3!2 Braunschweig
tende strömten in das Schloß. Wer mochte sie vertreiben? Ein Angriff desMilitairs mußte zu dem entsetzlichsten Blutbade führen, und die Rettung des Schlos-ses nur noch schwieriger machen, als sie es schon durch die vom Herzoge unmittel-bar verfügte ganz fehlerhaste Aufstellung der Truppen war. Der General von Herz-berg Handelteso umsichtig als menschlich, indem er das Militair zurückzog. Jn-deß eilten immer mehr Pöbelhaufen zur Plünderung herbei; die Bürgerpatrouillenversuchten vergebens, die zügellose Menge zu Paaren zu treiben; ihre unzureichen-den Waffen wurden zerbrochen; in ein Handgemenge konnten sie sich nicht ein-lassen. Mit Schnelligkeit verbreitete sich der Brand aus der Kanzlei zu den nahenZimmern des Herzogs. Die geängfteten Bewohner der Nachbarhauser riefen nachHülfe. Doch vergebens brachte man Spritzen zur Löschung des brennenden Schlos-ses herbei; die Wüthenden gestatteten keinen Rettungsversuch, nur die gegenüber-liegenden Bürgerhauser, an welchen schon die Flamme leckte, durften vor derGlut gesichert werden. Immer weiter breitete sich der Brand über den langedehn-ten" rechten Flügel des Schlosses aus; selbst als mitten in der Nacht das herrlicheMittelgebäude, ein Denkmal des verehrten Karl Wilhelm Ferdinand, von derGlut ergrissen wurde, wies der tobende Haufen die Vorstellungen besonnenerMänner mit wilden Drohungen, ja mit Gewaltthaten zurück; auch die anstoßen-den Zimmer des linken Flügels, hieß es, müßten noch nieder, in denen der Schänd-liche geboren sei. Unaufhaltsam fraß die Glut an dem trockenen Holzwerke desSchlosses weiter, aber wie durch ein Wunder blieb jedes andere Gebäude verschont.Als gegen Morgen nur noch ein Theil des linken Flügels übrig war, durch dessenBrand den anstoßenden Häusern Gefahr drohte, lagen die Werkzeuge der Greucl-that in Trunkenheit begraben, manche unter den Trümmern des Schlosses, undNiemand hinderte mehr am Löschen. Jetzt übersah man den Greuel der Verwü-stung ! Furchtbar hatte die Leidenschaft getobt, und wer mochte rechtfertigen,was geschehen war? Aber in seinem Ursprung erschien auch der wildeste Haß ge-recht, und in dem Erfolge erkannte die aufgeregte Stimmung der Bessern ein Got-tesgericht. Nur den Einen hatte die Rache getroffen, weil das Maß seines Fre-vels voll war. Der Pöbel war das Werkzeug seines Falles gewesen; aber was erin seiner Weise durch rohe Gewaltthat vollführte, das entsprang aus demselbenGefühle, das Alle beherrschte. Niemand weiß, was voraus beabsichtigt war, auchnicht wer den Sturm geleitet haben mag; der Mordbrand ging aus der Wuth desPöbels hervor *), die instinktmäßig zum geahnten Ziele führte. Denn durch solcheThaten mußte sich zeigen, daß das Band zwischen dem Gewalthaber auf dem Thronund seinem Volke für immer zerrissen war. Zugleich wurden auf eine ans Wun-derbare grenzende Weise geheime Papiere des Herzogs durch den Brand des Schlos-ses, der sie so leicht vernichten konnte, zu allgemeiner Kunde gebracht und gabendie unzweideutigsten Beweise von der sittlichen Verderbtheit des Tyrannen! DenFlüchtling jagte das Gewissen über die Grenzen seines Landes hinaus, in dessenübrigen Städten er sich wol noch hätte halten können. Mit dumpfer Gleichgül-tigkeit sah er eine Stunde von Braunschweig die Flammen des väterlichen Schlos-ses; nur auf die Rettung seiner Person bedacht, glaubte er sich erst jenieit desMeeres sicher. Auch hoffte er, durch den Beistand feines königlichen Verwandten,Wilhelm IV. von England, auf den angeerbten Thron zurückgeführt zu werden.In Braunschweig war indeß in dem Drange der Gefahr der Volksgeist erwacht.Die Bürger der Hauptstadt erkannten die Nothwendigkeit, Ordnung und Gesetzwider den losgelassenen Pöbel, der nur dem Zwange gehorcht, durch eigne Kraftzu sichern. Bereits am 8. Sept. ward die Bürgergarde förmlich organistrt, wählte
*) Auffallend ist es übrigens, daß das Gerücht von dem Schloßbrande in meh-re Meilen weit von Braunschweig entfernten Orten dem Ercigniß selbst vor-anging.