Druckschrift 
1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
122
Einzelbild herunterladen
 

122 Biographie.

kam, da entstanden heftige Debatten und Zwistigkciten, die endlicheine offene Spaltung und das Einschreiten der Staatsbehörde zurFolge hatten. Die Gläubigen wurden aus ihrer Kirche vertrieben,weil sie öffentlichen Anstoß gaben, ihre Papiere mit Beschlag belegtund die „Väter" ins Verhör genommen.

Am 27. August 1832 erschienen die in phantastischer Ordens-tracht gekleideten „Brüder in Saint Simon" in feierlichem Aufzugevor den Assisen. Trotz ihrer emphatischen Verteidigung wurden diedrei Häupter Enfantin, Chevalier und Duvcyrier zu einem JahrGefängnis, Barrault und Rodrigucs zu 60 Frank Geldstrafe ver-urteilt und die Familie mußte sich auflösen.

Der St. Simonismus selbst hatte die gerichtliche Verurteilungnicht überlebt, aber das Grundprinzip der socialen Frage war nuneinmal aufgeworfen.

Schon aus dieser flüchtigen Darstellung der Geschichte des St.Simonismus und seiner Lehren werden die Beziehungen und In-teressen Heines zu dieser Bewegung sich von selbst erkennen lassen.So lange der St. Simvnismus eine Schule war, nahm Heine denregsten Anteil an seiner Entwicklung; erst als er sich zu einer Sekteherausbildete, trennten sich seine Wege von denen der „Väter", diemeist auch seine Freunde waren. Vor allem war es der Grund-gedanke Saint Simons, der Aufbau einer neuen pantheistischenHumanitätSreligivn an Stelle des abgelebten Christentums, derHeines innigste Sympathie fand und dem er in seinen Schriftenwiederholt, fast in demselben Gedankengang, begeisterten und beredtenAusdruck gab. Der politische Teil, die Lehre vom Eigentum, schienihm verbesserungsbedürftig, wie er in einem Schreiben au Varn-hagen unumwunden erklärte. Ihn interessierten vor allem diereligiösen Ideen der Schule, „die nur ausgesprochen zu werdenbrauchten, um früh oder spät ins Leben zu treten". Selbst alsder St. Simvnismus bereits öffentlich verurteilt war, bekundeteHeine mit wahrem Freimut seine Sympathien für denselben, ins-besondere für Prosper Enfantin, den er für „den bedeutendsten Geistder Gegenwart" hielt.

Liest man die Angriffe, welche Heine gegen das Christentum er-hebt, so wird mau in ihnen ein getreuesvEcho der Lehren SaintSimons und Enfantins erkennen; nur daß den Dichter seine Ab-neigung gegen die christliche Weltanschauung viel weiter trieb. Mandarf aber, wenn man die Stellung Heines zum Christentum mitRecht verurteilt, den mildernden Umstand nicht übersehen, daß dieAnschauungen und Lehren, denen sein Haß entsprang, damals auf derStraße gepredigt wurden und in der Luft der Zeit lagen.

ES ist ja überaus interessant zu beobachten, welche merkwürdigeWanderung diese Ideen zurückgelegt haben. Den pantheistischen