Beranger
schick haben die Haare des achtzigjährigen Greises gebleicht, ohne im mindesten dieLebendigkeit seines in hoher Kraft und ewiger Jugend stralenden Geistes zu schwa-chen. Als Abgeordneter zur bairischen Deputirtenkammer entfaltete er auf denLandtagen der Jahre 1825 und 1828 einen reichen Schatz staatswissenschaft-licher Kenntnisse, erhöht durch eine Fülle reicher Erfahrungen, glühenden Patrio-tismus und kühne Fceimüthigkeit. Ein solcher Geist, der so klar denkt, so tief ein-dringt und durch elastische Bildung genährt und veredelt ist, der so hoch über derRegion des Mechanismus und des todten Buchstabens steht, mußte gegen dieorthodoxen Windbeuteleien unserer kirchlichen Romantiker eine entschiedene Richtungnehmen. Seine hellen Begriffe von der Kirche ließen ihn den Unterschied der rö-misch-katholischen und der evangelisch-protestantischen Kirche tief empfinden. Über-zeugt, daß die Glaubensbekenntnisse der ersten Jahrhunderte nichts enthielten vonunhaltbaren Schulerklärungen über die Erbsünde, über die Brotverwandlung,nichts von dem Primate des Papstes, von der Ohrenbeichte, von den Privat-messen, von den Ablässen und von dem Heiligendienste; überzeugt, daß nichtStillstand, sondern Fortschritt das Losungswort in dem Geisterreiche sei, und daßnur durch ungehinderte Prüfung und Mittheilung ihrer Ansichten freie Geistersich vervollkommnen können, wurde er in der Reihe denkgläubiger Katholiken derWortführer des Protestantismus. Es mußte für ihn ein sittliches Bedürfnisfein, zur evangelischen Kirche überzutreten. Sein den Übertritt begründendesSchreiben vom 24. Jun. 1827 an den Consistorialrath und Stadtpfarrer Dr.Kirchner und den Stadtpfarrer Dr. Friederich zu Frankfurt a. M. (siehe „So-phronizon", 1829, Bd. 11, Heft 3) muß auf den Nachdenkenden Eindruckmachen. Sein Beispiel dürfte noch vielen protestantischen Katholiken zum Füb-rer und Leitstern dienen. Die leider nicht fortgesetzte, sonst vielgelesene Zeit-schrist: „Der Protestant", von ihm und Dr. Friederich herausgegeben, entwickeltvortrefflich das Wesen des Protestantismus in seiner religiösen, kirchlichen, wissen-schaftlichen und politischen Beziehung. — Wie zu erwarten, wurde B.-St. auch alsAbgeordneter zum Landtage von 1831 gewählt, verweigerte aber die Annahme dieserehrenvollen Auszeichnung aus einem, bei den Wahlhandlungen seines Kreises, sei-ner Überzeugung nach, stattgefundenen Mangel constitutionneller Form. GrafB.-St. war jedoch kein müssiger Zuschauer der deutschen landständischen Ver-handlungen. Er gab unter dem Titel: „Der Verfassungsfreund", eine Zeitschrift,diesem wichtigen Gegenstande gewidmet, heraus, und es ist zu bedauern, daß sievor der Hand aufgehört bat. Mit nicht weniger Beifall wurden in und außerBaiern seine „Baiernbriefe" (4 Bde., Stuttgart 1831) aufgenommen: ein inseiner Art einziges Werk, das die Wirksamkeit der bairischen Landstände in den vierersten Landtagen mit der Fackel der Kritik beleuchtet, die Mängel der Verfassung,die Gebrechen der Verwaltung, die Tendenz der Regierung, Licht und Schattenim Leben und Treiben der Kammern mit einer Tiefe des Erkenntnisses, einerSchärfe des Urtbeils, einer Vollständigkeit und Umsicht darstellt, wie es, im Ver-ein solcher Vorzüge, nur aus der Feder eines rastlos thätigen Geschäftsman-nes und geistvollen Gelehrten erwartet werden kann. Kaum möchte ein an-deres Land eines solchen Repertoriums seiner wichtigsten öffentlichen National-verhandlungen sich rühmen können, womit sich der Verfasser ein rühmliches Denk-mal stiftete.
Beranger (Pierre Jean), der Inbegriff der lebendigen Poesie der politischenEntscheidungszustände Frankreichs, mehr als der Volksdichter, das dichtende Volkselbst, wie Jemand treffend ihn bezeichnet hat, ward am 19. Aug. 1780 zu Pausgeboren, und wenn er in dem heitern Liebe: „De tuilleur et la tee", ein treuer Bio-graph ist, war sein mütterlicher Großvater ein armer Schneider, der ihn erzog. Ausder Wiege, die „nicht von Blumen war", wurde der Knabe früh in die unfreund-