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Stellung unter den Schwesterstädten der Altmark behauptet. Ausder uralten Burg, der Alt- und der Neu-Stadt erwachsen, unddurch zwei Vorstädte — den Perwer und den Bockhorn — er-weitert, besafs die umfangreiche und wohlbefestigte Stadt amSchlüsse des Mittelalters drei Pfarrkirchen, drei Klosterkirchenund vier Kapellen, ferner zwei Rathhäuser, die Burg und die mitMauer- und Thorthürmen besetzte Ringmauer. Diese selteneFülle von Bauwerken, welche das Alter, den Reichthum und diepolitische Stellung der mittelalterlichen Stadt so bestimmt be-zeichnete, ist leider im Laufe der beiden letzten Jahrhundertesehr wesentlich verringert worden. Indessen ist doch noch eineso bedeutende Anzahl von kunsthistorisch interessanten Monu-menten vorhanden, dafs nur einzelne für die Baugeschichte derMark Brandenburg besonders wichtige Bauwerke in dieser Samm-lung eingehender mitgetheilt, die übrigen nur kurz charakterisirtwerden konnten.
I. Pfarrkirche St. Lorenz.
Historisches.
Von dieser nahe bei der Burg belegenen kleinen, aber al-ten Pfarrkirche sind urkundliche Nachrichten selten und lücken-haft ‘). Aufser gelegentlich erwähnten Altarstiftungen im J. 1315und 1404 werden nur zwei Brüderschaften, die des heiligen Kreu-zes und St. Jakobs Gilde, genannt, welche die Kirche gottesdienst-lich benutzten. Aber schon zur Reformationszeit war die Kircheaufser Gebrauch, wurde dann nach mannigfach erlittenen Ein-bufsen Jahrhunderte lang als Salzmagazin benutzt und ist erstin der neuesten Zeit der katholischen Gemeinde zu Salzwedelals Pfarrkirche wieder überlassen worden.
Baubeschreibung.
Die auf Bl. XXX in ihren wesentlichsten Theilen dargestellteKirche bestand ursprünglich nur aus dem dreischiffigen Lang-hause, an welches nicht viel später zuerst das Glockenhaus im |Westen und dann der einschiffige platt geschlossene Chor imOsten angebaut wurden * 2 )- Obgleich die ganze Bau-Anlage nur ||fragmentarisch erhalten ist, so gehört dieselbe zu den werthvoll- |Jsten Backsteinbauwerken der Mark Brandenburg. Sie ist daseinzige Beispiel einer in Formen des Uebergangsstyls entwickel-ten gewölbten Basilika und bildet das baugeschichtlich wich-tige Glied zwischen den romanischen gewölbten Basiliken vonDiesdorf und Arendsee mit den altgothischen gewölbten Basili- !jken, deren Reste in St. Maria und St. Katharina zu Salzwedelerhalten sind.
Wie der Grundrifs Fig. 10 und die Durchschnitte Fig. 1 und8 lehren, war das nach dem Struktursysteme einer Basilika ge-staltete Langhaus stets überwölbt. Zwar sind die Seitenschiffelängst abgerissen, aber man erkennt diese Thatsache an der auf |Gewölbebau veranlagten Pfeilerbildung. Weniger leicht ersicht-lich ist das Faktum, dafs die jetzigen Gewölbe des Mittelschiffsnicht mehr die ursprünglichen sind. Indessen sind für diese An-nahme zwingende Gründe vorhanden. Zunächst besitzen die Pro-file der Rippen und Gurtbogen (in Fig. 5 und 11 dargestellt)eine Formation, welche nur in spätgothischen Bauwerken auf- izutreten pflegt 3 ), ferner werden dieselben von aus Stuck herge-stellten menschlichen Köpfen getragen, — eine Anordnung, dieebenfalls erst in der Mitte des XV. Jahrh. in den Marken er-sichtlich wird — endlich sind die Kreuzkappen hochbusig undsehr dünn, nur 5 Zoll stark konstruirt. Da nun das im West-hause befindliche Kreuzgewölbe 10 Zoll stark und flachbusig ge-wölbt ist und auf derben einfach abgespitzten, theils rothen, theils ;
') Vergl. Danneil’s vortreffliche Kirchengesch. von Salzwedel. S. 62 ff. j
2 ) Diese Thatsache läfst sich sowohl aus den entwickelteren Kunstformen des Chores '
und Westhauses gegen die des Schiffes, als auch aus den deulich sichtbaren Ansatzspuren ]beider Bautheile mit völliger Gewifsheit entnehmen. j
3 ) Die Rippen des 1476 hergestellten Sterngewölbes der heil. Geistkapelle zu Berlin '
haben genau dieselben abgekehlten Rippenprotile. ü
schwarz glasirten Rippensteinen ruht, mithin einen wirklichenaltgothischen Charakter besitzt'), endlich der einzige Quergurt-bogen des Mittelschiffs auf den Kapitellen der tragenden Halb-säulen ganz unorganisch aufsetzt, nämlich um mehr als einen Fufshinter der Vorderflucht der Halbsäulen zurückspringt, so wird:i durch alle diese Kennzeichen die oben ausgesprochene Annahmebegründet. Znletzt giebt die merkwürdige Pfeilerbildung desj Schiffes den Ausschlag. Die Pfeiler sind verschieden und zwarabwechselnd so gegliedert, dafs ein Haupt- mit einem Zwischen-pfeiler wechselt; auch ist die Axenentfernung der Hauptpfeilerfast so grofs, als die Axenweite des Mittelschiffs, so dafs nahezuquadratische Hauptjoche im Mittelschiffe entstehen. In diesenEigenthümlichkeiten lassen sich ohne Schwierigkeit Reminiscen-zen des romanischen, an quadrate Theilung des Grundplanes ge-bundenen Gewölbebausystems erkennen und daher ist die Auf-fassung gerechtfertigt, dafs das Langhaus von St. Lorenz seinerPlan- und Pfeilerbildung nach ursprünglich die Herstellung vonquadratischen Kreuzgewölben erstrebte. Man würde sogar dienicht unbegründete Vermuthung aussprechen können, dafs dieZwischenpfeiler besondere Querrippen getragen haben, — wo-nach das Schiff mit sechskappigen Kreuzgewölben überdecktgewesen sein würde 2 ), — wenn nicht die alten eingebundenenSchildbogen mehr auf die Anordnung von oblongen Kreuzge-wölben, deren Form und Stärke durch das eine noch erhalteneij Gewölbe des Westhauses veranschaulicht wird, hinwiesen. In■i jedem Falle sind diese alten oblongen Kreuzgewölbe in Folgeeines Umbaues, der frühestens der Mitte des XV. Jahrh. ange-■ hört, durch die jetzigen Gewölbe ersetzt worden.
Fafst man die Reste des älteren Baues näher ins Auge, so bie-ten dieselben für die Entwickelung des Backsteinbaues nach zweiRichtungen hin interessante Gesichtspunkte. Einerseits erkennt!j man darin das allmählige Auftreten neuer Kunst- und Struktur-formen, andrerseits zeigt sich eine frühe schmuckreiche Durch-bildung aller Details mit schwarz glasirten Backsteinen.
Die Vorliebe für romanische Formen ist in dem Langhausenoch besonders erkennbar, denn in demselben erscheinen alleRundpfeiler, Dreiviertel- und Halbsäulen mit romanischen Basenund trapezschildigen Würfelkapitellen ganz ähnlich ausgebildetwie zu Arendsee und Diesdorf. Die rundbogigen Arkaden sindmit besonderen Rundstabarchivolten eingefafst, welche auch anden kleinen kreisförmigen Oberfenstern auftreten, und das Haupt-gesims besteht aus dem einfachen Bogenfriese mit Stromschich-ten darüber. Vergl. zu den Durchschnitten Fig. 1 und 8 die Dar-stellung der betreffenden Details in Fig. 4, 9 und 11.
Im Westhause und im Chore erscheinen dagegen spitzbo-gige Arkaden, Schildbogen und Fenster, wobei aber die Detail-formen dieser Bautheile mit denen des Langhauses so überein-stimmen, dafs eine völlige Einheit entstanden ist. BesonderesInteresse erwecken die beiden Fenstergruppen in der West- undOstmauer. Jede derselben besteht aus drei spitzbogigen Fen-stern, deren mittelstes höher emporsteigt als die zur Seite bele-genen. Die Gliederung der Fensterprofile ist ganz in romani-scher Weise mit abgestuften Gewänden und Ecksäulchen erfolgt,aber die Fenster selbst sind schmal und schlank gezeichnet unddie Tendenz des Vertikalismus tritt unverkennbar hervor. Dadieselben überdies mit ringförmigen Kämpfer- und Schlufsstei-nen besonders charakterisirt sind, das mittelste sogar durch ei-nen steinernen Mittelpfosten zweitheilig gegliedert ist, so giebtsich diese ganze Formation als eine interessante und eigenthüm-liche Zwischenstufe zwischen den spätromanischen und den alt-
') Da das Westhaus vor der jetzt bewirkten Restauration sehr schwer zugänglich,theilweis sogar vermauert war, so sind bei der Aufnahme einige Fehler gemacht worden,welche erst später nach Vollendung des Stiches entdeckt wurden. Dahin gehört die Stärkedes westlichsten Gewölbes, welche 10 Zoll statt 5 Zoll beträgt, ferner die Thatsache, dafsdie Arkaden dieses Joches mit niedrigen Spitzbogen und nicht mit Rundbogen geschlossensind und dafs das äufsere Westportal mit Rundstäben in den Ecken besetzt, also reichergegliedert ist, als dies die Zeichnungen des Längenschnittes und Grundrisses angeben.
2 ) Vorbilder für dieses System mit sechskappigen Kreuzgewölben liefern: St. Apostelnzu Cöln, der Dom zu Bremen und in nächster Nähe die Liebfrauenkirche zu Magdeburg.