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I. Pfarrkirche St. Martin.
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Diese kleine, aufserhalb der Stadt auf der „alten Stadt“Stelle belegene Pfarrkirche entspricht in Form, Gröfse und Tech-nik den auf Bl. XXIV dargestellten Dorfkirchen bei Jerichow.Ihr Grundrifs stimmt bis auf wenige Fufse mit dem unter Fig. 2mitgetheilten der Kirche zu Redekin völlig überein, nur entbehrtdieselbe des an fast allen Dorfkirchen des Landes Jerichow auf-tretenden oblongen Glockenhauses im Westen. An das mit höl-zerner Balkendecke überspannte Langhaus lehnt sich östlich derkleinere quadrate mit einem kuppelförmigen Kreuzgewölbe über-wölbte Chor und eine halbrunde Apsis. Der ganze Bau ist ausGranitfüllmauerwerk errichtet, innen wie aufsen aber in treffli-cher Technik mit Backsteinen verblendet. Nur am unteren Theileder Chormauern und dem Fundamente der Apsis tritt Feldstein-mauerwerk zu Tage, dagegen ist der obere Theil, so wie dieApsismauer selbst ganz in Backsteinen ausgeführt. Die kleinen,schwach geschmiegten Fenster sind überall rundbogig geschlos-sen. Die in der oberhalb mit Ecklissenen gegliederten Süd- undNordmauer des Schiffes vorhandenen Portale besitzen einfach ab-gestufte, in den Ecken mit Rundstäben besetzte Profile und sindgleichfalls rundbogig geschlossen. Die Kämpfer an den Porta-len sind abgeschrägt, nur die des Triumphbogens mit einem ausKehle und Rundstabe gegliederten Gesimse verziert. Alle diesetechnischen wie ästhetischen Eigenthümlichkeiten lassen keinenZweifel, dafs St. Martins-Kirche zu der mehrfach genanntenGruppe von ältesten Bauwerken der Altmark gehört, welche deneingewanderten Niederländern ihren Ursprung verdanken.
Obgleich die Kirche im Wesentlichen noch vollständig er-halten ist, so erkennt man doch, dafs in altgothischer Zeit einenothdürftige Ergänzung einiger ihrer Bautheile stattgefunden hat.Dies zeigt sich an der gröfstentheils in Granit emporgeführtenWestmauer, welche von schräg gestellten Strebepfeilern flankirtund oben mit einem durch Spitzbogenblenden höchst einfach ge-gliederten Giebel bekrönt wird. Da auch neben dem im Spitz-bogen geschlossenen Hauptportale der Westfront kleinere Strebe-pfeiler emporsteigen und an Nord- wie Südmauer Abbruchsspu-ren sichtbar sind, so ist die Annahme zulässig, dafs diese ganzeWestmauer eine nothdürftige Ergänzung des vielleicht in derschweren Fehde von 1240 zu Grunde gegangenen Glockenhau-ses ist und ca. 1250 hergestellt worden ist.
Ein eigenthümlicher Schmuck der Kirche sind die hochal-terthümlichen, an dem Kreuzgewölbe des Chores in Fragmentenerhaltenen Freskobilder, welche sich auf die Legende des heil.Martin beziehen, auch Darstellungen des Sündenfalls etc. in ziem-lich grofsem Maafsstabe enthalten.
Mit Rücksicht auf die urkundlich gesicherte Existenz derStadt Osterburg um 1151 darf die Bauzeit dieser ältesten Pfarr-kirche St. Martin auf 1150 gestellt werden 1 ).
II. Pfarrkirche St. Nikolaus.
Historisches. j!
Diese zweite Pfarrkirche, welche nach Verlegung der Stadt |an eine andere, den Ueberflutungen der Elbe minder ausgesetzte JStelle nothwendig wurde, soll Graf Heinrich von Osterburg um1170 gestiftet und erbaut haben. Von späteren Nachrichten istnur hervorzuheben, dafs Papst Urban V. im J. 1366 die Pfarr-kirche von Osterburg dem damals sehr reichen Kloster Kreweseinkorporirte 2 ), dafs die Stadtschöffen im J. 1369 einen Altar !nebst geistlichem Lehn in derselben gründeten und dafs die an jder Nordostseite des Chores belegene Kapelle Allerheiligen im J
') Grofse Aehnlichkeit mit St. Martin zu Osterburg besitzt die kleine St. Martins- [Kirche zu Meilsen, welche vor 1170 entstanden sein mufs. Vergl. Puttrich I. Abth. 2. Bd. !lS. 27 ff. Ij
2 ) Riedel a. a. O. XVI, 331. !|
: J. 1484 von dem Bürgermeister Hans Boldemann gestiftet undI erbaut, aber 1614 erneuert wurde. Sonstige Nachrichten fehlen.
Baubeschreibung.
Wie der auffallend unregelmäfsig gestaltete Grundrifs Bl.j XLVI, Fig. 6 lehrt, hat die Kirche in Folge verschiedener Um-| und Erweiterungs-Bauten während des Mittelalters ihre jetzige! Erscheinung empfangen. Ursprünglich stellte dieselbe eine Pfei-lerbasilika mit Westthurm, Querschiff und vermuthlich absiden-artig beendigtem Chore dar. Von diesem ganz aus sorgfältigbehauenen Granitquadern .errichteten Stiftungsbaue sind noch be-trächtliche Bautheile vorhanden, nämlich der oblonge Westthurm,die Schiffs- und Vierungspfeiler und die Untermauern der Nord-und Südquerschiffsfronten.
Die Schiffspfeiler besitzen eine für den Granitbau auffallendreiche Formenbildung, denn es sind quadratische, kreuzförmige,
| runde und achteckige Querschnitte darin vertreten. Obgleich die| Natur des Materials jeder reicheren Gestaltung entschieden wi-| derstrebt, so zeigen gerade die ältesten Granitbauten in den Mar-i ken derartige höchst bemerkenswerthe Versuche, dem spröden| Materiale ein Maximum von Formen abzuringen ’). Da an densichtbaren Theilen des Baues, am Thurme und den alten Quer-schiffsflügeln gleichfalls das trefflichste Bahnenmauerwerk sicht-bar wird, und diese Technik wie jene Pfeilerbildung auch an derebenfalls in Granit erbauten Klosterkirche zu Krewese 1157 er-| scheint, so ist man völlig berechtigt, alle diese Theile als erheb-liche Reste des vom Grafen Heinrich von Osterburg um 1170ausgeführten Stiftungsbaues zu betrachten.
Die romanische Pfeilerbasilika wurde in der zweiten Hälftedes XIV. Jahrh., wahrscheinlich um 1366 in eine spitzbogigeHallenkirche in der Weise verwandelt, dafs die Seitenschiffs-mauern abgebrochen und hinausgerückt und die Schiffspfeilernach der Abtragung der Obermauern um das Doppelte ihrerHöhe erhöht wurden. Dabei wurde das Granitmaterial des al-ten Baues zur Herstellung der Seitenschiffsmauern und Strebe-pfeiler von Neuem verwendet und nur zu den oberen Bauthei-len, Gurtbogen, Fensterprofilen, Wandverzierungen, Strebepfeiler-Abdeckungen etc., Backsteinmaterial benutzt. Wie man das alteMaterial geschont hat, zeigen die alten, sorgfältig aus Granit ge-hauenen, Fig. 4 dargestellten Kämpfersteine, auf denen die späterentheils profilirten, theils abgestuften Gurtbogen ruhen. Die Aufsen-fapaden des Langhauses mit kräftig gegliederten Strebepfeilern be-setzt, von dreitheiligen Spitzbogenfenstern durchbrochen und miteinem glasirten, gekreuzten Stabfriese unter dem Hauptgesimsegeschmückt, zeigen bei trefflicher Technik so gute Gesammtver-hältnisse und eine so edle Detailgliederung, dafs sie als eine her-vorragende Leistung unter den Bauausführungen der kleinerenaltmärkischen Städte bezeichnet werden müssen. Das Inneredes Langhauses macht einen weniger günstigen Eindruck, dennsämmtliche Gewölbe und ein Theil der Gurtbogen aus jener Bau-zeit sind nicht mehr vorhanden.
Die jetzigen, auf schwächlich profilirten Rippen ruhenden,hochbusigen Kreuzgewölbe, welche an den Wänden von schwer-fällig abgerundeten Dienstbündeln Fig. 5 getragen werden, ent-stammen der zweiten Hälfte des XV. Jahrh. Ihre Herstellungscheint einen Umbau eingeleitet zu haben, der längere Zeit ge-dauert hat und mit der beträchtlich erweiterten Choranlage ge-gen den Schlufs des Jahrhunderts vollendet wurde. Die höchstunregelmäfsig gestaltete Choranlage schliefst sich an das Systemdes Chors von Werben mit der geringen Variation an, dafs dieAxen der Nebenchöre nicht parallel mit der Mittelaxe des Haupt-chors laufen, sondern diagonal zu derselben gerichtet wurden.Auch erkennt man an struktiven Kennzeichen deutlich, dafs dieChorpfeiler das Letzte der Bauanlage gewesen sind und ihre höchst
') Ein ähnliches Beispiel solcher verschieden gebildeter Granitpfeiler zeigt auch diein der Mitte des XII. Jahrh. erbaute St. Nikolaus - Kirche zu Loburg. Vergl. den Aufsatzvon Wiggert Histor. Wanderungen durch Kirchen des Reg.-Bez. Magdeburg in Förste-mann Mittheilungen etc. III, 4. S. 102 ff.