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2 (1792) [E - J]
Entstehung
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kraft und die stärkste Begeisterungnichts; die Wahrheit der Handlungist blos ein Werk des Verstandes undder gründlichen Kennlniß. Insge-mein ist die Fabel dem Künstler durchdie Geschichte gegeben, oder er hatsie in seiner Phantasie entworfen undangeordnet, ehe er an die Handlungdenkt. Hat er nicht in seinem Genieund Verstand die nöthigen Mittel dieHandlung so zu veranstalten, daßdie Fabel auf eine natürliche und un-gezwungene Weise aus den vorhan-denen Ursachen sich so, wie er sieentworfen hat, entwikelt, so hat ereine Uhr gemacht, die zwar dem An-sehen nach alle nöthigen Räder hat,aber doch nicht geht.

Bey jeder Handlung und bey je-dem einzeln Theilc derselben sind im-mer Kräfte, oder würkende Ursachenund Würkungen vorhanden, die cm-andcr auf das genaueste angepaßtscyn müssen. Man muß nicht großeKräfte aufbieten um kleine Würkun-gen hervorzubringen, und eben sowenig aus geringen Kräften großeWürkungen entstehen lassen. In derIlms bringt zwar die Entfernungeines einzigen Menschen das griechi-sche Heer dem Untergange sehr nahe:aber dieser Mensch ist Achilles.Hätte der Dichter nicht Genie genuggehabt, diesen Helden so groß zuschildern, als wir ihn sehen, so wäredie Handlung der Jlias unnatürlichworden.

Die zweyte Eigenschaft der Hand-lung ist, daß sie interessant sey:der Geist und das Herz dessen, derder Handlung zusieht, müssen inunaufhörlicher Wirksamkeit unter-halten werden. Dieses kann aufmancherlei) Weise bewürkt werden.Das Geschäffte, welches betriebenwird, kann an sich selbst so wichtigseyn, daß die handelnden Personendabey nothwendig in die lebhaftesteWirksamkeit gerathen, wie wenn esgroße Angelegenheiten eines ganzen

Hau

Volks betrifft; oder es kann durchdie dabey intercssirte Personen wich-tig werden, die uns wegen ihresStandes, oder wegen ihres Cha-rakters merkwürdig sind; oder eskann zufälliger Weife, durch aufge-stoßene Schwierigkeit, durch eineseltsame Vcrwiklung der Sachen,durch merkwürdige Vorfälle die Neu-gierde reizen.

Es giebt bisweilen Handlungen,die an sich wenig Merkwürdiges zuhaben scheinen, durch das glüklicheGenie des Künstlers aber ungemeininteressant werden. Daß einige tro-janische Flüchtlinge sich einschiffen,um sich anderswo nieder zu lassen,ist an sich eine ganz unbeträchtlicheHandlung. Virgil hat ihr aberdurch den Gesichtspunkt, in dem ersie ansieht, eine ausnehmende Größeund Wichtigkeit gegeben. Diese we-nige Abentheurer sind die Stamm-väter eines künftigen Volks, dasden ganzen Erdboden beherrschensoll; das künftig cincin andern, da-mals aufblühenden und von einigenGöttern vorzüglich beschützten Volke,die > Herrschaft der Welt entreißenwird. Dadurch bekömmt die Hand-lung der Aeneis eine erstaunlicheGröße, der aber das mehr schöne,als große Genie des Dichters nichtgewachsen war. Was würde nichtein Dichter von Miltons oder Klop-stoks Geiste darausgemacht haben?

Es würde ein für die schönenKünste nützliches Unternehmen scyn,wenn sich jemand die Mühe gäbe,die verschiedenen Kunstgriffe zu ent-dcken, wodurch große Künstler un-beträchtliche Handlungen interessantgemacht haben: denn hierin zeigetsich das Genie in dem schönsten Lichte.Wie manche, an sich unbeträchtlicheHandlung, hat nicht Shakcspcardurch sein erfinderisches Genie höchstinteressant gemacht? Gemeine Künst-ler suchen insgemein die Handlun-gen durch Verwiklung und vielerley

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