Chlopicki 419
denken. Nach der Bekanntmachung eines Aufrufs an die polnische Nation, woriner die Gründe entwickelte, welche ihn bewogen, die höchste Gewalt noch ein-mal zu übernehmen, schritt er zur Bildung des höchsten Nationalconfeils. Hier-auf bestätigte er die bisher bestandenen Ministerien und ernannte den Grafen Tho-mas Lubienski zum Stellvertreter bei dem Ministerium des Innern, sowie denGrafen Jelski bei dem Finanzministerium in Abwesenheit des Fürsten Luoecki.So sehr C. auch glaubte, als Oberhaupt des Staats in jeder Beziehung die hohenPflichten seines Amtes, selbst mit Aufopferung feiner Gesundheit, erfüllt zu haben,so mußte er doch noch vor dem Schlüsse des Jahres 1830 den Schmerz erfahren, daßsich in öffentlichen vaterländischen Blattern mehre Stimmen gegen ihn erhoben,seine Regierung eine eiserne Hand nannten und die Dictatur für eine Wirkungohne Ursache erklarten. Dazu kam noch, daß Viele, und darunter besonders dieClubisten, die Sendung polnischer Abgeordneter an den Kaiser und hauptsachlichdie Wahl in den Personen des Fürsten Lubecki und des Grafen Jezierski im höch-sten Grade misbilligten. Doch C. blieb ruhig; selbst als ihm am 11. Jan. 1831der Artillerie»Oberstlieutenant Dobrzanski den nahen Ausbruch einer gegen ihngerichteten Verschwörung anzeigte, befahl er, den angeklagten Personen die Freiheit zuschenken, Klager aber und Angeklagte gleich streng zu verhören; denn seinem Scharf-blicke konnte die Gefahr nicht verborgen bleiben, welche dem Vaterlande in einerGegenrevolution bevorstand. Diese Mäßigung verdient eine um so größere Aner-kennung, als C. ein von Natur überaus heftiges Temperament besitzt. Doch seinStern sank unter, als der Reichstagsmarfchall am 19. Jan. den Kammern er-öffnete: der Dictator habe erklart, daß er die Rettung des Vaterlandes nur in ei-ner friedlichen Vermittelung erblicke. Allgemeine Misbilligung dieser Ansicht sprachsich in Mienen und Gebärden der Landboten aus, welche die Ablesung des bekann-ten Schreibens vom russischen Staatsminister Grafen Grabowski an den Ge-neral C. noch erhöhte. Schon am 21. Jan. trat ein neuer patriotischer Vereinunter Lelewel, Bronikowski und Pulawski zusammen, der einstimmig beschloß, den> Dictator über sein Benehmen zur Rechenschaft zu ziehen. Man erblickte in derMäßigung, die er bei Übernahme der Dictatur gezeigt, nur zaghafte Unschlüssig-keit, in seinen bedachtsam abgemessenen Schritten Schwäche, und in seiner Ab-neigung gegen jede parteiliche Leidenschaftlichkeit Kaltsinn für die Sache des Vater-landes. Man warf ihm vor, er habe den geistigen Aufschwung seines Volkes nichtbegriffen, bloß kaltblütige Soldatenstrenge geübt, und in seinen Unterhandlungenmit dem Kaiser die Würde Polens zu wenig im Auge behalten. Obgleich ihn wür-bige Männer öffentlich in Schutz genommen hatten, entschloß er sich jedem Ereig-nisse zuvorzukommen, und übergab am 13. Jan. 1831 bei dem Reichstage eineActe, worin er die ihm anvertraute Obergewalt niederlegte, damit die Abgeordne-ten sich in vollkommener Unabhängigkeit über die Mittel, welche die ErhaltungPolens und seiner Gerechtsame zu sichern im Stande seien, berathen und zur Wahleines Oberbefehlshabers schreiten könnten. Auf die wiederholten Bitten, wenig-stens den Oberbefehl über die Armee anzunehmen, gab er zur Antwort, nur dannwürde er sich noch einmal zur Übernahme der höchsten Gewalt verstehen, wennman ihm eine solche Dictatur einräumte, welche auch noch von der bisherigenEinschränkung befreit wäre. Als man erwiderte, daß man zur Übertragung einersolchen Gewalt nicht bevollmächtigt sei, gab C. die Dictatur unwiderruflich in dieHände der Nation zurück, verließ noch an demselben Tage den Palast des Statt-halters und bezog seine frühere Wohnung wieder. Nachdem in der Landtagssitzungvom 25. Jan. auf Antrag des Landboten Roman Soltyk einstimmig der Throndes Königreichs Polen für erledigt erklärt worden, war der große Wurf ge-than. Von diesem Augenblicke konnte man nicht mehr zurücktreten. Die Wahleines neuen Oberbefehlshabers war mittlerweile aus den Fürsten Michael Rad-
27""