216 Belgien
vom 14. Dec. 1831 wurde bis auf den 15. Marz, und seitdem noch langer hin-aus verschoben, weil sie von der Vorfrage der noch unentschiedenen Annahme desVertrags vom 15. November abhangt. Wahrend dieser Verhandlungen bliebder König Wilhelm in seiner kriegerischen Stellung. Also mußte auch Belgien seineRüstungen fortsetzen. Es ließ in Gent, Antwerpen, Lüttich — den Hauptverthei-digungspunkten des Landes —u. s. w. neue Festungswerke anlegen; die Neprä-sentantenkammer beschloß schon am 28. Dec. 1831 die Mobilisation der Bürger-garde und eine Aushebung von 12,000 Mann für das I. 1832. Das Heerwurde auf den Kriegsfuß ausgerüstet, und am Ende des Marz 1832 standen Bel-gien und Holland drohend und schlagfertig einander gegenüber.
Das Ministerium des Königs Leopold erfuhr in dieser Zeit einige Veränderun-gen. Am 30. Dec. wurde de Theux zum Minister des Innern ernannt, Meulenaereblieb Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Coghen wurde Finanzminister, undNaikem übernahm das Justizministerium. Der Kriegsminister Brouckere gab aberam 15. Marz d. I. seine Entlassung, wozu die von der Kammer gemachten Neductio-nen seines Budgets und die Angriffe der Opposition wegen eines Lieferungscon-tracts, vielleicht auch die Ungewißheit der nahen Zukunft, der Beweggrund gewesensein sollen. Seine Stelle versieht einstweilen der Graf F. von Merode. Das wich-tigste Geschäft der beiden Kammern war die Erörterung des Budgets für 1832 (s.oben). Wir bemerken nur noch, daß die Civilliste des Königs auf die Dauer seinerRegierung zu 1 ,300 ,000 Fl., nebst der Benutzung der königlichen WohnungenBrüssel, Antwerpen und Laeken, fast einstimmig festgesetzt wurde. Übrigens istdie Lage des neuen Königreichs auch im Innern nicht sehr erfreulich. Der Han-del von Antwerpen, diesem europäischen Stapelplatze, ist gänzlich gesunken, undder von Ostende hat wenigstens nicht zugenommen. Von der belgischen Indu-strie behauptete Robaulx in der Repräsentantenkammer (am 6. März 1832)wol mit einiger Übertreibung, daß sie gänzlich daniederliege. England habe imMonat November allein für 5 Millionen solcher Fabrikarbciten nach Holland ge-sandt, die früher aus Belgien bezogen worden wären. Aus dieser Stockung desHandels, sowie aus der fast allgemeinen bittern Enttäuschung der verschiedenenParteien, die von der Revolution jede ganz andere Erfolge zu sehen gehoffthatten, erklärt sich theils die Aufregung zum Aufstande, welche bei mehrenAnlässen hervortritt, theils die Gleichgültigkeit an den öffentlichen Angelegen-heiten, die dem Zustande der Erschlaffung nach einem durch Überreiz hervor-gebrachten Aufschwünge gleicht. Aus jenem Grunde mußten Gent und Ant-werpen in Belagerungsstand erklärt werden. Aufruhr, sagte der Kriegsmini-fter in der Sitzung der Repräsentantenkammer am 24. Jan. 1832, werdein Gent öffentlich empfohlen; man suche die Bürgergarde und das Militair zuverführen. Auch gegen die orangistische Presse mußte eingeschritten werden, undder Pöbel, welcher das Haus Nassau haßt, kam hierin durch seine Ausschweifun-gen noch dem Nachdrucke der Behörden zuvor. Die durch die Constitution ver-bürgte Preßfreiheit wurde namentlich gegen den Redacteur des „Nessoger deSteven, auffallend verletzt, worüber es in der Kammer heftige De-batten gab; daher das gegen Steven schon ausgesprochene Urtheil von demhohen Militairhofe (Februar 1832) für nichtig erklärt wurde. Wie sehr aberdie Theilnahme an politischen Verhandlungen in Belgien seit der Revolution ge-sunken sei, beweist unter Anderm der Umstand, daß bei einzelnen Repräsentanten-wahlen im Mär; 1832, in Löwen von 1600 Wählern nur 119, in Lüttich vonmehr als 1600 Wählern nur 194, in Doornick von 1200 nur 371 erschienen wa-ren. Ungehorsam aber und Widersetzlichkeit fallen bei der Bürgergarde wie bei denSoldaten häufig vor. Dies Alles reizt fortwährend ebenso sehr die zahlreiche Par-tei der Orangisten als die der Republikaner zum lauten Tadel des Bestehenden.