England 797
hause, die gefährliche Zeit erfodere tüchtigere Männer an der Spitze des Staatesals die Minister, die das Vertrauen des Volkes verloren hätten. Wellingtonkonnte der machtigen Vereinigung seiner Widersacher, der Whigs und Tories,nicht mehr widerstehen, und als die Regierung in der Nacht des 15. Nov. dieVerhandlungen über die Civilliste des neuen Königs eröffnete, wurde gegen ih-ren Willen der Antrag der Opposition, den Entwurf der Minister durch eine beson-dere Commission des Hauses der Gemeinen prüfen zu lassen, mit bedeutender Stim-menmehrheit angenommen. Da fragte Hob house (s.d.), ob die Minister nachdiesem Ausdrucke der Gesinnungen des Hauses ihre Stellen behalten wollten. Eserfolgte keine Antwort, aber am nächsten Tage ward in beiden Hausern erklart, daßalle Minister ihre Entlassung genommen hatten.
An die Spitze der Regierung trat der Graf Grey, und ihm zur Seite standenLord Althorp (s. d.) als Finanzminister, Lord Brougham (s. d.) als Kanzler,Palmerston als Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Melbourne (s. d.)als Minister des Innern, Goderich als Colonieminister, Graham als erster LordderAdmiralitat, und Andere, die zu denselben politischen Grundsätzen sich bekannten.Der durch Talent und Einfluß überwiegenden Mehrzahl nach gehörten die neuenMachthaber der Whigpartei an, welche mit Ausnahme des kurzen Ministeriumsunter Fox (1806) seit langer Zeit nicht am Staatsruder gewesen war und ebendieser langen Ausschließung wegen so viel an Geschäftskunde und Verwaltungs-geschicklichkeit entbehren mochte, als sie an freisinnigen Grundsätzen und richtigerErkennung der Zeitbedürfnisse vor den Tories voraus hatte. Durch ihr früherespolitisches Leben hatten sie sich die Verpflichtung aufgelegt, nach ganz andern Grund-sätzen zu handeln als ihre Vorganger, und Grey, Brougham, Althorp und andereMitglieder der Verwaltung waren seit vielen Jahren standhafte Verfechter einerAusdehnung des Wahlrechts gewesen. Grey legte am LL. Nov. im Oberhausedie Grundsatze seines Vcrwaltungssystems dar, und versprach, die Regierung solltenicht mehr nach Begünstigungen geführt, in allen Zweigen des StaatsdienstesEinschränkung und Ersparung eingeführt, der Grundsatz der Nichteinmischungin die Angelegenheiten anderer Staaten strenge befolgt, und endlich der Entwurfeines neuen Wahlgesetzes vorgelegt werden. Diese Ankündigung ward als eineerfreuliche Bürgschaft aufgenommen, und obgleich nach der Vertagung des Parla-ments im Dec. 1830 die Ruhe im Lande nicht sogleich hergestellt wurde, so trugdoch die neubelebte Zuversicht ebenso viel dazu bei, den aufrührischen Geist zuunterdrücken, als die Bemühungen der Regierung, das Ansehen der Gesetze strengezu handhaben. In den Volksversammlungen, auf welche viele der geachtetstenManner Einfluß zu gewinnen wußten, wurden nun die öffentlichen Angelegenhei-ten mit Ruhe und Würde besprochen. Bei der Wiedereröffnung des Parlamentsam 3. Febr. 1831 ward in beiden Häusern der Entwurf einer Parlamentsre-sorm angekündigt, welche, wie Grey sagte, eine wirksame Maßregel sein sollte,ohne die Grenzen weiser Mäßigung zu überschreiten. Lord John Rüssel, ein Mit-glied des Cabinets, der in ungünstigen Zeiten jene Sache tapfer vertheidigt hatte,ward ausersehen, sie in einem günstigem Augenblicke im Hause der Gemeinen zuversechten. Der 1. März war der wichtige Tag, wo das neue Grundgesetz vorge-legt wurde, von welchem man, wie später ein Redner sagte, nach hundert Jahrenmit ebenso viel Ehrfurcht sprechen würde, als seine Zeitgenossen von dem großenFreibriefe des englischen Volkes sprachen. Derselbe Redner machte die treffendeBemerkung, die Bedürfnisse des Landes feien in verschiedenen Zeiten verschiedengewesen, die ganze Geschichte Englands sei eine Reformgesch'chte, und darin liegedie Trefflichkeit der Grundverfassung dieses Staates, daß sie sich den Bedürf-nissen des Volkes anbequeme. Es kann hi-r nicht der Ort sein, das englischeWahlsystem nach seinem Ursprünge und seiner allmaligen Entwicklung und in