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1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
118
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118 Biographie.

Buche sagte: Es sei nicht eitel Lust seines Herzens gewesen, daß eralles verließ, was ihm Teures im Baterland blühte und lächelte,daß er ging, weil er mußte und daß er das Prophetenamt mitÜberzeugung übernommen; ja mochte man ihm sogar glauben, daßer nun dieses Prvphetennmtes müde, für sich selber leben und „schöneGedichte schreiben, Komödien und Novellen, zärtliche und heitereGedankenspicle" und sich wieder ruhig zuriickschleichen wolle in dasLand der Poesie, Ivo er als Knabe so glücklich gelebt — das Einekonnte ihm niemand glauben, daß dieses Wort und jenes Lied, daser nun anstimmte, „aus einer großen gottfrendigen Frühlingsideeemporbliihte, die, wo nicht besser, doch wenigstens ebenso respektabelist, wie jene triste, modrige Aschermittwochsidee, die unser schönesEuropa trübselig entblnmt und mit Gespenstern und -vartüffen be-völkerte". Nein, diese höhnisch frivolen Lieder entsprangen keinemfrühlingSfrendigcn Dichterherzen, über ihnen brütet vielmehr derschwüle Nachsommer dumpfer Sinnlichkeit! Und als ob Heine esgeahnt hätte, daß man dem Evangelium dieser gottfreudigen Früh-lingsidee keinen rechten Glauben schenken werde, gesteht er selbst gleichdarauf, gewissermaßen wie zur Entschuldigung für sein Beginnen,mit Offenherzigkeit ein: „Wogegen ich einst mit leichten "Waffenfrondierte, wird jetzt ein offener, ernster Krieg geführt — ich stehesogar nicht mehr in den ersten Reihen."

Gerade aber weil er nicht in den ersten Reihen stand, suchteer auf eine andere Weise zu Geltung und Bedeutung zu kommen,und sich fern von der Heimat eine schriftstellerische Position zu er-ringen. Wehmütig klingt immerhin das Geständnis, daß der Dichterseines Sprecheramts müde geworden sei, wehmütiger aber mußte esjeden Freund seiner Muse stimmen, wenn er den Dichter Abschiednehmen sah, von allen seinen Idealen und Hoffnungen und Träumenund wenn er beobachten mußte, wie Heine einen neuen und ab-schüssigen Pfad einschlug. Aber bei Heine lagen die Extreme stetsunmittelbar nebeneinander. In demselben Moment, in dem erDeutschland aufgeben wollte, erwachte die Liebe zum Vaterland miterneuter Kraft in seinem Herzen. „Es ist eine eigene Sache," sagteer damals, „mit dem Patriotismus, mit der wirklichen Vaterlands-liebe. Man kann sein Vaterland lieben und achtzig Jahre dabei altwerden und es nie gewußt haben; aber man muß dann auch zuHause geblieben sein."

Ein politisches Martyrium war freilich HeineS Sache nicht;dazu fehlte ihm vor allem die Festigkeit und Energie deS Charaktersund daran hinderte ihn vor allem seine überwiegend skeptische Natur.Er konnte nicht in Reih und Glied stehen, weil er beständig zwischenExtremen hin und her schwankte und weil ihm damals schon derGlaube fehlte, der Glaube an ein religiöses oder politisches Dogma,