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Diplomatie
tigt haben: unter welchen Bedingungen und inwieweit die Staaten berechtigtsind, sich in die innern Verhaltnisse anderer Staaten einzumischen (s. Inter-vention), sowie Alles, was auf die Rechte und Verbindlichkeiten der Staatenunter einander Bezug hat. Hingegen die Form, unter welcher die Staaten miteinander verkehren, ist der Gegenstand der Diplomatie in der zweiten und eigent-lichen Bedeutung. Das Völkerrecht selbst ist einer wissenschaftlichen Behandlungin dem höhern Sinne fähig, nicht so die bloße diplomatische Form, welche in ihrerhöchsten theoretischen Ausbildung doch nur eine Sammlung von Regeln und Er-fahrungssätzen, in ihrer praktischen Vollkommenheit aber die Kunst, Andere fürseine Zwecke zu gewinnen oder ohne ihr Wissen zu gebrauchen, sich selbst aber nie,weder wissentlich durch Nachgiebigkeit, noch unbewußt durch Tauschungen fürfremde Zwecke dienstbar machen zu lassen. Aus dieser ungünstigen, aber, wie ein-mal die Sachen stehen, unvermeidlichen Stellung der diplomatischen Personen,d. h. nicht bloß der Gesandten und ihrer Gehülfen, sondern Aller, welche bei demVerkehre zwischen den Regierungen thätig sind, entspringt alles Nachtheilige, wasman der Diplomatie überhaupt nachsagt und welches mit den Schattenseiten desAdvokatenftandes sehr große Ähnlichkeit hat. Man hat auch in der ne-uern Zeitzu klagen nicht aufgehört, daß de? Geist, welcher die Diplomatie beherrscht, sichnicht auf die Höhe erhebe, welche die Wichtigkeit der Sache erfodere, und der wohl-verstandene Vortheil der Staaten (eine zur wahren Staatsweisheit ausgebildetePolitik) gestatte; daß der Charakter der europaischen Diplomatie nicht in einemStreben nach festen Grundsätzen der Gerechtigkeit und nach dauerhafter Begrün-dung natürlicher Staatenverhältnisse bestehe, sondern in einem Ringen nach schein-baren und vorübergehenden Vortheilen, Gebietsvergrößerungen, Handelsgewinnund dergl.; besonders aber in dem vergeblichen Bemühen, künstliche Einrichtun-gen aufzustellen, welche der naturgemäß.» Entwickelung der Völkerverhältnisseentgegen sind, sodaß die Diplomatie schon mehr als einmal in den Fall gesetzt wor-den ist, ihr eignes kaum vollendetes Werk wieder zerstören zu müssen. In derThat wird man sich auch nicht verbergen können, daß, wenn die Diplomatie ihrenZweck, der ganzen europäischen Welt den Frieden und einzelnen Ländern eine be-stimmte bürgerliche Ordnung zu verschaffen, häufig verfehlte, dies vorzüglich nurdarin gegründet ist, daß sie jene hohen und heiligen Zwecke theils zu materiell auf-gefaßt, theils durch Mittel zu erreichen geglaubt hat, welche nicht wahren Völker-frieden und nicht eine wahre innere Ordnung, sondern nur den trügerischen Scheinderselben hervorzubringen geeignet waren. Wahrer Friede ist nur dann vorhanden,wenn jedes Volk diejenigen äußern Güter besitzt, welche zu verlangen es nicht durcheine künstliche Aufregung, sondern durch ein natürliches und immer von Neuemund mit größerer Stärke erwachendes Gefühl getrieben wird, und welches dieseGüter sind, ist ebenso leicht zu erkennen, als im Grunde auch ihre Gewährungweder gefährlich noch übermäßig schwer ist. Aber es muß dabei die Überzeugungvorausgehen, daß diese Güter mehr geistiger als materieller Natur sind, und dieseÜberzeugung ist es, welche der neuern Diplomatie fast durchaus zu fehlen scheint.Nicht etwa, daß es nicht unter den Diplomaten eine große Zahl hochgebildeter,mit wahrer Gelehrsamkeit ausgerüsteter, ebenso geistreicher als redlich gesinnterMänner gebe, sondern weil man überhaupt aus den höhern Kreisen allzu sehr jedeernste und erschöpfende BeHandlungsweise verbannt hat und die Meinung zu hegenscheint, daß man mit einigen aus dem vornehmern Leben geschöpften Erfahrun-gen weiter komme als mit den Resultaten des tieften Denkens, welches, von dengriechischen Philosophen an, so viele gute und weise Männer zur Aufgabe ihresLebens gemacht haben. Nirgend wird das Streben nach wissenschaftlicher Er-kenntniß und nach allgemeinen leitenden Grundsätzen so verächtlich abgewiesen alsin jenen Kreisen der neuern Diplomatie, wo man der Philosophie, wenn sie sich