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1 (1862) Die Mark Brandenburg : Stadt Brandenburg, die Altmark
Entstehung
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unkünstlerische Verbindung mit den Chormauern nur dadurchentstanden ist, dafs man die noch projektirten zwei östlichen |jChorpfeiler, welche den Altarraum polygon abgrenzen und einen IUmgang der Seitenschiffe herstellen sollten, ganz willkürlich fort-gelassen hat. Diese regellose Strukturbildung, so wie die ge- !'drückten Hauptverhältnisse und eine viel weniger sorgfältige Aus- j ;führung beeinträchtigen die innere Wirkung der Kirche sehr er- j|heblich. Mit Rücksicht auf die Thatsache, dafs die 1484 gestifteteAllerheiligen-Kapelle in ihren älteren Theilen mit dem Chorbauim Verbände aufgemauert ist, darf der Chorbau auf ca. 1480gesetzt werden.

Technisches.

Ein gröfseres Interesse erweckt die Ostfa^ade, welche mit iihren wichtigsten Details durch Fig. 1, 2 und 3 veranschaulicht iwird. Auch hier hat der schon bei der Besprechung der Chor-anlage zu Werben hervorgehobene Grund, die vielen kleinen Po-lygonseiten der drei Chöre in mehrere grofse Polygonseiten zu- jsainmenzuziehen, um dadurch die praktische Herstellung desDachverbandes zu erleichtern, zur Anordnung von dreieckigen jflachen Kappengewölben geführt, welche die Strebepfeiler in den Jeinspringenden Ecken mit den äufsersten Punkten der anstofsen-den Polygonseiten brückenbogenartig verbinden, das Hauptgesims 'tragen und dem Dachverbande ein äufseres Auflager bereiten.Dieses in den Marken sehr selten vorkommende Struktursystem *) Ihat an der Ostfa^ade von Osterburg eine besonders reiche Ausbil-dung erfahren, wie aus der originellen Gestaltung der Strebepfeilerin den einspringenden Ecken Fig. 2 ersehen werden kann. Auch jist die seltene Erscheinung zweier Spitzbogenfenster unter einem !gemeinschaftlichen Rundbogen an der Mittelmauer des Hauptchorsdeshalb von Interesse, weil dadurch am Schlüsse des MittelaltersFormen entstehen, welche an die älteste gothische Epoche erin- |jnern. Von der Gestaltung des einfach kräftigen Hauptgesimsesmit dem darunter angeordneten glasirten Stabfriese giebt Fig. 3 |jeine Darstellung. |

Das Steinformat beträgt am Chorbau 10|11 Zoll, 4~ bis4^ Zoll und 3 3 Zoll, an der in dem Westthurme befindlichen,nachträglich eingesetzten Spitzbogenthür 11^llf Zoll, 5f Zoll 1und 3| Zoll. i

Kunstwerke.

Das einzige aus dem Mittelalter erhaltene Kunstwerk istdas bronzene, pokalförmig gestaltete Taufbecken, welches mitPflanzenornamenten und biblischen Sprüchen in Minuskelschrift ;;reihenförmig umgeben ist. Die untere Inschrift giebt das Datum1446 und nennt den Meister: mester Völker van mundt .

Resultat.

Der Westthurm, die Schiffs- und Vierungspfeiler sind ca.1170, die Langhausmauern und Arkadenbogen ca. 13661370,die Choranlage 14701490 erbaut worden.

E. Die Stadt Seehausen.

Die Gründung dieses ursprünglich als Dorf zu denkenden jOrtes ist nach späteren, aber unverdächtigen Zeugnissen unter |der Regierung Albrechts des Bären, ca. 1151, von niederländi- jsehen Ansiedlern erfolgt 2 ). Bald nach der Gründung hat derOrt, ebenso wie es mit Osterburg geschah, eine Verlegung an !ieine andere, günstiger gelegene Stelle erfahren, wodurch neben Jder bereits bestehenden Pfarrkirche St. Jakob der Bau einer zwei- jten Pfarrkirche St. Peter und Paul nothwendig wurde. Dem-nächst wird Seehausen im J. 1196 urkundlich als Stadt genannt 3 ) j

') In anderen Gegenden Nord-Deutschlands findet sich dasselbe häufiger, besondersin Mecklenburg am Dome zu Schwerin, an der Stiftskirche zu Bützow, an der Kloster- lKirche zu Dargun (hier besonders schön gegliedert), an der Pfarrkirche St. Maria zu Wis- jjmar u. a. A. !

2 ) Vergl. die Note 2 auf S. 38 und Kiedel a. a. O. VI, 338 ff., sowie EccardHistor. etc. II, 697.

3 ) Raumer Reg. 1623. 1

und scheint während des XIII. Jahrli. eine günstige Entwickelunggenommen zu haben. Dies ergiebt sich einerseits durch die An-siedelung des Dominikaner Ordens, welcher 1254 zur Erbauungseiner Klosterkirche St. Cyriakus schritt, andrerseits durch dieUebertragung des Seehausener Stadtrechtes an andere neu be-gründete Städte in der Priegnitz. Während des Mittelalters hatSeehausen unter den Städten der Altmark eine nicht unbedeu-tende Stellung behauptet, deren Einflufs auch in architektonischerBeziehung hervorgetreten sein wird. Leider sind die beiden wich-tigsten Bauwerke, die schöne und grofse gewölbte Klosterkirche *)sowie die älteste Pfarrkirche St. Jakob vollständig untergegangen,so dafs ein sicheres Urtheil über Werth und Bedeutung der mittel-alterlichen Baukunst von Seehausen wesentlich erschwert wird.Die Stadt besitzt jetzt nur noch die Pfarrkirche St. Peter undPaul, die als Magazin benutzte Kapelle St. Spiritus und dasBeuster Thor.

I. Pfarrkirche St. Peter und Paul.

Historisches.

Die Gründungszeit der Kirche ist ebenso unbekannt, wiedie wenigen urkundlichen Nachrichten überaus lückenhaft sind.Die erste Erwähnung fällt in das J. 1337, wo Markgraf Ludwigdie Propstei Seehausen dem in der Nähe belegenen St. Nikolaus-Stifte zu Boyster (jetzt Gr. Beuster) inkorporirte, damit letzte-res in die Stadt verlegt werden könne. Diese Verlegung, vonwelcher auch 1370 nochmals die Rede ist, kam aber nie zuStande. Die baugeschichtlich werthvollste Nachricht ist die, wel-che bei dem Brande der Thurmspitze im J. 1676 in dem Thurm-knopfe gefunden wurde. Dieselbe lautete: Erecta est haec fa-brica Anno 1481 in honorem Petri et Pauli etc. Die mit zweischlanken Thürmen geschmückte Westfront wurde der südlichenThurmspitze im J. 1563 durch einen Orkan beraubt. Die hochherabstürzende Thurmspitze zerstörte das Dach der Kirche voll-ständig, beschädigte aber nicht die Gewölbe. Nachdem die Spitze1580 durch Meister Thomas Schutze aus Magdeburg nothdürf-tig erneuert worden war, traf ein Blitzstrahl 1676 die Kircheund verbrannte beide Spitzen nebst dem Kirchendache 2 ).

Baubeschreibung.

Obgleich die jetzige Erscheinung der mittelgrofsen Pfarr-kirche das Resultat mehrerer Um- und Erweiterungsbauten desMittelalters gewesen ist, so zeigt dennoch der Grundrifs Bl.XLVn,Fig. 2 eine auffallend regelmäfsige Anordnung. Vor der zwei-thürmigen Westfront befindet sich zunächst eine mit drei Kreuz-gewölben überdeckte Bauanlage, welche ursprünglich nur aus ei-ner zweijochigen Kapelle bestand, aber einer nothwendigen Er-weiterung halber später um ein nördlich angebautes Joch ver-gröfsert wurde. Oestlich von der Thurmfront erstreckt sich dasdreischiffige Langhaus in Form einer Hallenkirche und daranschliefst sich die geräumige dreischiffige Choranlage, deren Ne-benchöre platt, der Hauptchor aber polygon (in fünf Seiten desZwölfecks) geschlossen sind. Alle diese Bautheile sind mit Kreuz-gewölben bedeckt und gröfstentheils mit Strebepfeilern und spitz-bogigen Fenstern ausgestattet.

Die ältesten Baureste, welche die Kirche bewahrt, sind die beidenaus glatt behauenen Granitquadern hergestellten östlichen Schiffs-pfeiler, nebstdem darauf ruhenden halbkreisförmigen Triumphbogenzwischen Chor und Schiff, sowie die nach Osten belesenen Unter-theile der Seitenschiffsmauern, welche gleiches Material und die-

') Diese auf dem Stadtprospekte in Merians Topographie S. 93 abgebildete Kirchebestand aus einem dreischiffigen Langhause und einem einschiffigen, polygon geschlosse-nen Chore, war also eine Anlage wie St. Paul zu Brandenburg. Ihr Untergang ist um somehr zu beklagen, als dadurch eins der wichtigsten Glieder für den Nachweis des frühenAuftretens der gothischen Baukunst in den Marken fehlt.

a ) Auf dem Meriansclien Stadtprospekte erscheint die Nordspitze noch wohl erhal-ten und genau so gegliedert wie die Thurmspitze von St. Peter zu Stendal, nämlich alseine sehr schlanke, etwas geschweifte vierseitige Pyramide, die an den Ecken von vier klei-nen Spitzen umgeben wird. Vergl. die gute Abbild, von St. Peter in der Zeitschr. f. Bauw.IX, Bl. 20.

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