414 Chinesische Romane
Staatshaushalts abwehren, führen uns in ihren Romanen selbst von freien Stü-cken in die verborgensten Eigenthümlichkeiten ihres Haus- und Familienlebens ein,und wenn der nationale Grund und Boden, welchen diese Erzählungen keinen Au-genblick verlassen, dem poetischen Werthe derselben Eintrag thut, so gewinnen wirdagegen an dem Interesse der treuesten Wirklichkeit, welche sich darin bis in diezufälligsten Details hinein abspiegelt. Denn so arm an eigentlicher poetischer Er-findung sind die Chinesen, daß Abel Remusat in seiner „?uru!Iä!e Aes rommsAe lu et Ae eeux <ie I'iZurope" (welche er seiner Übersetzung des„Ju-Kiao-Li" vorangeschickt) mit Recht bemerkt, die andern Asiaten entstellten durch ihren ei-genthümlichen Hang zum Wunderbaren oft ihre ehrwürdigsten Nationalüberliefe-rungen und zeigten sich romanhaft selbst in der Historie, während dagegen die Chi-nesen selbst in ihren Romanen Historiker blieben. Daher wurzeln auch diese Ro-mane mit allen Einzelnheiten des Stoffes ganz nur in den Gewohnheiten und 'Ab-sonderlichkeiten ihres Volkes, in die sich hineinzuversetzen dem abendländischen Le-ser oft sehr schwer fallen muß, und wenn er nicht diese Romanlecture mehr nur alsein chinesisches Sittenftudium zu betrachten weiß, so fürchten wir, wird der Fadendes Interesses nicht immer auszudauern vermögen. Ein junger Gelehrter ist fastausschließend der Held dieser Erzählungen, und er kommt dazu ganz natürlich beieinem Volke, bei dem nur die Wissenschaften und Kenntnisse Ansehen in der Ge-sellschaft und Autritt zu den höchsten Ehrenstetten im Staate verleihen. Ein sol-cher Romanenheld hat denn vor Allem zwei große und wahrhaft chinesische Lebens-tendenzen vor sich, nämlich die Neichseramina zu bestehen und einen literarischenGrad zu erwerben, und dann, sich würdig und mit der genauesten Beobachtung al-ler Eeremonien zu verheirathen und dem Staate Kinder zu erzeugen. Dabei mußer schlechterdings ein Musterbild der Tugend und Redlichkeit sein, und er triuin-phirt am Ende seiner Romanenlaufbahn zur Freude aller seiner Mitbürger gewöhn-lich dadurch, daß er nebst seiner tugendhaften Auserkorenen vom Kaiser ein öffent-liches Belobungsschreiben wegen der erprobten Tugend erhält, während dagegendie Lasterhaften, welche der Tugend Fallstricke gelegt, meist aus der Welt, d. h.aus China oder aus einer der Hauptstädte desselben verbannt werden. Dieser Über-schwang von Tugend, den die chinesischen Romanhelden naturgemäß zu entfalten pfle-gen, wird dem abendländischen Leser bisweilen ganz unbegreiflich und darum auchunerträglich, und aus dieser Moral, welche bei den Chinesen mit der für das Hei-ligste gehaltenen Ceremonie zu einem Begriffe verwächst, entsteht dann auch dieseunbeschreiblich trostlose geistige Dürre, welche das heimathliche Klima aller poeti-schen Erfindungen dieses Volkes ist. Und dennoch wird man ihre Romane mit In-teresse, ja nicht selten mit Spannung durchlesen, und wo auf der einen Seite dasÜdermaß von Tugend und Ceremoniel und die ganze Mechanik des chinesischenLebens zurückstößt, kann man sich aus der andern durch das Fremdartige undBizarre der Verhältnisse gereizt und von dcr oft so zierlich-technischen Graziemancher ihrer Darstellungen selbst anmuthig angesprochen finden. Durch diefranzösischen Übersetzungen des um diese Literatur vielfach verdienten Abel Re-musat, welcher zuerst den sehr beliebt gewordenen Roman: „lln-Xiem-Ick <m lesckenx cousines" (4 Bde., Paris 1826; deutsch, Stuttgart 1827), und eineSammlung vermischter Erzählungen unter dem Titel: „(Amtes clünois, trml.pur OuviS) Illwms, A'LntreeoÜes" (8 Bde., Paris 1827; deutsch, Leipzig1827), herausgab, erhielten diese Romane auch bei der deutschen Lesewelteine verbreitetere Aufnahme. Remusar's Vorgänger in diesen Bestrebungenist jedoch eigentlich der Engländer Davis, dem wir die „(Aunese novels"(London 1822) verdanken. Aber bereits um einige fünfzig Jahre früher wurdeein jetzt fast ganz vergessener chinesischer Roman nach einer englischen, in Kantonselbst gearbeiteten Übersetzung von C. G. von Murr ins Deutsche übertragen: