Perwer-Thores bestimmte Rundthurm vorhanden. Dieser back-steinerne, mit Zinnenkranz und Kegelspitze ausgestattet geweseneThurm (ähnlich dem Steinthorthurme zu Brandenburg und demBurgthorthurme zu Tangermünde), ist mit Blenden geschmückt,welche gemeifselte Wappenschilde der Stadt Salzwedel und dersieben Kurfürsten enthalten. Aeufsere und innere Einrichtungendes einfach gestalteten Thurmes entsprechen denen der mitge-theilten Thorthürme von Stendal, Tangermünde und Werben.Seine Bauzeit fällt wahrscheinlich in das Jahr 1460.
Von den Thoren der Neustadt ist das Lüchower Thor vorwenigen Jahren abgetragen worden '). Es bestand wie das nochbestehende Neu-Perwer-Thor aus einem oblongen Thorhause,dessen mit Spitzbogenblenden gegliederte Wände ein Satteldachtrugen, welches von zwei Giebeln seitlich eingefafst wurde.
Von der zwischen 1530—46 bewirkten stärkeren Befesti-gung der Neustadt, welche der Gebrauch der Feuerwaffen er-forderlich machte, rührt das Steinthor her. Dasselbe ist eben-falls in Form eines Thorhauses in sehr verdorbenen spätgothi-schen Formen erbaut. Die Mauerflächen der Stadtseite sind mitflaclibogigen Blenden, welche von gedrückten Kielbogen umrahmtwerden, geschmückt und der obere Giebel mit dem reichstenverschlungenen Reliefmaafswerk in höchst barocker Weise ver-ziert 2 ). Da an der Feldseite zu diesen Formen noch die steteVerwendung tauförmiger Rundstäbe um alle Oeffnungen, Blen-den etc. sich gesellt, der Thorbogen selbst im Rundbogen ge-schlossen ist, so sind genügende Kennzeichen vorhanden, umdieses Thor als einen Schlufsbau des Mittelalters zu betrachtenund seine Bauzeit auf ca. 1530 anzunehmen.
IX. Rathhäuser.
stehen, sind nur als ein Fragment aus der ältesten Zeit der Stadterwähnenswerth. Interessanter ist das Propsteigebäude süd-lich von der St. Marien-Kirche. Dieses oblonge, dreigeschossigeGebäude, vor dessen Langfront ein runder Treppenthurm steht,ist der daran befindlichen Inschrift zufolge: Johannes Verdemannpraepositus erexit hanc domvm anno MCCCCLXXIV im J. 1474erbaut worden 1 ). Die einfache aber gefällige architektonischeGestaltung ist leider durch einen am Schlüsse des XVI. Jahrh.vorgenommenen Umbau wesentlich verändert worden, indessenerkennt man noch deutlich, dafs das Bauwerk ein reich durch-geführter, in den beiden oberen Geschossen mit trefflicher Schnitz-arbeit gezierter Fachwerksbau gewesen ist.
H. Die Stadt Gardelegen.
Das schon im XI. Jahrh. erwähnte Dorf Gardelegen 2 ) er-wuchs unter dem Schutze einer daneben belegenen Burg wahr-scheinlich gegen das Ende des XII. Jahrh. zu einer Stadt. Alssolche hat sie in den späteren Jahrhunderten des Mittelalters ne-ben den anderen Städten der Altmark ihren Platz behauptet, ohneaber eine so hervorragende Stellung wie Stendal, Tangermündeoder Salzwedel einzunehmen. Die Zahl der alten Baudenkmälerist durch Brand und Kriegsnoth, so wie durch spätere Vernach-lässigung sehr zusammengeschmolzen. Auch sind die wenigennoch vorhandenen Bauwerke durch die mannigfachsten Um- undAnbauten so entstellt, dafs sie keinen künstlerisch befriedigendenEindruck hervorrufen. Nur weil dieselben schätzbare ältere Bruch-stücke bewahren, und daraus Elemente zur besseren Begründungder Baugeschichte der Altmark entnommen werden können, ver-dienen sie eine kurze Erwähnung.
Das im J. 1330 erwähnte Altstädter Rathhaus besteht aus ijzwei rechtwinklig zusammentretenden Gebäuden von je zwei Ge- j|schossen. Der von Norden nach Süden gerichtete Flügel besitztflachbogige Thür- und Fenster-Oeffnungen mit Wappenblenden anden Zwischenpfeilern und ist oberhalb mit später aufgesetztenDachgiebeln in Renaissanceformen etwas reicher ausgebildet. Der |aus zwei unmittelbar mit einander verbundenen Gebäuden beste- j'hende Ost-West-Flügel, welcher wie in Stendal und Tanger- jjmünde unten mit breiten spitzbogigen Oeffnungen (als Laube) ge- ||öffnet war, besitzt oberhalb zwei hart an einander stofsende Stu- |jfengiebel, deren Bildung durch Fig. 5 auf Bl. L nebst den dazu j 1gehörigen Profilen Fig. 11 auf Bl. XLIX veranschaulicht wird. jjDie konsequente Benutzung des tauförmigen Rundstabes um Fen- jister, Spitzbogen- und Wappen-Blenden etc. ist für diese Bau- jjtheile höchst charakteristisch und läfst auf eine spätgothische j!Bauzeit schliefsen, welche durch die an der Ostthür vorhandene jjInschrift: A. Dm. 1509 completum est hoc praetorium, bestätigtwird. Das Steinformat beträgt 10* Zoll, 4| Zoll und 3* Zoll. Einkleines achteckiges Glockenthürmchen vervollständigt die wohl-erhaltene, aber weder in technischer noch ästhetischer Beziehunghervorragende Bauanlage. j
Das 1370 genannte Neustädter Rathhaus ist ein stattlicher 'jdreigeschossiger, mit Giebeln in Renaissanceformen durchgeführ-ter Bau, welcher später erneuert und 1618 vollendet worden ist.Der dazu gehörige isolirt stehende Rathhausthurm mit umlaufender 1Gallerie ist gleichfalls in Renaissanceformen 1585 erbaut worden, j!
I. Pfarrkirche St. Maria.
Vermuthlich ist Markgraf Heinrich, ein jüngerer Sohn Otto I,welcher nach der ihm zum Wohnsitze dienenden Burg, Heinrichvon Gardelegen genannt wurde, der Begründer der Stadt undErbauer der ältesten Pfarrkirche St. Maria gewesen. Diese An-nahme wird sowohl durch die historisch gesicherte Thatsache,dafs die werkthätige Frömmigkeit dieses Markgrafen auch dieBegründung des Domstiftes von Stendal und die Erbauung derPfarrkirche St. Stephan zu Tangermünde veranlafst hat, als auchdurch die ältesten Bauformen der Kirche genügend unterstützt.Urkundlich wird die Kirche erst 1238 genannt 3 ) und mit Altar-stiftungen, Schenkungen etc. 1341 und 1345 begabt. Nach chro-nistischen Mittheilungen soll der hohe Chor von einem Geistli-chen, Magister Petrus, und der Glockenthurm nach einem Brandevon 1470 im J. 1496 erbaut worden sein 4 ). Eine heftige Feuers-brunst, welche die Kirche im J. 1509 schwer beschädigte, ver-anlafste eine Restauration, welche 1513 beendigt wurde. Nach-dem sodann in der Mitte des XVI. Jahrh. einige Anbauten hin-zugefügt worden waren, erfolgte nach einem abermaligen Brande1593, im J. 1658 durch den Einsturz des grofsen Westthurmeseine so schwere Verwüstung der ganzen Kirche, dafs der Thurmvon 1659—1660, die Gewölbe aber erst 1698 erneuert werdenkonnten 5 ).
Die Kirche ist von mittlerer Gröfse und besteht aus einemfünfschiffigen Langhause von vier Jochen, in welches der qua-
X. Propstei und Burg.
Die geringen Reste der uralten Burg, welche aus einem run-den mit 12 Fufs starken Mauern versehenen Granit-Thurme be-
*) Abgebildet noch in Strack a. a. O. Bl. 13, rechts neben der St. Katharinen-Kirche.1 ) Aehnliche Dekorativbildungen finden sich in Mühlberg, Torgau, Perleberg und Star-gard in Pommern aus derselben Zeit.
') Die kunstbefdrdernde vielleicht selbstkünstlerische Thätigkeit dieses Geistlichen istschon bei der Klosterkirche zu Dambeck, ferner bei St. Maria zu Salzwedel hervorgehobenworden. Vergl. die betreffenden Bauwerke S. 53 u. 86.
5 ) Unter dem Namen Gardeleve wird es in dem Güterverzeichnifs des Abtes Sara-cho von Corvey genannt. J. F. Falke Cod. Tradit. Corveicns. p. 41. 42.
3 ) Riedel Mark Brandenburg I, 168 ff.
4 ) Die chronistische Ueberlieferung theilt auch die interessante Thatsache mit, dafsder Baumeister Petrus in Gestalt eines Mefspriesters auf einem Glasgemälde des Cho-res bis zum Jahre 1558 abgebildet gewesen sei.
s ) S. die betr. Nachrichten in Chr. Schultze. Auf- und Abnahme der St. Garde-legcn. 1668. S. 11 ff. und Beckmann a. a. O. Th. V. B. J. Kap. IV. Sp. 9 ff.