Druckschrift 
2 (1900) Zeitgedichte [u.a.] Neue Gedichte
Entstehung
Seite
250
Einzelbild herunterladen
 

Romanccro — Letzte Gedichte.

Dir bangtest nicht, hast nicht gezittert.

Selbst wenn den höchsten Tann zersplittertDer Wetterstrahl — in meinem SchaßDu schliefest still und svrgenlos.

Mein Arm wird schwach, es schleicht herbeiDer blasse Tod! Die Schaferei,Das Hirtcnspicl, eS hat ein Ende.

O Gott, ich leg' in deine HändeZurück den Stab. — Behüte duMein armes Lamm, wenn ich zur Ruh'Bestattet bin — und dulde nicht,Daß irgendwo ein Dorn sie sticht —

O schütz' ihr Vließ vor DornenheckenUnd anch vor Sümpfen, die beflecken;Laß überall zu ihren FüßenDas allerliebste Futter sprießen;

Und laß sie schlafen, sorgenlos,

Wie einst sie schlief in meinem Schoß.

24.

Die Söhne deS Glückes beneid' ich nichtOb ihrem Leben — beneidenWill ich sie nur ob ihrem Tod,Dem schmerzlos raschen Verscheiden.

Im Prachtgcwand, das Hanpt bekränztUnd Lachen auf der Lippe,

Sitzen sie froh beim Lebensbankett —Da trifft sie jählings die Hippe.

Im Festkleid und mit Rosen geschmückt,Die noch wie lebend blühten,

Gelangen in das SchattenreichFvrtunas Favoriten.

Nie hat Siechtum sie entstellt,

Sind Tote von gnter Miene,Und huldreich empfängt sie an ihrem HofZarewna Proserpinc.

Wie sehr muß ich beneiden ihr Los!Schon sieben Jahre mit herben,Qualvollen Gebresten wälz' ich michAm Boden, und kann nicht sterben!