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Erster Band (1832) A bis E
Entstehung
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199
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Belgien 199

von Europas Völkerrechte zum Trotze, von Europas Großmachten aus bloßerFurcht vor einem europäischen Kriege, zu einem Volk ohne Sprache, Geschichteund Charakter und zu einem Staare mit erkünstelten, abgezwungenen und unsi-chern Grenzen, auf rein diplomatischem Wege erhoben und mit einem Könige wiemit einem sogenannten ewigen Frieden ausgestattet wurde. Belgien, eine Land-strecke, die ursprünglich zu Deutschland, dann mit den übrigen Niederlanden undmit Burgund vereinigt, hierauf von diesen wiederum abgesondert, zu Spanien,dann zerstückelt zu Frankreich, Ostreich und Holland, endlich einige Jahre langganz zu Frankreich, und zuletzt ganz zu Holland gehört hatte, dieses Belgien, dasstets die Beute fremder Waffen gewesen war, und, sonderbar genug, in Folge fran-zösischer Eroberung die deutsche Provinz Lüttich erworben hat, ist in Folge von ei-nigen fun zig Protokollen der fünf Botschafter in London abermals in seinen Gren-zen beschnitten *), ein eigner Staat geworden; und die keltisch-germanische, wal-lonische, flamandische, deutsche, holländische und französische Bevölkerung dessel-ben, die so fremdartig und gemischt ist wie seine Dialekte, seine Beherrscher undseine Gesetze es von jeher waren, ist ein Volk mit eigner Constitution, mit einemdeutschen Könige und mit französischen Waffenmeistern geworden. Es soll einesewigen Friedens genießen, während über seinem Dasein die Kriegsgöttin schwebt,und für diese, mit einer alten und neuen Schuldenlast, sowie mit einem Deficitschon in der Wiege belastete Selbständigkeit hat es den Weltmarkt seiner Industrieund die Aussuhrwege seines reichen Bodens dahingegeben. Diese Erscheinung istjetzt eine aus der Macht der Umstände hervorgegangene Thatsache,die von halb Europa aufrecht erhalten wird, während die andere Hälfte sie umzu-stoßen Kraft und Neigung, aber nicht den Willen hat. Derselbe Widerspruch giltmeinem noch höhern Grade von dem neu geschaffenen Volke der Belgier selbst,wenn es wahr ist, was einige öffentliche Stimmen behauptet haben, daß von 4Mill. Belgiern 3,950,000 in diesem Augenblicke Das, was geschehen ist, bitterbereuen und die wohlthuende Vorsorge des Königs Wilhelm zurückwünschen. Ehewir den Gang der Ereignisse, der zu einem solchen Endziele führte, erzählen, müs-sen wir die Stellung Belgiens zu Holland und seine Beschwerden darstellen.

Südniederland oder Belgien und Nordniederland oder Holland wurden aufdem wiener Congresse 1814 —15 im europäischen Interesse, aus Rücksichten aufFrankreichs politische Abdämmung von Deutschland, in Erinnerung des frühernVerbandes der gesammten niederländischen Provinzen und in Betracht der materiel-len Interessen beider Abtheilungen zueinem politischen Körper vereinigt, und zwarohne Südniederland deshalb zu fragen, weil die Großmächte über diese, wie über an-dere eroberte Provinzen nach allgemeinen politischen Combinationen verfügten.Nun waren aber die Völkerschaften von Südniederland dem Holländer in Glaubens-bekenntniß, Sprache, Sitte, Charakter und Interesse völlig entgegengesetzt. DasFehlerhafte der ausgesprochenen Einigung bestand darin, daß 4 Mill. Katholiken,welche einerVerwaltung bedürfen, die vorzugsweise das Interesse des Landbaues, derManufactur und der Fabrik ins Auge faßt, mit 2 Mill. Calvinisten im c^innedes holländischen Handelsgeistes und in einer andern Sprache, die eben dadurch ih-nen noch widerwärtiger geworden ist, als sie es früher schon war, eine und dieselbeVerfassung, Regierung, Gesetzgebung und Verwaltung erhielten. Nun war aberdas Agricultur-, Manufactur- und Fabrikinteresse Belgiens von dem Handelsinter-esse Hollands oft so verschieden, daß Verwaltungsmaßregeln, die bei dem einenTheile Anerkennung und Dank fanden, bei dem andern heftigen Tadel erfuhren.Gleichwol scheinen diese Reibungen verschiedenartiger materieller Interessen nicht

*) Warum dies geschehen mußte, wird im Art. londoner Conferenz ge-sagt werden.