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1 (1862) Die Mark Brandenburg : Stadt Brandenburg, die Altmark
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wohl minder erfolgreich gewesen, wenn nicht der thatkräftigeund rechtskundige Markgraf Albrecht der Bär bei der Koloni-sation des Landes stets hilfreiche Hand geleistet hätte. Schonim Jahre 1143 hatte Markgraf Albrecht in Gemeinschaft mitHerzog Heinrich dem Löwen die Rechte der holländischen Ko-lonisten, welche zu Santou bei Bremen angesiedelt wurden, fest-setzen helfen und gleiche Aufforderung richtete der in Bremennunmehr zur erzbischöflichen Würde gelangte Hartwig von Stadei. J. 1149 an ihn, um die durch ihn begründete Kolonie zu Stademit gleichen Rechten auszustatten 1 ). Wahrscheinlich waren nachdem beendigten Kreuzzuge des J. 1147 und im Laufe der J.1148 und 1149 die holländischen Kolonisten in gröfserer Zahleingewandert und hatten sich in der Umgegend von Seehausenund Jerichow niedergelassen 2 ), so dafs Albreehts wie AnselmsWirksamkeit in den genannten Jahren wesentlich von der sichentfaltenden Kolonisation in Anspruch genommen wurde. FürBischof Anselm bot sich aber eine besondere Veranlassung, dieKenntnisse und Erfahrungen der Niederländer in Anspruch zunehmen, nachdem der Konvent von Jerichow den Wunsch zuerkennen gegeben hatte, dafs das Kloster an eine andere pafs-licliere Stelle verlegt werden möchte. Welche direkte Veranlas-sung diesem Anträge zu Grunde lag, ist nirgends angegeben,doch läfst sich vermuthen, dafs häufige Ueberschwemmungender damals noch nicht eingedeichten Elbe, so wie der Wunsch,eine den reichen Mitteln des Stiftes entsprechende Klosterkirchean Stelle der kleinen Pfarrkirche zu erbauen, als Motiv geltendgemacht wurden. Anselm war einverstanden und ermöglichtedie Verlegung des Klosters durch die Theilnahme zweier Edlenvon Jerichow, welche als Ministeriale des Erzbischofs von Mag-deburg, mit Genehmigung dieses Kirchenfürsten, den Neubau desKlosters auf ihrem Gebiet bewilligten und so hilfreiche Handleisteten, dafs ihnen Markgraf Otto I. zur Vergütigung einesTheiles der zum Bau verwendeten Kosten die Schutzherrlichkeitüber das Kloster 1172 für immer abtrat. Dieser Neubau derKlosterkirche, welcher spätestens im Jahre 1149 begann, erfolgtenach einem für die damaligen Verhältnisse der Mark sehr grofs-artigen Plane und wurde ganz in Backsteinen ausgeführt. Dafsdiese in den Marken zum ersten Male auftretende Technik nurden eingewanderten Niederländern zugeschrieben werden kannund nicht als eine Uebertragung aus Ober-Italien betrachtetwerden darf, dürfte aus der eben erfolgten Darlegung aller dabeiin Frage kommenden persönlichen wie sachlichen Beziehungenüberzeugend erwiesen sein. Ueberdies findet sich eine wesent-liehe Bestätigung dieser Ansicht in dem berühmten SchutzbriefeKönig Conrads, welcher zu Wirzburg 1150 ausgestellt, der bi-schöflichen Kirche zu Havelberg grofse Vorrechte verlieh. Esheifst in demselben, dafs der König die von Kaiser Otto ge-gründete Havelberger Kirche in seinen Schutz nehmen und demtreuen und standhaft frommen Diener Anselm, welcher an demWiederaufbau und der Herstellung der chi'istlichen Kirche zuHavelberg mit grofsem Eifer arbeite, bei dieser Sorge für dieHerstellung des Bisthums möglichst unterstützen wolle.

Aus diesem Grunde fühle er sich veranlafst, das gedachteBisthum durch eine königliche Bestätigung seiner Güter und Ein-künfte zu versichern. Weil aber die Burgfesten und Dorfschaften,welche dem Bisthume angehörig, durch häufige Einfälle der Wen-den so verwüstet und verfallen, dafs sie fast ganz von Bewoh-nern entblöfst seien, so solle der Bischof das Recht haben, ohneirgend einen Widerstand zu leiden, Kolonisten darin einzu-führen, aus welchem Volksstamme er wolle oder könneund diese Kolonisten sollten ihm und seiner Kircheganz angehören, untertliänig und dienstbar sein undvon keinem Herzoge, Markgrafen, Grafen oder Vicegrafen oder

von andern weltlichen Gewalthabern zu Abgaben und sonstigenLeistungen gezwungen werden *). Aus dieser Urkunde gehenunzweifelhaft die beiden Thatsachen hervor, dafs einmal die Ko-lonisation bereits eingeleitet war und andrerseits der BischofAnselm als der Hauptveranlasser und Beförderer dieses Unter-nehmens, so weit dasselbe das Bisthum Havelberg betrifft, zubetrachten ist.

Einen ähnlichen Schutzbrief empfing die bischöfliche KircheAnselms im darauf folgenden Jahre 1151 durch den MarkgrafenAlbrecht den Bären und dessen Sohn Otto I., worin diese Für-sten unter Anerkennung der vom König Conrad ertheilten Vor-rechte ihrer eigenen Rechte entsagten und aufserdem die Be-sitzungen des Bisthums durch neue Schenkungen vermehrten.Anselms Thätigkeit war in den nächsten Jahren ganz der Ent-wickelung der kirchlichen Verhältnisse seiner Diöces gewidmet,wovon seine höchst interessante Korrespondenz mit Abt Wibaldvon Corvey mannigfaches Zeugnifs ablegt 2 ) Doch ist von einerbesonderen Einwirkung auf den Neubau oder Förderung des Klo-sters Jerichow weder in chronistischen Aufzeichnungen, nochUrkunden, noch jenen eigenen Briefen specielleres erwähnt. Auchführte König Conrads Tod 1152 den Bischof sofort wieder anden Hof, wo es ihm in kurzer Zeit gelang sich des neuen Kö-nigs (Friedrich Barbarossa) Gunst zu erwerben und mit kirch-lichen wie diplomatischen Sendungen beauftragt, bald eine treueStütze dieses Königs zu werden. So ging Anselm 1153 nachConstantinopel, 1154 nach Rom, und wurde endlich durch Fried-richs Einflufs 1155 zum Erzbischof von Ravenna erhoben, inwelcher Würde er 1158 starb. Obschon mit der Abreise An-selms im J. 1152 von Havelberg seine direkte Wirksamkeit auf-hörte, so blieb die erneute, kräftige und segensreiche Einführungdes Christenthums in die überelbische Mark sein unvergäncli-dies Denkmal, dem sich die beförderte Kolonisation und dieübertragene Kultur in bescheidener, aber nicht zu übersehenderWeise anreiht.

Inzwischen war der Bau des Klosters Jerichow so fortge-schritten, dafs Papst Adrian IV. 1159 dasselbe in seinen Schutznehmen und in allen Rechten und Gütern bestätigen konnte 3 ).Wahrscheinlich ist diese Urkunde nachgesucht und bewilligt wor-den, nachdem der Kirchenbau zum Abschlufs gekommen war.Auch ist dieselbe insofern wichtig, als daraus hervorgeht, dafsin den Dörfern, welche zum Kloster gehörten wie Nizekendorp(auch Gardekin, jetzt Redekin genannt) Wulkow, Klietz etc. nochkeine Kirche erwähnt wird, so dafs in jenem Jahr nur die neueKlosterkirche und die ältere Pfarrkirche zu Jerichow dem Got-tesdienste übergeben waren.

Die weitere Entwickelung der kirchlichen, politischen undökonomischen Verhältnisse des Klosters Jerichow specieller zuverfolgen, sind wir nicht im Stande, da der gröfste Theil derStifts-Urkunden verloren gegangen ist. Nur aus dem Jahre 1172ist noch die wichtige Urkunde 4 ) vorhanden, in welcher Erzbi-schof Wichmann v. Magdeburg das Stift nochmals bestätigt, dieBesitzungen desselben mit ihren Grenzen bezeichnet und in einerkurzen Rekapitulation die eigenthümlichen Verhältnisse des Klo-sters von seiner Gründung an darstellt. Unter den hinzugekom-menen Besitzungen wird darin auch die Pfarrkirche des DorfesWulkow genannt, welche also bereits von Seiten des Konventszwischen 1159 u. 72 erbaut worden war. Die fernere Thätig-keit des Stiftes zur Cultivirung seines Landbesitzes, zur Orga-nisirung von Pfarreien, Erbauung von Kirchen läfst sich nichturkundlich belegen, sondern darf nur aus dem baugeschichtlichenZusammenhänge der Baudenkmale in der Altmark mit grofserWahrscheinlichkeit geschlossen werden, wobei die wichtigste

') v. Wersebe a. a. O. I, 58.

a ) Es mufs hervorgehoben werden, dafs der Ort, welcher 1142 bei Bremen kolonisirtwird, Santou heifst und die erste dort gestiftete Kirche im Dorfe Seehausen erbaut wird.Beide Ortsnamen finden sich in der Altmark, Seehausen an der Wische auf dem linken,und Sandow auf dem rechten Elbufer und beide Orte verdanken, der erstere sicher,der letztere höchst wahrscheinlich den Niederländern ihre erste Begründung.

*) Wörtlich nach Riedels vortrefflicher Einleitung zum Bisthum Havelberg in Cod.diplom. II. 382 ff., die Urkunde daselbst S. 438439

2 ) In diese Zeit fällt der bei Riedel a. a. O. III, S. 82 abgedruckte Brief, welcherdie Lage des Bisthums und Anselms Aufenthalt zu Havelberg so trefflich schildert, und auswelchem auf S.4 unter Baugeschichte der Stadt Brandenburg ein Excerpt gegeben ist.

3 ) Riedel, a. a. 0. III. S. 83.

4 ) Riedel, a. a. 0. III. S. 336 ff.