266 Romancero — Letzte Gedichte.
Abwechselnd wieder sah man hier skalpiert^ Des geilen Jovis Brunst nnd Frcvelthaten,
Wie er als Schwan die Leda hat verführt,Die Danac als Regen von Dukaten.
Hier war zu sehn Dianas wilde Jagd,
Ihr folgen hochgeschürzte Nymphen, Doggen,
Hier sah man Herkules in Frauentracht,Die Spindel drehend hält sein Arm den Rocken.
Daneben ist der Sinai zn sehn,
Am Berg steht Israel mit seinen Ochsen,Man schaut den Herrn als Kind im Tempel stehnUnd disputieren mit den Orthodoxen.
Die Gegensätze sind hier grell gepaart,Des Griechen Lustsinn und der GottgedankeJndäas! Und in ArabeskenartUm beide schlingt der Epheu seine Ranke.
Doch, wunderbar! derweilen solcherleiBildwerke träumend ich betrachtet habe,
Wird plötzlich mir zu Sinn, ich selber seiDer tote Mann im schönen Marmorgrabe.
Zu Häuptcn aber meiner Ruhesttttt'
Stand eine Blume, rätselhaft gestaltet,
Die Blätter schwefelgelb und violett,
Doch wilder Liebreiz in der Blume waltet.
Das Volk nennt sie die Blum' der PassionUnd sagt, sie sei dem Schädelberg entsprossen,Als man gekreuzigt hat den Gottessohn,
Und dort sein welterlöscnd Blut geflossen.
Blntzeugnis, heißt es, gebe diese Blum',
Und alle Marterinstrumente, welcheDem Henker dienten bei dem Martyrtum,
Sie trüge sie abkonterfeit im Kelche.
Ja, alle Requisiten der PassionSähe man hier, die ganze Folterkammer,Zum Beispiel: Geißel, Stricke, Dornenkron',Das Kreuz, den Kelch, die Nägel und den Hammer.
Solch eine Blum' an meinem Grabe stand,Und über meinen Leichnam niederbeugend,Wie Franentrancr, küßt sie mir die Hand,
Küßt Stirne mir und Augen, trostlos schweigend.