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Innere des Thurmes ist nur von der Plattform aus zugänglich. !Der daselbst vorhandene Kaum, welcher mit einem auf Rippenruhenden Kreuzgewölbe bedeckt und mit einer Kamineinrichtung 'versehen ist, besitzt drei in der Mauerdicke belegene, nach aufsen inur schlitzartig geöffnete Schiefsscharten, deren eine den Graben,die zweite die Brücke und die dritte die Stadtseite bestreicht,wie dies aus dem Grundrisse Fig. 3 erkannt werden kann. Un-ter diesem Gemache befindet sich das brunnenartig tiefe, nurvon oben aus zugängliche, völlig lichtlose Verliefs, während einein der Mauerdicke angeordnete Wendeltreppe zum zweiten Ge-schosse emporführt. Auch dieser Raum besitzt einen Kamin !m und ist mit einem trefflich gemauerten Kreuzgewölbe, des-ijp sen Rippenformstein der Holzschnitt darstellt, bedeckt. Dreiflachbogige Oeffnungen führten auf den Umgang, der auf32 sandsteinernen Kragsteinen ruhte und mittelst 16 flachbogi- '!ger Oeffnungen zwischen schlanken Zinnenpfeilern nach aufsenhin geöffnet war. Um dem schmalen Umgänge eine gröfsere jjnutzbare Tiefe zu geben, ist die Umfassungsmauer um 18 Zoll jjzurückgesetzt und mit sechszehn 10 Zoll tiefen flachbogigen !Blendnischen versehen. Das dritte, ebenfalls heizbare Thurm- jgeschofs wird wie das zweite durch eine Wendeltreppe erstie- !gen, ist mit einem gleichen Kreuzgewölbe bedeckt und öffnet sich !nach aufsen durch vier flachbogige Fensterscharten, die nach jden Himmelsrichtungen orientirt sind. In dem vierten (obersten) jStockwerke, welches mit einem fünfkappigen Kreuzgewölbe be- 1deckt ist, sind die gleichmäfsig konstruirten vier Fensterschar-ten so geordnet, dafs ihre Axen in die Mitte der Fensteraxen i.des darunter belegenen Stockwerks fallen, so dafs auf diese Weise j|jede Thurmseite möglichst vollständig gedeckt wurde und die I;vorhandenen Schiefsscharten nach allen Richtungen hin wirken jkonnten. Von dem obersten Stockwerke führt eine Wendel-treppe auf die Plattform, welche ehemals mit einem reich ge- ijgliederten Zinnenkränze umgeben war ') und mittelst grofser,weit ausladender Sandsteinrinnen entwässert werden konnte. Un-zweifelhaft diente die obere Plattform zur Aufstellung von Wurf-maschinen. Noch jetzt sind eine Anzahl grofser, aus Granit ge- j’hauener Wurfgeschosse auf derselben vorhanden 2 ). ■
Mit dieser zweckgemäfsen Anordnung und Einrichtung derBauanlage hält die äufsere Ausstattung und künstlerische Glie-deruno; gleichen Schritt. Das Aufsenthor ist seiner vorgescho-benen, der Zerstörung leichter ausgesetzten Lage halber mit vol-lem Rechte in einfachen Kunstformen hergestellt worden. Gleich-wohl entbehrt dasselbe nicht derselben Wandgliederung mit Blen-den, welche der oblonge Thurm besitzt, ja es hatte sogar einemit Strebepfeilern eingefafste, von einem Wimperg überstiegene ;Spitzbogennische empfangen, welche jedenfalls zur Aufnahme ei-ner Heiligenstatue gedient hat. Bei weitem reicher ist das durch jseine zurückliegende Lage besser gesicherte Innenthor geschmückt |worden. Dunkelgrün glasirte, bald spiral- bald zickzackförmig jgeordnete Ziegelstreifen beleben die glatten Mauerflächen des !Rundthurmes und treten theilweis auch auf die Mauerfläche desInnenthores über, welches überdies durch einen glasirten Thon-plattenfries von medusenartigen Masken (vgl. das Detail Bl. XXXIX,Fig. 8) mit dem Rundthurme ästhetisch verbunden ist. Wappen- .jund Kreisblenden, sowie die kräftig und schön profilirte Zinnen- jwand vollenden die Ausstattung des Innenthors, während dermassive auf Kragsteinen ruhende Umgang und der mit vier tie-fer hinabsteigenden Erkern trefflich gegliederte obere Zinnen- jkranz dem Rundthurme eine ebenso eigenthiimliche wie wir-kungsvolle Gesammtgestaltung leihen. Da die Schönheit der jHauptverhältnisse mit einer ebenso kraftvollen wie maafshalten-
1 ) Der auf Bl. XL dargestellte Zinnenkranz ist nach den noch sichtbaren Spuren und jj
mit Zuhiilfenahme der obengenannten Hülfsmittel restaurirt worden. j
2 ) In älteren Werken über die Mark, z. B. in Merian’s Topographie, finden sich
Mauer- und Thorthürme oft mit Ziegeldächern bedeckt, aber diese Einrichtung ist für das jXV. Jahrh. nicht ursprünglich, sondern gehört zu den Veränderungen, welche die italieni-sche Befestigungskunst im XVI. Jahrh. einführte. Alle solche später erfolgten Konstruk- jtionen sind daher in diesem Werke nicht berücksichtigt, sondern die ursprünglichen Ein- .richtungen, soweit solche mit Sicherheit erkennbar sind, wiederhergestellt worden. !
den Proftlirung der Details verbunden ist und zu beiden Vor-zügen sich eine meisterhafte Technik gesellt, so erreicht dasNeustädter Thor eine der höchsten Stufen unter den Profanbau-ten des Backsteinbaues.
Ein besonderes Interesse erweckt es, das Neustädter Thorzu Tangermünde mit dem Uenglinger Tliore zu Stendal zu ver-gleichen. Vgl. Bl. XL und Bl. XXXVI. Das Letztere stellt einegrofsarti^e, auf einem sehr einfachen Grundmotive beruhendeAnlage dar, welche aber durch eine überreiche Detailgliederungdie Grenze des künstlerisch Schönen überschreitet und dadurchdie Totalwirkung beeinträchtigt. Das Erstere entwickelt dage-gen bei sehr reich gruppirter Grundanlage eine so mäfsige undbescheidene Detaildurchbildung, dafs die Gesammterscheinung denruhigsten und würdigsten Eindruck hervorruft. Von diesem Ge-sichtspunkte aus betrachtet, ergänzen beide Bauwerke einanderund sind als eine Quelle der anregendsten und förderndsten Be-lehrung für die Anwendung des Backsteinbaues zu betrachten.
Leider fehlt es auch bei dem Neustädter Tliore an Nach-richten über die Bauzeit und den Meister. Indessen ergiebt dieschon mehrfach hervorgehobene Thatsache, dafs wenn keine Zie-gelstempel an den Bauten zu Tangermünde Vorkommen, die Bau-ausführung entweder vor 1440 oder nach 1480 fällt, hier densichern Schlufs, dafs das Neustädter Thor, welches nirgends der-artige Stempel besitzt, spätestens im Jahre 1440 erbaut seinmufs ‘). Da überdies eine grofse Anzahl von Formsteinen mitden am Allerheiligen-Kloster verwendeten genau übereinstimmt,wie beispielsweise die Profile der Bogen, der Einfassungen, derVorkragungen, Gurtgesimse, der hier im Holzschnittewiedergegebenen Plinthe, so ist man berechtigt, nichtnur auf eine gleiche Bauzeit, sondern auch auf den-selben Meister zu schliefsen. Höchst wahrscheinlichist daher das Neustädter Thor 1436^1440 von demMeister von Stendal 2 ) erbaut worden.
Technisches.
Die Technik des Materials und die Steinformate sind an demAufsenthore, der Brücke und dem Innenthore sehr verschieden.Die treffliche Ausführung im besten Materiale zeigt das Innen-thor und der nördliche Rundthurm. Das Steinformat an beidenBautheilen beträgt 10} Zoll, 5} Zoll und 3} Zoll. An dem süd-lichen Oblongthurme sind die Steine minder gut, trocken undsandig, etwas kleiner und im Formate 10} Zoll lang, 5} Zoll breitund 3} Zoll dick. An dem Aufsenthore ist das Format wiederverschieden, es beträgt 10} Zoll, 5} Zoll und 3} Zoll.
Resultat.
Das Aufsenthor, die Brücke und der oblonge Thurm amInnenthore sind Reste der alten Befestigungs-Anlage von ca. 1300;das Innenthor und der Rundthurm sind spätere Erweiterungenund Verstärkungen der ersten Anlage, von dem Meister von Sten-dal von 1436 — 40 erbaut..
IX. Das Rathhaus 3 ).
Nach grofsen Stadtbränden im XVII. Jahrh., die das mittenin der Stadt belegene Rathhaus besonders hart betroffen haben,
') Denn die Bauausführung nach 1480 zu setzen, verbieten die edlen Details wie diestrenge Gesammtgestaltung.
2 ) Die Vorliebe für Thonplattenfriese, welche dieser Meister am Dome und Uenglin-ger Thore zu Stendal bekundet, wird auch am Neustädter Thore durch den angeordnetenMaskenfries am Rundthurme und Innenthore sehr bestimmt bezeichnet.
3 ) Das Rathhaus zu Tangermünde ist mehrfach publicirt worden. In Strack undMeyerheim a. a. O. ist auf Blatt 21 eine Perspektive vor der in den vierziger Jahren be-wirkten Restauration mitgcthcilt worden. Eine erschöpfende Darstellung hat der mit der Re-stauration betraute König!. Bau-Inspector Deutschmann in Förster’s Bauzeitung 1850Bl. 322 — 325 gegeben, weshalb von einer abermaligen Darstellung in diesem Werke umso mehr Abstand genommen werden konnte, als das Rathhaus in seinen wichtigsten Struk-tur- und Kunstformen durch eine Hinweisung auf die ausführliche Darstellung der St. Ka-tharinenkirche zu Brandenburg Bl. XI — XIV genügend charakterisirt werden kann.