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10 (1898) Französische Zustände : 2
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150 Französische Zustände. II.

allen gnädig! Ich kannte ja das sarmatische Sprichwort: „ DieHand, die man nach nicht abhauen will, die muß mau küssen." ch

Ach! ich wallte, der König von Preußen hätte sich auch hieran die linke Hand küssen lassen, und hätte mit der rechten Handdas Schwert ergriffen nnd dem gefährlichsten Feinde des Vaterlandesso begegnet, wie es Pflicht nnd Gewissen verlangten. Haben sichdiese Hohenzollern die Vogtwürde des Reiches im Norden angemaßt,so mußten sie auch seine Marken sichern gegen das herandrängendeRußland. Die Russen sind ein braves Volk, und ich will sie gernachten und lieben; aber seit dem Falle Warschaus, der letzten Schutz-mauer, die uns von ihnen getrennt, sind sie unseren Herzen so nahegerückt, daß mir angst wird.

Ich fürchte, wenn uns jetzt der Zar von Rußland wieder besucht,dann ist an uns die Reihe, ihm die Hand zu küssen — Gott seiuns allen gnädig!

Gott sei uns allen gnädig! Unsere letzte Schutzmauer istgefallen, die Göttin der Freiheit erbleicht, unsere Freunde liegen znBoden, der römische Großpfnffc erhebt sich boshaft lächelnd, und diesiegende Aristokratie steht triumphierend au dem Sarge des Volkstums.

Ich höre, Delaroche malt jetzt ein Seitenstllck zn seinem Cromwell, einen Napoleon auf Sankt Helena, nnd er wählt den Moment,Ivo Sir Hudson Lowe die Decke aufhebt von dem Leichnam jenesgroßen Repräsentanten der Demokratie.

Zu meinem Thema zurückkehrend, hätte ich hier noch manchenwackeren Maler zn rühmen, z. B. die beiden Sccmaler Gndin undFsabe», sowie auch einige ausgezeichnete Darsteller des gewöhnlichenLebens, den geistreichsten DestoncheS und den witzigen Pigal; abertrotz deS besten Willens ist es mir, dennoch unmöglich, ihre stillenVerdienste ruhig auseinander zn setzen, denn da draußen stürmt eswirklich zu laut, nnd es ist unmöglich, die Gedanken zusammenzn fassen, wenn solche Stürme in der Seele wiederhallen. Ist esdoch in Paris sogar an sogenannt ruhigen Tagen sehr schwer, daseigene Gemüt von den Erscheinungen der Straße abzuwenden nndPrivatträumen nachzuhängen. Wenn die Kunst auch in Paris mehrals anderswo blüht, so werden wir doch in ihrem Genüsse jedenAugenblick gestört durch das rohe Geräusch des Lebens; die süßestenTöne der Pasta und Malibran werden uns verleidet durch den

*) Die nachfolgende Stelle lautete, l>on Censurstricheu arg verstümmelt, im

ältesten Abdruck: „ — Ach, Deutschlands rechte Hand war

gelähmt, lahm getilgt, und unsere beste Schntzmancr fiel, unsere Avantgarde siel,das mutige Polen liegt im Sarge, und wenn uns jetzt der Zar wieder besucht,dann ist au uns die Reihe, ihm die Hand zu Nissen — Gott sei uns allen gnädig!

„Da hier nicht mehr von KönigSmord

die Rede, ist, so will ich alle weitere Erörterung übergehen und zu meinemeigentlichen Thema zurückkehren." Der Heransgeber.