10 Nomancero — Letzte Gedichte.
selbe fünfzehnjährige Komödie gespielt, welche hier in Frankreich diekonstitutionellen Royalistcn, die größtenteils inr Herzen Republikanerwaren, mit dein Königtume spielten. Nach der Julius-Revolutionließ man jenseits wie diesseits des Rheines die Maske fallen! Seit-dem, besonders aber nach dem Stnrz Lndivig Philipps, des bestenMonarchen, der jemals die konstitutionelle Dornenkrone trug, bildetesich hier in Frankreich die Meinung, daß nur zwei Regierungsformen,das absolute Königtum und die Republik, die Kritik der Vernunftoder der Erfahrung aushielten, daß man eins von beiden wählenmüsse, daß alles dazwischen liegende Mischwerk unwahr, unhaltbarund verderblich sei. In derselben Weise tauchte in Deutschland dieAnsicht ans, daß man wählen müsse zwischen der Religion und derPhilosophie, zwischen dem gevffcnbarten Dogma des Glaubens undder letzten Konsequenz des Denkens, zwischen dem absoluten Bibelgottund dem Atheismus.
Je entschiedener die Gemüter, desto leichter werden sie das Opfersolcher Dilemmcn. Was mich betrifft, so kann ich mich in der Politikkeines sonderlichen Fortschritts rühmen; ich verharrte bei denselbendemokratischen Prinzipien, denen meine früheste Jugend huldigte undfür die ich seitdem immer flammender erglühte. In der Theologiehingegen muß ich mich des Rückschreitens beschuldigen, indem ich, wasich bereits oben gestanden, zu dem alten Aberglauben, zu einem persön-lichen Gotte, zurückkehrte. Das läßt sich nun einmal nicht vertuschen,wie es mancher aufgeklärte und wohlmeinende Freund versuchte.Ausdrücklich widersprechen muß ich jedoch dem Gerüchte, als hättenmich meine Rückschritte bis zur Schwelle irgend einer Kirche oder garin ihren Schoß geführt. Nein, meine religiösen Überzeugungen undAnsichten sind frei geblieben von jeder Kirchlichkeit: kein Glockenklanghat mich verlockt, keine Altarkerze hat mich geblendet. Ich habe mitkeiner Symbolik gespielt und meiner Vernunft nicht ganz entsagt.Ich habe nichts abgeschworen, nicht einmal meine alten Heidengötter,von denen ich mich zwar abgewendet, aber scheidend in Liebe undFreundschaft. Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letztenMale ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ichairgebetet in den Zeiten meines Glücks. Nur mit Mühe schleppte ichmich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in denerhabenen Saal trat, Ivo die hochgebenedeite Göttin der Schönheit,unsere liebe Frau von Milv, auf ihrem Postameute steht. Zu ihrenFüßen lag ich lange und ich weinte so heftig, daß sich dessen ein Steinerbarmen mußte. Auch schaute die Göttin mitleidig auf mich herab,doch zugleich so trostlos, als wollte sie sagen: „Siehst du denn nicht,daß ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?"
Ich breche hier ab, denn ich gerate in einen larmoyanten Ton,der vielleicht überhandnehmen kann, wenn ich bedenke, daß ich jetzt