G l i
Form zum allgemeinen Muster allerSchönheit angeben. Die Harmonieder Sprache und des Gesanges ent-steht ans ihren Gliedern eben so, wiedie Harmonie der Figur ans den ihri-gen. Aber der Ursprung der Schön-heit, ans der Harmonie der Glieder,läßt sich unendlich leichter empfinden,als beschreiben. Der, welcher in allenArten das Schone der Phantasie er-reichen will, muß die vollkommene Zu-sammensetzung der menschlichen Ge-stalt ans ihren Gliedern, die höchsteuns bekannte Schönheit, so oft undso gründlich gefühlt haben, daß seineEinbildungskraft durch den allgemei-nen darin herrschenden Gcfchmak ge-leitet wird. Wenn einer der alten grie-chischen Meister, welche die höchsteSchönheit der Formen überall erreichthaben, oder wenn Raphael unterden Nenern, ihre Empfindungen hier-über der Welt mitgetheilt hatten, sowaren wir vielleicht im Stande, diebeste Zusainmcnfügung der Gliederzu beschreiben. Jtzt können wir nurwenige Worte über diese geheimniß-vollc Materie stammeln.
Die Glieder eines vollkommenenGanzen müssen von mannigfaltigerGröße und von eben so mannigfalti-ger Gestalt seyn; sie müssen von einan-der unterschieden und doch so unzer-trennlich an einander verbunden seyn,daß man nirgend kann stille stehen;man muß durch einen nnwiderstehli-chen, aber sanften Zwang gcnöthiget,>werden, von einem zum andern zugehen, und im Ganzen muß keinThcil als einzeln erscheinen. Manmuß Theile bemerken, und wenn mansie einzeln fassen will, müssen sie sichin der Masse des Ganzen verlieren.Alles muß so in einander geschlun-gen seyn, daß die Vorstellungskraftnirgendwo würklich ruhen, oder stillestehen kann, als bcy der Betrach-tung des Ganzen. Aber in der Ver-bindung selbst muß eben die Man-nigfaltigkeit herrschen, als in den
G l i 431
Gliedern. Sie müssen immer enge,kaum fühlbar, und doch von merk-licher Würkung, aber von verschie-denen Graden seyn.
Nach dergleichen Gesetzen gicbt derRedner seinen Perioden einen harmo-nischen Klang, wodurch das Ohr sogereizt wird, wie das Auge durch dieschöne Form. Der Tonsctzer schlin-get so seine Tone in einen, auch ohneRüksicht auf den Ansdruk, schönenGesang. Der Tanzer setzet aus sei-nen Elementen die schöne Bewegungzusammen; und nach eben denselbenbringt der zeichnende und bildendeKünstler nicht nur seine Formen her-vor; sondern auch die Schönheitder Zusammensetzung und die Har-monie der Farben entstehen aus der-selben Ouelle.
Glieder.
(Baukunst.)
Sind die kleinern Theile, aus de-ren Zusammensetzung die Verzierungder Gebäude und der wesentlichenTheile derselben gehörigen Hanpt-theile, besonders die Gesimse, ent-stehen. Die verschiedenen kleinemund größern Theile, woraus der imArtikel Attisch abgezeichnete Säulen-fuß zusammengesetzt ist, sind Glie-der desselben.
Die Glieder sind für die Gesimsebeynahe, was die Buchstaben fürdie Wörter sind: und wie aus we-nig Buchstaben eine unzahlbareMenge von Wörtern kann zusam-mengesetzt werden, so entstehet ausder verschiedenen Zusammensetzungder Glieder eine große Mannigfal-tigkeit der Gesimse, Füße, undKranze, wodurch sowol die verschie-denen Ordnungen sich von einanderunterscheiden, als auch die Gebäudeüberhaupt ihren Charakter des Reich-thums oder der Einfalt bekommen.Es ist nichts leichters, als unzäh-liche Arten von Kränzen und Ge-
simftn