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1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
Seite
84
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84 Biographie.

sein alter Freund Christian Sethe neben ihm anslnnchtc. Mit deinfreudigen Rufe: „Staatsrat, bist duda?" sprang Heine auf und umarmteden Freund, in dessen Gesellschaft er nun zwei angenehme Tage verbrachte.

Das erste, was Heine in dem nun wieder eröffneten Brief-wechsel von Sethe erbat, waren — 6 Lvnisdors, die er ihm im Januardes darauffolgenden Jahres in Berlin zurückzahlen wollte. Er gingdamals mit der festen Absicht um, wie wir aus diesen Briefen ent-nehmen, sich in Berlin niederzulassen und an der dortigen Universitätzu habilitieren. Die Vorbereitungen dazu traf er freilich aber vor-läufig nur — am Spieltisch, wo er nach eigenem Geständnis seinGeld „fast ganz vertrödelt" hatte.

Die Rückgabe des Darlehens an Sethe erfolgte jedoch nicht sorechtzeitig wie Heine wünschte; die wenigen Lvnisdors spielen nochlange eine Rolle in der Korrespondenz beider, und erst nach dreiJahren am 6. September 1828 erkundigt er sich bei Moser, „obendlich die längst beschriebenen fünf Lvnisdors an meinen FreundSethe bezahlt sind. Ich brauche sd. h. verbrauche) jetzt so rasendviel Geld, daß es'eine Schande wäre, seinen besten Freunden etwasschuldig zu bleiben."

Wie Heine gar leicht an einen fremden Beutel Ansprüche erhob,so zeigte er sich auch, wenn nicht gerade pünktlich, doch fast immergewissenhaft im Wiedergeben und war auch stetS bereit, selbst mitgroßen eigenen Opfern Bekannten, ja dem ersten besten, der be-dürftig war, zu helfen.

An den Vergnügungen der Badegescllschaft nahm Heine keinenTeil. — Der Bildungsstand der hannoverschen Junker, die er ja vonGöttingen aus kannte und die damals den Hauptbestandteil derBadegesellschaft ausmachten, konnte Heine wenig oder gar nicht impo-nieren, und seine Bemerkungen über diese Gesellschaft zeugen voneiner seltenen Beobachtungsgabe.

In dieser großartigen Naturnmgebung reifte vielmehr der Dichterzu einer wahrhaft erhabenen Weltanschauung; er gedachte hier „dergroßen Gottesirvnie, die allerlei Widersprüche zwischen Seele undKörper hervorbrachte", und der Wellengesang des Meeres weckte inihm Ahnungen und Erinnerungen, Gedanken und Träume, aus derTiefe eines Jahrtausends kommend, die ihn zu der Weisheit letztemSchluß führten, „daß all unser kluges Wissen, Streben und Hervor-bringen irgend einem höheren Geiste ebenso klein und nichtig er-scheinen muß", Ivie ihm jene Spinne erschien, die er in der GöttingerBibliothek so oft beobachtete, wie sie auf den Folianten der Welt-geschichte emsig webend dasaß und mit philosophischem Gelehrten-dünkel über ihre ganze Umgebung hinwegsah.

Und mit dieser Erkenntnis stand Heine wieder auf dem Bodender realen Wirklichkeit.