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Erster Band (1832) A bis E
Entstehung
Seite
126
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126 Audry de Puyraveau

Schwächen zu bedecken.Der Maurer" wurde auf allen Theatern Frankreichs undDeutschlands die Lieblingsoper des Publicums. Erfolge dieser Art mußten den >Componiften, wenn nicht zu größerm intensiven, doch zu rascherm Fleiß anspor-nen, zumal da ihm seine Arbeiten einen sehr reichlichen Ertrag gewahrten. So er-schienen in geringen Zwischenräumen nach einander:Die Stumme von Portici"Die Braut",Fra Diavolo",Der Gott und die Bayadere", und ganz neuerlichDer Liebestrank", zu welchen sammtlich der so überaus fruchtbare Scribe die Tepregeliefert hat. Eine ins Einzelne gehende Charakteristik dieser Werke wäre hier nicht !an ihrem Orte; indessen scheint uns die Musik in derStummen von Portici"die werthvollste zu sein, wiewol wir glauben, daß der Erfolg dieser Oper, der na-mentlich in Berlin fast beispiellos gewesen ist, an sehr vielen Ursachen zugleich hängt.Sehr artige Vaudevillemusi'k findet' sich in derBraut".Fra Diavolo" bekundetdas Talent des Componisten für nationelle Auffassung und naive Charakteristik.Hier aber scheint sich auch das Talent desselben gebrochen zu haben und nunmehrauf dem Rückwege zu sein. InGott und die Bayadere" kann die Musik höch-stens auf den Charakter pikanter Balletmusik Anspruch machen; die Reizmittelin der Melodie, welche in den frühern Opern (vomMaurer" an) originell erschie-nen, stehen hier schon auf der äußersten Grenze und werden häusig bizarr; in demLiebestrank" vollends fehlt es an lebendiger Production, und der Musiker erscheintoffenbar ermattet und gelähmt in einer Weise, die uns befürchten läßt, er werde da-mit den Grenzstein seiner Erfolge erreicht haben. Fassen wir unser Urtheil über A.zusammen, so ergibt sich, daß er allerdings reich an pikanten originellen Melodien ist,daß er mit Geist und Feinheit in einer gewissen Sphäre zu charakterisiren versteht, ldaß er das Theater und dessen Wirkungen genau kennt, endlich daß er sein Orchesterin der Art sehr gut zu benutzen weiß, wie ein Virtuose gewisse Effecte seines Instru-ments, ohne darum ein vorzüglicher Componist an sich zu sein. Allein ein gediege-ner musikalischer Werth fehlt seiner Composition durchaus, ja selbst seine Instru-mentation ist im Allgemeinen nicht nachzuahmen, da sie mehr gewandte Kokettem,täuschenden Putz als wirkliche Schönheit enthält. A. wird daher das Schicksal ele-ganter, aber unechter Modewaaren haben, d. h. in kurzer Zeit mit dem Glänze derNeuheit auch seinen Werth einbüßen. Von Gestaltung größerer Stücke, von einemmusikalischen Bau, von Durchführung, von sicherer Zeichnung und Haltung derCharaktere ist bei ihm nichts zu finden; selbst der leicht arbeitende Boyeldieu istihm in diesen Eigenschaften unendlich überlegen, vollends aber der gediegene, genialeCherubini, neben dem A. gar nicht genannt werden darf. Wo andere Componistenanfangen ihre Kräfte zu entwickeln, in den Finales, Ensembles, selbst in der Ouver-türe, da ist A., wenn nicht das Ganze auf einer Melodie beruht (wie z. B. im zweitenAct derStummen von Portici") zu schwach, zu unbedeutend sogar, daß man dieNeuheit kaum beachtet. Das Verdienstliche seiner Leistungen besteht immer nurin sechs bis acht melodiösen Takten, die er aber mit großer Geschicklichkeit soviel alsmöglich geltend zu machen weiß, woher es auch kommt, daß man seine Opern miteinigen wenigen Melodien ganz auswendig weiß. In der Hervorhebung kleinerpikanter Züge und Situationen, in Wahl und Beurtheilung der Sujets, kurz in allenHülsseigenschaften, die zu einem guten Theatercomponiften gehören, ist er als Mu-ster zu empfehlen. Die wesentlichen Eigenschaften des dramatischen Musikers de- .sitzt er aber nur in einem äußerst geringen Grade oder wendet sie wenigstens nachdurchaus nicht zu billigenden Kunstgrundsätzen an, sodaß er in gewisser Beziehungnebst Rossini und Andern, wiewol in einem minder bedeutenden Grade, einer derZerstörer der echten dramatischen Musik genannt werden muß. Selbständige Znsiru-mentalcompositionen sind von ihm so wenig wie Gesangscompositionen anderer Gat-tung bekannt geworden, auch scheint sein Talent sich denselben zu versagen. (20)Audry de Puyraveau, französischer Abgeordneter, ist besonders durch