Brasilien
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5 Millionen Menschen ohne Bürgerthum, ohne eine durch Sprache, Abstammung,Glauben, Sitte, Bildung und Geschichte entwickelte gemeinsame Nationalität.Jede verstandige und kraftige Bestrebung hemmte daher der Mangel an innererEinheit. Das künstliche Surrogat einer Monarchie konnte diese so wenig hervor-bringen, als das Phantasi'ebild einer Republik sie hervorzaubern. Der Föderalismuswird endlich obsiegen, und Brasilien in mehre Staaten zerfallen; glücklich genug,wenn diese, in sich wohlgegliedert, zuletzt in einen Staatenbund dauerhaft zusammen-treten. Dieser Föderalismus wird, nach unserer Ansicht, das naturnothwendigeEndergebniß sein von allen politischen Bewegungen in den weit ausgedehnten, dünnbevölkerten Landerwüsten der neuen Welt; denn der Urkeim des politischen Lebensstammt hier nicht aus dem patriarchalisch-priesterlichen Charakter des Orients,sondern er ist hervorgegangen aus der beweglichen und veränderlichen Natur dergriechisch-europäischen Städte- und Küstencolonisirung. Diese streute nämlichblos Städte mit örtlichen, also unter sich verschiedenen Interessen über eine großeKüstenländerstrecke hin, welche eben darum, weil sie vereinzelt nur mit dem Mut-terlande zusammenhingen, unter sich zu keiner natürlichen, festen Verbindung ge-meinschaftlicher Zwecke gelangen konnten. Auch die neuesten politischen Erschütte-rungen des brasilischen Kaiserreichs scheinen auf dieses Endziel hinzuführen.
Als Johann VI. 1808 in Rio seinen Sitz nahm, konnte diese Stadt der Mit-telpunkt für die großen Küstenstädte Brasiliens werden, welche bisher an Lissabongefesselt waren. Johann errichtete in Rio Gerichtshöfe, die in letzter Instanz ur-teilten ; Brasilien wurde den fremden Nationen geöffnet, und der Handel mit denLandeserzeugnissen von den Fesseln des alten Colonialsystems befreit. Aber dieinnere Verbindung und Einheit der verschiedenen Provinzen durch eine gleichartigeVerwaltung ward nicht befördert; man ließ die alte Uneinigkeit zwischen denProvinzen fortdauern, und Johann VI. war der Oberherr einer Menge sehr ver-schiedenartiger Staatengebiete. Seine portugiesischen Minister kannten das Landzuwenig. Rodrigo, Graf von Linhares, hatte vortreffliche Ideen; aber er ver-stand es nicht, Hindernisse zu beseitigen, und Alles blieb bei bloßen Entwürfen.Antonio de Villano e Portugal, welcher Verwaltungs-, besonders staatswirth-schaftliche Kenntnisse besaß, hielt, unbekannt mit der politischen Entwicklung derneuern Zeit, streng an dem alten portugiesischen Systeme. Als die Revolution imAugust 1820 in Portugal, dann im Februar 1821 auch in Brasilien ausbrach,war nichts vorgesehen, und der schwache König ohne Rath, wie die Regierung sichan die Spitze der Bewegung stellen könne. Er ging im April 1821 nach Europa,weil man ihn überredet hatte, seine bloße Gegenwart werde die aufrührischenPortugiesen zu ihrer Pflicht zurückführen. Statt dessen wurde er das blindeWerkzeug jeder Partei, die eben in Lissabon die herrschende war. Die Brasilierwaren aufgebracht über die ganzliche Preisgebung, worin sie die Abreise des Kö-nigs ließ. Von dem stolzen Tone der lissaboner Cortes verletzt, welche den Brasi-liern eine gleiche Nationalreprasentation verweigerten und im December 1821 demPrinzen-Regenten, Don Pedro, nach Europa zurückzukehren befahlen, vereinigtensich die einzelnen Provinzen in dem Hasse und in der Verachtung Portugals, umdas Werk ihrer Emancipation zu vollenden. Seitdem fortwährend durch diesesleidenschaftliche Gefühl gegen Portugal und alle Portugiesen ohne Ausnahmegeleitet, blieben die Brasilier nur in der Frage der Trennung von Portugal einig;sie wurden aber dadurch kein Volk von gleichartigen, nationalen Interessen in deminnern Umfange ihres neuaufgerichteten Reiches. Jede Provinz hielt sich für be-rechtigt, die erste zu sein; jede größere Stadt glaubte ihr Gemeinwesen selbständigordnen und verwalten zu können; daher so viele theilweise Ausstände in den Pro-vinzen gegen die Centralregierung in Rio Janeiro. Don Pedro trat im Mai1822 an die Spitze eines noch nicht organisirten Reichs; allein er war, obwol mit