Druckschrift 
Erster Band (1832) A bis E
Entstehung
Seite
455
Einzelbild herunterladen
 

Clercq

455

schichte und der Philosophie genährt, und verbindet damit eine echte und warmeReligiosität. Das Erste, wodurch er sich von den gewöhnlichen Improvisatorenunterscheidet, ist, daß er nie öffentlich austritt oder den Eindruck seiner Poesiedurck ein glänzendes Äußere zu erhöhen strebt. Aber in geselligen Kreisen, woer auf Bitten seiner Freunde oder durch die Macht irgend eines Eindrucks veran-laßt (man sehe das „Morgenblatt", 1823, Nr. 89 — 92) austritt, zeigt er, wieseine Improvisationen aus dem Bedürfniß des Herzens entspringen, wie schnellund reich die Folge seiner Ideen ist, wie harmonisch seine Sprache, wie gut ge-wählt seine Bilder, und wie dies Alles durch eine vollkommene Einheit in jedemdkrZ^ seiner Vorträge zusammengehalten wird. Eine zweite Eigenthümlichkeit C.'s ist,^ Eiztz daß seine Improvisationen sich nicht wie die derItaliener hauptsachlich auf römischeßrh^. und griechische Mythologie und Geschichte beschränken, sondern daß er die mitt-lere Geschichte ebensowol als die neue und neueste zum Stoffe seiner Poesienwählt. So behandelte er bei verschiedenen Gelegenheiten: den Tod des Sokra-tes, den Glauben an Gott, das Ideal, Noah, Luther, Ossian, Tasso, Vol-taire, Racine, Wilhelm Tell, die Blumensprache, die Buchdruckerkunst, dieUniversität Göttingen (in Gegenwart Boutcrwek's), den Brand Konftantinopels,aber auch die Reise des Königs von Neapel zum Congresse nach Laibach. Alsman ihn bei einem Abendessen darum ersuchte, stand er sogleich auf und entwarfin Versen voll Energie und Feuer ein Gemälde des schönen Italiens und des rei-zenden Neapels, der den politischen Zustand des Landes gefährdenden Revolutio-nen, die nicht minder furchtbar sind als jene Naturkatastrophen, welche dieHauptstadt unterminiren; ferner der Römer, Gothen, Byzantiner, Sarace-nen, Normänner, der ungarischen, aragonischen und französischen Prinzen,von denen es wechselsweise erobert wurde, dann der fruchtlosen Anstrengungendes Landes, seine Freiheit von fremden Usurpatoren zu erkämpfen, und zuletzt derEreignisse von 1820 und der Gefahren, mit denen sich der classische Boden Ita-liens von Neuem bedroht sieht. Dies ist ein ausführlicheres Beispiel. So ging erim Winter 1822 — 23 nach der Vorlesung seiner vortrefflichen Abhandlungüber die Romanze des Cid (die in der „Hollunclscke Aluutsclmp^ van Xuusten enäVetenseüappen" gedruckt ist), in Gegenwart zweier Theologen aus Berlin nacheinem lebhasten Gespräche gleich auf die Bitte ein, über den Faust in Beziehungauf Goethe zu improvisiren, und wußte damit eine lebendige und preisende Cha-rakteristik der wichtigsten Werke Goethe's zu vereinigen, mit Ausnahme der„Wahlverwandtschaften", worin er eine Verletzung der Sittlichkeit fand, dieihn empörte. Auf eine ähnliche Weife beklagte er es in Boutcrwek's Gegen-wart, daß er in seiner so verdienstlichen „Geschichte der Poesie und Beredsam-keit" die literarische Geschichte der Niederlande ganz übergangen habe, und diesgeschah in einem so rührenden Tone, daß Bouterwek, wiewol er nicht Allesverstand, dadurch tief ergrissen wurde. Denn C. ist ein begeisterter Freundder vaterländischen Dichtkunst und Literatur, wie er dies auch in einzelnen ge-druckten Abhandlungen und namentlich in der von dem königlich niederländi-schen Institute 1822 gekrönten Preisfchrist: „Über den Einfluß der auslän-dischen Literatur auf unsere vaterländische", dargethan hat. Von feinen Im-provisationen sind nur zwei gedruckt worden, die eine an seinen Freund, denbekannten holländischen Literator da Costa, und die andere an Bowring in London.Eine dritte Eigenthümlichkeit C.'s ist, daß er auch in Prosa zu improvisiren imStande ist. So setzte er vor mehren Iahren eine Gesellschaft von Gelehrten inLeyden in Erstaunen, da er länger als eine halbe Stunde in einem fließenden Stylmit gründlicher Sachkenntniß und mit ungemeinem Scharfsinn über die JesuitenHrach. Mit diesem seltenen Talente verbindet C. einen liebenswerthen Charakter,einfache und sanfte Sitten und eine edle, fromme Denkungsart. (48)

^1