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Buch der Lieder
Seite
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4 Vorrede zur dritten Auflage.

Sie trank mir fast den Odem ausUnd endlich, wollustheischend,

Umschlang sie mich, meinen armen LeibMit den Löwentatzen zerfleischend.

Entzückende Marter und wonniges Weh !Der Schmerz wie die Lust unermeßlich!

Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt,Verwunden die Tatzen mich graßlich.

Die Nachtigall sang:O schöne Sphinx!O Liebs! was soll es bedeuten,

Daß du vermischest mit TodesqualAll deine Seligkeiten?

O schöne Sphinx! O löse mirDas Rätsel, das wunderbare!

Ich Hab' darüber nachgedachtSchon manche tausend Jahre."

Das hätte ich alles sehr gut in guter Prosa sagen kön-nen . .. Wenn man aber die alten Gedichte wieder durchliest,um ihnen, behufs eines erneuerten Abdrucks, einige Nachfeilezu erteilen, dann überschleicht einen unversehens die klin-gelnde Gewohnheit des Reims und Silbenfalls, und siehe!es sind Verse, womit ich die dritte Auflage desBuchs derLieder" eröffne. O Phöbus Apollo! sind diese Verse schlecht,so wirst du mir gern verzeihn . . . Denn du bist ein allwissen-der Gott, und du weißt sehr gut, warum ich mich seit so vie-len Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Gleich-klang der Wörter beschäftigen konnte ... Du weiht, warumdie Flamme, die einst in brillanten Feuerwsrkspielen dieWelt ergötzte, plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendetwerden mußte ... Du weißt, warum sie jetzt in schweigenderGlut mein Herz verzehrt ... Du verstehst mich, großer schö-ner Gott, der du ebenfalls die goldene Leier zuweilen ver-tauschtest mit dem starken Bogen und den tödlichen Pfeilen...Erinnerst du dich auch noch des Marspas, den du lebendiggeschunden? Es ist schon lange her, und ein ähnliches Bei-spiel thät' wieder not. .. Du lächelst, o mein ewiger Vater!

Geschrieben zu Paris, den 20. Februar 183g.

Heinrich Heine.