Braunschweig 315
men des Herzogs Wilhelm erlassene Proclamationen und von Seiten des HerzogsKarl Verheißungen der liberalsten Institutionen, Steuererleichterung u. s. rv.Am Morgen des 29. Nov. erhielt man dann in der Residenz durch eirren Eilbotendie Nachricht, daß der Herzog selbst in der erwähnten Gegend erschienen sei undohne Zweifel einen Einbruch in das Land beabsichtige. Man fürchtete nichts;doch sollte auch nichts versäumt werden, und sogleich wurden Freiwillige derbraunschweigischen Bürgergarde zum Zuge nach dem 10 Meilen entfernten Has-selselde, in dessen Nähe der Herzog sich aufhielt, entboten. Man drängte sich zudiesem Abenteuer, erfuhr aber bei der Ankunft in Hasselfelde, daß der Herzog bereitsdurch eine dortstehende Militairabtheilung von der Grenze zurückgewiesen wäre.Er war von einem Haufen erkauften Gesindels begleitet gewesen, hatte, nach ver-geblichen Unterhandlungen mit den gegen ihn commandirenden Offizieren, den Ver-such angedroht, die Grenze gewaltsam zu überschreiten, war aber sogleich, als er die' ^ Soldaten nebst den Grenzbewohnern zum Widerstände entschlossen sah, unter demVerwände, kein Blut vergießen zu wollen, zurückgekehrt. Er nahm dann seinenWeg nach den westlichsten Theilen des Harzes, vielleicht in der Hoffnung, unter derarmen Bevölkerung des braunschweigischen Weserbezirkes Anhänger zu finden,ward aber in der hanöverischen Stadt Osterode durch einen Volkstumult, den seindortiger Aufenthalt veranlaßte, in solche Todesangst gejagt, daß er in der Nachtaus einem Fenster sprang, mit Zurücklassung seines Wagens zu Fuß durch dieFelder irrte, und in dem kläglichsten Zustande, verwundet und mit zerrissener Krei-dung, in Gotha ankam, wo er von Neuem das Staunen der Menge erregte.Diese Vorgänge hatten auch dem Herzoge Wilhelm auf das deutlichste bewiesen,wohin es mit seinem Bruder gekommen fei; sie hatten selbst den Bundestag vonder Nothwendigkeit überzeugt, zur Erhaltung der Ruhe und Ordnung in dem da-mals schon mehrfach aufgeregten nördlichen Theile Deutschlands wirksame Maß-regeln zu treffen, und derselbe erließ am 2. Dec. den Beschluß, Herzog Wilhelmsolle von Seiten des Bundes ersucht werden, die Regierung des HerzogthumsBraunschweig bis auf Weiteres zu führen. Die definitive Anordnung der Ver-hältnisse des Herzogthums aber sei an die Agnaten des Hauses zu verweisen unddie von denselben getroffene Feststellung baldigst dem deutschen Bunde zur Aner-kennung mitzutheilen. So hatte der Bund das factisch bereits Bestehende durchseine Anerkennung genehmigt, und da der Herzog Karl in der öffentlichen Mei-nung unrettbar gesunken war, so hielt man sich in Braunschweig gegen jede vonihm ausgehende Gefahr sicher.
Damit schien für jetzt noch den Meisten der Zweck der gewaltsamen Umwäl-zung erreicht, die den Namen des kleinen Landes weltkundig machen sollte. Nur dieM.? Einsichtsvollem empfanden tief, daß das Ende noch nicht gekommen sei. Mußtees nicht nach solchen Lehren des Schicksals als die heiligste Pflicht erscheinen, jederAis," Möglichkeit vorzubauen, die erlebten Greuel zurückkehren zu sehen? Und warsD es nicht an dem Volke, das sich im Drange der Noth zum Handeln erhoben hatte,^ jetzt auch das Bedürfniß, das unter den entsetzlichsten Erfahrungen in ihm erwachtwar, lebendig und kräftig auszusprechen? Dennoch fanden sich anfangs nur We-nige, welche die Menge auf der unbekannten Bahn des Volkslebens fortzufüh-ren wagten. Von einer Anzahl von Männern aus den gebildeten Ständen wurdezuerst eine Adresse abgefaßt, welche einige der Hauptmängel der bisherigen Ver-fassung darlegte und die Landstände um Mitwirkung zur Abstellung derselbenauffoderte. Das Volk aber begriff bald, worauf es hier ankam; die einfachenWahrheiten, welche schon in dem Begriff einer Volksvertretung liegen, wurdenihm bei dem ersten Blicke, der darauf hingelenkt wurde, klar, und Taufende vonUnterschriften aus dem ganzen Lande bewiesen, daß die Petition nur Dasjenigeaussprach, worauf die dunkle Sehnsucht des Volkes gerichtet war. Doch waren