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1 (1900) Buch der Lieder Biographie
Entstehung
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43
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Biographie. 43

In der Politik und im Staatslcbcn freilich nicht, denn da wehte dereisige Hauch der starrsten Reaktion, der mit schwerer Hand jede freieGcisteSregung niederhielt oder durch die Censnrschcrc ausmerzte, derdurch die Demagogenverfolgnngcn, die Spionenriecherei, das politischeRenegatentum und den feigen Abfall zu üppiger Blüte sich empor-geschwungen hatte. Wohl aber im gesellschaftlichen Leben! Ebenweil man mit seinem „beschränkten Unterthanenverstande" sich nichtum die Politik bekümmern durfte, ohne mit den Schergen der Reaktionin Konflikt zu geraten und sich den peinlichsten Verfolgungen aus-zusetzen, lebte man recht lustig in den Tag hinein, veranstaltete manBälle und Feste, besuchte man'Theater und Konzerte, trieb man Musikzu Hause und auf der Straße, arrangierte man ästhetische Thecsund litterarische DincrS, las man Gedichte und Zeitschriften, welchemeist voll Skandalgeschichtcn wimmelten, Almanache und dergleichenNippsächelchcn mehr. Wie früher die Märtyrer der Freiheit, so warenjetzt die Sänger und Sängerinnen der königlichen Oper die HeldendcS Tages, und Henriette Sontag war der Abgott der Berliner.„Henriette" war die Losung und „Sontag" das Feldgeschrei. DerKampf zwischen den Anhängern Spontinis und Webers brachte diesonst so kühlen Berliner in die heftigste Erregung und die Auf-führung des „Freischütz" war Wochen und Monate lang das Gesprächder Gesellschaft.

Die blaue Blume der Romantik, deren berauschender Duft da-mals alle sinnenden Gemüter in Deutschland betäubte, hatte in Berlinnur wenig Freunde. Das Hauptvergnngen der Residenz war dieMusik, welche der Romantik seltsamerweise ferne stand; nach derMusik kam daS Schauspiel, welches damals unter der Leitung desGrafen Brühl stand, und erst in dritter Reihe kam die Poesie alsLicblingspassion der höheren Kreise Berlins. Musik, Schauspiel undPoesie — das waren drei Dinge, die in so glänzender Vereinigungder junge Heine bis jetzt noch nicht gekannt hatte. WaS Wunder,daß er sich nun den Vergnügungen, die sich ihm so verlockend dar-boten, voll und ganz hingab und des eigentlichen Zwecks seiner An-wesenheit in Berlin ziemlich vergaß!

Nichtsdestoweniger erkannte er mit seinem scharfen Geiste bald,nachdem der erste Rausch verflogen war, die innere Hohlheit undLeere aller dieser Vergnügungen und gab dieser Erkenntnis in seinen„Briefen auS Berlin" an eine westfälische Zeitschrist beredten Ausdruck.

Und auch der Glanz, den die Stadt selbst mit ihren neuen undgeraden Straßen, mit ihren Prachtbauten und ihrem militärischenWesen auf Heine ausgeübt hatte, verflog rasch und ebnete kritischnüchterner Betrachtung den Platz, über die selbst „der alte Fritz undsein spanisches Röhrchen" keine Macht mehr hatte. Dagegen übteder Geist eines andern Herrschers, eines Herrscher? im Reiche der