Druckschrift 
Erster Band (1832) A bis E
Entstehung
Seite
775
Einzelbild herunterladen
 

Emancipation der Katholiken in England 775

struiren; endlich die sogenannten Altdeutschen, die, um die gute alte Zeit vollstän-dig zu haben, wie im August 1819, die Judenversolgungen des Mittelalters tau-schend portraitiren jene beschrankten Köpfe, die ihre Freiheitsfackel am liebstenan einem Autodafe entflammt hatten. Man darf sich nicht wundern, daß so ver-schiedenartige Parteien sich gerade in dieser Ansicht vereinigen, indem der eigentlicheKern derselben der alte Judenhaß ist, der nur die Farbe seiner Partei trägt.4) Nicht ohne bedeutenden Einfluß ist die Besorgniß vor der Mitbewerbung derJuden im Verkehr. ^ Wird aber durch Aufhebung der seitherigen Schranken derKreis der Gewerbthätigkeit für sie erweitert, wird die Emancipation der Juden all-gemeine Maßregel aller deutschen Staaten, so muß die, eben durch Beschränkungenhauptsächlich entstandene vorherrschende gewerbliche Richtung derselben, aus wel-cher jene Besorgniß besonders hervorgeht, von selbst sich verlieren. 5) Eine an-dere sehr folgenreiche Ansicht ist die, daß die Juden zum Bürgerthum erzogen wer-den müßten, bevor man sie daran Theil nehmen lasse. Dieser irrige Grundsatz hatauch in Würtemberg, wo er in der Kammer vorwaltete, die Mängel des dortigenGesetzentwurfs verschuldet. Man sagt, die Juden seien unfähig zum Bürgerthum.M? Nein, nur die Unfähigen, der Pöbel. Gibt es bei den Christen keinenPöbel? Oder sollen nur gebildete Leute Staatsbürger werden dürfen? Dann wärej der Staat unnütz. Wenn wir aber auch zugeben wollten, daß die Juden sich aufeiner weit niedrigem Stufe der Cultur befinden als ihre christlichen Mitbrüder, so! ist doch nur die Verfolgung von Seiten der Christen, die Ausschließung vom Staat,^ an dieser Entartung Schuld. Die Emancipation muß vorangehen; die Erzie-hung ergibt sich dann von selbst,denn Bürgerfreiheit erzieht zur Bürgertu-^ gend". Zuerst Aufhebung aller früher bestandenen Judenrechte, die ja alle aufWillkür beruhen; denn wer erst mit einer Revision alter Judenordnungen anfängt,dem ist es kein Ernst mit der Emancipation. In diesem Geiste ward das Werkin Frankreich vollendet und in Preußen begonnen. Man lerne doch nur die Con-> sequenz fassen, daß, sobald das Wort Emancipation ausgesprochen ist, es keineJuden mehr gibt, sondern nur Bürger, und für alle Bürger gilt das gleiche Gesetz. 6) Auch unter den Juden selbst gibt es Gegner der Emancipation, was umso weniger übergangen werden darf, als nicht selten der Gesammtheit derselbender infamirende Vorwurf gemacht wird, daß sie selbst gar nicht emancipirt seinwollen. Auch hier sind es die Extreme, die sich von dem gemeinschaftlichen Inter-esse absondern, die Orthodoxen sowol als die auf der äußersten Linken, die vermögeihrer Stellung ö-hre Ausschließung nicht mehr fühlen und daher die ganze Sachefür abgethan halten. Wenn wir aber gleichwol behaupten, daß die Juden nach die-sem Acte bürgerlicher Gleichstellung bangen und seufzen, der die mehrtausend-jährige Muthlosi'gkeit von ihren geächteten Häuptern nehmen soll, so zählen wirdie Juden nur nach den Einsichtsvollem und Edlern unter ihnen, welche das In-teresse ihrer Stammgenossen der Idee nach vertreten. Wir machen noch auf eineneue Zeitschrift aufmerksam, welche einen Centralpunkt für die Angelegenheit derJuden bilden wird.-Der Jude. Periodische Blatter für Religion und Gewissens-freiheit", herausgegeben von vr. G. Riesser (Altona 1832). (59)

Emancipation der Katholiken in England. Um die ganzeWichtigkeit der großen Maßregel zu übersehen, welche endlich durch die Parlaments-acle vom 13. April 1829 (^.n act ior tlle reliek ok His Vlajest/s Roman tüatllo-bc susijects) zu Stande gekommen ist, nachdem die einflußreichsten Minister sichflst 50 Jahre hindurch vergebens zu diesem Zwecke bemüht hatten, ist es nöthig,die bis dahin gegen die Katholiken in England gegebenen Gesetze zusammen-zustellen. Sie gehen bis auf die Zeit der Reformation zurück, indem schonHeinrich VIII., als er, ungeachtet seiner Anhänglichkeit an das katholische Glau-! benssystem, sich von der kirchlichen Gewalt des Papstes frei machte, und zum Ober-