Letzte Gedichte. 267
Doch, Zauberei des Traumes! Seltsamlich,
Die Blum' der Passion, die schwefelgelbe,
Verwandelt in^cin Fraueubildnis sich,
Und das ist sie — die Liebste, ja dieselbe!
Du warst die Blume, du geliebtes Kind,
Au deinen Küssen mußt' ich dich erkennen.
So zärtlich keine Blnmenlippcn sind,
So feurig keine Blnmcnthräncn brennen!
Geschlossen war mein Aug', doch angeblicktHat meine Seel' beständig dein Gesichte,
Du sahst mich an, beseligt und verzücktUnd geisterhaft beglänzt vom Mvndenlichtc.
Wir sprachen nicht, jedoch mein Herz vernahm,Was du verschwiegen dachtest im Gcmütc —Das ausgcsprochne Wort ist ohne Scham,
Das Schweigen ist der Liebe keusche Blüte.
Lautloses Zwiegespräch! man glaubt eS kaum,
Wie bei dem stummen, zärtlichen GeplauderSo schnell die Zeit verstreicht im schönen TraumDer Sommernacht, gewebt aus Lust und Schauder.
Was wir gesprochen, frag ich niemals, ach!Den Glühwurm frag, was er dem Grase glimmert,Die Welle frage, was sie rauscht im Bach,
Den Westwind frage, was er weht und wimmert.
Frag, was er strahlet, den Karsnnkclstcin,
Frag, was sie duften, Nachtviol' und Rosen —
Doch frage nie, wovon im MondcnscheinDie Marterblume und ihr Toter kosen!
Ich weiß es nicht, wie lange ich genoßIn meiner schlummerkühlen MarmortruheDen schönen Freudentraum. Ach, es zerfloßDie Wonne meiner ungestörten Ruhe!
O Tod! mit deiner Grabesstille, du,
Nur du kannst uns die beste Wollust geben;
Den Kampf der Leidenschaft, Lust ohne Ruh',
Gicbt uns für Glück das albern rohe Leben!
Doch wehe mir! es schwand die Seligkeit,
Als draußen plötzlich sich ein Lärm erhoben;
Es war ein scheltend, stampfend wüster Streit,Ach, meine Blum' verscheuchte dieses Toben!