Druckschrift 
Erster Band (1832) A bis E
Entstehung
Seite
387
Einzelbild herunterladen
 

Celles

387

Mionalvorurtheile und stolz auf alten Ruhm und alte Erinnerungen, zu käm-vlen hatte, so muß doch Mch von dem blindesten Gegner der Hollander undihres Charakters zugegeben werden, daß C. Alles gethan hat, um das Volk,selbst wenn es das geduldigste von der Welt gewesen wäre, gegen sich zu erbit-tern und aufzureizen. Er waltete mit unbeschrankter Willkür, übertrieb die In-structionen seines Herrn und vollzog alle Gesetze und Verordnungen mit derfeindseligsten Auslegung. Weit entfernt von der seinem Posten so natürlichenund durch die besondern Localverhältnisse doppelt gebotenen Politik, den Franzosenhei den Eingeborenen vergessen zu machen, verrieth er ohne allen Rückhalt bei jedemÄnlaß seine innerste Gemüthsstimmung der schneidendsten Verachtung und Ver-höhnung der Hottandischen Nationalsitten und Nationaleigenthümlichkeiten. Wennder Haß der Einwohner in spatern Tagen, wo sein Regiment nicht mehr zu fürch-ten war, mit Anklagen der fürchterlichsten Art wider ihn auch allzu weit gegan-gen ist, so gibt es doch eine große Zahl constatirter Thatsachen, welche manihm als Prafecten von Südholland vorwerfen kann. Am empörendsten war seineHärte bei dem Rccrutirungswcsen. Als der Volksaufstand in Amsterdam mitunvorsichtiger Übereilung ausgebrochen, schwebte sein Leben in großer Gefahr;bereits war er jedoch, als die Bewegung eine Zeitlang ins Stocken gerieth und eineReaction von Seite der herannahenden französischen Truppenmassen stattzufindendrohte, im Begriff, sich an den Holländern zu rächen, als die ersten russischenTmppenabtheilungen den Besorgnissen des Landes ein Ende machten. C. eiltenach Frankreich. Hier schienen sich ihm, dem Vielerprobten, neue Bahnen zu ener-gischer Thätigkeit öffnen zu wollen, als der Sturz Napoleons auch seiner Wirk-samkeit ein Ziel fetzte. Nach der Bildung des Königreichs der Niederlandewurde er Mitglied der Provinzialstaaten von Brabant, auf welche er alsbald gro-ßen Einfluß gewann; dann trat er als Abgeordneter in die zweite Kammer derGeneralstaaten und erschien in dieser Eigenschaft meist in den Reihen der Oppo-sition, ohne ein besonderes und festes System, je nach Interesse oder Leiden-schaft bald den Philosophen, bald den Priesterfreund vorzugsweise herauskeh-rend. Diese Rolle setzte er bis zu der Zeit fort, wo die Concordarfrage einen derHauptgegenstände des Tages zu bilden begann. Er wußte sich hierbei so be-deutend zu machen und seine diplomatischen Fertigkeiten so geschickt ans Lichttreten zu lassen, daß der König, den Warnungen seiner getreuesten Räche zumTrotz, ihn nach Rom schickte, um die streitige Sache mit dem Papste zu einemehrenvollen Vergleich zu bringen. C. täuschte die Regierung und ließ sich,von den Apostolischen Belgiens bereits früher gewonnen, wie man behauptet,durch eine Summe von einer halben Million Francs besteche^ um das aller-nachtheiligste Concordat, welches die neuere Zeit in der Geschichte der Unter-handlungen mit Rom gesehen, mit einer scheinbaren Unvorsicht abzuschließen,welche sich, der eigenthümlichen Verwickelungen, Incidenzien und Clauseln willen,und weil der König, durch geheime Versprechungen der Curie verlockt, persönlichdurchgegriffen und hinter dem Rücken seines Staatsrates voreilig unterschrie-ben hatte, auch einen geheimen Artikel eingegangen war, durch alle spätem Ver-fügungen und Auslegungen nicht wieder gutmachen ließ. Der allgemeinste Un-wille sowol der liberalen als der ministeriellen Partei empfing den Verräther derkirchlichen Nationalfreiheiten bei feiner Wiederkehr nach den Niederlanden; nichts-destoweniger wußte er, nachdem die berüchtigte Union sich gebildet, das öffentlichellrtheil der Opposition nach und nach in solchem Grade zu verwirren und zu seinenGunsten, besonders mit Hülfe der katholischen Abtheilung, umzustimmen, daß esplötzlich als einer der Koryphäen der belgischen Freiheitsanwalte angesehen wurde,und seinem Monarchen allen nur ersinnlichen Schaden zufügen konnte. Und den-nock wagte er es, nach allem Vorangegangenen, 1829 Unterhandlungen mit der

25^

''st