), früher in Kassel, und Seydelmann neuerdings Namen gemacht. Nächst Devrient dem Altern ist dieser in dem chargirt komischen Fache der Bedeutendste, vorzüglich, ja einzig als Maskenkünstler. Humor 'st da, aber beschränkt; ihm fehlt die Poesie. Marc, jetzt in Braunschweig, hat eine gewisse trockene Tüchtigkeit in Charakterrollen. — Am Rhein geht die deutsche Kunst aus, nichts in Düsseldorf und Köln; große neuere Anstrengungen brachten in Aachen noch nichts Eignes hervor. Der neue Aufschwung in 656 Deutsche Zoll- und Handelsvereine Darmstadt wich den Stürmen der Zeit (Madame Vetter, wackere Tragikerin). Karlsruhe, Manheim, einst die zweite Wiege deutscher Kunst, wiegen keine Hoffnungen mehr. Nur in Frankfurt thront eine ehrenwerthe Autorität, die Lindner; Weidner und neuerdings Becker (zuletzt aus Dresden), ein wacker ausgebildeter Künstler, als Held und in tragischen Charakterrollen, stützen dies mit reichen Mitteln versehene, aber planlos und ordnungslos verwaltete Theater. — Ein Universitätsprofessor fragte einen Theaterintendanten, woher die vielen schlechten und ungebildeten Schauspieler jetzt kamen? „Weil die Universitäten jetzt so gut sind", war die Antwort. „Es werden zu wenig Studenten rele- girt, die vordem ihre halbe Bildung mit auf das Theater, wohin sie flüchteten, brachten." Deutsche Zoll- und Handelsvereine. Die Völker der den deutschen Bund bildenden Staaten, namentlich die, welche nicht, wie die Bewohner der deutschen Gebietstheile Ostreichs und Preußens, zugleich den größern europäischen Nationen angehören, hatten bereits mehre Jahre der Erfüllung der, durch die Bestimmungen des Artikels 19 der deutschen Bundesacte ^) erweckten Hoffnungen mit Sehnsucht, aber vergebens entgegengesehen, und der Bundestag zu Frankfurt, sowie einzelne deutsche Regierungen wurden durch die Organe der indeß in mehren Theilen Deutschlands entstandenen sogenannten Handels- und Gewerbsvereine deshalb mit immer dringendem Gesuchen angegangen, als endlich, bei Gelegenheit der Minifterialconferenzen zu Wien 1820, der großherzoglich hessische Bevollmächtigte, Freiherr du Bos du Thil, zuerst den bevollmächtigten Ministern von Baden und Nassau den Vorschlag machte, zum BeHufe einer Vereinbarung über ihre wechselseitigen Handelsverhältnisse zusammenzutreten. Dieser Vorschlag wurde bereitwillig aufgenommen; zur Theilnahme an den, zu jenem Zwecke in Darmstadt zu eröffnenden Congreßverhandlungen aber wurden auch noch andere Bundesregierungen eingeladen. Zwar hielt dieser Congreß erst am 13. Sept. 1820 seine erste ordentliche Sitzung; allein in Wien war bereits unter dem 19. Mai ein Staatsvertrag abgeschlossen worden, an welchem gleich anfangs Baiern, Würtemberg, Baden, Hessen-Darmstadt, Nassau, die großherzoglich und herzoglich sächsischen und die fürstlich reußischen Hauser Theil nahmen, dem später aber noch Kurhessen, Waldeck und Hohenzollern beitraten und denen eine Punctation beigefügt war, die den darmftädter Congreßverhandlungen zur Grundlage diente. Außerdem kann man diese Punctation noch als den Typus aller in spaterer Zeit zwischen den verschiedenen Regierungen zu Stande gekommenen Handels- und Zollvereine, oder doch als einen Maßstab für deren Zweckmäßigkeit betrachten, weshalb wir die wesentlichsten Bestimmungen derselben hier mittheilen. Diese waren: 1) Innerhalb der wechseitigen Grenzen der vertragschließenden Staaten werden alle Land- und Binnenzölle aufgehoben und dagegen an den äußern Grenzen derselben sowol gegen die nicht zum deutschen Bunde gehörigen Staaten als gegen die dem besondern Vereine nicht beigetretenen Bundesstaaten, mit gemeinschaftlichem Ermessen der vereinten Staaten, solche Zölle angeordnet, welche einerseits dem staatswirthschaftlichen Zwecke des Vereins und andererseits den finanziellen Bedürfnissen der betheiligten Staaten entsprechen. 2) Auch über die Weg- und Wasserzölle sollen gemeinschaftliche und so viel möglich gleichförmige Beschlüsse gefaßt werden. 3) Jedem vereinten Staate bleibt unbenommen, in seinem Innern besondere Consumtionssteuern anzuordnen und zur Erhebung und Sicherstellung *) „Die Bundesglieder — heißt es in diesem Artikel — behalten sich vor, bei der ersten Zusammenkunft der Bundesversammlung in Frankfurt wegen des Handels und Verkehrs zwischen den verschiedenen Bundesstaaten, sowie wegen der Schifffabet, nach Anleitung der auf dem Congreß zu Wien angenommenen Grundsatze in Bera- thung zu treten." Deutsche Zoll- und Handelsvereine 657 lu»z dn, !:K ->K> derselben die erfoderlichen Anstalten zu treffen, jedoch nach dem Grundsatze, daß die Producte und Fabrikate der übrigen Staaten nicht höher als die inlandischen belegt werden. Die Einfuhr des Salzes soll von besondern Vertragen der sich vereinigenden Staaten abhängen. 4) Die Zolllinie und die Zollämter der vereinten Staaten werden gemeinschaftlich besetzt. 5) Der Ertrag der gemeinschaftlichen Me wird nach dem Mittelverhältnisse getheilt, welches sich nach der Ausdehnung und der Bevölkerung der vereinten Staaten ergibt. 0) Die Ubereinkunst soll erst nach dem Zeitpunkte in Wirksamkeit treten, den die vertragschließenden Staaten mic Rücksicht aufihre innern Staatsverhältnisse festsetzen werden. 7) Jedem der vertragschließenden Staaten bleibt zwar die Befugniß, aus dem Vereine wieder auszutreten, jedoch nur innerhalb der festzusetzenden Zeit nach der hierüber geschehenen Erklärung. Jndeß beendigte der darmstädter Congreß, nach etwa dritthalbjähriger Dauer, seine Verhandlungen mit der dreiundzwanzigsten Conferenz, die am 2. April 1823 stattfand, ohne das beabsichtigte Ergebniß feines Zusammentrittes auch nur im mindesten erreicht zu haben. Zwar ward in dieser Zusammenkunft noch der Beschluß gefaßt, daß die Bevollmächtigten die ihnen zustehenden Instructionen sich durch Corre- spondenz gegenseitig mittheilen, sobald aber bestimmte Erklärungen über sämmtliche Vertragspunkte vorliegen würden, wieder zusammenkommen wollten. Der Eintritt dieses Zeitpunktes blieb indeß ausgesetzt, und Das, was Manche noch während der Dauer der Verhandlungen mit Gewißheit vorauszusehen glaubten, nämlich die Schwierigkeit oder Unmöglichkeit der Vereinbarung abweichender Ansichten über wesentliche Vertragspunkte, traf nun wirklich ein, ungeachtet des thätigen Eifers, womit die unterhandelnden Regierungen eine staatswirthschaftliche Aufgabe ergriffen und behandelt hatten, deren befriedigende Lösung schon damals von dem ge- werbe- und handeltreibenden Deutschland gewünscht und in Druckschriften vielfach besprochen wurde. Wie aber die großherzoglich hessische Regierung die erste Anregung zur Eröffnung des Congresses gegeben hatte, so war sie es auch, die jetzt, nach mehrjährigen erfolglosen Unterhandlungen, dessen Auflösung hervorrief. ^)ies geschah mittels einer unter dem 3. Jul. 1823 ausgefertigten und an die Bevollmächtigten der unterhandelnden Staaten gerichteten Circularnote, worin diesen angezeigt ward, daß die großherzoglich hessische Negierung, aus Rücksicht auf eigne Landesinteressen, die fernere Theilnahme an den Verhandlungen des Congresses ablehnen müsse; daß sie jedoch bereit sei, den daraus für die Folge sich etwa noch ergebenden Resultaten beizutreten, sofern solche mit jenen Interessen nicht im Widersprucheständen. Die Beweggründe dieses Entsagungsactes stützten sich auf den Umstand, daß der im August desselben Jahres zusammentretenden Ständeversammlung ein für die finanziellen Bedürfnisse des Großherzogthums berechnetes Zollgesetz vorgelegt werden sollte. Die Verhandlungen des darmstädter Congresses hatten jedoch ihres Nichter- stlgs ungeachtet dazu gedient, das Interesse an dem großen ftaatswirthschaftli- chem Problem des Tages rege zu erhalten und dadurch indirect Erfolge .vorzubereiten. Freilich erschienen diese anfangs nur als unbedeutend; späterhin aber entgelten sie sich doch zu Resultaten von höherer nationalwirthschaftlicher Wichtigkeit, die wir jetzt darlegen werden, und wobei wir zuvörderst unsere Blicke auf Süd- beuh chland, unter Beobachtung der chronologischen Ordnung, richten wollen. Hiernach erwähnen wir zuerst des zwischen der Krone Würtemberg und den beiden sürstlichen Häusern Hohenzollern abgeschlossenen und mittels amtlichen Erlasses vom 24. Jul. 1824 bekannt gemachten Handels- und Zollvertrags, .der auch noch besonders insofern merkwürdig ist, als solcher im Eingange eine Übereinkunft genannt wird, die als eine vorläufige und partielle Vollziehung des theils in Wien 19. Mai 1820, theils durch spätem Beitritt über ein gemeinschaftli- Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 42 «58 Deutsche Zoll- und Handelsvereine ches Zoll- und Handelssystem zwischen mehren deutschen Staaten abgeschlossenen Vertrags anzusehen wäre. In Gemäßheit dieser Acte treten die fürstlichen Häuser Hohenzollern dem Entwürfe des von der würtembergischen Regierung den Ständen des Königreichs vorgelegten neuen Zollgesetzes nicht nur bei, sondern genehmigen zugleich im Voraus diejenigen Modisicationen, welche dasselbe in Folge der landständischen Verhandlungen etwa erfahren möchte. Andere wesentliche Bestimmungen des Vertrags sind: 1) Die königlich würtembergischen Behörden leiten die Zollverwaltung in den Fürstenthütnern. 2) Die in der Bundesmatrikel für die Contingentstellung als Maßstab derselben angenommene Bevölkerung der Bundesstaaten wird ebenfalls der Vertheilung der gemeinschaftlichen Zollämter zu Grunde gelegt. Jedoch wird jedenfalls dem Fürsten von Hohenzollern-Sig- maringen die Summe von 20,000 Fl. und dem Fürsten vonHohenzollern-Hechin- gen die Summe von 12,000 Fl. als jährlicher Reinertrag von Seiten Würtem- bergs garantirt. Endlich 3) wird die vorläufige Dauer dieses Vertrags auf zehn Jahre festgesetzt; der Zeitpunkt seiner Vollziebung aber trat mit der Einführung des neuen würtembergischen Zollgesetzes ein. Gleich fühlbar machte sich noch in demselben Jahre das Bedürfniß einer kommerziellen Annäherung zwischen den Großher- zogthümern Baden und Hessen. Zu Karlsruhe ward am 18. Sept. 1824 zwischen diesen beiden Regierungen ein Vertrag abgeschlossen, dessen Dauer sich jedoch auf keine bestimmte Zeit erstreckte, sondern zu jedem, einem der vertragschließenden Theile beliebigen Zeitpunkte mit der Bedingung aufgekündigt werden konnte, daß derselbe alsdann erst nach Ablauf von drei Monaten außer Kraft trete. Auch in diesem Vertrage wurde die Hoffnung ausgesprochen, es werde derselbe zu einem mehre deutsche Bundesstaaten umfassenden Verbände den Weg bahnen. Doch nicht blos diese Hoffnung blieb unerfüllt, sondern der Vertrag selbst wurde bereits durch Bekanntmachung des großherzoglich hessischen Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten vom 31. Oct. 1825 für erloschen mit dem Anfange des nächsten Jahres erklärt. Als Motiv der Aufkündigung werden die durch die neueste badische Zollgesetzgebung eingetretenen, wesentlich veränderten Verhältnisse angeführt, die eine längere Dauer desselben nicht erlaubten. Der Grenzverkehr beider Staaten erhielt nichtsdestoweniger, mittels wechselseitiger Übereinkunft, für die Folge mancherlei Begünstigungen, namentlich der Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen und verschiedenen rohen Stoffen, insofern diese zur Bearbeitung aus einem in den andern Staat gelangt und sodann wieder zurückgeführt wurden. Aus Rücksicht auf die Analogie des Zweckes verdienen auch noch beiläufig diejenigen Verträge erwähnt zu werden, welche Würtemberg am 25. Febr. 1826 und Baden.am 5. Nov. desselben Jahres mit der schweizerischen Eidgenossenschaft abschlössen, und wodurch sich die beiden Regierungen gegenseitige, die Erleichterung des Handels beabsichtigende Zugeständnisse machten. Verträge jener Art können jedoch nur als Versuche betrachtet werden, sich im Einzelnen und theilweise das Gute zu verschassen, zu dem man aus dem früher eingeschlagenen Wege, d. i. durch Vereinbarung mehrer Bundesregierungen zu einer gleichförmigen Leitung des Handels und der Gewerbe, nicht hatte gelangen können. Befonders thätig dabei zeigten sich aber die Regierungen vonBaiern und Würtemberg, die, nach Auflösung des darmstädter Eongresses, ihre denselben Gegenstand verfolgenden Unterhandlungen anfangs in Stuttgart, dann in München fast ununterbrochen fortsetzten. Das erste Resultat dieser Unterhandlungen war der zu München am 12. April 182? abgeschlossene Handelsvertrag, der wechselseitige Zollermäßigungen zur Begünstigung des Handels zwischen den beiderseitigen Staatsangehörigen festsetzte, und der dadurch jenen Handels- und Mauth- vereinsvertrag vorbereitete, der am 18. Januar 1828 abgeschlossen ward und .AB Z-l-» Deutsche Zoll- und Handelsvereine 659 fortan die frühere Übereinkunft ersetzte. Durch diesen letztern Vertrag nun, dem, wie dem vorhergehenden, die fürstlichen Hauser Hohenzollem ebenfalls beitraten, vereinigen sich die beiden Regierungen zur Annahme eines gemeinschaftlichen Systems und demzufolge zur Errichtung einer den zusammenhangenden Landerumfang beider Staaten einschließenden Zolllinie. Somit sollen fortan die Eingangs-, Ausgangs- und Durchgangszölle für gemeinschaftliche Rechnung der Vereinsstaaten sowol bei den Grenzerhebungsstellen als auch bei den Zollämtern im Innern erhoben und am Schlüsse jedes Rechnungsjahres nach dem Maßstabe der Bevölkerung vertheilt werden. Der bairifche Rheinkreis ward, aus Rücksicht auf seine geographische Lage, von dem gemeinschaftlichen Zollverbande vorläufig ausgeschlossen. Dieser, wenn auch nur partielle Erfolg mehrjähriger Bestrebungen setzte thatsächlich die Möglichkeit außer Zweifel, mit ernstlichem Willen deren Endziel zu erreichen, und so war die Bahn zu allen nachfolgenden, denselben Zweck beabsichtigenden Verträgen gebrochen. Auf dieser Bahn schritt nun zunächst Preußen voran, das wir als den Centralpunkt eines Systems betrachten, welches, sollte es mit Conse- quenz durchgeführt werden, wie es denn hierzu großenAnfchein hat, all jenen Übeln und Unbehaglichkeiten ein Ende machen dürfte, deren Grundursache man seither in der Isolirung der staatswirthfchaftlichen Interessen der verschiedenen deutschen Bundesstaaten fand. Denn dieses System, verstehen wir es recht, bezweckt — abgesehen von aller sonstigen politischen Tendenz, welche vielleicht mehr oder minder befangene Gegner darin gewahren wollen — nichts Anderes als Herstellung einer vollkommenen Gegenseitigkeit der Handelsfreiheit unter den verschiedenen Staaten, mithin Aufhebung aller Mauthlinien, welche sie von einander scheiden und diese Freiheit mehr oder weniger beschränken, und endlich gemeinschaftliche Schutz- maßregeln zu Gunsten der einheimischen Industrie gegen das mit dieser auf deutschen Märkten concurrirende Ausland. Die vollständige Ausführung des, diesem Systeme zu Grunde liegenden großartigen und wahrhaft nationalen Gedankens unterliegt jedoch zu vielfältigen Schwierigkeiten, als daß solche mit einem Schlage zu bewirken wäre. Die preußische Regierung selbst scheint die Überzeugung zu haben, daß nur allmälig zur Verwirklichung jenes Gedankens vorgeschritten werden kann, und hat daher, bei Abschluß der zwischen ihr und andern Regierungen die gegenseitigen Zoll- und Handelsverhältnisse ordnenden Verträge, wesentlich verschiedene Modisicationen eintreten lassen, wonach wir denn ebenfalls jene Verträge unter drei Elasten begreifen und hier eine gedrängte Darstellung derselben mittheilen wollen. Unter die erste Elaste, welche die zwischen Preußen und andern Bundesstaaten oder Gebietstheilen derselben gegenwärtig bestehenden wirklichen Zoll- und Handelsvereinsverträge umfaßt, gehören: 1) Der Vertrag mit dem Großherzogthum Hessen, abgeschlossen am 14. Febr. und genehmigt am 8. März 1828. Nach diesem Vertrage findet ein völlig freier Verkehr zwischen Preußen und den von der gemeinschaftlichen Zolllinie umschlossenen Theilen des Großherzogthums Hessen in der Art statt, daß, mit Ausnahme einiger mit Consumtionsabgaben belasteten Gegenstände *) die Erzengel Zu diesen Gegenständen gehören: ») Kochsalz und Spielkarten, deren Einbringung gegenseitig verboten ist; K) Branntwein, der, wieder aus dem Hessischen in das Preußische gebracht, mit einer Abgabe von Thlr. von der preußischen Ohm ^ ist und im umgekehrten Falle eine Tranksteuer von 6 Fl. ZV Kr. für die Mische Ohm bei der Einlage bezahlt; e) Bier und Essig, die bei der Einfuhr ms Preußische LZ Sgr. für die Ohm bezahlen, bei ihrer Einfuhr ins Hessische aber der allgemeinen, hier in Kraft bestehenden Fabrikationsgebühr unterworfen sind; von welchem bei dessen Übergang aus dem Hessischen ins Preußische 4 Thlr. Sgr. von der Ohm entrichtet werden, der aber, im umgekehrten Falle, bei der f damaligen Einlage und so oft er an einen andern Eigenthümer übergeht, der ugemeinen Trank- und Zapfsteuer unterworfen ist; e) rohe und fabricirte Ta- 42* 660 Deutsche Zoll- und Handelsvereine nisse des einen Staats frei und unbeschwert in den andern Staat eingeführt und in demselben verbraucht werden können. Hören nun hiernach alle Eingangs-, Ausgangs- und Durchgangsabgaben an den königlich preußischen und großherzoglich hessischen gemeinschaftlichen Landesgrenzen auf, so nimmt dagegen Hessen den preußischen Zolltarif an, die hiernach erhobenen Abgaben aber sollen jahrlich zwischen beiden Regierungen nach Verhältniß der Seelenzahl getheilt werden, und zwar vor der Hand — da die Zollgesetzgebung für die östlichen preußischen Provinzen in einigen Punkten von der für die westlichen verschieden, auch, wie beide Theile sich überzeugt haben, die Ausscheidung der Wasserzölle in den östlichen Provinzen mit eigenthümlichen Schwierigkeiten verbunden ist — der Seelenzahl einerseits in den großherzoglich hessischen, andererseits in den westlichen preußischen Landen, mit Hinzurechnung der von der Krone Preußen schon durch Vertrage in den westlichen Zollverband aufgenommenen oder noch auszunehmenden Unter- thanen anderer deutscher Bundesstaaten. Die durch diesen Vertrag begründete Zoll- und Handelsverbindung trat mit dem 1. Jul. 1828 in Vollziehung und bleibt bis zum letzten December 1834 in Kraft. Sollte aber alsdann ein Theil aus der Vereinigung treten wollen > so ist eine einjährige Aufkündigung erfoderlich. Unterbleibt diese, so wird angenommen, daß die Ubereinkunft stillschweigend auf anderweite sechs Jahre verlängert worden sei. 2) Der Vertrag mit dem Kurfürstenthum Hessen (vom 25. August 1831 und genehmigt den 3. Nov.), wobei die großherzoglich hessische Regierung als mitvertragschließend erscheint, und der daher in der Hauptsache mit dem vorerwähnten Vertrage zwar übereinstimmt, jedoch aus Rücksicht auf das besondere Besteurungssystem Kurhessens einige von diesem abweichende Bestimmungen hinsichtlich der im Innern des Landes mit Abgaben belasteten Gegenstände enthält. 3) Der Vertrag mit hem Fürstenthum Waldeck (vom 16. April 1831, genehmigt den 16. Jun.), wovon jedoch die Grafschaft Pyrmont, aus Rücksicht auf ihre geographische Lage, als eine Enclave Hanovers, ausgeschlossen bleibt. 4) Die mit den herzoglich anhaltischen Häusern zu verschiedenen Zeiten abgeschlossenen Verträge, nämlich er) mit Bern bürg (unter dem 10. Oct. 1823, 17. Jun. 1826 und 17. Mai 1831); d) mitKöthen und Dessau (unter dem 17. Jul. 1828). Endlich aber 5) diejenigen Verträge, welche mit nachbenannten Bundesregierungen wegen der vom preußischen Gebiet umschlossenen Landestheile ebenfalls zu verschiedenen Zeiten abgeschlossen wurden und noch bis heute in Kraft bestehen; nämlich mit Sachsen-Weimar wegen der Ämter Allstädt und Oldisleben, — mit Mecklenburg-Schwerin wegen Rossow, Netzeband und Schönberg, — mit den fürstlich sch warzburgischen Häusern, wegen ihrer Enclaven in Preu- ßisch-Sachsen,— mit Sachsen-Koburg-Gotha wegen des Amtes Volkerode und des Fürstenthums Lichtenberg, — mit Lippe-Detmold wegen Lipperode, Kappel und Grevenhagen,— mit Oldenburg wegen des Fürstenthums Birkenfeld, und mit Hessen-Homburg wegen des Oberamts Meisenheim. Zur zweiten Classe der zwischen Preußen und andern Bundesstaaten bestehenden Verträge gehören diejenigen, welche bloß eine allgemeine Erleichterung des Handels und gewerblichen Verkehrs der gegenseitigen Unterthanen bezwecken. Sie beruhen demnach weder auf einem übereinstimmenden Steuersystem, noch auf gleichen Tarifsätzen, noch endlich auf einem gemeinschaftlichen Grenzschutze; bis backe bezahlen bei ihrem Eingange ins Preußische eine Abgabe von 1 Thlr. für den Eentner; endlich k) entrichten Mehl, Getreide und Schlachtvieh in preußischen Städten, wo Mehl- und Schlachtsteuer besteht, bei der Einfuhr eine dieser gleichkommende Abgabe, sowie überhaupt preußische Producte in denjenigen hessischen Städten, wo Ocl roiabgaben bestehen, diese ebenso wie die gleichartigen inländhchen Artikel entrichten. Deutsche Zoll- und Handelsvereine 661 Wz 5- .Ii»' .l aber besteht erst ein unter dieser Classe zu begreifender Vertrag, nämlich der M den Königreichen Bai ern und Würtemberg am 27. Mai 1829 abgeschlossene und am 17. Jul. desselben Jahres genehmigte Vertrag, wobei preußischer Seits auch noch das Großherzogthum Hessen als mitvertragschließend erscheint. Durch diesen Vertrag wird als Negel festgestellt, daß vom 1. Jan. 1839 ^ — bis auf die festgesetzten Ausnahmen — alle inlandischen Erzeugnisse der Natur, des Gewerbfleißss und der Kunst aus den dänischen und den würtembergi- schen Staaten in das Königreich Preußen und in das Großherzogthum Hessen, und ebenso aus diesen Staaten in die Königreiche Baiern und Würtemberg frei von den auf dem Eingänge ruhenden Abgaben eingeführt und zum Verbrauche in den Verkehr gebracht werden können. Zu jenen Ausnahmen gehören namentlich Kochsalz nebst allen Stoffen, woraus dasselbe geschieden zu werden pflegt, und Spielkarten, deren Einführung ganzlich verboten bleibt. Andere Erzeugnisse sind theils fortwährend, theils nur zeitweise von der vorgedachten Befreiung ausgenommen. Zu den erstem gehören unter andern Bier, Branntwein, Liqueure, Cider, Essig, geschrotenes Malz, die bei ihrem Eingänge über die Grenze eines andern der vertragschließenden Staaten eine Abgabe zu entrichten haben, die derjenigen gleich kommt, mit welcher die eignen inlandischen Erzeugnisse dieser Art in jedem Lande besteuert sind; ferner fabricirter Taback, der 59 Procent, Tabacksblätter, Wein und Most, die 49 Procent der Abgaben entrichten, womit auslandische Artikel dieser Art, nach den Bestimmungen des allgemeinen Tarifs, belegt sind; rafsinirter Zucker und Syrup, die eine Erleichterung von nur 29 Procent 'genießen u. s. w. Zu den andern gehören vornehmlich Baumwollen-, Seiden-, Halbseiden- und Aollemvaaren, sodann Leder und verarbeitete Metalle, welchen bis zum 1. Jonuar 1831 eine Erleichterung von 25 Procent, von da an aber von 59 Procent zilstattcnkommt. Die Dauer dieses Vertrags ist vorläufig auf 12 Jahre festgesetzt worden, nach deren Ablaufe derselbe, wird er während der Zeit nicht aufgekündigt, als auf weitere 12 Jahre verlängert angesehen werden soll. Die dritte Classe der vorerwähnten Verträge endlich umfaßt diejenigen Übereinkünfte, welche nur besondere Erleichterungen des gegenseitigen Verkehrs in Bezug auf einzelne Versteuerungsobjecte oder auf die Verbindung mit einzelnen Thülen des preußischen Staats festsetzen. Dahin sind zu rechnen: 1) die am 3. Jul. 1829 mit Sachsen-Meiningen, am 4. Jul. 1829 mit Sachsen-Koburg- Gotha und am 29. März 1831 mit Sachsen-Weimar abgeschlossenen Verträge, nach welchen, auf den Grund von Ursprungsscheinen, verschiedene, jedoch größtenteils rohe, Producta oder Lebensmittel aus den vorgenannten Staaten in die dem eigentlichen preußischen Zollverbande nicht ungehörigen Lande unter gewissen Bedingungen frei eingehen dürfen; 2) der unter dem 9. Dec. 1829 mit den fürstlich reußischen Häusern abgeschlossene Vertrag, der ähnliche Begünstigungen stipu- lirt; und endlich 3) der schon am .18. Mai 1815 mit dem Königreich Sachsen abgeschlossene Staatsvertrag, wonach Getreide, Brenn- und Bauholz, Steine und einige andere ähnliche Gegenstände gegenseitig vom Eingangszolle befreit werden. Neben den vorhin erwähnten bairisch-würtembergischen und preußisch-hessischen Zoll-und Handelsvereinen hat sich nun noch ein dritter, ähnliche Zwecke, nämlich wechselseitige Begünstigung der Handelsintercssen und mithin Erleichterung des Verkehrs unter den Staatsangehörigen der vertragschließenden Regierungen, beabsichtigender Verein gebildet, der allerdings rechtlich noch fortbesteht, der indeß Attisch, durch einseitige Abtrennungen mehrer jener Regierungen, wie z. B. der kurhessischen, seiner gänzlichen Auflösung entgegenzugehen scheint. Wir meinen den mitteldeutschen Verein, gegründet durch den am 24. Sept. 1828 zu Kussel abgeschlossenen Staatsvertrag, woran nachbenanntc Staaten Theil nah» 662 Deutsche Zoll- und Handelsvereine men, nämlich: die Königreiche Hanover und Sachsen, Kurhessen, die großherzoglich und herzoglich sächsischen Häuser, Oldenburg, Braunschweig, Nassau, die fürstlich reußischen und die fürstlich schwarzburgischenHäuser, endlich die freien Städte Frankfurt und Bremen. Dieser Vertrag, dessen Dauer vorerst auf sechs Jahre, d. i. bis zum Ablauf des Jahres 18-34, festgesetzt ward, besteht aus 22 Artikeln, wovon der erste den Zweck des Vereins im Wesentlichen also bestimmt, daß derselbe dahin gehe, im Sinne des Art. 19 der deutschen Bundesacte einen soviel möglich freien Verkehr und ausgebreiteten Handel sowol unter den Vereinsstaaten selbst als nach Außen zu befördern, auch die Vortheile, welche in dieser Hinsicht ledern einzelnen Staate durch seine geographische Lage und andere Umstände gewährt wurden, so weit es die finanziellen und mercantilen Verhältnisse desselben nur immer gestatteten, auf das Ganze zu übertragen, zu erhalten und sicherzustellen. Die übrigen Hauptbestimmungen sind folgende: 1) Die vertragschließenden Staaten verpflichten sich, einseitig, d. h. ohne ausdrückliche Beistimmung sämmt- licher Theilnehmer, mit keinem auswärtigen, in dem Vereine nicht begriffenen Staat in einen Zoll- und Mauthverband zu treten. 2) Jeder Vereinsstaat soll sich bemühen,xdem Handel und Verkehr durch Vereinfachung der Formen und Controlen beim Ein-, Aus- und Durchgange, durch liberale Behandlung der Reisenden ec. die nöthigen Erleichterungen zu Theil werden zu lassen. 3) Einseitige Erhöhung der bestehenden Transitabgaben darf nicht stattfinden. 4) Jedem Vereinsstaate bleibt die Befugniß, einseitig Repressalien oder Retorsionsmaßregeln zu ergreifen. 5) Chaussee-, Weg-, Brücken- und Pflastergeld darf nicht erhöht werden. 6) Kein Vereinsstaat darf sich Waarenverbote durch Untersagung des Ein- oder Ausganges erlauben. Endlich werden auch noch im Artikel 26 größtentheils Erzeugnisse des Landbaues, wie Getreide und Vieh oder rohe Brennstoffe, speciell bezeichnet, die frei von jeder Abgabe sein sollen, wenn sie, ohne das Ausland zu berühren, von einem Vereinslande in das andere gebracht werden. Jedoch erstreckt sich diese Befreiung nicht auf den Großhandel mit Getreide, für welches dieselbe nur insoweit eintritt, als es von den Producenten selbst auf den Wochenmärkten der verschiedenen Staaten zum Verkauf ausgestellt oder von Zwischenhändlern bis zum Betrage von 20 Centnern eingeführt wird. Mehre andere sogenannte Verträge, die insbesondere die Erleichterung des wechselseitigen Grenzverkehrs beabsichtigten, wurden noch im Laufe des nämlichen Jahres unter einzelnen am Vereine teilnehmenden Bundesstaaten abgeschlossen. Endlich aber ward von den im nächstfolgenden Jahre abermals zu Kassel versammelten Bevollmächtigten eben dieser Regierungen ein Supplementarvertrag eingegangen, wonach unter andern die Dauer des Hau-ptvertrags weiter auf sechs Jahre verlängert werden sollte, der jedoch nur von einigen der vertragschließenden Staaten, namentlich der freien Städte, die Genehmigung erhielt. Als eine weitere Folge und gewissermaßen partielle Vervollständigung des mitteldeutschen Vereinsvertrags erscheint nun noch der zuEimbeckam 27. März 1830 abgeschlossene Vertrag. Dieser Vertrag, woran nur vier der Vereinsstaaten, nämlich Hanover, Kurhessen, Oldenburg und Braunschweig Theil nahmen und wodurch sich diese zur Annahme eines gleichmäßigen und gemeinschaftlichen Eingangs-, Ausgangs- und Verbrauchsabgabensyftems verbanden, enthält überhaupt 41 Artikel, kam jedoch nie zur Ausführung, obgleich die betreffenden Genehmigungsurkunden am 8. Mai desselben Jahres zu Kassel ausgewechselt wurden. Wir übergehen ihn daher um so füglicher mit Stillschweigen, da er auch seitdem formell-rechtlich durch Übereinkunft unter den dabei betheiligten Regierungen aufgehoben ward. Von diesen ist, wie schon oben angeführt wurde, späterhin Kurhessen dem preußischen Mauth- und Handelssystem beigetreten, was denn freilich, als eine offenkundige Verletzung des mitteldeutschen Vereinvertrags, zu mannichfaltigen diplomatischen Weiterungen seitdem Anlaß ge- ^ ^!U I'" , F' die, B-, SÄ»«' -»iM.D» ' Den Grunds herei -A gehaltener verde: Auch der dritte ,tzn Freiheit und Ä Deutschland 663 aeben hat, über deren Ergebnisse aber bis jetzt noch nichts auf amtlichem Wege zur öffentlichen Kunde gelangte. Wohl aber sind auch seitdem zwischen andern Regierungen, die zu jenem Vereine gehörten, und Preußen Unterbandlungen-angeknüpft worden, die, wie Einige hoffen, Andere fürchten, je nachdem sie sich von der Rücksicht auf Sonderinteressen leiten lassen, eine ganzliche Auflösung jenes Vereins und den Beitritt zum preußischen System herbeiführen dürften. Endlich aber sind selbst Baiern und Württemberg mit Preußen und den beiden Hessen in Unterhandlungen begriffen, die eine innige Verschmelzung der beiden bis jetzt bestehenden Vereine zu Einem Verbände bezielen, und der, käme er zu Stande, vielleicht bald alle deutschen Bundesstaaten, mit alleiniger Ausnahme Ostreichs, umschlingen dürfte. (37) Deutschland. Aus den Wirren der Gegenwart wendet sich der Blick unwillkürlich zu jenem Wendepunkte, von welchem die neuesten Schicksale Deutschlands ausgingen, zu dem großen Entscheidungsjahre, wo die beiden verbündeten Fürsten aus Kalisch die deutschen Völker ermuthigend aufriefen und der „Wiedergeburt eines ehrwürdigen Reiches machtigen Schutz und dauernde Gewahr zu leisten" versprachen. Die Gestaltung des Werkes dieser Wiedergeburt, sagten sie, solle allein den Fürsten und Völkern Deutschlands anheimgestellt bleiben, und „je scharfer in seinen Grundzügen und Umrissen dieses Werk aus dem ureignen Geiste des deutschen Volkes herantreten werde, desto verjüngter, lebenskraftiger und in Einheit gehaltener werde Deutschland wieder unter Europas Völkern erscheinen können". Auch der dritte Verbündete, Ostreich, erklarte die Wiederherstellung der deutschen Freiheit und Verfassung für den großen Zweck des Bundes. Betrachten wir die Geschichte jener Zeit, so müssen wir wol glauben, daß es nicht allein der Ernst und die Roth des Augenblicks war, was die Fürsten bewog, den Völkern einen gesicherten Rechtszuftand zu verbürgen, sondern daß sie die Noth- wendigkeit erkannt harten, den, in einer verhangnißvollen Zeit offenbar gewordenen Georechen des frühern Austandes der deutschen Staaten abzuhelfen. Als in Wien über die Gestaltung Deutschlands Rath gepflogen wurde, gingen von Preußen, Ostreich und andern Fürsten die freisinnigsten und offensten Antrage zur Begründung eines dauernden Rechtszustandes hervor. Preußen stellte gleich nach der Eröffnung der Verhandlungen Grundsatze für die Gestaltung des Bundes auf, welche glückliche Hoffnungen erwecken konnten, da es schon in dem ersten Entwürfe einer Bundesverfassung drei Federungen als nothwendige Mittel zur Erreichung des gemeinschaftlichen Zweckes aussprach, eine kraftvolle Kriegsmacht, ein Bundesgericht und landständische, durch den Bundesvertrag gewährleistete Verfassungen; und schon damals wurde das Bundesgericht, für dessen Einführung die preußischen Bevollmächtigten bis zu dem Abschlüsse des Vertrags beharrlich, wiewol gegen hartnäckigen Widerstand vergeblich kämpften, für den letzten und notwendigen Schlußstein des Rechtsgebäudes in Deutschland erklärt. Es sollte ein Gericht sein, das nicht nur die Streitigkeiter» der Bundessürsten unter einander schlichten, sondern auch Beschwerden einzelner Unterthanen, wenigstens der Landstände, gegen Bundesglieder über Verletzung der Landesverfassung, oder der verfassungsmäßigen, durch den Bundesvertrag oder andere Staatsverträge gesicherten Rechte «ledigen sollte. Ebenso bestimmt war die früheste Erklärung Preußens über die dm deutschen Landständen zu gewährenden Rechte. Es ward ausdrücklich verlangt, daß die Verfassungsurkunde des Bundes das Mindeste der landständischen Rechte als festen Grundsatz bestimmen sollte, und dazu wurden im Februar 1815 ausdrücklich gerechnet das Recht der Mitberathung bei Erlassung neuer allgemeiner, die wesentlichen Rechte der Staatsbürger betreffenden Gesetze, das Bewilligungsrecht bei Einführung neuer Steuern oder bei Erhöhung bestehender Abgaben, das Recht der Beschwerdeführung über Misbräuche und Mängel in der Staatsverwaltung, das 664 Deutschland Recht der Beschützung und Vertretung der eingeführten Verfassung und der durch dieselbe und den Bundesvertrag gesicherten Rechte der Einzelnen bei dem Landes-. fürsten und bei dem Bunde. War auch in dem ersten, von Preußen in Verbindung mit Ostreich und Hanover im October 1814 vorgelegten Entwürfe nur von einer „Schonung der verfassungsmäßigen Rechte jeder Classe der Nation" als einem Zwecke des Bundes, neben der Erhaltung der innern Ruhe und der Unabhängigkeit der Staaten, die Rede, so drangen doch Hanover und die Bevollmächtigten der kleinern deutschen Fürsten und der freien Städte, welche sich gegen die leitenden fünf Mächte — Ostreich, Preußen, Hanover, Baiern und Würtemberg — vereinigt hatten, entschieden auf die Verbürgung althergebrachter Volksrechte, auf Sicherung der Freiheit und Unabhängigkeit Deutschlands und der Deutschen, auf Gerechtigkeit gegen Alle. Sie foderten schon im November 1814 einen Bundesvertrag, der nicht bloß das rechtliche Verhältniß der Bundesglieder unter sich bestimmen und ihre Selbständigkeit gewährleisten, sondern auch dem deutschen Staatsbürger eine freie Verfassung durch Ertheilung gehöriger staatsbürgerlicher Rechte sichern sollte. Preußen, das diese Ansicht schon früher theilte, erklärte im Febr. 1815 *) die Errichtung einer deutschen Verfassung nicht bloß hinsichtlich der Verhältnisse der Höfe, sondern ebenso sehr zur Befriedigung der gerechten Ansprüche der Nation für nothwendig, welche „in der Erinnerung an die alte Reichsverbindung von dem Gefühle durchdrungen sei, daß ihre Sicherheit und Wohlfahrt und das Fortblühen echt vaterländischer Bildung größtenteils von ihrer Vereinigung in einen festen Staatskörper abHange, und welche nicht in einzelne Theile zerfallen wolle, sondern die Überzeugung habe, daß die treffliche Mannichfaltigkeit der deutschen Volksstämme nur dann wohlthätig wirken könne, wenn sich dieselbe in einer allgemeinen Verbindung wieder ausgleiche". Laut erklärten die Gesandten des Königs von Hanover im October 1814, daß man nur durch die von ihnen aufgestellten „liberalen" Grundsätze über die Verbürgung der, den deutschen Unterthanen von Alters her gebührenden Rechte, und über die feste Bestimmung der den Land- ftänden zustehenden Befugnisse, bei dem herrschenden Zeitgeiste und bei den billigen Federungen der deutschen Nation Ruhe und Zufriedenheit herzustellen hoffen könne, und offener als es je von deutschen Fürsten geschehen war, sprachen sie und die Bevollmächtigten von den vereinigten W Fürsten und Städten den Grundsatz aus: daß die Minister auch den Landständen verantwortlich sein sollen.*) So schien das Gebäude der Bundesverfassung auf der breiten und festen Grundlage einer Einheit des Rechtszuftandcs sich zu erheben, und der Bund, indem er des Volkes Rechte bewahrte, auch dem Volke etwas werden zu können. Es wird zur richtigen Würdigung der gegenwärtigen Zustände der deutschen Staaten dienen, jener Verheißungen und Entwürfe sich zu erinnern. Wie diese Entwürfe vereitelt worden, berichtet die Geschichte der Congreßverhandlungen, und sie sagt uns, wie die als Hauptsäulen des neuen Baus aufgestellten Grundsätze: die Sicherung der Volksrechte, die Bürgschaft wirksamer Volkswortführung, das Bundesgericht — durch hartnäckigen Widerspruch Einzelner, durch die Eifersucht auf „unbedingte Regierungsrechte" weggeworfen wurden oder zu dünnen schwankenden Pfeilern zusammenschrumpften, welche man endlich zu den Stützen des wirklichen Gebäudes, eines eilig zusammengezimmerten Nothwerkes, machte. Das alte Recht, das einst die Reichsverfassung, durch ihre Gerichte den Rechtszustand schirmend, dem Volke gab, ward ihm genommen und durch nichts Wirksames und Tüchtiges ersetzt. Es ist bekannt, wie die Stifter des Bundes selbst, als sie das Werk so vieler Sorgen und Mühen den harrenden Völkern vorlegten, *) Acten des wiener Congresses, Bd. 2, S. 16. **) Acten des wiener Congresses, Bd. 1, Heft 1, S. 71 u. 74. Deutschland 665 UnVd, 7«ch'. ' »IM 5^^ die Unvollkommenheit der Verfassung laut anerkannten, aber eben nur mit der, durch die Umstände gebotenen Eile zu entschuldigen wußten, und wie man, um Etwas zu erhalten, das Ungenügende sich gefallen lassen wollte, da ja der Bund, selbst wie er sei, Verbesserungen nicht ausschließe. Was fünf Jahre spater die wiener Schlußakte hinzugefügt, was einzelne Beschlüsse des Bundestags seitdem verordnet, konnte nicht ersetzen, was bei der Gründung des Gebäudes war versäumt worden. Die Schlußakte beschränkte den Zweck des Bundes gleichfalls auf die llnabhangigkeit und Unverletzbarkeit der Staaten der souverainen Fürsten und auf Erhaltung der inner« und äußern Sicherheit Deutschlands. Von den Rechtsge- währungen, die 1815 so vielfältig besprochen wurden, war kaum die Rede; selbst was in Beziehung auf den „nackten und unbefriedigenden" *) dreizehnten Artikel und auf die ständischen Verhandlungen verfügt wurde, war meist nur auf die Sicherung der fürstlichen Gewalt oder auf mistrauische Überwachung berechnet, und die Ausficht, eine Beschwerde über verweigerte oder gehemmte Rechtspflege in einem Bundesstaate bei der Bundesversammlung angenommen zu sehen, konnte nicht den wirksamen Schutz gegen „Misbrauch der Souverainetätsrechte der Für-' sten" gewähren, den Hanover 1814 für nothwendig erachtet hatte. Wir erinnern uns'aus der Geschichte der Verhandlungen nach der Wieder- crringung der Unabhängigkeit Deutschlands, daß manche Stimmen ein Oberhaupt an die Spitze des deutschen Staatenvereins stellen wollten und auf die Wiederherstellung der Kaiserwürde antrugen. Es sprachen dafür nicht nur mehre der kleinern Fürsten und die ehemaligen Reichsunmittelbaren, deren Sonderinteressen sich gern unter den Schutz des alten Reichsadlers stellen mochten, und selbst Hanover war diesen Wünschen nicht abhold, welchen aber die Bestimmungen des pariser Friedens sowol als die vorhergegangenen Unterhandlungen und die.Ansichten der größern deutschen Mächte unüberwindliche Schwierigkeiten entgegensetzten. Greußen suchte daher in seinen Verfassungsentwürfen die Bürgschaft der Einheit Deutschlands nicht, wie jene, in der Wiederherstellung abgelebter Formen, sondern in einem politischen Bande unter den verschiedenen Staaten, das durch eine kräftige, mit wirk- lamer Vollziehungsmacht ausgestattete Centralgewalt festgehalten würde. Hat doch die Geschichte der Entwicklung des deutschen Volks und seiner einzelnen stamme so genügende Belehrung gegeben, daß kein Unbefangener das Band der Einheit in etwas Anderm als einem, die Unabhängigkeit des Gesammtvereins wie die Kchcit der einzelnen Staaten und ihrer Bürger beschützenden Bunde finden kann. Beteachten wir aber alle Entwürfe, die bei jenen Wehen der Wiedergeburt Deutsch- ünds hervortraten, von einem hohem Standpunkte, und erwägen wir die lehrreichen Erfahrungen, die wir seitdem bis zum verhängnißvollcn 28. Jun. 1832 machen mußten, so drängt sich freilich die Frage auf, ob denn der Bund, auch wenn lene wohlthätigen Vorschläge zur Gründung eines festen Rechtszustandes und einer kräftigen Vollziehungsgewalt wären ausgeführt worden, den deutschen Völkern eine vollständige Schutzwehr hätte geben können. Blieb nicht die Vollziehungsgewalt schließend in den Händen der Fürstengesandten? Wo gab es, wenn diese ihre Bolimacht von der Willkür empfingen, eine Bürgschaft für die staatsbürgerliche Kühlt? Wie unabhängig auch das vorgeschlagene Bundesgericht stehen mochte, so konnte den Völkern nicht einen wirksamen Schutz gewähren, ohne schirmende Bnfassungssormen in den einzelnen Staaten. Eine nothwendige Voraussetzung lur oie vollständige Sicherung des Rechtszustandes war daher eine solche Verfassung drr einzelnen deutschen Staaten, welche die Rechte der Staatsbürger gewährleistete "nd sie unter den Schutz einer Velkswortführung und einer verfassungsmäßigen H^sslsdruck ^ luxemburgischen Gesandten. Acten des wiener Congresses, Bd. s, 666 Deutschland Verantwortlichkeit der höchsten Staatsbeamten stellte, die nach bestimmten Gesetzen geltend gemacht werden konnte. Nur dann dursten die Völker hoffen, daß die Wortführer der deutschen Staaten am Bundestage von den verantwortlichen Regierungen dem wahren Interesse jedes Volkes angemessene und seine Rechte schützende Vorschriften erhielten. Dann bildeten die Volksvertreter der constitutionnel- len Staaten Deutschlands, durch das gemeinsame Interesse der Freiheit verbunden, einen machtigen Phalanx, dessen Reihen, Schild an Schild legend, jegliche Willkür abwehren und selbst fremde, die Freiheit bedrohende Übermacht zurückschrecken konnten. Dann hatte in jenem gemeinsamen Interesse Deutschland eine kraftvollere Einheit gefunden als je unter dem Adler, der lange vor 1806 die Schwungkraft seiner Flügel verloren hatte. Dem von so vielen Seiten ausgesprochenen Verlangen, in den Staaten des künftigen Bundes eine landständische Verfassung zu erhalten oder einzuführen, oder wie Rußland (31. Dec. 1814) foderte, „jeden Bundesstaat unter den Schutz einer Constitution zu stellen, die ihm seine politische und bürgerliche Freiheit gewahrleiste", verdankten es die Staaten mehrer größern deutschen Fürsten, daß früher als es vielleicht sonst geschehen wäre, die Einführung repräsentativer Verfassungen verfügt und vorbereitet wurde, die mehr oder weniger die Grundzüge enthielten, welche die verschiedenen Verfassungsentwürfe des deutschen Bundes zur Gewährleistung der staatsbürgerlichen Rechte vorgezeichnet hatten. Die größern deutschen Mächte, wie Baiern, Würtemberg, Baden, welche sich bald nach dem Anfange der Congreßverhandlungen darüber erklärten, gingen offenbar von der Absicht aus, ihre Autonomie als souveraine Fürsten bei der Erlassung solcher Staatsgrundgesetze zu sichern, ehe der Bundesvertrag, wie es nach den ersten Entwürfen bestimmt war, gleichförmige Grundsatze für alle Staaten aufgestellt hatte, und besonders verrieth der König von Würtemberg zu Anfange des Jahres 1815, daß er die neue Verfassung des Landes durchaus nur als eine, aus seiner Machtvollkommenheit hervorgegangene Verleihung betrachtet wissen wollte. Diesen Charakter hatten die meisten in den nächsten Jahren gegebenen Verfassungen deutscher Staaten, und die 1819 nach langen Zwistigkeiten in Würtemberg gegründete war die erste, die auf dem Wege eines Vertrags mit den bestehenden Landständen entstand. In den Worten der Entwürfe einer Bundesverfassung und in den darüber gepflogenen Verhandlungen trat der Gedanke hervor, daß die Landstände in den deutschen Staaten im Geiste der alten Territorialverfassung eingerichtet werden sollten. Auch in der Verordnung des Königs von Preußen vom 22. Mai 1815 — die Erneuerung einer frühern Zusage vom 2?. Oct. 1810 — schien derselbe Sinn vorzuwalten,wenn sie die Wiederherstellung oder Einführung von Provinzialständen verkündete, aus welchen dann die Landesrepräsentanten erwählt werden sollten. Nach diesen Ansichten hielt man es denn auch für eine völlig genügende Erfüllung des dreizehnten Artikels der Bundesacte, wenn, wie in Sachsen und Mecklenburg, die fortdauernde althergebrachte Wirksamkeit der Landstände versichert ward, und selbst die Verfassung des Fürstenthums Liechtenstein konnte Gnade finden, welche die Mitwirkung der Stände bei der Gesetzgebung, selbst durch Vorschläge, für unzulässig erklärte, bei der Einführung neuer Landesabgaben eine ständische Berathung vorausgehen lassen wollte, die in gerechten und billigen Fällen die höchste Genehmigung zu hoffen hätte, und nach der Vorlegung des jedesmaligen Steuerbedarfs den getreuen Ständen nichts Anderes gestattete, als über die Eindringlichkeit des gefederten Betrags zu berathschlagen und dafür zu sorgen. Wer aber den Sinn so vieler Anträge über die den Ständen zu gewährenden Rechte erwog, und besonders auch die in dem letzten preußischen Entwürfe vom I.Mai 1815*) enthaltenen KS 'zMNLlA *) Acten des wicncr CongresseS, Bd. 2, S. 298 fg. Deutschland 667 W- W l Worte bedachte, welche eine Verfassung foderten, die „allen Gassen der Staatsbürger" einen Antheil an der standischen Wirksamkeit sichern sollte, konnte in den Ken Standen, welche nur die Interessen von Genossenschaften vertraten, keineswegs die Rechtsgewährungen finden, welche nach dem Geiste jener Antrage den Völkern zugedacht waren. .Aus diesem Geiste war denn auch in seinen Grund- chgen das Staatsgrundgesetz des Herzogthums Nassau, und mehr noch die barsche Verfassung hervorgegangen, deren freigebige Gewährungen bereits im De- cember 1814 verkündigt wurden, ja diesen freisinnigen Geist darf man selbst in ^ ! der angeführten preußischen Verordnung suchen, wenn sie ausdrücklich eine „Re- ^ Präsentation des Volks" verspricht. Die auf diese Grundsatze gebauten Verfassungen, welche in mehren Bundesstaaten seit 1816 in Wirksamkeit traten, waren für die Entwickelung des politischen Geistes in Deutschland von entscheidender Wichtigkeit, und alle Blicke richteten sich auf die neuen Ständeversa»nmlungen, die unter ganz ungewohnten Formen die Angelegenheiten des Volks öffentlich verhandelten, und der freien Gesinnung das freie Wort gestatteten, und bald ward auch in den Gemächern, wo noch Prälaten, Ritterschaft und Städte sich in schwerfälligen Formen bewegten, wie 1818 im Königreich Sachsen, die Foderung wahrer Volksvertretung laut. Die junge Freiheit regte ihre Flügel so rüstig, daß bald Argwohn erwachte. Die einzelnen deutschen Staaten, welche die Bahn des constitutionnellen Lebens betreten hatten, wurden denjenigen, die r/eniger oder gar nichts gethan, verdächtig. Man fürchtete für das monarchische Princip, das man für die Grundlage der europäischen Staatengesellschaft erklärt hatte, man sah in der Entwickelung der gesetzmäßigen Freiheit ein schreckendes Emporsteigen der Demokratie, und unglückliche Ereignisse, Folgen fanalischer Erregung, die mit der Ausbildung des Staatslebens nichts gemein hatten, gaben einen willkommenen Vorwand,jene fröhlich gedeihende Entwickelung zu hemmen. Der Argwohn gegen die Fortschritte des constitutionnellen Geistes ergriff bald auch Diejenigen, die ihn in den Honigmonaten ihres vielleicht aufrichtigen Bundes mit der Freiheit geweckt hatten. Wie viel auch fremder Einfluß zur Erregung des Mis- traucnS gewirkt haben mag, es gab im Innern der Staaten selbst gefährliche Feinde der neuen Einrichtungen, die desto thätiger waren, je mehr sie ihre angemaßten Vorrechte durch den endlich anerkannten Grundsatz der Rechtsgleichheit bedroht sahen. Die Aristokratie, die 1815 den Augenblick für günstig hielt, zur Befchü- tzung ihrer Vorrechte eine durch ganz Deutschland verbreitete, von Landesgrenzen unabhängige, enge Verbrüderung vorzuschlagen, bildete wirklich eine „Kette", die jcde Beschränkung des Adelthums'zu vereiteln bemüht war, und es konnte ihr um so leichter gelingen, je mehr ein altes Vorurtheil, auf Montesquieu's misverstande- nen Ausspruch sich stützend: ?oint 'm Frieden bereit zu halten, führte zu einer Erhöhung des Staatsbedarfs, die überall einen unverhältnißmäßigen Theil der Einnahme den Bedürfnissen der Volkscultur entzog. Der Maßstab, den selbst die Bundesgefetze hinsichtlich der Beurlaubung angaben, wurde nicht immer beachtet, und fürstliche Vorliebe oder der Einfluß des Adels, der fast überall die Ofsi'zierstellen als eine Versorgungs- anstalt seiner Genossenschaft ansah, vereitelte die Wünsche der Stande, wenn sie auf Verminderung der Kriegsmacht in Friedenszeiten drangen. Solche Begünsti- Ni» gungen führten dann zu den auffallenden Ergebnissen, daß 1830 im Großherzog- thum Hessen an der Spitze einer Kriegsmacht von 8000 Mann 14 Generale standen, und im Königreiche Sachsen für die Lehranstalten zur Bildung junger, meist adeliger Offiziere um dieselbe Zeit 44,000 Thaler aufgewendet wurden, wahrend der Staat für sämmtliche übrige Lehr- und Bildungsanstalten des Landes ungefähr 115,000 Thaler beitrug. Blicken wir auf andere Zweige der Verwaltung, so gab in mehren deutschen Staaten die theure und zögernde Rechtspflege ebenso viel Anlaß zu Klagen, als jene Erweiterung der Polizeigewalt, an welche wahrend der Fremdherrschaft, wo die heilige Scheu vor dem Rechte gewichen war, die deutschen Völker sich hatten gewöhnen müssen. Nicht minder nachtheilig war das immer sichtbarer hervortretende Streben, alle Zweige der Staatsgewalt in einen Mittelpunkt zu vereinigen, wodurch die Verwaltung ebenso kostbar wurde, als sie die fceie Bewegung der Kräfte des Volks störte. Überhaupt verminderte sich das alte deutsche Übel der administrativen Vielthatigkeit und des bevormundenden Eingreifens in die Volkswirksamkeit um so weniger, als fast in allen deutschen Staaten dos Gemeindewesen entweder gar nicht geordnet war, oder wo man das tressliche, seit 1808 im preußischen Staate aufgestellte Muster endlich befolgt hatte, wie in Boiern, Würtemberg und im Großherzogthum Hessen, die Gemeindeverwaltung noch so ungeübt war, daß sie die wiedererlangte Autonomie nicht immer ersvrießlich onwendete und für manchen Misgriff der Lehrjahre zu büßen hatte. Die Ausdehnung der vorsorgenden Thätigkeit der Regierung mußte, zumal in einer Zeit des Nothstandes, doppelt nachtheilig werden, da die Staatsverwaltung, wenn sie Angelegenheiten selbst besorgen will, welche eigentlich der Volksthatigkeit überlassen werden sollen, die Ansprüche auf ihr Hülfreiches Eingreifen vermehrt, und eben dadurch, je seltener sie Befriedigung gewahren kann, Unzufriedenheit erregt. Wahrend der Staatsbürger, wenn er gewöhnt wird, von der öffentlichen Verwaltung Alles zu erwarten, ihr auch leicht die Schuld unabwendbarer Unfälle zuschreibt, entwöhnt solche Bevormundung ihn dir Selbstthätigkeit und läßt ihn vergessen, doß, wenn die Regierung auf Wegräumung der Hindernisse der Volksthätigkeit denkt, diese in ihrem weiten Kreise an den jetzt jenseit des Rheins so oft in einem andern Sinne gebrauchten Spruch sich halten soll. rlckle-wi, le ciel t'sickeru. Betrachten wir die verwickelten öffentlichen Verhältnisse Deutschlands, so erkennen wir noch eine Ursache der neuesten Zustände, die mehr als der flüchtigen Andeutung bedarf, womit wir sie bereits berührt haben: das Misverhältniß der Stände, jenen den ganzen Sraatsorganismus durchdringenden Aristokratismus im weitesten Sinne des Wortes, in welchem er jede Überhebung über das gleiche Recht des Staatsbürgerthums bezeichnet. Wir hatten schon lange Verfassungsurkunden, worin der Grundsatz ausgesprochen wurde, daß jeder Staatsbürger ohne Unterschied des Standes und der Geburt zu allen Stellen im öffentlichen Dienste gelangen könne; aber die Verkündigung dieser Anspruchsgleichheit konnte dem tief- gewurzelten Übel nicht abhelfen, und die Klagen über Begünstigung des Adel- chums oder den Einfluß des Vetterthums, in der Hofburg und in den Kriegszelten, wie in den Gerichtspalästen und in den Rathsstuben, waren nirgend verstummt. Zwar ging die Adelsbegünstigung nicht überall so weit als in einem deutschen B Staate, der mit Recht als ein Sitz hoher Geistesbildung gerühmt wird, wo bis OA 5./ v, '.U ' 670 Deutschland in die neuesten Zeiten adelige Studenten der Rechte einzeln und bei verschlossenen />il Thurm geprüft wurden, während bürgerliche, wenn sie die Prüfung nicht bestan- ^ den, sich ihrer Unwissenheit vor ihren Genossen zu schämen hatten; aber so lange der Fürst der erste Edelmann in seinem Staate heißen soll, so lange der Adel seine nächste Umgebung bildet und eben dadurch, trotz allen constitutionnellen Beschränkungsformeln, einen überwiegenden Einfluß erhält, wird der Kastengeist überall Nahrung empfangen und stolz auf die Würde des Staatsbürgerthums herabsehen. Wie das Böse fortzeugend Böses muß gebären, so mußte der Kastengeist einer Art, der einmal den Staatsorganismus krankhaft gestimmt hatte, es jedem andern leicht machen, das Gleichgewicht im staatsbürgerlichen Leben zu stören. Es hat sich daher auch bei den neuesten Ereignissen in Deutschland erwiesen, daß in den meisten Fällen die Ausbrüche der Unzufriedenheit nicht unmittelbar gegen die Regierungen, sondern gegen die Folgen jenes Misverhältnisses der Stände, in welchem häufig die nächsten Ursachen des empfundenen Drucks lagen, gerichtet waren, und daß die Erbitterung der untern Stände gegen Bevorrechtungen, Begünstigungen und Anmaßungen, durch welche sie sich von dem Genüsse gleicher Rechte ausgeschlossen sahen, tiefe Wurzeln geschlagen hatte. Zu diesen verstimmenden Einwirkungen kam nun in dem letzten Jahrzehend die Hemmung und Lähmung des gewerblichen Verkehrs; und nicht immer ward es unterschieden, was dabei die Folge verhängnisvoller Umstände, was die Schuld verkehrter Maßregeln wäre. Hatte das fleißige Volk seit dem Frieden sich rüstig geregt auf seinen Feldern und in seinen Werkstätten, und der Hoffnung sich gefreut, in dem großen, durch einen feierlichen Bund geeinigten Baterlande offene Ströme und offene Straßen für die Werke seiner Hände zu finden, so sah es sich durch Zollschiffe angehalten und durch Schlagbäume abgesperrt, welche die großen und kleinen deutschen Staaten eigennützig für das Interesse ihrer siscalischen Cassen anlegten. IH r Nach den allgemeinen Bestimmungen des wiener Congresses sollten Schifffahrt Zl, uv und Handelsverkehr auf allen Flüssen, welche verschiedene Staaten scheiden oder durchströmen, in Hinsicht auf den Handel frei, die Vorschriften über die Schiff- in, I fahrtspolizei und die damit verbundenen Abgaben gleichförmig für Alle sein und den Handel der Völker begünstigen. In der Bundesacte wurde verfügt, daß die Bun- iWt' desVersammlung alsbald wegen des Handels und Verkehrs zwischen den verschiede- dii iizii nen Bundesstaaten und wegen der Schifffahrt in Berathung treten sollte. Seit- dem wurde nur die Schissfahrt auf der Elbe und Weser durch Unterhandlungen zwischen den Uferstaaten von 1821 — 24 vollständig geordnet (s. Elbschifffahrt Bd. 3 und Weserschifffahrt Bd. 12); die Schifffahrt auf dem Rhein aber, die für den Handelsverkehr so vieler Völker im Norden und Westen Europas wichtig ist, war der Gegenstand schwieriger Unterhandlungen, die seit 1816 in endloser Verwickelung sich verzögerten, weil das Interesse der dabei betheiligten auswärtigen Staaten in die, auf Beförderung des Welthandels gerichtete Absicht des wiener Kongresses nicht eingehen wollte. Die niederländische Regierung, um ihrem Lande alle Vortheile des Rheinhandels zu verschaffen, wehrte sich beharrlich und mit allen diplomatischen Künsten gegen die Anerkennung einer völlig freien Fahrt bis zum Meere la mer), und indem sie durch eine gezwungene Wortdeutung, die ebenso sehr den Sprachgebrauch als die allgemeinen völkerrechtlichen Grundsätze und die Analogie der über die Schifffahrt auf der Elbe und Weser geschlossenen Verträge gegen sich hatte, die Fahrt bis an die Grenze des Meeres beschränken wollte, behauptete sie die Berechtigung zur Erhebung eines beträchtlichen Seezolles. Dieser Anspruch ist bis auf diesen Augenblick eine vielbesprochene und auch in der 1829 durch Preußens thätige Vermittelung getroffenen Übereinkunft nicht erledigte Streitfrage geblieben. (S. Rheinschifffahrt Bd. 9.) Für die Beschützung der Rechte des Handels und der Schifffahrt wurde durch besondere Unterhandlungen Deutschland 671 zwischen Preußen und den Niederlanden 1829 und 1830 eine Rheinschifffahrts- ^ ^ ordnung entworfen, die auch von den übrigen Uferstaaten im Ganzen angenommen, und 1831 in Wirksamkeit gesetzt ward. Es mochte als eine günstige Vorbe- bel schi deutung für die Belebung des Rheinhandels gelten, daß Köln 1829 in seinem erweiterten Freihafen zum ersten Male seit 250 Jahren die englische Flagge we- ^ hen sah. Die Schifffahrt auf den Nebenflüssen des Rheins, Main, Neckar, Mosel und Maas, welche von der Entscheidung der Frage über die freie Rhein- schisffahrt in wesentlichen Punkten abhing, wurde mit dieser verzögert, wahrend Baden, obgleich es Manheim 1828 zum Freihafen erklarte, durch Anlegung von Durchgangszöllen auf dem Neckar und dem nur auf sechs Meilen seine Grenze bespülenden Main die Schwierigkeiten vermehrte. Eine aus den Bevollmächtigten der Uferstaaten bestehende Commission für die Mainfchissfahrt, die seit 1829 in Mainz eröffnet wurde, hat noch kein Ergebniß ihrer Verhandlungen geliefert. Aus den Grundsätzen, die bei den Verhandlungen zu Wien ausgesprochen wurden, ging die Absicht hervor, gemeinschaftliche Maßregeln zur Beförderung und Erleichterung des Handels zutreffen, damit nicht jedes Bundesland sich als einen geschlossenen Handelsstaat betrachte. Hätte man nur überall und immer erkannt, daß der freieste Verkehr unter den Bundesstaaten nicht nur für die Wohlfahrt der Einzelnen, sondern auch für die politische Ausbildung der Völker und für die Befestigung des Bandes, das alle deutschen Staaten umschlingen sollte, von großer Wichtigkeit ist! Die Verhandlungen des Darmstädter Handels- congresses (f. Bd. 3), welche von dem Grundsatze des freien Verkehrs ausgingen, um der aus dem Handelsdruck entstandenen Noth der Völker zu steuern, scheiterten an der Schwierigkeit, eine die verschiedenen Finanzinteressen der unterhandelnden Staaten vereinigende Grundlage zu finden, und sie hatten nur den Erfolg, daß man gegen das dem deutschen Handel feindliche Ausland entschiedener auftrat, und die süddeutschen und mitteldeutschen Staaten immer mehr das Be- dürfniß erkannten, durch gemeinsame Maßregeln der gemeinsamen Noth abzuhelfen. Die Schwierigkeiten wurden vermehrt durch die Zolllinien, womit die großen deutschen Nachbarstaaten, Ostreich und Preußen, sich streng umschlossen hatten. Das seit 1818 ausgebildete preußische Zoll-und Verbrauchsteuersystem hatte bei der eigenthümlichen geographischen Lage eines Staats, dessen Gebiet in seiner langen Ausdehnung von der östlichsten bis zur westlichsten Grenze viele Bundesstaaten durchschnitt oder berührte, die nothwendige Folge, daß sich mehre kleinere Staatsgebiete ganz oder theilweise dem preußischen Zollsystem seit 1819 durch Vertrage anschlössen. Andere deutsche Staaten verabredeten dagegen, um ihre Selbständigkeit zu behaupten > besondere Zollvereine, unter welchen vorzüglich die 1828 zwischen Baiern und Würtemberg, mit Inbegriff der FürstenthümerHohen- Zvllern geschlossene, auf Erleichterung des Verkehrs und ein gemeinschaftliches Aoll- lystem berechnete Verbindung wichtig war. Die endlich durch den Zoll- und Han- delsvertrag vom 14. Febr. 1828 erfolgte Vereinigung zwischen Preußen und dem Großherzogthume Hessen, nach welcher in beiden Staaten hinsichtlich des Handels dasselbe System befolgt werden sollte, und Hessen die preußische Gesetzgebung über die Eingangs-, Ausgangs- und Durchgangsabgaben annahm, hatte den wichtigsten Einfluß für den Verkehr in Deutschland. Die nächste Folge war der mitteldeutsche Handelsverein, der aufSachsens Anregung zwischen diesem Staate, Hanover, Kulissen, Braunschweig, Oldenburg und andern Bundesstaaten, welche die Ausdehnung des preußischen Zollvereins immer mehr abschnitt und in ihrem Verkehr beschränkte, 1828 geschlossen wurde, um den Handel der verbundenen Staaten zu befördern. Kaum war diese Übereinkunft in Wirksamkeit getreten, als die von Preußen mit dem bairisch-würtembergischen Zollvereine zur gegenseitigen Erleichterung des Verkehrs 1829 geschlossene Verbindung dem Handel Preußens und des mit ihm ver- !> 672 Deutschland bnndenen Großherzogthums Hessen eine neue Erweiterung gab, welche die preußische Regierung durch besondere Verträge über die Anlegung neuer, durch Thüringen nach Baiern führenden Straßen begünstigte. Kurhessen fand es endlich seinem Vortheil angemessen, sich 1831 dem preußischen Zollsysteme, meist unter den vom Großherzogthum Hessen angenommenen Bedingungen, anzuschließen; allerdings gegen die ausdrückliche Bestimmung des erst 18W bis 1840 verlängerten mitteldeutschen Vereins, der jede einseitige Anschließung an einen andern Zollverband verbietet und durch diese Trennung aus seinen Fugen gerissen wurde. Der preußische Zollverein, welcher durch die Verbindung mit den Staaten, die auch das preußische Zollsystem angenommen haben, und durch den Vertrag mit dem süddeutschen Verein einen großen Theil des Flächenraums der deutschen Bundesstaaten umfaßt und gewiß durch neue Anschließungen sich erweitern wird, ist zu einer politischen Erscheinung geworden, die nicht bloß für den Handel Deutschlands, sondern auch für eine innige Verschmelzung der Gesammtinteressen seiner Völkerstämme und als ein wirksames Mittel kraftvoller Einigung, als ein Mittel zur Unterdrückung des entsittlichenden Schleichhandels, wichtig werden kann. (Vergl. Deutsche Zoll- und Handelsvereine.) — Die vielfachen Hemmungen des Verkehrs in Deutschland und der Zollkrieg innerhalb seiner Grenzen hatten auch auf die Manufacturthätigkeit der deutschen Völker den nachtheiligsten Einfluß. Ware der Handel im Innern frei gewesen, so würden andere, aus ungünstigen Zeitverhältnissen hervorgegangene Hindernisse eines kräftigen Aufschwungs des Gewerbfleißes weniger störend gewesen sein. Aber wie konnten die Folgen der durch viele Umstände begünstigten Mitbewerbung der Fabriken des Auslandes, die Ausdehnung des Maschinenwesens, die Wirkungen des Misverhaltnisses zwischen Erzeugung und Verbrauch, des Mangels an Capitalien bei dem steigenden Spiel in Staatspapieren und die Nachtheile einer oft verkehrten Zollgesetzgebung überwunden werden, wenn sich der gelähmten Thätigkeit auch die deutschen Straßen verschlossen? Nur die Gewöhnung an rege Thätigkeit, nur die Genügsamkeit der Fabrikarbeiter auch bei kärglichem Erwerbe, oft auch die Anhänglichkeit an die Heimath, oder die Schwierigkeit, einen andern Lebensberuf zu ergreifen, konnten in manchen gewerbfleißigen Gegenden die Manufacturthätigkeit erhalten, die jeder flüchtige Hoffnungsschimmer neu belebte. Während in einigen größern Ländern, wie in Ostreich, durch streng geschlossene Mauthen abgeschieden, in Preußen, durch sein Zollsystem begünstigt, die Manufacturen aufblühten, verdorrten mehre Zweige des ehemaligen Gewerbfleißes in andern deutschen Ländern, oder konnten sich, wie in Sachsen, nur in stetem Kampfe mit Hindernissen und Unfällen erhalten. Die Noch der Zeit führte in mehren Gegenden Deutschlands zur Stiftung von Industrie - und Gewerbvereinen (s.d.), die den Zweck hatten, sowol die Gewerbsthätigkeit überhaupt zu beleben, als auch den Gewerbstand auf eine höhere Stufe der geistigen und technischen Bildung zu erheben, und das Gedeihen dieser Anstalten, wozu England das Vorbild gegeben hatte, ist um so erfreulicher, da sie, wie in Preußen und Sachsen, aus der Mitte und aus dem Bedürfnisse des Gewerbstandes selbst hervorgegangen und nicht künstliche Versuche der Staatsbevormundung sind. Es war auch das Bedürfniß einer Zeit, die dem Handelsverkehr des deutschen Binnenlandes so viele alte Märkte verschlossen hatte, was zur Stiftung vonSeehandelsvereinen führte, deren Unternehmungen hauptsächlich auf Westindien und das amerikanische Festland gerichtet waren, die 1821 gegründete rheinisch-westindische Compagnie, und die 1825 in Sachsen gestiftete elb-amerikanische Compagnie, die vorzüglich auf kn überseeischen Vertrieb sächsischer Gewerberzeugnisse gerichtet sein sollte. Während diese, durch Unglücksfälle erschöpft, sich 1830 wieder auflöste, erlitt die rheinischwestindische Compagnie, durch welche vorzüglich Preußen die Ausfuhr seiner Fabrikate nach den transatlantischen Ländern zu befördern sucht, zwar auch große Hchii Tis Deutschland 673 ^ UM» «B F-Ml Verluste, die meist durch den unruhigen Zustand der neuen südamerikanischen Staaten herbeigeführt wurden, aber die verstandig geleitete Anstalt blieb im Besitze des öffentlichen Vertrauens und fand trotz der Mitbewerbung der Englander und anderer mit dem Seehandel beschäftigten Völker für manche Erzeugnisse, die aus verschiedenen deutschen Landern nach Amerika gingen, einen so vorthcilhaften Wrkt, daß sie das Mislingen ihrer Unternehmungen in Ostindien und China verschmerzen konnte, und die Capitale ihrer Theilnehmer Zinsen trugen. Eine der bedeutendsten Erscheinungen der letzten Jahrzehende war auch in Deutschland die Wiederbelebung des religiösen Sinnes, auf welche die Ereignisse der Zeit und ihre Drangsale nicht wenig Einfluß gehabt hatten. Tiefere Gemüther, in der Schule des Lebens angeregt, mochten in dem Dunkel und den erschütternden Wechseln der Gegenwart ihre Blicke auf das Höhere und Unvergängliche richten, und wenn sie in der Schule des Wissens gelernt hatten, konnten die Formen des kirchlichen Glaubens dem erwachten religiösen Bedürfnisse noch weniger überall genügen, während Mindergebildete befriedigt waren, wenn das unklare Bedürfniß in dunkeln Gefühlen beruhigt wurde. Diesen neu erwachten Sinn für ihre Zwecke zu bearbeiten und zu benutzen, war die rückwärts strebende Partei, welche den Fortschritten der freiem Geistesentwickelung und des freien Staatslebens in Deutschland, wie in andern Ländern, entgegenwirkte, seit 1815 eifrig bemüht, und darin finden viele Erscheinungen der neuesten Zeit ihre Erklärung. Sie fand offene Ohren, wenn sie, der Vernunft und Geschichte zum Hohn, die Meinung einflüsterte, daß Menschen, von dem Nebel eines trüben Glaubens umfangen, sich leichter allen Zwecken der Herrscherwillkür hingeben, und man vergaß, daß Achtung vor dem Gesetze, die sicherste Bürgschaft der Ordnung und Ruhe im Staate, nur die Frucht einer klaren Erkenntniß und einer reinen Ansicht des öffentlichen Lebens sein kann. Was in der evangelischen wie in der katholischen Kirche sich regte, war mehr oder weniger die Folge der angedeuteten Stimmung der Gemüthek. In mehren Thei- lendes protestantischen Deutschlands, wo die seit 1817 begünstigte Vereinigung der lutherischen und calvinischen Glaubenspartei sich befestigte und in vielen Gegenden nicht bloß ein äußeres Band bildete, sondern auch die Gesinnung einigte, waren vorzüglich die Fortschritte einer frömmelnden Glaubensansicht und einer dem Rechte des freien Vernunftgebrauchs in Lehrmeinungen entgegenwirkenden Geistes- richtung merkwürdig. Diese, der freien Forschung und der Uberzeugungstreue, dem Grundsatze des Protestantismus, feindliche Partei des Pietismus wurde, mit Verfolgungssucht und Sektendünkel im Bunde, am lautesten in Halle, wo sie nur in der würdigen Haltung der preußischen Regierung ein kräftiges Hemmniß sind, wahrend sie in Würtemberg fanatisch ausartete oder in Sachsen unter mächtigem Schutze sich begnügte, Anhänger zu werben und zu begünstigen, Einfluß auf dm Volksunterricht zu gewinnen und der Verbreitung freisinniger Schriften entgegenzuarbeiten, oder in Bremen und in den preußischen Rheinprovinzen durch Verbreitung von trübseligen Schriften den gesunden Volksverstand verkrüppelte. Die römisch-katholische Partei verrieth mehr als einmal die Theilnahme, womit sie diese Ausartung des Protestantismus betrachtete, und äußerte laut, daß der Mvstmsmus im Schöße der protestantischen Kirche der einzige Hossnungsanker sch und niemand mochte es ihr ableugnen, daß der bequemste Weg nach Rom durch die Dämmerung führt. Wo diese Partei durch die Vorrechte einer herrschenden Kirche oder durch persönliche Verhältnisse begünstigt wurde, war sie bemüht, An- hanger anzulocken, und selbst gesetzliche Beschränkungen, wie seit 1827 inSach- d-), hinderten sie nicht, die verfassungsmäßigen Rechte der evangelischen Kirche zu verletzen. Der Jesuitenorden hatte zwar, außer Ostreich, noch in keinem rutschen Lande freien Autritt gefunden, aber manche rückgängige Strebungen, 'u welchen der Geist seiner Grundsätze zu walten schien, hatten in andern Ländern, Conv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 43 674 Deutschland wie in Baiern, den Argwohn erweckt, daß er heimliche Begünstigung finde, und ahnliche Besorgnisse veranlaßten in Sachsen das erste Beispiel in Deutschland, dem Orden durch eine constitutionnelle Verfügung für alle Zeiten die Aufnahme zu verwehren. So regsam aber die katholisch-hierarchische Partei war, die Macht des Kirchenthums neu zu stützen: im Innern der katholischen Kirche selbst bildete sich eine Stimmung, die immer unaufhaltsamer zu einer neuen Gestaltung ihrer Gesellschaftsverfassung, zur Befreiung vom Joche veralteter und drückender Satzungen drängte, und besonders in den Landern, wo die Volksbildung solche Umwandlungen vorbereitet hat, wie in Schlesien, im Rheinlande und in Schwaben, laut geworden ist und vorzüglich gegen den Coli bat (s. d.) sich erhoben hat. Das Verhältnis der katholischen Kirche zu dem Staate ist in allen deutschen Ländern, wo Protestanten und Katholiken unter einem Oberhaupte leben, durch Übereinkunft mit dem römischen Hofe geordnet, und fast von allen prötestantischen Fürsten für die, dem Staatsvermögen aufgebürdete Ausstattung der katholischen Kirche, ihrer Anstalten und ihrer Diener mit einer Freigebigkeit gesorgt worden, welche die Beschwerde der evangelischen über unverhältnißmäßige Begünstigung nur zu gegründet erscheinen läßt. (Vgl. Concordate.) Nach den neuesten Berechnungen leben jetzt in den deutschen Ländern unter sechs katholischen Fürsten über 14 Millionen Katholiken, wovon aber auf Ostreichs deutsches Gebiet allein 9 Millionen kom- und dritthalb Millionen Protestanten, dagegen unter.28 protestantischen men Fürsten und in den freien Städten gegen sechs Millionen Katholiken und über zwölf Millionen Protestanten. In den Staaten, welche den Kern des deutschen Volkes bilden, ist daher das Übergewicht des Protestantismus entschieden, und wenn die protestantischen Glieder des deutschen Bundes das Interesse des Protestantismus und mit ihm die Vortheile der geistigen Entwickelung beachten, wenn in den Grundgesetzen der einzelnen Dundesstaaten die Verhältnisse der Kirche zu dem Staate nach richtigen Grundsätzen geordnet werden, so kann man die, in der neuesten Zeit in Antrag gebrachte Wiederherstellung der ehemaligen Genossenschast der evangelischen Fürsten (Oorpus evunFeliconim) entbehren, ohne für den Protestantismus fürchten zu dürfen. Es ist wahr, Rom weicht nicht zurück, aber ihm gegenüber schreitet die Civilisation fort. Für die innere Befestigung der evangelischen Kirche kann jedoch eine Vertretung derselben durch gewählte örtliche Vorstände, wie sie in den neuesten Zeiten in mehren deutschen Staaten versucht oder eingeleitet worden ist, in Verbindung mit einer repräsentativen Synodalverfassung, wirksam werden, wenn die Freiheit der Kirchengemeindeglieder dabei nicht beeinträchtigt wird. Auch gegen Verirrungen im kirchlichen Leben wird die wirksamsten Mittel die Verbesserung des Schulwesens und der öffentlichen Bildungsanstalten gewähren, die in der neuesten Zeit in mehren deutschen Staaten beachtet worden ist. Preußen war seines alten Ruhms eingedenk, durch die Beförderung geistiger Bildung andern Ländern vorzuleuchten. Was bald nach den Unglücksfällen, welcke den Staat seit 1806 trafen, begonnen wurde, hat die preußische Regierung seit dem Frieden eifrig fortgesetzt, und sowol in den alten Besitzungen als in den neuerworbenen für eine durchgreifende Verbesserung des Jugendunterrichts in den wissenschaftlichen Lehranstalten und in den Volksschulen, sowie für die nothwen- dige Bedingung einer wirksamen Umbildung, die Verbesserung der Lage des Schullehrerstandes, gesorgt, und dadurch das glückliche Ergebniß herbeigeführt, daß Preußen zu denjenigen europäischen Ländern gehört, wo das Verhältniß des durch Unterricht gebildeten Theils der Bevölkerung am günstigsten hervortritt. Andere Staaten haben in der neuesten Zeit diesem wichtigen Gegenstande gleiche Sorgfalt gewidmet, wie Hanover, Braunschweig, Hamburg, Baiern, während in einigen durch die kräftige Anregung der Landstände, wie in den Großhcrzogthu- mern Hessen und Baden, oder durch das von der öffentlichen Stimme laut aus- Deutschland 675 gesprochene Bedürfniß gemahnt, wie in Sachsen, eingreifende Verbesserungen ausgeführt oder vorbereitet wurden. Es wurde dabei in mehren protestantischen Landern besonders auch die Nothwendigkeit gefühlt, die Leitung des Schulwesens einer eignen Behörde zu übergeben und es von der beschrankenden Bevormundung der kirchlichen Behörden zu befreien, der es zu seinem Nachtheil unterworfen gewesen war. Die Mängel des Unterrichts in den Gelehrtenschulen mehrer Lander, und das erkannte Bedürfniß, die Jugend für die erhöhten Ansprüche zu bilden, welche durch die Fortschritte der Civilisation und des Staatslebens herbeigeführt wurden, gaben in der neuesten Zeit Anlaß zur Aufregung des alten Streites über das Verhältniß, in welches die Gelehrtenschulen den Unterricht in den Sprachen des elastischen Al- terthums zu andern Zweigen der wissenschaftlichen Grundbildung zu stellen haben. Entgegengesetzte Ansichten sind in heftigen Kampf gerathen, aber es ist zu hoffen, daß die Lehranstalten des protestantischen Deutschlands den alten Ruhm der Gründlichkeit, den sie der Reformation verdanken, mit den'Bedürsnissen einer in Wissen- schastlichkeit und freier Weltansicht fortgeschrittenen Zeit vereinigen werden. (Vergl. Gymnasial wesen und Schulwesen.) Die deutschen Universitäten, diese Kleinode unserer Volkstümlichkeit, die allen ahnlichen Anstalten des Auslandes noch immer als Muster vorleuchten, haben sich in den meisten Staaten einer fortdauernden Sorgfalt zu erfreuen gehabt, und auch hier hat Preußen durch freigebige Gewährung von Lehrmitteln andern ein Beispiel gegeben. Das Lebensprincip dieser Anstalten, unbedingte Lehrfreiheit, hat zwar in neuern Zeiten keine offenen lähmenden Angriffe erlitten, aber es hat auch in Preußen nicht an Beispielen argwöhnischer Aussicht gefehlt, und noch immer ist unfern Hochschulen ein landesfürst- licher Wächter unmittelbar vorgesetzt, an die arglistigen Verdächtigungen erinnernd, die 1816 ein moldauischer Bojarensohn den deutschen Fürsten einzuflüstern sich für berufen'hielt, und deren man 1832 leider wieder gedacht zu Haben scheint. Möge man nie vergessen, daß diese Anstalten nur der treu geschützten Lehrfreiheit Alles verdanken, was sie sind! Wohlthätig hat ckian in einigen Staaten die akademischen Gesetze verbessert und sie auf die Grundsätze der allgemeinen Gesetzgebung über die Rechtspflege zurückgeführt. — Mehre deutsche Staaten dachten in der neuesten Zeit aus Mittel, den unverhältnißmäßigcn Zudrang zum Gelehrtenstande abzuhalten. Suchen wir die eigentliche Quelle dieser Studirsucht, so finden wir sie in un- serm bisherigen verderbten gesellschaftlichen Zustande, der das Streben der untern Volksclassen, aus welchen der Zudrang hauptsächlich hervorging, erweckte, in die höhern Kreise des Bürgerlebens aufzusteigen, um der Begünstigungen und Vorrechte theilhaft zu werden, die sie in den Reihen ihres Standes nie erwarten konnten. Je mehr nun das constitutionnelle Leben erstarken, das Staatsbürgerthum zu Ehren bringen und jedem Stande sein gleiches Recht gewähren wird, desto mehr wird allmälig der Reiz aufhören, in andere Reihen einzutreten, zumal wenn bei der Vereinfachung unsers künstlichen, durch Räderwerk überladenen Staatsmechanismus vor Aller Augen liegt, daß weniger Hände dabei gebraucht werden können. Gerade die Aussicht, nächst dem Weinberge des Herrn, im Eldorado des Staatsdienstes ergiebige Minen zu finden, erweckte ja besonders die Studirsucht. Kann aber der Staatsbürger in jedem Kreise einen geachteten Beruf finden, bietet sich bei der Ausbildung des Gemeindewesens eine ehrenvolle Theilnahme am öffentlichen Leben bar, so wird er sich lieber für den Kreis tüchtig machen, an welchen seine frühesten Gewohnheiten ihn binden. Ungerecht und gehässig ist das hier und da versuchte Mittel, die untern Stände auszuschließen, und aus einleuchtenden Gründen ein eben so bedenkliches Auskunftsmittel, von der auf einer gewissen Bildungsstufe "langten Befähigung einen Schluß auf Tüchtigkeit oder Untüchtigkeit zu machen. Qer Weg zur Bildung muß Jedem offen stehen, und mit der Gerechtigkeit allein vereinbar ist das in mehren Staaten, wie in Preußen und neuerlich in Sachsen, 43^ 676 Deutschland sDl-n°' gewählte Mittel, die Prüfungen der Stellenbewerber strenge zu handhaben und ADO sie nicht bloß auf die Berufsw-issenschaft— die Brotwissenschaft, wie der den ge- meinen Antrieb bezeichnende Ausdruck ist — zu beschranken, sondern auf die Grundlagen allgemeiner wissenschaftlicher Bildung auszudehnen. — Die Lehrer der deutschen Hochschulen, kaum tausend, bilden nur den zehnten Theil der fleißigen ^ M ^ ^ Schar, die jahrlich gegen 5000 Bücher aus den Markt bringt. Daß trotz den Stecklingen, die bei einer so erschöpfenden Zeugung nicht ausbleiben können, auch in den letzten fünf Jahren manche lebenskraftige Frucht uns erfreut hat, die den alten Geist der Wissenschaftlichkeit und des Kunstgeschmacks des deutschen Volkes bewahrt, wird schon ein flüchtiger Blick auf die deutsche L iteratur (s. d.) erkennen. Wenn es uns gelungen ist, die Zustande der deutschen Völker bis an die Schwelle der neuesten Zeit genügend darzustellen, so werden die Ereignisse des Jahres 1830, das für mehre Staaten einen neuen Zeitabschnitt bezeichnen sollte und die Keime der neuesten Entwickelung aussäete, uns in ihren Ursachen und in ihrer Bedeutung erklärlich sein. In jener Darstellung ist es begründet, daß die unruhigen Bewegungen, welche 1830 anhoben, nicht leicht in denjenigen Staaten entstehen konnten, wo das constitutionnelle Leben, wenn auch nicht völlig entwickelt, wenn auch nicht kräftig sich regend, nicht vollständig verbürgt, doch in seinen Grund Bildungszustand ihrer Bewohner längst zu gleichen Ansprüchen auf die politische Volljährigkeitserklärung befähigt hatte, zeigte später nur einen rückwirkenden Einfluß auf die Länder, wo seit Jahren die Volksrechte wenigstens durch den Buchstaben der Verfassungsurkunden gewährleistet waren, und wo man nun vollständige Bürgschaften foderte. Dieser Umstand widerlegt die Einflüsterung der Reactions- partei, daß die unruhigen Bewegungen, die Deutschland seit dem September 1830 erschüttert haben, nur aus fremder Aufreizung hervorgegangen; daß aber der große Sieg über die Willkürherrschaft, den das französische Volk errang, auch in Deutschland die Bande sprengte, haben Alle erkannt, die in Staaten lebten, deren Lage unbehaglich war. Was in Sachsen (s. d.) mehre Wochen vor jenen Ereignissen, bei Gelegenheit der kirchlichen Jubelfeier sich zutrug, war die Folge einer unbesonnenen Verletzung eines der theuersten Volksinteressen, wäre aber wahrscheinlich spurlos verschwunden, hätte nicht die große Kunde aus Paris die bewegte Masse wieder aufgeregt. Unter einer veralteten Verfassung mit abgenutzten Formen, die manches neue Flickwerk noch grotesker machte, unter einer schwerfälligen Verwaltung, deren Mängel in den höhern Kreisen des Staatslebens ebenso sichtbar waren als in den untern des Gemeindewesens, und die manche wohlthätige Einrichtung nicht zu voller Wirksamkeit gedeihen ließen, unter dem Einflüsse des Aristokratismus, unter dem Drucke eines verwickelten Abgabenwesens, der bei dem steigenden Nothstande noch mehr gefühlt wurde, hatte das Volk sich längst nach einer Verbesserung seines politischen Auslandes gesehnt. Aufstände, welche, meist durch örtliche Belastungen erregt, fast gleichzeitig in den beiden Hauptstädten des Landes ausbrachen und bald in andern Gegenden, wo auch eine unmittelbare Bedrückung reizte, nachgeahmt wurden, gaben allgemeinen Beschwerden laute Worte in dem Munde redlicher Sprecher. Rechtsgewährungen, welche den nächsten Beschwerden abhalfen, und eine den Wunsch des Volkes befriedigende Regierungsveränderung, die eine Bürgschaft für die Verheißung eingreifender Verbesserungen der Verfassung und Verwaltung des Landes gab, stillten die unruhige Bewegung, und von neuem Vertrauen belebt, kehrte das Volk bald in die gewohnte Bahn der gesetzlichen Ordnung zurück. — In Kurheff en (s. d.) hatte ein kräftiges und treues Volk die Bedrückungen und Verkehrtheiten ertragen, die der angestammte Fürst nach dem Sturze der Fremdherrschaft ihm mitbrachte, und obgleich sein Nachfolger bedingungen vorhanden war. Was zuerst in den Staaten entstand, welche der Deutschland 677 kn ItlH! dir lil« zrb-'^^ die Zöpft seiner Soldaten abschneiden ließ, so blieben doch die wiedereingeführten Vollbelastungen, und immer harter wurde der Druck der Willkürherrschaft. Der Funke, der aus Frankreich herüberflog, fand hier aufgehäuften Brennstoff. Ein drohender Aufstand bewog den Kurfürsten, die gegen die Gefetze des deutschen Bundes und der Landesverfassung seit Jahren nicht berufenen Stande zu versammeln, die alsbald mit der Bearbeitung eines neuen Staatsgrundgefetzes sich beschäftigten. — In Braunschweig (f. d.) hatte der Herzog Karl seit 1823 durch Zwistigkeiten mit seinem ehemaligen Vormunde, dem König von England, und durch die Nichtanerkennung der „in anerkannter Wirksamkeit bestehenden" landstän- dischen Verfassung sich in schwierige Verhaltnisse verwickelt und durch empörende Gewaltherrfchaft den Unwillen des Volkes gereizt. Die Landstande hatten bereits l8L9nach der, ihnen schon durch altere Gefetze ertheilten Berechtigung sich versammelt und die Hülfe der Bundesversammlung angerufen, welche zwar die Beschwerde des Königs von Hanover über die, ihm vom Herzoge zugefügten persönlichen Beleidigungen bald entschied und die Exemtion gegen Braunfchweig verfügte, über die Klage der Landstande aber erst 1830 einen günstigen Ausspruch that, als die Gewalt bereits den Knoten zerhauen hatte. Die Folge des furchtbaren Aufstandes in den Septembertagcn war die Vertreibung des Herzogs und der Übergang der Regierung an feinen Bruder, der durch einen Beschluß der Bundesversammlung anerkannt wurde, worauf 1831 eine Übereinkunft zwischen Hanover und Braunschweig den vertriebenen Herzog „wegen entschiedener Regie- rungsunsähigkeit" entsetzte und die Herrschaft dem Herzoge Wilhelm übertrug. — Ehe noch das verhangnißvvlle Jahr 1830 abgelaufen war, regten sich auch in H a- nover sf. d.) laute Klagen über vielfaltige Staatsgebrechen und harte Volksbedrückung. Trotz der alten Beschwerde über Aristokcatenherrschaft, war hier in frühern Zeiten so viel für die Belebung der geistigen und gewerblichen Kräfte gewirkt worden, daß Johannes Müller sagen durfte, das Land gehöre zwar hinsichtlich des Bodens zu den schlechtem, aber auch zu den Staaten, deren Verwaltung die Injurie der Natur mit väterlicher Sorgfalt wieder gut mache. Diese gute Außenseite verbarg die Krankheit, die an den edlem Theilen des Innern zehrte. Bei der Rückkehr des alten Fürstenstammes wirkte auch hier die Aristokratie mit Erfolg auf die Wiederherstellung der alten Feudalmisbräuche und drückenden Standesvorrechte, auf Erhaltung des Althergebrachten— Frohndiensie, Leibeigen- thumspflichtigkeit, Steuerbefreiung, Stadtrathsoligarchie, Zunftzwang und Tortur eingeschlossen —, und obgleich die Landstande 1819 eine neue Verfassung erhielten, die gegen den Volkswunsch zwei Kammern einführte, so gewannen doch ihre Rechte nicht die Bürgschaft, welche früher die Provinzialstände genossen hatten. Dumpfe Unzufriedenheit gährte fort im Volke, bis endlich nach einzelnen unruhigen Bewegungen seit dem September 1830, die zum Theil mit Waffengewalt unterdrückt werden mußten, im Januar 1831 drohende Aufstände in Göttingen und Osterode ausbrachen, während zu gleicher Zeit Gesuche um zeitgemäße Verbesserung der Verfassung an die Regierung gelangten. — Minder bedeutend waren in den stürmischen Septembertagen, die den Geist des Ausstand^ fast in alle deutschen Gauen trieben, die unruhigen Bewegungen in andern Bundesstaaten, die vergebens auf eine Verbesserung der Verfassung geharrt und ihren Unmuth über Misbräuche der Verwaltung lange verschlossen hatten; hier vorübergehende Pöbelausstände ohne politische Zwecke, dort ernstere Aufregungen, die durch Auge- Itändnisse und Verheißungen bald beruhigt wurden. So in Sachsen-Alten- (s. d.), wo Steuerbelastung, Beamtenwillkür und Verderbniß der städtischen Verwaltung aufregten, und das Beispiel des Nachbarlandes ermuthigte. In an- ern Ländern beschworen die Fürsten durch freundlich entgegenkommende Worte w drohende Gefahr, wie der Herzog von Sachsen-Meiningen, zu Eintracht, Ge- !> /I s, v' 678 Deutschland fetzlkchkeit und Vertrauen aussodernd; der Fürst von Schwarzburg-Sondershausen, der seinen Beamten ein freundliches, „dem Zeitgeiste angemessenes" Benehmen gegen die Unterthanen empfahl und eine Verfassung mit Volksvertretung verhieß; so der Großherzog von Oldenburg, der dasselbe Versprechen gab und die Neugestaltung der Verfassung alsbald auf der Grundlage einer Gemeindeordnung begann. Das gemeinschaftliche Ergebniß jener Bewegungen war die Umwandlung der alten standischen Verfassung in eine Volksvertretung, wobei die in den süddeutschen Staaten bestehenden Verfassungen mehr oder minder zum Muster dienten, wie in Sachsen die badische ausdrücklich zum Vorbilde genommen ward. In Sachsen wurde zu gleicher Zeit zur Umbildung des Städtewcsens geschritten, dessen Gebrechen und Verwaltungsmisbrauche den nächsten Anlaß zur Volksbewegung gegeben hatten. Eine andere gemeinsame neue Anstalt waren die Bürgergarden, die in mehren Staaten nach dem Ausbruche des Aufstandes gebildet wurden, um Freiheit und Eigenthum gegen die Gesetzlosigkeit zu schützen, und nach der Wiederherstellung der Ordnung vereinigt blieben, neue Störungen abzuwehren. Diese in ihrer Bedeutung wichtige Einrichtung erhielt in Kurhessen, Sachsen und Braunschweig ihre vollständigste Ausbildung, ward aber nur in Hessen durch die Verfassungsurkunde (§. 40) als eine bleibende Anstalt für die Städte und Landgemeinden verbürgt, wiewol die Bürgerbewassnung auch in Sachsen, unter einem General- commando aller städtischen Communalgarden vereinigt und durch eine besondere Verordnung eingerichtet, thatsachlich zu einer Landesanstalt sich ausgebildet hat. Gemeinschaftliche Grundzüge dieser Anstalt sind, daß jeder in selbständigen bürgerlichen Verhältnissen lebende waffenfähige Gemeindebewohner bis zum fünfzigsten Lebensjahre zum Eintritt in die Bürgergarde verpflichtet ist, daß die Mitglieder derselben ihre Offiziere und gewöhnlich auch ihre Unteroffiziere und eine Anzahl von Beisitzern der Verwaltungs- und Gerichtsbehörde der Bürgergarde durch Stimmenmehrheit wählen, und daß die Bürgerwehr unter den Befehlen der Eivil- behörden steht. Der Zweck der Bürgergarde ist die Mitwirkung zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe und gesetzlichen Ordnung; sie soll „dem Gesetz eine stets bereite Stütze schassen", wie das kurhessische Bürgergardengesetz vom 23. Ium 1832 sagt; in Kurhessen aber ist sie, nach jenem Gesetz und nach der Verfassungsurkunde, auch zur Landesvertheidigung gegen den eindringenden Feind, jedoch nur innerhalb der Grenzen des Staats, verpflichtet, wenn sie von dem Landesfürften mit Zustimmung der Landstände aufgerufen wird. Ist jener Zweck der nächste, so hat die bürgerthümliche Wehranstalt doch noch einen höhern, der in dem hessischen Bür- gergardengesetz angedeutet wird, wenn es (§. 50) von jedem Mitglieds das feierliche Versprechen fodert, auch zur Aufrechthaltung der Verfassung mitzuwirken, und einen nicht minder wichtigen, den die sächsische Verordnung über die Errichtung der Communalgarden vom 29. Nov. 1830 ausspricht, die Beförderung des bürgerlichen Gemeinsinnes. Als in der Stunde der Gefahr die Bürgerwehren sich bildeten, als die Fürsten eine Wache des Gesetzes suchten und vertrauend die Hand treuer Bürger bewaffneten, da traten diese überall zwischen Regierung und Volksaufstand schützend und erhaltend ein. Sie haben in jenen Augenblicken dunkel gefühlt, was später zu hellerm Bewußtsein gelangte, daß sie,'während sie auf der einen Seite die Gesetzlosigkeit abwehrten und niederdrückten, auf der andern eine Bürgschaft für Rechtsgewährungcn errangen, daß sie die Selbständigkeit des Bürgerchums ankündigten, daß es die Bestimmung dieser Anstalt war, zwischen Willkürherrschaft und Gesetzlosigkeit die Herrschaft einer gesetzlichen Verfassung hinzustellen. Bildet die Bürgerwehr sich weiter aus und gelangt mit ihr der con- stitutionnelle Geist zu voller Entwickelung, so wird sie auch zur Aufhebung bürgerlicher Ungleichheit beitragen, und ein Mittelpunkt werden, wo die Theilnahme am öffentlichen Leben gekräftigt wird, und je weiter sie über Deutschland sich ver- Deutschland 679 breitet, desto mehr muß sie endlich auch zur Verminderung der stehenden Heere führen, (S. Volksbewaffnun g.) Die Rückwirkung der unruhigen Bewegungen in' den Bundesstaaten, die I noch die wichtigsten Bürgschaften der Volksftciheit entbehrten, zeigte sich besonders gefährlich in den Landern, wo die Repräsentativverfassung noch nicht eine Wahrheit war. So im Großherzogthume Hessen (s.d.), dessen Bewohner durch hatten Steuerdruck, durch die Folgen eines, zum Theil aus verkehrten Verwaltungsmaßregeln hervorgegangenen Nothstandes, durch das Beispiel der stammverwandten Nachbarn zu furchtbaren Ausständen gereizt wurden, die meist nur mit schonungsloser Waffengewalt unterdrückt werden konnten, als sie bereits der Ansing eines neuen Bauernkriegs geworden waren. In Würtemberg (s.d.) ivurde, trotz manchen ahnlichen Beschwerden, die Ruhe nicht gestört, weil der Staatshaushalt gut geordnet war und die Verwaltung im Ganzen eine bürger- sreundliche Richtung hatte. Mehr Anlaß zur Aufregung zeigte sich inBaiern s.d.), wo neben manchen Verbesserungen in der Verwaltung, neben freigebiger Beförderung der Kunst und wissenschaftlicher Anstalten, Spuren des Einflusses einer Cabinetsregierung, ungleiche Bestcurung, Verfall des Handels und der Ge- werbsamkeit, zum Theil durch übereilte administrative Leitung, geheime Wirksamkeithierarchischer Bestrebungen in auffallenden Rückschritten zu geistiger Unfreiheit, sichtbar waren. Die Ruhe des Landes ward indeß nicht gefahrlich gestört; auf das kräftige Wort der nahen Ständeversammlung hoffte das Volk. Baden (s. d.) ging in ruhiger und gesetzlicher Haltung aus einer Gewaltherrschaft, die seine freien Ver- sissungssormen schnöde verletzt hatte, zu den glücklichen Hoffnungen über, die sein nruec Beherrscher erweckte.— Die gefährlichen Bewegungen, mit welchen Deutschend für die Schuld der Völkecführer büßte, hatten indeß auch die Bundesversammlung zur Thätigkeit aufgerufen, und auf einen Antrag, den Ostreich schon im Sept. IM machte, wurde am 21. Oct. beschlossen, daß sämmtliche Bundesregierungen zu i gegenseitiger Hülsleistung verpflichtet sein sollten, und wenn eine Regierung den Beistund eines benachbarten Bundesstaates anriefe, die Hülfe alsbald sollte geleistet werden. wobei zugleich die Censoren öffentlicher B lätter angewiesen wu-rden, alle Nachrich- > ten über aufrührische Bewegungen nur mit Vorsicht zuzulassen, auf die Bundcs- beschlüsse von 1819 zu achten, und auch die bloß mit innern Landesangelegenheiten ^ sich befassenden Blätter zu bewachen. Sie erwartete dagegen, daß die „Weisheit I der Regierungen" gerechten, auf gesetzlichem Wege angebrachten Beschwerden ab- ! helfen, die bundesgesetzlichen Verpflichtungen gegen ihre Unterthanen erfüllen, aber l eine unzeitige mit ihren Bundespflichten unvereinbare Nachgiebigkeit sich nicht gestatten werde. Es hatte einen bedeutenden Einfluß auf Deutschlands Angelegenheiten, daß bald nach jenen Bewegungen die Stände der beiden Staaten, wo das con- sticutionnelle Leben in seiner Ausbildung am weitesten gekommen war, in Naicrn und Baden, sich versammelten und die wichtigsten Fragen behandelten, während sie für die, ihren Verfassungen noch mangelnden Bürgschaften kämpften. War in Baiern durch das, von der Regierung behauptete und in einigen Fäl- t mit auffallend mistrauischer Besorgniß ausgeübte Recht, gewählten Staatsbeamten den Zutritt in die Kammern zu versagen, schon vor der Eröffnung der Ständeversammlung eine ungünstige Stimmung erweckt worden, welche durch gleichzeitige Beschränkung der Preßfreiheit noch mehr gereizt werden mußte, wurden durch den siegreichen Widerstand der Kammer der Reichsräthe gegen mehre wohlthätige Anträge der Abgeordnetenkammer die Gebrechen der Verfassung und 'Machtheile einer Spaltung der Volksvertretung noch sichtbarer, so verdankte wan doch der Beharrlichkeit freimüthiger Wortführer, außer einigen Verbesserungen in verschiedenen Verwaltungszweigen, die Aufhebung der Preßbeschränkung >irk z-N-Z«- 680 Deutschland ^ und die wirkliche Ausübung des ständischen Rechts, die höchsten Staatsbeamten ^ zur Verantwortung zu ziehen, indem ein Minister nur durch seinen Rückzug der Anklage entging. In erfreulicher Eintracht zwischen der Regierung und den Standen begann dagegen der Landtag in Baden, wo sich der Sinn für das öffentliche Le- den und der conftitutionnelle Geist in einer Ausbildung zeigten, wie nirgend in Deutschland. Trat auch hier die Adelskammer oft in hemmenden Widerstreit mit der Volkskammer, zumal wo es die Verfechtung von Standesinteressen galt, so zeigte sie sich doch durch den Einfluß freisinniger Manner in ihrer Mitte volks- fceundlicher als die Reichsräthe in Baiern; wogegen in der Volkskammer patriotische Sprecher nicht nur die wichtigsten Landesinteressen verfochten, sondern selbst die Bundesverhältnisse und die Nothwendigkeit dem Fürstenbunde eine organische, die staatsbürgerliche Freiheit in den Bundesstaaten sichernde Entwicklung zu geben, mit kühner Freimüthigkeit besprachen. Ihren Bemühungen verdankte Baden ein Preßgesetz, das am 28. December 1831 gegeben wurde, und die Censur aushob. — Wahrend dieser Verhandlungen gelangte Kurhessen am 5. Januar 1831 zum Besitze der freiesten Verfassung, die noch auf deutschem Boden gediehen, und sich auch dadurch auszeichnete, daß sie die Volksvertretung in einer Kammer vereinigte. Im Königreiche Sachsen wurden der, von der Regierung vorgelegte Verfassungsentwurf und die neue Städteordnung von den zum letzten Mal 'nach altem Herkommen versammelten Ständen verathen, und nach vielfachen Kämpfen zwischen streitenden Interessen ging endlich bei dem Entgegenkommen und dem redlichen Willen der Regierung aus den langen Verhandlungen am 4. Sept. 1831 ein Staatsgrundgesetz hervor, das trotz allen Mängeln der Wahlform und trotz der verfehlten Organisation der ersten Kammer, der Ausgangspunkt einer freien Entwicklung des constitutionnellen Lebens zu werden versprach. Die allgemeinen politischen Verhältnisse Europas blieben nicht ohne Einfluß auf die Bestrebungen der deutschen Staaten, dem Rechtszustande feste Grundlagen zugeben. Der Aufstand der Polen hatte, wie es viele Erscheinungen mehr als wahrscheinlich machten, den Plan zerstört, den stürmischen Bewegungen im westlichen Europa kräftig entgegenzutreten. Hörte man doch von einer „Mission" sprechen, die Herrschaft des monarchischen Princips gegen das Anwogen des revo- lutionnairen Geistes zu sichern! Auf den heldenmüthigen Kampf der Polen waren alle Blicke in Deutschland gerichtet, und während die Feinde der freien Staatseinrichtungen, die sich in den Bundesstaaten bildeten oder befestigten, nur schüchtern in ihren Gegenftrebungen waren, zeigten die Verfechter derselben einen desto frischem Much. Der unglückliche Ausgang des Kampfes ermunterte, wie überall, auch in Deutschland die Reactionspartei, und nicht mit Unrecht wurden manche Erscheinungen in den ständischen Verhandlungen verschiedener deutschen Staaten aus der neu erwachten Hoffnung erklärt, mächtige Verbündete gegen die Verthei- diger constitutionneller Freiheit zu erhalten. Jene Partei war es, welche, Mis- trauen aussäend, die Verhältnisse zwischen Fürsten und Völkern von Neuem zu verwirren trachtete. Die unfriedliche Stimmung, in welcher der bairische Landtag schloß, und die sich in dem empfindlichen und schroffen Tone des Landtagsabschieds auffallend verrieth, wirkte nachtheilig auf einen großen Theil des südlichen Deutschlands zurück. In Rheinbaiern, wo manche unerledigte Beschwerden, wie frühere Rückschritte, die öffentliche Meinung unter dem lebendigen, leicht erregbaren Volke verstimmt hatten, reizte besonders die Vereitelung der Hoffnung, ein freisinniges , " ^ Preßgesetz zu erhalten. Schon während des Landtags hatten Volksblätter, zuwei- len in Übertreibungen sich verirrend, diese Stimmung genährt, und die Maßregeln, Rd ^ welche die Regierung nach der bestehenden Preßgesetzgebung dagegen ergriff, ver- ^ mehrten die Aufregung. Es wurden Vereine zur Beschützung der Preßfreiheit ge- stiftet, die auch in die Nachbarlande sich ausbreiteten. Leicht konnten bei dieser Deutschland 681 gereizten Stimmung Entwürfe Gehör finden, die für alle Bedrängnisse der Gegenwart Hülfe in einer Umwandlung versprachen, welche die deutschen Völker in einer kraftvollen Einheit verbinden sollte, wiewol die Mehrzahl nur unklare Begriffe von solcher Einheit hatte, die der Besonnene allerdings auch für ein, nur auf andern Wegen zu erstrebendes würdiges Ziel hält. Die AnHanger solcher Plane veranstalteten in mehren Gegenden Süddeutfchlands Volksversammlungen, um auf die Masse zu wirken, und was bei dem Feste in Hambach gesprochen und verhandelt wurde, konnte freilich ängstliche Gemüther besorgt machen, obgleich eine, durch neues Festhalten an Gesetz und Verfassung starke Regierung vor der Verkündigung solcher Entwürfe schwerlich zu erschrecken brauchte. Jene Ereignisse aber gaben den Anlaß zu den Beschlüssen der Bundesversammlung, aus deren Inhalt hervorgeht, daß vorzüglich die Bestrebungen, die sich seit 1831 unter den Landständen mehrer Bundesstaaten regten, Besorgnisse erweckt haben. Ostreich, und Preußen machten in der Sitzung der Bundesversammlung am 28. Zun. den Antrag zu diesen Beschlüssen. Sie sollen sowol „die rohe Gewalt aufgeregter Volkshaufcn", als auch „eine in das verfassungsmäßige Gewand ständischer Opposition gekleideteAnmaßung des demokratischen, mit einer zügellosen Presse verbündeten Geistes" bekämpfen, welche „die Macht der Regierungen theils zu schwächen suchen, theils wirklich schon geschwächt und ihnen Zugeständnisse von Rechten abgenöthigt haben, oder noch abzutrotzen drohen, deren sie sich ohne Gefahr für die Erhaltung öffentlicher Ordnung und eines gesicherten gesetzlichen Zustande^ im wohlverstandenen Interesse ihrer Unterthanen nicht entäußern können". Die Mittel, welche der Antrag gegen diese „Grundübel" vorschlug, wurden nicht als neue bundesgesetzliche Bestimmungen, sondern als bloßeAnwendung der in der wiener Schlußacte von 1820 ausgesprochenen Grundsätze angekündigt. Die sechs Artikel, welche von den Gesandten sämmtlicher Bundesstaaten angenommen wurden, betrafen bloß die Verhältnisse der Landftände zu ihren Fürsten und zu dem Bunde. 1) Jedes Oberhaupt eines Bundesstaats ist, da der „Souverain" durch eine land- standische Verfassung nur in der Ausübung bestimmter Rechte an die Mitwirkung der Stände gebunden werden kann, zur Verwerfung eines damit in Widerspruchstehenden Gesuchs der Stände berechtigt und nach dem Zwecke des Bundes verpflichtet. 2) Da keinem deutschen Souverain durch die Landstände die zur Führung einer, den Bundespflichten und der Landesverfassung angemessenen Regierung erfoderlichen Mittel verweigert werden dürfen, so gehören Fälle, in welchen Landstände die Bewilligung der zur Führung der Regierung erfoderlichen Steuern auf eine mittelbare oder unmittelbare Weise durch die Durchsetzung anderer Wünsche und Anträge bedingen wollen, unter die Fälle, aufweiche die Art. 25 und 26 der wiener Schlußacte anwendbar sind, die bei einer „Widersetzlichkeit der Unterthanen gegen die Regierung" die Bundesglieder zu gegenseitiger Hülfleistung verpflichten. 3) Die innere Gesetzgebung der Bundesstaaten darf weder dem Bundeszwecke Eintrag thun, noch die Erfüllung anderer bundesgesetzlichen Verpflichtungen, und namentlich die dahin gehörige Leistung von Geldbeiträgen, hindern. 4) Es soll am Bundestage, vorläufig auf sechs Jahre, eine Commission ernannt werden, deren Bestimmung ist, auch von den ständischen Verhandlungen in den Bundesstaaten fortdauernd Kenntniß zu nehmen, die den Verpflichtungen gegen den Bund oder den durch die Bundesverträge gewährleisteten Regierungsrechten widerstreitenden Anträge und Beschlüsse zum Gegenstand ihre? Aufmerksamkeit zu wachen und der Bundesversammlung Bericht darüber zu erstatten, welche dann weitere Erörterungen mit den betheiligten Regierungen veranlassen soll. 5) Sämmt- äche Bundesregierungen verpflichten sich, zur Verhütung von Angriffen auf den Bund in den ständischen Versammlungen angemessene Anordnungen zu erlassen und ju handhaben, da nach Art. 59 der wiener Schlußacte „die Grenzen der freien Äuße- 682 Deutschland rung weder bei den ständischen Verhandlungen selbst noch bei deren Bekanntmachung" nicht auf eine, die Ruhe des einzelnen Bundesstaats oder des gesammten Deutschlands gefährdende Weise überschritten werden dürfen. 6) Zu einer Auslegung der Bundesacte und der wiener Schlußakte mir rechtlicher Wirkung ist ausschließend der deutsche Bund berechtigt, der dieses Recht durch die Bundesversammlung ausübt. Die deutschen Völker erkannten, welche Folgerungen sich aus jenen Beschlüssen bei der Anwendung ableiten lassen, und überall ward eine Stimme der Besorgniß laut, welche mehre Bundesregierungen bei der Bekanntmachung der Verordnung zu beruhigen suchten. In der Abgeordnetenkammer zu Hanover, die jetzt über das neue Staatsgrundgesetz Berathungen pflegt, wurde der Antrag zu einer feierlichen Erklärung gegen die Bundesbeschlüsse gemacht, und die kurhessi'sche Ständeversammlung war im Begriff ernstlichere Schritte zu thun, als sie am 26. Jul. aufgelöst wurde. Wie viele kräftige Stimmen, stark durch ihre Freimütigkeit, würden jetzt laut werden, wenn alle constitutionnelle Staaten jährliche Landtage hätten! Die Bundesversammlung, die in ihrem Beschlüsse vom 28. Iun, eine gleichförmige bundesgesetzliche Verfügung über die Angelegenheiten der Presse angekündigt hatte, unterdrückte nicht nur die im Großherzog- thume Baden erschienenen Zeitschriften: „Der Freisinnige" lind „Der Wächter am Rhein", sondern verfügte auch am 5. Jul., daß keine in einem, nicht zum Bunde gehörenden Staat in deutscher Sprache erscheinende Zeitschrift, oder nicht über 20 Bogen starke Schrift politischen Inhalts, ohne Genehmigung der Regierungen zugelassen und verbreitet werden soll. Sie verbietet zugleich alle außerordentlichen Volksversammlungen und Volksfeste, ohne vorausgegangene Genehmigung der Behörden, und befiehlt, daß auch in erlaubten Volksversammlungen nicht öffentliche Reden politischen Inhalts gehalten werden sollen; sie verbietet das Tragen von Abzeichen in Bändern und Kokarden von andern Farben als der Landesfarbe, und die Errichtung von Fahnen, Freiheitsbäumen und „andern Aufruhrzeichen"; sie schärft die 1819 erlassenen und 1824 bestätigten Bundesbeschlüsse über die Bewachung der Universitäten und öffentlichen Lehrer dringend ein; sie verfügt polizeiliche Wachsamkeit auf alle Einheimische, die durch Reden, Schriften oder Handlungen ihre Theilnahme an aufrührischen Planen offenbart oder Anlaß zu Verdacht gegeben haben, und ermahnt zu strenger Aufmerksamkeit auf Fremde, die sich wegen politischer Vergehen oder Verbrechen in einen Bundesstaat begeben haben, und spricht endlich die Verpflichtung der Bundesregierungen aus, Diejenigen, welche, um der Strafe für ein in einem Bundesstaate begangenes politisches Vergehen oder Verbrechen sich zu entziehen, in ein anderes Bundesland geflüchtet sind, sogleich auszuliefern. In derselben Sitzung ward ein anderer Donnerkeil geschmiedet, der eben jetzt aus der dunkeln Wolke herabfahrt. Alle Bundesglieder erklärten „einmüthig" in einem Beschlüsse, daß das badische Preßgesetz vom 28. Dec. 1831 mit der dermaligen Bundesgesetzgebung über die Presse unvereinbar sei und „daher nicht bestehen dürfe", nachdem früher die einzelnen Bestimmungen jenes Gesetzes, welche „als Anlaß zu dieser Erklärung betrachtet werden müssen", in einem besondern Bundescommissi'onsberichte waren verzeichnet worden. So sagt der Großherzog in einer Verordnung vom 23. Jul,, welche jenes Preßgesetz für unwirksam erklärt, insoweit es der Commissionsbericht mit der Preßgesetzgebung des Bundes im Widerspruche gefunden. Es sollen fortan alle Zeitungen und Schriften unter 20 Bogen einer „vorgängigen Genehmigung" der Behörde unterworfen werden, und die Öffentlichkeit des Verfahrens wegen Preßverbrechen und Preßvergehen, wie das badische Gesetz sie anordnete, wird aufgehoben. Die Behörden, welche die Druckerlaubniß ertheilen, sind die örtlichen Polizeibehörden, und sie sollen sich nach den Bundesbeschlüssen von 1819 in ihren Entscheidungen richten. So ward ein Gesetz, das ein Bundessürst mit S"A> '1 Ärlmdelti Galanten, G D nach der g -Mm Mge ach '''Md auf der ÄeMt< Hn zu Kchmsdrr z DeschchBt und -ia Nweichunzen, viel Wehms darüber siede »iWr's Journal", I - Da der Dianm : HS Anderes als du Mrtizmg künstlich Di«nlen keinesw cheu, H darar HrGDAW ^amanlen Wün st Schwefes Mr man stein der H ^"och kimnalbei 5? '«enhü Diamanten 683 verfassungsmäßiger Zustimmung der Landftände gegeben hatte, kraft eines Bundesbeschlusses aufgehoben, obgleich nach der „in anerkannter Wirksamkeit bestehenden" Indischen Verfassung Badens (H. 65) zur Abänderung der geltenden Gesetze die Zustimmung der absoluten Mehrheit einer jeden der beiden Kammern erfoder- lich ist. Dies sind die neuen Satzungen im öffentlichen Rechte der Deutschen, über welche neulich ein Engländer in der ersten Entrüstung ausrief: „Die Deutschen müssen, werden aufrecht stehen!" Bei dem Blick auf die Stimmung unter den Völkern aber möchten wir mit einem deutschen Staatsrechtslehrer des 17. Jahrhunderts sagen: „Wie auch Andere urtheilen und meinen mögen, am Haupte oder an den Füßen und an den übrigen Gliedern unsers Reichs zu heilen, stets besorgt vor der neuesten Wunde und unbekümmert um das'höchste Übel, ich erachte es vor Allen nothwendig, das Herz mit sanfter Hand und sanften Mitteln zu behandeln, oder unverblümt zu reden, die Ursachen der Zwietracht zu vertilgen und die Gemüther zu versöhnen." (52) * Diamanten. Man machte 1829 die Entdeckung, daß, was Engelhardt schon früher nach der geognostischen Beschaffenheit des Urals vermuthet hatte, in diesem Gebirge auch Diamanten vorkommen. Der erste Diamant daselbst ward auf der Westseite dieses Gebirgs, in den graflich Schuwalofsschen Goldwaschen zu Krestowosdwischenski zufällig gefunden. Diese Gegend hat in ihrer Felsbeschaffenheit und in der Art, wie sich der Diamant findet, neben manchen Abweichungen, viel mit den Diamantdistricten Brasiliens gemein. Ausführlicheres darüber siehe in einer kleinen Schrift von Göbel: „Die Lagerstatte der Diamanten im Uralgebirge u. s. w." (Riga 1830); im Auszug in „Schweigger's Journal", I.XI, 422; oder Poggendorff's „Annalen", XX, 5Z4, — Da der Diamant nach den genauesten Untersuchungen der Chemiker nichts Anderes als die reinste krystattisi'rte Kohle ist, so gehört die mögliche Verfertigung künstlicher, mit den natürlichen vollkommen übereinkommender, Diamanten keineswegs in dieselbe Classe der Chimären als das Goldmachen, indem es bloß darauf ankommt, reine Kohle in krystallisi'rten Zustand zu versetzen, womit zugleich die von der regelmäßigen Anordnung der Theil- chen abhängige Durchsichtigkeit und die übrigen physikalischen Eigenschaften des Diamanten gegeben sein würden. Da es nun bei vielen andern Körpern, z, B. dem Schwefel, vielen Oxyden und Schwefelmetallen u. f. w. gelungen ist, dieselben künstlich mit denselben physikalischen Eigenschaften krystallisirt zu erhalten, als man sie in der Natur findet, so steht nichts im Wege, anzunehmen, daß dies auch noch einmal bei der Kohle gelingen wird. Jndeß sind doch alle bisher hierzu versuchte Wege fruchtlos gewesen. Zwei in neuern Zeiten in diesem Bezüge unternommene Versuche haben ziemliches Aufsehen erregt, weil man voreilig das Problem dadurch für schon gelöst erklart hatte; daher mögen sie, ungeachtet sich ihr Resultat zuletzt in Nichts ausgelöst hat, des geschichtlichen Interesses wegen mvahnt werden. Silliman und Hare, zwei amerikanische Physiker, kündigten an, büß sie durch die außerordentliche Hitzewirkung starker galvanischer Apparate Kohlenstoff, wenn auch nicht in krystallisi'rtem, doch in geschmolzenem, durchsichtigen Zustande erhalten hatten; es scheint aber, daß die beobachteten geschmolzenen Kü« gelchen von in der Kohle vorhanden gewesener Kieselerde herrührten, denn wiewol jene Beobachter dies nicht haben zugeben wollen, hat man doch von einem weitern Erfolge ihrer Versuche nichts wieder gehört. Noch mehr Aufsehen machte die Angabe Gannal's, eines Franzofen, daß er durch langsame Einwirkung des Phosphors auf Schwefelkohlenstoff die Ausscheidung des Kohlenstoffs in krystattinischem Zustande mit den Eigenschaften des Diamanten bewirkt habe; ja die dafür angeführten Belege schienen an der Richtigkeit hiervon keinen Zweifel zu lassen; dessen- 5-i v, 684 Diebitsch-Sabalkanski ungeachtet hat sich später ergeben, daß die beobachteten Krystalle nichts als Phos- phorkrystalle waren, und auch Andern ist es bei Wiederholung von Gannal's Versuchen nicht gelungen, Kohlenstoff dadurch krystallisi'rt zu erhalten. Näheres über diese Versuche s. u. a. in Poggendorff's „Annalen", XIV, 387, XV, 311; Kästners „Archiv", XVI, 154; Schweigger's „Journal", I.VI, 249; Brandes' „Archiv", XXXIII, 294. (11) Diebitsch-Sabalkanski (Hans Karl Friedrich Anton von Diebitsch und Narden,Grafv.), aus einem altadeligenHause, wurde am 13. Mai 1785 ausdem im trebnitzer Kreise gelegenen Rittergute Großleippe im Herzogthum Schlesien geboren. Einer seiner Ahnherren hatte sich schon in der Mongolenschlacht bei Liegnitz ausgezeichnet. Sein Vater, Hans Ehrenfried, ein wissenschaftlich gebildeter Mann (früher Major in der Adjutantur Friedrichs des Großen, mitthätig im siebenjährigen Kriege, von Friedrich Wilhelm II. zum Oberstlieutenant und Flügeladjutanten befördert, meist aber seitdem auf seinem Gute im Kreise der Seinigen lebend, später in russische Dienste übertretend, erst bei der Jnspection der Gewehrsabrik zu Tula angestellt, nachmals zum Generalmajor erhoben), hatte die Erziehung bis zum zwölften Jahre zum Theil selbst geleitet, und dann ihn 1797 nach Berlin ins Cadetten- corps gebracht, wo des Sohnes Aufnahme in dem noch nicht vollendeten zwölften Jahre, das gesetzlich erfoderlich war, einige Schwierigkeit fand, die jedoch das anhaltende Dringen des Knaben und die mit ihm angestellte Prüfung und Erprobung seiner Kenntnisse, die weit über sein Alter befunden wurden, besiegten. Der Vater, als Generalmajor in der Suite des Kaisers Paul, bat diesen, den Sohn in seine Dienste zu nehmen und, auf besonderes schriftliches Gesuch des Kaifers, nach vorheriger Weigerung des Sohnes, der aus dankbarer Ergebenheit nicht aus dem Vaterland und dessen Dienste scheiden wollte, erhielt dieser 1801 seinen Abschied und begab sich nach Petersburg, wo kurz vor seiner Ankunft Alexander den Thron bestiegen hatte, der dem jungen D. zum Eintritt in eins der Garderegimenter die Wahl ließ. Im semenowschen Grenadier-Garderegiment, welchem der Kaiser, als Großfürst, selbst vorgestanden hatte, machte er den Feldzug von 1805 mit. Bei Austerlitz in das Innere der rechten Hand verwundet, bekundete er seine ruhige Fassung, indem er, trotz des bedeutenden Blutverlustes und des brennenden Anschwellens der Hand, diese mit dem Taschentuche verbindend, den Degen in der Linken, kaltblütig fortfocht. Sein unerschrockenes Benehmen blieb nicht unbelohnt; er erhielt einen goldenen Ehrendegen mit der Aufschrift: „Für Tapferkeit". In den Schlachten von Eylau und Friedland wurde er zur Aner- kenntniß seines Heldenmuths außer der Reihe zum Hauptmann befördert, und Mit dem St.-Georgsorden und dem Orden pcmr !e merite belohnt. Bis 1812 denutzte er die Waffenruhe zur Ausbildung in den Kriegswissenschaften und bat darauf— ein Gerücht sagt, die Weigerung des Kaisers bei Gelegenheit eines hohen Festes, auf der Parade einen Rapport von D. anzunehmen, habe ihn dazu veranlaßt; ein anderes :der Kaiser habe ihn seiner kleinen Statur wegen für unpassend zu einem gewissen Ehrendienst erklärt —^ nach Einigen um Entlassung, nach Andern um Versetzung in den Generalstab. Letztere erfolgte bald darauf, sowie die Anstellung um die Person des Generals Wittgenstein, womit D.'s hervorragendere Laufbahn begann. In den blutigen Tagen des 18. und 19. Ott. 1812, an der Spitze von 3000 als Landwehr eingetroffener Bauern eine Brücke deckend, deren Behauptung das Wittgenstein'sche Corps zugleich vor großem Verluste deckte, dabei verwundet, erwarb er sich den Rang eines Generalmajors und mehre Orden. Siegreich ging er mit der Avantgarde des Wittgenstein'schen Corps über die preußische Grenze und wurde bei Tauroggen zwischen die Heeresabtheilungen des Marschalls Macdonald unter das preußische Hülfscorps unter Pork geworfen. In einer Unterredung mit dem preußischen General bot er alle Gründe auf, um ihn zu Diebilsch -Sabalkanski 685 lA'' S bewegen, Napoleons Sache zu verlassen, und seine Beredsamkeit siegte. Die Ca- pitulation wurde abgeschlossen und die Ausführung dieses so wichtigen und erfolgreichen Geschäfts erwarb D. den St.-Annenorden erster Classe. Als Generalquartiermeister seines Corps rückte er mit diesem in Berlin ein. Hier war es, wo er beim Einrücken selbst, eingedenk seines Aufenthalts und seiner Erziehung im Ca- dettencorps, in dankbarer Erinnerung, die Spitze seines Corps in der Königsstraße verließ und dem Cadettencorps zusprengte, um seine alten Lehrer, besonders den würdigen Professor Wippel, den er mit kindlicher Dankbarkeit liebte, zu begrüßen. Auch 1830 wiederholte er diesen Besuch, der ihn als Mensch in jeder Art ehren- werth hinstellt. Am Abend der Schlacht bei Lützen bemerkte D. mehre Offiziere, die an der gefahrlichsten Stelle dem stärksten feindlichen Feuer ausgesetzt waren, und als er sich näherte, fand er den General Pork, der auf dem Schlachtfelde den Tod suchte. Verzweifelnd antwortete der General auf D.'s Vorstellungen: „Sie waren es, der mich zu einem Schritte beredete, welcher mir bis jetzt keinen Lohn gebracht hat, und Napoleon triumphirt dennoch. D. siegte noch einmal durch seine Veredtsamkeit und Nock verließ das Schlachtfeld. Später wurde D. in Schlesien als Generalquartiermeister zu Barclay de Tolly's Armeecorps versetzt, und dazu benutzt, den geheimen Vertrag zu Reichenbach vom 14. Jun. 1813 zwischen Rußland, Oftreich, Preußen und England abschließen zu helfen. Seine Brust wurde mit Orden überdeckt. In der Schlacht bei Dresden wurden D. ztvei Pferde unter dem Leibe erschossen. Nach der leipziger Schlacht wurde er außer der Reihe, erst 28 Jahre alt, zum Generallieutenant ernannt. Großen Antheil hatte er an dem Wiedervorrücken der zurückgedrängten Verbündeten auf Paris, indem er mit Nachdruck gegen den besprochenen Rückzug sprach. Alexander umarmte ihn am Tage des Einrückens in Paris (es war der Geburtstag seines greisenden Vaters in Petersburg) auf dem Mont-Martre und hing ihm den Alexander-Newskiorden um. Nach dem Frieden vermählte D. sich 1815 zu Warschau am Iahrstage dieses Einzugs mit einer Nichte des Fürsten Barclay de Tolly, Jenny Baronesse von Tornau, damals 15 Jahre alt. Vom Congresse zu Wien 1815 sandte ihn Alexander als Chef des Generalstabes zum ersten Armeecorps, bis er ihn wieder als seinen Generaladjutanten zu sich berief. D. wurde 1820 Chef des großen kaiserlichen Generalstabes, und als solcher nahm er zugleich die Stellung eines Majorgenerals des sammtlichen Heeres ein. Auf der Reise Alexanders nach Taganrog, wo dieser starb, bei der zu Petersburg später ausbrechenden Meuterei, in der Sendung mit der Nachricht vom Tode des Kaisers an Konstantin nach Warschau und der nach Moskau zur Empfangnahme und Begleitung der Leiche, zeichnete er sich als Staatsmann und Mensch aus. Auch Nikolaus schenkte ihm.sein Vertrauen und ernannte ihn anfangs zum Baron, nachmals zum Grafen. Im türkischen Feldzuge, vom Frühjahr 1828 an bis zum Frieden von Adrianopel 1829, machte er seinen Ruhm durch die Eroberung Varnas und nachdem er im Februar 1829 den Oberbefehl übernommen, durch den Übergang über den Balkan (daher S ab a l- kans ki) zu einem europäischen. Seine Thaten von hier an gehören der Geschichte an. (Vergl. Türkei.) Es scheint, als habe er nach dem Frieden die Absicht gehabt, die russischen Dienste zu verlassen und, fern vom gefährlichen Neide der moskowitischen Großen, in Schlesien sich niederzulassen. Nach einem längern Aufenthalte in Berlin reiste D. am 17. Dec. 1830 von Petersburg ab, um den Feldzug gegen die Polen zu eröffnen, und überschritt mit seinem Heere am 25. Jan. 1831 die polnische Grenze. (S. Polen.) Bald nach der blutigen Schlacht bei Ostrolenka verlegte er sein Hauptquartier nach Kleczewo bei Pultusk, wo er in der Nacht des 9. Jun. von der Cholera befallen, am folgenden Morgen starb, nachdem kurz vorher der Graf Orloff aus Petersburg angekommen war, um die Lage der Dinge an Ort und Stelle zu untersuchen. Seine Leiche wurde nach Petersburg 686 Dieffenbach Dienstpragmatik gebracht, sein Herz aber in der Kathedralkirche zu Pultusk beigesetzt. Vergl. Bel- mont's (Schönberg's) „GrafDiebitsch-Sabalkanski" (Dresden 1830) und Stür- mer's „Der Tod des Grafen Diebitsch-Sabalkanski" (Berlin 1832). (9) Dieffenbach (Johann Friedrich), einer der genialsten unter den jetzt lebenden deutschen Operateurs, ist zu Königsberg in Preußen 1795 geboren. Zu Rostock erzogen, besuchte er seit 1809 das dortige Gymnasium und studirte daselbst seit 1812, sowie spater zu Greifswald, Theologie. 1813 trat er als reitender Jäger unter den mecklenburgischen Truppen in die Reihen der deutschen Freiheitskampfer ein und ergab sich dann 1815, nach seiner Rückkehr aus Frankreich, aufs Neue dem Studium der Theologie, was er jedoch bald mit dem der Medicin vertauschte, namentlich sich dem chirurgischen Theile der Kunst hingebend. Von Wien aus, wohin ihn Walther's Ruf gezogen hatte, begleitete er 1821 eine erblindete Dame als Arzt nach Frankreich, und ging ein Jahr spater nach Marseille, mit der Absicht, sich nach Griechenland einzuschiffen, um für dessen Befreiung thatig mitzuwirken. Familienverhältnisse ri.fen D. jedoch ins Vaterland zurück, und noch im Winter 1822 nahm er zu Würzburg die Doctorwürde, bei welcher Gelegenheit er durch seine Jnauguralschrift über die Transplantation thierischer Stoffe, die in ihren Folgen so wichtig zu werden versprach und es gerade für D. auch geworden ist, zuerst die Aufmerksamkeit auf sich leitete. Von Würzburg ging er nach Berlin, wo sein sehr bald erkanntes operatives Talent ihm schnell die öffentliche Anerkennung gewann. Auch der Staat erkannte seine Bestrebungen, indem D. 1830 durch die Stellung als dirigirender Wundarzt einer chirurgischen Abtheilung des Charite'-Krankenhauses dazu berufen ward, die augenblickliche Lücke eines ausgezeichneten Operateurs an dieser herrlichen Anstalt auszufüllen. In derselben Absicht wurde er gleichzeitig zum Mitglieds der medicinischen Oberexaminationscommission ernannt. Im Mai 1832 erhielt er auch eine außerordentliche Professur an der berliner Universität. D. hat das unleugbare Verdienst, den schönsten Zweig der Operativchirurgie, die bildende und ersetzende Wundarzneikunst, im Gegensatze zu der brennenden, sengenden und verstümmelnden, in der neuern Zeit zuerst wieder aufgenommen und vorzugsweise mit Liebe und Glück gepflegt zu haben. Seine Methoden der künstlich.n Nasen-, Lippen-, Wangen-, Augenlider-Bildung u.s.w. sichern seinem Namen ein dankbares Andenken in der Geschichte der Chirurgie. Zu vielen andern Operationen, wie z. B. zur Heilung des eingerissenen Dammes, zur Trennung der angeborenen Verwachsung der Finger, zur Heilung des gespaltenen Gaumens u.s. w., hat ihm sein erfinderisches Talent die glücklichsten technischen Verbesserungen eingegeben. Wenn hier nicht der Ort ist, näher auf diese Technicismen einzugehen, so darf doch dar auf hingedeutet werden, daß D. mehr als irgend einer der jetzigen deutschen Chi rurgen sich bestrebt, die Technik zu vereinfachen, und nicht, wie viele seiner Colle gen, seine chirurgische Unsterblichkeit an ein griechisch getauftes Häkchen oder Messen chen eigner Erfindung knüpft. Von seinen Schriften, die, der Form und dem Style nach, der letzten Feile freilich oft entbehren, verdienen, als ausgezeichnet durch Wesen und Gehalt, seine lehrreichen „Chirurgischen Erfahrungen, besonders über die Wiederherstellung zerstörter Theile des menschlichen Körpers" (2 Theile, Berlin 1829 — 30), seine Fortsetzung des Scheel'schen Werks: „Die Transfusion des Bluts und die Einspritzung der Arzneien in die Adern" (Berlin 1828) und seine physiologisch-chirurgischen Beobachtungen über die Cholera hier hervorgehoben zu werden. (28) Dienstpragmatik. Unstreitig gehören die Verhältnisse des Staatsdienstes zu den wichtigsten im Staatsleben, und feste Gesetze darüber: wer als Staatsdiener zu betrachten ist; unter welchen Bedingungen die Anstellung stehen sott; inwiefern der Staat für die Handlungen der Diener haftet, und diese selbst Dienftpragmatik 687 ß» .»«Äo mit Klagen verfolgt werden können; über die Versetzung und Entlassung der Beamten — sind überall zu wünschen. Man findet daher auch in den Constitutionen der neuern Zeit mancherlei und zum Theil sehr abweichende Bestimmungen; zuweilen wird auf ein besonderes Gesetz verwiesen (königlich sächsische Verfassung, §.44; kuchessische Verfassung, §. 62); manche schweigen ganz über diesen Gegenstand (z. B. Sachsen-Altenburg). Baiern erhielt schon am 1. Januar 1805 ein ausführliches Gesetz über Anstellung, Entlassung und Pensionirung der Staatsdiener, wozu auch die Hofdienerschaft gezahlt wird (abgedruckt in Gönner's Schrift: „Der Staatsdienst aus dem Gesichtspunkte der Nationalökonomie", 1808) und eine spatere vom 26. Mai 1818; so auch Baden ein Edict über die Rechtsverhaltnisse der Staatsdiener vom 80. Januar 1819; Hessen-Darmstadt eine Dienstpragmatik vom 8. Mai 1820; desgleichen Würtemberg vom 28. Jun> 1821; Sachsen-Koburg vom 20. August 1821; Kurhessen vom 8. Marz 1831. Die französische Charte verfügt darüber sehr kurz; sie sagt Art. 14 (jetzt Art. 13): „Der König ernennt zu allen Ämtern der öffentlichen Verwaltung", und Art. 54 (jetzt Art. 49): „Die vom König ernannten Richter sind unabsetzbar". Ebenso drückt sich die belgische Verfassung aus: „Der König ernennt und entlaßt die Minister. Er vergibt die Stellen in der Armee. Er ernennt zu den Ämtern der allgemeinen Verwaltung (nicht der localen) und der auswärtigen Verhaltnisse, mit Vorbehalt der durch Gesetze bestimmten Ausnahmen. Zu andern Ämtern ernennt er nur vermöge ausdrücklicher gesetzlicher Bestimmung." (Art. 65 und 66.) „Die Richter werden (nur zum Theil vom Könige, Art. 99) auf Lebenszeit ernannt, und können nur durch gerichtliche Erkenntnisse entsetzt oder suspendirt, auch ohne ihre Einwilligung nicht versetzt werden" (Art. 100). — Wenn man nun die einzelnen Fragen etwas näher betrachtet und die in den verschiedenen Staaten aufgestellten Grundsatze mit einander vergleicht, so darf man sie dabei nicht isolirt, sondern nur in ihrem Zusammenhang auffassen. Es wird Niemand im Ernste daran denken, das englische System der bekannten Sinecuren in seinem Princip zu vertheidige n, indem es an sich gewiß der gesunden Vernunft zuwider ist, Besoldungen ohne irgend eine wirkliche Dienstleistung zu geben; allein wenn man nun sagt, daß in England alle Verwaltungsbeamten beliebig entlassen werden können, so musi man mich in Anschlag bringen, daß sehr viele von ihnen, während sie im Amte, und wenn man will, während ihre Freunde und Gönner im Besitze der Gewalt sind, solche Stellen erhalten, welche ihnen bei dem Austritt aus ihrer eigentlichen Dienststelle als Pension dienen. So ist auch die willkürliche Absetzbarkeit der Be amten in genauer Verbindung mit der Verfassung und dem Geist ihrer Verwaltung. In einem Staat, in welchem die Administration von der Majorität großer repräsentativer Corporationen abhängt, ist die Entlaßbarkeit der Beamten, die Nichter ausgenommen, schlechterdings nothwendig, denn es wäre durchaus unmöglich, Grundsätze in der Verwaltung mit Staatsdienern durchzuführen, welche einer Partei von ggnz entgegengesetzten Ansichten zugethan sind. Hingegen in einer andern Verfassung, in welcher eine fester ausgebildete Beamtenhierarchie statt- slndet, und besonders durch die Collegialverfassung der Wechsel der Grundsätze erschwert wird, auch die Minister nicht durch die Öffentlichkeit und Bedeutsamkeit ^parlamentarischen Verhandlungen controlirt werden, ist die größere Festigkeit ^'r Staatsbeamten auf ihren Stellen der einzige Damm, welcher der Willkür und brm Ministerialdespotismus entgegengesetzt werden kann. Mit dieser Collegial- ^rsassung steht aber noch eine andere Seite in genauer Verbindung, nämlich die >pttisilcre Vorbereitung der Diener und das Aufsteigen derselben durch alle Stufen Dienstes; das Dienen, wie man sagt, von der Pike an. Man wendet dctge- M ein, daß in diesem geregelten Aufrücken durch die Stellen der Auditoren, loren, Räche, Dirsctoren aus den Niedern in die höhern Collegien und bis zu 688 Dienstpragmatik den Ministerien ein engherziger und einseitiger Geist in den Beamten erzeugt werde, welcher nur dem Hergedrachten mit allen seinen Misbräuchen Schutz und Gehör verleihe und jedem Fortschreiten zu höherer Ausbildung der Verwaltung entgegentrete. Die Erfahrung möchte diesen Vorwurf schwerlich im Allgemeinen rechtfertigen, und umgekehrt wol der Nutzen größer sein, welchen eine gewisse Beharrlichkeit der Grundsatze gewahrt, als derjenige, welchen man sich von raschen Reformen solcher höhern Beamten zu versprechen hat, welche, wie dies in England und Frankreich hausig geschehen ist, sehr jung und ohne alle praktische Kennt- niß ihres Fachs auf hohe Posten gesetzt werden. Will man aber über alle diese verschiedenen Einrichtungen des Staatsdienstes ein gründliches Urtheil fallen, so müssen sie in ihrer ganzen organischen Verbindung unter sich und mit den übrigen Eigenheiten der Verfassung aufgefaßt werden. Dies ist sogleich bei der ersten hier aufzuwerfenden Frage, wie weit der Begriff des Staatsdienstes ausgedehnt werden soll, ob er bloß auf die eigentlichen Beamten, die der Staat für gewisse Geschäfte besoldet, in welchen sie für allgemeine Staatszwecke wirken, beschrankt werden, oder ob dazu auch die Lehrer und Vorsteher der Kirche, die Professoren^ der Universitäten und Gymnasien, die Lehrer der Volksschulen, die ausübenden Ärzte, die Advokaten, die Hosdienerschaft und die militairischen Obern gerechnet werden sollen. Alle stehen freilich im öffentlichen Dienst und unter öffentlicher Aufficht, aber dadurch, daß sie in einer oder der andern Hinsicht als Angestellte zu betrachten sind, z. B. nicht ohne Urlaub ihren Wirkungskreis verlassen dürfen (meining. Verfassung, Art. ?2), werden sie noch nicht den Staatsbeamten völlig gleich. Ebenso gut könnte man alle Diejenigen, welche irgend ein Gewerbe mit Verpflichtung zu Diensten gegen das Publicum übernommen haben, Apotheker, Gastwirthe, Schiffer u. s. w., auch für Staatsdiener, wenn auch nicht gerade für Beamte, erklären. Au welcher Verwirrung der Begriffe und Verhältnisse das aber führen müßte, leuchtet von selbst ein. Insbesondere würde es den ganzen Stand der Advokaten politisch vernichten (was schon in manchen deutschen Landern ziemlich gelungen zu sein scheint), wenn man ihm die Bedingung unerschrockener Verteidigung des Rechts gegen Jedermann dadurch entziehen wollte, daß man den Advokaten für einen Staatsbeamten, und sodann als solchen für willkürlich absetzbar erklärt. Welcher Advokat wird es wagen dürfen, gegen Richter und einflußreiche Männer mit männlicher Freimüthigkeit aufzutreten, wenn er der willkürlichen Entsetzung, wozu irgend ein Vorwand so leicht gefunden wird, ausgesetzt ist. Daher fällt es auch weder den Engländern noch den Franzosen ein, daß man Advokaten nach Belieben ihres Amts entsetzen könne, obgleich in Frankreich durch die Verordnungen vom 14. Dec. 1810 und 20. Nov. 1822, über die Organisation des Advokatenstandes, der Corporation derselben (dec in ihr gebildeten Disciplinarkammer) das Recht eingeräumt ist, unwürdige Mitglieder auszuschließen. Es ist, um die Rechte der Staatsdiener an ihren Ämtern vollständig und richtig zu beurtheilen, eigentlich viererlei zu unterscheiden: 1) Das wirkliche Staatsamt im engern Sinn, eine Theilnahme an irgend einem Zweige der Staatsgewalt, das officium, welche vom Staat und für die Zwecke des Staats übertragen und verwaltet wird; 2) die Berechtigung zu gewissen Geschäften, deren nächster Zweck sich auf individuelle Vortheile bezieht, wie die von den Einzelnen in Anspruch genommene Hülfe des Arztes und Rechtssreundes, wobei der Staat nichts als das Zeugniß gibt, daß ein Mann zu einem solchen Berufe die erfoder- lichen Kenntnisse nachgewiesen habe, und die öffentliche Anerkennung einer Be- sü'.gniß, deren realen Grund der auf solche Weise Angestellte sich selbst erworben hat; 3) der Stand (die Würde, Weihe, orcko) mit seinen verschiedenen Graden, welchen Jemand in verfassungsmäßigem Weg erreicht hat; endlich 4) die mit seinem 'Amt und Stande verknüpften Einkünfte (Besoldung, deneüciuw). Auf die Func- A W Michel Diplomatie 689 Hill >dlP „'B? °),O- tl'on des Amts im engern Sinne kann der Beamte niemals ein Recht haben, denn dies würde zu der ungereimten Behauptung führen, daß der Staat verpflichtet wäre, seine Geschäfte auch allenfalls schlecht besorgen zu lassen. Aber den Stand kann er nur im Wege eines rechtlichen Erkenntnisses (durch eine Degradation) verlieren, und ebenso wird ihm auch die Besoldung verbleiben müssen, wenn er nicht seines Amtes durch richterliches Urtheil entsetzt wird. Für diesen Punkt sorgen nun die meisten der oben angeführten Gesetze über di, Verhaltnisse der Staatsdiener mit mehr oder weniger Liberalität. Im Großherzogthume Weimar wurde ein ahnliches Edict schon 1820 von den Landstanden mit der Erklärung in Antrag gebracht, daß ein Gesetz im Großherzogthume nicht vorhanden sei, welches die Entlassung der Staatsdiener ohne rechtliches Erkenntniß verbiete. Ein ausdrückliches Gesetz mag freilich nicht vorhanden gewesen sein, allein geltendes Recht, die Staatsdiener nicht willkürlich zu entlassen, wird es, wie in andern deutschen Landen, auch im Großherzogthume gewesen sein, welches gegen die Neigung der Regierungen von den Reichsgerichten immer aufrecht gehalten worden ist. Das durch ein höchstes Decret vom 4. Februar 1821 zugesicherte Gesetz ist noch nicht vorgelegt worden. Die Landstände sind auch seit ihrer neuern Gestaltung in der Regel nicht von großer Vorliebe gegen die Sta^sdiener durchdrungen, und vielmehr geneigt, sie als ihre natürlichen Feinde anzusehen, was wol leicht zu erklären, aber immer ein Beweis ist, daß beiden Theilen der rechte Sinn für ein wohlgeordnetes Staatsleben noch nicht aufgegangen ist. In Preußen ist zwar in Ansehung der Justizbeamten allein verordnet („Allgem. Landrecht", Th. 2, Tit. 17, §. 99), daß sie nur von den Gerichten ihres Amts entsetzt werden können, allein auch in Hinsicht der übrigen Staatsdiener sind solche Formen vorgeschrieben, daß die Entlassung nicht ohne genaue Erörterung und nicht ohne Gehör des Beamten vorgenommen werden kann. (Cabinetsordres vom 22. April 1822 und 21. Februar 1823; Strombeck's „Ergänzungen zum Allgemeinen Landrecht", Th. 2, Tit. 10, ß. 98—103.) Man muß jedoch nicht vergessen, daß eben diese Formen nur in einem großen Staate Sicherheit gewähren können, nicht aber in einem kleinen Staate, wo fast jeder Staatsbeamte mit den Ministerien in unmittelbare Berührung kommt. Auch gehört in Preußen noch der strenge Organismus des Staatsdienstes, vermöge dessen nur durch wiederholte strenge Prüfungen und Probejahre die Stetten der Collegialräthe, von welchen dann das Aufsteigen zu den höhern nur von Tüchtigkeit und einigermaßen vom Dienstalter abhängt, zu der wesentlichen Einrichtung des Ganzen, und mit Recht ist neuerer Zeit gerühmt worden, daß diese feste Organisation des Staatsdienstes in manchem Betracht als ein Ersatz anderer staatsrechtlichen Garantien angesehen werden könne. Uber die Verantwortlichkeit der Staatsdiener, wohin auch die Frage, in wie weit der Staat für seine Beamten und die von ihnen begangenen Versehen und Gesetzwidrigkeiten zu haften habe, f. den Art. Verantwortlichkeit. (3) Diplomatie. Wenn man genau sein will, so muß man die doppelte Bedeutung, in welcher dieser Ausdruck jetzt gewöhnlich vorkommt, wohl von einander unterscheiden, indem sowol der Stoff, welchen die Diplomaten behandeln, als die Form, in welcher dieses geschieht, dadurch bezeichnet wird. Denn so ist ölassan's „Histoire de la diplomutie frern^nise" keineswegs eine Geschichte des fränkischen Gesandtenwesens, auch keine Geschichte der Formen desselben, sondern eine Schichte der auswärtigen Politik Frankreichs und der darauf sich beziehenden Veredlungen und Verträge mit ihren Veranlassungen und Erfolgen. Der Stoff ^ 'Diplomatie ist das Völkerrecht, und dorthin gehören also die Grundsätze, welche in der neuern Zeit bald anerkannt, bald wieder bestritten und durch f>e That selbst verworfen worden sind. Zu dem Völkerrecht also gehört auch die ö''"ge, mit welcher die Diplomaten sich in den letzten zwölf Jahren so oft beschaf- ^nv -Lex. der neuesten Zeit und Literatur I. 44 690 Diplomatie tigt haben: unter welchen Bedingungen und inwieweit die Staaten berechtigt sind, sich in die innern Verhaltnisse anderer Staaten einzumischen (s. Intervention), sowie Alles, was auf die Rechte und Verbindlichkeiten der Staaten unter einander Bezug hat. Hingegen die Form, unter welcher die Staaten mit einander verkehren, ist der Gegenstand der Diplomatie in der zweiten und eigentlichen Bedeutung. Das Völkerrecht selbst ist einer wissenschaftlichen Behandlung in dem höhern Sinne fähig, nicht so die bloße diplomatische Form, welche in ihrer höchsten theoretischen Ausbildung doch nur eine Sammlung von Regeln und Erfahrungssätzen, in ihrer praktischen Vollkommenheit aber die Kunst, Andere für seine Zwecke zu gewinnen oder ohne ihr Wissen zu gebrauchen, sich selbst aber nie, weder wissentlich durch Nachgiebigkeit, noch unbewußt durch Tauschungen für fremde Zwecke dienstbar machen zu lassen. Aus dieser ungünstigen, aber, wie einmal die Sachen stehen, unvermeidlichen Stellung der diplomatischen Personen, d. h. nicht bloß der Gesandten und ihrer Gehülfen, sondern Aller, welche bei dem Verkehre zwischen den Regierungen thätig sind, entspringt alles Nachtheilige, was man der Diplomatie überhaupt nachsagt und welches mit den Schattenseiten des Advokatenftandes sehr große Ähnlichkeit hat. Man hat auch in der ne-uern Zeit zu klagen nicht aufgehört, daß de? Geist, welcher die Diplomatie beherrscht, sich nicht auf die Höhe erhebe, welche die Wichtigkeit der Sache erfodere, und der wohlverstandene Vortheil der Staaten (eine zur wahren Staatsweisheit ausgebildete Politik) gestatte; daß der Charakter der europaischen Diplomatie nicht in einem Streben nach festen Grundsätzen der Gerechtigkeit und nach dauerhafter Begründung natürlicher Staatenverhältnisse bestehe, sondern in einem Ringen nach scheinbaren und vorübergehenden Vortheilen, Gebietsvergrößerungen, Handelsgewinn und dergl.; besonders aber in dem vergeblichen Bemühen, künstliche Einrichtungen aufzustellen, welche der naturgemäß.» Entwickelung der Völkerverhältnisse entgegen sind, sodaß die Diplomatie schon mehr als einmal in den Fall gesetzt worden ist, ihr eignes kaum vollendetes Werk wieder zerstören zu müssen. In der That wird man sich auch nicht verbergen können, daß, wenn die Diplomatie ihren Zweck, der ganzen europäischen Welt den Frieden und einzelnen Ländern eine bestimmte bürgerliche Ordnung zu verschaffen, häufig verfehlte, dies vorzüglich nur darin gegründet ist, daß sie jene hohen und heiligen Zwecke theils zu materiell aufgefaßt, theils durch Mittel zu erreichen geglaubt hat, welche nicht wahren Völkerfrieden und nicht eine wahre innere Ordnung, sondern nur den trügerischen Schein derselben hervorzubringen geeignet waren. Wahrer Friede ist nur dann vorhanden, wenn jedes Volk diejenigen äußern Güter besitzt, welche zu verlangen es nicht durch eine künstliche Aufregung, sondern durch ein natürliches und immer von Neuem und mit größerer Stärke erwachendes Gefühl getrieben wird, und welches diese Güter sind, ist ebenso leicht zu erkennen, als im Grunde auch ihre Gewährung weder gefährlich noch übermäßig schwer ist. Aber es muß dabei die Überzeugung vorausgehen, daß diese Güter mehr geistiger als materieller Natur sind, und diese Überzeugung ist es, welche der neuern Diplomatie fast durchaus zu fehlen scheint. Nicht etwa, daß es nicht unter den Diplomaten eine große Zahl hochgebildeter, mit wahrer Gelehrsamkeit ausgerüsteter, ebenso geistreicher als redlich gesinnter Männer gebe, sondern weil man überhaupt aus den höhern Kreisen allzu sehr jede ernste und erschöpfende BeHandlungsweise verbannt hat und die Meinung zu hegen scheint, daß man mit einigen aus dem vornehmern Leben geschöpften Erfahrungen weiter komme als mit den Resultaten des tieften Denkens, welches, von den griechischen Philosophen an, so viele gute und weise Männer zur Aufgabe ihres Lebens gemacht haben. Nirgend wird das Streben nach wissenschaftlicher Er- kenntniß und nach allgemeinen leitenden Grundsätzen so verächtlich abgewiesen als in jenen Kreisen der neuern Diplomatie, wo man der Philosophie, wenn sie sich Diplomatie 691 auf die unwandelbaren Aussprüche einer von der menschlichen Willkür unabhängigen Gerechtigkeit beruft, mit der alten Frage entgegenkommt: Bist du es, die Israel verwirret? Dieser Unwissenschaftlichkeit der Diplomatie ist es zuzuschreiben, daß sie sich so oft mit Einrichtungen des Völkerrechts begnügt, welche nur für den Augenblick die Machthabenden befriedigen, und die aus allerlei zufalligen Verbindungen und zum Theil persönlichen Rücksichten entspringenden Verwickelungen öfters mehr verdecken als lösen, anstatt nach einem allgemeinen Princkp des Rechts und der natürlichen Ordnung naturgemäße und also auch dauerhafte Verhaltnisse herzustellen. Daher war schon 1803 die Ausführung der Säkularisationen und Entschädigungen der weltlichen Souveraine durch die kirchlichen Besitzungen so großen Einwürfen ausgesetzt; daher erregten 1806 die ohne irgend ein festes Prin- cip und nach bloßen zufalligen Convenienzen vorgenommenen Mediatisirungen deutscher Fürstenhauser so große und allgemeine Unzufriedenheit. Daher haben auch die Verhandlungen des wiener Congresses in so vielenPunkten ihrenZweck, mittels einer angemessenen Vertheilung der Macht (das alte, völlig unhaltbare System des Gleichgewichts) und in einer gemeinschaftlichen Bekämpfung aller gewaltsamen Neuerungen Europa den Frieden zu sichern, diesen an sich erhabenen Zweck, für welchen damals Alle oder doch sehr Viele mit reinem Eifer wirkten, so wenig zu erreichen vermocht. Nur mit außerordentlicher Anstrengung und mit großer Nachgiebigkeit in den Principien, indem bald England das von ihm bestrittene Recht der Intervention dennoch ausüben ließ und selbst ausübte, bald die andern Machte Usurpationen gestatteten, konnte der allgemeine Friede bis jetzt erhalten werden, aber ein Friede, welcher nur eine mühsame Zurückhaltung des Kriegs ist. Allerdmgs muß man auch dafür dankbar sein, denn Niemand weiß, welche Verheerungen ein neuer Krieg über die Lander bringen, wie weit er die europäische Cultur zurückwerfen werde, und die große Thatigkeit, wodurch die europäische Diplomatie diese Gefahr bis jetzt vermieden hat, ist also jedenfalls ein nicht kleines Verdienst. Die Diplomatie befindet sich gleichsam in einer Permanenz der Congresse, denn obgleich seit 1822 die Monarchen nicht mehr persönlich zusammengekommen sind, so ist doch seitdem wol kein Zeitabschnitt zu finden, in welchem nicht eine oder mehre der großen europäischen Angelegenheiten, das Schicksal Griechenlands und der Pforte, der südamerikanischen Colonien, Portugals, Belgiens und Italiens, in gemeinschaftlichen Conferenzen der fünf leitenden Machte behandelt worden wären. Dieses Zusammentreten Englands, Frankreichs, Ostreichs, Preußens und Rußlands ist die bedeutendste Eigentümlichkeit der neuern Diplomatie, welche durch ein stillschweigendes Anerkennen der übrigen Staaten schon beinahe für ein feststehendes Princip des europäischen Völkerrechts gehalten werden könnte, sosehr auch bis vor einigen Jahren England dagegen protestirte, daß in diesem Zusammenwirken der fünf Machte oder einiger von ihnen irgend ein Anspruch auf Diktion gegen andere Staaten liegen dürfe. Es laßt sich eine solche dirigirende Autorität gar nicht von dem Zwecke, der Erhaltung des Friedens, absondern, welchen die fünf Mächte bei diesem Ausammenwirken vor Augen haben, und die londoner Conferenz erscheint gegen Holland und Belgien doch ganz auf dem Standpunkt eines Völkertribunals, sie kann auch nur von einem solchen Standpunkt > ^us ihren Zweck erreichen, wenn auch einestheils die förmliche Zueignung einer lolchen Autorität vermieden wird, anderntheils auch die verbündeten Mächte nicht in allen Fallen und Beziehungen gemeinschaftlich handeln. Denn so ist Eng- ! i^nd früher von den neapolitanischen und spanischen Angelegenheiren zurückgetre- ^n, so haben sich Ostreich und Preußen von den griechischen zurückgezogen, und stu dem August 1826 diesen Gegenstand der Vermittlung Rußlands, Eng- Ms und Frankreichs allein überlassen; so haben zwar in der Sache Hollands und Belgiens die fünf Mächte bis jetzt noch sämmtlich Theil genommen, allein wenn 445 692 Diplomatie es auf Zwangsmaßregeln gegen Holland ankommen sollte, scheinen Ostreich, Preußen und Rußland schlechthin entschieden, selbst keine Gewalt zu brauchen, und sehr geneigt, die Anwendung derselben auch Frankreich nicht zu gestatten, sodaß auch nach einer definitiven Entscheidung die wirkliche Beendigung noch sehr weitaussehend bleibt. Daher ist auch die Verbindung der fünf Machte selbst immer noch nicht als ein fester Punkt des europäischen Völkerrechts zu betrachten, sondern nur ein Anfang, welchem eine weitere Ausbildung und Befestigung sehr zu wünschen wäre. Diese weitere Ausbildung kann aber nur alsdann erwartet werden, wenn die Diplomatie einen höhern und wissenschaftlichem Charakter annimmt, oder, mit andern Worten, sich den höhern Idealen des menschlichen Geistes zuwendet. Nur auf diese Weise wird es ihr möglich werden, die beiden Klippen zu vermeiden, an welchen bisher ihre meisten Bemühungen scheiterten: die halben Maßregeln, in welche sie sich verwickelt, und das nutzlose Kämpfen gegen einen Feind, welcher entweder gar nicht vorhanden ist, oder, wenn er dies ist, nicht mit den Waffen, welche die Diplomatie gegen ihn aufbietet, bekämpft werden kann. Halbe Maßregeln müssen immer entstehen, wenn man nicht von dem klaren Bewußtsein eines letzten Zwecks ausgehen kann, welchem alle besondern Interessen weichen müssen, und wenn die Wahl der Mittel nicht durch den Zweck allein, sondern durch andere zufällige Nebenumstände bestimmt wird. Der Feind aber, welchen die neuere Diplomatie zu bekämpfen hat, sind die Versuche der Völker, ihren jetzigen Zustand zu verändern. Hierbei sind aber nur zwei Fälle möglich: entweder sind die Beschwerden der Völker wirklich gegründet, dann wäre eigentlich gar kein wahrer Feind vorhanden, und sowol die Pflicht als die Klugheit würde gebieten, den Beschwerden abzuhelfen, oder es sind nur grundlose Klagen, welche von einzelnen Volksverführern vorgebracht und von den Völkern aus Unverstand aufgefaßt werden, unter dieser Voraussetzung ist aber die einzige wirksame Waffe die der bessern Belehrung. Ob nun von den Wünschen und Beschwerden der Völker etwas und wie viel davon gegründet sei, ist eine Frage, deren richtige Entscheidung auch wieder nicht allein eine sorgfältige und völlig parteilose factische Untersuchung, sondern auch eine gründliche Einsicht in die menschliche Natur und in das Wesen der Gerechtigkeit erfodert. Zwar wissen wir Alle, daß es nicht immer, ja eigentlich nie, möglich ist, einen idealen Zustand auf einmal in die wirkliche Welt einzuführen; aber dies ist es auch nicht, was von der andern Seite verlangt wird. Vielmehr würde es genügen, wenn nur das Rechte als solches anerkannt und die Annäherung an dasselbe zur Richtschnur des öffentlichen Handelns genommen würde. Der wissenschaftlichere Charakter der Diplomatie ist daher der einzige Weg, auf welchem sie ihren hohen Beruf der Versöhnung und wahrhaften Beruhigung erfüllen kann. Ein unbefangener Blick in die Weltgeschichte lehrt schon, daß die Menschheit zuletzt immer von geistigen Kräften beherrscht und geleitet worden ist, welche in sich selbst ihr läuterndes und reinigendes Princip finden, und den Irr- thum am sichersten vermeiden, wenn sie in ihrem freien Spiele gegen einander nicht gestört werden. Aber mit bloßer Gewalt ist nichts gegen sie auszurichten, weil sie durch den Widerstand gereizt und geübt, nur zu größerer Stärke und Spannung gelangen, eine Ausrottung hingegen zwar an sich möglich wäre, aber doch von keiner Seite gewünscht oder unternommen werden könnte. Mehrmals schien eine Erhebung der europäischen Diplomatie auf diesen wissenschaftlichem Standpunkt nahe zu sein, vorzüglich in einigen Momenten des Kaisers Alexander und zuletzt durch den unvergeßlichen Canning, dessen Wort: „Vernünftige Freiheit über die ganze Welt!" noch lange nachhallen wird. Allerdings sind die Schwierigkeiten hierbei von allen Seiten sehr groß, aber nicht unüberwindlich, und es braucht sich nur auf einem einflußreichen Punkt eine solche Tendenz zu erheben, um große Wirkung hervorzubringen. — Sollen wir nun noch von den Hülfsmit- .Äienell -SM Sich. Dissen Distelli 693 teln der Diplomatie, welche in den letzten Jahren erschienen sind, ein Wort sagen, so ist vorzüglich zu erwähnen, daß von K. v. Martens' „Nanuei diplomatique" cine neue Auflage unter dem Titel: „(zluide diplomatique" (2 Bde., Leipzig 1832, erschienen und dadurch die Brauchbarkeit dieses Werks anerkannt und vermehrt worden ist. Die von dem verstorbenen G. F. von Martens angesangene Sammlung von Staatsvertragen ist bis zu dem zwölften Bande der Supplemente (bis 1830) fortgesetzt worden. Die reichhaltigste Sammlung sind wol die „Neuesten Staatsakten und Urkunden" in monatlichen Heften (Stuttgart und Tübingen), von welchen der sechsundzwanzigste Band begonnen hat; nur würden Viele die Urkunden doch lieber in der Originalsprache (wenigstens in der französischen, englischen und italienischen Sprache) besitzen. (3) Dissen (Ludolf), ein verdienstlicher Philolog, geb. im Dec. 1784 zu Großenscharan bei Göttingen, wo sein Vater Prediger war. Er erhielt seine erste Ausbildung in Schulpforte und studirte von 1804 — 8 in Göttingen, wo er besonders unter Heyne der Philologie und unter Herbart dem Studium der alten und neuern Philosophie sich widmete. Nachdem er sich mit umfassendem Geiste der von ihm erwählten Berufswissenschaft bemächtigt, wurde er 1809 Privat- docent in Göttingen, darauf 1812 als Professor nach Marburg berufen, und erhielt endlich 1813 die Professur in Göttingen, welche er gegenwärtig noch bekleidet. Seine ersten Lehrvorträge waren theils philologischer, theils philosophischer Art, und besonders hat er sich stets der alten Philosophie und dem Studium des Platon mit Vorliebe zugewendet gehalten. In diesen Kreis gehört auch seine akademische Schrift: „De plülosoptda morali in Xenopliontis de 8ocrate commentariis trucüta" (Göttingen 1812). Die unter Herbart gewonnene Übung im philosophischen Denken führte ihn jedoch vornehmlich zu einem schärfern Studium der Gmmmatik, und als Resultate desselben erschienen seine Abhandlung „De tempo- ribus et modis verbi <3raec!" (Göttingen 1809) und die „Disquisitiones pkilo- Iigieae" (Göttingen 1813), in welchen letztern er bei Erörterung einiger wichtigen grammatischen Fragen, hauptsächlich aus der griechischen Syntax, die kombinatorische Methode mit Glück anwandte. In seiner Ausgabe des Pindar suchte er besonders den künstlerischen Gesichtspunkt in Erläuterung alter Schriftsteller zu verfolgen und auf diese Weise eine höhere Ausbildung der Hermeneutik zu begründen. Distelli (Martin), geboren 1802 zu Ölten im Canton Solothurn in der Schweiz, ein seltenes Talent für die Caricaturmalerei. Schon ehe er die Universität bezog, hatte er in der Schweiz einigen Ruf bekommen durch eine Caricatur, die sich auf luzerner Verhältnisse bezog; und als er nun vollends nach Jena kam und in ein munteres und zugleich politisch gefärbtes Leben hineingerieth, fand seine Neigung die vielfältigste Nahrung und Aufmunterung. Nichts Bedeutendes ging im Studentenleben oder in der Politik vor, ohne von irgend einem genialen Einfall des jungen Künstlers begleitet und in seinem Kreise bewundert zu werden. Der Kongreß von Verona und der spanische Feldzug waren die bedeutendsten. Auf diese Weise kam ihm allmälig sein Beruf immer mehr zum Bewußtsein. Er studirte ästig Anatomie und Alles, was er auf seine Lieblingsbeschäftigung beziehen konnte, und von allen Präparaten, Thieren, Pflanzen wurden sogleich Zeichnungen gedacht. Stundenlang sah man ihn vor dem Spiegel an seinem eignen Körper die Verhältnisse studiren, Stellungen festhalten und bis ins Einzelne hinein zeichnen. Der Zufall wollte es indessen, daß seine Bemühungen auch außer dem Kreise der lungern Genossen und der Universität bekannt und, man kann sagen, mit Auszeichnung anerkannt werden sollten. Ein Freund und ganz besonderer Verehrer D, s wurde einmal von ihm auf dem Carcer besucht, und wie nun der Freund einen Anflug von Jean-Paul'scher Laune zu haben pflegte, so verlangte er auch hier, D. 694 Döbereiner MW solle durch zweckmäßige Wandgemälde seinen Aufenthalt in dem Carcer verewigen. ^ Dieser nahm das große Dintenfaß und den Rührer daraus, und zeichnete in halber ^ Lebensgröße und mit dem vortrefflichsten komischen Ausdruck auf der einen Wand den Raub der Sabinerinnen, auf dn andern Marius auf den Trümmern von Karthago, mit Schlafmütze und Thonpfeife nachdenklich dasitzend. Natürlich mußte von dieser unberufenen Carcerverzierung ofsicielle Notiz genommen werden; indessen selbst die ofsiciellsten Gesichter gingen jedesmal in Kurzem in die behaglich, sten rein menschlichen Mienen über. Die Geschichte drang bis nach Weimar, selbst zu den Ohren des Großherzogs; und bei seinem nächsten Besuche in Jena besah er selbst die Gemälde, die er auch sofort durch den Befehl, sie durch Schließung des Locals zu erhalten, höchst schmeichelhaft anerkannte und wirklich dadurch bis heute sicherte. Später hat D. in München mit vielem Beifall ein historisches Gemälde von größerm Umfange zur öffentlichen Ausstellung geliefert; dann im größern Publicum durch die vortrefflichen Caricaturen zu Fröhlich's Fabeln einen Namen bekommen. Die meisten dieser Darstellungen haben das heiterste Colorit, ein echt komisches Ensemble, eine deutliche und bis ins Einzelne hinaus getriebene Idee, wenige sind berechnete Verstandessatyre, die große Mehrzahl echt künstlerische Anschauungen. Dabei ist der Einfall, alle Charaktere durch Menschen mit Thiergesichtern zu geben, neu und auf eine wahrhaft bewundernswürdige Weife durchgeführt, sodaß z. B. die verschiedenen Fuchsphysiognomien von der äußersten Schlauheit und Superioritat des Advokaten bis zur unbedeutenden Pfiffigkeit der Hofschranzen herab sich geltend machen. Neuerdings ist uns von diesem Künstler in den „Alpenrosen" für 1832 neben einigen Caricaturen in der beschriebenen Art auch ein größeres Gemälde, Landenberg's Urphede, als eine der vortrefflichsten Erfindungen, die in diesem Bereiche kürzlich erschienen sind, geschenkt worden. (53) Döbereiner (Johann Wolfgang), Hofrath und Professor der chemischen Wissenschaften zu Jena, einer der berühmtesten jetzt lebenden Chemiker, geb. zu Hof am 13. Dec. 1780, gehört zu den Männern, welche sich fast ganz durch eignen Unterricht gebildet haben und ihren Ruf nur sich selbst verdanken. Er erhielt von seinem siebenten bis zum fünfzehnten Jahr eine nur sehr dürftige gelehrte Schulbildung; er empfing dabei von seinem Vater (Ökonomie - und Forstverwal- ter auf dem Rittergute Bug) Unterricht in allen praktischen land- und forstwirth- öchi schaftlichen Verrichtungen, und besuchte in seinen Erholungsstunden, aus besonderer ^ Neigung für die mechanischen Gewerbe, fleißig die Werkstätten der Drechsler, ÄP Tischler, Waffenschmiede und Künstler im Orte seines Schulunterrichts. Der >!G Zufall führte ihn in seinem vierzehnten Jahr in das Laboratorium der Apotheke zu Münchberg, wo er so großes Interesse an zwei eben vorgenommenen chemischen M Operationen (Destillation eines ofsicinellen Wassers und Darstellung des Spiritus ^ sulpburico-uetbereus) zeigte, daß der Laborant Veranlassung nahm, ihn zu fra- gen, ob er Apotheker werden wollte ? welches er freudig bejahte. Nach erhaltener ^ älterlicher Erlaubniß begann er ein Jahr darauf beim Besitzer jener Apotheke, Lötz, seine pharmaceutischen Studien. Kraftig, lebensfroh und wißbegierig widmete er sich dem erwählten Fache mit so viel Liebe, daß er schon nach anderthalb Jahren alle pharmaceutischen Geschäfte allein verrichten konnte und durfte; er studirte dabei Hagen s „Lehrbuch der Apothekerkunft", verschiedene medicinische Schriften, die französische Sprache, und las Romane und Reisebeschreibungen. In seinem neunzehnten Jahre (1799) verließ er die pharmaceutische Schule und ging an den Rhein, wo er, namentlich in Karlsruhe und Strasburg, sich der Sicherung seiner Subsiftenz wegen zwar hauptsachlich mit der pharmaceutischen Praxis beschäftigte, aber durch den ihm zu Theil gewordenen Umgang mit ausgezeichneten Naturforschern und Ärzten, namentlich Cölreuter, Gmelin, Borckmann, Schrickel, Flachsland, Salzer, Nestler u. A., auf die Lücken seines Wissens aufmerksam ge- Döbereiner 695 macht, auch Logik, Kant'sche Philosophie, Botanik, Mineralogie und Chemie . > ^ > studirte, und zwar letztere mit überwiegender Vorliebe. Er kehrte 1803 in sein Vaterland zurück, und unternahm, statt einer ansangs beabsichtigten chemischen Fabrik, auf Veranlassung seiner Verwandten ein mercantilisches Geschäft. Da diese Unternehmung jedoch, weil er ihr mit minderm Eiser oblag als seinen chemi- in- schen Studien, keinen guten Fortgang hatte, sah er sich nach zwei Jahren genö- ' I thigt, sie wieder aufzugeben, und fand jetzt durch Vermittelung von Freunden und ? Gönnern seinen Wirkungskreis in einer vielseitigen praktisch-chemischen Thatigkeit, die er fünf Jahre lang übte, und die ihn bestimmte, alle Zweige der technischen Chemie, namentlich Farbekunst, Gahrungschemie, Halurgie, Metallurgie und Agriculturchemie theoretisch und praktisch zu studiren und dabei viel zu experimen- tiren. Viele Entdeckungen D.'s fallen in diesen Zeitraum (Beweis des Daseins der Chloralkalien, Entdeckung ihrer entfesselnden Wirkung, Bereitung des Natrons aus Glaubersalz, des Alauns und Salmiaks, Beweis der (Zahlungsfähigkeit des Amylons, Entdeckung der luftreinigenden Wirkung der Kohle). Hierdurch wurde er mit Gehlen und Schweigger in briefliche und persönliche Beziehungen gesetzt. Ersterer schlug ihn zu der durch Göttling's Tod erledigten Professur der Chemie in Jena vor, wozu er auch zu seiner großen Freude im Oer. 1810 ernannt wurde: eine Stelle, die er noch jetzt bekleidet. Großes Interesse an ihm und seiner Thatigkeit nahmen der Großherzog von Weimar, Karl August, und Göthe. Seine Vorlesungen über Chemie, Technologie, Pharmacie u. s. w. erwarben ihm zwar viel, aber die Opfer, die er der Wissenschaft (Versuchen, neuen Apparaten u.s. w.) brachte, und die Erhaltung einer zahlreichen Familie ließen ihn nie zu Wohlhabenheit gelangem, wofür ihn jedoch ein reiches Capital natürlichen Frohsinns entschädigt. Fünf höchst vorteilhafte Antrage, die ihm wahrend seines Aufenthalts in Jena gemacht wurden, lehnte er aus Dankbarkeit und Anhänglichkeit für das weimarische Fürstenhaus ab. Die Entdeckungen D.'s im Gebiete der theoretischen und angewandten Chemie sind sehr zahlreich und fast alle von einem eigenthümlichen neuen Interesse. Es mag genügen, hier die hauptsächlichsten derselben namhaft zu machen: Er erkannte zuerst, daß die Kleesaure eine Saure ohne Wasserstoff sei, ein für organische Sauren bisher unbekanntes Beispiel; er entdeckte das merkwürdige Zerfallen der Ameisensäure in Wasser und Kohlenstoffoxyd, der Kleesäure in kohlensaures Gas und Kohlenstossoxyd beim Übergießen einer dieser Sauren mit rauchender Schwefelsäure; er war der Erste, der die nachher so allgemein gewordene Analyse organischer Substanzen durch Kupseroxyd einführte; er gab interessante und nützliche Apparate an, um mit kleinen Quantitäten von Materie genaue chemische Resultate zu erhalten, und machte viele wichtige und nützliche Entdeckungen in der Gährungschemie. Am meisten Aufsehen jedoch hat seine Entdeckung der so ausnehmend merkwürdigen Eigenschaft des Platins gemacht, daß es im schwammigen Zustand und bei Zutritt von Sauerstoff oder atmosphärischer Luft einen darauf geleiteten Strom von Wasserstoffgas zu entzünden vermag, sowie die hiermit in Zusammenhang stehenden Eigenschaften dünner Platinüberzüge und mehrer anderer Platinpräparate; ferner die Anwendung dieser Entdeckung zur Construction der bekannten Platinfeuer- jeuge, der Platinglühlämpchen, des Platinessiglämpchens, des Platineudiometers u< s. w. D.'s altere Entdeckungen sind größtentheils in Gehlen's, die neuern in Schweigger's Journal und in eignen Schriften enthalten, von denen hier nur !üne „Pneumatische Chemie" (5 Bde., Jena 1821—25); „Zur Gährungs- chemie" (Jena 1822), seine Schrift „Über neu entdeckte höchst merkwürdige Eigenschaften des Platins w." (Jena 1824) genannt werden mögen. Außerdem ist er der Verfasser mehrer physikalischen, pharmaceutisch- und technisch-chemischen Lehrbücher, wie: „Elemente der pharmaceutischen Chemie" (zweite Aufl. Jena 1619), „Anfangsgründe der Chemie und Stöchiometrie" (Jena 1826). (11) !> /I 5' 696 Dohna-Schlobitten Döhner Dohna-Schlobitten (Friedrich Ferdinand Alexander, Reichsburggraf und Graf), ehemaliger preußischer Staatsminister, wurde am 29. März 1771 auf dem Schlosse Finkenstein in Westpreußen' geboren und starb am 21 Mar; 1831. Seine ausgezeichnete Wirksamkeit, mit der er zu bedeutenden Zeitpunkten der Geschichte in die Verhältnisse des preußischen Staats eingegriffen und manches Neue angeregt hat, das einen wesentlichen Einfluß auf die Organisation dieses Staats gewonnen, ist, obwol sie nie eine laute und glanzende Verherrlichung durch den Ruf gefunden, doch darum stets mit nicht minderer Anerkennung zu erwähnen. D. erhielt seine vorbereitende Bildung auf der Handlungsschule in Hamburg und den Hochschulen in Frankfurt a. O. und Göttingen. Nachdem er seine wissenschaftlichen Vorstudien vollendet, trat er 179t) als Referendarius in der damaligen kurmärki- schen Kammer ein und entwickelte schon in seinen ersten Leistungen im praktischen Staatsdienste so ausgezeichnete Talente, daß er bereits 1794 zum Kriegsrath bei demselben Collegium, darauf 1798 zum geheimen Kriegsrath beim General- directorium und 1802 zum Kammerdirector in Marienwerder ernannt wurde. In dieser letztern Stellung hatte er besonders während der verhängnißvollen Jahre 1806 und 1807 Gelegenheit, die Energie und Festigkeit seines Charakters zu bewähren. Als die französischen Truppen Marienwerder besetzten und die dortige Kammer auffoderten, den Eid der Treue für Napoleon zu leisten, hatte gerade D. während der Krankheit des Chefs den Vorsitz übernommen, und widersetzte sich, ohne der persönlichen Gefahren, die ihm daraus erwuchsen, zu achten, mit Nachdruck diesem Ansinnen der Feinde. Umfassender wurden die Aussichten auf Wirksamkeit für D., als d.r Minister Stein am26.Nov. 1808 aufNapoleons Verlangen vom preußischen Staatsdienste ausscheiden mußte und vor seinem Abgange den Grasen D. wegen seiner Verdienste und Talente dem Könige zum Minister des Innern empfahl. So erstieg D. diese höhere, einflußreiche Stufe, auf der er durch Ausführung vieler wesentlichen, freilich meistentheils schon früher von Stein selbst vorbereiteten Einrichtungen, wie der Städteordnung und der neuen Organisation der Staats- und Communalbehörden, seine Laufbahn ruhmwürdig bezeichnete. Er begab sich aber 1810 seines Ministeriums wieder und zog sich auf Schlobitten, eins seiner Güter in Preußen, zurück, wo er ausschließend der Beschäftigung mit den Wissenschaften lebte. Nach der schicksalsvollen Wendung der Dinge, welche das Jahr 1812 hervorbrachte, trat er jedoch wieder auf den Schauplatz des Tags zurück und ließ in den Versammlungen der eben zusammenberufenen ostpreußischen Pro- vinzialstände die Beredtsamkeit seines feurigen Patriotismus wirken. D. war es, welcher den großen Gedanken der Landwehr jetzt zuerst ins Leben rief und selbst als Landwehrmann in das Bataillon des Kreises, in welchen Schlobitten liegt, eintrat. Der König ertheilte dieser wahrhaft vaterländischen Idee seine Genehmigung, hielt D. aber zugleich von seinem Vorhaben, ins Feld zu ziehen, ab, indem er ihn zum Civilgouvcrneur der Provinzen zwischen der Weichsel und der russischen Grenze ernannte. Nachdem er in dieser Stellung bis 1815 besonders für die Landesbewaffnung thätig und nützlich gewesen war, nahm er seinen Wohnort wieder in Schlobitten, wo er seitdem bis zu seinem Tode ununterbrochen lebte. Auch in seinen spätem Jahren noch zeigte er sich durch eifrige Theilnahme an den Versammlungen der preußischen Provinzialstände, in denen er besonders seine große patriotische Anhänglichkeit für die Person des Königs stets offenbarte, zum Wohle des Vaterlandes unaufhörlich thätig. Döhner (Gotthilf Ferdinand), Amtsprediger und Seminardirector zu Freiberg, ward am 8. August 1790 zu Zwickau geboren, wo sein Vater Prediger war. Auf der Gelehrtenschule seiner Vaterstadt vorbereitet, bezog er 1808 die Universität Wittenberg, um sich der Theologie zu widmen, und als er, durch beschränkte ökonomische Umstände genörhigt, die Hochschule gegen seine Wünsche 5 Döhner 697 bereits 1811 verlassen hatte, nahm er die Stelle eines Hauslehrers im sachsischen Noigtlande an, wo er mit einigen durch Gelehrsamkeit und Gesinnung ausgezeichneten Geistlichen in nähere Verhaltnisse kam, die auf seine geistige Bildung den wohltätigsten Einfluß hatten. Nachdem er die Prüfung in Dresden bestanden, erhielt er 1813 unerwartet die Auffoderung, sich um das erledigte Archidiakonat in Zwickau zu bewerben, und als er einstimmig war gewählt worden, trat er in demselben Jahre sein Amt an, mit dessen Pflichten den Jugendunterricht, zu welchem eine entschiedene Neigung ihn hinzog, verbinden zu können ihn besonders erfreute. Erlebte in so glücklichen Verhaltnissen, daß nur wiederholte Einladungen ihn zur Mbewerhung um die erledigte Amtspredigerstelle an der Petrikirche zu Freiberg bewogen, als 1821 der verdienstvolle Frisch zum Hofprediger in Dresden war ernannt worden. Die Wahl siel auf ihn, und er erhielt zugleich das Directorat über das königliche Schullehrerseminarium in Freiberg, das unter Frisch's Leitung zu einer vorzüglichen Anstalt geworden war. Es eröffnete sich ihm nun ein umfassender Wirkungskreis, in welchem er seitdem mit unermüdetem Eifer und wohlthäti- gem Erfolge gearbeitet hat. Seine Thätigkeit wurde nicht nur durch seine geistlichen Amtspflichten und durch sein Lehramt im Seminarium, sondern auch durch die Aufsicht über mehre Schulen, die Leitung einer von Frisch errichteten Industrieschule für Armenkinder und die Theilnahme an mehren wohlthatigen Anstalten vielfältig in Anspruch genommen. Die nähere Berührung, in welche seine amtlichen Verhältnisse ihn mit dem Schullehrerstande brachten, gab ihm Gelegenheit, die Bedürfnisse desselben kennen zu lernen, und führte ihn zunächst auf den Gedanken, eine Zeitschrift für Volksschullehrer herauszugeben und den Ertrag derselben zur Begründung einer allgemeinen Pensionscasse für Schullehrer-Witwen und-Waisen zu bestimmen, da es an einer solchen Anstalt in Sachsen noch fehlte. Diese Zeitschrift, zu deren Herausgabe er sich mit dem Seminardirector Otto in Dresden verband, erschien 1825 zu Freiberg unter dem Titel: „Sächsischer Volksschulfreund", und wurde seitdem bei immer steigender Theilnahme ununterbrochen fortgesetzt. D. ließ kein geeignetes Mittel unbenutzt, der zu gründenden Casse einen Vortheil zu verschaffen, da er sich bald überzeugte, daß der Ertrag der Zeitschrift allein nicht so schnell zu dem erwünschten Ziele führen würde. In dieser Absicht beantragte er eine Schulcollecte im Lande, welche über tausend Thaler eintrug. Zu demselben Zwecke ließ er zum Vortheil der Casse mehre Schulschriften drucken, um wo möglich nach und nach eine Schulbuchhandlung zu begründen, veranstaltete eine Sammlung der auf den König Friedrich August gehaltenen Ge- dachtnißpredigten,«die er mehren europäischen Fürsten zusendete, wodurch der Casse gleichfalls ein ansehnlicher Gewinn zuwuchs, sowie aus dem Ertrag anderer kirchlichen Gelegenheitsschriften, und er erlangte auch auf eine öffentliche Auffoderung manche Gabe. Nach der bei dem Ministerium des Cultus abgelegten Rechnung zeigt sich das erfreuliche Ergebniß, daß von dem nach und nach mit großer Mühe gesammelten, auf mehr als 14,000 Thaler angewachsenen Fonds, jetzt jede M Pensi'onsgenuß gelangte Witwe jährlich sechs Thaler empfängt. Das Schullehrerseminar erhielt unter D.'s Leitung mehre Verbesserungen, wozu besonders die Einführung eines bestimmten Lehrcursus für 24 Zöglinge und die Gründung einer eignen Bildungs- und Übun-gsfchule für das Seminarium, in welcher jetzt 130 Armenkinder unterrichtet werden, zu rechnen sind. Ein Geschenk eines Freundes der Anstalt von mehr als 3000 Thalern setzte D. in Stand, noch Mehre Lehrgegenstände in den Seminarcursus auszunehmen, und einen Garten zu miethcn, worin eine Baumschule zum Unterricht in der Obstbaumzucht angelegt wurde. Die Industrieschule erhielt gleichfalls wohlthatige Veränderungen. Milde Gaben und der Ertrag einer jährlichen Verloosung der gefertigten Arbeiten gründe- wn seit 1824 allmälig einen Fonds, der zum Ankauf eines angemessenen Gebau- 698 Domainenfrage des für die Anstalt bestimmt war, und im Verlaufe der Zeit fand D. dies auch darum wünschenswerth, weil er es für nothwendig hielt, mit der Industrieschule eine Bewahranftalt für kleine Kinder zu verbinden. Er kaufte 1828 ein passendes Gebäude, und schritt alsbald zur Ausführung des Plans, eine Kleinkinderschule, die erste in Sachsen, zu gründen. Er entwickelte diesen Plan in einer kleinen Schrift: „Über Bewahr- und Beschäftigungsanstalten für noch nicht schulfähige Kinder armer Altern", die aus dem „Volksschulfreunde" besonders (Freiberg 1829) abgedruckt wurde, und deren Vertheilung unter seinen Mitbürgern so viel Theil- nahme erweckte, daß in wenigen Wochen mit 400 Thalern der Grund zu der neuen Anstalt gelegt war. Eine Verloosung von weiblichen Arbeiten, die Freibergs Frauen lieferten, gewährte einen noch ansehnlichem Ertrag, und als auch der König einen unzinsbaren Vorschuß von 600 Thalern und eine jahrliche Unterstützung bewilligt hatte, wurde die Anstalt 1830 mit glücklichem Erfolg eröffnet. Das Bedürfniß eines Organs, das Geistlichen und Schullehrern zum wechselseitigen Austausch ihrer Ansichten über die Kirchen- und Schulangelegenheiten Sachsens Gelegenheit geben könnte, veranlaßt? D., 1831 eine Monatsschrift: „Der Lichtfceund für Kirche, Schule und Haus" (Freiberg, 4.), herauszugeben, die sich durch mehre gehaltvolle Aufsatze auszeichnet, und die er seit 1832 nach einem erweiterten, die Schulangelegenheiten sorgfaltig berücksichtigenden Plane in Verbindung mit vr. Goldhorn, Prof. Nobbe und Rüdiger in Leipzig unter dem Titel: „Der Lichtfreund, eine Kirchen- und Schulzeitung für das Königreich Sachsen", gedeihlich fortsetzt. Der Ertrag ist für Witwen von Geistlichen und Gymnasiallehrern bestimmt, und wird von D. bei dem Ministerium des Cultus berechnet. Außer einigen Gelegenheitsschriften gab D. in Verbindung mir Caspari ein geschätztes Erbauungsbuch: „Christliches Hausbuch" (2 Bde., zweite Aufl. Zwickau 1830), heraus. Seine Predigt: „Der rechtschaffene Bergmann ein wahrer Ehrenmann" (Freiberg 1830), wurde auf Kosten des Oberbergamts gedruckt und an sammtliche Berg- und Hüttenleute in Sachsen vertheilt. D. erhielt, da das erledigte, mit der Superintendentur verbundene Pastorat zu Freiberg bei der bedrängten Lage des städtischen Kirchenvermögens auf mehre Jahre unbesetzt bleibt, 1832 das Amt eines Ephoralverwesers, und bald nachher das Ritterkreuz des sächsischen Civilverdienstordens. Domainenfrage. In der neuesten Zeit haben die Stände mehrer deutschen Lander, vorzüglich die nassauischen, darauf gedrungen, die Domainen als Staatsgut, nicht als Privateigenthum des fürstlichen Hauses zu betrachten, daher ihre Verwaltung mit der Staatssinanzverwaltung zu vereinigenmnd zur Unterhaltung des Souverains, der fürstlichen Familie und des Hofes bestimmte Summen aus der Staatskasse, eine sogenannte Civilliste, auszusetzen. (S- Nassau.) Von jeher haben über die staatsrechtliche Natur der sogenanntenKammergüter der deutschen Landesherren sehr abweichende Ansichten, sowol unter den Theoretikern als in der Praxis der verschiedenen Lander geherrscht, wozu die Verschiedenheiten, welche sowol in der Regierungsform als in andern Verhältnissen eintraten, nicht wenig beitrugen. Es war natürlich, daß ein geistlicher Fürst, welcher nur auf seine Lebenszeit und für seine Person zum Regenten eines Landes erwählt war, auf die Substanz der Staatsgüter keine Eigenthumsansprüche machen konnte und sich nur als Verwalter derselben betrachten durfte. Aber auch in der Nutzung der Stiftsgüter waren sie mit der Zeit dadurch beschränkt worden, daß zu ihren persönlichen Bedürfnissen und der Unterhaltung ihres Hofstaats gewisse Güter, Tafelgüter (bona mensali») bestimmt wurden. In Ansehung der übrigen Güter und der nutzbaren landesherrlichen Rechte sind die Verhältnisse des Landes, des Stiftes und des Domcapitels immer ein Gegenstand abweichender Meinungen geblieben. Nicht weniger war dies der Fall in den weltlichen erblichen Fürstenthümern; denn ob- Domainenfrage 699 gleich sich in diesem Verhaltnisse seit mehren Jahrhunderten die zwm Hauptgrundsatze festgestellt hatten: 1) daß das Eigenthum der Domainen un!) Kammergüter (mit Vorbehalt des zum größten Theil dabei eintretenden Lehnsober eigenthums des deutschen Reichs) der fürstlichen Familie zustehe; und 2) daß der jedesmalige Landesherr nur Niesbraucher der Früchte dieses Familienguts sei, welches auch ohne besondere Vertrage, Testamente und dergl. schon seiner H^atur und von Rechtswegen mit einem Familiensideicommis belastet sei: so war doch nicht allein hierin durch mancherlei Familienverträge und besondere Umstände eine große Verschiedenheit der Rechte hervorgebracht worden, sondern noch schrvankender, verwickelter und ungleicher waren die Rechte, welche dem Lande, nicht sowol an dem Familiengute der Fürstenhäuser, als vielmehr in Beziehung auf dasselbe, zustanden; Rechte, welche nicht allein mit der Erwerbung der Landeshoheit und späterhin der Kammergüter selbst in genauem Zusammenhange standen, sondern auch durch neuere hinzugekommene Umstände und Verträge mit den Landstcmden auf man- nichfaltige Weise modisicirt und selbst in ihren Grundzügen verändert worden sind. Der gewöhnlichste Weg hierzu war, daß die Fürsten mit den Einkünften ihrer Güter nicht ausgekommen waren, sondern die Güter veräußert oder auf sie eine so große Schuldenlast gehäuft hatten, daß die Landstände ins Mittel traten, die Schulden und Zuschüsse zu den fürstlichen Kammern übernahmen, dagegen aber auf verschiedene Weise sicherzustellen suchten, daß ähnliche Verschleude- nun , rungen und Verpfändungen sie nicht aufs Neue in Verlegenheit setzen möchten. Indessen wird wol aus ältern Zeiten (d. h. bis 1806) nicht leicht ein Beispiel gefunden werden, daß die Landstände dem Lande ein wirkliches Eigenthumsrecht an den Kammergütern beigelegt oder ausbedungen Härten, wiewol die fürstlichen Familien selbst oft genug, wie in dem Erbverbrüderungsvertrage zwischen den Häusern Sachsen, Hessen und Brandenburg (1373 —1614), den Satz aufgestellt baben, daß die Kammergüter dem Lande folgen und anhängen müßten, und daß bei dem Aussterben eines sürstlichen Hauses das Stammgut desselben nicht den Modialerben, sondern den Landesnachfolgern gebühre. Vielleicht ist es sogar richtiger, zu sagen, daß die Landeshoheit (die Regierungsrechte) bei diesen Verabredungen nicht die Hauptsache waren, sondern nur eine Folge des Besitzes derjenigen Rechte, welche als zum Kammergute gehörig angesehen werden mußten. Denn man theilte bis in die neuern Zeiten nicht das Land etwa nach Quadratmeilen, auch nicht die Unterthanen nach der Seelenzahl, sondern man theilte nach Kammer- cmkünften, und zwar nach Ämtern, wobei diese mit mehr oder weniger Genauigkeit nach dem Ertrage der Kammergüter und Kammergefälle geschätzt wurden, ferner nach Städten und Schlössern, Vogteirechten über Bisthümer und Klöster, und Lehnschaften. Daraus folgten dann in jedem der einzelnen Theile, die man allerdings nach den größern Diftricten und dem Umfange der ältern Fürstenthümer und größern Grafschaften zusammenhielt', die eigentlichen Regierungsrechte von kllbst. Diese Verfahrungsweise berechtigt jedoch keineswegs dazu, die Grund- hmlichkeit für die einzige oder wenigstens die vorzüglichste Quelle der Landeshoheit lfür das Princip der Territorialverfassung) zu erklären, indem der wichtigere Theil dieser Rechte dennoch ursprünglich aus dem Reichsamt abgeleitet werden muß. Dmn hierbei muß, welches auch für die ursprüngliche und wahre Natur der Do- Hainen entscheidend ist, Mehres unterschieden werden. 1) Die Regierung in den deutschen Landen ward unter dem Könige durch Beamte —Grasen— verwaltet, welche Anführer, oberste Verwalter und Richter ihres Sprengels waren, und dafür die Nutzungen der darin gelegenen, dem Könige nicht besonders vorbehaltenen Gü- ter und bestimmte Gefälle und nutzbare Rechte hatten, wovon sie auch die Kosten >hrer Verwaltung bestritten. Zu diesen Ämtern wurden oft Männer genommen, die ohnehin in ihrem Bezirk angesehen und begütert waren, welches nicht nur die !> v, 700 Domamenfrage Veranlassung zu einer anfangs bloß zufälligen Erblichkeit wurde, sondern auch, als die Erblichkeit der Grafschaften entschieden und allgemein war (in vielen einzelnen Fallen auch schon früher), zu einer Vermischung des Amtsguts und des Eigen- guts führte. Die Geistlichen erlangten durch die Befreiung von der weltlichen Autorität dieselben Rechte über ihre Güter, und späterhin waren sie sehr eifrig und glücklich darin, die in ihrem kirchlichen Sprengel gelegenen Grafschaften selbst an sich zu bringen. Es ist auch zu glauben, daß große Grundeigenthümer die Rechte des Grafenamts über ihre Besitzungen nicht selten ausdrücklich erhalten, vielleicht aber noch häufiger durch Usurpation an sich gebracht haben. 2) Über diese Beamten '.^n! und zwischen sie und den König stellten sich höhere, die Stelle des Königs vertre- tende Beamte, deren Entstehung und Rechte auch nicht völlig gleich waren und blieben. Die alten Oberhäupter der Stämme, welche sich dem fränkischen Reich unterwarfen, behielten großenteils ihre Autorität oder erlangten sie nach einiger Zeit wieder, und waren abhängige Verbündete, wie die Herzoge von Baiern, Sachsen, Bretagne, Guienne u. s. w. Sie übten königliche Rechte (Regalien) aus, ordneten ihren Hof nach dem Muster des königlichen und bezogen auch die königlichen Einkünfte. An den Grenzen war die Grasenverwaltung nicht stark genug; es wurden höhere Anführer angestellt, welchen die Grafen so untergeordnet waren, wie andere Grafen dem Könige selbst, und die, vornehmlich in den von ihnen eroberten Ländern, ebenfalls die Rechte des Königs ausübten und die königlichen Güter und Einkünfte benutzten. Die alten Stammhäupter sind nach und nach ausgegangen; ihre Länder entweder mit der Krone vereinigt oder an geistliche und weltliche Herren zersplittert worden. Die Regalien (das Schirmrecht über die Stifter mit bedeutenden Nutzungen, die höhere Jurisdiction, die Benutzung der Reichsgüter) sind an Diejenigen übergegangen, welche in dem alten Herzogsamte mit verkleinertem Sprengel nachfolgten, und wurden sehr Vielen verliehen, welche früher den Herzogen untergeben gewesen waren. Viele Grafen wurden gefürstet; die Familie Heinrichs des Löwen erlangte für die Länder, welche sie in dem alten Herzogthume Sachsen besessen hatte, selbst die Würde und das Recht der Herzoge. Auch unter den Domainen der Fürsten war hiernach Vieles, was Privateigenthum, aber auch Vieles, was zuerst Amts- oder Reichsgut war. Diese Verhältnisse machen es unmöglich, eine einfache und durchgreifende Antwort darauf zu geben, ob die Kammergüter Dotation der landesherrlichen Würde, oder ob sie Stammgut der fürstlichen Familie sind, und noch weniger würde es möglich sein, auf historischem Wege zu einer vollständigen Sonderung beider Bestandtheile zu gelangen, obgleich von mehten Domainen wol klargemacht werden kann, daß sie zu dem Einen oder dem Andern gehören. So ist es von den sogenannten Kammer- regalien nicht zu bezweifeln, daß sie von dem alten Grafenamte herrühren und also nicht Privatgut sind; auch können die eingez ogenenStifts- und Klostergüter nicht zum Privatgut gerechnet werden. Bis 1806 ist es indessen im Allgemeinen nicht bezweifelt worden, daß die Domainen an sich Eigenthum der fürstlichen Familien seien, und daß das Land zunächst bei ihrer Erhaltung nur insoweit ein rechtliches Interesse habe, als die Unterhaltung des Fürsten und die Bestreitung der Regierungskosten aus die Kammergüter und Einkünfte radicirt waren. Im Übrigen hielt man zu einer gültigen Verfügung über die Domainen nur die Zustimmung der Agnaten für erfoderlich, und eine große Zahl fürstlicher Hausverträge über die Zusammenhaltung der Kammergüter und die Bedingungen ihrer Veräußerung sind von den Mitgliedern der fürstlichen Familie ohne alle Mitwirkung des Landes geschlossen worden, ja die Stände widersprachen sogar, wenn die Unveräußerlichkeit der Kammergüter zur Sprache kam, weil sie es für sich vortheilhaft fanden, daß der Landesherr Güter zu verschenken und zu verkaufen berechtigt sei. (S. Weiße's „Geschichte des Königreichs Sachsen", Bd. 1, S. 294, Bd. 2, S. 193.) Als Domainenfrage 701 zu Anfange des vorigen Jahrhunderts von Frankreich her die Begriffe von Staats- doinaimn verbreitet wurden, stritt man daher sehr gegen die Anwendung derselben auf die Kammer- oder Amtsgüter der deutschen Landesherren, und wollte die Ausdrücke Kammergüter und Domainen nicht für gleichbedeutend gelten lassen. Wenn man nun von der andern Seite, um die fürstlichen Domainen unter den Begriff des Staatsguts zubringen, sich darauf beruft, daß aus dem Kammecgut ehedem die sammtlichen Regierungsunkosten, der gesammte Staatsbedarf habe bestritten werden müssen, und das Land nur in außerordentlichen Fallen Zuschüsse, Beden, Steuern u.s. w. bewilligt habe, so ist auch dies nicht durchaus richtig. Es wird nicht erwiesen werden können, daß eine solche Verpflichtung auf den eigentlichen Kammergütern, d. h. den Grundbesitzungen der Landesherren, gehaftet habe, wohl aber waren die Kammergefalle, die Regalien und eine Menge von Leistungen und Rechten dazu bestimmt, und die Unterthanen übrigens überall zu allgemeinen Zwecken Dienste zu leisten schuldig. (K. H. Lang's „Historische Entwickelung der beut chen Steuerverfassung", 1793.) Wenn nun diese Regalien (Zölle, Münzrecht, Gewerbsabgaben u. s. w.), Landesfrohnen und deren Surrogate von den Kammereinkünften getrennt und der Landescasse zugewiesen werden, wie in mehren neuern Verfassungen geschehen ist, so fällt schon ein Grund hinweg auch das übrige Kammergut für den Staat in Anspruch zu nehmen. Es ist aber femer nicht richtig, daß aus den Kammereinkünften alle Staatsausgaben zunächst hätten bestritten werden und das Land nur das Fehlende zuschießen müssen. Diese Verbindlichkeit läßt sich nur behaupten von der Unterhaltung des Fürsten und seinar Familie, des Hofes, und von demjenigen Theile der Dienerschaft, welcher die Geschäfte des Fürsten zu verrichten hatte, seinen Amtleuten, seinem Kanzler und dessen Gehülfen, und seinen Rächen. Hingegen die eigentlichen Landesbedürfnisse, die allgemeinen Landesanstalten, die Leistungen fürchas Reich (Reichscontingent, Reichssteuern, Unterhaltung des Reichskammergerichts, Reichstagsgesandtschasilen und dergl.) sind immer von dem Lande unmittelbar bestritten worden, und aus den Kammermitteln wurden nur in einigen Ländern Beiträge dazu gegeben. Diese allgemeinen Landesbedürfnisse haben in der neuem Zeit einen viel größern Umfang erhalten als vorher, besonders ist das rechtliche Verhältniß des Kriegswesens ein ganz anderes geworden, indem jetzt von fürstlichen Haustruppen kaum die Rede mehr sein kann. Auch in dieser Hinsicht ist daher das Kammergut nicht mehr als zunächst verpflichtet zu betrachten, sondern das Land muß das Nothwendige zuerst herbeischaffen, und es kommt auf die Verhältnisse und Verträge an, inwieweit die Domainen einen Beitrag geben können und sollen. Es tritt schon dabei ei ne sehr wesentliche Verschiedenheit zwischen großen und in ihrer politischen Existenz völlig gesicherten Staaten und denjenigen ein, welche die Garantie ihrer Unabhängigkeit nicht in sich selbst finden. Diese Verschiedenheit wird aber noch bedeutender in staatswirthschaftlicher Beziehung. In der neuern Zeit ist die Trennung des fürstlichen Stammguts von dem eigentlichen Staatsgute hauptsächlich durch zwei Veranlassungen angeregt worden. Zuerst durch die Mediatisirungen im 1.1806 bei Stiftung des Rheinbundes, und sodann durch die außerordentliche Vermehrung der öffentlichen Lasten, die seitdem durch die Kriege, in welche Napoleon die deutschen Staaten verwickelte, durch die Anstrengungen der Jahre 1814 und 1815, und später durch den großen, auch im Frieden zu unterhaltenden Kriegsstand, den Ländern aufgelegt wurden. Bei der Sonderung, welche den mediatisirten Fürsten und Grafen den Genuß ihrer Stammgüter und grundherrlichen Rechte sichern sollte (Rheinbundsacte, Art. wurde nicht nur das Eigenthumsrecht der bisher regierenden Familien an diesen Gütern anerkannt, sondern auch vielleicht Manches zu den grundherr- lichen Gefällen gezogen, was in seiner Entstehung zu den Einkünften des Grafen- / 702 Domainenfrage amtes, also W den Regalien, gehörte. Eine andere Sonderung, welche Napoleon in den eroberten Provinzen vornahm, indem er die Lander ohne die Domainen an die neuen La ndesherren abtrat, und sich dieselben entweder desonders bezahlen ließ oder zu Dotationen verwendete, kann nicht in Betracht kommen, weil dies doch nur als ein Act der Gewalt und Erpressung angesehen werden konnte. Aber nicht bloß aus dem Grund e, daß ein natürliches Streben, größere Landermassen zu bilden, ahm liche Ereignisse herbeiführen kö nte, sondern auch aus andern Ursachen ist eine nach billigen und rechtlichen Grundsätzen vorzunehmende Absonderung des Familienguts vcm den Staatsgütern und Staatseinkünften sehr zu rathen, und unter einigen Umstanden sogar nothwendig. Wir erinnern hier nur daran, welche Hindernisse das Interesse der fürstlichen Kammern bei der Verwaltung der Regalien der Einfuhr« ng eines richtigem Verwaltungssystems hausig entgegengesetzt hat, und noch nachtheiliger ist es in manchen Landern gewesen, daß der Landesherr zugleich Gutsherr war, und also die Erweiterung der gutsherrlichen Rechte und Gefalle, aufweiche die Ritterschaft hinarbeitete, in der fürstlichen Kammer Unterstützung und selbst ein Vorbild fand. Allerdings würden aber auch die Kammergüter nunmehr den großen Nutzen haben können, daß man auf ihnen mit dem guten Beispiele voranginge, die Landwirthschaft und den Bauernstand von den Lasten, Abgaben und Diensten zu befreien, welche dem allgemeinen Wohlstand und der höhern Entwickelung des Volks so außerordentlich hinderlich sind. Es kommt aber dazu, d>aß die Kammergüter, mit Ausnahme der Waldungen, verhältnismäßig den geringsten Ertrag gewahren, indem die Verwaltungskosten, das Bauwesen und die Rückstände der Pachtgelder nur einen sehr geringen Reinertrag übrig lassen. Dessenungeachtet kann, so lange die Kammergüter noch reines Familiensi'deicommis und ni cht Staatsgut sind, die Maßregel einer Zerschlagung und einer dadurch zu bewirkenden Ansehung freier mittlerer Grundeigenthümer nicht leicht zur vollständigen Ausführung gebracht werden. In mehren Ländern war in der neuern Zeit auch das Verhältniß der Schulden nicht klar geblieben, sondern Kammer- und Landesschulden mit einander vermischt worden, welche nur durch Aufstellung bestimmter Grundsätze wieder geschieden werden konnten, und auch dies führte zu Sonderungen des Kammerguts von dem eigentlichen Staatsgute. In den größern Staaten hat es nun kein Bedenken, das ganze Kammer- vermö gen für Staatsgut zu erklären; dies ist geschehen in Baiern (Verfassungsurkunde von 1818, Tit. 3), wo zugleich die Bestimmung aufgenommen ist, daß neue Erwerbungen eines Mitglieds der königlichen Familie, wenn der Erwerber nicht bei seinem Leben darüber verfügt, der Gesammtmasse des Staatsguts einverleibt werden. Im Königreich Sachsen ist zwischen Staatsgut und Fideicommis des königlichen Hauses unterschieden (Verfassung von 1831, §. 16 und 90); allein da auch das letztere, welches in den königlichen Schlössern, dem Mobiliar, den Sammlungen von Kostbarkeiten, Kunstwerken, der Bibliothek u. s. w. besteht, unveräußerlich und vom Lande unzertrennbar ist, so scheint der Unterschied nicht wesentlich zu sein. In Kurhessen (Verfassung von 1831, ß. 139) werden die Domanial-(Kammer-) Güter und-Gefälle für Staatsgut erklärt; aber es wird auf eine mit den Ständen verabredete Sonderung von einem Fideicommisvermögen des kurfürstlichen Hauses hingewiesen (§. 140), dessen rechtliche Verhältnisse nicht näher bezeichnet sind. Folge dieser Bestimmungen ist überall eine sogenannte Eivil« liste, d. h. die Festsetzung einer bestimmten jährlichen Summe für den Souverain, die Regentenfamilie und den Hof. Eine Civillifte ist auch in Baden festgesetzt (Verfassung von 1818, §. 59), obgleich hier die Domainen als Patrimonial- eigenthum des Regenten und seiner Familie anerkannt sino. In Würtemberg ist die alte Abtheilung des Familiensi'deicommis in die Kammergüter und Kammer- schreibereigüler in der Art beibehalten worden, daß das Kammergut, mit Inbegriff Domainenfrage 703 der Regalien, zwar auch als Eigenthum des königlichen Hauses betrachtet wird, aber doch auch zugleich als ein vom Königreich unzertrennliches Staatsgut. Aus ihm wird eine bestimmte Summe für den König und den Hofstaat und zu den Apanagen des königlichen Hauses ausgesetzt. Neben ihm besteht aber das Hof- und Domainenkammergut als Privateigenthum des königlichen Hauses, dessen Verwaltung und Benutzung dem König allein zusteht, und zwar gegen den Staat als wahres Privateigenthum, sodaß auch davon alle Steuern an die Staatskassen entrichtet werden (Verfassungsentwurf von 1817, §.196—210, und Ver- fassungsurkunde von 1819, tz. 102 —108). Im Großherzogthume Hessen wird in beb Verfassungsurkunde von 1820, Art. v, das Verhältniß dahin bestimmt, daß die Stande alle bis dahin vorhandenen Schulden auf die Staatskasse übernommen haben, wofür aber ein Drittheil der sammtlichen Domainen zum Staatsvermögen abgetreten worden ist. Die übrigen zwei Drittheile sollen zwar ein schuldenfreies unveräußerliches Familieneigenthum des großherzoglichen Hauses bilden, daraus aber eine feste Summe an den Souverain entrichtet und der Uberschuß zu Staatsausgaben verwendet werden (Art. 7). In Preußen sind die Domainengüter und-Einkünfte (niedere Regalien) schon in dem Allgemeinen Landrechte (Th. 2, Tit. 14, §.11 und 25) für Staatseigenthum erklart, doch werden sie auch als Fideicommis des königlichen Hauses betrachtet. Daher wurde auch das Gesetz vom 17. Dec. 1808, wodurch die Veräußerung von Domainen zum BeHufe der Tilgung der Landesschulden für zulässig erklärt wurde, als Haus- und Grundvertrag sowol von den sammtlichen Prinzen des Hauses als auch von den Ständen der verschiedenen Provinzen unterschrieben. Aus dem Bisherigen wird sich nun wol ergeben, daß eine allgemeine und gleichlautende Antwort über die rechtliche Natur der Domainen und Kammergüter nicht möglich, auch selbst für die einzelnen Staaten eine historische Sichtung sehr schwierig sein dürfte. Das Einzige, was sich auch als festes historisches Recht erkennenlaßt, möchte wol sein, daß von jedem Domainengut ein sehr großer Theil zum wahren Staatsvermögen gehörig ist, daß die Stände aber auch von der andern Seite viel zu weit gehen, wenn sie die Domainen im Ganzen als Staatsgüter in Anspruch nehmen.' Es scheint der fürstlichen Würde entgegen zu sein und die ebenso unrichtige als bedenkliche Idee einer Besoldung zu erwecken (was in einem großen Staate weniger zu befürchten ist), wenn der Souverain, anstatt von dem Seinigen zu leben und davon noch seinen Theil zu dem Wohle des Ganzen beizutrugen, mit seinen Unterthanen über die Summe, welche ihm ausgesetzt werden soll, handelt. Allerdings wird man in dieser Hinsicht selbst ältern Verträgen nicht unbedingte Gültigkeit für die jetzigen Zeiten beilegen können. Die Umstände haben sich so sehr geändert, daß eine neue Regulirung nothwendig wird. Dabei wird man immer festhalten müssen, daß die Domainen für einen sehr beträchtlichen Theil der Staatsausgaben verhaftet waren und geblieben sind. Nach dem bekannt gemachten ossiciellen Etat des Haushalts des preußischen Staats werden die Do- maineneinkünfte mit 54 Millionen den Staatsausgaben gewidmet; für den Kö- mg, die königliche Familie und den Hof ist ein besonderer Fonds unter dem Namen des Kronfideicommis bestimmt. Da nun einerseits die Verwaltung einfacher und wohlfeiler wird, wenn dieselbe Alles, sowol Abgaben als Kammereinkünfte, umfaßt, andererseits der Souverain an und für sich nicht der Unsicherheit einer o>gnen Verwaltung ausgesetzt sein sollte, so liegt darin Grund genug, das Do« mainenvermögen der Staatskasse zur Administration gegen eine sixirte jahrliche ^umme zu überlassen, wie dies nach den obigen Angaben in vielen Staaten gesehen ist. Man braucht dabei aber nicht eine eigentliche Civilliste auszusetzen, Indern wenn eine gewisse schuldenfreie Gütermasse als Krongut (Hofkammergut, Kronfideicommis) ausgeschieden wäre, so würde zwischen dem Souverain und den 704 Dombrowski ^ Ständen nicht über den Betrag des Bedarfs, sondern nur über den zu gewahren- den Ertrag zu verhandeln sein, und wenn keine Vereinbarung zu Stande käme, der Souverain jenes Krongut zur eignen Verwaltung zurücknehmen. Das Übrige der Domaineneinkünfte würde die Abfindung für die aus den Domainen zu leisten« ' den, aber aus die Staatscassen genommenen Regierungskosten und Schulden sein. (3) Dombrowski (Johann Heinrich), polnischer General der Cavalerie, geb. am 29. Aug. 1755 zu Pierszowice, einem in dem Palatinate von Krakau gelegenen Familiengute, verlebte die ersten Jugendjahre zu Hoyerswerda, wo sein Vater als kursächsischer Oberster mit seinem Regiments stand. Obgleich seine Mutter, eine Tochter des polnischen Generals Latow, mit aller Liebe, der besonders Polinnen fähig sind, an dem Vaterlande hing, erhielt er doch eine ganz deutsche Bildung. Schon 1770 trat er als Standartjunker in das Chevauxlegersregiment Prinz Albrecht von Sachsen-Teschew und wurde bald zum Rittmeister und Adjutanten des Generals Grafen Bellegarde befördert. D,, obgleich in Deutschland erzogen, konnte doch das angestammte Polenblut keineswegs verleugnen, als die Nationalversammlung zu Warschau 1792 alle Landeskinder, welche sich in fremden Diensten befanden, in ihre Heimath zurückrief. Noch in demselben Jahre machte er den Feldzug der Polen gegen Rußland unter den Befehlen des Fürsten Poniatowski mit. Schon 1793 ward er Vicebrigadier in dem Generalstabe des Divisionsgenerals Byszewski. Kaum hatte dieser kühne Reitersührer zu Anfang 1794 die Fahne der Unabhängigkeit erhoben und Kosciuszko zu Krakau den Nationalrath eingesetzt, als D. nach Warschau eilte, um dort die Bürgerschaft für die Befreiung Polens zu begeistern. Hier sollte er bald die Zahl der unglücklichen Opfer der Parteiwuth und des Volkshasses vermehren helfen, welche die Verleumdung begeifert hatte, indem ihn vieleTerroristen für einen Landesverrather hielten. Er rechtfertigte sich mit Kraft gegen jede Beschuldigung, aber ohne die großmüthige Vermittelung der Gattin des Generals Mokronowski wäre einer ungezügelten Rache der Mann anheimgefallen, der späterhin dem Vaterlande so viele Beweise der Treue und Aufopferung gegeben hat. Von nun an glänzte D. in den Reihen der ersten polnischen Offiziere. In Anerkennung der neuen Verdienste, welche er im Freiheitskampfe dem Vaterlande geleistet hatte, wurde er von Kosciuszko zum Generallieutenant ernannt. Suwoross's Anerbieten zur Beförderung in der neuen Armee, welche nach der Einnahme von Praga aus den Polen errichtet wurde, schlug er aus und ging 1795 nach Berlin, wo er einen zweiten Antrag von Seiten Preußens mit edler Bescheidenheit ablehnte. Seinen in Folge desselben an Friedrich Wilhelm gerichteten Vortrag, welcher die Mittel nachweist, wie Polen durch Preußens Vermittelung wiederhergestellt werden könnte, hat Chodzko in seiner „Iliswire lies legpons polonuises" (I, S. 339—348, und zustiücatives, XVIII) bekannt gemacht. Noch vor dem unglücklichen Ausgange des Kampfes hatte er dem Na- tionalkriegsrathe der Polen den Vorschlag gemacht, Warschau und das unglückliche Vaterland, das zum größern Theile wieder in der Gewalt der Russen war, zu verlassen und sich mit den noch übrigen 40,000 Mann, den König an der Spitze, nach Frankreich durchzuschlagen; allein am 7. Sept. erhielt er zu Tomczyce durch einen Eilboten die Nachricht, daß der Kriegsrath beschlossen habe, lieber die Haupte ftadt bis auf den letzten Mann zu vertheidigen und glorreich unterzugehen, als den heimathlichen Boden zu verlassen. Während indeß Männer, wie Barß, La Roche, Wybicki, Giedroyc, Lipski, Dembowski, Wielhorski, Taszycki u. A., sowol in Italien als in Frankreich an der Wiederherstellung des alten Polenreiches arbeiteten; während Oginski die Angelegenheiten seines Volkes in Konstantinopel vertrat und die Pforte um Beistand anflehte, begab sich D. zum General Jourdan, der damals die Rheinarmee befehligte, und überreichte ihm das Gesuch um die Erlaulmiß DombrowsK 705 zur Errichtung einer polnischen Legion im Dienste der französischen Republik. Das Direktorium gewahrte diese Bitte. Kaum hatte D. (1796) von Mailand euren ^ ^iil> Aufruf an seine Landsleute erlassen, so strömten Manner aus allen Standen und aus allen Provinzen Polens herbei, um unter seiner Leitung und unter Frankreichs Schutz ein ideales Vaterland zu erkämpfen. Nicht lange darauf wurde eine zweite ^ Legion zu Strasburg errichtet, die meist aus den Gefangenen bestand, die man den kaiserlichen Truppen am Rhein weggenommen hatte. Die Geschichte dieser Legio- 'slvch ^ lll ÄlGnd "erleU«!, »lz ^ sich ii> fW: ' >!chlb ilMmzuNnz Wk NM> bii^ldtimM chn,!BllrKl- NM ist zugleich die Geschichte Polens von dessen letzter Theilung bis zum wiener Congresse. Die zweite Legion unter Kniaziewicz kämpfte in den drei folgenden Feldzügen am Rhein, während die erste unter D. noch zur rechten Zeit nach Süditalien ausbrach, um an den glorreichen Waffenthaten der französischen Heere Antheil zu nehmen. Am 3. Mai 1/98 hielten die Polen ihren Einzug in die alte Hauptstadt der Welt und nahmen Besitz vom Capitol. Die musterhaste Mannszucht der Truppen erwarb dem Anführer die Achtung der Einwohner in so hohem Grade, daß ihm der römische Senat als ein Zeichen seiner Dankbarkeit die türkische Standarte, welche Sobieski bei dem Entsätze von Wien 168-3 in Kara Mustafas Zelte erbeutet und der Kirche zu S.-Loretto geschenkt hatte, überreichen ließ. S.'s Feldhermtalente bewogen Macdonald nach der Einnahme Neapels (1799), ihm außer seiner Legion noch den Oberbefehl der achten Brigade leichter Infanterie anzuvertrauen. In dem blutigen Kampfe an der Trebbin wurde D. von einer feindlichen Musketenkugel getroffen, und nur eine wunderbare Fügung der Vorsehung rettete ihm das Leben. Die Kugel traf die linke Brust, gerade auf die Stelle des Herzens; allein sie blieb in einem Buche (Schiller's „Geschichte des dreißigjährigen Krieges"), welches er in der Seitentasche seiner Uniform trug, stecken und verursachte ihm nur eine leise Contusion. In dem Winterfeldzuge 1799 und 1860 gab D, theils unter Gouvion St.-Eyr, theils unter Masse'na neue glänzende BeMise seiner Tapferkeit. Eine in den Apenninen erhaltene Wunde beraubte ihn auf ! einige Zeit seiner Thätigkeit; als aber Bonaparte die Unglücksfälle früherer Ge- I fechte bei Marengo wieder gut gemacht und den Polen in Anerkennung ihrer Ver- ! bimste noch zwei neue Legionen nach dem Muster der frühern zu begründen befohlen hatte, brachte D. mit Beihülfe des Generals Wielhorski noch vor 1801 das in der That nicht leichte Werk zu Stande. Schon am 13. Jan. desselben Jahres nahm er den wichtigen Posten von Casa Bianca bei Peschiera weg, und mit dieser Waffenthat hörte D.'s militairische Wirksamkeit in Italien auf. Nach dem Frie- von Amiens suchte er im Dienste der cisalpinischen Republik, als Divisions- Mttal, wie früher unter Frankreichs Fahnen die Kriegszucht und mangelhafte Pachtungen zu verbessern. Dem ehrwürdigen Kosciuszko stattete er, als wäre M ^ > Ule Kmlt dkl m diu sübiM ichMuM Mginw« vieler noch sein Oberhaupt, von Tag zu Tag Berichte nach Paris ab von Dem, was tr mit seinen Polen bereits ausgeführt hatte oder noch auszuführen gedachte. Als "apoleon 1806 sogar Kosciuszko's Namen misbrauchte, um die Polen, die er "slt leeren Hoffnungen von dereinstiger Wiederherstellung ihres Vaterlandes s duschte, zum Waffendienste aufzufodern, mußten D. und sein Freund Wybicki ! Aufruf an ihre Landsleute erlassen. Die Wirkung war außerordentlich, j allen Seiten strömten Freiwillige herbei, um sich unter die siegreichen Adler Franzosen zu reihen, deren Einmarsch in Warschau einem wahren Triumphzuge Zwei Divisionen, an deren Spitze D. stand, machten zu Anfang des Feld- ^ ^ den linken Flügel der Armeeabtheilung des Marschalls Mortier aus; später ?Wen sie mit den sächsischen und badischen Truppen Danzig belagern. Nach dem Zeichen Gefechte bei Graudenz nahm D. mit 7000 Polen seine Stellung am >/"^rlchselufer und führte später bei Dirschau die Colonnen selbst ins Feuer. schwer verwundet, verließ er das Schlachtfeld nicht eher, als bis alle ^re, selbst die äußersten Schanzen und Laufgräben dieser Stadt in seiner Ge- "nv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 45 70L Dombrowski walt waren. Kaum von dieser Wunde geheilt, wurde er in der Schlacht bei Friedland, wo seine Division viel zum Siege beitrug, abermals verwundet. Der Großadler der Ehrenlegion und das Eommandeurkreuz des Ordens der eisernen Krone aus der Hand des Kaisers belohnte seine Verdienste. Der Feldzug von 1809 eröffnete seiner Thatenlust ein neues Feld. Mit mehren fliegenden Corps gut eingeübter Tirailleurs griff er am 16. und 23. Mai die Östreicher zwischen Bromberg und Czenstochowa an, drängte sie zurück und schützte beide Städte, sowie die Brücke von Thorn gegen die feindlichen Cavalerieangriffe. Als Posen von einem feindlichen Überfalle bedroht wurde, erschien D. wie ein Rettungsengel und trug durch kühne Bewegungen an der Bzura viel zur Befreiung der Hauptstadt bei. Im Feldzuze gegen Rußland befehligte er eine von den drei Divisionen des fünften Armeecorps. Aufs Neue mit dem großen Gedanken beschäftigt, die Unabhängigkeit Polens wiederherzustellen, machte er dem Fürsten Poniatowski den Vorschlag, in allen an der Grenze gelegenen Garnisonen eigne Wassendepots zu lassen, um alle gefangenen Landsleute, sowie alle Überläufer aus den östreichischen, russischen und preußischen Armeen in die bereits errichteten Regimenter aufzunehmen. Poniatowski ging nicht auf den Vorschlag ein, weil es ihm bei seiner Zuversicht auf die Unüberwindlichkeit der französischen Adler gar nicht denkbar schien, daß ein so glücklich begonnener Feldzug je ein unglückliches Ende nehmen könnte. Da faßte D. den Entschluß, die Wiedergeburt Polens durch die Errichtung von vaterländischen Vereinen, die frei von allem fremden Einflüsse nur das Wohl der verwaisten Heimath ins Auge fassen sollten, zu befördern. Als nach dem Brande von Moskau die Lage der Dinge eine ganz andere Wendung nahm, und sich die französische Armee in Eilmärschen zurückziehen mußte, trug er an der Spitze seiner Division und des fast gänzlich aufgelösten Poniatowski'schen Corps zur Förderung des schwierigen Übergangs über die Berezina wesentlich bei, wo er, die Brücke deckend, mit seltenem Heldenmuthe sich preisgab; eine Flintenkugel zerschmetterte ihm die Hand. D. erschien 1313 wieder auf dem Felde der Ehre und zeichnete sich, mit seinen Polen einen Theil des siebenten Armeecorps bildend, besonders in den Treffen bei Teltow, Großbeeren und Jüterbogk aus. In der Schlacht bei Leipzig behauptete er bis zum letzten Augenblicke des Rückzugs die wichtige Stellung, an die sich der linke Flügel der französischen Armee lehnte, und vertyeidigte besonders mit großer Uner- schrockenheit die hallische Vorstabt gegen die ungestümen Angriffe der Preußen. Als aber 1814 der Kaiser Alexander nach Napoleons Abdankung die polnischen Truppen dadurch für sich zu gewinnen wußte, daß er ihnen die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes wie in einem Spiegel zeigte, kehrte D. mit mehren der ausgezeichnetsten Generale und Offiziere, als Kniaziewicz, Woyczynski, Sokolnicki, Chlopicki, Wielhorski, Kamieniecki, Paszkowski, Krukowiecki, Uminski, Vincenz und Isidor Krasinski, Falkowski, Kurnatowski, Redet, Tolinski, Rautenstrauch, Sierawski und Malachowski, nach Polen zurück, wo ihm Alexander die Würde eines Sena- tors-Woywoden und das Großkreuz des weißen Adlerordens verlieh. Er wurde 1815 zum General en Chef der Cavalerie, zum Senator-Palatin in der Versammlung der polnischen Landstände ernannt, und zuletzt noch mit dem Sterne des St.- Wladimir- und St.-Annenordens erster Classe geziert. Um seinen von Wunden und Anstrengungen jeder Art^eschwächten Körper zu pflegen, trat er 1816 aus dem activen Staatsdienste und zog sich aufsein Landgut Wina-Gora im Großherzogthum Posen zurück, wo er nur der Landwirtschaft und den Wissenschaften lebte. Hier schrieb er Denkwürdigkeiten aus seinem Leben, deren Nichterscheinen um so mehr zu bedauern ist, als er darin die Hauptcharaktere aus der vielbewegten Zeit, in derer lebte, mit großer Freimüthigkeit geschildert hat. Außerdem schrieb er eine Geschichte der polnischen Legionen in Italien, die er in der Handschrift der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften mit .seiner ganzen nicht unbedeutenden B>- », k„,.- .'jSN Borkum! Donkcr-Curtius 707 bliothek, einer kleinen Vasensammlung und andern Merkwürdigkeiten zum Geschenke gemacht hat. Diese Gesellschaft ehrte sein Andenken dadurch, daß sie sein Vermächtniß in einem besondern Saale aufstellte, der für immer seinen Namen tragen sollte. Mit gefaßtem Muthe blickte D. auf seinen Tod, den ihm im Inn. 1818 eine kaum dreitägige Krankheit angekündigt hatte. Man sah ihn schon mir einem Fuß im Grabe, als er noch immer sorgenvoll sein Auge auf das künftige Schicksal Polens lenkte, wie ein Actenstück in dem Berichte der Untersuchungs- commission v. I. 1826, S. 3, beweist, das man jedem Verleumder des Generals als Gegenbeweis vorhalten kann. Als er die Auflösung herannahen fühlte, ließ er sich den Säbel reichen, mit welchem er einst in den Schlachten in Italien, bei Eylau, Danzig, Friedland und im Vaterlande gefochten, und der an der Berezina in seiner Hand zerschmettert wurde, verordnete, daß man ihm auch den Ehrensäbel, dm er zum Gedächtniß seines Zuges nach Großpolen 1794 erhalten hatte, und endlich auch die drei Kugeln, die ihn bei Novi, bei Dirschau und an der Berezina genossen hatten, mit in das Grab geben sollte. Er starb am 6. Zun. 1818. Die Republik Krakau, deren Hauptstadt stolz darauf ist, die uralten Königsgräber des polnischen Volkes innerhalb seiner Mauern zu bewahren, bat sich die Ehre aus die sterbliche Hülle D.'s an der Seite derjenigen von Sobieski, Kosciuszko und Poniatowski in der Domkirche beizusetzen; eine mächtiger eingreifende Anordnung aber hat die Gewährung dieser so bescheidenen und natürlichen Bitte zu verhindern gewußt. Der Leichnam wurde in aller Stille, nur von den stummen Thränen der Edlem aus seinem Volk? gefeiert, zur Ruhe bestattet. (8) Donker-Curtius van Tienhoven (Willem Boudewyn). Dieser ausgezeichnete Deputirte und Gelehrte des neuern Hollands wurde zu Herzo- gmbusch den 29. Dec. 1778 geboren. Sein Vater, Boudewyn D.-E., war ein sehr unterrichteter und geachteter Rechtsgelehrter, welcher in jener Stadt der gerichtlichen Praxis sich widmete und hinter einander mehre wichtige Ämter bekleidete. Der junge D.-C. vollendete seine Studien auf rühmliche Weise an der Hochschule zu Leyden, erhielt daselbst den Doctorgrad und prakticirte im Haag eine Zeitlang als Advokat; spater verlegte er seinen Sitz nach Dortrecht in Südholland, ließ sich hier dauernd nieder und wurde von hier aus als einer der ausgezeichnetsten niederländischen Advokaten bekannt. Von 1800—10 war er Mitglied des Obergerichtshofes von Südholland. Er vereinigte 1815 seine Bemühungen mit denen des Grafen von Hogendorp und dessen Partei, um das französische Joch abzuschütteln. Er rief, der erste zu Dortrecht, die Souverainität des Prinzen von Oranien aus, wurde zum Districtscommissair in dieser Stadt und von Gorkum ernannt und ebenso zum Generalcommissair mit der Sendung gewählt, vom Districte Breda und Nordbrabant Besitz zu nehmen. Der König vergeh ihm 1815 den niederländischen Löwenorden; zugleich trat er als Mitglied der Prvvinzialstaaten von Südholland und 1825 als Mitglied der Generalstaaten auf. Seither ist er fast immer bei jeder Legislation von Neuem gewählt worden. Der König ernannte ihn zum Mitgliede verschiedener wichtigen Commissionen: wie der 1828 zur Reorganisation des höhern Unterrichts, und der 1830 nach dem belgischen Aufstände, zur Regulirung der Theilung und Constituirung der beiden Hälfen des Königreichs niedergesetzten. Gegenwärtig arbeitet er an den 1831 gebildeten Commissionen, die der Vereinfachung der innern Administration, den Erspa- tungen in den Staatsausgaben, sowie der Abfassung eines'nationalen Gesetzbuches 'stimmt sind. Als im Laufe dieses Jahres der Tod den würdigen Steyn-Parve, k>ns der gxachtetstcn Mitglieder des holländischen Juristenstandes, nach zwanzig- uhriger Amtsführung hinwegraffte, trat D. in seine Stelle als Präsident des er- ^Gerichtshofes im Haag. Seit 1822 ist er auch*Mitglied der Societät der o und Wissenschaften zu Utrecht, seit 1827 der Akademie für niederländische 45* b / S, 703 Doorn Natioualliteratur zu Leyden. Herausgegeben hat er folgende Werke: „ksidragev i »t 6en waterstAÄt 6er Ke6er1sn6en" (Beiträge zur Kenntniß des Wasserstaates in Holland, 1819), als Widerlegung einer Schrift des Generalinspectors Blanker; „Leoor6eeliriF en bestrsi6iug 6es eersten boel^s van bei durAerlijK >vetl» / I v, 7! 2 Döring (F. W.) Döring (G. Ch. W. A.) wir finden, daß in vielen der grvßern Nebel einzelne und mehrfache Verdichtungen sich zeigen, die den Fortgang der Bildung entstehender Welten wohl anzudeuten scheinen. Wer möchte hierbei nicht gern die Ansichten des großen Geometers Laplace theilen, und wer möchte zweifeln, daß die EntWickelung neuer Weltenkugeln, neuer Sonnen und Sonnensysteme mit der Unendlichkeit der Zeit in der Unendlichkeit des Raumes fortschreite. (54) Döring (Friedrich Wilhelm), Kirchenrath und Director des Gymnasiums zu Gotha, wurde zu Elsterberg am 9. Febr. 1756 geboren, auf der Schule zu Pforta z und auf der Universität zu Leipzig gebildet. Von da kam er nach Guben 1782 als ' Rector, 1784 in gleicher Eigenschaft nach Naumburg und in dems. I. nach Gotha. ^ A.zz Unter seiner Direktion ist das dortige Gymnasium an Schülerzahl, Religiosität, guter Zucht und Gründlichkeit des Unterrichts eins der ersten in Deutschland gewor- . den, und D.'s Verdienste um dasselbe sind sehr bedeutend. Man sehe Fr. Ja- cobs' geistreiche „bPi-tolu sei (?. Dorin^ium, senem felicissiwum" (Gotha 1824). Er selbst hat als Lehrer besonders durch seinen Unterricht im Lateinsprechen und Lateinschreiben genützt, wie es denn auch die lateinische Sprache ist, der allein er seine schriftstellerische Thätigkeit zugewendet hat. Von dieser zeugen seine Ausgaben des Catullus (1788) und die binnen wenigen Jahren in fünf Auflagen erschienene Ausgabe des Horatius (zuletzt 18.19), an der man aber hier und da grammatische Schärfe und Kenntniß der neuern philologischen Forschungen vermißt. Die von Stroth begonnene Ausgabe des Livius hat er fortgesetzt (7 Bde., Gotha 1796 —1819). Für den lateinischen Styl hat er durch seine „Anleitung zum Übersetzen aus dem Deutschen in das Lateinische" (vierte Aufl. Jena 1829) nicht unverdienstlich gewirkt. Als lateinischer Dichter endlich zeichnete er sich durch mehre sehr gelungene Oden aus. (48) Döring (Georg Christian Wilhelm Asmus), einer der fruchtbarsten und gelesenften unter den heurigen Novellisten, wurde am 11. Dec. 1789 in Kassel geboren. Sein Vater hatte die Jnspection des dortigen Museums, und die reichen Sammlungen nebst der damit verbundenen Bibliothek gaben schon früh Gelegenheit, für ein geistiges Streben Nahrung zu finden. Nachdem D. das Gymnasium zu Kassel besucht und alsdann seine Studien in Göttingen gemacht hatte, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, wo sich durch die bald darauf erfolgende Auflösung deS Königreichs Westfalen und Wiederbildung des Kurfürstenthums Hessen gerade damals ein neues deutsches Leben zu gestalten versprach, was auf die poetische Stimmung D.'s sehr anregend wirkte. Er begann jetzt zuerst für das neue Theater unter Guhr's Direktion zu dichten/ wozu die begeisternde Zeit selbst ihm reichen Stoff und die Empfänglichkeit des Publikums eine erfreuliche Ermunterung bot. Sein Verhältnis! zum Theater löste sich jedoch wieder auf, und theils durch Familienumstände, theils durch Neigung und Streben nach Selbständigkeit bestimmt, begab er sich 1815 nach Frankfurt am Main, um hier eine Stelle als Oberspieler bei dem dortigen berühmten Orchester anzunehmen. Nach zwei Jahren zog er sich aber aus diesem Verhältniß wieder zurück und widmete nun seine Zeit der Redaktion der frankfurter politischen Zeitung und des damit verbundenen, von ihm gegründeten Unterhaltungsblatts: „Iris". Nachdem er unter Verhältnissen, die damals für polirische ZMblätter höchst ungünstig waren, die Redaktion jener Zeitungen wieder aufgegeben und eine Reise nach der Schweiz und Italien gemacht hatte, übernahm er 1829 mit dem Charakter eines Hofraths die Stelle eines Hosmeisters des Prinzen Alexander von Sayn-Wittgenstein, der unter seiner Leitung in Bonn ftudirte. Von der Liebe seines Zöglings und dem Danke der fürstlichen Familie belohnt, privatisirte er alsdann in Frankfurt am Main und begann hier seine eigentliche literarische Laufbahn, in der er es vornehmlich darauf angelegt hat, sich zum Lieblings« und Modeschriftsteller des Publikums heranzubilden, was ihm in ei- Dorow 7Z3 neM nicht gewöhnlichen Grade gelungen ist. D. verheirathete sich 1824 und ließ sich, nachdem er ein halbes Jahr hindurch die Redaktion des nürnberger „Correspon- > dencen" geführt, in Frankfurt a. M. hauslich nieder. Der Herzog von Sachsen- Meiningen ernannte ihn bald darauf zum Legationsrath; früher schon hatte er von der Universität Erlangen die Würde eines Doctors der Philosophie empfangen. D. ist gegenwartig einer der beliebtesten Almanachsnovellisten und hat fast zu allen in Deutschland erscheinenden Taschenbüchern und Zeitschriften zahllose Beitrage geliefert ; doch ist bei dem Mangel an Vielseitigkeit, der sich an seiner Manier leicht bemerklich macht, zu befürchten, daß er sich in dem guten Verhaltnisse zu seinem Publicum nicht auf die Dauer wird erhalten können. Wenn man ihm große Gewandtheit und Eleganz der Darstellung in seinen bestem Producten nicht abzusprechen vermag, und selbst nicht umhinkann,' eine gewisse Beweglichkeit der Phantasie darin anzuerkennen, so fallt doch Dem, der viel von ihm liest, die große Einförmigkeit seiner Erfindungen auf, und die ganze Art und Weise seines Schaffens erscheint bald nur zu sehr als eine regelmäßig sich wiederholende Maschinerie, deren Anwendung nur jedes Mal mit einigen geschickten Modisicationen betrieben wird. Unter seinen zahlreichen, seit 1814 erschienenen Schriften, befinden sich Leistungen in allen Fächern und Formen der Poesie, aber freilich von dem verschiedensten Werthe. Unter seinen Novellen sind besonders „Der Hirtenkrieg" (3 Bde., Frankfurt a. M. 1830) und die seit 1822 jährlich fortgesetzten „Phantasiegemälde" als seine gediegenem und am meisten vom Bestalle des Publicums belohnten Leistungen zu nennen. Seine dramatischen Arbeiten haben den geringsten Werth, doch ist sein Drama „Cervantes", sowie sein Luftspiel „Gettert" auf einigen Bühnen mit Beifall gegeben worden. Auch als Opemtextdichter ist D. rhätig gewesen, und hat unter andern zu Spohr's „Berggeist" und der „Rauberbraut" von Ries die Texte geliefert. (4?) Dorow (Wilhelm) wurde am 22. Nov. 1790 zu Königsberg geboren, kam aber nach dem frühen Tode seines Vaters in das Haus des LandhosmeisterS von Auerswaldt in Marienwerder, und besuchte darauf die Schule zu Marienburg, bis er 1804 wieder nach Königsberg kam, wo er sich dem Baufache widmete. Als nach dem Ausbruche des Kriegs das in der Provinz Ostpreußen herrschende Elend schmerzliche Gefühle erweckte, entschloß sich D., die ihm zugedachte Stelle aufzugeben und, auf Antrieb des Bruders seiner Mutter, des Capellmeisters Reichardt, nahm er ein Anerbieten eins der ersten Handlungshäuser in Königsberg an. Während er hier die Kriegsjahre mit kaufmännischen Geschäften zubrachte, setzte er seine mathematischen und andern Studien fort, welche sein Stiefvater, der besonders als Übersetzer des Virgil bekannte Kriegsrath Bock, leitete. In diesem Verhaltnisse lebte er bis 1811, wo er Königsberg verließ, um eine Berufsthatigkeit, die ihm nicht zusagte, mit einer andern zu vertauschen; vorher aber wollte er eine Reise nach Frankreich und Italien machen. Nachdem er längere Zeit bei Reichardt in Giebichenftein sich aufgehalten hatte, trat er eine Fußreise durch ganz Deutschland nach Paris an, wo er im November 1811 eintraf. Im December desselben Jahres aber ward er von dem preußischen Gesandten von Krusemark, der ihn aus früherer Zeit kannte, mit mündlichen Aufträgen nach Berlin zu dem Staatskanzler von Hardenberg gesendet, der ihm im Marz 1812 eine mit Gehalt verbundene Anstellung bei der Gesandtschaft am französischen Hofe gab. Im December 181? wurde D. zurückberufen, und trat im Februar des folgenden Jahres in Breslau als freiwilliger Jäger ins zweite Garderegiment, bis ihn der ihm wohlwollende General von Scharnhorst aus diesem Verhältnisse nahm und ihn mit dem Major von Röder in das Hauptquartier des Generals von Winzingerode und später zum Fürsten Wolkonsky schickte. D. wohnte allen Schlachten nach der Eröffnung des FeldzugS bei, während des Waffenstillstands aber trat er wieder in dienst- 714 Doudeauville liche Verhältnisse zu dem Staatskanzler, ging mit Auftragen nach Polen, und als er dara uf eine Zeitlang im Hauptquartier zu Teplitz gewesen war, ward er im September mit besondern Vollmachten nach Polen zurückgeschickt, wo er bis zur Einnah me von Paris blieb. Er reifte darauf nach Dijon zum Staatskanzler und wurde W der Centralverwaltung nach Frankfurt am Main gesendet, wo er gemeinschaftlich mit dem Medicinalrathe Merrem die Oberaufsicht über die Militair- lazarethe der Verbündeten hatte. Nach der Auflösung dieses Dienstverhältnisses nahm D. 1815 seinen Abschied aus dem Militairstand und ging 1816 als Ge- sandtschaftssecretair nach Dresden und 1817 in gleicher Eigenschaft nach Kopenhagen, bis eine lebensgefährliche Krankheit, die Folge einer in der Schlacht bei Lützen erhaltenen Verletzung, ihn nöthigte, in Wiesbaden Heilung zu suchen. In dieser Zeit unternahm er die antiquarischen Untersuchungen und Ausgrabungen, die seinen Namen bekannt gemacht haben. Eine von der Eentraluntersuchungs- commisflon in Mainz gegen ihn eingeleitete Untersuchung hielt ihn in Wiesbaden zurück, obgleich er bereits im Januar 1820 zum Director der Alterthumskunde in den rhei.lüsch-weftfalischen Provinzen war ernannt worden. Nach der Anklage sollte er in dio demagogischen Umtriebe verwickelt gewesen sein und revolutionnaire Gesinnungen haben; die Beschuldigung hatte jedoch keinen Erfolg und keinen Einfluß auf seine dienstlichen Verhaltnisse. D. gründete das Museum vaterlandischer Alterthümer in Bonn, wo er bis 1822 blieb, als er in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten zurücktrat. Nach dem Tode des Fürsten von Hardenberg wurde er mit der Hälfte seines Gehalts in Ruhestand versetzt. Er erhielt 1827 vom Könige von Preußen eine Unterstützung zur Reise nach Italien, und gab hier Veranlassung zu den bedeutenden Ausgrabungen und Entdeckungen im alten Etru- rien, und erwarb die große, jetzt im Museum zu Berlin aufgestellte Sammlung etrurischer Alterthümer. Außer einigen andern Schriften hat er folgende, auf seine antiquarischen Studien sich beziehende, herausgegeben: „Opferstätten und Grabhügel der Germanen und Römer am Rhein" (2 Bde., Wiesbaden 1819—21, 4.); „Morgenlandische Alterthümer" (2Hefte, Wiesbaden 1819—21, 4.); „Denkmale germanischer und römischer Zeit in den rheinisch-westfälischen Provin-, zen" (2 Bde., Stuttgart 1823—27,4.); „Denkmaler alter Sprache und Kunst" (2 Bde., Bonn und Berlin 1823—24); „Noti-ie inwrno slcum vasi etrus- (Pesaro 1828, 4.); „Emmen und der Orient, nebst Thorwaldsen's Darstellung der 1828 entdeckten etrurischen Alterthümer" (Heidelberg 1829); „V"- arcll^olo^igue ckans l'ancienne Ltrnrie" (Paris 1829, 4.). In Verbindung mit Klaproth gab er ein Verzeichniß der ägyptischen Sammlung des Ritters Palin heraus und beförderte Bock's Übersetzung der „0lec>rgica" (Wiesbaden 1819) zum Druck. Doudeauville (Michel de "Larochefoucault, Herzog von), Minister Karls X., wurde 1765 geboren, und vermählte sich in einem Alter von 14 Jahren mit Fräulein von Montmirail aus der Familie Louvois, welche ihm die Würde als spanischer Grand erster Classe zubrachte. Er wurde 1788 Oberst eines Dragonerregiments, 1789 als Nachfolger seines Vaters, des Vicomte deLaroche- foucault, Oberamtmann zu Chartres, führte als solcher den Vorsitz bei der Amtsversammlung, welche Abgeordnete für die Generalstaaten wählte; Petion und dessen Freunde waren Mitglieder dieser Versammlung und wurden von D. bekämpft. Er sah sich 1792 zur Emigration genöthigt und beklagte stets, daß ihn seine Stellung zu diesem unpolitischen Mittel gezwungen habe; auch verließ er sehr bald das Emigrantenheer und führte bis zum I. 1800, um seine in Frankreich gebliebene Familie nicht zu compromittiren, ein sehr zurückgezogenes Leben. In demselben Jahre kehrte er in sein Vaterland zurück und wurde mehrmals von seinem Departement aufgefodert , es im gesetzgebenden Körper oder im Senate zu vertre- Douville 7Z5 ten, schlug dies aber immer aus unk nahm nur die nicht politische Stelle eines Mitglieds des Generalconscils an. So lebte er in der Zurückgezogenheit bis zur Wiederkehr der Bourbons. Er wurde 1814 zum außerordentlichen königlichen Commissarius in drei Departements und bald darauf zum Pair von Frankreich ernannt. Als Ludwig XVIII. im folgenden Jahre das Land verlassen mußte, verHand sich D. mit der Association der Ludwigsritter und bot seine Dienste gegen Napoleon an. Auch die Gegner D.'s müssen ihm nachrühmen, daß er stets seinen politischen wie seinen religiösen Grundsätzen treu blieb; in Wort und That konsequent, war er sein Leben hindurch eine feste Stütze des Königthums, ohne übrigens dem Despotismus zu fröhnen; schloß er sich nicht an alle freisinnigen Ideen der beiden Jahrhunderte an, so lastet doch auf ihm nicht die Schuld, als Freund, spät.r als Minister der Bourbons, durch Anrathen verderblicher Maßregeln den Stur; der Dynastie beschleunigt zu haben. Nach den hundert Tagen wieder in Frankreich angelangt, wurde er 1816 Aufseher der Nationalgarden seines Departements, Präsident der obern Conseils der polytechnischen Schule, »Präsident von fünf auf einander folgenden Wahlcollegien, Mitglied oder Präsident von 15 philanthropischen, literarischen und andern nützlichen Vereinen, und übte durch seinen rastlosen Eifer großen Einfluß aus. Durch eine Ordonnanz vom 26. Dec. 1826 ;um Generaldirektor der Posten erwählt, führte er viele wichtige Verbesserungen ein, wurde dann Staatsminifter, und 1824 Minister des königlichen Hauses, in welcher Stelle er den Marschall Lauriston ersetzte. Die widerwärtigen Auftritte, welche bei der Beerdigung Larochefoucault-Liancourt's vorfielen, erregten mit Recht sein Misvergnügen, und als Karl X. in seiner Verblendung am 29. April 1827 die pariser Nationalgarde abdankte, legte D., der vergebens gegen diese unpolitische Maßregel ehrerbietig pcotestirt hatte, augenblicklich seine Minifter- stelle nieder. Dadurch bereitete er den Sturz des Villele'schen Ministeriums vor. Einige Monate nach der Juliusrevolution erschien er wieder in der Pairs- kammer bei Gelegenheit des Polignac'schen Processes und des Vorschlags der Verbannung der Bourbons. Er bekämpfte diesen Vorschlag, und desgleichen 18-32 dm erneuerten Antrag des Abgeordneten Bricqueville. Darauf legte er seine' Pairswürde nieder, und wünschte, daß viele seiner Collegen dem Beispiele folgen möchten, denn er hoffte dadurch die Deputirtenkanimer, welche allerdings nicht weniger gegen die Persönlichkeit vieler Pairs als gegen deren Erblichkeit eingenommen war, zu bewegen, sich für die Erblichkeit zu erklären, welche Hoffnung sich aber bekanntlich nicht verwirklicht hat. D., Stifter des Hospitiums zu Montmirail, wendet auch jetzt sein großes Vermögen zu mannichfaltigen Wohlthaten an, die öffentliche Meinung ehrt in ihm den Beschützer von Kunst und Wissenschaft, und selbst die exrremen Gegner seines politischen Glaubens achten ihn als einen Mann von Charakter, der in Frankreich wenige seines Gleichen hat. (15) Douville (Jean Baptiste), Secretair der geographischen Gesellschaft zu Paris, einer der berühmtesten Reisenden unserer Zeit, ward im westlichen Frankwich um 1?94 geboren. Schon in früher Jugend ging sein einziges Streben da- bm, sich die nöthigen Vorkenntnisse zu erwerben, um einst recht viele Länder und Kölker mit Nutzen sehen zu können. Kaum hatte er den Besitz seines nicht unbedeutenden Vermögens erlangt, als er abwechselnd Asien und Amerika besuchte, ^or Allem aber zog ihn China an. Trotz der wachsamen Absperrungssucht der Chinesen wollte er die Grenzen dieses merkwürdigen Staats überschreiten und in das Hxrz desselben eindringen. Von der tibetanischen Seite ward er durch den Langel eines, von dem chinesischen Gesandten unterschriebenen Passes abgehal- wn. später wollte er von Buenos Ayres aus, von wo häusig Schiffe nach dem fbmeffchen Meer absegeln, seinen Plan durchsetzen und die listigen Chinesen über-! '!wn. Allein hier fand er noch größere Schwierigkeiten. Er reiste am 1. Aug, 716 Douville 5 1826 von Paris ab, und schiffte sich am 6. desselben Monats zu Havre in der Absicht ein, auf dem Landwege von Ostindien aus in China einzudringen. Zu Montevideo angekommen, wo er einen zur Abreise bereiten Jndienfahrer zu treffen hoffte, und nicht fand, gab er, obwol höchst ungern, sein Vorhaben auf und schiffte sich nach Rio de Janeiro ein, wo er zu Anfang 1827 landete. Hier machte er mit portugiesischen Kaufleuten Bekanntschaft, die ihm Manches von den Niederlassungen in Kongo, von den dort befindlichen Goldbergwerken, Negerstammen, Sklavenmärkten u. s. w. erzahlten, und in ihm den Entschluß belebten, ein so wenig i>iü> gekanntes und besuchtes Land zu bereisen. Mit Empfehlungsschreiben an den M Gouverneur segelte er nach Afrika ab, dem einzigen der vier großen Erdtheile, welchen er noch nicht besucht hatte. Als ein schlauer Mann ließ er dem Gouverneur seinen Plan nur halb und halb merken, begab sich sogleich ins Innere der Colonien und ließ das Gepäck auf andern Wegen nachfolgen. So weit die Oberherrschaft der Portugiesen reichte, hatte er mit Schwierigkeiten aller Art, besonders mit der argwöhnischen. Eifersucht dummer Beamten, nicht aber mit Lebensgefahr, zu kämpfen. Ganz anders war es, als er sich selbst unter die freien Negerstamme wagte, welchen das grausame Betragen der Portugiesen noch zu lebhaft vor der Seele schwebte, und deren Grundsatz, Böses mit Bösem zu vergelten, hauptsachlich aus die Weißen angewendet wird. Nur durch ein bedeutendes Gefolge, das er je nach dem Bedürfnisse vermehrte, gelang es ihm, sich fortwahrend in Ansehen zu erhalten. An hundert Menschen waren erfoderlich, um den Mundvorrath für die ganze Reise (1500 Meilen) und die zu Geschenken, zum Tauschhandel, zur Bestechung oder Belohnung nöthigen Gegenstände weiter zu schaffen. Im Laufe der Reise vermehrte sich die Anzahl zuweilen bis auf 300 und sogar auf 500 Mann. Mit einem so großen Gefolge war noch kein Weißer km den Kongo-Negern erschienen. Einige hielten ihn für einen König, Andere für einen Abgesandten des Ke- ^ nigs von Portugal, des einzigen Monarchen, von welchem sie je gehört hatten. . Die Meisten hatten die wunderlichsten Vorstellungen von Europa, und bildeten sich ^ ein, dort flössen Ströme von Tasia, einem berauschenden Getränke. Sie begriffen . ^ nicht, was man bei ihnen suchen könne, da ja die Europäer Alles im Überflusse bc- sitzen müßten. Nur durch allerlei Geschenke gelang es, sich die Oberhäupter dieser zum Theil noch anthropophagischen Stammrasse geneigt zu machen und die Er- laubniß zum Durchzug durch ihr Gebiet zu erhalten. D.'s Klugheit und Ausdauer besiegte die unendlichen Hindernisse, welche Neid, Gewinnsucht, Mistrauen und Vorurtheil der Menschen, verbunden mit der Ungunst des Klimas, dem Mangel an Wasser und gebahntem Wege dem Reisenden entgegensetzen. Mit Aufopferung einer Summe von beinahe 200,000 Francs durchstreifte er, von S.-Felippe in Benguela aus, nicht nur die den Portugiesen unterworfenen Königreiche Angola und Benguela, sondern drang auch in die gegen O. und N. davon gelegenen Negerländer bis zum 25° 4^ gegen O., und zum 13° 27" gegen S. vor, von wo er sich wieder nordwärts wendete, um sich im Hafen von Ambriz nach Europa einzuschiffen. D. hat die Kunde von diesen afrikanischen Äquinoctialgegenden gleichsam geschaffen. Er widerlegt die Meinung älterer Schriftsteller, welche glaubten, die Portugiesen hätten in früherer Zeit das Innere von Kongo gesehen und Afrika von W. nach O. zwischen Paolo de Loanda und Mozambique durchschnitten. Diese Meinung, so sehr sie auch Salt verlheidigte, verwarf schon Walkenaer in seiner „Histoire ckes vo^a^es". D. liefert svwol auf der trefflichen Karte, welche die eines Berghaus und Brue hinter sich zurückläßt, als in der Beschreibung,, durch die Darlegung der Verzweigung der Gebirge Jnhandagna, Egyto, Coulo, Cu- vo, Caberabera südlich vom Flusse Cuenza, ein genaues Skelet der Erdbildung, sowie er in der Bestimmung der Flüsse ein geographisches Netz über die früher ganz unbekannten Länder zieht. Er hat für die Wissenschaft ein um so' größeres Ver- Dover 7l7 dienst, als er die mit so vielen Opfern verbundenen Reisen auf eigne Kosten unternahm. Er war mit guten Instrumenten versehen und konnte daher durch astronomische Beobachtungen die Lage der auf seiner Karte verzeichneten Orte bestimmen, die Höhe der Gebirge messen und den Lauf der Flüsse mit Genauigkeit angeben, weshalb sein Reisewerk als Quelle angesehen werden kann. Ein stets wiederkehrendes Wechselsieber und Mangel aller Art nöthigten ihn, sein Vorhaben, quer durch Afrika zu reisen und über Alexandrien nach Europa zurückzukehren, irufzugeben. Am 27. Iun. 1830 ging er zu Ambriz unter Segel, kam den 20. Iul. in Bahia und am 10. Aug. in Rio Janeiro qn, wo ihn eine langwierige Krankheit festhielt. Durch das günstige Klima am Laplata- strom, wohin er sich im December begeben hatte, wiederhergestellt* schiffte er sich ein, und kam am 20. Iun. 1831 zu Paris an. Sein Bericht an die geographische Gesellschaft machte großes '""fsehen; eine Commission, aus Eyries, Caraboeuf, Brue, Warden und Davesac bestehend, wurde beauftragt, überfeine Leistungen Bericht zu erstatten, der so günstig aussiel, daß ihm vor seinen Mitbewerbern, Richard und John Lander, welche die Mündung des Quorra oder Niger entdeckten, und Capitain King, der die Südküste Amerikas und Feuerlands destimmte, in der Sitzung vom 30. Marz 1832 der Preis — eine goldene Medaille, 1000 Francs an Werth — für die wichtigste im I. 1830 gemachte Entdeckung zuerkannt wurde. Die geographische Gesellschaft zu London hat auf Bar- row's Antrag sein Verdienst mittels des Ehrendiploms anerkannt. Unter Mitwirkung des gelehrten Eyries hat D. seine Erfahrungen in dem Werke: „Vo^sge -m0onj;o et duns I'interieur do I'^t'rigzue egzumoctiule, luit duus les unnees 1828, 1829 et 1830" (3 Bde., Paris 1832), niedergelegt. Die treffliche Karte hat Brue redigirt. (8) Dover (George James Welvore Agar Ellis, Baron), geboren am 11. Jan. 1797, ein jüngerer Sohn des Viscount Clifden, der im Oberhause stets zu den standhaftesten Kampfern für Staatsverbesserungen gehörte. Gleich nach erlangter Mündigkeit kam Ellis 1818 für den Flecken Heytesbury ins Parlament, und obgleich er bei den Erörterungen über große politische Fragen nicht in der ersten Reihe stand, so zeigte er dabei doch stets seine freisinnigen Ansichten, wie 1829 bei den Verhandlungen über die Emancipation der Katholiken; mit lebhaftem Eifer aber ergriff er Alles, was sich auf Beförderung der Wissenschaften und Künste, auf wohlthatige Anstalten und Volksveredlung bezog. Von ihm ging 1824 der Antrag aus, Angerstein's Gemäldesammlung als die Grundlage einer Nationalstem anzukaufen, und seinen Bemühungen gelang es, daß das Parlament 57,000 Pfund Sterling dazu bewilligte. Im Besitz eines ansehnlichen Vermögens unterstützt er freigebig alle gemeinnützigen Unternehmungen, und ist ein eifriger Beförderer der vaterlandischen Kunst. Seine erlesene Gemäldesammlung in seinem Hause zu London enthalt die vorzüglichsten Werke der ausgezeichnetsten lebenden Künstler Englands. Er ist eins der thatigsten Ausschußmitglieder der unter Georgs IV. Schutze gestifteten königlichen Literaturgesellschaft, sind war immer bemüht, den Zweck derselben auf Belohnung und Ermunterung literarischer Verdienste zu richten. Das berühmte historische Rathsel, die eiserne Maske, war der Gegenstand seiner ersten Schrift: ,,'IAetrue üistoi-^ ok tüe stute prisoner, com- Moni)' culled tüe iron wusle." (London 1826), worin er nach den von Delort in äner „Histoire de I'üomme uu muscjue de 5er" bekannt gemachten Actenstücken die, übrigens schon im 17. Jahrhundert (s. „ttistoire abrede de t'Lurope", leyden 1687) aufgestellte Meinung verficht, daß der Staatssecretair des Herzogs von Mantua, Hercules Anton Mathioli, der Gefangene gewesen sei, wiewol sei- ^ ^/sstunige Auseinandersetzung nicht alle Zweifel entfernt hat. In der kleinen ^ Hrift „Historicul inejindes lke clmructvr ol l'devurd H) de, Uurl 7l8 Dresden ok CIarenckon" (London 1827), suchte er den von Parteisucht zu hoch gestellten Charakter des berühmten und unglücklichen Kanzlers unparteilich zu würdigen. Schatzbare historische Materialien enthalt „3Ae Lllis corresponckence" s2 Bde. London 1829), eine Sammlung von Briefen aus den Iahren 1681) —88 an des Herausgebers Ahnherrn, John Ellis, Schatzsecretair in Dublin unter Jakob II., die viel Licht auf mehre in Dunkelheit gehüllte Ereignisse werfen, manche Angaben gleichzeitiger Geschichtschreiber erläutern und anziehende Beitrage zur Sitten- geschichte liefern. Sein neuestes Werk: ,/^üe üle ok Ireckerick II, King of ..M, ?russia" (2 Bde., London 1832), durch gute Auswahl des Stoffes und gefallige ein Darstellung ausgezeichnet, füllt eine Lücke in der englischen Literatur aus, wiewol man die Benutzung vieler deutschen Quellen vermißt. Er hat mehre Beiträge zum „Lckindurgll rev-ew" und „Huarterl^ review" geliefert, und ließ 1822 ein beurteilendes Verzeichnis der vorzüglichsten in Flandern und Holland befindlichen Gemälde drucken, das aber nicht in den Buchhandel kam. Zum Baron Dover erhoben, nahm er 1831 seinen Sitz im Oberhause. Er ist als Lordoberforstmeister Mitglied des Cabinets und wurde 1832 zum Gesandten in Brüssel ernannt. Dresden im Jahre 1830. Als am 6. Januar in dem Propositionssaale des königlichen Schlosses, seit undenklichen Zeiten zur Eröffnung des Landtags am Feste der Erscheinung Christi und zu Carnevalsbällen bestimmt, die Stande des Königreichs, Prälaten, Grafen und Herren nebst der Universität Leipzig, Ritterschaft und Städte, in und vor den Schranken nach althergebrachter Weise gesondert, dem Throne sich nahten, um die Federungen der Regierung zu vernehmen, da mochte, wie viel auch in Sachsen seit 1818 war gewünscht worden, wie sehr in andern Ländern ähnliche Formen sich umgewandelt hatten, wol Niemand ahnen, daß die alten Alexandertapeten in dem Saale, durch welchen der Prunkzug ging, ein solches Schauspiel nicht wiedersehen sollten; und als der Landtagsmar- schall zum Schlüsse der Feierlichkeit für die Erhaltung der standischen Verfassung und aller bestehenden Rechte und Gerechtigkeiten dankte, sah Niemand voraus, daß man acht Monate später selbst in den höchsten Regionen dem Franzosen Recht geben werde, der zu jener Zeit Sachsens politischen Charakter als eine Mischung veralteter Formen und neuzeitiger Ideen bezeichnete. Was vorher der Redner, der nach alter Sitte an heiliger Stelle zur Berathung weihte, als er dem Evangelium des Festtags von Herodes und den Weisen aus dem Morgenlande mit dem Aufgebote seiner homiletischen Kunst ein fruchtbares Thema abgewann, über das Fortschreiten mit der fortschreitenden Zeit, über die Gefahren starrer Anhänglichkeit an das Alte, über die Notwendigkeit, unaufschiebliche Verbesserungen nicht zurückzuhalten, über treues Festhalten an der guten Sache auch unter sinkenden Hoffnungen, eindringlich gesprochen hatte, klang fast wie die letzten Töne einer Zeit, welche vor dem Morgenrothe einer neuen zurückwich, die derselbe Redner 15 Monate später begrüßte, als er an den Text: „Ich glaube, daß ich noch sehen werde das Gute des Herrn im Lande der Lebendigen", frohe Hoffnungen knüpfte. Der Landrag hatte in frühern Zeiten wenig Theilnahme unter den Bewohnem der Hauptstadt gefunden. Gab doch die Versammlung der Stände kaum ein Zeichen von Öffentlichkeit und Leben, außer den Landtagspredigten und den Feierlichkeiten bei der Proposition und dem Landtagsabschied und später dem Steuerausschreiben, oder etwa noch dem Anschlag an der Thürs des Hofmarschallamts, worin männig- lich lesen konnte, wie beim Gottesdienst in der Hofkirche Prälaten, Grafen undHer- ren auf rothen Sammetstühlen, der engere ritterschaftliche Ausschuß auf rochen Tuchstühlen saßen und die übrigen Stände bis herab zu den untersten Regionen der 65 allgemeinen Städte sonst saßen oder standen. Die vielfach gespaltenen Stände verhandelten bei verschlossenen Thüren in ihren sechs oder sieben Kammern. Der Druck der Landtagsverhandlungen, der 1830 zum ersten Mal, obgleich auf sorg- Dresden 719 sättig durch strenge Verpflichtungen bewachten Pressen stattfand, gab indeß auch außer den standischen Sälen leichter Gelegenheit, sie kennen zu lernen, als früher die handschriftlichen, mit welchen Schreiber handelten, wie es vor Guttenberg mit Büchern geschah. So wurden die Verhandlungen des Landtags Gegenstand viel- fälliger Besprechungen unter dem Volke, um so mehr, da die öffentlichen Blatter diese Theilnahme zu wecken und zu nähren suchten. Man hörte mit Vergnügen, daß die Stände wieder, wie früher, die Regierung um Vorlegung einer vollständigen Ubersicht des Staatsbedarfs dringend gebeten hatten, und bedauerte, daß dieses Gesuch war abgelehnt worden; man freute sich, daß einzelne Stimmen laut über das Bedürfniß einer verbesserten ständischen Verfassung und für die Einführung einer Städteordnung gesprochen hatten, und vernechm ungern, daß dagegen die Regierung die Absicht,- die Ständeverfassung unverändert zu lassen, angekündigt hatte; man gab lauten Beifall, als die Stände in ihrer letzten Schrift am 19. Zun. das Gesuch um Veröffentlichung des Staatshaushalts wiederholend, die unter dem Volke erwachte Theilnahme am öffentlichen Leben anerkannten und auf das Beispiel anderer im Staatsleben vorangeschrittenen Völker hinwiesen, welches der öffentlichen Meinung in Sachsen als Stützpunkt diene. All Dieses mußte auf die Stimmung des Volks wirken, die erwachte Hoffnung wie der Aufschub der Erfüllung. Daß die Zeit eingreifender Verbesserungen gekommen war, sprach ein allgemeines Gefühl aus. Noch hatten die Stände sich nicht getrennt, als die Ruhe der Stadt durch ein Ereigniß gestört wurde, das der Vorläufer größerer Bewegungen war. Das Volk, dem Glauben seiner Väter treu ergeben, erwartete mit Theilnahme die Jubelfeier der augsburgischen Confession, und war um so eifriger bedacht, bei dieser Geleg enheitseine Gesinnung laut auszusprechen, da seit 1827 die selbst von den Ständen gerügten Eingriffe der katholischen Kirchenpartei in die Rechte der evangelischen eine Verstimmung erzeugt hatten, welche durch dumpfe Gerüchte von jesuitischen Ansied- lungen in Dresden noch vermehrt wurde. Während in andern Städten des Landes die Behörden verständig der öffentlichen Meinung entgegenkamen, wurde in Dresden durch die Gleichgültigkeit der städtischen Behörde, ja durch mittelbar hemmende Einwirkung das Fest nicht so würdig gefeiert, als es die Bewohner wünschten, und was geschah, war meist das Verdienst wackerer Bürgervereine. Es war ein unglücklicher, schwer gebüßter Fehler, daß Diejenigen, welchen es oblag, die Leitung des Festes nicht in die Hand genommen, und zwar, wie die öffentliche Meinung argwöhnte, aus kleinlichen Rücksichten auf* den Hof. Bei der gereizten Stimmung unter dem Volke, bedurfte es nur eines geringen Anlasses, unruhige Bewegungen hervorzurufen. Der auf dem erleuchteten Markte versammelte Volks- häufen, der zu den dunkeln Fenstern des Rathhauses mit bittern Bemerkungen hinaufsah, wurde durch ein Misverständniß auf den Argwohn gebracht, man habe die in den Fenstern eines Hauses ausgestellten Bildnisse Luther's und Melanch- thon's beschimpft, und die Melodie eines profanen Liedes, die aus einem andern Stockwerke ertönte, reizte noch mehr die Erbitterung. Die wachsende Masse wollte die Thüre des Nachbarhauses sprengen, in welches ein Katholik, der das Misverständniß aufklären wollte, sich vor dem verfolgenden Haufen geflüchtet hatte. Die Pclizeiwächter waren zu schwach gegen die Masse. Ein Theil der Besatzung, die leichte Infanterie, rückte heran. Die Ruhe wurde bald hergestellt. Am Abcnd des zweiten Festtages zeigte sich Am Anlaß zu Besorgnissen. Einige Gruppen auf dem Markte sangen geistliche Aeder und brachten den Beschützern des Protestantismus ein Lebehoch, andere sammelten sich, um vor die Wohnung eines beliebten Predigers zu ziehen und ihm einen Achtungsbeweis zu geben. Starke Streifwachen s^gen beobachtend durch die Stadt. Nirgend gab es eine unruhige Bewegung. ^ weniger unter den Bewohnern Besorgnisse vor neuen Ruhestörungen herrschten. 720 Dresden desto auffallender war eine prunkende Entwicklung von Streitkräften und Polizei- maßregeln am Abend des dritten Festtages. Ein Bataillon Infanterie zog mit klingendem Spiele, bald zahlreiche Haufen versammelnd, nach der Altstadt, und besetzte sperrend die Hauptstraßen. Ein an diesem Tage erlassener Polizeibefehl, der Jedermann um 10 Uhr nach Hause zu gehen gebot, veranlaßte viele Verhaftungen, da selbst ruhige Bewohner, die spät vom Lande zurückkehrten, ohne von jenem Befehl etwas zu wissen, die unfreundlichste Behandlung erfuhren. Einige über- müthige Soldaten, Reiter und Fußvolk, die durch die Straßen zogen, erlaubten sich Gewaltthätigkeiten, und einige Verhaftete wurden, selbst bei der Ablieferung an die Behörde noch gemishandelt. Eine tiefe Erbitterung gegen die Polizei, die schon früher mancherlei Anlaß zum Unmuth gegeben hatte, und gegen die Soldaren war die unglückliche Frucht jener Festabende. In die finstere Stimmung, die jene Störungen erweckt hatten, siel wie ein Heller Lichtstral am II.Jul. die Jubelfeier der Kirche in Friedrichstadt, welche die lebhafteste Theilnahme der Stadtbewohner erregte, und sich durch die musterhafteste Ordnung auszeichnete, die von den Bürgern selbst gehandhabt wurde, da auf ihren Wunsch jede zudringliche Bewachung der Festfreude durch Polizeisoldaten unterlassen ward. — Unter den Bürgern war schon vor jenen Ereignissen manche alte Klage über die vielfaltigen Gebrechen des stadtischen Gemeinwesens laut geworden, die oft in öffentlichen Blattern zur Sprache kamen. Die stadtische Verwaltung schloß jede eingreifende Theilnahme bürgerschaftlich, r Wortführer aus, und die Manner, welche Vertreter der Bürgergemeinde hießen, fühlten selbst, wie unwirksam ihre Stellung dem sich selbst ergänzenden Stadtrathe gegenüber war, der im Mittelalter das Vorrecht erworben hatte, das Gemeinde- Vermögen ohne öffentliche Rechenschaft zu verwalten, und auch den sogenannten Vertretern der Bürgerschaft keine vollständigenAufschlüsse über Gemeindeangelegenheiten gab. Die bürgerschaftlichen Repräsentanten, welche 1817 zur Überwachung der Kriegsschuldentilgung gewählt wurden, hatten sich bald wieder aufgelöst, und dem Stadtrathe blieb die ausschließende Verwaltung auch dieser Angelegenheit, ohne daß über die Fortschritte der Schuldentilgung, wozu bedeutende außerordentliche Abgaben dienten, der Gemeinde je eine öffentliche Rechnung wäre abgelegt worden. Die Unzufriedenheit, welche die Hemmnisse und Störungen bei der Festfreude veranlaßt hatten, war es zunächst, was mehre achtbare Bürger, und unter ihnen mehre Vertreter der Gemeinde, auf den Gedanken führte, einen Verein zu gründen, der sich über gemeinsame Angelegenheiten besprechen sollte, um lebendigere Theilnahme am öffentlichen Lechen zu erwecken. Als sie die Einladung in dem örtlichen Tageblatte mittheilen wollten, versagte ein Mitglied des Stadtraths, dem die Censur dieses Blatts zugetheilt war, die Druckerlaubniß, weil ein solcher Verein mit der bestehenden Verfassung unverträglich sei. Diese laute Mahnung des Zeitbedürfnisses ward überhört in dem Augenblicke, wo unter den Landständen von dem nachtheiligen Einflüsse der altherkömmlichen Städteverfassung auf die innere Verwaltung die Rede war; wenigstens hat nicht verlautet, daß Schritte geschehen wären, die öffentliche Meinung durch kluge Zugeständnisse zu befriedigen, ehe man gezwungen alte Vorrechte aufgeben mußte, um den Sturm zu beschwören. Dem Beobachter der Volksstimmung entging nicht die Gährung im Innern der Gemüther. Bei dem gereizten Zustande der Bewohner fand das, durch einige ungeschickte Maßregeln veranlaßte Gerücht, das von dem Dasein geheimer Polizeikundschafter sprach, leicht Glauben, so grundlos es gewesen sein mag. Der Funke, der aus Frankreich durch Europa flog, fand hier' reichlichen Zündstoff. Die Gährung zeigte sich in bedenklichen Erscheinungen. Drohschriften gegen hochgestellte Staatsbeamte wurden unter dem Volke verbreitet und fanden leicht Anklang; ja dreiste Aufreizungen zum Aufstand wurden in den Frühstunden an den Straßenecken gefunden, und trugen zuweilen die drei Farben Frankreichs. Der Behörde, Dresden 721 die zunächst über die öffentliche Sicherheit zu wachen hatte, waren diese drohenden Erscheinungen nicht entgangen, aber ihre Berichte konnren, wie man sagt, aus der gefährlichen Sicherheit nicht erwecken, worin man schlief. Alles war reif zum Ausbruch, als die Kunde erscholl, daß in Leipzig ein Polterabend die Brandfackel ausgeworfen hatte. In den nächsten Tagen stieg die Aufregung. An öffentlichen Orten wurde der Marseillermarsch, lange in Dresden nicht gehört, stürmisch verlangt und mit Zubel empfangen. Man hat nach dem Ausbruche des Sturmes auch in Dresden viel von auslandischer Einwirkung, von Aufruhraposteln gesprochen, und besonders stimmten in diese Erklärung der Ereignisse Diejenigen ein, die nirgend einen Grund zu Beschwerden sehen wollten; aber es hat sich keine sichere Spur solcher Einwirkung gezeigt, und Alles, was darüber gesagt worden ist, stützt sich auf unbestimmte Gerüchte. Dem aufmerksamen Beobachter konnte es jedoch nicht verborgen bleiben, daß der Ausbruch der Bewegung in der Mitte der aufgereizten Bewohner selbst lange vorbereitet war, obgleich das Dunkel der verhangnißvollen Septembernacht die Spuren der Anstifter verborgen hat. Die Umstände waren günstig. Die leichte Infanterie, die den größten Thcil der Besatzung bildete, war seit dem Anfange des Monats auf die benachbarten Dörfer in Cantonnirung gezogen, und die Bürgergarde, die bei solchen Gelegenheiten herkömmlich die Wachen zu besetzen hatte, wurde wegen der seit dem Jubelseste erregten Spannung zwischen den Bürgern und den Soldaten dieser Dienstpflicht entbunden, was einen nachtheiligen Eindruck machte, weil es Mistrauen zu verrathen schien. Die Wachen wurden von taglich einrückenden Abtheilungen nur schwach besetzt. Am Abend des 9. Sept., bald nach Anbruch der Dunkelheit, zogen einige Volkshaufen, die sich außerhalb der Vorstädte gesammelt hatten, lärmend in die Stadt. Eine dieser Scharen, die ein Einzelner, mit einem Knittel bewaffnet, anführte, nahm ihren Weg nach der Schloßgasse, zerschlug die Laternen, mit Ausnahme der genau bezeichneten Privatlaternen, während sie der Bürgerfreiheit, der Bürgergleichheit und den Leipzigern ein Lebehoch brachte und in der Nähe des Schlosses selbst in Ausrufungen ausbrach, welche auf den geargwohnten Jesuiteneinfluß deuteten. Der gellende Ton einer Pfeife schien ihre Bewegungen zu leiten und Andern ein Zeichen zu geben. Zur dichten Masse angewachsen, drängte sich der Haufe auf dem Markte vor dem Rathhause zusammen, dessen Eingang die Wächter schnell verschlossen. Der Balkon des Hauses wurde mit Leitern erstiegen, und aus den zerschlagenen Fenstern flogen Schriften und Zimmergeräthe herab, welche, auf einen Haufen geworfen, bald in hellen Flammen loderten. Von den obern Stockwerken, wo besonders alle die Vormundschaftsangelegenheiten betreffenden Schriften und öffentliche Gelder verwahrt wurden, wußten die dringenden Vorstellungen wohlgesinnter Bürger die wüthenden Haufen abzuhalten. Eine Abtheilung dec Aufrührer zog zu dem benachbarten Polizeigebäude, das sie unaufhaltsam erstürmte, und alsbald begann hier die Zerstörung. Einen Kroßen Haufen von Schriften, Geräthen und Kleidungen, die aus allen Fensteröss- lumgen geworfen wurden, entzündeten herbeigetragene Feuerbrände, und weit hinaus leuchtete die Flamme. Die Sturmglocke ertönte; Trommeln wirbelten in allen Straßendie Bürgergarde aber kam nur in kleinen Abtheilungen herbei, da un- Keachtet bedenklicher Vorzeichen keine Vorkehrungen getroffen waren, Viele bei so drohenden Erscheinungen, die alle Bande der Gesetzlichkeit zu zerreißen schienen, den Schutz des oignen Hauses für die nächste Pflicht hielten, und überhaupt kein Eifer zu erwarten war, das Polizeihaus zu retten. Die Zerstörung hatte schon einige Stunden gedauert, als eine Abtheilung der leichten Jn- mnterie, von den Dörfern herbeigerufen, und ein schwacher Reiterhaufen heranrückten. Vergebens versuchte das Fußvolk in das Polizeihaus zu dringen, und oie Aufruhrer wurden nur noch verwegener, als die Bewegungen der Soldaten ^Wethen, daß sie nicht Befehl hatten, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, derucuesten Zeit und Littiatur, l 46 722 Dresden Vor den Steinwürfök des wüthenden Haufens zogen sich endlich gegen zwei Uhr die Soldaten nach der Elbbrücke und nach dem Zwinger zurück, worauf die Bürger- > garde die Hauptwache besetzte. Im Polizeihaufe, wo die Frevler die Steinkohlen- vorrathe angezündet hatten, griff der Brand in den Morgenstunden um sich und konnte nur mit großer Anstrengung von den Nachbarhausern abgewendet werden. Die Anstifter der Verheerung hatten sich in der Nacht zurückgezogen und wurden seit Tagesanbruch von Menschen aus den Niedern Volksclafsen ersetzt, die das Werk der Plünderung und Zerstörung ungehindert vollendeten. Der Wachposten am Wilsdruffer Platze ward indeß in den Frühftunden von einem Pöbelhaufen angegriffen und mit Steinwürfen vertrieben, wahrend die Wache am pirnaischen Platze auf erhaltenen Befehl sich in der Stille zurückzog. Die ganze Abtheilung der leichten Infanterie verließ darauf die Stadt, und die Bürgergarde besetzte alle Posten. Noch tobte der Aufruhr, als in den Frühstunden des 10. Sept. viele achtbare Bürger auf dem Rathhause sich versammelten, um dem Stadtrath als die dringendste Maßregel zur Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe eine allgemeine Bewaffnung vorzuschlagen, und ehe noch die Auffoderung ergangen war, wurden bereits von einzelnen Bewohnern Unterzeichnungen zur Bildung von Compagnien gesammelt. Der König hatte indeß eine zur Erhaltung der öffentlichen Ruhe verordnete Commissi'on unter dem Vorsitze des Prinzen Friedrich niedergesetzt, welche durch die Abgeordneten des Stadtraths und der Bürgerschaft in dem Entschlüsse bestärkt wurde, die Kriegsmacht bei der herrschenden Aufregung der Gemüther nicht zum Dienste der öffentlichen Sicherheit zu gebrauche», sondern nur Abtheilungen derselben für unerwartete Falle in der Nahe der Stadt aufzustellen, die Bewachung des Innern aber ganzlich den Einwohnern zu überlassen. Noch in den Vormittagsstunden erfolgte der Aufruf, der das Vertrauen des Königs auf die oft bewahrte Treue und Liebe der Bürger und Einwohner aussprach, und sie auffoderte, sich zur Herstellung der Ruhe zu bewaffnen. Mit freudiger Bereitwilligkeit eilten Manner und Jünglinge in das Zeughaus, um Gewehre zu empfangen, und als sie sich in Scharen geordnet, Offiziere und Unteroffiziere gewählt hatten, sammelten sie sich auf dem Markte, wo in den ersten Nachmittagsstunden gegen 2000 Mann unter den Waffen standen, die den Prinzen Friedrich, der mit der weißenArmbinde in ihrer Mitte erschien, mir Jubelruf begrüßten. Darauf zog eine Abtheilung von Freiwilligen nach dem Polizeihause, um den plündernden Haufen zu vertreiben, der bis zu diesem Augenblicke ungestört seine Frevel geübt hatte. Alle wurden verhaftet und am folgenden Tage auf die Festung Königstein gebracht. Die Communalgarde besetzte in Verbindung mit der bestehenden Bürgergarde die Wachen und die äußern Zugänge der Stadt, um besorgte Angriffe von Außen abzuwehren. Am Abend war die Ruhe äußerlich hergestellt, doch die tiefe Aufregung der Gemüther noch nicht gestillt. Daß nach diesem Sturme das Alte, das solche Früchte getragen, nicht bleiben konnte, daß ein neuer Rechtszustand gegründet werden mußte, um vor ähnlichen Erschütterungen zu bewahren, war ein allgemeines Gefühl. Beruhigend wirkte eine Bekanntmachung der königlichen Commissi'on am 11. Sept., welche die von den Stadtbewohnern zur Herstellung der Ruhe geleisteten Dienste laut anerkannte und alle auf die öffentlichen städtischen Angelegenheiten sich beziehenden Wünsche und Anträge anzunehmen und zu erörtern versprach. Am folgenden Tage versammelten sich in der Altstadt zahlreiche Bürger und Einwohner, um sich über die, für die allgemeine Wohlfahrt auszusprechenden Wünsche zu berathen, und wählten sieben Vorsprecher und Vertreter, welche bei den vielfach streitenden Interessen, besonders der gewerblichen Bürgerclasse, das Gemeinsame festhalten und die Gerechtsame derGesammt- heit wahren sollten. Eine ähnliche Versammlung veranstalteten die Bürger in der Neustadt. Die bei diesen Berathungen laut ausgesprochenen Wünsche für d" Umwandlung der stadtischen Verfassung vermochten die königliche Comnusston, Dresden 723 M ÄMW !vü ^ . ,B ,.l SS^' ^.zl» '--5-A M Stadtrath zu beruhigenden Zugestandnissen aufzufodern, und so ward am 13. bekannt gemacht, daß die städtische Behörde des ihr zustehenden Vorrechts, über die Verwaltung des Gemeindevermögens nicht Rechnung abzulegen, sich begeben und ihre Bereitwilligkeit erklärt habe, die jährliche Rechnung über Einnahme und Ausgabe künstig den aus der Mitte der Bürgerschaft zu erwählenden Vertretern zur Prüfung und Anerkennung vorzulegen. So war der erste Schritt zur Umwandlung der städtischen Einrichtungen geschehen, und eine gleichzeitige Bekanntmachung der Eommission, welche die Einführung einer neuen Städteordnung ankündigte, verhieß eine zeitgemäße Veränderung der seitherigen Verfassungen, durch welche das Vertrauen zwischen den Stadtrathen und Bürgern hergestellt und befestigt werden könnte. Die Volksbewegung würde durch solche Zusagen völlig beruhigt worden sein, wenn bloß örtliche Beschwerden die Unzufriedenheit aufgeregt hätten; aber man erkannte, daß nur in Verbindung mit der Landesverfassung ein fester Rechtszustand begründet, nur eine Veränderung der seitherigen Verwaltungsgrundsätze volle Zuversicht geben könnte, und die Wortführer der Einwohnerschaft sprachen diese allgemeine Überzeugung aus, als sie in den, der königlichen Eommission seit dem 12. Sept. übergebencn Gesuchen sich nicht auf örtliche Angelegenheiten beschränkten, sondern auch die allgemeinen Volksinteressen ins Auge faßten und um „Erledigung der Landesgebrechen" Wen. Für die Erfüllung solcher Erwartungen gaben die erlangten Zugeständnisse noch nicht die sichere Bürgschaft, die das Volk begehrte, und die allgemeine Stimme vereinigte sich in dem Wunsche, den Prinzen Friedrich auf dem Throne zu sehen. Am 13. Sept. war die Aufregung so hoch gestiegen, daß ein stürmischer Ausbruch des Volkswunsches den Prinzen an die Spitze des Staats gerufen haben würde, wenn nicht, ehe der Tag sich neigte, die bedenkliche Verwickelung mild wäre gelöst worden. Mildem lautesten Jubel ward in den Abendstunden die Botschaft vernommen, daß der König den Prinzen zum Mitregenten ernannt habe. Am folgenden Tage zog der König, von Pillnitz kommend, mit seinem Bruder und dem Prinzen Friedrich in einem Wagen durch die Reihen der bewaffneten Bürger und empfing den lauten Dank für die neue Hoffnung, die er dem Volke gegeben. Es war ein Tag freudiger Erregung, wie ihn Dresden lange nicht gesehen hatte, und in dieser Stimmung gedachten manche unter den bewaffneten Bürgern in den festlichen Abendstund.n teilnehmend des schweren Misgeschicks, das dem B.satzungsregi- menl widerfahren war. Seitdem wurden die Beurlaubten, welche dem in andere > Städte verlegren Regiment folgt «, oft von Bürgern geleitet, um sie gegen jede Beleidigung zu schützen, und sie, wie die durchziehenden Beurlaubten anderer Regimenter, in den Wachstuben der Stadtwehr bewirthet. Als nun auch durch die Eröffnung der Sitzungen der erwählten Vorsprecher der Bürgerschaft, durch mehre Antworten auf die von den Bewohnern der Stadt übergebenen Beschwerden Ad durch die bestimmte Zusage einer neuen Gestaltung der bisherigen Regierungs- i°rm das Vertrauen sich befestigt hatte, rückte am 23. Sept. ein Infanterieregiment, von der in ihrer Ausbildung schnell vorgeschrittenen Bürgergarde feierlich ^psangen, in die Stadt, um gemeinschaftlich mit jenerden Wachdienst zu versehen, während die Stadtwehr eifrig für die öffentliche Sicherheit und Ordnung wachte^ und die neu eingerichtete, mit Theilnahme erwählter Bürger wirkende Behörde die,- Geschäfte des am 9. Sept thatsachlich aufgelösten Polizeiamtes verwaltete, bemerkte man noch manche Spuren einer aus ungeduldiger oder vielleicht auch aus- ch'veifender Erwartung hervorgegangenen Aufregung, die für fremde Aufreizungen ss'cht empfänglich machen konnte. Am Abend des 4. Oct. entstand ein wilder chfruhr in den Straßen der Altstadt, dessen sichtbare Urheber meist arbeitlose Ge- ^ und Handwerksbursche waren, deren Einwanderung und Aufenthalt das Thören polizeilicher Wachsamkeit begünstigt hatte, wiewol das Gerücht, das aus 46* 724 Drcsch die leitende Hand geheimer, der beginnenden neuen Ordnung der Dinge feindlichen Aufwiegler deutete, vielleicht nicht ganz leer war und selbst in der, vor der Behörde ausgesprochenen Vermuthung von dem Einflüsse einiger Bösgesinnten eine Stütze zu finden schien. Die Bewegung wurde durch das kraftige Einschreiten der Com- munalgarde, die an diesem Tage den Werth und die Tüchtigkeit der neuen Anstalt erprobte, ohne alle Mitwirkung der Besatzung schnell unterdrückt. Die neue Ordnung des Gemeinwesens gewann indeß eine festere Gestalt, und um die Mitte des Oktobers war nach der, am 1. erlassenen Verordnung (s. Sachsen) die Wahl der, für sammtliche Stadttheile bestimmten 66 Wortführer der Gemeinde vollzogen. Die Einführung derselben sollte durch eine kirchliche Feier erhöht werden, und es wurde der 31. Oct. dazu bestimmt, da die Behörde, mit verstandiger Rücksicht auf den Wunsch des Volkes, das Reformationsfest feierlicher als gewöhnlich zu begehen, verordnet hatte, daß jener Tag nicht bloß als ein Fest der Glaubensfreiheit, sondern auch als ein Dankfest für die Wiederherstellung der Ordnung, Eintracht und Ruhe, als ein Fest der neuen Bürger- ordnung, gefeiert werden sollte. In den Frühftunden wurden die Vertreter der Gemeinde in ihren neuen Beruf eingeführt, und als sie, im festlichen Auge aus der Hauptkirche zurückkehrend, in das von der Eommunalgarde auf dem Marktplatze gebildete Viereck traten, wo auch der Mitregent mit seinem Bruder erschien, wurde tausendstimmig ein Danklied gesungen. Eine festliche Beleuchtung beschloß den Tag, den auch die katholischen Bewohner als Glieder einer bürgerlichen Gemeinde mit den Protestanten feierten, und wie diese Eintracht manche leuchtende Inschrift aussprach, so deuteten auf die neue Aera des Staatslebens die Worte, welche über zwei aus Hermelin hervorblickenden Händen, die eine dritte, aus blauem Gewand hervorragend, umschloß, am Ständehause glänzten: ?rincixibuspopulus cviiimuni ioeckere jiuretus. (52) .Dresch (Georg Leonhard Bernhard von), geb. am 26. Marz 1786 zu Forchheim, ftudirte zu Würzburg und Bamberg, wo er 1867 Doctor der Rechte wurde. Er trat 1868 als Privatdocent zu Heidelberg auf und wurde 18 i6 als Professor nach Tübingen berufen, wo er Rechtsphilosophie, Geschichte des Kirchenrechts und später deutsches Bundesrecht vortrug, auch die Stellen eines Bibliothekars, Büchersiscals und Censors bekleidete; er erhielt 1816 den wür- tembergischen Verdienst-, 1826 den Kronenorden und folgte 1822 dem Ruf an die Universität zu Landshut, wo er Staats-, Bundes- und Kirchenrecht lehrte. Er folgte der Universität bei deren Versetzung nach München, wo er zugleich als Oberbibliothekar angestellt und spater Hofrath wurde. Als Abgeordneter der Universität wohnte er den Landtagen von 1825, 1828 und 1831 bei, und erprobte sich als eifrigen Versechter des ministeriellen Systems, wofür er nach dem Schlüsse der letzten Ständeversammlung mit dem Civilverdienstorden geziert wurde. Bei seiner Vertheidigung der ministeriellen Censurordonnanz widerfuhr ihm das Mis- geschick, eines Widerspruchs seiner Erklärung mit seinen vom Lehrstuhl aus verkündigten Ansichten überwiesen zu werden. Bei einem maniertcn Vortrag und einer allzu angestrengten Bemühung, seine Überzeugung Andern aufzudringen, gelang es ihm auf der Rednerbühne nicht, Eindruck zu machen, und in seiner gereizten Stimmung wurde er oft verletzend. Eine der ersten unter seinen historischen, juristischen und staatswissenschastlichen Schriften ist die gekrönte Prcisschrift- „Über die Dauer der Völkerverträge" (Landshut 1868). Seiner „Übersicht der allgemeinen politischen Geschichte, insbesondere Europcns" (3 Bde., Weimar 1811—16) folgte das für verschiedene Unterrichtsstufen bestimmte „Lehrbuch der allgemeinen Geschichte" (erster Cursus Weimar 1818 und 182^, zweiter ^msu 1818 und 1824), welches er in der Schrift: „Uber den methodischen Uuttmcy m der allgemeinen Geschichte und die zweckmäßigsten Hülssmittel' dazu" (Weimar ecWen ZlinsienW^ MW» ti :chr die Mime ZerMchhr HuGtze euch Ä niiilelS eigne: in mm Mi Ä dm verbefsei D der MW m! des ^'rung des ^ 'Wi Bestreb >rai "Mt! ^chdiechz Mgmdes^ in A/w>tnis ( ^e.1, «W» Drewsen Drovetti 725 1818), ankündigte. Von Schmidt's und Milbiller's „Geschichte der Deutschen" lieferte er die Fortsetzung vom 21.-27. Bande (Ulm 1824 — 30), die auch unter dem bejondern Titel: „Geschichte Deutschlands seit der Stiftung des Rheinbundes", erschien und bis zur Eröffnung des Bundestags herabgeht. Sein öffentliches Recht des deutschen Bundes und der deutschen Bundesstaaten" Erster Thejl, Tübingen 1820) erhielt eine Fortsetzung, die auch unter dem Titel: „Die Schlußakte der über Ausbildung und Befestigung des deutschen Bundes zu Wen gehaltenen Ministerialconferenzen in ihrem Verhaltnisse zur Bundesacte'- sWigen 1821), erschien. Als Leitfaden bei seinen Vorlesungen gab er „Gründet des bairischen Staatsrechts" (Ulm 1823) heraus. Eine Reihe kleiner staats, wissenschaftlicher Schriften begann er unter dem Titel: „Abhandlungen über Gegenstände des öffentlichen Rechts, sowol des deutschen Bundes überhaupt als mch einzelner Bundesstaaten", wovon der erste Thei! München 1830 erschien. (24) Drewsen (Johann Christian), einer der Präsidenten der danischen Land: Haushaltungsgesellschaft, Besitzer eines Landguts in der Nahe Kopenhagens, hat sich um die Verbesserung des danischen Ackerbaus großes Verdienst erworben. In die Fußtapfen Thaer's tretend, ohne jedoch dessen sklavischer Nachbeter zu sein, Meer für die rationnelle Landwirthschaft in Dänemark, wie Thaer in Deutschland. Da er selbst erfahrener Landmann ist, so konnte er die neuen landwirthschaft- lichen Grundsatze auch praktisch prüfen, seine Ideen realisiren und ihre Zweckmäßigkeit mittels eignen Beispiels darthun. Auf diese Weise hat er Vieles ausgerichtet, in einem weitern Kreise aber vorzüglich durch eine Menge populairer Schriften den verbesserten Landbau gefördert. Das berühmte Werk Thaer's: „Grundsatze der rationnellen Landwirthschaft", übersetzte er zum Gebrauch der Ländliche Danemarks, und nahm zugleich in eignen Abhandlungen und kleinern Auf- . sähen stete Rücksicht auf die Localverhältnisse des Vaterlandes. Dadurch lenkte er die Aufmerksamkeit des Ackerbauers auf verschiedene wahre Verbesserungen in der Mischen Landökonomie hin, empfahl unter andern kraftig die Fruchtwechsel- ivirthschaft, die Stallfütterung und die Feldeinfrieoigung, munterte zu einem vermehrten Anbau der Kartoffeln und Futterkrauter, sowie zu einer bessern Bearbeitung des Erdbodens auf, und suchte durch eignes Beispiel, wie durch mancherlei Bestrebungen den Gebrauch verbesserter Ackerbaugerathe allgemeiner ja machen. Misbrauche hat er eifrig gerügt, z. B. die noch herrschende, in landab staatswirthschaftlicher Rücksicht gleich schädliche Gewohnheit, größere Güter mittels Frohndienstes der Bauerpächter zu bestellen. Zur Abschaffung aller Na- laralleistungen des Landmanns im Allgemeinen und der Naturalzehnten insbeson- )te hat er in Schriften aufgefodert. Er ist seit neun Jahren einer der Präsenten der Landhaushaltungsgesellschaft, deren dirigirender Präsident Coll in f d.)ist. D. hat kräftig für die neuern vielfachen Verbesserungen dieser Gesellest mitgewirkt. Schon seit vielen Jahren läßt dieselbe, um nützliche land- chiwmische Kenntnisse desto allgemeiner und leichter zu verbreiten, kleine, für den Bauer faßliche Aufsätze in den Volkscalendern unentgeltlich mittheklen. Während ^letzten Jahre hatD. diese Aufsätze über selbfterwählte Gegenstände mit Umstund seltenem praktischen Sinne geschrieben. Bitte Landleute Dänemarks "chen und erhalten Rath und Belehrung bei ihm, und mit mphren dieser Männer verhält er über landwirthsehaftliche Gegenstände einen stetes; Briefwechsel, wo- ^ch Anschauungen, Erfahrungen, Versuche gegenseitig mitgetheilt und geprüft Mersch k'MM Jahren ertheilte ihm der König den Titel eines Kam- .^.Drovetti (Bernardin),^ Ritter der Ehrenlegion und mehrer gelehrten Geschäften Mitglied, ein für Ägyptens Wiedergeburt und die Enthüllung jenes a 729 Drovetti bis auf unsere Tage noch so wenig gekannten Wunderlandes höchst verdienter Mann, ward um 1775 im südlichen Frankreich geboren. Er trat frühzeitig in ^ die französische Armee, in welcher er bis zum Oberstlieutenant emporstieg und in dieser Eigenschaft an dem ägyptischen Feldzug Antheil genommen haben soll, nach dessen Beendigung Bonaparte ihn als Generalbevollmächtigten der Handelsverhältnisse zurückließ. D. lebte anfänglich zu Krchira, später aber in dem großen fränkischen Okkcl (Festung), das später nach ihm genannt wurde, und fand an dem berühmten Orientalisten Asselin, der die Entdeckung gemacht hat, daß von der „Tausend und einen Nacht" nur der bisher übersetzte Theil alt, das Übrige erst vor 30 Jahren von zwei ägyptischen Scheikhen hinzugesetzt sei, einen hochgebildeten Freund und Rathgeber. Von nun an benutzte D. die günstigen Verhalt, nisse, in welchen er als französischer Generalconsul lebte, um Ausflüge nach allen Richtungen hin zu machen, und mehr und mehr den Schleier zu lüften, der, so vieler Reisen ungeachtet — seit Herodot bis auf Dcnon und seine gelehrten Begleiter herab —, noch immer die Riesendenkmäler des alten Wunderlandes in Hinsicht ihres Ursprungs und ihrer Bestimmung umhüllte. In einem aus Damiette geschriebenen Briefe an Asselin beantwortete er schon 1808 mit vielem Scharfsinn einige Fragen des gelehrten Seetzen über die Inseln des Sees Menzaleh, die Papyrus- und Lotospflanze u. a. m., und sprach die Meinung aus, es seien zwischen , Kattieh und El Arisch Spuren eines Canals wahrzunehmen, der einst von Suez. nach Damiette geführt habe. Kein wißbegieriger Europaer landete mehr in Alexan- -stund drien, den D. nicht gesehen, gesprochen, unterrichtet, in seinen Forschungen unter- Mn, bei dem stützt — nicht selten aber auch, je nachdem der eigne Vortheil dabei zu leiden schien, mmlunz hab mit Argusaugen bewacht und mit kleinlichem Neide verfolgt hat. Die selbstsüchti- Msiemögec gen Briten, die, besonders seitdem Lord Valentia's Begleiter auf der Reist von Hin- ich mit dem Ha dostan nach Ägypten und Abyssinien, der berühmte Zeichner Henry Salt, englischer M, Mseinga Consul geworden war, scharenweise nach Ägypten kamen, um ein merkwürdiges »dein. Erschi Denkmal des Alterthums nach dem andern zu entführen, mochten freilich d n von DHHnBey Natur leidenschaftlichen Mann vielfach reizen. D., der sich einer besondern Gunst Ä daM FM des Vicekönigs erfreut haben soll, beschäftigte viele Jahre hindurch mit beträchtlichem HMn KM Kostenaufwand eine große Anzahl Menschen mit Ausgrabung von Alterthümern. iiMONMdF Der Franzose Ripaut lebte zu diesem Behufs ganz in seinem Sold, ein in der Propaganda gebildeter Römer, Bruder Ladislaus, leitete zu Girgeh die Nach- hamiy in elM suchungen, und die Piemontesen Rossignano und Lebolo unternahmen auf seine A Läse durchs Kosten die Öffnung der Katakomben zu Karnak, Luxor und Goura. Außerdem Är aus^^ kaufte er von den Arabern und weniger bemittelten Reisenden Alles auf, was zur ÄiWfrüherk' Erläuterung der ältesten Geschichte Ägyptens dienen konnte. Auf diese Weise Ärrzu unters»^ wurde seine Sammlung von Mumien, Papyrusrollen, sowol mit griechischen als z hieroglyphischen Schriftzügen, Skarabaen, Bronzebildern u. s. w. die bedeutendste, " welche vielleicht je von einem Privatmann angelegt worden ist, und mit der sich ZiuD's W höchstens diejenige des englischen Generalconsuls Salt messen konnte, welche jetzt eine Zierde des britischen Museums ausmacht. Jede dieser beiden Sammlungen hat ihre eigenthümlichen Seltenheiten und Schätze erster Größe. D .'s Beispiel folgend, haben auch der schwedische Vieeconsul von Anastasy und der preußische stst Handel bevollmächtigte von Nosetti zu Alexandrien, Sa mmlungen ägyptischer Altertkümer angelegt, deren erftere jetzt, unter des Profesjors Reuvens Aufncht, die schönen literarischen Hülfsmittel der Universität Leyden verm hrt Aus Ach' ^..^Eesch tung für sein Vaterland bot D. seine Schätze zuerst der französischen Regierung zum Kauf an; als aber der Herzog von BlacaS, vielleicht aus Befangenheit politi- scher Ansicht, sie zurückgewiesen hatte, kaufte sie der König von Sardinien für das turiner Museum, wodurch letzteres, zumal unter S.-O.uentino's und Peyron S Leitung, für das Studium ägyptischer Altertumskunde zu der ersten Anstalt der Drovetti 727 «Hiilsiihl miill! zu 5Ai>N MTllij lä ,M'' -KI Welt erhoben worden ist. Eine zweite, ebenfalls höchst kostbare Sammlung, welche der rastlos thätige D. einige Jahre später dennoch nach Paris zu liefern so glücklich war, bildet jetzt den Kern des früher sogenannten l>Iusäe dltmrle» X, welches unter der Aufsicht des jungem Champollion, den der Tod zu früh für die Wissenschaft mitten in seiner glanzenden Laufbahn dahinraffte, für dieHieroglyphen- entzisserung so viel versprach. Man kann nie genug bedauern, daß D.'s schöne, mit so bedeutendem Aufwand von Mühe und Kosten erworbene Sammlungen nicht an einem Orte vereinigt sind. Welch ein Gewinn sür die Wissenschaft, wenn Papyrus, Mumie, Sarkophag und Idol in derselben Ordnung, in welcher stein den Katakomben gefunden werden, gewissenhaft dem Auge des Forschers dargestellt würden, wozu das durch Minutoli's und Passalaqua's Bemühen bereicherte berliner Museum zum Theil ein schönes Vorbild liefert. D.'s Sammlung enthalt zwar wenige große Statuen, aber mehre tausend Idole, Skarabäcn, Medaillen, Jntaglios und andere, das religiöse und hausliche Leben der alten Ägypter erläuternde Merkwürdigkeiten. Darunter befinden sich zehn noch ganz unversehrte und zusammenhangende Papyrusrollen, deren in Allem an 200 sind; eine große koptische Handschrift auf Gazellenhaut, welche auf der Insel Omke, oberhalb der Katarakte von Wady-Halfa, gefunden wurde; ein in dem Dorfe Athrib (Athribis) von D- selbst aus einer Mauer gehobener, schön gearbeiteter Typhon, und die berühmte Mumie von Petemenoph, Solln des Pabot, eine der wichtigsten, die man kennt, und welche von Cabolo nebst zwölf andern in einer tiefen Katakombe des alten Theben, bei dem jetzigen Dorfe Gourna, gefunden wurde. Burckhardt glaubt, diese Sammlung habe D. einen Kostenaufwand von ungefähr 1500 Pfund Sterl. verursacht, sie möge aber in Europa zwei bis drei Mal so viel Werth sein. Seitdem D. sich mit dem Handelshause Tourneau in Alexandrien als Mittheilhaber verbunden, war sein ganzes Streben nur dahin gerichtet, die Aitticaglien in Gold zu verwandeln. Er schloß sich 1820 dem Feldzug an, den Mohammed Ali unter dem Befehle Hassan Bey's gegen die Bewohner von Siwah glücklich beendigte, und hatte damals Frediani und Cailliaud (zwei geschickte Zeichner), Linan von der französischen Flotte, und den toscanischen Professor Ricci, welcher 1828 auch Champollion und Rosellini begleitet hat, in seinem Gefolge. Unter dem Schutze von Mohammed Ali's siegreichen Waffen konnten die Reisenden das Innere von Gharmy in Augenschein nehmen, das bisher noch kein Europäer gesehen hatte, die Oase durchstreifen, Plane aufnehmen, Ansichten entwerfen und die alten Denkmaler ausmessen und zeichnen. Selbst den See und die Insel Arachyeh, zu welchen man früher keinem Fremden Zutritt gestattete, sahen sie, obgleich ohne beide näher zu untersuchen. D.'s und Cailliaud's Nachrichten, nebst den von Beiden gelieferten Zeichnungen, hat Jomard zur Herausgabe des Werks: „Vo^age ü i'oasis (ie lParis 1823, Fol.), benutzt. Schon ein Jahr zuvor war unter D.'s Mitwirkung das von Jomard herausgegebene Reisewerk: „Vo^ses ü I'vasis lAelles et stuns les cleserts situes ü l'Drient et ü I'Occickent ste In lAebAiste etc." (Paris 1822, Fol.), erschienen. Dieses Werk enthält zugleich einen Bericht über D.'s Reise zu der vor ihm und Edmonstone noch von keinem Europaer betretenen Oase El Dakel, mit dem Hauptorte Oualimour und den Dörfern Bellata und El Kazar, die er 1620 besuchte. Hier machte er die Bemerkung, daß die bei beiden Geschlechtern so häufig vorkommende Blindheit, welche sich anderswo nicht zeigt, von dem Gebrauche heißer schwefelartiger Quellen herrühre, und daß letztere die nämlichen Erscheinungen darbieten, wie die berühmte Sonnenguelle des Äupiter Ammon, welche nach Herodot's Bericht um Mitternacht warm und um Mittag kalt war. D. und Edmonstone haben sich um die Ehre dieser Entdeckung gestritten, indem Jener behauptet, er habe die Reise dahin schon zu Ende 1818 gemacht, wogegen Dieser versichert, daß er auf seinem Rückweg aus dieser 72« Duboiö Oase am 21. Febr. 1819 mit D. zusammengetroffen sei, welcher damals erst aus der Hinreise begriffen gewesen. (S. „Huarterl^ review", Nr. 55.) So viel ist gewiß, daß D. ihr den Namen „Da vsliee , in welchem Jahre D. Deutschland bereiste und auch durch Leipzig und Dresden kam, ist er durch den als Schriftsteller bekannten Mimault in seinem Amt als französischer Generalconsul für Ägypten ersetzt, und lebt jetzt als Privatmann abwechselnd in Frankreich und England. Sein überaus ahnliches Bildniß, von Gau in Alexandrien gezeichnet, befindet sich in der vom Professor Vogel der königlichen Galerie der Kupferstiche und Handzeichnungcn zu Dresden überlassnen Sammlung von Originalbildnissen berühmter Künstler und Kunstkenner. (8) Dubois, französischer Deputirter aus Nantes, wurde in der unter Noyer- Collard's Leitung so blühend gewesenen Dcole normale cko pros^seurs in Paris gebildet. Als diese auf Befehl eines engherzigen Ministeriums eingegangen war, vereinigte sich D. mit einigen seiner Mitschüler, um ein Literaturblatt zu stiften, welches den kleinen, mit Klatschereien angefüllten Tagsblattern an Gehalt und Würde weit überlegen sein sollte. Dieser Plan, welcher von der Doctrinairpartei unterstützt wurde, kam zu Stande, und so begann der unter D.'s Leitung. Anfangs blieb dieses Blatt unbekannt, nach und nach zeichnete es sich durch die Kenntniß fremder Literatur und die Wärme, womit es sich dersel'-en gegen die sogenannte classische Einseitigkeit der altern Franzosen annahm, vorteilhaft aus. Die Nomantik fand hier sehr eifrige Vcrtheidiger, und die in den altern Tagesblättern oft hart mitgenommenen kühnen Schriftsteller der jüngern Zeit, wie Victor Hugo, Lamartine u. A., wurden hier als die genialsten Dichter des jetzigen Frankreichs gepriesen. Das Blatt bekam in Frankreich und im Ausland ein großes Ansehen und wurde der Sammelplatz der romantischen Literatur. Als Mar- tignac ein Preßgesetz eingeführt hatte, welches den Journalisten mehr Sicherheit und Freiheit gewährte als die vorigen und sie vor der Wiedereinführung der Censur bewahrte, verwandelte sich der „klotze" in ein politisches Tagsblatt und verthei- digte nun mit vielem Nachdrucke die bürgerliche und die Gewissensfreiheit. Ein Aufsatz aus D.'s Feder, worin den Bourdons das Beispiel der Stuarts als Warnung vorgehalten wurde, reizte das Ministerium gegen den ,,(!I<>be" auf, D. wurde vor Gericht gezogen, vertheidigee sich mit vieler Würde in einer schönen Rede und wurde freigesprochen. Bei der Juliusrevolution zeigte er nicht weniger Much als die andern freisinnigen Journalisten. Da nun die Verfassung verbessert -Mt «i LS'«- lWy. Duchesne Dulaure 729 wurde, äußerte D. im „KloKe", die Herausgeber hatten den Zweck erreicht, weshalb sie jenes Blatt unternommen, und seien der Meinung, ein ferneres Streben wäre zwecklos. Da dies aber nicht die Meinung aller Mitarbeiter war, so kam eS da,über zwischen D. und ihnen zum Streit, und er mußte sich sogar mit einem derselben, dem Dichter Saint-Beuve, duelliren. Er zog sich nun ganz von aller Theilnahme am „6!obe" zurück. Die Doctrinairs, welche D.'s Freunde waren, kamen ins Ministerium und ernannten ihn zum Generalstudieninspector. Das Departement der Unterloire wählte ihn 1831 zum Deputirten. D. stimmte meistens mit den Doctrinairs; in einigen wenigen Fallen zeigte er eine unabhängige Gesinnung. Übrigens blieb er ein Anhänger der bürgerlichen und Gewissensfreiheit, ergriff aber nur bei besondern Angelegenheiten das Wort, und zeichnete sich überhaupt im Reden weniger aus als in seinen Aufsätzen im „eiodc", wodurch er sich wegen der Festigkeit seiner Grundsätze und Gesinnungen allgemeine Achtung erworben hatte (25) Duchesne (Jean), französischer Kunstforscher uno Bibliothekar, 1779 in Versailles geboren, kam 1794 nach Paris, studirte im I^cee des srts und erhielt 1796 eine Anstellung an der Natkonalbibliothek in der Abtheilung der Kupferstiche. Er verfaßte die „Notice des estsmpes exposees n la Li- MMgne du roi" (Paris 1819, zweite Auflage 1873), worin geschichtlichkritische Untersuchungen über die Kunstwerke und Künstler entwickelt werden. 1812 reiste er nach Holland, um die haager Kupferstichsammlung mit der pariser zu vergleichen und letztere zu vervollständigen. Da er dies im Auftrag der kaiserlichen Regierung unternahm, so wurde es ihm leicht, mit einer reichen Ausbeute nach Paris zurückzukehren. Allein 1815 ward Alles wieder an Holland zurückerstattet. Darauf 1824 vom Ministerium des Innern beauftragt, die englischen Kupferstichsammlungen zu untersuchen, beschäftigte er sich in London vorzugsweise mit den alten Kupferstichen und gab nach seiner Rückkehr einen „<7ompte renän ,1'un vogm^e feit en XnFleterre" (Paris 1824) heraus, der auch im ,Mo- nitenr" abgedruckt ist. Von seinen übrigen Schriften, die er meist in der „Revue eiiczclopediqiie" mittheilte, nennen wir: „Rapport zur la foute de !a Statue de leabnd d'elrc" (1895); „Notice sur la vie et les ouvra^es de Aules Rardouin Kiuizsrt" (1895); „lAOpera, le Ichesor et la Lildiotüecpie" (1819), eine Abhandlung, welche sich auf die Feuersgefahr bezog, der die große Bibliothek so lange ausgesetzt war, ehe die Oper, was erst später geschah, an einen andern Ort verlegt Mde. D. verfaßte außerdem einen „Rssai sur les nielles, gravures des orievres ünrentius du (piinxieme siecle" (1826, mit Figuren), reich an interessanten Aufschlüssen über die Kunstgeschichte. Er war auch einer der vier Herausgeber der „Iso- sswpbie des üommes celekres ou recueii de tac simile de lettre« autoFrapües" H1827fg.), und bereitet die Herausgabe anderer Untersuchungen vor, die er im Herbst 1827 auf einer Kunstreise nach München, Dresden und Berlin anstellte. (15) Dulaure (Jacques Antoine), französischer Geschichtschreiber, geboren zu Clermont in der Auvergne am 3. Dec. 1755, begab sich im Oct. 1779 nach Paris, studirte Architektur, und sollte an der Ausführung eines Canals zwischen Bordeaux und Bayonne Theil nehmen; allein dies Unternehmen wurde durch den Käeg mit England verhindert. D. widmete sich nun der Erdkunde, gab einige Karten heraus, unter denen sich die der Auvergne auszeichnet, vernachlässigte dabei die Baukunst nicht, und schrieb Mancherlei über pariser Denkmäler. Für die bald darauf ausbrechende Revolution erklarte er sich mit Wärme; das Departement Puy de Dome schickte ihn im Sept. 1792 als Abgeordneten zum National- rrnvent, wo er für den Tod Ludwigs XVI. stimmte und zur Partei der Gironde ^horte. Am 29. Oct. 1793 von Amar angeklagt, verbarg sich D. gegen zwei Monate lang in ss^aris und St.-Denis, wollte sich dann nach der Schwei; flüch- /I v, 11 730 DumaS « ten, wurde aber im Dorfe Lamarche festgenommen. Er rettete sich jedoch durch seine Geistesgegenwart und gelangte endlich wohlbehalten nach der Schweiz, wo er Hall sich wahrend eines achtmonatlichen Aufenthalts durch Zeichnen erhielt. Nach dem ^ soD 9. Thermidor zurückberufen, wurde er 1795 Mitglied des Unterrichtscomite. Nach dem Schlüsse der Conventssitzung ernannten ihn d ei Departements zu ihrem Ab- ,- ^ sah, geordneten; da er aber das vierzigste Jahr noch nicht erreicht hatte, so kam er in den Rath der Fünfhundert. Im Jahre VI der Republik erwählte ihn sein Depar- ' tement zum dritten Mal als Abgeordneten; er beschäftigte sich im gesetzgebenden Körper hauptsächlich mit Vortragen über das Unterrichtswesen. Zur Zeit des Con- sulats zog sich D. von der Politik zurück, nahm jedoch 1808, als die Faillite eines Notars >hn um sein Vermögen brachte, eine Finanzstelle an, die er 1814 durch die Restauration wieder verlor. Unter seinen Schriften sind hervorzuheben: „Descrip- tum des princchuux lieux de Drunce" (6 Bde., 1788—90); „Diste de; nows des ci-devant nobles, nobles de ruce, robins, prelerts, f« anciers, intrigans, et de tous les uspirsns ü lu noblesse ou escrncs d'icelle, avec des notes sur leurs fumitles" (1790 und 1791); „Dtrennes ü !a noblesse, ou precis bistori- gue et crltigue sur l'origiue des ci-devunt ducs, comtes, barnns etc., monseig- neurs et grundeurs etc." (1790); „Des divinites generatrices, ou du culte du ?ballus ebe? les anciens et les modernes etc." (1806), wieder abgedruckt in seiner „Distoire sbregee des ditkerens cultes" (2 Bde., zweite Ausg. Paris 1825); ,Distoire civile, zib^sigue et morale de ?aris" (7 Bde., Paris 1821; dritte Ausg. 1825,10 Bde.), welches höchst anziehende Werk von den Anhängern der Bourbons sehr verfolgt wurde; „Lsguisse bistorigue des znincipaux evenemens de la revolution Iran^aise, depuis lu convocation des etats-^eneraux j'.sgu'au retablissement de la msison des kourbons" (6 Bde., Paris 1823—25); „Des religieuses de?oitiers, episode bistorigue" (Paris 1826). Außerdem gab D. von 1790 an 16 Hefte unter dem Titel: „Lvungeüstes du jour" heraus, welche ZjMzburz Schrift gegen die Verfasser der „Gretes des upotres" gerichtet war; außerdem von 1791 — 93 ein kleines Blatt: „De tbermometre du jour", und mehre interessante Abhandlungen in den „Nemoires de In societe rovale des untiousires de ?runce". (15) Dumas (Alexandre), dramatischer Dichter, zu Villiers Cotteret 1803 geboren, ist der Sohn eines französischen Generals, der im Kampfe für die Republik das Leben verlor. Während des ägyptischen Feldzugs soll dieser General, und nicht Kleber, wie man allgemein glaubt, von Napoleon folgenden Verweis erhalten haben: „Sie erlauben sich aufrührische Worte; nehmen Sie sich in Acht, oder ich erfülle meine Pflicht, und Ihre 5 Fuß 10 Zoll hohe Taille würde nicht hindern, daß man Ihnen binnen zwei Stunden eine Kugel durch den Kopf jagte!" Ob Napoleon noch später an diesen Auftritt dachte, oder ob er den Namen D. aus dem Gesichte verlor: er gab als Kaiser der Witwe des Generals keinen Gnadengehall. In ihrer Dürftigkeit verließ sie Paris, bezog einige Stunden davon eine bescheidene Wohnung und lebte ganz für den jungen D., der übrigens durch seine Mutter mehr lernte, als mancher Andere im Eollegium und in der Sorbonne, und endlich 1823 nach Paris kam, um eine Beschäftigung zu suchen. General Foy, Freund seines Vaters, verschaffte ihm eine untergeordnete Bureau- stelle beim Herzoge von Orleans. Von dieser Zeit an ließ D. Gedichte und Novellen h in Zeitschriften einrücken, und als diese Arbeiten gefielen, wurde er dadurch zur ^ ^ ^ schwierigem dramatischen Dichtung ermuthigt. Sein erstes Stück: „lüescn", ^ schlug das lAeütre i'mnhuis aus und es ist nie gespielt worden. Sein „llenn III" ^ ^ ^ hatte 1829 großen Erfolg, so sehr auch oieses allerdings nicht sehr bedeutende Drama von der klassischen Kunstschule angegriffen wurde. Kur; darauf stellte ihn der Herzog von Orleans in seiner Bibliothek an. Seitdem verfaßte er das Schaujpicl „Ckristl- Dumolard 73! «".,M .! p-' oe", welches im Odeon großen Beifall fand und von den Romantikern fast zu sehr gerühmt wurde, nur tadelten sie zum Theil eine Scene im vierten Act, welche den Clas- sikern gefiel. Hatte D. die Hälfte des Tags in der Bibliothek des Herzogs Verse geschrieben, so ging er die andere Hälfte im?uliü5 ro^al spazieren, und der junge Mann betrachtete mit feinen großen Augen die schöne Welt, zum großen Ärger des Herzogs, der stets gern sah, daß Jeder fein Tagewerk verrichte, zumal wenn das Geld dafür aus seiner eignen Tasche kam. Er ließ einmal dem jungen Dichter sagen: „Da der Herzog ihm die Ehr angethan, ihn zu seinem Bibliothekar zu wählen, warum er—" D. ließ den Fragesteller nicht ausreden und sagte: „Ich bin's, der dem Herzoge die Ehre angethan, sein Bibliothekar gewesen zu sein." Sehr bereute der zum König gewordene Herzog jenen Schritt, als nach der Revolution D. für das Odeon ein Drama: „Napoleon", in 23 Tableaux, verfaßte, ein Stück, das weniger auf dichterischen Werth als auf Begeisterung des Volks für den Namen Napoleons ausging, und worüber man in den Tuilerien nicht eher ruhig wurde, als bis die Napoleons sammt und sonders verboten waren. Noch ist von D. zu bemerken, daß er sich in allen möglichen Posituren hat zeichnen lassen; wenn man in Paris über die Straße geht, sieht man D. aufrecht, sitzend, liegend, heiter, melancholisch. Seine Schriften sind nicht ohne Feuer, und immer interessant genug, um noch einige Jahre lang von ganz Europa gelesen zu werden. Wir erwähnen noch seine Elegie auf Foy (Paris 1825) und sein Drama: „Stockholm, kun- tzioeblenu et kome" (Paris 1830). (15) Dumolard (Bouvier, Ritter), Expräfect von Lyon, 1781 zu Saargemünd geboren, diente unter der Ehrengarde im Departement Mosel, als Napoleon eine Reise dahin unternahm. Auf den ersten Blick hatte der Kaiser das Talent des jungen D. erkannt und ihn liebgewonnen. Er machte ihn zum Auditor beim Staatsrathe, darauf zum Intendanten in Kärnthen, Sächsin, Koburg und Schwarzburg, und beauftragte ihn später mit der Organisation der venetianischen Staaten. Nachdem D. diese Mission erfüllt, wurde er Untcrpräsect in Saarbrücken, 1810Präfect im Departement Finistere, 1812 in Lot und Garonne,wo er sich noch zur Zeit der Restauration befand. Der bourbonische Geschichtschroiber Beauchamp warf ihm in seiner „Hi toire cke la eampa^ne b 732 DumonL Das Ministerium billigte den Entschluß in mehren officiellen Schreiben. Als jedoch der Handelsminister d'Argout bald darauf die Deputirten des Rhonedepartements zu sich berief und ihnen seine Misbilligung des Tarifs bezeigte, fühlten sich die 20 Fabrikanten, die den Tarif nicht angenommen, durch die Meinung des Ministers stark, sie gewannen noch 30 ihrer Genossen; Alle zusammen bestimmten noch 50 Andere zur Unterschrift der berüchtigten Eingabe der 104. Gereizt durch die Machinationen dieser Kaufleute, sannen die Arbeiter aus Rache. Der Präfect wollte sich darüber mit dem General Noguet besprechen, der aber Feindschaft gegen ihn hegte und ihm erwidern ließ, er werde schon für die Ruhe der Stadt zu sorgen wissen. Am folgenden Tage, 21. Nav. 1831, brach der Aufruhr aus. Der Präfect, welcher das Volk beruhigen wollte, ward gefangen genommen, verwundet, endlich freigelassen; der General und die Linientruppen räumten die Stadt. Als der Kriegsminister Soult und der Kronprinz vor Lyon erschienen, um die Stadt zur Unterwürfigkeit zu zwingen, war die Ruhe daselbst durch die klugen Maßregeln D/s langst wiederhergestellt. Es schien, als werde zwischen ihm und der Regierung noch langer ein freundliches Verhältniß obwalten. Der Kronprinz nahm ihn freundlich auf, uno man glaubte eineZeiflang, die Regierung werde D. eher belohnen als strafen. Allein Perier hatte in der Kammer, das „llournul 6es Uebrets" in einem Briefe aus Lyon, Vorwürfe gegen den Präfecken ausgesprochen, der dem Journal erwiderte: „Ihre Angaben sind ebenso ungenau als die des Ministerpräsidenten." Er wurde nach Paris berufen, Perier bot ihm Beförderung an, wenn er schweigen wolle. An demselben Tage ließ aber der Minister von Neuem auf der Rednerbühne Vorwürfe gegen D. hören, der Präfect eilte in dem Seitengänge der Kammer auf ihn zu, nannte ihn einen Lügner, wurde Tags darauf abgesetzt, und machte nun im December und Januar durch die Journale eins Reihe von Briefen bekannt, worin er die Sorglosigkeit und schwankende Politik des Ministeriums nachweist, die man als Hauptursache der Unordnungen betrachten müsse; er lieferte eine Geschichtserzählung der Ereignisse des 21., 22. und 23. Nov. 1831, schilderte seine Lage nach dem Abzüge der Truppen bis zur Ankunft des Kronprinzen, und in einem spätem Briefe die Vorgänge, welche die Ankunft des Kronprinzen und Kriegsministers begleiteten und ihr nachfolgten, und erstattete Bericht über die Ursachen seiner Verungnadigung. Diese talentvollen Briefe erregten durch ganz Frankreich die lebhafteste Aufmerksamkeit. Die Ministeriellen suchten D. zu beschwichtigen und boten ihm Stellen an. Desto eifriger ward aber D. in seiner Opposition, bis er, des langen Streites müde und unpäßlich, sich auf seine Landgüter zurückzog, wo er günstigere Verhältnisse abwarcet, da er überdies bei seinen glücklichen Vermögensumständen keiner ministeriellen Huld bedarf. (15) Dumont (Pierre Etienne Louis), geboren zu Genf den 18. Jul. 1759 aus einer, seit alwc Zeit aus Frankreich geflüchteten reformirten Familie, verlor seinen Vater kurz nach seiner Geburt. Seine Mutter, aus der angesehenen Familie von Iltens im Canton Waadt, errichtete, mit Hülfe ihres Schwagers, Plince, und des Pastors Dentaud, ein Erziehungsinstitut, um sich und ihre zahlreiche Familie vor Noch zu schützen, und gab so ihrem Sohne die erste Erziehung; später besuchte dieser die Stadtschule und endlich die Akademie zu Genf. Er suchte bereits als Schüler die Mutter durch Unterricht, den er jüngcm Kindern ertheilte, zu unterstützen, und trat als Erzieher in das Haus des Herrn de la Rive- Sellon. Schon in einem Alter von 22 Jahren Prediger, zog er durch hinreißende Beredsamkeit fast alle Zuhörer in seine Kirche. Sein jugendlich glühendes Gemüth nahm regen Antheil an den politischen Unruhen, welche 1781 Genfs Bewohner in Schrecken setzten. Kummervoll aus ihren Ausgang blickend, ergriff er mit Freuden die sich darbietende Gelegenheit, seine Mütter zu den in Petersburg verheiratheten Schwestern Dumont 733 zu begleiten. Bald nach seiner Ankunft wurde er zum Pfarrer bei der rsformirten Gemeinde in jener Stadt ernannt. Seine Predigten machten so großes Aufsehen, daß Potemkin und Katharina keinen andern Kanzelredner hören wollten und er auf einer Durchreise durch Berlin die berühmte Predigt von der Selbstsucht vor der königlichen Familie halten mußte. Schwierigkeiten, die dem Vorhaben, sich zu vermählen, in den Weg traten, bestimmten ihn, 1785 Petersburg zu verlassen. Durch Vermittelung seines Freundes Jvernois erhielt er einen Ruf nach London zu dem ersten Minister, Lord Shelburn (spater Marquis von Lansdown), der ihm die Erziehung seiner Söhne und die Aufsicht über seine Büchersammlung übertrug. Dieser Gönner verschaffte ihm auch ein Amt in dem lalh-nfüce der Schatzkammer, dessen Einkommen ihm eine unabhängige und gänzlich sorgenfreie Lage verschaffte. D. reiste 1791 nach Genf, um an der Seite seiner Mutter ein Jahr lang mit dem Wohle seines Vaterlandes sich zu beschäftigen. Die Reise führte ihn über Paris, wo er die ersten Keime der sich entwickelnden Staatsumwälzung erblickte. Die meisten Männer, welche in dieser Epoche auf den Schauplatz traten, lernte er in dem Kreise, den Mirabeau um sich zu versammeln wußte, kennen. Nichts kann anziehender genannt werden, als die geistreichen Bemerkungen, welche D. über alle die einflußreichen Männer jener Zeit zu Paris aphoristisch hinwarf, und die er in der Folge als Skizze, nach dem Leben gezeichnet, in der Handschrift hinterließ. Sie wurden von Duval unter dem Titel: „8ou- venirs sur Niralieau et sur les cleux ziremieres assemblees legislatives" (Paris 1832), herausgegeben. D. knüpfte 1792 zu London mit Talleyrand, der nebst Chauvelin an die britische Regierung abgeschickt war, den Freundschaftsdund, der ßch nur mit seinem Leben auflöste. Ebenso dauerhaft war seine Verbindung mit dem geistreichen Bentham, dessen Werke er erweitert in französischer Sprache herausgab. Von 1802—4 hielt er sich mit seinem Zöglinge, dem jungen Lord Petty (jetzt Marquis von Lansdown), in Paris auf, wo er das erste seiner Werke bekannt machte, bis der Ausbruch des Kriegs ihn wieder nach England zurückrief. Bald darauf erhielt er zu Petersburg, wohin er zum Besuche seiner Schwestern gereist war, die vortheilhaftesten Anträge, wenn er in russische Dienste treten und als Mitarbeiter an dem vorn Kaiser Alexander beabsichtigten Gesetzbuche für Rußland thätigen Ancheil nehmen wollte; erzog jedoch sein nur den Musen gewidmetes Leben in London jeder auch noch so glänzenden Aussicht vor. Innige Freundschaft hatte ihn an den berühmten Rechtsgelehrten, Sir Samuel Romillp, und an die nicht minder ausgezeichnete Schriftstellerin, Maria Edgeworth, die er auf einer Reise nach Irland kennen lernte, gekettet. Sobald aber der Augenblick der Wiederherstellung auch für seine Vaterstadt gekommen war, konnte ihn nichts mehr abhalten, nach Genf zurückzueilen. Hier arbeitete er als Staatsrath seine „lacti^ue cheidung der Ordensritter, aus dem Bathorden gestoßen, und der Beschluß in der Capelle Heinrichs Vll. in der Westminsterabtei, wo die Ordenszeichen der Ritter aufgehängt sind, am 12. August mit den entehrendsten Feier- lichkeücn vollzogen; ebenso ward Lord C. aus der Reihe der Schissscapitaine gestrichen. Der Gefängnißstrafe mußte er sich wirklich unterwerfen, die Geldbuße brachten seine Freunde in Westminster durch Subscription aus. Alle diese Umstände erschütterten seinen Geist und seinen Körper gewaltig. Eines Tags entkam er aus dem Gefängniß und begab sich in leidenschaftlicher Bewegung sogleich ins HauS der Gemeinen, um seinen Eid für Westminster zu leisten; allein während er noch ^ hier war, erschien der Kerkermeister der Kingsbench und führte ihn mit Gewalt hin- ! weg; mit einer zweiten Geldstrafe mußte er für diesen Übereilren Schritt büßen. Erst am Tage seiner Entlassung aus der Kingsbench legte er den Eid im Hanse der Gemeinen ab und stimmte zu gleicher Zeit gegen die vorgeschlagene Vermehrung des Jahrgehalts für den Herzog von Cumberland, wobei durch sonderbaren Zufall seine Stimme, da übrigens Gleichheit beider Theile stattfand, die dem Herzog ungünstige Entscheidung gab. Der Aufenthalt in der durch ungünstige Verhältnisse ihm verhaßt gewordenen Hauptstadt konnte dem an Thätigkeit gewöhnten Mann nur kurze Zeit genügen, und so folgte er schon 1818 dem ehrenvollen Rufe, sich an die Spitze der Flotte des neubegründeten Freistaats Chile zu stellen. Ganz seinem Elemente wiedergegeben, zeigte er auch hier bald die gewohnte Überlegenheit. Er griff in der Nacht des 3. Febr. 1820 die Festung Valdivia, den einzigen Posten, welchen die Spanier noch auf dem Gebiete von Chile besetzt hatten, an und war schon am Morgen Herr des Platzes. Hierauf unterstützte er den General San- Martin bei der Blockade von Lima und brachte der spanischen Seemacht dmch kühne Streifzüge großen Nachtheil. Seine Überlegenheit und sein Glück zogen ihm bald unter den ehrgeizigen Hauptern der Unabhängigen offene und geheime Feinde ZU, welche zunächst dadurch, daß sie seinen Unternehmungen so viel als möglich entgegenarbeiteten, ihn zur Abdankung zu bewegen hofften. Der Plan gelang. C. federte 1821 seine Entlassung, und konnte nur durch die Vorstellungen des Generals San-Martin vermocht werden, noch einige Zeit das Commando zu behalten, ^chon im folgenden Jahre trat er jedoch mit dem neuen constitutionnellen Kaiser von Brasilien, Don Pedro (s.d.), in Unterhandlungen, welche seinen Austritt aus den Diensten der Republik Chile zur Folge hatten. Lord C. kam im October i 1822 nach Rio Janeiro und erhielt den Oberbefehl der Flotte mit unumschränkter ! Bollmacht. Seiner Geschicklichkeit vorzüglich verdankt man den glücklichen Ausgang des Kampfs, welcher noch für die Unabhängigkeit Brasiliens bestanden werben mußte. Nach der Einnahme von San-Salvador in der Provinz Bahia, die ^ach dem Mutterlande treu war, unterwarf C. die Provinzen Para und San- luis do Maranhao und unterstützte auf mehren Punkten die Unternehmungen ^ ber constitutionnellen Landmacht. Aus Dankbarkeit für die geleisteten Dienste er^ ^ uannte ihn Don Pedro schon 1823 zum Marquis von Maranhao. Allein da er ^ auch hier von vielen Seiten gehindert und verfolgt sah, nahm er kurz nach dem Wieden zwischen Brasilien und Portugal (29. Sept. 1825) feine Entlassung aus ^Mischen Diensten und kehrte nach England zurück. 736 Dundonald Seme Ankunft in London siel in dieselbe Zeit, in welcher die Sache der Griechen nicht nur lebhaste Theilnahme in den höhern Standen des europäischen Publicums gefunden hatte, sondern auch dadurch, daß die drei Großmachte ansingen, ihr eine erhöhte Bedeutung für die europaische Politik beizulegen, eine entscheidendere Wendung bekam. Noch während seines Ausenthalts in Amerika waren mit C. wegen einer Expedition nach Griechenland Unterhandlungen angeknüpft worden, welche kurz nach seiner Ankunft in England zu Anfange des I. 1826 feine Erklärung zur Folge hatten, er sei entschlossen, den Griechen zu Hülfe zu eilen, wenn die Griechencomites drei Fregatten zu seiner Verfügung stellen wollten. Schon vorher war ein Theil der griechischen Anleihe, angeblich 156,000 Pfund Sterling, zurückgelegt worden, um damit die Kesten der langst beabsichtigten Expedition nach Griechenland zu bestreiten; und so sah sich C., nachdem er seine Absicht vorher in einem offenen Schreiben an den Pascha von Ägypten, dessen Truppen damals in Morea hausten , zu erkennen gegeben hatte, bereits im Mai 1826 in den Stand gesetzt, den langersehnten Hülfezug anzutreten. Am 12. Mai ging er auf dem Kriegsschooner Por- cupine von 20 Kanonen, mit 120 britischen Matrosen, von Falmouth nach Griechenland unter Segel. In seiner Begleitung befanden sich damals nur zwei Dampfboote, jedes mit vier Vierundzwanzigpfündern und zwei Achtundsech igpfündem versehen, zu denen noch zwei in Frankreich erbaute Corvetten von 20 — 24 Kanonen und mehre in Amerika bestellte Dampfboote, nebst einer schweren Fregatte zu 60 Kanonen, stoßen sollten. Der angebliche Plan war, daß das Geschwader sich sogleich ohne Aufenthalt im Mittelmeere nach Griechenland begeben, dort sich mit der griechischen Flotte unter Miaulis und Sachturis, welche man auf 130 Schiffe und Brander berechnete, vereinigen, und dann theils gegen die immer mehr überhandnehmenden Seeräuber, theils gegen die Flotte des Paschas von Ägypten agiren sollte. Gleich anfangs aber stellten sich der Ausführung unberechnete Hindernisse entgegen. Das geheimnißvolle Wesen, womit die Expedition war begonnen worden, erregte hier und da Verdacht. Lange hörte man nichts als unbestimmte Gerüchte, und bald ward es offenbar, daß dem Unternehmen sowol Einheit des Plans als auch die nöthigen Mittel, welche das Gelingen bedingten, entgehen mochten. Die von mehren Seiten her versprochenen Schiffe blieben aus, und selbst die verheißenen Geldunterstützungen wurden vergeblich erwartet. Äls man endlich auf der Rhede von Cagliari angekommen war, befand sich ein Dampfboot bereits in einem so bedenklichen Zustande, daß eine Ausbesserung vorgenommen werden mußte, welche ein langes Verweilen nö- thig machte. Die Verzögerungen eines Unternehmens, das sich mit so großen Verheißungen angekündigt hatte, brachten unterdessen in allen Stationen des Mittelmeeres, wo man Lord C. als einen unheimlichen Gast erwartete, die sonderbarsten Gerüchte im Umlauf. In Neapel und Sicill'en galt es für ausgemacht, die Expedition nach Griechenland sei bloß ein Vorwand, die eigentliche Absicht C. s aber, die Aufrührer in Unteritalim zu unterstützen; er habe sich deshalb mit General Pepe, welcher um diese Zeit in Brüssel lebte, in Verbindung gesetzt und nicht nur ihn selbst, sondern auch mehre Verbannte, die sich in Malta aufhielten, an Bord genommen. Sein Erscheinen vor Messina, am 15. Sept., erregte in Stadl und Umgegend die größte Bewegung; die Thore wurden geschlossen, die Wachen verdoppelt und dem Lord die Weisung gegeben, sich sogleich zu entfernen. Er begab sich daher schon am 19. d. M. nach Malta, wobei ihn ein sicilisches Kriegsschiff 1-0 Seemeilen weit genau beobachtete. Malta verließ er schon den 2'7. d. M. wieder, nahm aber, anstatt nach der Levante zu segeln, seinen Weg zurück nach Marseille. Durch den zufälligen Umstand, daß er hier mit dem soeben aus Ägypten zuruckge- kehrten General Boyer in Einem Gasthofe wohnte, bekamen hie bereits verbreiteten Gerüchte eine bestimmtere Gestalt, und man erzählte sich, E. stehe mit einem 5^1 'zl, ,'M>i, Dundonald 737 k-t ^ > MMvDH zeiiWwiff p,«t^ ,s ! zM^S» ''' s^sß^ ^'.D..ss ?'"K H ^ndelShause des Platzes in Verbindung, das ihn für die Dienste des Pascha von Ägypten zu gewinnen suche. Von allen für sein Geschwader bestimmten Fahrigen hatte erst ein einziges, mit Munition beladen, Napoli di Nomania erreicht, die übrigen lagen in verschiedenen Stationen des Mittelmeeres zerstreut, oder MM noch nicht einmal ausgelaufen. Indessen sammelten sie sich noch vor Ende des Jahres bei Gibraltar, und C. erklarte abermals, daß die Zeit nahe sei, wo er Griechenland zu Hülfe eilen und alle über sein Benehmen voreilig ausgesprochenen Uctheile durch Thaten widerlegen könne. Im Januar 1827 erschien er zu St.- Trope; und ging von hier den 23. Febr. zum zweiten Male nach Griechenland unter Segel. Den 17. Marz zeigte er sich im Angesichte von Hydra und landete Teigs darauf auf Poros, wo er mit allgemeinem Jubel empfangen wurde. Sein erstes Geschäft war eine Aufsoderung an die Deputirten zu Hermione, sich mit der Versammlung auf Ägina zu vereinigen. Der Versuch hatte erwünschten Erfolg, und am 8. April wurde in der zu Trözcne vereinten Nationalversammlung das m der Regierungscommission ausgestellte Diplom, wodurch C. zum Großadmiral der griechischen Seemacht ernannt worden war, vorgelesen und mit allgemeiner Zustimmung bestätigt. Am 10. steckte er seine Admiralsflagge auf der Fregatte Hellas auf. Seine erste Proklamation am Bord des Admiral- schiffes vom 12. April foderte alle Hellenen zu Einigkeit und entschlossenem Kampfe auf; eine zweite vom 17. d. M., welche an die Einwohner von Games gerichtet war, gab nicht undeutlich zu erkennen, daß er im Sinne habe, einen Hauptschlag gegen Smyrna auszuführen. Allen seinen Planen aber standen überall große Hindernisse im Wege. Sogleich bei seiner Ankunft waren zwar alle Kriegsschiffe für Nationaleigenthum erklärt und 50 davon unter seine Befehle gestellt woroen; allein das Geschwader, welches er als Großadmiral befehligen seilte, bestand aus nicht mehr als der Fregatte Hellas, der Brigg, auf welcher er an- gekommen war, einer Goelette, zwei Dampfbooten und etwa vier bis fünf ipsa- I Mischen Schissen. Die Hydrioten, die unter C. dienen sollten, aber schon auf Poros sich widerspenstig gezeigt hatten, wurden von Tag zu Tage schwieriger, weil > <5. verlangte, daß sie die Waffen ablegen sollten, und auf Einführung europai- ^ schecOrdnung im Dienste sowie überhaupt auf strengere Disciplin drang. Zwangsmittel, deren Anwendung bei seiner Stellung höchst mislich gewesen wäre, waren ' mit der Schwäche der Regierung unvereinbar, und so scheiterten viele der energi- ^ chm Maßregeln, wodurch C. Griechenland große Dienste zu leisten gedachte, gleich achngs an dem unlenksamen Geiste Derer, auf deren sichern Beistand die Möglich- ! keit der Ausführung berechnet war. Überdies blieb auch der üble Eindruck, welchen die Proklamation an die Samier auf einen großen Theil der christlichen Be- selkerung m Smyrna gemacht hatte, nicht ohne Rückwirkung auf die dem Lord Endlich gesinnte Partei unter den Griechen. Selbst die Nachricht, daß der engste Botschafter zu Konstantinopel, Stratford-Canning, dem Divan eine Note Erreicht habe, worin er C. als einen Abenteurer bezeichne, der in keinem Falle Schutz der englischen Regierung zu erwarten habe, war wenig geeignet, das chm noch von vielen Seiten geschenkte Vertrauen zu erhöhen und zu befestigen, ^ine persönliche Erscheinung machte jedoch überall den besten Eindruck, und gab ^ fast erstorbenen Hoffnungen auf glücklichen Ausgang des langen Kampfes ^ucs Leben. Vorzüglich durch seinen Beistand wurde noch vor Ende des Aprils ^ softe Posten im Kloster St.-Spiridion am Piraos zur Capitulation genöthigt; schon hier begann der Zwiespalt der Führer, der die Einheit jeder folgenden Mrnehmung störte. C. weigerte sich eine Capitulation zu genehmigen, welche '^Feinden freien Abzug mit den Waffen gestattete; nichtsdestoweniger ließen Mecal Church ss. d.) und die Griechenhauptlinge Notaras und Wasso die abziehen. Bei einem schlecht geleiteten Angrisse der Griechen unter Church Hv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur. I. 47 738 Dundonald MI auf das Belagerungscorps vor Athen, am 6. Mai, setzte sich C. mit seltener Uner- > ^n, schrockenheit den größten Gefahren aus; von der allgemeinen Flucht mit fortgeris- sen, entging er bloß durch einen kühnen Sprung ins Meer der Gefangenschast B Im Mai 1827 begab sich C. auf der Fregatte Hellas von Spezzia nach dem west- M ^' l liehen Griechenland und kreuzte einige Zeit an der Küste von Morea, konnte aber i d-r da die aus England erwarteten Dampfschiffe noch nicht angekommen waren, auf die gesammte türkische Flotte keinen Angriff wagen. Ebenso war die im Zun" mit ? etwa 20 griechischen Schissen unter östreichischer Flagge gegen Alexandrien unter- "Ich di- nommene Expedition nichts als ein nutzloser Versuch. Eine Abtheilung der im Hafen liegenden Flotte erschien auf offener See, und schon einige Demonstra- tionen derselben genügten, die Griechen zu schleunigem Rückzüge zu bewegen. M Vornehmlich dieser Vorfall wirkte sehr zu C.'s Nachtheil auf die Stimmung Md. der Gemüther. Die Hydrioten aus seinen Schiffen wurden trotzig, und selbst der alte Miaulis, welcher dem Lord anfangs eine große Verehrung und Anhang- ^ ? lichkeit bewiesen und sich willig seinen Anordnungen gefügt hatte, legte sogleich nach der Rückkehr von Alexandrien das ihm anvertraute Commando der Fregatte " , Hellas nieder und segelte mit der ihm zugehörigen Brigg nach Poros zurück, ohne sich weiter um die Unternehmungen des Lords zu kümmern. Sein Beispiel zog ^ viele Andere nach, und auch das geringe Gewicht, welches Admiral Codrington, der WS äu Befehlshaber des englischen Geschwaders in den griechischen Gewässern, ohne ^ Nochmä Rückhalt auf C/s Dienste legte, gereichte diesem zu großem Nachtheile. Wah- mWe sich rcnd die griechischen Fahrzeuge thatenlos vor Hydra und Poros lagen, blieb und traf Äech C. mit seinen wenigen Mitteln weiter nichts übrig, als durch einen kleinen ^dmchmtschM Seekrieg die Kräfte des Feindes zu schwächen. In dieser Absicht begab er sich im »rzeichmtes C Iul. mit der Fregatte Hellas und einer Brigg wieder nach den Gewässern des lckl da das El westlichen Griechenlands, um die Bewegungen der türkischen Flotte zwischen Na- mopaischenM varin und Patras zu beobachten, mußte aber bald nach einigen vergeblichen Unter- '»Operationen u nehmungen zurücksegeln und trieb sich unstät im Meerbusen von Lepanto und in »o und seinem A der Umgegend von Kephalonia umher. Unterdessen sammelten sich, schon im Laufe t! Cmttehydra, des Septembers 1827, die Geschwader der drei Großmächte, welche den feindlichen chchMKeHm Unternehmungen der türkisch-ägyptischen Flotte gegen Griechenland ein Ziel setzen sollten. C. ward durch sie immer mehr in den Hindergrund gestellt. Die Schlacht imincrMM..' bei Navarin gab die Entscheidung; die Feindseligkeiten wurden als beendet betrach- stei der british tet, und Alles was noch zu thun übrig war, beschränkte sich auf die Unterdrückung Uaferjchln^ der Seeräuberei, welche um diese Zeit an den griechischen Küsten in ihrer furchtbar- sten Gestalt überhandgenommen hatte. Hierauf richtete daher C. fortan seine Lupfst ganze Aufmerksamkeit, er überwältigte an den Küsten von Messenien in den Buch- ^ ^ ^ ten von Maina mehre Seeräuber und durchstreifte dann den Archipel, wo in W , , ^ den engen Schluchten der kleinern Inseln die Seeräuberei ihren eigen liehen Herd hatte, nach allen Richtungen bis in die Gegend von Scio, wo er die Expedition, welche eben unter Oberst Fabvier nach dieser Insel unternommen worden war, un- terstützte. Je tröstlicher nach dem thätlichen Einschreiten der drei Großmächte die ^ ^ Hilden Aussichten werden mochten, desto heftiger wurden die Leidenschaften, desto grenzen- loser die Unordnung im Innern. C., der sich durch die Überlegenheit der drei cu- ropäischen Geschwader beengt sah und keineswegs frei war von leidenschaftlicher ^ ^ Aufwallung, hatte schon im October den Volksältesten aus Naxos erklärt, die drei Mächte beabsichtigten nichts, als die Griechen wieder unter das Joch der Türken zu ^s^rtz^ beugen, und ihnen gerathen, die Flagge des Johanniterordens aufzustecken. Die- ^ ses, sowie sein willkürliches Walten auf den übrigen Inseln des Archipels, wo er, z.B. zu Tino und Nio, unabhängig von der Regierung, Contributionen zur Er- Haltung seiner Fahrzeuge eintreiben ließ, brachte ihn in sehr Übeln Ruf. Sem Ein- fluß sank immer mehr; er fühlte täglich mehr das Lastige und Zwecklose seiner un- ^ ' Dupen« 739 i,j IW!. ,'? W -s ^-?5 t'AK >»F F natürlichen Stellung. Mehre seiner Begleiter waren, unmuthig über die getauschten Erwartungen, schon langst nach England zurückgekehrt, und E. folgte zu Ansänge des Jahres 1828 ihrem Beispiele, ohne sich jedoch seiner Würden und Verpflichtungen als Großadmiral zu entäußern, ohne Beurlaubung bei der Regierung. Seine Rückkehr gab zu allerlei Gerüchten Anlaß. C. gab die offene Erklärung: der Seeraub.rkrieg in den griechischen Meeren könne nicht mit Se- gelfahrzeugen geführt werden, die griechische Regierung habe nicht die Mittel zur Ausrüstung hinreichender Ruderschisse, und es sei die Aufgabe der verbündeten Mächte, durch die Ausrottung jenes Unwesens ihrem Werke die Krone aufzusitzen. Nach achtmonatlicher Abwesenheit erschien Lord C. am 30. Sept. 1828 am Bord des neuen griechischen Dampfschiffes Hermes abermals vor Poros. Die Dinge hatten eine andere Gestalt gewonnen. Graf Kapodiftrias hatte sein kluges Walten begonnen, und gründete auf den scheinbaren Beifall des durch unsägliche Anstrengungen erschöpften Volkes das fein durchdachte System politischer und geistiger Gewaltherrschaft. Die Zeit hervorragender, durch Selbständigkeit in Gesinnung und That einflußreicher Männer war vorüber. C. rüstete zwar schon im Ottober zu Poros ein bedeutendes Geschwader, angeblich zu einer Expedition nach Salonichi bestimmt, um von der dortigen jüdischen Bevölkerung Contribution einzutreiben; allein was auch seine Absichten gewesen sein mögen, die Ausführung unterblieb. Noch vor Ablauf des genannten Monats erschien er zu Napoli di Romania, miethete sich ein Haus-, das er ausbessern und sorgfaltig einrichten ließ, und traf überhaupt Anstalten, die auf einen längern Aufenthalt in Griechenland berechnet schienen. Er erhielt aber schon im December ein, von dem Präsidenten unterzeichnetes Schreiben, worin ihm in den verbindlichsten Ausdrücken gesagt wurde: da das Schicksal Griechenlands in Zukunft unter dem Schutze der großen europäischen Mächte stehe, so könne die provisorische Regierung keine mili- tamschm Operationen unternehmen, welche in geeignetem Verhältnisse zu seinen Talenten und seinem Grade ständen. Freiwillig gab C. hierauf seine Ansprüche auf die Corvette Hydra, die Goelette Athenais und 20,000 Pfund Sterling die er nach erfolgter Anerkennung der Unabhängigkeit Griechenlands ausgezahlt erhalten sollte, zu Gunsten des griechischen Volkes auf, verließ den griechischen Dienst auf immer und ging nach England. Er wurde 1832 wieder in seinen Admirals- rang bei der britischen Marine eingesetzt, und zwar mit der besondern Begünstigung, daß er jetzt noch denselben Platz einnimmt, welcher ihm nach der Anciennetät aus früherer Zeit zukam. (*18) Duperre (Victor Guy, Baron), französischer Admiral, geboren zu la Rochelle den 20. Febr. 1775, in Iuilly erzogen, trat nach Beendigung der Schulstudien in die Handelsmarine und reiste 1791 nach Indien. Im folgenden Achce nach Frankreich zurückgekehrt, ließ er sich durch den holländischen Krieg bergen, in die Kriegsmarine zu treten, wurde 1^96 beim Kampfe gegen Sir Edward Pelew (seitdem Lord Exmouth) gefangen genommen und nach England Bracht, aber 1799 ausgetauscht. Als 1803 der Krieg von Neuem ausbrach, bliest D. die Station der Antillen und wurde beim Generalstabe der boulognec Notille angestellt, machte darauf eine Expedition nach den Gewässern Afrikas und Amerikas, erhielt nach seiner Rückkunft, nunmehr als Frcgattencapitain, das Kommando der Sirene, und brachte auf diesem Schisse 1808 Truppen nach Mar- lmigue. Auf der Heimkehr schnitten englische Kriegsschiffe vor Lorient ihm den Weg allein es gelang ihm nach einem Kampfe, der Bord an Bord über eine Stunde dauerte, die Passage zu erzwingen und sich nach der Insel Groix zu flüchten, von er drei Tage nachher im Angesichte des Feindes Lorient erreichte. Zum Lohne für diese heldenmüthige That wurde D. Kriegsschiffcapitain, übernahm das Commando Fregatte Bellona, fuhr 1809 von S.-Malo nach Isle de France, kreuzte sodann 47* 740 Dupin im indischen Meere, bemächtigte sich der englischen Corvette Victor, mehrer Han- delsfahrzeuge und der portugiesischen Fregatte Minerva. Am 1. Jan. 1810 kehrte D. im Angesichte des englischen Geschwaders, welches Jsle de France blockirte, mit seinen Prisen nach dieser Insel zurück. Ein Vierteljahr spater steuerte er mit den Schissen Bellona, Minerva und Victor von Neuem ins Meer, begegnete drei Kriegsschissen der ostindischen Compagnie und bekam deren zwei in seine Gewalt. Als er darauf nach der Insel zurückfuhr, fand er eine bedeutende Flotille vor, welche den nordwestlichen Theil blockirte, und das Fort an der Hafeneinfahrt war von den Englandern besetzt. Nichtsdestoweniger drang er in die Bai, trug darin über vier britische Fregatten den Sieg davon und nahm das Fort. England bot nunmehr Alles auf, um sich jener Insel zu bemächtigen, schickte ein starkes Geschwader von Kriegsschiffen, hundert Transportschisse zu 20,000 Mann hin, und jetzt endlich sah sich die Colonie zum Capituliren genöthigt. Capitain D. kam zu Anfang 1811 nach Frankreich zurück, der Kaiser gab ihm den Baronstitel und erhob ihn vom einfachen Mitglieds der Ehrenlegion ausnahmsweise zum Eommandeur desselben Ordens. In demselben Jahre ward er Eontreadmiral und befehligte bis Seemachtim mittelländischen Meere. Zu Anfang 1812 erhielt er das Oberkommando der französischen und italienischen Streitkräfte im adriatischen Meer. Er war damit beschäftigt, in dem Hafen Venedigs ein Geschwader zu bilden, als die Ereignisse von 1818 und 1814 die Räumung Italiens herbeiführten. Da die hierauf bezügliche Übereinkunft vom 20. April 1814 nicht ausdrücklich von der venetianischen Marine sprach, so weigerte sich D. anfangs, die französischen Schisse auszuliefern, und that es erst auf erneuerten Befehl des Vicekönigs. Im Jul. 1814 erhielt er den Ludwigsorden, wurde 1815 Seepräfect zu Toulon und schützte diese Stadt vor den Unternehmungen der zu Marseille gelandeten englisch-sicilischen Truppen. Drei Jahre später kehrte er nach den Antillen zurück, um das Com- mando der dortigen französischen Stationen zu übernehmen, behielt es bis 1821 und leistete unterdeß dem französischen Handel durch Verfolgung der Seeräuber große Dienste im spanischen Kriege; 1823 ersetzte er den Eontreadmiral Hamelin im Commando des Geschwaders, welches Cadi; belagerte. D. war es endlich, welcher die Landung an der algierschen Küste vollführte und zur Einnahme der Hauptstadt Algier sehr viel beitrug. (S. Algier.) Die neue Regierung ernannte ihn zum Admiral und Pair von Frankreich. (15) *Dupin der Altere (Andre Marie), früher einer der ersten Advokaten, jetzt auch einer der ausgezeichnetsten Volksdeputirten und Staatsmänner Frankreichs, war wahrend der Restaurationsepoche der beständige Vertheidigcr derjenigen berühmten Schriftsteller und großen Zeitungsinstitute, welche wegen angeschuldigter Preßvergehen von der bourbonischen Regierung vor Gericht gezogen wurden. De Pradt, Jouy, Montlosi'er, Madier de Montjau, der Dichter Bcranger und besonders der „Ooustiwtioimel^, haben nebst andern sein Advokatentalent in Anspruch genommen, und mehre dieser berühmten Angeklagten haben es der eindringenden Beredsamkeit D.'s zu danken, daß die Gerichte sie nicht zu verurtheilen wagten. Die Sammlung seiner gerichtlichen Reden war zu Ende 1827 schon auf 17 Quartbände angewachsen. Er hatte damals die Volksgunst völlig auf seiner Seite, da man in ihm nur den gewandten, geistreichen Vertheidigcr der com stitutionnellen Rechte sah, und ihn stets bereit fand, der bedrängten freien Presse seinen Beistand gegen die Anmaßungen der königlichen Anwalte zu leiben. Sogar gegen den König Ludwig XVlll. scheute er sich nicht, einem Chevalier DesgravierS, welcher Geldfoderungen an den ehemaligen Comte de Provence zu machen hatte, mit seinem ganzen Talente beizustehen; er zeigte mit vieler Freimüthigkeit, daß ein König noch weniger als ein Privatmann von der Nothwendigkeit enthoben werden könne, seine Schulden zu bezahlen, und als der Anwalt der Civilliste, dps heißt des ,, ' irBlch/, ei Hbech einen Ääi «MIM «rsuchunM Sein Bericht, Mzierunchrviil daß D.'s Bei es ÄBmbms nack ^ch zehabt habe, -l., "Ate. D.hass M nicht ich M )l"Wbiige>ch «olutioil. Er! Gsich -Uaw. Dupin 741 vM WM ' . kl Aönigs, ein Decret des Nationalconvents vorschützte, welches die königliche Familie ihrer Güter beraubt und die Bezahlung ihrer Sckulden auf sich genommen yabe, zeigte D. mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, daß, so lange Desgraviers nicht bezahlt sei, Ludwig XVlll. sein Schuldner bleiben und heißen müsse. D. bereitet sich gewiß ernsthaft zu seinen gerichtlichen Reden vor; allein die besten und beredtesten Regungen werden erst vor Gericht in ihm erweckt; eine Einwendung, eine schwache Rede des Gegners, eine Bemerkung des Gerichtspräsidenten sind gleichsam Stacheln, die seinen Geist anspornen und zu einem überraschenden Flug antreiben. Solche unerwartete Wendungen in seiner Rede sind theils ernsthaft, cheilS witzig und ironisch, und mehrmals hat er durch eine ahnliche Herzens- ergießung, zuweilen durch einen heitern Einfall seine Sache gewonnen. Die ernsthaftesten Gegenstande weiß er auf diese Weise, die keineswegs die Frucht des Studiums, sondern ein ihm angeborenes originelles Talent ist, zu erheitern oder doch anziehend zu machen. Er ist ein zweiter Beaumarchais, nicht wie dieser von Witz sprühend, und gemäßigter, anständiger. Bis 1827 blieb D. den eigentlichen Staatsge- schäften fremd; von nun an aber began für ihn eing zweite ebenso glänzende Laufbahn, die ihm jedoch einen Theil seiner Popularität raubte. In diesem Jahre wurde er von demArrondissementMomerszumDeputirten gewählt, und bald erhob er sich zudem HenRang unter den Rednern der Kammer. Als der Minister Martignac den Entwurf einer Gemeindeverfassung vor die Deputirlenkammer brachte, wurde D. von der zur Untersuchung dieses Vorschlags ernannten Commissi'on zum Berichterstatter gewählt. Sein Bericht, welcher den ministeriellen Vorschlag in mehren wesentlichen Punkten umänderte und der Freiheit der Nation weit günstiger war als ms die Regierung bewilligen wollte, ist eine seiner besten Arbeiten. Als der Mi- Her sah, daß D.'s Verbesserungen in der Commissi'on durchgehen würden, zog erdas Gesetz zurück. Bald darauf mußte Martignac dem Polignac'schen Ministerium weichen, und dieses zog durch seinen Unsinn den Sturz des Throns der altern Bourbons nach sich. Es ist D. bitter vorgeworfen worden, daß er nicht dm Much gehabt habe, mit den andern Deputirten gegen die Ordonnanzen üarls X., welche die Verfassung willkürlich abänderten, zu protestiren und sich mit ihnen zu vereinigen, sodaß er in der That an der großen Juliusrevolution keinen Antheil hatte. D. hat sich dagegen zu vertheidigen gesucht, und bewiesen, daß er stch zwar nicht mehr als Deputirter betrachtet, aber als Rechtskonsulent den ersten Berathungen beigewohnt habe; darauf beschrankt sich aber auch sein Antheil an jener Revolution. Er zeigte sich jedoch bald thatig in der Deputirtenkammer, und widersetzte sich mit Nachdruck der Erneuerung der Gerichtshöfe, wodurch bewirkt wurde, daß alle diejenigen von den Bourbons eingesetzten Richter, welche sich nicht freiwillig zurückzogen, beibehalten wurden. Vielleicht verhinderte die Beibehaltung der vorigen Gerichtshöfe manche andere Umwälzung, die man vorhatte; allein es wurde dadurch die Fortdauer eines großen Übels im Staate bewirkt. D. war schon seit meh- rmIahren als Rechtskonsulent im Rache des Herzogs von Orleans, und von diesem Prinzen beauftragt worden, dem Herzoge von Chartres die Grundsatze des Rechts vorzutragen, welches D. veranlaßte, ein Elementarbuch hierüber zu schreiben: li»N8 elemeutiüres Sur lugustic«, le ckrvit et les Ivis" (zweite Aufl. Paris 1827). Auch gab er als Rechtskonsulent eine Schrift über die Apanagen der Familie Or- leans heraus. Als nun der Herzog von Orleans zum Thron gelangt war, ernannte er D. zum Generalprocurator, und trug ihm als Regierungscommissair dw Unterstützung und Durchführung mehrer ministeriellen Gesetzvorschlage in den deiden Kammern auf, unter andern den Gesetzvorschlag wegen der Civilliste. Die lwke Seite der Kammer fand, daß D. zuweilen allzu sehr sich auf die ministerielle Veite neigte und sich zu sehr der Sache des Königthums hingab. Seiner durchdringenden Beredsamkeit verdankte das Ministerium die Durchsetzung mehrer 742 Dupont Gesetzvorschläge, die sonst schwerlich würden angenommen worden sein, weshalb er auch von den demokratischen Tageblattern oft und heftig angegriffen wurde; besonders warf man ihm Ehrgeiz und Ruhmbegierde vor. So viel ist gewiß, daß er als Generalprokuratoc zuweilen politische Gesinnungen äußerte, die sich mit denjenigen, welche er als unabhängiger Advokat an den Tag legte, nicht wohl vereinigen ließen. In der Deputirtenkammer stimmte er seitdem viel mehr im Sinne der Doctrinairs als der echt Liberalen, wiewol man ihm eine gewisse Geistesunabhän- gigkeit und Freimüthigkeit, die er auch als Beamter beibehalten hat, nicht absprechen kann. Diese Eigenschaft machte auch, daß er sich über die Spöttereien hinwegsetzte, die er sich vor einigen Iahren zuzog, als er an einer kirchlichen Feierlichkeit bei den Jesuiten in St.-Acheul Theil genommen hatte; er äußerte dagegen in den Zeitungen, in religiöser Hinsicht handle er wie es ihm gut dünke, und er habe hierüber keiner Partei Rechenschaft abzulegen. Noch verdient bemerkt zu werden, daß, als der Minister Peyronnet den verrufenen Gesetzvorschlag zur Wiedereinsetzung des in Frankreich allgemein verhaßten Rechts der Erstgeburt that, D. sogleich feierlich erklärte: sollte dieses Gesetz durchgehen, so werde er, als der älteste dreier Brüder, nie von demselben Gebrauch machen, sondern mit ihnen das alterliche Erbe redlich theilen. Nach Perier's Tode 1832 wurden wegen des Eintritts in das Ministerium Unterhandlungen mit D. angeknüpft, die jedoch bis jetzt (August 1832) gescheitert sind, da die Schwierigkeiten, welche sich über den Vorsitz im Ministerrath erhoben, sich nicht besiegen ließen und der vom Hofe begünstigte Mon- talivet ihm entgegenstand. (25) Dupont de l'Eure (Jacques Charles), französischer Deputirter und vormaliger Minister, einer der wenigen echt liberalen Franzosen, die in den verschiedenen Staatsumwälzungen stets unwandelbar geblieben und ihren festen Charakter weder in der Gunst noch in der Ungunst verleugnet haben. Er wurde 1767 zu Ncubourg in der Normandie geboren, war anfangs Parlamentsadvokat in dieser Provinz und wurde 1792 zum Maire in seiner Gemeinde erwählt. Während der Revolution wurde er Bezirksverwalter, Richter beim Gerichte zu Louviers, öffentlicher Ankläger beim Criminalgerichte des Euredepartements, Deputirter im Rathe der Fünfhundert, Rath beim Appellationsgerichte zu Rouen und dann Präsident des Criminalgerichts zu Evreux. Hier sollte er einige Personen, welche ihm Bonaparte's Polizei überlieferte, als des Hochverraths schuldig anerkennen und verurtheilen, D. fand sie aber ohne Schuld und bewirkte ihre Lossprechung. 1811 ernannte ihn Napoleon zum Kammerpräsidenten des kaiserlichen Gerichtshofs zu Rouen. Zwei Mal wurde er vom Wahlcollegium des Euredepartements als Candida! zum gesetzgebenden Corps vorgeschlagen; seine politische Rolle wahrend der Oberherrschaft Napoleons blieb aber unbedeutend. Nach der Restauration der Bourbons 1814, befand er sich in der Deputirtenkammer und wurde zum Viceprasidenten ernannt, erregte jedoch keine Aufmerksamkeit. Während der hundert Tage wurde er in die Kammer der Repräsentanten geschickt, und hier widersetzte er sich kräftig allen Versuchen Napoleons, seinen vorigen Despotismus zu erneuern. Auch war er diesmal wieder Vicepräsi'dent der Kammer. Nach der Schlacht bei Waterloo setzte er die Protestation der Kammer auf wider Alles, was die alliirten Mächte gegen die Unabhängigkeit Frankreichs und seine Verfassung unternehmen könnten; und als die Bourbons wieder mit Gewalt eingesetzt worden waren, wurde D. bald darauf von zwei Bezirken zugleich, nämlich zu Rouen und zu Louviers, zum Deputaten erwählt. Das Ministerium aber, um sich an ihm zu rächen, setzte ihn von der Stelle als Mitglied des Generalraths des Euredepartements ab. Das Euredepartcment ernannte ihn 1817 zum Devu- tirten, und von nun an saß D. stets auf der linken Seite der Kammer. Man erzählt, daß, da es ihm an Gütern gefehlt, um die zum Wahlrecht ersoder- MnM A da er zu Duras 743 liche Summe von Abgaben zu zahlen, man in seiner Provinz sich vereinigt habe, um einem so rechtlichen Mann ein bedeutendes Gut zu kaufen. Er widersetzte sich mit Würde und Eifer mehren Vorschlagen wider die verfassungsmäßige Freiheit. W nach der Ermordung des Herzogs von Verry vom Decazes'schen Ministerium mehre Einschränkungen der öffentlichen Freiheit, vorgeblich zur Sicherheit des Staats, verlangt wurden, erklärte D. feierlich, fein Gewissen erlaube ihm nicht, den Ministern eine Gewalt zu verstatten, welche die Verfassung ihnen verweigere. Ebenso nachdrücklich widersetzte er sich, obwol ohne guten Erfolg, der Abänderung des Wahlgesetzes, und späterhin der Abschaffung des Geschworenengerichts bei Preßvergehen. Seitdem hörte man ihn selten öffentlich sprechen. Einer der Bezirke der Stadt Paris wählte ihn 1824 zum Deputirten. Als drei Jahre darauf der Minister Peyronnet einen Gefetzvorschlag that, welcher die Preßfreiheit begründen sollte, sie aber im Grunde beschränkte, fand D. seine vorige Kraft wieder, um sich in einer merkwürdigen Rede diesem Vorhaben zu widersetzen. Während des Polignac'fchen Ministeriums wurde die Kammer aufgelöst; D. wurde aber wieder gewählt, da er zu der Zahl der 221 gehörte, welche die berühmte Adresse an den König angenommen hatten, und die fast Alle wieder in die Kammer gewählt wurden. Er vermochte jedoch so wenig als seine Collegen dem Übel zu steuern, welches jenes Ministerium herbeiführte. Nach Ausbruch der Juliusrevolution unterzeichnete er die Protestation der Deputirten, und ward nach der Thronbesteigung des Herzogs von Orleans zum Justizminister und Großsiegelbewahrer ernannt. Man hatte nun Gelegenheit, zu bemerken, daß D. als Minister fast keinen größern Aufwand machte, als während er bloßer Deputirter gewesen war. In seinem Hotel herrschte keine lästige Etikette, und er selbst ging in ganz einfacher Kleidung nach Hofe. Seit der republikanischen Verfassung hatte man in Frankreich keinen so einfach lebenden, anfpruchlosen Minister gesehen. Auch in seinem Ministerium suchte er große Ersparnisse zu bewirken und verjährte Misbräuche abzuschaffen, über welche sich die Opposition, zu der er gehört, oft und mit Recht beklagt hatte. Leider blieb er nur ein halbes Jahr Minister. Als der freisinnigere Theil des Ministeriums ausschied, nahm auch D. seinen Abschied und als Deputirter wieder seinen Platz in der Kammer ein, wo er seitdem zu Gunsten aller echt freisinnigen Maßregeln stimmte und sich jeder andern widersetzte. D. genießt einen unbescholtenen Ruf. Als Redner ist er zwar nicht glänzend und hinreißend; seine Reden sind aber mit Würde und Kraft abgefaßt. Zm Justizfach ist er praktisch sehr bewandert. Die einzige Belohnung, die ihm vom Staate wegen seiner demselben geleisteten Dienste zu Theil geworden, ist das Lcdenszeichen als Offizier der Ehrenlegion. (25) Duras (Herzogin von), war die Tochter des Schiffscapitains Grafen von Kersaint, eines sehr geschickten Seemanns, welcher im Anfange der Revolution lebhaften Antheil an den vorgehenden Verbesserungen in den Staatseinrichtungen nahm, Mitglied des Jakobinerclubs, dann des Nationalconvents wurde, aber nicht für den Tod Ludwigs XVI. stimmte, und am Tage vor dessen Hinrichtung feierlich erklarte, er wolle mit den Urhebern der im vorigen September begangenen Greuel nichts gemein haben. Dieser gemäßigten Gesinnungen halber wurde er wahrend der Schreckenszeit verfolgt, und obschon seine Freunde, die Girondins, ihn zum Minister des Seewesens ernannt haben wollten, um ihn zu retten, so kennte er doch der Verfolgung der Schreckensmänner nicht entgehen, wurde er- güfsen, zum Tode verdammt und mit vielen Andern hingerichtet. Seine Tochter war damals noch sehr jung und flüchtete sich mit ihrer Familie ins Ausland. Sie hielt sich einige Jahre in England auf, wo sie den Herzog von Duras heirathete, welcher ebenfalls emigrirt, aber fast immer im Gefolge der königlichen Familie geblieben war. Gegen das 1.1800 kehrte der Herzog nach Frankreich zurück. Seine 744 Duttlingcr lÄ-F i>!>! Frau hatte etwas von dem freisinnigen Geiste ihres Vaters beibehalten; sie wurde mit Frau von Stael und andern merkwürdigen Personen jener Zeit bekannt, und versammelte einen auserlesenen Eickel geistreicher Männer und Frauen um sich Wahrend der Napoleonischen Herrschaft lebte ihr Gatte ziemlich eingezogen; aber bei der Rückkehr der königlichen Familie, welcher er auch bis London entgegenreiste, begann seine Laufbahn als Hofmann wieder; er wurde zum Pair, ersten (ilentilbomme cke !a cbninbre bei Ludwig XVIII., zum Mitglieds der französischen Akademie und zum Eommandeur des heil. Geistordens ernannt. Die Herzogin änderte wenig an ihrer vorigen Lebensart und ließ sich durch die Hofgunst nicht blenden. Sie war weit entfernt, mit dem alten Adel die Rückkehr verlorener Vorrechte herbeizuseufzen, und erkannte das Gute, was aus der Revolution erwachsen war oder was die Zeit mit sich brachte. So nahm sie sich eifrig der Methode des wechselseitigen Unterrichts an, als diese in Frankreich emporkam, und stiftete aus eigne Kosten eine Volksschule, worin nach dieser Methode unterrichtet wurde. Dieses Institut trug viel zur Verbreitung des Unterrichts in den untern Volksclassen bei. Auch ward sie Präsidentin einer wohlthatigen Gesellschaft. Ihr erstes Auftreten als Schriftstellerin geschah sehr unwillkürlich. Sie hatte in ihrem Privatcirkel eine mit vieler weiblichen Zartheit geschriebene Erzählung unter dem Titel „Oiu-ica" vorgelesen, worin die Folgen der Vorurtheile hinsichtlich der Geburt und der Abstammung in einer europaischen Colonie auf eine anziehende Art geschildert werden. Diese Erzählung wurde ihr zu Gefallen in der königlichen Buchdruckers! zu 4(1 Exemplaren im I. 1823 abgedruckt und von ihren Freunden als etwas Außerordentliches gelobt. Man verlangte eine stärkere Auflage davon, und 1824 erschien die Erzählung öffentlich. Der Beifall, den dieser zwar nicht außerordentliche, aber doch lobenswerthe Versuch erhielt, munterte die Verfasserin zu einem zweiten, etwas bedeutendem, auf. Dieser erschien 1825 unter dem Titel „Lckouarck", erhielt jedoch weniger Beifall als der erste, welcher auch auf die Bühne gebracht wurde. Wahrscheinlich würde sie in der Folge wichtigere Werke geliefert haben, allein sie starb bereits im Januar 1828. (25) Düttlinger (Johann Georg), vr. der Rechte, badischer Geheimrath und Professor der Rechtswissenschaft zu Freiburg, wurde am 13. April 1788 zu Lembach bei Stühlingen auf dem Schwarzwalde geboren, erhielt den ersten wissenschaftlichen Unterricht in dem ehemaligen Reichsstifte St.-Blasien und bezog hierauf die Universitäten Freiburg und Heidelberg. Zu weiterer Ausbildung diente eine nach vollendeten Studien unternommene Reise nach Frankreich, wo er sich mit der Verfassung und Praxis der französischen Gerichte durch eigne Anschauung vertraut machte. Nach seiner Rückkehr trat er in die praktische Laufbahn ein, zuerst (1812) als Praktikant bei dem Criminalamte der Markgrafschaft Hochberg zu Emmendingen, dann f1815) als Advokat bei dem Hofgcrichte zu Mörsdurg, von wo er 1817 als Rechtslehrer an die Universität Freiburg berufen wurde. Bald darauf, mit der Einführung des constitutionnellen Systems in Baden, begann feine politische Laufbahn. Als Abgeordneter zu der ersten Ständeversammlung gewählt, versah D. in den Sessionen von 1819 und 1820, als jüngstes Mitglied der Kammer, die Stelle des ersten Secretairs und nahm als Redner thätigen Antheil an jenen Verhandlungen, welche, bei allen Spuren einer erst beginnenden constitutionnellen Ent- wickelung, dennoch die Aufmerksamkeit Deutschlands auf sich zogen, einen öffentlichen Geist im Volk erweckten und eine Schule von parlamentarischen Rednern eröffneten. Wahrend die öffentliche Meinung die Namen der an der Spitze stehenden Deputirten mit politischem Ruf und Ansehen umgab, suchte auch die Regierung die auf diesem Wege ihr bekannt gewordenen Talente auszuzeichnen. So wurde D. bald nach dem Schlüsse des ersten Landtags (1821) mit dem Charakter eines Hofraths bekleidet, nachdem er das Jahr zuvor einen Ruf als Appellations« ^ Vera Duttlinger 745 lach nach Lübeck abgelehnt hatte; auf gleiche Werse schlug er auch in der Folge inehce Berufungen aus, welche ihm von verschiedenen deutschen Universitäten zukamen. Auf dem Landtage von 1822, der mit erklärter Spaltung zwischen Standen und Regierung endigte, befand sich D., wie früher, in den Reihen der Opposition und bekleidete die Würde eines Vicepräsidenten, welche ihm auch auf allen folgenden Landtagen zu Theil wurde. Von diesem Zeitpunkt an trat eine fortwahrend gesteigerte Reaction gegen das constttutionnelle Leben ein, die der Regierung erreichbaren Opposüionsmanner wurden auf eine, oft ins Kleinliche gehende Weise geneckt und verfolgt, die Wahlen für die nächste Standeversammlung durch alle Miel der Bestechung und Einschüchterung zum Voraus von einem volksthüm- lichen Erfolg abgeschnitten. Dennoch wurde D. von dem Wahlbezirke Bonndorf abermals zum Deputirten gewählt, und bildete mit Föhrenbach und Grimm auf > hm, zu einem traurigen Schattenspiele herabgesunkenen Landtagen von 1825 und Zj,. 1828 jene muthige, aber völlig wirkungslose Opposition, welcher nachher die Volks- Akiii. ' kammer von 1831 ihren Dank zuerkannte. Der damals regierenden Camarilla ! schien diese Opposition nicht ganz unwillkommen zusein, weil sie die gegenconsti- tutionnelle Richtung nicht aufzuhalten vermochte, und dennoch einen Schein von verfassungsmäßiger Freiheit, folglich ein Mittel zur Beruhigung gewährte. Ja nach dem Schlüsse des Landtags von 1828 erhielt D. sogar den Orden des zahrin- zer Löwen, was seinen politischen Ruf für einige Zeit zu beeinträchtigen drohte. Min diese Gunstbezeigung Ludwigs, welche man auch für das Ergebniß einer, auf solche Beeinträchtigung berechneten Politik hatte halten können, war vielmehr der Lohn für eine Stelle der ständischen Adresse, welche D. rcdigirt hatte, und worin in Bezug auf die damals erneuerten Streitverhältnisse mit Baiern st Sponheimische Frage) und dessallsige Andeutungen in der Thronrede die Versicherung niedergelegt war, daß die Badener bereit seien, „Alles zu opfern", wenn „Eigenmacht Versuche wagen sollte" u. s. w. Ludwig selbst, wohl unterscheidend zwischen freiem Patriotismus und feiler Anhänglichkeit, äußerte damals, es freue ihn besonders, weil es gerade D. gewesen, denn was die Andern betreffe, st machten sie ihm, was er haben wolle. Seit 1827 war D. Mitglied der Gesetzgebungscommission, und die von derselben bearbeitete, 1831 von der Kammer zum Gesetz erhobene Proceßordnung in bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, nach den Grundsätzen der Öffentlichkeit und Mündlichkeit, der Collcgialität und der Trennung der Justiz von der Administration, ist von ihm entworfen. In Anerkennung seiner Verdienste um dieses schöne Werk ernannte ihn Großherzog Leopold am 31. Dec. 1830 zum Geheimrathe zweiter Classe. In der Kammer von 1831 erschien D. wieder als Volksvertreter, dieses Mal unter günstigem Zeitvcrhältnissen, wurde zum Vizepräsidenten und zum Vorstand einer der fünf Abteilungen erwählt, und nahm wesentlichen Antheil an allen denkwürdigen Verhandlungen dieses Landtags. Unter Andern war er Berichterstatter über Welcker's Motion auf Preßfreiheit und nachher über das vorgelegte Preßgesetz; unter den von ihm gewichten Motionen war der wichtige Antrag auf Vervollständigung der Gesetzgebung über Verantwortlichkeit der Minister, ein Gegenstand, der zuletzt bei der AdelZkammer unerledigt liegen blieb; als Redner überhaupt war er ein gefurchterer Gegner, rasch und treffend, oft mit einem lakonischen, derben Witzworte schlagend, scharf logisch, beißend in seiner Ironie, durch lange parlamentarische Erfahrung ein Hauptkämpe in Streitfragen über die Geschäftsordnung. Obschon in seilen politischen Ansichten den Wirkungskreis mehr auf Baden beschrankend, folgte och D. ebenfalls dem allgemeinen Impuls, die Freihcitssache der einzelnen deut- lchw Stämme in ihrem natürlichen moralischen Zusammenhange zu erfassen, und tt war es z. B., der die mainzer Centralcommission „eine in Deutschland errichte Schandsaule" «annte; ebenso schloß er sich auf seine eigne eindringliche Weise ^46 Dwernicki an die Protestation Nöttens gegen die Bundesordonnanzen vom 10. Nov. 1831 an. Als das badische Preßgesetz ins Leben trat, hatte D. Antheil an der Gründung und nachher an der Redaction des „Freisinnigen"; als der Bundestag mit den Ordonnanzen vom 28. Zun. hervortrat, der „Freisinnige" geachtet und die Preßfreiheit vernichtet wurde, und eine an 1819 erinnernde Reaction in Deutschland begann, da siel auch D. einer ehrenden Verfolgung anHeim, und wurde namentlich wegen einer kurzen, zwei Monate zuvor bei dem Feste zu Badenweiler gehaltenen Rede zur Untersuchung gezogen. Noch verdient bemerkt zu werden, daß D. Hauptredacteur des „Archivs für Rechtspflege und Gesetzgebung im Groß- herzogthume Baden" ist, eine Zeitschrift, welche seit 1830 in Freiburg erscheint und sich eines zahlreichen Kreises von Lesern erfreut. (22) Dw ernickt (Joseph), um das Jahr 1775 auf seinem vaterlichen Gute Ballin im Kreise Kaminiec in Podolien geboren, stammt aus einer seit hundert Jahren daselbst begüterten alten Familie. Nachdem er bereits in der polnischen Legion für Frankreich gefochten hatte, nahm er 1809 Theil an dem berühmten Feldzuge Joseph Poniatowski's, unter dessen Anführung die polnischen Truppen in Ostgalizien am Dniester ihre stegreichen Fahnen aufpflanzten. Damals sammelte er im kaminiecer Kreise, trotz der strengen Wachsamkeit der Russen, eine Escadron freiwilliger Reiter, die er aus eignen Mitteln ausrüstete, überschritt im Jun. 1809 mit ihnen die Grenze bei Zawale und vereinigte sich mit dem polnischen Parteiganger Oberstlieutenant Strzynowski, der am Dniester mit dem freiwilligen galizischen Aufstande den kleinen Krieg führte. In den wichtigen Gefechten bei Tarnopol, Wieniawka und Zaleczyki, in welchen die Ostreicher hartnackigen Widerstand leisteten, zeigte D. schon sein Talent und seinen Muth und zog die Aufmerksamkeit seiner Obern auf sich. Am Schlüsse des Feldzugs ward er vom Fürsten Poniatowski zum Escadronschef ernannt, mit dem goldenen Militairverdienstorden geziert und mit feinen freiwilligen Podoliern dem schönen fünfzehnten Uhlanenregimente zugetheilt. In den Jahren 1810 und 1811 suchte D. sich die ihm nothwendigen Kriegskenntnisse zu verschaffen, ging dann 1812 mit demselben Regiments nach'Rußland und wurde nach der Schlacht bei Mir dem Corps Dombrowski's zugetheilt, welcher den kleinen Krieg' bei Mohilew und Bo- bruisk führte. Als abgesonderter Parteiganger wurde er schon in diesem Feldzuge den Russen ein furchtbarer Feind und wegen rascher verdienstlicher Unternehmungen Ritter des polnischen Militairordens. Nach dem unglücklichen Rückzüge über die Berezina, wo die Vorsehung D. für spatere Heldenthaten aufsparte, kam er nach Warschau zurück, und als er das fünfzehnte Uhlanenregiment von Neuem organisirt hatte, ward er Major und Regimentscommandant. In Dombrowski's Division zeichnete er sich in den Gefechten bei Kalisch und Posen so sehr aus, daß er Ritter der Ehrenlegion wurde. Nach den Schlachten bei Leipzig und Hanau ward er Offizier der Ehrenlegion und 1814 bei Paris, nachdem er den bedeutendsten Antheil an den letzten ruhmvollen Angriffen der polnischen Reiterei genommen, Oberst. Er zog hierauf mit den polnischen Kriegern nach seinem Vaterlande zurück. Als Großfürst Konstantin die polnischen Truppen neu organisirte, erhielt D. das Commando des zweiten Uhlanenregiments, das sich in dem letzten Unabhängigkeitskriege überall so ehrenvoll ausgezeichnet hat, und da er bei der Krönung des Kaisers Nikolaus der älteste Oberst war, ernannte man ihn bei dieser Gelegenheit zum Brigadegeneral. Als solchen traf ihn der 29. Nov. 1830. Man vertraute ihm sogleich die Organisation der dritten Division der Reiterregimenter, die er mit der gewohnten Schnelligkeit betrieb, sodaß er am k. Febr. 1831 bereits mit 10 Ea- valleriedivisionen, 3 Bataillonen Infanterie und einer leichten Batterie den kleinen Krieg zur Deckung Warschaus auf dem rechten Flügel gegen die unter Geismar und Kreutz dorthin abgeschickten russischen Cavalleriemassen beginnen konnte. Dwernicki 747 Durch seine gut combinirten und rasch ausgeführten Bewegungen übertraf er die kühnsten Hoffnungen seiner Landsleute. Er suchte den General Geismar am 14. Febr. auf, fand ihn bei Storzek auf dem rechten Weichselufer, griff ihn, trotz der doppelten Ubermacht desselben, stürmisch an, warf ihn über den Haufen, nahm ihm 11 Kanonen und erfocht den ersten glorreichen Sieg der Polen. Auf dem Schlachtfelde traf ihn ein Adjutant des Generalissimus, der ihm befahl, den be- Pulawy über die Weichsel gegangenen General Creutz schleunigst anzugreifen. D. ging über das ganz schwache Eis der Weichsel zurück, vereinigte sich mit den zusammengerafften neuen Truppen des Generals Sierawski, fand die Avantgarde der Russen unter dem Fürsten Adam von Würtemberg bei Nowawies, schlug sie am 19. Februar und zwang den General Ereutz, über die Weichsel zurückzugehen. Nach der Schlacht von Grochow ward D. nach Volhynien gesandt, als die dorti- gcn Edelleute unter dem Schutz eines polnischen Corps einen Aufstand beginnen wollten. Es wurden ihm von Seiten des Reichstags die bestimmten Vorschriften gegeben, die gesammten Bewohner der Provinzen zur Anerkennung des Reichslogsbeschlusses zu bringen, der die Revolution für einen Nationalaufstand erklarte, Regierungsbehörden einzusetzen, deren Mitglieder von den Staatsbürgern gewählt müden, eine bewaffnete Macht zu bilden, Provinzialversammlungen einzuführen, und endlich von den Grundherren Zugestandnisse für ihre Unterthanen zu erlangen. D. ging am 2. Marz bei Pulawy über die Weichsel, schlug auf seinem Wegenach Lublin den General Creutz noch einmal bei Kurow am 3., und langte am 4. in Lublin an; 'da aber die Wege zu schlecht waren, als daß er feinen Aug noch Volhynien sogleich hatte fortsetzen können, ging er nach mancherlei Seiten- mrschen bis unter die Kanonen der Festung Jamosc. Dort blieb er bis zum 3. April, begann dann seine Expedition nach Volhynien, ging, nachdem er durch Sei- ünmarsche die Russen über seine Richtung getauscht, am lt. April bei Reglow über den Bug, zog aber, da er eine sehr kalte Aufnahme in Volhynien zu finden glaubte, längs der galizifchen Grenze hin, um nach Podolien zu kommen, wo er kräftigere Jnsurrectionen zu treffen hoffte. Erst am 17. April ward er gewahr, dop der russische General Rüdiger in diesen Gegenden, statt 7000, wie man ihm versichert hatte, 14,000 Mann stark war, und daß dieser seinen 4000 Mann bei Beresteczko den Übergang über den Styr wehren wolle. D. nahm eine feste Stellung bei Boremel. Dort erschien Rüdiger's Corps am 18.; am 19. griff D. es an, warf es und nahm ihm 5 Kanonen, worauf er seinen Übergang über den Styr bewerkstelligte. In Eilmärschen suchte D. nun den nachdringenden Russen zu entkommen, als ihm plötzlich auch der General Krassowski vom Roth'schen Corps den Weg versperrte. D., auf den Aufstand in Podolien im Rücken der Russen Hossend, nahm bei Mokalowka an der galizifchen Grenze eine unangreifbare Stellung, in der Abficht, sich hier zu halten, bis die Insurgenten in Podolien ihre Diversionen gemacht haben würden. Die Russen erschienen, jetzt 24,000 Mann stark, mit 56 Kanonen vor seiner Position, manoeuvrirten einige Tage und umgingen, als sie ihn aus seiner Stellung zu locken nicht vermochten, in seinem Rücken die östreichische Grenze an die D. nach dem Völkerrechte wie an eine sichere Schutzmauer sich anlehnen zu können geglaubt hatte. Die Vernichtung seines Corps vor Augen sehend, nach den von Warschau ihm gegebenen Hoffnungen üne freundliche Behandlung von Seiten Ostreichs erwartend, und überzeugt, daß man ihn von dort mit seinem Corps, namentlich unter solchen Umständen, nach Polen entlassen werde, suchte D. in Galizien Schutz. Seine Hoffnungen wurden grausam getäuscht; er ward entwaffnet, seine Leute mußten als Kriegsgefangene nach Ungarn ziehen, und D. verschwand zum Schmerz seiner Landsleute und fast des ganzen civilisi'rten Europa von einem Schauplatze, der für ihn so glorreich gewe- ün, und auf welchem er seinem Vaterlande bereits so große Dienste geleistet hatte. 748 Eberhard (Franz — Konrad) Er lebte lange m Laibach und ging im Sommer 1832 nach Frankreich. D. wird in den Herzen seiner Landsleute und in den Annalen der polnischen Geschichte leben wiewol noch einiges Dunkel aus den Beweggründen ruht, die ihn bestimmten, statt in das Innere von Volhynien zu dringen, sich längs der galizischen Grenze hinzuziehen, eine Bewegung, die viel getadelt worden ist. E. Eberhard (Franz und Konrad), Brüder, von denen der altere, Franz, am 29. Nov. 1767, der jüngere, Konrad, am 25. Nov. 1768 zu Hindelang im Al- gau geboren wurde. Ihr Vater, sowie auch ihr Groß- und Urgroßvater, waren Bildhauer, und die Knaben wurden früh zu dieser Kunst erzogen, die in jener Gegend nach alter Sitte noch ausschließend im Dienste der Kirche und hauslicher Andacht steht. So kam es, daß die Knaben, zumal da ihre Arbeit besonders gut ausfiel, nach und nach fürs ganze Algau, das benachbarte Vorarlberg u. s. w. in allen Kirchen Heilige, Schutzpatrone, Tabernakel und dergl. in Holz, Stein und vorzüglich in Alabaster zu fertigen hatten. Der fromme Sinn der Altern, wie der in der ganzen Gegend herrschende, hatte sieb auch auf sie vererbt, und damit zugleich eine Ehrfurcht für Alles, was aus ältester Zeit auf uns gekommen, weshalb sie nie Geschmack an den verderblichen, gemüthlosen Neuerungen des vorigen Jahrhunderts in der Kunst fanden, und dagegen in Form und Geberde sich treu an die alten überlieferten Heiligenbilder hielten, denen sie Leben zu geben mit Glück versuchten. Als 1796 der Bischof von Augsburg, Kurfürst Clemens von Trier, nach dem Algau kam, bemerkte er die hervorstechenden Gaben, vorzüglich des jüngern E., und gab ihm eine Unterstützung auf zwei Jahre zu Vervollkommnung seiner Kunst in München. Hier trat Konrad in die Lehre zum damaligen Hofbildhauer Bohse. Seine Arbeiten in Alabaster und Stuck gefielen, und er mußte in dem fürstlichen Speisesaale zwei Figuren, Bacchus und Flora, verfertigen, die, so wenig diese Heiligen im Algau zu Hause waren, ihm doch ganz vorzüglich gelangen. Der König Maximilian, der nach dem Tode des Kurfürsten Clemens sein Beschützer geworden, sandte ihn 1805 nach Rom, wo er ununterbrochen neun Jahre blieb und sowol für den damaligen als den jetzigen König mehre große Arbeiten in Marmor ausführte, von welchen jetzt eine Muse in der Glyptothek, ein Faun mit dem schaukelnden Bacchus und eine Leda in Nymphenburg aufbewahrt werden. So viel Zeit und Fleiß er aber auch auf diese Arbeiten verwendete, die innerste Natur zog ihn immer wieder zur christlich-religiösen Kunst, und er entwarf in jener Zeit viele Zeichnungen und Gemälde zu Geschichten des Alten und Neuen Testaments, die das Gepräge der reinsten und reichsten Phantasie tragen, jedoch leider nie zur Ausführung gekommen sind. Er wurde 1816 Professor an der Akademie in München, trat aber, da er inzwischen wieder nach Rom gereist war, erst 1819 sein Amt an und lebte nun wieder mit seinem Bruder zusammen, der bis dahin in alter Weise im Algau fortgearbeitet hatte. Aus Rom brachte er eine Bestellung für die Villa Mafsimi mit, deren Ausführung durch den Tod des Bestellers unterbrochen wurde; es war eine Folgereihe von Reliefs aus der Jlias, wovon Konrad eine ziemlich ausgeführte Skizze in Alabaster aufbewahrt. Der Magistrat von Perugia berief 1826 den Professor E., um den schönen alten, aber schadhaft gewordenen Brunnen am Hauptplatze der Stadt wiederherzustellen. So gewiß diese Arbeit nothwcndig und durch keinen andem der lebenden Künstler so treu dem ur- Ebert Eckersbcrg 749 sprünglichen Styl ausgeführt worden wäre, so fand sich doch die papstliche Regierung veranlaßt, dem Magistrat von Perugia die Einwilligung zu versagen, und E. hatte mit seinem Bruder nur die Freude davon, wieder einmal den glücklichen Boden Italiens betreten zu haben. E. s neueste Arbeiten sind die heiü'gen Gestalten am Portal her neuen Hofcapelle in München, dem Baustyle nach in sogenannter byzantinischer Weise. In seiner Werkstatt findet man noch auf der Staffelei ein großes Warbild, welches ein Fraulein Linder in Basel für ihre Hauscapelle bestellt hat; eine umfassende Darstellung der geschichtlichen Entwickelung des Christenthums und des Segens der Kirche, wobei er sich nicht allein auf die Mittel der Malerei beschrankt, sondern auch noch im Rahmen, ganz aus Holz geschnitzt, die Hauplbeziehungen des alten Bundes und der Lebensgeschichte Christi in Reliefs ! eingefügt hat. Ganz besonders reizend sind die kleinen Hausaltäre in Alabaster, ! von denen einer der schönsten im Besitze des Hofpredigers Hauber in München ist, und auch mehre an den berliner Hof gekommen sind. An diesen hat Franz E. > immer ganz besonders Antheil. Die Werkstatt der Brüder E. gehört zu den Orten, zu denen jeder wahre Kunstfreund pilgern sollte. Wer einen Blick in das Leben ^ eines alten florentiner Meisters etwa vom 1.1400 thun will, der gehe zu diesen I beiden Brüdern, die ihre klösterliche Zelle mit hundert Bild- und Schnitzwerken, ' Kupferstichen, Zeichnungen, Büchern und Waffen und allen möglichen kunstreichen Dingen ausgeschmückt, und die darin harmlos und anspruchlos ihre schönen Werke fertigen, welche wie aus einer fernen Zeit der unseligen geschenkt erscheinen. Groß ist der Antheil, den diese Brüder an der Entwickelung der neuen Kunst haben, und sie arbeiten rastlos für das Vorwärtsgehen derselben, halten aber ebenso fest an dem Grundsatz, daß das Neue nur gedeihen könne, wenn es auf dem festen Grunde des Wen ruhe und im innigen Zusammenhang mit ursprünglicher Bildung bleibe. (S. Deutsche Kunst.) (13) Ebert (Karl Egon), geb. den 5. Zun. 1801 in Prag, wo fein Vater, ein durch Geist und Kenntnisse ausgezeichneter Geschäftsmann, beeideter Landesadvokat und fürstlich fürstenbergischer Hofrath war. Seine wissenschaftliche Bildung erhielt E. auf der prager Universität; daselbst vollendete er auch die Rechtsstudien und wurde 1825 als fürstenbergischer Archivar und Bibliothekar angestellt. Der Hang zur Poesie entwickelte sich sehr früh bei ihm; schon als Knabe dichtete er Theaterstücke und Heldengedichte in Menge; daher seine ungemeine Gewandtheit in Handhabung aller poetischen Formen der deutschen Sprache. Die erste Auf- ! läge seiner meist lyrischen Gedichte, welche vielen Beifall erhielten, erschien 1824 die zweite folgte 1828. Spater gab er „Wlasta, ein böhmisch-nationales Heldengedicht in drei Büchern" (Prag 1829) heraus; auch dieses wurde mit warmer Teilnahme aufgenommen, vorzüglich in Böhmen, aus dessen Sagengeschichte ^ es geschöpft ist. Sein Schauspiel „Bretislaw und Jutta" machte in Wien und München kein Glück, obgleich es in Prag seit 1829 stets bei vollem Hause gegeben wird. Seine neuesten Dichtungen sind „Das Kloster", wovon einige Proben in den „Jahrbüchern des böhmischen Museums" erschienen sind, und das Drama „Stir". Überhaupt hängt E. mit besonderer Vorliebe an den Wundersagen und Geschichten seines Vaterlandes. Seit dem Herbste 1831 lebt er zu I Donaueschingen im Badischen. (32) Eckersberg (Christoph Wilhelm), Professor der Kunstakademie zu Kopenhagen, ist 1783 in Sundewit im Holsteinischen geboren. Als Zögling der Kunstakademie gewann er 1803 die kleinere und 1809 die größere goldene Me- i daille der Akademie, reiste nach Paris und Rom und zeichnete sich nach der Zu- ^ Rückkunft besonders als Historienmaler aus. Seine charakteristischen PortraitZ wurden gleichfalls früh berühmt. Schon während seines Aufenthalts in Rom ^ulte er Thorwaldsen in ganzer Figur, sitzend, ein schönes Gemälde, das der Kunst- 750 Edgeworth akademie gehört; ein anderes Bildniß jenes weltberühmten Bildhauers, vonE. in spatern Jahren gemalt, hat Clemens gestochen. E. ward erst Mitglied und dann Professor der kopenhagener Kunstakademie; 1829 erhielt er vom Könige das Ritterkreuz des Danebrogordens. Einige seiner historischen Gemälde schmücken die Gemächer des neuen christiansburger Schlosses. Aus seinen zahlreichen Stücken spricht eine wahre gesunde Natur, fleißig und mit künstlerischer Auffassung dargestellt; er ist correct, jedoch nie geziert. In seinen altnordischen Gemälden weiß er einfache Kraft mit Schönheit zu vereinigen, und in dieser Beziehung dürfte die Trauung und Scheidung Axel's und Walburg's (nach dem berühmten altnordischen Liede undÖhlenschläger's Tragödie) eine seiner gelungensten Arbeiten sein. In spätem Zeiten hat er mehre schöne Seestücke geliefert; sein neuestes noch nicht vollendetes Gemälde, zu dieser Art gehörig, stellt di^ äußerste Rhede Kopenhagens vor im Augenblicke, da der König und die Prinzen auf dem königlichen Dampfschiffe an Bord zweier auf der Rhede liegenden dänischen Kriegsfregatten gehen. Man hat die Büste dieses Künstlers von seinem Freunde Thor- waldsen. (4) Edgeworth (Maria), geboren 1771 zu Edgeworthtown in Irland, wo ihre aus England stammende Familie im 16. Jahrhundert sich angesiedelt hatte, war die Tochter des sinnreichen Richard Lovell E., der sich schon in seinen jüngern Jahren neben der Rechtswissenschaft besonders mit der Mechanik beschäftigte. Früher in England erzogen, wo ihr Vater gewöhnlich sich aufhielt, kam Maria 1782 mit ihm nach Irland, als er in sein Vaterland zurückkehrte, um sich ganz der Erziehung seiner Kinder und der Verwaltung seines Gutes zu widmen. Wie er in seinem, durch Lehre und Beispiel gebildeten häuslichen Kreise geliebt und geehrt wurde, so erwarb er sich durch Gerechtigkeit und wohlwollende Teilnahme die innige Anhänglichkeit seiner Pachter und Gutsangehörigen. *) Unter der sorgfältigen Leitung des kenntnisreichen Vaters und ihrer ersten und zweiten Stiefmutter, unter den Anregungen eines gebildeten geselligen Kreises, in welchem die Familie lebte, entwickelte sich früh Marias Talent und feine Beobachtungsgabe, während die eigenthümliche, nach praktischer Tüchtigkeit strebende Gcistcs- richtung ihres Vaters auf ihren Geist entscheidend einwirkte. In Verbindung mit ihm gab sie 1798 die „Lssaz^s on practical eckucation" heraus, welche den Grund zu der literarischen Berühmtheit der Familie Edgeworth legten. Seitdem war ihr Vater vorzüglich bedacht, ihren Ruf auszubreiten. Er schrieb 1803 mit ihr den „Lssa^ on iristi bulls", wozu er die erste Idee faßte, um unter der Larve des Spottes den Engländern Beispiele von dem Witze und den Vetstandesgaben des gemeinen Jrländers zu geben, und nahm auch an Marias spätem Schriften, bis er 1817 starb, durch Rath und Winke Theil. Außer ihren Erzählungen für die Jugend, unter welchen besonders parent's Assistant" Auszeichnung verdient, erregte sie vorzüglich durch ihr irländisches Sittengemälde „Castle Kaclcrent", worin sie den Charakter, die Gesinnungen und den gedrückten Zustand der Jrländcr aus den untersten Volksclassen treu und lebendig schilderte, allgemeine Aufmerksamkeit. Ihre,Moral tales" und „?oj)u!ar tales" sind eine Schule praktischer Weisheit für das Volk. In ihren zahlreichen Romanen, von welchen wir nur „öeliutla", Males of taslnonable lit'e", „?atronaFe" nennen, ist immer der moralische Zweck vorherrschend, bald eine modische Thorheit, bald eine nationale Verkehrtheit, bald ein geistiges oder sittliches Gebrechen zu bessern. Praktischer gesunder Verstand, rounck adout common sense, wie Locke es nennt, scharfe Beobachtung der Beweggründe menschlicher Handlungen, Mannichfaltigkeit und Fein- *) S. „lVIemoirs vk k. 1.. Lllgevvortk, degun b^ lnmselk aiul coucluäetl b? bis tlau^kwr" (2 Bde., London 1820). a' "UM, entdeck ''Ä7' Ehrenberg 75 l heit, wenn auch nicht Tiefe der Charakteristik, männliches Urtheil, mit feinem weiblichen Takt verbunden, eine klare und leichte Darstellung ohne glänzende Phantasie, ohne eine poetische Erhebung des Gemüths, das sind ihre Vorzüge. Sie ist. in hohem Grade, was die Englander utilituriun nennen, ein Nützlichkeitsaposiel im besten Sinne des Wortes, eine ausgezeichnete Schulmeisterin in der Lebenskunst. Seit 1832 erscheinen ihre Erzählungen und Romane neu überarbeitet unter dem Titel: „lales unck novels", in 18 Banden. Ehrenberg (Christian Gottfried), ein ausgezeichneter Naturforscher und berühmt durch seine Reisen in Ägypten und Westasien, wurde am 19. April 1795 zu Delitzsch geboren. Nachdem er seine vorbereitende Bildung in Schulpforta erhalten, begab er sich 1815 auf die Universität zu Leipzig, um Theologie zu stu- diren, zu welchem Zweck er die alten und auch die orientalischen Sprachen eifrig getrieben hatte. Nach dem ersten Halbjahre verließ er jedoch die theologischen Studien und wandte sich zu den medicinischen mit um so mehr Neigung, da ihn von früher Jugend an eine große Liebe zur Naturkunde erfüllt hatte. Die Militairpflicht zog ihn 1817 nach Berlin, wo er nun zugleich die Medicin praktisch verfolgte, und wo ihn gleiches Alter und gleiche Bestrebungen mit seinem nachmaligen Reisegefährten Hemprich eng verbanden. Schon damals bereiteten sich die beiden Freunde im Stillen zu einer selbständigen Reise nach Madagaskar vor, in der Absicht, sich naturwissenschaftlichen Forschungen auf derselben hinzugeben. Die erste selbständige Richtung, die E.'s wissenschaftliches Talent nahm, bezog sich jedoch auf physiologische Untersuchungen, und besonders war es die organische Natur und eine Kritik der Idee der Verwandlung organloser Substanzen im organischen Körper, die ihn schon früh lebhaft beschäftigte und ihn vornehmlich zu einer genauem Betrachtung der kleinsten Organismen hinführte. Einen Beitrag zur systematischen Pilzkunde, welcher in den „Jahrbüchern der Gewächskunde" von Schräder, Sprengel und Link abgedruckt wurde, schrieb er schon als Student 1818, und als er in demselben Jahre zum Doctor der Medicin und Chirurgie promovirt wurde, machteer in seiner Inauguraldissertation: „Silvas m^colnpsicue berolinenses", fernere systematische Resultate seiner Untersuchungen über die Entwickelung der kleinsten organischen Körper bekannt. Diese Abhandlung enthält die namentliche Aufzahlung von 248 von E. zuerst bei Berlin aufgefundenen Pflanzenformen, worunter sich 62 bis dahin unbekannte Arten und unter ihnen mehre neue Gattungen befanden. Während seiner medicinischen Staatsprüfung im I. 1819 arbeitete er darauf eine Abhandlung über eine, durch eine Art von Begattung und Saftbewegung merkwürdige Schimmelgattung, S^Aites, aus, die auch in den Abhandlungen der berliner Gesellschaft naturforschender Freunde abgedruckt wurde. Auf einer Reise nach Delitzsch, die er in demselben Jahre machte, hatte er das Glück, seine Forschungen über diese Lieblingsgegenstande zu vervollständigen, indem er zufallig das Keimen der Schimmelsamen, wodurch natürlich die Noch- wendigkeit der Entstehung der Schimmel aus Verwandlung faulender Substanzen beschrankt wurde, als erstes einflußreiches Resultat seiner physiologischen Untersuchungen entdeckte. Eine genauere Darlegung seiner Beobachtungen über die Entwickelung der Pilze und den Schimmel theilte er 1820 zuerst fragmentarisch in der regensburger „Flora" und sodann ausführlicher im 10. Bde. der „Verhandlungen der leopoldinischen Akademie der Naturforscher zu Bonn", deren Mitglied er kurz vorher geworden war, mit. Auch seinem längst gehegten Wunsch, eine mit wissenschaftlichen Zwecken verbundene größere Reise zu unternehmen, sollte unerwartet Gewährung werden, als die Akademie der Wissenschaften in Berlin im April 1820 ihm und seinem Freunde, dem vr. Hemprich, die Mittel zu einer Reise nach Ägypten darbot, wohin der General von Minutoli aus antiquarischen Absichten zu reisen im Begriffe stand. Dieser ehrenvollen Auszeichnung dankbar fol- 752 Ehrenberg gend, unternahmen nun die beiden Freunde ihre auf zwei Jahre berechnete Reise, welche sich aber, da der Erfolg derselben bei der Behörde Interesse erregte, allmalig auf sechs Jahre verlängerte. Die Instruction der Reisenden, die, ohne besoldet zu sein, nur freie Station zugesichert erhalten hatten, ging jedoch von Seiten der Akademie nicht dahin, Naturalien zu sammeln, sondern vielmehr wissenschaftliche Beobachtungen anzustellen, obgleich auch die Sammlungen, die sie nach Europa mitbrachten, sehr reichhaltig aussielen. Sie fuhren im August 1820 zu Schisse von Triest nach Alexandrien, untersuchten (zum Theil gemeinschaftlich mit Herrn von Minutoli, von dem sie sich jedoch spater trennten) die libysche Küste, begaben sich von Alexandrien bis Kasr Eschdaebie und kehrten über die Oase des Jupiter Ammon nach Alexandrien zurück. Im folgenden Jahre, 1821, besuchten sie Mittelägypten, vornehmlich die Pyramiden um Fajum, und traten eine größere Reise über Theben nach Dongola an, nachdem E., den Einflüssen des Klimas unterliegend, vier Monate lang dicht neben den Pyramiden von Sakkara am Nervenfieber hoffnungslos krank gelegen hatte. In Dongola, wo die Reisenden im Febr. 1822 anlangten, befreundeten sie sich mit dem Gouverneur Abdim Beg, der E., als er ihn einmal zeichnend antraf, auffoderte, ihm den Plan zu einer Festung zu entwerfen und aufzuzeichnen. Wie sehr auch E. seine Unkenntniß be- kannte, er mußte sich der Arbeit unterziehen, indem der Gouverneur behauptete, daß E. doch mehr davon verstände als er. So entwarf E. den Plan zu Kasr Dongola El Gedide, dem jetzigen festen Sitz des Gouverneurs, und sah denselben unmittelbar darauf binnen weniger als zwei Monaten zu seinem eignen Erstaunen ausführen und vollenden. Abdim Beg beschenkte ihn und Hemprich später mit einer Giraffe und der Haut und dem Skelett eines Nilpferdes, und als er Hem- prich's Tod erfuhr, bat er E., diese Gegenstände der Mutter Hemprich's als Zeichen seiner Achtung und Freundschaft für den Sohn zu übergeben. Unter dem Schutze Abdim Beg's drangen E. und Hemprich zu einer sehr kriegerischen Zeit bis Am- bukohl in Oberdongola vor, wo E. allein zurückblieb, während Hemprich eine Ex- eursion in die Wüste gegen Sennaar hin machte und von dort eine seltene Ausbeute von merkwürdigen Thieren mitbrachte, die 1822 nach Berlin gesandt wurden. Hemprich kehrte darauf im August nach Alexandrien zurück, den weiten beschwerlichen Weg nicht achtend, um ihre Sammlungen in Sicherheit zu bringen. E. blieb in Ambukohl, wo er jedoch bald nebst allen seinen Leuten vom typhösen Wechselsieber der Regenzeit ergrissen wurde, von welchem sie nur eine fast wunderbare Fügung rettete, da zuletzt Keiner dem Andern mehr beizustehen vermochte. Als E. wieder zur Besinnung kam, ließ er sich nebst seinen Gefährten auf einer Barke nach Abdim Beg's Festung bringen, und wenige Tage nach seiner Abreise wurde die Besatzung von Ambukohl von den Dongolanern erschlagen, und in Dongola Gedide lief die Nachricht ein, daß auch Jsmael Pascha, Sohn Mohammed Ali's, umgebracht worden sei. Abdim Beg's Vorbereitung zum Abmarsch gegen die aufgestandenen Eingeborenen ließ ihn vorziehen, bis Theben zurückzugehen. Hier fand er Briefe von Hemprich, die ihn bestimmten, nach Kahira zurückzukehren, weil Hemprich Willens war, die Reise ganz abzubrechen. Briefe aus Berlin änderten jedoch diesen Ent- schluß, und so untersuchten die beiden Freunde vereint im Frühjahre 1823 die Umgegend von Damiette in Unterägypten und unternahmen darauf eine Reise ans rothe Meer nach Suez. Auf ihrer Weiterreise war besonders die Höhenmessung des Sinai merkwürdig, welche die erste directe dieses Berges war und die E. ohne Hülfe des Barometers nur nach der Temperaturabnahme, bloß durch den einfachen Thermometer und durch Zählen der Stufen vom Kloster an, so glücklich zu Stande brachte, daß späterhin Rüppell's nachträgliche Varometerbeobachtungen das Resultat überraschend bestätigt haben, und es zweifelhaft bleibt, welcher von beiden Messungen der kleine Unterschied, der sich dabei ergab, zur Last fällt. Nach E.'s »F' Eichendorff 753 Beobachtungen liegt das Kloster 5400 Fuß über dem Meeresspiegel, der eigentliche Berg Sinai aber /400 F.; die höchsten Spitzen des Sinaigebirges fand E. nichr niedriger als 8400 F. über dem Meere. Nach mannichfachen Wanderungen und Beobachtungen in Syrien und Arabien, welche die Reisenden darauf unternommen, hatte E. das Unglücr, seinen treuesten Freund und Gefährten Hemprich zu verlieren, der in Massaua, einer ^njel im arabischen Meerbusen, am viertägigen Fieber erkrankte und starb. Der Geograph Berghaus hat die Inselgruppe südlich von Dhalac die „Hemprichsinseln" genannt, und eine andere, nördlich von Dhalac, die E. aus der Rückreise allein sah und verzeichnete und an deren einer, Sehl Amba, er landete, mit dem Namen der „Ehrenbergsinseln" belegt. Im Herbst 1820 kehrte E. wieder nach Europa zurück und langte im December desselben Jahres in Berlin an, wo ihm manche ehrenvolle Auszeichnung zu Theil wurde. Zum außerordentlichen Professor der medicinischen Facultat an der dortigen Universitär ernannt, wurde er jetzt dadurch in den Stand gesetzt, die mehrseitigen Resultate seiner Reise in Muße auszuarbeiten, womit er noch gegenwärtig eifrig beschäftigt ist. Einen Abriß seiner Reise lieferte er bereits unter dem Titel: „Naturgeschichtliche Reisen durch Nordafrika und Westasien in den Jahren 1820—25, von W. F. Hembach und C. G. Ehrenberg" (I.Bd., I.Abth., Berlin 1828), und theilte außerdem mehre besondere Ausführungen einzelner Forschungen und Beobachtungen in vielen, in Zeitschriften zerstreuten Abhandlungen mit. Den naturhistorischen Ertrag der afrikanischen Reisen beschreiben die pü^sicae", wovon seit 1828 vier, derZoologie gewidmete Hefte mit Abbildungen erschienen sind. .Er erhielt 1829 zugleich mit seinem Freunde, dem Mineralogen Gustav Rose, die Auffyderung zu einer neuen großen Reise nach Asien als Begleiter Alexanders von Humboldt. Diese anfanglich nur nach dem Uralgebirge bestimmte Reise setzte sich allmalig, da Herr m Humboldt seinen Plan erweiterte, bis zum Altai fort. E. widmete sich auch auf dieser Reise vornehmlich den Beobachtungen der organischen Natur. Au den, Bedeutendsten, das er als Naturforscher in rein wissenschaftlicher Hinsicht bis jetzt geleistet, gehört ohne Zweifel seine „Organisation, Systematik und geographisches Verhältniß der Jnfusionsthiere" (Berlin 1830), wodurch er in diesem Gebiete der Naturkunde wahrhaft Epoche gemacht hat. Eichendorff (Joseph/Freiherr von). Dieser liebenswürdige Dichter, einer der spätem, aber auch talentvollsten Nachfolger der lyrisch-romantischen Schule, wurde am 10. März 1788 auf dem seinem Vater zugehörigen Landgute Dewitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren. Nachdem er den ersten Unterricht einem Hauslehrer genossen, besuchte er das katholische Gymnasium zu Breslau, in den Jahren 1805 — 3 die Rechte in Halle, von wo er einen Ausflug in dm Harz, nach Hamburg und Lübeck unternahm, und beendete sodann seine Studien in Heidelberg. Von hier begab er sich 1808 nach Paris, bereifte demnächst das südliche Deutschland und lebte darauf mehre Jahre in Wien. Im Februar ^13 kehrte er bei Abbruch des Krieges nach Schlesün zurück und trat als frei- eiliger Jäger in die preußische Armee, in der er, nachdem er im Herbst 1813 Uizier geworden, an den Feldzügen von 1813 — 15 Theil nahm. Er veralte bis zum Frühjahr 1-316 in Frankreich, worauf er sich wieder nach Deutschland begab, und in demselben Jahre als Reserendarius bei der königl. Regie- "tlg zu Breslau eintrat. 1821 wurde er zum Regierungsrath bei der Regie- "ng in Danzig ernannt und von dort 1824 als Regierungs- und Oberpräsi- "lcath nach Königsberg in Preußen versetzt. Seit einiger Zeit lebt er en in Ber- Von seinem poetischen Talente theilte E- zuerst unter dem Namen Florcns "ehre vielversprechende Liederproben in fliegenden Blättern mit, besonders in der '^'tschrift für Wissenschaft und Kunst", welche Fr. Ast (Landshut 1808 fg.) her- Conv.-bex. der neuesten Zeit und Literatur, l. 48 Einsiedel (Detlev, Graf von) ausgab. Seine andern in ihrem wahrhaft dichterischen Werth noch viel zu wenig erkannten Werke folgten sich in verschiedenen Zwischenräumen: „Ahnung und Gegenwart" ein Roman, herausgegeben von Fouque (Nürnberg 1815); „Krieg den Philistern, dramatisches Märchen in vier Abenteuern" (Berlin 1834); „Aus dem Leben eines Taugenichts und Das Marmorbild, zwei Novellen, nebst einem Anhang von Balladen und Romanzen" (Berlin 1834); „Mcyerbeth's Glück und Ende" Tragödie (Berlin 1838); „Ezzelin von Romano", Trauerspiel (Königsberg 1838); „Der letzte Held von Marienburg", Trauerspiel (Königsberg 1830). Lyrische Innerlichkeit des Gemüths und ein sich gern dazu gesellender schalkhafter Witz sind die beiden hervorstechendsten Eigenthümlichkeiten dieses Dichters, die allen seinen Darstellungen jenen blühenden Farbenduft anhauchen, in dem sich nur eine wirklich poetische Genialitat zu zeigen vermag. Das äußere Gestaltungsvermögen treffen wir zwar nicht in gleich hohem Grade bei ihm an, und besonders seinen Dramen wäre nicht selten etwas mehr körperhafte Plastik zu wünschen, aber sie sind so durch und durch aus dichterischem Geist herausgeboren, daß sie auch ungeachtet ihrer überwiegend lyrischen Richtung zu dem Werthvollsten gehören, was die neuere Literatur hervorgebracht hat. Unübertroffen aber ist E. in der Zartheit und Anmuth seiner Lieder, von denen viele, besonders die Einlagen aus dem Roman „Ahnung und Gegenwart", glücklich in Musik gesetzt sind. (47) Einsiedel (Detlev, Grafvon), geb. 1773 auf dem Familiengute Wolkenburg im sächsischen Erzgebirge, gehört zu einem alten, vielverzweigten Adels- geschlechte, das wahrscheinlich von den, schon im 13. Jahrhundert vorkommenden Kämmerern von Gnandstein, oder doch von diesem, noch jetzt der Familie gehörenden Schlöffe stammt. Hier lebte Hans Hildebrand von E., Luther's Freund und ein eifriger Beförderer der Reformation, und in demselben Jahrhundert war Georg Haubold von E., als Consistorialpräsident und Liebling des Kurfürsten August, ein vielgeltender Mann. Hans Haubold von E. erwarb die oberlausitzische Stan- desherrfchast Seidenberg, deren bei dem Königreiche Sachsen gebliebener Antheil, seit der Landestheilung, Reibersdorf heißt und seinem Besitzer nach der neuen Verfassung den siebenten Platz in der ersten Kammer verschafft. Unter seinem Sohne Hans Georg erhielt diese Linie des Geschlechts 1745 die reichsgräfliche Würde. Der älteste Sohn desselben, Johann Georg, der die Standesherrschaft erbte, wurde 1764 Eabinetsminister, hielt sich aber in der spätern Zeit seines Lebens meist in Reibersdorf auf, machte sich um die Cultur der Oberlausitz sehr verdient und war ein eifriger Freund der Brüdergemeinde, in deren Hauptsitze zu Herrnhut er auch begraben liegt. Ihm folgte in dem Besitze der Standesherrschaft Graf Georg von E., der bis 1831 sächsischer Gesandter in Petersburg war. Hans Georgs zweiter Sohn, Detlev Karl, der die Güter Wolkenburg, Ehrenberg, Mückenberg erhielt, starb 1810 als Conferenzminister, und erwarb sich große Verdienste durch Förderung mehrer Zweige der Staatsverwaltung. Sein ältester Sohn, Karl, geboren 1770, ist sächsischer Gesandter in München, der jüngste, Ferdinand, geb. 1778, ist als Berghauptmann in Schlesien angestellt. Graf Detlev, sein zweiter Sohn, begann seine Laufbahn, nachdem er in untergeordneten Dienstverhältnissen sich vorbereitet hatte, als geheimer Finanzrath, und wurde später Kreishauptmann des meißnischen Kreises, wo er besonders 1813 bei der Leitung der Marsch-und Lieferungsgeschäfte für die durchziehenden Heere Gelegenheit hatte, seine Thätigkeit zu erproben. Von dieser Stelle ward er, nach einem damals ungewöhnlichen Übergang, am 14. Mai 1813, als der König auf Napoleons Verlangen nach Dresden zurückgekehrt war, zum Eabinetsminister und Staatssecretair der inländischen Angelegenheiten ernannt, und erhielt zugleich die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten statt des Grafen Sensst von Pilsach, der die Verhandlungen mit Ostreich geführt hatte und noch bor des Königs Abreise von Prag in östreichische Dienste getreten war. Nach üusg Iw dem Schwaß in welcl rem-, MMN des Ken Aibling des Ordens der 'vkinzler Beweise daw M-n-Oberaufsicht üb H wurde, übernahm ^ Ä,jL das Natura Mg, erhielten wahr --«besserte Einrichtun Dtungen zugänglichen .'«zeitlich geöffnet. H «Angelegenheiten spät «Leitungbehielt, sab Vlle Weise einwirken Wn der Curie der P> ha in den engen ritterfi Wch dem wiener Fried ^ welchen diese sländi MMMgium uch im ÄMiMM 'Waichs und C, erwei penzminij 5>'G ? Vechta . - Kz l ^dmcl? r' bereits >k! anleg^ hrk Vd«j IM? >"<» Einsiedel (Friedrich Hildebrand von) 757 diese Beschuldigung kaum entkräften können. *) Bei dem Ausbruche der Unruhen in Dresden, besonders in den Bürgerversammlungen am 12. Sept. (s. Dresden im Jahre 1830), wurden die Stimmen der Unzufriedenheit gegen den Minister so laut, daß um seiner persönlichen Sicherheit und der Beruhigung des Volks willen die Niederlegung seines Amtes wünschenswert!) erscheinen mußte, und da schon allein der Umstand, daß solche Ereignisse eingetreten waren, als eine Anklage der seitherigen Verwaltung angesehen werden konnte, ft erklart sich, wenn auch andere, noch nicht völlig klare Umstände mitgewirkt haben mögen, der Entschluß des Königs, der am Morgen des 13. Sept. dem Trafen durch ein Handschreiben aus Pillnitz den Wunsch eröffnete, daß derselbe um seine Entlassung von derStelle einesStaatssecretairs der innern Angelegenheiten nachsuchen möchte. Dies geschah, ehe die Geheimrathe dem Könige die Ernennung des Prinzen Friedrich zum Mitregenten vorschlugen. (Vgl. Sachsen.) Der Graf zog sich mit einer Pension auf seine Güter zurück. (52) Einsiedel (Friedrich Hildcbrand von), ehemaliger Präsident des Oberappellationsgerichts in Jena, wirklicher Geheimrath und Oberhofmeister des Hofstaates der Großherzogin Louise von Sachsen-Weimar. Jene Glanzperiode des weimarischen Hofes in den letzten Decennien des vorigen Jahrhunderts bis zur Schlacht bei Jena, wo Karl August und seine gepriesene und preiswürdige Mutter Amalia die Blüte deutscher Dichter und Denker um sich versammelten, ist zugleich ein Lichtpunkt der mannichfaltigsten Ausstellungen in Deutschlands Literatur. Jede Erinnerung an die Mitlebenden und Mitwirkenden in jenem Kreise ist ein Zoll der Dankbarkeit, und darum darf auch E. in dieser Reihe der Zeitgenossen nicht ohne eine kleine Erinnerungstafel bleiben. Er war ein vielwillkommenes Mittelglied in dieser Geisterkette, wenn auch nicht aus jenem geschliffenen Stahl, der ohne Rost anzunehmen fortdauert, doch von jenem musivischen Metall und Farbenschmelz, dessen Anblick stets eine befriedigende Unterhaltung gewahrt, chatte der vielgestaltende, aber nur im Genuß des Erzeugens sich gefallende Mann, der den Kindern seiner Laune nie irgend eine aufmerksame Pflege schenkte, sich die Zeit gönnen wollen, eine Unzahl von Erzählungen, dramatischen Skizzen und andern Entwürfen zum Druck auszufeilen, so würde er sich einen Platz neben Gotter und Thümmel in der deutschen Literatur erworben haben. E. wurde den 30. April 1750 in Lunzig im Altenburgischen geboren und kam im elften Jahre in das Pageninstitut zu Weimar, da seinen wenig bemittelten Altern diese Versorgung willkommen war. Hier gewann er die Gunst des nur wenige Jahre jüngern Erbprinzen Karl August durch seine, den ernsten Lehrern zuweilen lastige Munterkeit, mit deren Überlieferung später Kotzebue seine „Pagcn- streiche" ausputzte. Auch wahrend seiner juristischen Studien in Jena pflegte er angestrengten Fleiß mit der Meisterschaft im Billard und in ritterlichen Fechtübungen bei einem kraftigen Körperbau zu verbinden. Von der Regentin 1770 zum Regierangsassessor ernannt, ward ihm darauf vom Herzog nach dessen Regierungsantritt 1775 die Stelle eines Hofraths zugetheilt. Doch der einförmige Gang der Eollegiengeschäfte langweilte den phantasiereichm jungen Mann, und ein ihm von früh an eignes, mit dem höhern Alter immer zunehmendes träumerisches Zerstreuten in gewissen Augenblicken, stimmte nicht mit den Terminen eines pünktlich zu beachtenden Geschaftslebens. Dem Allen ward Abhülfe, als ihn im folgenden Jahre die Herzogin Mutter bei ihrem Hofstaat zum Kammerherrn ernannte. Hier n>ar er ganz an seiner Stelle als belebendes Mitglied des erlesenen Kreises von Männern und Frauen, welche sich um seine sinnvolle Fürstin versammelten und als freigebiger Anordner der geistreichen Unterhaltungen, landlichen Theaterlust S. „Leipziger Zeitung", 133!, Nr. 5?. > I 5! ^ I 758 Einsiedel (Friedrich^Hildebrand von) und meist von Göthe ausgehenden Witzspiele, früher im Jagdschlosse zu Etters- bürg, spater in dem grünumkränzten, von der Ilm umflossenen Tiefurt. E. 7^'" Wd. ! nahm an Allem mit dem lebhaftesten Interesse' Antheil, schrieb Schauspiele sW? und kleine Operetten, übernahm Rollen, z. B. den Almaviva im „Figaro", /xorse gesellte sich mit seinem Lieblingsinstrumente, dem Violoncell, zum Orchester und wetteiferte in Liedern, Novellen und ästhetischen Entwicklungen mit den gro- M ßen Meistern Wieland, Göthe, Seckendorf, Herder, mit dem noch jetzt lebenden ^ > Knebel und einigen andern ab und zu gehenden Dichtern jener Zeit. Eine Zeitlang durch elt BZZmchzogl gz, W versäumte scheinen. Ersta irl theilte man sich regelmäßig dichterische Aufsatze und Ausarbeitungen mit, die in Gegenwart der Fürstin, auch wol des Herzogs, vorgelesen und in ein eignes „Jour- Mldchl^ ^ nal von Tiefurt" eingeschrieben, lange Zeit in der Handschrift vertraulich mitge- .lArchunz des^ theilt wurden. In diesem Journal sind auch von E. lesenswerthe Beitrage cnt- > durchs halten. In manchen Einrichtungen des kleinern Hofstaates ward er von einer ....Mnz ihn geistreichen und klugen Hofdame, einem Fraulein von Göchhausen, unterstützt, s'il'nd federte. M>t die seinem Zerstreutsein oft zu Hülfe kommen mußte. Er bewies dem schönen Ge- ^ nur eine! schlechte, für dessen Reize er viel Empfänglichkeit hatte, stets die Galanterie eines '!!. ,MrMnd seit Mannes von Welt, der aber gar nicht an das Heirathen kommen konnte, und ver- - - - diente sich schon damals den Namen des „Freundes", mit welchem er in denHofcir- keln belegt wurde, um so mehr, je unübertressbarer seine Gutmüthigkeit war, kleine Neckereien gut aufzunehmen, sowie der aus allen seinen Zügen hervorleuchtenden geistvollen Freundlichkeit Niemand abhold sein konnte. Die Herzogin Amalia ^ faßte 1787 den Entschluß, die hohen Erinnerungen von elastischer Vorzeit und M zeucht Mr.., die Kunst- und Lebensgenüsse, wie sie nur dort zu finden, in Italien aufzu- «Mderon. k.. he suchen. E. und Fräulein von Göchhausen machten ihren ganzen prunklosen ÄdMl beMlizt, Hofstaat aus. In Neapel, wo damals der Ritter Hamilton den Ton angab, siinTmum", „D'i fanden sich die Reisenden mit Herder zusammen, und der noch jetzt im höchsten ?Älhe in Bezug aufde Greisenalter lebende Capecelatro, Erzbischof von Tarent, wußte stets schöne Gold- ^cheimniß" u. s. ir früchte aus dem Hesperidengarten in silbernen Schalen darzubieten. Indem ?! km Zu seinen spa Zimmer der Herzogin sah man später noch Scenen von Kniep gemalt hangen, >lunz,sMlindersp wodurch mancher köstliche Abend in jenem Paradiese im Freien zugebracht, fest- ^Mtern, meinte er gehalten und auch E.'s gesellige Thätigkeit abgebildet wurde. Bereichert mit geläutertem Geschmack für musikalische Composition, mit verfeinertem Sinn für jeden Zweig der bildenden Kunst, mit der erweiterten Bekanntschaft ausge- kleinenTamM^ zeichneter Männer und Frauen, kehrte E. darauf mit der Herzogin nach Wei- Gunter den, Til^ mar zurück, um sich in dem Kreise, nicht der höfischen, sondern der attischen '97), erschien Geselligkeit, nützlich und angenehm zu machen. In dieser Absicht verpflanzte ^ Texte zu Me' er mehre Opern, unter andern „Impresario in an^oscia", sangbare Worte Msich^.^? mit Meisterschaft der Musik unterlegend, aber auch selbst den Tonsatz nicht N, ohne Beifall versuchend. Der Einheimische wie der Fremde erblickte damals -MGeks. V am Hofe der Herzogin Amalia, ohne Neid und Eifersucht, das Bild des lie- Hungen benswürdigsten Hofmannes, der Jedem mit gewinnender Höflichkeit entgegen- ^ die de kam, der picht oberflächliches Wissen in alten Sprachen, tiefes Eindringen in die exzu^ neuern, besonders ins Spanische, und große Bekanntschaft mit der Literatur des ^ stein i Tags, neben der Leichtigkeit des Weltmannes besaß. Allgemeine Achtung und MM^^ktexj Neigung fand es daher nur billig, daß er stufenweise zum Oberhofmeister und wirk- Hhsi^Rhrigj lichen Geheimrath emporstieg, mit in- und ausländischen Ehrenzeichen gc- Me^ schmückt ward, und daß nach dem für ihn unersetzlichen Verluste der ihre Flucht Kte, während der verhängnißvollen Octobertage 1806 nur wen-ige Monate überlebenden ^ ' Und dsig ^ Herzogin Amalia, die regierende Großherzogin Louise ihn zum Chef ihres Hofstaats . erkor. Bald darauf geschah es auch, daß ihm, dem vicljährigen Beisitzer des Hof- gerichts in Jena, nach Aufhebung desselben die ehrenvolle Stelle als Vorsitzer bei H^Z>Un?n dem neuerrichteten Oberappellationsgericht übertragen wurde, worin ihm bald ^ Einsiedel (Friedrich Hildebrand von) 759 der wahrhast Rechtskundige von Ziegesar nachfolgte. Doch bezog E. bis zu seinem Tode die Pension als gewesener Präsident des Gerichts. Mit Gutmüthigkeit pflegte er selbst über seine UnvoUkommenheit und Verlegenheit zu scherzen. Er schrieb eine sehr unleserliche Hand. Mit großem Eiser brachte er einst ein dickes Manuskript zu einem Freund auf dessen Zimmer, das er ihn, mit den Worten übergab: „Das ist ein Roman, den ich vor sechs Jahren geschrieben habe. Es sind herrliche Sachen darin, aber der Teufel mag's lesen. Sieh' zu, was Du herausbringst!" - Der Mann, dem so viele Hülfsquellen zum reichsten Lebensgenüsse sich eröffnet hatten, fühlte doch durch eigne Schuld und Unachtsamkeit aufsein kleines Hauswesen und durch die Böswilligkeit eines ihn fast 25 Jahre hindurch tyrannisirenden, ihm aber unentbehrlich gewordenen weiblichen Wesens oft die bittersten Sorgen. Die geniale Verachtung des Geldes, dessen er doch bei seiner Leidenschaftlichkeit fürs ! Spiel, welches er durch Combinationen beherrschen zu können wähnte, oft doppelt benöthigt war, zwang ihn zu schmerzlicher Entsagung selbst in Dem, was der äu- ^ ßere Anstand foderte. Mit zunehmender Altersschwäche wurde ihm der Mangel treuer Pflege, den nur eine liebende Gattin gewährt, immer empfindlicher. So verdunkelte sich der Abend seines Lebens, und was früher ihn allein noch zu erheitern vermochte, die Aurückgezogenheit an seinem Schreibtisch, wurde ihm zum lästigsten Zwang. Doch versäumte er bis kurz vor seinem Tode nicht, in seiner Function am Hofe zu erscheinen. Er starb lebenssatt am 9. Jul. 1828 an dem Tage früh, wo Abends die Leiche des Großherzogs Karl August in die von ihm selbst erbaute Fürstengruft gebracht wurde; ein treuer Diener, selbst im Sinne seines Lieblingsdichters Calderon. E. hatte sich in kraftvollen Tagen mit eindringender Beharrlichkeit damit beschäftigt, mehre der berühmtesten Stücke Calderon's, als: „Das Leben ein Traum", „Der wundervolle Magus" (nicht ohne manche Besprechung mit Göthe in Bezug auf den „Faust"), „Die Königin Zenobia", die „Aurora", „ Das laute Gehcimniß" u. f. w. für die Bühne zu bearbeiten, wobei auchMoreto an die j Reihe kam. Zu seinen spanischen Studien gehörte auch eine reiche Sprüchwörter- sammlung, sowol in der spanischen als in allen romanischen Sprachen, denn in den Sprüchwörtern, meinte er, liege die Weisheit ganzer Völker. Überhaupt war ihm die Schaubühne aller Völker und Zeiten die liebste Beschäftigung, wobei er auch auf die Regeln der Schauspielkunst genau achtete und seine Ansicht darüber in einer kleinen Sammlung dramaturgischer Studien niederlegte, die ohne seinen Namenunter dem Titel: „Grundlinien zu einerTheorie der Schauspielkunst" (Leipzig 1797), erschien. Und wenn ihn dies in seiner jugendlichen Lebenslust veranlaßte, mehre Texte zu Marionettenspielen und Scenarien zu Schattenspielen zu entwerfen, und sich oft mit Falk darüber zu unterhalten, so trieb es ihn auch, dieQuelle allerneuen, noch jetzt aufführbaren Lustspiele in der Nachahmung des Epicharmus und Menander bei Plautus und Terentius zu einem besondern Gegenstände seiner Bemühungen für die deutsche Bühne zu machen. Durch Göthe's Maskenjpicle ermuntert, gab er zuerst die Bearbeitung der „Brüder" des Terenz auf der weimarischen Bühne, wo sie in den von Heinrich Meyer entworfenen alterthümlichen Co- stums nur mit charakteristischen Halbmasken, welche die Stirn und Nase bedecken, durch Wolffs Willfährigkeit zuerst aufgeführt, von diesem aber auch auf die berliner j Bühne verpflanzt, mehre Jahre hindurch sich einer großen Gunst der Liebhaber zu "freuen hatte. Göschen druckte dieses Stück (1802) mit der colorirten Abbildung der Personen, und dies wurde ein neuer Antrieb für E., die sämmtlichcn Lustspiele des Terentius auf gleiche Weise bühnengerecht bearbeitet ins Publicum zu bringen und damit eine Bibliothek der komischen Dichter Roms in freier metrischer Überlang zu beginnen. Die Lustspiele des Terenz sind in zwei Bänden bei Göschen erschienen. Niemand wird hier eine regelrechte, treue Übersetzung erwarten, d'e mit Takt und Sprachfertigkeit für den jetzigen Standpunkt deutscher Über? 760 Eisenbahnen fttzungskunft zu geben, eine noch unaufgelöste Aufgabe ist; aber es ist eine echt- komische Travestirung, mit Weglassung alles Dessen, was nur dem Kenner verständlich sein würde. Darauf sollte nun in dieser Bibliothek der ganze Plautus in derselben Manier zubereitet, folgen. Wirklich bearbeitete E. mit seltener Beharrlichkeit, dem schwierigen Verstandniß in der Ursprache nachforschend, nach und nach 42 Stücke des Plautus, wovon der „Pralerifche Kriegsmann" auch wirklich für die weimarische Bühne schon zur Aufführung vertheilt wurde. Er trat darüber mit seinem alten Freunde Böttiger in Dresden in eine fortgesetzte Unterhandlung und erhielt von ihm die Handschrift mit vielen Verbesserungsvorschlagen zurück. Unter seinem, aus 215) Nummern bestehenden Nachlaß, und Mappen voll Entwürfe und einzelner Skizzen, befanden sich sechs Plautinische Stücke in der Reinschrift, die von feinen Erben nicht hatten unterdrückt werden sollen. Doch wurde vor der Auslieferung der Papiere fein Nachlaß vom Kanzler und Geheimrathe von Müller im höchsten Auftrag gesichtet und Einiges davon auf die großherzogliche Bibliothek, Anderes in das Archiv der Freimaurerloge Amalia in Weimar gegeben; E. war nämlich viele Jahre ein eifriges, auch durch Reden und andere Beitrage thatiges Mitglied des Bundes, der einst Göthe, Wieland, Herder und die ersten und thatigsten Staatsbeamten in seiner Mitte zahlte und noch jetzt zwei der ersten Staatsmänner Weimars an feiner Spitze hat und, frei von allen politischen Beziehungen, nur Menschenwohl fördert. Im vierten Hefte der „Analekten", die nur den Wissenden mitgetheilt werden, ist in einer Trauerloge E. ein tressliches Denkmal von Meisterhand gestiftet worden, woraus ein Theil der hier mitgetheil- ten Schilderung entnommen ist. (55) Elsenbahnen. Wenn Lasten mittels eines Schlittens fortgeschafft werden und der Boden horizontal ist, so hat die Zugkraft der Pferde nur die Reibung des Schlittens am Boden zu überwinden. Das Verhaltniß der zu ziehenden Last zur Größe der Kraft hangt von der Beschaffenheit des Bodens ab. Ist der Boden rauh und wird der Schlitten sehr stark abgeschliffen, so betragt die Reibung vielleicht ch der Last. Setzen wir mithin die Augkraft eines Pferdes etwa zu 1 Centner, so kann es etwa 3 Centner fortziehen. Bei unfern gewöhnlichen Wagen wird die Reibung von der Peripherie des Rades auf die Achse und das Innere der Nabe übertragen. Da beide gut abgedreht und eingefchmiert werden können, so haben wir hier zwei Körper, bei welchen die Reibung weit geringer ist; außerdem wird dieser Widerstand nach den Gesetzen des Hebels in dem Verhaltnisse des Durchmessers des Rades zum Durchmesser der Achse vermindert. Gesetzt, bei einem gut geschmierten Wagen sei die Größe der Reibung an der Achse von der Größe der Last, es sei ferner der Durchmesser des Rades 5 Fuß oder 60 Zoll, der Durchmesser der Achse 4 Zoll, so ist die zum Fortfahren der Last erfoderliche Kraft gleich -x-.-5^ —^-7-5 der Last, oder die Last, welche fortgefahren werden kann, ist 120 Mal größer als die Kraft. Behalten wir also die oben angenommene Zugkraft bei, so kann ein Pferd 120 Centner ziehen. Auf den gewöhnlichen Straßen erreichen wir diese theoretische Größe nie, ja wir dürfen im Durchschnitt nur etwa 12 Centner auf-s-' des obigen annehmen. Hieran sind die vielen Hindernisse, die oben nicht in Anschlag gebracht wurden, Schuld. Liegen Steine im Wege, so müssen die Pferde die Last gewissermaßen über eine schiefe Ebene ziehen, und dadurch geht ein sehr bedeutender Theil der Kraft verloren. Behalten wir z. B. die eben gegebenen Dimensionen der Rader bei, nehmen sodann an, daß zuweilen Steine von etwa 2 Zoll Höhe im Wege liegen, so laßt sich mit großer Bestimmtheit zeigen, daß die eben gefundenen 120 Centner auf weniger als 50 herabgebracht werden, und noch bedeutender wird der Verlust, wenn die Pferde schneller gehen. Wird der Boden weich oder sandig, so schneidet der Wagen tiefein und der Verlust wird noch bedeutender. Der Widerstand wird schon auf den gewöhnlichen Chausseen ' iMerUU ili« ab Maslie iMnen von Vup ^ Wem man ir i W, wurde dem P der Eisenbahner ein Beispiel ^SAinCaernawi Zeit verrichtete, zu «hm bestehen aus zr Der Wegen und zr iGrd defindet, D s befestigt sein, dan «de Wagen gchism dergestalt, das sich s «bewegt, Die Pf Gn, sindgröstech wv ste die etwa dn ab, N Am n Schienenwege, Bei Ehrend die Nn s Müde WM» Ändert zu wer hosten Northnmber ,,k^erRwe^^ Z!?"' D-schen S,i Zii Eisenbahnen 76! '"M '-M' K.H tveit kleiner, aber auch hier ist die Menge der Hindernisse noch bedeutend; eben dieser Widerstand ist Ursache, daß die Wagen sehr schwer beladen werden, wodurch die Straße in kurzer Zeit ungemein beschädigt wird. In Edinburg und London hat man seit mehren Jahren Straßen für schwere Fuhrwerke gebaut, welche mit großer Dauer zugleich einen geringen Widerstand verbinden. Es sind dies die Stein- Hahnen. Auf der Strecke, auf welcher sich die Rader bewegen, liegen zwei parallele Reihen gut geglätteter Quadern, welche eine Dicke von 15 Zoll, eine Breite von 18 Zoll und eine Länge von mehr als 2 Fuß haben. Auf diesen Quadern laufen die Räder fort; zwischen ihnen befindet sich gewöhnliches Pflaster, auf welchem die Pferde gehen. Älter und vorzüglicher, aber auch kostspieliger sind die Eisenbahnen. Wahrscheinlich um das Jahr 1680 wurden hölzerne Bahnen von den Steinkohlengrubcn in der Gegend von Newcasile am Tyne nach den Flüssen Wear und Tyne angelegt. Die ersten Bahnen von Gußeisen wurden daselbst 1780 gelegt und 1768 sehr verbessert. Nachdem man in England 1797 auf diese Bahnen aufmerksam geworden war, wurde dem Parlament 1799 ein umständlicher Bericht über die Einführung der Eisenbahnen vorgelegt und die Vortheile derselben nachgewiesen. Es ist, um nur ein Beispiel des großen Nutzens dieser Bahnen anzuführen, That- siche, daß 1801 in Caernarvonshire eine Eisenbahn zum Behuf des Transports von Bruchsteinen zum Hafen Penryn angelegt wurde, und daß ein Pferd nun dieselbe Arbeit verrichtete, zu welcher früher 40 Pferde erfoderlich waren. Alle Eisenbahnen bestehen aus zwei parallelen Reihen eiserner Schienen, auf denen sich die Räder bewegen und zwischen welchen sich ein gewöhnliches Pflaster für das ziehende Pferd befindet. Die Schienen müssen auf Pfählen oder Steinen hinreichend befestigt sein, damit sie sich nicht biegen. Auf den englischen Bahnen Mm alle Wagen gußeiserne Räder, welche auf geschmiedeten Achsen festgekeilt sind, dergestalt, daß sich stets eine Achse gemeinschaftlich mit zwei Rädern in den Pfannen bewegt. Die Pfannen, welche meistens aus einem halben hohlen Cylin- der bestehen, sind größtentheils aus Gußeisen verfertigt, und die Achsen sind an den Stellen, wo sie die etwa 4 Zoll langen Pfannen berühren, gut gehärtet. Die Gestalt der äußern Peripherie dieser Räder hängt von der Einrichtung der Eisenbahn ab. Wir können nämlich alle Eisenbahnen in zwei Hauptclassen abtheilen ^ 1) Schienenwege. Bei diesen sind die Schienen völlig flach oder oben etwas abgerundet, und die Räder haben auf ihrer Peripherie angegossene, an beiden Seiten hervorstehende Ränder von 3 — 4 Zoll Höhe (ähnlich einer Rolle), um am Abgleiten gehindert zu werden. Diese Art von Eisenbahnen wird vorzüglich in den Grasschaften Northumberland und Durham und bei den meisten neucrn Anlagen angewendet. 2) Schienenwege mit hervorstehendem Rande. Bei diesen ist die Peripherie der Ränder vollkommen eben, aber die Schienen haben an beiden Seiten Erhöhungen, zwischen denen sich die Räder bewegen. Diese Classe von Bahnen ist vorzüglich in Wales im Gebrauch. Bei der ersten Art wäre das Abgleiten der Wage-n zwar vermieden, aber es findet eine bedeutende Scitenreibung statt und das AnHaufen von Steinen und Sand, besonders wenn Pferde ziehen, ist schwer zu vermeiden. Bei der zweiten Art wird der Zweck leichter Bewegung allerdings erficht, und so lange die Wagen durch Pferde fortgezogen werden, droht keine Ge- lahr; seit man aber auf den Eisenbahnen lange Wagenreihen durch einen vorgespannten, über 80 Centner schweren Dampfwagen mit unerhörter Schnelligkeit, W—12 Wegestunden in einer Stunde forttreibt, können auch diese Schienen keine volle Sicherheit gewähren. Bei der schnellen Bewegung der schweren Massen kann der geringste Stoß von einem, zufällig auf einer Schiene liegenden kleinen Körper hinreichen, die Räder mit ihrem, kaum 1 Zoll breiten Falze über die Bahn ZU schleudern. Bricht nun gar die Achse am Dampfwagen, wie unlängst zwischen < 762 Eisenbahnen Liverpool und Manchester, so können von dem heftigen Aufstoßen der gebrochenen Stücke gegen den Boden nur schreckliche Folgen erwartet werden. — Wenn die Bahn vollkommen horizontal ist, so betragt der Widerstand etwa der Last, ein Pferd ist daher im Stande, eine Last von 160 Centnern zu ziehen. Diese Last wird gewöhnlich auf vier hinter einander folgende Wagen vertheilt; jeder von diesen wiegt gegen 20 Centner; ziehen wir demnach 80 Centner von der obigen Summe ab, so bleibt eine reine Last von 80 Centnern übrig. Bei allen Anlagen von Eisenbahnen muß dafür geforgt werden, daß die Bahn horizontal sei, ein Erfoder- niß, durch welches ihre Anlegung sehr erschwert wird. Senkt sich die Bahn auf einer Strecke von 160 Fuß um einen Fuß, ist also ihr Gefälle , so laufen die Wagen von selbst hinunter, ja wenn das Gefalle noch bedeutender wird, so laufen die Wagen mit beschleunigter Geschwindigkeit bergab, und es könnte daraus leicht Unglück entstehen. Um dieses zu verhüten, hat man auf der bei Darlington erbauten Eisenbahn seit mehren Jahren die Einrichtung getroffen, daß hinter jedem Zuge von vier Wagen ein zweirädriger Karren angehängt wird. Das Pferd wird dort ausgespannt, wo die Wagen von selbst abwärts gleiten, und in den zweirädrigen Karren geführt und aufs Neue angespannt, wenn die Bahn horizontal wird. Die Pferde sind durch lange Gewohnheit bereits so abgerichtet, daß sie bei den betreffenden Strecken, wo die Wagen selbst zu laufen anfangen, still stehen, sich ausspannen lassen und auf den hintern Karren springen, aber sogleich wieder an ihre Stelle zurückkehren, wenn die Wagen still stehen. So vorthcilhaft nach dem Gesagten auch die Eisenbahnen sind, so steht ihrer allgemeinen Einführung der bedeutende Kostenaufwand entgegen. Wenn keine bedeutenden Schwierigkeiten vorhanden sind, so kann man den Preis einer deutschen Meile etwa zu 5000 Pf. Sterl. annehmen; es können aber diese Kosten nebst den erfoderlichr: Gebäuden bis zu 160,000 Pfund steigen, wie dies auf der Bahn von Manchester nach Liverpool der Fall ist. Wenn demnach der Verkehr auf der Straße nicht sehr bedeutend ist, so werden die Kosten der Unternehmung nicht gedeckt. Einen Bew'eis davon liefert die von Gerstner angelegte Eisenbahn zur Verbindung der Donau und Moldau. Diese Bahn wurde 1826 erbaut, hatte eine Lange von 8^- Meile und kostete etwas mehr als 920,000 Gulden Conventionsmünze. In der Folge wurde die Bahn noch um etwas mehr als ein Drittel verlängert und hatte eine Länge von 11z- Meile, wozu im Ganzen etwa 1,200,000 Gulden erfoderlich waren. Da aber die Actionnairs nicht zu ihren Zinsen kamen, ist die Strecke von Lest bis an die Donau bei Linz nicht ausgeführt worden. Nirgends wird diese Erfindung großartiger benutzt als in den vereinigten nordamerika- nifchcn Staaten, und immer zahlreicher werden die Eisenbahnen bis in die entlegensten Theile des großen Festlandes. Man scheint ihnen allmälig den Vorzug vor Canalverbindungen einzuräumen. Die Eisenbahn zwischen Neuyork und Philadelphia hat 86 engl. Meilen in der Länge. Die Eisenbahnen werden von Gesellschaften angelegt, und die Actionnairs theilen den Gewinn mit den Staaten, durch welche sie gehen. Schnelle, sichere und wohlfeile Verbindung wird dadurch befördert und die öffentliche Wohlfahrt erhöht. In Neuyork erscheint feit 1832 eine besondere Zeitschrift: ,/IAe rail-i-ouci journal", die zur Verbreitung der diesen Gegenstand betreffenden Nachrichten und Erörterungen nützlich wirkt. Mehres über Eisenbahnen sagen Wood's „practica! treati5e on rai! roacZs, anck interior communic-Uion in ^enera! etc." (zweite Aufl. London 1832), die Ergebnisse vielfältiger Versuche enthaltend; Gordon, „On locnmotinn 6v mesns es steam carriages etc." (London 1832); C. von Oeynhausen und H. von Dechen, „Über Schienenwege in England" (Berlin 1829), und Gerstner in seiner „Mechanik", Bd. 1, S. 603 fg. Das letztere Werk behandelt den Gegenstand mit großer Klarheit und gibt sehr de- taillirte Abbildungen der einzelnen Theile der Bahnen und der Wagen. Eine popu- U!» Knaben al Nachdem M »tzellkchen Izmi Weitung Heckmner daßlbs stml Hauscapelle t -«arfluNudirend Pfänden des gelch Wim daSGymna i. feine GpMasialiiu iZehre wieder nach Mm Mezien des Wimen und für ^ Wmchischer Ansicht «dm war. Anfanc Adern Pandektenwe »endete sich darauf vor? a du nerdar 'bmduHMUWr 'llstFcher>.,ZnW Odium machten ihn V seinem Zlliimnatd vSailerzuOhrm ? entfernw! er sei « ^letS meh , donZ Eisenschmid 763 'Sliii ! M Darstellung des Gegenstandes findet sich im zweiten Bande von Ch. Dupin's >? - ! Korlesungen über Geometrie und Mechanik. Joseph von Baader, der die selbst bei ^Schienenwegen mit hervorstehenden Randern noch zu beseitigenden Mängel ^ bereits in seiner Schrift: „Neues System der fortschaffenden Mechanik" (Mün- ... chen 1822, Fol.), auch gezeigt hat, will durch Erfindung einer neuen, von allen bis ^ gemachten Versuchen wesentlich abweichenden Bauart dieselben entfernt, und bisher erhaltenen Vortheile mit einer weit wohlfeilem Einrichtung und voll- I kommcnern Sicherheit verbunden haben, und nun seinen Versuch im Großen aus- sthcen- (50) Eisenschmid (Leonhard Martin), wurde am 8. Nov. 1795 zu Jngol- in Baiern geboren. Ein Franciscanermönch, Namens Schreiner, nahm l'ch bei dm dürftigen Umständen, in denen sich E.'s Altern befanden, des Ta- 'bGdi ? simt »machenden Knaben an und ertheilte ihm unentgeltlich Privatstunden ^ ilN Lateinischen. Nachdem er die lateinischen Vorbereitungsstudien zurückge- ^ h'Ute. wollte sich lange kein Weg für ihn öffnen, um auf einer Gymnasial- .Ml einer unentgeltlichen Ausbildung theilhaftig zu werden, da in Jngol- stedt nur zwei Vorbereitungsclassen sich fanden. Endlich geschah es, daß der ichlik s" Aschenbrenner daselbst, der den Knaben für jeden Sonntag zum Meß- l wiener in seiner Hauscapelle wählte, 1809 die freie Aufnahme E.'s in das lands- ^ ^ v hre HM Seminar für Studirende der Gymnasialanstalt vermittelte, wo der Knabe in ^ allen Gegenständen des gelehrten Unterrichts bedeutende Fortschritte zu machen be- ^un. Da aber das Gymnasium zu Landshut 1813 aufgehoben wurde, so voll- endete E. seine Gymnasialstudien zu Neuburg an der Donau, ging jedoch im fol- zenden Jahre wieder nach Landshut auf die Universität zurück und hörte hier die philosophischen Collegien des Professors Salat, in dessen Hause er sehr freundschaft- ?,?>.'lieh ausgenommen und für Philosophie gewonnen wurde, obgleich er durch den MsHmsk . Nnfluß mönchischer Ansichten dem Studium derselben bereits sehr abwendig ge- H/MwMp ' wicht worden war. Anfangs hatte er sich für Rechtswissenschaft entschieden, blieb aber, von dem Pandektenwesen abgeschreckt, nur ein halbes Jahr bei diesem Fache, iteWM W md wendete sich darauf vorerst zur Philologie, mit welcher er nach einem halben WWljM Zahre die Theologie verband. Bald darauf kam er mit Sailcr und Zimmer in Verbindung, und durch Verwendung des Erstem in das Alumnat. Die Lecture der Schaft Feßler s - „Ansichten von Religion und Kirchenthum", und ein sorgfältiges '' Bibelstudium machten ihm jetzt den Dogmatismus seiner Kirche verdächtig, und ver- HßiMl». anlaßten manche freie Äußerung über Heiligenverehrung, Höllenstrafe u. s. w., die ünftngs seinem Alumnatdirector Roider, einem edeln Manne, und naÄ)her deni Professor Sailer zu Ohren kamen. Man glaubte daher, er würde sich ganz von der . Theologie entfernen; er selber hingegen erwartete von seinen Lehrern, daß sie seinen ^ligionszweifeln siegende Beweise entgegensetzen würden, und fand auch alle Köpfe keineswegs dem streng dogmatischen Systeme zugethan. Es bil- ^ sich in ihm stets mehr und mehr ein sogenannter idealischer Katholicismus her- '^ mit welchem er allerdings in den geistlichen Stand treten zu können glaubte; ^ er jedoch die höhern, zum Cölibat verbindenden Weihen empfangen hatte, ^^5^ i ^ud er 1818 an der Studienanftalt zu Neuburg als Professor der zweiten ^orbereitungsclasse mit nicht unbedeutendem Gehalt angestellt, und somit war ^ sim Eintritt in den geistlicken Stand am Schlüsse des I. 1819 nichts weni- Mals die Folge dürftiger äußerer Verhältnisse. Im Laufe der folgenden Jahre '"urden seine Zweifel von Neuem rege; der idealische Katholicismus wollte nicht Mügen. Schon auf der Universität zu Landshut hatte er als Probearbeit seines zF ürchenhistorischen Studiums einen Aufsatz gegen die Oberherrschaft des Papstes j und die Gleichheit des Presbyters und Episkopos eingereicht, und die erste Note klangt, welche ihm auch überhaupt in seinem Abjolutorium über die Theologie zu 764 Eisenstuck Theil wurde. 1832 versetzte man ihn von Neuburg nach München an das Pro- gymnastum, wo er in ein genaueres Verhältniß mit dem aufgeklarten Direktor von Weiller trat, der ihm unter Andern Tzschirner's „Protestantismus und Katholicismus aus dem Standpunkte der Politik betrachtet" zu lesen gab, und auch sonst durch freie, vernünftige und philosophische Religionsansicht sehr anregend auf ihn einwirkte. Das Treiben der finstern Partei, die um diese Zeit mächtiger ihr Haupt emporzuheben begann, ward ihm durch Weiller's Sturz sehr verhaßt und verdächtigte ihm desto mehr ihre verzweifelte Sache, je mehr er von Weiller's gesegnetem Einfluß auf das sittlich-religiöse Wohl der Studienanstalt in München überzeugt war. Oft hatte er schon gegen seine Freunde die Meinung geäußert, alle katholischen Dogmatiker — er hatte bis dahin Wiest's Werke, Bren- ner's „Freie Darstellung der Theologie in der Idee des Himmelreichs" und Dob- mayer's Dogmatik (nach letztererrichteten sich dieVorlesungen zuLandshut) gelesen— wären hinsichtlich des traditionnellen Beweises sehr mangelhaft, und man sollte, um die Einheit des Glaubens durch alle Jahrhunderte zu erhärten, nicht bloß einen und den andern Kirchenvater, sondern die Kirchenväter der Ordnung nach aus allen Jahrhunderten für jedes einzelne Dogma aufführen; dies erst gebe einen unumstößlichen Beweis, daß man von jeher so oder so geglaubt habe. Diese Idee verließ ihn nicht, und wurde ihm in der Folge ein Hauptanlaß zur Prüfung der sogenannten Tradition. Bei seiner Versetzung nach Aschaffenburg in die zweite Gymnasial- clafse (1834), wo er in der Gymnasiumsbibliothek nicht nur die Schriften katholischer Dogmatiker, sondern auch der protestantischen Theologen, die Concilien- sammlungen und so vieles Andere reichlich vorfand, sah er sich plötzlich in eine ganz neue Welt versetzt. Jetzt wurde manche schon früher gewonnene Idee mit Eifer und heißem Triebe weiter verfolgt, und das Hauptresultat dieser sorgfältigen Forschungen wurde endlich sein Übertritt zur protestantischen Kirche, der im Mai 1838 erfolgte. Außer seiner Rechtfertigungsschrist erschienen von ihm seit seinem Übertritte vornehmlich folgende: „Uber die Versuche neuerer Zeit, das römisch-katholische Kirchenthum durch ein sogenanntes Urchristenthum der Kirchenväter zu begründen" (Neustadt a. O. 1839); „Das römisch-katholische Meßbuch" (Neustadt 1839), das in Baiern verboten wurde; „Römisches Bullarium" (3 Bde., Neustadt 1831). Kurz vor und nach seinem Übertritt erschien seine „Polymnia" in 9 Bdn., ein Werk, das anfangs im Inlande vielen Beifall fand, aber nach dem Übertritte des Verfassers Besorgnisse zu erregen anfing, daß die katholische Jugend dadurch protestantisch gestimmt werden könne, weshalb er bald alle möglichen Anfeindungen zu erleiden hatte. Seit dem Oct. 1839 lebt E. an der Seite einer edeln, sehr gebildeten Frau in völliger Zurückgezogenheit zu Rertweinsdorf unweit Bamberg , nur mit seinen Studien beschäftigt. ' (48) Eisenstuck (Christian Gottlieb), geboren den 3. Oct. 1773 zu Annaberg, wo sein Vater, ein um das sächsische Erzgebirge vielfach verdienter Mann, Bürgermeister war. Auf dem dortigen Lyceum unter Grimm u. A. gebildet, bezog er Ostern 1791 die Universität Leipzig, um die Rechtswissenschaft zu studiren, und vertheidigte nach Vollendung seiner akademischen Studien unter Erhard's Vorsitz die von ihm verfaßte Dissertation: „Huue jura in »lenclis et eckucanüis Iiberi5 secunelum stutum nuturalem et civilem obtineant" (Leipzig 1794, 4.), worin er eine damals namentlich in Frankreich vielfach angeregte Frage auf eine lichtvolle und geistreiche Weise zur Sprache brachte. Mit dem Herbste desselben Jahres ging er nach Göttingen, und fand in Gatterer, Pütter, Schlözer und Spittler Lehrer, deren Vorträge über Geschichte, Staatswissenschaft und Staatsrecht ihn für diese Fächer wahrhaft begeisterten und seinem künftigen Leben somit eine entschiedene Richtung gaben. Zu Anfang 1797 zog er nach Dresden, wo er schon im folgenden Jahre als Rechtskonsulent sich bleibend niederließ. Bei der strengsten Gewissenhaftigkeit Elci 765 und Wahrheitsliebe erhielt hier seine Wirksamkeit sehr bald eine bedeutende Ausdehnung; er wurde 1817 zu der Commission zu Regulirung der Kriegsschulden Mögen und 1820 zum Obersteuerprocurator ernannt. Als Beleg für seine seltene Wsicht und seinen gründlichen Scharfsinn bei der sorgfältigsten Untersuchung Ks Tatsächlichen führen wir aus dieser Periode die Vertheidigung Fischer's, des ^geblichen Mörders des Professors Gerhard von Kügelgen (vgl. Hasse, „Das Le- dkn Gerhards von Kügelgen", Lechzig 1824) an, die in Hermann's „Anleitung zur gründlichen Abfassung der Vertheidigungsschriften" (zweite Aufl. Grimma 18'>6) abgedruckt worden ist. Größere Geschäftsreisen, 1824 nach München, Salzburg und Wien, und 1828 nach Belgien, Holland, England und Frankreich, benutzte er zu mehrseitigen, höchst wichtigen Erörterungen. Da riefen die umuhvollen Tage des Sept. 1830 (s. Dresden im Jahr 1830) ihn zu einerneuen, nicht geKneten Thätigkeit, und mit dem 12. Sept. desselben Jahres, wo die Bürger von Neustadt-Dresden ihn zu ihrem Sprecher wählten, eröffnete sich ihm eine vielfach wohlthätige und segensreiche Wirksamkeit, welcher er mit Hintansetzung aller 7 A »n persönlichen Vortheile, mit erprobter Umsicht und gewissenhafter Treue sich widmete. MAUW Nne von ihm verfaßte Vorstellung der Bürger von Neustadt-Dresden an die Md'ivchß Me Behörde fand Gehör, und diese sowol als die hierauf erschienene Dankadresse j sind mehrmals gedruckt und in mehr als 20,000 Exemplaren verbreitet worden. E. wurde zum Communrepräsentanten erwählt, und übernahm nach deren feierlicher Einführung den 31. Oct. die Stelle eines Vorstehers derselben, die er noch bekleidet, öu mehren der wichtigsten und erfolgreichsten Verhandlungen gezogen, wirkte er unter Andern, als Mitglied der Untersuchungscommission in Folge der Ungebührnisse bei Auflösimg der Nationalgarde am 4. Dec. 1830, der Commission zur Reorganisation der Communalgarde nach dem 17. April 1831, zur Organisation desJustiz- msens u. a., und war als Abgeordneter für die Stadt Dresden bei dem höchst wich- ! tigcn Landtage 1831, ganz besonders bei Begutachtung der Verfassungsurkunde und der allgemeinen Städteordnung thätig. E. hatte die Freude, beide ins Leben Mm zu sehen, und erhielt am 29. Mai 1832 das Ritterkreuz des Civilverdienst- ! WLMni- ordms, „in gnädigen, Anerkenntnisse der Verdienste", wie es in dem Decrete heißt, MMU Mlche er sich in seiner Stellung als Vorsitzender der hiesigen Communrepräsen- lnntm um die öffentlichen Angelegenheiten der Stadt Dresden erworben hat, sowie leiner nützlichen Wirksamkeit bei den auf die neue Landesverfassung Bezug haben- MiM bei, Landtagsverhandlungen". Die vielfach bewegte Zeit, in welche E.'s akademische '.Mtzb Studien sielen und wo er zum Geschäftsmann? sich ausbildete, hat den entschieden !lm Einfluß auf seine geistige Thätigkeit gehabt, und die Eindrücke und Richtungen, bie das damalige Streben nach Aufklärung und Verbesserung in allen Fächern der ' ß Wissenschaft und der Kunst, wie in allen Verhältnissen der Menschheit und des Lebens veranlaßte, setzten ihn bei sorgfältigem Fortstudiren in den Stand, in un- lem Tagen so wirksamen Antheil an Allem zu nehmen, was im Vaterlande Grones und Schönes begann. Sein Brustbild ist in zwei Lithographien mit dem Netto: „Gerechtigkeit und Wahrheit", und in Gyps dargestellt worden. (57) Elci (Angelo d'), aus der sienesischen Familie der Grafen d'Elci, wurde ML. Ott. 1754 zu Florenz geboren. Mit welcher Liebe er sich den elastischen ! Studien hingab, zeigen seine lateinischen Poesien, die zu den vorzüglichsten neuerer gerechnet werden. 1780 trat er in den Malteserorden, ohne jedoch das Ge- ^de abzulegen, und besuchte dann zu wiederholten Malen Deutschland, Frankreich ^England. Vielleicht war es in dem letztern Lande, wo sein Gedanke, eine Sammlung der ältesten Ausgaben der griechischen und lateinischen Schriftsteller zu ^anstalten, zuerst entstand. Von jener Zeit an scheute er weder Mühe noch Ko- dieses Vorhaben in Ausführung zu bringen ; er machte Reisen, um ein ein- ftW Buch aufzusuchen, wechselte häusig mit Exemplaren, wenn er schönere fand. 766 Elektromagnetismus ^ und trug für die reichsten Einbände Sorge. So vereinigte er während seines Auf- " D ei entHalts zu Mailand, Florenz und Wien (wo er während der französischen Herr- schast in Italien meistens wohnte und sich mit einer Gräfin Zinzendorf vermählte) zene kostbare Sammlung alter Drucke, welche er, 1814 nach Florenz zurückgekehrt, im Jul. 1818 dieserseiner Vaterstadt zum Geschenke machte. Außer den Editionen aus der ' dem 15. und dem Anfange des 16. Jahrhunderts, worunter man namentlich eine fast vollständige Reihe der Aldinen, genannt clell' uno.oru secca, und jene clel . ..MMdenI^^' memorlale des Pannarz ohne Lücke findet (deren sich nur die Spencer'sche und AWl" ^ die Bibliothek in Paris rühmen kann), sieht man darunter eine Sammlung der s.Dovi ersten Ausgaben der biblischen Schriftsteller im Originaltext. Der Großherzog Ferdinand III. wußte dieses Geschenk zu würdigen und, außer mehren Ehrenbezei- ^ des Christ? gungen, die dem Geber zu Theil wurden, verordnete er die Erbauung eines reichen, M jn Allst an die berühmte Laurenzianische Bibliothek anstoßenden Saals, um diese seltenen dc Monumente der Typographie darin aufzustellen. Aber E. ward nicht die Freude, '-M/' ^ die Vollendung dieses, leider noch jetzt unbeendigten Baus zu erleben: er starb zu ( ^ Wien am 26. Oct. 1824, nachdem er im Frühling desselben Jahrs seine Vater- ^ stadt noch einmal besucht hatte. Als Schriftsteller hat er sich durch seine Satiren ^ und Epigramme bekannt gemacht, die ihm zwar viele Tadler und Feinde zuzogen, ^ aber an I. B. Niccolini, der einen schätzbaren Abriß seines Lebens schrieb, einen be- Mundmtmlchtell redten und kompetenten Beurtheiler und Vertheidiger fanden. E. war von schönem MMs Buchbinder? 'Äußern und ruhigem, gemessenen Benehmen, das indeß durch seinen scharfen Witz Wichum durch en nicht selten belebt ward. Seine Hauptlecture blieben von seiner Jugend an die Al- MrMicg die kuu ten, und er konnte sich mancher in Vorurthule ausartenden literarischen Ansichten AüibemKmg^c in Hinsicht der Neuern nicht erwehren, welche weder der Zeit noch der Discussion Ättus BMnMy weichen wollten. ^ (58) >, dieZnsel zum Mild Elektromagnetismus. Nachdem, hauptsächlich durch Örsted, das Ätilck, seit Poms Vermögen elektrischer Ströme, Magnetismus in den Körpern zu erwecken, APuptlingeaiifOk nachgewiesen worden war, hatte man sich vielfältig bemüht, auch umgekehrt durch -M nach seiner Ä Magnete elektrische Ströme hervorzurufen, allein ohne zum Zweck gelangen zu kön- !ichM^ ^ nen. Erst Faraday (s. d^) glückte es 1831, diese wichtige Entdeckung zu ma- AbnMmitbb' chen, von der Ampere früher nur Andeutungen erhalten hatte. Seine ausführliche Arbeit über dieselbe ist zwar bis jetzt noch nicht erschienen, allein da dm sofort nach erster Bekanntwerdung einer Notiz darüber verschiedene Physiker sich mit Wiederholung und Abänderung seiner Grundversuche beschäftigt haben, so sind die Untersuchungen darüber schon zu einer gewissen Entwicklung gediehen. Hier mag es genügen, einige Versuche anzuführen, welche die Erscheinung in ihrer groß- ^ ten Einfachheit darstellen. Man winde um einen ausgehöhlten Holzcylinder spi- MM ralförmig einen mit Seide übersponnenen Metalldraht von etwa einer Viertellinie Dicke, zu dessenAufnahme auf der Oberflache des Holzes eine spiralförmige rinnen- artige Vertiefung in dicht aneinanderliegenden Schraubenwindungen vorhanden ist. Verdes Die beiden Enden dieses Drahts werden mit den Enden des bekannten Schweigger'- Vvrrath sehen Multiplicators in Verbindung gesetzt, wobei Bedacht genommen werden muß, diese Enden hinreichend zu verlängern, daß bei Anstellung der Versuche keine directe M Einwirkung des Magneten auf die Nadel des Multiplicators stattfinde könne, Führt man jetzt einen cylindrischen Magneten schnell in die Höhlung des Holzcylm- WM ^ ders ein, so wird die Magnetnadel des Multiplicators durch ihre Ablenkung sofort .. ^ das Vorhandensein eines elektrischen Stromes anzeigen, der jedoch nur momentan M beßW' ^ ist und sofort wieder verschwindet. Beim Herausziehen des Magneten aus dem ^ ' 5 Holzcylinder wird aber von Neuem eine, wiederum nur momentane Ablenkung der ^ W We x Magnetnadel eintreten, welche die entgegengesetzte Richtung als die erste hat, zum Wg Zeichen, daß der durch das Herausziehen des Magneten aus dem Cylinder entste- ^ ^ ^ ers hende Strom die entgegengesetzte Richtung von dem durch das Hineinstecken ent- Ellis (Agar) Ellis (William) 767 i-Ä? O'i.B» !-"H" stehenden hat. Diese Versuche lassen sich sehr mannichfach abändern und auch noch andere Wirkungen der Clektricität dabei zum Vorschein bringen, wie denn Faraday mittels gehöriger Vorrichtungen selbst Funken auf solche Weise erhalten Hot. Die erste nähere Nachricht von Faraday's wichtiger Entdeckung hat in Deutschland Schelling in einer kleinen Gelegenheitsschrift gegeben. Die ausführliche Mittheilung der Versuche aber, die im In- und Auslande, namentlich von Necguerel, Ampere, Nobili, Antinori und Vöhl im Verfolg von Faraday's Ent- > deckung angestellt worden sind, findet sich in Poggendorf's „Annalen", Bd. 24, und Tchweigger's „Journal", Bd. 64. ^ ^ Ellis (Agar), s. Dover (George James Welbore Agar Ellis, Baron). Ellis (William), einer der unermüdetsten und kenntnißreichsten Männer, lie der Verbreitung des Christenthums in fernen Erdgegenden ihr Leben weihten, Mieß England 1816 in Auftrag der Missionsgesellschaft zu London. Von der Derzeugung durchdrungen, daß die christliche Lehre nur dann Wurzel fassen und dauerndes Gedeihen finden könne, wenn sie auf der Verbesserung des gesellschaftlichen Zustandes und auf der geistigen Ausbildung ihre Grundlage hat, machte ir sich vor der Abreise aus seinem Vaterlande manche technische Fertigkeiten .igen, die ihm in seinem Berufe, der Lehrer roher Völker zu werden, nützlich ('.in konnten, und unterrichtete sich besonders auch in der Buchdruckerkunst, ja selbst > die Arbeiten eines Buchbinders blieben ihm nicht fremd. Sein Ziel war Otahiti, 'OdasChristenthum durch englische Glaubensboten Eingang gefunden hatte, als IM ein Bürgerkrieg die kaum ausgesäeten Keime zerstörte. Nur ein Missionar, Rott, blieb bei dem König Pomare auf der Insel Eimeo, wohin nach zwei Jahren auch Andere aus Botanybay zurückkehrten, als Pomare, ungehindert von Widersachern, die Insel zum Mittelpunkte des Christenthums machte, das sich von hier miker verbreitete, seit Pomare am 12. Nov. 1815 über die dem alten Glauben ! ergebenen Häuptlinge aufOtahiti gesiegt hatte. E. brachte Lettern und eine Presse mit, die er bald nach seiner Ankunft in Eimeo aufrichtete. Das erste Buch, das hier gedruckt wurde, war ein otahitisches Buchstabirbuch, und Pomare, der den istttschritt der Arbeit mit lebhafter Theilnahme betrachtet hatte, zog selbst, unter Ks Missionars Leitung, den ersten Bogen ab, den er freudig den Häuptlingen dar- "ichte und nachher dem staunenden Volke zeigen ließ. „O England, Land der Heimtniß!" riefen oft die Haufen aus, die sich an die Thür und die Fenster der bmckerei drängten. Später ließ E. einen Katechismus, Auszüge aus der Bibel und das Evangelium Lukas drucken. Dann mußte er seine Kenntniß der Buch- Äderkunst üben, und bei dem Mangel an den nöthigen Materialien auf allerlei Ätzmittel denken; Pappe ward aus Baumbastzeuch gemacht, alte gefärbte Zei- Wn dientemzu Umschlägen, und der Fortschritt der Bildung wurde den Katzen, Kndcn und Ziegen verderblich, deren Felle man zu Rücken und Ecken brauchte, 'l(der mitgebrachte Vorrath von Schaffellen erschöpft war. E. lernte in den ersten As Monaten so viel von der Landessprache, daß er sich über jeden gewöhnlichen Umstand ausdrücken konnte, und der Druck otahitischer Bücher, die ihm einen Am Wörtcrvorrath zuführten, erleichterte ihm dieses Studium. Er lebte seitdem Ä seiner Familie auf Eimeo, machte häufige Reifen nach den übrigen Inseln (chnesiens, und war rastlos bemüht, die Ausbreitung des Christenthums und der Alisttion zu befördern. Mit mannichfalrigen Kenntnissen ausgerüstet und ein Afer Beobachter, benutzte er seinen Aufenthalt, die Sitten der Jnselvölker ken- zu lernen, von der richtigen Voraussetzung ausgehend, daß es nur jetzt noch ^se>, diese Kenntniß zu erlangen, da der ältere Sittenzuftand immer mehr verbindet. Sein erstes Werk war: „Nurrutive ob u tnur türungk ttunnii or Ätyliee" (London 1826), worin er eine genaue Nachricht von der größten der ^ndwichsinseln gibt. Umfassender waren „UoHnesian researckes" (2 Bde., 768 , Elsholtz London 182g), welch- die Naturgeschichte, die Geschichte, dm gesellschaftlichen Zustand und die Volkssitten der Inselgruppen Polynesiens, mit Ausnahme der Sandwichsinseln, darstellt. In die zweite Auflage aber (4 Bde., London 1831) v..- kossW^ nahm er auch eine Umarbeitung seiner frühern Beschreibung der Sandwichsinseln auf. Das Werk liefert in dieser neuen Gestalt eine gedrängte Geschichte des Ur- i'-'k l.'sdnde sprungs, der Fortschritte und Ergebnisse der englischen Missionen, umständliche 5^. «sechst Berichte von den Maßregeln, welche die einheimischen Machthaber genommen ha- d ben, um den gesellschaftlichen Zustand der Völker umzuwandeln und den Handels- ^ a verkehr mit Fremden zu ordnen, genaue Schilderungen von der fortschreitenden Meile, Cultur der Jnselvölker. Neuere Reisende, besonders Otto von Kotzebue und Beechep, hatten indeß über den verderbten Sittenzustand dieser Völker, vorzüglich Mdew^ der Otahitier, Nachrichten verbreitet, welche auf die englischen Missionare schwere Vorwürfe wälzten, und einige englische Zeitschriften stimmten in diese Beschuldi- ljMenüberdies gungen ein. E. schrieb dagegen „Vinckication ok tüe Soutd 8es missions from H ttie misrepresenwtions ol 0ttc, von Kotxebue" (London 1831), worin Kotze- Hhrchn, vermhl bue's Angaben als absichtliche Verleumdungen zurückgewiesen werden, Beechey Berus! aber den Vorwurf empfängt, er habe, durch Andere verleitet, unwissentlich einer M Sache geschadet, die er im Allgemeinen billige. (Vgl. Missionen.) klilicipation Elsholtz (Franz von), preußischer Cavalerieofsizier und herzoglich säch- hsichnzder W sischer Legationsrath, wurde am 1. Oct. 1791 zu Berlin geboren. Er hat herein. ^ sich als Verfasser mehrer Theaterstücke bekannt gemacht, die auf vielen beut- schen Bühnen mit Glück und Erfolg gegeben wurden. Einer Familie angehö- ^ ^ ^ ^ rend, die von väterlicher Seite aus Holland, von mütterlicher aus Frankreich zMmderrs -rls stammend, durch die politischen Umwälzungen in beiden Ländern mit Verlust ihres Achaten da n'r Namens und Vermögens zur Auswanderung genöthigt wurde und im preußischen . Staat eine neue Heimath fand, scheint er vornehmlich durch dieses Familicnverhält- ' -" ^ ^ ^ niß schon früh in seiner Ausbildung und ganzen Lebensrichtung bestimmt worden zu sein, indem Übung in den neuern Sprachen, durch den häuslichen Verkehr be- ' 7s. ^ fördert, auch einen Hauptbestandtheil seines ersten Unterrichts ausmachte. Erst ^ . in seinem dreizehnten Jahre, wo die in ihm erwachte Neigung zu den Wissenschaften Klagendes5 über andere, von einem sehr begüterten Freunde der Familie eröffnete vielverspre- ^WMesin chende Aussichten den Sieg davontrug, wurde auch den alten Sprachen Ausmerk- samkeit zugewendet und demnächst bei mannichfacher Unterbrechung durch die Kriegsereignisse der Jahre 1806 — 9 und damit verbundene Reisen in Deutsch- ^unachstaufN^ land und nach Paris, der Weg durch die Gymnasialclassen des grauen Klosters in ^"^MsinFrie Berlin zurückgelegt. Indem er so schon während der Schuljahre zu seinem ^^mwiKluni spätem fortgesetzten Wanderleben gewissermaßen den Grund legte und auch schon damals den Anfoderungen der Poesie mehrfach Raum gab, veranlaßte der Auf- "" ruf, der 1813 an die preußische Jugend erging, auch ihn, als Freiwilliger unter die Reihen der Vaterlandsvertheidiger zu treten. Nach dem Friedensschlüsse wurde er zum Regierungssecretair in Köln ernannt, und als Frucht seines dortigen Aufenthalts erschienen hier von ihm zuerst die „Wanderungen durch Köln und des- sen Umgegend, in einer Reihe von Briefen an Sophie" (Köln 1820), und bald darauf ebendaselbst, ohne Namen des Verfassers: „Der neue Achilles, historische Skizze aus dem Befreiungskampfe der Griechen". Neben seinen jetzigen literari- Mb schen Arbeiten nahmen auch neue Reisen nach England, Holland und über Ha- Atth nover und Dresden nach Prag, Wien, München, Stuttgart :c., seine Mußezeit ..achr, in Anspruch. Nach einstweiliger Lösung seines amtlichen Verhältnisses begab er sich 1823 auch nach Italien, von wo er nach zweijährigem Aufenthalt wieder ^ in seine Vaterstadt zurückkehrte. Hier hatte unterdessen sein, zuerst in München auf- geführtes und nachher auf deutschen wie selbst auf ausländischen Bühnen sehr ver- ^ -- breiteres dramatisches Spiel: „Komm her!" den Namen des Verfassers allgemeiner ^ vI^.>,S! ,^k-l" Emancipation der Juden 769 bekannt gemacht. 1827 wurde er daraufzur Organisation und Leitung des Hoftheaters zu Gotha berufen, und diesem Geschäfte mit ebenso vielem Eifer als Erfolg sich hingebend, ließ er nun einen Stillstand in seiner literarischen Thätigkeit eintreten. Nach freiwilliger^Losjagung von jenem Amte erschien jedoch der erste Band seiner „Schallspiele" (Stuttgart 1830), enthaltend „DieHofdame", ein Lustspiel in fünf Wen (das durch die besondere Thellnahme Göthe's, mit dem der Verfasser einen fast zweijährigen Briefwechsel darüber führte, ausgezeichnet wurde), und das beliebte, von dem Verfasser als „dramatische Aufgab," bezeichnete Spiel: „Komm her!" In demselben Jahre gab er auch seine „Ansichten und Umrisse aus der Reifemappe zweier Freunde" (2 Theile, Berlin) heraus, die vielen Beifall im Publicum fanden. Außerdem hat er viele größere und kleinere Theaterstücke, unter andern auch eine komische Oper: „DerDoppelproceß" (Musik von Aloys Schmitt), verfaßt, die an mehren Orten über die Bühne gingen. Seinen dramatischen Arbeiten ist eine umsichtige Bühnenkenntniß und geschmackvolle Ausführung und Gruppirung nicht abzusprechen; vornehmlich dürfte aber im Lustspiel, zu dem sein Talent einen vorzugsweisen Beruf hat, noch manche gelungene Leistung von ihm zu erwarten sein. Emancipation der Juden. Die Emancipation, das heißt, die Mündigsprechung der Juden, geschieht auf zweierlei Art: von Innen heraus, und von Außen herein. Die deutschen Juden haben, wie billig, damit angefangen, sich selbst zu emancipiren, bevor sie den Anspruch machten, daß man ihnen auch ihre bürgerlichen Fesseln abnehme. Es war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als jene große Revolution der Geister, welche die Ideen und Begebenheiten der neuern Zeit vorbereitete, auch die Juden ergriff und sie, die Jahrhunderte lang sich isolirt und abgeschlossen hatten, in die Bewegung der Zeit mit fortriß. Belastet mit der Schmach fremden und eignen Vorurtheils, verdrängt von dem Markte des öffentlichen Lebens und Jahrtausende lang eingeschlossen im Judengäßchen der Weltgeschichte, wagten sie sich gleichwol hinaus, und es gelang ihnen —ein schlagendes Beispiel seltener Bildungsfähigkeit— sich der allgemeinen Bildung anzuschließen, ja sogar, nicht leidend allein sich von ihr durchdringen zu lassen, sondern auch als Wortführer derselben selbstthätig einzugreifen. So hatten sie sich ein Vaterland errungen. Zwar beschränkte sich diese innere Emanci- Mion zunächst auf Norddeutschland, und namentlich auf die denk- und redefreien Staaten des großen Friedrich; aber auch diese Einschränkung beruht auf der eigen- thümlichen Enrwickelung des deutschen Geistes, indem sie mit dem Erwachen der deutschen Literatur, die sich gleichfalls auf Norddeutschland beschränkte, innigst zusammenhängt. Lessing's und Mendelssohn's Freundschaft kann gewissermaßen für ein Symbol dieser gegenseitigen Anregung angesehen werden. Der Erfolg liegt klar vor Augen. Sowol die eignen Bestrebungen der Juden, als auch der ernste Witte der preußischen und später der würtembergischen Negierung haben die Bildung derselben so weit gefördert, daß man jetzt wol mit Recht behaupten kann, sie stehe 'n keiner Rücksicht derjenigen der christlichen Bevölkerung nach; amtliche Berichte rühmen sonder Rückhalt das vorzugsweise schnelle und sichere Gedeihen ihrer Schümm, und diese Versicherung hoher Bildungsfähigkeit genügt ja wol auch für diejenigen deutschen Länder, wo, meist durch die Schuld der Regierungen, die Bildung der Juden bisher weniger vorgeschritten ist. Ebenso kann man auch im Allgemeinen behaupten, daß die öffentliche Meinung den Juden geneigt ist, und hierdurch hat sich die Stellung derselben höchst bemerkenswerth geändert. Wenn sie srüher, von der öffentlichen Meinung verstoßen, Gewinns halber von den Gro- beschützt wurden und als Kammerknechte des heiligen römischen Reichs oder "ls Schutzjuden sich der Aristokratie zuwenden mußten, was wiederum, obgleich uur eine Wirkung des Volkshasses, diesen Volkshaß aufs höchste steigerte, so ver- ^vnv.'tzkx. der neuestn Zeit und Literatur. I, 49 El 770 Emancipation der Juden ..N harren sie nicht mehr in dieser entwürdigenden Stellung, indem die öffentliche Stimme die Foderungen der Zeit auch auf sie zu übertragen nicht langer anstand. di Nordamerika, Frankreich, Holland und Belgien haben mit ihrem Verfassungs- werke zugleich auch die vollkommene Emancipation der Juden vollendet. Die Mlst eigenthümliche Aufgabe, die England zu lösen hat, ruft in diesem uralten Lande D ^ NchjßruNV der Freiheit bei jeder neuern Verbesserung einen neuen Kampf auf Leben und Tod i^ Preu mit den überkommenen Institutionen des Mittelalters hervor. Es ist in England de nicht, wie in den Landern des Continents, tabula rasa gemacht und alsdann erst ^ das Gebäude der neuen Institutionen aus sich selbst aufgebaut worden; die For- men des Mittelalters bestehen noch, sie drohen den Einsturz, weil der Geist, der sie gründete, entwichen ist. Aber England ist gewaltig und lebenskraftig genug, um seine alten Formen mit dem Geiste der neuen Zeit zu beleben. Die Reformbill M welche d>e ^ > ist daher nur die formelle Einleitung eines ganzen Systems von Verbesserungen, de- Mchichk MMN, ren erstes Erfoderniß ein nicht mehr von feudalistischen Interessen beherrschtes Un- Mchfsung lim ^ terhaus ist. Ehe diese große Frage entschieden war, konnte Robert Grant's An- dich welches kun trag, den Juden den vollen Genuß des Staatsbürgerrechts zu gewahren, nur das Hunzslosen Zeit, Schicksal haben, das derselbe in der Parlamentssitzung von 1830, trotz der Unter- Wnd ch und du stützung kraftiger Vertheisiger, erfuhr; aber ganz anders wird der endliche Erfolg ^ nur noch der letzte wiederholter Bemühnngen in einem neuen Parlament sein. (Vgl. England.) n!'Holeons unfehll Auch in den Colonien regt sich dasselbe Interesse für die Juden, wie die Botschaft der Mdepunk gesetzgebenden Versammlung in Jamaica »om 1?. Febr. 1831 genügend beweist. MjpMmilden In dem despotischen Süden und Osten Europas kann, wie sich von selbst versteht, Hverschniislert ^ von einer bürgerlichen Freiheit der Juden überhaupt noch gar nicht die Rede sein. Die deutschen Staaten sind mannichfachen Einwirkungen in dieser Angelegenheit ge- Erluitun,- d folgt. Ostreich bewahrt als ein Denkmal seines raschen und heißen Frühlings unter ^ ^ Joseph II. einige glanzende Trümmer einer Emancipation der Juden, wie sie nur ^^ ^ im Geiste jenes edeln Kaisers vollendet dastand, der fast mit knabenhafter Haff die ^ lV Knospe der jungen Freiheit gewaltsam entfalten wollte. Gleichwol gebührt ihm ^yradiZH Klopstock's begeistertes Lob, daß er zuerst den Juden die rostige, eng angelegte M ^ Fessel vom wunden Arme gelöst habe; denn wie entschieden auch die Theorie von ^ WH, ^ Norddeutschland aus in Dohm's und Mendelssohn's Schriften für bürgerliche I Gleichstellung der Juden sprach, so war doch Joseph der einzige deutsche Fürst, der ^ ^ ^ Hand ans Werk legte; selbst der Philosoph von Sanssouci zahlte in seinem ^ ^ VW Staatscalcul die Juden nur als Hebel der Industrie. Im Ganzen waren die Ver» ^ ^ kehrten Zopf, Haltnisse der Juden überall in Deutschland auf dieselben Grundsatze der Recht- biesieienS losigkeit gebaut, soweit nämlich die Willkür consequent und gleichartig sein kann, s!? sürllnfr Mit dem Sturze der deutschen Reichsverfassung und der gleichzeitigen Invasion ^Zeiten des o der Franzosen beginnt für die Emancipation der Juden in Deutschland eine neue Epo- ^ ^ che. In dreifacher Weise äußerte sich dieser französische Einfluß. In den dem franzö- ^»sprüch^. fischen Kaiserreich unmittelbar einverleibten deutschen Landen und im Königreiche Westfalen trat mit der Einführung französischer Gesetze eine völlige Gleichstellung s^un^n s^,-^ der Juden ein, und nach dem Muster des pariser Sanhedrin ordnete ein jüdisches (^berch^m Consistorium von Kassel aus die bürgerlichen und religiösen Angelegenheiten der s^nirz^ ^ Juden. Wenn auch nur mittelbar, doch um nichts weniger wohlthätig, wirkte ^ der Einfluß, den Frankreich auf die Juden der politisch von ihm abhängigen Staa- ihrer ten des Rheinbundes ausübte. Die äußere und innere Nothwendigkeit, den politi- > . hsd die schen Principien des mächtigen Schutzherrn sich anzubilden und anzuschmiegen, und das gesellschaftliche Beispiel der Franzosen, die durch Natur und Erziehung jeder ? / groß^ Absonderung abhold, die lächerliche Etikette des Judenhasses hintansetzten, brachten gewissermaßen eine stillschweigende Gleichstellung der Juden zu Wege, die sich auch ^ in der Gesetzgebung jener Staaten bald genug bemerklich machte. Die meist ver- . ü- unqlückten, der von Napoleon selbst entworfenen Constitution des Königreichs Emancipation der Juden 77l Westfalen nachgebildeten Verfassungsentwürfe des Königreichs Baiern und des Großherzogthums Frankfurt folgten französischen Grundsätzen, und wenn auch in Würtemberg, welches die Zeit von 1806—15 in seiner constitutionncllen Sprache als die verfassungslose bezeichnet, kein systematisches Gesetz erlassen wurde, so verging doch auch dort fast kein Jahr, in welchem sich die Regierung nicht mit der bürgerlichen Verbesserung der Juden beschäftigt hatte. Am großartigsten aber und selbständigsten hat Preußen dem französischen Einflüsse Raum gegeben; kein anderer Zwang, als der in der Gewalt der Dinge begründet war, wed5r mittelbarer noch unmittelbarer Einfluß Frankreichs auf seine innere Verwaltung, sondern gerade seine entschiedene Opposition gegen Frankreick, durch die es das heiligste Interesse von ganz Deutschland vertrat, erzeugte jene Reihe nothwendiger Verbesserungen, welche die Jahre von 1806—13 den glorreichsten Epochen der preußischen Geschichte anreihen. Zu den großen Maßregeln, welche die Kriegs- und Gemeindeverfassung neu begründeten, gehört auch das Edict vom 11. März 1812, durch welches kurz vor dem Ausbruche des Kriegs in jener gespannten, hoffnungslosen Zeit, Friedrich Wilhelm III. seinen jüdischen Unterthanen ein Vaterland gab und die Erlau-bniß, es mit Gut und Blut zu vertheidigen. Es war nur noch der letzte Schritt übrig, der, wie man glaubte, nach der Besiegung Napoleons unfehlbar geschehen mußte; doch abermals zeigte es sich bei dem wichtigen Wendepunkte des Jahres 1815, daß die Hoffnung der Juden ausEmancipation mit den übrigen großen Hoffnungen des deutschen Vaterlandes allzusehr verschwistert sei, um einseitig befriedigt werden zu können. Der Art. 16 der deutschen Bundesacte versprach ein definitives Judengesetz; zugleich wurde den Juden die Erhaltung der bisher ihnen eingeräumten Rechte zugesichert. *) DaS definitive Bundesgesetz erwarten die Juden, die in der Hossnungsvirtuosität bekanntlich sehr stark sind, jedoch noch immer so vergeblich, wie — ihren Messias. Die Erhaltung ihrer bisherigen Rechte wurde von den Deutschen verschiedentlich verstanden. Von den dem französischen Gesetz unterthan gewesenen Staaten wurde sie dahin ausgelegt, daß man sie gänzlich umging, indem man Rechte, die eine listige Fremdherrschaft aufgedrungen hatte, keineswegs als wohlerworbene betrachten konnte. So verbarg sich der Egoismus und das wieber machtig werdende Vor- mtheil unter der populairen Hüll'e des Franzosenhasses. Mit der Rückkehr deS Aurfürsten kehrten Zopf und Judenzwang in Hessen wieder, und — es blieb AlleS beim Alten; die freien Städte fühlten sich erst wieder frei, als sie ihre jüdischen Mitbürger abermals für Unfreie erklarten und ihnen nur die schmerzliche Erinnerung ließen, daß die Zeiten des allgemeinen Unglücks für sie die Zeiten des Heils gewesen seien. Bemerkenswerth in dieser Beziehung ist der Einspruch des lübecker Senats und die den Ansprüchen der Juden günstige Antwort deS Fürsten von Hardenberg.— Die ehemaligen Rheinbundstaaten fühlten das Bedürfnis ihre gewaltsam improvi- sirten Verfassungen selbständig zu verändern. In Würtemberg hatte die willkürliche Aufhebung der alten Verfassung des Herzogthums den parlamentarischen Geist geweckt,und nirgend wurde das Verfassungswerk und somit auch die Angelegenheit der Juden von Seiten des Fürsten sowol als des Volks mit beharrlichem Emst erörtert, ^nzig in ihrer Art sind die Verhandlungen des Landtags von 1827, der unter den ungünstigsten Auspicien begonnen, höchst günstige Resultate ergab. Die würtem- bssgifchen Juden, größtentheils in den ehemals reichsritterfchafilichen Städten an- ' süssig, gehören zu den ärmsten und ungebildetsten Deutschlands; in der Kammer selbst regte sich der Judenhaß, der Jahrhunderte, freilich aber auch die ganze Höhe ber Zeitbildung, repräsentirt, und es ist durchaus ersichtlich, wie die liberale Op- . . *) Die Verhandlungen über die von den Juden verlangten Rechtsgewährungen mm wienor^Congresse s. in Klüber'S „Übersicht der diplomatischen Verhandlungen Weener Congrosses" (Frankfurt a. M. lölfl), S. S76 fg. 49* D, Red. 772 Emancipation der Juden Position der Kammer, welche die Regierung unterstützte, im Laufe der öffentlichen FB ^ ^ Verhandlungen und durch diese selbst allmälig die Oberhand erhalten habe; ein W de, neuer Beweis, daß in unfern Zeiten diese Angelegenheit nur mit Ernst und Nach- ^ hal ^ -)h druck öffentlich erörtert zu werden brauäst, um ihres Siegs gewiß zu sein. In Preußen widmete man zwar fortwahrend dem jüdischen Schulwesen wohlwollende Mig, ^ ' Aufmerksamkeit, doch schlummerte die verfassungsmäßige Ausbildung ihrer Rechte s, insktbeng^'' mit der Krankheit und dem Tode des Fürsten Hardenberg ein. Man schloß sie innerhalb der Grenzen des tilstter Friedens ein, indem man das preußische Bür- A ^ gerrecht nicht auf die Juden der neuerworbenen Provinzen ausdehnte, und außer- DderiiM ^ halb der Bestimmungen des Gesetzes vom Jahre 1812 noch mehre anomale, vor- '^den belhW l gefundene Judenrechte bestehen ließ. Man deutelte an den Versprechungen, die ^ gesclßcM man in einem Rausche mitfühlender Freiheitsliebe gegeben hatte, dessen der Nüch- Frage wcn terngewordene sich schämte, und weil in einer Angelegenheit, welche, der Natur der ^ eines Act Sache nach, ihrer endlichen Entscheidung zueilt, jeder Stillstand Rückschritt ist, so ein Actum sah man sich bald, weil man nicht vorschritt, zum Rückschritte gezwungen. Nicht ^ ^ Am allein, daß die nähere gesetzliche Bestimmung des Art. 9 der Verordnung vom ^7,.^-ucM 11. März 1812 nicht erfolgte, tvurde auch derjenige Theil des Art. 8, der die s Befugniß zu akademischen Lehr- und Schulämtern ausdrücklich zusichert, durch ^" 7 eine königliche Cabinetsordre vom 18. Aug. 1822 zurückgenommen. Durch den tz. 89 der neuen Städteordnung vom 1.1831 wird den Juden gleichfalls die Be- kliM^rch ung fähigung zu Bürgermeisterstetten entzogen. Dies war für sie um so betrübender, -»Den gem.M als die Städteverfassung bisher der einzige politische Wirkungskreis war, inner- «chdiehmtnümg halb dessen sie ihre vollen Staatsbürgecrechte ausübten, und die Rücknahme einer Mziehm und geg Befugniß, die der Gipfel der bürgerlichen Functionen ist, alles Andere illusorisch ,^er, das eine En machte. In diesen Misverhältnissen hat die Angelegenheit der Juden in Deutsch- '»ülmehr wesentlich land bis auf die Juliusrevolution fortgekränkelt, die mit dem wiedererwachten Ver- V emancipiren bm fassungswerke auch jene überall zur Sprache brachte. Am meisten Ernst ist es der " Emanchatwn de patriotischen Kammer in Baden gewesen, und wahrscheinlich wird diese Angelegen- A ausgeführt werde heit auf dem nächsten Landtag erledigt werden. In der bairischen Kammer ist in wenn die Zudi dem Maße wenig geschehen, als tönende und großmüthige Reden gehalten worden sind; auch in Hanover (Rath Schlegel's Rede) und in Braunschweig (Gürtel's Ge- such an Herzog Wilhelm) sind mindestens einige Schritte gethan worden. In de. WrglMM^ Sachsen sprachen die Stände bei den Verhandlungen über die Gründung der neuen ÄZso feindselig^«. Verfassung 1831 einstimmig den Wunsch aus, daß die Verhältnisse der jüdischen somüssm^.- Glaubensgenossen in der nächsten Ständeversammlung festgestellt werden möchten, ÄMg ^ ^' und der ß. 33 der Versassungsurkunde wurde nach ihrem Vorschlage geändert, um ^Merdesj^,^ fernere gesetzliche Bestimmungen nicht auszuschließen, obgleich die Juden nicht aus- drücklich genannt werden. *) In der allgemeinen Städteordnung vom 2. Febr. ^ ^ *) Der Abgeordnete der Universität Leipzig hatte in seiner besondern Abstimmung ^ (s. Landtagsactcn von 1831, 4. Bd., S. 1935 und 1936) den Antrag gemacht, der der x Juden „als einer achtbaren Classe der sächsischen Staatsbürger" zu erwähnen, auf Äßr^ ähnliche Weise, wie es in der Bundesacte geschehen, und in die Verfassungsurl unde ^ die Bestimmung aufzunehmen, daß in einem organischen Gesetze auch diejenigen Maß- regeln festgestellt werden sollen, welche zu einer „allmäligen" Erweiterung und end- ' lichen Gleichstellung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden am geeignetsten erscher- ^llc^ w ^ nen In der Begründung dieses Antrags wird bemerkt, daß es bei dem unter der Mehrzahl der Juden bis jetzt sich zeigenden Nationalkastengeist und bei der dadurch H- factisch gezogenen Scheidewand und fortwährenden Entfremdung zwischen beiden Glau- i^^ichh^» ^ benspar'teien unausführbar sei, den Juden „sofort ganz gleiche" bürgerliche und po- ^ -ü, M'3t litische Rechte mit den Christen zu gewähren, und daß die Gleichheit der bürgerlichen ^ ^ und politischen Rechte, ganz verschieden von der Gleichheit aller Menschen im Sinne ^lNcin, der Moral und des Christenthums, bis zu einem gewissen Grade Gleichheit der Gc- l ^ sinnungen und Interessen, und daher, bei der Rückwirkung des Glaubens aus die > ^ Moral, sowie auf das Leben und Handeln, eine nicht zu große, die Gemuther tren- ^ ^ nende Ungleichheit des Glaubens nothwendig erfodere. D. Ned. Emancipation der Juden 77.3 »1 5 .j >/.F 1832 wird aber (tz. 41) bestimmt, daß nur Bekenner des christlichen Glaubens das Stadtbürgerrecht erwerben können, und daß es wegen der Israeliten „noch zur Zeit" bei den bisherigen hinsichtlich ihrer geltenden Anordnungen bleiben solle. Dagegen hat die Sache der jüdischen Emancipation durch den von den hessen- kasselschen Ständen am 26. Mai 1832 erörterten Gesetzentwurs, wonach dieselbe vollständig, ohne Clause! und Vorbehalt, als der in der Natur der Sache begründet ist, ins Leben getreten, den ersten entscheidenden Sieg in Deutschland davongetragen. Daß aber gerade Kassel den Reigen anführt, ist um so wichtiger, als dort nicht Theorie, wie die Gegner meinen, sondern die Erfahrung von sechs Jahren neben der innern Notwendigkeit auch den praktischen Nutzen einer Gleichstellung der Juden bethätigt hat. Aus dieser geschichtlichen Übersicht geht demnächst hervor, daß es sich bei der vorliegenden Frage weniger um die Bewilligung einzelner Rechte, als um die Anerkennung eines Factums handelt, sowie die Preßfreiheit ebenfalls kein Recht, sondern ein Factum ist. Wir überheben uns daher der unnützen Mühe, noch einmal alle die Gründe für die Emancipation der Juden zusammenzustellen. Um jedoch zu einer klaren Anschauung von dem Zustande der öffentlichen Meinung, wie er sich bei der jüngsten Anregung dieser Frage in den Debatten der Kammern und in der Literatur aussprach, über diese Angelegenheit zu gelangen, fügen wir eine Darstellung der vorzüglichsten Einwürfe bei, die den Vertheidigern der Emancipation gemacht werden: 1) Die frommen Gemüther, die ehrenwerthe- sten, aber auch die hartnäckigsten Gegner, weil sie sich gern in die Enge ihres Gemüths- lebens zurückziehen und gegen jeden allgemeinen Gedanken mistrauisch sind, meinen noch immer, daß eine Emancipation der Juden dem Christenthume zuwider sei. Es ist vielmehr wesentlich das Christenthum, welches durch seine eigne Kraft die Juden zu emancipiren berufen ist; denn sowie es die Seelen erlöst hat, so kann euch die Emancipation der Menschheit nur in ihm gedacht, nur von christlichen Staaten ausgeführt werden. Es ist vollkommen wahr, was Einige eingewendet haben, daß, wenn die Juden noch im Besitz eines selbständigen Staats wären, sie die unter ihnen wohnenden Christen nicht emancipiren würden; aber ebenso unwahr und kindisch ist die Folgerung, daß nun auch den Christen ein Gleiches freistehe. Wir glauben keineswegs, daß die Juden auf dem jetzigen Standpunkt ihrer Bildung so feindselig handeln würden; sobald aber von einem jüdischen Staate die Rede ist, so müssen wir sogleich Ausschließung und Absonderung als die wesentliche Bedingung einer solchen politischen Existenz anerkennen. Aber eben weil dies der Charakter des jüdischen Staats war, darum ist er nicht mehr, darum hat das verallgemeinernde Christenthum ihn überholt und mit Recht die Weltherrschaft erworben, darum darf es aber auch seiner ursprünglichen Bestimmung nicht untrer« werden, ohne sich gegen sich selbst zu empören. Wahrhaftig, der denkt klein vom Christenthums, der es durch die große Aufgabe der Zeit, b-ürgerliche und religiöse Freiheit für Jedermann, gefährdet glaubt; denn er würde ja zugeben, daß die Erstehung der Menschheit, die nach diesem Ziele nothwendig hinstrebt, nicht innerhalb des Chriftenthums und durch dasselbe vollbracht werden könne, daß es dazu ktwa einer neuen Religion bedürfe, wie z. B. der abftracten Träumereien des ^aint-Simonismus. Wie soll man aber hoffen, diese Gewissenhaftigkeit stommer Ettlen zu beschwichtigen, wenn man sogar in England, wie uns das reriew" (Nr. 104) berichtet, den merkwürdigen Skrupel angeregt hat, ob man "icht durch eine Emancipation der Juden die ausdrückliche Prophezeiung Jesu Christi höchst gottlos zu Schanden mache, daß dies Volk ewig zu wandern bestimmt sei ? — 2) Aus dieser frommen Ängstlichkeit geht zunächst die Bekchrungs- stcht hervor. Bereits seit 1809 besteht in London eine Gesellschaft zur Beförderung der Judenbekehrung. Dieses Streben hat sich in einer der ersten deutschen 774 Emancipation der Juden Hauptstädte, in Berlin, völlig organisirt, und später auch in Dresden die Errich. rung einer auf diesen Zweck berechneten Anstalt ins Leben gerufen. Wenn man auch nicht die höhere Ansicht theilt, die der Fürst Hardenberg in dem schon früher ange- führten Schreiben an den Senat von Lübeck so unumwunden ausspricht, daß nur ^ durch die Wegräumung der bürgerlichen Ungleichheit den Juden der Übergang zum Bessern „auf dem milden Wege der Überzeugung" möglich gemacht werde, bedeute^ bevor mnße i», wl) so kann man sich doch in der Praxis von den höchst unmoralischen und UN . Y christlichen Wirkungen jener Bekehrungsanstalten überzeugen, die der from- ^ men Absicht ihrer Stifter so wenig entsprechen. Wenn mit den heiligsten religiösen '^Ml aller deu Überzeugungen Handel getrieben wird, so ist schwer zu entscheiden, wer die größere Mßvndene r Schuld trägt: der sie feilbietet, oder der sich zum Kaufe verlocken läßt? — 3) Eine ^ andere Partei, absichtsvoll und sophistisch, verwirft mit rationalistische? Keckheit jede religiöse Bedenklichkeit, und behauptet dagegen, indem sie die Frage als eine durchaus politische betrachtet, daß die Juden alsFremde in den europäischen Staatsverband nicht aufgenommen werden könnten. So Peel in seiner Rede wider die ... . Grant'sche Bill, so Paulus in dem Sendschreiben, das er bei Gelegenheit der Verhandlungen der badischen Kammer im „Sophronizon" und auch unter dem Ti- ' m die uns rel: „Die jüdische Nationalabsonderung nach Ursprung, Folgen und Besserungs- Ä MMn nur Mitteln" (Heidelberg 1831), bekannt machte. Abgesehen davon, daß große und Äatunnutz. Wenn mächtige Staaten diese Fremdheit nicht mehr gelten lassen, so ist zweierlei dagegen «l niedrigem Zlus zu erinnern; erstens, daß ein bürgerlich Fremder anderswo eine Heimath haben Hur die Versolgun müsse, die Juden aber, als solche, nirgends einheimisch seien, und zweitens wird Hr Entartung Sch gerade durch diesen Einwurf die Sache umgangen; die Juden fodern ein Recht, und ^ Hl sich dann v> man erwidert ihnen mit einem Zustande; dieser Austand der Fremdheit, in wel- Zuerst Aushebt!! chem sie sich allerdings gegenwartig befinden, soll ja eben aufgehoben werden und Geruhen; denn n einem zeitgemäßem weichen. Es ist eine den höhern Begriffen vom Staatsleben iß ^ sein Ernst m durchaus zuwiderlaufende Idee, daß der Staat eine Classe von Unterthanen, die Dlreich vollendet u sich seit Jahrhunderten seinen Gesetzen unterworfen, sein Glück und Unglück ge- DzsisH ^ rheilt hat, als Fremde betrachtet und dadurch ein von ihm selbst gebilligtes bestän- ilmWhrM sM' diges Beispiel seiner eignen Desorganisation aufstellt, der Möglichkeit einer an- ^ dern Existenz als im Staate. Sowie es seine Pflicht ist, seine Bürger zum Ge- horsam gegen die Gesetze zu zwingen, so ist es seine heiligere Pflicht, diejenigen erich^.A^ Unterthanen, die noch keiner Bürgerrechte genießen, zum Bürgerthume zu zwingen. Weil das Mittelalter seinem Princip gemäß die Juden haßte und mordete, eben darum muß die neuere Zeit sie emancipiren, wenn sie sich ebenso treu sein , will. Die Beschuldigung der politischen Fremdheit ist aber nun einmal gerade , ^re Ziu an der Tagsordnung, und da man in unserer Zeit nicht füglich mehr die Anklage ^ 'Halten. A gegen die Juden erheben kann, daß sie Christenkinder schlachten, die Brunnen ver- ^ "Wicher H giften, die Saracenen ins Land rufen, so sucht man in jenes eine feindselige ^ "WOil vo Wort alle mögliche Gehässigkeiten zusammenzudrängen. Die verblichenen Gespcn- . ^ H ^ ^ Auch hier Indern, dieLrtl ster aus Eisenmenger, Schudt, Chiarini werden ans helle Licht des TagS citirt, aufgeraffte Sätze, aus allem logischen und, was noch weit wichtiger ist, aus allem historischen Zusammenhange gerissen, sollen die öffentliche Meinung irre führen *), ^ ^ ^ das jüdische Cercmomalgesetz, das doch lediglich dem Gewissen des Einzelnen an- heimgestellt werden muß, und so wenig wie das katholische der Entscheidung des ^ Staats anheimfallt, wird als unübersteigliche Schranke hingestellt. Dazu gesellen - H^der^ . l sich die Poetischen, die sich den heurigen Juden aus mittelalterlichen Sagen con- *) Alle solche Anklagen sind vielfach widerlegt worden; es kommt aber wesentlich Hke^/^ darauf an, daß sich die Wissenschaft des geschichtlichen Stoffes bemächtige, der als- "Urch ox..- IN dlt- ?>d. . dann, einem Jeden zugänglich, für sich selber zeugen wird. Wir verweisen in die- d,'? ier Beziehung aiifZunz's „Geschichte der gottcsoienstlichen Vorträge bei den Juden e-. ^Berlin UN. kttiri Emancipation der Katholiken in England 775 struiren; endlich die sogenannten Altdeutschen, die, um die gute alte Zeit vollständig zu haben, wie im August 1819, die Judenversolgungen des Mittelalters tauschend portraitiren — jene beschrankten Köpfe, die ihre Freiheitsfackel am liebsten an einem Autodafe entflammt hatten. Man darf sich nicht wundern, daß so verschiedenartige Parteien sich gerade in dieser Ansicht vereinigen, indem der eigentliche Kern derselben der alte Judenhaß ist, der nur die Farbe seiner Partei trägt. — 4) Nicht ohne bedeutenden Einfluß ist die Besorgniß vor der Mitbewerbung der Juden im Verkehr. ^ Wird aber durch Aufhebung der seitherigen Schranken der Kreis der Gewerbthätigkeit für sie erweitert, wird die Emancipation der Juden allgemeine Maßregel aller deutschen Staaten, so muß die, eben durch Beschränkungen hauptsächlich entstandene vorherrschende gewerbliche Richtung derselben, aus welcher jene Besorgniß besonders hervorgeht, von selbst sich verlieren. — 5) Eine andere sehr folgenreiche Ansicht ist die, daß die Juden zum Bürgerthum erzogen werden müßten, bevor man sie daran Theil nehmen lasse. Dieser irrige Grundsatz hat auch in Würtemberg, wo er in der Kammer vorwaltete, die Mängel des dortigen Gesetzentwurfs verschuldet. Man sagt, die Juden seien unfähig zum Bürgerthum. M? Nein, nur die Unfähigen, der Pöbel. Gibt es bei den Christen keinen Pöbel? Oder sollen nur gebildete Leute Staatsbürger werden dürfen? Dann wäre j der Staat unnütz. Wenn wir aber auch zugeben wollten, daß die Juden sich auf einer weit niedrigem Stufe der Cultur befinden als ihre christlichen Mitbrüder, so ! ist doch nur die Verfolgung von Seiten der Christen, die Ausschließung vom Staat, ^ an dieser Entartung Schuld. Die Emancipation muß vorangehen; die Erziehung ergibt sich dann von selbst, „denn Bürgerfreiheit erzieht zur Bürgertu- ^ gend". Zuerst Aufhebung aller früher bestandenen Judenrechte, die ja alle auf Willkür beruhen; denn wer erst mit einer Revision alter Judenordnungen anfängt, dem ist es kein Ernst mit der Emancipation. In diesem Geiste ward das Werk in Frankreich vollendet und in Preußen begonnen. Man lerne doch nur die Con- > sequenz fassen, daß, sobald das Wort Emancipation ausgesprochen ist, es keine Juden mehr gibt, sondern nur Bürger, und für alle Bürger gilt das gleiche Gesetz. — 6) Auch unter den Juden selbst gibt es Gegner der Emancipation, was um so weniger übergangen werden darf, als nicht selten der Gesammtheit derselben der infamirende Vorwurf gemacht wird, daß sie selbst gar nicht emancipirt sein wollen. Auch hier sind es die Extreme, die sich von dem gemeinschaftlichen Interesse absondern, die Orthodoxen sowol als die auf der äußersten Linken, die vermöge ihrer Stellung ö-hre Ausschließung nicht mehr fühlen und daher die ganze Sache für abgethan halten. Wenn wir aber gleichwol behaupten, daß die Juden nach diesem Acte bürgerlicher Gleichstellung bangen und seufzen, der die mehrtausendjährige Muthlosi'gkeit von ihren geächteten Häuptern nehmen soll, so zählen wir die Juden nur nach den Einsichtsvollem und Edlern unter ihnen, welche das Interesse ihrer Stammgenossen der Idee nach vertreten.— Wir machen noch auf eine neue Zeitschrift aufmerksam, welche einen Centralpunkt für die Angelegenheit der Juden bilden wird.- „Der Jude. Periodische Blatter für Religion und Gewissensfreiheit", herausgegeben von vr. G. Riesser (Altona 1832). (59) Emancipation der Katholiken in England. Um die ganze Wichtigkeit der großen Maßregel zu übersehen, welche endlich durch die Parlaments- acle vom 13. April 1829 (^.n act ior tlle reliek ok His Vlajest/s Roman tüatllo- bc susijects) zu Stande gekommen ist, nachdem die einflußreichsten Minister sich flst 50 Jahre hindurch vergebens zu diesem Zwecke bemüht hatten, ist es nöthig, die bis dahin gegen die Katholiken in England gegebenen Gesetze zusammenzustellen. Sie gehen bis auf die Zeit der Reformation zurück, indem schon Heinrich VIII., als er, ungeachtet seiner Anhänglichkeit an das katholische Glau- ! benssystem, sich von der kirchlichen Gewalt des Papstes frei machte, und zum Ober- 776 Emancipation der Katholiken in England Haupt der englischen Kirche erklärte, den Anfang dazu machte. Nachdem das Parlament die Ehescheidung desKöm'gs ausgesprochen hatte (1531), wurden im nächsten Jahre dem Papste die Annaten (Einkünfte des ersten Jahres) von den englischen Kirchenämtern entzogen, dann 1533 alle Appellationen an den Papst in Kirchensachen verboten und endlich 1534 die Ernennung der Bischöfe und Erzbischöfe den Capi- teln auf königliche Empfehlung (also eigentlich dem Könige), und alle sonst vom Papst eingeholten Dispensationen dem Erzbischof von Canterbury übertragen. Wider Die, welche gegen diese kirchliche Souverainetät des Königs handelten, wurden die strengsten Strafen verhangt, und die Macht der Geistlichkeit in England dadurch sehr vermindert, daß zuerst 376 geringere Klöster, dann aber (1540) auch die infu- lirten Abteien und Prälaturen aufgehoben wurden. Die eigentlichen strengen Strafgesetze gegen die Katholiken wurden jedoch erst unter der Königin Elisabeth gegeben, und es ist dabei allerdings nicht zu vergessen, daß die Königin vom Anfang bis zum Ende ihrer Regierung von der katholischen Partei angefeindet und bedroht wurde. Gleich nach ihrer Thronbesteigung verlangte der Papst Paul IV. von ihr, daß sie den königlichen Ti^el ablegen, und ihre Ansprüche seiner Entscheidung unterwerfen solle. Die erste Parlamentsacte ihrer Regierung sing dagegen mit der Verordnung an, daß alle im Amt stehende Geistliche und alle weltliche Beamte der Krone einen Eid des Inhalts ablegen solltene daß sie die Königin für die oberste Regiererin des Landes in geistlichen und weltlichen Dingen erkennten und keinem auswärt«- gen Fürsten, Prälaten oder andern Person, Stand oder Potentaten irgend eine Gerichtsbarkeit, Gewalt, Obrigkeit oder Autorität, weder im Geistlichen noch im Weltlichen, innerhalb des Reiches zugestünden; und daß sie der Königin und ihren Erben treu und gehorsam sein, auch ihre Gerichtsbarkeit, Vorrechte u. s. w. aus allen ihren Kräften vertheidigen wollten (Supremateid). Alle Geistliche, welche diesen Eid nicht leisteten, mußten ihre Stetten verlassen, was 16 Bischöfe, 100 höhere Geistliche und 80 Pfarrer wirklich thatcn- Zugleich wurde bei Strafe der Con- siscation und im dritten Begehungsfalle bei lebenslänglichem Gefängniß verboten, einen unbeeidigten Geistlichen zu einer kirchlichen Handlung zu gebrauchen, und ein Schilling Strafe darauf gesetzt, an Sonn- und Festtagen aus der Kirche wegzubleiben. Diese Statuten sind die Grundlage aller der Gesetze, wodurch nicht allein die protestantische Kirche gegen die oft erneuerten Versuche der päpstlichen Partei geschützt, sondern auch die Regierung der Königin, welche mit dem protestantischen Interesse so eng verbunden war, gegen die Unternehmungen ihrer politischen und religiösen Feinde vertheidigt werden sollte. Durch eine Parlamentsacte (zu besserer Sicherstellung der königlichen Gewalt über die Länder und Unterthanen der Königin; 5. Elis. C. 1) wurde 1562 der Supremateid weiter ausgedehnt, indem ihn auf Verlangen eines Bischofs oder besonderer dazu ernannter Commissarien Alle zu leisten gehalten sein sollten, welche die Ordination als Geistliche, oder eine akademische Würde erhalten hatten, oder als Sachwalter bei den Gerichten zugelassen worden waren, oder irgend ein Amt bei den Gerichten bekleideten; ferner alle Schulle-H- rer und Privatlehrer der Kinder. Wer diesen Eid nicht leistete, oder in Reden, Schriften, Zeichnungen die Autorität des Papstes vertheidigte, sollte zum ersten Mal mit den Strafen des kirchlichen Ungehorsams gegen die Regierung (praemunire) belegt werden, d. h. fein Vermögen sollte der Krone verfallen und seine Person derselben zu willkürlicher, auch lebenslänglicher Einsperrung überlassen sein; im Wiederholungsfalle sollte die Strafe des Hochverraths (Viertheilen) eintreten. Nur zu den weltlichen Loros hegte die Königin ein so gutes Zutrauen daß sie den Eid von ihnen nicht foderte. Das nächste Parlament (1570) sing seine Sitzung wieder mit Strafgesetzen gegen Diejenigen an, welche die Rechtmäßigkeit der Regierung in Worten oder Thaten bestreiten würden. Es sollte unter Anderm als Hochverrath gelten, wenn Jemand die Königin eine Ungläubige oder eine Ketzerin nennte. Dann kamen .--n die An" ^?'kMleich" 'K «d^Mde MM"" ".... abtuend .MMN und eine M Mi" eine .und NM 12 «-> . n, Einen Schull mt 10 Pfund ge Dettingen zu Gunsm .D der Krieg >ck Spn Wüsche Geistliche jchlische WMe Ämr zu Douni stin Msiein Rom, um Msiemmom, um chn, Auch Jesuiten W.U. C.ygeri WtrchdezHochm ni dasselbe betteten. A Oase gesetzt. Alleen I Teminnr e""-""» ÄuMtnlt schicken. mMAmn Eides UlW.M'hW- chn mit dieser Mch zurück^.,,, Ä ' ' dieses m Emanzipation der Katholiken in England 777 Verordnungen gegen die Anmaßungen des römischen Stuhles. Eine Bulle, Dispensation, Absolution, Reconciliation vom Papste auszuwirken oder zu gebrauchen, sollte Hochvermth sein; wer katholische Gebetbücher, ein Agnus Dei, Kreuze, Bilder, Rosenkränze und dergleichen abergläubige Dinge nach England brachte, oder sich geben ließe, sollte in die Strafe eines Pcämunire verfallen. Niemand sollte bei Verlust seines beweglichen Vermögens ohne Erlaubniß der Königin aus dem Lande reisen, um die Verbindungen mit der schottischen und katholischen Partei zu erschweren. Alles das wurde 1580 geschärft. Für Hochverrath wurde erklart, wenn Jemand einen Andern von dem Gehorsam gegen die Königin und in dieser Absicht von der englischen Kirche abwendig zu machen suchte, oder sich selbst lossagte. Eine Messe zu lesen, wurde bei 200 Mark Strase und einjährigem Gefangniß, eine zu hören mit gleichem Gefangniß und 100 Mark Strafe verboten. Alle, welche über 16 Jahr alt waren und einen Monat lang die englische Kirche versäumten, sollten um 20 Pfund, und wer 12 Monate die Kirche nicht besuchte, um 200 Pfund bestraft werden. Einen Schullehrcr zu gebrauchen, welcher die Kirche versäumte, sollte monatlich mit 10 Pfund gebüßt werden. Als die Umstände dringender wurden, Verschwörungen zu Gunsten der Königin Maria von Schottland angezettelt wurden, und der Krieg mit Spanien ausbrach, kamen noch mehre Verordnungen hinzu. Katholische Geistliche aus England flüchteten nach den Niederlanden, wo sie ein Seminar zu Douai stifteten, das nachher nach Rheims kam, und ein anderes errichteten sie in Rom, um die Katholiken in England von da aus mit Priestern zu versehen. Auch Jesuiten kamen nach England. Dagegen ist das Statut von 1584 (27. Elis. C. 1) gerichtet. Alle katholischen Priester sollten binnen 40 Tagen bei Strafe des Hochverraths das Land verlassen, und Keiner, bei gleicher Strafe, ferner dasselbe betreten. Auch auf die bloße Aufnahme eines Priesters ward die Todesstrafe gesetzt. Alle englischen Unterthanen, welche in einem auswärtigen Stift oder Seminar erzogen wurden, sollten sofort zurückkehren, und Niemand sollte seine Kinder oder Pflegebefohlenen ohne besondere Erlaubniß in eine auswärtige Erziehungsanstalt schicken. Der Begriff eines widerspenstigen Papisten, welcher die vorgeschriebenen Eide verweigert, ward in einem Statut von 1586 aufgestellt, und sowol durch die Gesetze der Königin Elisabeth als auch einige spätere von 1603, 1605,1609,1627,1673,1678, 1689,1699, wurden eine Menge nachtheiliger Folgen mit dieser Widerspenstigkeit verknüpft. Der rechtliche Austand der Katholiken war demnach folgender l 1) Bloß als Bekenner der römisch-katholischen Religion waren sie unfähig im Parlamente zu sitzen; l>e konnten keine Landereien erwerben,sei es durch Erbrecht odn aufandere Weise,wenn nicht nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre den Supremateid ablegten, und der nächste Erbe konnte, wenn er Protestant war, den Genuß der Güter verlangen. Sie mußten nach erreichtem einundzwanzigsten Jahre alle ihre Güter registriren lassen; sie durften kein Patronatrecht ausüben, ein solches ihnen zustehendes Recht auch keinem Andern überlassen; sie mußten doppelte Grundsteuer'bezahlen; sie sollten keineSchule Hullen oder Lehrer an einer Schule sein, bei Strafe lebenslänglichen Gefängnisses; Messe zu lesen oder zu hören ward mit einjährigem Gefangniß, und jenes außerdem mit 200, dieses mit 100 Pfund Geldbuße bestraft; wer ein Kind in eine auswärtige katholische Erziehungsanstalt schickte, oder in ein auswärtiges Seminar trat, oder eine solche auswärtige katholische Anstalt unterstützte, war unfähig vor Gericht aufzutreten, Executor, Vormund oder Güterverwatter zu sein, ein Amt zu bekleiden, und sollte sein bewegliches Vermögen, sowie den Genuß seines Landei- Mthums verlieren. Auf den Abfall zur katholischen Religion und der förmlichen Aussöhnung (reconciliation) mit der römischen Kirche war die Todesstrafe gesetzt. 2) Die überführten Widerspenstigen (popisü reciuants) *) sdllten überdies als Ex- 9 Die Gesetze gegen andere Glaubensgenossen, welche der englischen Kirche de» 778 Emancipation der Katholiken in England communicirte betrachtet werden; jedes Amtes unfähig sein; als Advokaren, Notarien und Ärzte nicht prakticiren; keine Waffen in ihren Hausern haben, auch kein Pferd von mehr als 5 Pfund Werth besitzen; bei Strafe von 100 Pfund auf 10 Meilen von London entfernt bleiben; keine gerichtliche Klage erheben können; bei Verlust ihres Vermögens ohne besondere Erlaubniß sich nicht über 5 Meilen vom Haufe entfernen, und bei Strafe von 100 Pf. nicht an den Hof kommen; sie waren von den Wahlen ausgeschlossen; Trauungen, Begrabnisse, Taufen sollten sie bei schweren Strafen nur durch Geistliche der englischen Kirche vollziehen lassen. Eine verheirathete Frau verlor als Widerspenstige zwei Drittheile ihres Witthums oder Leibgedinges und konnte wahrend der Ehe eingesperrt werden, wenn ihr Mann nicht monatlich 10 Pfund für sie bezahlte, oder den dritten Theil seines Grundbesitzes abtrat. Wer nach der ersten Verurtheilung nicht binnen drei Monaten seinem Glauben entsagte, sollte das Königreich meiden; und auf Rückkehr oder Dableiben stand Todesstrafe. Diese Gefetze wurden 1679 insofern etwas gemildert, als eine mildere Art von Widerspenstigkeit aufgestellt wurde. 3) Die katholischen Priester, welche geborene englische Unterthanen waren, sollten, wenn sie sich über drei Tage in England aufhielten ohne sich zu unterwerfen und die Eide abzulegen, als Hochverräther, und Diejenigen, welche ihnen Zuflucht gäben, mit dem Strange bestraft werden. Nach einem Gesetz von 1679 (11. Wilhelm und Maria C.4) sollte jeder katholische Geistliche, welcher eine kirchliche Handlung vornahm, mit lebenslänglichem Gefangniß bestraft werden. Freilich wurden alle diese Verordnungen nicht in ihrer ganzen Strenge vollzogen. Unter der Königin Elisabeth wurden zwar wirklich 191 (nach dem Katholiken Milner 204) Menschen hingerichtet; 15 weil sie die Souverainetät der Königin nicht anerkennen wollten, 126 weil sie ihr geistliches Amt in England ausgeübt hatten, die übrigen weil sie sich mit der römischen Kirche aussöhnen (Reconciliation ertheilen) ließen. Viele andere starben in den Gefängnissen; die Tortur wurde sehr häusig angewendet; noch Mehre verloren ihr Vermögen. In der Folge aber wurden die Gesetze mit Nachsicht vollzogen, und zumal in Irland blieb fast die ganze Bevölkerung katholisch. Es kamen jedoch unter Karl II. gleich nach der Restauration (1661 und 1673) noch zwei Verordnungen hinzu, welche auch die Katholiken trafen, obgleich sie gegen alle von der englischen Kirche abweichenden Glaubensparteien gerichtet waren; nämlich 1661 die Corperationsacte, vermöge deren Niemand zu einem Amte bei der Verwaltung einer Stadt oder Corporation erwählt werden sollte, wenn er nicht im Laufe des letzten Jahres das Abendmahl nach dem Ritus der englischen Kirche genossen hatte und zugleich bei seinem Amtseide auch den Unterthanen- und Supremateid ablegen würde; und 1673 die Testacte (25. Karl II. C- 2), nach welcher alle königliche. Civil- und Militairbeamte (OMcers) in England, Wales, Berwick, Jersey und Guernsey und in der Ma-rine binnen sechs Monaten nach ihrer Anstellung den Eid und die Erklärung gegen die Transsubstantiation ablegen, und das Abendmahl nach dem Ritus der englischen Kirche empfangen sollten, bei Strafe der Unfähigkeit zum Dienst und einer Geldbuße von 500 Pfund. Dadurch waren die Katholiken auch von allen Ämtern und Stellen ausgeschlossen. Eine solche Gesetzgebung konnte nicht einmal damit entschuldigt werden, daß die Katholiken zugleich eine der Verfassung Englands und der regierenden Dynastie feindselige Partei bildeten, und eine katholische Familie auf den Thron Englands Ansprüche machte. Sie war, wo möglich, noch ungerechter in Irland, wo das Volk fast durchaus katholisch war, und wo, nachdem Jakob II. dort im Wege der Dispensation eine Zeitlang fast alle Gesetze beseitigt und die meisten Ämter mit Katholiken besetzt hatte, eine desto härtere Reaction unter Wilhelm III. eintrat. Auch dort Gehorsam weigerten (Protestant recussnts) wurden durch die Toleranzacte von 16^9 (unter Wilhelm III.) aufgehoben. Dl Dt SS? ÄMWt der« at selbst in MM genehmigt > Zuordnungen traf au Huden Parteien, die .ten sie so weit Wilder Verhalten konnten, M.mIMsl.A M Versäumnis de> »lmzen in Hinsicht T Pm) leisteten, die H Milche sich zu den Z! Me «de auch nicht Wm de ^Strusen gegen uileTt ^ stand nicht nur ein 4», daß durch eine du wieder Mtel r 5» Äst»« k« i»ud ^diestr », Ks:? ^diew^^Send^ 'üllinge Emancipation der Katholiken in England 7?9 wurden die englischen Verordnungen geltend gemacht, und noch strengere hinzugefügt. Heirathen zwischen Protestanten und Katholiken wurden verboten; alle Pupillen mußten protestantisch erzogen werden. Katholiken konnten kein Grundeigenthum durch Kauf erwerben, sondern höchstens auf 31 Jahre in Pacht nehmen; wenn ihnen Land durch Erbschaft zufiel, sollten sie binnen 6 Monaten zur englischen Kirche übertreten, sonst siel dasselbe an den nächsten protestantischen Erben. Das irlandische Parlament hatte den Supremateid früher nicht angenommen; aber auch dort wurde derselbe 1691 eingeführt. Auch das Wahlrecht ward 1715 den Katholiken entzogen. Die bloße Ausübung der katholischen Religion, wozu sich 1672 von den 1,169,699 Einw. 999,999 bekannten, wurde jedoch in der Stille gestattet, und so kam es, daß eine vollzählige katholische Geistlichkeit in Irland, anfangs imGeheimen,zuletzt öffentlich und fast mitAnerkennung derRegierung,vorhan- den war. Neben den protestantischen vierErzbischöfenvonArmagh, Tuam,Cashel und Dublin bestanden vier katholische, ebenso 29 Bischöfe und die übrige niedere Geistlichkeit. Die Geistlichkeit der englischen Kirche aber hat reiche Einkünfte, die katholische hingegen muß von dem armen Volke selbst erhalten werden. An Vollziehung eines Strafgesetzes gegen katholische Priester ist lange nicht mehr gedacht worden, und die Regierung hat selbst die Errichtung einer großen Lehranstalt für katholische Geistliche zu Maynooth in der Nähe von Dublin, welche durch eine Parlaments- acte von 1795 genehmigt wurde, auf öffentliche Kosten veranstaltet. Ein Theil jener Verordnungen traf auch die übrigen von den Gebräuchen der englischen Kirche abweichenden Parteien, die Puritaner, Quäker und andere. In Ansehung ihrer wurden sie so weit gemildert, daß sie Mitglieder des Parlaments werden und andere Stellen erhalten konnten, vorzüglich durch die schon erwähnte Toleranzacte Wilhelms III. von 1689 (1. Wilhelm und Maria C. 18). Dadurch wurden alle Strafen gegen Versäumniß der Landeskirche und gegen heimliche gottesdieMiche Versammlungen in Hinsicht Derer ausgehoben, welche nur den Unterthaneneid(()atk ok ailegiance) leisteten, die Erklärung gegen das Papstthum unterzeichneten, und deren Geistliche sich zu den 39 Glaubensartikeln der englischen Kirche bekennen. Über das Letzte wurde auch nicht streng gehalten, und so war Allen, nur den Katholiken nicht, das Recht der Gewissensfreiheit gewährt. Die Versammlungshäufer aller Parteien bedurften nur der Anzeige bei den Staatsbehörden, um durch nachdrückli- cheStrafen gegen alle Störungen und Beleidigungen geschützt zu sein. Den Katholiken stand nicht nur ein allgemeines Volksvorurtheil, sondern auch die Furcht entgegen, daß durch eine bürgerliche Gleichstellung derselben die verbannte Familie der Stuarts wieder Mittel wo nicht zum Siege, doch zu Erregung von Unruhen und blutigen Auftritten finden könne. Diese Furcht war freilich schon beinahe verschwunden, als die beiden letzten Nachkommen des Stuart'schen Hauses, der Prätendent Karl Eduard (geb. 1729) und der Cardinal von Pork (geb. 1725) alte kinderlose Leute waren; sie erlosch gänzlich, nachdem Jener schon 1788 gestorben war, mit dem Tode des Letztern 1897. Das Volksvorurtheil blieb aber noch dasselbe. Der erste Versuch, den Katholiken einige Erleichterung zu gewähren, wurde erst unter der Regierung Georgs III. gemacht und erregte einen furchtbaren Aufstand. In der Parlamentssesston des I. 1779 — 89 (18. Georg III. C. 69) waren die strengen Gesetze gegen die katholischen Geistlichen und die Ausübung der katholischen Religion vorzüglich dadurch gemildert worden, daß der von den Katholiken zu leistende Eid anders als früher und so eingerichtet wurde, daß er die Glaubenslehre ganz unberührt ließ. Er enthält nämlich nichts als das Versprechen der bürgerlichen Treue gegen den König Georg III. und sein Haus, namentlich das Versprechen, die Regierung auch gegen die Person zu vertheidigen, welche sich des Titels eines Königs von England unter dem Namen Karls III. anmaßen wolle; ferner die eidlichen Erklärungen: 1) daß es unchriMch und gottlos sei, den Mord ei- 780 Emancipation der Katholiken in England ncs Menschen, unter dem Vorwande, daß er ein Ketzer sei, für erlaubt zu halten ; 2) daß der Schwörende nicht glaube, ein vom Papste oder einer Kirchenversammlung excommunicirter Fürst könne abgesetzt oder ermordet werden; 3) daß der Papst so wenig als irgend ein anderer Fürst oder Prälat irgend eine Jurisdiction, Gewalt oder Autorität, geistlich oder weltlich, im Königreiche habe; 4) daß diese Erklärung ohne eine Dispensation vom Papste oder einer andern Person gemacht werde. Wer diesen Eid leistete, sollte von den Strafen entbunden werden, welche den sich im Lande aufhaltenden katholischen Geistlichen und Lehrern der Jugend in den frühem Gesetzen angedroht wurden; und der Erwerb von Grundeigenthum wurde allen Katholiken, welche diesen Eid leisten würden, gestattet. Die übrigen Strafen blieben, und die Katholiken waren nach wie vor unfähig zu allen Ämtern, von dem Sitz im Parlament und dem Antheil an den Wahlen ausgeschlossen. So unbedeutend diese Bewilligungen auch noch waren, so fanden sie doch eine große Gegenpartei. Es wurde ein Verein gestiftet: die protestantische Association, dessen Zweck war, die Zurücknahme des Gesetzes zu bewirken; den heftigsten Widerstand aber erregte der damals dreißigjährige Lord Gordon, ein Bruder des Herzogs von Gordon. Dieser Mann, welcher Anfangs zum Seedienst bestimmt gewesen war, aber wegen eines Streits mit Lord Saville diese Laufbahn verlassen hatte, saß im Parlament und zeichnete sich durch einen allgemeinen Geist des Widerspruchs gegen Alles aus, es mochte von den Ministern oder von ihren Gegnern kommen. Am29. Mai 1780 übergab er eine mit mehren tausend Unterschristen versehene Petition um Zurücknahme jener Gesetze, und da man diese etwas verächtlich behandelte, als seien die Unterschriften wol nicht echt, so drohte er die Unterzeichner in Person vorzuführen, und hielt Wort. Er berief eine Volksversammlung auf den 2. Jun. nach St.-George-Fields, am östlichen Ende von London, wo sich wirklich eine Masse von beinahe 100,000 Menschen zusammenfand, entflammte sie durch heftige Reden und führte sie in drei verschiedenen Colonnen vor das Parlamentshaus. Auf dem Auge wurde die größte Ordnung beobachtet, vor dem Parlamentshause aber mit großem Geschrei die Abschaffung der fraglichen Gesetze verlangt, und mehre Pairs wurden persönlich gemishandelt. Das Haus blieb fest, die von Neuem vorgebrachte Petition wurde mit 192 Stimmen gegen 6 verworfen, und die Masse ging zwar ziemlich ruh'Ig aus einander, verübte aber doch an diesem Abende (Freitag) noch Unfug, indem sie drei katholische Capellen zerstörte, zu deren Erhaltung das Militair zu spät kam. Der Sonnabend verging ruhig; am Sonntag Abend sing aber der Unfug von Neuem an. Die Wohnungen mehrer Katholiken wurden geplündert, noch einige katholische Capellen ausgeleert und Altäre, Betstühle verbrannt. Dies ging am Montag (5. Jun.) so fort, zugleich aber kehrte sich die Wuth des Pöbels auch gegen Die, welche in den schon angefangenen Criminalpro- cessen als Zeugen auftraten. Viele wurden wegen der Theilnahme am Tumulte verhaftet. Am Dienstag hielt das Militair den Tag über die Masse ziemlich zurück; aber am Abend wurde Newgate in Brand gesteckt, die Gefangenen (gegen 300) in Freiheit gesetzt, die Wohnungen der Richter Hyde, Cox, Fielding, das Landhaus des Oberrichters Lord Manssield mit einer kostbaren, an Manuscripten und Urkunden reichen Bibliothek zerstört, das große Gefängniß in Clerkenwell aufgebrochen und die Gefangenen befreit. Die Garden gaben zwar Feucr auf die Auf- rührer, aber ohne ihnen großen Schaden zu thun. Am Mittwoch (6. Jun.) erreichte die Unordnung den höchsten Grad. Die Aufrührer ließen vorher anzeigen, wann sie kommen würden, um die Gefängnisse der Kingsbench, Fleet und Bridewell, und die Häuser mehrer reichen Katholiken zu zerstören. Gegen Abend standen alle bezeichnete Gebäude wirklich in Flammen; man zählte in der Mitte von London 36 zu gleicher Zeit brennende Stellen. Die Bank wurde zwei Mal angegriffen, auch das Zahlamt, aber durch das Militair vertheidigr. Am Donnerstag endlich Michas ' 58 Mdgefl Me> »BNMN AerS chnUnivch Äzebüh cknkch im M ß! !^'Ol»ch Emancipation der Katholiken in England 78? wurde der Tumult unterdrückt, nachdem Linientruppen und die Miliz in die Stadt gezogen worden waren. Dabei wurden 210 Menschen getödtet, und 75 starben in den Spitälern. Viele andere kamen aber sonst noch um, theils unter den brennenden und einstürzenden Gebäuden, theils durch den unmäßigen Genuß geistiger Getränke in einigen geplünderten Branntweinbrennereien. Mehr als 2000 wurden verhaftet, darunter auch Lord Gordon; der förmliche Proceß wurde 134 gemacht, davon 76 freigesprochen, 58 verurtheilt und 26 wirklich hingerichtet. Gegen Lord Gordon lagen sehr starke Verdachtsgründe vor, daß er die Massen aufgewiegelt habe, indessen wurde er doch freigesprochen. Die Sache der Katholiken ruhte nun bis 1790, wo abermals ein bedeutender Schritt geschah. Der Supremateid und die Erklärung gegen das Papftthum sollte von Niemand gefodert werden (außer daß der erste doch noch bei den Parlamentswahlen geleistet werden mußte, und daher in England kein Katholik in das Parlament kommen oder an den WahlenTheil n-ehmen konnte); und nur verschon 1780 vorgeschriebene, etwas schärfer abgefaßte Eid sollte geleistet werden. Unter dieser Bedingung wurde die stille Religionsübung (ohne Glocken) und die Erziehung der Jugend freigegeben, doch sollte kein Katholik Mitglied oder Lehrer an einer englischen Universität sein. Die Katholiken, welche sich als solche angäben, wurden von der Strafe der Kirchenversäumniß entbunden; sie bekamen die Erlaubnis, Grundstücke zu erwerben; die doppelte Landtaxe ward aufgehoben; die Katholiken sollten Advokaten, Notare und Procuratoren werden können. Allein nicht bloß vom Parlament und den Wahlen (in England) blieben sie ausgeschlossen, sondern auch von allen vom König besoldeten Ämtern und Stellen am Hofe, in der Staatsverwaltung, der Armee und der Marine. Die Katholiken mußten den Zehnten und die Stolgebühren an die protestantische Geistlichkeit entrichten. Vermächtnisse zu Gunsten katholischer Stiftungen und Schulen blieben nach wie vor verooren. In Irland mußte man, wegen der dortigen Verhältnisse, nach welchen fast die ganze Volkszahl der katholischen Religion angehörte, allerdings noch weiter gehen, zumal als man den Plan aufgenommen hatte, die besondere Verfassung Irlands aufzuheben und es ganz mit England zu vereinigen, was bekanntlich durch die Unions- acte vom 2. Jul. 1800 (39. und 40. Georg III. E. 67) geschehen ist. Früher schon wurde ihnen der Besitz von Grundstücken unter mancherlei Formen erleichtert; durch Gesetze vom 1.1781 wurde ihnen eine völlige Besitzfähigkeit nur mit Ausnahme von Patronatrechten und solchen Burgflecken zugestanden, von welchen Mitglieder in das Parlament zu senden waren; 1792 wurden die Strafen gegen die Religionsübung und die Erziehung der Kinder aufgehoben, und den Katholiken wurde die Fähigkeit zu allen Anstellungen in der Verwaltung und der Armee zugestanden, jedoch mit Ausnahme der höhern Ämter. Ein Katholik sollte nicht Lordstatthalter, Lordschatzmeister, Kanzler, Siegelbewahrer, Geheimrath, Ge- neralprocurator, Generalpostmeister, Generalfeldzeugmeister und Feldzeugmeisterlieutenant, General cn Chef der Armee, Chef vom Generalstabe u. s. w., auch nicht Sheriff einer Grafschaft werden. Dagegen wurde aber auch das Recht eingeräumt, bei den Parlamentswahlen mitzuftimmen; nur selbst konnten sie nicht in das Parlament kommen. Bei Durchsetzung der Unionsacte von 1800 soll Pitt das Versprechen gegeben haben, allen bürgerlichen Unterschied zwischen den Katholiken und den Anhängern der englischen Kirche ganz aufzuheben; allein der König Georg III. fand, daß dieser Reform sein Krönungseid entgegenstehe, und bei seinem Leben war sie also nicht zu erreichen. Indessen ist sie doch von der Zeit an nie ganz aufgegeben worden, und die Regierung war eigentlich der bürgerlichen Gleichstellung der Katholiken nicht entgegen, sondern immer nur einzelne Minister, wie Graf Liverpool. In der That läßt sich auch gar nicht leugnen, daß die Maßregel als eine der wichtigsten und eingreifendsten 782 Emancipation der Katholiken in England betrachtet werden muß, deren Folgen sich noch kaum zu entwickeln anfangen und in ihrem Umfange wol von Niemand berechnet werden können. Wenn man daher bloß auf diese Folgen sehen wollte, so würde kein Mensch im Stande gewesen sein, ein Urtheil über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit der Sache zu fallen, weil Niemand zu berechnen vermochte, welche Umstände sich in der Zukunft ergeben könm ten, von welchen die Wirksamkeit der Emancipation zum Guten oder zum Nachtheil abHinz. Allein der Mensch ist auch nicht an dieses Urtheil über die Zweckmäßigkeit gewiesen, sondern das Einzige, was er zur Richtschnur seines Handelns neh- men kann und soll, vornehmlich in öffentlichen Angelegenheiten, ist die Idee des Rechts; thue was Recht ist, komme daraus was wolle! Die Gerechtigkeit stand aber den Katholiken so unleugbar zur Seite, daß man keinen Augenblick hätte anstehen sollen, ihnen zu gewähren, was sie zu fodern berechtigt waren. Ein ursprünglich unabhängiges Volk von beinahe «cht Millionen Menschen, unter welchen sich nur eine halbe Million Protestanten befindet, konnte wol verlangen, in seiner Gewissensfreiheit nicht beeinträchtigt zu werden, und sowol die Kirche seines Glaubens in ihr Recht eingesetzt zu sehen, als nicht seiner Religion wegen von seiner eignen Staatsverwaltung ausgeschlossen zu sein. Dennoch war es nicht die Idee des Rechts, welche dieser wohlbegründeten Federung endlich den Sieg verschaffte, sondern nur die Überzeugung, daß, wenn man nicht in Güte diese Federung erfülle, das Volk wenigstens versuchen werde, sie mit Gewalt durchzusetzen, und dann wol dabei nicht stehen zu bleiben. Dies, daß man nämlich nur der Furcht vor einer weit größern Gefahr nachgebe, wurde von dem englischen Ministerium laut erklart, als es endlich ernstlich sein ganzes Ansehen anwendete, um diese schon einmal von dem Unterhause genehmigte, von den Lords aber zurückgewiesene Maßregel in der Parlamentsacte vom 13. April 1839 durchzusetzen. Eine große Schwierigkeit schien freilich die künftige Stellung der katholischen Geistlichkeit in den Weg zu legen, und zwar sowol in Beziehung auf ihre Dotation als auch zwischen der Regierung und dem römischen Stuhle. Die Gegner der Emancipation brauchten den mächtigen Hebel des Eigennutzes, indem sie darauf hinwiesen, daß, wenn einmal die Emancipation erlangt sei, auch in Kurzem die in den Händen der englischen Geistlichen befindlichen Kirchengüter, mit Einschluß des Zehnten, würden in Anspruch genommen werden. Zwar lehnten die Beförderer der Emancipation diese Folgerung stets ab, und in der erwähnten Acte vom 13. April 1839 ist eine Stelle gegen diesen Punkt gerichtet; es solle nämlich der englischen Kirche kein katholischer Geistlicher dadurch einigen Abbruch thun, daß er den Titel von einer protestantischen kirchlichen Stelle (wie es bis jetzt allgemein geschah), führt, z. B. Erzbischof von Armagh, Bischof von Derry u. f. w. Es ist aber doch allzu unnatürlich, daß für eine Bevölkerung von 3 — 400,000 der englischen Kirche ungehörigen Seelen ein? Geistlichkeit von 4 Erzbischöfen, 20 Bischöfen und beinahe 3000 Decanen, Pfarrern mit übermäßigen Einkünften, aber größtentheils ohne Arbeit und ohne Gemeinde, bestehe, während die katholischen Gemeinden ihre Geistlichen aus Beitragen und Gaben der Einzelnen erhalten müssen, und es wird also ganz gewiß dahin kommen, daß die Güter der unbeschäftigten englischen Geistlichkeit an die katholische zurückgegeben, und daß die Stolgebühren nur an die wirklich ihr Amt ausübenden Geistlichen entrichtet werden. Auch das scheint eine bloße Federung des Rechts zu sein. Über den zweiten Punkt ist lange gestritten und verhandelt worden, ob die Regierung die Ernennung der Bischöfe haben solle, oder ob sie nur bei der Ernennung so weit mitwirken dürfe, daß sie Personen, die ihr nicht genehm waren, ausschließen, oder vorher diejenigen bezeichnen könne, welche ihre Zustimmung erhalten würden. Canning ging ganz einfach zu Werke. Die Regierung müsse das Recht haben, behauptete er, die Bischöfe zu ernennen, aber nicht darüber mit ihnen unterhandeln, sondern es gesetzlich ausspre- ^Mar.dcntterzci K was er Mrkordstatthaltcru Ii, deren Hauptinhalt ^M'rthaneneid l' H gegen das Papstth i ZW wird zuerst d z; »erstchert, daß der » Papste epcmM I« Schwörende keine nr »artige gesetzliche E Ästen vertheidizen uri Religion und der prote ^Vorbehalt und Gest W sitzen, sowol im H Ä zu nehmen, nur mii 'Hausder Gemeinen gi Wen und ^ von Aland, des e Sammlung. Ei« v Hu s ^ ?Wofvo, dkl - Emancipation der Katholiken in England 783 chen und von ihren katholischen Unterthanen Gehorsam fodern. In der Emancipa- tionsacte ist auch über diesen Punkt nichts enthalten. Die Geschichte der parlamentarischen Bemühungen zu dem endlich erreichten -Ziele übergehen wir hier. (S.England.) Die Emannpation hatte das sonderbare Schicksal, von einem Minister durchgesetzt zu werden, welcher lange einer ihrer heftigsten Gegner war. dem Herzog von Wettington. Einen großen Antheil an ihrem Gelingen hatte der Verein, welcher unter dem Namen der katholischen Association ' in Irland war gestiftet worden, und dessen großes Ansehen und geheimer Einfluß im Volke weniger durch Das, was er unmittelbar that und bewirkte, als vielmehr durch Das, was er verhinderte, bemerkbar geworden war. Die Parlamentssesston von 1829 sing daher mit gesetzlicher Aufhebung dieses und aller andern Vereine an, welche der Lordstatthalter von Irland der öffentlichen Ordnung gefahrlich finden werde (Acte v. 5. Marz 1829). Bald darauf folgte aber die Emancipations- acte selbst, deren Hauptinhalt folgender ist: Es wird ein neuer Eid vorgeschrieben, welcher den Unterthaneneid ((iatk ok slle^iance), Supremateid und die eidliche Erklärung gegen das Papstthum (sdjuration) in sich schließt und für alle Falle ersetzt. Darin wird zuerst dem Könige und dem königlichen Hause Treue versprochen; »ersichert, daß der Schwörende es nicht für erlaubt halte, Fürsten, welche vom Papste excommunicirt werden, abzusetzen oder zu ermorden; ferner, daß der Schwörende keine weltliche oder bürgerliche Gewalt des Papstes in dem Königreiche anerkenne (also die geistliche wird nachgelassen); daß der Schwörende die gegenwartige gesetzliche Einrichtung des Eigenthums in dem Königreiche aus allen Kräften vertheidigen und die Verfassung der Kirche nicht anfechten wolle; daß er endlich auch kein Privilegium zu Störung oder Untergrabung der protestantischen Religion und der protestantischen Regierung gebrauchen wolle; Alles ohne geheimen Vorbehalt und Gefährde. Wer diesen Eid leistet, soll befugt sein im Parlamente zu sitzen, sowol im Hause der Pairs als der Gemeinen, und an den Wahlen Theil zu nehmen, nur mit Ausnahme der katholischen Geistlichen, welche nicht in das Haus der Gemeinen gewählt werden können. Er ist befähigt zu allen Ämtern und Stellen im Civil und Militair, nur mit Ausnahme eines Vormundes und Regenten des Reiches, des Großkanzlers, des Lordsiegelbewahrers von Großbritannien und Irland, des Lordstatthalters, oder sonstigen obersten Regierungsbeamten von Irland, des ersten königlichen Commissars bei der schottischen Kir- chmversammlung. Ein Katholik kann Mitglied aller weltlichen Corporationen sein, nur bei Besetzung von protestantischen Kirchenämtern nicht mitstimmen. Wenn er ein städtisches Amt bekommt, muß er binnen Monatsfrist den vorgeschriebenen Katholikeneid ablegen, darf auch kein anderes Amt antreten, wenn er nicht den Eid (neben dem eigentlichen Amtseide) ablegt oder binnen den letztvergangenen drei Monaten abgelegt hat. Wenn mit einem Amte das Patronatrecht über kirchliche Pfründen verbunden ist, so geht dasselbe, falls der Inhaber des Amts katholisch ist, an den Erzbischof von Canterbury über, und ein katholischer Minister, Geheimrath u. s. w. darf bei Besetzung eines protestantischen kirchlichen Amtes nicht umstimmen, bei Strafe der eignen Unfähigkeit zu irgend einem Amte. Katholische Beamte dürfen dem katholischen Gottesdienste nicht in der Kleidung und mit den wichen ihres Amtes beiwohnen, und die Geistlichen nur an den gewöhnlichen ^rten Gottesdienst halten, kirchliche Amtshandlungen verrichten und ihre Amts- kleidung tragen. Ordensgeistliche, besonders Jesuiten, sollen nach und nach aus- Seschafft werden, d. h. die jetzt im Lande befindlichen sollen zwar daselbst bleiben, "uch geborene Unterthanen des Königs, selbst wenn sie Ordensgeisiliche geworden sind, dürfen ins Land kommen, müssen sich aber melden, und es muß ein Register s>ber sie geführt werden; fremde, welche nach Publication des Gesetzes in das Land ^mmw, sollen auf Lebenszeit verbannt werden, oder wenn sie nicht freiwillig aus 784 Emigrationsvereme dem Lande gehen, fortgeschafft, und wenn sie über drei Monate noch im Lande geblieben sind, auf Lebenszeit transportirt, d. i. nach einer Strafkolonie gebracht werden. Davon sind jedoch die weiblichen Ordensgesellschaften ausgenommen. — Man sieht, daß dieses neue Toleranzgesetz noch viele Verhältnisse der katholischen Kirche unentschieden laßt und noch keine volle Religionsfreiheit gewahrt; aber dennoch war es für Großbritannien ein außerordentlicher Fortschritt zu zeitgemäßen Reformen. (3) Emigrationsvereine. Nach einer 1830 in Nordamerika gemachten Berechnung sind seit 1816 theils aus den britischen Inseln, theils aus Deutschland, dem Elsaß und der Schweiz jährlich wenigstens 35,000 Menschen in die britisch-nordamerikanischen Länder und in die Vereinigten Staaten eingewandert. Seit 1819 werden nach einer Verordnung des Congresses der Vereinigten Staaten sämmtliche Ankömmlinge ausgezeichnet, und nach diesen Verzeichnissen wurde 1822 die jährliche Durchschnittszahl der neuen Ansiedler in sämmtlichen Staaten auf 7000 gesetzt, die aber seitdem bei dem vermehrten Zufluß, besonders aus Irland und Deutschland, weit höher gestiegen ist. Die amerikanische Regierung hat bis jetzt keine Maßregeln ergrissen, das Zuströmen der Einwanderer zu hemmen, obgleich diese nicht immer den besten Auwachs liefern und zumal die größern Städte anfüllen, wo man daher auch die meisten dürftigen Fremdlinge findet, da seither nur ungefähr der siebente Theil der Einwanderer zu der ackerbauenden Classe gehörte. Einige Staaten haben es für nöthig gehalten, hinsichtlich der Landung von Fremdlingen Beschränkungen zu verordnen, wie z. B. in Neuyork jeder Schisss- capitain Sicherheit leisten muß, daß die Ankömmlinge dem Staat oder der Stadt nicht zur Last fallemsollen. Ebenso wenig hat einer der nordamerikanischen Staaten Ermunterung zu Einwanderungen gegeben, wie es europäische Regierungen, die Ansiedler herbeizuziehen wünschen, z.B. Nußland, gethan haben; aber man ist sorgfältig bedacht gewesen, die Rechte Derjenigen zu schützen, die auf dem freien Boden eine neue Heimath suchen, und auch die Dürftigen gegen Bedrückungen zu sichern. Dies ist besonders hinsichtlich derjenigen Ankömmlinge geschehen, welche die Überfahrtskosten nicht bezahlen können und sich daher, um ihre Schuld abzutragen, verdingen müssen, die sogenannten Losgekauften, keUemptiuners. In Pennftlvanien, wo vorzüglich viele Deutsche sich ansiedeln und seit alten Zeiten (schon unter Penn begannen die Einwanderungen aus der Pfalz) als tüchtige Arbeiter willkommen sind, gibt es wohlthätige Gesetze zum Schutz unvermögender Ankömmlinge. Alle Mietverträge müssen unter der Aufsicht einer Behörde geschlossen werden, welche alle Eingewanderten und die Örter, wohin sie sich verdingen, in ihre Verzeichnisse einträgt und über die Beobachtung der Verträge wacht. Die längste Dienstzeit ist in der Regel vier, die kürzeste zwei Jahre. Kinder unter vier Jahren werden nicht vermiethet, sondern folgen ihren Altern und werden mit diesen frei; Knaben über vier Jahre aber müssen bis zum zwanzigsten, Mädchen bis zum achtzehnten Jahre dienen, und alle Kinder werden jährlich sechs Wochen lang in die Schule geschickt. Mann und Frau werden ohne ihre Einwilligung nie und Kinder nur im Nothfalle von ihren Ältern getrennt, und kein Losgekaufter kann ohne seine Einwilligung außer dem Staate Pennsylvanien verdungen werden. Diese Verdingungen sind für Unvermögende, da sie während der Dienstzeit sehr gut behandelt werden, so wohlthätig, daß Viele, auch wenn sie die Überfahrtskosten zu bezahlen im Stande sind, sich freiwillig vermiethen, um die Sprache des Landes zu lernen und sich ein kleines Capital zu sammeln. Zur Unterstützung hülfsbedürstiger Ankömmlinge haben sich überdies wohlthätige Gesellschaften deutscher Ansiedler in einigen Städten, zwei in Philadelphia, eine in Neuyork und eine in Baltimore, gebildet, und in Neuyork wurde von einer Privatgesellschaft eine eigne Behörde gestiftet, die neuen Einwanderern unentgeltlich Belehrung und An- M 1 .Klkehll-5" -MraubüN' -DM >M e-ü MeM^ Fe Angelegenheit ini Münzen in den au .Molland und er z Warf den Planch M ersten Ansiedelun Ansiedlem zumckerh Duzen mit 10 Schi ck jährlich steigende Z Ä Bodens nicht nch Emigrationsvereine 785 !'l>b 'i> Weisung gibt, um sie gegen die Gefahr zu schützen, Gaunern in die Hände zu fallen, oder aus Unbekanntschaft mit den örtlichen Verhältnissen ihre geringen Mitt>l zu vergeuden. All diese Vorkehrungen, die Lage neuer Ansiedler in Amerika zu erleichtern, konnten nicht mehr genügen , als die Auswanderungen aus den britischen Inseln und aus Deutschland immer mehr zunahmen, weil dort, besonders in Irland, die Roth hungernde und arbeitlose Scharen aus der dichtgedrängten Bevölkerung über das Meer trieb, hier der Druck der Staatsbelaftungen und die entmutigende Aussicht in die Zukunft selbst den gesegneten Ländern am Rhein und am Neckar fleißige Hände raubten. In England, wo die Folgen einer verkehrten Armenpflege immer fühlbarer wurden, mußte man auf Mittel sinnen, die Auswanderung der Armen zu befördern, um die wachsende Armensteuer, die jährlich einen beträchtlichen Theil des Volksvermögens verschlingt, allmalig zu vermindern, und während über diese Angelegenheit im Parlament verhandelt wurde, bildeten sich Vereine, um Ansiedelungen in den außereuropäischen Besitzungen der Briten, besonders in Canada, Neuholland und auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung, zu erleichtern. Man entwarf den Plan zu Aktiengesellschaften, welche Landereien ankaufen , die Kosten der ersten Ansiedelung bestreiten und ihre Auslagen in jahrlichen Zahlungen von den Ansiedlern zurückerhalten sollten. Drei Jahre nach der Ansiedelung sollten die Zahlungen mit 10 Schillingen in Geld oder Landeserzeugnissen beginnen, und wenn die jährlich steigende Zahlung auf 4 Pf. Sterl. angewachsen wäre, Erzeugnisse des Bodens nicht mehr angenommen werden. Einige dieser Entwürfe, wie der Plan des Schottländers Mac Gregor und der zur Anlegung von Ackerbau- colom'en in Colombia gestiftete Verein, schlugen fehl, nicht ohne bedeutenden Nachtheil der Unternehmer. Große Schwierigkeiten traten besonders dem Entwurf entgegen, Tagelöhner anzusiedeln, so wichtig bei der großen Anzahl unbeschäftigter Hände unter dieser Volksclasse die Ausführung gewesen sein würde, und die Erfahrung zeigte, daß d«ese Aufgabe nicht durch Privatbemühungen, sondern nur durch wirksames Eingreifen der Regierung gelöst werden könnte. Ähnliche Umstände gaben in Deutschland Auffoderung zu kräftiger Einschreitung. Schon 1817 brachte der niederländische Gesandte von Gagern diese Angelegenheit in der Bundesversammlung zur Sprache, jedoch ohne Erfolg. Mit einigen Gleichgesinnten verbunden, schickte er seinen Stiefbruder von Fürstenwärther nach Nordamerika, um den Zustand der deutschen Ausgewanderten kennen zu lernen und über die Mittel zur Erleichterung künftiger Ansiedelungen Erkundigung einzuziehen. Als bei fortdauemdem Frieden die öffentlichen Lasten sich nicht verminderten und bei gehemmtem Verkehr die Verarmung in Deutschland immer mehr zunahm, wurden in mehren Gegenden die Entwürfe zu regelmäßiger Leitung der Auswanderungen wieder aufgenommen, selbst in Ländern, die seither bei allem Drucke der Zeit nur selten einzelne Auswanderer über das atlantische Meer geschickt hatten. Man ging auch hier von der Ansicht aus, durch Actiengesellschaften Vorkehrungen zur Anlegung von Ackerbaucolonien in den Vereinigten Staaten zu treffen, Ländereien anzukaufen und, nach dem Vorbilde der Colonisationen der alten Welt, die Verbindung der gestifteten Ansiedelungen mit dem Mutterlande zu unterhalten. Zu den neuesten Entwürfen gehört der Plan zur Errichtung einer deutschen Colonisationsgesellschaft, den die Schrift: „Die freie Auswanderung als Mittel zur Abhülfe der Noth im Vaterlande" (Dresden 1831), darlegt, und in Beziehung auf denselben der Vorschlag zur Gründung einer sächsischen Eolonie ia-Nordamerika, dc-n die Schrift: „Auch ein Wort über Auswanderung nach Amerika" (Dresden 1832), näher entwickelt. Besonders wird hier auch der Umstand hervorgehoben, daß eine solche Stammcolonie von Ackerbauern später nicht uur die Hülflosen, der öffentlichen Wohlthätigkeit anheimgefallenen Bewohner des Conv.-Lex. der neu-sten Zeit und Literatur, l. 50 786 Engelhardt Mutterlandes aufnehmen und beschäftigen, sondern auch als Besserungsanstalt für Verwilderte dienen könnte; aber abgesehen, daß die Aufnahme eines solchen Bevölkerungszuwachses in Amerika Hindernisse finden möchte, würde für jene Classen die Anlegung von Armencolonien im Vaterlande, nach dem Muster der niederländischen, wol das wirksamste Mittel darbieten. Möge aus all diesen Vorschlagen und Entwürfen das von dem Jeitbedürfniß dringend gefoderre Ergebniß hervorgehen, die Auswanderung nach fremden Welttheilen einer wohlthätig eingreifenden Leitung zu unterwerfen, wie schon Schmidt-Phiseldeck in seiner Schrift: „Europa und Amerika" (Kopenhagen 1821), dringend empfohlen hat. Finden die deutschen Landgenossen, die Noth oder Unmuth aus der Heimath treibt, unter dem Schutze solcher Leitung ein neues Vaterland, so möge man nicht beklagen, wie früher von Manchen geschehen ist, wenn die Ansiedler im Laufe der Zeit der heimischen Sitte entfremdet werden, wie in Pennsyl- vanien, noch möge man Versuche für ersprießlich halten, diesem allmaligen Verschwinden volksthümlicher Eigenheit entgegenzuwirken, weil es die Aufopferung vieler gesellschaftlichen Vorrechte im neuen Vaterlande zur Folge haben würde. Engelhardt (Karl August), geb. am 4. Februar 1768 zu Dresden, stammt aus einem ungarischen katholischen Adelsgeschlechte, das aber, nach und nach verarmend, den Adel aufgab. Sein Großvater, der in der dänischen Gesandtschaftscapelle zu Wien heimlich das evangelische Glaubensbekenntniß abgelegt hatt?, zog sich dadurch die Ungnade der Kaiserin Maria Theresia zu, die ihm nicht nur die Erlaubniß zum öffentlichen Betriebe bürgerlicher Nahrung als Zuckerbäcker verweigerte, sondern ihn auch bei Überreichung einer Bittschrift so unduldsam behandelte, daß er mit seiner ganzen Familie nach Dresden zog, wo seine Söhne spater das Auckerbäckergewerbe trieben. Durch den Tod seines Vaters in die hülfloseste Lage versetzt, fand der talentvolle Knabe in dem verstorbenen Jnspector der Antikensammlung, Lipsius, einen theilnehmenden Freund, der ihn zur Universität vorbereitete. E. widmete sich seit 1786 zu Wittenberg, gegen seine Neigung, nach dem Wunsche seiner Mutter eifrig dem Studium der Theologie, und meldete sich nach seiner Rückkehr 1789 zur Candidatenprüfung. Bei dem damaligen großen Andränge, der Einheimische oft Jahre lang von der Zulassung ausschloß, verdankte E. schon 1796 nur einem glücklichen Zufalle die Erfüllung seines Wunsches, als einst einer der zur Prüfung bestellten Theologen erkrankt war, und die Examinatoren unter den im Vorzimmer versammelten Zuhörern nachfragen ließen, ob etwa ein Schwarzgekleideter da sei, der sich examiniren lassen wolle. Nachdem er die Prüfung bestanden, erhielt er einige Jahre später eine Hofmeisterstelle, welche er aber, obgleich die sicherste Aussicht zu baldiger Erlangung eines geistlichen Amts damit verbunden war, .1794 freiwillig ausgab, um ausschließend der Literatur zu leben, weil eres für unredlich hielt, bloß des Auskommens wegen ein Amt zu suchendem er nicht mit ganzer Seele sich widmen könne. Er verdankte es besonders Adelung's Verwendung, daß er 1865 als Accessist bei der königlichen öffentlichen Bibliothek angestellt wurde, wo er gegen sechs Jahre ohne allen Gehalt diente, obgleich vielgeltende Männer, unter Andern Bourzoing und Dohm, seine Fürsprecher wurden. Endlich ward er 1816 als Adjunct des Archivars bei der damaligen geheimen Kriegskanzlei angestellt, und rückte, als sein Vorganger 1811 starb, in dessen Stelle und Gehalt ein. Er ging als Archivar bei der Verwandlung des geheimen Kriegsrathscolle- giums in die Kriegsverwaltungskammer, und bei der Aufhebung dieser Behörde am 1. December 1831 zum Kriegsministerium, als Kriegsministerial-Archivar und -Secretair über. Seit 1818 führt er auch die Redaction der Gesetzsammlung. Zu verschiedenen Zeiten ward ihm die Stelle eines Censors angetragen, aber stets beharrlich von ihm abgelehnt. — E. begann seine literarische Thatigkeit in Ver- ---Fe -ü» Dsetzt >v Sachsens, NM die w" j deS Vaterlandes, I Imicht der Jugend de »»Schriften, verdier die er mit dem Kupfers i da diese Schilderung ! die erste Veranlassung n» Zeitschriften zerstr N zum Theil nach» >! Wz nach Archivalna «Her wird bald erschein «dÄevs, zuerst ins Maus. Ven diesen sinl Me,, Dresden Ma «er E.'s December M-l Alossenen Thoren 4 »erbi i! Am Fr Encke 787 ^!i»- i,Ai» bindung mit seinem Freunde Merkel, mit welchem er eine beliebte Jugendschrist: „Der neue Kinderfreund" nach Weiße's Vorbild herausgab, die mehre Auflagen (zuletzt in 12 Bändchen, Leipzig 1797 —1814) erlebte, und ins Französische und Englische übersetzt ward. Nach Merkel's Tode (1798) vollendete er dessen „Erdbeschreibung Sachsens", welcher er den fünften und sechsten Band hinzufügte, worin die Lausitzen geographisch-statistisch beschrieben werden. Die dritte Ausgabe dieses Werkes (9 Bde., Dresden 181)4—11) wurde von ihm meist nach handschristlichen Quellen ganz umgearbeitet, und ist auch noch nach der Theilun.g Sachsens, welche die Vollendung desselben verhinderte, als ein reichhaltiges Hülfsmittel der Landeskunde sehr schatzbar. Ein Auszug aus diesem Werke ist das „Handbuch der Erdbeschreibung der kursachsischcn Lande" (Dresden 1801, fünfte Auflage 1823), das 1824 durch, die „Vaterlandskunde" ersetzt wurde, die 1832 in der sechsten Auflage (Leipzig) erschien und fast in allen sachsischen Bürgerschulen eingeführt ist. E.'s „Geschichte der kur- und herzoglich-sachsischen Lande" (2 Bde., Dresden 1802 — 5) sollte vorzüglich die Cul- turgeschichte darstellen, blieb aber unvollendet. Unter dem Titel: „Tägliche Denkwürdigkeiten aus der sächsischen Geschichte" (3 Bde., Dresden 1809—12), gab er eine Galerie interessanter Ereignisse und Charaktere. Er hat sich durch diese Werke das große Verdienst erworben, die Liebe zur historischen und geographischen Kenntniß des Vaterlandes, die vorher fast ganz schlief, erweckt und besonders für den Unterricht der Jugend belebt zu haben. Unter seinen übrigen, bei Meufel verzeichneten Schriften, verdienen auch die „Malerischen Wanderungen durch Sachsen" die er mit dem Kupferstecher Beeth (Leipzig 1794) herausgab, noch Erwähnung, da diese Schilderungen, nächst Götzinger's Beschreibung des Amts Hohnstein, die erste Veranlassung zu den Besuchen der sächsischen Schweiz gaben. Viele seiner in Zeitschristen zerstreuten Aufsätze sind werthvolle Beiträge zur Geschichte Sachsens, zum Theil nach wenig zugänglichen handschristlichen Quellen bearbeitet. Eine ganz nach Archivalnachrichten bearbeitete Biographie des Porzellanerfinders Böttcher wird bald erscheinen. Seit 1813 trat E. unter dem Namen: Richard Noos, zuerst in Zeitschriften auch mit poetischen Leistungen und Erzählungen auf. Von diesen sind mehre unter dem Titel: „Erzählungen" (zweite Aufl., L Bde., Dresden 1824) gesammelt. Seine „Gedichte" (2 Bde., Dresden 1820—23) enthalten viele, die durch heitere Laune und muntere Satire ansprechen, Unter E.'s Gelegenheitsgedichten ward eines durch die Verhältnisse einer bedrängten Zeit merkwürdig, ein Festgedicht, das am Geburtstage des gefangenen Königs am 23. December 1814 in einer geheimen patriotischen Gesellschaft zu Dresden bei verschlossenen Thüren gesprochen und durch einen Prediger in einer Landstadt heimlich zum Druck befördert wurde. In vielen tausend Exemplaren unter dem Volke verbreitet, wirkte es so sehr auf die öffentliche Meinung, daß die fremde Landesverwaltung sich lange, wiewol vergebens, bemühte, den Verfasser auszukundschaften. Encke (Johann Franz), geboren am 23. Sept. 1791 zu Hamburg, wo sein Vater Geistlicher war, ftudirte Mathematik und Astronomie auf der Universität zu Göttingen unter dem berühmten Geometer Gauß. Er trat sodann in den preußischen Artilleriedienst und stand als Lieutenant in der Festung Kolberg, als ihn 1816 der als Astronom und Staatsmann gleich verdiente von Lindenau (s- d.) auf die Sternwarte Scebcrg bei Gotha berief. Dort wirkte E. bis zum I. 1825, wo er zum Director der Sternwarte in Berlin ernannt wurde und als Settetair der mathematischen Classe in die königliche Akademie daselbst eintrat. E. erweiterte insbesondere durch si ine Berechnung der Kometenbahnen unsere Kenntnisse über den Lauf dieser Gestirne. Er bewies durch mühsame und mit großer Geschicklichkeit gefübrte Rechnungen, daß der Komet von 1819 derselbe sei, der be- 50 ^ / 55- 5-! s. 788 England reis 1805 beobachtet worden war, und daß er in etwa 1208 Tagen in einer Ellipse um die Sonne gehe, die in ihrer größten Lange die Bahn des Planeten Jupiter noch nich-t erreiche. E. zu Ehren ist dieser Komet nach ihm genannt worden. (S. Kometen.) Ein anderes Hauptwerk des verdienten Mannes ist seine 1824 erschienene Berechnung der beobachteten Durchgänge der Venus durch die Sonne von 1761 und 1769. Es ergibt sich daraus, daß der Abstand der Erde von der Sonne zu 20,666,860 geographischen Meilen anzunehmen und Eins gegen Eins zu wetten sei, daß diese Entfernung zwischen die Grenzen von 20,577,649 bis 20,755,946 geographischen Meilen falle. Das früher von Bode besorgte „Astronomische Jahrbuch", dessen Bearbeitung E. von 1830 an übernahm, veränderte er sehr zweckmäßig in der Form und machte dieses Werk durch wesentliche Erweiterung bei scharf geführten Rechnungen für alle Beobachter höchst brauchbar und bequem. Viele einzelne tressliche Aufsätze aus dem Gebiete der Astronomie finden sich von ihm darin, ferner in von Lindenaus und Bohnenberger's „Zeitschrift für Astronomie", in von Zach's „Correspon'omz" und in Schumachers „Astronomischen Nachrichten". E.'s hohe Verdienste um die Sternkunde sind allgemein anerkannt, und er hat sich mannichfacher Ehrenbezeigungen zu erfreuen gehabt. (54) England. Als Canning mit unvollendeten großen Gedanken am 16. August 1827 in die Gruft der Westminsterabtei eingesenkt wurde, war der Staat, auf dessen Schicksale er seit 1822 entscheidenden Einfluß gehabt und an dessen Spitze am 12. April 1827 die mächtige Stimme der öffentlichen Meinung ihn gerufen hatte, an einen Wendepunkt gelangt. Für die innern wie für die äußern Verhältnisse Großbritanniens waren wichtige Fragen zu lösen, deren Entscheidung die kräftige Thätigkeit seines weitschauenden Geistes vorbereitet hatte. Jrn Osten Europas und an seiner westlichsten Grenze gab es verhängnißvolle Verwickelungen, die ebenso wichtig für Englands besondere Interessen als für die Erhaltung des europaischen Friedens waren. Durch den mit Frankreich und Nußland abgeschlossenen Vertrag vom 6. Jul. 1827 hatte sich England einen entscheidenden Einfluß auf die Beruhigung Griechenlands gesichert und Rußlands einseitiges, das britische Interesse bedrohendes Einschreiten und die nahe Gefahr eines Krieges zwischen den Russen und Türken abgewendet. Die Beruhigung der pyrcnäischen Halbinsel, die für England wegen seiner Handelsverbindungen mit Po;tugai besondere Wichtigkeit hatte, war bei Canning's Tode zwar nur scheinbar bewirkt, aber der Schutz eines ansehnlichen englischen Heeres, das im De- cember 1826 zu Lissabon gelandet war, konnte den Bestand der, seit 1826 eingeführten neuen Verfassung gegen ihre einheimischen Widersacher wie gegen Spaniens Unternehmungen sichern, und auch hier war der Einfluß der britischen Politik übermachtig. Eine friedliche Lösung aller Verwickelungen der äußern Verhältnisse war um so wichtiger, je mehr der Zustand des Innern die ganze Sorgfalt der Verwaltung in Anspruch nahm. In Irland (s. d.) war das Volk gereizt. Burdett's Antrag, die Gesetze in Erwägung zu ziehen, welche die bürgerlichen Rechte der Katholiken beschränkten, war am 6. März 1827 durch eine Mehrheit von vier Stimmen verworfen worden, und wenn man sich erinnerte, wie stark bei frühern Gelegenheiten der Widerstand gegen diese Maßregel im Hause der Gemeinen gewesen war, mußte der Sieg, den eine so schwache Mehrheit errungen hatte, günstige Aussichten eröffnen. Wie unter Lord Liverpool das Ministerium aus Anhängern und Gegnern der Emancivation bestanden hatte, so ward auch, als Canning an das Nuder des Staats kam, noch zur Bedingung gemacht, daß der Anttag auf vollständige Rechtsgcwahrung für die Katholiken nicht von der Regierung ausgehen sollte. So lange er an der Spitze der Verwaltung stand, waren die Katholiken in Irland ruhiger, denn obgleich die Meinungen der M die Freund OS enthiell' Äcrt Hab" Merl abgewinne «zu halten m HHli Udecq tz zumal inB< Ä und Gl cht haltet! .ilt, die de> lEnz bei! Mch un s Ministe, PnsMe England 769 Minister über die große Frage getheilt waren, so zeigte sich doch gegründete Hoff- nung, das lange erstrebte Ziel zu erreichen, wenn Canning, stets ein standhafter Vertheidigec der Emancipation, sich im Besitze der höchsten Gewalt behaupten könnte, und die Freunde der Katholiken im Parlamente vermieden es daher, ihn zu drangen, und enthielten sich aller Anträge, die ihn in seiner schwankenden Lage erschüttert haben würden. Eine andere unvollendete Aufgabe, die Canning hinterließ, war die Veränderung der Gesetze über die Getreideeinfuhr, welche die arbeitende Volksclasse in drückende Abhängigkeit von den Grundeigentümern setzten, da es ihm nicht gelungen war, dem Eigennütze der Güteraristokratie, deren Vortheil Welligton hinterlistig verfocht, mehr als eine unwirksame Hülfe für den Nothstand abzugewinnen, ohne das Grundübel des gesellschaftlichen Auslandes, das in jenen Gesetzen seine Quelle hatte, heben zu können. Die Verwaltung, an deren Spitze Canning stand, war aus zu ungleichartigen Bestandtheilen zusammengesetzt, als daß sich ihr eine lange Dauer hatte versprechen lasten, sobalo der überlegene Geist fehlte, der die streitenden Elemente, Whigs und Tories, in ihren Bahnen zu halten wußte. Die öffentliche Meinung hatte sich indeß so laut für die Grundsatze dieser Verwaltung erklart, daß Georg IV. es nicht wagen konnte, durch einen schroffen Ubergang die politische Partei an das Ruder zu setzen, deren Ansichten, zumal in Beziehung auf die Emancipation der Katholiken, er selber zuge- than war. Lord Goderich (s. d.), ein gemäßigter Tory, redlich und geschäftskundig, Canning's politischen Grundsätzen ergeben, erbte von seinem Vorgänger die uneinigen Glieder des Ministeriums, aber weder die Geisteskraft noch die Charakterstarke und Gewandtheit, die er brauchte, um sich zu erhalten. Der scheidende Prophet hatte ihm seinen Segen gegeben, aber seinen Mantel ihm nicht hinterlassen. Die Elemente der Zwietracht wurden noch vermehrt, als Hernes zum Kanzler der Schatzkammer ernannt wurde und die Partei der entschiedenen Tories verstärkte, die der Lordkanzl'er Lyndhurst (s. d.), im Rathe des Königs vertrat. Der Sieg bei Navarino, der für Canning's Politik ein mächtiger Hebel gewesen sein würde, und die Frage über die künstige Bestimmung der britischen KriegSvöl- ker in Portugal, machton die Zwietracht der Machthaber bald offenbar, und je näher die Eröffnung des Parlaments heranrückte, desto schwieriger wurde die Lage eines Ministenums, das ohne feste Einigkeit die Verhandlungen über die wichtigsten Gegenstände der Verwaltung, die Finanzangelegenheiten, die Beruhigung Irlands, die Getreidegesetze, nicht zu führen vermochte. Lord Goderich, dem es an persönlichem Einflüsse auf seine uneinigen Amtsgenossen fehlte, nahm am 28. Januar 1828 seine Entlassung, und Lord Wellington wurde sein Nachfolger. Der vorbereitete Übergang der Torypartei zum Ruder des Staats wurde nur allmälig ausgeführt. Die einflußreichen Glieder der alten Whigopposition, LanSdown und Tierney, welche Canning um sich versammelt hatte, mußten zwar weichen, Hus- kisson (s.d.) und seine Freunde Dudley, Palmerston (s. d.) und Charles Grant, behielten aber ihre Stellen; die Tories, Lyndhurst und Herries, wurden durch Bathurst, Ellenborough, Melville und Aberdeen verstärkt, und Peel wurde die kräftigste Stütze der Verwaltung. Die neuen Machthaber verciethen alsbald, daß die Grundsätze, welche Canning in der Leitung der äußern Politik befolgt hatte, verändert werben sollten, als sie in der Thronrede (29. Januar) dem ruhmvollen Kampfe bei Navarino eine Bezeichnung gaben, die Brougham für ein böses Vorzeichen erklärte. Diese veränderte Richtung ward auch immer sichtbarer, aber je mehr Wellington von den Grundsätzen seines Vorgangers abwich und in den Windungen einer zweideutigen Politik sich bewegte, desto schwächer ward Englands Einfluß auf die Angelegenheiten des Festlandes, wie zuerst in seinen vergeblichen Bemühungen, den Krieg zwischen Rußland und der Türkei zu verhindern, offenbar wurde. Was die britische !> / S, 790 England Politik auf der pyrenäischen Halbinsel gewonnen hatte, ging ebenso schnell verloren als nach dem Abzüge des englischen Heeres die lange vorbereitete Reaction in Portugal ausbrach, und Don Miguel, seinem feierlichen Worte untreu, die eingeführte Verfassung umstürzte und die empörendste Willkürherrschaft gründete. Daß Can- uing's politische RitterthümlichkAt und sein Wahlspruch: „Freiheit im Bürgerleben und im Glauben für die ganze Welt", unter den Rathgebern des Königs von England nicht mehr Anklang fanden, verrieth sich noch deutlicher, als Lord Aber- deen die Verwaltung der auswärtigen Angelegenheiten übernahm, nachdem Hus- kisson mit seinen Freunden im Mai 1828 aus dem Ministerium geschieden war. Die Verwaltung hatte nun die letzten Elemente verloren, die dem Volke noch eine Bürgschaft für die Fortdauer des Systems gaben, das den Beifall der öffentlichen Meinung hatte, und das Ministerium schien ganz den Ansichten der Torypartei huldigen zu wollen. Wahrend man dem Herzog von Wellington das Verdienst nicht absprach, auf strenge Ordnung in allen Verwaltungszweigen zu halten, so reizte er doch seine Gegner durch den herrischen Stolz, den er, gewohnt im Felde zu gebieten, in die Verhaltnisse des Staatsdienstes übertrug, und um so leichter behaupten konnte, da er ganz das Ohr des kranklichen und tragen Königs hatte, und unter seinen Amtsgenossen, außer Peel, kein ausgezeichnetes Talent war. Man verzieh ihm seine Anmaßung um so weniger, je mehr er bei seinem Mangel an gründlicher Staatskenntniß Blößen gab, die von seinen Widersachern benutzt wurden, ihn in Verlegenheiten zu bringen. Er scheute sich selbst nicht, dem nächsten Thronerben, dem Herzog von Clarence, den Canning mit kluger Berechnung als Großadmiral an die Spitze der Seemacht gestellt hatte, eine Beleidigung zuzufügen, deren Folge die Abdankung des Prinzen war. (S. Wilhelm IV.) Die Geschäfte der Admiralität wurden nun wieder, wie früher, einer Commisston übertragen, an deren Spitze Lord Melville zurückkam, und die Rücksichten aufFamilien- Verbindungen galten nun wieder mehr als das Verdienst, dessen Rechte der Herzog von Clarence während seiner Verwaltung anerkannt hatte. Der Zustand des Landes weckte indeß immer mehr Besorgnisse. Die zunehmende Zahl der Verbrecher, besonders in den ackerbauenden Theilen Englands, verrieth die steigende Entsittlichung des Volkes, eine Folge der Roth und einer mangelhaften Gesetzgebung, besonders auch der drückenden Jagdgesetze, gegen deren Abschaffung die gesetzgebenden Jagdeigenthümer im Oberhause sich lange standhaft wehrten. In Irland störte die heftige Aufregung der Gemüther die Ruhe des Landes, seit die Hoffnung, von den Machthaber» Abhülfe der Beschwerden zu erlangen, verschwunden war. Dem weitverbreiteten katholischen Vereine setzten die Verfechter des ausschließenden protestantischen Interesse andere Gesellschaften (orange societies) entgegen, und während diese auf die Fortdauer der alten Rechtsbeschränkungen drangen, erklarte jener durch seine Redner, daß Aufregung sein Zweck sei, um den katholischen Bewohnern des Landes politische Rechtsgleichheit zu erringen. Bei dieser Stimmung der Gemüther ward im Febr. 1828 durch Lord John Rüssel (s. d.) der Antrag in das Haus der Gemeinen gebracht, die unter KarlII. gegebenen Gesetze aufzuheben, wodurch Alle, die von den Lehren der herrschenden anglikanischen Kirche abwichen, zu dem vollen Genüsse ihrer staatsbürgerlichen Rechte nur unter Bedingungen gelangen konnten, welche die Gewissensfreiheit beschränkten. Der Antrag gewann, trotz dem Widerstande der Regierungsanhanger, die Stimmenmehrheit, und die Minister sahen sich genöthigt, der öffentlichen Meinung eine lange versagte Rechtsgewährung zu bewilligen, und als sie die Leitung der Angelegenheit selbst in die Hand nahmen, wurden mit Zustimmung des Oberhauses (am 28. April) die l est ui.ck eorporution ucts fvergl. Emancipation der Katholiken) aufgehoben. Die starrsinnigen Verfechter dieser Beschränkungen erkannten wohl, daß die Aufhebung jener Gesetze, obgleich diese nur gegen prote? der eine' Dl» ,>,lZ Merl warder SS- N>«n verworren- -> -MbonHOMfu WdeMte hinMg --noch mehr befestigen. WM «geordnet -yf und wurde im An iUMeth einer der Hn, der wenige dl Mläcte, das die Wahrend die chn der Verwaltung i -Den. Das von Hi Aden Parlaments^ Am früheren Widei '»giMdfteMdenoderfa Atzum SjM des dr ^AGetreideeinfch. W N-If« Stimmrecht, . ihr Ein England 791 stantische Nichtanhänger der Landeskirche gegeben waren, doch den allgemeinen Grundsah verkündeten, eine Abweichung von der herrschenden Kirche in Glaubens- > lehren oder in kirchlicher Gesellschaftsverfassung könne auf keine Weise zur Erlangung von öffentlichen Ämtern unfähig machen. Die nächste Folge dieses Sieges freisinniger Ansichten war der Antrag, den Burdett am 8. Mai machte, daß das Haus der G'meinen die den Katholiken in Großbritannien und Irland entgegen stehenden Gesetze in Erwägung ziehen möge, um durch versöhnende Ausgleichung den Frieden rnd die Kraft des Landes zu befestigen und den Bestand der protestantischen Kirche selbst zu sichern. Mit einer Mehrheit von sechs Stimmen ging der Antrag durch, ward aber am 10. Jun. im Oberhause durch das Übergewicht von 44 Stimmen verworfen. Diese.r Niederlage ungeachtet, faßten die Freunde der Emancipation Hoffnung für die Zukunft, da Wellington seinem Widerspruche versöhnende Worte hinzufügte und den Wunsch einer friedlichen Lösung der schwierigen Frage aussprach. Was indeß in Irland vorbereitet wurde, mochte jene Hoffnung noch mehr befestigen. Als in der Grafschaft Cläre die Wahl eines neuen Repräsentanten angeordnet wurde, trat der kühne Verfechter des katholischen Interesse, derKatholik Daniel O'Co nnell (s.d.), wider den ministeriellen Mitbewerber auf und wurde im Anfang des Jul. mit überwiegender Stimmenmehrheit verfassungsmäßig gewählt. Wie wichtig dieser Sieg selbst den Machthaber« erschien, verrieth einer der heftigsten Gegner der Emancipation, Peel's Schwager Dawson, der wenige Wochen nachher vor einer öffentlichen Versammlung in Irland erklärte, daß die Katholiken durch die Gewährung ihrer Ansprüche versöhnt werden müßten. Während die Entscheidung dieser großen Frage heranrückte, sah sich die Regierung durch die Stimme der öffentlichen Meinung genöthigt, auch in andern Zweigen der Verwaltung die Grundsätze der verdrängten Machthaber nicht ganz zu verleugnen. Das von Huskisson befolgte Handelssystem wurde N'cht verändert, ^ und bei den Parlamentsverhandlungen über die Getreidegesetze nahm Wellington, trotz seinem früheren Widerstande, Canning's Plan eines, nach Verhältnis der in England steigenden oder fallenden Kompresse zunehmenden oder abnehmenden Einfuhrzolles an, obgleich das neue Gefetz keine wirksame Erleichterung geben konnte, da der zum Schutze des britischen Landbaues verordnete hohe Zollansatz einem Verbote der Getreideeinfuhr gleich kam. Wie entfernt aber noch die Aussicht war, dem verderbten Wahlsystem abzuhelfen, zeigte sich bei den Verhandlungen über das, den Wahlstecken East Retford und Penryn wegen erwiesener Bestechungen zu entziehende Stimmrecht. Die Verfechter der Parlamentsreform wollten das verwirkte Wahlrecht großen Städten geben, die noch keine Vertreter hatten, wie Birmingham und Manchester, die Aristokratie der Grundeigenthümer aber, und mit ihr Peel gegen Huskisson, stimmte für die Übertragung desselben auf die nächsten Landbezirke, und ihr Einfluß war noch mächtig genug, den alten Misbräuchen Schutz zu geben. Nach dem Schlüsse des Parlaments rüsteten sich die Parteien zu dem bevorstehenden Kampfe über die Emancipation. Während der katholische Verein in Irland immer entschlossener für die Erreichung seines Zweckes wirkte, erhoben sich auch die Katholiken in England. Wie in Irland, bildeten sich nun auch hier protestantische Vereine, um jede neue Rechtsgewährung zu bekämpfen. Im October versammelten sich auf der Pennendenheide in der Grafschaft Kent über 60,000 Menschen, um die Frage zu besprechen, aber die Freunde der Emancipation wurden durch den Einfluß der Aristokratie noch einmal überstimmt. Der Herzog von Wellington hatte indeß die Gefahr erkannt, welche aus einem längern Widerstande gegen die Ansprüche der Katholiken in Irland entstehen mußte, und als es ihm gelungen war, den standhaften Gegner der Emancipation, seinen Amts- Mossen Peel, zur Änderung seiner Ansichten zu bewegen, wurde beschlossen, daß England der große Friedensantrag von der Regierung ausgehen sollte. Seit dem Schlüsse n a der Parlamentssitzung hatte der Herzog von Wellington seinen ganzen Einfluß ausi ^ geboten, die Abneigung des Königs zu besiegen, der ein Jahr früher gegen zwei Bischöfe seine, der Emancipation ungünstigen Gesinnungen laut erklärt, und sie ermächtigt hatte, dieselben ihren Untergebenen bekannt zu machen. Was den '^Dktit der ^ Herzog und den Minister des Innern selbst genöthigt hatte, ihren Widastand auf- gestios zugeben, die drohende Gefahr eines Aufruhrs, ward auch benutzt, den König zu ge- H M'ch^ Winnen, und ihre Bemühungen mußten um so wirksamer sein, je drohender die Ä^tras, Aufregung war, welche der katholische Verein in Irland wahrend dee letzten Mo- ^ nate des Jahres 1828 unter dem Volke hervorrief. Erst wenige Tage vor der Er- ..Ä. !>-iß in nleh> öffnung des Parlaments aber war der Widerstand des Königs besiegt, und diese ^her Mhs WWW der' Verhandlungen wurden von dem Herzog, um jede widerstrebende «ußere Einwir- ' ! Sinken kung zu verhüten, in einen so dichten Schleier gehüllt, daß seine Anhänger, fest in ihrem Vertrauen auf seine erklarten Grundsätze, durch die Thronrede am 5. Febr. einer 1829 überrascht wurden, worin der König dem Parlament empfahi, die Gesetze zu -- erwägen, we lche die staatsbürgerliche Ungleichheit der Katholiken begründeten, und ^»tenu ^ s'. zu untersuchen, ob die Aufhebung der gesetzlichen Beschrankungen mit der Erhal- ? ^ i ' run'g der Rechte der protestantischen Landeskirche vereinbar se». Seines Einflusses ^ auf das Parlament gewiß, brachte das Ministerium am 10. Febr. durch Peel hätten den Antrag auf die Unterdrückung des katholischen Vereins in das Haus der Ge- HnThmmnz Mt> Die meinen, um die Ehre der Gesetze zu retten, welchen der Verein, durch die Schwache der Regierung ermuthigt, so lange getrotzt hatte, und um den zu eröffnenden Ver- ssie, in eiNM zah Handlungen über die Ansprüche'der Katholiken den Schein völliger Unabhängigkeit Äichm Andeutung! von allem äußern Zwange zu geben. Ehe noch dieser Antrag ohne Widerstand ü«flcrumschlung durchgegangen war, hatte der Verein sich freiwillig aufgelöst, und die vorbereitende mit der Inschrift! Verhandlung erschien nun in dem lacherlichen Lichte einer drehenden Stellung, i', Wie hartnäckig V welche das Unvermögen verbergen mußte, mit den kühnen Sprechern einer gereiz- MW »der unmitl ten Volksmenge von 7 Millionen einen ernstlichen Kampf zu beginnen. Am 5. !, Brougham's Antü März brachte Peel die entscheidende Maßregel vor das Haus der Gemeinen. Der «iflitDarlegung dcr a Sieg war gesichert, ehe der Kampf eröffnet wurde. Die Minister vereinigten sich z, iMmDruden i mit den Freunden der Emancipation auf den Oppositions-bänken, und entschlossen, Nwuud ü den Antrag durchzusetzen, benutzten sie ihren ganzen Einfluß, um Andere für die Meinung zu gewinnen, zu welcher sie selbst übergegangen waren, und man sah ^ manche auffallende Beispiele plötzlicher Bekehrung. Nach dem erfolglosen Wider- Z, Englis-cku K's stände einiger unbeugsamen Gegner ward auch vom Oberhause der Antrag ange- nommen, den katholischen Staatsbürgern unter einigen beschrankenden Bedingun- M ^ ^ gen den Genuß aller seither ihnen versagten staatsbürgerlichen Rechte zu gewäh- tz ren. (S. Emancipation der Katholiken.) So verdankte Wellington ^ m, der unvermeidlichen Nachgiebigkeit gegen den Drang der Umstände den Ruhm, eine versöhnende Maßregel vollzogen zu haben, die so viele treffliche Manner seit ^ die h 50 Jahren aus Überzeugung und Rechtsgefühl verfochten und durch ihre Vemü- ^ Hungen der öffentlichen Meinung empfohlen hatten, sodaß nicht mit Unrecht von ^ schn. ^ ihm gesagt worden ist, er sei zur zwölften Stunde zu den Arbeitern gekommen. ^ Gleichzeitig mit der Emancipationsfrage ward über den Gesetzentwurf ver- tz/ ^schsl, ^ handelt, die irländischen Freisassen, deren Ländereien 40 Schillinge eintrugen, ih- ^ ' res Stimmrechts zu berauben und das Wahlrecht an ein Einkonimen von 10 Pf. "^kts Sterling zu binden. Die Absicht dieser Verfügung war, die Wahlen von dem ent- z scheidenden Einflüsse zu befreien, welcher nach den jüngsten Erfahrungen stets von der katholischen Geistlichkeit auf die dürftigen stimmberechtigten Katholiken ausg-e- As-ch ^ übt werden konnte. In den Besorgnissen, welche dieser Einfluß erweckte, lag eine Hauplursache des Entschlusses derRegierung, die Emancipation selbst in ihreHand , ^ ^er zu nehmen. Die irländischen Mitglieder des Parlaments fürchteten für ihre Sitzes A England 793 da der Einfluß auf die Ausübung des Stimmrechts ausschließend auf die Priester und den katholischen Verein überzugehen schien, und der Vortheil, den die früher ganz von den Grundherren abhangigen Freisassen bei den Wahlen gewahrt hatten, zu verschwinden drohte. Man wollte daher die Gewährung der Emancipation an die Bedingung knüpfen, daß die Zahl der Stimmberechtigten vermindert und dagegen die Achtbarkeit der Wähler erhöht werden sollte. Die Opposition ließ sich diesen Preis gefallen und der Antrag wurde zum Gesetz erhoben. In Irland aber erregte diese Beschränkung des Wahlrechts unter den Katholiken, we?che sie hauptsächlich traf, ebenso viel Unzufriedenheit, als die Emancipation unter den fanatischen Protestanten, die von Neuem Vereine bildeten, und die Parteiwuth wurde so heftig, daß in mehren Gegenden des Landes blutige Kämpfe erfolgten. Zu gleicher Zeit reizte der Nothstand unter den Fabrikarbeitern, die Lähmung desHan- desvcrkehrs und das Sinken des Arbeitslohnes in mehren Grafschaften Englands, besonders in den Weberdistricten, zu gefährlichen Ruhestörungen. Die Weber drangen den Meistern einen erhöhten Arbeitslohn auf, erstürmten die Häuser der Fabrikanten und zerstörten dic"Maschinen. Das Übel, das sich in diesen Erscheinungen verrieth, lag zu tief in dem gesellschaftlichen Zustande, als daß einzelne Maßregeln, wie die 1829 angeordnete Herabsetzung des Einfuhrzolles für rohe Arbeitsstoffe, allein hätten Abhülfe gewähren können, so lange das System der künstlichen Theurung fortdauerte, das zum Vortheil der Grundeigentümer aufrecht erhalten wurde. Die unruhigen Weber in Macclessield sprachen dies bitter aus, als sie, in eimm zahlreichen Haufen durch die Stadt ziehend, unter andern sinnbildlichen Andeutungen der Roth und Nahrungslosigkeit, ein kleines Brot, mit Trauerflor umschlungen, auf einer Stange, und auf einer andern Zähne trugen, mit der Inschrift: „Zu vermischen, die Eigentümer brauchen sie nicht mehr". Wie hartnäckig Misbräuche geschützt werden, wenn sie bevorrechteten Clas- sen, mittelbar oder unmittelbar, Vortheil bringen, zeigte sich in vielen Erscheinungen. Brougham's Antrag auf Verbesserung der Rechtspflege, den er (1828) durch die Darlegung der empörendsten Ungehörigkeiten und Bedrückungen begründete, hatte nur zögernden Erfolg und hat noch immer nicht zu gründlicher Abhülfe geführt. Wie viel und kräftig war seit Bentham, Romilly und Mackintosh über die Mängel der Gesetzgebung Englands gesprochen worden, ehe Peel seit 1826 sich das Verdienst erwarb, das Chaos der widerstreitenden Criminalgefetze zu ordnen. (S. Englisiche Gesetzreformen.) Nicht minder eifrig waren seine Bemühungen, die Polizei der Hauptstadt zu verbessern, um Verbrechen wirksamer zu verhüten, eine Einrichtung, die gegen vielfältigen Widerspruch 1829 vollendet ward. *) Die Rechtsgewährungen, welche die Katholiken errungen hatten, waren ein zu wichtiger Sieg über die hartnäckigen Beschützer alter Verfassungsformen, als daß sich nicht Hoffnungen auf tiefer eingreifende Verbesserungen des Gemeinwesens hatten regen sollen. Die Bahn war geösjAet; die lange verthcidiZte alte Burg hatte eine Mauerlücke, u:-:d die Stürmer drangen voran. Das achneten die besiegten Vertheidiger selbst, und merkwürdig war es, am Ende der Sitzung von 1829, entschiedene Tories, in der ersten Aufwallung des Anmuths, auf Abschaffung des Wahlfleckenmarkts (bc>r0UAÜ-mark:et), der nun ja auch den Katholiken geöffnet sei, und selbst im Oberhause den Grafen von Winchelsea, den Gegner der Emancipation, a-ufdie Unterdrückung derselben Misbräuche, auf die Einführung dreijähriger Parlamente, auf-die Trennung der Landeskirche von dem Staate, auf die Vernichtung des Stimmrechts der Bischöfe im Oberhause, antragen zu hören. Sie dach- *) Die ausführliche Verordnung steht in anuua! reßistsr" für 1829 (London 1830), S. 377 fg. 794 England ten nicht, wie bald die öffentliche Meinung mit kaltem Ernste Foderungen machen würde, die sie nur in bitterer Ironie ausgesprochen. Volksversammlungen und Vereine, die in Irland so große Erfolge gehabt hatten, bildeten sich nun auch fast in allen Grafschaften Englands, und sprachen über die Nothwendigkeit der Steuerverminderung, der Ersparnisse im Staatsdienste, der Abschaffung der Zehnten, der Verminderung des Aufwandes für die Landeskirche. Bedeutend war besonders die Volksversammlung zu Birmingham im Jan. 1830, wo mehr als 15,000 Menschen über des Landes bedrängte Lage Rath pflogen und eine Denkschrift genehmigten, welche den unglücklichen Zustand des Volkes der schlechten Staatsverwaltung zuschrieb. Es wurde die Stiftung eines politischen Vereins in Birmingham beschlossen, um durch gesetzliche Mittel eine Parlamentsreform (s. d.) zu erlangen. Das Volk, sagte man, habe kein gesetzliches Mittel, die Regierung seinen Wünschen geneigt zu machen, als das Haus der Gemeinen, und um es mit wahren Volksvertretern zu besetzen, müsse das alte Wahlsystem verändert werden. Die Eröffnung des Parlaments am 4. Febr. 1830 konnte solche Erwartungen wenig begünstigen. Gegen die Noth des Landes empfahl die Thronrede vorsichtige Maßregeln. Die Aussicht auf die Anerkennung Don Miguels, die sie eröffnete, schien die herrschende Meinung von den Grundsätzen der Minister in der Leitung der auswärtigen Politik zu bestätigen, und spätere Verhandlungen haben bewiesen, daß die Minister allerdings die Absicht hatten, Doq Miguel als König anzuerkennen, sobald er durch die ihm angerathene Gewährung einer Amnestie für die ausgewanderten Portugiesen dem britischen Cabinet einen Vorwand gegeben hätte, die portugiesische Regierung für völlig befestigt zu erklären. Jene Grundsätze, die deutlich verrathene Neigung, die Verbindung mit dem Machthaber in Portugal wieder anzuknüpfen, und das trügliche Spiel, das man mit Griechenland getrieben, gaben der Opposition den ersten Anlaß zu kräftigen Angriffen gegen das Ministerium. Schon am 23. Febr. trug Lord John Rüssel im Hause der Gemeinen auf Parlamentsreform an. Der Antrag wurde nur mit einer Mehrheit von 48 Stimmen verworfen, während bei frühern Verhandlungen über solche Anträge die Zahl der Widersacher weit größer gewesen war, und es verrieth sich dem schärfern Beobachter, daß die Zeit eines ernsten Kampfes für diese große Lebensfrage nahte, und es nicht mehr das alte Spiel galt, das man seit 60 Iahren so oft wiederholt hatte. Die Abschaffung der Abgabe von Leder, Bier und Cider war ein Zugeständnis das die Regierung den Stimmen brachte, die in den Volksversammlungen, selbst unter den Augen des Parlaments, über die Noth des Landes klagten. Der unruhige Zustand Irlands bereitete den Ministern neue Verlegenheiten. O'Connell hatte schon 1829 den Plan angekündigt, die Union zwischen Irland und England aufzuheben, um Irland wieder ein selbständiges Parlament zu verschaffen, und um so leichter Anhänger gefunden, da sich bald zeigte, daß die Emancipa- tion der Katholiken allein nicht hinreichend war, das tief liegende Übel der Landes- noth zu heilen. Gegen die Verwaltung des Herzogs von Wellington erhoben sich immer lautere Stimmen in und außer dem Parlament. Er hatte zwei Feinde zu bekämpfen, den Groll der strengen Tories, die es ihm nicht verzeihen konnten, daß er bei der Gewährung der Emancipation von seinen frühern Grundsätzen abgewichen war, und die Whigopposition, welcher er besonders durch seine Leitung der auswärtigen Politik oft Anlaß zu Angriffen gab. Hatte er im Oberhause bei Gelegenheit einer vor das Parlament gebrachten Bitte um AbHülse des Volkselends kalt geantwortet, das Volk sei an einen erkünstelten Reichthum gewöhnt und müsse zu den einfachen Gewohnheiten der Vorzeit zurückkehren, so antwortete der Volksverein in Birmingham, der Herzog habe seine 700,000 Pfund Sterling, das Geschenk des freigebigen Volkes, nicht in erkünsteltem Gelde erhalten, und sollten die K 'B" mi>»> Mi-Hten zu De index 183V im Ho Äß achmchm, ste Messe vorziehen, u Mch lösen soll. > P Meinung, daß sei! »l> Hülse der W ZiisckatenMtei dieser wistindielMrrech Mder englischen l «chdenPsründcnbe >in der ersten n, lug dl ..in Ach ^MaubMKni! seinen Bruder «och vor des s W, so lan> , Die Me' Machte Ms England 795 Niedern und mittlem Volksclassen zu der alten Lebensweise zurückkehren, so möge auch der Herzog die Gehalte und Jahrgelder vermindem, die er mit seinen Verwandten aus dem Vermögen des Volkes nehme. In der öffentlichen Meinung war ihm besonders auch der Glaube nachtheilig, daß er zu der Erhebung des Fürsien Polignac mitgewirkt habe und heim-lich die Absichten der absolutistischen Regierungen begünstige, freien Staatseinrichtungen in der Fremde aber wie in der Heimath abhold sei. Der Mißgriff, gegen persönliche Beleidigungen in den Zeitungen vor den Gerichten zu klagen, hatte auch sehr nachtheilig gewirkt, ehe er, besser berathen, den unklugen Schritt zurückthat. Sein vorherrschender Einfluß im Parlament vereitelte indeß alle Angriffe der Widersacher, wie im März den Antrag, die feindliche Behandlung der Portugiesen zu tadeln, welche durch britische Schisse waren verhindert worden, als AnHanger der, schon 1829 in England anerkannten jungen Königin auf der Insel Terceira zu landen. Der Antrag, den Robert Grant 1839 im Hause der Gemeinen machte, die alten Rechtsbeschrän- kungen der Juden aufzuheben, fand siegreiche Gegner, welche theils die Furcht äußerten, die Juden möchten sich des Wahlfleckenhandels bemächtigen, theils die Besorgniß aussprachen, sie würden ihr Genossenschaftsinteresse dem englischen Volksinteresse vorziehen, und so blieb der Vorschlag eine Aufgabe, welche die nächste Zukunft lösen soll. Es blieb auch nur ein Zeichen der Fortschritte der öffentlichen Meinung, daß selbst ein Mitglied des Oberhauses im Mai auf Untersuchung und Abhülfe der Misbräuche in der Staatskirche Englands und Irlands, besonders in Beziehung auf Pfründenanhäufung und Zehntenabgaben, antrug. Als die Aristokratenpartei diesen Angriff auf ihre Bundesgenossi'n, deren reiche Einkünfte meist in die bevorrechteten Familien fließen, glücklich abgewehrt hatte, schlug das Haupt der englischen Kirche, der Erzbischos von Canterbury, mit besserm Erfolge als Scheinmittel vor, die Zehnten durch Verträge auf gewisse Jahre abzulösen, welche den Pfründenbesitzern keine Opfer auflegten. Während in der ersten Hälfte des verhängnißvollen Jahres auch in England die Ereignisse reiften, lag der König im Schlosse zu Windsor auf dem Sterbebette. Das Geheimniß, in welches man die Fortschritte der Krankheit so lange als möglich hüllte, gab den Gegnern des Herz-ogs von Wellington Anlaß, ihn der ausschweifendsten Entwürfe zu beschuldigen, und selbst abenteuerliche Beschuldigungen fanden Glauben bei Manchen, die den Ehrgeiz des Machthabers kannten. Georg IV., weder geliebt noch geachtet, starb am 26. Jun., und freudige Hoffnungen begrüßten seinen Bruder, Wilhelm IV., der 9» dem Rufe freisinniger Ansichten stand. Noch vor des Königs Tode hatte der Prinz sich mit Wellington ausgesöhnt und glaubte nach seiner Thronbesteigung verpflichtet zu sein, die Minister im Amte zu lassen, so lange sie durch die Stimmenmehrheit im Parlamente unterstützt würden. Die Widersacher des Herzogs aber wurden muthiger, und die Minister erlitten eine Niederlage im Parlament, als die Frage über die Ernennung einer Regentschaft auf den Fall, daß der kaum zum Throne gelangte König ohne Erben stürbe, verhandelt ward, obgleich des Herzogs Einfluß wenigstens so viel erlangte, daß nicht die vorläufige Anordnung einer Regentschaft für die Zukunft seine Allgewalt beschränkte. Bei der herrschenden Stimmung der Gemüther konnte der Eindruck nicht überraschen, den die Kunde von den Ereignissen in Frankreich auf das englische Volk machte. Daß der Kampf in den Straßen von Paris auch eine Umwandlung der öffentlichen Verhältnisse in England beschleunigen müsse, war ein Gefühl, welches bei der ersten Botschaft erwachte, und wenn man sah, wie der verbannte König von Frankreich an der englischen Küste und auf dem Wege zu seinem Zufluchtsorte mit dreifarbigen Fahnen empfangen wurde, ließ sich zuversichtlich verkündigen, daß, wie Lady Morgan sagte, „der alte zerbröckelnde Bau der Mis- i räuche, wie Jerichos Mauern, bei dem siebenten Trompetenstöße zusammenstürzen 5.^ s - I 796 England werde vor der Stimme eines hochherzigen und freisinnigen Volkes". Es war eine Wirkung dieser Stimmung, daß der König von England unter allen europaischen Fürsten zuerst die neue Regierung in Frankreich anerkannte, wie dies Wiederaus die Volksstimmung belebend zurückwirken mußte. Die Unzufriedenheit mit den Ministern ward immer lauter unter dem Volke ausgesprochen. Ist es auch wol nur ein leeres Gerücht, daß der Herzog von Wellington um jene Zeit daran gedacht habe, sich mit Huskisson wieder zu vereinigen, so sahen doch Viele in dem erfahrenen Staatsmanns, den in jenen Tagen sein unglückliches Schicksal hinwegnahm, ein Mittel für das Ministerium, sich mit der öffentlichen Meinung zu versöhnen; aber mochte es dazu noch Zeit sein oder nicht, es ist gewiß, daß der Sturz der Minister beschleunigt wurde, weil sie den Beistand entbehrten, den Huskisson's Geschäftskunde und seine einflußreiche Partei ihnen gewährt haben würden. Die Volksversammlungen und politischen Vereine wurden besonders in London und den Manufacturbezirken immer zahlreicher und wirksamer, und im Herbste gesellten sich zu diesen mächtigen Hebeln andere drohende Erscheinungen. Wie viel auch das Beispiel gelungener Aufstande in andern Ländern hier einwirken mochte, die arbeitende Volksclasse war in einer so bedrängten Lage, daß sie leicht verleitet werden konnte, durch Ungesetzlichkeit zu erlangen, was redliche Freunde des Vaterlandes so lange vergebens durch verfassungsmäßige Mittel erstrebt hatten. Es begann ein gefährlicher Krieg gegen das Grundeigenthum, und in mehren der fruchtbarsten und volkreichsten Gegenden Englands, besonders in Kent, wo das Elend der Niedern Volksclasse hoch gestiegen war, wurden im October Brandstiftungen immer häufiger. Bettlerbanden vereinigten sich, Maschinen zu zerstören; Landkutschen und Reisende wurden geplündert, und überall mußte die freiwillige Reiterei sich bewaffnen, das Eigenthum zu schützen, da die bewaffnete Macht zu schwach war, die Ruhe des Lar des zu erhalten. Bei dieser drohenden Aufregung waren einige Aristokraten in Noroengland verblendet genug, die Erbitterung des Landvolks zu reizen, als sie allen Hmtecsassen, die bei den Parlamentswahlen gegen den Willen der Gcundherren gestimmt hatten, den Pacht aufkündigten. Wenige Tage vor der Eröffnung des neuen Parlaments wurde der Herzog von Wellington in den Straßen der Hauptstadt von dem Pöbel so wüthend angefallen, daß er durch schnelle Flucht sich retten mußte. Der Zauber der Allgewalt des Gefürchteten war verschwunden. Die Thronrede des Königs am 2. Nov. gab keine Aussicht auf eine Änderung der bisherigen Verwaltungsgrundsatze, und während der Graf Grey (s. d.) im Oberhause auf den nahenden Sturm hinwies und durch Erledigung der Beschwerden und Klagen, durch Sicherung der Liebe des Volkes, durch Hülfe und Erleichterung, durch gemäßigte Parlamentsreform ihn zu beschwören rieth, war das Ministerium mit seinen einflußreichsten Häuptern, Wellington und Peel, noch nicht zu der Einsicht gekommen, daß irgend eine Veränderung unvermeidlich war, daß wenigstens die auffallendsten Ungehörigkeiten des alten Wahlsystems sich nicht erhalten konnten, und daß bei der entschlossenen Stimme der öffentlichen Meinung, die durch Europa schallte, das englische Volk nicht ein theil- nahmloser Zuschauer bleiben und sich länger mit Staatseinrichtungen versöhnen würde, deren Ausartung ebm jene Machthaber seitdem selber anerkannt haben. Der Herzog von Wellington aber, während er die heftig angefochtene Thronrede vertheidigte und durch das Zeugniß der Erfahrung die Behauptung zu unterstützen suchte, Europas Ruhe sei durch die Vertrage von 1814 und 1815 gesichert worden, erklärte seinen festen Entschluß, sich jeder Parlamentsreform zu widersetzen, da kein Land in der Welt eine bessere gesetzgebende Versammlung als England habe. Fühlte er den Boden unter sich schwanken und wollte er durch dieses trotzige Auftreten sich selber täuschen? Nun sielen auch die Tories von dem abtrünnigen Verfechter der Emancipation ab, und laut erklarte der Graf von Winchelsea im Ober- brü 'Ort ' MIlI, ^ Wr des Innern, AirM und Andere. «chUentund Ein? -Dr der WhigMte MMK) seit lam MgenAuGiesum Weit entbehren m «gderZeitbedürfn Weben hatten sie des Wahlre -ich nach Begünsti GÄunz und Echa ittUchchiten and ^che UMws ^-mDec.M^ 5 die neubclebte Zur Lücken, als die Bei ^ Äw War! ^de ' ^lurcht s itin^ England 797 hause, die gefährliche Zeit erfodere tüchtigere Männer an der Spitze des Staates als die Minister, die das Vertrauen des Volkes verloren hätten. Wellington konnte der machtigen Vereinigung seiner Widersacher, der Whigs und Tories, nicht mehr widerstehen, und als die Regierung in der Nacht des 15. Nov. die Verhandlungen über die Civilliste des neuen Königs eröffnete, wurde gegen ihren Willen der Antrag der Opposition, den Entwurf der Minister durch eine besondere Commission des Hauses der Gemeinen prüfen zu lassen, mit bedeutender Stimmenmehrheit angenommen. Da fragte Hob house (s.d.), ob die Minister nach diesem Ausdrucke der Gesinnungen des Hauses ihre Stellen behalten wollten. Es erfolgte keine Antwort, aber am nächsten Tage ward in beiden Hausern erklart, daß alle Minister ihre Entlassung genommen hatten. An die Spitze der Regierung trat der Graf Grey, und ihm zur Seite standen Lord Althorp (s. d.) als Finanzminister, Lord Brougham (s. d.) als Kanzler, Palmerston als Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Melbourne (s. d.) als Minister des Innern, Goderich als Colonieminister, Graham als erster Lord derAdmiralitat, und Andere, die zu denselben politischen Grundsätzen sich bekannten. Der durch Talent und Einfluß überwiegenden Mehrzahl nach gehörten die neuen Machthaber der Whigpartei an, welche mit Ausnahme des kurzen Ministeriums unter Fox (1806) seit langer Zeit nicht am Staatsruder gewesen war und eben dieser langen Ausschließung wegen so viel an Geschäftskunde und Verwaltungsgeschicklichkeit entbehren mochte, als sie an freisinnigen Grundsätzen und richtiger Erkennung der Zeitbedürfnisse vor den Tories voraus hatte. Durch ihr früheres politisches Leben hatten sie sich die Verpflichtung aufgelegt, nach ganz andern Grundsätzen zu handeln als ihre Vorganger, und Grey, Brougham, Althorp und andere Mitglieder der Verwaltung waren seit vielen Jahren standhafte Verfechter einer Ausdehnung des Wahlrechts gewesen. Grey legte am LL. Nov. im Oberhause die Grundsatze seines Vcrwaltungssystems dar, und versprach, die Regierung sollte nicht mehr nach Begünstigungen geführt, in allen Zweigen des Staatsdienstes Einschränkung und Ersparung eingeführt, der Grundsatz der Nichteinmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten strenge befolgt, und endlich der Entwurf eines neuen Wahlgesetzes vorgelegt werden. Diese Ankündigung ward als eine erfreuliche Bürgschaft aufgenommen, und obgleich nach der Vertagung des Parlaments im Dec. 1830 die Ruhe im Lande nicht sogleich hergestellt wurde, so trug doch die neubelebte Zuversicht ebenso viel dazu bei, den aufrührischen Geist zu unterdrücken, als die Bemühungen der Regierung, das Ansehen der Gesetze strenge zu handhaben. In den Volksversammlungen, auf welche viele der geachtetsten Manner Einfluß zu gewinnen wußten, wurden nun die öffentlichen Angelegenheiten mit Ruhe und Würde besprochen. Bei der Wiedereröffnung des Parlaments am 3. Febr. 1831 ward in beiden Häusern der Entwurf einer Parlamentsre- sorm angekündigt, welche, wie Grey sagte, eine wirksame Maßregel sein sollte, ohne die Grenzen weiser Mäßigung zu überschreiten. Lord John Rüssel, ein Mitglied des Cabinets, der in ungünstigen Zeiten jene Sache tapfer vertheidigt hatte, ward ausersehen, sie in einem günstigem Augenblicke im Hause der Gemeinen zu versechten. Der 1. März war der wichtige Tag, wo das neue Grundgesetz vorgelegt wurde, von welchem man, wie später ein Redner sagte, nach hundert Jahren mit ebenso viel Ehrfurcht sprechen würde, als seine Zeitgenossen von dem großen Freibriefe des englischen Volkes sprachen. Derselbe Redner machte die treffende Bemerkung, die Bedürfnisse des Landes feien in verschiedenen Zeiten verschieden gewesen, die ganze Geschichte Englands sei eine Reformgesch'chte, und darin liege die Trefflichkeit der Grundverfassung dieses Staates, daß sie sich den Bedürfnissen des Volkes anbequeme. Es kann hi-r nicht der Ort sein, das englische Wahlsystem nach seinem Ursprünge und seiner allmaligen Entwicklung und in 798 England seiner spätem Ausartung darzustellen, aber es wird zum Verstandmß des neuen Gesetzes hinlänglich sein, uns zu erinnern, wie die im 13. Jahrhundert eingeführte freie Wahl der Repräsentanten der Grafschaften und Städte, besonders seit dem 16. Jahrhunderte theils durch Vernachlässigung des alten Rechts, theils durch Einführung neuer Formen, allmälig so sehr beschränkt worden ist, daß von den 513 Repräsentanten, welche England und Wales bisher in das Haus der Gemeinen schickten, nur etwa 70 durch Volkswahl, die übrigen aber entweder durch den vorherrschenden Einfluß mächtiger aristokratischer Familien befördert, oder von einzelnen Besitzern der Überreste verödeter Wahlflecken (rotten borougks, oder nommution borou^ks.) ernannt wurden. Eine Folge dieser Umwandlung der ursprünglichen Verfassung war, daß die Volksinteressen keine Vertreter hatten, und durch die Ernennungen der Mehrzahl der Repräsentanten das Interesse des Landeigenthums überwiegend wurde, wahrend mehre Städte, die durch Gewerb- thätigkeit und Handel volkreich und bedeutend geworden waren, ohne allen Anthei! an der Repräsentation blieben. Familienrücksichten und Bestechungen hatten bei den meisten Wahlen Einfluß, und um im Kampfe der Parteien sich zu erhalten, mußte auch die Regierung Wahlflecken zu ihrer Verfügung haben, daher Pitt mit Recht sagte, bei dem bestehenden System könne kein Minister ehrlich sein. In Schottland war das Wahlrecht nicht minder beschränkt, sodaß eigentlich von Repräsentation gar nicht die Rede sein konnte. Die 45 schottischen Mitglieder des Hauses der Gemeinen wurden von einer unbedeutenden Oligarchie gewählt, und in 30 Grafschaften betrug die Zahl der Wähler kaum 2500, bei einer Gesammtbevölkerung von dritthalb Millionen. In den Städten bestanden die Wähler aus den Mitgliedern der Stadträthe, die sich selbst wählten; 66 Städte hatten nur 1440 Stimmführcr und Glasgow mit 200,000 Einwohnern 33 Wähler. Das Stimmrecht in den Grafschaften beruhte auf sogenannten Oberherrlichkeiten (superiorities), die ganz verschieden vom Landbesitz und in den meisten Fällen in Händen waren, die keine Ländereien besaßen. So war in der Grafschaft Bute der Obersheriss der einzige stimmberechtigte Freisasse, und wenn eine Wahl vorgenommen wurde, schlug er sich selber vor, unterstützte den Antrag und erklärte sich für einstimmig gewählt. Seit mehr als 60 Jahren waren von patriotischen Männern über 30 Versuche gemacht worden, dem Verderbniß zu steuern, die aber bei dem, im Hause der Gemeinen überwiegend gewordenen Interesse ni-cht eher Erfolg haben konnten, bis die Stimme der öffentlichen Meinung sich so mächtig als in unsern Tagen gegen die Mis- bräuche erhob. Der Gesetzentwurf sollte den Hauptbeschwerden, der Ernennung von Repräsentanten durch Einzelne, der Wahl durch geschlossene Corporationen und dem Wahlaufwande gründlich abhelfen. Alle Wahlflecken, in welchen das Wahlrecht von Einzelnen ausgeübt wurde, verloren ihr Recht, und dazu gehörten alle, die nach der Zählung von 1821 nicht 2000 Einwohner hatten, überhaupt 60 Wahlflecken, das vielberüchtigte Old Sarum an der Spitze. Das zweite Verzeichnis enthält 47 Flecken, deren Einwohnerzahl nur 4000 betrug, und deren jeder nur einen Repräsentanten haben sollte. Durch diese Bestimmungen verloren 168 Mitglieder des Hauses der Gemeinen ihre Sitze. Das Stimmrecht ward an eine destimmte Einnahme gebunden, aber selbst diejenigen Pachter, die früher nicht Amheil an den Wahlen gehabt hatten, wurden stimmfähig. Sieben große, nicht repräsentirte Städte, worunter Sheffield, Birmingham und Manchester, mit 45,000 — 160,000 Einwohnern, sollten jede zwei, und 20 andere, gleichfalls nicht vertretene Städte jede einen Repräsentanten wählen. Die Anzahl der Repräsentanten für London und für .27 ansehnliche Grafschaften wurde vermehrt. Sämmtliche stimmberechtigte Bürger sollten in Wahllisten eingetragen werden. Zur Vermeidung der Wahlkosten, die besonders dadurch veranlaßt wurden, daß die Wahler oft weit vom Wahlorte entfernt wohnten und auf Kosten der Bewer- GV WÄ.Mzüberdi H den Antrag derM Hn betrachtete zwar Ä die Minister aber er! A ihres V Akündigte jedoch Lor mcken, und um n Wntantensür vvl Wahlrecht ertheilt, wo «n wieder aus 63' ich gegen die 'KWchwchedie Lesung zu Mndr Wer ^geachtet, ....... . ^ ' Mu MerMhrhei ern- dielend« 'zu t. England 799 ber abgeholt werden mußten, wurde jede Grafschaft in Bezirke abgetheilt, sodaß kein Wahler über 15 englische Meilen vom Wahlorte entfernt war. Wer in einer Stadt oder einem Wahlflecken stimmberechtigt war, sollte nicht bei den Wahlen für die Grafschaften stimmen. Auch in Schottland wurde sowol für die Städte als für die Grafschaften die Stimmberechtigung von einer bestimmten Einnahme abhängig gemacht, das Wahlrecht erweitert und die Zahl der Repräsentanten auf 50 erhöht. Irland sollte nur drei neue Repräsentanten erhalten. Die Gesammt- zahl der Mitglieder des Hauses der Gemeinen wurde von 658 auf 596 herabgesetzt, und die Zahl der Stimmberechtigten in England, Schottland und Irland um 500,000 erhöht. Für Schottland sowol als für Irland wurden besondere Gesetzentwürfe vorgelegt. Der Antrag der Minister fand lebhaften Widerstand, und eS wurde hauptsächlich dagegen eingewendet, daß das neue Wahlgesetz den demokratischen Einfluß überwiegend machen, und den Umsturz der Verfassung herbeiführen werde, indem es den Grundsatz der Repräsentation nach der Volkszahl einführe, statt der althergebrachten Vertretung großer Grundeigenthumsmassen. Als endlich am 22. März über die zweite Lesung des Entwurfs abgestimmt ward, entschied für den Antrag der Minister nur die Mehrheit einer einzigen Stimme. Die Opposition betrachtete zwar dieses Ergebniß als eine Niederlage des Gesetzentwurfes, die Minister aber erklärten ihren Entschluß, daß das Gesetz der verfassungsmäßigen Berathung des Ausschusses unterworfen und die Hauptgrundlage des Plans, 60 Flecken ihres Wahlrechts zu berauben, beibehalten werden sollte. Bald nachher kündigte jedoch Lord Rüssel einige, auf neuere Bevölkerungsangaben gegründete Veränderungen des Entwurfs an, welche für einige jener Flecken Hoffnung erweckten, und um noch versöhnlicher sich zu zeigen, wurde sowol die Zahl der Repräsentanten für volkreiche Grafschaften erhöht, als auch einzelnen Ortern das Wahlrecht ertheilt, wodurch die Gesammtzahl der Mitglieder des Hauses der Gemeinen wieder auf 627 stieg. General Gascoyne aber erklärte sich am 18. April auch gegen diesen Vorschlag; er wollte keinen Vorzug für Schottland und Irland gestatten und machte den Antrag, die Zahl der Mitglieder für England und Wales unverändert zu lassen. Dieser Versuch gehörte zu dem Angriffsplane der Opposition, welche die Fortschritte der Verhandlung hemmen und den Gesetzentwurf im Ausschusse verstümmeln wollte, da es ihr nicht gelungen war, die zweite Lesung zu verhindern. Des tapfern Widerstandes der Minister und ihrer AnHanger ungeachtet, fand der neue Antrag so kräftige Unterstützung bei den Freunden des Wahlfleckenhandels, die ihre Sitze bedroht sahen, daß selbst die Hindeutung auf die Auflösung des Parlaments nicht wirkte, und Gascoyne am 19. April mit einer Mehrheit von 8 Stimmen siegte. Die Minister boten am folgenden Tage ihre Entlassung an, die der König ablehnte, und als sie am 21. in einer, die Verhandlung über die Reform betreffenden Nebenfrage noch einmal die Stimmenmehrheit gegen sich hatten, entschied sich der König alsbald für die Auflösung des Parlaments, die er am 22. April, als eben die überraschte Opposition in beiden Häusern einen heftigen Sturm erregte, in einer Rede ankündigte, worin er sagte, „er wolle die wahre Stimme seines Volkes vernehmen auf dem einzigen Wege, wie sie sich am angemessensten erklären könne, in der ausdrücklichen Absicht, diejenigen Veränderungen der Repräsentation zu bewirken, welche die Umstände zu fodern schienen, und welche auf die anerkannten Grundsätze der Constitution gestützt, sowol die Rechte der Krone erhalten als die Freiheit des Volkes sichern könnten". Dieser Schritt des Königs ward im ganzen Lande mit Begeisterung aufgenommen und war auch der einzige, den die Umstände gestatteten. Hatte die Opposition ihn für unnöthig und gefährlich erklärt, so bewies der Erfolg das Gegenteil. Eine Veränderung des Ministenums, obgleich Mancher kühn genug war, England einen solchen Versuch anzurathen, würde unter den damaligen Umstanden weit größere Gefahren gehabt haben, als die Auflösung des Parlaments bringen konnte. Die Minister schienen einen entscheidenden Sieg errungen zu haben. Gegner, die früher, vielleicht aus gewissenhafter Besorgniß, bedenklichen Neuerungen den Weg zu bahnen, den Gesetzentwurf bekämpft hatten, traten auf einmal zu den Verfechtern desselben über, da sie zu der Überzeugung gekommen waren, daß die Wirkungen des neuen Gesetzes weit gefahrloser sein würden, als die Folgen der Verwerfung des Entwurfes. Die Reihen der Widersacher wurden taglich dünner, und die neuen Wahlen gaben überall ein so lautes Jeugniß von der Stimmung des Volkes, daß jeder Unbefangene einsah, wie wenig die Feinde der Reform im Hause der Gemeinen auf den Sieg rechnen durften. In den Machtkämpfen konnten die Gegner der Minister nirgend sich halten, außer auf den beiden englischen Universitäten, wo das kirchliche Interesse vorherrschte. Dc r Einfluß der Wahlfleckenbesitzer war überall vernichtet, der Sieg der Volkspartei vollständig. Während nun Alle erkannten, daß eine Befriedigung der Ansprüche des Volkes unvermeidlich war, und selbst entschiedene Tones nur noch fragten, ob die gebieterisch verlangte Veränderung der Repräsentation ganz nach dem Antrage der Minister gemacht werden sollte, erhoben die Freunde der Machthaber vielleicht unklug den Ruf: „Die Bill, die ganze Bill, nichts als die Bill!" und die neugewählten Mitglieder des Parlaments mußten sich verpflichten, den Entwurf der Minister zu verfechten. Der König eröffnete das Parlament am 14. Zun. 1831, und am 25. wurde der Gesetzentwurf mit einigen Veränderungen wieder vor das Haus der Gemeinen gebracht. Als man am 4. Jul. die zweite Lesung in Antrag brachte, eröffnete sich eine lebhafte Verhandlung, worin Mackintosh, Macauley und Burdett am kräftigsten für das neue Gesetz sprachen und Peel am gründlichsten es bekämpfte, und bei der Abstimmung am 6. Jul. siegten die Minister mit 307 gegen 231 Stimmen. Der Entwurf ging langsam durch den Ausschuß, wo er einige zweckmäßige Verbesserungen erhielt. Einer der merkwürdigsten Anträge während dieser Verhandlungen ging von Hume (s. d.) aus, der 19 Repräsentanten für die außereuropäischen Colonien und für Jersey, Guernsey und Alderney verlangte. Dieser Vorschlag, den schon Burke für unausführbar erklärt hatte, blieb zwar ohne Erfolg, aber mehre Gegner der Reform ergriffen auch diese Gelegenheit, durch Unterstützung des hingeworfenen Antrags neue Schwierigkeiten herbeizuführen. Sie suchten den Gesetzentwurf bei jedem Schritte zu hemmen, wie es schien, in der Absicht, die Aufmerksamkeit des Volkes zu ermüden, die allgemeine Begeisterung abzukühlen, und Zeit zu gewinnen, um auf andern Seiten neue Widerstandskräfte zu bereiten. Erst am 21. Sept. erfolgte die entscheidende Abstimmung, und das neue Wahlgesetz ward mit einer Mehrheit von 109 Stimmen angenommen. Was wird das Oberhaus thun? fragte nun ganz England. Es wird seine Pflicht thun, sagten die starren Tones, und manche Zeichen schienen zu verkünden, daß den Ministern ein gefährlicher Sturm drohte. Der unglückliche Ausgang des Kampfes in Polen, der überall den Verwandten jener Parcei neue Zuversicht gegeben, blieb auch in England nicht ohne Rückwirkung, und der Much der Opposition erhob sich um so mehr, da sie Verbündete in den Frauengemachern am Hose gefunden hatte. Am 22. Sept. wurde die Bill in das Oberhaus gebracht. Es war ein großer Augenblick, und Brougham, auf seinen Sitz zurückkehrend, sprach die herkömmlichen Worte der Ankündigung mit so ernstem und feierlichem Tone, daß Alle nüt tiefer Stille zuhörten. Am 3. Oct. unterstützte Grey den Antrag auf die zweite Lesung deS Gesetzentwurfs mit einer Rede, die seiner glänzendsten Leistungen würdig war; aber auch seine Gegner entwickelten ihre Ansichten so gründlich, daß diese Verhandlungen zu den anziehendsten und wichtigsten der gan- HAH beigetragen Hu d Anhängli '' -undLeitung die!' NM 12. sei, daß sie nWe gebaute, u: sich die große Fr« sich die achtbarst iWIlltsi VUj» > M doch die f Mn beiden 5 ü« Reform« MßizteRef dl vertraute c Offenheit ui Hr, auf die ' " rt, da chteu. ? nch a! «ni Widers 'knächj ilderbeii England ' 801 zen Sitzung gehörten, und selbst der Lordkanzler, als er bei dem Schlüsse derselben, am 7. Oct., mit den schärfsten Waffen seiner Ironie und mit demosthenischem Feuer für die Grundsatze der Bill kämpfte, einzelne Bestimmungen des Entwurfs einer neuen sorgfältigen Erwägung empfahl. An demselben Tage wurde die Bill mit einer Mehrheit von 41 Stimmen verworfen, zu welcher die Bank der Bischöfe 21 Stimmen beigetragen hatte. Wenige Tage nachher erklärte daS HauS der Gemeinen auf den Antrag des Lords Ebrington mit einer Mehrheit von 131 Stimmen seine feste Anhänglichkeit an die Grundsätze und Hauptbestimmungen der Bill und sein Vertrauen auf die Beharrlichkeit der Minister, welche durch die Einführung und Leitung dieses Gesetzvorschlags das wahre Wohl des Landes bedacht hatten. Lord Althorp äußerte zugleich die Hoffnung, daß sich eine andere, ebenso wirksame Reformmaßregel werde' ausführen lassen, und noch entschiedener erklarte Brougham am 12. Ort. im Oberhause, daß die Reform nur auf kurze Zeit verschoben sei, daß sie durchgehen werde, durchgehen müsse, und eine auf gleiche Grundsätze gebaute, umfassende Bill bald Landesgesetz werden solle. Aber nun erhob sich die große Frage: Was wird das Volk thun? In jener bewegten Zeit zeigten sich die achtbarsten Sprecher in den öffentlichen Blättern ihres Berufs würdig, und Manner von' allen Parteien waren eifrig bemüht, das Volk zu erinnern, daß es ebenso unklug als unnütz sei, zu Gewaltschritten überzugehen. Schwebte doch die Frage nicht zwischen dem Volke und der Regierung, sondern zwischen den beiden Zweigen der gesetzgebenden Gewalt. Daß trotz allem Widerstande eine Reform gewahrt werden mußte, war offenbar, und fast alle Mitglieder des Oberhauses, welche den Gesetzvorschlag zurückwiesen, hatten sich verpflichtet, eine gemäßigte Reform, wie sie es nannten, zu unterstützen. Die Mehrzahl des Volkes vertraute auf den Patriotismus und die Festigkeit des Königs, auf die Entschlossenheit und Kraft des Hauses der Gemeinen, auf die guten Absichten der Minister, auf die Gerechtigkeit der Sache, und gewiß wirkte auch Brougham's ernstes Wort, daß der Sieg der großen Maßregel nicht erlangt werden könnte, wenn die Freunde der Reform sich nicht auch als Freunde der öffentlichen Ordnung bewährten. Die Regierung hatte nur zwischen zwei Wegen zu wählen. Der König konnte, das Vorrecht der Krone gebrauchend, durch die Ernennung neuer Mitglieder die Mehrheit im Oberhause sichern, aber er war diesem äußersten Mittel um so mehr abhold, da wenigstens 70 Ernennungen nöthig waren, und auch Grey war nicht geneigt, darauf zu dringen. Es läßt sich nicht leugnen, daß eine solche Maßregel, zwar nicht dem Buchstaben, doch dem Geiste der bestehenden Verfassung widerstritt, so lange noch nicht von einer Reform des Oberhauses die Rede war, die der nächsten Zukunft vorbehalten bleiben dürfte. Es war daher, um den Zwiespalt der beiden Zweige der gesetzgebenden Gewalt zu heben, nur der Weg übrig, Unterhandlungen anzuknüpfen, einen veränderten Entwurf vorzulegen, und auf diese Weise die Unterstützung derjenigen Mitglieder des Oberhauses zu gewinnen, die sich für eine gemäßigte Reform erklärt hatten. Der König vertagte am 20. Oct. das Parlament, indem er seinen unwandelbaren Wunsch aussprach, diejenigen Verbesserungen des Wahlsystems eingeführt zu sehen, durch welche dem Volke der volle Genuß seiner Rechte gesichert werden könnte. Die Minister benutzten die Zwischenzeit, sich mit den gemäßigten TorieS zu verständigen, wozu besonders ^ord Wharncliffe und Graf Harrowby gehörten. Die Aufregung im Lande war indeß noch so lebhaft, daß die Ungewißheit des Erfolgs der großen Maßregel nach der Vertagung des Parlaments neue Zuckungen hervorrief, welche den krankhaften gesellschaftlichen Austand verriethen. In mehren Gegenden wurde die Reformangelegenheit von Aufreizern benutzt, die nieder» Volksclassen aufzuwiegeln; Plünderungen, Gewaltthätigkeiten und Brandstiftungen wurden wieder häufig, und am 20. Oct. gab die Ankunft des Parlamentsmitglieds Werh erell (s. d.), Evnv.-Ser. der neuesten Zeit emd Literatur. I. 51 802 England dar sich der Reform feindlich erwiesen hatte, Anlaß zu einem furchtbaren Aufstände in Bristol, welcher nur mit Waffengewalt »unterdrückt werden konnte. Achtbare Manner vereinigten sich in verschiedenen Grafschaften zu dem erklärten Zwecke, die Minister zu unterstützen, aber bedeutendere Erscheinungen wurden bald die politischen Vereine, die sich fast in allen Theilen des Landes bildeten. In London ward am 29. Oct. der Plan zu einer großen politischen Nationalunion H0rurul ceutrul nutilmul politica! nninn) entwerfen, in welcher Burdett den Vorsitz führte. Diese Vereine nahmen aber bald, durch minder besonnene Führer geleitet, eine Stellung an, welche das Ansehen der Regierung durch anmaßende Überwachung zu erschüttern drohte. Zu den gefahrlichsten Erscheinungen dieser Art gehörte der Plan, eine Nationalunion der arbeitenden Volksclasse zu stiften, und es wurden mehre Beschlüsse entworfen, welche der ersten Versammlung zu London am 7. Nov. vorgelegt werden sollten: Abschaffung aller erblichen Vorzüge, freies Stimmrecht bei durch Wahl der Volksvertreter für jeden volljährigen unbescholtenen Mann, Wahl auf Kugelung, Begründung der Wahlfähigkeit auf geistige Tüchtigkeit und sittliche Würdigkeit, ohne alle Rücksicht auf Vermögensbesitz, jährliche Parlamcntswahlen. Nur das verständige Einschreiten des Ministers des Innern verbinderte die Ausführung dieses Entwurfs, doch rr-urden jene Beschlüsse bald nachher in der Versammlung eines Arbeitervereins in Manchester (AAle men ok Nanckester) angenommen, in welcher ein Redner die Minister schmähte, die Reformbill lächerlich machte, die Bischöfe verfluchte, und ein anderer ausrief, seine Lumpen seien ehrenvoller als alle Ehrenvorzüge der verdammlichen Aristokratie. Schon am 2l. Nov. erließ indeß die Regierung eine Bekanntmachung, welche alle politischen Versammlungen für gesetzwidrig erklärte. Dies machte die Vereine vorsichtiger; der große Verein in Birmingham gab den bereits gefaßten Beschluß auf, sich durch Satzungen als dauernde Genossenschaft zu gründen, und Burdett schied aus der Nationalunion zu London, die aber dennoch am 30. Nov. beschloß, bei einer wiederholten Verwerfung der Rfformbill das Haus der Gemeinen um die Verweigerung aller Steuern zu bitten. Am 6. Der. wurde das Parlament wieder eröffnet, und am 12. desselben Monats durch Lord Rüssel die dritte Reformbill dem Hause der Gemeinen vorgelegt. Sie hatte wesentliche Veränderungen erhalten, und die bedeutendsten Einwendungen der Gegner waren beachtet worden, ohne den Hauptgrundsatz, die Erweiterung des Wahlrechts, aufzuopfern. Der Grundsatz des Bevölkerungsverhältnisses, von welchem der erste Entwurf das Wahlrecht der Flecken abhängig machte, war aufgegeben; man glaubte in der Häuserzahl ein zuverlässigeres Merkmal ihrer Wichtigkeit gefunden zu haben; um aber nicht durch die Zahl geringer Häuser die Wahlrechtsansprüche bestimmen zu lassen, wurde zugleich verfügt, daß die Häuser nach dem Betrage der Grundsteuer geschätzt werden sollten. Die Zahl der Flecken, welche ihr Wahlrecht verloren, wurde zu 56 bestimmt, dagegen wurden die wegfallenden Repräsentanten durch die Theilung einiger Grafschaften und durch die Gewährung neuer Wahlberechtigungen ersetzt, sodaß die ursprüngliche Zahl der Mitglieder des Unterhauses unverändert bliebe, gerade der bestrittene Punkt, der die Auflösung des Parlaments herbeigeführt hatte, und endlich wurden auch dem vielvertheidigten Corporationsinteresse Begünstigungen gewährt, indem das Wahlrecht derjenigen Freisassen geschont wurde, die nach dem ersten Gesetzvorschlage ihre Berechtigung verlieren sollten. Am 18. Dec. bewilligte eine Mehrheit von 162 Stimmen die zweite Lesung der Bill. Als am 20. Jan. 1832 die Berathungen im Ausschusse begannen, wiederholten die Gegner das alte Spiel, die Fortschritte der Bill zu verzögern; als aber am 28. Febr. ein Antrag der Opposition gegen die Vermehrung der Repräsentantenzahl für London erfol 26, Grasen Mdiglell für . M ihre Freun sAkesjuc Maus der^ ift-rvorM' ^ ' »ck auch dO ^ der nicht b M»d leitete, sonder F.Mrz erfolgte Anü »Kampfe ward «dl ^ 9 Ltin iftie geheime Wirksat chchtlos gewesen, un schndlungendesAi W, welche Stadt Wider Flecken, die a. Dies n l>ei der Abstimmun Wer Entscheidung 'dm kam unter die Lei chn drangen nun au ^'Mehrheit zu sicher Entlassung, neues M >ne ausgedehnte M bindest auf den Ant «^Stimmenden' ^ zu berufen, di , wne W,'^ " Dieser SchM U Der k ^ . ^uf n ^L^dieentl ^bill nz^ konnten vie England 803 war verworfen worden, erfolgte endlich am 23. Mär; die Annahme der Bill mit einer Mehrheit von 116 Stimmen. Bei der Eröffnung der Verhandlungen im Oberhause am 26. Marz zeigten sich die Folgen der gepflogenen Unterhandlungen in den Erklärungen des Grafen von Harrowby und des Lords Wharnclisse, die ihren Entschluß ankündigten, für die zweite Lesung zu stimmen, um dann den Gesetzvorschlag bei den Ausschußverhandlungen einer gründlichen Prüfung zu unterwerfen. Sie und ihre Freunde sprachen entschieden für die Nothwendigkeit, auf die Stimme des Volkes zu achten, und es verrieth sich in den Verhandlungen, daß diese Nachgiebigkeit aus der Furcht vor einer Vermehrung der Mitglieder des Oberhauses hervorging. Die Hoffnung auf eine Veränderung des Ministeriums mochte aber auch dazu beigetragen haben, und vielleicht wm der Argwohn nicht ganz grundlos, der nicht bloß die Thätigkeit der Hofpartei, die der Herzog von Cumberland leitete, sondern auch auswärtigen Einfluß fürchtete, und damit die am 27. März erfolgte Ankunft des Fürsten Orloff in Verbindung brachte. Nach einem harten Kampfe ward endlich am 14. April die zweite Lesung der Bill durch eine Mehrheit von 9 Stimmen entschieden, wogegen der Herzog von Wellington und mehre andere Mitglieder des Oberhauses eine feierliche Verwahrung einlegten. Aber die geheime Wirksamkeit der Toryopposi'tion und ihrer Verbündeten war nicht fruchtlos gewesen, und als die Mine geladen war, machte Lord Lyndhurst bei den Verhandlungen des Ausschusses am 7. Mai den Antrag, es solle zuerst über die Frage, welche Städte das Wahlrecht erhalten sollten, und dann über das Schicksal der Flecken, die zum Verluste der Wahlberechtigung verurtheilt waren, entschieden werden. Die Minister widersetzten sich diesem Antrage, der offenbar den Zweck hatte, den Hauptgrundsatz der Bill, die Wahlentziehung, zu schwächen, der aber bei der Abstimmung mit 151 gegen 116 Stimmen angenommen wurde. Nach dieser Entscheidung war die Bill nicht länger in den Händen der Minister, sondern kam unter die Leitung ihrer erklärten Gegner. Graf Grey und seine Amtsgenossen drangen nun auf die Ernennung neuer Mitglieder des Oberhauses, um sich die Mehrheit zu sichern, und als der König ihr Verlangen verweigerte, baten sie um ihre Entlassung. Der Herzog von Wellington erhielt vom Könige den Auftrag, ein neues Ministerium zu bilden, das die Bedingung erfüllen könnte, eine ausgedehnte Parlamentsreform durchzusetzen. Das Haus der Gemeinen faßte indeß auf den Antrag des Lords Ebrington am 10. Mai mit einer Mehrheit von 80 Stimmen den Beschluß, den König zu bitten, in seinen Rath nur solche Männer zu berufen, die entschlossen wären, die von dem Hause der Gemeinen angenommene Bill in ihren wesentlichen Bestimmungen unverstümmelt durchzusetzen. Dieser Schritt war um so entscheidender, da trotz dem Verbote der Regierung die kühne Thätigkeit der politischen Vereine, und besonders der vielverzweigten Union zu Birmingham, zu gleicher Zeit der öffentlichen Meinung laute Worte gab. Die Stimme des Volkes, kräftig und einmüthig ausgesprochen, mußte siegen. Der Herzog von Wellington erklärte dem König sein Unvermögen, ein Ministerium zu bilden, das die vorgeschriebene Bedingung erfüllen könnte. Der König knüpfte darauf mit dem Grafen Grey neue Unterhandlungen an, und am 15. Mai waren die entlassenen Minister wieder im Amte. Die Verhandlungen über die Reformbill wurden alsbald fortgesetzt. Der Unterstützung des Königs gewiß, und durch die Unterhandlungen mit der Gegenpartei vor entschiedenem Widerstande gesichert, konnten die Minister die Hauptgrundsätze der Bill siegreich durchführen, und waren nachgiebig in Nebenbestimmungen, die das Wesentliche der Maßregel nicht trafen. Am 4. Iun. wurde die dritte Lesung der Reformbill durch eine Mehrheit von 22 Stimmen im Oberhause entschieden, und am 7. desselben Monats war sie nach des Königs Genehmigung das neue Gesetz des Landes. Bald nachher erhielten auch die neuen Wahlgesetze für Schottland und Irland die Bei- 51* 804 England siimmung des Oberhauses, wodurch die wichtigste Umwandlung, welche England seit 1688 erfahren hat, vollendet wurde. Bei den Verhandlungen über diese große Angelegenheit wurde von den Gegnern ebenso standhaft behauptet, daß die Parlamentsreform ein ganzlicher Umsturz des Bestehenden, eine revolutionnaire Maßregel sei, als von den Vertheidigern die Behauptung verfochten wurde, sie sei nur eine Wiederherstellung des alten Wahlrechts und auf die Grundlage der ursprünglichen Verfassung gebaut, die unerschüttert bleiben solle. Aber selbst wenn man in dem Grundsatze des neuen Wahlgesetzes auch nur die Anerkennung des alten Rechts sieht, so wird doch allerdings das Bestehende völlig erschüttert, weil die ganze Grundlage des seitherigen Repräsentativsystems, der Überwiegende Einfluß des Grundeigenthums, weggenommen wird, und wenn man der, von den Gegnern gebrauchten Bezeichnung das Gehässige nimmt, die sie haben sollte, so kann man sagen, es habe eine Revolution begonnen. Das Ziel der geöffneten Bahn liegt im Dunkel der Zukunft; aber so viel ist klar, daß sich diejenigen Begünstigungen, welche die Veränderungen der Reformbill auf ihrem beschwerlichen Wege durch die gesetzgebenden Versammlungen für das Interesse des Grundeigenthums noch gerettet haben, nicht lange werden halten können. Alle Volksinteressen werden bei den künftigen Wahlen immer mehr unabhängige und muthige Wortführer erhalten, und je kräftiger die Mehrheit des Hauses der Gemeinen sich gestalten wird, desto weniger kann es den Sonderinteressen gelingen, die Verwaltung wie bisher zum Vortheil der Aristokratie zu führen, wer auch an der Spitze des Staats stehen möge. Die Emancipation der Katholiken und die Parlamentsreform werden zunächst auf Irland entscheidend einwirken, und die von der Regierung auf die drohenden Schritte der Irlander bereits während der Verhandlungen über die Reformbill eingeleitete Zehntenaufhebung wird der erste Schritt zu einer Umwandlung der Verhältnisse der herrschenden Kirche sein. (Vergl. Irland.) Was der Erzbischof von Canterbury zur Beschwichtigung der öffentlichen Stimme in England bewirkt hat, wird nicht lange genügen, wenn die Vortheile, welche der Aristokratie seither aus dem Schatze der Kirche zuflössen, im Hause der Gemeinen nicht mehr ihre eigennützigen Verfechter finden, und bei der innigen Verbindung zwischen der Landeskirche und dem Staate muß die Lösung dieses Bandes zu den eingreifendsten Veränderungen führen. Mit diesen Verhältnissen fleht inlnaher Beziehung die Einrichtung des öffentlichen Unterrichts, besonders auf den höhern Lehranstalten, deren unduldsamer Ausschlic- ßungsgeift und Gebrechlichkeit zu der Stiftung der Londoner Universität (s. d.) Anlaß gaben. Auch sie werden dem Zuge der Verbesserung folgen, wenn in die starren Formen des kirchlichen Lebens ein frischerer Geist eingeht. Die Lage der arbeitenden Volksclassen, die bei den jüngsten Umwandlungen als ein so mächtiger Hebel gedient hat, darf von dem neuen Parlament eine wirksamere Hülfe erwarten, als sie bisher gefunden hat; die Gesetzgebung über den Getreideverkehr, der noch unter so schweren Banden liegt, wird sich dem dringenden Volksbedürfnisse fügen müssen, und der ansehnliche Theil der Bevölkerung, welcher sich der Fabrik- thatigkeit widmet und allein der Baumwollenmanufactur 1,400,666 Menschen liefert, kann nicht länger unter dem Monopol der Ackerbauer leiden. Wie zunächst die Verhaltnisse des Mutterlandes, werden dann besonders auch die verwickelten Zustände der Eolonien Hülfe fodern, deren Verwaltung durch das Interesse der Aristokratie so kostbar geworden ist. Die Sklavenempörung auf Jamaica, die seit 1826 noch nicht beschwichtigte Unzufriedenheit in Canada, sind Zeichen bevorstehender Umwandlungen. Wird das in der neuesten Zeit so lebhaft angefochtene Monopol der ostindischen Compagnie vor der öffentlichen Meinung, die sich schon so laut für die Freiheit des Handels nach Indien erklärt hat, sich erhalten können ? Sollte der 1884 erlöschende Freibrief der Compagnie nur mit großen Beschränkung ßnglBdö w anbei «dB dem D ..des Sieg^ die Mali Gest und noch Inn! ^ßMichelndenTmm W einzelne denkendes chrungen sprachen, i DG welche den chrlr -«nren Äpfel verführ «nicht, ein wenig Har «Migenthum, dag Ä und Kostbarkeit dei Ähnliches; aber da; Sich des Ganzen erhöh Adel, so lange Engl niß der Fabriken v ?ch nicht unter dem Dr> ' WM ^Hunderte zu zechbr England sel ! Krieg über alles! Wendung der MO !??GenLe! KnNchuMst und Frei ' iniO, , an dei- NN. i«. Englands Gesetzreformen der neuern Zeit LV5 gen erneuert werden, so wird nicht nur der ganze Oftindisch-chinesische Handel (s.d.) eine andere Gestalt erhalten, sondern überhaupt der britische Handel neue Richtungen nehmen. So werden, wenn das Volksinteresse durch seine unabhängigen Wortführer Richtschnur der Verwaltung wird, wie die innern auch die äußern Verhältnisse nach ganz andern Grundsätzen geleitet werden, und England sich nicht mehr wie früher in Kriege verwickelt sehen, die jenem Interesse fremd sind und nur dem Vortheil einer Oligarchie dienen. Für das übrige Europa aber werden die Folgen des Siegs der britischen Volksfreiheit sowol in dieser Beziehung als auch durch die moralische Lähmung aller Reactionen der Willkürherrschaft wichtig sein, und es möge ihr freudig zurufen: Lsto ! Englands Gesetzreformen der neuern Zeit. Bis in das Jahr 1789 und noch lange nachher wiegte man sich in England mit dem stolzen und schmeichelnden Traume, daß Mengland allein in der Welt die unauslöschliche Sehnsucht des Menschengeschlechts nach Freiheit und Gesetzlichkeit befriedige. Wenn einzelne denkende Männer, wie Home, Fox und Andere, von nothwendigcn Verbesserungen sprachen, so wurden sie nicht selten vorgestellt unter dem Bilde der Schlange, welche den ehrlichen wohlgenährten Hans Bull zum Genuß der revo- lutionnairen Äpfel verführen wollte. Einige kleine UnVollkommenheiten leugnete man nicht, ein wenig Härte der Criminalgcsetze, etwas Verworrenheit der Gesetze über das Eigenthum, daß z. B. auch der geschickteste Rechtsgelehrte keinen Kauf mit voller Sicherheit für den Käufer zu Stande bringen könne, etwas Schwerfälligkeit und Kostbarkeit der Gerichtsverfassung, die Mängel der Parlamentswahlen und Ähnliches; aber das war nur antiker Rost, welcher die Schönheit und den Werth des Ganzen erhöhte. In der That war diese Behauptung nicht ganz ungegründet, so lange England sein Manufactursystem nicht übertrieben hatte, das Erzeugniß der Fabriken noch fast in ganz Europa einen offenen, reichlich zahlenden Markt und einen vollkommen hinreichenden Absatz fand, so lange die öffentlichen Abgaben noch dem Wohlstande des Landes angemessen waren und das Volk noch nicht unter dem Drucke der Landeigenthümer erlag. Aber der Krieg, welchen Pitt gegen die französische Revolution in der eiteln und ungerechten Hoffnung anfing, weniger die Principien derselben als Frankreichs Wohlstand und Macht für Jahrhunderte zu zerstören, hat das Verderben, welches er über Frankreich zu bringen suchte, England selbst in großem Umfange zugezogen. Die Fabrikation ist durch den Krieg über alles naturgemäße Verhältnis vermehrt, aber zugleich durch die Anwendung der Maschinen so auf die Spitze getrieben worden, daß der Arbeiter nur den nothdürftigften Lebensunterhalt verdient und bei der geringsten Stockung der bittersten Nahrungslosigkeit anheimfällt. Durch diese Veränderungen ist der ganze Charakter des Volkes und des öffentlichen Lebens ergrissen worden; an die Stelle der Großmuth und Freigebigkeit ist Selbstsucht und kleinliche Berechnung getreten; die brotlosen Fabrikarbeiter und die Tagelöhner der Landwirthschaft sind eine gäh- rende Masse geworden, welche größtentheils von Denen ernährt werden muß, die selbst an der Grenze der Nahrungslosigkeit stehen und durch den kleinsten Unfall selbst in die Masse der Armen geworfen werden. Die Verzinsung der Staatsschuld hat die öffentlichen Lasten so unverhältnismäßig vermehrt, daß ihr Aufbringen fast unmöglich geworden ist und Alles, selbst das Geringste, aufgesucht werden muß, was zu ihrer Verminderung beitragen kann. Da man sich aber mit Recht ebenso sehr vor der Unredlichkeit als den fürchterlichen Erschütterungen eines Nationalbankrutts scheut und die öffentliche Verwaltung nicht gelähmt, ja nicht einmal beschränkt werden kann, ohne wieder eine Menge Hände arbeitslos zu lassen, so sind alle Mittel, welche zu Erleichterung des Volkes ergrissen werden können, ihrer Natur nach theils unzureichend, theils nicht geeignet, eine schnelle Abhülfe zu gewähren, und die Ungeduld wie das Mißtrauen des Vol- 806 Englands Gesetzresormen der neuern Zeit kcs wird dadurch nur gesteigert. So erklart es sich, wie man die Ursache der Zögerung in üblem Willen der Regierung und des Parlaments sucht, und wie Maßregeln, welche für sich keine unmittelbare Abhülfe gewahren, doch von der öffentlichen Meinung mit Heftigkeit ergriffen und mit Beharrlichkeit durchgesetzt werden, wie die Reform des Parlaments, welche nur die Bahn zu künftigen materiellen Verbesserungen brechen soll, selbst aber keine Erleichterung verschafft. Ist aber einmal der Anfang gemacht, einzelne Theile des alten Staatsgebäudes umzubauen, so führt der natürliche Zusammenhang, in welchem alles Einzelne unter sich und mir dem Ganzen steht> unvermeidlich von einer Reparatur zur andern, und je langer dieselben verschoben worden sind, desto weiter müssen sie sich erstrecken und desto tiefer eingreifen. Einzelne Manner haben freilich schon früher die Mangelhaftigkeit der alten Einrichtungen und das Irrige des Vorurtheils eingesehen, welches in dem Alterthümlichen einen Vorzug fand und der antiken Form das Wesen der Sache nachsetzte, oder sich und Andere damit tauschte, daß auch das völlig Unbrauchbare nicht verbessert werden dürfe, weil es zu sehr mit dem Ganzen verwachsen sei. Diese Scheu vor allen Reformen, selbst den wohlthätigsten, entsprang, wie auch in andern Landern, theils aus der tragen Unwissenheit, welche die Mühe der Untersuchung und noch mehr die Störung des gedankenlosen Fortschleichens in den gewohnten Gleisen haßt, theils aber aus einem noch verwerflichem Motive, dem selbstsüchtigen Bestreben, sich die ungerechten Vortheile nicht nehmen zu lassen, zu deren Gewinn ein Theil der Gesellschaft die Mangel der Verfassung und Verwaltung benutzt. Je nothwendiger und vernunftgemäßer eine Reform ist, desto heftiger ist von dieser Seite der Widerstand, und nirgend konnte er größer sein als in England, weil nirgend die Vortheile größer waren, welche aus der UnVollkommenheit der Staatseinrichtungen für einen kleinen Theil der Nation, nämlich für die Familien der großen Grundeigenthümer und des hohen Adels, entsprangen. Daher hatten jene einzelnen Stimmen, selbst wenn sie auch im Parlamente erhoben wurden, keine Kraft; man betrachtete sie fast als unschuldige Übungen, gutgemeinte Thorheiten des Studirzimmers, der sogenannten müßigen Köpfe, d.h. Derer, welche aus dem Geschäftsleben, aus dem Rausche der Gesellschaft und des Sinnengenusses noch einige Zeit zum Nachdenken zu retten suchen, oder welche noch nicht in den Strudel des Weltlebens untergegangen sind. So wurden früher die Anträge des wackern Wilberforce zu Abschaffung des die Menschheit entehrenden Sklavenhandels betrachtet, und so kämpfte Sir Samuel Nomilly vergebens für eine, uns fast gering scheinende Verbesserung der bis zum Abenteuerlichen harten und verkehrten Eriminalgesetze. Wenn auch im Hause der Gemeinen ein Sieg über das Veraltete errungen war, so wurde er gewöhnlich in dem Oberhause wieder vereitelt, weil hier noch mehr Mitglieder als dort durch das Interesse ihrer Familien und durch Vorurtheil gegen jede Veränderung eingenommen sind. Auch in dieser Hinsicht war es dem unvergeßlichen Canning vorbehalten, die erste Bahn zu brechen, wozu die glückliche Vereinigung mit dem Grafen Liverpool und Sir Robert Peel nicht wenig beitrug. In dieser Verbindung des überwiegenden Talents mit der Erfahrung und Besonnenheit Liverpool's und der Rechtskennmiß Peel's lag die moralische Kraft, welche dazu gehörte, einen Widerstand zu überwinden, der um so hartnäckiger war, je weniger er selbst von klarer Einsicht und gutem Willen ausging. Eine bloße Nebensache war es dabei, ob die Reform der Gesetze durch eine Reihe einzelner Verordnungen oder in der Form umfassender und systematischer Gesetzbücher ausgeführt werden sollte. Denn wenn so viele ältere Gesetze durch neue ersetzt werden, welche auf einmal und mit gehöriger Berücksichtigung ihres Ausammenhanges entworfen werden und dabei dem Ganzen der Gesetzgebung einen völlig neuen Charakter geben sollen, so ist es wol gleichgültig, ob sie die äußere Gestalt eines Gesetzbuchs haben oder nicht; die Sache bleibt immer dieselbe. der du AglaB Große <5 DimWM . Wichen Verbesserungen MWM wurde in, wem er auch noa M-r als Richter ur Pachsensei. Daher' selche indem Gerich «den, und besonders Mdschaftswesen und denn beides geh W, daß besonders d wen, in Absicht auf! in Beschwerden hatten Hierin zwei Schris « in mm 5^ ,Todevew war" SS. Pplsch Mch des Ersten To! MW- daß die Mick Schrecken de Münzen, welche me der Strafen rvol« Äe zu bestrafen, scn Mchsvrschte. Esrv Ml blieben, weil m M Leben kosten k> Unklarsten Beweisen M Verbrechers ha Mehr mit dem Tode Ate mm, spreche sich j h Mische Weisheit »MMrvitdenA -^chmniechlluU " WS btt M >>,'M >>« «'ll''" aber! "Ne s-Äv.. "hd-rz, Englands Gesetzreformen der neuern Zeit 809 Landstraße oder in einem Walde maskirt betreffen zu lassen, einen Baum umzuhauen und Ähnliches mit Todesstrafe bedroht worden, und sowie Niemand daran dachte, diese Gesetze, deren Grund weggefallen war, noch anzuwenden, so siel auch Niemanden ein, daß ihre ausdrückliche Aufhebung nöthig werden könne. Desto größeres Erstaunen und Schrecken erregte es, als vor etwa 15 Jahren unter dem Ministerium des Lords Sidmouth (Addington) ein Mann wegen eines umgehauenen Baumes zum Tode verurtheilt und wirklich hingerichtet wurde. Schrecklicher als die Sache selbst war die Entschuldigung, daß dieser Mann wegen anderer Dinge und als Aufwiegler des Volkes höchst gefährlich gewesen sei, denn darin hatte das Geständniß eines wahren politischen Mordes gelegen. Viele Versuche, der Strafgesetzgebung einen weniger grausamen Charakter zu geben, wurden schon früher gemacht, auch allerdings Einiges erreicht; auf den Betrieb des berühmten Rv- milly wurde 1808 die Todesstrafe bei dem Taschendiebstahl abgeschafft; aber in der Hauptsache scheiterten die Bemühungen fowol Romilly's als Mackintosh'S, welcher nach des Ersten Tode die Verbesserung der Strafgesetze vornehmlich betrieb, an der Besorgniß, daß die Diebstahle und Betrügereien immer zunehmen würden, wenn man die Schrecken der Todesstrafe Hinwegnahme. Daher mußten auch die Untersuchungen, welche man anstellte, um die Frage zu entscheiden, ob eine Milderung der Strafen wol gut sei, einen eignen Gang nehmen, indem man sich nicht darum bekümmerte, ob die Gerechtigkeit es erlaube, geringe Diebstahle mit dem Tode zu bestrafen, sondern nur der Wirkung, also der Nützlichkeit der Todesstrafe nachforschte. Es wurden also Zeugen darüber vernommen, wie viel Drebe unbestraft blieben, weil man sich scheute, Anzeigen zumachen, welche einem Menschen das Leben kosten könnten, oder weil die Geschwornen in diesen Fallen auch bei den klarsten Beweisen das Schuldig nicht aussprachen, sobald es sich um das Leben des Verbrechers handelte; auch darüber, ob gewisse Verbrechen, seitdem sie nicht mehr mit dem Tode bestraft wurden, häusiger geworden seien. Auch hierin, meinte man, spreche sich der praktische Sinn der Engländer aus; es ist aber viel mehr praktische Weisheit darin, das Rechtsgefühl des Volkes zu befragen, welches immer parallel mit den Aussprüchen der philosophirenden Vernunft und dem dadurch bestimmten Geiste des Zeitalters geht, und nur etwas später den Punkt erreicht, welcher durch seine Führerin früher angedeutet worden ist. Der Minister Peel befolgte bei seiner Reform der Criminalgesetze auch jene Manier, sie nicht als eine Umgestaltung anzukündigen, sondern nur als eine Consolidirung, nämlich als eine Zusammenstellung, bessere Ordnung und Entfernung der etwa darin vorkommenden Widersprüche, wobei denn gelegentlich auch auf Milderung der Strafen und eine richtigere Classification der Verbrechen Bedacht genommen werden konnte. Das Erste, was der Minister vornahm, war eine neue Ordnung für die Geschwornen, vom 22. Jun. 1825, wodurch 64 ältere Gesetze aufgehoben wurden, die von Heinrich III. (1244) anfangen und meist den ältern Zeiten angehören. Die Gegenstände dieser neuen Juryordnung (von 63 Paragraphen) sind hauptsächlich die Fähigkeit, Geschworner zu sein, die Art der Ernennung, die Strafen des Ungehorsams und der Beamten, welche bei Aufstellung einer Geschworenschaft gefetzwidrig verfahren; aber das gerichtliche Verfahren selbst wird nicht verändert. Nur soll die Krone keinen Geschwornen ohne Angabe und Nachweis einer bestimmten Ursache verwerfen, ein Angeschuldigter hingegen kann ohne Angabe des Grundes 20 verwerfen. Darauf folgte in der folgenden Sitzung (7. Georg IV. C. 67) die Acte vom 26. Mai 1826 über Verbesserung der Criminalrechtspflege in England (in 32 Paragraphen), worin mehre Vorschriften über das Criminalverfahren gegeben, vorzüglich aber unnütze Förmlichkeiten abgeschnitten und einige wunderliche Bestimmungen aufgehoben werden. Ein Gehülfe eines Verbrechens soll Strafe erleiden, wenn auch der Hauptthäter nicht hat vor Gericht gebracht werden können. alands Englands Geschrcformeu der neuern Zeit In Verbrechen, auf der Grenze zweier Grafschaften begangen, sollen die Gerichte beider Grafschaften competent sein. Bloße Fehler in den Namen sollen das Ver- fahren nicht hindern, sondern vom Gerichte verbessert werden. Tiefer und mehr in das Einzelne der Strafgesetze gehen nun die Gesetze vom 21. Inn. 1827 (7. und 8. Georg IV. C. 27 — 31) ein, welche die letzte Arbeit Peel's waren, da er schon vor ihrer definitiven Annahme (am 12. April) aus dem Ministerium ausgetreten war. Durch das erste dieser Gesetze (Cap. 27 des Parlamentsstatuts vomJ. 1827) werden eine große Menge alterer Gesetze aufgehoben, deren ältestes vom I. 1224, das neueste von 1826 ist, insofern sie die mildere Bestrafung der Geistlichen (beuelit vi o!er^x), Diebstähle und ahnliche Verbrechen, boshafte Beschädigung des Eigenthums und die Haftung der Hundertschaften für die Schadloshaltung des Beschädigten betreffen. Das zweite Gesetz (Cap. 28) ist nur kurz. Es betrifft noch einige Punkte des Verfahrens, z. B. daß Derjenige, welcher vor Gericht gar nicht antworten will, angesehen werden soll, als beantworte er die Anklage mit: nicht schuldig. Das keneüt vi ciei-M wird (§. 6) ganz aufgehoben, doch soll Niemand mit dem Tode bestraft werden, als wegen solcher Verbrechen (Felonie), bei welchen schon bei Eröffnung der Sitzung das deuelit, ol clerg/ ausgeschlossen war. Die Verbrechen (Felonien), bei welchen die Todesstrafe hinwegfallt und keine besondren Strafen festgesetzt sind, sollen nach dem Gutbesinden der Gerichte mit sieben Jahre Transportation oder zweijährigem Gefängnisse, womit Auspeitschung und schwere Arbeit verbunden werden kann, bestraft werden. Das Gesetz über Bestrafung des Diebstahls und ähnlicher Verbrechen (Cap. 29) hebt eine Menge Unterscheidungen auf und ist etwas milder als die frühern, würde aber bei uns noch immer einer unnöthigen und übermäßigen Grausamkeit, und wol mit Recht, beschuldigt werden. Der Unterschied zwischen großem und kleinem Diebstahl wird zwar ausgehoben, aber auch der kleine einfache, d. i. nicht gesetzlich ausgezeichnete Diebstahl mit siebenjähriger Transportation oder zweijährigem Gesängniß und nach Gutbesinden ein-bis dreimaliger Auspeitschung nebst harter Arbeit (Tretmühle) bestraft. Mit dem Tode werden noch immer bestraft Raub, Erpressung durch die Drohung mit der Anklage unnatürlicher Wollust, Kirchendiebstahl, Diebstahl mit Einbruch in einem Wohnhause, Beraubung eines gestrandeten oder in Noth befindlichen Schiffes, Viehdiebstahl an Pferden, Ochsen, Kühen, Kälbern, Schafen und Lämmern. Ein anderes Gesetz von demselben Tage (Cap. 30) betrifft die Bestrafung vorsätzlicher Eigenthumsbeschädigungen, von der Brandstiftung an bis zu kleinen Beschädigungen an Bäumen und andern Gegenständen. Auch hier wird noch in vielen Fällen die Todesstrafe angedroht. Auf dem Anzünden eines Hauses oder Nebengebäudes, eines Stalles, einer Scheune, einer Mühle, eines Getreideschobers u. s. w., in der Absicht, irgend Jemand einen Schaden zuzufügen, steht der Tod. Ebenso aus dem Anzünden einer Kohlengrube, einer Kirche oder Capelle, auf dem Zerstören einer Maschine in einem Auslauf, dem Anzünden eines Schiffes, dem Verursachen eines Schiffbruchs durch falsche Signale. In F""? WM WWniachen! M' Ms Königs M"- «KW H verwickelte SM, Dj des Eigenthums, ! e ein königliches Merline den geringem Fällen bedurste es immer schon keines feierlichen Criminalverfahrens, sondern einer bloß summarischen Überführung vor einem Friedensrichter, und auf diesen sehr kurzen Proceß wird auch hier häufig hingewiesen; es findet aber von der Entscheidung des Friedensrichters eine Appellation an die Vierteljahrssession der sämmtlichen Friedensrichter der Grafschaft statt. Diese Gesetze zusammen sind unter dem Namen der Peelsacte bekannt und von Tidd Pratt und Archbald herausgegeben worden. An sie schließt sich eine noch aus dem Ministerium des Lords Goderich herrührende Acte an, welche nach dem Minister des Innern, Marquis von Lansdown, die Lansdownacte genannt wird, obgleich dies Ministerium schon im Jan. 1828 wieder abtrat und die Acte erst am 27. Inn. 1828 zu Stande kam. Sie betrifft (in 38 Z§.) die Bestrafung von Mord, Todtschlag, Sodomie, Noth- chn oder nur besitzend: tzn, nicht des Nachts Mtretungen waren chscndes Nachts zu .ZV, das dritte Mal 5 Äeutend gemilderter Nächst den Erimina Ugt, von dem Lord Kit und die Ernennen -Arbeit, auch da der ! MenZtellengehoi A und 8;) 0)UA ^ überhaupt die Zw, M km ' ^gegen Lord Vre "'"erSinecur er hat i Einm doch dem L ^ durch Co Zui 1525 Englands Geschrefmmett dcr neuem Zeit 8!^l -tzU ja!'''" zucht, Entführung, Bigamie und andere Verbrechen gegen die Personen. Diese Bestimmungen sind viel milder als die dagegen ausgehobenen 57 Gesetze, namentlich ist die Todesstrafe nicht mehr aus bloße Entführung und Bigamie gesetzt, aber Nothzuchr und unnatürliche Wollust werden immer noch mit dem Tode bestraft. Dazu kam im 1.1830 eine Acte vom 23. Iul. (I. Wilhelm IV. C. 66) über die Bestrafung der Fälschungen in 32 Paragraphen. Auch sie ist sehr freigebig mit Todesstrafen; Nachmachen der königlichen Siegel, der Banknoten, Schatzkammerscheine, Wechsel oder Zahlungsanweisungen, Verfälschungen in dem Staatsschuldbuche oder in den Schuldbüchern der anerkannten Handlungscompagnien, Fälschung einer Übertragung im Scaatsschuldbuche oder einer Vollmacht dazu, soll die Todesstrafe nach sich ziehen. Endlich gehört wenigstens zum Theil hierher die Acte vom 5. Oct. 1831 fl. und 2. Wilhelm IV. C. 32) über die Jagden, welchem der Rede des Königs am Schlüsse des Parlaments als die Erfüllung eines allgemeinen Wunsches hervorgehoben wurde. Das Jagdwesen ist in England eine ziemlich verwickelte Sache, und das Recht, Wild zu jagen oder zu hegen, ist kein Ausfluß des Eigenthums, sondern durch Rang und Vermögen bedingt. Es gehört dazu ein königliches Eertisicat, welches jährlich mit einigen Pfund gelöst wird, und ohne welches Niemand Flinten, Hunde, Netze und andere Werkzeuge zur Jagd brauchen oder nur besitzen darf. Auch die Berechtigten dürfen nicht an Sonn- und Festtagen, nicht des Nachts und nicht in geschlossenen Zeiten jagen, und auf alle diese Übertretungen waren schwere Geldbußen und andere Strafen gesetzt. Z. B. einen Hasen des Nachts zu schießen, kostete das erste Mal 20 Pfund, das zweite Mal 30, das dritte Mal 50 Pf. Alle diese Verordnungen sind nun mehr geordnet und bedeutend gemildert worden. Nächst den Criminalgesetzen hat man sich am meisten mit dem Gerichtswesen beschäftigt, von dem Lordkanzler an, zu dessen Amt eine sehr umfassende Gerichtsbarkeit und die Ernennung einer großen Menge einträglicher Stellen, meist ohne viele Arbeit, auch da der Kanzler ehedem ein Geistlicher war, das Patronat sehr vieler geistlichen Stellen gehörte, bis zu den Ortsgerichten für minder wichtige Streitigkeiten. Auch die ersten Richter der übrigen Gerichtshöfe hatten ähnliche, doch nicht so ausgedehnte Gerechtsame. Durch Gesetze vom 5. Iul. 1825 (6. Georg IV. C. 83 und 84) wurde der bis dahin gewöhnliche Verkauf jener Stellen abgestellt und überhaupt die Sporteln der Richter aufgehoben, dafür aber ihr Gehalt ansehnlich erhöht. Mit dem Großkanzler Eldon war in dieser Hinsicht nichts auszurichten, hingegen Lord Brougham hat sich den Vorwurf zugezogen, daß er aus Ehrgeiz allzu viel aufgeopfert habe. Er hat auf eine Menge solcher Rechte, z. B. das Vergeben einer Sinecure von 10,000 Pf. verzichtet, die Graf Eldon seinem Sohne gegeben hatte, er hat die Bestellung der Pfarreien den Bischöfen überlassen und mehren zufälligen Einnahmen entsagt. Wenn dies auch aus Ehrgeiz geschähe, so wäre derselbe doch dem Lande nützlicher als der Geiz anderer Art, welcher alle diese Vorthcile festhielt. Zu den Geschäften des Lordkanzlers gehörten auch die Concurfe, welche durch Commissionen besorgt wurden. Dafür ist durch eine Parlamentsacte vom 20. Oct. 1831 (1. und 2. Wilhelm IV. C. 56) ein eignes Gericht ((üuurt <>1 biuikrupc^) errichtet worden, bestehend aus einem Präsidenten, vier Richtern und sechs Commissarien mit den nöthigen Subalternen. Übrigens ist die Gerichtsverfassung Englands so verwickelt, daß wir uns enthalten müssen, sowol von dieser neuen Einrichtung, welche auch manche Stimme gegen sich zu haben scheint, als von der schon 1825 durch die Parlamentsacte vom 2. Mai (6. Georg IV. C. 16) gegebene neue Concursordnung weitere Rechenschaft zu geben, als daß diese in 136 Paragraphen Bestimmungen darüber gibt, wer als Bankruttirer und welche Handlungen als bankrutt anzusehen seien, und sodann das weitere Verfahren regulier. «12 Englische Kunst ?lll Dieses sind jedoch nur die Anfange oder vielmehr nur Vorboten viel wei- terer und größerer Reformen, welche wahrscheinlich nicht werden vermieden werden '^Mlich" können und welche sich bis in die tiefsten Grundlagen aller gesellschaftlichen Ver- ^ Hältnisse Englands werden erstrecken müssen. Nicht Neuerungssucht, nicht ein Wthl^ ^ au Hang zu Theorien, nicht Ehrgeiz und Eigennutz sind die aufregenden und bewegen- ^!>l ^ ^ ^heb den Kräfte der öffentlichen Meinung, welche auf diese Reformen dringen wird, son- ^ 5 dem dieselben werden dadurch am meisten herbeigeführt, daß die gegenwartigen ' Verhaltnisse bis zur Unmöglichkeit eines fernem Bestehens aus dem Maße und ' aus ihren Fugen gewichen sind. Die beiden wichtigsten Schritte der Gesetzgebung, ^ der SteiluU^ die bürgerliche Gleichstellung der Katholiken (f. Emancipati on) und die MWAaeburn Parlamentsreform (s.d.) sind davon der Beweis und der Anfang. Der kleine herrschende Theil der Nation weiß sehr wohl, daß zumal die neue Wahl- ^Mt, M 6 ordnung des Parlaments nur das Mittel zu viel größern Umänderungen ist. Er R würde gern Widerstand geleistet haben, wenn er gekonnt hätte; er würde selbst große Unruhen nicht gescheut haben, wenn er die Möglichkeit eines auch nur hal- TcksdMs den Sieges vor sich gesehen hätte. Aber er hat es versäumt, bei Zeiten nachzuge- ','lMndttSchre den und durch Aufopferungen eines TheilS das Ganze zu erhalten. Wohin die M MM die nächsten Reformen der Gesetzgebung gehen werden, ist nicht wohl vorauszusehen, aber Das läßt sich mit einiger Wahrscheinlichkeit bestimmen, daß der Punkt, wohin sie führen und wo sie stehen bleiben werden, noch schwerer zu bestim- rnen tst» (^) i, 1, is ^ < Englische Kunst. Die Engländer haben es bis jetzt noch in keinem Zweige der bildenden Künste zu einem hohen Grade von Vortrefflichkeit gebracht; nur in der Portraitmalerei reiht sich Thomas Lawrence den berühmtesten Meistern m Mm ävz der neuern Zeit an. Die Anregung, die durch Joshua Reyn 0 lds (s. Bd. 9), Ben- jamin West (s. Bd. 12) und John Flaxman gegeben worden, blieb ohne die erwar- 'WN Studien nicht tete Wirkung, und die neuem Productionen des Pinsels und Meißels deuten eher ^ Wtjchrilte M aufRückschritte als auf ein Fortschreiten in der Kunst. Der geistige Funke, die Er- K und die ZeGiM sindungsgabe fehlt den Malern: es werden meist triviale Gegenstände mit Vorliebe ueMcht. Zu seinei für die Darstellung gewählt, und man sieht in der Ausführung oft den Mangel eines gebildeten Geschmacks; man vermißt selbst die technische Vollendung. Die Mehrzahl der neuern Productionen sind Genregemälde und Portraits. Jene sind ^ A sich HyM ^ in der Regel ohne Originalität angelegt; das Humoristische neigt sich stets zum ^ Gefühl, das G Possenhaften, und das Sentimentale zum Affectirt-Pathetischen. In den Por- Zeichner, weiß die! traits gewahrt man häusig Mangel an Fleiß und gutgeleitetem Studium, an Na- ^naschend zu halc tur, Leben und Einfachheit. Die eigentliche Landschaftmalerei, der poetische Styl, 'w entlassen. welcher die Natur in ihren tausend reichen Nuancen der Schönheit darstellt, ist in das Leben ,'n fi^ dan Hintergrund gedrängt worden und mußte den sogenannten Viens (Ansichten) '^i und lebenW weichen, in welchen der Mangel aller Phantasie durch conventionnelle und lockende Hdurch .. (>tssecte ersetzt werden soll. Wo sich aber eine Landschaft als etwas Ideales darbie- tat, wo man nach Kraft, Größe und Erhabenheit in der Darstellung strebt, ist oft nur scenischer Prunk, glänzendes Farbengemisch sichtbar. Auch die Skulptur konnte ^ ^ de sich bei der Beschränktheit der Sphäre der Darstellung und bei der geringen Unter» »11^^ 6» siützung, welche sie seither fand, nicht heben. Die Kupferstechkunst hingegen zählt ftst Mar noch immer treffliche Meister. Unter den ausgezeichnetem Künstlern neuerer Zeit in England ragt besonders ^stäube > her am V. Jan. 1830 verstorbene Präsident der Akademie der Künste zu London, tz ^ P. Sir Thomas Lawrence (s. Bd.6) hervor, dessen Ruf als Portraitmaler ein euro- P. päischer ist. Die treffendste Ähnlichkeit, ein feiner Sinn für Schönheit, Anmuth, ^ Zierlichkeit und Würde charakterisiren seinen Styl. Er hat sich Vandvk zum Vorbilde ^ ^verbj^ ^ gewählt und seinen Meister durch Grazie und Mannichfaltigkeit der Attitüden in sei- ^ ^ ' nen weiblichen Portraits weit Übertrossen; an Reichthum der Farbengebung aber ^ I Englische Kunst 8!3 ,ssM S' .«> ist er hinter ihm zurückgeblieben. Auch Joshua Reynolds' Portraits haben oft mehr Natur, Wahrheit und Kraft, als die von Lawrence. Seine Zeichnungen sind nicht genug studirt, ihre Theile nicht hinreichend durchdacht, die Formen hausig zu unbestimmt, und vornehmlich in den Muskeln u. f. w. zu wenig angedeutet. Dies ist ein Grundfehler der englischen Malerschule, und diese Vernachlässigung der Ausführung geht aus einer zu ausschließenden Bemühung der Künstler hervor, den Ausdruck der Idee hervorzuheben. — Sir William Beechey's Portraits zeichnen sich durch Einfachheit der Zeichnung und Klarheit der Färbung aus, er hat aber weder die Zartheit von Lawrences Pinfel, noch dessen geistvollen Ausdruck und Reichthum der Stellungen. Zu den vorzüglichsten Portraitmalern gehören auch der Schottlander Raeburn, H. Howard, zart und poetisch, und H, W. Pickersgill.— Die Elemente von Martin's Styl sind gewaltsame Handlung, Leidenschaft, wilde Größe, schreiende Farbencontraste, ein Übermaß von Prunk und unauflösbare Räthfel. Dieser talentvolle Künstler fußt auf den Grundsatz, daß, je zahlreicher die Opfer, deren Untergang in fürchterlicher Man- inchfaltigkeit deS Todeskampfs beim Sturm der Elemente dargestellt wird, je wilder und heftiger der Schrecken, der über friedliche, ruhige Scenen hereinbricht, desto größer und erhabener die Wirkung jei. Er führt uns über die Gräber mächtiger Städte, läßt die alte Größe noch ein Mal aufleben und die Bewohner durch Erdbeben, Ströme flüssigen Feuers und den Sturm des Meeres vernichten. Alles tritt bei ihm dem Leben drohend, verzehrend entgegen; der Tod schreitet in seiner furchtbarsten Gestalt über die Scene. Die Farbengebung seiner Gemälde ist in Übereinstimmung mit der Wahl der Gegenstände: zuweilen bewundert man zarte und reiche, der Natur abgelauschte Töne; im Allgemeinen aber ist blendender Prunk, Streben nach Theatereffect vorherrschend. M.'s Figuren beweisen, daß er in diesen Studien nicht aufmerksam und sorgfältig genug ist, obgleich er hier bedeutende Fortschritte gemacht hat, wie leicht zu ersehen ist, wenn man Belsa- zer's Fest und die Zerstörung von Herculanum und Pompeji mit seinen neuern Arbeiten vergleicht. Zu seinen berühmtesten Werken gehört der Fall von Ninive. — Haydon wird sich als Historienmaler keines ausgezeichneten Namens bei der Nachwelt erfreuen: es fehlt seinen Arbeiten durchweg an Tiefe und Originalität, und wo sich Spuren eines erfinderischen Geistes zeigen, vermißt man das echt poetische Gefühl, das allein einem Kunstwerke Leben gibt. Er ist übrigens ein guter Zeichner, weiß die Farben zu behandeln und die Gesammtessecte anziehend und überraschend zu halten. Eines seiner geschätztesten Werke ist Moses von Pharao entlassen. Die humoristischen Gemälde H.'s, z. B. Nock electioo, kunck, das Leben in London am Mittag, sind frisch, heiter, geistreich, die Ausführung frei und lebenvoll. — Zu den ausgezeichnetsten Malern gehört Wilkie (s. d.), der sich durch seine historischen Compositionen, in welchen Erfindung und Ausführung gleich vorzüglich sind, den ersten Rang unter den lebendes Künstlern gesichert hat. --Der jetzige Präsident der Kunstakademie zu London, M. A. Shee, hat einen kraftigen Pinsel. — Danby' s Gemälde haben einen ähnlichen Charakter wie die von Martin, nur ist Martin großartiger, genialer. — W. Hilton, auch als- Portraitmaler geschätzt, ist ein talentvoller Historienmaler: er wählt mit Vorliebe vaterlandische Gegenstände zur Darstellung und hat einen freiern, kräftigern Pinsel und mehr Wahrheit und Natur als W. Etty, durch glänzendes Colorit sich empfehlend, und H. P. Briggs, welche zu den bessern Historienmalern des heutigen Englands gehören. Etty verdient auch als Landschafter genannt zu werden. — Edwin Landseer verbindet mit hoher technischer Vollendung einen großen Schatz humoristischer Ideen, die er in einer heitern, gemüthlichen Weise auszudrücken Ersteht, z. B. in den Genrebildern: der Steinbrecher, die hochländische Musik. — hlnskipp, Genremaler, dessen Arbeiten einen kräftigen Ton und fleißige, ge- M4 Englische Kunst schickte Ausführung zeigen. Auch R. Edmonstone hat in neuern Zeiten gute Er ir Ge nrebilder geliefert, z. B. Burns und die hochländische Mary. — Ein vorzüglicher Künstler ist E. F. P arri s, dessen Gemälde sich durch Wahrheit, glücklichen Humor un und kräftige Ausführung empfehlen. — Hav ell, Landschafter, geistreich, aber un natürlich; die grellsten Farbentöne genügen ihm nicht; er schwelgt stets in Pur- D Dd . pur und Hochgelb. — Hurlestone hat sich Thomas Lawrence zum Vorbilde gewählt und ist besonders in der Darstellung der Kindergestalten und des jugend- lichen Charakters glücklich. — Thompson, ausgezeichneter Portraitmaler, vol- ^idriiD ler Geist und Geschmack; Ausdruck und Feinheit der Köpfe, reine, gute Färbung MKunWs^ und ein ungezwungener Effect charakteristren seine Arbeiten. Neben ihm ist M stineSeeleUch' I. Hollins zu nennen, der an Velasquez erinnert und Einfachheit und Würde des Charakters, Ernst und Strenge der Färbung zeigt, wahrend Simpson und ^ in d<» ^ Ll) nsdale tnit fast handwerksmäßiger Kälte, ohne Kraft, ohne Würde arbeiten. j^gcr Nnnn, du — W. Kidd und Pidding gehören zu den Malern, welche ein schönes Talent ^ MM, Aellun herabwürdigen, indem sie dem niedrigen Geschmack des Publicums stöhnen und ^ Animier, in se zum Verfall der Kunst beitragen. — W. Collins zeichnet sich durch die unge- M C, Sta meine Zartheit seiner Tinten aus; seine Waldscenerien sind mit Kraft und Treue xjn junges ausgeführt, und man gewahrt häusig bei ihm, daß er bestrebt ist, zu dem Gemüch ^m„meuslücke seiner Beschauer zu sprechen; selbst da, wo er heitere Scenen darzustellen sich vor- ^ ^ tz^lc setzt, werden diese durch einen melancholischen Zauber der Landschaft gedämpft. — C. Hancock, vorzüglich geschickter Thiermaler. Man tadelt jedoch an seinen Gemälden, daß er den thierischen Instinkt und dessen Ausdruck zu pathetisch darstellt und sich überhaupt vielfacher Übertreibungen schuldig macht. — Linton, Land- ^ ^ Wno, lHL schafter, ist längere Zeit in Italien mit Sammlung von Skizzen beschäftigt gewe- von Mrun sen, welche er nun ausführt. Was man bis jetzt von ihm gesehen hat, berechtigt zu schönen Hoffnungen. Wie D. Roberts nimmt er in seinen architektonischen Uilch Gemälden Madd ox zum Vorbilde, der Genauigkeit und Einsicht in die Details ßch durch mit einfacher, keuscher Färbung vereinigt: das Feste und Bestimmte in den Umris- ch Ms. I. Merkst! sen, die Durchsichtigkeit der Schatten und die geistreiche Anordnung von Maddox's Wlvn, Miß Fanny Arbeiten hat noch keiner der beiden Künstler erreicht. — Hart ist ein geistreicher V, DM, j Nachahmer Rembrandt's, viele seiner Köpfe sind von bewundernswerthem Aus- druck und zeigen eine treffliche Abstufung der Lichter. — Prentis tritt nicht ohne Glück in die Fußtapfen von Hogarth und Wilkie; Leichtigkeit und Ge- schm ck und die Kunst des malerischen Ausdrucks fehlen ihm noch. — G. Har - ^cknn), F ^ vey' s Gemälde gehören gleichfalls dieser Classe an; seine Charaktere sind kräftig Ä dem Fache der S hervorgehoben und unterschieden, sein Humor ist ernst, ruhig. — Liverseege ist -- Bonual, in manchen seiner historischen Darstellungen zu skizzenhaft, aber höchst originell. — > die ^ J.Linell, zuweilen etwas hart, aber originell und kräftig in seinen historischen Bil- ^ dem.— P a .n e gehört zu den Künstlern, denen nur unter Schmugglern und Wild- ^MschM ^ . dieben wohl ist, obgleich seine Arbeiten beweisen, daß er für bessere Gesellschaftgeschaf- Hit M ^ fen ist. Seine Charaktere und Costume sind mannichfaltig, und feine Lichter und chberühyHu Schatten der Eigenthümlichkeit solcher Scenerien vollkommen angemessen.— S. W. 'ÄPcMct, ^ Reynoldhat eine lebhafte Auffassungsgabe und weiß die Natur in ihrem friedlichen der Wirken sowie im Kampfe der Elemente mit Glück darzustellen; einfache Formen, ^ ch^n sich j anziehende, charakteristische Motive bezeichnen seine Manier, in der man Ähnlichkeit ^ ^ »en wir vorzüglich mit Rembrandt findet. — I. P. Knight hat ein vielseitiges Talent und eine ^^r,'y^ Seine Figuren sind ebenso wahr als fleißig ausgeführt; ^ ^ cht der große technische Fertigkeit. Seine . ^ , seine Gruppen sind effectvoll, die Charaktere voller Leben und Mannichfaltigkeit, dc>u ^ und eine glückliche, heitere Laune sticht überall hervor; besonders glücklich ist er in 'chderA seinen alten Köpfen. T. Clater's Gemälde haben viel Ähnlichkeit mit denen von Knight; er reproducirt mit Geschick das glänzende, eigenthümliche Costume ^ der frühern Zeiten; in seinen humoristischen Gemälden erkennt man ein gründli- chch., ^ Englische Kunst 8!5 ch°f- >Ä!ü? ches Studium der niederländischen Schule. Dieselbe Richtung zeigt der talentvolle A. Fräsen, z. B. in seinem Flicker beim Frühmahl. — T. G. Goodist bekannt durch seine trefflichen Seestücke. Er hat den tausendfaltigen Wechsel, dem das Meer unterworfen ist, die feinsten Nuancen, welche das Spiel des Lichtes auf dem bewegten Elemente hervorbringt, Schiffe und Matrosen mit sicherm Blicke beobachtet und weiß sie mit fester Hand nachzubilden. Er idealisirt nicht wie Vernet, und doch sind seine Darstellungen nicht ohne Poesie, weil er einen großartigen Vorwurf lebendig ersaßt und frisch und treu wiedergibt. Er spielt nicht mit Licht- und Schattenef- fecten, er braucht keine übernatürlichen Einwirkungen, geheimnißvolle Lichter und was dergleichen Kunstgriffe sind, mit denen so viele seiner Kunstgenossen ein faules Spiel treiben; sein? Seeleute mit ihren braunen, dem Wind und Wetter dienenden Gesichtern und der seemännischen Haltung treten uns wie Bekannte entgegen, wir haben sie in den Häfen hundert Mal gesehen. — T. Bark er, Schlachtenmaler, ein junger Mann, der sehr viel verspricht und gute Meister mit Eifer stu- dirt hat; Charakter, Stellung, Ausdruck seiner Pferde sind meisterhaft. — A. Chalon, Genremaler, in seinen neuesten Arbeiten zu künstlich und geziert. — W. Daniell und C. Stanfield, nicht ohne Talent, in Seestücken vorzüglich.— Salter, ein junges vielversprechendes Talent. — B. Bartholomen?, sehr glücklich in Blumenstücken. In diesem letztern Zweige der Kunst verdienen von Thowinkel, Mad. de Corolera, Miß Byrne, Miß Scott, Mrs. Pope und Wichels genannt zu werden. — Unter den Miniatur- und Wasserfarben malern nennen wir vorzüglich Holmes, Bone, Miß Sharpe, Barret, Cattermole, Nash, P. de Wind, I. F. Lewis, I. Stephanoff, Hills und Prout. Zu den Künstlernamen von anerkanntem Ruf gehören noch: Turner, Stothard, Leslie, George und Robert Cruikhank, Constable, Newton, A. Robertson, T. Webster, I. S. Davis, Westall, Phillipps, Lee, I. Hayter, Hofland, Eastlake u. s. w., und neuerdings haben sich durch ihr Talent bemerklich gemacht: S. I. Rochard, W. I. Naston, Mrs. I. Robertson, W. C. Roß, G. Patten, A. Parsey, A. E. Malon, M. Houghton, Miß Fanny Corbaux, Mrs. Green, Miß Jones, O. Oakley, F. George, Davis, Derby, Lance (unter den vielen Künstlern, welche Stillleben behandeln, die zwei ausgezeichnetsten), Dawe ein (ausgezeichneter Portraitmaler), Crome (meisterhaft in seinen Ansichten von Städten), Castlane, Drummond, Scrymgeour, Büß, Miß Alabaster, A. Morton, Clint, Mrs. Pearson (gute Por- traitmalerin), Elise, T. Turneley, F. M. Baynes, H. Parke. In dem Fache der Stein schnei dekunft zeichnet sich besonders I. T. Williams aus. — Vorzügliche Arbeiten in der Stempelschneidekunst sind selten; die bessern Arbeiten in diesem Zweige liefern A. I. Stothard und W. Wyon. — Die Bildhauerkunst hat seit Flaxman (s. Bd. 4) bedeutende Fortschritte gemacht. Die Basreliefs dieses Meisters verbinden mit der Innigkeit und Tiefe der Idee jene edle Einfachheit und Clafst'citat der Darstellung, die seine berühmten Umrisse charakterisi'rt. Sein Schild des Achill gehört zu den. schönsten Produktionen der Kunst in der Weise des flachen Reliefs. Seine Statuen und Gruppen zeichnen sich durch Bedeutsamkeit, Lebendigkeit, Zartheit undAnmuth der Erfindung und technische Vollendung aus. Chantrey's Styl ist keusch und Würdevoll. Wyat, der in Rom sich gebildet hat, zeigt ein herrliches Talent. I. Gib- I°n hat die Reinheit der Zeichnung und die Grazie und Weichheit der Ausführung, welche die Arbeiten von Nollekens charakterisi'rt, und den er in manchen seiner Arbeiten, z. B. in der Nymphe, welche ihre Sandalen löst, durch freiere Behandlung und eine eindringendere Vertrautheit mit der Antike übertrifft. R. Westm a- svtt's (s. d.) Arbeiten zeichnen sich durch kunstlose Anmuth und Einfachheit aus. )n Baily's Darstellungen herrscht Geschmack, Gefühl, Lebendigkeit der Dar- ^'llung, Natur und Wahrheit. W. G. Nichol hat sich Michel Angelo zum 816 Englische Literatur Vorbild genommen; sein Styl ist kräftig, edel, streng, ernst. C. Rossi stellt mit Vorliebe Gegenstände aus dem gewöhnlichen Leben dar. Sein Boxer, sein Kegelspieler, sein Ackerbauer u. s. w. verbinden mit der Wahrheit und Natur die Einfachheit und Würde der Antike. Rennie, geschickter Techniker, jedoch ohne Phantasie und höhere Geschmacksbildung. Laur. Macdonald verspricht eine der ersten Zierden der englischen Bildhauerschule zu werden. Seine Gruppen (z. B. Achilles und Thetis; Ajax, der die Leiche des Patroklus trägt) sind von großartigem Charakter, kühn und meisterhaft erfunden, die Ausführung sicher und zart; seine Büsten sind voller Ausdruck. Auch Hollins und Carew gehören zu den jüngecn Künstlern von ausgezeichnetem Talent. George Clark erregt gleichfalls große Hoffnungen, und hat sich besonders durch seine Kolossalbüfte Wellingtons ausgezeichnet. W. Pitts nimmt seinen Stoff mit Vorliebe aus der alten Geschichte und Mythologie; seine Darstellungen sind kräftig, originell; Reichthum der Formen, bewegte Handlung, lebhafter Ausdruck, Mannichfaltigkeit der Charaktere sind in seinen Reliefs vorzüglich sichtbar. I. Deare bewegt sich mit fast gleichem Glück in denselben Kreisen. S. Nixon zeigt sich als guten Techniker. I. G. Bubb arbeitet mit vieler Anmuth und Zartheit. I. Gott ist kraftig, fest und sicher. R. C. Lucas verräth gute Schule. (Vgl. G. Hamilton, „3Re enFÜsk scbool, a seriös oL tüe most apprnveck prockuctions in penntinA anü sculpture, executeck b/ Kritisü artists", seit 1830 in einzelnen Lieferungen mit Umrissen in Stahlstich.) — Die neuere Baukunst der Engländer wirft alle Style untereinander und sucht durch Wunderlichkeit und fremdartige Ausschmückung den Mangel an Geschmack zu ersetzen; Wyatville, Nash und einige andere Architekten zeichnen sich in diesem Kunstzweige einigermaßen aus. — Die Kupferstechkunst erfreut sich einer fortgesetzten Pflege. Wir nennen die bekanntern Kupferstecher der neuesten Zeit: Allen, Bishop, Brandard, Bromlcy, Busby, I. Cochran I. Conny, W.I. Cooke, Cousins, W. Daniell, Dean, Doo, Duncan, W. und E. Finden, Fisher, Freeman, I. W. Giles, Giller, Goodall, Heath, Hernot, Hicks, Higham, Hollo- way, Jeavons, Jorden, T. Landseer, C. G. und F. C. Lewis, G. S. Lucas, Miller, I. Neele, Phillips, Quilley, Radcliffe, Raddon, Ralph, Rcdaway, Rove, I. Scott, Skeldon, W. R. und I. Smith, Swan, Thompson, Varrall, Webb, Willmore, Woolnoth, Wright und Andere. — Gelungene lithographische Arbeiten liefern Andrews, Fairland, Foggo, L. Haghe, Harding, Hüll, R. I. Lane, W. Linton, M'Curdy, F. Nicholson, I. E. H. Robinson, W. Wcstall, Willson u. s. w. — Ein längst gefühltes Bedürfniß wird nun bald durch die Errichtung eines großen Gebäudes, das die Nationalgalerie, einen bereits sehr reichen Gemäldeschatz, aufnehmen und der Kunstakademie zum Versammlungsorte dienen soll, befriedigt werden, was auf Beförderung der Kunstbildung günstig zurückwirken muß. Das Parlament hat im Jul. 1832 bereits Geldbewilligungen zu diesem Bau gemacht. (5) EnglischeLiteratur. Vor einigen Jahren erhob ein vielkundiger Mann, Professor Babbage in Cambridge, eine laute Klage über den Verfall des wissenschaftlichen Geistes in England, faßte aber beinahe ausschließend das Studium der mathematischen Wissenschaften ins Auge. Er gibt merkwürdige Belege seiner Anklage. Ist doch selbst bei gelehrten Würden Käuflichkeit und Coterieeinfluß gewöhnlich, wozu das tief eingewurzelte Verderbniß im Staats- und Kriegsdienste bisher das Beispiel gegeben hat. Man hört mit Erstaunen, daß der Eintritt in den ersten Gelehrtenverein des Reichs, die Akademie der Wissenschaften zu London, für 50 Pfund Sterling erkauft werden kann, daß ohne diese Summe auch das ausgezeichnetste Verdienst nicht zur Mitgliedschaft gelangt, und der Präsident und die Secretairs nach den Bestimmungen einiger Wenigen gewählt werden. Das Land, das früher so große Astronomen zählte, hat seinen Ruhm so sein vergessen, daß die, auf Kosten des Staats .heuten ,'W Ähre > verß AinM lieg"« M ^r Sprachen den o .MV-ckfchv" V ZuB hat eine' Mdüch-rnfurar Sagen, Z)ie beiden r. daß sie sonn« H! M kehrslubie, z M, hat nm mich! M, Noch immer' Kchevvn denakaden , »och immer Lehrstühl Äenrährend desako »ein so beschrankter «Namen nicht verdi chupt- und Hülftn ^u Edinburg, die cht, ist in England zi z die eine Umgestalti Währen! mber "Hl zu rühmen, latm) gleiteten epn ^Vorbildung Ge, ansehen s erkennen. 'itäten h, R K M. . ^^Ä ar. Englische Literatur 817 prächtig gedruckten Beobachtungen auf der Sternwarte zu Greenwich nur ein Auszug aus einem alten, selten gewordenen Buche sind, das man zufallig auffand. Solche böse Zeichen deuten unstreitig auf eine allgemeine Ermattung des wissenschaftlichen Strcbens, die sich denn auch bei einer Übersicht der literarischen Leistungen der letzten Jahre in verschiedenen Fachern unerfreulich offenbart. Die Ursache dieser Erscheinung liegt zunächst in der mangelhaften Grundbildung, welche die Niedern und höhern Lehranstalten geben. Die englischen Gelehrtenschulen und Universitäten stehen hinsichtlich des Lehrplanes wie der Lehrmittel tief unter ahnlichen Anstalten Deutschlands, und selbst unter den schottischen Universitäten Edinburg und Glasgow. Bis vor wenigen Jahren folgte man bei dem Studium der classischen Sprachen den dürftigsten Hülfsmitteln, und erst durch die, von dem dringenden Bedürfnisse veranlaßt? Übersetzung der Lehrbücher von Buttmann, Malchin und Zumpt hat eine bessere Methode im Sprachunterricht Raum gewonnen ; in den Hülfsbüchern für andere Fächer bemerkt man nur selten Spuren der neuern Forschungen. Die beiden Landesuniversitäten sind mit der Landeskirche so innig verbunden, daß sie so wenig als diese mit dem Zeitbedürfnisse fortgeschritten sind. Einige neue Lehrstühle, z. B. für das naturwissenschaftliche und mathematische Studium, hat man errichtet, aber die alte Studieneinrichtung ist fast unverändert geblieben. Noch immer strenge Ausschließung aller Nichtanhänger der herrschenden Kirche von den akademischen Würden und den Bortheilen der Gelehrtenstiftungen, noch immer Lehrstühle, die hausig gut bezahlte Ämter ohne Arbeit sind, und deren Inhaber wahrend des akademischere Cursus oft nur wenige Vorlesungen halten, noch immer ein so beschrankter Kreis der Lehrgegenstande, daß die englischen Universitäten diesen Namen nicht verdienen, wenn man damit Anstalten bezeichnet, auf welchen alle Haupt- und Hülfswisscnschaften gelehrt werden. Das Beispiel der Universität zu Edinburg, die in der Studieneinrichtung den deutschen Universitäten gleicht, ist in England zwar oft gerühmt worden, konnte aber ohne eine Umwandlung, die eine Umgestaltung der kirchlichen Verhaltnisse voraussetzt, nicht nachgeahmt werden. Während daher von der schottischen Universität neue wissenschaftliche Richtungen ausgegangen sind, wie früher in dem Studium der Medicin und in späterer Zeit in der Philosophie, ist von Oxford und Cambridge Ahnliches nicht zu rühmen. Was auch von manchen Vortheilen des, von besondern Lehrern stutors) geleiteten Privatfleißes, aufweichen sich das Studium auf den englischen Universitäten fast ganz beschränkt, gesagt worden ist, so können diese doch den Mangel nicht ersetzen, daß fast in keinem wissenschaftlichen Gebiete zu einer gründlichen Vorbildung Gelegenheit sich darbietet. Man darf nur die akademischen Preisarbeiten ansehen, um die Dürftigkeit der wissenschaftlichen Elementarbildung zu erkennen. Bei dem beschränkten Umfange des Feldes, das die englischen Universitäten bearbeiten, bestehen daher schon lange besondere Bildungs- anstalten für einzelne Zweige des Wissens, wie für die Rechtswissenschaft und die Arzneikunst, die in Oxford und Cambridge Niemand für das praktische Bedürfniß gründlich genug erlernen kann; aber diese Trennung hat den wesentlichen Nachtheil, daß ein großer Theil des Gelehrtenstandes sich von den Bildungsmitteln, welche die Landesuniversitäten selbst in ihrer jetzigen mangelhaften Einrichtung darbieten, ausgeschlossen sieht, wodurch Einseitigkeit des wissenschaftlichen Strebens herbeigeführt wird. Die durch einen patriotischen Berein vollendete Stiftung der Londoner Universität (s. d.), die zunächst den Nachtheilen der Ausschließung der Dissen ters abhelfen und die Verbreitung allgemeiner Bildung befördern sollte, ist nur noch ein geringer Anfang einer Neugestaltung des Unterrichtswesens, und wie eifersüchtig die kirchliche Hierarchie solche Bersuche noch immer betrachtet, zeigte sich in der, von den eifrigsten Vorkämpfern der Aristokratie und der an chkirche veranstalteten Gründung des callt-ge ^ony.-Ler. der neuesten Zeit und Literatur, ft !> / Englische Literatur in London, das den freisinnigem Richtungen der neuen Lehranstalt entgegenzuwirken bestimmt war. England war seit langer Zeit ein günstiger Boden für encyklopädische Werke. Die bereits früher begonnenen oder vollendeten Encyklopädien schreiten fort oder werden erneuert, wie die „Luc^clopuelliu Metropolitana", wovon 1832 der achte Band der vierten Abtheilung: „Wscellaneous ancl lexicoArapll^", erschienen ist. Die in Edinburg herausgekommene „Knc^clopaeclia kritannica", jetzt unter allen ahnlichen englischen Werken das vorzüglichste, hat in der von Napier besorgten siebenten Ausgabe die frühern Supplemente in sich aufgenommen, und ist 1832 bis zum 26. Bande vorgerückt. Die von Brewster herausgegebene „kclindurgl, enc^clopaellia", besonders in den naturwissenschaftlichen Artikeln ausgezeichnet, wurde 1831 mit dem 18. Bande vollendet. Sind diese Werke mehr für gelehrte Leser bestimmt, und wegen ihres Umfangs nur für ein kleines Publicum geeignet, so foderte auch das größere Publicum der Gebildeten, tlle Feueral reaäer, wie die Englander sagen, und selbst die gewerbtreibende Volksclasse zuganglichere Hülfs- mittel, je mehr das Bedürfniß allgemeiner Bildung erkannt ward und Befriedigung verlangte. Wahrend zur Belehrung des Gewerbstandes durch Privatvereine Lehr- und Bildungsanstalten, die wohlthatig wirksamen Neclmnic institntions (vergl. Gew erb sv ereine), gegründet wurden, stifteten patriotische Manner in London eine Gesellschaft zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse (Society kor tbe llillu- sion of useüll linnvelevlAe), die auf ihre Kosten eine Reihe faßlicher Schriften über Mathematik in all ihren Zweigen, Naturwissenschaften, Technologie und Geschichte unter dem Titel: „Dibrar^ ol ureful knovvleclAe", herausgab, wovon bis 1832 bereits 126 Hefte erschienen sind. Eine für Landwirthe bestimmte Abtheilung: „Dtie iärmer's series", schloß sich später an und war 1832 schon zu 25 Heften angewachsen. Mehre ausgezeichnete Manner nahmen Antheil an der Ausarbeitung dieser Schriften, und selbst Brougham wußte seinem vielthätigen Berufsleben Zeit abzugewinnen, um für die Belehrung des Volks mitzuwirken. Der Beifall, den dieses freilich nicht in allen Theilen gelungene Unternehmen fand, ermunterte zu ahnlichen Versuchen, und überall regte sich das Streben, durch wohlfeile Schriften die Volksbildung zu befördern. Das in Edinburg erschienene, von dem verstorbenen Buchhändler Archibald Constable gegründete „Niscellan^", das diesen Wetteifer hervorrief, enthält eine bunte Reihe sehr verschiedenartiger, zum Theil schon früher erschienenen Schriften, und nach einem ähnlichen Plan sind die von Murray in London herausgegebene „kamilz- likrarz", die nur neue historische, biographische und naturwissenschaftliche, zum Theil vorzügliche Schriften umfaßt und in 36 Bänden vollendet werden soll, die „Seleet lillrar/) und die in Edinburg begonnene „Oa .binet lidrar^" angelegt. Strenger folgt dem Plan einer methodischen Encyklopädie Lardner's „Oabinet c ^clopaellia", die in ihren naturwissenschaftlichen und historischen Bestandteilen viel Schätzbares enthält und bereits bis zum 36. Bande gekommen ist.— Die kritischen und literarischen Zeitschriften bleiben ihrem alten Charakter treu. Zwischen das„Humterl/ das seit 1830 noch schneidender als Organ der Torypartei sich hören läßt, revievv und das „Laliulmrgch revievv", den geistreichen Verfechter der gemäßigten Whigs, ist seit 1824 das „IVestminster rnview" getreten, das in seinen politischen Grundsätzen zu Bentham's Schule, zur äußersten Linken, gehört und in seinem Fortgang an Gediegenheit immer mehr gewonnen hat. Die beiden, der ausländischen Literatur gewidmeten kritischen Viertelsahrschriften: das „Foreign cpiarterl/ revievv und das„?oreiAN revievv,am! conti nental miscellan^" haben sich nach einem langen bittern Hader seit 1831 vereinigt, .und nachdem das letzte bei dem Friedens chlusft seinen Titel aufgeopfert hat, fährt »diese Zeitschrist mit ausgezeichneter Kermtnw und Geschicklichkeit fort, den wissenschaftlichen Geist des Auslandes den Vellen ü-Ml .i,,r ub P anzugeben, Gischen Gelel m Beobachter Hunzen beb ^ t ich England ilMM einig! Wn, und n Uders in A Rftnn'tder l», weich Rande li> 5 AR! Reinweser ^UNdiN ^Aec Englische Literatur 8Z9 naher zu bringen. Die von William Jerdan besorgte literarische Wochenschrift: ,/1Ae literai-)- Anette", hat in der neuesten Zeit ihren strengen Toryismus ziemlich gemildert, ist aber übrigens ihrem ursprünglichen Charakter treu geblieben; schwach und unentschieden in der Kritik, freigebig in Auszügen, reich an Nachrichten über Wissenschaft und Kunst. Nach einem ahnlichen Plan ist „Vke „Äeum" angelegt, das vorzügliche Mitarbeiter hat. Unter den Monatschriften, die in ihrem Plan alle noch etwas von dem alten Zuschnitte haben, ist das von Professor Wilson in Edinburg herausgegebene „Viuclovooll's eUinlnirgll meiA^ino" noch immer der geistreichste und kraftigste Sprecher der Torypartei, aber auch in seinen literarischen Mittheilungen ausgezeichnet und beachtet vor andern britischen Zeitschriften die deutsche Literatur. Das montlil^ wird seit 1832 von Edward Lytton Bulwer mit großer Sorgfalt geleitet. Der ehemalige Herausgeber desselben, Thomas Campbell, hat seit dem Julius 1831 eine neu? Monatschrift: ,/sike metropnlitan muAuiziim", begonnen, das außer Thomas Moore noch einige andere ausgezeichnete Theilnehmer hat. Fräser's „NaAn?.i,m sor tonn anck countip" (seit 1830) behauptet in seinen Ansichten eine unabhängige Stellung und hat sich ein ziemlich weites Feld abgesteckt, wo Dramaturgie, Poesie und Satire neben Politik und theologischer Polemik angebaut werden. Gehen wir zu der Betrachtung der einzelnen Gebiete der Literatur über, so müssen wir uns hier begnügen, einen Blick auf dieselben zu werfen und die Richtungen anzugeben, die man in der neuesten Zeit verfolgt hat. Die Bemerkung des englischen Gelehrren, von welcher wir ausgegangen sind, wird sich dem genauem Beobachter in mehren Fachern bestätigen, und wenn er Fortschritte des wissenschaftlichen Geistes, ja selbst gründliche Bekanntschaft mit den gelehrten Forschungen des Auslandes vermißt, so wird er wohl zu der Ansicht geführt werden, daß England mit den literarischen Bestrebungen der Fremde, und namentlich Deutschlands, bei weitem weniger bekannt ist, als man nach den rühmlichen Bemühungen einiger trefflichen Männer, ihren Landsleuten fremde Schätze aufzuschließen, und nach der lebhaften Theilnahme, welche einzelne Erscheinungen des Auslandes unter den Briten erweckt haben, erwarten möchte. Mögen auch die Vorurtheile, die aus einer abgeschlossenen Nationalitat und einem stolzen Übersehe:: des Ausländischen früher hervorgingen, ziemlich verschwunden sein, so ist doch, be sonders in Beziehung auf deutsche Literatur, die noch wenig verbreitete Bekanntschaft mit der fremden Sprache seither ein Haupthinderniß gewesen , das nur all- malig weggeräumt werden kann, und es ist zu erwarten, daß die besondere Beachtung, welche die neue londoner Universität auch dem Studium der neuern Sprachen widmet, dazu beitragen werde. Ein anderer Grund aber möchte in einem Umstände liegen, auf welchen man unlängst selbst in England aufmerksam gemacht hat. Mit Recht behauptet man, es sei ein Mangel der Verfassung des literarischen Gemeinwesens in England, daß dort nicht ein bestimmter periodischer Ruf an wissenschaftliche Männer ergehe, Übersichten der gesummten geistigen Erwerbnisse ju geben, wie in Frankreich Cuvier über die Naturwissenschaften, Fourier über reine und angewandte Mathematik der Regierung und dem Nationalinstitut Berichte vorlegten, und Berzelius seit 1822 seine Jahrsberichte über die Fortschritte der physikalischen Wissenschaften der Akademie zu Stockholm ablegt. Es muß eiw Sporn für den Forscher sein, wenn er weiß, daß die Ergebnisse seiner Anstrengungen nach ihrem wahren Werths geschätzt, mit der Geschichte der Wissenschaften verbunden und der Beachtung des wissenschaftlichen Europa durch würdige Sprecher empfohlen werden. Die gelehrten Zeitschriften können diesen Mangel m.ue zum Theil ersetzen. Die königliche Gesellschaft der Wissenschaften in London wi arde die Behörde sein, von welcher eine solche Erweckung des wissenschaftlichen Geistees aus- gch' N könnte, wenn sie selbst von wissenschaftlichem Geiste durchdrung en wäre. 820 Englische Literatur was nach englischen Berichten nicht der Fall ist. Die Ergebnisse der Forschungen und Bemühungen englischer Gelehrten mit der Gesammrmasse der Kenntnisse und den gleichzeitigen Arbeiten der Auslander in Verbindung zu bringen, würde eins der machtigsten Hindernisse richtiger Schätzung des Guten wegräumen, wie das Unbedeutende oder Irrige würdigen lernen. Ein ausgezeichneter Versuch dieser Art ist von dem trefflichen Herschel in Beziehung auf die Naturwissenschaften gemacht worden, auf welchen wir spater zurückkommen werden. Die Sprachkunde hat in neuern Zeiten nur in einigen Zweigen Fortschritte gemacht. Die Zeit des Ruhms in der Bearbeitung der clasfischen Philologie, durch Bentley und Porfon gegründet und erhalten, ist verschwunden. Der ausgezeichnete Philolog Blomsield ist in diesem Fache fast gar nicht mehr thatig, seit er Bischof von London geworden ist. Unter den neuern Gelehrten sind, außer Monk und Gaisford, John Harford, bekannt durch eine Übersetzung des Agamemnon" von Äschylos und eine Abhandlung über die griechische Tragödie (1832), und Schoolsield (Herausgeber des Äschylos) zu nennen. Ausgaben der griechischen und römischen Classiker, die sich durch selbständigen Werth den Arbeiten von Bentley, Baxter, Wakesield anreihten, suchen wir vergebens. Man findet in den Werken deutscher Philologen Hülfe, und londoner Buchhändler lassen neue Ausgaben durch deutsche Gelehrte veranstalten. Philologische Zeitschriften hatten seither in England selten glücklichen Fortgang. Neben Valpy's „(llassicul Journal" erhob sich die in Cambridge erscheinende Vierteljahrschrift: „Nuseum criticum", die seit 1831 eine neue Reihe u. d. Tit.: „l'üe Philologien! inuseurn", begonnen hat, und jene schwächliche Zeitschrift zu überflügeln droht. Der betriebsame Valpy hat eine Sammlung von Übersetzungen griechischer und römischer Classiker:„knmil? clnssical librnr^", angefangen, Mittelgut wie ahnliche Unternehmungen in Deutschland. Bedeutender tritt William Sothesby's metrische Übersetzung derJlias (1831) hervor, der die Odyssee folgen soll. Die englische Sprache hat neuerlich weder in etymologischer noch in grammatischerHinsi'chtgründlicheBearbeiter gefunden. Das reichhaltige Wörterbuch des Amerikaners Webster ward in England durch einen neuen Abdruck zuganglicher gemacht, und erhielt in Boucher's „(Zlossar? olui-ctmic anä provincial worlls" (erster Band, London 1832, 4.) eine tressliche Zugabe. Bosworth begann (1831) ein Wörterbuch der angelsachsischen Sprache. Den Bemühungen der hochländischen Gesellschaft verdankt die gaelische Sprache ein Wörterbuch und die Erneuerung alter Dichtungen. Die vielfachen Verbindungen der Briten mit dem Orient richteten fortdauernd die Bemühungen ausgezeichneter Manner auf die morgenländischen Sprachftämme. Der große Sanskrit-Kenner, Professor Wilson (f. d.) in Oxford, hat nebst Colebrooke am meisten zur gründlichen Erforschung der altindischen Literatur beigetragen und ist mit der Umarbeitung seines Wörterbuchs der Sanskritsprache beschäftigt. Der von mehren Freunden der morgenländischen Literatur gestiftete Verein, Oriental translation lunck zu London, befördert durch jährliche Prcismedaillen die Übersetzung wichtiger orientalischer Werke, die er auf seine Kosten drucken läßt, und ertheilte 1832 auch dem Deutschen Adolf Stenzler für die Übersetzung des „RuAhuvunvu" aus dem Sanskrit des Kalidas einen Preis. Eine ausgezeichnete Bereicherung der morgenländischen Sprachkunde lieferte (1832) Arthur Lumley Davids in seiner türkischen Sprachlehre, der eine schätzbare Einleitung über die Sprache und Literatur der Türken vorangeht. — Die höhern ma- thema tischen Wissenschaften finden, wie Babbage klagt, jo wenig Unterstützung , daß dem Studium derselben auch bei dem Eintritt in das bürgerliche Leben g roße Hindernisse entgegenstehen, und nur wer eignes Vermögen besitzt, sich ihnen n üdmen kann. Zu diesem Mangel einer kräftigen Aufmunterung,^ deren sich desto- mehr die angewandte Mathematik, als die Pflegerin so vieler Zweige der Gew! nbthätigkeit, erfreut, komznt noch ein anderes Hinderniß, die mangelbane IM Englische Literatur 8^1 Unterrichtßrveise auf den Niedern und höhern Lehranstalten, da selbst in Cambridge, einiger neuern Verbesserungen ungeachtet, der alte Lehrplan noch nicht ganz verbannt ist. Zu den ersten Mathematikern Englands gehört I. F. W.Hörschel, der Sohn des großen Astronomen, und er würde einer der Ersten dieses Faches in Europa sein, wenn er nicht seine Vorliebe andern wissenschaftlichen Gebieten zugewendet hatte; aber er hat auch das Erbe des vaterlichen Ruhms nicht vergessen, indem er die Umdrehung der D opp elsterne (f. d.) durch Beobachtungen bestätigte und sich um die mathematische Optik verdient machte, da er die Eigenschaften der Linsen und Teleskope genauer erforschte, und auf diese Weise beitrug, die optischen Phänomene auf Grundgesetze zurückzuführen. Nicht weniger Verdienst um diesen Zweig der angewandten Mathematik erwarb sich George Biddell Airy, Professor der Astronomie in Cambridge. Die Mechanik wird mit vorherrschender Rücksicht auf die Anwendung eifrig angebaut. Die Mechanik der Flüssigkeiten, die sogenannte Hydrostatik, ist in der Absicht, die Gesetze derselben festzustellen, auch in England beachtet worden, und gleichzeitig mit den Forschungen unserer Lamdsleutc, der geistreichen Brüder Weber, hat der Mathematiker Challis in Cambridge die Bewegung der Wellen zum Gegenstande seiner Untersuchungen gemacht. Das praktische Bedürfniß muß den Briten die Pflege der Astronomie wichtig machen, um tüchtige Beobachter für die Marine zu bilden, doch geschieht, in Vergloichung mit den freigebigen Unterstützungen, deren diese Wissenschaft in mehren Staaten des Festlandes sich erfreut, in England von Seiten der Regierung wenig, die Gelegenheiten zu wissenschaftlichen Beobachtungen zu vervielfältigen und zu erleichtem. Zwar sind in neuern Zeiten selbst in den entferntesten außereuropäischen Besitzungen Sternwarten angelegt worden, wie zu Paramatta in Ncuholland unter dein geschickten Astronomen Dunlop, und auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung; aber man hat es selbst in England als eine Art von Verrath an der Wissenschaft bezeichnet, daß es auf den britischen Inseln kaum eine ausschließend von der Regierung unterstützte Sternwarte, die große Anstalt zu Greenwich, gebe, da selbst diese einen Theil ihrer Instrumente aus dem Privatvermögen der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu London erhalten habe. Die Sternwarten zu Oxford, Cambridge, Edinburg, Glasgow, Dublin und Armagh sind sämmt- lich Privatanstalten, welchen der Staat nichts gewährt. Eine Folge solcher Vernachlässigung ist die Unthätigkeit dieser Anstalten, von welchen keine außer der Sternwarte zu Dublin sich einen Namen unter den Freunden der Astronomie erworben hat. In Schottland war die praktische Astronomie seither so sehr in Verfall gerathen, daß um 1826 ein dänisches, in Leith angekommenes Schiff selbst nicht in Edinburg die astronomische Tageszeit erfahren konnte, um seine Chronometer zu stellen. Die bedeutendste wissenschaftliche Leistung war die von Herschel seit 1816 begonnene und seit 1821 in Verbindung mit James South, einem der geschicktesten Astronomen, fortgesetzte Untersuchung der Doppel- fttrne. Die Denkschrift, worin sie 1824 die Ergebnisse ihrer Beobachtungen der königlichen Akademie der Wissenschaften zu London vorlegten, erhielt später von der französischen Akademie den astronomischen Preis. Neben ihnen ist Dr. Brinkley, Bischof zu Cloyne in Irland, als einer der vorzüglichsten britischen Astronomen zu nennen, welcher in dem Gebiete der von Sir William Herschel so ruhmvoll erweiterten Sideralastronomie, besonders durch Messungen der Entfernungen der Fixsterne zu wichtigen Ergebnissen gelangt ist. In mehren Zweigen der Naturwissenschaften haben die Briten auch in der neuesten Zeit den alten ererbten Ruhm nicht vernachlässigt, und in einigen andern, die man lange übersehen hatte, bis die Forschungen der Gelehrten auf dem Festlande nne kräftige Anregung gaben, wie in der Geognosi'e, sind in den letzten Iahren glückliche Fortschritte gemacht worden. Auch in diesem Gebiete hat sich Herschel sowol Englische Literatur durch gründliche Forschungen, z. B. über die Theorie des Schalls, über den Galva- M ß ^ ^ nismus und die Bewegung der flüssigen Leiter, als auch durch seine Einleitung in das Studium der Naturwissenschaften („A.preliwinnr^ ckiscourse on tüe stuck^ vf (. natural plulusopli^", in Lacdner's „Oabinet c^clopueckia'h London 1830), welche ! chrs ^ . eine treffliche Übersicht der Fortschritte der Naturwissenschaften gibt, große Ver- ^'.'ZMie oienste erworben. Die Physik erhielt besonders durch Kater's Beobachtungen ?^>>rolith^ ' über die Pendelschwingungen, durch Dalton's und Ure's Untersuchungen über ^iche die Dampfe und Gase, durch Leslis's Entwickelung der Gesetze der Wärmeentstra- lang, durch Herschel's treffliches Werk über die Theorie des Lichts (deutsch von Schmidt, Stuttgart 1831), durch Brewster's fortgesetzte Beobachtungen über die ^ ^ Wer ^ Polarisation des Lichts, durch Poung's Bemühungen, diese Erscheinung auf ein- ^ ' .Wcnclei fache Gesetze, und einstimmig mit Fresnel, auf die Ündulationstheorie zurückzufüh- ..WM ff rerl, wichtige Erwerbungen. Die Chemie, die durch Davy's Entdeckungen ^ " eins neue Richtung erhielt, wird von ausgezeichneten Mannern mit rühmlichem MM" Erfolge gepflegt. Wahrend Brande in London durch seine Vortrage in der ko^al ^ ^ ^ iastitutioo, und durch sein geschätztes Handbuch (dritte Aufl. London 1832) die Wissenschaft in das praktische Leben einführte, Wollaston neue Metalle im Platin- erz entdeckte und zur Ausbildung der Theorie des Galvanismus beitrug, hat vor- züglich der treffliche Chemiker Faraday (f. d.) durch eine wichtige Entdeckung im und, m Gebiete des Elektromagnetismus (f. d.) neue Ausfichten zur Erweiterung .MbNbillung der Wissenschaft geöffnet. Das Studium der Geognosie wird mit steigen- '»IM MM, dem Eifer und erfreulichem Erfolge gepflegt, seit es besonders durch die Professoren Mnzmd Beschul William Buckland und Charles Daubeny in Oxford in den Kreis der Wissenschaft- Hnschchen zu Ul liehen Bestrebungen eingeführt wurde. Die fleißige geologische Gesellschaft (0leo- Mm chmMm lvAical Society) zu London unter Buckland's und Adam Sedgwick's Leitung, und AIkin praktischen die Werner-Gesellschaft (VVerneriun societ/) zu Edinburg, nach dem großer, deut- -in ^ neuestenAc schen Geognosten benannt, unter Robert Jamefon's Vorsitz, geben fortdauernde M zu widmen, w! Anregung zu neuen Forschungen, welche vorzüglich auch auf die geognostifche Un- Hechtet, was E tersuchung Großbritanniens gerichtet sind, wozu besonders Buckland, Sedgwick, P, meHeyCoopi Conybeare, Henry Bunbury, Richard Taylor, George Cumberland, Charles Lyell schatzbare Beitrage lieferten, wahrend H. T. de la Beche auch über Jamaica und Nizza, Jack über Sumatra geognostifche Berichte gegeben haben, die sammtlich in ^r, den reichhaltigen ,,'IAuns-z.ctions eck tüe deolvgicul societ)' ok I^onckon" (3 Bde.) lWbegonnene y .uthalten sind. In wissenschaftlichem Zusammenhange wurden Geognosie und »lMtics!meM Geologie in schätzbaren Grundrissen von Conybeare, Bakewell und unlängst von UMes Brande in seinen Vorlesungen bei der VoM Institution („Outlines ot ^eolog^", chM,f^ I!' London 1832), von dem trefflichen Beobachter de la Beche („(leolo^ical ma- ichjM. ^ nuul", zweite Ausgabe, London 1832), vorzüglich aber in gründlicher Ausführ- N ^ lichkeit von Ch. Lyell („?iincipios vi geologste", 3 Bde., zweite Ausg. London ^^'llken l 1832), der die frühern Veränderungen der Erdoberfläche aus noch jetzt wirkenden Wilder Ursachen zu erklären sucht, in der neuesten Zeit bearbeitet. Die neuern Rehen ^j.. ^s^0tw der Briten lieferten wichtige Beiträge zur Zoologie, unter welchen vorzüglich der reiche Ertrag, den der Wundarzt Richardson, Franklins Begleiter, aus den A ^geW Polarländern mitbrachte, und in feiner „^oolo^ ok Kortü Americs" (bis jetzt - 2 Bde., 4., mit trefflichen 'Abbildungen von Thomas Landfeer und William Swainfon) beschrieb, zu erwähnen ist. Nicht minder ausgezeichnet find Gray s ^ „Ulustratums ol incküm aus der Sammlung des Generalmajors Harb- " Ä kehry^.l wicke, in 20 Lieferungen; aber des Amerikaners John James Audubon amerika- Nische Vögel (erster Bd., London 1831, Fol., 100 Abbildungen enthaltend) übertref- M ^ fen Alles, was bis jetzt in irgend einem Zweige der Zoologie geleistet worden ist, ^ e da das große Format dem Verfasser gestattet, die Vögel nicht nur in der natürlichen I ^ Größe und Stellung wiederzugeben, sondern sie auch in so trefflich ausgeführten ^ Englische Literatur 8^3 Gruppen darzustellen, daß sie gleichsam historische Gemälde bilden. Der dazu gehörige Text ist ebenso unterhaltend als belehrend. Wilson's und Karl Lu- cian Bonaparte's „American ornitllolog^" ward in Edinburg (4 Bde., 1831) wieder abgedruckt. Grifsith's Bearbeitung der Zoologie von Cuvier hat durch des Verfassers reiche Zugaben ein eigenthümliches Verdienst gewonnen. Die ucweltliche Zoologie wurde durch werthvolle Beitrage von Buckland, z B. über die Koprolithen (s. d.), und von Conybeare bereichert. Die allgemeine Tendenz, welche die Aufmerksamkeit der Bearbeiter der Botanik auf die Anordnung und Charakterisirung natürlicher Pflanzenclassen und die damit verbundenen Untersuchungen über die Pflanzenphysiologie leitet, hat in neuem Zeiten auch in England immer mehr von der künstlichen Classification abgeführt, die nichts als eine Nomenclatur ist, wahrend eine naturliche Classe durch die stetig beobachtete Vereinigung gewisser Eigenschaften und Ähnlichkeiten in verschiedenen Gattungen und Arten bestimmt wird. Treffliche Beitrage zur Pflanzenkunde liefern unter andern Wallich's „?Iantae asmticse rmmres" (Fol.), die meisterhaft ausgeführt und auf 12 Lieferungen berechnet sind; Horssield und Robert Brown IN den suvaiticue rmiores"; Hooker, gleichfalls ein Begleiter Franklins, in seiner ,,1'luru bvreuli-umericana", die aus 12 Heften in 4. bestehen soll, wovon zwei erschienen sind, in seiner gemeinschaftlich mit Arnott veranstalteten Beschreibung und Abbildung der von Lay und Collie wahrend Beechey's Weltumsegelung gesammelten Pflanzen, und in der mit Greville herausgegebenen, bald vollendeten Abbildung und Beschreibung der Farnkrauter. — Wenden wir uns von den Naturwissenschaften zu dem verwandten Gebiete der Heilkunde, so bemerken wir nirgend eine eigenthümliche neue Richtung. Die englische Medicin ist fortwahrend ihrem rein praktischen Charakter treu geblieben, ohne den verschiedenen Theorien, die in der neuesten Zeit auf dem Festlande in Ansehen gekommen sind, Aufmerksamkeit zu widmen, wahrend das Ausland, besonders Deutschland, das Vorzüglichste beachtet, was Englands Anatomen, wie Charles Bell, seine großen Wundarzte, wie Astley Cooper, Brodie und Abernethy und mehre seiner vorzüglichsten Ärzte, wie Abercrombie und Gooch, geleistet haben. Besonders zu erwähnen wäre, daß die früher vernachlässigte gerichtliche Arzneiwissenschaft in neuern Zeiten fleißiger, vorzüglich durch Smith, Watson und Christison, angebaut worden ist. Die 1832 begonnene, von Fordes, Tweedie und Eonolly herausgegebene „(^cioxaedia <>f practica! medicine" soll nach ihrem Plane besonders auch die Leistungen des Auslandes beachten, und könnte dazu beitragen, die englischen Ärzte aus ihrer wissenschaftlichen Abgeschlossenheit hervorzuziehen, wozu auch die seit 1831 von den Lehrern an der londoner Universität herausgegebene „London medica! Anette." kräftig mitzuwirken verspricht. Die Engländer bezeichnen die Naturwissenschaften mir dem Namen natural pttiIo80pll^, aber etwas der deutschen Naturphilosophie Ähnliches kennen sie um so weniger, als überhaupt speculative Philosophie nicht zu ihren wissenschaftlichen Richtungen gehört. Locke's Erfahrungsphilosophie herrscht neben der Lehre des Schottländers Neid auf den Lehrstühlen, und ein Versuch, Kant's Schriften den Engländern zugänglich zu machen, ist so erfolglos gewesen, daß er fast gar nichr beachtet wurde. Eine Übersetzung von Tennemann's „Geschichte der Philosophie" konnte als Lehrmittel einem Bedürfniß abhelfen, fo gut als die lateinischen und griechischen Sprachlehren der Deutschen, weil es gerade an einem erträglichen class book fehlte, aber eine nähere Befreundung mit den philosophischen Forschungen der Deutschen scheint der praktischen Geistesrichtung der Engländer ganz fern zu liegen. Eben diese Richtung aber konnte den Forschungen über die Grundsätze der. Staatswissensch aften in neuern Zeiten so leicht Eingang verschaffen, als die Kampfe für die politische Freiheit gegen die Willkürherrschaft im 17. Jahrhunderte 824 Englische Literatur zu Erörterungen über Volksrechte und Regierungsformen geführt hatten, und nach dem praktischen Bedürfnisse der Gegenwart waren es vorzüglich die Nationalökonomie und die Staatswirthschaftslehre, die eine lebhafte Theilnahme fanden und nach verschiedenen Ansichten, doch meist nach den Grundsätzen des scharfsinnigen Adam «Ldmith, von Ricardo, Malthus und in einer gründlichen Übersicht der Ergebnisse der neuesten Forschungen von I. R. M'Culloch (dem Herausgeber des 1832 erschienenen reichhaltigen „Wörterbuchs des Handels und der Handelsschifffahrt") in feinen„?l-iocijile8of political ecvnom?" (zweite Ausg. London 1831) ausgebildet wurden. Malthus verfocht fortdauernd seine Ansichten der Bevölkerungspolitik, die in Beziehung aufdas verkehrte System der englischen Armenpflege eine praktische Wichtigkeit hat, fand aber in Sadler einen siegreichen Gegner. — Die Re chtsgelehr- famkeit beschrankte sich seither hauptsächlich auf das einheimische Recht, dessen Kenntniß und Anwendung durch Sammlung der GefetzqueUcn, Erörterung von Rechtsfragen und praktische Hülfsmittel erleichtert wurde, doch richtete I. Reddie (1829) die Aufmerksamkeit seiner Landsleute auf die neuesten Fortschritte des Studiums des römischen Rechts in Deutschland, und die geschätzte Zeitschrift „3Ae ssu-ist" suchte gleichfalls den Gesichtskreis der englischen Rechtsgelehrten zu erweitern. — Ebenso wenig erschien in der The ologie ein wissenschaftliches Streben. Die vaterländische Kirchengeschichte war der einzige Zweig, der mehre schätzbare Früchte trug, von welchen wir nur Vaughan's Lebensgeschichte Wicliffe's und Todd's Leben Cranmer's nennen. Rose hatte über das Streben der deutschen Theologen in seiner befangenen Ansicht einen so furchtbaren Bann ausgesprochen, daß man ihre Arbeiten nicht berührte und nur etwa Griesbachs Text des Neuen Testaments zu neuen Ausgaben benutzte oder Ernesti's Einleitung übersetzte. Das Gebiet der Geschichte wurde, wie seit langer Zeit, mit vorwaltender Beachtung der Landesgeschichte bearbeitet. Unter den Quellen sind vorzüglich die unter der Aussicht einer königlichen Commission erschienenen „8tute papers" i rrster Bd., London 1831, 4.) zu erwähnen, die den Briefwechsel Heinrichs Vlil. mit dem Eardinal Wolscy und feinen übrigen Ministern enthalten. Die Geschichte der englischen Verfassung wurde seit Hallam, dessen „Ooostitntionul lli-tur^ ut in der dritten Ausgabe (3 Bde., London 1832) erschien, in Palgrave's Werk: ,,'1'lle rise unck progie»s ok euAlisll cuininvuvveulttr" (2 Bande, London i.832, 4.), bearbeitet, welches die Geschichte der Staatseinrichtungen Englands gründlicher entwickelt als es bis jetzt geschehen ist. Die neuesten ausführlichen Darstellungen der Landesgeschichte von Sharon Turner und Lingard bilden einen scharfen Gegensatz. Turner scheint seine in drei verschiedenen Werken bearbeitete Geschichte Englands, die Geschichte der Angelsachsen, die Geschichte Englands im Mittelalter und die neuere Geschichte, die in der 1832 erschienenen Ausgabe in 12 Bänden vereinigt sind, mit dem Tode der Königin Elisabeth geschlossen zu haben. Dem Verdienste gründlicher Forschung thut eine zuweilen befangene Be- urtheilung und eine ungefällsge Form der Darstellung Eintrag. So eifrig er in seiner neuern Geschichte die Reformation und ihre Urheber vertheidigt, so schlau verficht der katholische Priester Lingard in seinem Werke, das bis auf den Sturz des Hauses Stuart (1888) geht, das römische Kirchenthum. Mit einer klaren, wenn auch nicht lebendigen Darstellung, verbindet auch er eine sorgfältige Benutzung der Quellen; aber überall, wo das kirchliche Interesse, in der ältesten wie in der neuern Zeit, hervortritt, verletzt er durch Verschweigung oder durch künstliche Entstellung der Thatsachen die Pflicht der Unparteilichkeit, und wie Hume aus Vorliebe für das Haus Stuart, wird er aus Hinneigung zur Hierarchie unredlich. Eine durch unparteiliche Forschung und vollendete Form ausgezeichnete Darstellung der reichen Geschichte Englands ist eine noch ungelöste Aufgabe. Palgrave's „Histor? ot LnKlanck" in der tibrsr)" (1831) gibt eine ansprechende Übersicht, von Englische Literatur 825 James Mackintosh aber hatte man, nach der frühern Ankündigung vieljähriger Vorbereitung, ein bedeutenderes Werk erwartet, als seine Geschichte Englands in Lardner's „Oabmet c^clopueckia" (3 Bde., 1830 fg.) geworden ist. Au den bedeutendsten einzelnen Beitragen zur Landesgeschichte gehören Godwin's „Geschichte der englischen Republik bis zur Restauration" (4 Bde., 1824—28), die nach den Ergebnissen gründlicher Quellenforschung viele Irrthümer der Vorganger berichtigt, aber nicht immer ein ruhiges Urtheil bewahrt; des Erzdechants Nares „Leidensgeschichte Burghley's" l^3 Bde., London 1828—32, 4.), eine reiche Mate- rialicnsammlung in der ungeschicktesten Anordnung, und die „Denkwürdigkeiten über Hampden, seine Partei und seine Zeit", von Lord Nugent (2 Bde., London 1832), der durch die Ansichten der Whigpartei zuweilen die Unbefangenheit des Geschichtschrcibcrs stören laßt. Interessante Beiträge zur Sittengeschichte des 1/ , Jahrhunderts vor und nach der Restauration liefern Pepy's „Tagebuch" und die „Denkwürdigkeiten der Lady Fansyawe" (1829). Die Geschichte des spanischen Erbfolgekricgs erzahlte anziehend Lord Mahon (1831), meist nach reichhaltigen Familienpapieren aus dem Nachlasse des Generals Stanhope. Robert Southey vollendete mit dem dritten Bande (1832) seine Geschichte des Kriegs auf der pyre- naischen Halbinsel, die sich durch treffliche Darstellung auszeichnet, aber wie die, von Gleig überarbeitete Erzählung des Lords Londonderry, der als Oberst Stewart in Spanien focht, von dem Werke des Schottländers Napier (1828 fg.), der gleichfalls an dem Kampfe Theil nahm, durch Gründlichkeit und Unparteilichkeit weit überlrsffen wird. Mehre britische Kriegsmänner erzahlten anziehend ihre persönlichen Erlebnisse in den letzten Feldzügen, wie Moyle Sherer *) und Gleig, aus ixm Krieg auf der pyrenäischen Halbinsel und in Amerika, und gaben diesen mili- t,mischen Denkwürdigkeiten auch ein geschichtliches Interesse. Der Beifall, den sie fanden, reizte auch einige Seeleute, als Erzähler aufzutreten, wie Maryatt in seinen „Abenteuern eines Seeoffiziers", die aber mehr an das Gebiet der Dichtung streifen. Walter Scott erzählte die Geschichte Schottlands in Lardner's jmellia" (1830) geistreich und lebendig, aber an kritischer Forschung und gründlicher Ausführlichkeit überragt ihn weit Patrick Frazer Tytler, dessen Werk (Edin- burg 1829 fg.) bis auf Jakob III. hinabgeführt ist. Irlands tragische Geschichte hat O'Driscol (1827) bis zu Ende des 17. Jahrhunderts ziemlich unparteilich bearbeitet, und der Dichter Thomas Moore in Lardner's Sammlung zu erzählen angefangen. Walter Scott's „Leben Napoleons", das dem literarischen Ruhme des Verfassers großen Nachtheil brachte, setzte der verstorbene Hazlitt ein ähnliches Werk (1828 fg.) entgegen, ohne selbst den schweren Bogen mit vollständigem Erfolge spannen zu können. Lord Dover hat in seiner „Geschichte Friedrichs des Großen" (2 Bde., 1832) so viel geleistet, als ohne Benutzung aller deutschen Quellen möglich war. Die Biographie war von jeher ein beliebter Gegenstand der literarischen Thätigkeit in England, wiewol auch in diesem Fache, wie über- j Haupt in der Geschichte, mehr Materialien, als in der Form der Darstellung voll- ! endete Werke geliefert wurden. Wir nennen zuerst Voswell's „Leben Johnson's" ^ in der neuen viel bereicherten Bearbeitung von John Wilson Eroker (5 Bde., 1831). Au dem reichhaltigsten und anziehendsten neuesten Ertrage gehören: i „Locke's Leben, mit Auszügen aus seinem Briefwechsel" von Lord King (1829 fg.), die Biographien des Bischofs Heber und des verdienstvollen Sir Thomas Raf- fles nach ihren eignen Briefen (1830), und die Lebensgeschichte des Admi- rals Rodney (1831). Thomas Moore gab (1831) ein treffliches Charaktergemälde des Lords Eduard Fitzgerald, der an dem irländischen Aufstande 1798 Theil '1 Deutsch: .Bilder aus dem Kriegslebcn", übersetzt von Rudolf Lindau (Leipzig 1332). Englische L-teratur nahm. Brewster erzählte (1831) Newton's Leben in der librnr)?". Auch für die gleichzeitige Sittengeschichte interessant sind Smith's biographisches Werk über den Bildhauer Nollekens (1828) und die reichhaltige Privatcorrespondenz Garrick's (1831 fg.), welche, wie des Statistikers und Agronomen Sir John Sinclair (s. d.) Briefwechsel (2 Bde., 1831), uns mit vielen berühmten Zeitgenossen naher bekannt macht. Eine vorzügliche biographische Galerie bilden Allan Cunninghansts Lebensgeschichten der berühmtesten britischen Maler, Bildhauer und Architekten (5 Bde., 1829fg.) in der„?unnl)' Istn-ur)'", Marshall lieferte Biographien ausgezeichneter Seehelden (3 Bde., 1832), und Chambers begann (1832) ein Reihe von Lebensgeschichten berühmter Schottlander.— Die Erdkunde ward von den Briten auch in der neuesten Zeit mehr durch gehaltvolle Reisewerke als durch wissenschaftliche Darstellungen bereichert. Auf den Artikel Entdeckungsreisen verweisend, nennen wir als einige der ausgezeichnetsten Werke Parry's und Franklin's letzte Nordpolreisen, die 1830 in abgekürzten Darstellungen erschienen; die Reise der Brüder Beechey nach der Nordküste Afrikas (1828), Ward's und Hardy's Werke über Mexico (1829), Everest's Reise nach Norwegen, Lappland und Schweden (1829), Macfarlane's Konstantinopel (1829), Frankland's Reise nach und von Konstantinopel (1829), Mignan's Reise durch Chaldäa (1829), des Capitains Beechey (s. d.) Reise nach dem stillen Meere (1831), Skinner's und Mundy's Werke über Indien (1832), Earle's Reise nach Neuseeland (1832) und Ouseley's gehaltvolle Bemerkun- gen über die Statistik und die politische Verfassung der Vereinigten Staaten (1832). Carne gab lebendige Schilderungen des Morgenlandes, besonders Palastinas, ohne eben der Erdkunde neue Bereicherungen zu bringen, und der verdienstvolle Geschichtschreiber Persiens, Sir John Malcolm, zeichnete mit Geist und Wahrheit Skizzen des persischen Lebens, wie Morier und Frazer in andern Formen versuchten. Die von Narrow gestiftete geographische Gesellschaft zu London tragt eifrig zur Erweiterung der Erdkunde bei, und hat in dem ersten Bande ihrer Verhandlungen (1832) tressliche Mittheilungen geliefert. Treten wir aus dem Felde der Wissenschaft in das Gebiet der Poesie, so erfreut uns keine neue Erscheinung, welche ein frischeres und höheres Leben ankündigte, wie es um den Anfang, dieses Jahrhunderts sich zu regen begann. Die Dichter, die damals eine neue Ära gründeten, sind theils nicht mehr, theils verstummt, wie Wordswocth, Coleridge, Wilson, und selbst Thomas Moore und Thomas Campbell mögen von ihren politischen Richtungen nur selten sich abwenden, um in ihre tonreiche Lyra zu greifen. Der Pseudonyme Barry Cornwall gab in seinen neuesten Liedern (1832) auch nur Töne früherer Zeit. Wir finden indeß mehre glücklich begabte Sanger, die ihres Rufes würdig sind, wie A. A. Watts, einer der ausgezeichnetsten englischen Lyriker, der geistreich auffassende Crofton Croker, T. H. Hervey, zart und innig im Liebe. Langer bekannt ist der fromme Montgomery, unter den Quäkern erzogen, dessen Gedicht „Satan" 1830 ohne Beifall blieb, und dessen „Messias" (1832) im Ganzen auch mislungen ist. Barton, auch ein Quaker, ist selten glücklich, wenn er moralische oder religiöse Betrachtungen zu seinem Stoffe wählt, aber aus mehren seiner Lieder spricht ein schönes Gemüth. Seiner Glaubenspartei, die früher solche weltliche Bestrebungen schwerlich geduldet haben würde, gehört auch William Howitt an, nicht ohne lyrische Anlage. Seine Schwester Maria Howitt ist nächst Felicia Hemans, die Alle an Tiefe und glücklicher Behandlung der Form übertrifft, eine der ausgezeichnetsten englischen Dichterinnen in diesem Fache. Letitia Elisabeth Landen, deren innige Lieder mehr als ihre igrößern Dichtungen befriedigen, ist die Dritte diesiv Kleeblatts. Unter den humoristischen Dichtern Englands steht Hood oben em. Zu den begabtesten Sängern gehören die Schottländer Allan Cunnmgham und James Englische Literatur 82/ Hogg (s- b.), und während Beide durch die heimathliche Gesangsweise angeregt wurden, hat Jener sich in echt nationalen Balladen, Dieser mit kräftigerm Geist in größern erzahlenden Dichtungen gezeigt. Im Gebiete der dramatischen Dichtkunst ist Maria Russell Mitford mit Erfolg aufgetreten, und von ihren drei Trauerspielen hat „Rienzi" (1828) auf der Bühne viel Glück gemacht, obgleich es allen an kraftigem Leben fehlt. „Franz I." (1832), von der berühmten Schauspielerin Frames Anne Kemble, zeigt ein vorzügliches Talent. Eine überreiche Ernte bietet sich seit einem Jahrzehend auch in England auf dem Felde desRomans dar. Wir müssen uns begnügen, die Richtungen anzudeuten, welchen man hier gefolgt ist. Man hat in neuern'Zeiten den Roman in England zu einem Darstellungsmittel für die verschiedenartigsten Zwecke gemacht, aber der obzective Zweck, den man ihm oft gegeben hat, mußte dann das poetische Element unterdrücken. So gibt es religiöse oder vielmehr theologisch-dogmatische ! Romane, z. B. „Tremaine" (von Ward), der den Sieg der Lehrmeinungen der herrschenden Kirche über einen Weltmann darstellt und in der Heirath des Be- > kehrten mit der Verwandten des orthodoxen Bekehrers seinen Schluß findet. Wir nennen nicht andere Erzeugnisse dieser Art, die für andere Glaubensansichtcn streiten, weil keins derselben der Idee des Romans entspricht. Eine andere sehr beliebte Elasse bilden diejenigen, die man ethnographische Romane nennen könnte. Das Vorbild derselben ist der durch Phantasie uno meisterhaste Darstellung ausgezeichnete „Anastasius" von Thomas Hope. Ihm folgten, hinsichtlich des Zwecks, Morier in seiner lebendigen Schilderung des Lebens in Persien, „Hadschi Baba", und deren Fortsetzung, „Hadschi Baba in England", wiewol ihm in Beziehung auf Charakteristik und Form der „Gilblas" vorschwebte, wahrend im „Anastasius" ein dunkler tragischer Faden fortlauft. Zu dieser Elasse gehören mehre schatzbare neuere ! Werke, z. B. Frazer's „Xu^illmsli", Maddcn's „Niissulman", „?antjuran^ ^ Iluri". Der von Walter Scott geschaffene historische Roman fand die zahlreich- ! sten Nachbildner, die, mehr oder weniger die Manier ihres Meisters nachahmend, vor geschichtlichen Hintergründen ihre Figuren spielen ließen, wie der talentvolle Horace Smirh, und Grattan, der Verfasser der „Kreuz- und Querzüge". Andere verbanden damit die als Hauptzweck hervortretende Schilderung der Zustande einer bestimmten Volksthümlichkeit in Charakteren und Sitten, wie der Amerika ner Cooper, der kräftige irlandische Sittenmaler I. Banim, sein Landsmann Grifsith, der Verfasser der „Nimster kestivals", der Schottlander John Galt, Allan Cunningham, die reichen Mittel eines originellen Geistes benutzend, und der Spanier Don Telesforo de la Trueba, der mit einer für einen Fremden seltenen Gewandtheit die englische Sprache schreibt. Eigentümlich und frei von fremder Anregung ist in lebendiger Schilderung der Nationalitat Erosion Croker in seinen irischen Feenlegenden, und seinem neuesten Werke: ,,'1Ae uckvuntures Katnme?" (1832), das den charakteristischen Humor der Jrlander tresslich darstellt. Der englische Nationalroman, wie ihn Richardson, Fielding und Goldsmith ausgebildet, trat nun in den Hintergrund, seitdem auch die talentvolle Johanna Austen und Maria Edgeworth die Bühne verlassen hatten; aber in der neuesten Zeit wurde die Idee desselben wieder von Lord Normanby (s. Mulgrave) und Eduard Lytton B ulw er (s. d.) originell aufgefaßt, die Beide einige treffliche Gemälde bestimmter gesellschaftlicher Classen nach dem Leben gaben, uno vorzüglich auch das Leben der höhern Stände ihrer Zeit mit ergreifender Wahrheit schilderten. Humoristisch und satirisch hat das Leben der Gegenwart, mit einem vorwaltenden Anklang von Toryismus, der geistreiche Hood („Wtnms auä ocküi- t-es") aufgegriffen. Godwin, der einst in seinem Williams" durch kräftige Darstellung und scharfe Charakteristik sich als einen originellen Erzähler gezeigt, seitdem aber in wissenschaftlichen Gebieten sich bewegt hatte, gab in seinem H28 Entdeckungsreisen „(AouäeLie)," (1830) nur eine schwache Erinnerung an seine frühem Vorzüge. Unter den übrigen Erzählern der neuesten Zeit verdienen Erwähnung Ritchie, der 1829 verstorbene Barry St.-Laeger, und Marie Mitford, deren Erzählungen man Genrebilder nennen könnte. Die Novelle, wie sie sich in Deutschland classisch ausgebildet hat, ist bis jetzt eine in England unbekannte Darstellung. Washington Irving, der seit zehn Iahren, wie Cooper, mehr der europäischen als der transatlantischen Literatur angehört hat, folgte in der neuesten Zeit seiner eigentümlichen Geistesrichtung, und nachdem er, während seiner Reise in Spanien angeregt, einen historischen Stoff bearbeitet hatte, der den Amerikaner begeistern mußte, die Geschichte des Colombo und die Züge seiner Gefährten, hat er, nach der Heimath zurückkehrend, Europa in seinen Erzählungen aus der „Alhambra" ein schönes Gastgeschenk gegeben. Entdeckungsreisen. Wie im frühern Mittelalter die Araber und Normannen, und späterhin die Portugiesen, Spanier und Holländer, haben in der neuesten Zeit die Briten und Franzosen die einflußreichsten Entdeckungsreisen zur genauem Erforschung des Erdballs unternommen. Den Deutschen aber gebührt der Ruhm, zuerst die Geschichte derselben aufgefaßt und verbreitet zu haben. Während noch vor 60 Jahren eine Erdumsegelung ein großes Weltereigniß war, vergeht jetzt kein Jahr, wo nicht die Schisse aller Nationen sich im großen Ozean kreuzen. In dem letzten Jahrzehend fällt besonders Frankreichs Tätigkeit in dieser Beziehung auf. Der Capitain Louis Freycinet *) eröffnet die schnell aufeinander folgenden Rundfahrten der Franzosen um die Erde. Seine Hauptzwecke waren, Erfahrungen über den Erdmagnetismus und die Gestalt unsers Planeten einzusammeln. Am 1?. Sept. 1817 auf dem Schisse Urania von Toulon ausfahrend, segelte er über Rio Janeiro, wo Pendel- und Seecompaßbeobachtungen angestellt wurden, nach Jsle de France, den Marianen und Sandwichinseln. Über Port-Jackson und Feuerland heimkehrend, litt er in der französischen Bai Schissbruch und kam am 13. Nov. 1820 auf einem in Amerika angekauften Fahrzeuge, lue pb/sicienne, wieder in Frankreich an. Neben den herrlichen Ergebnissen über Erdmagnetismus nehmen die hydrographischen Arbeiten eine der ersten Stellen ein, sodaß Freyinet, nebst Malaspina und Laperouse, den Stoff zu der besten Karte des Marianen-Archipels lieferte. Jsle Rose wurde entdeckt, mehre Küstenstriche von Timor und einige Eilande in dessen Nähe aufgenommen, die Inseln im S, von Gilolo bestimmt, und die Meerenge zwiAcn Borneo, Am- boina und Carane berichtigt. Ihm zu Ehren erhielt eine Jnjel aus dem Archipel Ehampagny, nebst einem Vorgebirge und einer Halbinsel des Australlandes, dm Namen Freycinet. Ein Schiffbruch des Capitains Frappaz veranlaßte die Entdeckung der Jsle Verte und des Eilandes Du Lis. Duperrey, welcher schon als Schiffslieutenant mit Freycinet die Reise um die Welt gemacht hatte, segelte 1322 zu einem gleichen Unternehmen ab. Die Inseln Clermont-Tonnere, Au- gier, Freycinet, Lostange, Pelelop, Tokai, Avura, Ougai, Mongoul, und die Gruppe Hogoleu wurden aufgefunden. Seine Begleiter waren: Dumont d Urville, Lesage, Jacquinet, Be'rard, Lottin, de Blois de la Colande, Poret de Blosseville, Gabert, Garnot, Lesson, Lajeue und der Deutsche Dr. Martens. Baron von Bougainville der Jüngere, Nesse des ersten französischen Erdumseglers, hat auf einer Fahrt um die Erde (1824—25) die Lage der Maldiven, die Kustenpunkte in der Straße von Malakka, die Anambasinseln, und zuletzt auch manche Punkte im Innern des Landes von Neusüdwales berichtigt. Aus der Heimkehr führte *) Der berühmte Verfasser der ,,Vozags llo lli'ovuvert«,? nux terees »usti.sto» penüant le» 1800—4" (Paris 1815), der den Capitain Baudin auf seiner Reise in den großen Ozean als Astronom begleitet und dessen Enrdcckungen in einem sehr gelungenen Atlas von der Küste Neuhollands zusammengefaßt hat. « N.» IN "«UßjmNM dWki»P Äi >si aus im EG K« UDkl-uMmW dmU««Äst»!^ Miitttriuksw WsHiWivAmb U SqB^Ä- " ..i° ..-A^F ^ -«5 -KlA ihn der Aufall in dem Hafen von Valparaiso mit dem Capitain Byron, einem Enkel des gleichnamigen Erdumschiffers, zusammen, der von den Sandwich- jnseln kam, wo er dem unsterblichen Cook ein Denkmal errichtet hatte. In kaufmannischem Interesse trat 1835 der Capitain Sali; von Bordeaux eine Reise um die Welt an, während welcher er am 18. Zun. 1826 die fast zwei Meilen lange Jsle Bordelaise entdeckte. Gleichzeitig veranstaltete die französische Regierung eine neue wissenschaftliche Reise zur Erforschung der Küsten von Neuseeland und der noch wenig gekannten Inselgruppen, welche Bougainville die Louisiade nannte, sowie, um über das Schicksal des unglücklichen Laperouse Licht zu gewinnen. Der gewandte Dumont d'Urville, der sich schon früher unter Capitain Gautier durch Aufnahme der Küsten des schwarzen Meers und zuletzt, als Duperrey's Begleiter, durch seine nautischen Kenntnisse ausgezeichnet hatte, erhielt den Oberbefehl. Ihm waren Quoy, Gaimard, Jacquinet, Lottin, Gressien, Faraquet, Lesson, Samson und Lauvergne beigegeben. Die Aufgabe wurde auf das glänzendste gelöst. Außer dm geographischen Bereicherungen — ungefähr 200 Inseln wurden bestimmt, wovon 70 — 80 noch auf keiner Karte verzeichnet waren, manche Häfen untersucht, die Cooksstraße gemessen u. s. w. —, gewann die Naturkunde und Ethnographie der bisher am wenigsten bekannten Länder ein neues 'Ansehen. D'Urville ist der erste Franzose, der auf seiner Reise um die Erde 1826—29 so glücklich war, die Schuld zu tilgen, welche Frankreich einem großen Unglücke noch nicht I abgetragen hatte. Die traurige Stelle, wo die Fahrzeuge des kühnen Laperouse von den Wellen verschlungen wurden — das Eiland Manikoro —, schon früher von dem in britisch-ostindischen Diensten stehenden Capitain Dillon gesehen, wurde von ihm erkannt. Ein Kenotaph in der Mitte des großen Ozeans ist das traurige Resultat vierzigjähriger Nachforschung. Auch der Capitain Legourant de Tromelin, der mit der Corvette LaBayonnaise dem Capitain d'Urville von Peru aus fast auf ! dem Fuße nachfolgte, fand weiter keine bestimmte Spur. Er kam den 3. Jun. 1828 nach Manikoro, kaum drei Monate nach d'Urville s Abreise von der Insel, wo er das Denkmal (ein Obelisk aus Kudiholz) unverletzt fand, und noch eine Messing- platte mit der Inschrift: „^uxmunes de laperouse et de ses compu^noos, dommoge de In corvette du koi La^onnuise 12 sinn 1828", hinzufügte. I .V. Blosseville, vormaliger Begleiter Duperrey's, sammelte 1829 am Bord der Corvette La Chevrette, unter Lieutenant Fabre, wichtige Materialien zu einer verbesserten geographischen Ortsbestimmung, Beobachtungen über Magnetismus, Meteorologie und Alles, was für die Nautik und Erdkunde wichtig sein kann, libngens ist es gar nichts Seltenes, daß Schiffe, welche Privatpersonen angehören, freilich meist mercantilischer Zwecke wegen, Reisen um die Welt machen. So Capitain Duhautcilly mit dem von Martin Lafitte und Co. in Havre ausgerückten Schiffe Heros 1826 — 29; Capitain Boullenger mit dem Fahrzeuge, General Lafayette, auf Kosten des Hauses Bickhamm in Brest 1827—29; Capi- rain Cormier aus Bordeaux mit der Rose 1827—29. Die alte Seemacht Holland, welche seit mehr als einem Jahrhundert geruht ' >r> haben schien, raffte sich in der neuesten Zeit wieder aus ihrem Schlummer empor, i'ieutenant P. Troost machte von 1824—26 mit der Fregatte Marie Reigersberg sind der Corvette Pollux eine Reise um die Welt, die jedoch für die Erdkunde nicht ^ns Ergebniß gewährte, das man davon erwartet hatte. Der russische Capitain bn Bellingshausen hat auf seiner Reise um die Welt 1819 — 21 unter 68° 57' V. und 90° 41' W. L. die große Peters l.-Insel, Alexandersküste, die Eiland- Mpen Wittgenstein, Miloradowitsch, Tschitschakoff, Sacken, Barclay de Tolly, ?olchonsky, Araktschejeff, sammtlich zum Archipel der niedrigen Inseln gehörend ^ Ganzen 16 neue Eilande), aufgefunden, und durch Umschissung des Sand- H'chlandes bewiesen, daß dies keinen Zusammenhang mit irgend einem Conti- iU 83t) Entdeckungsreisen nente habe. Auch war es B., der den Bewohnern von Otahiti und Neuseeland zum ersten Male die russische Flagge zeigte. Wie sich überhaupt die Russen seit Krusenftern's erster Weltfahrt zu Anfang dieses Jahrhunderts für die Erweiterung der Länder- und Völkerkunde durch That und Schrift sehr kraftig bewiesen haben, so auch in der Seefahrt. Die Schisse Gollonie und Baranoss entdeckten 1821 die Insel Numirak, und Otto von Kotzebue, der schon 1815—18 auf Kosten des Reichskanzlers Grafen Rumjänzoff mit dem Rurik die Erde umschifft, die zweifelhafte Insel (lle ckouteuse) entdeckt, Cook's Palliser-Jslands und Rogge- ween's Schadelyk-Jnsel aufgenommen, und außer der 40 Meilen langen Ruriks- kette dieRumjänzoss-, Spiridoff-, Krusenstern- und Kutusoffs-Jnseln aufgesunden, trat 1823 auf der Sloop Predpriätije (die Unternehmung) seine zweite 'dit Reise um die Welt an. Er sah, nachdem er im Peter- und Paulshafen vor Anker / dui gegangen war, die neuen Inseln in der Südsee bestimmt und besonders die Schisser- ^ inseln aufgenommen hatte, das von Roggeween 1722 gesehene Eiland Karlshof, und entdeckte drei neue Inseln: Die Unternehmung, Bellingshausen und Korduloff (von dem ersten Lieutenant der Expedition). Die letztere ist zwar schon 1819 von Freycinet aufgefunden worden; allein Kotzebue hatte bei seiner Abreise noch keine Kenntniß davon. Seine Begleiter waren diesmal Dr. Eschscholtz als erster Arzt und Naturforscher, Dr. Siewald als zweiter Arzt, Lenz als Physiker, Hoffmann als Mineralog und Preuß als Astronom. Nebst vielen neuen geographischen Ausschlüssen gibt diese Reise ein ungünstiges Bild von den evangelischen Missionen auf den Inseln des Gesellschafts- und Sandwich-Archipels. (Vergl. Ellisund Missionen.) Zu gleichem Unternehmen gingen 1824 der Lieutenant Tschistia- koff und 1826 die Capitains Stankowitsch und Lütke, welche schon früher eine Reise zur Aufnahme Nowaja-Semljas und der Küste Lapplands gemacht hatten, nach der Südsee unter Segel, wobei sie sich die Erforschung der Ostküste von Nordasien und Nordwestamerika nebst den Ale-uten zur Aufgabe gestellt hatten, wah- V, rend der englische Capitain Arthur Capell-Brooke am Nordcap tressliche Beobachtungen machte, Doctoross, der schon 1820 eine Entdeckungsreise nach dem Eismeer unternommen, nach Kamtschatka und der Westküste von Amerika unter Segel ging, undBajenoss nebst Klimowski zur Erforschung des Kupferflusses, den man nicht mit dem Kupferminenflusse verwechseln darf, ausgeschickt wurden. Epoche machten in den Annalen der Seefahrtskunde die zwei preußischen Erdumsegelungen 1822—24 unter Capitain Harmsen, und 1829—30, auf welcher der zweite Befehlshaber, Schiffslieutenant Mendt, viele zweifelhafte Punkte des großen Weltmeers berichtigte. Die Hinneigung der britischen Nation zu dem Außerordentlichen, der nimmer rastende Eifer für Beförderung des Handels und der Wissenschaft, bewog 1817 die britische Regierung, Polarreisen zu veranstalten, welche die Nordwestdurchfahrt und genauere Kenntniß von Asiens und Amerikas Nordgrenzen bezweckten. Eine Parlamentsacte versprach eine Prämie von 20,000 Pf. St. dem ersten Seemanne, der durch den Nordwestweg in das stille Meer gelangen, und 5000 Pf. St. dem ersten Schiffe, das den Nordpol erreichen würde. Capitain Buchan sollte nämlich mit den Schiffen Trent und Dorothea zwischen Spitzbergen und Nowaja-Semlja die Durchfahrt über den Pol in das stille Meer, Roß ^ aber mit der Jsabella und dem Alexander, welchen Lieutenant Parry führte, aus der Davisstraße und dem Baffinsmeere von Nordwesten her einen Weg in die Beringsstraße aufsuchen. Jener gelangte zwar bis zu 80° 31/, blieb hier aber im , f Eise stecken und kam nur mit großer Mühe wieder nach England zurück; Roß ss drang bis 75° 55' N. B. und 65° 32' W. L. vor, wo er zwar nicht die Nord- ^ ^ westdurchfahrt, wol aber die Nordküste Grönlands, von ihm arctics Digk- !i>m0 genannt, im nordöstlichen Winkel der Bafsinsbai auffand. Mit 1819 be- 1^5/(0^ ginnt die erste selbständige Laufbahn Parry's. Von dem Lancastersunde kam e. Entdeckungsreisen O W M < -55 --5-4 mit dem Hekla und Griper (Lieutenant Liddon) durch die von ihm zuerst befahrene Barrowstraße in das Polarmeer, überwinterte im Hafen der Melville- insel (74" 45" B.), segelte nun westwärts, entdeckte die Küste Banksland, mußte aber unter 13" 46" (der westlichste bisher im Polarmeer entdeckte Punkt) und 74°27"N. B., wo er auf unbewegliche Eisfelder stieß, am 16. Aug. 1826 umkehren. Parry hatte jedoch auf diese Weise bewiesen, daß eine Durchfahrt aus der Bafsinsbai nach der Beringsstraße möglich, erstere keine Bai, sondern ein Meer, und Grönland kein mit Amerika zusammenhangender Erdstrich, sondern eine vom Meer umschlossene Insel sei. Diese Entdeckungen ließen das endliche Gelingen des großen Unternehmens hoffen. Parry trat am 8. Mai 1821 nn't Vorrathen aus mehre Jahre eine zweite Entdeckungsreise an. Wenn dek Hauptzweck des Unternehmens, die Aufsindung einer Durchfahrt, misglückte, so wurde dagegen die Erdkunde durch sorgfaltige Berichtigung der Küsten bereichert. Im Mai 1824 veranstaltete die britische Regierung eine dritte Polarreise zur Aufsuchung der nordwestlichen Durchfahrt durch den Regentensund unter Parry und Lyon. Im Hafen Bowen in der Prinz-Regent Bai überwinterten die Schisse. Ein weiteres Vordringen wurde durch unzahlige Schwierigkeiten vereitelt. Die vom Capitain Lyon gemachten Beobachtungen der Magnetnadel bei den Inseln der Wilden (Lavage Islanüs) und Raas Welcome, wo sie schwankte und sogar stehen blieb, wie man sie stellte, waren die wichtigsten Ergebnisse. Dennoch wurde die Hoffnung nicht aufgegeben. Parry segelte daher ain 25. Marz 1827 zu der Westnordpolfahrt nach Spitzbergen ab. Ihn begleiteten die Lieutenants Roß, Forster, Crosier, die Ärzte Beaverley und Mac Corwiek nebst dem wohl- zeübten Lootsen Crowford, der schon vier Reisen nach Grönland gemacht hatte. Eine ausführliche Beschreibung des trefflich ausgerüsteten Schiffes, nebst seinen mit Radern zur Landfahrt versehenen Booten, gibt die „Hertha", IX, 5, S. 132. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Undurchdringliches Eis gebot unier 82° 45" N. B. die Rückkehr. Hat Parry sein Ziel auch nicht erreicht, so geben ihm sein Much, seine Talente und seine Ausdauer einen ausgezeichneten Platz in der Geschichte. An seinen Namen schließt sich der des Capitain Franklin an, der zu Lande längs der Hudsonsbai und des Kupferminenflusses bis an die nördlichste Küste von Amerika vorzudringen beauftragt war. Von dem Naturforscher I)r. Richardson und den Seecadetten Hood und Back begleitet, durchwanderteer 1819 von der Factorei Pork (Hudsonsbai) an, dem Laufe der -Flüsse folgend, eine öde Schneewildniß von mehren tausend geographischen Meilen, erreichte endlich l82l, nach zehnmonatlicher Überwinterung, den Kupferminenstuß und beschiffte Ende des Julius desselben Jahres die Küste des hyperboreischen Meers, bis ihn Ringel an Lebensmitteln zur Heimkehr nöthigte. Schon 1825 unternahm Franklin eine neue Landreise, um von dem Mackenzicfluß aus die Küste westlich nach der Beringsstraße zu befahren, während Richardson die Gegend nach dem Kupferminen- üuß untersuchen sollte. Zugleich ward Capitain Beechey mit dem Schiffe Blossom um das Cap Horn gesandr, um in der Nähe des Eiscaps oder im Kotzebuesund eine Uche Durchfahrt aufzusuchen. Beide Expeditionen sollten sich begegnen. Franklin und Richardson haben zwar weder ihren Hauptzweck, noch den mit Beechey verab- udeten Vereinigungspunkt erreicht, wol aber die Küste auf eine Strecke von 86 üingengraden aufgenommen und das arktische Meer bis 156° W. L. kennen ge- "wt. Franklin hat sich bis auf ungefähr i66 englische Meilen dem Eiscap und °mit auch dem Blossom genähert. (S. Franklin.) Nach so vielen vergeben Versuchen der Engländer, die nordwestliche Durchfahrt aufzufinden, hat Capitain Roß, der in neuern Zeiten die erste Fahrt dahin gemacht, eine zweite Reife "uf eigne Kosten unternommen. Lieutenant Parry, ein Neffe des Capitains, bebtet ihn. Ein Umstand, wodurch sie sich von allen frühern Nordpolerpeditio- K3!> Entdeckungsreisen nen unterscheidet, ist die Anwendung deS Dampfes. Ein eignes dazu erbautes Dampfschiff, das durch Abnchmung der Rader und selbst des Schornsteins in ein gewöhnliches Segelschiff verwandelt werden kann, faßt Mannschaft und Vorrathe in sich. Rußland, schon jetzt den ersten seefahrenden Nationen angereiht, suchte auch bei den Nordpolexpeditionen nicht unthatig zu bleiben. Capitain Waschest segelte 1819 über Port-Jackson nach Kamtschatka, um von da durch die Beringsstraße einen kürzern Weg nach Amerika aufzufinden; er entdeckte die Blegonameranie- Jnseln. Lieutenant Lasareff untersuchte die Waigatzstraße und nahm nach vergeblichem Bemühen, die Doppelinsel zu umschiffen, einige Punkte der Küste auf. Baron Wränge! und Anjou gingen 1820 von Nordsibirien bis Jrkutzk, wo sie sich trennten, um das Eismeer an zwei verschiedenen Punkten zu erreichen. Ihre Untersuchungen, die vier Jahre lang dauerten, haben das Dasein einer Straße zwischen Asien und Amerika außer allem Zweifel gesetzt. Die Südsee ist durch den Englander Smith bekannter geworden, der im Ort. 1819 auf der Brigg William das südlichste aller Lander, Neusüdshetland (fünf größere und einige kleinere Inseln) entdeckte. Granner, ein Schwede, fand in demselben Jahre die Oskarsinsel, Arent de Peyster die Ellisgruppe und das Eiland Peyster auf, durch welches Mulgrave's Archipel mit den Schifferinseln zusammenhangt. Insofern die Erdkunde mit der Geschichte Hand in Hand geht, darf der Pyramidenöffner Belzoni nicht unerwähnt bleiben. Er entdeckte seit 1817 mehre Königs- graber in Theben, unter welchen das Grab des Psamniutis (400 I. v. Chr.) im Thale Bibank-el-Moluk sich auszeichnet, schaffte die große Memnonsbüste nebst einem Alabaster-Sarkophage nach London, eröffnete die von Pietro della Valle schon im 17. Jahrhundert besuchte Pyramide von Dschiseh, zu der die Franzosen wahrend ihres Feldzugs den Eingang nicht fanden, eine zu Chiemphrene und den von Dro- vetti und Cailliaud 1816 aufgefundenen Tempel von Ppfambul, und fand außer Berenice, diesem uralten Stapelplatze von Europa und Indien, die Smaragdgruben von Zubara. Afrika (f. d.), seit Jahrhunderten der Zielpunkt der Wißbegierde und der Gewinnsucht, ward von nun an mit verdoppeltem Eifer bereist. Cailliaud durchstreifte mit Letorzek im Gefolge Jsmael Paschas, der 1819 gerade einen Feldzug gegen Nubien unternommen hatte, Ägypten, Nubien und den ganzen nordöstlichen Erdstrich von Afrika bis Singue, 190 Meilen nördlich vom Gleicher, wobei die Erforschung der Alterthümer von Meroe und Siwah seine Hauptaufgabe war. Ihm folgten mit gleichem Zwecke die Briten Hanbury, Waddington und Richardson, welche über 600 Meilen jenseits der zweiten Katarakte vordrangen und bei Schayni 45 zerstörte Pyramiden entdeckten. Die Deutschen Hemprich und Ehrenberg, welche nebst Or. Scholz und Professor Liman den General von Minutoli auf seiner Reise nach dem Tempel des Jupiter Ammon begleiteten, sowie Brocchi und Rüppell, haben fünf Jahre hindurch Nordostafrika in naturhistorischerBeziehung durchforscht, wahrend Pacho die Cyrenaika und Della Cella, nebst Beechey (Bruder des Capitains, ehedem Belzoni's Begleiter und Se- cretair des englischen Consuls Salt), über die Küste der Hesperiden und die einst so blühende Pentapolis (Fünfstadt), d. i. Berenice, Arsinoe, Ptolemais, Apollonia und Cvrene neue Aufschlüsse gaben. Salt's, Drovetti's, Caviglia's, Montesiore's, Ricci's, Passalacqua's und Anastasy's Verdienste um Aufhellung dunkler Stellen der ägyptischen Erd- und Geschichtskunde sind ausgezeichnet. Wahrend der gelehrte Clarke den uralten classischen Boden mit seltenem Scharfsinn ergründet, geben Linant, Acerdi (östreichischer Conful), Madden, Gordon, O'Bnrne, Henniker und die Frauen Lushington und von Minutoli ein treueo Bild des geselligen Lebens und sogar der Harems der heutigen Ägypter; Prokesch und Planat schildern hauptsachlich die Topographie und Staatseinrichtung 0- Ägnpten); Cdampoll-on, mit seinen Begleitern Rosellini, Bibent, L ädo^e, S-Ä 5 ^auns, Entdeckungsreisen 833 >>-l ^ Mtzi- W.Wl !?!ilst!'z Cherubink, Duchesne, Bertin, Lahaux, Raddi und Angletti, sammelt Materialien zur Entzifferungskunde der Hieroglyphen. Eine besondere britische Expedition wurde 1822, aus den Schiffen Leven und Baracouta bestehend, zur Aufnahme der bis dahin noch sehr unbekannten Ostküfte von Afrika abgeschickt. Die Capi- tains Owen und Cutsield leiteten jetzt 1825 bei einer zweiten Reise das Unter- nehmen. Die Insel Madagaskar, die Eilande und Untiefen im Canal von Mo- zambique, die Sechellen, Amiranten, die Kaffernküste und Zanguebar aufwärts bis zum Eap Guardafui und der Straße Bab-el-Mandeb sind in vier Jahren aufgenommen, und an zwei Punkten, in Mombosa und an der Laogabucht, Niederlassungen gegründet worden, gleichsam als Wachtposten des portugiesischen Handels. Bourton machte sich die Erforschung der Westküste des rothen Meers zu seiner Aufgabe. Wahrend Ritchie, Lyon, Denham, Clapperton, Oudney, Dickson, Pearce, Morrison, Laing, Caillie und die Brüder R. und I. Lander gegen Timbuktu und das Innere vordrangen, suchten Grout de Beaufort, Beauclerc, Salzmann, Brown, Duvernay, Marre, Descoudray u. A. das marokkanische Gebiet; Mollien, Peddie, Campbell und Cocodray, Gray und Dochard, Äli Bey (Domingo Badia y Leblich) Senegambien; Bowdich, Todlie, Hutchinson und James das Land der kriegerischen Aschanti's; Perrin und Tuckey mit seinen Begleitern Galway, Fitz-Maurice, Hodder, Smith und Cranch das Stromgebiet des Zaire; Douville die Reiche Angola und Benguela; Thompson, Campbell, Biddulph, Bain, Teenstra, Philipp, Burchell und Hallbeck das Capland und die angrenzenden Provinzen zu erforschen. Die Kenntniß von Asien bereicherten im letzten Jahrzehend Philibert, Rey, Webb (Ebene von Troja); der blinde Holman, Lyall, Sjögren, der große Fußreisende Dundas-Cochrane, Hansteen, Dobell und Erman (Sibirien); Berggren. Murawiew, Eversmann, Kaidalossund Mcyendorf(Bucharei); Ledebur, Kupfer, Eichwald, Engelhardt, Gamba, Netschajeff und Parrot (Altai, Arrarat und Kaukasus); Heidenstamm, Frazer, Macdonald-Kinnair, Bonisson d'Armandy, Rienzi, Mignan, Bruce, Guy, Buckingham, Fontanier, Rottiers, Juannin, Carne und Raynouard de Buissiere (Persien und Westasien); Descoudray und Sadlier < Arabien); Marsden, Anderson, Hasselt, Olivier, Kols, Reinwardt und Blume (Sumatra und Java); Burlton und Wicop (Brahmaputraquellen); de Rigny, Eve- rest, Lambton, Burkes und Heber (Hindostan); Snodgraß, Raffles, die Brüder Gerard, Wilson, Finlayson, Alexander, Desbassyns, Belanger und Crawfurd nebst seinen Begleitern Cox, Stewart, Wallich, Judson, Welford und Burney (Hinterindien); Moorcroft, Rich, Csoma de Koros, White, Turner, Roß, Everest, der Mönch Hyacinth, der sich von 1807—21 als Vorgesetzter der russischen Mission in Peking aufgehalten, und Siebold (Tibet, China und Japan). Nicht minder häufig als Afrika und Asien ist auch Amerika besucht worden. Was für die Nordhälfte dieses Erdtheils Ward, Long, Hullswith, Douglas, Schmidtmeyer, Brauns, Duden, Schoolcraft, Schabelski, Mnlius, Hardy, Sidons, die Prinzen Bernhard von Weimar und Paul von Würtemberg, Beltrami, Jugall, Adams, Ashley, Flint, Giraud, Storr, Bullock und Ruddock, welcher den See und Fluß Timpanagor fand, das ist für Südamerikas nähere Kenntniß Caldcleugh, Gaultier, Basil Hall, Stuart Cochrane, Langsdorf, Waterton, Brand, Schumacher, King, Pringle Stockes, Miers, Proctor, Hamilton, Henderson, Choris, Rengger und Beauchamp, Riemer, Weigl, Gosselmann, Maw, Thompson und Pentland. Verhältnismäßig gewann aber der große Ozean und Australien am Meisten an ausgedehnter Bekanntwerdung. Oxley's, Throsby's, King's, Cun- mngham's, Lawson's, Frazer's und Stirling's Namen sind in den lebendigen Jahrbüchern Neuhollands, in seinen Bergen, Flüssen, Thalern u. s. w. verewigt Powell fand 1821 im O. von Neusüdshetland mehre Inseln, die er im Namen Eonv.-Lex. der neuesten Zeit und Literatur I. 53 Entdeckungsreisen des Königs von England in Besitz nahm und sie Krönungsinseln nannte. Weddel! entdeckte am 17. Dec. 1822 die Australorcaden, bestätigte durch die Umschif- fung des Sandwichlandes die Widerlegung der Ansicht, als ob diese Insel mit irgend einem noch weiter gegen S. gelegenen Continente zusammenhange, erreichte am 20. Febr. 1824 die Breite von 74° 15^, und drang folglich weiter gegen den Südpol, als irgend ein Seefahrer vor ihm. Dies Gewässer nannte er GeorgIV - Meer. I. Bell fand 1822 auf einer Fahrt von Südamerika nach Ostindien die Clarke-, Stierson- und Humphry-Inseln. Edwardson untersuchte gleich- zeitig die Küsten von Neuseeland. Grönland gewinnt durch Scoresby's des g Jüngern Forschungen eine andere Gestalt, obwol es erst 1830 dem dänischen Fregattencapitain Graah, der schon sechs Jahre vorher die Westküste aufgenommen hatte, gelang, das Dunkel, welches seit Jahrhunderten die Ostküste bedeckte, theilweise wieder aufzuhellen. Durch die Meerenge zwischen Staatenhuk und der Insel Sermensog hinsteuernd, ist er weit über die Grenze hinausgekommen, innerhalb deren sich die alte Colonie von Isländern befunden haben soll, ohne die mindeste Spur derselben anzutreffen, woraus er schließt, daß die Ansiedelung nicht östlich von Staatenhuk, sondern im südwestlichen Theile Grönlands nach Julianenhaab hin gelegen haben müsse, eine Meinung, die schon vor 40 Jahren Eggers ausgesprochen hat. Hunter entdeckte 1823 die nach ihm genannte Insel (bei den Einwohnern Onascuse); Oxley den größten Fluß von Neuholland, den Brisbane und viele andere Ströme; Dibbs die Insel Mittiero; Chemissard den gascognischen Archipel nebst den Eilanden La Rose und Balguerie; Howell und Hume die südlichen Australalpen imJnnern von Neuholland; Wright am 5. Mai 1824 in der Südsee die Roxburghinsel, während Capitain Brenner für England von dem Carpentariabusen Besitz nahm und dort das Fort Dundas gründete. Die neuesten Entdeckungen im Innern Neuhollands verdankt man dem unermüdeten Peter Cunningham und dem Capitain Sturt, welcher Letztere 1829 um zwei Längengrade westlicher vordrang, als es Oxley gelungen war, wo er den Macquarie völlig ausgetrocknet und das zuweilen in einen See verwandelte Land in eine unermeßliche, von der Dürre versengte Einöde umgestaltet fand. Der Darling (Salzfluß) ist ein großer Strom, der durch den Ausammenfluß des Castlereagh, Macquarie, Field, Peel und Dumaresque entsteht. Stuart durchstreifte 1830 das Innere von Neuholland, und bereiste 1831 in Gesellschaft des Capitains Logan die Binnenländer chon Neusüdwales südlich von Brisbanetown an derMoreton- bai. Der Holländer Eeg fand am 14. Jul. 1825 unter 7° 1(V S. B. und 177° 33^ Ö. L. das Nederlandsche Eiland; der Wallsischfänger Guedon in der Bafsins- bai die Inseln Dieppe und Norris, der auch das Eiland Bouvet untersuchte, welches zwar schon 1808 Capitain Lindsay gesehen, aber nicht betreten hatte, sowie die Insel Thompson. Während das für den Wallsischfang bestimmte nordamerikanische Schiff Lopez 1826 in dem großen Weltmeere die Gruppe der Starbuckinseln und die Eilande Lopez, Tracy, Orno, Neutantuket und Grenger entdeckte, stieß der britische Capitain Renneck auf die früher ganz unbekannten Inseln Fads- Enderby u. a., und Capitain Cofsin auf die nach ihm benannte Gruppe südlich von Niphon. Zwei nordamerikanische, von Privatpersonen ausgerüstete Schisse, der Annawan (Capitain Palmer, der schon früher Entdeckungen am Südpole, in Neu- südshetland, gemacht hat) und der Seraph (Capitain Pendleton) verließen, in Begleitung der gelehrten Naturforscher Lights aus Albany und Raynolds, 1829 den Hafen von Neuyork, um eine Entdeckungs - und Handelsreise nach den Südpolgegenden anzutreten. Der Capitain Fanning, der einen großen Theil seines Lebens in den Südgewassern zugebracht, hat die Reisenden mit schätzbaren schriftlichen Nachrichten unterstützt. Dieselben Zwecke hatte schon ein Jahr vorher das britische Schiff Cbanticleer, unter Capitain Forster, mit Glück verfolgt, Entdeckungsreisen 835 zwei Monate auf der Staateninsel zugebracht, Südshetland, die pflanzenlose, nur von zahllosen Pinguinen bewohnte Insel Deception und das Meer und die Eilande naher bestimmt. Brasilien gewann 1829 und 183t) durch den berühmten afrikanischen Reisenden Burchell, den Einzigen, der in Hinsicht seiner allumfassenden Kenntnisse mit A. von Humboldt verglichen werden kann, ein neues Licht. Die Provinz, in der sich die Minen von Geraes befinden — die entfernteste Gegend, welche die neuesten Reisen- den gesehen hatten—,galt ihm nur als Durchgangspunkt zu Landern, die nie zuvor von eines Europaers Fuß betreten worden. Nicht nur Matto-Grosso, wo auch der östreichische Naturforscher Natterer Thiere und Pflanzen sammelte, fondern Goyaz und alle Indianerstamme von da bis Para (gerade unter der Äquinoctial- linie) wurden von ihm besucht. Durch Burchell kann Robert Southey's tressliche Geschichte von Brasilien, sowie die Erdkunde im Allgemeinen, manche Bereicherung erlangen. Mit Ungeduld sieht man dem mit prachtvollen Zeichnungen gezierten Reisewerk entgegen. Capitain Boteler, welcher im Mai 1828 von der britischen Admiralität abgeschickt wurde, um die Westküste Afrikas von der Gibraltarstraße bis zum Gleicher zu untersuchen, ist wahrend der Ausführung dieses Unternehmens im Sommer 1830 gestorben. Zur Vollendung Dessen, was er begonnen, wurde Capitain Bolcher, der den Capitain Beechey auf dessen Reise nach der Beringsstraße begleitet hatte, nach Sierra Leone abgesendet, um diese und von da weiter nach S. hin die verschiedenen Theile der Goldküste aufzunehmen. Über die Bewohner und die Culturverhältnisse der afrikanischen Westküste hat der französische Kaufmann Duvernay, der im Nov. 1828 von Gorea aus die neuerlich angelegte englische Stadt St.-Mary Bathurst besuchte und sich von hier nach der Cazaman^a, einem etwa einen Breitengrad südlich von dem Gambia aus dem Innern kommenden Flusse, und endlich zu der portugiesischen Niederlassung Bissao begab und den ganzen Landstrich von St.-Louis bis Sierra Leone durchstreifte, viel Licht verbreitet. Wahrend dieser Zeit durchforschte ein Mitglied der pariser geographischen Gesellschaft, I. B. Douville (f. d.), die beiden der Krone Portugal gehörigen Königreiche Angola und Benguela, sowie die früher noch von keinem Weißen betretenen Negerlander zwischen .11° 3^ — 25° 4^ O. L. Aus Macklot's Berichten von 1828 und 1829 in Betreff der von der niederlän- disch-ostindischen Regierung beabsichtigten Niederlassung an der Küste von Neuguinea geht hervor, daß dieselbe wegen der Ungesundheit des Klimas nicht zu Stande gebracht werden konnte. Ein bereits 1829 zu London erschienenes Werk: „k'our zears in svutller» Strien", von Cowper Rose, hat nicht so viel Aufmerksamkeit erregt, als dessen wichtiger Inhalt verdient. Die Hoffnungen, welche man sich nach den Berichten eines Bojer, Hilsenberg, Freimichel und Lyall von der allmalig fortschreitenden Gesittung auf der Insel Madagaskar zu machen berechtigt war, scheinen in der letzten Zeit, nach König Radama's Tode (27. Jul. 1828), vereitelt worden zu sein. Der britische Missionar Freeman hat die Insel 1829 und 1830 in allen Richtungen durchreist und entwirft ein betrübendes Gemälde von ihrem gegenwärtigen Zustande. In Asien wird es durch die Bemühungen der Briten in der neuesten Zeit immer Heller. Sie haben ihre Herrfchaft nicht nur über ganz Vorderindien ausgedehnt, sondern auch schon aufder Halbinsel jenseits des Ganges theilweise festen Fuß gewonnen. Walters hat zu Ende 1829 die Landschaft Kosseah, welche einen Bestandtheil des großen Birmanenreichs ausmacht, besucht. Gegenwartig durchforscht Major Burney, welchen derGeneralgouverneur von Ostindien im Frühling 1830 als Gesandten nach Ava abgeschickt hat, das birmanische Reick), und die seit der Mitte des vo- ügm Jahrhunderts von keinem Europaer besuchte, uns beinahe ganz unbekannte Landschaft Laos (Lao) wird durch Richardfon's Bemühungen aus ihrem Dunkel 53 * 8W Entdeckungsreisen hervorgezogen. Es schickte nämlich zu Anfang 1830 ein Häuptling von Laos äne kleine Truppenabtheilung nach Mulmein, einem englischen Grenzposten, welche ein Schreiben an den britischen Civilcommissair Maingy überbrachte, worin dieser eingeladen wurde, einen Offizier nach Laos abzuschicken. Dies sollte eine Artigkeit sein, indem sich der Häuptling überzeugt hielt, daß kein Europäer eine solche Reise unternehmen, viel weniger glücklich vollenden würde. Einige Monate später machte Lieutenant Pemberton eine Wanderung nach den Gebirgen von Arracan, während Dr. Burnus die Länder Sind oder Sindhy, noch fast ganz unbekannte Bestand- theile Vorderindiens, nicht nur geographisch beschrieb, sondern in einem 1829 zu Bombay und 1830 zu Edinburg erschienenen Werke historisch erläuterte, indem er einen Abriß der Geschichte von Cotsch, von seiner ersten Verbindung mit der britischen Regierung in Ostindien bis zum Friedensschlüsse 1819 mitgetheilt hat. Der durch seine Reise zur Entdeckung der Vrahmaputraquellen bekannte Burlton ist im Frühling 1830 ein Opfer seiner Wißbegierde geworden; die Kofseahs ermordeten ihn und vernichteten durch Verbrennung einer schätzbaren Handschrift über jene Gebirgsbewohner die Früchte aller seiner Mühen. Des Sonderbaren wegen dürfte die Reise des blinden Engländers Holman, der schon früher ganz Europa, Sibirien, West- und Ostafrika bereist hatte, nach Ceylon, Ostindien, China u. f. w. Erwähnung verdienen, Kleinasiens Kenntniß ward 1830 durch Virlet, Mitglied des von Frankreich nach Morea gesandten Gelehrtenvereins, und den berühmten Geschichtschreiber Michaud geographisch und historisch erweitert, indem Jener Kleinasten und die angrenzenden Inseln von ihrem geologischen Standpunkte betrachtete, Dieser aber Palästinas alte und neue Topographie erforschte. Des Dichters Lamartine Reise in eben dieses Land kann hier nur angedeutet werden. Der katholische Missionar Vincenzo Bizzozero hat die etwa 300 M. nordwestlich von Neuorleans liegenden höchst reizenden Attakapasebenen (d. h. Land der Menschenfresser, wahrscheinlich von dessen frühesten Bewohnern) besucht, und außer einem ziemlich gebildeten Stamme kanadischer Ansiedler ein neapolitanisches Klima gefunden, und Prinz Paul von Würtemberg hat die Gegenden jenseits der Felsengebirge durchstreift und eineKarte vom Staate Louisiana aufgenommen. Natterer und Geltow sind in Brasilien noch immer mit Einsammeln für die naturhistorischen Museen von Wien und Berlin beschäftigt, sowie der Sachse, Eduard Poppig, schon über zehn Jahre die Westhemisphäre in naturwissenschaftlicher Beziehung auf Kosten einer Aktiengesellschaft bereist. Über das Südamerika der höhern Breiten ist in neuester Zeit durch die unglücklichen Leidensgefährten Parchappe und Bonpland, welcher Letztere nach langjähriger Haft endlich seine Freiheit wiedererlangt hat, soviel Licht verbreitet worden, daß man ausführlichen Berichten aus der Feder beider Freunde mit großem Verlangen entgegensieht. Die«wichtigsten Ergebnisse scheint uns die dritte afrikanische Reise der beiden Lander zu versprechen. In diesem Augenblicke befindet sich wahrscheinlich das seltene Brüderpaar, von der britischen Regierung mit einem eigens dazu gebauten und mit Kaufmannswaaren, mathematischen Instrumenten und allerlei Geschenken versehenen Dampfboote ausgerüstet, auf der Reise nach dem Niger. Leicht werden sich friedliche Handelsverbindungen mit Völkern anknüpfen, die so begierig nach Gegenständen europäischen Kunstfleißes sind. Das feindselige Mistrauen der Negerstamme wird in dem Maße abnehmen, als sie einsehen lernen, daß sie die Weißen nicht mehr als Menschenräuber zu fürchten haben, und es wird nicht an entschlossenen Männern fehlen, die nach allen Richtungen in das uner- messene Festland eindringen, um es durch die Religion der Liebe, die Christus lehrte, einer immer zunehmenden Gesittung entgegenzuführen. Während sich dies große Werk von Westen her im Herzen von Afrika verbreiten wird, laßt sich hoffen, daß die auf Ägyptens Boden ausgestreuten Samenkörner zur segenreichen Ernte emporwachsen, und Algiers Beispiel der europaischen Bildung auf dem Nordrande von 'S'« Erdwärme und Centralfeuer 837 Afrika Eingang verschaffen werde. Die französischen Niederlassungen am Senegal begünstigen das Eindringen gegen Süden. Durch den Bafsing in Obersenegambien laßt sich eine Verbindungsstraße mit dem Dscholiba in der Nahe von Sego herstellen, von wo aus man ohne Schwierigkeit in das Goldland von Bure hinaufsteigen, und flußabwärts zu den Städten Jenne und Timbuktu gelangen kann. So von allen Seiten dem Unternehmungsgeiste und der Übervölkerung Europas geöffnet, wird dieser gleichsam neuentdeckte Erdtheil sowol dem Handel als dem Gewerb- fleiße und der Wissenschaft in kurzer Zeit ein ungeheures Feld aufschließen, und ohne große «Sehergabe läßt sich davon eine höchst wohlthätige Rückwirkung auf Europa vorhersagen. Ein ausführliches Gemälde des allmäligen Lichterwerdens in den früherhin weniger gekannten Gegenden unsers Erdballs in chronologischer Reihenfolge liefert außer den ältern Schriften von Forster, Sprengel und Malte-Brun, Karl Falken- stem s „Geschichte der geographischen Entdeckungsreisen" (5 Bändchen, Dresden 1828). Die Fortschritte der geographischen Kenntnisse nach Erdtheilen siehe in Hugh Murrays „Historien! nccount of discoveries auc! trnvels in Strien from tke earliest NAS to tlle präsent time" (2 Bde., Edinburg 1818); Desselben „Historien! necount ol discoveries nnck trnve!s in^sin" (3 Bde., Edinb. 1820) ; Desselben „Discoveries und truvels in Kortü America" (2 Bde., London 1824); I. Barrow, cllronoloFicu! Instor^ of vo^u^es into tlle nrctic re^ions etc." (London 1818); Walckenaer, „Distoire ^enerule des vo^uFes pnr mer et pur terre" (Paris 1827); I. Olivier, „Dund- en eeetogten in ? / >1 v, 840 Erfindungen und Entdeckungen der neuesten Zeit luftförmigen überging, scheint ebenso wenig ernstliche Anwenoung zu versprechen und ebenso wenig die Dampfmaschinen verdrängen zu können, als die mehre Jahre vorher von Montgolster und Dayme erfundenen, durch heiße Luft gehenden Maschinen. Die Dampfheizung zum ökonomischen und technischen Zweck wurde in den letzten acht Jahren noch allgemeiner und auch noch immer auf neue Gegenstände angewendet. Dahin gehört unter andern das Erwärmen oer Lohbrühen beim Rothgerben des Leders. Seit Meißner's Schrift über Luftheizung und seit Tredgold's Unterweisung in dieser Kunst hat sich auch diese noch mehr verbreitet, aber ohne allgemein geworden zu sein. Für die Heizung überhaupt durch Ofen und auf Herden ist ebenfalls manche nutzliche neue Angabe zum Vorschein gekommen. So haben die rauchverzehrenden Ofen von Greyson, Atkins u. A. der Ökonomie manche Vortheile verschafft. Die Öfen von Busch in Frankfurt am Main fanden seit einigen Jahren viele Lobredner; der Franzose Peclet aber hat ebenfalls seit Kurzem viel für die Wärmelehre gethan, was die richtigere Anwendung derselben hauptsächlich für Ökonomie und Technik betrifft. An den Flintenschlössern sind hauptsächlich, um das unwillkürliche Losgehen zu verhindern, von Cook, Richard u. A. manche nützliche Verbesserungen gemacht wordenund durch die Erfindung der sogenannten Perkussionsfeuergewehre mit den kupfernen Zündhütchen, welche Knallpulver, gewöhnlich Knallquecksilber, enthalten, ist Jägern und andern Schützen allerdings ein großer Dienst geschehen. Sie sind in der neuesten Zeit, besonders von dem Engländer Smith und dem Franzosen Laserre, noch verbessert worden. Auch hat Romershausen für sie vor wenigen Jahren ein eignes Sicherheitsschloß erfunden. So wurden auch für die größere Sicherheit des in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts von dem Engländer Newman zum Schmelzen der strengflüssigsten Körper erfundenen Knallgasgebläses von Gurney, Wilkinfon u. A. manche neue Vortheile ersonnen. Von Öchsle in Pforzheim wurden hierbei die abgesonderten Blasen vorgeschlagen, wovon die eine das Sauerstoffgas, die andere das Wasserstossgas enthielte, um, der Gefahrlosigkeit wegen, nie eine große vereinigte Menge dieser beiden Luftarten zu haben, die in ihrer Mischung die Knallluft ausmachen- Die Gasbeleuchtung breitete sich seit den letzten acht Jahren immer weiter, auch in Deutschland, aus; und für die Gasentwickelungs- und Gasbeleuchtungsapparate wurden immer noch bedeutende Verbesserungen erfunden, hauptsächlich von den Engländern Bailey, Jennings, Hobbins, Nicholson, Taylor, White- house u. A. Zur Beleuchtung wird gewöhnlich noch immer Steinkohlengas gebraucht. Taylor und de la Ville führten in England zuerst die Beleuchtung aus Ölgas ein, die besonders da von Nutzen sein kann, woles keine guten Steinkohlen gibt. Wilson und Manson, sowie der Italiener Aldini, ersannen für diese Beleuchtungsart manche neue Vortheile. Der Engländer Gordon erfand 1825 auch tragbare Gaslampen, worin das brennbare Gas in einem eignen kapselartigen metallenen Gefäße verdichtet und daraus theilweise, sowie es nöthig ist, in die Verbrennet geführt wird. Diese Lampen sind, besonders auch um Explosionen zu verhüten, von Andern verbessert worden. — Zu den nützlichsten Erfindungen gehört ohne Zweifel die von Davy erfundene Sicherheitslampe, welche die Bergleute vor den schrecklichen Explosionen schützt, die sonst die gewöhnlichen Grubenlichter in entzündlichen Schwaden so oft erzeugten. Mit jener Sicherheitslampe sind in neuester Zeit noch mehre nützliche Verbesserungen vorgenommen worden, z. B. der Büschel Platinadraht über der Flamme der Lamoe, um durch das Glühendwerden desselben auch dann noch Licht zu haben, wenn die Flamme der Lampe erlöschen sollte; ferner der Reflector (oder kleine Hohlspiegel), um ein stärkeres Licht als das gewöhnliche zu bekommen. Die neuen Dampf- und Dephlegmirapparate zum Destilliren, besonders zur >n i -Zeil auch bn -M - Z-r Gebrauch wurde in hmchreien u.i, Mungfz-BWcbri MMitorsu.a, tu Mern, Wem n. zu zch und Real erfunden Ä Zeit noch vemieM Wen zur Verfertigung :Hen in den großem imer mehr angewen wrm-DieSchnch ^MdDtzdreikkr Drache ^ W'nen vo, HrmeW !Wu>A , Erfindungen und Entdeckungen der neuesten Zeit 841. Branntwein- und Weingeistfabrication, welche in den ersten Iahren des 19. Jahrhunderts Adam und Berard in Frankreich zuerst eingeführt, Solimani, Menard, Dorn, Hermbstädt u. A. mehre Jahre nachher theils verbessert, theils durch neue Erfindungen bereichert hatten, um in so kurzer Zeit als möglich in einer einzigen Destillation den stärksten und besten Branntwein oder Weingeist zu erhalten, sind seit wenigen Iahren von Blumenthal, Derosne, Subow, Eglaud, Reiz, Streifs, Ernst, Bado u. A. noch bedeutend vervollkommnet worden. Besonders merkwürdig war auch die Erfindung des Englanders Tritton, durch Hülse einer eignen Luftpumpe im luftleeren Räume zu destilliren, um vielZeit und viel Brennmaterial zu ersparen, eine Methode, die der Franzose Lenormand bald noch verbesserte. Überhaupt hat man die Lustpumpe in neuester Zeit auch bei mehren andern technischen Arbeiten, z. B. beim Zuckersieden, der schnellen Entwässerung des Zuckersafts wegen und um das Anbrennen desselben zu verhüten, angewendet. Die Kunst, Zucker zu rafsiniren, wurde in der neuesten Zeit ebenfalls durch neue Erfindungen der Engländer Howard, Wilson, Hudson, Wakefield, und der Franzosen Derosne, Boucherie u. A. vervollkommnet. — Der Gebrauch der mehre Jahre vorher von Romershausen erfundenen Luftpresse wurde in neuester Zeit vervielfältigt, z. B. in Färbereien, Gerbereien, Hutmachereien u. s. w. zum schnellen und vollkommenen Hineintreiben einerAuflösung (z.B. Färbebrühe, Gerbebrühe, Leim n.) in die Poren von Stoffen. Apotheker, Conditors u. a. hatten sie schon früher gebraucht, um damit Extracte aus Kräutern, Pulvern n. zu machen. So ist auch die Anwendung der von Bramah und Real erfundenen hydrostatischen und hydromechanischen Presse in neuester Zeit noch vervielfältigt, die Presse selbst auch noch von Hallette u. A. verbessert worden. Die 1805 von dem Engländer Bramah erfundenen höchst merkwürdigen Maschinen zur Verfertigung des sogenannten endlosen Papiers wurden seit wenigen Jahren in den größern Papierfabriken Englands, Frankreichs und Deutschlands immer mehr angewendet, nachdem sie von Dickinson, Dennison, Robert, Foudrineer, Gamble, Desetables, Porlier, Durieux u. A. vervollkommnet worden waren. — Die Schnellpresse der Buchdrucker wird nach und nach in Deutschland, besonders durch König's und Bauer's Bemühungen, in immer mehr Druckereien eingeführt. Die Steindruckerei oder Lithographie ist in der neuesten Zeit zu einer immer höhern Vollkommenheit gebracht, und schon deswegen immer beliebter und ausgebreiteter geworden. Dieselbe Bewandtniß hat es mit der vor zehn Jahren von den Nordamerikanern Perkins, Fairman und Heath erfundenen Siderographie oder Stahlstecherei. Die Zeuchdruckerei wurde durch die neuerfundenen Maschinen von Church, Applegath, Atwood, Farris, Wills u. A. von Jahr zu Jahr weiter gebracht. — Spinnmaschinen, nicht bloß für Baumwolle und Schafwolle, sondern auch für Flachs, haben durch neuerfundene Theile und mancherlei wesentliche Verbesserungen, die wir den Engländern Chell, Suttel, Detter, Molineux u. A. verdanken, sehr viel gewonnen. Als 1812 die Engländer Lee und Millington, etwas später auch die Franzosen Christian und Bellesiner, die Flachsrafsinirmaschinen zum Entbehrlichmachen des gewöhnlichen langwierigen und ungesunden Flachsröstens erfunden hatten, wurden von Andern, wie den Engländern Hill, Bundy, Lowder, den Franzosen Durand, Tissot, Molard und den Italienern Roggero, Sacco und Cattalinetti veränderte, zum Theil einfachere und wirksamere Einrichtungen dieser Maschinen angegeben. Die Weberstühle wurden in neuester Zeit von den Engländern Stansfield, Briggs, Prichard, Deathcoat, Sholefield u. A. vervollkommnet-, auch wurden neue Kunstweber- Ahle für mancherlei künstlerische Gewebe von Cartwright, Potter, Tetlow, Stansfield u. A. erfunden. Auf dem von Jacquart erfundenen Webestuhle, der lltzt auch in Deutschland, besonders in Sachsen, gebraucht wird, kann Alles, was / > K Erfindungen und Entdeckungen der neuesten Zeit bisher durch Züge gewebt wurde, ohne die sogenannten Ziehjungen verfertigt werden. Einen Bobinetweberstuhl zu den sogenannten Bobinetspitzen erfand vor einigen Jahren der Englander Lovers, und auch diese Vorrichtung ist bereits in Sachsen erfolgreich benutzt worden; Spitzennetzmaschinen überhaupt erfanden in der neuesten Zeit die Englander Jenson, Jackson und Rist. Ein neuer Drahtweberstuhl wurde vor Kurzem von Williams erfunden. — Auch Tuchscheermaschinen von neuer Art sind seit wenigen Jahren eingeführt worden, z. B. durch Davis, Gardner und Herbert, sowie manche neue Appretirvorrichtungen für wollene, baumwollene, leinene und seidene Zeuche, wie diejenigen von Jones. Man kann dahin auch die neuen Sengemaschinen zum Absengen der Sammet- und Mousselin- fasern rechnen, durch eine dünne, aus sehr seinen Lochern ausströmende brennende Linie entweder von Wasserstoffgas oder Alkohol, über welche das Gewebe sehr schnell hinweggezogen wird. In Frankreich erfand man vor acht Jahren das De- catiren der wollenen Tücher oder die Dampfkrumpe, wodurch die Tücher einen dauerhaften Glanz bekommen. Diese jetzt allgemein angewandte Erfindung ist zwar seit den letzten Jahren immer mehr vervollkommnet worden, doch hat man gegen die Nützlichkeit, wenigstens die allgemeine Anwendbarkeit derselben in neuern Zeiten Zweifel erhoben. — Die Maschinen der Seidenfabrikanten, wie Seiden-. Haspel- und Seidenzwirnmühle, wurden auch immer vollkommener eingerichtet. Die wichtige Entdeckung, daß die Seidenraupen die Blatter der Schwarzwurzel ebenso gern fressen als die Blätter des Maulbeerbaums, wird auf Seidenzucht und Seidenfabrikatkon gewiß einen wohlthatigen Einfluß haben. Die Eisengußwerke sind hauptsächlich in England und Deutschland durch manche neue Erfindung vervollkommnet, und eben deswegen sind auch die Eisen- waarensorten bedeutend vervielfacht worden. Besonders merkwürdig in neuerer Zeit sind die trefflichen eisernen Mühlen nach amerikanischer Art, welche man jetzt in manchen Gegenden baut. Für die Eisenbahnen wurden in der letzten Zeit interessante Erfindungen gemacht, z. B. von Baader, James, Cayley u. A. Auf mancherlei Fuhrwerke, hauptsächlich auf Chaisen, wurde der Erfindungsgeist mehrer geschickter Männer hingeleitet, z. B. auf sichrere und bequemere Hemmvorrichtungen, Tritte, Federn u. dgl. Dahin gehört der Hemmschuh, den man an das Rad anlegen und von dem Rade abnehmen kann, ohne vom Bocke oder aus der Chaise zu steigen; die Tritte, die sich bloß durch das Aufmachen der Thür niederschlagen und durch das Verschließen der Thür zusammenschlagen; die spiralförmigen Federn u. s. w. Die neuen Drahtbrücken von Debia für Fußgänger, ferner die Nagelschmiedmaschinen von Ledsam, Jones und Wilks, worauf alle Arten von Nägeln und Stiften in großer Anzahl schnell und gut verfertigt werden können, sind der Aufmerksamkeit werth; ebenso die neuen künstlichen Drehbänke des Perkins, Flint, Masdn und Tyler u. A. In der neuesten Zeit hat man auch in Deutschland den gelungenen Versuch gemacht, gußeiserne Stereotypentafeln zu verfertigen, die eben jetzt zum Druck einer Bibel angewendet werden. — Beim Zuspitzen der Näh- und Stecknadeln in den Nadelfabriken war seither der abfliegende Metall- und Steinstaub der Gesundheit der Arbeiter höchst nachtheilig, und obgleich der Engländer Prior schon seit geraumer Zeit ein neues Zuspitzrad mit Blasebälgen erfunden hatte, die den abfliegenden Staub immer durch eigne Röhren von dem Arbeiter hinweg an einen sichern Ort bliesen, auch von Elliot eine ähnliche Maschine angegeben worden war, so haben doch erst in neuern Zeiten Westcott und Adam eine wirksamere Vorrichtung erfunden. Sie richteten den Zuspitzring für das Zuspitzen der Nähnadelschäfte mit Magneten so ein, daß diese den Staub an sich ziehen und an sich festhalten mußten. Eine merkwürdige technische Anwendung des Magnets! Die Repetirtaschcnuhren hatten (ebenso wie die kleinen Spieluhren, Spieldosen u. dgl.) durch die schon vor mehr als A) Jahren erfundenen klingenden Ks D' ^Ii- Erfindungen und Entdeckungen der neuesten Zeit 843 Stahlfedern (statt der frühern Glocken) an Vollkommenheit gewonnen, seit acht Jahren aber haben diese Repetiruhren sowol, als die übrigen Arten von Tafchenuhren und die Uhren überhaupt, durch neuerfundene Einrichtungen, z. B. durch neue oder verbesserte Hemmungen, die wir meistens Englandern und Schweizern verdanken, noch mehr gewonnen. Wie kunstvoll gearbeitet und wie schön sind nicht z. B. die jetzigen außerordentlich platten Taschenuhren! — Die 1812 von dem Italiener Zamboni erfundene trockene Galvani'sche Säule, welche durch elektrisches Anziehen und Abstoßen einen Pendel in Schwingung setzt, hatte Ra- mis in München zwar zu einer sogenannten elektrischen Perpetualuhr benutzt; aber im Verlaufe der Zeit ergab sich, daß die Bewegung des Pendels nicht immerwährend sein konnte, so interessant auch die Erfindung war. — Die berühmten englischen Naturforscher Brewster und Wollaston hatten schon seit mehr als 20 Jahren merkwürdige optische Erfindungen gemacht; Jener hatte das Kaleidoskop (den Tchonheitsgucker), Dieser die helle Kammer ((?ulnoru lucüla) erfunden. Z'u diesen Erfindungen kamen seit den letzten zehn Jahren noch mehre von ihnen Herrührende, diezwar nicht so allgemein bekannt wurden, aber doch wichtig oder interessant genug waren. Brewster schlug zu einfachen Mikroskopen die sehr kleinen Krystalllinsen der Fische vor, welche klar und vollkommen kugelartig sind. Wollaston, welchem wir früher die periskopischen Brillen verdankten, erfand das Doppelmikroskop, ein doppeltes zusammengesetztes Mikroskop. Der Engländer Gray erfand die wohlfeilsten Mikroskope, die Jeder selbst verfertigen kann. Man nimmt nämlich mit einer Nadelspitze einen Tropfen ganz klares Wasser auf und thut ihn in ein kleines Loch einer metallenen Platte. Auch zusammengesetzte Mikroskope mit achromatischen Linsen und von vortrefflicher Wirkung sind in neuester Zeit angegeben worden, z. B. von Fraunhofer in München und Öchsle in Eßlingen; sogar Diamantlinsen hat man dazu genommen. — Der Erfindungsgeist der Mechaniker von Profession sowol als der Liebhaber der Mechanik, übte sich in der letzten Zeit auch sehr oft noch an Vorrichtungen zur Rettung der Menschen aus Feuersgefahr. Aber noch immer gibt es keine Erfindung dieser Art, die man unbedingt empfehlen könnte, obgleich manche von ihnen allerdings Beachtung verdienen. Sicherer und anwendbarer sind mehre neue Erfindungen gegen die Gefahren auf dem Wasser, wie ;. B. van Houten's Rettungsboot, Bate- man's Rettungsfloß, Macintosh's Rettungsjacke u. a. Die Physik, besonders aber die Chemie, hat seit wenigen Jahren in vielen Thcilen durch interessante Entdeckungen eine neue Gestalt gewonnen, wozu besonders das wichtige Ergebniß vieler, seit Davy angestellten Beobachtungen gehört, daß keine einzige chemische Thätigkeit stattfindet, wobei nicht zugleich die Elektrici- tat eine Rolle spielt, sowie die von Örsted gemachte Entdeckung von dem inncrn Zusammenhange zwischen der Elektricität und dem Magnetismus, welche zu der neuen Lehre vom Elektromagnetismus (s.d.) führte. — Die berühmten Chemiker Gay-Lussac und Thenard hatten die Entdeckung gemacht, daß Lavoist'er's oxygenirte Salzsäure eine einfache Substanz sei, welche seit dieser Zeit den Namen Chlor (s. d.) bekam. Man verband das Chlor mit dem Kalke, mit dem Kali und mit dem Natron, und so entstand der von Dalton erfundene Chlorkalk (s. d.), welcher in neuester Zeit ein wichtiger Fabrikationszweig geworden ist. Er wird häufig zum Bleichen der baumwollenen, leinenen und hänfenen Zeuche, beim Drucken derselben, zum Bleichen des Papiermacherzeuchs u. dgl. angewendet, ist aber auch als luftreinigendes Mittel, wozu ihn besonders Gaultier de Glaubry empfohlen, in der neuesten Zeit häufig gebraucht worden. Gay-Lussac hat auch einen eignen Chlorkalk-Gütemesser (Chlorometer) erfunden. — Christian Gmelin in Tübingen machte vor wenigen Jahren die Entdeckung, daß das unter dem Namen Ultramarin bekannte, bisher aus dem Lasursteine bereitete kostbare blaue Pigment - / M'. 844 Erman (Paul) sich auch künstlich bereiten lasse, indem Schwefel das färbende Princip desselben fei; und wirklich stellte er es aus Kieselerde, Natron und Schwefel sehr schön dar. Er hatte kein Geheimniß aus seiner Entdeckung gemacht und das Verfahren der Bereitung unter andern auch französischen Chemikern mitgetheilt; daher scheint es gekommen zu sein, daß bald auch Tunel in Paris zu derselben Zeit künstlichen Ultramarin verfertigte. — Höchst merkwürdig und nützlich war Davy's Entdeckung, daß man, um den kupfernen Beschlag der Schiffe vor Zersetzung zu sichern, auf der Kupferoberflache einige Eisenplatten andringen müsse, weil diese, wegen ihrer Eigenschaft sich positiv zu elektrisiren, allen Sauerstoff an sich ziehen, welcher das Kupfer in Grünspan verwandelt haben würde. — Indem Döbereiner auf einen Platinniederschlag eine Mischung von Sauerstoff und Wasserstoff streichen ließ, machte er die überraschende Entdeckung, daß schon durch diese einfache Berührung die Gase mit einander verbunden werden, und daß sich dabei eine Hitze erzeugt, welche das Platin in die Rothglühhitze versetzt. — Thenard bildete aus gewöhnlichem Wasser, das er mit einem mehr als vierhundertfachen Volumen Sauerstoff sattigte, das sogenannte oxygenirte Wasser, welches selbst bei einer Kalte von mehr als 35 Graden nicht zum Gefrieren gebracht werden konnte, und noch verschiedene andere merkwürdige Phänomene zeigte.— Mitscherlich in Berlin gelang eS, steinige Substanzen zum Krystallisiren zu bringen, und in der Glut des Hoh- ofens manche Steine, wie Hornblende, Glimmer und Hyacinth, aus ihren Be- standtheilen wiederherzustellen: eine Entdeckung, welche auf die Entstehung von Mineralien und auf die Theorie der Erde ein Helles Licht wirft. — Bonijol zu Genf erfand vor Kurzem sehr feine Apparate, durch deren Hülfe er das Wasser leicht mittels der Elektrisirmaschine zersetzen, d.h. in seine Bestandtheile, Sauerstoff und Wasserstoff, zerlegen konnte. Er gelangte sogar dahin, dieselbe Zersetzung mittels der atmosphärischen Elektricität zu bewirken. Durch ähnliche Mittel entdeckte er auch das Verfahren, vermöge der gewöhnlichen Elektricität das Kali und das salpetersaure Silber zu zersetzen. So ist unter allen Naturwissenschaften das Wesen der Chemie am meisten verändert worden, und sie steht jetzt auf einer Höhe, die vor 50 Jahren Niemand ahnen konnte. Gleiche Schritte mit ihr that die praktische Mechanik, wie die vielen Erfindungen in derselben, sowie ihr erweiterter Umfang überhaupt beweisen. Dies mußte auf die Technologie, welche man als eine Vereinigung der angewandten Chemie und der Mechanik ansehen kann, sowie auf alle Gewerbe, die in das Gebiet der Technologie gehören, den wohlthätigsten Einfluß haben. Das neueste Werk über die Geschichte der Erfindungen ist I. H. M. Poppe's „Geschichte der Erfindungen in den Künsten und Wissenschaften seit der ältesten bis auf die neueste Zeit" (4 Bdchn., Dresden 1.829'). Reichhaltige Repertorien der neuesten Erfindungen und Entdeckungen sind: Dingler's „Polytechnisches Journal" (bis jetzt 44 Bde., Stuttgart seit 1820); „Magazin der neuesten Erfindungen" (neue Folge, 4 Bde., Leipzig 1827 fg.) und Prechtl's „Jahrbücher des polytechnischen Instituts zu Wien" (jetzt 17 Bde., Wien seit 1819). (00) Erman (Paul), geb. zu Berlin 1704, war anfänglich für das Studium der Theologie bestimmt, doch hatten die Naturwissenschaften von seiner Kindheit an einen so überwiegenden Reiz für ihn, daß er bald den Entschluß faßte, ausschließlich diesen zu leben. Er übernahm daher sehr früh ein Lehramt der Naturkunde beim französischen Gymnasium zu Berlin, spater auch bei der allgemeinen Kriegsschule daselbst, und als 1809 die dortige Universität gegründet wurde, erhielt er die ordentliche Professur der Physik an derselben. Die gewissenhafte Erfüllung dieser Amtspflichten nahm nicht nur einen bedeutenden Theil seiner Zeit in Anspruch, sondern hatte auch auf die Art seiner eigenthümlichen wissenschaftlichen Leistungen den, wie man will, nachtheiligen oder günstigen Einfluß, daß sie eine große Menden!» spülen dn -s«. «Ii. wil a-k. Erman(A.G.) Ernst lll. (Herzog zu Sachsen-Koburg-Gotha) 845 Mannichfaltigkeit der Richtungen bei ihm bedingte. Er gehört nicht zu Denen, die, einem genau abgegrenzten Gegenstände ausschließlich hingegeben, sich ein erschöpfendes Verdienst um denselben erwerben: vielmehr überraschen die zahlreichen Abhandlungen, die sich von ihm inGilbert's „Annalen", in den „Abhandlungen der berliner Akademie der Wissenschaften" und in einigen auslandischen Sammlungen gleicher Art befinden, durch die Mannichfaltigkeit der Gegenstande, wie sie bedingt war theils durch das eben erwähnte Bedürfniß des Lehramtes, theils auch durch eine individuelle skeptische Idiosynkrasie, welche die Grenze des mit vollkommener Sicherheit zu Behauptenden so eng absteckte, daß er eine große Mehrheit seiner Arbeiten lieber der Publicität entzog als möglicherweife der Wahrheit etwas in den Weg legen wollte. Dies gilt namentlich von seinen schwierigen, zwei Jahre hindurch unablässig fortgesetzten Versuchen über die künstliche Bebrütung des Eies der Vögel in irrespirabeln Gasarten. Wenn Magnetismus, Hygrologie, Optik und Physiologie die Gegenstände seiner Untersuchungen waren, so kann doch die Lehre von der Elektrizität als die Haupttendenz derselben betrachtet werden. Galvani's Entdeckung und Volta s Säule erregten mächtig seine Wißbegier, und es gelang ihm mancher nicht unwichtige Aufschluß, wie namentlich die pariser Akademie urtheilte, als sie ihm 1806- den von Napoleon gestifteten Galvani'schen Preis zuerkannte. Früher schon war E. Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin geworden, und einige Jahre später Secretair ihrer physikalischen Classe; eine große Anzahl auswärtiger Akademien würdigten ihn der Mitgliedschaft. Erman (Adolf Georg), Doctor der Philosophie und Privatdocent an der berliner Universität, Sohn des Vorgenannten, geboren zu Berlin 1806, stu- dirte auf der dortigen Universität die Naturwissenschaften, und schon seine Inauguraldissertation : „De ratione inter volumina chusstem corporis tum solicki, tum licpiesceutis tum lihuiüi", wodurch er die Doctorwürde erlangte, fand eine günstige Aufnahme bei Männern vom Fache. In Königsberg setzte er seine Stu- I dien unter Besse! fort und hatte das Glück, denselben auf einer wissenschaftlichen Reise nach München zu begleiten. In den Iahren 1828,1829 und 1830 voll- ^ brachte er aus eignen Mitteln eine Reise um die Welt, deren Hauptzweck neben andern wissenschaftlichen Bestimmungen war, mittels der besten Methoden und der aus- > zewähltestenInstrumente ein Netz um den ganzen Umkreis unsersPlaneten von möglich genauen magnetischen Bestimmungen zu gewinnen. Für den ersten Theil dieser Reise bis nach Irkutsk schloß sich E. an die magnetometrische Expedition, welche Han- steen, dieser Koryphäe der magnetischen Untersuchungen, durch den westlichen Theil vonSiberien auf Veranlassung derschwedifchen Regierung unternahm. Die weitere Reise durch ganz Nordasi'en von der Mündung des Oby über Ochotzknach Kamschatka, und von da zur See über die russisch-amerikanischen Colonien, Californien, Ota- heiti, Rio Janeiro, um Eap Horn zurück nach Petersburg und nach Berlin vollbrachte er allein. Vorläufige Resultate seiner Beobachtungen gab er in: Bergbaus' „Annalen der Erdkunde", Bd. 1 und 2; „Journal der Reisen", 1832, Zun. bis August, und in mehren andern Journalen, vornehmlich aber auch in seiner Schrift: „Der Lauf des Oby" (Berlin 1831). Die vollständige Beschreibung seiner Reife, zerfallend in eine historische und eine rein wissenschaftliche Äbtheilung, ist unter der Presse und soll mit einem reich ausgestatteten Atlas nächstens erscheinen. , Ernst III., Herzog zu Sachsen-Koburg-Gotha, Fürst zu Lichtenberg, ist bm 2. Jan. 1784 geboren und gelangte den 9. Dec. 1806 zur Regierung. Er statte, während das französische Heer fein Erbland überschwemmte und nach der anglücklichen Schlacht bei Saalfeld in große Noth brachte, an der Seite des Königs von Preußen an dem Feldzuge, und namentlich an der Schlacht bei Auerstädr ^heil genommen und befand sich bei seines Vaters Tod, an einem Nervensieber < ! 846 Ernst III. (Herzog zu Sachsen-Koburg-Gotha) schwer daniederliegend, in Königsberg, von welcher Stadt er beim Andringen der Franzosen noch mitten in der Krankheit nach Memel gebracht werden mußte, wo er durch die arztliche Hülfe Gerike's und Hufeland's wiederhergestellt wurde. Unterdessen hatte der Kaiser der Franzosen durch ein Patent vom 27. Jan. 1807 das Herzogthum Koburg-Saalfeld als ein erobertes Gebiet in Besitz genommen und ließ es durch französische Intendanten, Bouvier Dumolart und den General Parigot, verwalten. Erst nach dem Abschluß des Friedens zu Tilsit erhielt der Herzog, welcher sich unterdessen in Böhmen aufhielt, vorzüglich durch den Einfluß des Kaisers Alexander, sein Erbland durch eine Ordre Napoleons zurück, in welcher er „uu iuce umi et eUIie 5 1a Trance" genannt wurde. Er sah darauf den französischen Kaiser persönlich in Dresden und erhielt von ihm noch die Zusicherung einer Entschädigung für die aus dem Lande gezogenen Summen. Am 28. Jul. 1807 langte er in seiner Residenz zu Koburg an und wurde von seinen Unter- thanen mit allgemeiner, herzlicher Freude empfangen. Dann begab er sich nach Paris, wo er sieben Monate verweilte, um seine Entschädigungsangelegenheiten in Ordnung zu bringen. Ohne zum Ziele gelangt zu sein, kehrte er, Ende April 1808, nach Deutschland zurück und war nun vorzüglich mit der Organisation der Staatsverwaltung seines Landes beschäftigt, welches nicht nur durch die feindlichen Durchmärsche des fremden Heeres, durch Contributionen und andere Kriegslasten aufs Äußerste erschöpft war, sondern auch unter der Regierung eines willkürlichen Ministers, des Herrn von Kretschmann, viel gelitten hatte. Dieser wurde von dem Herzoge, nachdem er eine Untersuchung gegen ihn verhängt, ganz seiner Dienste entlassen, und es ward darauf durch ein Decret vom 4. Jun. 1808 ein Landesministerium gebildet. Dieser Anordnung folgten rasch mehre andere, welche das Justiz-, Kirchen- und Finanzwesen betrafen. Aber trotz aller Bemühungen des Herzogs und seines ernstlichsten Willens, für die Wohlfahrt seiner Unter- thanen zu wirken, war es ihm doch nicht möglich die Lage des Landes bedeutend zu erleichtern; denn als Glied des Rheinbundes war er verpflichtet, sein Contingent zu stellen und vollständig zu erhalten, und sein Land wurde 1809 und 1812 durch zahlreiche Truppenmärsche furchtbarcheimgesucht und um so weniger verschont, da man französischer Seits den Herzog im Verdacht eines Einverständnisses mit Ostreich hatte, dem sein Bruder Ferdinand, gegenwärtig östreichischer Feldmarschalllieutenant (geb. 28. März 1785, seit dem 2. Jan. 1816 mit Antonia, der einzigen reichen Erbin des 1826 verstorbenen Fürsten von Kohary, vermählt), diente, welcher auch die Schlachten bei Regensburg, Aspern und Wagram mitfocht. Als der Herzog nach der leipziger Schlacht seiner Neigung frei folgen konnte, ohne sein Land auss Neue der größten Gefahr bloßzustellen, schloß er sich den ihm befreundeten hohen Alliirten an und trat in die Reihen der Kämpfer für die Befreiung Deutschlands. Es wurde ihm der Oberbefehl über das fünfte deutsche Armeecorps übertragen, welches aus Truppen der verschiedensten Länder bestand und vorzüglich zur Blockade von Mainz verwendet wurde. Nach der Capitulation von Paris ergab sich auch Mainz an das mehr als 30,000 Mann starke Belagerungsheer, und der Herzog eilte nach Paris, wo er sowol an den politischen Verhandlungen als auch an den militairischen Bewegungen und Festlichkeiten Theil nahm. Nach herbeigeführtem Frieden erschien der Herzog persönlich auf dem Congresse zu Wien und vertrat nicht nur sein eignes Interesse, sondern auch mit offener, edler Gesinnung und achtbarem Freimuthe das des unglücklichen Königs von Sachsen, dessen ganzes Land die Krone Preußen zur Entschädigung verlangte. Auf dem wiener Congresse wurde ihm endlich eine Landesvergrößerung von 20,000 Einwohnern zugesichert und diese im zweiten pariser Frieden, nachdem er wieder als Oberbefehlshaber der sächsischen Truppen den Fcldzug gegen den von Elba zurückgekehrten Napoleon mitgemacht hatte, um 5000 Seelen vergrößert. Von diesen Gebietstheilen Linie- Alinzin "55, Erratische Felsblöcke 847 M WM, Kiir» »M', ...vi auf dem linken Ufer des Rheins, die 11 mM. mit etwa 30,000 Einwohnern betragen, wurde am 11. Sept. 1816 feierlich Besitz genommen. Die Stadt St.-Wendel an der Pließ wurde zum Hauptort erhoben, und der Sitz der Regierung dahin verlegt. 1821 wurde dieser District, welcher in drei Cantone: St.-Wen- del, Baumholder und Grumbach, eingetheilt ist, von dem Herzoge zu einem Für- stenthume, unter dem Namen Lichtenberg, nach einer alten Burg, einst der Sitz einer rheinpfälzischen Linie, erhoben. Der Herzog vermahlte sich 1817 mit der Prinzessin Louise von Sachsen-Gotha; diese Ehe, aus welcher zwei Prinzen, Ernst und Albrecht, entsprangen, wurde jedoch 1826 wieder geschieden, und der Herzog ist bis jetzt nicht zu einer zweiten Vermählung geschritten. Nachdem durch den Tod des Herzogs Friedrich IV. die gothaische Speciallinie erloschen, erhielt er durch den Staatsvertrag vom ^ November 1826 das Fürstenthum Gotha zu seinem Erbantheil und trat dagegen das Fürstenthum Saalfeld von seinem Erblande an das Herzogthum Meiningen ab. Seit dieser Vergrößerung beträgt der Flächeninhalt seines Landes 48 ssjM. mit 154,000 Einwohnern. Mehre neue Landesgesetzc und Verordnungen, die unter des Herzogs unmittelbarer Mitwirkung erlassen wurden, bereiten die neue, im Herzogthum Gotha allgemein erwartete, landständische Verfassung vor. Als Regent zeichnet sich Herzog Ernst durch große Umsicht, Thatigkeit und Klugheit, durch ein humanes Benehmen gegen Vornehme und Niedere, durch weise Sparsamkeit in seinem und dem Staatshaushalte und durch Beförderung der Gewerbe und des Handels aus; seinen hohen ausgebildeten Kunstsinn bethätigt er in den großen Bauten zu Koburg, in der Rosenau und zu Neinhartsbrunn — ein Lieblingsort des Herzogs, wie einst Ernst II. — auf die erfreulichste und gemeinnützigste Weise. (29) Erratische Felsblöcke. Mit diesem, von Brongniart sehr gut gewählten Namen bezeichnet man die Felsblöcke und großen Geschiebe, welche sich weit von ihrer ursprünglichen Heimath auf der Erdoberfläche vorfinden. So liegen z. B. auf dem, den Alpen zugekehrten AbHange des Jura eine Menge Felsblöcke, die aus den höchsten Gegenden der Alpen stammen; so sind über Holland, Dänemark, Norddeutschland, Preußen, Liefland und Polen eine zahllose Menge von Felsblöcken ausgestreut, von denen es erwiesen ist, daß sie im nördlichen Schweden und Rußland ihre Heimath haben. Die Größe solcher Blöcke ist oft außerordentlich; so erwähnt von Buch einen Granitblock bei Pverdun, von 50 Fuß Länge, 40 Fuß Höhe und 20 Fuß Breite, so Brückner einen in Mecklenburg von 28 Fuß, einen andern auf Fünen von 44 Fuß Länge. Blöcke von mehren hundert ja mehren taufend Centnern Gewicht sind nicht selten, und kleinere in unzähliger Menge vorhanden. Dabei sind sie nicht etwa sehr abgerundet und stumpfeckig, wie weither angerollte Geschiebe, sondern meist scharfkantig, ohne besondere Spuren von Abschleifung. Bemerkenswerth ist, nächst ihrer Menge, Größe und Scharfkantigkeit, die regelmäßige Ablagerung dieser erratischen Blöcke. Am Jura liegen sie allemal da am häufigsten und höchsten, wo gegenüber die Ausmündung eines großen Alpenthales zu finden ist. Von den nordischen Felsblöcken beschrieb Razumowski schon 1819 ihre Verkeilung in parallelen, von NO. nach SW. streichenden Zügen, ihre oft gänzliche Abwesenheit in freien, flachen Landstrichen, und dagegen ihre gewaltige Auf- lhürmung auf den, nach NO. gekehrten Abhängen der Hügel- und Bergreihen; was Äes durch Hausmann, Brongniart, Brückner und Andere bestätigt wurde. Für die Alpentrümmer am Jura ist es durch v. Buch's und Escher's Urttersuchungen als mviesen anzusehen, daß solche durch eine ungeheure, aus der Mitte der Alpenkette hervorbrechende Flut fortgerissen, und von dem AbHange der Jurakette aufgefangen wurden: eine Katastrophe, die wahrscheinlich mit der Erhebung der Alpengebirge im genauesten Zusammenhange stand. Wie wenig man es auch anfangs begreifen kann, daß bis 40,000 Centner schwere Felsblöcke von den Gipfeln der 848 Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien Alpen über das Waadtland und den Aargau hinweg bis an den Jura hinübergeschwemmt werden konnten, so erhält man doch einen Maßstab für die Möglichkeit solcher Transporte, wenn man die Schilderung von den fürchterlichen Kraftäu- ßerungen der Durchbrüche kleinerer Alpenseen, wie z. B. des Gletschersees im Bagnethale vernimmt, wo Felsblöcke von mehren tausend Cubikfuß in der Schlammflut meilenweit fortgeschwemmt wurden. Das Phänomen der nordischen Felsblöcke findet in einem weit größern Maßstabe und unter Verhältnissen statt, welche die Erklärung desselben etwas schwieriger machen, daher verschiedene und zum Theil abenteuerliche Hypothesen aufgestellt wurden. De Luc erklärte sie durch Explosionen aus dem Innern der Erde; Chabrier ließ sie von andern Weltkörpern herabstürzen; Andere betrachteten sie als Reliquien früher vorhandener Gebirge. Wenn aber auch jetzt ihr Ursprung aus den Gebirgen Skandinaviens erwiesen ist, so bleibt doch ihr Transport aus 150 Meilen Entfernung und über das Basfin der Ostsee hinweg ein Räthsel, dessen Lösung man durch die Annahme großer Züge von Treibeis, ja selbst von Treibholz versucht hat. Es ist indeß besonders seit Brongniart's Beobachtungen in Schweden sehr wahrscheinlich geworden, daß auch die nordischen Blöcke durch eine ungeheure Flut in die südlichem Gegenden entführt und zerstreut wurden. (19) Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien in den Jahren 1828 und 1829. Das Hochland, auf welchem Erzerum (Arzerum), die Provinz und Hauptstadt Großarmeniens, liegt, ist der Ursitz der hebräischen Sage und der Vorwall der kaukasischen Völkerpforte. Es wird in der Geschichte fast aller Kämpfe um die Herrschaft Asiens genannt, seit der Heldensage von der Semiramis bis auf die Kriege Roms mit Parthien und Persi'en; feit den Eroberungen der Araber und der Osmanen bis auf die Siege des russischen Feldherrn Pask-ewitsch über den Halbmond. Aber auch abgesehen von seiner historischen Merkwürdigkeit, ist dieses seit Tournefort von unterrichteten Reisenden noch nicht genug erforschte Land, als ein Hauptstapel für den Handel des Abendlandes im Orient, ein Angelpunkt von Englands Politik, und seit Kurzem ein Gegenstand der britischen Eifersucht auf Rußlands wachsende Größe. Das Paschalik (Ejalet) Erzerum (1380 deutsche H)M. mit 0 — 700,000 Bewohnern) liegt in dem höchsten türkischen Gebirgslande, in Armenien, auf einer Hochfläche von 7000 Fuß über dem Meere, am Fuße der beschneiten Gipfel des Ararat, von wo in dreifacher Abdachung die Gewässer eines Armes des Phasi's (Fasch) zum schwarzen Meere, die des Araxes (Aras) mit dem Kur zum kaspischen See, und die des Euphrat nebst dem Tigris zum persischen Meerbusen, durch fruchtbare Stufenländer (Wan und Diarbekir) hinabftrömen. In dem alten Armenien (^rmeniu magna) lag ^r-es, das jetzige Arzcrum (angeblich arx knmanorum), gewöhnlich Erzerum genannt, die Hauptstadt des Sandschakats und des Paschaliks dieses Namens, ehemals die Hauptstadt von Großarmenien. Sie wird von den Armeniern, nach dem Erbauer der Stadt, einem armenischen Prinzen, Gazen, auch Theodosi'opolis genannt. Ein Feldherr des Kaisers Theodosius, Anatolicus, umgab sie mit Mauem. Sie liegt unter 39" 15' der Lange und 39° 58' der Breite, am Fuße des hohen Egarli-Dagh, in einer reich bevölkerten, mit etwa 400 Dörfern besäeten Landschaft. Im We. sten der Stadt dehnt sich eine weite Ebene aus, welche mehre Flüsse durchströmen. Wegen der hohen Lage ist es im Winter sehr kalt; im Sommer aber wird es selten sehr heiß, weil die Nordwinde die Temperatur abkühlen. Daher erlaubt das kalte Klima, trotz der südlichen Lage der Stadt, weder den Anbau des Weins noch den der Obstbäume. Ungeachtet des überaus fruchtbaren Bodens ist der Ackerbau dennoch, in Folge des türkischen Drucks, in Verfall. Ein großer Theil der Land- Ml MM .MW ^ ML bewohner hatte sich, zur Zeit des letzten Krieges, nach Persi'en und Rußland geflüch ch-' cB° , I!"H N^ Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien 849 tet, oder war, um etwas zu erwerben, nach Konstantinopel gewandert, sodaß die schönsten Felder zum Theil verödeten. Die Weiden sind vortrefflich; Vieh gibt es in Überfluß, sowie eine Menge Wild, namentlich wilde Schweine, aber auch Wölfe und Tiger. Die Gebirge, welche die Stadt umgeben, sind ohne Holzwuchs; die Walder, die das nöthige, in Erzerum sehr theure Bau- und Brennholz.liefern, liegen über 16 Stunden von der Stadt, im Osten derselben im Saganlugebirge. Die niedere Volksclasse brennt fast nur trockenen Kuhmist. Erzerum gehört seit 1517 durch Eroberung den Osmanen. Diese schlechtgcbaute Stadt mit engen, schmutzigen Straßen hat 12 (nach andern Angaben 40) Moskeen, zwei armenisch griechische und eine armenisch-lateinische Kirche. In einem alten griechischen Kloster, das die Türken als Zeughaus benutzen, fanden die Russen künstlich gearbeitete Helme und andere Waffen aus den Zeiten der Seldschucken im 11. Jahrhunderte. Erzerum ist der Sitz eines Paschas von drei Roßschweifen, eines armenischen Patriarchen und eines griechischen Bischofs. Nach russischen Nachrichten hat die Stadt 100,000 Einwohner: Osmanen, Armenier, Griechen und Perser, welche wichtige Fabriken in Seide, Baumwolle, Leder und Kupfer betreiben, wozu die Landeserzeugnisse und die reichen Kupfergruben der Tauruskette benutzt werden. Die Waffenschmiede von Erzerum verfertigen die besten Waffen im türkischen Reiche; sie beziehen das Eisen aus Sibirien und Indien; aus indischem Eisen machen sie die damastener Klingen. Schon dies erklart das Zusammentressen vieler Straßen, wodurch Erzerum der Stapelplatz für den Landhandel nach Kaukasien, Persi'en und Indien geworden ist, und ein Hauptpunkt für die Verbindung des in- nern Orients sowol mit der Levante als auch mit Rußland und dem übrigen Europa. Was Damascus für Syrien und die südlichen Provinzen, ist Erzerum für Kurdistan und die nördlichen Lander. Hier befinden sich reiche Bazars und ein ^ großes Zollhaus. Wöchentlich kommen große Karavanen aus Tauris, Haleb, Bag- > dad, Diarbekir, Tiflis und Konstantinopel. Von Erzerum über Baiburt (Baiburdi) ^ nach Trapezunt (Trebisonde) sind etwa 8 Tagereisen, nach Konstantinopel 43 Tagereisen oder 381 Marschstunden (227 Wegstunden, Lieues), nach Smyrna 270 und nach Tiflis 78 Wegstunden. Die Wichtigkeit der Lage von Erzerum für den Handel ist den Englandern nicht entgangen. Sie haben einen Consul für Trapezunt ernannt, der aber in Erzerum seinen Wohnsitz hat, und im Jahre 1831 schätzte man die Einfuhr aus England nach Trapezunt und Erzerum auf mehr als 10 Mill. Francs. Auch durch den russischen Handel nach Persien ist jetzt eine wichtige Niederlage in Erzerum gegründet worden. Überhaupt hat dieser Marktplatz in der neuesten Zeit, bei den Unruhen in Syrien und dem Kriege zwischen der Pforte und Ägypten, zum Nachtheile von Damascus an Umfang und Bedeutung sehr gewonnen. In dem letzten Kriege zwischen Rußland und der Pforte entschied die Eroberung dieses Platzes, am 9. Iul. 1829, den Feldzug in Asien. Die fortan gesicherte Stellung der russischen Macht auf den Höhen des Kaukasus und Ararat hat nicht nur die armenische Kirche ganzlich von Rußlands Schutz abhangig gemacht, sondern auch die gesummten Euphratländcr bis Syrien hinab den russischen Waffen geöffnet, sodaß in einem künftigen Kriege Persien von der Pforte getrennt und jedes dieser Reiche von dem übermachtigen Feinde im Rücken und in der Flanke angegriffen werden kann. Da nun Nußland zugleich den Zug der Handelsstraßen der Europaer in das Herz "von Asien beherrscht, so verdient jener Feldzug des Marschalls Paskewitsch, welcher so große Erfolge herbeiführte, hier eine vorzügliche Erwähnung. Als Rußland am 20. April 1828 den Krieg an die Pforte erklärte, stand der Überwinder Persiens, Graf Paskewitsch-Erirvansky, seit dem Abschlüsse des Friedens mit Persi'en zu Turkmantschai (im Februar 1828), mit dem abgesonderten kaukasischen Armcecorps an den Usern des Arares, im Besitz der von Persien Konv Lex, der neuesten Zeit und Literatur, l. ^4 0 850 Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien an Rußland abgetretenen Khanate Eriwan und Naktschitschewan, welche jetzt das russische Armenien bilden und eine feste Basis zu den entscheidendsten Operationen gegen die asiatische Türkei sind. Wahrend nun in Europa das russische Heer unter Wittgenstein über die Donau bis tief in die Bulgare! eindrang und den Küstenpunkt Varna (11. Oct. 1838) eroberte, beherrschte die russische Flotte, unter Ad- miral Greigh, das schwarze Meer, indem sie sowol die europaische als die asiatische Küste des Pontus bedrohte, die Operationen der Landarmee unterstützte und in Circassi'en die Festung Anapa (Jul. 1838) eroberte. Gleichzeitig eröffnete General Paskewitsch den Feldzug in Armenien. Schon am 15. Jul. 1838 erstürmte er die Grenzfestung Kars, hierauf die Feste Akalkalaki — den bisherigen Stützpunkt für die Rauberbanden an der Grenze von Jmirete—; dann schlug er das türkische Heer unter dem Pascha Mustapha und Mehmed Kios aus seinen Verschanzungen bei der Festung Akalzike *) heraus (31. August), erstürmte diesen Platz am 34. August, nahm die Citadelle mit Capitulation und eroberte die Festung Azkur. Hierauf drang er in das Paschalik Erzerum ein und bemächtigte sich durch Wegnahme der festen Stadt Bajazid (8. Sept.), der Stadt Diadin und des Forts Tapro-Kale, der Karawanenstraße zwischen Tauris und Erzerum. In derselben Zeit hatte General Sipiaghin, an der Spitze des Reservecorps, die wegen ihrer Lage bedeutende Festung Poti, auf einer Insel an der Mündung des Phasis, am 27. Jul. mit Capitulation genommen; dadurch beherrschte jetzt Rußland den Handel und die Schissfahrt nach Trebisonde, nach Batume und andern Küstenplatzen des schwarzen Meeres. Die armenische Bevölkerung des Landes, welche in Sultan Mahmud den fanatischen Verfolger ihrer Glaubensbrüder in Konstantinopel haßte, erleichterte den Fortschritt der russischen Waffen in dem unwegsamen Gebirgslande. Die Janitscharen aber, welche ihren Unterdrücker Mahmud verfluchten, leisteten dem Feinde wenigstens keinen entschlossenen Widerstand. Die größten Hindernisse lagen in der Beschaffenheit der Wege und in dem Mangel an Unterhaltungsmitteln. Endlich setzte der Winter den Fortschritten der russischen Waffen (Ende Oct.) ein Ziel. Im Frühjahr 1839 eröffneten die Türken im Marz den Feldzug durch einen Angriff auf Akalzike; allein Paskewitsch ging über den Kur, kam dem Feinde in den Rücken und nöthigte ihn zum Rückzüge. Unterdessen hatte der Seraskier von Erzerum ein Heer von 30,090 Mann am Fuße des Gebügs Sangalu aufgestellt und schien, in Verbindung mit seinem Unterfeldherrn Hagki Pascha, der 30,000 Mann befehligte, auf der Straße nach Kars vordringen zu wollen. Allein Paskewitsch tauschte Beide, indem er mit seinem linken Flügel das befestigte Lager des Hagki bedrohte, wahrend er am 35. Jun. mit dem rechten Flügel das rauhe Ge- birge nach einem Nachtmarsche von 40 Wersten überstieg und das türkische Lager am 30. umging. Nun ward der Seraskier, welcher sich ihm entgegenwarf, durch einen kühnen Angriff am 1. Jul. von seinem Lager und von Hagki abgeschnitten, er selbst geschlagen, sein Heer ganzlich zerstreut und sein Lager mit der Artillerie erbeutet. Hierauf ^ogen die Russen ungehindert über einen fast unwegsamen Theil des Gebirgs, wodurch sie dem Heere Hagki Paschas in den Rücken kamen, dessen Batterien sie sofort am 3. Jul. erstürmten und das Lager eroberten. Der tapfere Hagki gerieth mit 1300 Mann in Gefangenschaft; sein Geschütz und große Vorräthe wurden erbeutet. Dieser doppelte Sieg, über den Seraskier bei dem Dorfe Kainly, und über Hagki Pascha bei Milli-Djuse, entmuthigte und lähmte den Feind. Zwar gelang es um dieselbe Zeit dem Pascha von Wan, über das Gebirge Ala-Dagh bis Bajazid vorzudringen und am 1. Jul. dem russi- Zll Feick' Wf»«» Mund die S. und sein MS »tMionz Hm sam 8. Di. D K« wieder began iig-W aufgeführter »MMann türkis M, Egenim verle dMs erschienen am i »rzeichnelendie Ca? Anstand leisten wo ikM nach d Uhr die WgerietheninH Wage der Schla Mg der eroberten llwdchnhatb deritMgMM^ !>er, unterste ^ ^mpfesamZH *) Akalzike, am Kur, mit 14,«' Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien 851 schen Befehlshaber, General Popoff, die östlichen Verschanzungen zu entreißen, allein nach einem Kampfe von 32 Stunden mußten die Türken denSturm aufBajazid aufgeben, und die Nachricht von der Niederlage des Seraskiers entschied ihren völligen Rückzug am 8. Jul. Denn schon hatte Paskewitsch Khorossan und am 5. Jul. die wichtige, von dem Feinde verlassene Feste Hassan Kale, den Schlüssel von Erzerum, auf der Verbindungslinie zwischen Kars und Bajazid, besetzt, auch den General Burtzoff entsendet, um sich der auf der Straße nach Trapezunt gelegenen Feste Baiburt zu bemächtigen, wahrend er selbst, nachdem er ein Corps türkischer Reiterei geworfen, unaufhaltsam gegen Erzerum vorrückte. Voraus sandte er in diesen Platz einen am 1. Iul. in Gefangenschaft gerarhenen Janitscharenaga mit einem Aufruf an die Einwohner und an die Besatzung. Die Armenier, die Mollahs und die Janitscharen erklarten sich für die Unterwerfung; allein der Se- raskicr und sein Anhang von fanatischen Moslems verwarf die schon verabredete Capitulation; wenigstens suchte er Zeit zu gewinnen. Nun ließ der russische Oberfeldherr (am 8. Iul. Nachmittags 3 Uhr) seine Colonnen im Sturmmarsch die türkische Batterie auf dem Berge Top-Dagh, welcher die Stadt und die Cita- delle beherrscht, wegnehmen. Die Türken warfen sich in die Stadt, von wo sie zwar das Feuer wieder begannen, allein ihr Geschütz wurde bald durch das auf dem Top-Dagh aufgeführte russische Geschütz zum Schweigen gebracht. Unterdessen hatten 8000 Mann türkische Truppen, meistens Reiterei, von dem Corps des Hagki Pascha, Erzerum verlassen und waren in der Richtung von Tokat entflohen Darauf erschienen am folgenden Tage Abgeordnete der Stadt vor dem Sieger und unterzeichneten die Capitulation. Auch die Arnauten, welche noch in der Citadelle Widerstand leisten wollten, öffneten, als die Russen zum Sturme heranrückten, Abends nach 0 Uhr die Thore. Der Seraskier und vier in der Stadt befindliche Paschas geriethen in Kriegsgefangenschaft. So fiel E. am 9. Jul. 1829, dem Jahrestage der Schlacht von Pultawa, mit betrachtlichen Magazinen und 150 Stück Geschütz in die Gewalt der Russen. Paskewitsch setzte eine provisorische Negierung der eroberten Provinz ein. Unterdessen hatte General Burtzoff seinen Marsch in der Richtung nach Trapezunt (Tarabosan) ungehindert fortgesetzt, und am 19. Jul. Baiburt ohne Widerstand genommen. Als aber die Türken, durch das fanatische Bergvolk, die Lasier, unterstützt, 10,000 Mann stark, unter dem gewesenen Pascha von Anapa, diesen Platz den Russen wieder entreißen wollten, fand Burtzoff in der Hitze deS Kampfes am 30. Jul. seinen Tod, und die Türken schlössen Baiburt ein. Doch jetzt zog der Oberfeldherr heran und erstürmte nach mehren blutigen Gefechten bei dem Dorfe Khart am 8. und 9. August die Verschanzungen der Lasier; das feindliche Corps wurde zersprengt und in das Gebirge geworfen. Auch der vom Sultan zum Seraskier von Erzerum ernannte Pascha von Trapezunt, Osman-Cha- syndar-Oglou, welcher unweit der Feste Dschumisch-Khane, westlich von Baiburr, eine feste Stellung auf dem Gebirge genommen hatte, wurde von dem Grafen Eimonitsch, nach einem kurzen Gefecht am 24. August, in die Flucht geschlagen. Die Einwohner der von dem Feinde verlassenen Festung, meistens Griechen, zogen dem Sieger frohlockend entgegen. General Paskewitsch überstieg nun auch dieses Gebirg (Dschaur-Dagh) und befand sich auf der Halste des Weges von Erzerum nach Trapezunt, allein bei dem weitern Vorrücken nach dieser Hafenstadt stieß er auf solche Schwierigkeiten des Gebirgsmarsches, auf jähe Abhänge und mit Fels blöcken verschüttete Schluchten, daß er, als er am 3. Sept. bei dem Orte Kacaka ban nur noch 40 Werst von Trapezunt entfernt war, sich am 4. Sept. zum Rück marsch nach Erzerum entschloß und selbst den nunin hr zwecklos gewordenen Besitz von Baiburt aufgab. Schon im Begriffe, sichere Winterquartiere zu beziehen, erfuhr er durch seine armenischen Kundschafter, daß der neuernannte Seraskier »on 54* 852 Erzerum und der russisch-türkische Krieg in Armenien Erzcrum bei Baiburt ein Heer von 20,000 Mann zusammenziehe und sich rüste, Erzerum mit Sturm zu nehmen. Also beschloß er, dem Feinde zuvorzukommen, und ließ das Heer am 6. Oct. in zwei Abthcilungen nach Baiburt vorrücken. Die rechte führte er selbst über Khosch-Pungar; die linke Fürst Potemkin über den Berg Kop-Dagh. Beide vereinigten sich am 8. Oct. unweit der Kupferminen bei Baiburt, eroberten den Engpaß und bemächtigten sich aller nach Baiburt führenden Straßen. Hierauf umging General Paskewitsch am 9. diesen Platz und besetzte die Höhen, welche denselben beherrschen. Nun griff er die Türken auf den Höhen gegenüber von drei Seiten an, warf sie in die Stadt und schlug sie nach einem großen Blutbade in die Flucht. So siel mit Baiburt zugleich auch die türkische Feste Olty in die Gewalt der Russen, und der Seraskier, welcher zum Entsatz herbeigeeilt war, zog sich in Eilmärschen zurück. Schon wollte ihn Paskewitsch verfolgen und angreifen, als am 11. Oct. die gewisse Nachricht von dem zu Adrianopel (s. d.) am 14. Sept. 1829 abgeschlossenen Frieden bei dem Seraskier eintraf, worauf dieser dem russischen Oberseldherrn einen Waffenstillstand antrug. Der Staatsrath Wlangaly unterzeichnete diesen im türkischen Lager, und beide Feldherren schloffen eine Übereinkunft zur Vollziehung des Friedenstractats. Das Friedensfest wurde von dem Oberbefehlshaber am 15. Nov. zu Tiflis in Gegenwart der vornehmen türkischen Gefangenen, des Seraskiers, des Hagki Pascha und fünf anderer Paschas mit allem kirchlichen und militairischen Pompe gefeiert. Hatte der General Paskewitsch in diesem Kriege sein Fcldherrntalent in jeder Hinsicht bewährt, so muß insbesondere noch das Verdienst bemerkt werden, welches er sich durch die nicht leichte Kunst erwarb, womit er aus der muselmännischen Bevölkerung der südlichen kaukasischen Provinzen vier tapfere und Rußland ergebene Regimenter zu bilden verstand. Man sah in seinem Lager die Reiterei der Ken- gerly, eines kriegerischen Stammes aus Nechitschewan; man sah armenische Krieger aus Kars, muselmännische Scharen aus Bajazid, Tschetschenen vom Kaukasus und freie Kurden unter russischen Fahnen; auch die türkische Reiterei der tapfern Dehli Baschis und Haytis, Freiwillige aus dem Paschalik Erzerum, eilten (im August 1829) zu dem russischen Heere. Der Tschetschene Beibulat, einst das Schrecken der Gebirge, welcher stets die Bergbewohner gegen die russische Regierung, der er sich nie unterwerfen wollte, aufwiegelte, war freiwillig nach Erzerum gekommenem sich zu unterwerfen und Dienste in dem russischen Heere zu nehmen. So verstand Paskewitsch zugleich den Feind zu besiegen und die Völker zu gewinnen. Der Kaiser Nikolaus führte den Krieg nicht als Eroberer, sondern als Regent; daher wurden dem Frieden zu Adrianopel gemäß, im I. 1830 die Pascha- liks von Kars, Bajazid und Erzerum an die Pforte zurückgegeben, von dieser aber die Festungen Anapa, Poti, Akalkalaki, Akalzike H und Azkur, nebst einem Theile des türkischen Armeniens bis zum Flusse Tschoroki (ungefähr 200 mM.), an Rußland abgetreten, das diese Erwerbungen mit Kaukasi'en vereinigte. Seitdem beherrscht diese Großmacht die Höhen des Ararat, die Quellen des Euphrat, die Küste des Phasis, den Lauf des Kur mit dem Araxes, und die Straßen nach Persi'en und Natolien. Die räuberischen Bergvölker werden jetzt leichter im Zaum gehalten, und der Weg in das Herz von Asien, nach Persi'en wie nach Syrien hinab, ist den russischen Waffen und *) Seit dein Frieden ist hier am AbHange eines Berges, auf dem rechten Ufer des Flusses Potzchowka, die neue Stadt Akalzike gegründet worden, welche gesundes Trinkwasser hat, woran es in der alten Stadt fehlt. Die breiten Straßen der neuen Stadt sind so angelegt, daß sie von den Batterien der Festung bestrichen werden können. 185l bauten sich in der neuen Stadt eine Menge Familien aus der ärmsten Classe der Bewohner von Erzerum an, von der Regierung mit Geld und Materialien unterstützt. !chn lex, ;>!h« «« »s Erziehungswesen 853 ttMchlmHlG ^Oi imdZiW lrM! I seiner Handelspolitik geöffnet. Asien steht jetzt an der Pforte eines neuen Jahrtausends. Von dem rauhen Norden, aus welchem vor dritthalbtausend Jahren scythische Barbarei in den Sitz babylonischer und lyrischer Culrur verheerend einbrach, von dorther senkt sich vielleicht bald die belebende Macht der (Zivilisation hinab in die verödeten Ebenen Mesopotamiens und in die Todtengrüfte des türkischen Despotismus. ft7) Erziehungs wesen. So verschieden die Ansichten über den Unterricht, über Anfang, Grenzen, Methode desselben noch immer sind; über Erziehung, den Begriff und das Wesen derselben, ist man nach langem Widerstreite der Meinungen zu besserer Verständigung gekommen. Man hat eingesehen, daß nicht eine beschrankte Beziehung auf ein bestimmtes künftiges Verhältniß im bürgerlichen Leben, sondern die Entwickelung des Menschen im Menschen ihre Aufgabe ist, und man hat ebensosehr den unnatürlichen Zwang der ältern Verfah- rungsweise, als ein frühzeitiges Versetzen in Freiheit und Selbständigkeit, als unstatthaft verwerfen gelernt. Wo von Erziehung im Allgemeinen die Rede ist, kann nicht von Systemen und Methoden gehandelt werden, die man nach ihren vorzüglichsten Bestrebungen die pietiftisch-religiöse, oder die humanistische, oder die philanthropische genannt hat. Wenn diese gleich in ihren Verirrungen und Übertreibungen noch im Einzelnen sich geltend machen, im Allgemeinen ist man über die richtigen Grundsätze, die jede derselben theilweise aussprach, einig geworden, nur daß man besser geschieden und genauer bestimmt hat, was allgemeines Gesetz, und was durch Alter, Zeit, besondern Zweck, jeder Abtheilung und jeder Periode der Erziehung als cigenthümlich zugewiesen wird. Wir verweisen daher in Bezug auf Alles, was den Unterricht im eigsnthümlichen Sinne detz Worts umfaßt und seine geschichtliche Entwickelung in der neuesten Zeit angeht, auf die spätem Artikel Gymn asi alw esen und Schulwesen, und werden hier nur den Begriff der Erziehung, den Zweck derselben und ihre erste Thätigkeit, wie sie von der Natur vorgeschrieben wird, aus innern Gründen entwickeln. Der Begriff der Erziehung setzt ein Wesen voraus, das fremder Hülfe bedarf, aber in welchem Kräfte vorhanden sind, die bis zu einem bestimmten Grad entwickelt werden sollen, um dann frei und selbständig sich äußern und auf Andere wirken zu können. Von einem leblosen oder von einem vernunftlosen Geschöpfe, dessen Organisation durch die Natur selbst ausgebildet und zur Reife gebracht wird, kann man nicht sagen, daß es erzogen werde, wenn man nicht das edle Wort auf die enge Bedeutung der äußern Wartung und Pflege beschränken will. Ebenso wenig wird ein Werk des Mechanismus erzogen, sondern, wie es die materielle Zusammensetzung verlangt, ausgebaut, erhalten, verbessert und zu seiner Bestimmung vervollkommnet Die Erziehung gehört allein dem menschlichen Geschöpfe, das körperlich und geistig Hülflos in das Leben tritt und durch andere Menschen eigentlich heben lernen muß, bevor es seine Freiheit selbst gebrauchen und ein frei- thätiges Mitglied der Gesellschaft werden kann. Denn der Mensch — so ist seine Bestimmung — muß durch Andere gebildet werden, damit er wieder selbst Bildner werde; er muß gehorchen lernen, um später Andere durch Gesetz und Führung leiten zu können. Es ist klar und die Geschichte zeugt davon, daß man bei der Erziehung zwiefach irren kann: entweder, wenn man dem Menschen in seiner ersten Organisation zu viel zugetraut und von der Natur erwartet hat, was sie diesem, einer langsamern, aber höhern Ausbildung bestimmten Geschöpfe versagte, oder wenn man durch zu vieles und übereiltes Einwirken — durch „Einzwingen in Modellir- und Quetschformen", sagt J.Paul— die Freiheit, zu welcher es all- malig heranreifen soll, zerstörte, und dadurch statt selbständiger kräftiger Wesen lebende Maschinen in die Welt hinausstellte, die allein, fremden Bewegungen und fremden Gesetzen zu folgen gewohnt, der eignen Willensthätigkeit und Entschlossen- -854 Erziehungswesen heit im Denken und Handeln fortdauernd ermangelten. Folge der Natur! war die weise Lehre der Alten; sie ist nach vielen Abwegen, zum Theil auch nach künstlichen Umwegen, wieder die Lehre der neuen Erziehung geworden. Die Erziehung hat den Endzweck, die im Kinde noch unentwickelte Menschheit herauszubilden, und ihre ersten Geschäfte sind dem Körper gewidmet, dessen Organe naturgemäß erhalten und gepflegt, dessen Bedürfnisse mit sorglicher Umsicht befriedigt werden müssen, damit er ein gesundes Leben in sich trage und dann für geistige Entwickelung empfänglich und zu eigner geistiger Thätigkeit tüchtig werde. Es gibt drei Elemente des Lebens für jeden thierischen Körper, Licht, Luft und Laut (vgl. Schwarz's„Erziehungslehre", Bd. ?, S. 114 fg.), die dem Kinde mit dem Eintritt in das Leben dargeboten werden. Die Empfänglichkeit des Auges und des Ohrs für äußere Einwirkungen, dasAthmen, und das Hervorstoßen der ersten Laute zeigen zuerst das Leben und erhalten es. Aber hierin zeigt sich auch zuerst der Unterschied des Menschen von dem Thiere. Denn wie jene Sinne bald liefere Eindrücke verrathen und lebhaftere Gegenwirkungen veranlassen — Achtsamkeit, daher Hinsehen, Hinhorchen, und Bewegung der Hände nach dem Gegenstände, welcher das Aufmerken erregt—, so wird auch der Laut allmälig zur Stimme und diese dann der menschlichen Sprache fähig. In demselben Verhältnis als der Gebrauch der Sinne freier wird, als der Körper auf seinen Gliedern fußen und sich bewegen lernr, entfalten sich die Kräfte der Seele. Erkennen der einzelnen Gegenstände, Absonderung derselben von andern, Gedächtniß für Personen und Sachen, Benennung der einzelnen mit ihren eigenthümlichen Namen, und Bewußtsein seiner selbst, als eines von den bemerkten und genannten verschiedenen Gegenstandes, das sind die Kennzeichen, in welchen der Mensch wie aus den Windeln des geistigen Lebens zu eigner Bewegung hervortritt. Die Mutter gibt dem Kinde die erste physische Nahrung; ihr kommt es auch zu, die^rste psychische Entwickelung zu bewahren und zu leiten. Die alten Völker, der Natur getreu, beschrankten nicht diese ersten Rechte und Pflichten der Mutter; sie werden von den rohesten Völkern heilig geachtet, und es gehört zu den schönsten Früchten der Bestrebungen aller Erzieher des vorigen Jahrhunderts, daß in der gegenwartigen Zeit die Kinder den Müttern, diese den Kindern wiedergegeben worden sind, wahrend die unnatürliche Verkehrtheit Solcher, die sich dem heiligen Beruf entziehen oder ihn vernachlässigen wollten, diese Versündigung mit verdienter Schmach büßt. Die erste Lebenszeit ist die des Empfangens, des Aufnehmens äußerer Eindrücke, des Empfindens; und wie die ganze weibliche Natur körperlich und geistig dieselbe Bestimmung in verschiedenen Abstufungen hat, so ist sie auch die geeignetste Lehrmeisterin und Bildnerin der Kindheit; sie wird auch bei der weitern Ausbildung des Mädchens mit größerm Erfolge wirksam sein, als die fremdartige, schroffere des Mannes, weil sie die Eindrücke durch die Sinne und das Gebiet der Empfindung aus sich selbst richtiger zu beurtheilen und zu leiten versteht, wie sie die klare Ansicht des Lebens am reinsten und ungetrübtesten erhält. So sagt I. Paul: „Die Erziehung der Töchter bleibt den Müttern die erste und wichtigste, weil sie unvermischt und so lange dauern kann, daß die Hand der Tochter aus der mütterlichen unmittelbar in die mit Eheringen gleitet". Ihrem Gemüthe bleibt daher die erste Nahrung und Bewahrung der Gefühle und der Begehrungen am sichersten überlassen; der Mann hat allein das Amt der Beaufsichtigung, der ernsten Warnung und der Ergänzung, da wo Natur oder Bildung es an dem Nothwendigen fehlen ließen; das Vaterwort muß dem Mutterworte zur Verstärkung dienen. Und ebenso gehört die Erziehung des Knaben dem Manne, damit dessen Jugend stark und kräftig gedeihe;' der Mutter bleibt die mildernde Einwirkung auf Beide. Die Erziehung des Kindes von seinem ersten körperlichen und geistigen Leben an ist auch Bildung desselben, wenn man auch dieses Wort gewöhnlich nur im »«Niim Erziehungswcftn 855 «Ä F'- ! engem Sinne von dem Unterricht gebraucht. Denn eS soll das Vorbild, das Ideal einer menschlichen Natur aus dem noch unentwickelten Stoffe hervorgerufen und im Leben dargestellt werden. Sie kann daher auch nur den Menschen, wie er nach der eigenthümlichen Organisation eines jeden zur möglichsten Vollkommenheit gebracht werden kann, zu ihrem Endzweck haben. Eine bestimmte Richtung für die Gesellschaft, den Stand, den künftigen Beruf in die erste Erziehung einmischen, heißt der menschlichen Natur eine Gewalt anthun, die sich, wie jede Verletzung der Natur, selbst bestraft. Die Vollkommenheit der menschlichen Natur besteht in der größten Harmonie der Seelenkräfte, des Geistes, des GemüthS und des Willens, und in der möglichsten Gesundheit und Tüchtigkeit des Körpers zu jenen Tätigkeiten der Seele. Wie alle diese Kräfte und Thätigkeiten nur durch die Sprache geschieden werden, da sie dem Wesen nach eins sind, so muß auch die Einheit und Übereinstimmung der gesammten Kräfte das Ziel und die Frucht der menschlichen Erziehung sein. Das Ideal der Menschheit ist in dem Christenthum am schönsten offenbart, am reinsten dargestellt worden; die wahrhaft christliche Erziehung wird daher auch die menschlichste sein. Den guten Menschen bezeichnen Frömmigkeit, Fleiß, Frohsinn. Die Liebe zu der Mutter, zu dem Vater, zu Denen, die Beider Stelle vertreten, führen zu der Liebe zu Gott; Natur und Erzählung bieten den ersten Religionsunterricht für Geist und Gemüth dar. Das Spiel, womit das Kind sich beschäftigt und unter guter Leitung immer bildender beschäftigt wird, gibt den Übergang zu geregelter Thätigkeit; die Liebe zu dieser ist der Fleiß. Freundliche Umgebung, liebevolle Zuspräche und Führung, und Gesundheit des Körpers und der Seele lassen die schönste Mitgabe der Kindheit, den Frohsinn, nicht untergehen, der auch im spätem Alter dem reinen, dem frommen und fleißigen Menschen bleibt. Die Übel, welche das menschliche Glück zerstören, sind der Stolz, aus dem Eigensinn, Eigenwille, Sucht nach Unabhängigkeit, Egoismus in all seinen Theilen entsteht, und unbeherrschte Sinnlichkeit, das Verlangen nach dem Verbotenen. Die Heilmittel sind allein die genannten, innere lautere Frömmigkeit und Fleiß in guten Dingen, beide von der Liebe und dem Vertrauen geleitet. Jede Erziehung, die sich von diesen Grundsätzen entfernt, wird schädlich. Äußere Frömmelei nach Zwang und strenger Regel, ohne Liebe und Vertrauen, gebiert Heuchelei, geistlichen Stolz, heimliche Sünden, oft Verachtung und Haß des Heiligen; Vernachlässigung der frühen Gewöhnung an regelmäßigen Fleiß erzeugt alle Früchte der Schlaffheit oder der Ungebundenheit; und je mehr man sich von dem Christenthume, der großen Menschenerziehung, entfernt hat, desto mehr Spielraum hat man dem Egoismus und der Sinnlichkeit gegeben. Die Geschichte, besonders der neuesten Zeit, liefert die traurigsten Beweise dazu. Bei sehr vielem Guten, das seit Rousseau und den Philanthropen Deutschlands besonders für die erste naturgemäße Erziehung gewirkt worden ist — wir nennen nur die frühere Vernachlässigung oder Verkrüppelung des Körpers, den mönchischen Zwang, die Qual unverstandener und übertriebener Religionsübungen, die Überladung des Gedächtnisses mit unbrauchbarem Wort- und Formelwesen, das Eintragen und Eintrichtern des Erlernten anstatt der Entwickelung der Kräfte und der Anleitung zu eignem Erkennen und Lernen: Alles Gewaltthatigkeiten gegen die Natur, deren Ausrottung oder doch Milderung jene Männer bewirkten —, zeigten sich auch in den nächsten Generationen die Übeln Folgen des Jrrthums, daß man dem jungen Menschen anstatt der Frömmigkeit unreifes Selbstvertrauen und übel verstandene Selbständigkeit, anstatt des Gehorsams und des Fleißes Unabhängigkeit und gesetzlose Freiheit darbot. Die Zeit und ihre Erfahrungen führen wieder zu der richtigem Erkenntniß. Ein für die Geschichte und die Methode der Erziehung vorzügliches Werk ist die „Erziehungslehre" von Schwarz, deren zweite Auflage, 3 Bände in 4 Abtheilungen, Leipzig 1829 erschienen ist. In den zwei Abtheilungen !> / V, 856 Eschenmaycr Escher des ersten Bandes wird die Geschichte der Erziehung, in dem zweiten das System im dritten die Methodik oder die Lehrkunft dargestellt. Als Nachtrag dazu ist sein neuestes Werk: „Die Schulen" (Leipzig 1832) zu betrachten. (61) Eschenmayer (Christoph Adolf), einer der geistreichsten Narurphiloso- phen der neuern Zeit, wurde am 4.Iul. 1770 zu Neuenburg im Würtembergischen geboren, und ist, nachdem er 1811 zum außerordentlichen Professor der Philosophie und Medizin ernannt worden, gegenwartig seit 1818 ordentlicher Professor der praktischen Philosophie in Tübingen. Den ersten bedeutenden Anstoß zu der Richtung, die E. spater in der Behandlung der Naturwissenschaften eingeschlagen, erhielt er durch die Vorlesungen des Staatsraths Kielmayr, der zuerst an der Karlsakademie zu Stuttgart lehrte, und von dem E. nach eignem, in der Vorrede zu seinem kürzlich erschienenen „Grundriß der Naturphilosophie" (Tübingen 1832) abgelegten Geständniß vornehmlich die Grundidee der, in der lebenden Natur von der Pflanze bis zum Menschen beständig wechselnden Proportion der drei organischen Grundkräfte, die er in seinem System durchgeführt, aufnahm. Der eigentliche philosophische Standpunkt E.'s ist jedoch auf die Kant'sche Naturmetaphysik zurückzuführen, in deren principienmaßige Construction der Materie er schon früh mit lebhaftem Interesse einging, und die ihm auch zu seiner bereits 1796 geschriebenen akademischen Dissertation: „?rmcipm gunecknm tlisciplinae naturelli, in- primis eüemiae, ex metapü/sica naturae substernencka", die Veranlassung gab. Diese Dissertation wurde die Ursache eines langen literarischen Briefwechsels zwischen ihm und Schölling, der sich damals in verwandten Richtungen bewegte, und von dem E. ebenfalls manche spekulative Ansicht für die höhere Auffassung der Naturwissenschaft gewonnen, ohne jedoch an der immer scharfer sich ausbildenden absoluten Jdentitätslehre desselben, wie es scheint, je Theil genommen zu haben. Sehr viel verdankt er unstreitig auch dem genialen Oken, wie denn Eschenmayer's Naturphilosophie überhaupt mehr den Charakter eines geistreichen Eklekticis- mus, als eines auf Originalität und Neuheit der Principien Anspruch machenden Systems an sich trägt. E. hat jedoch auch andere, allgemein geistige Seiten der Philosophie berührt, und vornehmlich für Religions- und Moralphilosophie einige schätzbare Arbeiten geliefert, worunter namentlich seine „Religionsphilosophie" (3 Bde., Tübingen 1818 — 24), in der er im ersten Bande den Rationalismus, im zweiten den Mysticismus und im dritten den Supernaturalismus oder die Lehre von der Offenbarung des Alten und Neuen Testaments abhandelte; ferner seine Schrift: „Die einfachste Dogmatik aus Vernunft, Geschichte und Offenbarung" (Tübingen 1826), sowie sein „System der Moralphsiosophie" (Stuttgart 1818) zu erwähnen sind. Seine Ideen über Rechtswissenschaft legte er in seinem „Nor- malrecht" (2 Thle., Stuttgart 1819 — 20) und in den „Grundlinien zu einem allgemeinen kanonischen Rechte" (Tübingen 1825) nieder. In seiner „Psychologie in drei Theilen, als empirische, reine und angewandte" (Stuttgart 1817, zweite Auflage 1822) hat er viel Naturphilosophisches eingemischt, ohne es an diesem Orte recht begründet und vermittelt zu haben. Lebhaften An- theil nahm E. auch an den Erscheinungen des animalen Magnetismus, in neuester Zeit vornehmlich in Bezug auf das merkwürdige Phänomen der vielbesprochenen Seherin von Prevorst, über die er zugleich mit seinem Freunde Justinus Kerner Beobachtungen angestellt und mitgetheilt hat. Seine wissenschaftliche Ansicht über den Magnetismus entwickelte er schon früher in einer Schrift: „Versuch, die scheinbare Magie des thierischen Magnetismus aus physiologischen und physischen Gesetzen zu erklaren" (Tübingen 1816). Eine zusammenhängende und vollständige Darlegung seines naturwissenschaftlichen Systems enthält sein oben erwähnter „Grundriß der Naturphilosophie". (47) Escher (Johgnn Konrad), von der Linth, geboren zu Zürich 1768, M-jMS»' Escher 857 K «>»' ist einer der edelsten und verdienstvollsten Schweizer der neuern Zett, dessen uner- müdeteThätigkeit und Gemeinnützigkeit, dessen stets reger Sinn für alles Gute und Große ein schönes Vorbild für seine Landsleute geworden ist. Aus einer geachteten Familie und gründlich gebildet, wurde er früh durch das Vertrauen seiner Mitbürger zum Staatsdienste berufen; er gehörte in Zürichs Rathe immer zu den freisinnigsten Mitgliedern, welche die herrschenden Mangel und Gebrechen wohl erkannten, ihnen durch Wort und That zu steuern suchten, aber ganz national weder von einer fremden Macht Hülfe verlangten, noch von dieser etwas Gutes zu hoffen wagten. Er war der Freund Usteri's (f. d.) und rheilte dessen politische Gesinnungen aus Überzeugung. Zur wahren Würdigung des Mannes bedürfen wir nur eines flüchtigen Blickes auf das Hauptwerk seines Lebens, auf die Verbesserung des Linthbettes. Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts hatte der wallenstadter Tee den kleinen Fluß Mag zum Abfluß. Dieser nahm, bald nach seinem Austritte aus dem See, einen andern kleinen Fluß auf, die von den glarner Bergen kommende Linth. Vereint fließen sie unter dem Namen Unterlinth oder Linth-Mag dem Zürichersee zu. Die Linth führte viel Schlamm und Geschiebe mit, die sie bei dem geringen Falle ihres Laufes abfetzte und so ihr eignes Bett erhöhte; auch der Ausfluß des Sees hatte zu wenig Fall, und der Wasserspiegel desselben stieg allein im 18. Jahrhundert um fünf bis sechs Fuß. Da auf der Nord- und Südseite die hohen Felsenwände natürliche feste Damme bilden, so erweiterte sich der See westlich auf dem Gebiete des Stadtchens Wesen, östlich auf dem des Stadtchens Wallenstadt. Allmalig wurde viel Land unter Wasser gesetzt, versumpft und dem Anbau entzogen. Die beiden genannten Städte waren mit der ganzen Umgegend häusigen Überschwemmungen ausgesetzt, welche bösartige Fieber im Gefolge hatten, das Land ungesund machten und nach und nach entvölkerten. Der Zustand der Einwohner an dem Gestade des Wallensees und an den Ufern der Linth, bis zu ihrem Einfluß in den Züricherfee, war höchst traurig. Am Ende des letzten Jahrhunderts war das Linthbett höher als die angrenzenden Ländereien; stundenlange Strecken Landes waren unter Wasser gesetzt und verloren ihre Fruchtbarkeit; viele andere sahen sich demselben Schicksale bloßgestellt. Da die Regierungen der bedrohten Gegenden weder die Größe der Gefahr noch den Umfang der nöthigen Vorkehrungen zu begreifen schienen, brachte ein Privatmann die Sache vor die Tagsatzung. Es war der Staatsrath Escher von Zürich, den das Unglück so vieler Tausende zum Nachdenken und zum thätigen Eingreifen aufgerufen hatte. Von der Tagsatzung wurde 1804 die Ausführung der nöthigen Arbeiten beschlossen und E. die oberste Leitung derselben anvertraut. Die Staatscassen waren jedoch durch die französischen Heere und Agenten im Lande und durch den traurigen Bürgerkrieg so sehr erschöpft, daß ein Ruf an den Gemeinsinn und die Wohlthätigkeit der Schweizer ergehen und ein Credit von 320,000 Schweizerfranken in 1600 unverzinslichen Actien eröffnet werden mußte. Das Werk ward unter E.'s umsichtiger, thätiger und höchst uneigennütziger Leitung begonnen und 1822 vollendet. Ein über 19,000 Fuß langer Canal führt nun die Linth von Mollis in den Wal- lenstadtersee, und ein anderer von 52,000 Fuß Länge bringt sie aus jenem in den Zürichersee. Die Canäle sind so eingerichtet, daß weder hoher noch niedriger Wasserstand sie beschädigt; sie laufen fast immer in gerader Richtung; der Weg ist verkürzt, der Fall, und mit diesem die Schnelligkeit des Laufes vermehrt; der Spiegel des Sees ist wieder gefallen. Durch dieses großartige Nationalwerk wurde der Untergang der ganzen Thalebene von Wallenstadt und Wesen bis zum Zürichersee hin verhütet, das versumpfte Land der Cultur wiedergewonnen; blühende Felder und Wiesen sieht man jetzt an der Stelle von Sumpfstrecken, die bösartigen Wechselsi'e- ber haben aufgehört und Tausenden ist Leben, Gesundheit und Eigenthum gerettet. So Großes verm-ochte ein Mann, durch den schweizerischen Gemeinsinn unter- MI s «58 Eschscholtz stützt. Der Betrag aller Ausgaben für das große Wert belief sich auf 945,264 Schweizerfranken, die durch freiwillige Beitrage der Schweizer aufgebracht wurden. Auch für die sittliche Entsumpfung des Volkes in dieser Gegend sorgte der edle Menschenfreund E. durch die Anlegung der Linthcolonie, einer Erziehungsanstalt für arme verlassene Kinder aus dem Canton Glarus, welche^ungefahr 40 theils verwahrloste, theils arme Knaben zählt, die nebst dem Unterricht in den Elementar- und Realgegenständen zugleich eine unmittelbare praktische Anleitung zum Acker- und Wiesenbau erhalten, in der Kasebereitung unterrichtet und im Winter mit Handarbeiten, Strohflechten, Stricken zc. beschäftigt werden. Die Linthcolonie hat einen Grundbesitz von mehr als 100,000 HZKlaftern, der ihr größ- tentheils geschenkt wurde. Doch bedarf sie noch immer sehr kraftiger Unterstützung zur Erreichung ihres Zwecks, die Versittlichung und Industriebildung dieser Gegend befordern zu helfen. Fellenberg erließ darüber vor einigen Jahren eine sehr dringende Mahnung. (Über die Linthcolonie ist vorzüglich: „Sur le resulwt mural I'etadlissement U'eUucatmn cle In Inntll" zu vergleichen.) Auch für die Verbesserung des Flußbettes der Glatt, welche aus dem Greifensee in nordwestlicher Richtung durch den Canton Zürich fließt und in den Rhein mündet, aber oft austrat und ungemeinen Schaden anrichtete, sorgte der thätige E. Gegen Ende des Jahres 1812 wurde von der züricher Regierung die dazu nöthige Summe von 280,000 Schweizerfranken bewilligt und das Werk begonnen. E. erlebte jedoch dessen Vollendung nicht; schon ein Jahr nach Beendigung der Arbeiten an der Linth entriß ihn ein schneller Tod den Seinen und dem Vaterlande, am 9. Marz 1823. Das ganze Land trauerte um den Menschenfreund; der große Rath von Zürich bestimmte einmüthig, daß seine Nachkommen zum Andenken an seine, dem Vaterlande geleisteten großen Dienste den Beinamen „von der Linth" führen sollten, denn so wurde von dem Volke schon allgemein der edle E. bei seinem Leben genannr. Auch die Tagsatzung beschloß 1823, E.'s Andenken durch ein Denkmal zu ehren; über die Ausführung desselben entstand ein ziemlich lebhafter Federkrieg, indem die Einen ein Denkmal aus Stein und Eisen, die Andern eine milde Stiftung verlangten; die Aristokraten der Tagsatzung aber, die das Leben und den Geist eines E. kaum begriffen, ließen das Denkmal von einem Jahr zum andern »ä relerenclum fallen, bis sie selbst durch die neuesten Ereignisse in wohlverdiente Vergessenheit sanken. Die ordentliche Tagsatzung von 1832 hat die Ausführung des Denkmals einer eignen Commission übertragen; es soll einfach und großartig sein, und daS Hauptaugenmerk dahin gerichtet werden, daß die Linthcanale und die Linthcolonie erhalten werden. E.'s Name bleibt aber unter dem dankbaren Schweizervolke gewiß auch ohne Denkmal unvergessen. (29) Eschscholtz (Johann Friedrich), geboren am 1. Nov. 1793 zu Dor- pat, wo er sich der Arzneiwissenschaft widmete. Nach Vollendung seiner Studien ward er von dem Collegienrath Ledebour zu Dorpat, der zum Naturforscher auf der, von dem russischen Lieutenant Otto von Kotzebue 1815 begonnenen Entdeckungsreise erwählt war, zum Schisssarzt und Gehülfen bei den naturgeschichtlichen Untersuchungen vorgeschlagen, welchen er während jener Fahrt bis 1818 in Verbindung mit vr. Chamisso, der an Ledebour's Stelle trat, eifrig oblag. Die Ergebnisse seiner Forschungen, die vorzüglich Untersuchungen über die Bildung der Ko- ralleninseln im Südmeer und die Zoologie betreffen, hatO.von Kotzebue im zweiten und dritten Bande der „Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Beringsstraße zur Erforschung der nordwestlichen Durchfahrt" (Weimar 1821, 4.) mitgetheilt. Der zoologische Ertrag ist besonders wegen der beschriebenen neuen Affenarten und Schmetterlinge schatzbar. Eine Bai im Polarmeer, wo eine merkwürdige Eis- klippe beobachtet ward, über deren Beschaffenheit später Beechey genauere Kunde gab, wurde nach E. genannt. Nach seinen Beobachtungen beschrieb Morch von Em kAA r wurde SS!»V MM im KuM'I ! vorzüglich Hjchn Einslupus den »d vornehmlich zu den ä! Mn zu erdulden halte, de ,imr Bildung setzten sechs Rch Me, wo er gleich! «chunvMoinmenenK M eine Unsicherheil in dei eiler noch oft fühlbar mach Minder Weht, sich den !°hmig angesprochen füh Far Frühjahr 1799 Mause Mische TtMn ml MMMzuZ l'ch'ndenderMM^ Z^nn Reisen einen '--chchl«z . ^ heimsucht Oiter kr Ulf^ ih- ?erh 'dg Eschwege 859 ''tzß' ^K!>> .j. VVMtzMzZN ^MdidüzchziihW IDMlMsiM,^ °?56 .lUM 1 l! idlMslü! Ä!> ^ i.!..,W gelhardt in jenem Reisewerke die geognostische Beschaffenheit der Küsten von Cali- sornien, der Insel Unalaschka und der Beringsstraße. Die von ihm gesammelten Mineralien schenkte er nach seiner Rückkehr der Universität Dorpat, wo er als Professor der Arzneiwissenschast und Direktor des zoologischen Cabinets angestellt wurde. Als Kotzebue 1823 mit dem Schiffe Predpriatie auf Befehl der russischen Regierung eine neue Fahrt antrat, war E. abermals sein Begleiter. Ein Inselkette im Südmeer wurde nach ihm genannt. Nach der Rückkehr des Ent- deckungsschiffes (1826) gab E. in London eine Beschreibung der Reise heraus und lieferte in Kotzebue's Bericht.- „Neue Reise um die Welt" (Weimar und Petersburg 1830) eine Übersicht der zoologischen Ausbeute, welche 2400 Thierarten umfaßte. Unter seinen übrigen Schriften sind auch seine „Ideen zur Aneinanderreihung der rückgräthigenThiere"(Dorpat 1819), und die „Entomographien" (erste Lieferung, Berlin 1823) auszuzeichnen. Esch w eg e (Wilhelm Ludwig von), wurde 1777 auf dem alterlichen Gute Aue bei Eschwege im Kurfürstenthum Hessen geboren. Bis zu seinem fünfzehnten Jahr erhielt er feine vorbereitende Bildung durch den Unterricht eines Privatlehrers, dessen Lehrmethode vorzüglich durch den Stock unterstützt wurde, was einen so nachtheiligen Einfluß auf den Knaben ausübte, daß die Liebe zu den Wissenschaften und vornehmlich zu den altern und neuem Sprachen, bei denen er die größten Qualen zu erdulden hatte, dadurch lange bei ihm unterdrückt blieb. Die Misgriffe in seiner Bildung setzten sich fort, als man ihn darauf auf das Gymnasium in Ei- senach schickte, wo er gleich in eine höhere Classe gesetzt wurde, als er vermöge seiner noch unvollkommenen Kenntnisse hätte betreten sollen, und die Folge davon war eine Unsicherheit in den nöthigen Elementarkenntnissen, die sich ihm auch spater noch oft fühlbar machte. Im Herbst 1796 bezog er die Universität Göttingen, in der Absicht, sich dem juristischen Studium zu widmen, von dem er sich jedoch wenig angesprochen fühlte, weshalb er statt dessen das kameralistische ergriff. Im Frühjahr 1799 vertauschte er Göttingen mit Marburg. Mineralogische und bergmännische Studien wurden hier besonders der Gegenstand seiner Neigung und sagten ihm bald so sehr zu, daß er 1800 ein Eramen in denselben bestand. Nicht lange darauf wurde er bei dem riechelsdorfer Bergamt als Assessor angestellt. Um sich in den bergmännischen Wissenschaften weiter zu vervollkommnen, unternahm er öfter kleine Reisen zu den übrigen hessischen Bergwerken, und erhielt auch 1801 zu größern Reisen einen anderthalbjährigen Urlaub, den er größtentheils auf den Bergwerken des Harzes verbrachte. In dieser Zeit wurde ihm der Antrag zu einer Anstellung in Portugal gemacht. Er trat aus hessischen Diensten und reiste im Frühjahr 1803 mit einigen Begleitern nach Lissabon ab. Nachdem er dort angekommen und auf die einsame Eisenhütte von Foz d'Alge versetzt worden war, wo ihn und seine Begleiter kurz darauf das ungewohnte Klima mit schweren Krankheiten heimsuchte, wurde bald der gänzliche Mangel an geschickten Arbeitern fühlbar. E. ward deshalb 1804 beauftragt, nach Deutschland zurückzureisen, um Berg - und Hüttenleute anzuwerben, mit welchen er auch im Dec. 1805 wieder in Lissabon anlangte. Das Jahr 1806 verfloß ihm ungestört bei seinen Berufs- beschaftigungen, mit Ausnahme eines Mordversuchs, der auf E.'s Leben durch einen Menschen gemacht wurde, der ihm an einem einsamen Gebirgsweg auflauerte und nach ihm schoß, wiewol die Kugel glücklicherweise nur durch den Hut fuhr. Als 1807 alle deutschen Bergbeamten als Offiziere dem Artillerie- corps einverleibt wurden, erhielt E. den Grad als Eapitain; es mußten jedoch noch gegen Ende desselben Jahres, nach dem Einrücken der französischen Armee in Portugal, alle bergmännischen Arbeiten eingestellt werden. Im Jul. 1808 brach die Revolution gegen die Franzosen aus, in der sich E. sogleich auf die Seite der sogenannten portugiesischen Rebellenarwee begab. Er erhielt das Commando über ein? !> / W , M 5 86V Eschwege Artilleriediviston, wohnte der Schlacht von Vimieira bei und wurde zu verschiedenen gefahrlichen Austragen benutzt, die er mit Glück ausführte. Als die Franzosen nach dem Abschlüsse der Capitulation von Cintra das Land verlassen hatten, kehrte E. wieder zu seiner einsamen Berghütte zurück. Die Ruhe wahrte jedoch kaum einen Monat, da die Franzosen von Neuem in Portugal einrückten. E. übernahm es jetzt freiwillig, die Verschanzungen an den Ubergangen des Rio Zezere zu errichten und dieselben mit 600 Mann Landsturm zu vertheidigen. Er wurde darauf zu Anfang 1809 dem Vrigadiergeneral von Wiederhold als Ingenieur beigegeben, welcher beaustragt war, die schicklichsten Positionen zur Verteidigung der Hauptstraße von Spanien durch das Centrum von Portugal auszuwählen, und E. erhielt die Anweisung, die Plane dazu zu zeichnen. Die damals in Portugal überhandnehmende Anarchie, deren Opfer der erste commandirende General Bernardin Freire nebst seinem ganzen Generalftab wurde, setzte auch die, in der Armee befindlichen deutschen Offiziere, die man als Ausländer für Verräthec hielt, der Gefahr aus, ermordet zu werden. E. suchte sich deshalb mit seinen Landsleutcn vor dem ihnen drohenden Untergange durch eine schleunige Flucht zu retten und kehrte bei Nacht und auf einsamen Gebirgswegen ins Hauptquartier zurück. Alle Ausländer bei der Armee erhielten darauf Befehl, sich nach Lissabon zu begeben. Daselbst angelangt, fand E. eine Auffoderung vom Könige, nach Brasilien zu kommen, wohin er sich auch im Febr. 1810 mit drei Bergleuten einschiffte. Wegen seiner militairischen Auszeichnung in Portugal und vornehmlich, weil er ein eifriger Beförderer der Revolution gegen die Franzosen gewesen war, wurde E. nach seiner Ankunft in Rio Janeiro zum Major bei dem Ingenieurcorps ernannt. Bald darauf mußte er auf Veranlassung der Regierung einige bergmännische Reisen im Innern des Landes unternehmen, und erhielt zugleich die Stelle eines Direktors des königlichen Mineraliencabinets, mit dem das Amt eines Professors der Mineralogie verbunden war, welches E. jedoch ablehnte. Man sandte ihn 1811 nach der Provinz Minas Geraes nicht allein zu bergmännischen Untersuchungen, sondern hauptsächlich zur Anlegung von Eisenhütten und Eröffnung einer Bleimine am Abaete. E. betrieb die Anlegung der erstem mit einem solchen Eifer, daß bereits 1812 die erste Hütte bei Congonhas da Campo zu Stande kam und das vortrefflichste Eisen lieferte. E. hat sonach das unstreitig nicht geringe Verdienst, die erste Eisenhütte in Brasilien überhaupt errichtet zu haben, was im Lande selbst freilich auch Veranlassung zu manchem Handwerksneid gab. Während der 10 Jahre feines Aufenthalts in der Provinz Minas Geraes erstanden außerdem noch 28 andere kleine Eisenhütten, die nach E.'s Modell und unter seiner Leitung gegründet wurden. Er wurde 1817 zum Generaldirektor aller Goldbergwerke Brasiliens ernannt und war hier der Erste, welcher dabei die nassen Pochwerke einführte. Außer den berg- und hüttenmännischen Arbeiten wurde er jedoch auch zu vielen andern Commissionen gebraucht, z. B. zu Anlegung neuer Straßen, zur neuen Grenzbestimmung zwischen den Provinzen Minas Geraes und Goyaz, zur Einrichtung einer königlichen Stuterei u. dgl. Auch zur Verbreitung der Civilisation unter den wilden Völkerstämmen wirkte er eifrig mit, indem er bei dieser Gelegenheit auch einen feindlichen'Aug gegen die menschenfressenden Botecudos mit unternahm. Besonders aber beschäftigte ihn noch eine freiwillig übernommene Arbeit, zu der ihn seine vielen Reisen vornehmlich befähigten, nämlich eine neue Karte von der Provinz Minas Geraes und einem Theile der angrenzenden Provinzen Rio de Janeiro und S.-Paulo zu liefern, welche auch nach elfjähriger Arbeit glücklich vollendet wurde und 1831 auf Veranstaltung seines Freundes von Martius, mit Hinzufügung des ostlichen Theils, in vier Blättern zu München erschienen ist. E. wünschte 1821, von Sehnsucht nach seinem Vaterlands getrieben, nach Europa zu- ?L»!L- KS» aus Ungar" Grosse ^ «ch Portugal zurck"> Rechte eWiexh^- chMinmzurU' WMys ,.mtWehalwng Heil. Ec ginM dn n sich bei seiner letzten An> Mmmichdurch die Nieder w M Steile, welche E. WM w M erfolgten Tode Trade besessen hatte, durch ma hauch die Regentin begünsti Ä endlich mit der Ankunft Z zman , E. seiner Stelle als Andern zu geben, der schon lb Wtnissen des Landes koni Ms Äs Oberst um seinen llrla dmrMchAzuEnde 1830 »ML KW- st.« !« neue größten .Mn E MV" ^etorawk ^ de war seil 180 ector >3derz MKS ^ 75^. - Esquirol 861 A ß> rückzukehren. Die beginnenden Revolutionen in Brasilien und die Abreise der königlichen Familie waren seinem Vorhaben förderlich; er erhielt einen zweijährigen Urlaub, verließ seine schönen Besitzungen in Brasilien und schiffte sich im Jul. desselben Jahres nach Lissabon ein. Von dort begab er sich abermals zu Schiffe und reifte über London und Paris nach Deutschland. Nachdem er kurze Zeit in seiner Heimath verweilt und sich darauf durch Böhmen nach Wien begeben hatte, um Briefe von der verstorbenen Kaiserin Leopoldine an ihren Vater zu überbringen, bereiste er von Wien aus Ungarns Bergwerke und kehrte durch Schlesien über Berlin und den Harz nach Weimar zurück, wo er sich vornehmlich des Wohlwollens des verstorbenen Großherzogs zu erfreuen hatte. Im Jun. 1823 kehrte E. jedoch wieder nach Portugal zurück, wo unterdeß eine abermalige Revolution den König wieder in seine Rechte eingesetzt hatte. Bei dieser Veränderung der Umstände wurde E. durch die Gunst des Königs die Stelle eines Oberberghauptmanns des ganzen Königreichs, mit Beibehaltung seines Ranges als Oberst beim Jngenieurcorps, zu Theil. Er ging 1824 nach Deutschland zurück, um seine Frau abzuholen, mit der er sich bei seiner letzten Anwesenheit in Deutschland vermählt hatte, und reiste sodann mit ihr durch die Niederlande, Frankreich und England wieder nach Lissabon. Die Stelle, welche E. jetzt in Portugal bekleidete, war zu wichtig, als daß sie nicht den Neid der Portugiesen hätte erregen sollen, der sich besonders nach dem 1826 erfolgten Tode des Königs Johann, dessen Wohlwollen E. in hohem Grade besessen hatte, durch mancherlei Kränkungen gegen ihn geltend machte. Jn- deß auch die Regentin begünstigte ihn, und man ließ ihn im Besitze seiner Ämter, bis endlich mit der Ankunft Don Miguels die Jntriguen mehr Eingang fanden, sodaß man es plötzlich für gut erachtete, ohne auch nur einen Grund deshalb anzuführen, E. seiner Stelle als Oberberghauptmann zu entsetzen und dieselbe einem Andern zu geben, der schon längst danach gestrebt hatte. Unter den obwaltenden Verhältnissen des Landes konnte sich E. leicht darüber trösten, und suchte bald darauf als Oberst um seinen Urlaub nach, um dem gefahrvollen Aufenthalte zu entrinnen. Nach anderthalb Jahren beständigen Ansuchens erhielt er endlich denselben und kehrte zu Ende 1830 mit seiner Familie über Holland nach Hessen zurück. Hier beschäftigen ihn jetzt größtentheils literarische Arbeiten, gegenwärtig aber vornehmlich auch die Errichtung einer Actiencompagnie für die Unternehmung der durch ihn wieder eröffneten Goldwäschereien in dem Flußbette der Eder. Dieser Fluß hatte schon vor mehren Jahrhunderten Goldsand getrieben, und E. fand jetzt, daß derselbe ebenso reichhaltig sei als die meisten Flüsse Brasiliens. Vergl. „Zeitgenossen", neue Reihe, Nr. 11. Esquirol (Jean Etienne Dominique), Arzt zu Charenton bei Paris, einer der größten Irrenärzte unserer Zeit, ist in Toulouse den 4. Jan. 1772 geboren. Er besuchte das de I'LscpüIIe seiner Vaterstadt und de 8t.-8ulpice zu Paris, diente 1794 bei dem Militairlazarethe zu Narbonne, erhielt 1805 den Doctorgrad, war seit 1811 zu Paris Arzt der Wahnsinnigen an der Salpetriere, bereiste 1808 und 1814 Frankreich, um die Hospitäler für Geisteskranke zu besichtigen, hielt seit 1817 klinische Vorlesungen über Seelenkrankheiten und Seelenheilkunde und veranlaßt? 1818 die Ernennung einer Commission, deren Mitglied er ward, zur Abstellung der Misbräuche in den Irrenhäusern. Er wurde 1823 Ge- neralinspector der Universität Paris, 1825 erster Arzt am Umso» des edieues; schon 1814 aber hatte man ihn zum Mitglied? der Ehrenlegion und der königlichen Akademie der Medicin ernannt. E. leitet seit einer großen Reihe von Jahren eine vortrefflich organisirte Privatirrenanstalt, der viele Unglückliche eine humane Be- bandlung,' und keine geringe Anzahl derselben ihre Genesung verdanken. Als eine merkwürdige Schöpfung E.'s ist das große Irrenhaus zu Roule zu nennen. Hier findet sich Alles so eingerichtet, wie E, es nach langjähriger Erfahrung für zweck- 862 Esterhazy von Galantha (Nikolaus — Paul, Fürsten) mäßig hält. E. ist ein ausgezeichneter Denker und Arzt. Bei ihm vereinigt sich das seltene Talent des Seelen- und Körperarztes auf eine wahrhast vollendete Weise, daher denn auch sein Urtheil über die Behandlung der schwierigsten und ver- wickeltsten Krankheitsfälle als Kanon gilt, wie dieses in unfern Tagen am Krankenbette Casimir Pe'rier's stattgefunden hat. Durch humane Pflege und Leitung der Geisteskranken und durch eine zweckmäßige moralische Behandlung derselben hat E. in den ihm untergebenen Irrenanstalten sehr glückliche Resultate in seinen Heilungen erlangt, wobei aber nicht übersehen werden darf, daß E. dieselben Grundsätze bei der Behandlung der Seelenftörungen befolgt, welche den Arzt bei Krankheiten des Körpers in der Anwendung scheinbar geringer Mittel zu glücklichen Resultaten führen, nämlich die Selbsthülfe der Natur zu achten und ihre heilsamen Bestrebungen zu unterstützen. E.'s große, so oft mit Erfolg gekrönte Kunst, das Resultat eines seltenen Scharfsinns, einer großen Treue und Sorgfalt in der Beobachtung der Kranken und einer tiefen und gründlichen Kenntniß des Zustandes und der Natur der Seelenstörungen, besteht nicht etwa in einem großen Arzneischatze, nicht in naturphilosophischen Principien, noch in Geheimthuerei, sondern vielmehr in der richtigen Wahl einfacher Mittel und in dem glücklichen Auffassen des passenden Zeitpunkts ihrer Anwendung. In dieser Hinsicht wie in so mancher andern ist und bleibt E. der erste Irrenarzt unserer Zeit. Die Anzahl von E.'s Schriften ist sehr groß und auch durch sie hat er sich als ein würdiger Schüler und als der letzte Nachfolger Pinel's gezeigt. Sie verbreiten sich über alle Gegenstände der Seelenheilkunde, vr. Hille in Dresden hat eine mit großem Beifall aufgenommene deutsche Bearbeitung derselben zu einer Art von System der Seelenstörungen und der Seelenheilkunde veranstaltet, unter dem Titel: „Esqui- rol's allgemeine und specielle Pathologie und Therapie der Seelenstörungen" (Leipzig 1827). ^ (2) Esterhazy von Galantha (Nikolaus, Fürst), geforsteter Graf zu Forchtenstein und Edelstetten, östreichischer Generalfeldzeugmeister und Capitain der ungarischen Leibgarde, gehört zu dem ersten und mächtigsten ungarischen Geschlechte, das die Genealogen bis zu einem angeblichen Abkömmling des Hunnenkönigs Etzel (Attila) Paul Estoraz hinaufführen, das dem Hause Habsburg besonders unter Ferdinand II. und Leopold I. wichtige Dienste bei der Bezwingung und Erhaltung Ungams geleistet hat und eine lange Reihe ausgezeichneter Staatsmanner, Krieger und Kirchenfürsten unter seinen Ahnen zahlt. Den Beinamen Galantha erwarb dieses Adelsgeschlecht 1421 mit der gleichnamigen Herrschaft im presburger Comitat. Nach 1595 zerfiel es in drei noch bestehende Hauptlinien. Die Linie Forchtenstein, die 1626 die gräfliche Würde erhielt, thei t sich in zwei Äste: Forchtenstein und Papa. Jene wurde von Kaiser Leopold I. in den Rcichs- fürstenstand erhoben, und hat nach und nach so viele Güter erworben, daß man den Fürsten für den reichsten Grundbesitzer in Europa hält. Fürst Nikolaus wurde am 12. Dec. 1765 geboren und brachte seine Jugendjahre auf Reisen durch ganz Europa, namentlich in England, Frankreich und Italien, zu. Wie sein Vater, Fürst Nikolaus, und sein Bruder, Anton, der, von Laudon innig bedauert, vor Belgrad die Todeswunde erhielt, weihte auch er sich dem Militair- ftande, wurde aber auch zu vielen diplomatischen Sendungen und zu Gefandtschas- ten bei feierlichen Anlässen gebraucht. Viele Zweige der Kunst und der Wissenschaft danken ihm wichtige Bereicherung. Er ist der Gründer der herrlichen Ester- hazy'schen Gemäldegalerie in dem, vom Fürsten Kaunitz gekauften Gartenpalaste in der wiener Vorstadt Mariahilf. Dort gründete er auch eine ausgewählte Sammlung von Kupferstichen und Zeichnungen. Seine herrliche Residenz in Eisenstadt, wo er Haydn's Gebeine mit ausgesuchter Pracht beisetzen ließ, wurde durch ihn ein Tempel der Tonkunst und der Botanik, seltene Schatze aus beiden bewahrend. F? k'in na> Wn und aus'der Harvard, l Nach den» N MM nOem em w michn andern europM KH zu erlangen, weichest sidentschast von den er die Unter ßck der niederländischen Re bizungsansprüche geltend zu > , Dessen hielt, die Anspruch blieb seitdem als Gesandter a Präsident geworden war, vi M den König zum Frieden Ack, die er aufbot, die ff MM/einen hoffnungslosen M Ansprich ««n Vchch i'ch», »ss- Boston »'S dK'Ä'- -kL'^ ^/'il hi»D fti. wchi!, Ti »!üSl« ^Piir chltii l-i ScksimP" V M"A» Illlh M"/" S?F Z-h^ Everett (Alexander Henry — Edward) 833 In einer Napoleon zugeschriebenen Proklamation von 1805 'und in einer andern von 1809 hatte man den unglücklichen Einfall, auf den Fürsten Efterhazy als zu erwählenden König von Ungarn zu deuten. Der Fürst war in Ungarn nie populair. Seine Gemahlin, Maria, Fürstin von Liechtenstein, Schwester des berühmten Feldmarschalls Fürsten Johann Liechtenstein, gebar ihm am 4. Marz 1786 den seit 1812 mit der Fürstin Therese von Thurn und Taxis vermahlten Fürsten Paul, der nach mehren Glückwünschungs-und feierlichen Einholungsauftragen 1810 die diplomatische Laufbahn in dem Gesandtschaftsposten zu Dresden betrat, und darauf als Gesandter nach London kam, wo er der vorzüglichen Gunst Georgs IV. genoß. Wie verlautet, wird er die diplomatische Laufbahn verlassen und die Leitung seiner großen, von Wien bis nahe an Bclgrad reichenden Güter übernehmen, sein Vater aber sich in die romantische Einsamkeit der Insel Meinau am untern Bodensee zurückziehen. (17) Everett (Alexander Henry), aus dem Staate Massachusetts, erhielt in Boston und auf der Harvard-Universität zu Cambridge seine Vorbildung zum öffentlichen Leben. Nach dem Frieden von 1815 suchte die Negierung der Vereinigten Staaten, nachdem ein Krieg die Rechnung mit England abgeschlossen hatte, von mehren andern europäischen Staaten durch Unterhandlungen Ersatz für die Verluste zu erlangen, welche sie als neutrale Macht während der Kriegsjahre durch Wegnahme von Schissen und Waaren erlitten, und E. wurde 1818 unter Mon- roe's Präsidentschaft von dem Staatssecretair Adams nach dem Haag geschickt; aber so gewandt er die Unterhandlungen führte, so waren doch bei dem Widerstande der niederländischen Regierung alle Bemühungen, wohlbegründete Entschädigungsansprüche geltend zu machen, ohne Erfolg, bis der Präsident 1820 für angemessen hielt, die Ansprüche einstweilen nicht mehr so lebhaft zu verfolgen. E. blieb seitdem als Gesandter am niederländischen Hofe und wurde 1825, als Adams Präsident geworden war, von dem Staatssecretair Clay nach Spanien gesandt, um den König zum Frieden mit den abgefallenen Colonien zu bewegen; aber alle Gründe, die er aufbot, die spanische Regierung von der Nothwendigkeit zu überzeugen, einen hoffnungslosen Widerstand aufzugeben, scheiterten an dem Starrsinn und Stolze der Minister Ferdinands, und Zea erklärte bestimmt, daß Spanien nie seine Ansprüche aufopfern werde. Nach dem Sturze dieses Ministers machte E. einen neuen Versuck) bei dem Herzog vonJnfantado, der ebenso erfolglos war, da er bei den Gesandten Englands und Rußlands die Unterstützung nicht fand, auf welche er gerechnet hatte. E. erhielt bei den von ihm geleiteten Unterhandlungen vielfache Gelegenheit, die europäische Politik und die Verhältnisse der Staaten der alten Welt kennen zu lernen, und er war um so mehr befähigt, seine Stimme abzugeben, da er von den Vocurtheilen frei war, welche auf die politischen Schriftsteller in Europa mehr oder minder Einfluß üben. Seine Schrift: „Lurope; or a ^eners! surve? of tüs present Situation vi tlle Principal power», witll conjectures on tdeir tu- ture prospects" (Boston 1822, deutsch vom Staatsrath Jakob, 2 Bde., Bamberg 1823), die er ohne seinen Namen herausgab, führt die Behauptung aus, daß der Fortschritt der Civilisation und die damit verbundene Ausbildung und Verbreitung freisinniger politischer Grundsätze den Übergang jeder Willkürherrschaft zu liberalen Verfassungsformen zur Folge haben müsse, und daß gewaltsames Ankämpfen gegen dieses Streben die unvermeidliche Wirkung nur erschütternder und gefahrlicher machen werde. In der Entwickelung dieser Behauptung geht er von der Ansicht aus, daß die europäischen Fürsten und die AnHanger der alten Staatseinrichtungen die Willkürherrschaft zu erhalten suchen, während die übrigen Staatsbewohner politische Freiheit und constitutionnelle Formen verlangen und gegen die Verfechter unbeschränkter Fürstenmacht in steter Opposition stehen. Schon in dieser Schrift machte er bei der Betrachtung der Verhältnisse der Staaten auf die Ge- V W 864 Everett (Alexander Henry — Edward) fahren der russischen Ubermacht aufmerksam. Unter seinem Namen erschien die Schrift: „New ickeas on Population, witb reinarks of tbe tbeories oflUaltbus anck <4oüwin" (London 1833), deren zweite Ausgabe (Boston 1826) auch eine Prüfung der Ansichten Say's und Sismondi's enthalt. E. stellt hier gegen die Meinung des Engländers, daß die Bevölkerung sich schneller vermehre als der Nahrungsbedarf und daher überall in der Welt eine Tendenz zur Hungersnoth sei, sowie gegen die aus diesem Grundsatz abgeleiteten Folgerungen, die gründlich entwickelte Behauptung auf, daß die Zunahme der Bevölkerung auch eine Zunahme der Unterhaltsmittel herbeiführe, daß die Nahrungsmittel stets mit der zu ernährenden Menschenzahl in angemessenem Verhältnisse stehe und Armuth und Mangel von andern Ursachen als von dem Drucke der Bevölkerung abhangen. Ein Seitenstück zu seiner Schrift über Europa ist: „America; ora Aeneral surve^ of tlle political Situation of tbe several powers of tbe westein continent" (Philadelphia 1837) deutsch 3 Bde., Hamburg 18.38), eine interessante Darstellung des Zustandes und der Aussichten der amerikanischen Staaten als Glieder der großen Familie civilisirter Völker auf beiden Hemisphären. Der Grundgedanke dieser Schrift ist, daß Rußland, der alle Mächte des Festlandes „erdrückende politische Koloß", Großbritannien, im Übergange von Tyrannei zur Freiheit und mit der Trennung der von ihm abhängigen Staaten bedroht, und die Vereinigten Staaten, durch die Priorität ihrer Nationalexistenz auf dem westlichen Continent übermächtig, die vorherrschenden Staaten der civilisirten christlichen Welt sind, und alle übrigen in Unterordnung gegen einen derselben stehen. Auch diese Schrift enthält, besonders in der Entwicklung der Verhältnisse der amerikanischenStaaten, geistreiche und tiefe Blicke, obgleich gegen seine allgemeine Ansicht der Weltverhältnisse sich Manches sagen laßt. E. steht mit Washington Irving, was Schönheit und Kraft der Rede betrifft, in der Reihe der amerikanischen Schriftsteller oben an. Als Adams und Clay das Staatsruder verließen, trat er aus der diplomatischen Laufbahn. — Sein Bruder Edward E., Professor an der Harvard-Universität, gehört gleichfalls zu den vorzüglichsten Schriftstellern Amerikas und ist ein ausgezeichneter Redner. Als Lafayette die Vereinigten Staaten bereiste, hielt E. am 37. August 1834 vor dem „Gast der Nation" und einer Versammlung der trefflichsten Männer aus allen Staaten der Union zu Cambridge ei e geistreiche Rede („An oratio» pronounceck at (lain- drillte, betöre tbe Ubi Leta Xuppa societ^", Boston 1834), worin er die besondern Veranlassungen zu geistiger Anstrengung, die Amerika darbietet, mit glänzender Beredsamkeit entwickelte. Zu diesen Anregungen rechnet er die neue Form der politischen Verfassung der Vereinigten Staaten und die eigenthümliche Natur dieses Bundesstaates. Er zeigt, daß in einem Lande, wo nichts dem Zufalle der Geburt gewährt wird, wo Jeder der Quelle der Ehrenvorzüge gleich nahe steht, wo nichts durch Beachtung erblicher Familienintercssen erlangt werden kann, sondern Alles auf dem Wege redlicher persönlicher Bewerbung erstrebt werden muß, eine solche gesellschaftliche Einrichtung mächtig wirkt, jede Kraft im Volke aufzurufen und mit magnetischer Anziehung in den entferntesten Theilen die schlummernde Fähigkeit seiner Kinder aufzusuchen. Er zeigt, wie in kleinen Staaten, durch das Band eines gemeinsamen Interesse verbunden, die Eingriffe der Übermacht verhütet, und die Fortschritte der Geistesbildung erleichtert werden, wie der Despotismus des Meinungsansehens abgewehrt, Gedankenfreiheit gesichert und dadurch der Wetteifer geweckt wird. In einer spatern Rede („An oratio» ckelivereck at ?l^- moutb", Boston 1834) spricht er über die Ursachen, welche die ersten Ansiedler von ihrer Insel auf das amerikanische Festland trieben, und schildert lebendig, wie sie unter Beschwerden und Mühen durch standhaften Sinn sich und ihren Nachkommen die Freiheit sicherten. In der ersten Zeit seiner literarischen Laufbahn gab E. eine engliche Übersetzung von Buttmann's griechischer Sprachlehre ^Cam- dridge in Massachusetts 1831) heraus. Ewald Ewyck 865 - s '^'' '^Äin 'Ä'MWäckN ^ 7!^ M — ^i MN! ijMÜ! l!Il^ Ewald (Georg Heinrich August), einer der ausgezeichnetsten Orientalisten, geboren zu Göttingen am 16. Nov. 1803. Schon früh mit rastlosem Eifer zu den Wissenschaften hingezogen, wurde er durch Unterstützung edler Menschen in den Stand gesetzt, 1820 die Universität seiner Vaterstadt zu beziehen. Er fühlte eine so entschiedene Neigung zu dem Studium der orientalischen Sprachen, daß er sich noch wahrend der Universitätszeit mit verschiedenen Seiten dieses umfassenden Studiums vertraut machte und sich auch in eignen Ansichten und Arbeiten schon versuchte. Die „Composition der Genesis, kritisch untersucht" (Braunschweig 1823) war eine Frucht dieser Studien. Nachdem er am 16. Jan. 1823 Doctor der Philosophie geworden war, ging er als Lehrer am Gymnasium nach Wolfenbüttel und ergriff die erwünschte Gelegenheit, in der dortigen Bibliothek orientalische Handschriften benutzen zu können. Aber schon um Ostern 1824 kehrte er unter Eichhorn's freundlicher Mitwirkung als Repetent der theologischen Facultät auf die Universität Göttingen zurück, wo er bald in einen umfassenden Lehrkreis trat und mit großem Beifall gehört wird. Die Regierung ernannte ihn im Mai 1827 zum außerordentlichen, im Jul. 1831 zum ordentlichen Professor der orientalischen Literatur. Um die handschriftlichen Schätze großer Bibliotheken zu benutzen, verweilte er 1826 drei Monate zu Berlin, und 1829 vier Monate zu Paris. Sein Hauptstreben war bisher dahin gerichtet, die Erklärung der Bibel und vorzüglich der Bücher des Alten Testaments fester zu begründen. In diesem Sinne arbeitete er die „Kritische Grammatik der hebräischen Sprache" (Leipzig 1827), welche zuerst die Aufmerksamkeit des gelehrten Publikums auf den jugendlichen Verfasser lenkte. Ihr folgte 1828 eine kürzere, teilweise neue Bearbeitung der vorigen. 1826 erschien ein Commentar über das Hohelied und 1828 über die Apokalypse. Mit den biblischen Studien verband er aber stets die der übrigen orientalischen Sprachen. Schon 1825 suchte er in der kleinen Schrift: „I)e metris carminnm uradicorum", einen sehr schwer scheinenden Gegenstand auf die festen Grundsätze des Rhythmus zu bauen. Eine historische Schrift über die Eroberung Mesopotamiens nach Wakidi erschien 1827, und der erste Theil einer arabischen Grammatik 1831. Die „Abhandlungen zur orientalischen und biblischen Literatur" (erster Theil, Göttingen 1832) enthalten unter Anderm Aufsätze zur syrischen Literatur. Die Sanskritsprache lehrte er seit 1827 in ununterbrochenen Vorlesungen. Eine Probe seiner Studien des Sanskrit enthält der Versuch über einige ältere Sanftritmetra. Kritische Beur- theilungen über diese Gegenstände hat er besonders in den „Göttinger gelehrten Anzeigen" und in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik" niedergelegt. In allen seinen Arbeiten zeigt sich eine reiche und gründliche Gelehrsamkeit, mit Scharfsinn und Streben nach wahrer Wissenschaftlichkeit verbunden. In der Behandlung der Elementarlehre befolgt er vornehmlich die von Grimm in Bezug auf das Deutsche, und von Bopp in Bezug auf das Sanskrit gebrauchte historisch-genetische Methode, welche sich bestrebt, die Art der Entstehung der ein zelnen grammatischen Formen recht anschaulich zu machen, durch Berücksichtigung des in der Sprache allmälig eintretenden Erhärtens, Erweichens, Verhauchens und Umbildens einzelner Laute oder Buchstaben. Er sucht überall in der Sprachbildung die Gesetze nachzuweisen, nach-welchen sie erfolgte, und so viel möglich die erste Gestalt der Sprachformen aufzuspüren. Er hat hierin viel Verdienstliches geleistet, obgleich auf diesem Felde der Sprachforschung natürlich Manches hypothetisch bleiben muß. Eigm ist ihm eine scharfe Polemik gegen frühere Grammatiker. Ewyck (I. D. van). Dieser in der Culturgeschichte des neuern Niederlandes hochverdiente Mann ist um das Jahr 1790 zu Utrecht geboren, wo er, so viel wir wissen, auch seine Studien gemacht hat. Nachdem er sich in der Rechtswissenschaft ausgebildet und sich sowol in den alten Sprachen und den damit zusam- .' ^ilüi iiivUi " ^ A, Aix ^ -' !raWUd»iISH knlSdz«t»M .Ä''! dl >^:?xkt-'K»Bßd «t>. . »S»»»WM" t»- ^ÄZK Mi ?-W -M 7»»'^ Eylert 807 Eylert (Nulemann Friedrich), Bischof der evangelischen Kirche in den preußischen Staaten, wurde den 5. April 1770 zu Hamm in der Grafschaft Mark geboren, wo sein Vater, ein gelehrter und frommer Mann, Prediger der dortigen reformirten Gemeinde und Professor an dem damaligen ^>mnusiiun ACÄtleioicum war. Auf demselben gebildet, studirte er auf der Universität zu Halle unter Semler, Nösselt, Mucst'nna, Knapp, Niemeyer, Eberhard und Maaß, Theologie und Philosophie und wurde, nach beendigten akademischen Studien, dritter und bald darauf zweiter Prediger und Nachfolger seines Vaters zu Hamm. Von seiner Vaterstadt und Gemeinde geachtet und geliebt, zog er es vor, bei derselben zu bleiben, und lehnte den Ruf zum Consistorialrath nach Münster und spater zum Prediger nach Bremen ab. Empfohlen von dem damaligen Oberprasi- denten der Grafschaft Mark, dem nachherigen Minister von Stein, unter dem er in Kirchen- und Schulsachen arbeitete, und von dem verewigten Bischof Sack zu Berlin vorgeschlagen, erhielt er im Jahre 1806 den Ruf als Hof-, Garde- und Garnisonprediger zu Potsdam, dem er folgte. So unglücklich die damaligen Zeitumstande waren, unter welchen er sein Amt bei dieser großen Gemeinde antrat, so günstig waren sie zur Erzeugung eines christlich-kirchlichen Sinnes. Durch Herausgabe ascetischer Schriften zum Besten der Armen, und von allen Seiten, auch aus entfernten Gegenden, unterstützt, gelang es ihm, eine Speiseanftalt zu stiften und zu leiten, der viele Tausende durch zwei drangsalvolle Jahre, wahrend des Krieges, die Erhaltung ihrer kümmerlichen Existenz verdankten. Als er späterhin Hof- und Domprediger in Berlin werden sollte, bat die Bürgerschaft der Stadt Potsdam, daß er ihr erhalten werden möchte. Zum Consistorialrath und Mitglied der geistlichen und Schuldeputation der kurmarkischen Regierung auf den Antrag des Oberprasidenten von Vincke ernannt, war er in der Bearbeitung der Kirchen- und Schulsachen in dieser Sphäre so lange thatig, bis dieses Collegium von Potsdam nach Berlin verlegt wurde. Zum Andenken der verewigten Königin Louise von Preußen gab er 1811 eine Schrift heraus, aus der eine milde Stiftung zur jahrlichen Ausstattung armer tugendhafter Brautpaare am Todestage der Königin hervorging, die wohlthatig auf die Volksclasse wirkt, für welche sie gestiftet wurde und die jetzt ansehnlich fundirt ist. Nach dem Tode des Bischofs v. Sack, 1818, wurde er auf dessen Wunsch Bischof der evangelischen Kirche in den preußischen Staaten, Mitglied des Staatsraths, und auf den Antrag des Ministers von Altenstein Mitglied des Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten. Bei der Jubelfeier der Reformation ertheilte ihm die theologische Facultat zu Halle die theologische, und die philosophische Facultat daselbst die philosophische Doctor- würde. Seine zahlreichen ascetischen Schriften sind mit Beifall aufgenommen und mehre von ihnen, wie z. B. seine „Betrachtung bei der letzten Trennung von den Unsrigen" und seine „Homilien über die Parabeln Jesu", haben mehre Auflagen erlebt. Mit Hanstein und Draseckc gab er für Prediger ein Magazin heraus, welches mit dem Tode Hanstein's geschlossen ist. Als einen Beitrag zur Feier des Jubelfestes der Übergabe der augsburgischen Confession gab er seine vielbesprochene Schrift: „Über den Werth und die Wirkung der für die evangelische Kirche in den königlich preußischen Staaten bestimmten Liturgie und Agende" (zweite Auflage Potsdam 1830) heraus, wodurch er zur richtigen und unbefangenen Würdigung dieses verschiedenfach aufgefaßten Gegenstandes sehr wesentlich wirkte. 55* ... <1 Verzeichniß der in diesem Bande enthaltenen Artikel. Seite Abel (Niels Henrik) 1 Abernethy (John) . 2 Ablösung der Grundei- genthumsbelastun- gen . . . . — Abrahamson (Joseph Nicolai Benjamin) 8 Abrantes (Herzogin von), s. Junot , 9 Absolutismus . . — Acourt (Sir William), s. Heytesbury . . 19 Acupunctur ... — Adams (John) . .11 Adelaide Louise Therese Karoline Amalie (Königin von England) ... 13 Adlersparre (Georg) 14 Adrian (Georg Valentin) ... 18 Adrianopel (Einnahme und Friede von) — Afrika .... 24 Afzelius (Familie) . 35 Agardh (Karl Adolf) 38 Agendenftreit, s. Liturgieveranderungen 37 Agrell (Karl Magnus) — Aguado .... — Ägypten .... 38 Akjerman ... 47 Alava (Miguel Ricardo d) . . . - 49 Albert (Ludwig von) 51 Alexius Friedrich Christian (Herzog von Anhalt-Bernburg) 52 A. Seite Algier .... 53 Alkaloide ... 84 Ellmendingen (Ludwig Harscher von) — Althorp (Viscount) 86 Amerika ... — Amherst (William Pitt, Graf von) 75 Ammon (Friedrich August von — Friedrich Wilhelm Philipp von) . 78 Ampere (Andre Marie — Jean Jacques) ... 77 Amsler (Samuel) . 78 Anckarsward (Michael — Karl Henrik) 79 Anderloni (Pietro — Faustino) . . 89 Andrada (Familie) 81 Angely (Louis) . 88 Anglesey (Henry William Paget, Marquis von) . . — Antommarchi . . 87 Anton Clemens Theodor (König von Sachsen) . . 88 Anwaltgcsellschaften 89 Arms (Franz Joseph, Freiherr von) . 91 Argout(d') . . 92 Arlincourt (Victor, Vicomte d'). . — Armansperg (Joseph Ludwig, Graf von) .... 93 Seite Armatolen undKleph- ten . . . . 95 Armencolonien . 192 Arnoldi (Ernst Wilhelm) . . . 197 Artesische Brunnen 198 Artner (Therese von) 112 Aschbach (Joseph) 113 Asien .... — Ast (Georg Anton Friedrich) . . 123 Aster (Ernst Ludwig) 124 Auber (Daniel Fran- 9vis Esprit) . 125 AudrydePuycaveau 128 Augsburgische Con- fession (Jubelfeier im 1.1839) . 127 August Paul Friedrich (Großherzog zu Oldenburg) . . 139 Augusti (Johann Christian Wilh.) 131 Auslieferung . . 132 Australien . . . 135 B. Bachmann (Karl Friedrich) . . 144 Baden .... 145 Baer (Karl Ernst v.) 153 Baiern .... 155 Balbi (Adrian) . 185 Balkan .... — BallesteroS (Don Francisco). . 187 ^-5 Zl. C«, » <5 . l BI ' . KM 5' ^ ^ Verzeichniß der in diesem Bande enthaltenen Artikel 86V Seite lipp Wilh. Georg August) . . . 256 Bninski (Alexander, Graf) ... 257 Bockt) (Friedrich von) — Bohlen (Peter von) 259 Böhmen ... — Böhmische Literatur 266 Bohnenberger (Johann Gottlieb Friedrich) . . 262 Boigne(Graf) . 263 Boje (Heinrich) . 264 Bolivar (Simon) . — Bolivia. . . .270 Börne (Ludwig) . 273 Bornhauser (Thomas) . . . 275 Borowski (Ludwig Ernst von) . . 279 Bosse (Rudolf Heinrich Bernhard) . 280 Böttiger (Karl Wilhelm) . . .281 Bourmont (Louis Auguste Victor de Ghaisne, Graf von) .... 282 Bourrienne (Louis Antoine Fauvelet de) ... . 285 Bowring (John) . 287 Boye (Johannes) . 288 Brahe (Magnus, Graf) ... — Bran (Friedrich Alexander) . . . 289 Brandes (Heinrich Wilhelm) . . 290 Brandes (Rudolf) 291 Brandis (Joachim Dietrich) . . — Brandt (Heinrich v.) 292 Brasilien seit 1829 294 Braunschweig . . 306 Bravo (Don Nicho- las) . . . .319 Brehm (Christian Ludwig). . . 320 Breithaupt (Johann August Friedrich) 321 Seite Dallesteros (Luis Lopez . . . 168 Banim (John) . 169 Barante (Prosper Brugiere de) . 170 Barbacena (Marquis von) .... 172 Bärensprung (Friedrich Wilhelm von) 173 Barrikaden . . 174 Barrow (John) . 177 Bartels (Ernst Daniel August). . 178 Barthe (Felix) . . 179 Barthelemy und Mery . . . 180 Bartholdy (Jakob Salome) . . 182 Basel (Verfassungsänderung und Unruhen in der neueftenZeit) 184 Battifti di S.-Gior- gio, f. Scolari . 189 Baumgarten-Crusi'us (Detlev Karl Wilh.) — Baumgarten-Crusius (Ludwig Friedrich Otto) ... 192 Baumgartner (Gallus Jakob) . . .193 Beauchamp (Alphonse de) ... . 195 Becker (Karl Ferdin.) — Beechey (Frederick William) . . 197 Belgien seit 1830 198 Belliard (Augustin Daniel, Graf) . 217 Bellini (Vincenzo) 218 Bem (Joseph). . 219 Benecke (Georg Friedrich) .... 222 Bengel (Ernst Gottlieb) .... 223 Bentheim (Prinz Wilhelm zu) . — Bentinck (William Henry Cavendish, Lord) . . .224 Benzel-Sternau (Karl Christian,Grafv.) 225 Seite Be'ranger (Pierre Jean) . . .226 Berenger . . . 229 Berger (Ludwig) . — Berghaus (Heinrich Karl Wilhelm) 230 Bergler (Joseph) . 231 Berlins Kunstsammlungen ... — Bernhard II. Erich Freund (Herzog von Sachfen-Mei- ningen) . . . 238 Bernhard (Prinz von Sachsen-Weimar), s.Sachsen-Weimar239 Beroldingen (Joseph, Graf von) . . — Berryer. . . . 240 Berthezene (Baron) 241 Bertin (Jean Francis — de Vaux) 241 Beskow (Bernhard von) .... 242 Beudant (F. S.) . 243 Beugnot (Jacques Claude, Graf) . — Beuth (R. C. W.) 244 Bewegung und Re- action . . . 245 Biberg (Niels Fre- drik) . . . .248 Bichat (Marie Fran- 90is Xavier) . . 249 Biener (Christian Gottlob — Friedrich August) . 250 Birch-Pfeiffer (Charlotte) . . .251 Birnbaum (Johann von) .... 252 Birnbaum (Johann Franz Michael). 253 Bjerregaard (H. A.) — Blacas d'Aulps (Herzog von) . . 254 Blesson (Johann Ludwig Urban) . . — Blum (Karl) . . 255 Blume (Friedrich) 256 Blummhagen (Phi- lWWWH 870 Verzeichniß der Seite Breithaupt (Ludwig von) .... 322 Bretschneider (Karl Gottlieb) . . — Breuer (Friedrich Ludwig) . . 324 Bridgewater(Francis Henry Egerton, Graf von) . . 325 Brocchi (Giovanni Battista) . . 32k Brom . . . .327 Brongniart (Alexandre — Adolphe) — Bröndsted (Peter Oluf) . . .329 Bronikowski (Alexander von Opeln-) 330 Brouckere (Charles de) ... . 331 Brougham and Vaux (Henry, Lord) . 332 Broussais (Francis Joseph Victor) . 337 Vrown's Atomenbewegungen . . 339 Brulliot (Franz) . 340 Buchner (Andreas) 341 Buenos Ayres, s. Pla- ta, La, die Staaten am ... . — Bührlen (Friedrich Ludwig)... — Bulgarin (Thaddäus) . . .342 Bülow (Heinrich, Freiherr von) . 343 Bülow (Gottfried Philipp von) . 344 Bulwer (Eduard Carle Lytton) . 346 Bunsen (Christian Karl Jostas) . 347 Burdach (Karl Friedrich) .... — Burdett (Sir Francis) .... 348 Burg (JosephVitus) 350 Burger (Johann) . — Vürgergarden in Deutschland, f. in diesem Bande ent Seite Deutschland und Volksbewaffnung 352 Burke. Burken . — Burnouf (Eugene) 354 Büsching (Johann Gustav) ... — Byström (Johann Niclas) . . .355 C. Cadaval (Herzog v.) 356 Cailliaud (Frederic) 359 Caillie (Rene) . . 360 Calomurde (Don Francisco Tadeo) 362 Camarilla . . . 365 Cancrin (Graf) . 366 Canitz (Freiherr von) 367 Cannabich (Johann Gottfried Friedr.) 368 Canning (George) 369 Capece-Latro (Erzbi- schofvon Tarent) 373 Capelle (Guillaume Antoine Benoit, Baron) . . . 374 Capodistrias, s. Kapodistrias . . 375 Caclisle (George Howard, Graf von) — Carlos (Don Maria Jsidro) ... 376 Carlyle, f. Deutsche Literatur im Auslande . . .378 Carove (Friedrich Wilhelm) . . Carrel (Armand) . 379 Carro (Johann de) 380 Carus (Karl Gustav) 382 Casper(Joh.Ludw.) 384 Castiglioni (Carlo Ottaviano, Graf) 385 Cean - Bermudez (Juan Augustin) — Celles (A. C. Fiacre Visher, Graf de) 386 Cenfur, f. Preßfreiheit .... 388 Chalmers (Georg) — ütenen Artikel Seite Chalmers (Thomas) 388 Charte, französische, von 1830 . . Z89 Chasse (David Heinrich, Baron von) 392 Chateaubriand (Fran- 9vis Auguste, Vi- comte de) . . 393 Chatel (Ferdinand Francis) . . 399 Chaves (Emanuel, Marquis von) . 400 Chelius (Maximilian Joseph) . . . 403 Chemie.... 404 Chile .... 410 Chinesische Romane 413 Chinesischer Handel, f. Ostindisch-chinesischer Handel . 415 Chlapowski . . — Chlopicki (Joseph) 416 Chlor, Chlorgas, Chlorkalk . . 420 Chodzko (Jakob Leonhard) . . . 422 Chokier, Surlet de, f. Surlet de Chokier 423 Cholera.... — Choris (Ludwig) . 435 Chotek(Karl,Grafv.)437 Choulant (Ludwig) 438 Christiania (Universität) . . .439 Chrzanowski (Adalbert von) . . 440 Church (Sir Richard) . . . 441 Civiale (Jean). . 445 Clam - Martinitz (Gottlieb — Karl, Grafen) ... - Clapperton (Hugh) 446 Clarus (Johann Christian August) . 449 Clary und Albungen (Karl Joseph,Fürst von) .... 450 Clauzel (Bertrand, Graf) . . .451 Clay (Henry) . . 452 ' ^ ' " Ij '" ! ' -«;K!/ V ' ^ z/, >.- KM t» ">«,« l'>M ch, -M ... ^ .^W! SAU - j'j W ., .» ÄtzWz« !.- ÄSiP« . 5j Sw..,, 5 WM)/ n , ^ Wß »»4/ . b-ilb» P> k ßÄlZS!^" ^ p-M N>' ^ »»» sÄ -> p''^? SÄ" ;> > "-A- Verzeichniß der in du fem Bande enthaltenen Artikel 87t Seite Clercq (Willem de) 454 Gosen (Karl Heinrich Ferdinand Friedrich von) .... 456 Clossius (Johann Friedrich — Karl Friedrich—Walther Friedrich) . — Cochrane (Alexander Thomas, Lord), s. Dundonald (Graf) 457 Codrington (Sir Edward) ... — Colburn (Henry) . 459 Colebrooke (Henry Thomas) . . 460 Cölibat.... — Collin (Jonas) . 465 Cölln (Daniel Georg Konrad von) . 467 Colloredo (Ferdinand, Graf) . . . 468 Colombia . . . 469 Colonien, Colonisa- tion .... 471 Communalgarden in Deutschland, s. Deutschland und Volksbewaffnung 475 Componisten, die bedeutendsten der neuesten Zeit . — Concordate der neuern Zeit .... 487 Conde (Louis Henri Joseph, Herzog von Bourbon, Prinz von).... 499 Congregation . . 502 Congreve's Farbendruck. . . . 505 Conradi (Johann Wilhelm Heinrich) — Constitutionen der letzten fünf Jahre — Constitutionnelles System .... 512 Contagium und Miasma . . . 518 lücmtewpvraine, 4.s, s. Saint-Elme . 520 Seite Convertiten . . 520 Cooper (SirAstley) 525 Corbiere (Jacques Joseph Guillau- me Pierre, Graf) — Cormenin (Louis Marie de Lahaye, Vicomte de) . 526 Cornelius (Peter von). . . .528 Cotta von Cottendorf (Johann Friedrich, Freiherr) . . 531 Courier(PaulLouis) 532 Courvoister (Jean Joseph Antoine) . 535 Cousin (Victor) . 536 Cramer (Johann Friedrich) . . 5Z9 Crawfurd (John) . — Crawfurd (William Henry) . . . 540 Crelinger (Auguste) 541 Criminalgesetzgebung542 Crusell (Henrik Bernhard) . . .547 Csoma (Alexander) 548 Csaplovics (Johann) — Cumberland (Ernst August, Herzog v.) 549 Cunningham (Allan — Peter) . . 550 Czartoryski (Adam, Fürst) . . .551 D. Darier (Bon Joseph). . . . 554 Dahlgren (Karl Johann) . . .555 Dahlmann (Friedrich Christoph) . . — Damas (Ange Hya- cinthe Maxence, Baron) . . . 557 Dambray (Charles) 558 Dampfbader . . 559 Dampfwagen . . 567 Danemark. . . 570 David (PierreJean) 575 Seite Davidson (Lucretia Maria) . . .576 Davis (John Francis) . . . 577 Decaux (Louis Victor Blacquetot, Vicomte) . . . 578 Decker (Karl von) . — Deinhardstein (Ludwig Franz) . . 579 Delbrück (Joh.Friedr. Gottlieb) . . .581 Delbrück (Johann Friedrich Ferdinand) . . .582 Delbrück (Gottlieb) 583 Delessert (Benjamin, Baron) . . . 584 Dembinski (Heinrich) — Denham (Dixon) . 587 Deutsche Kunst in der neuern Zeit 588 Deutsche Kunstvereine .... 620 Deutsche Literatur 623 Deutsche Literatur im Auslande . 638 Deutsche Musik- und Liederfeste . . 650 Deutsche Sangerund Sangerinnen, s. Sanger und Sangerinnen. . . 652 Deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen .... -. Deutsche Zoll- und Handelsvereine. 656 Deutschland . . 663 Diamanten . . 683 Diebitsch-Sabalkanski (Hans Karl Friedrich Anton von Die- bitsch und Narden, Graf von) . . 684 Dieffenbach (Johann Friedrich) . . 686 Dienstpragmatik . — Diplomatie . . 689 Dissen (Ludolf) . 693 Distelli (Martin) . -- 872 Verzeichniß der in diesem Bande enthaltenen Artikel Seite Döbereiner (Johann Wolfgang) . . 694 Dohna - Schlobitten (Friedrich Ferdinand Alexander, Reichsburggrafund Graf) ... 696 Döhner (Gotthilf Ferdinand) . . — Domainenfrage . 698 Dombrowski (Joh. Heinrich) . . 794 Donker-Curtius van Tienhoven (Willem Boudewyn) 707 Doorn van Weftca- pelle (Hendrik Ja- cobus,Baronvan)708 Doppelsterne . . 709 Döring (Friedrich Wilhelm) . . 712 Döring (Georg Christian Wilhelm As- mus) ... — Dorow (Wilhelm) 713 Doudeauville (Michel de Larochefoucault, Herzog von) . 714 Douville(JeanBap- tifte). . . . 715 Dover (George James Welbore Agar Ellis, Baron) . 717 Dresden im Jahre 1830 . . .718 Dresch (Georg Leonhard Bernhard v.) 724 Drewsen (Johann Christian) . . 725 Drovetti (Bernardin) — Dubois. . . . 728 Duchesne (Jean) . 729 Dulaure (Jacques Antoine) . . — Dumas (Alexandre) 730 Dumolard (Bouvier, Ritter) . . . 731 Dumont (Pierre Etienne Louis) 732 Seite Dundonald (Alexander Thomas Coch- rane, Graf von) 734 Duperre (Victor Guy, Baron) .... . 739 Dupin der Ältere (Andre Marie) . 740 Dupont de l'Eure (Jacques Charles) 742 Duras (Herzogin v.) 743 Duttlinger (Johann Georg) . . . 744 Dwernicki (Joseph) 746 E. Eberhard (Franz — Konrad). . . 748 Ebert (Karl Egon) 749 Eckersberg (Christoph Wilhelm) . . — Edgeworth (Maria) 750 Ehrenberg (Christian Gottfried) . . 751 Eichendorss (Joseph, Freiherr von) . 753 Einsiedel (Detlev, Graf von) . . 754 Einsiedel (Friedrich Hildebrand von) 757 Eisenbahnen . . 760 Eisenschmid (Leonhard Martin) . 763 Eisenstuck (Christian Gottlieb) . . 764 Elci (Angelo d') .765 Elektromagnetismus 766 Ellis (Agar), s. Dover (George James Welbore Agar Ellis, Baron) . 767 Ellis (William) . — Elsholtz (Franz von) 768 Emancipation der Juden . . . 769 Emancipation der Katholiken in England .... 775 Seite Emigrationsvereine 784 Engelhardt (Karl August) . .786 Encke(Joh. Franz) 787 England . . . 788 Englands Gesetzreformen der neuern Zeit . . . .805 Englische Kunst . 812 Englische Literatur 816 Entdeckungsreisen 828 Erdwarme und Cen- tralfeuer. . .837 Erfindungen und Entdeckungen der neuesten Zeit . . 838 Erman (Paul) . 844 Erman (Adolf Georg) . . . 845 Ernst III. (Herzog zu Sachsen-Koburg- Gotha) ... — Erratische Felsblöcke 847 Erzerum und der rus- sisch-türkischeKrieg in Armenien in den Jahren 1828 und 1829 ... 848 Erziehungswesen . 853 Eschenmayer (Christoph Adolf) . 856 Escher (Johann Konrad) .... — Eschscholtz (Johann Friedrich) . . 858 Eschwege (Wilhelm Ludwig von) . 859 Esquirol(Jean Etienne Dominique). 861 Esterhazy von Galan- tha (Nikolaus — Paul, Fürsten) 862 Everett (Alexander Henry—Edward) 863 Ewald (Georg Heinrich August) . 865 Ewyck (I. D. van) Eylert (Rulemann Friedrich) . . 867 S7Z -Literarische Anzeigen. Der Verleger des Conversations-Lexikons erlaubt sich, die Besitzer desselben auf nachstehende drei wichtige Unternehmungen, womit er beschäftigt ist, aufmerksam zu machen: I. Geschichte Europas seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts. Von Friedrich von Raumer. In sechs Banden. Gr. 0. Jeder Band 30 — 40 Bogen. Eine Darstellung der Geschichte Europas seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, von dem Verfasser der „Geschichte der Hohenstaufen und ihrer Zeit", war seit langer Zeit Wunsch vieler Freunde historischer Kunst und Forschung, auch wurde derselbe in den letzten Jahren besonders durch die Mittheilungen einzelner Geschichtsabschnitte dieser Zeit, in dem von Herrn von Raumer herausgegebenen „Historischen Taschenbuch", belebt und genährt. Es war zu hoffen, daß jene einzelnen Mittheilungen nicht vereinzelt bleiben, sondern sich früher oder später einmal zu einem gemeinsamen Ganzen aneinandcrschließen würden, und so freuet es den Unterzeichneten, dieser Hoffnung zu entsprechen, indem er hierdurch das nahe Erscheinen des genannten Werkes verheißen kann. Wenn die bisher davon bekannt gewordenen Abschnitte, was die Form betrifft, bereits eine Gewähr geben, daß auf die Darstellung besonderer Fleiß verwandt ist, so darf sich auch in Hinsicht auf Geist und Gesinnung, aus denen der Verfasser die Begebenheiten auffassen und darstellen wird, und die bei einer neuern Geschichte allerdings die am wesentlichsten eingrei- ftnden Grundlagen des ganzen Gebäudes sind, die Erwartung nicht anders als der Befriedigung für gewiß halten. Der Verfasser hat insbesondere seinen historischen Beruf stets dadurch zu bethätigen gesucht, daß er sich nie zu dem Geiste der Geschichte in einem Gegensatz befunden, und er zeigte (auch in seinem Verhältniß zu den neuesten Aeitangelegenheiten der Gegenwart) immer die unbefangene und klare Stimmung des Historikers, dessen Blick in die Ereignisse durch keine Ultrarichtung irgend einer Art getrübt werden soll. Dies kann man mit um so größerm Bezug hier erwähnen, da die Art der Stimmung, in welche sich der jetztlebende Geschichtschreiber seit den überall wiederempfundenen Eindrücken der Juliusrevolution versetzt findet, nothwendigerweise auch auf seine ganze Geschichtßansicht der neuern Zeit einflußreich zurückwirken muß. In dieser Hinsicht konnte aber das hier angekündigte neue Werk vielleicht kaum einen bedeutsamer» und günstiger» Zeitpunkt für sein Hervortreten wählen, als eben den gegenwärtigen, wo alle Bewegungen und Erscheinungen des Tages auf den Zusammenhang der Geschichte zurückweisen, aus dem sie verstanden, erklärt, ja selbst praktisch ausgeführt sein wollen. So kann und wird diese „Geschichte Europas seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts" in unbefangenem und doch umfassendem Sinne ein antwortgebendes Buch auf die verschlungenen Fragen der Gegenwart werden, und mit der ordnenden Stimme der Geschichte, mit der Unwiderleglichkeit des Facturus, in den Meinungsstreit der Politik anregend, belehrend, ausgleichend und weiterbildend hineinreden. Der unmittelbare Zweck dieses Werkes ist jedoch nichtsdestoweniger ein rein historischer nach Form und Richtung: es soll ein Hand- und Lesebuch sein, das den Liebhaber wie den Kenner in einen lebendigen Zusammenhang der denkwürdigsten Borgänge der ncuern Geschichte versetzen will. Während die Popularität der Darstellung und die Klarheit der Ansicht, welche Herrn von Raumer's historischen Leistungen stets eine so allgemeine Wirksamkeit gewonnen haben, jene auch diesmal anziehen dürfte, wird der Geschichtsforscher, in factischer Hinsicht, manches neue und eigenthümliche Resultat des Quellenstudiums und der literarischen Reisen des Verf. bemerken- Der Stoff dieser „Geschichte Europas seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts" wird sich in den sechs Bänden, in die er sich theilt, organisch ordnen, sodaß der erste Band: Italien, Spanien, Portugal und Deutschland bis zum Tode Karls V; der zweite: den Norden, Frankreich, England und die Niederlande bis zum siebzehnten Jahrhundert, 874 der dritte: Deutschland vom Tode Karls V bis zum westfälischen Frieden und Frankreich vom Tode Heinrichs IV bis zum Tode Mazarin's; der vierte: die englische Rebellion und die Zeit Ludwigs XIV; der fünfte: die europäischen Verhältnisse bis zum Jahre 1789; und der sechste: das Zeitalter der Revolution und deren Folgen umfassen wird. Die ersten drei Bande der Handschrift sind vollendet, und der Herr Verfasser wird, so weit es seine Kräfte erlauben, bemüht sein, diesen die übrigen baldmöglichst folgen zu lassen. Der Druck des ersten Bandes ist bereits so weit gediehen, daß die Erscheinung desselben im Oktober mit Gewißheit versprochen werden kann; und der zweite und dritte Band sollen im Laufe des nächsten Jahres geliefert werden. Wie bei des Herrn Verfassers „Geschichte der Hohenstaufen", so wende ich auch bei diesem Werke die größte Sorgfalt auf das Äußere, das ganz mit dem erster» übereinstimmend sein wird. Es werden zwei Ausgaben veranstaltet, da sich aber der Umfang der verschiedenen Bande nicht genau berechnen läßt, so kann ich den Subscriptionspreis für den Bogen nur ungefähr für die Ausgabe auf gutem weißen Druckpapier auf 2 Gr. Ausgabe auf extrafeinem Velinpapier auf 4 Gr. festsetzen. Jedenfalls wird der Ladenpreis später höher sein. II. Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit. Mit geschichtlichen Einleitungen und Erläuterungen von Karl Heinrich Ludwig Pölitz. Zweite, neugeordnete, berichtigte und ergänzte Auflage. In drei Bänden. Unter dem Titel: „Die Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren", gab Herr Hofrath und Professor Pölitz zu Leipzig in den Jahren 1817-26, doch ohne damals sich zu nennen, bei dem unterzeichneten Verleger ein Werk in vier Bänden heraus, das die gesammten neuen europäischen Verfassungen seit der französischen Revolution bis zum Jahre 1824 umschloß. Das in den letzten Jahren neu erwachte Interesse für constitutionnelles Leben hat den Vorrath der ersten Auflage bald erschöpft; Herausgeber und Verleger beabsichtigen daher jetzt eine zweite, neugeordnete, berichtigte und bis zum Jahre 1882 fortgeführte Auslage erscheinen zu lassen. Die neue Anordnung des Werkes beruht darauf, daß die einzelnen Reiche und Staaten nach ihren Verfassungen auf einander folgen, so daß z. B. sämmtliche Verfassungen innerhalb des deutschen Bundes, so wie sämmtliche in Frankreich, den Niederlanden, Polen :c. nach einander ins Leben getretene Verfassungen auch unmittelbar nach einander dargestellt werden. Di,e Berichtigungen werden theils die geschichtlichen Einleitungen, theils die Revision des abgedruckten Textes betreffen. Die Ergänzung endlich ist dafür bestimmt, daß alle seit dem Jahr 1824 erschienene Verfassungsentwürfe und Verfassungen bis zum Jahr 1832, mf gleiche Weise wie in der ersten Auflage, mit geschichtlichen Einleitungen bevorwortct werden sollen. Die nach dem beendigten Druck eines Bandes erscheinenden Verfassungen sollen entweder beim dritten Bande, oder in Supplementheften nachgeliefert werden. Die amerikanischen Verfassungen werden später, sobald das constitutionnelle Leben in den neuen Staaten dieses Erdtheils fest begründet sein wird, erscheinen. Durch eine veränderte Druckeinrichtung — für die Einleitungen, für die bestehenden, und für die erloschenen Verfassungen werden dreierlei Lettern genommen — wird es möglich werden, die gesammten bereits in die erste Auflage aufgenommenen, wie die neu erschienenen Verfassungen in drei Bände zusammenzudrängen, von denen der erste die sämmtlichen erloschenen und bestehenden Verfassungen des teutschen Staatenbundes enthalten wird, worauf im zweiten Bande die französischen, italienischen, niederländischen, spanischen und portugiesischen, ?! ' i,','','! L sich Iii» Hill I 17 -i-MiSitzs» 77- -..- ie:Ai W« ,7:7-, N iM ilW go»> --- -E.< .U->' --K-» . ! «ÄS?^ 875 und im dritten die übrigen neueuropäischen Verfassungen (Polens, Schwedens, Norwegens, Griechenlands zc) folgen sollen. Über die Wichtigkeit dieses Werkes für Staatsmänner und Landtagsdeputirte, das in der zweiten Auflage, die wir hiermit ankündigen, alle erloschene und be stehende Verfassungen enthält, ist es überflüssig, etwas zu bemerken, und der be rühmte Name des Herrn Herausgebers bürgt dafür, daß die so wesentlichen ge schichllichen Einleitungen befriedigend abgefaßt sein werden. Der unterzeichnete Verleger rechnet auf eine große Theilnahme des Publicums; der Bogen wird daher im Subscriptionspreise in keinem Falle höher als Gr. zu stehen kommen; er hofft ihn selbst noch billiger liefern zu können. Der erste Band, dessen Druck bereits begonnen hat, erscheint im Herbste dieses Jahres, und die übrigen zwei Bände werden im Laufe des folgenden Jahres beendigt werden. li't" III. Encyklopädisch-philosophisches Lexikon, oder Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte. Nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschast bearbeitet und herausgegeben von Wilhelm Traugott Krug. Zweite, verbesserte und vermehrte, Auflage. In vier Bänden. Als im Jahre 1826 die erste Auflage dieses Werks angekündigt wurde, sprach sich die Verlagshandlung darüber gegen das Publicum folgendermaßen aus, was auch für die zweite Auflage gilt: ,,Die Philosophie hat aufgehört, ein ausschließliches Eigenthum der Schule zu sein; sie ist ein Gemeingut der Menschheit geworden, indem Alle, die auf eine höhere Geistesbildung Anspruch machen, sich mit der Philosophie befreundet und sich nach ihren anderweiten Lebensverhältnissen mehr oder weniger von derselben angeeignet haben. Zwar klagen manche Philosophen über den Kaltsi'nn, mit dem jetzt Werke, die ein neues philosophisches System ankündigen, vom größern Lesepublicum aufgenommen werden. Aber dieser Kaltsinn betrifft nicht die freiere und regsamere Weltweisheit, sondern nur die in den Fesseln des Systems einherschreitende Schulweisheit, und ist auch bloß eine vorübergehende Erscheinung, veranlaßt durch die Menge von Systemen, welche seit Kant's Kritik rasch hintereinander hervortraten, sich mit großem Geräusch als die einzig und allgemein gültigen ankündigten, und sich doch gegenseitig mit großer Erbitterung der Gemüther vernichteten. Lassen wir also jene Klage auf sich beruhen und suchen wir vielmehr die Theilnahme des Publicums an philosophischen Studien dadurch zu beleben und zu erhöhen, daß wir ihm den Zugang zum Heiligthume der Wissenschaft möglichst erleichtern! Denn alle Wissenschaft soll ja doch zuletzt der Menschheit dienen. Wie kantz sie aber das, wenn die wissenschaftlichen Forschungen der Gelehrten nicht ins Leben übergehen? Und wie können sie ins Leben übergehen, wenn nicht der größere Theil des gebildeten Publicums, der sich immer außer der Schule befindet, in Stand gesetzt wird, an jenen Forschungen Theil zu nehmen?" „Zu diesem Zwecke nun kündigen wir dem Publicum ein neues philosopbi- sches Wörterbuch an, da die frühern Werke dieser Art jetzt veraltet und außer Gebrauch gekommen, weil sie dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft nicht mehr angemessen sind. Es versteht sich dabei von selbst, daß ein solches Werk nicht ausschließlich für Philosophen von Profession bestimmt sein kann; denn diese Haltensich lieber an Systeme und greifen nur zuweilen nach einem Wörterbuche. Hingegen für gebildete Liebhaber der Wissenschaft oder überhaupt für Leser von allgemeiner Bildung ist gerade ein philosophisches Wörterbuch recht brauchbar, weil sie sich darin schnell über jeden im Gespräche oder beim Lesen anderer Schriften vorkommenden philosophischen Gegenstand und über jeden philosophischen Kunftausdruck, der, als ein Erzeugniß der Gelehrtensprache, für die Meisten unverständlich ist, Raths erho- 876 len können, sowie es ihnen auch mannichfaltige Anregung zum eignen weitern Nachdenken, mithin zur fortschreitenden Bildung ihres Geistes darbieten muß. Die allgemeinen Realwörterbücher sind dazu weniger tauglich, denn sie behandeln gerade die Philosophie mit geringerer Beachtung. In allen fehlen eine Menge philosophischer Artikel; diejenigen aber, welche sie enthalten, geben dem Leser von allgemeiner Bildung bald zu viel, bald zu wenig, widersprechen auch oft einander und verwirren dadurch den Belehrung suchenden Leser, weil sie von ganz verschiedenen Mitarbeitern herrühren, die von entgegengesetzten Grundsätzen ausgingen. Manche dieser Artikel sind auch wol in einer Sprache geschrieben, die selbst wieder ein anderes Wörterbuch nöthig machte, um' verstanden zu werden." » „Soll demnach ein philosophisches Wörterbuch dem angezeigten Zwecke entsprechen, so muß es folgende Eigenschaften haben: 1) möglichste Vollständigkeit, sodaß der Leser nach keinem Artikel, der zur Philosophie gerechnet werden mag, vergeblich suchen dürfe; L) möglichste Deutlichkeit, sodgß alles mystische Nebclwerk und hochtrabende, aber unverständliche, Wortgepränge vermieden werde; 8) möglichste Kürze, sodaß nur so viel über jeden Gegenstand gesagt werde, als für Leser von allgemeiner Bildung eben nöthig ist; 4) endlich möglichste Bequemlichkeit, sodaß der Leser Das, was er eben sucht, leicht finden könne." Daß das Werk von dem Herrn Verfasser mit diesen Eigenschaften ausgestattet worden ist, dafür bürgt die Anerkennung, die es überall gefunden, und die Theil- nahme des Publicums, die nach Verlauf einer so kurzen Zeit, obwol die erste Auflage sehr stark war, schon eine zweite nothwendig macht. Durch mehrseitige Wünsche veranlaßt, hat der Herr Verfasser dem Ansuchen der Verlagshandlung entsprochen, den Inhalt des Supplementbandes, der 1829 erschien, sowie alle anderweiten Zusätze und Verbesserungen in dieser neuen Auslage am gehörigen Orte nach der alphabetischen Ordnung einzuschalten. Die vervollständigende und verbessernde Hand des Herrn Verfassers ist auf jeder Seite zu finden, und das Publicum wird in dieser neuen Auflage ein Werk erhalten, das die philosophischen Wissenschaften nach ihrem neuesten Standpunkte darstellt. Damit aber die Besitzer der ersten Auflage nicht über Verletzung des ihnen in der Vorrede zum Supplemcntbande gegebenen Versprechens klagen dürfen, so wird das Neue der zweiten Auflage ihnen wieder in einem kleinen Supplementbande, der nach Beendigung der zweiten Auflage erscheinen wird, geliefert werden. Der Herr Verfasser ersucht zugleich diejenigen Gelehrten, welche beim Gebrauche der ersten Auflage etwas Unrichtiges oder Fehlendes in demselben bemerkt haben, ihn darauf aufmerksam zu machen. Desgleichen ersucht er Diejenigen, welche erst neuerlich in die Reihe der Philosophen getreten sind — zu welcher Schule sie auch sonst gehören mögen— ihn sowol von ihren vornehmsten Lebensumständen als von ihren bedeutendsten Schriften gütigst zu benachrichtigen. Von allen Mittheilungen dieser Art — die er baldigst und wo möglich durch Buch- händlergelegenheit erwartet — wird er den gewissenhaftesten Gebrauch zur Vervollkommnung seines Werkes machen, und dadurch das Vertrauen, mit welchem ihn das Publicum bei Herausgabe eines so umfassenden Werkes auf eine so ehrenvolle Weise unterstützt hat, daß er sich dafür zum aufrichtigsten Danke verpflichtet fühlt, so weit es seine Kräfte erlauben, zu rechtfertigen suchen. Die zweite Auflage wird, wie ursprünglich die erste, aus vier Bänden bestehen und im Äußern mit dieser völlig übereinstimmen. Um die Anschaffung zu erleichtern, wähle ich auch diesmal den Weg der Subscription und bestimme den Preis eines jeden Bandes auf 2 Thlr. 18 Gr. Vorausbezahlung wird nicht verlangt, sondern der Preis eines jeden Bandes erst beim Empfange entrichtet. Der erste Band erscheint im Herbste dieses Jahrs, und die übrigen drei Bände hoffe ich im Laufe des nächsten Jahres nachfolgen lassen zu können. In allen Buchhandlungen des In- und Auslandes wird auf diese Werke Subscription angenommen. Leipzig, im September 18Z2. F. A. Brockhaus.