England
einen solchen Versuch anzurathen, würde unter den damaligen Umstanden weitgrößere Gefahren gehabt haben, als die Auflösung des Parlaments bringen konnte.Die Minister schienen einen entscheidenden Sieg errungen zu haben. Gegner, diefrüher, vielleicht aus gewissenhafter Besorgniß, bedenklichen Neuerungen den Wegzu bahnen, den Gesetzentwurf bekämpft hatten, traten auf einmal zu den Verfech-tern desselben über, da sie zu der Überzeugung gekommen waren, daß die Wir-kungen des neuen Gesetzes weit gefahrloser sein würden, als die Folgen der Ver-werfung des Entwurfes. Die Reihen der Widersacher wurden taglich dünner, unddie neuen Wahlen gaben überall ein so lautes Jeugniß von der Stimmung desVolkes, daß jeder Unbefangene einsah, wie wenig die Feinde der Reform im Hauseder Gemeinen auf den Sieg rechnen durften. In den Machtkämpfen konnten dieGegner der Minister nirgend sich halten, außer auf den beiden englischen Univer-sitäten, wo das kirchliche Interesse vorherrschte. Dc r Einfluß der Wahlflecken-besitzer war überall vernichtet, der Sieg der Volkspartei vollständig. Währendnun Alle erkannten, daß eine Befriedigung der Ansprüche des Volkes unvermeidlichwar, und selbst entschiedene Tones nur noch fragten, ob die gebieterisch verlangteVeränderung der Repräsentation ganz nach dem Antrage der Minister gemachtwerden sollte, erhoben die Freunde der Machthaber vielleicht unklug den Ruf: „DieBill, die ganze Bill, nichts als die Bill!" und die neugewählten Mitglieder desParlaments mußten sich verpflichten, den Entwurf der Minister zu verfechten.Der König eröffnete das Parlament am 14. Zun. 1831, und am 25. wurdeder Gesetzentwurf mit einigen Veränderungen wieder vor das Haus der Gemeinengebracht. Als man am 4. Jul. die zweite Lesung in Antrag brachte, eröffnetesich eine lebhafte Verhandlung, worin Mackintosh, Macauley und Burdett amkräftigsten für das neue Gesetz sprachen und Peel am gründlichsten es bekämpfte,und bei der Abstimmung am 6. Jul. siegten die Minister mit 307 gegen 231Stimmen. Der Entwurf ging langsam durch den Ausschuß, wo er einige zweck-mäßige Verbesserungen erhielt. Einer der merkwürdigsten Anträge während dieserVerhandlungen ging von Hume (s. d.) aus, der 19 Repräsentanten für die außer-europäischen Colonien und für Jersey, Guernsey und Alderney verlangte. DieserVorschlag, den schon Burke für unausführbar erklärt hatte, blieb zwar ohne Er-folg, aber mehre Gegner der Reform ergriffen auch diese Gelegenheit, durch Unter-stützung des hingeworfenen Antrags neue Schwierigkeiten herbeizuführen. Siesuchten den Gesetzentwurf bei jedem Schritte zu hemmen, wie es schien, in der Ab-sicht, die Aufmerksamkeit des Volkes zu ermüden, die allgemeine Begeisterungabzukühlen, und Zeit zu gewinnen, um auf andern Seiten neue Widerstands-kräfte zu bereiten. Erst am 21. Sept. erfolgte die entscheidende Abstimmung,und das neue Wahlgesetz ward mit einer Mehrheit von 109 Stimmen ange-nommen.
Was wird das Oberhaus thun? fragte nun ganz England. Es wird seinePflicht thun, sagten die starren Tones, und manche Zeichen schienen zu verkünden,daß den Ministern ein gefährlicher Sturm drohte. Der unglückliche Ausgang desKampfes in Polen, der überall den Verwandten jener Parcei neue Zuversicht ge-geben, blieb auch in England nicht ohne Rückwirkung, und der Much der Oppo-sition erhob sich um so mehr, da sie Verbündete in den Frauengemachern am Hosegefunden hatte. Am 22. Sept. wurde die Bill in das Oberhaus gebracht. Eswar ein großer Augenblick, und Brougham, auf seinen Sitz zurückkehrend, sprachdie herkömmlichen Worte der Ankündigung mit so ernstem und feierlichem Tone,daß Alle nüt tiefer Stille zuhörten. Am 3. Oct. unterstützte Grey den Antragauf die zweite Lesung deS Gesetzentwurfs mit einer Rede, die seiner glänzendstenLeistungen würdig war; aber auch seine Gegner entwickelten ihre Ansichten sogründlich, daß diese Verhandlungen zu den anziehendsten und wichtigsten der gan-
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